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Im Tal der Sehnsucht

1. KAPITEL

„Du weißt genau, dass ich nicht erwünscht bin, Schwesterherz. Sie laden mich nur aus Verpflichtung ein.“

Robbie hatte es sich mal wieder auf Leonas neuem Sofa gemütlich gemacht. Sein Kopf ruhte auf einem seidenen Kissen, die langen Beine ließ er lässig über die Armlehne baumeln.

Es war das alte Thema zwischen ihr und ihrem Stiefbruder, und sie musste wie immer vermitteln. „Das ist nicht wahr, Robbie“, widersprach sie fast automatisch, obwohl er der Wahrheit leider sehr nahe kam. „Du bist nett und für jede Party ein Gewinn. Außerdem gehörst du zu Boyds Poloteam, was immerhin einiges bedeutet, und du spielst sehr gut Tennis. Als Doppel sind wir beide unschlagbar. Wir besiegen sie alle.“

Sie alle – das waren die näheren und entfernteren Blanchard-Verwandten, von denen viele die Hausparty besuchen würden.

„Nur Boyd nicht“, stellte Robbie fest. „Über den kann man sich nur wundern. Führender Geschäftsmann mit ungewöhnlicher Intelligenz, Superathlet und notorischer Herzensbrecher … Was soll ein Mann sich sonst noch wünschen? Man könnte ihn als neuen James Bond einsetzen.“

„Vergiss Boyd!“ Leona warf ein Kissen nach Robbie. „Daniel Craig ist mir lieber.“ Wie gewöhnlich verbarg sie ihre Gefühle für Boyd, die tief in ihrem Herzen schlummerten. „Allerdings muss ich zugeben, dass er ziemlich perfekt ist.“

Robbie fing das Kissen geschickt auf und lachte. „Du liebst ihn nicht zufällig?“, fragte er mit einem herausfordernden Blick. Er war ein Meister der Intuition und hatte Leona schon oft überführt.

„Das würde einen Aufstand geben, nicht wahr?“ Sie hoffte, dass ihr heller Teint sich nicht zu verräterisch rot färbte. „Er ist mein Cousin zweiten Grades.“

„Nur um mehrere Ecken herum“, erinnerte Robbie sie. „Die Todesfälle, Scheidungen und Wiederverheiratungen bei den Blanchards sind nicht mehr zu zählen.“

Damit hatte er recht. Es fehlte in ihrer Familie nicht an glanzvollen Höhepunkten und echten Tragödien. Leona und Boyd hatten zum Beispiel beide die Mutter verloren – sie mit acht Jahren und er mit Mitte zwanzig. Bis dahin war seine Mutter, die schöne Alexa, Leonas Nenntante gewesen. Boyds Vater Rupert, Chef des Blanchard-Imperiums, hatte zwei Jahre später wieder geheiratet – keine nette, feinfühlige Frau in seinem Alter, wie die Familie gehofft hatte, sondern Virginia, eine geschiedene Society-Lady, die Tochter eines alten Freundes, der bei Blanchard im Vorstand saß. Sie war nur wenig älter als Boyd, Ruperts einziger Sohn und Erbe des Familienunternehmens.

Die Familie hatte mit Bestürzung auf die so schnell erfolgte neue Verbindung reagiert. Man rechnete damit, dass die Ehe mit einem heftigen Krach und einer gigantischen Abfindung enden würde, aber niemand sprach darüber – mit Ausnahme von Geraldine, Ruperts älterer unverheirateter Schwester. Sie konnte es sich erlauben, offen zu sein, jedoch ohne damit etwas zu ändern. Rupert hatte Virginia, die bei allen nur „Jinty“ hieß, ohne jede Rücksicht auf andere geheiratet. Er schrieb seine eigenen Gesetze, wie Jinty inzwischen auch.

„Übrigens sprechen wir nicht über Boyd, sondern über dich“, fuhr Leona fort. „Ich verstehe wirklich nicht, warum du dich fortwährend so kleinmachst.“

„Oh doch, das verstehst du“, seufzte Robbie. „Es fehlt mir an Selbstbewusstsein.“ Plötzlich war er wieder der unglückliche, rebellische sechsjährige Junge, den Leona vor vierzehn Jahren kennengelernt hatte. „Ich weiß einfach nicht, wer ich bin. Carlo, mein Vater, wollte nichts von mir wissen. Er hat sich nie um mich gekümmert. Dein Dad, mein Stiefvater, ist ein guter Mensch, ein Gentleman der alten Schule, kann aber auch nichts mit mir anfangen. Er hofft nur, dass ich nicht weiter abrutsche. Meine teure Mutter hat mich nie geliebt … keine Frage, warum nicht. Sie hat keinen Grund, stolz auf mich zu sein, und meine Ähnlichkeit mit Carlo erinnert sie ständig an ihre gescheiterte Ehe. Und ich bin kein Blanchard, auch nicht nach all den Jahren.“ Bitterkeit sprach aus den dunkel glänzenden Augen. „Ich bin ein Fremdkörper in eurer Mitte … der seelisch verkümmerte Adoptivsohn.“

Darauf wollte Leona sich nicht einlassen. „Bitte, Robbie, nicht schon wieder!“, stöhnte sie und ließ sich in einen Sessel fallen. Die ständige Sorge um Robbie und sein Wohlergehen belasteten sie sehr. „Musst du dich unbedingt so auf mein neues Sofa fläzen?“ Im Grunde störte es sie nicht, denn er war immer sehr gepflegt und gut gekleidet. Er duldete kein Stäubchen an sich und wusste trotz aller Klagen, wo sein Vorteil lag.

„Wie könnte ich anders?“, fragte er, ohne sich zu rühren. „Es ist so unglaublich bequem. Du hast wirklich Geschmack und bist überhaupt ein tolles Mädchen. Dein weiches Herz wird nur noch von deiner Schönheit übertroffen. Gott weiß, wie ich es ohne dich in dieser Familie ausgehalten hätte. Du bist meine große Schwester, meine Vertraute und mein guter Geist. Du allein bist nicht der Ansicht, dass einmal ein zweiter Carlo aus mir wird.“

„Das denkt keiner“, widersprach Leona entschieden.

„Oh doch“, beharrte er. „Sie warten nur darauf, dass ich den Beweis antrete. Wenn es nach der Familie ginge, könnte ich jederzeit unter einem Bus enden.“

„So darfst du nicht denken. Allerdings ist deine Spielsucht ein echtes Problem“, erinnerte sie ihn. „Du musst sie in den Griff bekommen.“

Sie brachte es nicht über sich, auch die Drogen zu erwähnen – nicht so kurz nach ihrer letzten Auseinandersetzung. Robbie trieb sich mit reichen Nichtstuern herum, die nur Spaß haben wollten, was Arbeit ausschloss. Wie viele seiner Altersgenossen hatte er mit Haschisch experimentiert, weiter war er ihrer Ansicht nach nicht gegangen – jedenfalls noch nicht. Wie sie selbst, trug er die Bürde des Namens Blanchard, der für hohes Ansehen, Macht und Reichtum stand, aber ebenso enormen Druck und Versuchungen mit sich brachte. Doch im Gegensatz zu ihr war Robbie nicht mit einem starken Charakter gewappnet.

Der einzige Mensch, dem er sich mitteilen konnte, war seine „große Schwester“. Die Worte „Stiefbruder“ und „Stiefschwester“ hatten sie schon vor Jahren aus ihrem Vokabular gestrichen. Es spielte keine Rolle, dass sie nicht blutsverwandt waren. Leonas Vater hatte Robbie gleich nach der Hochzeit mit dessen Mutter Delia adoptiert. Leute, die darüber nicht Bescheid wussten, äußerten häufig ihr Befremden über Leonas und Robbies mangelnde Ähnlichkeit. Robbie – eigentlich Roberto Giancarlo D’Angelo – glich seinem italienischen Vater, während Leona prachtvolles rotblondes Haar und eine zarte, fast durchscheinend wirkende Haut besaß.

Damit entsprach sie nicht Boyds persönlichem Geschmack. Er schätzte schicke, elegante Brünette mit überlangen Beinen und weiblichen Kurven, mit denen Leona so wenig aufwarten konnte wie ihr Bügelbrett.

Denk nicht an Boyd.

Ja, das war eine sinnvolle Mahnung. Es wäre besser, sich daran zu halten. Schon in Boyds Nähe zu sein bedeutete Gefahr.

„Ich gelobe Besserung“, unterbrach Robbie ihre unliebsamen Gedanken. „Wird in der Familie wieder über mich geredet? ‚Was macht denn eigentlich der gute Robbie?‘“ Die letzten Worte sprach er im Ton einer neugierigen und klatschsüchtigen Verwandten.

Es war tatsächlich viel über ihn geredet worden. Die ältere Generation war schockiert gewesen, und Delia hatte über die Verfehlungen ihres Sohns Krokodilstränen vergossen.

„Du darfst Boyd nicht vergessen“, warf Leona ein. „Ihm entgeht nichts. Er hat seine Augen und Ohren überall.“

„Und er hat Spione.“ Robbie lachte laut, als wäre das alles komisch und nicht bitterernst. Er tarnte sich mit Zynismus und scharfer Rhetorik, wenn sein Neid auf Boyd überhandnahm. „Warum auch nicht, wo aus Generationen von Multimillionären endlich Milliardäre geworden sind?“ Er ließ einen Arm über die Sofalehne hängen. „Das wäre der richtige Mann für dich.“

Sie verzog die Lippen. „Ich weiß nicht …“

„Tu bloß nicht so.“ Er grinste und richtete sich schwungvoll auf. Seine mühelosen, geschmeidigen Bewegungen verrieten den Turnchampion der Universität. „Vielleicht ist er ausersehen, dich zu erwecken.“

„Niemals!“, protestierte Leona ungewöhnlich heftig.

Robbie ließ sich nicht beirren. „Du tarnst dich meisterhaft, nur vergisst du dabei, wie gut ich dich kenne. Du bewunderst Boyd wie alle anderen … mich alten Esel eingeschlossen. Er hält mir ab und zu eine Strafpredigt, aber ich weiß, dass er es gut meint. Ich kann mich nun mal nicht mit ihm messen. Er ist der geborene Sieger, während man bei mir nur auf den endgültigen Zusammenbruch wartet. Kein Wunder, dass die Familie Boyd wie einen Helden verehrt. Er ist der begehrteste Junggeselle im ganzen Land. Alle Frauen schwärmen für ihn, dabei ist er noch nicht dreißig …“

„Ist er doch, seit einem Monat“, unterbrach Leona die Lobeshymne auf den Blanchard-Erben. Seine Tugenden so lückenlos aufgezählt zu bekommen war unerträglich.

„Ach ja? Dann war ich wohl zu seiner Geburtstagsparty nicht eingeladen.“

„Es gab keine Party. Boyd hatte viel zu viel zu tun.“

„Das mag sein.“ Bei aller Kritik war Robbie nie ungerecht. „Arbeit ist sein Leben, aber was hat er auch erreicht! Er könnte Rupert jeden Tag ablösen. Er und Jinty – nicht gerade mein weibliches Ideal, wie ich schon tausendmal betont habe – sind die Einzigen in der Familie, die den alten Rupert nicht fürchten. Nein, das stimmt nicht ganz.“ Er wurde nachdenklich. „Geraldine hat keine Angst vor ihm, und dich hat er geradezu in sein Herz geschlossen. Mich verachtet er nur.“

„Unsinn.“ Leona schüttelte den Kopf, obwohl sie Ruperts negative Meinung über Robbie kannte. „Er will dich in die Firma übernehmen, sobald du dein Studium abgeschlossen hast.“

Das sollte kein falscher Trost sein, denn Robbie war nicht dumm. Und ihm war klar, das wusste Leona, dass Rupert sie seit ihrer Kinderzeit besonders schätzte. So rau er auch mit anderen Menschen umging, ihr gegenüber hatte er sich immer gütig gezeigt – besonders seit dem tödlichen Reitunfall ihrer Mutter, der legendär schönen Serena.

Schon damals hatte der sechs Jahre ältere Boyd – gut aussehend, klug und schon mit vierzehn einen Meter achtzig groß – sie unter seine Fittiche genommen. Bei Festen und anderen Familientreffen war er ihr Ritter gewesen, und sie hatte ihn als solchen verehrt. Doch mit der Verehrung war es längst vorbei. Inzwischen beschäftigte er sie so nachhaltig, dass sie ihm kaum in die Augen sehen konnte. Er reizte und erregte sie. Es war eine Qual, ihm nah zu sein, aber sie konnte nicht von ihm lassen.

Ihr ganzes Wesen geriet durcheinander, wenn es um Boyd ging. Er machte sie unsicher und jagte ihr Angst ein. Mit einem einzigen Blick konnte er verletzen und gleichzeitig heilen. Wie durchdringend und wie schön diese herrlichen blauen Augen waren! Sie erschreckten sie, doch manchmal drückten sie auch heimliche Anerkennung aus. Dann fühlte sie sich attraktiv, äußerlich und innerlich. Bei anderen Gelegenheiten kränkte Boyd sie wiederum mit kühlen oder scharfen Bemerkungen. Das genügte ihr, um sich klarzumachen, wie wenig eine dauerhafte Verbindung zwischen ihnen beiden infrage kam.

„Ob sie mich eingeladen haben, um mich besser kontrollieren zu können?“, überlegte Robbie laut.

Leona schob ihre Grübeleien beiseite und lächelte. „Wir stehen alle unter ständiger Beobachtung.“

„Als verkehrten wir bei Hofe“, bemerkte er bissig. „Dich halten sie wenigstens für die kluge, begabte junge Frau, die du bist. Deine natürliche Schönheit hilft dir dabei, und du hast die wunderbare Gabe, mit allen Menschen gleich gut auszukommen.“

„Nur nicht mit Boyd.“ Das hatte sie eigentlich nicht sagen wollen, aber Robbie quittierte das Geständnis mit einem gutmütigen Lachen.

„Den Grund dafür kann ich mir denken. Warum reibt ihr euch ständig aneinander? Ist das verabredet? Macht ihr anderen etwas vor?“

„Das wäre zu verrückt.“ Sie sagte das so betont leichthin, als sei jeder Gedanke an eine heimliche Liebe zwischen Boyd und ihr geradezu lächerlich. „Wir reizen uns gegenseitig … das ist alles.“

Andere Erklärungen waren nicht von ihr zu bekommen. Leona war geübt darin, keine weiteren zuzulassen, obwohl sie ständig in ihrem Bewusstsein lauerten.

„Ich finde, ihr passt ausgezeichnet zusammen“, fuhr Robbie fort, als würde er ernsthaft über die Sache nachdenken. „Boyd braucht eine Frau mit flammend rotem Haar. Du würdest ihm unbedingt gewachsen sein. Nun … ich sollte lieber gehen.“

„Hoffentlich nicht zum Pferderennen.“ Leona stand auf.

Trotz seines südländischen Teints wurde Robbie rot. „Kein Grund zur Aufregung, Schwesterchen“, versuchte er sie zu beschwichtigen. „Deborah und ich treffen uns mit Roy Barrington und seiner Clique … nur für einen vergnügten Nachmittag, damit die Mädchen sich schick machen können. Warum kommst du nicht mit? Ruperts Zweijähriger muss einfach gewinnen. Soll ich ein paar Dollar für dich setzen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe nie die leiseste Versuchung verspürt zu wetten oder zu spielen“, sagte sie ernst. „Jedenfalls nicht um Geld. Ich lasse meinen Verstand arbeiten. Mit Geld wieder Geld zu machen, das ist etwas für Leute wie Rupert.“ Sie küsste ihren Bruder zärtlich auf die Wange, er war kaum größer als sie. „Du solltest dich mit dem begnügen, was du hast.“

Robbie erhielt regelmäßige finanzielle Zuwendungen von ihrem Vater, aber er konnte nicht damit wirtschaften und musste sich oft Geld von ihr borgen. Natürlich versprach er immer, es zurückzugeben. Manchmal tat er das, meistens allerdings nicht.

Leona begleitete ihn zur Wohnungstür. Die Familie hatte ihr das Apartment zum einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt – als Zeichen der Anerkennung für ihr tadelloses Benehmen, das dem Namen Blanchard zur Ehre gereichte. Von ihrem Wohnzimmer aus konnte man einen fantastischen Blick auf den Hafen von Sydney genießen. Sie selbst hätte sich eine so luxuriöse Wohnung niemals leisten können, trotz ihrer kürzlich erfolgten Beförderung zu Beatrice Caldwells persönlicher Assistentin, mit der eine erhebliche Gehaltserhöhung einherging. Beatrice war ein leuchtender Stern am Modehimmel und leitende Direktorin von Blanchard-Fashion.

„Sie verdienen die Beförderung, mein Kind“, hatte Beatrice gesagt. „Sie haben wie ich den richtigen Blick.“ Aus dem Mund der selbstherrlichen und selten zufriedenen Chefin war das ein hohes Lob.

„Du kommst also zu der Party, Robbie?“ Leona wollte unbedingt sichergehen. „Man erwartet eine Antwort von dir.“ Gutes Benehmen zählte bei den Blanchards zu den höchsten Tugenden.

Naturalmente!“ Es klang, als ahmte er seinen italienischen Vater nach. „Aber nur deinetwegen. Das kannst du mir glauben.“

„Mach keine unnötigen Schwierigkeiten.“ Sie umarmte ihn auf ihre schwesterliche Weise, in der etwas Beschützendes lag.

„Vielleicht wäre ich umgänglicher, wenn Carlo mich nicht verlassen hätte“, sagte Robbie. „Aber er konnte nicht schnell genug nach Italien zurückkehren, um wieder zu heiraten und noch mehr Kinder zu bekommen.“

„Hoffentlich ist er ihnen ein besserer Vater als dir.“

Ihre Stimme klang hart. War es ein Wunder, dass sie so starkes Mitgefühl mit ihm hatte? Sie wusste nur allzu gut, wie leer er sich innerlich fühlte. Delia schien nichts für ihren einzigen Sohn zu empfinden, so unglaublich das auch war. Vielleicht hätte er blond und blauäugig sein müssen wie sie selbst, doch mit dem dunklen Haar und den feurigen Augen erinnerte er sie immer nur an Carlo D’Angelo. Der hatte während all der Jahre keinen Versuch unternommen, Kontakt mit seinem ältesten Sohn aufzunehmen – geschweige denn, ihn einzuladen, damit er seine Halbgeschwister kennenlernen konnte.

„Er ist der eigentliche Verlierer“, versuchte Leona ihren Bruder zu trösten. „Du musst an dich selbst glauben … wie ich.“ Sie legte eine Hand auf seinen Arm und fühlte eine innere Spannung, die Robbie offenbar vor ihr verbergen wollte. „Ist alles in Ordnung? Du verschweigst mir doch nichts?“

„Alles in bester Ordnung.“ Er lachte kurz auf. „Dann sehen wir uns also am nächsten Wochenende auf Brooklands.“

Leona lächelte. „Vergiss deinen Tennisschläger nicht. Wir werden sie besiegen – wie immer!“

„Es macht Spaß, die anderen zu schlagen, nicht wahr?“

„Großen Spaß.“

Wenn doch alles andere genauso viel Spaß machen würde, dachte Robbie unglücklich, während er zum Lift trottete. Die Angst schnürte ihm mehr und mehr die Kehle zu. Leona war ein Schatz. Er liebte sie aufrichtig, wie keinen anderen Menschen auf der Welt, aber er hatte es nicht über sich gebracht, sie noch einmal um Geld zu bitten. Viel zu viel hatte er sich schon von ihr geliehen und noch lange nicht alles zurückgezahlt. Dabei brauchte er dringend mehr Geld. Die Leute, mit denen er sich eingelassen hatte, setzten ihn zunehmend unter Druck. Das waren Strolche, die sich ungeschoren in den höchsten Gesellschaftskreisen bewegten. Nicht auszudenken, was ihn erwartete, wenn er sie nicht zufriedenstellen oder zumindest hinhalten konnte.

Robbie hatte das beklemmende Gefühl, dass seine selbst gestellte Falle bald zuschnappen würde. Leona hatte recht. Er war im Begriff, sich durch seine Spielsucht – noch ein schlechtes Erbteil seines Vaters – zu ruinieren. Aber Blazeaway, Ruperts vielversprechendes zweijähriges Rennpferd, musste heute Nachmittag einfach gewinnen. Er würde die letzten Scheine, die er noch in der Tasche hatte, auf ihn setzen.

Mit dieser vermeintlichen Aussicht auf einen Gewinn verdrängte Robbie seine Sorgen und begann, heiter vor sich hin zu pfeifen, um bei Laune zu bleiben.

2. KAPITEL

Am folgenden Samstag beschloss Leona, die übrigen Familienmitglieder vorausfahren zu lassen, bevor sie selbst nach Brooklands, dem berühmten Landsitz der Blanchards, aufbrach. Einerseits konnte sie es kaum erwarten, das Haus und die prächtigen Gartenanlagen wiederzusehen. Andererseits versetzte sie die Aussicht auf eine Begegnung mit Boyd seelisch und körperlich in Unruhe.

Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, seit sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. In Wirklichkeit waren es nur gut vier Wochen, die er geschäftlich im Ausland verbracht hatte. Rupert war jetzt über sechzig und konnte es sich mit einem so brillanten Nachfolger leisten, mehr Zeit auf Brooklands zu verbringen. Das bedeutete für Boyd einen gewaltigen Machtzuwachs, jedoch auch mehr Verantwortung, was für ihn nicht leicht war.

Allerdings war er ein Mann, der mit der Macht umzugehen wusste. Die Rolle war ihm auf den Leib geschrieben. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass er nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten oder eine so verantwortungsvolle Aufgabe von sich weisen würde. Das war nicht seine Art. Mit dem von seinem Großvater geerbten Vermögen hätte er sich jederzeit selbstständig machen und sein Leben genießen können, aber der Wille und die Begabung zur Leitung eines solchen Geschäftsimperiums hatten sich schon früh bei ihm gezeigt. Zur großen Erleichterung der Familie lag sein ganzer Ehrgeiz darin, die Erfolgsgeschichte der Blanchards fortzusetzen.

Alles, was Boyd anpackt, verrät seine Begabung und Entschlusskraft, dachte Leona, während sie ihre Aufmerksamkeit weiter auf die Straße richtete. Er war mehr als Ruperts würdiger Nachfolger, er übertraf ihn noch bei Weitem. Dabei half ihm der Schliff, den er von seiner Mutter Alexa bekommen hatte. Gerade dreißig geworden, befand er sich auf dem Gipfel seiner Karriere und stellte alles, was vor ihm geleistet worden war, in den Schatten. Man liebte, schätzte und respektierte ihn, während sein Vater eher gefürchtet wurde.

Es wunderte Leona immer wieder, dass ausgerechnet der tyrannische Rupert eine so große Zuneigung zu ihr empfand. Bei der Beerdigung ihrer Mutter war er fast zusammengebrochen, während er die Beisetzung seiner eigenen Frau später mit unbewegter Miene verfolgt hatte. Auch die sonst so beherrschte Alexa, eine enge Freundin ihrer Mutter, war in Tränen aufgelöst gewesen. Leona, damals ein trauriges, verstörtes Kind, konnte sich noch gut daran erinnern.

Serena Blanchard, eine ausgezeichnete Reiterin, war beim Sprung über eine alte Mauer am oberen Ende des Brookland-Sees unglücklich gestürzt und dabei ums Leben gekommen. Sie hatte die Mauer häufig problemlos übersprungen, aber dieses eine Mal war es schiefgegangen. Später fand man heraus, dass sich das Pferd mit einem Huf in einer Efeuranke verfangen hatte, die die Mauer überwucherte.

Sechzehn Jahre ist sie nun schon tot, dachte Leona traurig. Sechzehn Jahre lebte sie bereits ohne Mutter. Sie erinnerte sich noch, dass Serena sich damals zu ihr hinuntergebeugt und sie geküsst hatte, bevor sie aufgebrochen war.

„Ich bleibe nicht lange fort, mein Liebling. Wenn ich zurück bin, gehen wir alle zusammen schwimmen.“

Sie hatte nicht wissen können, dass sie nicht zurückkommen würde – zumindest nicht lebend.

Serenas Tod hatte die ganze Familie getroffen. Sie war so tief betrauert worden, dass für ihre Nachfolgerin Delia, Paul Blanchards zweite Frau, kaum Liebe übrig geblieben war. Wer hätte Serena auch ersetzen können? Am wenigsten Delia, die den trauernden Paul überrumpelt und ihm ihren kleinen Sohn aufgehalst hatte. Bin ich deshalb bei den Blanchards so beliebt?, fragte sich Leona. Sie gehörte nicht zum Hauptzweig der Familie, aber sie war das Ebenbild ihrer Mutter und genoss wohl deshalb besondere Gunst.

Die hohen schmiedeeisernen Torflügel zu Beginn der über eine Meile langen Auffahrt zum Herrenhaus standen offen. Prächtige Bäume von gewaltiger Höhe säumten sie an beiden Seiten und stießen in ihren Kronen mit den äußeren Zweigen so dicht zusammen, dass sie einen geheimnisvollen goldgrünen Tunnel bildeten.

Minuten später fuhr Leona aus dem Tunnel heraus über die gewölbte Steinbrücke, die den grün schimmernden See überspannte. Er wurde von einem unterirdischen Fluss gespeist, war stellenweise sehr tief und erstreckte sich über mehr als einen Hektar. Hier und dort ragten kleine Inseln aus dem Wasser, auf denen Wildenten und andere Wasservögel nisteten. Gerade glitt eine Schar schwarzer Schwäne unter der Brücke hindurch. Die ruhige, glasklare Wasserfläche, getupft von silbernen Funken, war am Ufer dicht mit weißen Lilien bewachsen, zwischen die sich violette japanische Iris mischten.

Oberhalb des Sees stand das Haus. Es war im Stil eines englischen Herrenhauses erbaut und immer wieder erweitert worden, sodass es inzwischen fast wie ein Schloss wirkte. Eine riesige Rasenfläche mit üppig bepflanzten Beeten dehnte sich vor dem Haus aus.

Als Kind hatte Leona einmal die Zimmer gezählt – es waren zweiunddreißig, einschließlich des großen Ballsaals, wo im Lauf der Jahre viele Familienfeste und Wohltätigkeitsveranstaltungen stattgefunden hatten. Alexa hatte die jährliche Gartenparty zu einem gesellschaftlichen Ereignis ersten Ranges gemacht, worin Jinty ihr leider nicht nacheiferte. Die Gärten von Brooklands waren ideal dafür.

Mit Alexa kann sich niemand messen, welche Tragödie, dass sie so jung gestorben ist!, dachte Leona. Sie fragte sich immer noch, ob Alexa in ihrer Ehe glücklich gewesen war. Natürlich war dieses heikle Thema nie berührt worden, und in der Öffentlichkeit hatten Rupert und Alexa das perfekte Paar gespielt. Leona musste erst erwachsen werden, um die Fremdheit zu spüren, die zwischen beiden herrschte. Im Grunde waren sie getrennte Wege gegangen. Alexa hatte sich um ihren geliebten Sohn gekümmert und ihre beachtliche Energie für die Haushaltsführung und die vielen wohltätigen Einrichtungen eingesetzt, die ihr am Herzen lagen.

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