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Im Wald der gehenkten Füchse

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1. TEIL
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
  7. 2. TEIL
    1. Kapitel 6
    2. Kapitel 7
    3. Kapitel 8
    4. Kapitel 9
    5. Kapitel 10
    6. Kapitel 11
    7. Kapitel 12
    8. Kapitel 13
    9. Kapitel 14
    10. Kapitel 15
  8. 3. TEIL
    1. Kapitel 16
    2. Kapitel 17
    3. Kapitel 18
    4. Kapitel 19
    5. Kapitel 20
    6. Kapitel 21
    7. Kapitel 22
    8. Kapitel 23
    9. Kapitel 24
    10. Kapitel 25
    11. Kapitel 26
    12. Kapitel 27
    13. Kapitel 28
    14. Kapitel 29
    15. Kapitel 30
    16. Kapitel 31
    17. Kapitel 32

Über den Autor

Arto Paasilinna wurde 1942 im lappländischen Kittilä geboren. Der Journalist und Schriftsteller ist einer der populärsten Autoren Finnlands; für seine in mehrere Sprachen übersetzten Werke erhielt er zahlreiche Literaturpreise auch außerhalb seines Heimatlandes.

1

In dem alten, ehrwürdigen Steinhaus am Humlegård in Stockholm wohnten ausschließlich begüterte Leute, wie zum Beispiel der Finne Oiva Juntunen. Von Beruf war er Gauner.

Oiva Juntunen war schlank, etwa dreißig Jahre alt und Junggeselle, er stammte aus Vehmersalmi in der Provinz Savo. Obwohl er schon vor mehr als zehn Jahren in die weite Welt hinausgezogen war, sprach er, wenn er zum Scherzen aufgelegt war, immer noch gern ein paar Worte seines langgezogenen heimischen Dialekts.

Oiva Juntunen stand an seinem breiten Erkerfenster und schaute hinunter auf den sonnenbeschienenen Park. Ein paar Bedienstete der Stadtreinigung fegten träge die verfaulten Ahornblätter vom letzten Herbst zu kleinen Haufen zusammen, ein frischer Frühlingswind wehte sie jedoch sofort wieder auseinander. So mussten die Männer keine Angst haben, arbeitslos zu werden.

Juntunen vermutete, die dunkelhäutigen Arbeiter im Park stammten aus Bosnien. Einige von ihnen mochten auch Türken oder Griechen sein.

Seinerzeit, als er selbst noch ein elender finnischer Einwanderer gewesen war, hatte auch er mit der Stockholmer Stadtreinigung und ihren Besen Bekanntschaft gemacht. Ein oder zwei Wochen lang hatte er seinen Lebensunterhalt damit verdient, die Hinterlassenschaften der schwedischen Köter von den Kieswegen der Parks zu klauben. Die Erinnerung ließ ihn immer noch schaudern. Es wäre schlimm, diese Arbeitserfahrungen erneuern zu müssen.

Das stand allerdings kaum zu befürchten.

Oiva Juntunen verfügte über sechsunddreißig Kilo Gold. Drei Barren zu je zwölf Kilogramm. Eigentlich gehörten sie ihm nicht, doch er beabsichtigte nicht, sie herzugeben. Er war an sie gewöhnt, hing ungemein an ihnen. Wenn man bedenkt, dass eine Unze Feingold vierhundert US-Dollar wert war, versteht man Oiva Juntunens Anhänglichkeit leicht. Eine Unze wiegt nur 31,2 Gramm, und da der Kurs des Dollars etwa bei fünf Kronen lag, ergaben sechsunddreißig Kilogramm Gold immerhin 2,3 Millionen Kronen. In finnischem Geld machte das ungefähr 2 Millionen Mark.

Vor fünf Jahren waren es ursprünglich einmal vier Barren gewesen. Jetzt fehlte einer: Oiva Juntunen hatte damit sein verschwenderisches und müßiges Leben finanziert. Er fuhr nur neue, große Wagen, trank Jahrgangsweine und reiste prinzipiell nur erster Klasse. Die Polstergarnitur in seinem Wohnzimmer war aus Leder. Er schritt über Teppichboden, der zwei Zoll unter den Pantoffeln nachgab. Zweimal pro Woche wurde die Fünfzimmerwohnung fachkundig von einer fünzigjährigen, an Krampfadern leidenden Jugoslawin gereinigt. Wenn Oiva Juntunen zufällig zu Hause war, gab er ihr jedesmal zwei Kronen Trinkgeld. Er hielt große Stücke auf diese Putzfrau, denn sie war fleißig und bestahl ihn kaum. Oiva Juntunen wusste Ehrlichkeit zu würdigen, denn er war ein Gauner.

Das Gold hatte er vor fünf Jahren der norwegischen Staatsbank geraubt. Die Norweger hatten gerade in ihrem Kontinentalsockel gewaltige Mengen Öl gefunden und daraufhin begonnen, mit dem Geld nur so um sich zu werfen. Die Staatsbank musste im Ausland Gold ankaufen, damit die einheimischen Banknoten nicht zu bloßem Papier verkamen. Im Allgemeinen wurde das Gold aus Australien oder Südafrika eingeführt. Mit Zunahme des Ölfiebers kaufte Norwegen sogar Gold aus Namibia.

Zu jener Zeit traf Oiva daheim in Vehmersalmi seinen Cousin, der in den fünfziger Jahren nach Australien ausgewandert war. Man saß zusammen in der Sauna, schwitzte und peitschte sich eifrig mit Birkenruten.

»Du bist doch ein Gauner, oder?«, fing der Cousin auf einmal an und schüttete einen Schwall Wasser auf die Steine. »Also, ich an deiner Stelle würde mich nicht länger mit Kleinkram abgeben und mir auf einen Schlag soviel besorgen, dass ich nicht dauernd auf Achse sein muss.«

Der Cousin besaß in Sydney eine Tischlerei, deren Dienste der australische Staat hin und wieder in Anspruch nahm. Das Gold, das aus den Gruben kam, wurde in stabile Holzkisten verpackt, und eben diese entstanden in der Werkstatt des Cousins. Jede Kiste fasste etwas über zweihundert Kilo Gold, in Barren zu je zwölf Kilo.

»Ich kriege das Gold gar nicht zu sehen, aber ich weiß, dass es in diesen Kisten auf Schiffe geladen wird, und die Abfahrtszeiten der Schiffe kann jeder unter den Hafennachrichten in der Zeitung nachlesen.«

»Warum schicken sie das Gold nicht mit dem Flugzeug?«, fragte Oiva Juntunen mit wachsendem Interesse.

Der Cousin behauptete, Flugtransporte seien zu riskant.

»Stell dir mal eine Zwischenlandung zum Beispiel in Kalkutta oder in Teheran vor ..., und die dortigen Zöllner durchwühlen die Goldkisten. Wieviele Barren wären wohl noch übrig, wenn die Maschine auf dem Osloer Flughafen landet? Außerdem ist das Fliegen in diesen Breitengraden sowieso das reinste Vabanquespiel. Wie es heißt, wird jede fünfte Maschine entführt.«

In Oiva Juntunens kriminellem Gehirn entstand sogleich ein ausgezeichneter Plan. Er vereinbarte mit dem Cousin, dass dieser ihm aus Australien telegrafieren würde, wenn das nächste Goldschiff nach Norwegen ablegte. Die Abfahrtszeit und der Name des Schiffes würden genügen, um den Rest würde er sich selbst kümmern.

So geschah es. Zwei Monate später traf in Stockholm ein vielversprechendes Telegramm ein, es enthielt den Namen des Goldschiffes, den Zielhafen (Oslo) sowie die Abfahrtzeit und die voraussichtliche Geschwindigkeit. Oiva Juntunen maß die Entfernung zwischen Sydney und Oslo, errechnete die Reisedauer und stellte fest, dass er, wenn er sich beeilte, rechtzeitig zum Empfang im Hafen sein würde.

Zu seiner Unterstützung engagierte er zwei finnische Kriminelle. Der eine war ein großer, recht einfältiger Mann, ein ehemaliger Baggerfahrer namens Heikki Sutinen, genannt Haudrauf-Sutinen. Der andere war der Vertriebskaufmann Hemmo Siira, ein kleiner, teuflischer Mann und mehrfacher Mörder, ungeheuer kaltblütig. Oiva Juntunen ließ beide einen strengen Eid auf den geplanten Coup schwören. Sie sollten die Goldladung gleich im Hafen kapern, die Beute gemeinsam in den Wald schaffen und anschließend noch pro forma tapfer gegen die Polizei kämpfen, bis man sie verhaften würde. Den größten Teil des Goldes würden sie dabei den Behörden übergeben, doch beileibe nicht alles. Etwa fünfzig Kilo würde man rechtzeitig beiseite schaffen. Zu guter Letzt würden sie beide brav in den Knast gehen. Ein paar Jahre würden sie dort schmoren müssen, aber sie bekämen es gut bezahlt.

»Eine Million Kronen im Jahr«, versprach Oiva Juntunen. »Oder meinetwegen einigen wir uns auf Folgendes: Wenn ihr aus dem Gefängnis kommt, teilen wir die Goldbeute in drei Teile, und jeder geht seiner Wege.«

So wurde es beschlossen, und dann machten sie sich an die Arbeit und besorgten die Ausrüstung: Maschinenpistolen, Gesichtsmasken, einen Fernlaster und andere notwendige Dinge.

Während des Zweiten Weltkrieges passierte in Norwegen etwas Fatales: Als die deutsche Marine vor Oslo auftauchte, begriffen die Norweger nicht recht, worum es ging. Die Kriegsschiffe der Nazis konnten in aller Ruhe in die Fjorde hineinfahren und die Truppen unmittelbar an den Landungsstegen absetzen. Da es später Abend und der Generalstab nicht mehr im Einsatz war, liefen keine militärischen Aktionen der Norweger an. Der Kommandeur der norwegischen Bodentruppen rief aufgeregt den Ministerpräsidenten an und fragte, was man nun tun sollte. Der Ministerpräsident befahl dem Mann, sich zum Generalstab zu begeben. Aber zu jener Abendstunde bekommt man in Oslo kein Taxi, und so war die tapfere norwegische Armee gezwungen, vor den Deutschen zu kapitulieren.

Ähnlich reagierte man im Osloer Hafen auch auf den großen Goldraub. Als die kostbare Fracht vom Schiff auf den Kai gehoben worden war, fuhr der ehemalige Baggerfahrer Sutinen mit einem großen Fernlaster rückwärts an die Goldkisten heran. Der Mörder Hemmo Siira stieß die Türen des Laderaums auf und ballerte mit der Maschinenpistole über den Hafen, mit dem Ergebnis, dass kein einziger Norweger auf dem Gelände verblieb und das weitere Geschehen beobachtete. Die beiden Räuber luden die Fracht in das Fahrzeug, Sutinen rannte zur Fahrerkabine, und Siira bezog mit seiner Waffe Posten bei den Goldkisten im Laderaum. Der schwere Fernlaster brauste durch Oslo und bog dann auf die Fernverkehrsstraße in Richtung Schweden ab. Nach Verlassen des Stadtgebietes warf Hemmo Siira die Goldbarren einzeln an den Straßenrand. Oiva Juntunen machte passenderweise an derselben Straße eine Wanderung, ausgestattet mit einem Rucksack, in den er die Barren einsammeln konnte. Immer wieder sausten Polizeiautos mit heulenden Sirenen vorbei, und in der Ferne knatterte die Maschinenpistole. Alles lief wie geplant.

Erst in den Bergen auf schwedischer Seite gelang es den Polizisten, Straßensperren zu errichten, um die Flüchtenden aufzuhalten. Die beiden ersten Sperren walzte das Fahrzeug spielend leicht nieder, erst bei der dritten, einem mit Stacheldraht verstärkten Verhau, kam der Laster mit dampfendem Kühler zum Stehen. Nach einem kurzen, kursorischen Feuergefecht ergaben sich Siira und Sutinen den schwedischen Behörden. Man brachte sie zur Verhandlung nach Oslo. Sie flehten um Gnade, gestanden alles und erhielten recht kurze Haftstrafen. In Norwegen saßen sie nur dreieinhalb Jahre ab. Dann wurden sie in das Gefängnis Långholmen nach Stockholm verlegt, wo sie für ihre früher in Schweden begangenen geringfügigeren Straftaten büßen mussten.

Siira hatte die Goldbarren so ziellos in den Straßengraben geschleudert, dass Oiva Juntunen Mühe hatte, sie zu finden. Am ersten Tag entdeckte er nur zwei Barren, am nächsten Tag einen dritten. Auch die Polizei durch-kämmte das Gelände, und das erschwerte Oivas Suche ein wenig. Den vierten Barren fand er erst, als bereits zwei Monate vergangen waren. Die norwegische Polizei durchwühlte den Straßengraben hartnäckig zwei Jahre lang und stieß noch auf zwei weitere Barren. Dann wurde die Suche eingestellt. Wahrscheinlich liegen dort draußen immer noch ein paar Barren besten australischen Feingoldes.

Oiva Juntunen hatte viele faule Jahre vor sich. Während der Mörder Siira und Haudrauf-Sutinen im Gefängnis saßen, lebte Oiva frei von Geldsorgen in seiner luxuriösen Stockholmer Wohnung. Seinem Cousin in Australien schickte er tausend Pfund und lud ihn ein, gelegentlich am Humlegård in Stockholm vorbeizuschauen.

Einmal in der Woche besuchte Oiva Juntunen seine Komplizen im Gefängnis. Er versorgte sie mit neuen Pornozeitschriften, Zigaretten, Schokolade und Pfefferkuchen. Manchmal, wenn Sutinen und Siira inständig baten, willigte er ein, Beruhigungstabletten mitzubringen. Je länger die beiden einsaßen, desto seltener machte sich Oiva Juntunen die Mühe eines Besuches. Nach Långholmen kam er dann nur noch ein- oder zweimal im Monat, und selbst dann waren die Treffen sehr kurz. Eine Minute pro Mann reichte. Die öde Gefängnisatmosphäre schreckte Oiva irgendwie ab.

Von Zeit zu Zeit machten die norwegischen und schwedischen Behörden bei Oiva Juntunen Hausdurchsuchungen. Doch nie fanden sie etwas, das auf einen großen Goldraub hingedeutet hätte. Die Barren hatte Oiva Juntunen daheim in Vehmersalmi im Misthaufen seines verlassenen elterlichen Hofes versteckt. Ein paarmal im Jahr besuchte er den Hof, arbeitete ein bisschen mit dem Spaten und kehrte dann nach Stockholm zurück, um sein träges Faulenzerleben weiterzuführen.

Aber jetzt, an diesem sonnigen Frühlingstag, war aus dem Gefängnis von Långholmen eine betrübliche Nachricht an seine Ohren gedrungen. Man hatte Siira und Sutinen eine vorzeitige Entlassung in Aussicht gestellt. Das bedeutete, dass sie womöglich bereits im Sommer frei kämen. Die beiden Verbrecher würden natürlich sofort bei Oiva auftauchen und ihren Anteil an der Beute verlangen.

Während seiner Jahre im Luxus hatte sich Oiva Juntunen gewissermaßen von seinen ehemaligen Komplizen entfremdet. Es erschien ihm völlig verfehlt, das übriggebliebene Gold zu teilen. Immerhin waren es noch sechs-unddreißig Kilo, aber trotzdem. Was sollten eingefleischte Knastbrüder mit so viel Vermögen anfangen?

Oiva Juntunen kritisierte in Gedanken die laschen Methoden im schwedischen Strafvollzug. Er fand, Berufsverbrecher, wie zum Beispiel Siira und Sutinen, wurden in den schwedischen Gefängnissen viel zu sanft behandelt. Solche verstockten Rückfalltäter sollten besser lebenslang in eine geschlossene Anstalt gesperrt werden. Doch nun deutete alles darauf hin, dass man sie in naher Zukunft entlassen würde.

»Hier hätschelt man die Räuber. In Finnland wäre das anders«, dachte Oiva Juntunen verbittert.

2

Der ehemalige Baggerfahrer Haudrauf-Sutinen hatte sich im Gefängnis von Långholmen so brav aufgeführt, dass die schwedischen Behörden den Eindruck gewonnen hatten, er habe seine kriminellen Gewohnheiten abgelegt und es sich somit verdient, in die süße Freiheit entlassen zu werden. Sutinen hatte fünf ganze Jahre abgesessen, man kann sich also vorstellen, dass er vor lauter Glück gerührt war, als er aus Långholmen hinausspazierte. Es war ein schöner Frühlingstag, und leichtfüßig schritt der Entlassene dahin. Die Vögel sangen, und Haudrauf-Sutinen summte vor sich hin.

Das herrliche Gefühl der Freiheit wurde noch vermehrt durch die sichere Gewissheit, dass ihn hier draußen zwölf Kilo Gold erwarteten, die Oiva Juntunen ihm bereitwillig aushändigen würde und die er ausgeben könnte, für was es ihm gerade einfiel.

Haudrauf-Sutinen hatte fünf Jahre Zeit gehabt, sich auszudenken, was er mit seinem riesigen Vermögen anstellen würde. Über fünf Jahre hinweg ist ein besonnener Mann sehr wohl imstande, die Verwendung seiner Geldmittel wie auch die eigene Zukunft exakt zu planen.

Zunächst hatte Sutinen vor zu trinken. Er würde richtig sinnlos saufen, viele Monate hintereinander.

Als Nächstes wollte er vögeln. Er kannte eine Reihe von Stockholmer Huren, die ihm in dieser Sache gern behilflich sein würden.

Anschließend plante er den Kauf eines neuen Autos. Es sollte groß und rot sein, Zierleisten an der Seite und Stereolautsprecher in der Hutablage haben. Ein vierzylindriger Turbo wäre genau das Richtige.

Mit diesen weitreichenden und konstruktiven Zukunftsplänen ausgestattet, drückte Sutinen auf die Klingel an der Tür eines soliden Steinhauses am Humlegård. Die Sprechanlage neben der Tür knackte. Sutinen erschrak und sah sich nach allen Seiten um: Warteten irgendwo Bullen?

»Wer ist da?«, fragte die Sprechanlage mit der bekannten Stimme Oiva Juntunens.

»Ich bin’s bloß, Sutinen. Mach auf, Oiva!«

»Was, zum Teufel, tust du da? Müsstest du nicht in Långholmen sitzen?«

»Ich bin entlassen worden, lass mich rein.«

»Du bist wahrscheinlich geflohen. Haben wir nicht vor fünf Jahren ausgemacht, dass ihr alles anständig absitzt und nicht abhaut? Denk mal nach.«

»Nee, wirklich, ich bin ganz legal raus. Drück schon auf den Knopf, verflucht noch mal.«

Die Sprechanlage verstummte abrupt. Eine Weile geschah gar nichts. Schließlich ertönte kurz der Summer, und Sutinen konnte ins Haus schlüpfen.

Oiva Juntunen führte Haudrauf-Sutinen in den Salon. Blaugraue lederne Polstermöbel, ein eichenes, mehrere Meter breites Bücherregal und große Gemälde beherrschten den Raum. An einer Wand stand eine Stereoanlage. Gegenüber befand sich eine kleine Bar, und daneben klaffte der große Rachen eines Kamins aus Natursteinen.

»Zieh die Schuhe aus«, befahl Oiva Juntunen seinem ehemaligen Komplizen, der eilig seine spitzen Stiefeletten abstreifte, die vor fünf Jahren einmal modern gewesen waren. Betäubender Fußschweißgeruch erfüllte sofort den Raum.

»Zieh die Schuhe wieder an«, knurrte Oiva Juntunen, während er die Klimaanlage einschaltete. Mit einem leichten Surren sog sie Sutinens Fußschweißgeruch im Nu auf.

Sutinen saß staunend auf dem Sofa. Donnerwetter, eine tolle Bude hatte sich der Kumpel angeschafft! So also lebte man heutzutage draußen ... Da machte es Spaß, wieder ein freier Mann zu sein.

Oiva Juntunen betrachtete seinen Komplizen abschätzend. Ein unangenehmer Typ. Seine Sprache war vulgär und beschränkt, wie nicht anders zu erwarten. Die Kleidung, bestehend aus Lederjacke und Jeans, war abgetragen und unmodern und sagte alles Wesentliche über ihren Träger aus. Am stümperhaft tätowierten Handgelenk prangte eine Taucheruhr, obwohl Haudrauf-Sutinen nicht einmal schwimmen konnte.

Oiva Juntunen seufzte.

Da hatte er ein echtes Problem am Hals. Diesem elenden Mistfink sollte er einen Goldbarren von zwölf Kilo Gewicht aushändigen? Der Gedanke erschien ihm völlig grotesk.

»Was willst du denn jetzt anfangen?«, fragte Oiva Juntunen, obwohl er die Wunschvorstellungen des ehemaligen Baggerfahrers natürlich bereits erahnte.

In leuchtenden Farben schilderte Sutinen, was er sich alles vorgenommen hatte. Je weiter er mit seiner Geschichte kam, desto überzeugter wurde Oiva Juntunen, dass es sich nicht lohnte, einem so ungehobelten Kerl Gold zu geben. Das würde letztendlich nur die Kriminalität und den Sittenverfall mehren. Außerdem bestand die Gefahr, dass Sutinen im Suff über sein Gold quatschen und dadurch auch Oiva Juntunen in Bedrängnis bringen würde.

Man musste diesen Mann irgendwie ... eliminieren.

»Gib mir den Goldklumpen rüber, dann verschwinde ich von hier«, verlangte Sutinen.

Ja, natürlich! Einfach mir nichts, dir nichts, Gold austeilen, so als würde man eben mal einen Drink anbieten. Oiva Juntunen erklärte in offiziellem Ton, dass es keineswegs ratsam sei, jetzt die Beute aufzuteilen. Man müsse lange Zeit warten, denn die Behörden behielten das Haus im Auge und hatten Sutinen vermutlich beschattet, als er zum Humlegård gekommen war.

Oiva gab Sutinen zweitausend Kronen für den Anfang und forderte ihn auf zu gehen.

»Such dir irgendwo eine Bleibe, und morgen früh, sagen wir um zehn, treffen wir uns in dieser Kneipe bei Slussen, du weißt schon.«

»Klar, bei Brenda. Ich gehe dann. Ich habe fünf Jahre lang kein Bier gekriegt. Vergiß nicht, um zehn da zu sein. Tschüs, Oiva! Es war prima, dich nach langer Zeit mal wieder zu treffen, ich meine, so richtig in Freiheit.«

Oiva Juntunen beobachtete, wie Sutinen den Park durchquerte und hinter dem Bibliotheksgebäude verschwand. Er bekam ein wenig Mitleid mit dem armen Strolch. Nun, immerhin würde er vierundzwanzig Stunden lang seine Freiheit genießen können. Das reichte völlig. Er machte sich einen Drink und wählte die Nummer seines Freundes Stickan. Der Mann gehörte zur Stockholmer Unterwelt, zu deren obersten Schichten.

»Wie geht’s deiner Familie? Na, fein. Hör mal, könntest du für mich in der kommenden Nacht einen kleinen Bruch organisieren? Lass irgendeinen Typen meinetwegen das Schaufenster eines Uhrengeschäftes zerschmeißen. Sag ihm, er soll aufpassen und keine Fingerabdrücke hinterlassen, besonders nicht auf der Ware. So, und dann soll er morgen früh um zehn zu Brenda gehen. Dort sitzt der Finne Haudrauf-Sutinen, erinnerst du dich? Vor ein paar Jahren hat er mal für dich eine Lkw-Fuhre nach Helsinki gebracht. Arrangier es so, dass der Sutinen das Zeug kriegt. Denk dir meinetwegen irgendeine Kuriergeschichte aus. Er willigt bestimmt ein, er ist und bleibt ein Gauner. Dein Mann kann ihn ja auf ein Bier einladen, er hat garantiert am Morgen einen schweren Kater.«

»Was hast du eigentlich vor?«, fragte Stickan neugierig.

»Ach, nichts weiter. Du schickst den Sutinen mit den Uhren zu einem angeblichen Treffpunkt, du verstehst. Und dann rufst du die Bullen an und gibst ihnen einen Tipp. Die übliche Geschichte, ein Kerl wird auf frischer Tat geschnappt und wandert wieder in den Bau.«

Stickan begriff sehr gut. Er erkundigte sich, ob er einen Teil der erbeuteten Ware behalten könnte, als Belohnung für seinen Mann, der den Job übernehmen würde.

»Eine Uhr mehr oder weniger, das geht mich nichts an«, willigte Oiva Juntunen ein. »Außerdem könnte ich dir und Eva Flugtickets nach Florida kaufen, dort soll es um diese Jahreszeit nicht ganz so heiß sein. Lass uns die Sache auf diese Weise begleichen.«

Am folgenden Morgen saß Sutinen schwer verkatert bei Brenda. Ein schwedischer Ganove gesellte sich zu ihm, schmeichelte sich bei ihm ein und gab ihm ein Bier aus. Eine Plastiktüte mit heißer Ware sollte mittags zu einer bestimmten Straßenecke gebracht werden. Warum nicht? Allerdings war Sutinen zuvor noch mit einem Kumpel verabredet.

Zwei Stunden wartete Sutinen in der Kneipe auf Oiva Juntunen, in der Hand eine Plastiktüte voller Uhren und silberner Kerzenständer. Dann hatte er das Warten satt und machte sich auf, um die Ware an den vereinbarten Ort zu bringen.

Auch dort erschien niemand.

Nach einer Weile jedoch kurvte ein hellgrauer Volvo heran. Zwei junge Männer in Popelinemänteln stiegen aus, forderten den Plastikbeutel zu sehen, worauf Handschellen um Sutinens tätowierte Handgelenke zuschnappten. Man stieg ein, und ab ging’s.

Als Stickan bei Oiva Juntunen anrief und ihm mitteilte, dass Sutinen »erledigt« sei, seufzte Oiva mitleidig. So war das Leben nun mal. Es gab Männer, denen die Freiheit nicht bekam, und Haudrauf-Sutinen gehörte zu ihnen.

Aber schon drangen aus Långholmen neue, weitaus bedrohlichere Gerüchte. Der mehrfache Mörder, Vertriebskaufmann Hemmo Siira, hatte bereits das fünfte Gnadengesuch an den schwedischen König gerichtet. In der Unterwelt wurde gemunkelt, Siira, der sich der Gefängnisordnung ohne Murren angepasst habe, komme vielleicht wirklich frei.

Oiva Juntunen dachte wehmütig an Karl den Zwölften und Gustav Vasa. Wenn es im Land noch solche Könige gäbe, dann würde Siira vergeblich um Gnade betteln. Einen Schurken wie ihn würde man unverzüglich an den Galgen knüpfen. Aber dieser Carl Gustav, ein junger Spund ... Das war ein König, der seinen Namen unversehens unter jedes x-beliebige Papier krakelte.

Oiva Juntunen kannte den Mörder Siira nur zu gut. Der hatte tatsächlich eine Menge auf dem Kerbholz, gesühnte und ungesühnte Verbrechen. Er war ein harter, verstockter Mann, ein gefühlloser Satan, der an seinem Weg oft übel zugerichtete Menschen und manchmal sogar Tote zurückließ. Ihn konnte man nicht so einfach austricksen wie Sutinen. Siira hatte einen scharfen Blick und keinerlei Skrupel. Wenn er seinen Anteil am Gold haben wollte, würde er ihn sich auch beschaffen, egal mit welchen Mitteln.

Aber wenn er Siira einen Goldbarren überließe, wären nur noch zwei übrig, und konnte er sicher sein, dass Siira nicht auch Sutinens Anteil fordern würde? Oiva Juntunen gelangte zu dem Schluss, dass es am sichersten sei, auch Siira nicht an der Beute zu beteiligen. Mörder gehören in Ketten und verdienen kein Gold, entschied er.

Und so fand er es ratsam, aus Stockholm zu verschwinden, ehe Siira aus dem Gefängnis kam. Der Kerl hatte fünf Jahre Zeit gehabt, Ränke gegen seinen ehemaligen Komplizen zu schmieden. Oiva hatte keine Lust abzu-warten, was dem Vetriebskaufmann in diesen fünf Jahren alles eingefallen war. Es war besser, spurlos zu verschwinden, schnell und effektiv. Florida schien ihm der geeignete Ort zu sein.

3

Florida war für Oiva Juntunen eine Enttäuschung. Nach dem kühlen Stockholm empfand er die tropische Küste als schwül und laut. In Ermangelung einer anderen Beschäftigung verbrachte er seine Tage hauptsächlich mit Trinken. Das Geld schmolz so rasch dahin wie Butter in der Sonne.

Oiva Juntunen lernte ein paar Landsleute kennen, die wegen irgendwelcher Rechtsverletzungen, die sie zu Hause begangen hatten, nach Florida geflüchtet waren. Bei den Delikten handelte es sich zumeist um Steuerhinterziehung, Konkursvergehen, Veruntreuung, Bestechung und Ähnliches. Einige der Männer betrieben in Florida irgendwelche Geschäfte, andere lebten vom in Finnland unterschlagenen Geld. Im nüchternen Zustand priesen sie die freie amerikanische Lebensweise, aber wenn sie einiges getrunken hatten, klagten sie mit Tränen in den Augen über ihr Heimweh. Ein Flüchtling sehnt sich immer nach seinem Heimatland, auch wenn er ein Verbrecher ist.

Die Finnen veranstalteten oft feuchtfröhliche Partys, auf denen sie Ochsenfleisch grillten, im Swimmingpool planschten und sich über die Morde und Einbrüche der vergangenen Woche austauschten. Hier konnte man sie alle treffen, den stämmigen Geschäftsmann, braungebrannt, ölig und Whisky schlürfend, die nicht mehr ganz taufrische ehemalige Schönheitskönigin, das langsam Fett ansetzende Mannequin und die flügellahme Stewardess. Dazu den ein oder anderen Offizier, der immer noch in den karelischen Wäldern kämpfte, nebst dem Piloten, dem die Zulassung entzogen worden war. Und jede Menge plappernder Witwen, die glücklich ihre finnischen Bergmänner unter die Erde gebracht hatten und nun ihren Lebensabend damit verbrachten, die Cellulitisschichten von ihren Hintern wegzuschmelzen und über den elenden Lebensstandard im Alten Land zu klagen. Nachts endeten diese Treffen in müden Orgien, gewürzt mit melancholischen finnischen Volksliedern.

Ein gewisser Direktor Jabala, aus Savo stammend und mit früherem Namen Jäppilä, erzählte Oiva von seinen Verhältnissen. Er besaß ein großes Boot, ein schönes Haus in bester Lage und zwei Autos. Er konnte einen Swimmingpool und auf der Terrasse ein Weib von keineswegs üblem Aussehen vorweisen. Direktor Jabala war Republikaner, sodass man meinen sollte, alles sei musterhaft in Ordnung. Aber nein:

»Seit fünf Jahren habe ich nicht mehr kleine Maränen in Brotteig gegessen, kannst du dir das vorstellen, Oiva? Auf Fleischklopse habe ich manchmal so verdammten Appetit, dass mir richtig der Bauch wehtut. Die hiesigen Hamburger kennst du ja.«

Jabala beklagte auch, dass er seit Jahren keine richtige Straßenbahn mehr gesehen hatte.

»Wenn man doch noch einmal mit der Linie drei von Kallio zum Markt am Hafen fahren könnte, um sich einen Zehn-Kilo-Lachs zu holen und ihn zu beizen. Hier gibt es bloß diesen weißen Fisch aus dem Atlantik, und immer muss man mit dem eigenen Auto durch die Gegend kutschieren. Aber am meisten fehlt mir die Rauchsauna. Denk nur! Aus der Hitze direkt in den See, und sich dann draußen vor der Sauna ausruhen und frische Luft schöpfen. Auch Ringwurst kriegst du hier nirgends zu kaufen! Keine einzige Fleischerei macht dir hier eine gewöhnliche, anständige Saunawurst. Wenn ich nur für eine Nacht nach Finnland könnte, würde ich in die Sauna gehen und dann, verdammt noch mal, ein Kilo Ringwurst kalt essen und einen Kübel hausgemachtes Malzbier hinterhertrinken.«

»Du hast doch eine Sauna«, bemerkte Oiva Juntunen.

»Wer sauniert schon in dieser Hitze? Erst ist es wochenlang glühend heiß, und dann kommt vom Meer her ein schrecklicher Tornado. Die Boote werden zertrümmert, die Dächer fliegen meilenweit weg, und diese verfluchten Palmen stürzen in den Swimmingpool. Und wenn nicht der Sturm das Haus in Stücke reißt, dann schlagen Gangster die Fenster ein und räumen alles leer. Gehst du in der Nacht ans eine Ende des Hauses, wird das andere ausgeräumt. Am Morgen nimmt sich der Mann von der Versicherung den Rest. Ich schlafe im Keller, woanders traut man sich schon gar nicht mehr hin. In unserem Schlafzimmer schläft das Hausmädchen, und die ist eine Schwarze. Stell dir vor, ’ne Negerin musst du in deinem eigenen Bett schlafen lassen! Aber am schlimmsten finde ich, dass hier nach dem Herbst kein Winter kommt, so wie anderswo. Hast du mal Lust zum Skilaufen, musst du nach Kanada fliegen.«

»Immerhin gibt es hier schöne Frauen«, warf Oiva ein.

»Herpeslippen, ja.«

Oiva Juntunen fragte verwundert, weshalb Jäppilä dann überhaupt hier wohnte und lebte, wenn er sich so sehr nach Finnland sehnte.

»Es gab da leider zwei Konkurse und noch ein paar andere dumme Geschichten. Ich kann froh sein, wenn sie mich hier nicht wegholen und einbuchten. Also bleibe ich, ich muss. Und es kostet auch keine Überwindung, aber immer, wenn einer aus Finnland kommt, fällt einem alles wieder ein. Übrigens, kannst du mir nicht ein bisschen Geld holen? Ist alles dort im Alten Land geblieben. Du scheinst ein anständiger Kerl zu sein, du könntest für mich den Kurier spielen. Du fliegst hin und her, machst ein bisschen Urlaub, das lässt sich alles regeln.«

Oiva Juntunen dachte an seine Goldbarren. Nicht einmal die ließen sich so einfach über den Atlantik bringen. Er konnte Jabala nicht helfen, versprach ihm aber, Konserven mit kleinen Maränen mitzubringen, falls er noch einmal käme.

»Das sagen sie alle. Einer hat mal versprochen, mir aus Finnland anständiges Roggenbrot zu besorgen. Brezeln brachte der verfluchte Kerl dann an, was soll ich damit?«

Oiva Juntunen kam zu dem Schluss, dass er in Florida nicht vor den Forderungen des Vertriebskaufmanns Siira sicher war. Hierher würde dieser als Erstes fliegen, wenn er erführe, dass sein Komplize verschwunden war. Hier versammelten sich ja alle Gauner, mit Sicherheit dann auch Siira.

Eines schönen Morgens würde Siira mit dem Revolver in der Hand auf der Terrasse stehen. Wie sollte er, Oiva, sich dann herausreden? Der Saukerl würde ihn abknallen, todsicher.

Oiva Juntunen flog nach New York. Er spielte mit dem Gedanken, sich dort niederzulassen. In der Großstadt würde Siira ihn niemals finden.

Aber noch bevor er in einem Hotel absteigen konnte, wurde er ausgeraubt. Am hellichten Tag, direkt auf der Straße, inmitten von Menschen. Die Gangster nahmen sein Geld, er konnte froh sein, dass sie nicht auf ihn schossen. Im Gehen riss ihm einer noch die seidene Krawatte vom Hals. Immerhin ließen sie ihm seinen Pass und die meisten Kleidungsstücke.

Ein bis aufs Hemd ausgeraubter Mann in einer Millionenstadt ist nicht sonderlich zu beneiden. Oiva Juntunen marschierte zum schwedischen Konsulat, wo man ihn mit Befremden empfing.

»Finne igen, wieder ein Finne«, sagten die Angestellten nur und schüttelten bedauernd die Köpfe. Daraufhin bat er im finnischen Konsulat um Hilfe. Er bekam ein Flugticket, aber nicht nach Stockholm, wo er wohnte, sondern nach Helsinki, weil er finnischer Staatsbürger war.

»Womöglich verlangen Sie noch Reisegeld nach Moskau«, empörten sich die Angestellten. »Gehen Sie in Helsinki aufs Sozialamt und bitten Sie dort um eine Fahrkarte nach Stockholm. Wir kümmern uns hier nur um die langen Strecken.«

Einen Mann, der in einem Savolaxer Misthaufen sechsunddreißig Kilo 24-Karat-Gold liegen hatte, schickte man aufs Sozialamt? Grotesk. Aber wann lag schon Sinn in dem, was die Behörden machten.

Im Flugzeug beschloss Oiva Juntunen, kein zweites Mal nach Amerika zu reisen. Auf der Welt musste es bessere Zufluchtsorte für einen gewöhnlichen Gauner geben.

Auf dem Helsinkier Flughafen Seutula angekommen, rief er seinen schwedischen Freund Stickan an, und der versprach, ihm Geld zu schicken. Sowie Oiva die Eilüberweisung erhalten hatte, mietete er sich einen luxuriösen Wagen und fuhr nach Vehmersalmi zu dem verwaisten elterlichen Hof. Dort warteten ein verrosteter Spaten und der teuerste Misthaufen der Welt auf ihn.

Der heimgekehrte Sohn schritt über den vertrauten Weg zum Haus und blickte auf die unkrautüberwucherten Felder, die in der sanften Frühsommerwärme grünten. Das Heimatland ist doch am schönsten, dachte er bei sich. Wie herrlich die uralte Hofeberesche im Sommerwind rauschte! Das Dach des Kuhstalls hing rührend schief, auf dem Brunnendeckel wuchs weiches Moos, die Treppenstufen waren morsch, und die Haustür, die halbgeöffnet in den Angeln hing, forderte den Wanderer gleichsam auf einzutreten.

Aber Oiva Juntunen ging nicht ins Haus, sondern schaute hinter den Kuhstall, denn dort befand sich der mit Brennnesseln und Kerbel bewachsene Misthaufen. Wie schön er da vor dem grauen Stallgebäude aufragte ... Dort waren Kraft und Wachstum, dort war Gold! Es war Oiva Juntunens Schatzkammer, sein raffinierter Tresor. Aber sowie der Mörder Siira vom gedankenlosen schwedischen König begnadigt würde und frei käme, würde er angestürzt kommen und in Vehmersalmi herumschnüffeln. Daran gab es keinerlei Zweifel, und deshalb musste das Gold jetzt in Sicherheit gebracht werden.

Oiva Juntunen betrat den Schuppen, wo ihn der verrostete Rasenmäher liebevoll begrüßte. Damit hatte sein Vater Sommer für Sommer das Wiesengras geschnitten, vorn an der Deichsel war der Wallach Rusko gegangen ... In der Ecke stand noch der Schleifstein, die Steinfläche sah erstaunlich gut aus. Oiva drehte ein paarmal die Kurbel. Damit kriegte man sogar noch ein Schlachtermesser scharf, dachte er gefühlvoll.

Er nahm den Spaten und stieg auf den Misthaufen. Die Brennnesseln stachen durch seine dünnen Strümpfe, aber es kümmerte ihn nicht. Der Mann stand nun auf seinem Goldschatz.

Dreieinhalb Meter von der Ecke des Kuhstalls und knapp zwei Meter von der Dungluke entfernt, so lauteten die Koordinaten. Oiva Juntunen stieß den Spaten in den Mittelpunkt des goldenen Planquadrats. Es war, als stelle er die erste Zahl am Kombinationsschloss eines Tresors ein.

Das Gold lagerte mächtig weit unten. Oiva arbeitete ungefähr eine Stunde und schaufelte eine tiefe Grube, die einen auf einen halben Meter groß war, aber Gold fand er nicht. Schwitzend und mit verdreckten Halbschuhen stieg er aus dem Loch. Eine riesige Wolke blaubäuchiger Fliegen begleitete den Goldgräber. Oiva rauchte auf dem Misthaufen eine Zigarette und trocknete sich die schweißnasse Stirn.

»Verflucht noch mal«, knurrte er verdrießlich.

Als er fertig geraucht hatte, machte er sich wieder an die Arbeit. Ohne Fleiß kein Preis. Er wählte neue Koordinaten und rackerte sich eine weitere Stunde ab. Es entstand ein riesiges Loch, und schließlich wurde sein Fleiß belohnt. Der Spaten stieß auf die drei Goldbarren, einen nach dem anderen. Oiva trug die kostbare Beute auf den Hof, holte Wasser aus dem Brunnen herauf und wusch die Barren ab.

Da prangten sie auf dem grasbedeckten Hof, drei schimmernde Feingoldbarren von je zwölf Kilo Gewicht, an der Seite trugen sie den Stempel der australischen Staatsbank. Oiva Juntunen strich über das kalte Edelmetall. Seine Handflächen schwitzten, das Herz schlug schneller. Diese Beute würde er niemals mit dem Mörder Siira teilen. Eher würde er sie in der Einöde verstecken, vielleicht irgendwo im tiefsten Lappland, aber Siira würde keinen Krümel davon abbekommen.

Der Nachbar fuhr mit dem Traktor über sein Feld. Oiva Juntunen versteckte das Gold schnell im Kofferraum seines Autos und schloss ihn sorgfältig ab. Dann winkte er dem Nachbarn zu, der auf den Hof gefahren kam, um den Besucher zu begrüßen.

»Sieh an, der Oiva. Du willst wohl zu Hause Urlaub machen?«

Der Nachbar musterte ihn kurz.

»Mann o Mann, hast du dir die Schuhe eingesaut. Ich heize nachher die Sauna, du kannst bei uns übernachten.«

»Ich war hinten auf dem Misthaufen, habe nach Würmern gegraben. Vielleicht gehe ich abends angeln.«

Später, nach dem Angeln, ging Oiva mit dem Nachbarn in die Sauna und machte tüchtig Aufgüsse. Er badete im See und schwatzte mit seinem Gastgeber.

»Dir scheint’s ja drüben in Schweden prima zu gehen, Oiva, du trägst so piekfeine Klamotten und fährst ’nen großen Schlitten.«

»Nun ja, man kommt zurecht.«

»Dein Cousin unten in Sydney hat’s wohl auch tüchtig zu was gebracht, er ist ein großer Boss, wie man hört. Letzte Woche ist er hier gewesen und hat erzählt, wie gut es ihm da gefällt. Er lässt dich grüßen, du sollst ihn mal besuchen. Er sagt, du brauchst bloß anzurufen, er holt dich dann vom Flughafen ab.«

Am Morgen verabschiedete sich Oiva Juntunen von seinem Nachbarn. Er stieg in sein Auto und lenkte es in nördliche Richtung. Wie wäre es, wenn er bis nach Lappland hinaufführe? Wenn er dort das Gold versteckte, würde Siira es niemals finden, mochte er auch sein ganzes Leben lang dort herumwühlen.

Er selbst könnte dort als Eremit leben und sein Gold bewachen.

Oiva Juntunen übernachtete in Rovaniemi, besorgte sich am Morgen in der Stadt eine Wanderausrüstung und ein wenig Proviant und machte sich dann auf zu Goldschmied Kyander, um etwas Gold zu verkaufen. Er trennte von einem Barren ein größeres Stück ab, wickelte es in Toilettenpapier und ging zur Werkstatt.

Kyander, der mit dem Ankauf von Nuggets der Goldgräber aus Lappland Erfahrung hatte, stellte prompt fest, dass es sich um Feingold von 24 Karat handelte.

»Wiegen wir es mal«, sagte er mit der Lupe vor dem Auge.

Das Gold wog etwas mehr als vier Unzen. Oiva Juntunen erhielt dafür elftausendvierhundert Finnmark, bar auf die Hand. Kyander interessierte sich nicht im Geringsten für die Herkunft des Goldes.

Als alles erledigt war, wandte sich Oiva Juntunen mit seinem Auto wieder gen Norden. Er wählte die an den »Arm« des Landesumrisses führende Straße, fuhr durch Kittilä, überholte in Sirkka und Tepasto lange Militärkolonnen und gelangte schließlich nach Pulju, ein unbedeutendes Wildmarkdorf inmitten großer Moorgebiete. Dort konnte er sein Auto stehen lassen und sich in die Wälder schlagen. Er wuchtete sich den schweren Goldsack auf den Rücken und wandte sich nach Westen.

Eineinhalb Tage stapfte Oiva Juntunen mit seiner Goldlast immer tiefer in die Wildmark hinein. Je länger er ging, desto sicherer wurde er: Bis hier würden Siiras nach dem Gold ausgestreckte Krallen niemals reichen.

Schließlich waren Oiva Juntunens Kräfte erschöpft. Er versteckte das Gold am Fuße eines kleinen Sandhügels, wo ein eiszeitliches Geröllfeld von etwa zwei Ar begann. Er rammte ein paar große Steinblöcke tief in den Boden und legte die drei ...

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