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Im Sturm der Leidenschaft

1. KAPITEL

Sebastiano Christou – im Freundeskreis kurz Bastian genannt – betrachtete missmutig den grandiosen Smaragdring in seiner Hand. Sein regelmäßiges Gesicht mit den goldbraun schimmernden Augen nahm plötzlich einen hochmütigen Ausdruck an. Immerhin war dies der Verlobungsring der Christous, der bis vor Kurzem noch die Hand seiner Braut Lilah Sianna geziert hatte.

Paradoxerweise hatte Lilah kein Wort des Vorwurfs über den Ehevertrag verloren, der ihrem Anwalt zugegangen war. Unterzeichnet hatte sie das Dokument aber auch nicht. Stattdessen hatte sie sich rar gemacht und war ihm ausgewichen. Schließlich hatte Lilah ihre brennende Verachtung nicht mehr unterdrücken können. Sie hatte die Verlobung öffentlich für gelöst erklärt und zeigte sich seitdem auf jeder Party – stets an der Seite eines reichen Schönlings.

Bastian war sich durchaus bewusst, dass Lilah ihm den Fehdehandschuh vor die Füße geworfen hatte. Offensichtlich wollte sie ihn eifersüchtig machen. Doch er empfand keine Eifersucht und schon gar nicht so überwältigendes Begehren, dass er bereit gewesen wäre, den Ehevertrag zu zerreißen, um Lilah umzustimmen. Pech gehabt, Lilah, dachte er.

Wie wichtig so ein Ehevertrag war, hatte er schon als kleiner Junge gelernt.

Sein Vater hatte viermal geheiratet. Seine drei Scheidungen waren teuer gewesen und hatten das Familienvermögen der Christous erheblich dezimiert. Bastians Großvater hatte seinem Enkel schon von klein auf gepredigt, dass eine erfolgreiche Ehe sich eher auf gemeinsame Ziele und Grundsätze als auf Liebe gründete.

Verliebt war Bastian noch nie gewesen, aber er hatte schon viele Frauen begehrt.

Lilah, eine zierliche bildhübsche Brünette, hatte seinen Jagdinstinkt geweckt. Bastian musste sie unbedingt haben, aber mit Liebe hatte das nichts zu tun. Vor dem Heiratsantrag hatte er sorgfältig abgewogen, welchen Wert Lilah für ihn darstellte, als handelte es sich um eine Investition. Ihr gesellschaftlicher Hintergrund war auch seiner, sie war pragmatisch, sehr gebildet und bewegte sich sicher auf gesellschaftlichem Parkett. Das war die positive Seite. Gegen Lilah sprach ihre Habgier. Die hatte er eindeutig unterschätzt.

Bastian steckte den Ring wieder ins Schmuckkästchen und platzierte es im Safe, ärgerlich, dass er so viele Monate mit Lilah verschwendet hatte, die sich nun als für ihn ungeeignete Ehefrau entpuppt hatte. Mit seinen dreißig Jahren war er nur zu bereit, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Auf unverbindliche Affären hatte er keine Lust mehr. Allerdings hatte er es sich leichter vorgestellt, eine passende Frau zu finden. Zudem überlegte er, wie sich auf der Hochzeit seiner Schwester Nessa in zwei Wochen unschöne Szenen mit Lilah vermeiden ließen. Lilah gehörte nämlich zu den Brautjungfern und würde ausgesprochen wütend reagieren, wenn Bastian keinen Versuch unternahm, sie zurückzugewinnen. Wahrscheinlich würde sie warten, bis alle Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war und ihm dann eine fürchterliche Szene machen. Das wollte er seiner kleinen Schwester natürlich gerade an ihrem Hochzeitstag unbedingt ersparen. Eigentlich gab es nur eine Möglichkeit: Lilahs Stolz würde es nicht zulassen, Bastian zu konfrontieren, wenn er mit einer anderen Frau am Arm zur Feier erschien.

Aber wo sollte er auf die Schnelle eine Frau finden, die bei der Familienfeier ein ganzes Wochenende lang überzeugend seine Freundin spielen würde, ohne zu versuchen, ihn tatsächlich an sich zu binden?

„Bastian?“ Er wandte sich sofort um, als einer seiner Direktoren mit einem Laptop unterm Arm näher kam. „Ich muss dir etwas Amüsantes zeigen. Bist du dazu aufgelegt?“

War er nicht, aber er wollte seinen guten Freund Guy Babington nicht enttäuschen und lächelte daher zustimmend. „Aber sicher!“, behauptete er.

Also klappte Guy den Laptop auf dem Schreibtisch auf und drehte ihn so, dass Bastian den Bildschirm sehen konnte. „Sieh mal! Erkennst du sie?“

Bastian betrachtete das Foto einer bildhübschen Blondine mit hellblauen Augen, die ein Cocktailkleid trug und in die Kamera lachte. „Nein. Sollte ich sie kennen?“

„Schau genauer hin! Sie arbeitet für dich.“ Gespannt wartete Guy auf die Reaktion seines Freundes und Vorgesetzten.

„Das kann nicht sein. Sie wäre mir sofort aufgefallen“, widersprach Bastian, der ein Auge für schöne Frauen hatte. „Wie kommt das Bild überhaupt ins Internet? Bist du bei Facebook?“

Lachend schüttelte Guy den Kopf. „Das ist eine Website, auf der für Exclusive Companions geworben wird. Mit anderen Worten: eine Escortagentur. Sehr exklusiv. Du weißt schon.“ Anzüglich verdrehte er die Augen.

Abfällig verzog Bastian die sinnlichen Lippen. „Hast du das nötig?“

„Bei der Blondine hier könnte ich schon schwach werden“, antwortete Guy ausweichend.

„Sagtest du, sie arbeitet für mich?“ Fragend zog Bastian eine schwarze Augenbraue hoch.

„Ja, und zwar als Praktikantin auf dieser Etage. Sie hat einen Dreimonatsvertrag und erledigt Recherchen für deine persönliche Assistentin.“

Erstaunt warf Bastian nun einen weiteren Blick auf den Monitor und sah ungläubig auf. „Ist das etwa Emmie?“ Eine entfernte Ähnlichkeit mit der jungen Frau, die hier arbeitete, bestand tatsächlich. Nur dass diese ihr Haar stets zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden hatte, eine Brille trug und sich ausgesprochen unscheinbar kleidete. Doch der Leberfleck auf der Wange verriet sie.

„Das ist ja ein Ding! Sie verdient sich wirklich als Escortgirl Geld dazu?“

„Zumindest hat es den Anschein. Ich würde zu gern wissen, warum sie sich hier als hässliches Entlein verkleidet“, sagte Guy nachdenklich.

„Hier steht, dass sie Emerald heißt.“

Sebastiano klappte seinen eigenen Laptop auf und ging auf die Personalliste seiner Firma. Tatsächlich! Emmie war nicht die Abkürzung für Emily, wie man gemeinhin hätte vermuten können, sondern für Emerald. Es handelte sich also eindeutig um ein und dieselbe Person.

„Sie macht wirklich etwas her.“ Guy grinste lüstern.

Als hässliches Entlein hätte Bastian seine blonde Mitarbeiterin nun auch nicht gerade bezeichnet. Bisher war sie ihm eher dadurch aufgefallen, dass er sich ständig über sie ärgerte.

„Zucker ist schlecht für die Zähne“, hatte sie beispielsweise mahnend gesagt, als sie ihm seinen Kaffee serviert hatte, schwarz und süß, wie er ihn mochte.

„Benehmen ist Glückssache.“ Vorwurfsvoll hatte sie ihn angefunkelt, als er ihr an der Tür nicht den Vortritt gelassen hatte, was fast zu einer Kollision geführt hätte.

Trotz der blickdichten schwarzen Strumpfhosen, die sie ständig trug, waren ihm ihre schier endlos langen Beine aufgefallen. Wohl jeder Mann stellte sich vor, wie die sich um seine Taille schlangen … Ein Escortgirl. Man konnte ihre Gesellschaft also käuflich erwerben. Wenn sie sich so aufmachte wie auf dem Foto, würde sie alle Blicke auf sich ziehen. Allerdings war ihr Nebenjob nicht mit dem Vertrag vereinbar, den sie als Praktikantin unterschrieben hatte. Eine Klausel lautete nämlich, dass sie die Firma unter keinen Umständen in Verruf bringen durfte. Genau dies tat sie aber in ihrer Rolle als käufliche Begleiterin reicher Männer. Er hatte solche Dienste noch nie in Anspruch genommen und würde es normalerweise auch nie tun, aber in diesem speziellen Fall war er geneigt, eine Ausnahme zu machen.

Diese Frau musste ihn zur Hochzeit seiner Schwester begleiten. Dann brauchte er keine Bekannte um diesen Gefallen zu bitten und Interesse an ihr vortäuschen, das nicht bestand. Missverständnisse konnten also gar nicht erst aufkommen. Er bezahlte Exclusive Companions für eine Leistung, die Emerald genau nach seinen Anweisungen erbringen würde. Die Idee gefiel ihm immer besser! Er würde seine Begleiterin kontrollieren können wie einen Roboter …

Emmie unterdrückte ein Gähnen, während sie versuchte, sich auf die vielen Details zu konzentrieren, die Bastian Christous persönliche Assistentin als Hintergrundmaterial über eine Firma benötigte. Unbewusst rieb sie sich das schmerzende rechte Bein. Offensichtlich hatte sie es zu stark belastet.

Im Alter von zwölf Jahren war das Bein bei einem Verkehrsunfall so schwer verletzt worden, dass Emmie zunächst auf einen Rollstuhl angewiesen gewesen war und später auf Krücken. Erst durch eine komplizierte Operation war sie wieder völlig hergestellt worden. Dafür nahm sie gelegentliche Schmerzen gern in Kauf. Leider verhinderte Müdigkeit ihre Konzentrationsfähigkeit, sosehr Emmie sich auch bemühte, alle Details aufzunehmen. Inzwischen fragte sie sich, wieso sie eigentlich gedacht hatte, ein unbezahltes Praktikum wäre die Lösung, wieder eine Festanstellung zu bekommen.

Nach Monaten als Aushilfe in der Bücherei hätte Emmie nach jedem Strohhalm gegriffen, der sie aus der Sackgasse befreite. Inzwischen war ihr leider bewusst geworden, dass sie vom Regen in der Traufe gelandet war. Im Gegensatz zu ihren Freunden, die auch ohne Bezahlung als Praktikanten arbeiteten, weil das auf dem Lebenslauf besser aussah als Zeiten der Arbeitslosigkeit, erhielt Emmie keine finanzielle Unterstützung von ihren Eltern.

Trotz ihres hervorragenden Studienabschlusses in Wirtschaftswissenschaften hatte sie keinen entsprechenden Job gefunden. In Zeiten der allgemeinen Wirtschaftskrise stellten Firmen – wenn überhaupt – nur Bewerber mit Berufserfahrung ein. Nach zahllosen vergeblichen Bewerbungen hatte Emmie eingesehen, dass sie ohne entsprechende Erfahrung nie einen ihrer Ausbildung angemessenen Job finden würde. Also hatte sie ein hartes Auswahlverfahren im Assessment-Center durchlaufen und war überglücklich gewesen, als Praktikantin bei Christou Holdings anzufangen. Das Praktikum bei einer der erfolgreichsten Softwarefirmen in London musste sie doch weiterbringen.

In ihrem Enthusiasmus hatte sie nicht bedacht, wie teuer das Leben in London war. Ihre Mutter Odette, die sich jahrelang nicht um sie gekümmert hatte, hatte sich dann unverhofft bei ihr gemeldet und Emmie ein Zimmer bei sich angeboten. Natürlich hatte Emmie sofort zugegriffen. Ohne eine günstige Unterkunft hätte sie sich das unbezahlte Praktikum nicht leisten können. Auf die Idee, Odette könnte Hintergedanken haben, war Emmie nicht gekommen. Sie hatte sich über die Gelegenheit gefreut, ihre Mutter endlich besser kennenzulernen, denn im Alter von zwölf Jahren hatte sie Odette zuletzt gesehen.

Nach dem Unfall damals hatte Odette sie und ihre beiden Schwestern in eine Pflegefamilie abgeschoben. Kat, ihre älteste Schwester, hatte alle drei Schwestern dann glücklicherweise in ihrem Haus im Lake District aufgenommen. Kat war zwar alles andere als begeistert gewesen von Emmies Entschluss, bei Odette zu wohnen, hatte jedoch keinen Riegel davorgeschoben, sondern Emmie nur gewarnt, dass ihre Mutter sehr schwierig sein konnte.

Schwierig? Das war sehr milde ausgedrückt. Hoffentlich kommt es nicht wieder zum Streit, wenn ich nach Hause komme, dachte Emmie.

Kurz nach dem Einzug bei ihrer Mutter hatte sie erfahren, womit Odette ihr durchaus luxuriöses Leben finanzierte: mit einer Escortagentur im Internet! Der nächste Schock folgte auf dem Fuße, als ihre Mutter doch tatsächlich vorschlug, Emmie sollte als Escortgirl arbeiten, um für Kost und Logis zu bezahlen. Odette war fuchsteufelswild geworden, als Emmie dieses Angebot kategorisch abgelehnt und stattdessen einen Job als Kellnerin angenommen hatte. Sie arbeitete an fünf Abenden in der Woche und lieferte ihren bescheidenen Lohn bei Odette ab. Doch damit gab die sich nicht zufrieden.

Am schlimmsten war für Emmie jedoch die Erkenntnis gewesen, dass ihre Mutter sie nicht liebte. Odette zeigte kein Interesse daran, sie besser kennenzulernen und bedauerte keineswegs, sie und ihre Schwestern damals weggegeben zu haben. Emmie war völlig am Boden zerstört. Ihre Hoffnung, eine liebevolle Beziehung zu ihrer Mutter aufzubauen, wurde bitter enttäuscht. Odette war kein mütterlicher Typ. Für sie waren ihre Kinder lediglich lästige Nebenprodukte von gescheiterten Beziehungen.

„Ach, Marie …“ Eine vertraute dunkle Stimme mit leichtem Akzent erklang an der Tür. „Die Konferenz beginnt gleich. Emmie kann das Protokoll für uns führen.“

Überrascht wirbelte Emmie herum und erblickte die eindrucksvolle Gestalt von Bastian Christou.

Immer wieder erschienen Artikel in Wirtschaftsmagazinen über den griechischen Unternehmer. Emmie hatte sie alle verschlungen, und zwar schon lange bevor sie als Praktikantin bei ihm angefangen hatte. Er war sehr fotogen, sah aber in natura noch umwerfender aus. Mit seinem hochgewachsenen athletischen Körper, dem seidig schimmernden kurzen schwarzen Haar, dem ausdrucksvollen markanten Gesicht und dem goldenen Teint des Südländers fiel er überall sofort auf. Emmie war selbst einen Meter sechsundsiebzig groß, aber Bastian überragte sie um schätzungsweise zwanzig Zentimeter. Seiner charismatischen Ausstrahlung konnte wohl kaum eine Frau widerstehen. Mit seinem ebenmäßigen Gesicht erinnerte er an einen gefallenen Engel … Irgendwo hatte Emmie gelesen, seine Mutter, die sie von Fotos kannte, wäre ein berühmter italienischer Filmstar gewesen. Bastian war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, besonders zeigte sich die Ähnlichkeit in den gold schimmernden dunkelbraunen Augen, mit denen er sie jetzt eingehend musterte.

Er sieht mich an, als würde er mich am liebsten anknabbern, dachte Emmie verwundert, hob herausfordernd ihr Kinn und warf Bastian einen fragenden Blick zu. Noch nie zuvor hatte er sie so angesehen. Marie hatte sie allerdings vor den Launen des Chefs gewarnt, die wohl mit seiner in die Brüche gegangenen Verlobung zusammenhingen, über die hinter vorgehaltener Hand spekuliert wurde.

„Selbstverständlich“, antwortete Marie gelassen. Die schlanke Brünette Anfang vierzig stand auf und begleitete ihren Boss aus dem Büro.

Bastian musterte sein Opfer und überlegte, wie sie wohl aussah, wenn sie mal lächelte. Er war es gewohnt, von Frauen angelächelt zu werden. Emmie jedoch funkelte ihn entweder ärgerlich an oder musterte ihn verächtlich. Seit sie hier angefangen hatte, überlegte er, wo er sie schon mal gesehen hatte, kam aber nicht drauf. In seinen Kreisen verkehrte sie jedenfalls nicht. Außerdem hatte sie bis vor Kurzem in einer abgelegenen Gegend in Nordengland gewohnt, wo er noch nie gewesen war. Möglicherweise hatte sie aber mal einen Bekannten begleitet. Verächtlich verzog Bastian das Gesicht. Wieso arbeitete eine junge hübsche Frau in einem so anrüchigen Job? Wahrscheinlich, weil er ihr einen guten Lebensstandard einbrachte. Und wenn sie einen reichen Mann kennenlernte und heiratete, hätte sie ausgesorgt.

Schon früh hatte Bastian gelernt, dass die meisten Frauen ihre Schönheit einsetzten, um sich Vorteile zu verschaffen. Seine eigene Mutter war das beste Beispiel gewesen. Warum sollte Emmie Marshall eine Ausnahme sein?

Er beobachtete, wie sie sich während der Konferenz Notizen machte, bemerkte die Schatten unter den müden Augen und bewunderte den makellosen Porzellanteint, den eigentlich nur Kinder hatten. Das Kinn hatte sie auf eine Hand aufgestützt, was ihren schlanken Hals und ihr schmales Gesicht wunderbar zur Geltung brachte. Eine goldblonde Strähne hatte sich aus dem strengen Pferdeschwanz gelöst und fiel ihr ins Gesicht. Seltsam, wieso war ihm ihre Schönheit nicht eher aufgefallen? Wahrscheinlich, weil Emmie sie sorgfältig unter weiten Blusen, wadenlangen Röcken und dem strengen Brillengestell verbarg. Da machte kein Mann sich die Mühe, zweimal hinzuschauen.

Erst bei genauerem Hinsehen bemerkte man die vollen rosa Lippen und die strahlend blauen Augen. Erstaunt bemerkte Bastian, dass er bei der Vorstellung, Emmie würde nur für ihn einen sexy Schmollmund ziehen, erregt wurde. Wie oft hatte sie diesen verführerischen Trick wohl schon eingesetzt, seit sie als Escortgirl arbeitete? Energisch erstickte Bastian seine Erregung im Keim. Mit Jungfrauen ging er grundsätzlich nicht ins Bett, und gegen käufliche Liebe hatte er eine Aversion. Und dass Emmie ihren Preis hatte, wusste er nun …

„Emerald ist sehr begehrt und daher selten frei“, informierte ihn die Stimme am anderen Ende der Leitung, als Bastian die Nummer der Escortagentur gewählt hatte. „Ich kann Ihnen Jasmine empfehlen oder …“

„Es muss Emerald sein“, beharrte er. „Nur sie kommt infrage. Ich werde sie gut dafür bezahlen, mich als Kunden zu wählen.“

Und dann hatte Bastian über den Preis verhandelt. Darin war er sehr gewieft. Wieder einmal hatte sich seine Theorie bestätigt, dass man alles haben konnte, wenn man bereit war, den richtigen Preis zu zahlen. Sogar die bereits völlig ausgebuchte und selten zur Verfügung stehende Emerald, die ihm nun gerade am Tisch gegenübersaß und immer wieder einzuschlafen drohte. Er hatte ihre Dienste für das kommende Wochenende gebucht und sie sich eine astronomische Summe kosten lassen. Es amüsierte ihn, dass sie davon offensichtlich noch keine Ahnung hatte. Gleichzeitig wunderte es ihn schon, wie eine Frau so verantwortungslos sein konnte, ihre Dienste an wildfremde Männer zu verkaufen. Woher wollte sie denn wissen, dass diese Männer nicht ihr Vertrauen missbrauchten?

Wie ein Fächer lag der Wimpernkranz auf Emmies Wangen. Die schlanken Schultern sackten hinunter. Bastian streckte eins seiner langen Beine unterm Tisch aus, tastete nach Emmies Füßen und stupste sie heftig mit der Schuhspitze. Erschrocken riss sein Gegenüber die Augen auf und schaute ihn verwirrt an, die sinnlichen Lippen leicht geöffnet, die Wangen verlegen gerötet.

Bastian fragte sich, wer ihr in der vergangenen Nacht den Schlaf geraubt hatte. Ob sie wohl Sex gehabt hatte? Die meisten Männer, die eine so horrende Summe für die Dienste eines Escortgirls bezahlten wie er, erwarteten, dass Sex im Preis inbegriffen war. Wäre Emmie bereit dazu? Wäre er bereit dazu? Nein, niemals! Kommt nicht infrage, dachte Bastian angewidert.

Emmies Blick kollidierte mit einem glühenden Blick aus goldbraunen Augen, die an die eines sich anpirschenden Tigers erinnerten. Sofort stockte ihr der Atem. In ihrem Schoß begann es, heiß zu pulsieren. Die erotische Reaktion schockierte Emmie. Normalerweise misstraute sie attraktiven Männern, weil die meistens eingebildet waren und nur an sich dachten. Sie war ausgesprochen wählerisch. Deshalb hatte sie bisher auch noch nie einen Lover gehabt. Während des Studiums hatte sie sich zwar in Toby verliebt, doch als es ernst wurde und er gesagt hatte: „Ich kann kaum glauben, dass ich tatsächlich mit einem Mädchen ins Bett gehe, das genauso aussieht wie Sapphire“, hatte sie ihm tief verletzt den Laufpass gegeben. Ihr Selbstbewusstsein und ihr Glaube an die Liebe hatten einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Der eineiige Zwilling eines weltberühmten Supermodels zu sein machte es Emmie schwer, eine eigene Identität aufzubauen. Besonders wenn Männer in ihr immer nur die zweite Wahl sahen. Um ständigen Vergleichen mit ihrer perfekten Schwester zu entgehen, versteckte Emmie ihre eigene Schönheit lieber – und sie mied Sapphires Gesellschaft.

Jetzt fragte sie sich aufgeregt, wieso sie ausgerechnet auf Bastian Christou flog. Unauffällig musterte sie ihn. Warum hatte er sie so angesehen? Seine Verlobung war ja gelöst, er konnte sich also ohne schlechtes Gewissen wieder für andere Frauen interessieren. Aber doch nicht für sie in ihrer unvorteilhaften Aufmachung, oder? Normalerweise schenkte kein Mann ihr einen zweiten Blick. Außerdem war sie das genaue Gegenteil seiner Verlobten, die klein, brünett und stets perfekt zurechtgemacht war. Herausfordernd hob Emmie das Kinn und begegnete ruhig Bastians Blick.

Bastian musste sich das Lachen verkneifen. Die traut sich was, dachte er anerkennend.

„Ich möchte Sie in fünf Minuten in meinem Büro sehen“, versetzte er kühl, schob den Stuhl zurück und blickte zu ihr hinab.

„Wahrscheinlich will er das Protokoll lesen“, meinte Marie, als Bastian Christou gegangen war. „Hoffentlich sind Sie gut mitgekommen. Zwischendurch hatte ich mal den Eindruck, Sie würden gleich einschlafen.“

Emmie verzog das Gesicht. „Das wäre ich auch fast.“ Es war ihr schrecklich peinlich, dass Bastian Christou ihre Müdigkeit bemerkt hatte. Vielleicht wollte er darüber mit ihr reden. Bisher hatte er sie jedenfalls kaum beachtet, und seine Anordnungen erhielt sie von Marie.

„Können Sie das Kellnern nicht aufgeben?“, erkundigte Marie sich besorgt.

„Leider bin ich auf das Geld angewiesen. Aber mein Praktikum hier ist ja sowieso bald beendet“, antwortete Emmie. Sie war froh, Bastians Assistentin reinen Wein über den Nebenjob eingeschenkt zu haben.

„Hoffentlich lohnt sich der Einsatz hier für Sie“, meinte Marie trocken.

Damit will sie wohl andeuten, dass sie wenig Hoffnung auf meine Festanstellung hier hat, dachte Emmie geknickt. Damit hatte sie zwar auch nicht gerechnet, aber Hoffnungen hatte sie sich insgeheim trotzdem gemacht.

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