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Im Traumhaus unserer Liebe

1. KAPITEL

„Wann reparierst du endlich das Waschbecken mit dem Sprung?“

Beau de la Croix ließ sich zurück auf seinen Platz am Pokertisch sinken. Er richtete die scheinbar harmlose Frage an seinen Cousin Philippe Zabelle, den Gastgeber ihrer wöchentlichen Pokerrunde.

Beau und ein paar andere Verwandte und Freunde kamen regelmäßig zu Philippe, um sich zu unterhalten, etwas zu essen und um auf das launenhafte Kartenglück zu wetten. Sie benutzten dazu bunte Zahnstocher anstelle von Chips oder Geld. Das waren nun einmal die Hausregeln, und Philippe, der sonst eher ein lässiger Zeitgenosse war, wachte streng über ihre Einhaltung.

Angesichts der unschuldigen, aber doch provozierenden Frage zog er die dunklen Augenbrauen über seinen hellgrünen Augen leicht nach oben. Beau hatte einen wunden Punkt getroffen, und jeder am runden Tisch wusste das.

„Wenn ich dazu komme“, erwiderte er tonlos.

„Hoffentlich ist das nicht so bald der Fall“, kommentierte Philippes Halbbruder Georges Armand das kleine Wortgefecht und versuchte dabei, sich ein Grinsen zu verkneifen. „Wenn der Hausherr sich daran zu schaffen macht, dann bedeutet das definitiv das Ende des Waschbeckens.“

Philippe, der älteste von drei Brüdern, richtete einen eisigen Blick auf den zwei Jahre jüngeren Georges. „Willst du damit sagen, dass ich handwerklich unbegabt bin?“

Alain Dulac, der dritte im Bunde und so blond wie Philippe dunkel, krümmte sich vor Lachen bei der Vorstellung, dass sein Halbbruder tatsächlich ein Werkzeug in der Hand hielt. „Du liebe Zeit, Philippe! Wenn handwerkliches Geschick in Los Angeles zu finden ist, dann strampelst du gerade irgendwo im Atlantik herum, so weit bist du davon entfernt! Und vermutlich bist du gerade am Ertrinken!“, brachte er schließlich mühsam hervor.

Georges warf zwei Karten auf den Tisch und blickte kurz unzufrieden auf das Blatt in seiner Hand. „Zwei“, entschied er laut. Dann schaute er Philippe an, der rechts von ihm saß. „Jeder weiß, dass du viele Talente besitzt, mein Lieber, aber praktisches Geschick gehört nun mal nicht dazu.“

Der Gastgeber wollte sich die Spötteleien eigentlich nicht zu Herzen nehmen, aber sie trafen ihn trotzdem. Er selbst hätte sich am ehesten als freien Denker charakterisiert. Als einen Mann, der niemanden aufgrund von Geschlecht, Abstammung oder Beruf in eine Schublade steckt. Bei einer Mutter wie der schillernden Künstlerin Lily Moreau, neben der selbst die exzentrische Modeschöpferin Vivienne Westwood wie eine Klosterschülerin aussehen würde, war diese Sichtweise aber auch kein Wunder.

Trotzdem machte ihm die Tatsache zu schaffen, dass er kaum den Unterschied zwischen einem einfachen Schlitzschraubenzieher und einem Kreuzschlitzschraubenzieher kannte. Ein Mann musste solche Dinge doch wissen. Das stand nun einmal unwiderruflich irgendwo in einem großen Buch mit Regeln für richtige Männer geschrieben.

Über die Tatsache, dass er weder zu einer Automotor-Reparatur in der Lage war noch sich zu helfen wusste, wenn sein Fahrzeug nicht starten wollte, ärgerte er sich allerdings nicht besonders. Schließlich gab es viele Männer, die überhaupt keine Ahnung vom Innenleben ihres besten Stücks hatten.

Aber dass er sich im eigenen Haus nicht selbst nützlich machen konnte, das war noch mal eine ganz andere Sache.

Auf diesem Gebiet besaß Philippe nicht den Hauch einer natürlichen Begabung und auch keine erlernte. Er war einfach immer zu beschäftigt gewesen. Zum einen mit seinem Studium, zum anderen als Vater- und Mutterersatz für seine beiden Brüder, wenn Lily mal wieder unterwegs war. Entweder reiste sie mit einer ihrer Ausstellungen durch die Lande oder – und das kam genauso häufig vor – mit einem Mann.

In seiner Jugend und auch noch danach hatte er allzu oft die Rolle eines ausgleichenden Puffers zwischen den ständig wechselnden Kindermädchen und seinen zwei jüngeren Brüder einnehmen müssen.

Nachdem sie endlich ihre rebellischen Teenagerjahre hinter sich gebracht hatten, konnten Georges und Alain ihm gegenüber zugeben, dass allein Philippe normale Menschen aus ihnen gemacht hatte. Oder zumindest relativ normale Menschen. Sie liebten ihre Mutter. Aber sie wussten auch, was sie an ihrem älteren Bruder hatten.

Was sie nicht davon abhielt, ihn zu ärgern, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Ihre Zuneigung zu dem Mann, den sie als Familienoberhaupt anerkannten, schien dieses Verhalten sogar geradezu herauszufordern.

„Eine“, verlangte Alain, nachdem er eine Karte weggelegt hatte. Nach einem kurzen Blick auf die neue sah er zu Philippe auf.

Mit einem Gesichtsausdruck, und das wusste Philippe nur zu genau, der jedes weibliche Herz höher schlagen ließ. Keines der Mädchen an Alains Universität konnte sich diesem Charme entziehen. Zweimal im Jahr bekam der Ältere eine Rechnung über die Studiengebühren, jedes Mal zahlte er bereitwillig.

„Könnte ich die alte wiederhaben?“, scherzte Alain.

Philippe rang sich kein Lächeln ab. „Nachdem du mich so beleidigt hast?“

„Das war doch keine Beleidigung, Philippe“, antwortete sein Cousin Remy.

Der Geologe ergriff damit Partei für den gleichaltrigen Alain. „Alain hat nur die Wahrheit gesagt. Hey“, fügte er schnell hinzu, denn er wollte auf keinen Fall den Mann verärgern, den sie alle bewunderten, „wir haben dich alle sehr gern, Philippe. Aber du weißt doch bestimmt, dass du niemals der Erste bist, den einer von uns anruft, wenn er einen verstopften Abfluss hat.“

„Oder eine Schranktür, die nicht mehr richtig schließt“, rief Vincent Mirabeau von der Küche aus herüber. „So eine wie die hier.“

Zur Veranschaulichung versuchte Vincent, auch er ein Cousin von Philippe und das Patenkind von Lily, die Schranktür so gut es ging zu schließen. Sie quietschte und klemmte, am Ende hing sie wieder in ihrer alten, schiefen Position. „Meiner Meinung nach solltest du in den sauren Apfel beißen und dein Haus renovieren lassen.“

Remy setzte zwei Zahnstocher. „Oder wenigstens das Badezimmer und die Küche.“

Philippe legte sein Blatt ab und sah seine Brüder und Cousins lange an. „Was gefällt euch nicht an meinem Haus?“, fragte er und betonte dabei jedes Wort.

Nachdem er seine Softwarefirma gegründet hatte, konnte er sich das Haus vom ersten ersparten Geld kaufen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Er wusste sofort, dass der Grundriss wie für ihn und seine Brüder gemacht war. Von der Straße aus und flüchtig betrachtet, wirkte sein Anwesen wie ein einziges riesiges Haus. Nur wer etwas genauer hinsah, konnte erkennen, dass es in Wirklichkeit aus drei miteinander verbundenen Gebäuden bestand.

Eine zentrale Tür führte in Philippes Apartment.

An den Seiten des Hauses gab es separate Eingänge zu den Wohnungen von Georges und Alain. So verfügte jeder über sein eigenes Reich, gleichzeitig waren aber auch alle in Rufweite, wenn mal wieder ein spontanes Familientreffen einberufen wurde. Was keine Seltenheit war, mit einer Mutter wie Lily kam so etwas häufiger vor als in anderen Familien.

„Uns gefällt dein Haus, Philippe, das weißt du doch“, beeilte sich Beau zu sagen. Schließlich wussten alle in der Runde, wie sehr ihr Gastgeber sein Zuhause liebte. „Aber ein guter Handwerker könnte mit Sicherheit hier und da noch was verbessern.“

Philippes Gesichtszüge entspannten sich immer noch nicht.

„Hey, hör mal, mein Lieber“, drängte Remy, „jedes Mal, wenn man den Wasserhahn in der Küche aufdreht, klingt das, als ob jemand die ersten fünf Takte von ‚When the Saints come marching in‘ schmettert.“

Bevor Philippe protestieren konnte, drehte Remy den Hahn über der Küchenspüle auf. Ganz allmählich floss heißes Wasser heraus, aber erst, nachdem ein seltsam schepperndes Geräusch durch die Röhren gegurgelt war.

Philippe seufzte. Er brauchte sich gar nicht vorzumachen, dass er jemals dazu kommen würde, den Wasserhahn zu reparieren. Mit welchem Handwerkszeug musste man dabei überhaupt zu Werke gehen? Er wusste nur, wie man den Hahn auf- und zudrehte. Darüber hinaus hatte er keine Ahnung, wie eine Mischbatterie funktionierte.

Schwungvoll warf er einen pinkfarbenen Zahnstocher auf den Haufen, auf dem schon rote, blaue, grüne und gelbe lagen. „Möchte noch jemand setzen?“

Vincent schüttelte den Kopf, dann legte er seine Karten ab. „Ich steige aus.“

„Ich bin auch draußen“, folgte Remy.

Beau aber setzte sein schönstes Lächeln auf. „Dein Zahnstocher plus einen grünen.“

Philippe nahm einen grünen von seinem geschrumpften Stapel und zögerte kurz. Grün stand für fünf Cents. Höher ging er bei einem Einsatz normalerweise nicht. Sein Vater, Jon Zabelle, war schließlich ein charmanter, aber auch ein unheilbarer Spieler gewesen.

Der Mann hatte die Familie beim Zocken beinahe in den Ruin getrieben. Er war dafür verantwortlich, dass Lily Moreau für eine kurze Zeit regelrecht in ärmlichen Verhältnissen leben musste. Die Episode hatte einen entscheidenden Einfluss auf Philippes jetziges Verhalten. Obwohl sie sich nur über drei Monate erstreckt hatte und obwohl diese Ereignisse mittlerweile lange zurücklagen. Aber sie machten ihm bewusst, dass sein zeitweiliges Verlangen nach Spieleinsätzen kein gutes Zeichen war.

Mit dieser Vorwarnung ging Philippe die Dinge entschieden an. Er mochte Karten- und andere Glücksspiele. Aber niemals standen für ihn mehr als eine Handvoll bunter Zahnstocher im Wert von wenigen Cents auf dem Spiel. Der Verlierer am Tisch bezahlte seine Rechnung am Ende damit, dass er Aufgaben für andere erledigte. Auf keinen Fall sollte das Spiel mit einem Gang an den Geldautomaten enden. Das waren die Regeln des Hausherrn, und die wurden bereitwillig angenommen.

„Ich gehe mit“, erklärte Philippe und warf einen grünen Zahnstocher auf den Haufen in der Mitte des Tisches.

„Drillinge“, sagte Beau stolz und legte zwei schwarze und eine rote Neun aus.

„Hab ich auch“, erwiderte Philippe, legte drei Vieren und zwei Damen daneben und murmelte beiläufig: „Oh, ich hab ja auch noch ein Pärchen.“

Beau fand das gar nicht witzig und starrte auf Philippes Blatt. „Fullhouse, du hast vielleicht immer ein Glück!“ Dann schob er den „Pott“ mit dem buntem Mix aus Zahnstochern zu seinem ältesten Cousin hinüber.

„Na, löst du diesmal deine Gewinne ein und bezahlst davon die Renovierung deines Hauses?“, stichelte Remy, als der Hausherr die verschiedenen Farben sortierte und auf kleinere Stapel verteilte.

Philippe schaute gar nicht zu seinem Cousin auf. „Ich hab keine Zeit für die Suche nach einem vernünftigen Bauunternehmer.“

Vincent grinste von einem Ohr zum anderen und zog sein Portemonnaie aus der hinteren Jeanstasche. „So ein Zufall. Hier hab ich doch tatsächlich die Karte eines Bauunternehmers.“

Philippe hörte auf zu sortieren und fühlte sich, als ob er reingelegt worden wäre. „Tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich. Jemand, der J.D. Wyatt heißt“, erwiderte Vincent. „Ein Freund von mir hat einige Arbeiten bei sich zu Hause von ihm erledigen lassen. Es soll alles ziemlich schnell gegangen sein, und der Preis soll weit unter dem der Konkurrenz gelegen haben.“

Ein gutes oder auch ein schlechtes Zeichen. Philippe war klar, was dahinter stecken konnte: Entweder hatte der Bauunternehmer die Arbeit sehr nötig, oder aber er verwendete zweitklassiges Material. Wenn er sich dazu entschloss, diesen J.D. zu beauftragen, würde er sicher ein Auge auf ihn haben müssen.

Philippe hing noch einen Moment lang schweigend seinen Gedanken nach. Er wusste einfach, dass seine Brüder und seine Cousins ihn so lange nerven würden, bis er schließlich einwilligte. Und er wusste auch, dass eine Renovierung schon seit Langem anstand. Ihn ärgerte nur, dass jemand anderes die Arbeit erledigen musste.

Besser so, als wenn du es selbst versuchst und dabei alles vermasselst und einen richtig dicken Schaden anrichtest, Philippe!

Seine innere Stimme siegte. Er würde es einfach mal riskieren. Schließlich wollte er auch nicht warten, bis sein Zuhause zum Katastrophengebiet erklärt werden musste. Das würde erst recht nicht zu ihm passen. Er konnte das Ganze ja jederzeit abbrechen, wenn es nicht so ablief, wie er es wollte. „Und, hat dieser J.D. auch eine Telefonnummer?“

Das war Vincents Stichwort. „Ja, klar.“ Er zog blitzschnell die Visitenkarte aus seiner Geldbörse und überreichte sie seinem Cousin.

„Was für ein glücklicher Zufall“, sagte Remy geheimnisvoll, und als sein Cousin ihn verstört ansah, fügte er noch hinzu: „Zufälle gibt es ja eigentlich gar nicht.“

„Was sind das denn für Weisheiten?“, wollte Philippe wissen.

„Es gibt keine Zufälle, es gibt nur ein Karma“, gab Remy schlagfertig zum Besten.

Jetzt wurde es Philippe aber wirklich zu bunt. Er glaubte nicht an diese Dinge.

Karma! So ein Ausdruck gehörte eher zum Wortschatz seiner Mutter. Lily und ihre Tarotkarten, Teeblätter, geistigen Medien, einfach alles, was sie angeblich mit ihrer eigenen Vergangenheit in Verbindung bringen konnte. Philippe liebte seine Mutter sehr, aber er hatte sein halbes Leben damit verbracht, möglichst anders als sie zu werden. Und anders als sein Vater.

Darum hatte er auch seiner künstlerischen Begabung, die er ohne jeden Zweifel geerbt hatte, stets den Rücken zugewandt. Auf keinen Fall wollte er so sein wie seine Mutter!

Lily Moreau hatte ihren Erstgeborenen dazu überredet, einen Pinsel in die Hand zu nehmen, bevor sie ihm eine Zahnbürste zeigte. „Als erfolgreicher Künstler kannst du dir jederzeit neue Zähne kaufen!“, verkündete sie strahlend.

Aber er beharrte auf seinem Standpunkt, gab nie nach und weigerte sich erfolgreich, irgendetwas zu zeichnen oder zu malen. Ob in Lilys Anwesenheit oder alleine. Nur wenn er geistesabwesend oder ein bisschen gelangweilt war, zum Beispiel wenn er gerade telefonierte, brachte er sehr hübsche Zeichnungen zu Papier.

Um danach und so schnell wie möglich jeden Beweis für sein Talent zu vernichten.

„Okay“, sagte er, nickte und steckte das kleine Stück Papier in seine Hosentasche. „Sobald ich dazu komme, rufe ich diesen J.D. an.“

„Bevor das Waschbecken im Bad in zwei Teile zerbricht?“, fragte Georges.

Philippe nickte abermals. „Bevor das Waschbecken in zwei Teile zerbricht“, versprach er. Er nahm das Kartenspiel wieder in die Hand und sah seine Freunde an. „Also, möchte jetzt hier noch jemand pokern, oder wollt ihr alle nur rumsitzen und über mein Haus herziehen?“

„Alle, die lieber über Philippes Haus herziehen möchten, Hände hoch“, rief Georges.

Alle Hände schossen sofort in die Höhe, aber Philippe nahm nur Georges ins Visier. Er griff sich eine Handvoll Chips und warf sie ihm entgegen. Sein Bruder lachte und tat es ihm nach.

So entwickelte sich aus der Pokerrunde eine Essensschlacht, in der jegliches essbare Material auf dem Tisch sowie sämtliche Zahnstocher zum Einsatz kamen.

Das Resultat war ein unglaubliches Chaos und lautes Gelächter.

Ein paar Stunden später löste sich die Pokerrunde ganz allmählich auf. Vorher hatten aber noch alle bei der Beseitigung der Unordnung geholfen.

Danach ging jeder wieder seiner Wege. Alain kehrte zu seinen Gesetzestexten zurück, und Georges erklärte, er habe noch ein spätes Date. Und zwar ein „äußerst vielversprechendes“.

Remy, Vincent und Beau wollten, wie sie sagten, höchstens noch für ein halbes Stündchen in ihrer Stammkneipe vorbeigucken.

Für Philippe war es eigentlich noch zu früh, um ins Bett zu gehen. Aber er schlug sich in letzter Zeit mit Abgabefristen und lästigen Computerviren herum, das zehrte an ihm. Diese Viren ließen sich einfach nicht vernichten, egal, wie geschickt er gegen sie zu Felde zog. Sein neuestes Softwarepaket sollte aber auf jeden Fall einwandfrei sein, bevor er es an seinen Auftraggeber ablieferte. Die Frist lag wie ein bedrohlicher Schatten auf ihm.

Er musste nicht so hart arbeiten. Er wollte so hart arbeiten. Philippe hatte vor fünf Jahren ein Softwarepaket entworfen, das mittlerweile in der Werbebranche als die Nummer eins galt und das ihm ein kleines Vermögen beschert hatte. Seine Software war äußerst modern und effizient, und an ihr wurden nun alle anderen Programme für dieselben Anwendungsbereiche gemessen.

Er hatte es also eigentlich gar nicht nötig, weiterhin seinen harten, beinahe asketischen Lebenswandel aufrechtzuerhalten. Aber das Wort Müßiggang war ein Fremdwort für ihn, er mochte es, beschäftigt zu sein, Dinge zu gestalten und einen festen Tagesablauf mit jeweils kleinen Zielen zu haben.

Auch in dieser Hinsicht war er ganz anders als sein Vater. Der hatte nie etwas gegen das Nichtstun einzuwenden gehabt.

Lily Moreaus zweiter Mann, Georges Vater, war ein sogenannter Selfmademan. Ein Millionär, der sein Vermögen mit einem edlen Parfüm verdient hatte, das bei sehr reichen Damen reißenden Absatz fand. André Armand war ein Mann, der bis in den Mittag hinein schlief und bis in den Morgen hinein feierte. Aber ihm verdankte Philippes Familie ihren jetzigen Wohlstand.

Noch vor seiner Heirat mit Lily hatte André heimlich Pläne für Philippes Zukunft geschmiedet. Als dann das Eheversprechen gegeben war, hatte er seinen Stiefsohn gänzlich unter seine Fittiche genommen. Er betrachtete ihn als seinen Schützling und wollte ihm alles beibringen, was er sich selbst beigebracht hatte.

Philippe merkte aber schon als Teenager, dass er seinen Stiefvater zwar gerne mochte, dass er sein eigenes Leben aber ganz anders führen wollte als André. Er kam zu dem Schluss, dass er trotz Reichtum immer eine sinnvolle Aufgabe in seinem Leben brauchte.

Seine beiden Brüder hatte er unzählige Male aufgefordert: „Macht etwas aus eurem Leben! Ihr müsst ja keine Weltrekorde aufstellen, aber strengt euch an und macht das Beste aus euch! Sonst seid ihr nur ein Haufen Materie, der ziellos durch den Weltraum irrt.“

Philippe griff in seine Hosentasche und fühlte ein Stück Papier zwischen seinen Fingern. Er zog es heraus und brauchte erst einmal eine Sekunde, um zu verstehen, was er in der Hand hielt und wo das Kärtchen herkam.

Der Bauunternehmer.

Richtig.

Wenn er den Anruf nicht jetzt gleich erledigte, würde er die Angelegenheit bestimmt wieder vergessen. Das Leben brachte ihm jeden Tag so viel Neues. Besonders wenn es wieder einmal hieß, dass Lily, auch „Hurrikan-Lily“ genannt, in der Stadt war und sicher bald bei ihm auftauchen würde. Da konnte ein Anruf bei einem Bauunternehmer schon mal in Vergessenheit geraten.

Mach es jetzt gleich oder vergiss es wieder.

Philippe haderte kurz.

Dann ging er aber doch zum nächsten Telefon, nahm den Hörer in die Hand und schaute vorher auf seine Uhr. Er wollte sichergehen, dass es nicht zu spät war. Kurz vor zehn. Früh genug also. Er wählte die in grünen Lettern auf die Karte gedruckte Nummer.

Am anderen Ende läutete es. Dreimal. Keiner hob ab.

Philippe wollte gerade auflegen, als er doch noch ein kurzes Knacken vernahm.

Gleich darauf sang die melodischste Stimme, die er je gehört hatte, in den Hörer: „Sie sind verbunden mit J.D. Wyatts Büro, das zurzeit leider nicht besetzt ist. Bitte hinterlassen Sie Ihre Nummer und eine detaillierte Nachricht mit Ihren Wünschen. Wir werden Sie schnellstmöglich zurückrufen.“

Offensichtlich hatte Wyatts Sekretärin das Band besprochen, oder, noch wahrscheinlicher, seine Frau. Der sinnliche Ton ihrer Stimme verführte Philippe zu Gedanken über seine Wünsche, die aber in diesem Moment nicht das Geringste mit irgendwelchen Renovierungsarbeiten in seinem Haus zu tun hatten. Eher mit einer Renovierung seines Körper. Oder vielleicht auch seiner Seele, musste er sich eingestehen.

Philippe knüpfte in letzter Zeit hin und wieder Bekanntschaften mit Frauen an. Dabei legte er großen Wert auf das Wort Bekanntschaften. Niemals würde er sie als Beziehungen bezeichnen, denn so konnte man sie nicht nennen. Beziehungen brauchten Zeit, Engagement und den Einsatz von Gefühlen.

Er hatte einfach zu viele davon zerbrechen sehen, vor allem im Leben seiner Mutter. Auch in ihrem Leben hatte es durchaus dauerhafte Liebesbeziehungen gegeben, besonders mit Alains Vater und mit einem Mann namens Alexander Walters. Aber so schön sie es auch fand, einen Mann in ihrer Nähe zu haben, sie blieb doch immer die rastlose Lily.

Egal, wie gut eine Partnerschaft funktionierte, irgendwann verspürte sie immer den Drang, sie zu beenden. Dann ließ sie die Liebe hinter sich wie eine Schlange ihre alte Haut. Und jedes Mal war sie weitergezogen. Dabei hatte sie es immerhin geschafft, trotz der Scheidungen ihren drei Ehemännern freundschaftlich verbunden zu bleiben.

Lily schien Beziehungen zu brauchen wie die Luft zum Atmen. Besonders Beziehungen in ihren Anfangsstadien. Sie liebte es, verliebt zu sein.

Philippe dagegen verspürte nie das Bedürfnis nach dieser Art von Aufregung. Er wollte dem Schmerz, etwas beenden zu müssen, in das man so viele Gefühle gesteckt hatte, aus dem Weg gehen. Also vermied er das Risiko schon im Vorfeld. So einfach war das.

Gefühle konnten nicht verletzt werden, wenn man keine entwickelte – auf beiden Seiten nicht. Ganz allmählich war es für ihn selbstverständlich geworden, rein oberflächliche Beziehungen zu führen. Er knüpfte eine Bekanntschaft an und genoss sie, ohne nach dem Morgen zu fragen. Und dann zog er weiter.

Er wusste es nicht besser.

Der Piepton am anderen Ende der Leitung weckte ihn aus seinen Tagträumen. „Ähm, hier spricht Philippe Zabelle.“ Anschließend ratterte er seine Telefonnummer herunter. „Ein Freund hat mir Ihre Nummer gegeben. Ich möchte zwei meiner Badezimmer renovieren lassen. Wenn es Ihnen passt, schauen Sie doch morgen so gegen sieben Uhr bei mir vorbei.“

Langsam und deutlich sprechend hinterließ er seine Adresse. „Wenn ich nichts von Ihnen höre, erwarte ich Sie morgen. Bis dann.“

Philippe legte auf. Er hasste es, sich mit Maschinen zu unterhalten. Selbst wenn sie eine sexy Stimme hatten. Als er die Treppe hinauf zu seinem Schlafzimmer ging, dachte er über die moderne Zeit nach. Darüber, dass sich die Menschen heutzutage viel zu weit voneinander entfernten und dass sie viel zu viele Arbeiten von Maschinen erledigen ließen.

Er musste lächeln. Ein ziemlich merkwürdiger Gedanke von einem Mann mit einem Job wie seinem. Er lächelte noch immer. Die Welt war wirklich ein seltsamer Ort.

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen kam Philippe gar nicht erst zum Atemholen.

Normalerweise konnte er sich auf seine innere Uhr verlassen. An Arbeitstagen wachte Philippe sonst immer um halb sechs auf. Aber als er sich an diesem Morgen nach dem Aufwachen umdrehte und einen Blick auf den Wecker warf, konnte er kaum glauben, was er sah.

Leuchtend rot zeigten die Ziffern 7.46 Uhr an.

Er fiel förmlich aus dem Bett, spurtete unter die Dusche und beschloss, sich gar nicht erst mit einer Rasur aufzuhalten. Genau eine Minute vor acht war er in der Küche.

Wenn noch Brot im Haus gewesen wäre, hätte er sich Toast und Rührei gemacht. Oder gekochte Eier. Stattdessen bestand sein Frühstück aus einem letzten Rest Kaffee vom vorhergehenden Tag und ein paar Scheiben hartem Schweizer Käse.

Er lehnte sich gegen die Arbeitsfläche und schüttelte den Kopf. Es war so weit. Er musste sich in das Unvermeidliche fügen. Er brauchte eine Haushälterin. Eine Frau, die einmal in der Woche vorbeikam, die Einkäufe erledigte und ein bisschen putzte. Mehr war gar nicht nötig.

Als Philippe den letzten Bissen Käse hinuntergeschlungen hatte, ging er zum Telefon. Zehn Minuten später hatte er in der örtlichen Tageszeitung und auf der dazugehörigen Website eine Anzeige geschaltet. Darin suchte er nach einer erfahrenen Haushälterin, einmal die Woche, für leichte Hausarbeit.

Stirnrunzelnd legte er den Hörer auf die Basisstation.

Die Entscheidung, jemanden einzustellen, der in seine Privatsphäre eindringen würde, fiel ihm nicht leicht. Aber das war ein notwendiges Übel. Sein Geschäft ging gut und nahm ihn stark in Anspruch. Da blieb nicht einmal mehr Zeit für das Notwendigste – wie Einkäufe zu erledigen.

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