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Im Sturmwind der Highlands

1. KAPITEL

„In diesem Februar wurden in Großbritannien so viele Valentinstagskarten verkauft wie noch nie zuvor“, sagte der Sprecher am Ende der Nachrichten.

Rasch drückte Mallory McIver den Aus-Knopf auf der Fernbedienung. Sie wollte nicht an das heutige Datum erinnert werden, denn am vierzehnten Februar vor einem Jahr hatte Steve sie mit einer Reise nach Paris überrascht. Außerdem hatte er ihr einen Diamantanhänger geschenkt und von ihrer gemeinsamen Zukunft gesprochen. Es war der glücklichste Tag in ihrem Leben gewesen.

Rasch fasste sie nach dem kleinen Schmuckstück, das sie – trotz allem – um den Hals trug. Plötzlich hob ihr Hund, der reglos zu ihren Füßen gelegen hatte, den Kopf. Momente später hörte sie, wie die Haustür geöffnet wurde. Sie ließ die Hand sinken. Torridon, ihr Ehemann, war nach Hause gekommen.

Schwanzwedelnd trottete Charlie zur Wohnzimmertür und jaulte, damit sein Frauchen sie ihm aufmachte. Wohl oder übel stand Mallory auf, bevor der Hund noch begann, am Holz zu kratzen. Er würde ohnehin keine Ruhe geben, ehe er Torr nicht begrüßt hatte.

Ihr Liebling mit den klugen Augen eines Collies und den Hängeohren eines Labradors war eine richtige Promenadenmischung und sicher nicht der schönste Vierbeiner der Welt. Sie hatte ihn vor sieben Jahren aus dem Tierheim geholt, was er ihr seither mit anhänglicher Treue dankte.

Er hatte in ihrem Leben die erste Geige gespielt, bis sie Steve kennenlernte. Es war nicht überraschend gewesen, dass der Hund mit Eifersucht reagierte. Die beiden waren leider keine Freunde geworden, was die ansonsten sehr glückliche Zeit zu dritt ein wenig getrübt hatte.

Seltsamerweise war es mit Torr anders gelaufen. Obwohl ihr Mann nicht viel Zeit mit ihnen verbrachte, hatte Charlie ihn vom ersten Augenblick an ins Herz geschlossen. Er freute sich jedes Mal, wenn er ihn sah, und schien es ihm nicht zu verübeln, dass er nur beiläufige Aufmerksamkeit bekam.

Als Mallory die Tür zur Diele öffnete, sah Torr gerade die Post durch, die sie für ihn auf das Tischchen gelegt hatte. Er war ein imposanter, athletisch gebauter Mann mit strengen Gesichtszügen, die selten verrieten, was er dachte. Offenbar regnete es, denn seine dunklen Haare und der Mantel schimmerten feucht im Licht der Deckenlampe.

Wenn Torr nicht gerade seinem Ruf gerecht wurde, einer der cleversten und erfolgreichsten Geschäftsmänner in Ellsborough zu sein, unternahm er Klettertouren. Er liebte die Berge. Allerdings konnte sich Mallory des Eindrucks nicht erwehren, dass die Rauheit, Einsamkeit und Trostlosigkeit der Berglandschaften etwas auf ihn abgefärbt hatten.

„Platz!“ Torr streichelte Charlie flüchtig, als dieser sich sogleich gehorsam setzte.

Anscheinend zufrieden mit dieser kleinen Geste kehrte der Hund danach zu seinem Frauchen zurück, und Torr wandte sich um. Zum ersten Mal nahm er Mallory wahr, die auf der Türschwelle stehen geblieben war. Sie trug modisch elegante Kleidung und wirkte in der weiten Seidenhose und dem fein gestrickten Top ausgesprochen schlank, fast schon dünn. Die langen dunklen Haare verdeckten das Gesicht, während sie sich zu ihrem Liebling beugte, der den Kopf gegen eines ihrer Beine drückte.

„Guter Hund“, lobte sie ihn, tätschelte seinen Rücken und richtete sich wieder auf. „Hallo“, begrüßte sie dann ihren Mann. Ihre Blicke begegneten sich, und die Wärme, die sich eben noch in ihren Augen gespiegelt hatte, wich einer gewissen Reserviertheit.

„Hallo.“

Niemand, der uns beobachtet, würde meinen, dass wir erst fünf Monate verheiratet sind, dachte sie. Heute war Valentinstag, doch Torr hatte keine Blumen gekauft, und nicht die Andeutung eines Lächelns lag auf seinen Lippen. Wie anders war es vor einem Jahr mit Steve gewesen.

„Ich habe gerade die Nachrichten gesehen.“

Torr zog den Mantel aus, und einige Regentropfen fielen auf den gefliesten Dielenboden des vornehmen georgianischen Stadthauses. „Hast du vielleicht einen Moment Zeit?“, erkundigte er sich, nachdem er das Kleidungsstück an die Garderobe gehängt hatte.

„Natürlich“, antwortete sie in demselben förmlichen Ton. Sie beide redeten nicht oft miteinander, aber wenn, taten sie es immer höflich.

Charlie wartete, bis Torr den Wohnraum betreten hatte, und ließ sich dann auf dem Teppich nahe am Kaminfeuer nieder. Zweifellos war er zufrieden, dass er die zwei Menschen, denen sein Herz gehörte, gleichzeitig im Auge behalten konnte. Dieses Glück wurde ihm nur selten vergönnt.

In stillschweigender Übereinkunft hatten Mallory und Torr das Haus in ihre jeweiligen Privatbereiche aufgeteilt, und dieses Zimmer galt als ihres. Allerdings fühlte sich für sie jeder der Räume wie ihrer an, da sie sich um die Einrichtung gekümmert hatte.

Mallory war von Torr mit der Gestaltung seines Hauses beauftragt worden, auf diese Weise hatten sie sich kennengelernt. Damals wäre es ihr nicht im Traum eingefallen, dass sie hier selbst einmal leben würde.

Seit der Hochzeitsnacht, die schlichtweg verheerend verlaufen war, schliefen sie sogar in getrennten Zimmern. Sie schloss zwar ihre Tür nicht ab, doch hatte er noch nie einen Fuß über die Schwelle gesetzt. Schon wiederholt hatte sie sich gefragt, in welcher Weise er von ihrer Ehe profitierte. Ihr jedenfalls nutzte sie in zweifacher Hinsicht: Sie hatte ein Dach überm Kopf und war durch Torr ihre enormen Schulden losgeworden. Er hingegen hatte nicht nur viel Geld bezahlt, sondern musste sein Haus jetzt mit einer Frau teilen, die er nicht einmal besonders zu mögen schien.

„Nimm doch Platz“, forderte sie ihn auf, aber er blieb offenbar lieber beim Kamin stehen.

Mallory ließ sich auf einem Lehnstuhl nieder und wünschte sich sogleich, sie hätte es nicht getan. Torr wirkte aus dieser Perspektive noch größer. Auch war ihr, als würde seine strenge Ausstrahlung ihr das Atmen erschweren. Er schaute sie mit seinen dunkelblauen Augen an, in denen sich keine Wärme spiegelte, und sie fasste unbewusst nach dem Diamantanhänger. Es war ihr unmöglich zu erkennen, was hinter Torrs Stirn vorging. Seine Miene war unergründlich.

Was sieht er wohl in meinem Gesicht, überlegte sie. Natürlich würde er die braunen Augen sehen, die hohen Wangenknochen und den sinnlichen Mund. Doch trug sie ebenso wie er eine undurchdringliche Maske. Würde er die Leere entdecken, die sie empfand, die Erstarrung und Kälte, die in ihrem Innern herrschten, seit Steve sie verlassen hatte?

„Wie war dein Tag?“, erkundigte sie sich schließlich, um das immer drückender werdende Schweigen zu brechen.

„Erfolgreich.“

Selbstverständlich. Torr war stets erfolgreich. Seine Baufirma, die er mit geringem Eigenkapitalanteil gegründet hatte, war heute mehrere Millionen wert. Außerdem besaß er das Talent, angeschlagene Unternehmen wieder in florierende zu verwandeln. Viele Menschen in Ellsborough verdankten ihm ihren Job, selbst wenn sie ihm noch nie persönlich begegnet waren.

„Und was hast du heute gemacht?“

„Ich habe meinen Lebenslauf neu geschrieben, denn ich möchte mir eine Stelle suchen. Am liebsten würde ich wieder als Innenausstatterin tätig sein.“

Dafür müsste sie ihren Stolz überwinden und sich an Leute wenden, die sich früher um eine Zusammenarbeit mit ihr bemüht hatten. Aber dazu war sie bereit. Sie würde jeden Gedanken an ihre eigene Firma verdrängen, die sie durch Steves Betrug verloren hatte. Auch würde sie die Erinnerung an jenen Tag bekämpfen, als Torridon McIver ihr völlig freie Hand gegeben hatte bei der Einrichtung seines Hauses im vornehmsten Stadtteil von Ellsborough. Sie war selig gewesen und hatte geglaubt, es beruflich geschafft zu haben.

An jenem Abend war sie von Steve mit einer Flasche Champagner überrascht worden, und sie hatten auf den Erfolg angestoßen. Sie hatte sich am Ziel ihrer Träume gewähnt, die bald danach wie Seifenblasen zerplatzt waren. Von jetzt auf gleich hatte sie alles – inklusive Steve – verloren. Einzig Charlie war ihr geblieben.

Sie war ruiniert und am Boden zerstört gewesen und hatte die Aufmunterungsversuche ihrer Freunde kaum ertragen. Eines Tages war Torr bei ihr erschienen und hatte ihr kurz und knapp einen Handel unterbreitet: Wenn sie ihn heiratete, würde er ihre enormen Schulden tilgen, auf denen Steve sie hatte sitzen lassen. Zu dem Zeitpunkt war ihr alles so ziemlich egal gewesen. Ohne zu zögern, hatte sie Ja gesagt und die entsetzten Proteste ihrer Freunde ignoriert.

Nach und nach erholte sie sich von dem Schicksalsschlag und begann ins Leben zurückzukehren. Nach monatelanger Abkapselung traf sie sich wieder mit Freunden. Zuweilen fiel es ihr noch sehr schwer, zu lachen und so zu tun, als wäre sie okay, doch probierte sie es zumindest. Und als Nächstes wollte sie sich um einen Job bemühen.

„Du brauchst nicht zu arbeiten“, äußerte sich nun Torr und runzelte die Stirn. „Du bist meine Frau.“

Nicht gerade die beste Ehefrau der Welt, wie sie beide wussten. Sie hielt sich an die Vereinbarung und begleitete ihn zu geschäftlichen oder gesellschaftlichen Veranstaltungen, wenn er es wünschte. Außerdem spielte sie bei Einladungen die perfekte Gastgeberin und kümmerte sich ansonsten um den Haushalt. Das war aber auch schon alles.

„Ich kann nicht den ganzen Tag nur herumsitzen. Ich muss irgendetwas machen.“

„Du wirst dort, wohin wir fahren, ein reiches Betätigungsfeld finden.“

Verblüfft blickte sie ihn an. „Wir fahren weg? Wohin?“

„Nach Schottland.“

„Wie bitte?“

„Ins schottische Hochland, genauer gesagt, an die Westküste. Die Gegend ist beeindruckend. Es wird dir dort gefallen.“

Mallory bezweifelte es stark. Sie war ein ausgesprochener Stadtmensch und liebte es, durch Läden zu streifen, ins Kino oder Museum zu gehen und in Restaurants zu speisen. Die Bilder, die sie von den Highlands gesehen hatte, zeigten eine wilde, unwirtliche Landschaft, die sie kein bisschen reizte. Was ihm eigentlich klar sein dürfte, dachte sie und bemerkte den spöttischen Ausdruck in seinen Augen. Ja, er amüsierte sich auf ihre Kosten.

Sie rang sich ein Lächeln ab. „Ich habe überhaupt nicht mitbekommen, dass du einen Urlaub planst.“

„Es handelt sich um keinen Urlaub. Wir ziehen um.“

„Wir ziehen um?“ Ihre Stimme klang beinahe tonlos.

„Ich habe ein altes Anwesen im Hochland geerbt.“ Torr holte ein Foto aus der Tasche seines wie immer perfekt sitzenden Anzugs und legte es auf den Glastisch neben Mallory. „Das ist Kincaillie.“

Zögerlich nahm sie das Bild und erblickte eine baufällige Burg hoch auf einem Kap, das vom grauen Meer umspült wurde. Ein wenig verlockendes Panorama. Im Hintergrund erhob sich fast bedrohlich eine Bergkette mit schroffen Felsspitzen.

„Ist das ein Witz?“

„Sehe ich aus, als würde ich scherzen?“

Nein, das tat er nicht. Nicht die Spur eines Lächelns. Hatte er überhaupt schon je einmal gelächelt? Ihr fiel keine Begebenheit ein. Bei unserer Hochzeit hat er es doch bestimmt gemacht, überlegte sie. Aber dieser Tag vor fünf Monaten lag weitgehend im Dunkeln. Sie erinnerte sich nur noch an die schreckliche Situation in der Hochzeitsnacht.

Erneut betrachtete Mallory das Foto. „Dir … gehört eine Burg?“

„Ja.“ Torr setzte sich ins äußere Eck des Sofas, das im rechten Winkel zu ihrem Sessel stand. „Die Aufnahme zeigt lediglich den mittelalterlichen Teil von Kincaillie und nicht, was später noch angebaut wurde. Es ist in Wirklichkeit weniger ungemütlich, als es auf dem Foto wirkt. Außerdem habe ich den Titel geerbt, falls es dich interessiert. Ich bin der neue Laird“, fuhr er leicht ironisch fort. „Und da du meine Frau bist, zumindest auf dem Papier, bist du nun eine Lady.“

Zumindest auf dem Papier. Sie errötete und wich seinem Blick aus. „Ich hatte keine Ahnung von dieser Anwartschaft.“

„Ich habe zwar gewusst, dass es eine Verbindung zwischen meiner Familie und Kincaillie gab, doch habe ich nie gedacht, ich würde es eines Tages besitzen. Als ich sechzehn war, bin ich mit meinem Vater einmal dort gewesen. Mein Großonkel war der Laird und hatte zwei Söhne. Deshalb war es höchst unwahrscheinlich, dass es mir irgendwann zufallen würde. Der ältere der beiden ist vor etlicher Zeit tödlich verunglückt. Damals war der jüngere bereits nach Neuseeland ausgewandert und wollte nicht zurückkehren. Da Kincaillie ein unveräußerliches Erbgut ist, hat es in den letzten Jahren leer gestanden. Vor einigen Monaten starb mein Cousin zweiten Grades offenbar an einem Herzinfarkt, und die Anwälte haben etwas Zeit gebraucht, um mich ausfindig zu machen.“

„Du hast von alldem erst heute erfahren?“

„Nein. Ich habe vor acht Wochen einen Brief erhalten und mich dann mit den Anwälten in Schottland getroffen und auch das Anwesen besucht.“

„Vor acht Wochen?“, fragte sie so laut, dass Charlie den Kopf hob. „Warum hast du mir nichts erzählt?“

„Weil ich annahm, es würde dich nicht interessieren.“ Torrs Gesichtszüge verhärteten sich. „Du hast bislang nicht unbedingt viel Anteilnahme an meinem Leben gezeigt, oder?“

Erneut errötete sie. Er hatte recht. Sie hatte praktisch einen Fremden geheiratet und sich seither nicht bemüht, ihn näher kennenzulernen.

„Hättest du dich erkundigt, warum ich nach Schottland wollte, hätte ich es dir gesagt.“

„Ich habe vermutet, es sei eine Geschäftsreise.“

„Und ich habe vermutet, es würde dich so oder so nicht interessieren.“

Seine Einschätzung traf absolut zu. Seit Steve sie hintergangen, sich ins Ausland abgesetzt und sie in dem Schlamassel, für den er verantwortlich war, sitzen gelassen hatte, war ihr alles egal gewesen.

„Wieso erzählst du es mir dann jetzt?“

„Weil du anfangen musst zu packen.“

„Warum?“

„Um nach Kincaillie umzuziehen.“

Mallory atmete ein. „Das ist nicht dein Ernst?“

„Doch.“

„Die Burg ist eine Ruine.“

„Sicher, sie ist ein wenig reparaturbedürftig. Aber wolltest du nicht etwas zu tun haben?“

„Ein wenig reparaturbedürftig? Ein Blick auf das Foto genügt, um zu wissen, dass die Renovierung ein Großprojekt ist. Sie wird endlos dauern.“

„Vielleicht. Nur stellt sich nicht die Frage, ob wir in Ellsborough bleiben oder nicht. Ich habe meine Baufirma und alle Unternehmensbeteiligungen veräußert. Außerdem habe ich ein gutes Angebot für das Haus bekommen und das Geschäft heute perfekt gemacht.“

„Für welches Haus?“

„Für dieses natürlich.“

„Du hast das Haus verkauft?“, fragte sie ungläubig, und nach Monaten, in denen sie praktisch nichts empfunden hatte, spürte sie wieder eine ganz starke Empfindung: Wut. Deutlich merkte sie, wie das Blut in ihren Adern zu kochen und die Kälte in ihrem Innern nachzulassen begann.

„Ich musste noch nicht einmal inserieren. In der Vergangenheit haben so viele Leute ihr Interesse an dem Haus bekundet, sollte es eines Tages zu erwerben sein, dass ich es gleich meistbietend versteigern konnte. Selbstverständlich hat die Tatsache, dass du es eingerichtet hast, den Preis in die Höhe getrieben, was du bestimmt mit Freude hörst.“

Sie sprang vom Sessel auf, und Charlie schreckte hoch. Er setzte sich auf die Hinterläufe und schaute sie beunruhigt an. So hatte er sie noch nie gesehen. Sie war rot vor Zorn und ballte die Hände ein ums andere Mal zu Fäusten.

Auch sie selbst machte mit sich eine neue Erfahrung. Die Wut breitete sich immer mehr in ihrem Körper aus, löste die innere Erstarrung und erweckte sie quasi von den Toten. Ja, sie wurde wieder zu Mallory Hunter, der zweiundreißigjährigen erfolgreichen Innenausstatterin. Plötzlich war sie nicht länger das gebrochene, stumpfe Wesen, in das sie sich nach Steves Verschwinden verwandelt hatte.

„Du hast das Haus verkauft, ohne auch nur mit mir darüber zu sprechen?“

Torrs aufmerksamem Blick entging nicht, dass ihre sonst so matt blickenden Augen funkelten. „Warum sollte ich?“

„Ich bin deine Frau!“

„Nur wenn es dir in den Kram passt. Wenn du zum Beispiel jemanden brauchst, der deine Schulden bezahlt.“

Sie gab nicht klein bei. „Wir hatten ein Abkommen. Du wolltest eine Frau, die dich beim Repräsentieren unterstützt und in puncto Gefühle keine Ansprüche an dich stellt. Ich hingegen benötigte eine Unterkunft für mich und Charlie. Und ja, du hast dich bereit erklärt, meine Schulden zu bezahlen. Doch so lautete der Deal: Das Haus war ein Bestandteil unserer Vereinbarung. Nun hast du es einfach hinter meinem Rücken veräußert.“

„Ich biete euch ein Ersatzzuhause, in dem es Charlie sogar wesentlich besser gefallen dürfte als hier.“

Sie wandte sich ab, um die Panik zu bekämpfen, die in ihr aufstieg. Ihr war, als wäre sie in einer ausweglosen Situation gefangen. Ich werde eine Lösung finden, ich muss nur die Ruhe bewahren. Tief atmete sie ein und sah Torr wieder an.

„Sag, können wir nicht darüber reden? Ich weiß, wie viel du für mich getan hast, und dass ich nicht gerade … entgegenkommend war.“ Nervös benetzte sie die Lippen. „Du hast recht. Ich habe mich bislang nicht sehr darum bemüht, dass unsere Ehe funktioniert. Das wird sich ab heute ändern, denn ich habe erkannt, dass ich die Sache mit Steve irgendwie bewältigen muss“, versprach sie und fuhr tapfer fort, als er in keiner Weise reagierte: „Wir beide hatten einen schlechten Start.“

„So kann man es auch ausdrücken.“

Eine peinliche Stille breitete sich im Wohnraum aus. Mallory fühlte sich zeitlich um fünf Monate zurückversetzt. Ihr war, als wären sie erneut in jenem noblen Hotelzimmer, wo sie die Hochzeitsnacht verbracht hatten und ihr – viel zu spät – klar geworden war, welch schrecklichen Fehler sie gemacht hatte.

„Du kannst keinen Mann heiraten, den du nicht liebst“, hatte ihre Freundin Louise sie gewarnt. „Du wirst todunglücklich.“

Sie aber hatte nichts davon hören wollen. Sie war ohnehin bereits so unglücklich gewesen, dass es schlimmer nicht werden konnte. Und Torr wusste, dass sie ihn nicht liebte, und störte sich nicht daran. Er hatte ihr freimütig erzählt, dass sein Bedarf an geheuchelten Gefühlen durch seine Exfrau vollauf gedeckt sei.

„Ich erwarte nicht, dass du vorgibst, mich zu lieben“, hatte er gesagt, nachdem er sie gefragt hatte, ob sie ihn heiraten wolle. „Mir ist klar, was du für Steve empfindest.“

Sie hatten sich darauf geeinigt, eine reine Vernunftehe ohne jede Gefühlsduselei zu führen, was Mallory damals nur sinnvoll vorgekommen war. Mehr noch, die Heirat war ihr in ihrer Lage als die einzige Lösung erschienen.

Sie hatte geglaubt, die Sache durchziehen zu können, und sich auch hinsichtlich der Hochzeitsnacht keine Illusionen gemacht. Sicher würde es etwas schwierig werden, doch arrangierte Ehen waren in vielen Ländern an der Tagesordnung, und wenn andere Frauen diese Situation meisterten, würde sie es ebenfalls schaffen.

Als Torr sich ihr dann aber im Bett zugewandt hatte, war sie unwillkürlich zusammengezuckt. Sie hatte verlegen und bestürzt die Hände vors Gesicht geschlagen und geflüstert: „Es tut mir leid. Ich kann es einfach nicht. Ich ertrage es nicht, von jemand anderem als von Steve berührt zu werden.“

Natürlich war er ärgerlich geworden und hatte ihr seine Verachtung nicht verhohlen. Sie verübelte es ihm nicht. Sie hatte seine Reaktion ihrer Meinung nach verdient, obwohl ihr seine Äußerungen jedes Mal, wenn sie daran dachte, erneut einen Stich versetzten.

„Du kannst dich von mir scheiden lassen“, hatte sie schließlich leise erklärt.

„Und ganz Ellsborough damit zeigen, dass ich ein Versager bin? Nein, daraus wird nichts. Mach, was du willst im stillen Kämmerlein, Mallory. Wenn du dein Leben damit vergeuden möchtest, dich nach dem miesen, billigen Dieb und Betrüger Steve Brewer zu sehnen, nur zu! Doch für die Öffentlichkeit ist unsere Ehe ein Erfolg!“

Seither spielten sie für Dritte das glückliche Paar, und sie konnte ansonsten tun und lassen, was sie wollte. Eigentlich hätte sie dankbar sein sollen, aber sie empfand ihr Dasein als trostlos. Deshalb hatte sie sich in letzter Zeit auch überlegt, wie sie die Beziehung zwischen ihnen verbessern könnte.

Leider hatte sich Torr nicht bereit gezeigt, ihr auf halbem Weg entgegenzukommen. Er war ihr weiterhin höchst reserviert begegnet, was sie entmutigt hatte. Nun würde sie es erneut versuchen müssen.

„Ich fühle mich total aus der Bahn geworfen. Seit Steves Verschwinden habe ich quasi wie ein Roboter Tag um Tag hinter mich gebracht. Ich weiß, dass es Zeit wird, wieder irgendwie Tritt zu fassen.“ Ihre Worte schienen ihn nicht im Mindesten zu berühren. Verzweiflung stieg in ihr auf. Sie durfte ihr Zuhause, ihren letzten Halt, nicht verlieren. „Deshalb möchte ich mir einen Job suchen, und ich habe angefangen, mich wie früher mit Freunden zu treffen“, erklärte sie und verwünschte ihre bebende Stimme. „Ich muss wieder arbeiten und Kontakte nach außen haben. Wenn wir hierbleiben, können wir eine gute, erfolgreiche Ehe führen.“

„Das können wir ebenso in Schottland.“

Sie vergaß ihren Stolz. Sie brauchte dringend ihr vertrautes Umfeld. „Wenn du willst, dass ich dich anflehe, tue ich es. Aber reiß mich bitte nicht aus meiner gewohnten Umgebung. Hier ist mein Zuhause.“

„Du wirst ein neues Zuhause haben.“

„Eine Ruine?“ Sie lachte hysterisch auf. „Ja, ich sehe mich dort schon heimisch werden!“

Er zuckte die Schultern. „Man kann sich überall ein Zuhause schaffen.“

Mallory fröstelte, obwohl sie nahe beim Kaminfeuer stand. „Du willst mich damit bestrafen, oder?“ Zum ersten Mal bemerkte sie eine leise Regung in seinen Zügen.

„Wieso sollte ich das wollen?“

„Du weißt, warum.“

„Du glaubst also, dass ich alles veräußert habe und in eine verfallene Burg ziehen will, weil meine Frau es nicht erträgt, von mir berührt zu werden? So viel bedeutest du mir nicht.“

Sein schroffer Ton ließ sie zusammenzucken. „Weshalb dann der aufwendige Umzug?“

„Weil ich es möchte. Kincaillie gehört mir.“

Durchdringend blickte sie ihn an. Seine Stimme hatte eben einen unerwartet warmen Klang bekommen.

„Ich zwinge dich zu nichts. Wenn du in Ellsborough bleiben möchtest, tu es. Allerdings ist dieses Haus verkauft, die Übergabe findet in einem Monat statt. Bis dahin wirst du dir eine andere Unterkunft besorgt haben müssen.“

Und zweihundertfünfzigtausend Pfund. Die hatte er zwar nicht erwähnt, aber die Summe hing unausgesprochen in der Luft. Wer würde ihr so viel Geld leihen? Sie konnte ihre Schulden nicht einfach als erledigt betrachten. An ihrer Situation hatte sich nur insofern etwas geändert, als sie nicht mehr bei vielen wütenden Gläubigern in der Kreide stand, sondern nur bei Torr.

Erschöpft strich sie sich die Haare aus dem Gesicht. Steve war nicht allein für den ganzen Schlamassel verantwortlich, sie trug ebenfalls Schuld. Schließlich war sie es gewesen, die Torr überredet hatte, in Steves Vorhaben – den Umbau einiger der alten Lagerhäuser am Fluss in Wohneinheiten – zu investieren.

Sie war so begeistert gewesen von seinen Entwürfen und hatte von einer wunderbaren Zusammenarbeit mit ihm geträumt. Steve wäre als Architekt für den Umbau zuständig und sie für die Inneneinrichtung. Sie beide würden das perfekte Team bilden.

Ohne zu zögern, hatte sie eine Hypothek auf ihr Haus sowie auf ihre Firma aufgenommen und mit Steve einen richtigen Partnerschaftsvertrag geschlossen. Er war der Meinung gewesen, dass es gut sei, wenn alles nach Recht und Gesetz geregelt wäre.

Nachdem er dann mit all dem Geld, das sie von ihren Investoren für das Projekt bekommen hatten, heimlich verschwunden war, hatten diese sie haftbar gemacht. Torr war der Einzige gewesen, der sein Kapital nicht zurückgefordert hatte.

„Ich bin ein Dummkopf gewesen und hätte die Sache gründlicher prüfen sollen“, hatte er ihr erklärt. Die übrigen Gläubiger waren weniger einsichtig gewesen. Sie hatten ihr zugesetzt, bis sie von Torr freigekauft worden war.

Mallory biss sich auf die Lippe.

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