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Im Wirbelsturm der Gefühle

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1. KAPITEL

Tee, wunderbarer Tee. Ein Reigen der schönsten Teesorten aus der ganzen Welt.

Es gibt keine bessere Art, Trübsal zu vertreiben, als eine dampfende Tasse Tee. Zwei Stück Zucker, viel Milch. Weiße Porzellanbecher. Eine Mischung aus kenianischem und indischem Tee. Kochen Sie gleich eine Kanne, denn eine Tasse ist nie genug.

Aus Flynns Enzyklopädie des Tees

Dienstag

„Ladys, bitte nicht alle durcheinanderreden. Ja, ich weiß, dass er sich völlig inakzeptabel verhalten hat, aber so sind nun mal die Regeln. Was im Bake & Bitch Club geschieht …?“

Dee Flynn hob ihre rechte Hand und gestikulierte damit wie ein Dirigent in Richtung der Frauen, die sich an den Stehtischen rund um das Kuchenbüfett versammelt hatten.

Die Frauen stellten ihre Teetassen ab, warfen sich verstohlene Blicke zu, zuckten schließlich die Achseln und hoben die rechte Hand.

„Bleibt im Bake & Bitch Club“, kam die vielstimmige Antwort, ehe die Gruppe in herzhaftes Gelächter ausbrach.

„Also gut, ich darf es vielleicht nicht petzen, aber ich kann immer noch nicht fassen, dass dieser Fälscher tatsächlich versucht hat, diesen Biskuitkuchen als seine eigene Kreation auszugeben“, ätzte Gloria, während sie sich eine weitere Tasse Darjeeling einschenkte und ein selbst gebackenes Haselnuss-Biscotti hineintunkte. „Jede Frau beim Kuchenverkauf der Grundschule wusste, dass es ­Lotties dreistöckige Engelstorte war. Der Guss ist absolut einzigartig. Nach unseren vergeblichen Bemühungen letzte Woche wissen wir alle, wie schwer er herzustellen ist.“

„Hey! Geh nicht so hart mit dir ins Gericht“, entgegnete ­­Lottie. „Das ist eins meiner besten Rezepte, und Biskuitteig ist nie leicht. Aber lassen wir das jetzt. Wir haben nur noch fünf Minuten, bis eure Kuchen aus dem Ofen kommen, also gerade noch genug Zeit, dass ihr mein neuestes Februarrezept probieren könnt. Das ist der Kuchen, den ich nächste Woche präsentieren werde.“

­Lottie Rosemount wartete darauf, dass die anderen Frauen aufhörten zu reden und ihren Blick auf die Kuchenplatte richteten, von der sie daraufhin schwungvoll die silberne Glocke nahm. Ein bewunderndes Keuchen war die Reaktion.

„Ganz unterschiedliche Cupcakes. Dunkle Schokolade oder Himbeeren mit weißen Schokoladenherzen. Gerade rechtzeitig für den Valentinstag. Was haltet ihr davon?“

„Davon halten?“ Dee hustete und nahm einen großen Schluck Tee. „Ich male mir gerade mit Schrecken aus, dass ich nur eine Woche habe, um die richtige Teemischung zu finden, die zu Schokolade und Himbeeren passt.“

„Tee? Machst du Witze?“, quiekte Gloria. „Zur Hölle, nein. Diese Cupcakes sind zu schade, um am Küchentisch mit Tee hinuntergespült zu werden. Keine Chance. Das sind Schlafzimmer-Dessertkuchen. Wenn ich Glück habe, schaffe ich es, einen halben von ihnen zu essen, ehe mein Valentinstag-Date richtig zur Sache kommt – wenn ihr versteht, was ich meine, Mädels. Himmel, ich muss unbedingt sofort einen probieren.“

Gekicher schallte durch den Raum. Auch Dee musste lachen. Doch als sie ihre Tasse, in der sich ein besonders wohlduftender Granatapfeltee befand, abstellte, hörte sie den charakteristischen Klang der antiken Türglocke am Eingang zum Teesalon.

­Lottie, die gerade ihre Cupcakes servierte, schaute überrascht auf. „Wer kann das sein? Wir haben doch schon seit Stunden geschlossen.“

„Bleib sitzen, ich geh schon. Aber heb mir einen dieser Cupcakes auf, ja? Man weiß ja nie – ich könnte Glück haben und noch vor dem Valentinstag taucht völlig unvermittelt ein neuer Mann auf. Wunder geschehen immer wieder.“

Dee verließ die Küche und war mit drei langen Schritten im Teesalon. Sie knipste die Lampe an, worauf die pistaziengrünen und mokkabraunen Wände in warmes Licht getaucht wurden.

­Lotties Kuchenladen und Teesalon hatte erst vor ein paar Monaten eröffnet. Bislang war Dee es noch nicht leid, einfach nur zwischen den quadratischen Holztischen und den bequemen Stühlen hindurchzuschlendern und sich dabei daran zu erinnern, dass dies nun ihr Laden war. Nun, ­Lotties und Dees Laden. Sie hatten beide jeweils die Hälfte des Kapitals hineingesteckt, um ihr Geschäft zu gründen. Und als Partnerinnen teilten sie sich alles: Tee und Kuchen. Beide arbeiteten sie in dem, was sie am meisten liebten. Beide waren sie gewillt, alles in diese verrückte Idee zu investieren und dabei auch das Risiko einzugehen, dass es nicht funktionierte.

Ein großes Risiko.

Dee erschauerte. Der Teesalon musste einfach erfolgreich werden. Nur so konnte sie hoffen, irgendwann als selbstständige Teehändlerin zu arbeiten. Dies hier war ihre letzte Chance – ihre einzige Chance – sich selbst und ihren Eltern, die sich bereits im Ruhestand befanden, eine sichere finanzielle Zukunft zu ermöglichen.

Plötzlich wurde das Klingeln von einem lauten Hämmern ersetzt. „Hallo? Ist da jemand?“, hörte Dee eine tiefe männliche Stimme von der Straße her rufen.

Was für eine Frechheit! Es war beinahe neun Uhr abends. Der Mann musste schon sehr verzweifelt sein. Außerdem regnete es in Strömen.

Da sie ihr halbes Leben lang gereist war, fürchtete sich Dee nicht vor einem Fremden, der spät abends an ihre Tür klopfte. Deshalb hob sie das Kinn, ging raschen Schritts auf die Tür zu, drehte den Schlüssel herum und zog die Tür mit Schwung auf.

Mit ein bisschen zu viel Schwung, wie sich herausstellte.

Ab diesem Moment schien sich alles in Zeitlupe abzuspielen.

Denn als sie die Tür aufstieß, hatte der sehr große Mann gerade den Arm erhoben, um erneut anzuklopfen.

Offensichtlich konnte er die Vorwärtsbewegung nicht mehr abfangen, denn er steuerte direkt auf Dee zu, die automatisch einen Schritt zurückgewichen war, um zu sehen, wer da so laut gegen die Tür hämmerte.

Ein Paar äußerst überraschter grau-blauer Augen weitete sich, während er auf sie zutaumelte und von dem hellen Licht im Inneren des Teesalons geblendet wurde.

Was als nächstes geschah, war einzig und allein Dees Schuld. Alles.

Mit einem Mal sah sie sich mit Anwälten konfrontiert, die sie wegen gebrochener Nasen oder verstauchter Handgelenke verklagten. Oder noch Schlimmeres.

Deshalb tat sie das Einzige, was ihr in dieser Situation einfiel.

Sie riss ihm die Beine unter den Füßen weg.

Es schien die einzig vernünftige Entscheidung.

Dee packte seinen Arm, schob die Hüfte vor und wirbelte den Mann über ihre Schulter, sodass er sanft auf dem Boden landete.

Es war ein verdammt guter Judo-Wurf, der seinen Sturz stoppte und gleichzeitig sein Gewicht auffing. Perfekt!

Ihr alter Martial-Arts-Trainer wäre stolz auf sie gewesen.

Dumm nur, dass zwei der Knöpfe seines schicken Cashmere-Mantels absprangen und quer über den Boden unter einen Tisch rollten. Doch das war es wert gewesen. Anstatt den Knöpfen hinterherzujagen, blieb ihr Besucher auf dem Boden liegen. Er schien sich nichts getan zu haben.

Dee ließ langsam den nassen Ärmel seines Mantels los, worauf sein Arm auf seine Knie sank.

Sie schloss die Eingangstür und ging dann in die Hocke, damit sie etwa auf Augenhöhe mit ihrem Gast war und ihn genau anschauen konnte.

Und wie sie ihn anschaute.

Oh, mein Gott. Seine grau-blauen Augen waren nicht das einzig Bemerkenswerte an ihm. Er hatte kurze, dunkelbraune Haare, die sich über seinen Ohren lockten. Sein Gesicht hätte einem Renaissance-Gemälde entsprungen sein können: Dunkle Schatten und markante Wangenknochen zeichneten es aus.

Verflixt! Sie hatte gerade den attraktivsten Mann aufs Kreuz gelegt, der ihr seit Langem über den Weg gelaufen war, und das schloss die Jungs vom Fitnessstudio gegenüber ein, die sich vor dem Training bei ihr mit einer ordentlichen Menge Kohlenhydrate versorgten.

Männer wie dieser Fremde klopften normalerweise nicht an ihre Tür … niemals. Vielleicht hatte sie ja tatsächlich einmal Glück.

Aber was machte er hier? Und wer war er?

Warum fragte sie ihn nicht einfach und fand es heraus?

„Hallo“, sagte sie, blickte in sein Gesicht und befahl ihren Hormonen, sich zu beruhigen. „Tut mir leid, aber ich hatte Angst, Sie könnten sich verletzen, als Sie in den Laden gestürzt sind. Wie geht es Ihnen da unten?“

Wie es ihm ging?

Sean Beresford stützte sich auf einen Ellbogen und nahm sich ein paar Sekunden, um sich zu sammeln und seine Umgebung in Augenschein zu nehmen. Er schien sich in einem schicken Café oder Bistro zu befinden, auch wenn das schwer zu sagen war, weil er auf dem Fußboden lag.

Wenn er geradeaus schaute, sah er eine Kuchentheke, Teekannen und eine schwarze Tafel, die ihm sagte, dass das Tagesangebot eine Lauch-Käse-Quiche war, gefolgt von einem Brownie aus dunkler Schokolade und so viel Assam-Tee, wie man nur trinken konnte.

Sean starrte die Tafel an und lachte leise.

Der Tag wurde wirklich immer verrückter.

Er hatte in Melbourne begonnen, was ihm mittlerweile wie Ewigkeiten vorkam. Von dort hatte er einen endlos langen Flug genommen, währenddessen er vielleicht drei oder vier Stunden geschlafen hatte, nur um dann in Heathrow festzustellen, dass sein Gepäck nicht mitgekommen war.

Sean brachte sich in eine sitzende Position, indem er sich an einer Stuhllehne festhielt und aufrichtete. Dann atmete er langsam aus und hob den Kopf.

Und starrte in die grünsten Augen, die er je gesehen hatte.

So grün, dass sie das schmale Gesicht, das von kurzem dunklem Haar eingefasst war, völlig dominierten.

Die Frau hatte makellose Haut und einen Mund, der oft zu lächeln schien, denn sie hatte Lachfältchen um die Mundwinkel, obwohl sie nicht älter als fünfundzwanzig sein konnte.

Was zur Hölle war gerade passiert?

Er streckte seine Beine aus. Nichts gebrochen oder verstaucht. Das war eine Überraschung.

„Kann ich Ihnen etwas bringen?“, fragte die Brünette leichthin. „Eine Decke? Einen Drink?“

Sean seufzte laut und schüttelte den Kopf. Er musste völlig lächerlich aussehen.

Nur gut, dass die Hotelangestellten, die darauf hofften, dass er das Chaos, das ihn bei seiner Ankunft erwartet hatte, lösen würde, jetzt nicht sehen konnten.

Wahrscheinlich würden sie es sich noch mal gut überlegen, ob sie dem Sohn von Tom Beresford vertrauen sollten.

„Nicht im Moment, danke“, murmelte er.

Er zog die Augenbrauen zusammen, worauf sie sich vorbeugte und eine Hand auf seine Stirn legte. Besorgt betrachtete sie ihn.

Ihre Finger waren warm und sanft. Der unerwartete Körperkontakt war so überraschend, dass Sean der Atem stockte.

Ihre Stimme klang noch wärmer. Sie hatte einen markanten Akzent, der ihm sagte, dass sie viel Zeit in Asien verbracht hatte.

„Sie scheinen kein Fieber zu haben, aber draußen ist es kalt. Machen Sie sich keine Sorgen. Sie werden sich schnell auf­wärmen.“

Wenn er jetzt noch kein Fieber hatte, so würde er es schnell bekommen – zumindest angesichts des Dekolletés, das die Frau ihm präsentierte, als sie sich näher zum ihm vorbeugte.

Ihre Brust war nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt, weshalb er sich ein wenig zurücklehnte, um den Blick ungehindert genießen zu können. Sie trug einen dieser merkwürdig aufreizenden Pullover, die seine Schwester Annika auch so liebte. Nur dass Annika immer ein T-Shirt darunter trug, das ihre Blöße bedeckte, wenn der Pullover über eine Schulter nach unten rutschte.

Diese Frau trug kein T-Shirt. Ein knapper, violetter Spitzen-BH war alles, was ihre großzügigen Reize bedeckte.

Es war schon eine ganze Weile her, dass er das letzte Mal einer Frau mit derart fantastischer Figur nahe gewesen war, deshalb dauerte es einen Moment, bis sein Verstand sich wieder einschaltete. Er richtete seinen Blick nach oben.

„Netter Pulli“, bemerkte er mit einem Grinsen. „Vielleicht ein bisschen kalt für diese Jahreszeit.“

„Oh, gefällt er Ihnen?“ Sie lächelte. Doch als sie den Blick senkte, schnappte sie nach Luft. Hastig rückte sie den Pullover zurecht, ehe sie ihn aus zusammengekniffenen Augen anschaute. Es war ganz offensichtlich, dass es ihr gar nicht behagte, was er da gesehen hatte, während sie seine Stirn befühlte.

„Ganz schön frech“, rügte sie. „Benehmen Sie sich in der Öffentlichkeit immer so? Dann überrascht es mich, dass man Sie unbeaufsichtigt vor die Tür lässt.“

Sean lachte kurz laut auf. Nach sechzehn Jahren im Hotelbusiness hatte man ihm schon so einiges nachgesagt, aber noch nie, dass er frech sei.

Der jüngste Sohn des Gründers der Beresford-Hotelkette tat nichts, was man auch nur ansatzweise als „frech“ bezeichnen könnte.

Dies war mit Sicherheit ein Novum. In mehr als einer Hinsicht.

„Haben Sie mich gerade flachgelegt?“, fragte er leise und sah zu, wie sie mit einer geschmeidigen Bewegung aufstand und sich an den nächsten Tisch lehnte. Sie trug bunte Leggings, die sich an Beine schmiegten, die lang und schlank und endlos wirkten.

„Ich?“ Sie presste eine Hand auf die Brust und schüttelte den Kopf. „Ganz und gar nicht. Ich habe verhindert, dass Sie wie ein gefällter Baum zu Boden stürzen und sich die hübsche Nase aufschlagen. Sie sollten mir danken. Es hätte ein schlimmer Sturz werden können, so wie Sie in den Raum getaumelt sind. Heute scheint Ihr Glückstag zu sein.“

„Na, herzlichen Dank“, entgegnete er. Offensichtlich hatte er eine hübsche Nase.

„Gern geschehen“, versetzte sie zuckersüß. „Ich habe nicht oft die Gelegenheit, meine Judo-Künste anzuwenden, aber manchmal sind sie wirklich praktisch.“

„Judo. Natürlich. Darauf möchte ich wetten“, erwiderte Sean und schaute sich in dem Raum um. „Was ist das hier?“

„Unser Teesalon“, antwortete sie und blickte ihn an. „Aber das wussten Sie doch wohl schon, bevor Sie an unsere Tür gehämmert haben.“ Sie deutete auf den Eingang. „Der Laden ist geschlossen. Kein Kuchen. Kein Tee. Falls Sie also erwarten, etwas zu Essen zu bekommen, muss ich Sie enttäuschen.“

„Bitte bemühen Sie sich nicht. Tee und Kuchen sind das Letzte, wonach ich suche, das kann ich Ihnen versichern.“

„Warum hämmern Sie dann um neun Uhr abends an die Tür? Ganz offensichtlich gibt es doch einen Grund, weshalb Sie hier sind. Wollen Sie den ganzen Abend auf dem Boden sitzen und mich auf die Folter spannen?“

Sean griff in die Innentasche seines Jacketts und überprüfte noch einmal die Adresse auf dem fliederfarbenen Briefbogen, den er in einem Umschlag mit der Aufschrift „D. S. Flynn Kontaktdaten“ gefunden hatte, der in der Mappe mit den Buchungen lag.

Nun, er war ganz sicher in der richtigen Straße, und laut dem Navi in seinem Smartphone befand er sich innerhalb eines Radius von drei Metern von der Adresse, die der seltsame Kunde angegeben hatte, der einen Konferenzraum im Hotel gebucht und bezahlt hatte, ohne eine Telefonnummer oder E-Mail-Adresse anzugeben. Was nicht nur umständlich war, sondern geradezu ärgerlich.

„Ich muss schnell jemanden finden“, erklärte er.

Sean wedelte mit dem Briefbogen durch die Luft und merkte dabei an der Art, wie die Unbekannte das Kinn vorschob, dass sie den Brief erkannte, doch sie überspielte es schnell mit einem fragenden Blick. Dennoch klang ihre Stimme leicht besorgt.

„Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen, wenn Sie mir sagen, wen Sie suchen“, entgegnete sie.

Sean schaute ihr ins Gesicht und entschied, dass es an der Zeit war, die Sache über die Bühne zu bringen, damit er endlich in das Penthouse-Apartment zurückkehren und auf dem Bett kollabieren konnte.

Also stand er mit einem Ruck auf und glättete seinen Mantel und seine Hose. Daher sprach er mehr mit dem Boden als mit der Frau, die ihn so genau beobachtete.

„Das will ich hoffen. Lebt hier ein Mr D. S. Flynn? Falls ja, muss ich ihn wirklich dringend sprechen. Je eher desto besser.“

2. KAPITEL

Tee, wunderbarer Tee. Ein Reigen der schönsten Teesorten aus der ganzen Welt.

„Eine Frau ist wie ein Teebeutel: Du weißt nie, wie stark er ist, bis er sich in heißem Wasser befindet.“ Eleanor ­Roosevelt.

Aus Flynns Enzyklopädie des Tees

„Wie war der Name?“, fragte Dee mit zitternder Stimme, während sie sich an der Kuchentheke festklammerte. „Mr Deesasflin? Habe ich das richtig verstanden? Klingt wie eine Wundsalbe. Sehr ungewöhnlich.“

Ihr später Besucher seufzte hörbar, ließ seine Kleider los und richtete sich auf. Er war verdammt groß. Sicher über eins­neunzig.

In seiner Hand hielt er den Umschlag, den sie dem Hotelmanager bei ihrem ersten Besuch des schicken Boutiquehotels übergeben hatte, in dem sie ausloten wollte, welche Konferenz- und Tagungsmöglichkeiten zur Verfügung standen.

Sie waren alles so genau durchgegangen und hatten die Zahlen zweimal überprüft, ehe Dee im Oktober die Anzahlung für den Konferenzraum geleistet hatte.

Also warum hielt dieser Mann, dieser Fremde, nun ihren Umschlag in der Hand?

Oh, nein, stöhnte sie innerlich. Bitte, lieber Gott, lass mit dem Teefestival alles nach Plan verlaufen … bitte, bitte, bitte! Sie hatte bei der Tee- und Handelsorganisation ihren Ruf und ihre zukünftige Karriere aufs Spiel gesetzt, um das Teefestival organisieren zu können. Und sie hatte ihre letzten Ersparnisse benutzt. Mit dem Veranstaltungsort musste alles in Ordnung sein, sonst wäre sie völlig aufgeschmissen.

„Flynn. D. S.“, korrigierte er sie ungeduldig, wobei er die Silben betont korrekt aussprach. „Dieser Brief war alles, was ich im Buchungssystem gefunden habe. Keinen vollständigen Namen, keine Telefonnummer und auch keine E-Mail-Adresse. Nur eine Anschrift, einen Nachnamen und zwei Initialen.“

Was? Alles, was er finden konnte?

Großartig. Nun, das beantwortete zumindest eine Frage: Er kam vom Hotel.

Das einzig Gute war, dass er seinen Kunden für einen Mann hielt. In seinen Augen war sie lediglich eine Verkäuferin in einem Kuchenladen. Vielleicht konnte sie den Schein noch ein bisschen länger wahren und mehr herausfinden, ehe sie ihre wahre Identität enthüllte.

„Sie scheinen auf diesen Mr Flynn nicht besonders gut zu sprechen zu sein.“ Dee lächelte, weil sie so tun wollte, als sei sie eine völlig unbeteiligte Außenstehende. „Sonst würden Sie nicht extra an einem regnerischen Februarabend hierher kommen, um ihn ausfindig zu machen.“

Alles an ihrem Besucher sah nach einem seriösen Geschäftsmann aus – der entschlossene Gesichtsausdruck, der äußerst formell wirkende Designer-Anzug und der schicke Haarschnitt.

Ja, er wirkte genauso seriös wie die Finanzleute, die sich alle Mühe gegeben hatten, ihr Selbstvertrauen zu zerstören und sie davon zu überzeugen, dass ihr Traum eine hoffnungslose Spinnerei war. Trotz ihres brillanten Business-Plans, an dem sie mehrere Wochen gearbeitet hatte, und trotz ihrer hervorragenden Kontakte in der Teebranche war sie immer wieder abgelehnt worden.

Die Botschaft war jedes Mal dieselbe: In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation sah man es nicht als rentabel an, einen weiteren Tee-Import zu gründen.

War es da ein Wunder, dass sie sich ein halbes Bein ausgerissen hatte, um das Teefestival zu organisieren und dabei ihren Import-Handel zu eröffnen?

­Lottie war ihre Retterin gewesen. Sie hatte ein paar Strippen gezogen, sodass die Privatbank, bei der ihre Eltern Kunden waren, davon erfuhr, dass es sich bei dem Teesalon um ein gemeinschaftliches Geschäft handelte zwischen der zauberhaften, äußerst wohlhabenden und gut vernetzten Miss Rosemount und der ebenso zauberhaften, aber ernsthaft abgebrannten Miss Flynn.

„Ganz im Gegenteil. Mr Flynn hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Aber ich muss ihn so schnell wie möglich ­sprechen.“

„Kann ich in diesem Fall eine Nachricht entgegennehmen?“, fragte sie in ihrer besten „Ich bin ja nur eine unbeteiligte dritte Partei“-Manier und lächelte.

Er zögerte einen Augenblick, dann straffte er die Schultern. Oh Gott, jetzt war er noch ein paar Zentimeter größer.

„Tut mir leid, aber es handelt sich um eine vertrauliche Geschäftsangelegenheit meines Kunden. Wenn Sie wissen, wo ich ihn finden kann, dann sagen Sie es mir bitte, denn ich muss ihn dringend wegen seiner Buchung sprechen.“

Ein eisiger Schauer lief Dee über den Rücken. Bis zur Panikattacke war es nicht mehr weit.

Sie blinzelte, hob das Kinn an und streckte die Hand aus.

„Das bin ich. Dervla Skylark Flynn. Bekannt als Dee. Dee S. Flynn. Teehändlerin in spe. Ich bin die Person, nach der Sie suchen, Mr …?“

Mit zwei langen Schritten hatte er den Raum durchquert und schüttelte ihr die Hand. Sein Blick war unverwandt auf sie gerichtet. Dee erkannte deutlich, wie er die richtigen Schlussfolgerungen zog und ihr Wort für bare Münze nahm.

Clever. Sie mochte clevere Männer.

„Sean Beresford. Ich bin der Leiter des Beresford-Hotels am Richmond Square. Es freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Flynn.“

„Richmond Square?“, entgegnete sie und bemühte sich dabei, sich nichts von ihrer Panik anmerken zu lassen. „Das ist das Hotel, in dem ich für Februar einen Konferenzraum gebucht habe. Und …“

Es ratterte und dann hatte ihr Gehirn den Namen verarbeitet, den er ihr genannt hatte.

„Sagten Sie gerade Beresford? Wie die Hotelbesitzer-Familie?“

Ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel, was ihren Blick sogleich auf seine Lippen zog. Die Transformation, die das Lächeln mit seinem Gesicht anstellte, war so groß, dass ihr Herz einen Satz machte.

Gott, er war umwerfend. Ein absoluter Traummann.

„Schuldig im Sinne der Anklage“, versetzte er gespielt kleinlaut. „Ich bin gerade ein paar Monate in London, und das Haus am Richmond Square ist eins meiner speziellen Projekte.“

„Sie bekennen sich schuldig?“, wiederholte sie hustend. „Was ist mit mir? Beinahe hätten Sie hier einen Unfall gehabt. Oder ich hätte Sie fallen lassen können. Oh, das ist nicht gut. Vor allem, da Sie sich so spät am Abend noch extra die Mühe gemacht haben, quer durch London zu fahren, um mich zu sprechen.“

Dee schüttelte den Kopf und holte tief Luft. Dann redete sie schon weiter, ehe er auch nur die Chance hatte, etwas zu erwidern. „Wo wir nun die Vorstellung hinter uns hätten, wäre es das Beste, wenn Sie mir verraten würden, was das Problem ist. Denn es macht mir allmählich Angst, dass Sie mich so dringend sprechen müssen.“

Er gestikulierte in Richtung des nächsten Tischs und Stuhls.

„Vielleicht nehmen Sie besser Platz, Miss Flynn.“

In ihrer Kehle formte sich ein Kloß von der Größe Schottlands, sodass sie keinen Ton herausbrachte. Deshalb schüttelte sie nur den Kopf, lächelte zaghaft und deutete auf einen der Barhocker an der Teebar.

Stumm beobachtete sie, wie Sean Beresford seinen Mantel aufknöpfte, angesichts der beiden abgesprungenen Knöpfe kurz die Stirn runzelte, sich dann auf den Barhocker setzte, einen Ellbogen auf der Bar aufstützte und sich zu ihr umdrehte.

Dee spielte bereits albtraumhafte Szenarien durch. Beklommen sah sie sich alle Offiziellen der Tee- und Handelsgesellschaft anrufen und das Teefestival absagen.

Mein Gott, sie hatte wochenlang gebettelt, dass sie das Teefestival organisieren durfte. Es war einer Herkulesaufgabe gleichgekommen, die arrivierten Teeprofis davon zu überzeugen, dass sie in der Lage war, ein solch großes Event zu stemmen.

Alles, wofür sie gearbeitet hatte, hing davon ab, dass das Festival ein Erfolg wurde. Absolut alles.

Plötzlich kam ihr der Raum unerträglich heiß vor. Rasch zog sie sich ebenfalls einen Barhocker heran, auf den sie niedersank, ehe ihre Knie unter ihr nachgaben.

Fokussieren, Dee. Fokussieren. Vielleicht war es ja gar nicht so schlimm, wie sie es sich jetzt ausmalte.

„Ich habe die Leitung des Hotels erst heute übernommen, deshalb habe ich mir auch erst heute Nachmittag die Buchungen angeschaut. Ich muss mich dafür entschuldigen, nicht früher angerufen zu haben, aber es musste einiges aufgearbeitet werden, und ich hatte keine Kontaktdaten.“

Dee schluckte ihre Angst hinunter. „Aber was ist mit dem anderen Hotelmanager? Frank Evans? Er hat sich persönlich um all meine Reservierungen gekümmert, und er wirkte sehr kompetent. Ich muss mindestens drei verschiedene Formulare ausgefüllt haben, ehe ich die Anzahlung geleistet habe. Er hat doch sicher meine Kontaktdaten?“

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