Logo weiterlesen.de
Im Tal der flammenden Sonne

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28
  36. Kapitel 29
  37. Kapitel 30
  38. Kapitel 31

Über dieses Buch

Australien, 1933: Arabella Fitzherbert, eine junge Engländerin, unternimmt mit ihren Eltern eine Reise durch Australien. Die Familie ist des trockenen Klimas wegen zum Roten Kontinent gereist, damit ihre einzige Tochter sich dort von ihrer langen Krankheit erholen kann. Doch durch eine Verkettung unglücklicher Umstände bleibt Arabella allein und verletzt in der Wüste zurück. Sie wäre sicherlich dem Tod geweiht, hätte nicht eine Gruppe umherziehender Aborigines sie gefunden und zur nächsten Siedlung gebracht: Marree – eine winzige Stadt im Outback. Arabella ist auf sich allein gestellt, während ihre Eltern sie tot wähnen ...

Über die Autorin

Elizabeth Haran wurde in Simbabwe geboren. Schließlich zog ihre Familie nach England und wanderte von dort nach Australien aus. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in einem Küstenvorort von Adelaide in Südaustralien. Ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte sie mit Anfang dreißig, zuvor arbeitete sie als Model, besaß eine Gärtnerei und betreute lernbehinderte Kinder.

Elisabeth Haran

Im Tal
der flammenden Sonne

Roman

Aus dem Englischen von
Sylvia Strasser und Veronika Dünninge

Ich möchte dieses Buch meiner Mutter Lucy May widmen,

die gestorben ist, während ich es geschrieben habe.

Mom, du hast mich immer unterstützt und warst stolz auf mich.

Ich vermisse dich jeden Tag mehr.

1

gecko.jpg

South Australia,
Ende November 1866

Wie eine Schlange aus der mythischen Traumzeit der Aborigines glitt der Ghan, wie der Afghan-Expresszug genannt wurde, durch die flirrende Hitze des Outback. Es war früh am Nachmittag. Am Horizont, der mit dem endlosen blauen Himmel zu verschmelzen schien, krochen erste Schatten über die karge Landschaft. Windhosen, die wie Derwische über der Wüste wirbelten, waren die einzige Abwechslung in dieser Einöde.

Der Zug war auf dem Weg nach Alice Springs. Neben der Lokomotive gab es einen Reisewagen, einen Speise- und einen Salonwaggon, zwei Wagen mit Schlafabteilen für Erste-Klasse-Passagiere sowie zwei Wagen für Fracht und Post. Da die Gleise sich bei Temperaturen von über 40 Grad zu verformen drohten und im Schatten fast 45 Grad Hitze herrschten, fuhr der Lokführer aus Sicherheitsgründen so langsam, dass kaum ein Lufthauch durch die geöffneten Fenster drang.

»Warum wird der Zug denn jetzt noch langsamer, Mummy?«, nörgelte Arabella Fitzherbert und verzog unwillig ihren hübschen Mund. Sie war neunzehn Jahre alt, wirkte aber jünger. Arabella saß auf ihrem Bett im Erster-Klasse-Abteil, das Gesicht von den schulterlangen honigblonden Haaren umrahmt. Der sengenden Hitze wegen hatte sie die feuchte Kleidung ausgezogen, die ihr am Körper geklebt hatte, und trug nun ein luftiges Nachthemd.

Clarice beugte sich aus dem Fenster. »Ich glaube, wir nähern uns einer kleinen Ortschaft. Scheint mir ein ziemlich hässliches und einsames Nest zu sein.«

Bald darauf kam der Zug mit einem Ruck an einem Bahnsteig zum Stehen, der aus übereinandergeschichteten Eisenbahnschwellen bestand, über denen sich ein Wellblechdach spannte. Auf einem Schild, das schief an einen Pfosten genagelt war, stand:

Marree – 84 Einwohner und eine Milliarde Fliegen

Clarice schüttelte den Kopf. Die Menschen hier im Outback hatten wirklich einen merkwürdigen Sinn für Humor.

Das Zischen der Lok verstummte, die Dampfwolke verflüchtigte sich und gab den Blick auf die Ortschaft frei. Obwohl sich den Fahrgästen über viele Meilen hinweg nichts Sehenswertes geboten hatte, hielt ihre Neugier sich in Grenzen. Die »Hauptstraße«, kaum mehr als ein staubiger Weg, wurde von dem zweistöckigen Sandsteingebäude des Great Northern Hotels, einem Postamt, einer Polizeiwache und drei aus Brettern und Wellblech erbauten Läden gesäumt. Durch den vom Wind aufgewirbelten roten Staub konnte man in der Ferne einige Häuser zwischen dürren Bäumen erkennen. Clarice sah, wie ein uniformierter Eisenbahnbeamter Postsäcke aus dem Zug wuchtete und neue Post entgegennahm. Dann fiel ihr Blick auf eine Gruppe von Aborigines und dunkelhäutigen Männern mit Turbanen, die sich dem Zug näherten.

»O Gott!« Clarice prallte erschrocken zurück. »Sieh dir bloß diese Bettler an, Bella! Da bekommt man es ja mit der Angst zu tun! Wir werden auf keinen Fall aussteigen, egal was dein Vater sagt.«

Als die Männer neugierig ins Innere des Abteils spähten, riss Clarice ein Bettlaken hoch und hielt es schützend vor ihre Tochter. »Zieh dir etwas über, Bella! Wer weiß, auf was für Gedanken diese Leute sonst kommen.«

Sie zog den Vorhang vors Fenster und warf einen furchtsamen Blick auf die Tür des Abteils. Ob sie vorsichtshalber abschließen sollte?

Die Luft im Abteil wurde unerträglich heiß und stickig.

»Ist das eine Hitze hier drin!«, stöhnte Arabella.

»Morgen sind wir in Alice Springs und können in unser Hotel«, tröstete Clarice sie. Auch sie träumte von einem kühlen Salon mit Ventilator und einem Drink mit viel Eis.

Arabella klappte einen chinesischen Papierfächer auf, den sie auf einer Reise gekauft hatte, und fächelte sich Luft zu. »Diese Hitze macht mich ganz fertig, Mummy«, klagte sie mit weinerlicher Stimme. »Ich hab Kopfschmerzen!«

»Sobald wir weiterfahren und ein bisschen frische Luft ins Abteil weht, wirst du dich besser fühlen.« Clarice schlug nach den Fliegen, die unter dem Vorhang hindurch ins Abteil krochen. »Übrigens, die Leute aus dem Nachbarabteil sind sehr nett. Dein Vater und ich werden nach dem Essen eine Partie Rommé mit ihnen spielen. Möchtest du nicht mitkommen, Bella?«

Arabella ließ sich in die Kissen fallen. »Nein, und essen will ich auch nichts. Ich hab Bauchweh.«

Das war nichts Neues. Arabella klagte oft über Bauchschmerzen und andere Beschwerden; deshalb war Clarice auch nicht allzu beunruhigt. Ihre Tochter neigte zur Hypochondrie und war immer schon eine schlechte Esserin gewesen, was auch der Grund für ihre eher knabenhafte Figur war.

»Das Bauchweh kommt von der Hitze, Bella«, sagte Clarice. »Wenigstens hat dein Husten sich gelegt. Wie du weißt, hofft dein Vater sehr, dass das trockene Klima dir guttut. Schließlich sind wir nur deinetwegen nach Australien gereist. Als Dr. Portman sagte, deine Bronchitis werde sich in der feuchten, schlechten Luft Londons niemals bessern, hat dein Vater nicht gezögert, alles aufzugeben und hierherzukommen. Also tu mir den Gefallen, und reiß dich zusammen, ihm zuliebe.«

Edward Fitzherbert war ein erfolgreicher und in England sehr bekannter Theaterproduzent. Doch um seiner Tochter willen hatte er beschlossen, London für ein Jahr den Rücken zu kehren. Finanziell konnten sie es sich trotz der Weltwirtschaftskrise leisten, denn Clarice stammte aus einer wohlhabenden Adelsfamilie. Von Adelaide aus, wo sie seit ihrer Ankunft vier Wochen zuvor gewohnt hatten, waren sie zu einer dreimonatigen Reise durch den australischen Kontinent aufgebrochen. Clarice wäre zwar lieber in Adelaide geblieben, wo es angenehm warm und die Luft sauber war und wo zahlreiche Geschäfte zum Einkaufsbummel luden, doch Edward hatte wie so oft die Abenteuerlust gepackt, und so waren sie ins glutheiße Innere Australiens aufgebrochen.

Arabella schnitt eine Grimasse. Ihre lebhaften blauen Augen wirkten fast unnatürlich groß. »Dieses ewige Schwitzen ist unerträglich«, jammerte sie.

»Ich weiß, mein Schatz.« Clarice tätschelte ihrer Tochter die Hand.

»Ich glaube, ich krieg Ausschlag.«

»Ausschlag? Wo denn?«

Arabella zeigte auf einen winzigen roten Punkt auf ihrem Oberschenkel.

»Ach was, das ist bloß ein Pickel. Das ist nicht schlimm.«

»Doch, ist es!«, beharrte sie. »Die Hitze ruiniert meine Haut!«

Clarice hatte Mühe, nicht genervt die Augen zu verdrehen. Sie liebte ihre einzige Tochter über alles, doch Arabellas Angewohnheit, an allem herumzumäkeln, stellte ihre Geduld manchmal auf eine harte Probe. Im Unterschied zu Arabella war Clarice ein anpassungsfähiger Mensch, was bei einem Ehemann wie Edward, mit dem Clarice vor der Geburt ihrer Tochter ganz Afrika bereist hatte, nur von Vorteil war. Dies war seit neunzehn Jahren die erste lange Reise, die sie unternahm, und wenngleich sie über eine robuste Gesundheit verfügte, musste sie sich eingestehen, dass sie die Annehmlichkeiten ihres Zuhauses ebenso vermisste wie die Gesellschaft ihrer Freunde.

Clarice wusste natürlich, dass sie an Arabellas Verhalten nicht ganz schuldlos war. Sie hatte ihre Tochter als kleines Mädchen viel zu sehr behütet und verhätschelt. Und seit Arabella immer wieder an Bronchitis erkrankte, zeigte Clarice sich ihr gegenüber viel zu nachsichtig. Sie hoffte, die Reise werde Arabella helfen, erwachsener zu werden, damit sie lernte, auf eigenen Füßen zu stehen, doch bisher deutete nichts darauf hin.

»Du wirst dich schon noch an die Hitze gewöhnen.« Clarice wusste vom Zugpersonal, dass es in der Wüstenstadt Alice Springs kaum Geschäfte und kein einziges Theater gab; deshalb hoffte sie, sie würden nicht allzu lange dort bleiben, verschwieg es aber wohlweislich. Arabella war die Reise jetzt schon leid.

Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, und Clarice schob die Vorhänge zurück, damit Luft ins Abteil wehte. »So, ich werde jetzt in den Salonwagen gehen«, sagte sie dann.

»Kannst du nicht hierbleiben, Mummy?«, fragte Arabella kläglich. »Wer soll sich denn um mich kümmern?«

»Dir fehlt doch nichts, Schatz. Komm später nach, wenn du Lust hast. Die Harris sind sehr nette Leute.«

»Ist mir egal. Ich will sie nicht kennen lernen. Außerdem will ich mich bei der Hitze nicht wieder anziehen«, murrte Arabella.

»Wie du möchtest«, erwiderte Clarice geduldig. »Ich werde dir ein paar belegte Brote bringen.« Als der Zug aus der Stadt rollte, fiel ihr Blick auf einen großen Pferch auf der anderen Seite der Bahngleise, in dem sich eine Kamelherde mit mehreren Jungtieren befand. In einem Hain aus Dattelpalmen waren merkwürdige Gebäude um eine Moschee gruppiert. Anscheinend lebten hier die Männer mit Turbanen, die sie vorhin gesehen hatte. Ein Glück, dass ihr Mann keinen Rundgang durch den Ort vorgeschlagen hatte.

»Lass nur«, schmollte Arabella. »Ich hab noch ein halbes Sandwich von heute Mittag. Das Brot ist zwar trocken und der Belag ekelhaft, aber im Speisewagen gibt’s sicher auch nichts Besseres, da verzichte ich lieber.«

»Wie du willst. Dann ruh dich aus, mein Schatz. Morgen werden wir in aller Frühe in Alice Springs eintreffen, hat der Zugführer gesagt.« Clarice küsste ihre Tochter auf die bleiche Wange und eilte hinaus. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie Arabella allein ließ, doch sie spielte für ihr Leben gern Rommé. Außerdem würde es ihr guttun, endlich einmal etwas anderes zu hören als das Gejammer ihrer Tochter.

Als die Tür sich hinter ihrer Mutter geschlossen hatte, legte Arabella sich hin und suchte die endlose Weite des blauen Himmels nach einer Wolke ab. Müde von der Hitze und dem monotonen Rattern des Zuges, nickte sie nach kurzer Zeit ein.

Arabella fuhr aus dem Schlaf, als der Zug mit einem Ruck zum Stehen kam. Sie setzte sich auf und blickte aus dem Fenster, doch es gab nur die schier endlose Wüste zu sehen, die in der unbarmherzigen Hitze lag. Arabella schob den Vorhang der Abteiltür zurück und spähte durch das Fenster auf der anderen Seite des Waggons, aber auch hier bot sich dem Auge nichts als Sand und Gänsefußsträucher. Anscheinend waren sie doch noch nicht am Ziel der Reise, wie Arabella insgeheim gehofft hatte. Als niemand kam, um ihr zu sagen, was es mit dem Halt auf sich hatte, streckte sie den Kopf neugierig zum Fenster hinaus. Im Reisezugwagen weiter vorn hatte sich ein Mann mittleren Alters ebenfalls aus dem Fenster gebeugt. Arabella hörte, wie er zu jemandem im Innern sagte: »Da liegt ein totes Tier auf den Gleisen. Es muss fortgeschafft werden. Und der Wind hat Sand auf die Schienen geweht.«

Das Tier, ein großes Kängurumännchen, das offenbar im Kampf mit einem anderen Männchen tödliche Verletzungen davongetragen hatte, wurde von den Schienen gezerrt. Doch es würde sehr viel länger dauern, den Sand von den Gleisen zu schaufeln.

Die Zeit verstrich unendlich langsam, und Arabella wurde unruhig. Die Sonne sank tiefer, die Schatten wurden länger. Wenigstens war es nicht mehr so glühend heiß. Als Arabella den Blick träge über die Landschaft schweifen ließ, fiel ihr eine ungewöhnliche Blume nur wenige Meter vom Zug entfernt auf. Die Blüte war leuchtend rot und in der Mitte tiefschwarz. Arabella liebte Blumen, und eine wie diese hatte sie nie zuvor gesehen. Inmitten der dürren Gänsefußsträucher wirkte sie wie ein kostbares Juwel. Arabella überlegte, ob sie aussteigen und die exotische Blume pflücken sollte, verwarf den Gedanken aber. Es war zu gefährlich; schließlich konnte der Zug jeden Moment weiterfahren.

Fünfzehn lange Minuten vergingen. Allmählich senkte sich die Dämmerung herab. Noch immer zog die wunderschöne Blume Arabellas Blick wie magisch auf sich. Schließlich stand sie auf und spähte in den Korridor hinaus. Niemand war zu sehen. Sie eilte die paar Schritte bis zur Waggontür und öffnete sie. Bis zu der Blume waren es höchstens vier Meter.

Die habe ich schnell gepflückt, sagte sich Arabella. In fünf Sekunden bin ich wieder im Zug. Und falls er doch vorher anfährt, kann ich immer noch aufspringen. Da sie Pantoffeln trug, würden ihr weder die Steine im roten Wüstensand noch die kleinen Dornensträucher etwas anhaben können. Eine Hand auf dem Geländer, trat sie auf die oberste Holzstufe des Einstiegs. Als sie den Fuß auf die nächste Stufe setzen wollte, verfing sie sich in ihrem langen Nachthemd, verlor das Gleichgewicht, musste den Handlauf loslassen, um sich nicht den Arm zu verdrehen, und landete unsanft im Sand neben der Bahnstrecke. Instinktiv stützte sie sich mit einer Hand ab und fasste dabei in dorniges Gestrüpp.

»Autsch!« Ein heftiger Schmerz fuhr Arabella durch den Fußknöchel und die Hand, der ihr die Tränen in die Augen trieb. »Verflixt!«

Plötzlich stieß die Lokomotive fauchend Dampf aus, und der Zug fuhr ruckend an.

»O nein!« In Panik versuchte Arabella aufzustehen, doch der Knöchel, mit dem sie umgeknickt war, gab nach, und ihre Handfläche pochte vor Schmerz. »Halt! O Gott … halt!«, schrie sie verzweifelt. Trotz der Schmerzen rappelte sie sich hoch und hinkte zum Zug, doch der Einstieg mit dem Handlauf war bereits zu weit weg, und es gab nichts, woran sie sich hätte festhalten können. Der Zug gewann an Fahrt, und Arabella musste hilflos mit ansehen, wie die letzten Waggons an ihr vorbeirumpelten. Da es sich um Güterwaggons handelte, gab es niemanden, der sie bemerkte oder den sie hätte auf sich aufmerksam machen können. Schlimmer noch – niemand wusste, dass sie den Zug verlassen hatte.

»Mummy! Daddy!«, rief sie entsetzt und hob die Arme. »Wartet …!«

Arabella ließ die Arme langsam sinken. Sie stand wie versteinert da und starrte fassungslos dem Zug nach, der in der Unendlichkeit der Landschaft verschwand. Als ihr klar wurde, dass man sie mutterseelenallein in dieser lebensfeindlichen Ödnis zurückgelassen hatte, ergriff sie namenloses Entsetzen, und sie brach in Tränen aus.

So schnell würde niemand nach ihr suchen. Ihre Eltern saßen ahnungslos beim Kartenspielen. Arabella wusste, dass sie darüber oft die Zeit vergaßen und manchmal die halbe Nacht spielten. Sie würden zu Bett gehen und nicht bemerken, dass ihre Tochter verschwunden war; es würde ihnen frühestens am nächsten Morgen auffallen, wenn sie hinter den Vorhang sahen und realisierten, dass sie nicht in ihrem Bett lag. Arabella stand verlassen in der Wüste, und kein Mensch wusste, wo sie war. Der Gedanke war so unfassbar, dass sie einen verzweifelten Schrei ausstieß. Ihre Stimme verlor sich in der unendlichen Weite ringsum.

Als sie den Zug vollends aus dem Blick verloren hatte, ließ sie sich in den Sand fallen, legte den Kopf auf die Knie und schluchzte. Auf einmal krabbelte etwas an ihrem Bein entlang. Kreischend vor Entsetzen sprang sie auf und stampfte mit dem Fuß in den Sand. Ein stechender Schmerz schoss durch ihren Knöchel und trieb ihr von neuem Tränen in die Augen. Hastig riss sie den Saum ihres Nachthemds hoch. Ein großes Insekt kroch über die Innenseite ihres Schenkels. Schaudernd vor Abscheu schlug Arabella es weg. Dann schleppte sie sich zu den Gleisen und humpelte in die Richtung, die der Zug genommen hatte.

Wirre Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Ich könnte nach Alice Springs laufen, dachte sie. Ich muss nur den Gleisen folgen, dann verirre ich mich nicht. Dann aber fiel ihr ein, dass ihre Mutter gesagt hatte, sie würden erst am nächsten Morgen in Alice Springs eintreffen. Arabella machte sich nichts vor. Eine solche Strecke würde sie niemals zu Fuß schaffen, zumal ihr schmerzender Knöchel jetzt schon geschwollen war.

Als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, fielen die Temperaturen dramatisch. Arabella zitterte vor Kälte in ihrem dünnen Nachthemd. Hinzu kam die Angst in der undurchdringlichen Finsternis, die sich über das Land gesenkt hatte. Es war eine solch tiefe Dunkelheit, wie Arabella sie nie zuvor erlebt hatte. Sie konnte die Schwellen nicht mehr sehen und stieß sich ständig die Zehen an; ihr verstauchter Knöchel schmerzte höllisch. Schließlich verließ sie die Gleise und stolperte neben der Bahnstrecke durch den Sand.

Erst als der Mond aufging und die Sterne am tiefschwarzen Himmel funkelten, konnte Arabella etwas erkennen, doch Bäume oder Felsen, in deren Schutz sie die Nacht verbringen könnte, waren nirgends auszumachen. Von Zeit zu Zeit huschte ein Schatten vorüber, riesige Insekten und kleine nagetierähnliche Geschöpfe, und jedes Mal schrie Arabella erschrocken auf.

Bald klapperte sie mit den Zähnen vor Kälte, und sie konnte ihre Füße kaum noch spüren. Ihre Hoffnung, dass der Zug noch in dieser Nacht zurückkehren würde, schwand mit jeder Minute. Es kam ihr vor, als irrte sie bereits seit Stunden durch die Einöde. Immer wieder sagte sie sich, es würde nicht mehr lange dauern, bis ihre Eltern bemerkten, dass sie verschwunden war, und den Lokführer zur Umkehr drängten. Arabella musste sich an diese Hoffnung klammern, wollte sie nicht den Verstand verlieren. Doch als die Minuten sich zu Stunden dehnten, verflog ihre Zuversicht. Mit der Erschöpfung wuchs ihre Niedergeschlagenheit. Sie war inzwischen völlig durchgefroren und konnte sich nur noch mühsam auf den Beinen halten. Immer wieder stolperte sie und fiel auf die Knie, die bald zerschrammt und blutig waren. Irgendwann konnte sie vor Müdigkeit kaum noch die Augen offen halten. Sie kam schwankend wie eine Betrunkene von der Bahnstrecke ab. Arabella war mit ihrer Kraft am Ende. Als sie das nächste Mal strauchelte und fiel, blieb sie völlig geschwächt im Sand liegen. Vergeblich kämpfte sie gegen die Müdigkeit an, und schließlich fielen ihr die Augen zu.

Als die Dunkelheit allmählich dem Tageslicht wich, lag Arabella immer noch im ohnmachtsähnlichen Schlaf der Erschöpfung da. Irgendetwas kitzelte sie, und langsam schlug sie die Augen auf. Sie schrie entsetzt: Die größte Spinne, die Arabella jemals gesehen hatte, krabbelte an ihrem Bein entlang. Vor Abscheu und voller Panik schüttelte sie ihr Bein. Die Spinne fiel herunter und flüchtete unter ein Gestrüpp. Als Arabella sich ein wenig beruhigt hatte, schaute sie sich um. Verzweiflung überkam sie, als sie nirgends die Bahnstrecke entdecken konnte. Alles sah fremd aus. Das Land war flach und endlos weit; auf dem roten Sand kämpften dorniges Gestrüpp und unscheinbare Gänsefußsträucher ums Überleben. Arabella sah keine Landmarken, die ihr zur Orientierung hätten dienen können, weder Felsformationen noch Hügel oder Baumgruppen. Langsam stand sie auf und drehte sich im Kreis. Ihr Blick fiel auf einen einsamen Baum in der Ferne, dem einzigen weit und breit. Sie beschloss, dorthin zu gehen, in der Hoffnung, ein wenig Wasser oder vielleicht sogar essbare Früchte zu finden. Ohne Wasser hätte der Baum in dieser kargen Vegetation ja kaum überleben können.

Arabellas Knöchel war zwar noch geschwollen, tat aber nicht mehr ganz so weh. Dennoch kam sie nur langsam voran, denn ihre Glieder fühlten sich taub und steif an. Sie war durchgefroren und dankbar für die Wärme, die die aufgehende Sonne spendete. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so gefroren zu haben – und das nach der Gluthitze des vergangenen Tages. Die Temperaturschwankungen in diesem Wüstenklima waren schier unvorstellbar. Und die Nacht war nicht nur bitterkalt gewesen, sondern auch feucht. Arabella hustete. Ihr Mund war so ausgetrocknet wie die Landschaft ringsum. In ihrer Not leckte sie den Tau von den Blättern der Sträucher, an denen sie vorbeikam.

Ein merkwürdiges Geräusch ließ sie herumfahren. Fünf Emus näherten sich. Sie gaben einen bedrohlichen Trommellaut von sich. Die Schnäbel der Laufvögel waren messerscharf und ihre muskulösen Beine sehr kräftig. Die langen Krallen können einem Menschen bestimmt schreckliche Wunden schlagen, dachte Arabella. Die Tiere musterten die junge Frau aus ihren dunklen, neugierigen Augen, und sie bekam Angst. Schreiend rannte sie los, so schnell sie konnte. Sie stürzte, rappelte sich hoch, hinkte weiter, fuchtelte mit den Armen und kreischte hysterisch. Hätte sie sich umgedreht, hätte sie gesehen, dass ihr Geschrei die Emus längst vertrieben hatte.

Endlich hatte sie den Baum erreicht, ging hinter dem Stamm in Deckung und spähte vorsichtig, mit wild klopfendem Herzen, dahinter hervor. Verdutzt stellte Arabella fest, dass die Emus in weiter Ferne unbekümmert über den Sand staksten. Einen Augenblick kam sie sich schrecklich dumm vor, weil sie sich vor den Tieren gefürchtet hatte. Beinahe wünschte sie sich, die Emus wären dageblieben, damit sie nicht so allein wäre. Ihr Magen knurrte vor Hunger, und sie hob den Blick und suchte die Äste nach Früchten oder Beeren ab, doch außer einem verlassenen Vogelnest war nichts zu entdecken. Auch von Wasser gab es weit und breit keine Spur. Grenzenlose Verzweiflung überkam Arabella. Sie hockte sich hin. »Bitte komm und hol mich, Mummy«, schluchzte sie. »Lass mich nicht hier draußen sterben!«

Gegen sechs Uhr an diesem Morgen kam der Afghan-Express mit einem so heftigen Ruck zum Stehen, dass die Passagiere unsanft aus dem Schlaf gerissen wurden. Edward Fitzherbert warf einen Blick aus dem Abteilfenster und sah, dass der Zug auf freier Strecke hielt. Lag schon wieder ein Tierkadaver auf den Gleisen? Edward wartete ein paar Minuten und lauschte. Dann stand er auf, um nachzusehen, was draußen los war. Clarice hatte sich noch einmal auf die andere Seite gedreht. Edward spähte hinter den Vorhang zwischen den Abteilbetten und stellte verwundert fest, dass Arabellas Bett leer war. Seltsam. Sie hatte das Abteil während der gesamten Zugfahrt nicht verlassen. Dann aber sagte er sich, dass sie vermutlich auf der Toilette war, die zum Abteil gehörte.

Als Edward sich seinen Morgenrock übergeworfen hatte und seine Pantoffeln suchte, klopfte es an der Abteiltür. Ein Schlafwagenschaffner stand draußen.

»Ich muss Sie bitten, sich anzuziehen, Sir. Alle Fahrgäste müssen den Zug verlassen. Nehmen Sie nur das Nötigste mit.«

»Was ist denn passiert?«, wollte Edward wissen.

»Der Zug kann nicht weiter. Termiten haben die Schwellen zerfressen. Auf welcher Länge, wissen wir noch nicht, aber eine Weiterfahrt wäre in jedem Fall zu riskant. Wir müssen zu Fuß weiter. Ihr Gepäck wird später abgeholt.«

»Zu Fuß? Wie weit ist es denn noch?«

»Ungefähr fünf Meilen, Sir. Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss die anderen Fahrgäste informieren.« Schon eilte er davon.

»Was ist los, Schatz?«, murmelte Clarice schlaftrunken, als Edward die Tür geschlossen hatte.

»Der Zug kann nicht weiter, weil die Schwellen von Termiten zerfressen wurden. Wir müssen unseren Weg zu Fuß fortsetzen, hat der Schaffner gesagt.« Während er sprach, klopfte er leise an die Toilettentür, aber niemand antwortete.

»Seltsam«, sagte er. »Ich dachte, Arabella wäre auf der Toilette, aber sie antwortet nicht.«

»Arabella? Arabella!«, rief Clarice. Keine Antwort. »Schau bitte nach, Schatz«, bat sie ihren Mann.

Edward öffnete die Toilettentür. Verwundert drehte er sich zu seiner Frau um. »Leer.«

Clarice schwang die Beine aus dem Bett. »Ich ziehe mich an und packe unsere Sachen. Du siehst unterdessen nach, wo Arabella steckt.«

Kurze Zeit später kehrte Edward ins Abteil zurück. Seine Miene war besorgt.

»Hast du sie gefunden?«, fragte Clarice.

Er schüttelte den Kopf. »Niemand hat sie gesehen.«

Clarice sah ihn beunruhigt an. »Das gibt’s doch nicht, sie muss doch irgendwo sein! Hast du die Harris von nebenan schon gefragt?«

»Ja, aber die haben sie auch nicht gesehen. Vielleicht hat sie sich jemandem in einem der anderen Waggons angeschlossen.« Edward bemühte sich, seine aufsteigende Panik zu unterdrücken. Arabella konnte sich schließlich nicht in Luft aufgelöst haben.

Mit dem Nötigsten bepackt, eilten Edward und Clarice den Korridor entlang. Zugbegleiter halfen den Fahrgästen beim Aussteigen. Einige Passagiere gingen bereits an der Bahnstrecke entlang in Richtung Stadt. Clarice stieg aus, während Edward oben in der Tür stehen blieb und den Blick über die Fahrgäste schweifen ließ. Doch sosehr er sich den Hals verrenkte, er konnte Arabella nirgends entdecken.

Edward stieg die Stufen hinunter. Er hörte, wie Clarice, die schon vorausgegangen war, immer wieder den Namen ihrer Tochter rief, und eilte ihr nach.

»Ich kann sie nirgends finden, Edward!« Die Panik in ihrer Stimme war unüberhörbar.

Das Zugpersonal trieb die Fahrgäste zur Eile an. Bald würde es unerträglich heiß werden.

»Bitte gehen Sie weiter«, drängte der Zugführer.

»Ohne unsere Tochter gehen wir nirgendwohin!«, fuhr Edward ihn an. »Sie muss noch im Zug sein. Wir gehen nicht von hier weg, bis wir sie gefunden haben!«

Eine halbe Stunde später waren auch die letzten Passagiere ausgestiegen, doch Arabella war immer noch wie vom Erdboden verschluckt. Clarice’ Furcht schlug in Hysterie um. Edward war erbost, weil das Zugpersonal so wenig Anteilnahme zeigte.

»Jedes Abteil muss durchsucht werden!«, verlangte er nachdrücklich.

»Beruhigen Sie sich, Sir«, sagte der Zugführer, »wir machen das schon. Wenn Ihre Tochter noch im Zug ist, werden wir sie finden.« Er vermutete, dass die Fitzherberts sich mit ihrer Tochter gestritten hatten, sodass sie sich aus Trotz jemand anderem angeschlossen hatte, ohne ihren Eltern ein Wort davon zu sagen. Andererseits hatte der Zug nur einundvierzig Fahrgäste gehabt, und auf keinen von denen, die sich zu Fuß auf den Weg nach Alice Springs gemacht hatten, traf Arabellas Beschreibung zu.

»Natürlich ist sie noch im Zug!«, ereiferte sich Edward, den so viel Gemütsruhe zur Raserei brachte. »Wo soll sie denn sonst sein?«

Zwanzig qualvolle Minuten später war der Zug bis in den letzten Winkel durchsucht worden, doch von Arabella fand sich keine Spur.

»Wo ist unsere Tochter dann?«, wollte Edward wissen, der in der Zwischenzeit noch einige Mitreisende befragt hatte.

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, Sir«, antwortete der Zugführer.

»Was soll das heißen? Kommt es öfter vor, dass Ihnen unterwegs Fahrgäste abhanden kommen?«

»Natürlich nicht!«, rief der Zugführer gereizt.

Clarice sah ihren Mann bestürzt an. »Du denkst doch nicht etwa … Arabella wird doch nicht …?« Sie schlug entsetzt die Hand vor den Mund.

Edward begriff nicht. »Was meinst du, Liebes?«

Clarice wandte sich dem Zugführer zu. »Könnte es sein, dass … dass unsere Tochter aus dem Zug gefallen ist?«, fragte sie mit vor Angst schriller Stimme.

»Nun ja … Ihr Wagen war der letzte, und falls Ihre Tochter die hintere Zugtür geöffnet hat, dann … dann könnte es möglich sein«, erwiderte er stockend. Der Gedanke war ihm selbst auch schon gekommen, doch er hatte nicht gewagt, es laut auszusprechen, denn es käme für das Mädchen einem Todesurteil gleich. Noch nie war ein Passagier aus dem fahrenden Zug gefallen. Die Vorstellung war entsetzlich, aber welche Erklärung konnte es sonst geben?

»Mein Gott.« Alle Farbe wich aus Clarice’ Gesicht. Sie schwankte, und Edward konnte sie gerade noch auffangen. Er half ihr, sich auf eines ihrer Gepäckstücke zu setzen. Sein Blick wanderte die Bahnstrecke entlang, die sich am Horizont in der Wüste verlor, und schaudernd stellte er sich vor, wie Arabella verletzt und hilflos irgendwo in der glutheißen Weite lag und auf den Tod wartete.

»Ich muss zurück und meine Tochter suchen«, sagte er entschlossen.

Jetzt war es der Zugführer, der blass wurde. »Das kann ich nicht zulassen, Sir.«

»Und was wollen Sie dagegen tun? Mich aufhalten?«, stieß Edward zornig hervor.

»Sir, Ihrer Tochter ist nicht geholfen, wenn Sie jetzt auf eigene Faust losgehen und vielleicht dabei umkommen. Sobald wir in Alice Springs sind, werden wir die Behörden alarmieren, damit sie eine sofortige Suche einleiten.«

Clarice klammerte sich an Edwards Arm. »Er hat Recht, Edward. Der Zug hat heute Nacht einige hundert Meilen zurückgelegt. Du kannst diese Strecke nicht zu Fuß gehen!«

Die Worte seiner Frau trafen Edward wie ein Schlag in den Magen. Die Entfernungen in diesem Land waren gewaltig. Wie sollten sie Arabella in einem Gebiet von so riesigen Ausmaßen finden?

Der Zugführer rief zwei Angestellte herbei und befahl ihnen, das Gepäck der Fitzherberts zu tragen. »Wo werden Sie in Alice Springs wohnen, Sir?«

»Im Central Hotel in der Todd Street«, antwortete Edward benommen.

»Wir werden Ihre Sachen dorthin bringen, Sir. Kümmern Sie sich um Ihre Frau. Sie braucht Sie jetzt. Sobald wir in Alice Springs sind, werde ich die Polizei informieren, damit die Suche unverzüglich eingeleitet wird. Nur so hat Ihre Tochter eine Chance, Sir.«

Arabella schlug die Augen auf und stieß einen gellenden Schrei des Entsetzens aus. Unzählige Ameisen krabbelten über ihre Beine. Sie sprang auf, stampfte mit den Füßen und streifte mit beiden Händen hektisch die wimmelnden Tiere von ihrer Haut, die von den schmerzhaften Bissen brannte. Nie wieder würde sie sich in dieser elenden Wüste auf den Boden legen! Arabella rieb sich die Beine mit Sand ab und humpelte aus dem kärglichen Schatten des Baumes in die gleißende Sonne. Als sie an sich hinunterschaute, erschrak sie heftig. Ihre Haut war übersät mit roten, juckenden Quaddeln. Vor Schmerz und Verzweiflung brach sie in Tränen aus. Sie sehnte sich nach der Geborgenheit ihres Elternhauses in London, nach menschlicher Gesellschaft, nach der Betriebsamkeit der Stadt. Ihre elende Situation erschien ihr wie ein Albtraum. Sie begriff nicht, wie sie in eine solche Lage hatte geraten können.

Musste sie hier draußen sterben? Sie stellte sich vor, wie jemand eines Tages ihr Skelett entdeckte. Oder es würde nie gefunden, und ihre Eltern würden niemals erfahren, was geschehen war …

Der Gedanke war ihr unerträglich.

Ringsum herrschte Totenstille. War der Zug vorbeigefahren, als sie geschlafen hatte, und sie hatte ihn nicht gehört? Arabella fragte sich, wie weit sie sich von der Bahnstrecke entfernt hatte. Suchend ließ sie den Blick über die flirrende Landschaft schweifen. Die Sonne stach unbarmherzig, und sie spürte, wie ihre Arme schmerzhaft brannten, doch unter den Baum, wo der Ameisenhaufen war und anderes Getier herumkroch, würde sie sich auf keinen Fall mehr setzen. In ihrem Kopf drehte sich alles, und der quälende Durst war kaum zu ertragen. Sie dachte an das trockene Sandwich, das sie im Zug verschmäht hatte. Jetzt hätte sie alles dafür gegeben. Und dazu ein großes Glas Wasser! Für ein Glas Wasser hätte sie dem Teufel ihre Seele verkauft.

Am frühen Nachmittag brach Arabella entkräftet zusammen. Trugbilder von vorbeifahrenden Zügen hatten ihren vor Hitze und Erschöpfung wirren Verstand genarrt. Sie verlor jeden Orientierungssinn und irrte im Kreis umher. Die Ameisenbisse an ihren Beinen juckten und brannten, und sie hatte rasende Kopfschmerzen.

Als sie in den glühend heißen Sand fiel, wusste sie, dass sie nie mehr aufstehen würde. Sie konnte nicht einmal mehr weinen. Salzige Schweißtropfen liefen ihr in die Augen, und sie senkte die Lider. Ihre Lippen waren geschwollen und rissig. Ihre Zunge fühlte sich wie ein Stück Leder an. War dies das Ende?

Plötzlich vernahm sie in der drückenden Stille, die nur vom Summen der Fliegen unterbrochen wurde, das Knacken eines Zweiges. Entsetzt dachte sie an die Wildhunde, die sie vom Zug aus gesehen hatten. Pirschten die Hunde sich heran, weil sie Beute witterten?

»Noch … bin ich nicht … tot«, lallte sie wirr. Sie öffnete ein Auge und blinzelte ins grelle Sonnenlicht. Ein dunkler Schatten beugte sich über sie. Erschrocken hob Arabella die Hand und schirmte ihre Augen ab, um besser sehen zu können. Sie blickte entsetzt in ein derbes, dunkelhäutiges Männergesicht mit breiter, flacher Nase und unergründlichen schwarzen Augen. Der Fremde hatte krauses Haar und eine flächige Stirn, und auf die Backenknochen waren ockerfarbene Zeichen gemalt. Arabella starrte den Mann wie versteinert an. Sie hörte Stimmen, verstand aber nicht, was sie sagten.

Einen Moment lang glaubte sie, ihr Verstand gaukle ihr etwas vor. Dann spürte sie, wie sie angestupst wurde – mit einem Stock, wie sie vermutete. Der Mann, dem der Stock gehörte, rief ihr in barschem Tonfall etwas zu. Er wirkte zornig. Angst erfasste Arabella. Mühsam richtete sie sich auf und sah, dass sie von Eingeborenen umringt war, die sie feindselig musterten. Verglichen mit diesen Fremden hatten sogar die Aborigines in Marree einen geradezu freundlichen Eindruck gemacht. Arabella schrie gellend. Die Ureinwohner fuhren erschrocken zurück und redeten dann in einer eigentümlich schnellen, völlig unverständlichen Sprache aufeinander ein. Arabella konnte nicht ahnen, dass sie sich darüber verständigten, offenbar eine Verrückte vor sich zu haben.

Mühsam rappelte Arabella sich hoch. Sie war überzeugt, dass die nächsten Augenblicke über Leben und Tod entscheiden würden. Obwohl sie Todesängste ausstand, versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen, sondern den Aborigines unerschrocken gegenüberzutreten. »Wagt es ja nicht … mich anzurühren!«, herrschte Arabella sie an und hoffte, dass die Fremden das Zittern in ihrer Stimme nicht bemerkten. »Mein … mein Vater wird euch erschießen lassen, wenn ihr mir … auch nur ein Haar krümmt!«

Die Männer vom Stamm der Arrernte schauten sich verblüfft an. »Eine Verrückte«, sagte Djalu, der Stammesälteste, in seinem Dialekt. Neugierig musterte er das sonnenverbrannte Gesicht der weißen Frau. »Sie sieht aus wie ein gebratener Emu«, stellte er lachend fest.

Die anderen stimmten in sein Gelächter ein und spotteten, an der Frau sei ja kaum was dran, so mager sei sie. Arabella blickte verwirrt von einem zum anderen. Machten diese Wilden sich etwa über sie lustig?

»Was tun wir mit ihr?«, wandte sich einer an Djalu. »Hier draußen wird sie bald sterben.«

»Wo sie wohl herkommt?«, wunderte sich ein anderer. Jetzt gesellten sich auch zwei Frauen und ein Kind zu der Gruppe. Arabella konnte sie nicht sehen, weil sie ihnen den Rücken zukehrte.

»Vermutlich aus Marree«, antwortete Djalu. »Möchte bloß wissen, was sie hier verloren hat, so weit weg von der Stadt.« Ob man sie davongejagt hatte, weil sie wirr im Kopf war? Oder war sie einfach losgegangen und hatte sich verlaufen?

Arabellas Gedanken überschlugen sich. Sie blickte verstohlen an sich hinunter. Ihr dünnes Nachthemd war zerrissen, weil sie immer wieder an dornigen Sträuchern hängen geblieben war. Unwillkürlich verschränkte sie die Arme über den Brüsten. Jetzt erst fiel ihr auf, dass die Eingeborenen bloß einen winzigen Lendenschurz aus Tierhaut trugen. Verlegen senkte Arabella den Blick. In diesem Moment drehte einer der Aborigines sich um. Als Arabella sein nacktes Hinterteil sah, stieß sie erneut einen gellenden Schrei aus, wirbelte herum und wollte davonrennen, blieb aber wie angewurzelt stehen. Sie sah sich zwei Frauen gegenüber.

Im ersten Moment war sie erleichtert. Die Frauen würden bestimmt Mitleid mit ihr haben. Doch dann sah sie deren nackte Brüste und war von neuem schockiert. Sie wurde rot vor Verlegenheit. Um die Hüften hatten die Frauen eine Tierhaut geknotet. Eine trug ein kleines nacktes Kind auf dem Arm, einen Jungen, der die weiße Frau aus riesengroßen braunen Augen staunend musterte. Arabella wurden die Knie weich. Offenbar waren diese Fremden äußerst primitiv. Das verhieß nichts Gutes …

Plötzlich legte sich von hinten eine Hand auf ihre Schulter. Mit einem Aufschrei fuhr sie herum. Der Mann hielt einen Stock in der erhobenen Hand. Arabella fürchtete, er wolle auf sie einschlagen, und fing abermals zu kreischen an. Die Aborigines zuckten erschrocken zurück.

Instinktiv versuchte Arabella zu fliehen, doch auf einen Zuruf Djalus bildeten die Männer einen Kreis um sie und drängten sie in eine bestimmte Richtung. Als Arabella auswich und zu fliehen versuchte, lief ein junger Aborigine ihr nach und zerrte sie zurück. Arabella schrie wie am Spieß. Sie war überzeugt, die Aborigines trieben nur ihre Späße mit ihr, um sie dann zu braten und zu verspeisen.

Die Aborigines waren jetzt sicher, dass die weiße Frau den Verstand verloren hatte. Da sie mit ihrem verletzten Knöchel nur langsam vorankam, hatten sie keine Mühe, mit ihr Schritt zu halten und sie wie ein Stück Vieh vor sich her zu treiben.

Nach einer Weile fiel Arabella erschöpft auf die Knie. In ihrem Kopf drehte sich alles, und sie bekam kaum noch Luft. »Bitte, gebt mir Wasser«, stöhnte sie. Sie war völlig ausgetrocknet und nicht mehr fähig, auch nur noch einen Meter weiterzugehen. Sie zeigte auf ihren Mund, um sich den Ureinwohnern verständlich zu machen. »Wasser … Wasser …«

Nach einer kurzen, heftigen Diskussion ging einer der Aborigines zu einer fleischigen Pflanze in der Nähe und begann, im sandigen Boden zu graben. Arabella fragte sich, was der Mann da tat. Offensichtlich hatten diese Leute nicht verstanden, worum sie gebeten hatte. Doch das spielte jetzt keine Rolle mehr. Arabella war überzeugt, nicht mehr lange durchzuhalten, sie hoffte nur, dass das Ende schnell und schmerzlos kam.

Zwei Männer schleiften sie zu dem Loch, das der Aborigine gegraben hatte. Arabella erstarrte. Diese Leute wollten sie bei lebendigem Leib verscharren! Sie wehrte sich verzweifelt und flehte um ihr Leben, doch die Männer ließen sie ungerührt in den Sand fallen. Da erst sah sie, dass sich Wasser darin befand. Es war trüb und brackig, aber es war Wasser ! Dankbar schöpfte sie es mit den Händen und trank gierig, obwohl es scheußlich schmeckte. Als der ärgste Durst gestillt war, fuhr sie sich mit nassen Händen über Gesicht und Hals. Was für eine Wohltat!

Schließlich hob Arabella wieder den Kopf. Sie glaubte in der flirrenden Hitze ein Gebäude und Bäume zu erkennen, doch sie war sicher, dass es nur eine Fata Morgana war, die ihr etwas vorgaukelte. Einer der Aborigines stupste sie mit dem stumpfen Ende seines Speers in den Rücken. Arabella drehte sich um. Djalu redete mit schroffer Stimme auf sie ein und zeigte heftig gestikulierend in die Richtung, in der sie das Gebäude und die Bäume zu sehen glaubte. Anscheinend wollte er, dass sie dorthin ging.

Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. »Alice Springs«, rief sie aufgeregt. »Ist das dort Alice Springs?« War es möglich, dass sie so weit gelaufen war? »Mummy, Daddy!«, schrie sie. »Ich bin hier! Ich komme!« Es interessierte sie nicht mehr, wo die Bahnstrecke verlief. Sie hatte es geschafft! Irgendwie hatte sie den Weg nach Alice Springs gefunden.

Arabella lief los, so schnell ihre Füße sie trugen. Sie fühlte sich schwach vor Hunger, doch ihre Eltern würden schon dafür sorgen, dass sie rasch wieder zu Kräften käme. Die Aborigines folgten ihr. Immer wieder wurde ihr das stumpfe Ende des Speers in den Rücken gestoßen. Schließlich hatte Arabella es satt. Sie fuhr zornig herum, doch der feindselige Ausdruck auf dem Gesicht des Speerträgers brachte sie zum Schweigen, noch ehe sie auch nur ein Wort gesagt hatte. Furchtsam drehte sie sich wieder um und hinkte hastig weiter.

»Wartet nur, wenn mein Vater erfährt, was ihr mir angetan habt«, knurrte sie trotzig über die Schulter. »Er wird euch am nächsten Baum aufknüpfen lassen!«

Bald konnte sie Dattelpalmen und Kamele erkennen. Durch die Palmen entstand der Eindruck einer schattigen Oase inmitten der Wüste. Arabella konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, zwang sich aber weiterzugehen. Sie sehnte sich danach, im kühlen Schatten auszuruhen. Der glühend heiße Sand verbrannte ihr die Fußsohlen durch ihre Pantoffeln hindurch. Die Ameisenbisse an ihren Beinen juckten und kribbelten, und in ihrem Kopf pochte ein dumpfer Schmerz. Grelle Lichtpunkte flimmerten vor ihren Augen. Die Häuser waren noch gut eine Meile entfernt. Hätten die Aborigines sie nicht jedes Mal, wenn sie vor Schwäche auf die Knie fiel, hochgezerrt und ihr grimmig zu verstehen gegeben, dass sie weitergehen solle, wäre sie einfach liegen geblieben.

Endlich erreichten sie die Ansiedlung. Arabella stutzte. Irgendwie kam die Stadt ihr bekannt vor. Als sie den Schienenstrang der Eisenbahn und den Bahnsteig erblickte, wusste sie, dass sie sich in Marree befand. Ein Aufschrei der Enttäuschung entfuhr ihr. Sie hatte so sehr gehofft, wieder mit ihren Eltern vereint zu sein!

Die Aborigines, die geglaubt hatten, Arabella wäre froh über die Rückkehr in die Zivilisation, sahen sich in ihrer Meinung bestätigt: Die weiße Frau hatte offensichtlich den Verstand verloren. Als sie an der Ghan-Siedlung vorbeikamen, sah Arabella Männer mit Turbanen, die unter den Palmen auf Teppichen knieten und beteten, alle in dieselbe Richtung gewandt, den Oberkörper so weit vorgebeugt, dass die Stirn den Boden berührte. Sie waren so in ihr Gebet vertieft, dass sie die seltsame Gruppe kaum beachteten – Aborigines, die eine junge, nur mit einem dünnen Nachthemd bekleidete Weiße mit zerzaustem Haar und einem Gesicht so rot wie der Wüstensand vor sich her trieben. Lediglich ein paar Eingeborenenkinder, die im Staub spielten, schauten der jungen Frau staunend nach.

Arabella strebte dem Hotel zu, so schnell sie konnte. Plötzlich hatte sie das Gefühl, allein zu sein. Sie drehte sich um und stellte fest, dass die Aborigines tatsächlich verschwunden waren, als hätte der Erdboden sie verschluckt. Verdutzt schaute sie sich um. Wie war das möglich? Diese Leute konnten sich doch nicht in Luft aufgelöst haben! Doch sie war viel zu erschöpft, um sich Gedanken darüber zu machen. Vor Schwäche, Hunger und Durst konnte sie kaum noch auf den Beinen stehen. Schiere Willenskraft trieb sie voran. Sie schleppte sich weiter und schwankte auf das Hotel zu, vor dem ein paar Pferde angebunden waren. Als sie die Tür erreichte, musste sie sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegenlehnen, um sie aufzubekommen. Arabella taumelte ins Innere. Ihre Augen brauchten ein paar Sekunden, bis sie sich nach dem grellen Sonnenschein an das dämmrige Licht gewöhnt hatten. Ein Mann und eine Frau standen hinter der Bar und starrten sie sprachlos an; an der Theke saßen, mit dem Rücken zu ihr, vier oder fünf Männer vor ihren Drinks.

»Ist der Zug … zurückgekommen?«, fragte Arabella mit schwacher Stimme. Sie registrierte noch die entgeisterten Blicke der Gäste, die sich umgedreht hatten und sie verblüfft ansahen, dann gaben ihre Knie nach, und sie wurde ohnmächtig.

2

gecko.jpg

Als die Fitzherberts in Alice Springs eintrafen, brachte Edward seine Frau ins Hotel und eilte dann unverzüglich zur Polizeiwache, um eine Vermisstenanzeige zu erstatten. Der Zugführer, ein gewisser Mr Hampton, war bereits dort. Kurz zuvor waren die Städte, die per Bahn versorgt wurden, telegrafisch informiert worden, dass der Zugverkehr vorläufig eingestellt werden musste, bis die Gleise instand gesetzt waren. Zur gleichen Zeit, als Mr Hampton das Verschwinden der jungen Frau meldete, stürzte zwischen Marree und Alice Springs ein Telegrafenmast um, wobei die Leitung heruntergerissen wurde.

»Wann werden Sie einen Suchtrupp losschicken?«, fragte Edward den Polizeibeamten.

»Vorher möchte ich Ihnen noch ein paar Fragen stellen, um andere Möglichkeiten auszuschließen«, antwortete Sergeant Menner.

»Was für andere Möglichkeiten?«, brauste Edward auf. »Meine Tochter liegt irgendwo da draußen! Wahrscheinlich ist sie verletzt und braucht unsere Hilfe!«

»Bevor wir eine Suche starten, müssen wir ganz sicher sein, dass sie aus dem Zug gefallen ist.«

»Was soll ihr denn sonst passiert sein?«, erwiderte Edward hitzig.

Der Sergeant seufzte. Er konnte den Mann gut verstehen. »Wann haben Sie Ihre Tochter das letzte Mal gesehen, Sir?«

»Gestern Abend. Meine Frau und ich sind in den Salonwagen gegangen, um mit dem Paar aus dem Abteil nebenan Rommé zu spielen. Arabella hatte keine Lust, uns zu begleiten. Sie war müde.«

»In was für einer Verfassung war sie?«

Edward sah ihn irritiert an. »Ich verstehe nicht …«

»War sie guter Dinge oder deprimiert?«

»Sie hatte keinen Grund, deprimiert zu sein.«

»Hat sie zu Abend gegessen?«

Edward wusste nicht, worauf der Sergeant mit seinen Fragen hinauswollte. Sein hilfloser Zorn wuchs. »Hören Sie«, stieß er gepresst hervor, »meine Tochter liegt dort draußen in der Wüste und ist vielleicht schwer verletzt. Wenn Sie nichts unternehmen, werde ich es tun!«

»Sobald ich das Zugpersonal befragt habe, stelle ich eine Suchmannschaft zusammen.«

»Und wie lange wird das dauern?«

»Schwer zu sagen. Das hängt davon ab, was ich in Erfahrung bringe.«

Edward war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. »Und wozu soll diese Befragung gut sein? Das Zugpersonal weiß auch nicht mehr als ich. Meine Tochter muss aus dem fahrenden Zug gefallen sein, eine andere Erklärung gibt es nicht!«

»Ich muss den Fall genau prüfen, bevor ich Männer in die Wüste hinausschicke und dadurch möglicherweise ihr Leben aufs Spiel setze. Die Wüste ist ein sehr gefährlicher Ort.«

Edward wurde bleich. »Ein Grund mehr, sofort nach meiner Tochter zu suchen! Wenn sie stirbt, nur weil Sie zuerst irgendwelche Fragen klären müssen, tragen Sie die Schuld an ihrem Tod!« Damit stürmte Edward hinaus. Er überquerte die Straße und betrat ein Hotel auf der anderen Seite. Drei Gäste saßen in der Bar. Der Barkeeper hantierte mit einem Geschirrtuch und polierte Gläser.

»Was darf ich Ihnen bringen, Sir?«, fragte er.

»Gar nichts. Sagen Sie mir lieber, wo ich ein paar Männer finde, die in der Wüste nach meiner Tochter suchen würden.«

Der Barkeeper hielt inne und warf Edward einen verdutzten Blick zu. »Sie ist abgehauen, hm? Und nun brauchen Sie gute Spurenleser, um sie dort draußen zu finden.«

»Sie ist nicht abgehauen«, protestierte Edward. »Wir vermuten, dass sie in der Nacht aus dem Afghan-Express gefallen ist.«

Der Barkeeper machte große Augen. »Verstehe. Nun, da draußen eine Leiche zu finden ist kein leichtes Unterfangen«, meinte er. »Wissen Sie denn ungefähr, wann es passiert ist?«

Edward glaubte, nicht richtig gehört zu haben, und starrte den Barkeeper offenen Mundes an.

»Wird nicht viel von ihr übrig sein«, mischte sich ein älterer Mann ein, der die Unterhaltung belauscht hatte.

Edward brachte vor Fassungslosigkeit kein Wort hervor. Dem betroffenen Barkeeper wurde klar, dass der Fremde gar nicht damit gerechnet hatte, seine Tochter könnte tot sein. Er stellte ihm einen Whiskey hin, den Edward in einem Zug hinunterstürzte, bevor er ein paar Münzen auf die Theke warf und die Bar ohne ein weiteres Wort verließ. Edward überquerte die Straße und betrat abermals die Polizeiwache. Als der Sergeant sein aschfahles Gesicht sah, wusste er, dass Edward Fitzherbert den Ernst der Lage begriffen hatte.

Edward stammelte: »Wir … wir müssen daran glauben, dass Arabella noch am Leben ist …«

»Wunder geschehen immer wieder, Sir«, sagte Sergeant Menner. Da er selbst Kinder hatte, konnte er sich vorstellen, was in dem Mann vorging.

»Genau, das stimmt!«, sagte Edward eifrig. »Ich kann meiner Frau doch nicht sagen, dass es keine Hoffnung mehr gibt! Um Himmels willen, das kann ich ihr unmöglich antun!«

Der Sergeant nickte. »Tatsache ist, dass wir möglicherweise keine Leiche finden werden, Sir. Darüber müssen Sie sich im Klaren sein. Es gibt Dingos da draußen, Raubvögel und Millionen Ameisen. Sie sagten, Sie hätten Ihre Tochter zuletzt in der Nähe von Marree gesehen?«

»Ja.«

»Das sind von hier aus etliche hundert Meilen. Mit Kamelen würde es Wochen dauern, die Gegend gründlich abzusuchen. Pferde sind für eine solche Distanz nicht geeignet, sie würden in der Wüste zugrunde gehen. Niemand kann da draußen länger als ein paar Tage überleben. Nicht einmal ein gesunder, kräftiger Mann. Und jemand, der verletzt ist …« Er beendete den Satz nicht.

»Ich werde mich nicht damit abfinden, dass meine Tochter tot sein soll. Ich werde nach ihr suchen«, beharrte Edward. »Sie könnte ja auch erst heute Morgen aus dem Zug gefallen sein, nur ein paar Meilen von hier, kurz bevor wir aussteigen mussten.«

Der Sergeant nickte. Er konnte verstehen, dass Edward sich an jeden Strohhalm klammerte. »Aber es ist zu gefährlich und obendrein viel zu anstrengend, Ihre Tochter auf eigene Faust zu suchen, Sir. Überlassen Sie das Leuten, die etwas davon verstehen. Ich werde meine besten Männer zu einer Suchmannschaft abkommandieren.«

»Wann?«

»Sobald wie möglich. Es ist besser, wenn Sie jetzt ins Hotel zurückkehren und sich um Ihre Frau kümmern«, fügte der Sergeant hinzu. »Ich werde mich bei Ihnen melden, sobald ich etwas Neues weiß.«

Auf dem Rückweg zum Hotel fiel Edward plötzlich ein, dass der Zug kurz hinter Marree gehalten hatte, weil ein Tierkadaver auf den Schienen gelegen hatte. Möglicherweise hatte Arabella die Gelegenheit genutzt, um auszusteigen und sich die Füße zu vertreten. Für einige Augenblicke erfüllte ihn Hoffnung. Dann aber meldeten sich Zweifel. Weshalb sollte Arabella freiwillig mitten in der Wüste aus dem Zug steigen, noch dazu nur mit einem Nachthemd bekleidet? Alle ihre anderen Sachen hatten sich ja noch im Abteil befunden. Arabella musste doch klar gewesen sein, dass der Zug jeden Moment weiterfahren konnte. Außerdem hasste sie die Hitze. Da die Telegrafenleitung unterbrochen war und die Reparatur möglicherweise Wochen dauerte, konnte keine Verbindung nach Marree hergestellt werden. Und warum sollte jemand aus Marree einfach in die Wüste spazieren und dabei Arabella finden?

Der Hoffnungsfunke erlosch schlagartig. Edward beschloss, seiner Frau keinen seiner Gedanken anzuvertrauen, um ihr keine falschen Hoffnungen zu machen. Die Worte des Sergeants fielen ihm wieder ein und gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Der Gedanke, seine Tochter könnte von wilden Tieren zerfleischt und gefressen werden, war Edward unerträglich. Er taumelte in die Bar des Central Hotel, bestellte einen doppelten Whiskey und leerte sein Glas in einem Zug.

»Alles in Ordnung, Sir?«, erkundigte sich der Barkeeper, dem das blasse Gesicht und die zitternden Hände des Gastes auffielen.

Edward schüttelte den Kopf. »Nein«, erwiderte er leise. Nichts würde jemals wieder in Ordnung sein. Er bestellte noch einen Drink und fragte sich, wie er seiner Frau unter die Augen treten und ihr die schmerzliche Nachricht überbringen sollte.

Arabella kam zu sich, als sie spürte, wie Fliegen ihr übers Gesicht krabbelten. Sie machte eine unwirsche Handbewegung und schlug die Augen auf. Eine Sekunde lang dachte sie, sie läge zu Hause in ihrem Bett und alles sei nur ein böser Traum gewesen. Dann aber sah sie die hässliche, verschossene Tapete, die sich an den Rändern von der Wand löste, und die in einer Ecke durchhängende Decke, und sie wusste, dass sie sich in einem fremden Zimmer befand. Die Vorhänge vor der geöffneten Balkontür waren aus zerschlissener Spitze, und das breite Bett mit dem Eisengestell und der durchgelegenen Matratze quietschte bei jeder Bewegung. Arabella stöhnte. Dieser Albtraum war Wirklichkeit.

Sie wollte sich aufsetzen, als die Zimmertür geöffnet wurde und eine schlanke Frau in einem gebrochen weißen Kleid mit verwaschenem lavendelfarbenem Muster hereinkam. Sie brachte ein Tablett mit einem Krug Wasser und einem Teller mit belegtem Brot. Ihre dunklen, über der Stirn leicht ergrauten Haare hatte sie zu einem Knoten zusammengesteckt. Ihr Gesicht war braun gebrannt, was die Lachfältchen in ihren Augenwinkeln hervorhob. Arabella schätzte die Frau auf Anfang vierzig.

»Sie sind ja wach«, stellte sie freundlich fest. »Wie fühlen Sie sich?«

»Grässlich. Wo bin ich hier?«, erwiderte Arabella. Sie hatte fürchterliche Kopfschmerzen und fühlte sich matt und kraftlos.

»In Marree. Sie sind vor ein paar Stunden ins Great Northern Hotel gewankt, wissen Sie nicht mehr?«

»Oh … ja, jetzt erinnere ich mich«, sagte Arabella leise, der mit einem Mal ihr schreckliches Abenteuer in der Wüste wieder einfiel.

»Ich bin Margaret McMahon, aber alle nennen mich Maggie. Mein Mann Tony und ich führen dieses Hotel seit acht Jahren. Wir sind schon sehr gespannt auf Ihre Geschichte. Wo kommen Sie her? Tony hat vorsorglich ein paar Spurenleser losgeschickt für den Fall, dass noch jemand dort draußen ist und Hilfe braucht.«

»Spurenleser?«

»Ja, es gibt ausgezeichnete Fährtensucher unter den Aborigines.«

»Da draußen ist niemand mehr«, murmelte Arabella.

»Aber wie sind Sie dann hierhergekommen?«

»Ich war in dem Zug, der gestern hier durchgefahren ist.«

Maggie sah sie verdutzt an. »Im Afghan-Express?«

»Ja, und die Nacht habe ich mutterseelenallein in der Wüste verbracht.«

»Aber … wieso denn? Sie sind doch noch ein halbes Kind! Was hat eine so junge Frau wie Sie ganz allein in der Wüste verloren? Sind Sie aus dem Zug gefallen?« Maggie wusste nicht, was sie von der Geschichte halten sollte. Von einem Zugunglück war ihr nichts bekannt, und es erschien ihr sehr unwahrscheinlich, dass ein Fahrgast einfach so verloren ging.

Arabella war es gewohnt, für jünger gehalten zu werden, als sie war, und doch kränkte es sie jedes Mal aufs Neue. »Ich bin neunzehn Jahre alt«, entrüstete sie sich.

»Tatsächlich?« Maggie hätte sie auf höchstens vierzehn geschätzt. Ungläubig ließ sie ihre Blicke über Arabellas knabenhaften Körper gleiten.

»Ist der Zug schon zurückgekommen?«, fragte Arabella. »Inzwischen muss man doch bemerkt haben, dass ich verschwunden bin.«

»Der Zug … zurückgekommen?« Maggie schüttelte den Kopf. Wie konnte jemand auf so eine Idee kommen? Glaubte dieses Mädchen im Ernst, der Zug würde ihretwegen zurückfahren? »Nein, und es wird in nächster Zeit auch kein Zug mehr erscheinen. Heute Morgen haben wir ein Telegramm erhalten. In der Nähe von Alice Springs sind die Eisenbahnschwellen auf einer Länge von einer Meile von Termiten zerfressen.«

Seltsam, dass in dem Telegramm kein Wort davon stand, dass jemand aus dem Zug gefallen ist, überlegte Maggie. Ob dieses Mädchen sich die Geschichte nur ausgedacht hatte? Andererseits würde niemand damit rechnen, dass jemand einen Sturz aus einem fahrenden Zug überlebte oder dass man eine Leiche fand.

»Der Zug hat auf freier Strecke gehalten«, fuhr sie fort, »und die Fahrgäste mussten die restlichen fünf Meilen bis zur Stadt zu Fuß gehen. Es wird Monate dauern, um die Schwellen auszutauschen. Aber so was sind wir hier gewohnt. Heuschreckenplagen, Sandstürme … von der Dürre gar nicht erst zu reden. Seit fünf Jahren leiden die Stadt und die umliegenden Farmen darunter. Würden die Kamele uns nicht das Wasser bringen, wäre hier alles längst zu Staub zerfallen. Und jetzt, wo der Afghan-Express nicht mehr verkehrt, werden die Kamele uns auch Lebensmittel aus dem Süden in die Stadt transportieren müssen.«

Arabella durchzuckte ein Gedanke. »Sie sagten, Sie hätten ein Telegramm bekommen. Ich könnte meinen Eltern in Alice Springs telegrafieren, wo ich bin, damit sie mich holen«, sagte sie aufgeregt.

Maggie zog die Stirn in Falten. »Wie stellen Sie sich das vor? Ich wüsste nicht, wie Ihre Eltern hierherkommen könnten. Der Zug ist unsere einzige Verbindung nach Alice Springs. Außerdem ist die Telegrafenleitung zusammengebrochen. Wir sind im Moment völlig von der Außenwelt abgeschnitten.«

Arabella konnte nicht fassen, dass sie so sehr vom Pech verfolgt wurde. »Was ist denn passiert?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Maggie achselzuckend. »Als wir versucht haben, wegen dem Zug zu telegrafieren, sind wir nicht durchgekommen. Die Leitung war tot.«

»Soll das heißen, dass ich in diesem Nest hier festsitze?«, jammerte Arabella. »Gibt es keine Möglichkeit, meine Eltern zu benachrichtigen?«

»Vorerst nicht. Aber vielleicht ist der Schaden an der Telegrafenleitung ja bald behoben.« Maggie wusste, dass sie eine unverbesserliche Optimistin war. Hier draußen im Outback brauchte alles sehr, sehr viel Zeit. »Wie heißen Sie eigentlich?«

»Arabella Fitzherbert.«

»Nun, Arabella …«, begann Maggie freundlich.

»Miss Arabella Fitzherbert.«

Eine zwanglose Anrede, wie Maggie sie gewohnt war, kam für die junge Frau offenbar nicht in Betracht.

»Nun, Miss Arabella Fitzherbert, Sie haben mir immer noch nicht verraten, wie es kommt, dass der Zug ohne Sie weitergefahren ist. Sind Sie hinausgefallen?« Der Zug war ziemlich langsam gefahren; Maggie hatte es selbst beobachtet. Vielleicht war der Aufprall beim Sturz von Dickicht gedämpft worden. Das würde erklären, warum die junge Frau lediglich ein paar Schrammen und Blutergüsse davongetragen hatte. Die Behörden in Alice Springs würden allerdings davon ausgehen, dass sie ums Leben gekommen war. Ob verletzt oder nicht – ohne Flüssigkeit konnte ein Mensch nur wenige Tage in der Wüste überleben. Deshalb war mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass man gar nicht erst nach der jungen Frau suchte. Es würde Wochen dauern, bis eine Suchmannschaft auf Kamelen die ganze Gegend von Alice Springs bis Marree durchkämmt hätte, und bis dahin wären von der Vermissten nur noch bleiche Knochen übrig. Eine Straße gab es nicht, und im Wüstensand kam kein Automobil voran. Und wer sich zu Fuß auf den Weg machte, würde seinen Leichtsinn mit dem Leben bezahlen.

Mit Tränen in den Augen sagte Arabella: »Der Zug musste auf offener Strecke halten, weil ein Tierkadaver auf den Schienen lag. Es dauerte schrecklich lange. Da bin ich ausgestiegen, um eine Blume zu pflücken, die ich entdeckt hatte. Ich bin auf dem Tritt ausgerutscht und hab mir dabei den Knöchel verdreht. In dem Moment fuhr der Zug an, und ich kam nicht schnell genug auf die Füße. Und dann war er auch schon weg …«

»Verstehe«, sagte Maggie langsam. Auf den Gedanken, dass Arabella bei einem kurzen Halt ausgestiegen war, war bestimmt niemand gekommen. »Aber Ihre Eltern müssen doch gemerkt haben, dass Sie nicht mehr da sind?«

»Sie waren zum Kartenspielen in den Salonwagen gegangen, und da wird es meist sehr spät. Wahrscheinlich haben sie erst heute Morgen gesehen, dass ich verschwunden bin.«

»Ich verstehe.« Selbst wenn die Eltern das Verschwinden ihrer Tochter früher bemerkt hätten und den Lokomotivführer zur Umkehr hätten bewegen können, hätten die Chancen, Arabella in der Wüste zu finden – noch dazu nachts –, eins zu einer Million gestanden. Das war Maggie völlig klar.

»Und dann bin ich die ganze Nacht in dieser mörderischen Kälte umhergeirrt«, fügte Arabella voller Selbstmitleid hinzu.

Maggie nickte. »Ja, nachts kann es in der Wüste bitterkalt werden. Wir müssen hier acht Monate im Jahr nach Sonnenuntergang heizen. Aber wie haben Sie hierhergefunden? Das grenzt an ein Wunder.«

»Ein paar Aborigines haben mich gefunden und hergeführt. Ich hatte schreckliche Angst, sie würden mich umbringen.«

»Wie kommen Sie denn darauf?« Maggie sah sie verwundert an. Sie hatte noch keinen Aborigine getroffen, der aggressiv gewesen wäre.

»Einer hat mir ständig seinen Speer in die Rippen gestoßen. Ein anderer hatte einen Ast in der Hand und wollte mich schlagen. Ich hatte Todesangst!«

»Er wollte Sie schlagen?«, fragte Maggie verwirrt.

Arabella nickte heftig.

Maggie betrachtete nachdenklich die sonnenverbrannte Haut des mageren Mädchens. »Sind Sie sicher, dass er Ihnen den Zweig nicht zum Schutz vor der Sonne über den Kopf halten wollte?«

»Was reden Sie denn da?«

»Er hat bestimmt gesehen, wie verbrannt Ihre Haut ist.«

Arabella fand die Vorstellung geradezu lächerlich. »Als ob diese Wilden an so was denken würden!«

Maggie war wütend über so viel Arroganz. »Diese Wilden, Miss Fitzherbert, sind hervorragend an das Leben in der Wüste angepasst. Sie können dort überleben, während wir schon nach kürzester Zeit verdursten oder verhungern würden.«

Arabella musste zugeben, dass sie ohne die Hilfe der Aborigines umgekommen wäre. Aber wie diese Leute sie behandelt hatten! Und wie sie herumliefen! »Sie hatten nichts an«, sagte sie angewidert. »Sogar die Frauen waren fast nackt. Nur primitive Wilde laufen so herum!«

»Kleidung zu tragen macht für die Aborigines keinen Sinn. Ganz abgesehen davon, dass Wasser hier draußen viel zu kostbar ist, um es zum Wäschewaschen zu vergeuden.«

Arabella fiel plötzlich auf, dass Maggies Kleid ein bisschen schmuddelig war. Sie rümpfte die Nase. »Da wir gerade von Wasser sprechen – ich kann es kaum erwarten, ein Bad zu nehmen.«

Maggie schüttelte den Kopf. »In unserer Badewanne liegt zentimeterhoch der Staub, so lange wurde sie nicht benutzt. Und daran wird sich auch nichts ändern.«

Arabella starrte sie entgeistert an.

»Während einer Dürreperiode können wir kein Wasser fürs Baden verschwenden«, erklärte Maggie. »Erst recht nicht, wenn die Dürre seit Jahren anhält, so wie diesmal.«

»Dann müssen Sie eine Ausnahme machen!«, rief Arabella. »Sie können doch nicht von mir erwarten, dass ich wie ein Dreckspatz herumlaufe. So fürchterlich habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gerochen.« Arabella schnupperte an ihren Achselhöhlen und rümpfte abermals die Nase.

»Das wird hier niemanden stören, Miss Fitzherbert. Eine Schüssel Wasser zum Waschen können Sie gern haben. Aber schütten Sie es nicht weg, wenn Sie fertig sind. Ich nehme es zum Gießen im Gemüsegarten.« Maggie schenkte ihr ein Glas Wasser ein und reichte es ihr. »Sie müssen viel trinken, weil Sie viel Flüssigkeit verloren haben. Das ist Quellwasser. Unsere Regentanks sind seit Jahren leer. Die Afghanen holen uns Trinkwasser aus den Quellen bei Mungerannie. Das Wasser aus unserem Brunnen nutzen wir zum Waschen, aber die Vorräte sind begrenzt, deshalb ist jeder Tropfen kostbar.«

»Wie soll ich mich denn mit einer einzigen Schüssel Wasser richtig waschen?«, klagte Arabella weinerlich.

»Das geht schon, Kindchen, glauben Sie mir. Wir machen es auch nicht anders. Als wir Sie heraufgetragen haben, habe ich gesehen, dass Ihre Beine voller Stiche sind. Was ist passiert?«

Arabella zog ihr Nachthemd bis zu den Knien hoch. Ihre Beine waren mit hässlichen roten Pusteln übersät, die fürchterlich juckten. »Ich habe mich unter einen Baum gesetzt und bin eingeschlafen. Als ich wieder aufwachte, krabbelten die grässlichen Ameisen auf mir herum!«

Jeder, der sich im Outback ein wenig auskannte, hätte den Ameisenhaufen sofort gesehen. Doch Maggie verkniff sich diese Bemerkung und sagte stattdessen: »Ich werde Ihnen ein wenig Teebaumöl bringen. Wenn Sie die Schwellungen damit betupfen, wird zumindest der Juckreiz nachlassen.« Maggie lächelte. »Wissen Sie, wir haben im Lauf der Jahre schon viel Merkwürdiges aus der Wüste kommen sehen, aber Sie sind mit Abstand das Merkwürdigste. Wie ein Gespenst haben Sie ausgesehen, als Sie heute Nachmittag in die Bar wankten.«

Arabella schnappte vor Empörung nach Luft. Doch bevor sie etwas sagen konnte, hatte Maggie die Schublade einer Kommode aufgezogen und einen Spiegel herausgenommen. Sie reichte ihn der verdutzten Arabella. Als diese hineinschaute, stieß sie einen Entsetzensschrei aus. Maggie zuckte erschrocken zusammen.

»O Gott! Wie lange bleibt das so?«, fragte Arabella mit Tränen in den Augen. Trotz des Sonnenbrands an ihren Armen, Schultern und Füßen war sie auf den schlimmen Anblick ihres Gesichts nicht gefasst gewesen. Ihre Haut war krebsrot. Auf dem Nasenrücken und den geschwollenen, aufgeplatzten Lippen hatten sich Blasen gebildet. Das Weiß ihrer Augen stach unnatürlich hervor. Ihre sonst so gepflegten Haare sahen aus, als hätte sie ein Jahr auf der Straße gelebt.

»Ein, zwei Wochen auf jeden Fall«, sagte Maggie. »Sie werden sich häuten wie eine Schlange, allerdings nicht auf einmal. Die Haut wird sich in Fetzen abschälen, sodass Sie eine Zeit lang wie eine Patchworkdecke aussehen werden.«

»O Gott! Mummy wird mich gar nicht wiedererkennen«, jammerte Arabella. »Ich werde dieses Zimmer erst verlassen, wenn ich wieder wie ein normaler Mensch aussehe!«

»Das geht nicht, Sie können nicht hier oben bleiben«, sagte Maggie. »Ich habe schon genug um die Ohren, auch ohne dass ich dauernd die Treppe rauf- und runterrenne, um nach Ihnen zu sehen.«

»Wie soll ich denn allein zurechtkommen?«, rief Arabella wehleidig. »Schauen Sie sich doch meine Beine an! Ich glaube kaum, dass ich gehen kann.«

»Mein Mann hat sich mal mit einem gebrochenen Bein fünf Meilen weit durch die Wüste geschleppt. Da werden Sie mit ein paar Ameisenbissen doch wohl eine Treppe schaffen, Miss Fitzherbert.«

Tonys Pferd hatte damals vor einer Schlange gescheut. Er war abgeworfen worden und hatte sich dabei das Bein gebrochen. Sein Pferd war in die Stadt zurückgelaufen. Tony hatte sein Überleben nur seinem Mut und seinem zähen Lebenswillen zu verdanken. Trotzdem hätte er um ein Haar sein Bein verloren, weil es brandig geworden war. Erst eine Medizin der Aborigines hatte ihn heilen können.

»Aber ich hab mir den Knöchel verstaucht!«, stöhnte Arabella. »Es tut schrecklich weh!«

Maggie besah sich Arabellas Knöchel. Er war kaum geschwollen und nur leicht verfärbt. »Je eher Sie ihn wieder belasten, desto besser.«

»Und wenn ich eine Lungenentzündung kriege?«, jammerte Arabella. »Ich bin noch nie so leicht bekleidet in der Kälte herumgelaufen.«

»Hätten Sie eine Lungenentzündung bekommen, wäre Ihnen das Jammern längst vergangen, so schlecht würde es Ihnen dann gehen.«

Diese Maggie ist eine herzlose Person, dachte Arabella wütend. »Ich kann doch so nicht unter die Leute«, klagte sie bei einem weiteren Blick in den Spiegel.

»Sie sind hier im Outback, Miss Fitzherbert. Hier ist kein Platz für Eitelkeit. Wir haben andere Sorgen. Außerdem, wie stellen Sie sich das vor? Wer soll Sie versorgen?«

»Sie werden doch Personal haben! Irgendjemand wird mich ja wohl bedienen können!«

Maggie lachte laut auf. »Personal? Bedienen? Hier gibt’s kein Personal. Tony und ich machen alles allein. Er steht hinter der Bar und erledigt alle handwerklichen Arbeiten, und ich koche und putze. Entweder Sie bezahlen für das Zimmer, oder Sie gehen mir zur Hand, solange Sie da sind.«

»Meine Eltern werden natürlich für das Zimmer bezahlen, wenn sie mich hier abholen«, entgegnete Arabella hastig. Der Gedanke, beim Putzen und Kochen helfen zu müssen, versetzte sie in Panik. Von solchen Dingen verstand sie nichts.

»Das könnte Wochen oder gar Monate dauern.«

Arabella glaubte sich verhört zu haben. »Monate?«

»Ganz recht. Selbst wenn Ihre Eltern in Alice Springs einen Afghanen anheuern und auf Kamelen hierherreisen würden, wären sie mehrere Wochen unterwegs.«

Arabella schüttelte stur den Kopf. Ihre Eltern würden einen schnelleren Weg finden, ganz bestimmt. »Meine Eltern werden alle Hebel in Bewegung setzen, um mich zu finden, und mein Vater wird sich erkenntlich zeigen, wenn Sie gut für mich sorgen. Ich bin das einzige Kind, und sie lieben mich abgöttisch.«

Maggie war einen Augenblick sprachlos. Diese junge Frau war offenbar nicht nur maßlos verwöhnt, sie lebte anscheinend auch in einer Fantasiewelt. Was für Eltern waren das, die ihr Kind in dem Glauben erzogen, jeder Wunsch würde ihm immer und überall von den Augen abgelesen? »Ich habe Wichtigeres zu tun, als Sie zu bedienen. Wenn Sie Wasser wollen, holen Sie es sich selbst. Hinter dem Haus steht ein Fass. Krug und Schüssel lasse ich Ihnen hier.« Falls Miss Fitzherbert gedacht hatte, sie, Maggie, würde sie verhätscheln, wie sie es offensichtlich gewohnt war, hatte sie sich gewaltig getäuscht.

»Bitte bringen Sie es mir nach oben, Mrs McMahon!«, bettelte Arabella. »Mir ist immer noch ganz schwindlig.«

Maggie seufzte. Verwöhnte Göre hin oder her – die junge Frau hatte einiges mitgemacht, deshalb wollte Maggie sie nicht zu hart anfassen. »Na schön. Aber nur dies eine Mal. Ich muss mich um das Essen kümmern. Normalerweise haben wir samstagabends zehn bis zwanzig Gäste zu bewirten.«

»Was steht denn auf der Karte?«

»Karte? So etwas haben wir nicht. Die Einheimischen wissen, dass es entweder Lamm oder Rind gibt.«

»Dann hätte ich gern ein Stück Lammbraten mit Pfefferminzsoße.« Arabella konnte sich nicht erinnern, jemals so hungrig gewesen zu sein.

»Diese Woche gibt’s Rind.«

»Die ganze Woche?«

»Ja. Wenn Tony ein Rind geschlachtet hat, muss es schnellstens verzehrt werden. In der Hitze würde das Fleisch rasch verderben. Außerdem schlage ich vor, Sie essen das Brot, das ich Ihnen gebracht habe.«

»Igitt, nein!«, rief Arabella. »Also, wenn es Rind gibt, nehme ich ein kleines Beefsteak, aber ohne Fett. Und braten Sie es gut durch, ich kann nichts Blutiges essen. Und dann hätte ich gern Gemüse dazu. Bohnen mag ich nicht, aber Erbsen und sahniges Kartoffelpüree …«

Maggie war der Unterkiefer heruntergeklappt. Als sie sich wieder gefasst hatte, sagte sie: »Bei der Trockenheit und all den hungrigen Kängurus, die jedes Pflänzchen abfressen, wächst hier nichts über der Erde. Wir können von Glück sagen, wenn uns die Beutelratten nicht sämtliche Möhren und Kartoffeln ausgraben. Und so ausgefallene Dinge wie Kartoffelpüree gibt’s bei uns sowieso nicht. Hier wird bodenständig gekocht – das Gemüse im Wasser und das Fleisch auf dem Grill.«

»Aber Sie machen doch sicher eine Soße dazu, oder?«

»Nein!«, entgegnete Maggie zornig. »Für so was hab ich keine Zeit.« Sie drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Zimmer. Arabella schaute ihr verdutzt nach.

Maggie ging nach unten. Im Flur begegnete ihr Tony, doch nur Maggie nannte ihren Mann so. Bei den Einheimischen trug er den Spitznamen Macca.

»Ist unser geheimnisvoller Gast schon aufgewacht?«

»O ja, allerdings«, versetzte Maggie trocken. Sie schüttelte noch immer ungläubig den Kopf.

»Hat sie gesagt, wie sie heißt?«

»Miss Arabella Fitzherbert. Sie sei mit ihren Eltern auf dem Weg nach Alice Springs gewesen, sagt sie.«

»Die Spurenleser haben einige Aborigines vom Stamm der Arrernte getroffen. Sie haben ihnen erzählt, sie hätten eine verrückte Weiße in die Stadt gebracht, die sie ganz allein in der Wüste entdeckt hätten, nicht weit von der Bahnlinie.«

»Das ist sie. Anscheinend musste der Zug kurz hinter Marree halten, weil ein Tierkadaver auf den Gleisen lag, und da ist sie ausgestiegen, um eine Blume zu pflücken! Stell dir das vor! Dabei ist sie wohl ausgerutscht und gestürzt und hat sich den Knöchel verstaucht. Und dann ist der Zug ohne sie weitergefahren.«

Tony verdrehte die Augen. »Diese verdammten Touristen!«

»Oh, das ist noch nicht alles. Sie will ihr Zimmer erst wieder verlassen, wenn sie wieder normal aussieht«, fuhr Maggie sarkastisch fort.

»Du kannst sie nicht bedienen, Maggie, das geht nicht«, sagte Tony.

»Das habe ich ihr auch gesagt. Und als ich ihr erklärte, sie müsse für das Zimmer und ihr Essen arbeiten, schien sie beleidigt zu sein.«

»Tatsächlich?«

»Ja. Ihr Vater werde für alles bezahlen, wenn er sie holen käme, meinte sie.«

Tony schüttelte zweifelnd den Kopf. »Wir haben harte Zeiten. Nur die wirklich Reichen oder Schieber und Schwarzhändler haben noch ein paar Pfund extra übrig. Ich weiß nicht, ob die Kleine uns die Wahrheit erzählt.«

»Ihrem Benehmen nach könnte sie tatsächlich eine verwöhnte Göre aus wohlhabender Familie sein«, gab Maggie zu bedenken.

»Und wenn ihre Eltern nicht für ihre Unterkunft und die Verpflegung bezahlen können? Möglicherweise muss das Mädchen ein paar Wochen hierbleiben. Nein, sie wird im Hotel aushelfen müssen, ob es ihr gefällt oder nicht.«

Als Maggie Arabella eine Schüssel Wasser brachte, fiel ihr auf, dass ihr Gast sein Sandwich kaum angerührt hatte. »Sie haben ja gar nicht gegessen. Nach einem Fußmarsch durch die Wüste müssen Sie doch halb verhungert sein.«

»Bin ich auch, aber der Käse auf dem Brot ist hart und ausgetrocknet«, schmollte Arabella.

Maggie blickte sie verdutzt an. »Der Käse ist ausgezeichnet. Ich habe zu Mittag selbst ein Käsebrot gegessen, und Tony ebenfalls.«

»Dann haben Sie mir ein Stück abgeschnitten, das schon mehrere Monate alt ist«, beklagte sich Arabella.

»Unsere Vorräte sind mehrere Monate alt. Der Zug fährt die Stadt nicht regelmäßig an.«

»Ist denn gestern kein frischer Käse mitgekommen?«

»Doch, aber wegen der Wirtschaftskrise ist alles rationiert. Außerdem müssen die alten Lebensmittel zuerst aufgebraucht werden.«

»Ich bin zahlender Gast – oder werde es sein, sobald meine Eltern herkommen –, deshalb habe ich ein Recht auf frischen Käse! Wann bringen Sie mir mein Essen herauf?«

Maggie verschlug es erneut für einen Augenblick die Sprache. Dann sagte sie mit Bestimmtheit: »Miss Fitzherbert, wenn Sie Hunger haben, müssen Sie sich nach unten in den Speisesaal bemühen. Entweder Sie sind bis halb sieben unten, oder Sie gehen leer aus. Ich werde Ihnen Ihr Essen ganz sicher nicht hier oben servieren!«

Arabella schürzte schmollend die Lippen. »Soll ich mich im Nachthemd in den Speisesaal setzen?«

Das war ein Argument. »Also gut, meinetwegen. Ich werde Ihnen Ihr Essen ausnahmsweise aufs Zimmer bringen. Aber gleich morgen besorge ich Ihnen etwas zum Anziehen. Bis dahin können Sie einen Morgenmantel von mir überstreifen. Falls Sie auf die Toilette müssen, die ist gleich hinterm Haus – die Treppe hinunter bis ans Ende vom Flur und dann rechts. Es brennt immer Licht dort.«

Maggie verließ das Zimmer und kam kurz darauf mit dem Abendessen zurück. Den Morgenmantel, den sie Arabella borgen wollte, hatte sie über den Arm gehängt. Neben einem Steak lagen drei halbe Kartoffeln und eine große Portion Möhren auf dem Teller. Das Steak war fast fünf Zentimeter dick und so groß, dass es über den Tellerrand hing. Arabella starrte es entgeistert an. Nicht einmal ihr Vater könnte eine solche Portion verzehren! »Sie erwarten doch hoffentlich nicht, dass ich das esse«, sagte sie bestürzt.

»Wieso nicht? Was haben Sie daran auszusetzen?«, gab Maggie zurück.

»Ich wollte ein kleines Steak.« Arabella zeigte ihr mit beiden Händen, was sie darunter verstand. »Außerdem ist das hier angebrannt.«

Maggie ging das ständige Genörgel allmählich auf die Nerven. »Es ist nicht angebrannt, sondern durch. Sie sagten doch, Sie wollen es gut durchgebraten. Und was die Größe angeht – mein Mann schneidet das Fleisch auf, und das hier war das kleinste Stück. Kein Wunder, dass Sie nichts auf den Rippen haben, wenn Sie immer so winzige Portionen essen. Körperliche Arbeit und ein paar nahrhafte Mahlzeiten, und Sie werden sehen, wie schnell Sie eine frauliche Figur bekommen.«

Jetzt war es Arabella, der es die Sprache verschlug. Doch Maggie, die sich bereits zum Gehen gewandt hatte, bemerkte es nicht. »Samstagabends geht es in der Bar meistens hoch her. Seien Sie also nicht beunruhigt, wenn es ein bisschen laut wird. Normalerweise befördern wir die Gäste spätestens um Mitternacht hinaus.« Damit schloss sie die Tür hinter sich.

Arabella blickte fassungslos auf ihren Teller, doch dann schnitt sie das Steak auf. Der Saft lief heraus, und es duftete köstlich. Sie schob sich ein kleines Stückchen Fleisch in den Mund. Es war nicht so zart, wie sie es gewohnt war, aber es schmeckte nicht schlecht. Dennoch schaffte sie nur wenige Bissen. Die Portion war für einen schlechten Esser wie sie viel zu groß – und es fehlte ein Klacks Butter fürs Gemüse. Doch sie würde ganz bestimmt nicht hinuntergehen und danach fragen.

Gegen neun Uhr an diesem Abend musste Arabella auf die Toilette. Sie warf sich Maggies Morgenmantel über, schlich aus dem Zimmer, blieb oben am Treppenabsatz stehen und lauschte. Der Lärm tiefer Stimmen klang von der Bar herauf. Zuerst fürchtete Arabella, unter den Gästen sei ein Streit ausgebrochen, doch dann hörte sie lautes Gelächter und war beruhigt. Sie stahl sich die Treppe hinunter und durch den Korridor, an dessen Ende rechter Hand eine Tür nach draußen führte. Eine von einem Generator gespeiste Lampe, deren Licht Schwärme von Nachtfaltern anlockte, brannte draußen neben dem Eingang. Einige Meter vom Haus entfernt befand sich die Außentoilette. Arabella konnte in der Dunkelheit die Stadt ausmachen, die trotz der vereinzelten Lichter in den Häusern so still wie ein Friedhof dalag. Sie blickte sich noch einmal furchtsam um, eilte dann hinaus und schob vorsichtig die Tür des Toilettenhäuschens auf. Ein mörderischer Gestank schlug ihr entgegen. Aber was blieb ihr übrig? Sie betrat das Häuschen, nach Spinnen und anderem ekligen Getier Ausschau haltend. Durch einen Spalt in der oberen Hälfte der Tür fiel ein wenig Licht herein.

Arabella hatte sich gerade hingehockt, als sie Stimmen hörte, eine Männer- und eine Frauenstimme. Sie erschrak. Sie hatte gehofft, sich unbemerkt wieder auf ihr Zimmer schleichen zu können. Mit einer Hand stemmte sie sich gegen die Tür, damit diese nicht unversehens geöffnet wurde, und beeilte sich. Die Frau draußen sprach schnell und schrill. Anscheinend handelte es sich um eine Aborigine. Der Mann klang mürrisch und betrunken. Arabella hörte dumpfes Geraschel wie von Kleidung, dann seltsame Grunzlaute. Ob jemandem schlecht geworden war?

Arabella überlegte fieberhaft, wie sie die Außentoilette ungesehen verlassen könnte. Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit und spähte hinaus. Ein Mann presste eine dunkelhäutige Frau gegen die Wand des Hotels. Seine Hose hing ihm auf Kniehöhe, die Frau hatte ihr Kleid bis zur Taille hochgeschoben und dem Mann die Beine um die Hüften geschlungen. Der Kerl stöhnte widerwärtig.

Arabella war schockiert. Rasch schloss sie die Tür und schlug sich die Hand vor den Mund, um einen Aufschrei zu unterdrücken. Sie wünschte, sie hätte drei Hände, damit sie sich auch die Ohren zuhalten könnte. Augenblicke später verstummten die Grunzlaute. Der Mann tat einen tiefen, zitternden Atemzug und machte sich dann offenbar an seiner Kleidung zu schaffen. Arabella kämpfte gegen aufsteigende Übelkeit an.

Plötzlich entbrannte ein heftiger Streit. Arabella verstand nicht genau, worum es ging, doch der Mann hatte der Frau anscheinend etwas versprochen, das diese jetzt einforderte. Bald kreischte sie in den höchsten Tönen, während der Mann sie anfuhr, sie solle gefälligst den Mund halten. Arabella wünschte sich nichts sehnlicher, als dass der Lärm aufhörte.

Doch es kam, wie sie es befürchtet hatte. Der Streit lockte Neugierige an. Arabella hörte eine weitere Stimme, eine Frauenstimme, die allerdings wenig fraulich klang, sondern tief und drohend. Neugierig geworden, öffnete Arabella abermals die Tür einen Spalt. Bei dem Anblick, der sich ihr bot, riss sie die Augen auf. Die tiefe Stimme gehörte einer Aborigine, die größer war als die meisten Männer und von gewaltigem Leibesumfang. Das einzig Weibliche an ihr war das rosarote, schmutzige Hemd, das sich straff über ihren schlaffen Brüsten und den dicken Bauch spannte. Ihre Arme waren kräftiger als die jedes Mannes, den Arabella je gesehen hatte. Ein grimmiger Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, das so schwarz war, dass das Weiß ihrer Augen und ihrer drei verbliebenen Zähne hell hervorstach. Durch ihr Äußeres und die Art, wie sie sich vor dem Mann aufgebaut hatte, haftete der Frau etwas Angsteinflößendes an. Der Mann war sichtlich eingeschüchtert.

»Das hier geht dich nichts an, Rita«, sagte er, doch in seiner Stimme lag Furcht. Arabella staunte. Sie hätte nicht gedacht, dass ein Mann vor einer Aborigine kuschen würde. Wieso hatte er solchen Respekt vor ihr?

»Wally Jackson, du hast Lily versprochen, sie kriegt zwei Shilling oder ’ne Flasche Gin, wenn sie mit dir hinters Haus geht. Das hat sie getan. Jetzt bist du an der Reihe, mein Freund.«

»Ich hab kein Geld mehr, Rita«, sagte der Mann nervös. »Ich hab alles für Bier ausgegeben, und den nächsten Lohn bekomme ich erst am Monatsende.«

Rita hob ihren muskulösen Arm und ballte die Faust. Der Anblick hätte auch dem mutigsten Mann Angst eingejagt. Arabella schnappte erschrocken nach Luft.

Wally Jackson tat das einzig Vernünftige: Er gab nach. »Schon gut, Rita, schon gut!« Abwehrend hob er beide Hände und grub dann in seinen Hosentaschen nach Münzen. Schließlich drückte er Lily – einer spindeldürren Frau mit wuscheligem Haarschopf, riesengroßen Augen und dünnen Beinen – ein paar Münzen in die Hand.

»Was denn, nur ein Shilling? Ich will mehr!«, sagte Lily.

Wally wollte protestieren, gab nach einem Blick in Ritas finstere Miene aber klein bei. »Da muss ich mir was von Macca borgen, Rita«, sagte er. »Ich bin gleich wieder da.«

»Das hoffe ich für dich. Wenn ich kommen und dich holen muss, kannst du was erleben!«, drohte Rita ihm.

Wally zweifelte keine Sekunde, dass sie es ernst meinte. »Ich bin gleich zurück, Rita. Versprochen!«

Lily wirkte erleichtert.

Als Wally fort war, erkundigte Rita sich nach Lilys Kindern.

»Ich brauch das Geld, damit ich ihnen was zu essen kaufen kann«, sagte Lily kleinlaut. »Sonst hätte ich einen stinkenden Widerling wie Wally Jackson nicht an mich herangelassen, das kannst du mir glauben.«

Noch bevor Rita etwas erwidern konnte, kam Wally zurück. Lily streckte die Hand aus, und widerstrebend legte Wally einen Shilling hinein. Kaum hatten sich Lilys Finger um das Geldstück geschlossen, holte Rita aus und verpasste Wally eine schallende Ohrfeige.

Der Knall ließ Arabella erschrocken zusammenzucken. Wally hielt sich verblüfft die gerötete Wange.

»Au! Was soll das, Rita? Lily hat doch ihr Geld bekommen!«

»Wenn du noch einmal versuchst, eins der Mädchen anzuschmieren, lernst du mich richtig kennen«, drohte sie ihm.

Wally musterte Rita finster, erwiderte aber nichts. Sich die Wange reibend, kehrte er ins Hotel zurück.

Rita wandte sich Lily zu. »Und du machst, dass du nach Hause zu deinen Kindern kommst«, sagte sie streng.

Lily nickte und stapfte in der Dunkelheit davon. Arabella schloss leise die Tür der Außentoilette und hoffte inständig, Rita würde sich ebenfalls auf den Weg machen.

Sekunden später flog die Tür auf. Arabella, die es fast von den Füßen gerissen hätte, schrie auf.

Rita fuhr erschrocken zurück. »Wer sind Sie denn?«, fragte sie verblüfft.

Arabella schlotterte vor Angst. Es dauerte einige Augenblicke, bis sie die Sprache wiederfand. »Ich … ich bin Arabella … Fitzherbert«, stammelte sie. »Ich wohne im Hotel, und …«

Rita starrte sie verdutzt an und brach dann in dröhnendes Gelächter aus. »Dann sind Sie die Gespensterfrau! In der Bar reden die Leute von nichts anderem.«

»Gespensterfrau?«

Rita nickte. »Die Kleine aus der Wüste. Was machen Sie denn hier?«

»Ich … ich wollte gerade auf mein Zimmer zurück.«

»Nehmen Sie sich lieber in Acht. Ganz schön viel betrunkene Gestalten da drin.« Rita zeigte auf das Hotel.

Arabella wunderte sich über die Warnung. Rita schien selbst einen über den Durst getrunken zu haben. Man konnte es riechen. »Danke, mach ich …« Sie drückte sich an der Wand entlang zur Tür, wobei sie die riesige Rita nicht aus den Augen ließ. »Also dann … gute Nacht.« Arabella drehte sich um und lief in ihr Zimmer hinauf, so schnell ihr verstauchter Knöchel es zuließ. Sie war verzweifelt. Was sollte aus ihr werden? Wie sollte sie das alles überleben?

Da kein Schlüssel in der Zimmertür steckte, schob sie einen Stuhl davor und klemmte die Lehne unter die Klinke. Dann schlüpfte sie ins Bett, zog die Decke bis zum Kinn hoch und lauschte angestrengt auf jedes Geräusch. Die ersten Gäste verließen das Hotel; sie konnte sie unten reden und lachen hören. Noch immer zitterte Arabella am ganzen Leib.

Plötzlich dröhnten Schritte auf der Treppe. Starr vor Angst sah sie zur Tür. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Die Schritte kamen näher und verstummten draußen auf dem Flur. Arabella stockte der Atem. Sie hörte, wie die Tür auf der anderen Seite des Flurs geöffnet und wieder geschlossen wurde. Offenbar war sie nicht der einzige Hotelgast.

Arabella wusste, dass sie kein Auge zutun würde. Angespannt lag sie in der Dunkelheit. Ihr Sonnenbrand tat schrecklich weh, und draußen vor dem Hotel lärmten ein paar Gäste. Einmal meinte sie Ritas lallende Stimme zu hören. Arabella konnte es nicht fassen, dass die riesige Aborigine sich derart betrank. Schlimm genug, wenn die Männer nicht mehr gerade stehen konnten.

Als die Stimmen sich entfernten und draußen endlich Ruhe einkehrte, lauschte Arabella auf Geräusche im Innern des Hotels. Wieder hörte sie Schritte und Stimmen. Irgendetwas trippelte übers Dach, und aus der Bar drangen merkwürdige Geräusche herauf. Die Szene, die sie von der Außentoilette aus beobachtet hatte, ging Arabella nicht aus dem Kopf. Sie sah den Mann vor Augen, dessen Hose in den Kniekehlen hing, hörte sein grässliches Grunzen, sah die dürre Frau, die ihr Kleid bis über die Hüften hochgeschoben hatte.

Bilder und Gedanken wirbelten Arabella durch den Kopf. In den frühen Morgenstunden schlief sie endlich vor Erschöpfung ein.

3

gecko.jpg

Edward Fitzherbert war todmüde. Er hatte die Verzweiflung seiner Frau nicht länger mit ansehen können und mitten in der Nacht das Haus verlassen. Ruhelos war er ein paar Meilen weit an den Gleisen entlanggelaufen und hatte immer wieder Arabellas Namen gerufen. Irgendwann, körperlich und seelisch erschöpft, war er auf die Knie gesunken.

Arabella kann nicht tot sein, hatte er sich verzweifelt gesagt. Sie darf nicht tot sein!

Als der Morgen heraufdämmerte, war Edward ins Hotel zurückgekehrt, wo Clarice in einen unruhigen Schlaf gesunken war.

Ein paar Stunden später klopfte es, und Sergeant Menner stand vor der Tür. »Ich habe drei Leute nach Ihrer Tochter ausgeschickt«, teilte er dem übernächtigten Edward mit.

»Bis wohin werden sie vordringen?« Edward verschwieg ihm, dass er sich in der Nacht selbst auf die Suche gemacht hatte.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Sir. Aber der Constable ist einer meiner besten Männer.« Der junge Polizist, dem die anderen beiden unterstellt waren, würde selbstständig entscheiden, wann die Suche abgebrochen würde. Doch Menner hielt es für klüger, das für sich zu behalten. »Ich werde Sie auf dem Laufenden halten, Sir.«

Maggie machte sich keine Gedanken, als Arabella nicht zum Frühstück herunterkam. Wahrscheinlich, witzelte Tony, wolle sie ihren Tee ans Bett serviert bekommen. Es wurde neun Uhr, und Arabella ließ sich immer noch nicht blicken. Maggie machte sich allmählich Sorgen.

Sie eilte hinauf und klopfte. Keine Antwort. Sie versuchte, die Tür zu öffnen, doch die Klinke ließ sich nicht herunterdrücken.

»Arabella?« Maggie klopfte lauter. »Alles in Ordnung?«

Sie schickte sich gerade an, Tony zu holen, damit er das Schloss aufbräche, als von drinnen Schritte zu hören waren. Langsam öffnete sich die Tür.

Arabella blinzelte Maggie verschlafen an.

Maggies Blick fiel auf den Stuhl neben der Tür. Anscheinend hatte die junge Frau sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert. »Ist alles in Ordnung?«, fragte Maggie besorgt.

Arabella brach in Tränen aus.

Maggie ging ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich. »Was haben Sie denn, Kindchen?« Sie drückte Arabella sanft aufs Bett und setzte sich zu ihr.

Arabella wusste nicht, wo sie anfangen sollte. »Ich musste letzte Nacht … auf die Toilette«, schluchzte sie. »Da draußen war … ein Mann mit einer schwarzen Frau, und sie haben … haben …« Arabella brachte es nicht über sich, Maggie zu beschreiben, was sie gesehen hatte.

Maggie musterte die junge Frau verwirrt. Dann begriff sie plötzlich. Sie erinnerte sich, dass Wally Jackson ihren Mann gefragt hatte, ob der ihm einen Shilling leihen würde, damit er Lily für ihre »Dienste« bezahlen könne. »Oh, dieser Wally!«, fauchte sie wütend. »Muss sich ein Mann denn wie ein Idiot aufführen, nur weil er einen über den Durst getrunken hat? Ist es zu viel verlangt, dass er Rücksicht nimmt?« Sie warf einen Blick himmelwärts und seufzte: »Natürlich ist das zu viel verlangt.« Arabella war ein unschuldiges junges Ding. Das Erlebnis musste sie verstört haben. »Tut mir leid, Kindchen. Ich hätte Sie warnen müssen.«

Arabella riss die Augen auf. »Wollen Sie damit sagen, Sie wissen davon? Kommt so was denn öfter vor?«

Maggie nickte.

»Da war noch eine riesige Aborigine«, fuhr Arabella fort. »Sie tauchte plötzlich auf und drohte dem Mann Schläge an.«

»Das kann nur Rita gewesen sein.« Maggie wusste, wie Furcht einflößend Rita auf Fremde wirkte.

»Ja, so hieß sie …«

»Es gibt da etwas, das Sie wissen müssen, Arabella. Ich darf Sie doch so nennen?«

Arabella nickte.

»Rita ist sozusagen die Beschützerin der schwarzen Frauen. Sie ist stärker als die meisten Männer, und sie hat fast ihr ganzes Leben in irgendeiner Stadt verbracht, deshalb spricht sie ganz gut Englisch. Sie bringt es sogar den jüngeren Frauen bei. Die werden von den Männern oft respektlos behandelt, aber wo es geht, sorgt Rita für Ordnung. Sie könnte Hackfleisch aus jedem Mann machen, und das wissen die Kerle. Rita trinkt zwar zu viel und treibt es manchmal ein bisschen zu wild, aber sie hat ein gutes Herz.«

Arabella wusste nicht, was sie davon halten sollte. »Kann die Polizei denn nichts unternehmen?«

»In der Stadt gibt es nur einen einzigen Constable, und der ist für ein Gebiet von etlichen hundert Meilen zuständig. Er kann sich nicht um solche Bagatellen kümmern.«

Arabella zog die Nase hoch. »Da war noch etwas«, sagte sie schniefend. »Ich habe heute Nacht seltsame Geräusche gehört und hatte schreckliche Angst …«

»Das ist ein altes Haus, da knarrt und ächzt es in allen Ecken. Das Eisendach heizt sich tagsüber auf, und wenn es nachts abkühlt, gibt es sonderbare Geräusche von sich. Man gewöhnt sich daran.« Maggie blickte flüchtig zu dem Stuhl neben der Tür. »Sie brauchen keine Angst zu haben, dass die Männer heraufkommen. Die Kerle wissen, dass sie hier oben bei den Gästen nichts zu suchen haben.« Dass sie meist zu betrunken waren, um die Treppe hinaufsteigen zu können, sagte Maggie nicht. »Sie sind hier sicher, Arabella. Es ist nicht nötig, die Tür zu verbarrikadieren.«

»Ich habe Schritte im Flur gehört, und dann ging die Tür gegenüber. Wohnt hier noch jemand außer mir?«

Maggie hörte die Furcht in Arabellas Stimme. »Wahrscheinlich haben Sie Tony und mich gehört. Wir haben unsere Wohnung hier oben. Und das Zimmer gegenüber hat ein Mann namens Jonathan Weston gemietet. Er wohnt seit vier Wochen hier, übernachtet aber gelegentlich auswärts. Seltsam, gestern habe ich ihn gar nicht kommen hören«, fügte sie nachdenklich hinzu.

»Ich bin mir aber sicher, dass drüben die Tür gegangen ist.«

»Kann sein, dass Jonathan von einer seiner Reisen zurückgekommen ist«, sagte Maggie. »Er ist Fotograf und verbringt zwei, drei Nächte die Woche in der Wüste, je nachdem, was für ein Motiv er sich ausgesucht hat. Manchmal, wenn er weit draußen Aufnahmen machen möchte, bezahlt er einen der Kameltreiber, damit der ihn hinführt, oder er leiht sich ein Packpferd und geht zu Fuß. Er ist ein stiller Mann und bleibt meist für sich. Er wird Sie bestimmt nicht stören.«

»Ich möchte auf keinen Fall, dass er mich sieht«, sagte Arabella. »Ich würde ihn ja zu Tode erschrecken. Doch, doch, ich weiß es!«, fügte sie rasch hinzu, als Maggie protestieren wollte. »Sie und Ihre Gäste haben sich ja auch erschreckt, als Sie mich das erste Mal gesehen haben.« Sooft Arabella in den Spiegel schaute, musste sie weinen. Sie hatte Blasen im ganzen Gesicht, und ihre Haut schälte sich. Besonders ihre schuppige, in diversen Rottönen verfärbte Nase sah zum Erbarmen aus.

Maggie musste ihr Recht geben. Tatsächlich hatte Arabella ihnen allen einen gehörigen Schrecken eingejagt, als sie in die Bar getaumelt war. In ihrem Nachthemd, mit ihrem sonnenverbrannten Gesicht und dem offenen Haar hatte sie wie ein Gespenst ausgesehen.

Arabella brach in Tränen aus.

»Nicht doch, Kindchen!«, sagte Maggie begütigend. Sie sah der jungen Frau an, dass sie kaum geschlafen hatte, nicht nur wegen des sicherlich schmerzhaften Sonnenbrands. »Wie wär’s mit einer guten Tasse Tee?«

Arabella schniefte und nickte.

»Und einer Scheibe Toast?«

Arabella nickte abermals. »Kann ich auch Butter und Honig dazu haben?«, fragte sie mit kläglicher Stimme.

Maggie unterdrückte einen gereizten Seufzer und schalt sich im Stillen für ihre Nachgiebigkeit. »Mit der Butter müssen wir haushalten. Sie können einen kleinen Klacks haben, mehr nicht. Und Honig haben wir keinen.«

Sie stand auf und verließ das Zimmer. Arabella hörte, wie sie an die Tür gegenüber klopfte und sie dann öffnete. Einen Augenblick später schloss die Tür sich wieder, und Maggie streckte den Kopf ins Zimmer.

»Mr Weston ist anscheinend nicht da«, sagte sie. Da er nicht zum Frühstück hinuntergekommen war, musste er das Hotel sehr früh verlassen haben. Wahrscheinlich wollte er den Sonnenaufgang fotografieren.

Arabella war neugierig geworden. »Ist er hier aus Marree?«

»Nein, er kommt aus England, aber er hat bereits an verschiedenen Orten in Australien gewohnt. Er ist mit dem Afghan-Express gekommen. Er liebt die Abgeschiedenheit. Dass es hier ein Afghanen-Viertel gibt, war einer der Gründe, weshalb er sich gerade Marree ausgesucht hat, denn er braucht die Dienste der Kameltreiber, um in die Wüste zu gelangen. Wenn er seine Aufnahmen entwickelt, das macht er unten in einer Kammer, hängt immer ein Schild an der Tür. Sie dürfen sie dann auf keinen Fall öffnen, sonst verdirbt das Licht alles. Er hat uns einige seiner Arbeiten gezeigt. Seine Fotografien sind wunderschön.«

»Gehört er auch zu denen, die in der Bar sitzen und trinken?«, fragte Arabella und fügte stumm hinzu: Und die sich hinter dem Haus mit Aborigine-Frauen vergnügen?

Maggie lachte. »Nein, er bleibt meistens für sich. Sie werden ihn schon noch kennen lernen!«

Wenig später brachte Maggie das Frühstück und das Kleid herauf, das sie Arabella borgen wollte. »Es wird Ihnen ein bisschen zu groß sein«, meinte sie. Maggie war eine zierliche Frau, doch Arabella war noch kleiner und zarter. »Sobald Sie sich besser fühlen, werden wir Ihnen in der Stadt ein Kleid besorgen. Bis dahin muss das hier genügen. So, ich hab zu tun, ich muss wieder hinunter.«

Gegen Mittag wurde es Arabella langweilig. Sie trat auf den Flur hinaus und rief nach Maggie. Ein Geschirrtuch in der Hand, kam sie aus der Bar. Sie sah erhitzt und abgekämpft aus.

»Ja?«

»Können Sie mir einen Krug Wasser und etwas zu essen heraufbringen, Maggie?«

Maggie seufzte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ich kann Ihnen ein Käsesandwich machen. Aber erst, wenn ich hier fertig bin.« Sie wandte sich zum Gehen.

»Könnten Sie mir den Käse geschmolzen auf einem Stück Toast servieren, damit er nicht so furchtbar hart ist?«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Im Tal der flammenden Sonne" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen