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Im Tal der wilden Blumen

1. KAPITEL

Colt Brannigan gab seiner Mutter einen Abschiedskuss auf die Wange. „Wir sehen uns heute Abend“, sagte er, bevor er sich zu ihrer Pflegerin Ina umwandte. „Ich habe schon den Pflegedienst in Sundance kontaktiert. Man wird Ihnen in den nächsten Tagen jemanden schicken, der Ihnen mit meiner Mutter hilft.“

„Bisher ging’s eigentlich ganz gut. Hank hat mir ein bisschen Freizeit ermöglicht.“

„Freut mich zu hören. Bis heute Abend dann, Ina.“

Colts sechzigjährige Mutter erkannte niemanden mehr. Schon vor dem Tod seines Vaters vor sechzehn Monaten war bei ihr Alzheimer diagnostiziert worden, und im Laufe des letzten Jahres hatten sich ihre Symptome erheblich verschlechtert. Sie brauchte inzwischen Pflege rund um die Uhr.

„Hey, Colt?“, hallte die Stimme seines Bruders Hank durch das Haus.

Colt verließ das Zimmer seiner Mutter und machte die Tür hinter sich zu. „Was ist?“, rief er.

„Ein Anruf aus dem Büro des Frauengefängnisses in Pierre.“

Gefängnis? „Muss falsch verbunden sein“, gab Colt zurück, obwohl er wusste, dass das nicht der Fall war. Aber er hatte jetzt keine Zeit für überflüssige Telefonate. Er wurde auf den Weiden gebraucht.

Auf dem Weg zur Hintertür ging er an seinem Bruder vorbei, der ihm wegen seines Gipsbeins nur langsam folgen konnte. „Du hast doch im Black Hills Sentinel nach einer Haushälterin gesucht. Sie wollen nur wissen, ob die Stelle schon besetzt ist.“

„Sag ihnen, es ist schon zu spät.“

„Aber …“

„Kein aber!“ Colt verzog genervt das Gesicht. Vor seinem Tod hatte sein Vater dem Gefängnis einen Gefallen erwiesen, den er später bitter bereut hatte. Er hatte nämlich einen entlassenen Häftling als Hilfsarbeiter eingestellt, doch der war nur für ein paar Mahlzeiten und den ersten Gehaltsscheck geblieben und anschließend mitsamt seiner Bettdecke und dem Geld einiger anderer Hilfskräfte verschwunden. Zu allem Übel hatte er auch noch einen Vollblüter gestohlen.

Gott sei Dank hatte Colt ihn aufspüren und die gestohlenen Sachen wiederfinden können, und der Ex-Häftling war inzwischen wieder hinter Gittern. Seitdem wusste Colt jedoch, dass die Rückfallquote bei freigelassenen Häftlingen sehr groß war. Und als neuer Chef der Floral Valley Ranch würde er den Teufel tun, Fehler seines Vaters zu wiederholen.

„Ich werde den ganzen Tag Zäune flicken und daher erst spät nach Hause kommen. Ruf mich an, falls etwas ist!“, rief Colt seinem Bruder über die Schulter zu, sprang die Verandastufen hinab und ging hinüber zum Stall. Nachdem er sich in den Sattel seins Pferds Digger geschwungen hatte, galoppierte er davon.

Sie brauchten keine ehemalige Strafgefangene, sondern eher eine Heilige als Haushälterin. Kaum jemand war einem so großen Haushalt wie dem auf der Ranch gewachsen, aber leider waren Heilige seit dem Tod ihrer Haushälterin Mary White Bird rar gesät. Die Lakota-Indianerin war die rechte Hand von Colts Mutter gewesen und eine feste Institution auf der Ranch. Sie war unersetzlich.

Colt hatte schon in verschiedenen Zeitungen in Wyoming und South Dakota Anzeigen geschaltet, aber bisher hatte keine der Bewerberinnen die nötigen Qualifikationen mitgebracht. Inhaftierte kamen jedoch überhaupt nicht infrage. Er befand sich zwar in einer Notlage, aber so verzweifelt war er nun auch wieder nicht!

Floral Valley Ranch 4 Meilen.

Geena Williams fuhr an dem kleinen Hinweisschild auf dem Highway vorbei und bog kurz dahinter rechts ab. Der alte Rancher, den sie im Cattlemen’s Stock and Feed Store in Sundance angesprochen hatte, hatte sie gewarnt, dass die Sandstraße zur Ranch leicht zu übersehen war. Er hatte recht gehabt.

Sie stieg kurz vom Fahrrad, um nach Luft zu schnappen und einen Schluck Wasser zu trinken. Tagsüber war es an diesem frühen Junitag im nordöstlichen Wyoming ziemlich milde gewesen, doch jetzt am Abend war die Temperatur auf zehn Grad gefallen und würde noch weiter sinken. Leider bot ihr Secondhand-Parka nur wenig Schutz vor der Kälte.

Geena hatte es nur mithilfe ihres zähen Willens und des Adrenalins in ihrem Körper so weit geschafft. Den Rest würde sie mit schierer Verzweiflung bewältigen müssen, denn ihre Beine gaben jetzt schon nach. Sie musste jedoch unbedingt bis Einbruch der Dunkelheit auf der Ranch sein.

Eine halbe Stunde später gelangte sie zu einem von Wirtschaftsgebäuden umgebenen Ranchhaus, doch da es schon kurz vor zehn war, wollte sie niemanden mehr stören. Sie schob ihr Fahrrad zu einer Gruppe Tannen und lehnte es an einen der Stämme.

Ihr Rucksack enthielt alles, was sie besaß. Okay, das stimmte nicht ganz. Es gab noch ein paar andere Sachen, die ihr viel bedeuteten, aber sie hatte keine Ahnung, wo sie waren. Zumindest noch nicht.

Sie öffnete den Rucksack und holte sich etwas zu essen heraus. Als sie aufgegessen hatte, nahm sie ihre Isolierdecke, hüllte sich darin ein und ließ sich erschöpft in die weichen Nadeln unter dem größten Baum sinken. Ihren Rucksack als Kissen benutzend, drehte sie sich auf die rechte Seite und versuchte, es sich bequem zu machen. Noch immer konnte sie nicht glauben, dass sie heute Nacht tatsächlich unter freiem Himmel schlief.

Sie wandte den Blick zu den Sternen. Der Große Wagen schien zum Greifen nahe, und im Westen leuchtete die Venus.

Wow! Endlich wieder frei!

„Komm, Titus. Zeit, nach Hause zu gehen.“

Als Colt die Stalltür hinter sich zumachte, rannte sein Border Collie mit wedelndem Schwanz voraus. Der Hund strotzte wie immer vor Energie, aber er hatte ja auch ein schönes Hundeleben. Er wurde geliebt, durfte sich frei bewegen, bekam nur Fressen, das ihm schmeckte, und hatte ansonsten keine Sorgen. Er war rundum glücklich.

Was Colt von sich selbst nicht gerade behaupten konnte. Es lag schon eine Ewigkeit zurück, dass er richtig glücklich gewesen war. Damals war er verliebt gewesen, aber es war einfach, sich zu verlieben, wenn man erst einundzwanzig und beim Stierwrestling der strahlende Sieger war.

Es kam darauf an, was man daraus machte. Leider hatten ihn seine Pflichten auf der Ranch so in Anspruch genommen, dass er keine Zeit für seine Frau gehabt hatte. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie die Nase voll gehabt und ihn verlassen hatte. Nach nur elf Monaten waren sie geschieden worden – womit sie in Crook County, Wyoming, vermutlich den Rekord für die kürzeste Ehe aller Zeiten aufgestellt hatten.

Mit seinen vierunddreißig Jahren wusste Colt inzwischen, warum es zwischen Cheryl und ihm nicht funktioniert hatte. Sie waren einfach zu jung und unreif gewesen. Danach hatte er immer mal wieder Beziehungen gehabt, doch solange er keine Frau fand, die sein ohnehin schon ausgefülltes Leben bereicherte, hatte er keine Eile damit, wieder zu heiraten.

Titus wich plötzlich vom Weg zum Ranchhaus ab und begann wie verrückt bellen. Dann stieß er jenes tiefe Knurren aus, das darauf hinwies, dass er einen Eindringling gewittert hatte. Mensch oder Tier?

Colt beschleunigte seinen Schritt, um den Hund einzuholen. Als er näherkam, hörte er eine weibliche Stimme: „Ganz ruhig, Junge!“

Titus war zwar nicht groß, doch sein Knurren klang furchterregend. Kein Wunder, dass die Frau nervös war, zumal sie ihn vermutlich noch gar nicht hatte sehen können. Sie war nämlich von Kopf bis Fuß in eine Isolierdecke gehüllt, und ihre geheimnisvolle Silhouette provozierte Titus nur umso mehr.

Sie lag unter der Ponderosa-Tanne, die Colts Großvater gepflanzt hatte. Am Stamm lehnte ein brandneues Fahrrad, doch der Rucksack an ihrem Kopfende hatte schon mal bessere Zeiten gesehen. „Aus, Titus!“, befahl Colt dem Hund, der gehorsam zu ihm zurückkam. Für eine Naturliebhaberin verhielt die Frau sich ganz schön leichtsinnig. „Alles in Ordnung, Ma’am?“

„Ja“, stammelte sie. „Danke, dass Sie den Hund zurückgerufen haben. Er hat mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt.“

Colt fiel auf, dass sie eine schöne Stimme hatte. Außerdem war sie erstaunlich wenig hysterisch. „Was haben Sie sich nur dabei gedacht, hier draußen im Dunkeln zu schlafen?“ Keine der Frauen, die er kannte, würde jemals auf eine so verrückte Idee kommen. „Haben Sie denn keine Angst vor hungrigen Berglöwen?“

Die Unbekannte wickelte die Decke enger um sich, eine Bewegung, die ihr Gesicht enthüllte. „Ich kam erst sehr spät hier an und wollte niemanden stören. Daher beschloss ich, die Nacht unter dem Baum zu verbringen.“

„Sie wollten zu dieser Ranch?“

„Ja. Mir ist natürlich bewusst, dass ich kein Recht hatte, hier unbefugt einzudringen. Es tut mir leid.“ Ihre Entschuldigung klang aufrichtig. Außerdem drückte sie sich auffallend kultiviert aus. Wer zum Teufel war sie?

Ihre wunderschönen Augen gaben ihm leider auch keinen Aufschluss darüber. Colt holte tief Luft und hob ihren Rucksack auf. Er fühlte sich überraschend leicht an. „Warum auch immer Sie hier sind, ich kann nicht zulassen, dass Sie hier draußen übernachten. Lassen Sie das Fahrrad stehen und kommen Sie mit.“

„Ich will mich nicht aufdrängen.“

Das hatte sie zwar schon getan, aber egal. „Trotzdem. Na los, kommen Sie schon.“

Sie waren ein seltsam aussehendes Trio, als sie durch die Hintertür das Haus betraten. Colt führte die Unbekannte durch den Hauswirtschaftsraum am Bad vorbei in die Küche, wo Titus sofort zu seiner Futterschüssel trottete.

Den Rucksack legte Colt auf einen Küchenstuhl. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie die Frau sich aus der Isolierdecke schälte und sie zusammenfaltete. Sie war recht groß, wahrscheinlich eins fünfundsiebzig. Nachdem sie die Decke auf den langen Holztisch gelegt hatte, zog sie ihren dünnen Parka aus. Colt schätzte sie auf Mitte zwanzig.

Bis auf die weißen Sneakers war ihre Kleidung abgetragen und viel zu groß. Die Jeans und der dunkelblaue Pullover mussten ursprünglich einer kräftigeren Frau gehört haben. Sie trug das dunkle Haar in einem schlichten Pferdeschwanz. Kein Make-up, kein Schmuck.

Irgendwie hatte er das Gefühl, sie schon mal gesehen zu haben. Er versuchte, sich ihre Gesichtszüge voller vorzustellen. Ob sie vielleicht krank gewesen war? Sie sah etwas abgemagert aus, aber trotzdem fühlte er sich zu ihr hingezogen.

Sie hatte eine tolle Figur und wunderschöne tintenblaue Augen. Ihr Blick war traurig, doch Colt hatte nicht den Eindruck, dass ihr gerade etwas Traumatisches zugestoßen war. Sie wirkte stolz und furchtlos und dabei zugleich ganz weiblich. Irgendwie erinnerte sie ihn an ein unvollendetes Gemälde, an dem noch einiges fehlte, um lebensecht zu wirken. Faszinierend.

„Sie können gern das Badezimmer benutzen, an dem wir gerade vorbeigekommen sind.“

„Danke, das nehme ich gern an. Bitte entschuldigen Sie mich für einen Moment.“

Als sie gegangen war, lehnte Colt sich nachdenklich gegen die Arbeitsplatte. Sein Blick fiel auf die Kaffeemaschine, in der noch Kaffee stand. Hank musste ihn vorhin gemacht haben.

Als Colt zwei Becher aus dem Regal nahm, kehrte die Frau zurück. Er bat sie, sich zu setzen. „Hier steht frischer Kaffee. Möchten Sie Kaffee oder lieber Tee?“

„Kaffee, bitte.“

Colt goss beide Becher voll. „Zucker und Milch?“, fragte er über die Schulter.

„Bitte machen Sie sich keine Mühe. Schwarz ist völlig in Ordnung.“

Colt machte die beiden Becher fertig, brachte sie zum Tisch und setzte sich ans Kopfende. „Ich habe Ihnen Milch und Zucker hineingetan. Sie sehen so aus, als könnten Sie etwas Stärkung gebrauchen.“

„Da haben Sie recht. Danke, Mr …“

„Colt Brannigan.“ Er trank einen Schluck von seinem Kaffee.

Sie umfasste den Becher, schloss die Augen und trank so andächtig, als riefe das Aroma wundervolle Erinnerungen in ihr wach.

Colt stand auf und blickte verwirrt auf sie hinunter, bis sie fertig war. „Sagen Sie mir, wer Sie sind.“

Nur mühsam öffnete sie die Augen. Offensichtlich war sie total übermüdet und entkräftet. „Geena Williams.“

Der Name kam Colt ebenfalls bekannt vor. Seltsam. „Also, Geena, ich mache Ihnen jetzt erst mal ein Schinkensandwich, und dann erzählen Sie mir, wo Sie herkommen, und was Sie auf meiner Ranch suchen.“

„Tut mir leid, dass ich Ihnen das noch nicht gesagt habe, aber ich versuche immer noch, wach zu werden.“ Mühsam stand sie auf. „Ich bin gerade aus dem Frauengefängnis in Pierre in Süddakota entlassen worden und sofort zu Ihrer Ranch gefahren, um mich für die Stelle als Haushälterin zu bewerben, aber ich brauchte dafür länger als gedacht.“

Colt hatte das Gefühl, als trete ihn ein wilder Mustang in den Bauch. Plötzlich ergab alles einen Sinn, auch der Anruf aus dem Gefängnis heute Morgen. Ihm fiel wieder ihr neues Fahrrad ein. Es passte einfach nicht zu ihrer abgetragenen Kleidung. Hatte sie es womöglich gestohlen? Bei dem Gedanken überwältigte ihn ein unerklärliches Gefühl der Enttäuschung.

„Ist die Stelle noch frei?“

Ihrem hoffnungsvollen Tonfall nach zu urteilen, ging es für sie um Leben und Tod. Colt hätte sich um ein Haar erweichen lassen, unterdrückte sein Mitgefühl jedoch. „Leider nein.“

Alle hatten irgendetwas Schlimmes erlebt, aber für Menschen, die im Gefängnis gesessen hatten, galt das erst recht. Colt wollte jedoch eine Haushälterin wie Mary White Bird. Sie war eine weise Lakota-Indianerin gewesen, die selbst eine Familie großgezogen und seiner Mutter auf ihre sehr unaufdringliche Art dabei geholfen hatte, die Ranch zu betreiben. Sie hatte ein untrügliches Gespür gehabt, wie sie mit den Angestellten und den Gästen umgehen musste, ganz zu schweigen von den hitzköpfigen Männern des Brannigan-Clans.

Geena Williams war einfach zu jung für diesen Job, mal abgesehen davon, dass sie im Gefängnis gesessen hatte. Was auch immer für ein Verbrechen sie begangen hatte, es würde ihr schwerfallen, sich wieder in die Gesellschaft einzufügen. Vermutlich brauchte sie erst mal eine Therapie. Nein, er würde sie nicht einstellen.

Ihre Augen schimmerten verräterisch, doch es fielen keine Tränen. „Danke für Ihre Hilfe. Offensichtlich war es ein Fehler, ohne vorherige Terminabsprache hierher zu kommen.“

Colt runzelte die Stirn. „Heute erhielten wir einen Anruf aus Ihrem Gefängnis. Ich hatte meinen Bruder gebeten, auszurichten, dass die Stelle schon besetzt ist. Anscheinend hat die Kommunikation nicht geklappt. Tut mir leid, dass Ihr Direktor Ihnen nichts davon gesagt hat.“

Geena sah ihn erstaunt an. „Warden James ist eine Frau, aber warum sollte sie Sie angerufen haben? Als man mich gestern in ihr Büro führte, hat sie mir nur mitgeteilt, dass man mich entlassen würde. Ich habe Ihre Anzeige selbst im Rapid City Journal gefunden und beschlossen, auf gut Glück hierher zu fahren.“

Jetzt war Colt verwirrt. Sein Bruder hatte gesagt, die Gefängnisdirektorin habe die Anzeige im Black Hills Sentinel gefunden. Aber selbst wenn Geena die Wahrheit sagte, würde das seine Meinung nicht ändern. Er hatte weder für sie noch für irgendeinen anderen Ex-Häftling Platz auf der Ranch. „Haben Sie keinen Mann oder Freund, der Ihnen helfen könnte?“, erkundigte er sich.

„Ich war nie verheiratet. Und den Mann, mit dem ich vor meiner Verhaftung zusammen gewesen war, habe ich nie wiedergesehen.“

Dann konnte die Beziehung nicht sehr stabil gewesen sein. „Haben Sie keine Verwandten?“

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. „Nein.“

Was? Niemanden? Schockiert fuhr Colt sich durchs Haar, bis ihm einfiel, dass sie ihn vielleicht belog. Möglicherweise schämte sie sich einfach, nach Hause zurückzukehren. Wer weiß, wie er sich selbst verhalten würde, wenn er in ihrer Haut stecken würde.

„Woher wussten Sie eigentlich, wo Sie hinfahren müssen?“ In seiner Anzeige hatte er nämlich nur angegeben, dass die Ranch in der Nähe von Sundance in Wyoming lag. Genauer gesagt: zwölf Meilen entfernt.

„Ich bin einfach nach Sundance gefahren, da ich davon ausging, dort jemanden zu finden, der mir sagen kann, wo die Floral Valley Ranch liegt. Ich kaufte mir ein Fahrrad und fuhr zum Cattlemen’s Stock and Feed Store, und dort kannte sie jeder. Anscheinend hat man große Hochachtung vor Ihnen, weil Sie die Ranch nach dem Tod Ihres Vaters nicht nur übernommen haben, sondern auch noch erfolgreicher führen als er. Ein älterer Rancher hat mir erklärt, wo ich die Straße zu Ihrer Ranch finde.“

Colt war verblüfft über ihren Einsatz. Hatte sie sich tatsächlich extra ein Fahrrad gekauft, um zur Ranch zu gelangen? Nun, das konnte er jederzeit überprüfen. „Dann sind Sie also den ganzen Highway entlanggeradelt?“

„Das war kein Problem, es war ja noch hell. Und ich brauchte sowieso ein Transportmittel. Da ich meinen Führerschein bisher noch nicht zurückbekommen habe, konnte ich mir keinen Gebrauchtwagen kaufen.“

„Ist ein neues Fahrrad nicht ziemlich teuer?“

„Ja, aber es war im Angebot, für fünfhundertdreißig Dollar. Ich hätte mir gern noch etwas Neues zum Anziehen gekauft, aber ich hatte nur noch hundertsechzig Dollar von dem Geld übrig, das ich von meinem Gefängniskonto abgehoben habe. Davon kaufte ich mir Proviant, die Isolierdecke und Schuhe.“

Colt blinzelte überrascht. „Sie haben im Gefängnis Geld verdient?“

„Ja, fünfundzwanzig Cent die Stunde. Das lief auf vierzig Dollar monatlich für dreizehn Monate hinaus.“

Dreizehn Monate in der Hölle. Was für ein Verbrechen mochte sie nur begangen haben?

Nachdenklich strich Colt sich über die Unterlippe. „Dann sind Sie dort also mit fünfhundertfünfzig Dollar rausgekommen?“

„Nein, siebenhundert. Ich übernahm ein paar Extraschichten, und jeder, der entlassen wird, erhält fünfzig Dollar extra.“

Colt beschloss, sich nie wieder über die Verschwendung von Steuergeldern zu beklagen. Diese Frau hatte ihre Schuld gegenüber der Gesellschaft eindeutig abgebüßt. „Und wie viel Geld haben Sie jetzt noch zum Leben?“

„Zweiundneunzig Dollar. Deshalb brauche ich diesen Job ja so dringend. Ich bin eine gute Köchin. Im Gefängnis habe ich alles gemacht, Küche, Wäscherei, Lager, Krankenabteilung und Medikamentenausgabe. Ich habe sogar das Gefängnisgelände gesäubert. Ich kann sehr hart arbeiten, Mr Brannigan. Wenn Sie im Gefängnis anrufen, wird man Ihnen versichern, dass ich dort jede Woche mehr als vierzig Stunden geschuftet habe, ohne je irgendwelche Vorschriften zu übertreten. Kennen Sie zufällig jemanden in Ihrer Gegend, der Hilfe braucht?“

Ob er jemanden kannte? Sie stand vor einem Mann, der eine Haushälterin und eine zusätzliche Pflegerin für seine Mutter benötigte, und zwar am besten schon seit gestern!

Innerlich hin- und hergerissen rieb Colt sich den Nacken. Er ertappte sich bei dem Wunsch, sie doch anzustellen. Sie war eine Kämpfernatur. Und sie sah so traurig aus …

Bevor er eine Entscheidung treffen konnte, schoss Titus quer durch die Küche, um Hank zu begrüßen, der gerade mit seiner Freundin Mandy durch die Hintertür kam. Colt war so ins Gespräch mit Geena vertieft gewesen, dass er Mandys Wagen gar nicht gehört hatte. Seit Hank sich ein Bein gebrochen hatte, fuhr sie ihn öfter herum.

„Hey, Colt“, begrüßte sie ihn lächelnd.

„Selber hey.“ Mandy war eine hübsche Blondine aus Sundance, mit der Hank schon seit der Highschoolzeit befreundet war. Beim Anblick der fremden Frau in der Küche leuchteten ihre Augen interessiert auf.

„Das sind mein Bruder Hank und seine Freundin Mandy Clark. Und das ist Geena Williams“, stellte Colt vor.

Hanks Blick fiel auf Geenas Rucksack und ihre Isolierdecke. Neugierig sah er Colt an, doch dieser war noch nicht so weit, irgendwelche Fragen zu beantworten.

„Wir sind im Wohnzimmer“, murmelte Hank nach einer Weile und ging mit Mandy und Titus auf den Fersen hinaus.

Geena griff nach ihrem Parka und zog ihn an. „Tut mir leid, dass ich mich einfach aufgedrängt habe. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gern in einem der Trucks schlafen, die da draußen stehen. Morgen früh mache ich mich dann sofort wieder auf den Rückweg.“

Colt ignorierte ihre Bemerkung. „Sie haben einen langen Tag hinter sich. Ziehen Sie die Jacke wieder aus, Geena. Ich mache Ihnen ein Sandwich und etwas Suppe, und dann legen Sie sich im Gästezimmer hin.“

Das Beste wäre vermutlich, die Frau zurück in die Stadt zu fahren und ihr ein Hotelzimmer zu buchen, aber dazu war er viel zu erledigt. Zumindest redete er sich das ein, bevor er beschloss, ihr Mary White Birds altes Zimmer zu geben.

Geena hatte im Gefängnis ständig von einem Leben in Freiheit und der Zukunft geträumt. Doch noch nicht mal in ihren kühnsten Fantasien hätte sie sich jemanden wie Colt Brannigan ausmalen können.

Die Männer im Cattlemen’s Store hatten mit solcher Ehrfurcht von ihm gesprochen, dass sie ihn sich viel älter vorgestellt hatte, doch er schien erst Mitte dreißig zu sein. Und es gab keinerlei Hinweis auf eine Ehefrau.

Außerdem sah er einfach fantastisch aus. Sein Anblick in der hell erleuchteten Küche hatte ihr derart den Atem verschlagen, dass sie ihn nur stumm hatte anstarren können. Er war das zu Leben erwachte Klischee des großen dunklen gut aussehenden Fremden.

Und er war unglaublich menschlich. Anstatt sie von seiner Ranch zu werfen, hatte er sie ins Haus geholt und ihr etwas zu essen und ein schönes Zimmer gegeben, obwohl er wusste, dass sie gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden war.

Geena war noch immer ganz benommen vor Glück, als sie aus dem Badezimmer kam. Sie trug den Bademantel, den sie an der Rückseite der Tür gefunden hatte. In dem angenehmen Gefühl, sauber zu sein und gut zu duften, machte sie das Licht aus und ging zum Bett. Den ungewohnten Luxus eines eigenen Badezimmers genießend, hatte sie ein Bad genommen und geduscht. Und das hatte sie nur Colt zu verdanken.

Ihr erster Tag in Freiheit war vorbei. Es war ein unbeschreibliches Gefühl gewesen, endlich keine Gefängnismauern mehr um sich herum zu haben. Sie hatte jetzt wieder eine Zukunft. Vorbei war der endlose Albtraum. Nie mehr Gefängnisgeruch, nie mehr die Geräusche ihrer Mitinhaftierten, die husteten, weinten, tobten oder sich mit anderen Insassen stritten.

Keine klaustrophobisch enge graue Zelle mehr, keine rasselnden Gitter oder Wärter, die einem vorschrieben, wie man mit ihnen zu reden und ihnen zu antworten hatte. Kein Leben mehr in einer Enklave von Frauen, die nichts miteinander zu tun haben wollten und nur darauf warteten, wieder mit einem Mann zusammenleben zu können. Wenn sie nur Mr Brannigan sehen könnten …

Während Geena sich das Haar mit einem weichen gelben Handtuch frottierte, warf sie einen Blick aus dem großen Fenster ihres Zimmers. Es nahm fast eine ganze Wand ein. Sie hatte die Vorhänge offen gelassen, um den Mond sehen zu können, der auf das Fußende des handgeschnitzten Holzbettes schien.

Das Zimmer war mit Sioux-Kunsthandwerken geschmückt. Teppiche des Lakota-Stamms bedeckten den Dielenfußboden, an einer Wand hing ein überwiegend in Rottönen gehaltener Sioux-Wandteppich, und über dem Bett war ein perlengeschmückter Tabaksbeutel aus Leder an der Wand befestigt.

Auf der Schubladenkommode standen gerahmte Fotos, auf denen eine zierliche Lakota zu sehen war – auf manchen allein, auf anderen von Familienmitgliedern in Festkleidung umgeben. Offensichtlich hatte sie einen Ehrenplatz in diesem herrlichen alten Ranchhaus.

Als ihr Haar trocken genug war, flocht Geena es zu einem langen Zopf. Dann stellte sie den Radiowecker auf vier Uhr morgens, und – endlich! – konnte sie sich in das bequeme Bett legen. ...

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