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Im Sog der Zeit

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. Inigos achter Traum
  7. 2
  8. Inigos neunter Traum
  9. 3
  10. Justine
  11. Inigos zehnter Traum
  12. 4
  13. Inigos elfter Traum
  14. Justine: Jahr drei
  15. 5
  16. Inigos zwölfter Traum
  17. Justine: Jahr vier
  18. Inigos dreizehnter Traum

Über den Autor

Peter F. Hamilton, Jahrgang 1960, wurde als Autor der MINDSTAR-Thriller bekannt. Internationalen Bestsellerruhm erlangte er mit seinem ARMAGEDDON-ZYKLUS und gilt seitdem als Erneuerer der klassischen Space Opera und Begründer einer neuen Untergattung, der GOTHIC SCIENCE FICTION. Er lebt mit seiner Familie in Rutland, England.

1

Seltsamerweise waren es die Eichenbäume, an die Justine Burnelli sich erinnerte, wenn sie an den Tag zurückdachte, an dem Centurion Station erloschen vor.

Wie alle anderen in der Gartenkuppel war sie auf die Türen der Sicherheitsbunker zugeeilt, nachdem sie einen Blick über die Schultern geworfen hatte.

Das dichte, smaragdgrüne Gras war von Partyabfällen übersät gewesen, Cocktailhappen waren in den Rasen getreten worden, und zerbrochene Gläser und Teller hatten vibrierend auf dem Boden gezuckt, während die gewaltigen Gravitationswellen in schneller, unerbittlicher Folge über die Station brandeten. Das zaghafte Licht über ihnen, das von den Nebelflecken um den galaktischen Kern herum ausging, war von den dunstigen Notfallkraftfeldern der Kuppel nun zu matten Pastellstreifen verwischt.

Justine spürte, wie sich abermals ihr Gewicht verminderte. Überraschte, fast panische Schreie wurden unter der sich gegen sie drängenden Stationsbelegschaft laut, während sie auf dem orangefarben leuchtenden Fußpfad um Bodenhaftung rangen. Im nächsten Moment ging ein Donnern durch die Kuppel. Der riesige Ast einer zweihundert Jahre alten Eiche war dicht am mächtigen Stamm zerborsten und nach unten gekracht. Wie ein Schwarm aufgescheuchter Schmetterlinge wirbelten die Blätter umher. Dann gab der ganze majestätische Baum nach. Entlang seines Stammes taten sich weitere Risse auf, bevor er langsam in seinen Nachbarn stürzte. Die geschmackvolle kleine Baumhausplattform, auf der vor kaum einer Minute noch die Band gespielt hatte, brach auseinander. Der letzte, flüchtige Eindruck, den Justine von dem Baum erhaschte, waren ein paar rote, aus dem gefällten Giganten hervorschießende Eichhörnchen.

Dann schlossen sich hinter ihr die Malmetall-Türen des Sicherheitsbunkers, und sie fand sich für einen Moment in einer Oase der Stille wieder. Es war ein bizarres Bild, wie sie alle schwer keuchend dastanden, nach wie vor in ihre beste Partygarderobe gekleidet, mit wirren Haaren und Gesichtern voll Angst.

Direkt neben ihr stand Sektionsleiter Trachtenberg. Mit wildem Blick schaute er sich um.

»Sind Sie okay?«, fragte er sie.

Sie nickte stumm, ihrer Stimme nicht ganz vertrauend.

Eine weitere Gravitationswelle jagte durch die Station. Wieder spürte Justine ihr Gewicht geringer werden. Ihr U-Shadow griff auf das Stationsnetz zu, und sie ließ sich die Sensorbilder vom Himmel über ihnen zeigen.

Die DF-Sphären der Raiel beschleunigten immer noch auf ihre neuen Positionen innerhalb des Sternensystems zu. Sie vergewisserte sich, dass die Silverbird von den unheimlichen Gravitationswellen, die den DF-Sphären nichts anzuhaben schienen, unbeeinträchtigt war. Der Smartcore des Schiffs teilte ihr mit, dass es direkt über dem staubigen Lavafeld, das als Stationslandefeld diente, seine Position beibehielt.

»Ich habe mich soeben mit unseren Alien-Kollegen beraten«, verkündete Trachtenberg. Er lächelte schief. »Jedenfalls mit denen, die mit uns sprechen. Und wir sind einhellig der Meinung, dass diese Gravitationsverschiebungen jenseits allem liegen, wofür die Sicherheitssysteme konzipiert wurden. Zu meinem Bedauern muss ich daher die sofortige Evakuierung anordnen.«

Ein paar Leute ächzten bestürzt auf.

»Das können Sie nicht machen«, beschwerte sich Graffal Ehasz. »Das hier ist doch exakt der Grund, weswegen wir vor Ort sind. Grundgütiger Ozzie, Mann, denken Sie nur an die Daten, die dieses Ereignis ausspuckt. Die Erkenntnisse, die wir dabei gewinnen könnten, wären ohnegleichen! Wir können uns doch nicht wegen irgendwelcher Sicherheitsauflagen, die irgendein Komitee im Commonwealth verhängt hat, einfach so aus dem Staub machen.«

»Ich verstehe Ihre Einwände«, erwiderte Trachtenberg ruhig. »Sobald sich die Situation ändert, kommen wir wieder zurück. Für den Moment jedoch begeben Sie sich bitte an Bord Ihres bezeichneten Schiffes.«

Justine konnte sehen, dass der Großteil der Belegschaft erleichtert war. Nichtsdestotrotz gingen von Ehasz und einer kleinen Clique von Hardcorewissenschaftlern eine unverkennbare Verstimmung und Feindseligkeit aus. Als sie ihren Geist dem örtlichen Gaiafield öffnete, wurde der Konflikt widerstreitender Emotionen deutlich erkennbar. Doch Ehasz und seine Leute befanden sich nun mal in der Minderheit.

Trachtenberg beugte sich näher zu Justine und fragte leise: »Wird Ihr Schiff mit dieser Sache hier fertig?«

»Oh ja«, versicherte sie ihm.

»Sehr gut, wenn Sie dann bitte mit uns aufbrechen würden?«

»Natürlich.«

Über ihre Verbindung mit dem Smartcore sah sie, wie sämtliche Sicherheitsbunker die Oberfläche durchbrachen – titaniumschwarze Kugeln, die sich aus der staubigen Lavaebene hervorschoben. Sanft begannen sie, auf die wartenden Raumschiffe zuzugleiten.

Nachdem die Evakuierung offenbar vorschriftsmäßig vonstatten ging, beruhigten sich Justines Nerven beträchtlich. Sie befahl dem Smartcore der Silverbird, über das schwache Navy-Kommunikationsrelais eine Verbindung bis zurück ins Commonwealth zu öffnen, dreißigtausend Lichtjahre entfernt. »Dad?«

»Es geht dir also gut«, sagte Gore Burnelli. »Dem Himmel sei Dank.«

Entlang der winzigen Bandbreite sickerte der blasse Eindruck eines Lächelns zu Justine durch. Warmes, karibisches Sonnenlicht spiegelte sich auf den Lippen ihres Vaters. Ein tröstlicher Anblick, der ihr einen völlig unerwarteten emotionalen Aufruhr bescherte. Sie spürte, wie sich ihre Kehle zusammenschnürte, wie ihr Tränen in die Augen traten und sich ihre Wangen röteten. Dieser gottverdammte beknackte Körper, fluchte sie in stummer Wut. Trotzdem lächelte sie schwach zurück und achtete auch nicht darauf, wie die Leute in dem Schutzraum sie ansahen. »Ja, alles in Ordnung.«

»Gut, dann hör dir das mal an: Ich hab die Navy-Relaisverbindung zu Centurion Station überwacht. Dein neuer Freund Trachtenberg hat gerade eben den Kleriker-Conservator angerufen und ihm von der Expansionsphase berichtet. Und zwar noch bevor er es für nötig hielt, die Navy vor dem, was passiert ist, zu warnen.«

Es erfüllte Justine mit gewissem Stolz, wie sie es schaffte, in diesem Moment nicht in Trachtenbergs Richtung zu sehen. Okay, vielleicht ist dieser alte Körper ja doch nicht so nutzlos. »Tatsächlich. Wie interessant.«

»Es kommt noch besser. Vor ungefähr fünf Stunden hat der Zweite Träumer seinem Skylord-Spezi gesteckt, dass er nicht vorhabe, irgendjemanden in die Leere zu führen. Und das Nächste, was wir erfahren, ist, dass diese Expansionsphase eingesetzt hat. Ich weiß ja nicht, was du davon hältst, aber hier bei uns glaubt niemand an einen Zufall.«

»Der Zweite Träumer hat das alles hier verursacht?«

»Es geschah nicht mit Absicht. Zumindest hoffe ich das sehr. Ursache und Wirkung, schätze ich. Die Skylords leben, um Seelen ins Herz der Leere zu führen, und dann kommt jemand daher und erzählt ihnen, dass ihnen demnächst der Nachschub abgeschnitten wird. Junkies neigen nun mal dazu, auf so was gereizt und irrational zu reagieren.«

»Die Skylords sind keine Junkies.«

»Nimm nicht immer alles so wörtlich. Ich benutze nur Metaphern oder Allegorien oder irgend so’n Scheiß. Der springende Punkt ist: Jetzt wissen sie, dass wir da sind und darauf warten, geleitet zu werden. Sofern wir nicht zu ihnen kommen …«

»Sie kommen zu uns«, flüsterte sie.

»Sieht jedenfalls ganz danach aus.«

»Aber nichts kann die Grenzlinie überleben.«

»Das erste Schiff hat es. Irgendwie.«

»Hat der Zweite Träumer irgendetwas gesagt?«

»Nicht ein gottverdammtes Wort, nicht einmal ›Ups, Entschuldigung‹. Arroganter kleiner Scheißkerl. Ich hab mir ja schon gedacht, dass er eingebildet ist, aber so was!«

»Na, er wird wohl irgendetwas unternehmen müssen.«

»Der Meinung sind wir hier alle auch. Fakt ist, dass Living Dream ihm dicht auf den Fersen ist. Das dürfte ernsthaften Ärger bedeuten, falls sie ihn tatsächlich in die Finger bekommen. Dafür wird unsere Freundin Ilanthe schon sorgen.«

Justine griff auf die Daten zu, die von der Station herüberkamen, und beobachtete besorgt, wie ihr Lebenserhaltungssystem von den Gravitationswellen an die Grenzen seiner Belastbarkeit getrieben wurde. »Viel schlimmer als das hier wird’s wohl kaum werden, Dad.«

»Scheiße, tut mir leid, Engel. Denkst du, du kommst da heil raus?«

»Du weißt doch, dass du dir um mich keine Sorgen machen musst. Bleib mal ’nen Augenblick dran, wir kommen gerade bei den Raumschiffen an.«

Menschen aktivierten ihre persönlichen Kraftfelder, als sich das Außentor der Luftschleuse teilte. Einige von ihnen waren auf Nummer sicher gegangen und hatten sich zudem in die Druckanzüge gezwängt, die in den Bunkerspinden bereitlagen. Justine wusste, dass sie sich auf ihre Biononics verlassen konnte, um sie vor allem, was der namenlose Planet ihr entgegenschleudern mochte, zu schützen. Ihr integrales Kraftfeld verstärkte sich um sie. Sie streifte ihre hochhackigen Pumps ab und folgte den anderen durch den dreifachen Druckvorhang nach draußen. Zehn Aluminiumstufen später stand sie barfuß und in einem ganz und gar unpassenden kleinen, schwarzen Cocktailkleid auf der Lava. Durch das schützende Polster des Kraftfelds hindurch ließen Erschütterungen ihre Fußsohlen erzittern. Eine sanfte Argonbrise umwehte sie und wirbelte kleine Staubtwister empor.

Ihr Bunker war knapp hundert Meter hinter einem gedrungenen Gebäude, in dem sich die Hauptluftschleuse der Basis befand, zum Stillstand gekommen. Zwei der fünf Navy-Schiffe standen an jeder Seite Justines bereit, schwebten auf Ingrav einige Meter über dem Boden und schwankten leicht, während sie die heimtückische Gravitation kompensierten. Eilig hastete Justine um eines von ihnen herum und entdeckte die Silverbird, die weitere zwanzig Meter dahinter wartete. Ein willkommener Anblick. Lässig hing die schlichte purpurne Ovoidform über der Lava und schien sich weit stabiler in ihrer Position zu halten als die Navy-Schiffe. Sie grinste erleichtert und rannte unter den Schiffsbauch. Die Luftschleuse an der Rumpfbasis wölbte sich nach innen und öffnete sich zu einem dunklen Schacht, der ins Herz der Silverbird führte. Der Smartcore war bereits dabei, der Gravitation entgegenzuwirken, um sie hineinzuziehen, als sie am Horizont etwas sah, das sich bewegte. Ein ungeheuerlicher Anblick.

»Stop«, befahl sie.

Ihre Füße verharrten zehn Zentimeter über der Lava. Netzhaut-Inserts zoomten das Etwas heran.

Es war ein berittener Silfen.

Der elfenhafte Humanoid war in einen dicken kobaltblauen Mantel gehüllt, bestickt mit den märchenhaftesten Juwelen, die in den unsteten Pastellfarben des Sternenlichts funkelten. Am oberen Ende des hohen, spitzen Huts, den er auf dem Kopf trug, flatterte ein einfaches goldenes Band. Eine behandschuhte Hand umfasste einen langen, phosphoreszierenden Speer, den er wie zum Gruß erhob. Es mochte sich durchaus um eine solche Geste handeln, denn er beugte sich, halb auf Steigbügeln stehend, weit in seinem Sattel vor. Als wäre sein Erscheinungsbild nicht schon verwunderlich genug, verschlug ihr sein Reittier nachgerade die Sprache. Am ehesten ließ sich die Kreatur mit einem irdischen Rhinozeros vergleichen, nur dass es fast die Größe eines Elefanten besaß sowie zwei abgeflachte, hin und her peitschende Schwänze. Das lange, zottelige Fell war von hellroter Farbe, und die vier Hörner, die sich von den Seiten seines langen Kopfes wegbogen, wirken verteufelt spitz. Justine, die bereits einmal auf einem der Charlemagnes geritten war, welche die alten Barsoomianer auf Far Away geschaffen hatten, erkannte sofort, dass die Furcht erregende Bestie ein wahres Schlachtentier war. Allein sein Anblick reichte aus, dass ihr altertümlicher Körper instinktiv eine Flut von Angsthormonen produzierte.

Der Silfen hätte einfach nicht hier sein sollen. Sie hatte nie davon gehört, dass einer ihrer Pfade auf diesen abgelegenen, unwirtlichen Planeten geführt hatte. Und er war ein Sauerstoffatmer, ebenso wie sein, wie sie annahm, tödliches Reittier. Die dünne, strahlungsgesättigte Argonatmosphäre des namenlosen Planeten bedeutete für jedes lebende Geschöpf den sicheren Tod. Dann musste sie über sich selbst grinsen. Wer war sie, solche Behauptungen aufzustellen – sie, die sie hier stand und den unheimlichen Energieemissionen der Wall-Sterne ausgesetzt war, mit nichts mehr als einem skandalös kurzen Cocktailkleid am Leib?

Es war also keineswegs unmöglich, hier auf einen Silfen zu treffen. Nicht, dass er sich irgendwelcher technischen Hilfsmittel bediente, um sich vor der lebensfeindlichen Umgebung zu schützen.

Aber … »Wieso?«, flüsterte sie.

»Die Silfen leben, um zu erfahren«, erklärte ihr Gore, gleichermaßen in Bann genommen von der Anwesenheit des Aliens. »Seien wir mal ehrlich, eine größere Erfahrung als dem Ende der Galaxis zuzusehen, die um dich herum zusammenstürzt, kann man wohl kaum machen.«

Sie hatte ganz vergessen, dass sie die Verbindung zu ihrem Vater offen gelassen hatte. »Eine ziemlich kurze Erfahrung«, gab sie säuerlich zurück. »Und was ist das eigentlich für ein Ding, auf dem er da hockt?«

»Wer weiß? Ich glaube, Ozzie hat mal erwähnt, dass die Silfen, denen er auf einem Eisplaneten begegnet ist, auf eigenartigen Kreaturen zur Jagd geritten sind.«

»Eigenartig, nicht Furcht erregend.«

»Was spielt das für eine Rolle? Ich denke, er ist zu Ehren des Ereignisses auf dem stärksten Ross hierhergekommen, das sich auftreiben ließ. Immerhin hast du das imponierendste Kampflesben-Raumschiff in dem Teil der Galaxis.«

»Kampflesben-Raumschiff?« Wie dem auch sei, es brach den Zauber, den das sonderbare Alien auf sie ausübte. Formell neigte sie den Kopf in seine Richtung. In Erwiderung senkte der Silfen seinen Speer und setzte sich zurück auf seinen schmalen Sattel.

Die Silverbird zog Justine hinauf in die kleine, komfortable Kabine. Dort angekommen, ließ sie sich in einen tiefen, geschwungenen Sessel sinken, den das Deck ausfuhr. In dem von ANA entwickelten Schiff war sie nun so sicher, wie ein Mensch es nur sein konnte. Über die Außensensoren sah sie die letzten Angehörigen der Stationsbelegschaft in die Luftschleusen der Navy-Schiffe eilen. Zwei weitere Silfen hatten sich zu dem ersten Beobachter gesellt. Ihr Vater hatte wohl recht gehabt; sie würden nur wegen etwas wirklich Bedeutsamem hierherkommen. Für Justine verstärkte ihre Anwesenheit das todbringende Panorama, das sich vor ihren Augen entfaltete, nur.

»Auf geht’s«, befahl sie dem Smartcore.

Noch vor allen anderen Schiffen erhob sich die Silverbird von Centurion Station in den Himmel. Kurz darauf stiegen auch die anderen Raumer auf und vereinten sich mit ihr zu einer seltsam ungleichen Flotte. Commonwealth-Navy-Schiffe glitten geschmeidig neben die klobigen Ticoth-Raumer, während die violett glitzernden Sphären der Ethox flink die schweren Tanker der Suline umtanzten. Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre sie liebend gern in einer der eleganten Artificial-Life-Konstruktionen mitgereist, die sich in die Höhe schwangen und herabstießen, um die Forleene aus der Gefahrenzone zu bringen. Trotz der Verwüstung und des Chaos, die überall herrschten, konnten es sich nur wenige der abfliegenden Spezies verkneifen, einen raschen Scan in Richtung des Metallkubus durchzuführen, der die Kandra beherbergte. Daher war niemand wirklich überrascht, als sich das gesamte Objekt einfach vom staubigen Boden erhob und, sanft von den einstürzenden Gebäuden des Observationsprojekts fortgleitend, Fahrt aufzunehmen begann.

Es erfüllte Justine mit einem geradezu lächerlichen Stolz, dass offenbar keines der anderen Schiffe es mit dem Beschleunigungsvermögen der Silverbird aufnehmen konnte. Das Ultra-Antriebsschiff brauchte nur wenige Sekunden, um eine Höhe von fünfhundert Kilometern zu erreichen, wo es stoppte, um den letzten Minuten von Centurion Station beizuwohnen. Eine neuerliche Gravitationswelle erschütterte die Schiffshülle mit solcher Gewalt, dass der bordeigene Schwerkraftgenerator sie kaum aufzufangen vermochte. Justine spürte ein deutliches Zittern, das sich durch die Kabine fortsetzte. Der namenlose Planet bäumte sich auf und krümmte sich unterhalb des Rumpfs, während seine uralte Geologie sich den ärgsten Effekten der furchtbaren Gravitationswellen, die unsichtbar durch seinen Mantel fluteten, hartnäckig widersetzte.

Der heiße Ethox-Turm war der Erste, der unterlag; bedrohlich schwankte er hin und her, bis die Wellenbewegungen schließlich zu mächtig wurden für die Sicherheitssysteme, als dass sie noch zu kompensieren gewesen wären. In träger Grazie fiel er und krachte auf die harte Lava. Gewaltige Wasserkaskaden ergossen sich aus den Rissen in den Suline-Tanks und schoben eine Düne aus Schlacke und Trümmern vor sich her. Spritzwasser erstarrte rasch zu nadelspitzem Hagel, der vom trüben Wasser wieder aufgenommen wurde. Unweigerlich obsiegte die Kälte und ließ einen drei Kilometer durchmessenden aufgewühlten Eissee entstehen. Dünne, graue Wolken quollen aus den Brüchen in den Kuppeln sowohl der Menschen wie der Forleene, die rasch von den Böen aus Argon zerstreut wurden.

In kürzester Zeit waren die Gebäude dem Erdboden gleichgemacht und teilten nun das Schicksal der anderen Enklavenruinen, die jene Orte markierten, an denen Hunderte von Alien-Spezies Jahrtausende damit zugebracht hatten, die schreckliche, rätselhafte Leere im Zentrum der Galaxis zu beobachten.

Justine richtete ihre Aufmerksamkeit nach oben auf den geschundenen Himmel. Als spürten sie, was jenseits der Wall-Sterne geschah, kochten die gewaltigen Ionenstürme mit seltsam wütendem Glanz, heller noch, als sie es während ihrer kurzen Zeit auf der Station erlebt hatte.

Die Silverbird verfolgte, wie die DF-Sphären der Raiel ihren Flug durch das Sternensystem fortsetzten. Gravitationswellen schwappten aus ihnen hervor und verzerrten die Orbits innerhalb der Haupt-Asteroidenringe. Ein paar kleinere Monde hatten, von ihrem Kielwasser erfasst, ebenfalls die Bahnneigung verändert. Alle neun DFs hielten auf den kleinen, orangenen Stern zu, den Centurion Stations namenloser Planet umkreiste. Plötzlich begann sich die Photosphäre des Sterns zu verdunkeln.

»Heilige Scheiße!«, rief Justine aus. Die DFs zogen offenbar Energie direkt aus dem Stern. Sie fragte sich, wozu. Der Effekt war faszinierend, ließ sie die Angst, die sie verspürte, beinahe vergessen. Tatsächlich hatte sie beim Einsetzen der Katastrophe einen Moment lang geglaubt, dass Centurion Station der Ort war, an dem ihr Körper zu guter Letzt den Tod finden würde.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, öffnete Lehr Trachtenberg in diesem Moment einen Kanal zu sämtlichen Menschenraumschiffen. »Statusbericht, bitte, sind alle wohlauf?«

»Alles in Ordnung bei mir«, meldete sie der CNE Dalfrod, auf die sich der Stationsleiter mit seinen Führungskräften begeben hatte.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sich seine eigenen Leute in Sicherheit befanden, nahm Trachtenberg Kontakt mit den Alien-Schiffen auf, die aus der Atmosphäre aufstiegen. Sie alle bestätigten, dass sämtliche Außerirdischen sich hatten retten können; wenngleich sich dies zumindest in Bezug auf die Kandra mehr auf Annahmen stützte, da der rätselhafte Kubus auf keinerlei Kommunikationsversuche reagierte.

»Wir kehren auf schnellstem Wege ins Commonwealth zurück«, verkündete Trachtenberg. »Nach dem, was die Beobachtungssysteme melden, sollte es möglich sein, der Expansion zu entkommen. Ihre Ausdehnungsgeschwindigkeit beträgt ungefähr drei oder vier Lichtjahre in der Stunde. Das gibt uns einen ausreichenden Sicherheitsabstand, um aus der Gefahrenzone zu gelangen.«

»Kommen die Daten immer noch rein?«, fragte Justine.

»Ein paar. Nur noch lückenhaft inzwischen. Im Wall geht im Augenblick eine Menge vor, das wir nicht verstehen. Ich vermute, dass die meisten Störungen, die wir verzeichnen, von den Verteidigungssystemen der Raiel herrühren, aber solange die Sensoren noch nicht hinüber sind, können wir trotzdem eine eingeschränkte Überwachung aufrechterhalten. Wir leiten so viel wir können an die Zentrale der Navy-Explorationsabteilung zu Hause weiter.«

»Ich verstehe.«

Justine sah zu, wie die anderen Raumschiffe ihre Höhe erreichten, und verspürte eine merkwürdige Verärgerung in sich aufsteigen. Konnte man denn nichts anderes tun, als einfach zu fliehen? Das Ganze schmeckte nach Feigheit. Sie verhielten sich wie unwissende Bauern, die sich bei einem Gewitter heulend zusammenkauerten, weil die Götter erzürnt waren und nach irgendeinem Opfer suchten, das sie ihnen zur Besänftigung darbringen konnten. Und dabei haben wir schon vor Jahrhunderten mit diesem Quatsch aufgehört. Und doch stehen wir bei aller Aufklärung genau wieder dort und verstecken uns vor dem Donnerwetter in unseren netten, trockenen Höhlen.

In diesem Moment beschleunigten hinter ihr die Schiffe, begannen, als sie Kurs auf ihre eigenen Heimatsysteme setzten, sich in alle Richtungen zu zerstreuen. Die Forleene waren die Ersten, die auf Lichtgeschwindigkeit gingen, entschlüpften in die Schlünde von Wurmlöchern, die sich sofort wieder hinter ihnen schlossen. Ein letzter Abschiedsgruß von ihrem Rudelführer hing noch im Äther.

Die Kabine der Silverbird schwankte erneut. Achtzig Millionen Meilen entfernt eilten die DFs in ein niedriges Orbit um den sich verfinsternden Stern. Die Erschütterung bekräftigte ihren Entschluss. So sollte das nicht laufen.

»Dad?«

»Noch hier.«

»Was haben die Raiel über die Expansion gesagt?«

»Rein gar nichts. Vergiss nicht, der High Angel ist ein Rettungsschiff. Die Raiel-Abwehrsysteme sind alle auf deinen Teil der Galaxis konzentriert. Wie auch immer, wir können ihnen dafür, dass sie uns nichts erzählt haben, schwerlich Vorwürfe machen. Im Augenblick ist so ziemlich jede empfindungsfähige Spezies in der Galaxis wegen der Pilgerfahrt stinksauer auf uns, und wer wollte es ihnen verdenken? Ich bin’s ja auch.«

»Ich weiß. Und deshalb gehe ich jetzt da rein«, sagte sie, selbst überrascht von der Geschwindigkeit ihrer Gedanken.

»Du tust was

»Ich breche auf in die Leere.« Noch während sie sprach, instruierte sie den Smartcore und bestimmte den Kurs. Schnell. Bevor ich auf die Idee komme zu kneifen.

»Das wirst du nicht tun, meine Liebe!«

Die Silverbird trat sanft in den Hyperraum ein und hielt mit fünfzig Lichtjahren pro Stunde auf die Wall-Sterne zu. »Erzähl’s ihm«, sagte sie zu ihrem Vater. »Erzähl es dem Zweiten Träumer. Bring ihn dazu, dass er den Skylord bittet, mich hereinzulassen. Wenn ich erst einmal drin bin, erst einmal mit dem Skylord direkt reden kann, werde ich versuchen, ihm die Situation zu erklären, ihm das Unheil vor Augen zu führen, das die Grenzlinie anrichtet.«

»Du wirst deinen Arsch verdammt noch mal sofort wieder zurück nach Hause bewegen!«

»Dad. Nein. Das hier ist unsere Chance auf eine diplomatische Lösung. Die Raiel haben es eine Million Jahre mit Gewalt versucht. Es hat nicht funktioniert.«

»Komm zurück. Du kommst da nicht rein. Das Ding ist dabei, die ganz verdammte Galaxis zu zerstören. Dein Schiff …«

»Menschen können durchaus hinein, das wissen wir bereits. Irgendwie ist es uns möglich. Und wenn der Zweite Träumer mir hilft, hab ich eine wirklich gute Chance.«

»Das ist Wahnsinn.«

»Ich muss es tun, Dad. Irgendjemand muss es doch versuchen. Es mit einer menschlichen Methode anzugehen. Wir sind heute ein Teil dieser Galaxis, ein großer Teil. Es ist an der Zeit, es auf unsere Art zu probieren. Das ist unser gutes Recht.« Ihr pochte das Blut in den Ohren, während sie sich in Rage redete. »Ich werde für uns alle die Fackel tragen. Sollte ich scheitern, nun … dann versuchen wir eben was anderes. Auch das bedeutet es, ein Mensch zu sein.«

»Justine.«

Über dreißigtausend Lichtjahre hinweg konnte sie seine Verzweiflung spüren. Für den Bruchteil einer Sekunde teilte Justine sie mit ihm. »Dad, wenn irgendjemand an den Zweiten Träumer herankommt, wenn einer diese Irren zur Vernunft bringen kann, dann bist du es, der Gore Burnelli. Alles, was er tun muss, ist, dem Skylord mitzuteilen, dass ich hier draußen bin. Bitte ihn. Flehe ihn an. Versprich ihm Reichtum und Wohlstand. Was immer nötig ist. Du schaffst das. Bitte, Dad.«

»Gott – verdammt, warum bist du nur immer so unglaublich schwierig?«

»Ich bin deine Tochter.«

Ein bitteres Lachen hallte durchs All. »Natürlich werde ich ihn bitten. Ich werde verflucht viel mehr tun als das. Und wenn er dann nicht diesen Skylord auf Knien anfleht, wird er nur noch wünschen, in der Expansion gnädigem Vergessen anheimzufallen.«

»Fang nicht an, den Leuten zu drohen«, rief sie ihn zur Räson.

»Ja, ja.«

»Ich versuche, so lange wie möglich einen Kanal zum Centurion-Station-Relais offenzuhalten. Die Navy-Systeme sind einigermaßen robust, sie sollten noch ein Weilchen mitspielen.«

»Okay, dann will ich mir mal den kleinen Schwachkopf suchen, der für diesen unglaublichen Schlamassel verantwortlich ist.«

»Danke, Dad.«

»Viel Glück.«

Um drei Uhr morgens verließ Chris Turner die Betriebskantine an der Ostseite der Docks von Colwyn City auf Viotia und verzog angesichts des Regens, der ihm entgegenklatschte, das Gesicht. Er hatte gehofft, die für die Jahreszeit untypische Schlechtwetterfront wäre vorübergezogen, wenn er seine Pause machte. Aber nein, die dicken Wolken zeigten keinerlei Zeichen von Auflösungserscheinung. Die semiorganische Jacke rollte einen Kragen um seinen Nacken, und er eilte zurück zum Versorgungsdepot.

Die Docks lagen völlig still da in dieser Nacht. Nicht, dass es in anderen Nächten anders gewesen wäre. Um diese Zeit kam hier nur wenig Personal zum Einsatz. Die Bots waren zur Wartung abgeschaltet, was der Grund dafür war, warum er diese ätzende Schicht schieben musste – sie war nicht beliebt, doch wurde sie gut bezahlt. Ozeanfrachter lagen vertäut am Kai, während ihre Mannschaften in den Kojen schliefen oder sich in den Clubs der Stadt die Nacht um die Ohren schlugen. Die Lagerhallen waren alle geschlossen.

Andererseits war in der City auch nicht viel los. Der heftige Regen hatte das Nachtleben fast völlig zum Erliegen gebracht. Kapseln und Bodenfahrzeuge hatten die letzten optimistischen Nachtschwärmer schon vor geraumer Zeit zurück zu ihren Häusern und Wohnungen befördert. Nur schwach konnte Chris die gewaltige Bogenbrücke erkennen, die sich über den Cairns spannte, ihre Lichter eine undeutliche helle Schliere im niederprasselnden Regen. Normalerweise würde auf ihr irgendein Betrieb herrschen, das eine oder andere Taxi entlang ihrer Metrogleise gleiten. Doch nicht heute Nacht.

Er erschauerte.

Die Stadt wirkte heute fast gespenstisch. Um dem Gefühl von Einsamkeit zu entgehen, griff er ins Gaiafield, in der Hoffnung, etwas Trost aus den darin immerzu umherwirbelnden Gedanken zu ziehen. Sofort umhüllte ihn das emsige Hintergrundgemurmel wie ein lautstarker Spuk; Gedanken, die riefen, schwermütig und drängend, Gefühle, die Neugierde weckten, wenngleich die traurigeren von ihnen ihn zurückschrecken ließen.

Sich etwas besser fühlend, nun, da er wusste, dass immer noch andere Menschen um ihn herum lebten und wach waren, beschleunigte Chris seine Schritte. Bis zum Morgen waren noch acht weitere Universalbots zu überholen. Selbst mithilfe des Firmensmartcores, der mit den Wartungsbuchten im Versorgungsdepot verbunden war, würde er alle Hände voll zu tun haben, wollte er rechtzeitig fertig werden. Einmal mehr fragte er sich, ob die Nachtschichtzulage die Sache wirklich wert war. Seine Freunde sahen ihn nur noch am Wochenende, und dann war er wegen seines Schlafrhythmus eine ziemlich miese Gesellschaft.

Er schritt die lange Reihe von Landefeldern entlang, trat mit den Stiefeln in Pfützen, die sich über die weite Betonfläche ausdehnten. In sanften grünlichen Kräuselungen reflektierte in ihnen das Leuchten der Lichtgloben auf ihren hohen Pfählen. Dicke Regentropfen trommelten geräuschvoll auf die dunklen Rümpfe abgestellter Schiffe.

Plötzlich flackerte zehn Meter über dem glatten Beton ein kleiner Stern blauviolett auf. Chris sackte die Kinnlade herab. Jeder, der im Raumschiffbusiness tätig war, und sei es auch in einer so unbedeutenden Position wie dieser, erkannte das Signaturspektrum von Cherenkov-Strahlung sofort. »Da stimmt was nicht«, murmelte er entgeistert.

Der Stern verschwand, und an seiner Stelle kräuselte sich die Luft. Unversehens starrte Chris auf einen perfekten schwarzen Kreis, der den Boden berührte. Die Schwärze veränderte sich nochmals, hellte sich auf zu Graublau und wich zurück mit einer Geschwindigkeit, die ihn schwindelig machte. Instinktiv riss er die Arme hoch, um die Balance nicht zu verlieren, hatte das sichere Gefühl, nach vorne zu stürzen. Nachdem er sein Gleichgewicht wiedererlangt hatte, blickte er in einen endlosen Tunnel. Plötzlich erhellte sich dessen matt glühende Substanz, und im nächsten Moment strömte unerträglich grelles Sonnenlicht daraus hervor. Nicht von Viotias Sonne, wie er erkannte. Dies hier war ein völlig anderer Stern.

Einen Augenblick lang verfinsterte sich das Licht, als eine große Kapsel aus der Öffnung glitt. Hastig huschte Chris zur Seite und aus dem Weg. Er sah, dass das Wurmloch sich noch etwas gesenkt hatte, um der langen Reihe von gepanzerten Gestalten, die nun von ihrer Welt aus hindurchmarschierten, eine breite Bahn zu bieten. Über ihren Köpfen schwebten Bug an Heck Kapseln aus dem Wurmloch hervor. Stiefel schlugen in stetem, von den hohen Mauern der Dockgebäude widerhallendem Rhythmus auf den nassen Beton. Es war ein unheimlich brutales Geräusch, wie Chris fand. Mehr als hundert Soldaten befanden sich inzwischen auf Viotias Seite. Soldaten? Aber wie sonst sollte er sie nennen?

Schließlich begann ihm die Unmöglichkeit dessen, was er sah, ins Bewusstsein zu dringen. Hektisch setzte sein U-Shadow Notrufe ab; an seine Familie, seine Freunde, seine Arbeitskollegen, an Firmenbüros, die Polizei, die Stadtverwaltung, die Regierung … Sein Geist entließ einen gewaltigen Schrei des Entsetzens ins Gaiafield, der ein paar unmittelbare überraschte Reaktionen örtlicher Teilnehmer hervorrief, umso mehr, als Chris ihnen seine Sicht öffnete.

»Sie da!«, dröhnte eine verstärkte Stimme aus der ersten Reihe der marschierenden Gestalten. Es mussten jetzt an die dreißig Kapseln in der Luft sein, die beschleunigend in Richtung Stadt ausschwärmten, und es wurden immer noch mehr. Von seiner Position aus bot das Wurmloch Chris ein schmales Fenster auf das enorm große Feld auf der anderen Seite. Dort schien warmes Nachmittagssonnenlicht anheimelnd auf Reihen um Reihen gepanzerter Gestalten, auf Tausende von ihnen – Zehntausende. Die meisten standen im Schatten einer Armada von Regrav-Kapseln, die über ihnen in der Luft schwebte.

Chris Turner wirbelte herum und begann zu rennen.

»Stehenbleiben«, befahl die barsche Stimme. »Hier spricht die legitimierte Polizei von Viotia, bevollmächtigt durch Ihre Premierministerin. Bleiben Sie stehen, oder Sie tragen die Konsequenzen.«

Chris rannte weiter. Das alles konnte doch nicht wahr sein. Immerhin war dies hier das Commonwealth. Es war sicher, und es war beschaulich. Hier marschierten doch nicht irgendwelche Typen von anderen Planeten ein, nicht mal in so unruhigen Zeiten wie diesen. Das passiert alles nicht wirklich!

»Letzte Warnung. Bleiben Sie stehen!«

Allmählich begann seine Familie auf seine hektischen Anrufe zu reagieren. Andere, die er über das Gaiafield an dem, was geschah, teilhaben ließ, zeigten sich nicht weniger entsetzt als er selbst.

Da traf ihn der Jangle-Impuls.

Noch bevor er auf dem nassen Beton aufschlug, verlor Chris das Bewusstsein.

Die Elvin’s Payback befand sich nur eine Stunde vor Viotia, als die Kacke zu dampfen begann.

Die gesamte Besatzung verfiel mehr oder minder gleichzeitig in Schweigen, als ihre U-Shadows die Neuigkeiten meldeten, die sich in der Unisphäre wie ein Lauffeuer verbreiteten. Ungläubig riefen sie die Nachrichten auf und verfolgten die Bilder der paramilitärischen gepanzerten Polizeikräfte und deren Unterstützungskapseln, die aus dem Wurmloch heraus in Colwyn Citys Raumhafendocks strömten.

In einer sorgfältig ausgearbeiteten Sequenz hatte zuvor das Büro des Kleriker-Conservators auf Ellezelin an Viotia die formelle, öffentliche Einladung, sich der Freihandelszone anzuschließen, in Umlauf gesetzt. Fast auf dem Fuße war eine Erklärung von Viotias Premierministerin gefolgt, in der sie im Namen des ganzen Planeten akzeptierte.

Eine Minute darauf hatte sich das Wurmloch geöffnet.

Insofern war Oscar nicht im Mindesten überrascht, als er ein paar weitere Minuten später über eine sichere Verbindung einen Anruf von Paula erhielt. »Wir wussten, dass sie die Annexion planten«, sagte Paula. »Der Auslöser muss der Zweite Träumer gewesen sein.«

»War ja klar«, erwiderte Oscar. »Zurzeit machen sich ja alle wegen der Expansionsphase vor Angst in die Hose. Wenn wir ihn in die Finger kriegen, würde ich diesem dämlichen Schwachkopf gern höchstpersönlich etwas Verstand beibringen.«

»Ich denke, die Expansion kam für Living Dream genauso überraschend wie für uns alle. Der Traum hat ihnen nur seinen Aufenthaltsort bestätigt. Danach richten sie sich.«

Oscar betrachtete abermals die Bilder, die von den Reportern, die sich am Rand der Docks eingefunden hatten, übermittelt wurden. »Demnach können wir also mit Sicherheit annehmen, dass sich der Träumer in Colwyn City aufhält?«

»Ja, nur wissen sie nicht genau, wo. Wenn sie einen konkreten Anhaltspunkt hätten, würden ihre Agenten ihn einfach in einer verdeckten Blitzoperation ergreifen. Diese Aktion hier beweist nur Ethans Verzweiflung. Die Informationen unserer Leute vor Ort lassen darauf schließen, dass sie den gesamten Verkehr in und außerhalb der Stadt stilllegen; Boden, Luft und Raum.«

»Sie ziehen die Schlinge zu.«

»Genau.«

»Das macht unsere Mission nicht gerade leichter. Wir müssen die Absperrungen durchdringen.«

»Nun mach’s nicht komplizierter, als es ist. Ich würde vorschlagen, flieg einfach runter zu den Docks.«

»Du willst mich wohl auf den Arm nehmen, was?«

»Absolut nicht. Lass dir vom Smartcore die Tarnfunktionen des Schiffs anzeigen. Ich glaube nicht, dass Living Dream auf Viotia über irgendeine Technik verfügt, die dich nachts bei dem Regen aufspüren kann.«

»Oh Scheiße. Na schön.«

Die Verbindung wurde beendet, und er wandte sich an seine Schiffskameraden, um ihnen die Sachlage zu erklären.

»Ich kann etwas Software einspeisen, die helfen wird, unsere Ankunft zu verbergen«, sagte Liatris McPeierl. »Ihr Netzwerk reicht bereits über den Dockbereich hinaus, ich beobachte seine Entwicklung über die Unisphäre, aber ich kann die Verbindungsnodi knacken. Dadurch komme ich an ihre Sensoren und Kommandonahtstellen heran.«

»Die Docks sind eine gute Position«, meinte Tomansio. »Damit sind wir direkt im Zentrum der Operation. Ist mir egal, wie eng ihr Netzwerk ist oder wie leistungsfähig ihre Smartcores sind, da unten dürfte es in erster Linie chaotisch zugehen. Das gibt uns eine einmalige Chance.«

»Also gut«, sagte Oscar, »ihr seid die Experten. Sagt mir einfach, welchen Anflugkurs ich nehmen soll.«

Vierzig Minuten später trat die Elvin’s Payback tausend Kilometer über Colwyn City in den Normalraum ein. Sie war bereits getarnt und in der Lage, sogar den meisten hochentwickelten Sensoren der Militärklasse zu entgehen. Was in diesem Falle vermutlich gar nicht erforderlich war. Viotias zivile Raumdetektoren waren kaum imstande, ein Schiff im geosynchronen Orbit zu lokalisieren, wenn es mit aktiviertem Signalfeuer den Planeten umflog. Bislang hatten die Streitkräfte, die in die Docks strömten, noch keinerlei Art von Sensorerfassung oberhalb der Atmosphäre etabliert. Stattdessen konzentrierten sie sich darauf, den Kapselverkehr in der City zu überwachen und jeden, der sich aus dem Staub zu machen versuchte, zu ergreifen. Niemand schien auf irgendwelche Raumschiffe zu achten, die im Nahbereich auftauchten. Die Handelsschiffe, die nach Beginn der Annexion eingetroffen waren, verweilten im Orbit und warteten die Entwicklungen und die Anweisungen ihrer Eigentümer ab.

Tomansios Anordnung folgend steuerte Oscar das Schiff direkt über die Flussmündung einige Meilen vor der Stadt. Es regnete immer noch, und der angeschwollene Wasserlauf war von sich dahinwälzenden Wolken verdeckt. Mit der hochintensiven optischen Verzerrung, die um seinen Rumpf flimmerte, sah das ovoide Schiff in den Fetzen spärlichen Sonnenlichts, die durch die Wolkendecke drangen, wie ein besonders dichter Sprühregenfleck aus. Elektroniksensoren verloren es einfach aus dem Fokus, Massescanner konnten nichts Schwereres als Luft in dem Raum entdecken, den es einnahm. Selbst Higher-Feldfunktionen, falls solche im Einsatz waren, hätten arge Schwierigkeiten gehabt, irgendetwas aufzuspüren. Am helllichten Tage, an einem klaren, sonnigen Morgen, hätte vielleicht jemand etwas bemerkt. Nicht jedoch in dieser trostlosen, finsteren Nacht.

Oscar brachte sie bis auf drei Meter über dem schlammigen Wasser herunter und lenkte das Schiff allein mithilfe passiver Sensoren flussaufwärts. Einige der großen Versorgungskapseln der Ellezelin-Streitkräfte durchstreiften auf der Suche nach flüchtenden Stadtbewohnern den Himmel über ihnen. Die Elvin’s Payback blieb für sie unsichtbar, was Oscar jedoch nicht davon abhielt, die Luft anzuhalten und blödsinnig zur Kabinendecke hinaufzustarren, als die Kapseln über sie hinwegflogen. Unwillkürlich fielen ihm die Kriegsfilme ein, die er sich in seinem ersten Leben angesehen hatte und die damals schon uralt gewesen waren, Geschichten über Schleichfahrten im U-Boot. Im Prinzip waren sie in einer ähnlichen Situation. Er war sogar versucht, mit dem Raumschiff in den Fluss abzutauchen, doch Tomansio redete es ihm wieder aus, weil der Lärm und die Wasserverdrängung, die sie beim Wiederauftauchen verursachen würden, sie höchstwahrscheinlich verrieten.

Also schwebten sie wie ein nächtlicher Geist über die verlassenen Kais durch den Nebel. Aus den Informationen, die Liatris aus dem Netzwerk der Eindringlinge gehackt hatte, ging hervor, dass im Umkreis der Docks mehrere paramilitärische Einheiten im Einsatz waren, unterstützt von zehn bewaffneten Kapseln in ihrem Gefolge. Doch niemand überwachte die langgestreckte Flussfront der Docks.

Inzwischen hatte Beckia McKratz das eigentliche Geschäftsnetzwerk der Docks infiltriert und dessen Nodi geschickt mittels einer Software manipuliert, mit deren Hilfe sich Kanäle öffnen ließen, ohne dass die Verwaltungsüberwachungsprogramme irgendwelche unbefugten Aktivitäten registrierten. Noch bevor sie Land erreichten, hatte sie das Kommando über eine riesige Frachtlagerhalle übernommen, deren Eigner die Bootel-&-Leicester-Importagentur war. Als sie über eine leere Lastkahnreparaturbucht hinwegflogen, öffnete sie eines der Plyplastik-Tore, und das Raumschiff glitt in das von Dunkelheit umschlossene Halleninnere. Kalter Regen tropfte auf den enzymgebundenen Betonboden. Leise schloss sich das Tor hinter ihnen. Fünf gerundete Landestützen wuchsen aus dem unteren Teil des Schiffsrumpfs hervor. Neben einem hohen Stapel gelber und grüner Frachtkisten mit auf Außerwelt produzierten Tiefbauexkavatoren brachte Oscar die Elvin’s Payback zum Stehen und setzte sie sanft auf.

»Alle Mann wohlbehalten unten«, sagte Oscar und stieß erleichtert die Luft aus.

»Wir sind in Sicherheit«, stellte Tomansio gutgelaunt fest. »Das soll uns erst mal einer nachmachen.«

Als die Mellanie’s Redemption viertausend Kilometer über Sholapur aus dem Hyperraum fiel, schaute Troblum auf einen sich langsam dem Morgengrauen entgegenwälzenden Kontinent herab. Das helle Licht des neuen Tages fiel auf eine breite Monsunschicht direkt über der subtropischen Küste, an der sich der Stadtstaat Ikeo in die spektakulär zerklüftete Landschaft kauerte. Mit Interesse beobachtete er das Wetter. Es gab auf Sholapur nicht viele Monsune, aber die, die sich bildeten, waren im Allgemeinen ungestüm und wild. Dieser hier würde das Land in weniger als zwei Stunden erreichen.

Auf dem Kabinensessel ihm gegenüber räkelte sich zufrieden lächelnd der Solido von Catriona Saleeb. Mit einer Hand strich sie sich durch das lockige, schwarze Haar, eine lässige Bewegung, die er immer besonders sinnlich an ihr fand. »Der Sturm könnte uns helfen«, sagte sie mit ihrer rauchigen Stimme.

Trisha Marina Halgarths Solido schlenderte durch die schmale Kabine zu Catriona herüber. Sie trug enge schwarze Lederjeans und ein knappes perlweißes T-Shirt, um ihre hübsche, sportliche Figur zur Geltung zu bringen. Grüne, schmetterlingsförmige OCTattoos zuckten schläfrig über ihre Wangen, als sie sich neben Catriona anmutig auf das Sitzpolster zwängte. Behaglich legten die beiden Mädchen ihre Arme umeinander. Trisha streckte ihre nackten Zehen. »Meinst du?«, fragte sie Catriona.

»Es wird Stunden dauern, bis er über Ikeo weggezogen ist. Das dürfte sämtliche Sensoren einigermaßen durcheinanderbringen, egal, wie fortschrittlich sie sind. Die meisten Grundstücke werden sich unter Kraftfeldern befinden, die einen Großteil der Scans blockieren. Das ist doch gut für uns, nicht wahr, Troblum-Schatz?«

»Könnte sein«, räumte er ein. Er hätte jetzt viel für Isabella Halgarths Lageeinschätzung gegeben, doch leider hatte er ihr Persönlichkeitssimulationsprogramm bei seiner Flucht von der Accelerator-Station eingebüßt, als er es in einem Projektor verwendet hatte, um die Sensoren davon zu überzeugen, dass sein Raumschiff immer noch untätig in der Andockbucht lag. Isabellas Sicht auf die Welt war weit verschlagener als die der anderen Mädchen, was sie zu einer hervorragenden Analystin bevorstehender Ereignisse gemacht hätte.

»Nicht, wenn du während des Sturms dort zu landen versuchst«, wandte Trisha ein. »Selbst mit dem Ingrav dieses Schiffes dürfte es schwierig werden, in den Böen die Höhe zu halten. Besser, du lässt es irgendwo an einem geschützten Ort stehen, für den Fall, dass du schnell wieder abreisen musst.«

Abermals ließ Troblum sich die Bilder der Außensensoren anzeigen. Der Sturm war wirklich gewaltig. Selbst aus dieser Höhe konnte er das Wetterleuchten erkennen, das sich durch die dunklen Wolken kräuselte. Auf seine Aufforderung hin legte der Smartcore die Sensorraster darüber, die Ikeo vor ungebetenen Eindringlingen schützen sollten. Die Mellanie’s Redemption könnte sich durchaus durch sie hindurchschleichen. Vielleicht. Aber es würde ein hartes elektronisches Kopf-an-Kopf-Rennen werden. Und Trisha hatte recht, der Sturm würde extrem schwierige Flugbedingungen schaffen. Er führte einen Passivscan nach im Orbit befindlichen Raumschiffen durch, doch es war keinerlei ankommender- oder abgehender Verkehr auszumachen, nur Sholapurs schmales Band geosynchroner Satelliten. »Aktiviere unsere volle Tarnung, und bring uns runter«, befahl er dem Smartcore. Dann rief er eine Karte Ikeos auf und bezeichnete ein kleines Tal fünf Meilen von Stubsy Floracs Villa, gleich vor der offiziellen Grenze der Stadt.

Troblum brach der Angstschweiß aus, als sie durch die letzten Wolkenschichten fielen. Dann hatten sie den kalten Brodem hinter sich gelassen, und das zerklüftete Land lag nur mehr zwei Kilometer unter ihnen. In dem blassen Licht des heraufdämmernden Morgens verschmolz das Schiff nahezu perfekt mit dem wolkenverhangenen Himmel, während es rasch durch die klare Luft herabsank. Neben einigen palmenähnlichen Bäumen, die sich im aufziehenden Sturm bereits hin und her zu wiegen begannen, brachte er es zur Landung.

Für seinen Besuch bei Stubsy Florac wählte er einen Einteiler aus gepanzertem Stoff, den er unter seinem Togaanzug tragen konnte. Sodann führte er einen Schnellcheck seiner für sein integrales Kraftfeld zuständigen Biononics durch, um sich von ihrer Funktionstüchtigkeit zu überzeugen. Beides zusammen, die Panzerung und der Schild, sollten dazu in der Lage sein, so einiges an Waffen abzuhalten. Obwohl er sich bezüglich ihres ultimativen Leistungsvermögens nicht allzu viel vormachte für den Fall, dass ihn ein Accelerator-Agent mit voller Enrichment-Ausstattung in die Enge trieb. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, eine Waffe mitzunehmen. In einem der Spinde waren zwei Jelly Guns versteckt. Beide mussten nur noch aufgeladen werden. Doch er besaß keine Erfahrung im physischen Kampf, und außerdem hatten, wenn es hart auf hart kommen sollte, seine Biononics immer noch einen respektablen Distorsionsimpuls auf Lager. Davon abgesehen würde es Stubsy bestimmt nicht gefallen, wenn ein Besucher mit einem solchen Schießprügel in seiner guten Stube erschien. Es war schon frech genug, dass er unangemeldet bei ihm aufkreuzte, um ihn um einen weiteren Gefallen zu bitten. Also ließ Troblum die Waffen im Spind und begab sich zur Luftschleuse.

Im mittleren Frachtraum des Schiffs war ein Ein-Mann-Scooter verstaut. Mit gemischten Gefühlen starrte Troblum das Vehikel an, als es herausschwebte und ein paar Zentimeter über dem dichten, blaustichigen Gras in der Luft hängen blieb. Er hatte den Scooter seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt. Jetzt wollte er ihm unbehaglich winzig erscheinen, und als er versuchte, sein Bein über den Sattel zu schwingen, hüpfte das Ding in beängstigender Weise unter seinem Gewicht auf und ab. Er benötigte drei Anläufe, doch schließlich schaffte er es, sich rittlings darauf zu setzen, unter dem jähen Schmerz zusammenzuckend, von dem er sicher war, dass er nur von einer Muskelzerrung knapp oberhalb seiner Hüfte herrühren konnte. Biononics machten sich ans Werk und lokalisierten und reparierten die betroffenen Zellen in seinem überbeanspruchten Fleisch. Aus dem Bug des Scooters wuchs ein Plyplastik-Visier hervor und entfaltete sich zu einer stromlinienförmigen Hemisphäre, die den Führer der Maschine vor den Fahrtwinden schützte, wenngleich es sich in Troblums Fall ein gutes Stück nach außen wölben musste, um ihn ganz zu umschließen. Sodann steuerte Troblum das kleine Gefährt in Richtung Stubsys Villa direkt vor dem Tal, wobei er seine Geschwindigkeit auf fünfzig Stundenkilometer hielt, bei einer Höhe von nicht über drei Metern.

Während er sich so seinem Reiseziel näherte, überprüfte sein U-Shadow sämtliche Raumhäfen, deren Netzwerke mit der bescheidenen Cybersphäre des Planeten verbunden waren, und erstellte eine Liste von Raumschiffen, die sich derzeit am Boden befanden; nicht eines von ihnen war auf der Erde registriert. Die Aufstellung war vermutlich alles andere als vollständig, wie er einräumen musste, aber andererseits war er sich sicher, dass Paula Myo keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde, was eine Erdregistrierung zweifelsohne bewirkte. Auch ein Schiff, das zu dem Profil eines Accelerator-Agenten gepasst hätte, war nicht zu entdecken. Falls jemand wegen ihm hier war, dann hielt er sich jedenfalls reichlich bedeckt.

Sein Scooter erreichte die Reihe schlanker Silberpfosten, die die Grenzen von Stubsys Anwesen markierten. Seine Feldfunktionen meldeten mehrere Sensoren, die ihn, während er langsamer wurde, in ihren Fokus nahmen. Er rief Stubsys Code auf. Es dauerte beunruhigend lange, bis der Dealer antwortete.

»Troblum, Mann, bist du das da draußen?«

»Natürlich bin ich das. Würdest du mich jetzt bitte durch deinen Sicherheitszaun lassen?«

»Ich wusste gar nicht, dass du auf Sholapur bist. Du bist nicht auf dem Raumhafen von Ikeo gelandet.«

»Ich sagte dir doch, dass für unsere letzte Transaktion Diskretion erforderlich ist.«

»Ja, ja, schon gut.«

Troblum warf einen nervösen Blick auf die silbernen Pfosten. Er kam sich hier draußen ziemlich allein und wie auf dem Präsentierteller vor. »Lässt du mich jetzt endlich rein?«

»Ach ja, richtig. Sicher. Klar. Ich hab dich durch das Verteidigungssystem hindurch freigegeben. Immer hereinspaziert.«

Die Spitzen der beiden Pfosten vor ihm verfärbten sich zu Grün. Troblum ließ den Scooter langsam kommen und manövrierte ihn durch sie hindurch, sich merklich verkrampfend, als er die Linie überfuhr. Als nichts geschah, atmete er erleichtert auf.

Jenseits der großen, weißen Villa zog über die stahlgraue See ein dichter Regenvorhang heran. Als er an den hohen Glastüren haltmachte, ließ Troblum seinen Blick den Abhang hinab bis zu der hübschen kleinen Bucht darunter schweifen. Nirgends war etwas von Stubsys vor der Küste ankerndem Gleitboot zu sehen.

Stubsy öffnete die Tür und grinste Troblum nervös an. »Hey, dicker Mann, wie läuft’s denn so?«

»Keine Veränderung«, erwiderte Troblum. Prüfend musterte er Stubsy, der sich an der Türkante festhielt und offenbar jeden noch so flüchtigen Blick in die riesige Diele hinter sich zu verhindern versuchte. Der Mann trug seine übliche, ebenso teure wie geschmacklose Garderobe; zu enge goldene Sporthosen und ein Hemd mit knalligem schwarz-orangefarbenem Blumenmuster. Es war bis zur Taille geöffnet. Das Gesicht aber wirkte ausgezehrt und verhärmt, so als litte er an der Mutter aller Brummschädel, mit tiefdunklen Ringen unter den Augen und mindestens zwei Tage altem Bart. Außerdem wirkte er fiebrig, seine Haut war heiß und verschwitzt.

»Ich bin hier, um meine Sammlung abzuholen.«

»Ja, klar«, sagte Stubsy und kratzte sich dabei im Nacken. »Sicher. Ja, sicher. Na fein.« Irgendwo im Haus war das Geräusch von über Fliesen rennenden nackten Füßen zu hören.

Troblum musste sein Sozialinteraktionsprogramm konsultieren. »Könnte ich sie bitte jetzt bekommen?«, las er von dem Skript in seiner Exosicht ab.

»Okay«, entgegnete Stubsy widerstrebend und trat beiseite.

Der offene Bereich in der Mitte des Hauses sah exakt so aus wie bei Troblums letztem Besuch. Dieselben Wasserfälle plätscherten munter die Findlinge herab, um wie eh und je das Schwimmbecken zu füllen. Grün und gelb blühende Pflanzen, zweimal so groß wie Troblum, wiegten sich in den Windstößen, die über das niedrige Dach zu schwappen begannen. Niemand war im Wasser. Drei von Stubsys olympischen Amazonen hielten sich im Innenhof auf, eine davon auf einer Sonnenliege ausgestreckt, die beiden anderen regungslos an der Bar stehend. Troblums leichter Feldscan verriet ihm, dass ihre sämtlichen Enrichments inaktiv waren.

Lautes Donnergrollen hallte am Himmel. Alle drei Frauen hoben den Blick.

»Willst du nicht ein Kraftfeld hochfahren?«, fragte Troblum den Hausherrn, während er seine Masse auf eine der Liegen sinken ließ. Das Holz und der Stoff ächzten bedrohlich unter seinem Gewicht. Er hatte seinen Platz gleich neben der Gespielin in dem smaragdgrünen Bikini gewählt. Angespannt umfasste sie die Kanten ihres eigenen Liegestuhls, als müsste sie sich aufgrund einer Schwerkraftumkehrung festhalten. »Dieser Sturm sieht heftig aus.«

»Kraftfeld«, sagte Stubsy. »Klar. Gute Idee, Mann. Äh, ja, das können wir machen, sicher.«

»Ist meine Sammlung gut angekommen?«

Stubsy nickte und hockte sich auf die Liege auf der anderen Seite der Amazone im grünen Bikini. »Ja«, sagte er langsam. »Sie ist eingetroffen. Wir haben sie wie vereinbart vom Frachter hierher transportiert. Der Captain war ziemlich neugierig, weißt du? Musste ein bisschen Extra-Cash lockermachen, damit er Ruhe gibt. Hab alles unten im Keller. Mann, ich hatte im Leben nicht mit so viel Plunder gerechnet.«

»Ich hab immerhin ’ne ganze Weile daran gesammelt. Und außerdem ist es kein Plunder.« Troblum schaute nach oben, als sich über der Villa ein Kraftfeld aufbaute. Die Windgeräusche verebbten zu einem Nichts. »Ich würde gern alles noch heute auf mein Raumschiff verladen.«

»Wo ist denn dein Raumschiff, Mann?«

»Ganz in der Nähe«, erwiderte Troblum. Er hatte nicht vor, auch nur irgendetwas preiszugeben, solange er nicht die Bezahlung geklärt hatte und die Sammlung fertig zum Abtransport war. »Hast du eine Frachtkapsel?«

»Sicher; ja, klar.«

»Da ist noch etwas, worum ich dich bitten möchte, wenn du nichts einzuwenden hast. Ich bezahl dich natürlich für die Mühe.«

Stubsy zog tief die Luft ein, als ob er irgendwelchen Ärger runterschlucken müsste. »Und das wäre, Mann?«

»Ich möchte hier bei dir jemanden unter vier Augen treffen. Jemanden, den du normalerweise nicht in dein Haus lassen würdest. Du wirst dafür sorgen müssen, dass das Verteidigungssystem der Stadt keine Schwierigkeiten macht.«

»Wem keine Schwierigkeiten macht?«

»Stell dir einfach vor, sie wäre Polizeibeamtin.«

»Polizei?« Stubsy lächelte gequält. »Auweiowei. Na ja, was soll’s, wir werden sowieso alle in den Bereichsgrenzen der Leere draufgehen, stimmt’s?«

»Schon möglich«, sagte Troblum. Er wusste noch nicht recht, was er von der Expansionsphase halten sollte. Wenn sie wirklich nicht aufgehalten werden konnte, hatte es auch wenig Sinn, auf eine Koloniewelt zu fliehen. Er würde schon die ganze Strecke bis in eine andere Galaxis zurücklegen müssen, wie es Gerüchten zufolge Nigel Sheldon tat; eine gewaltige Herausforderung für die Mellanie’s Redemption. Glücklicherweise sollte die Hardware, die er von der Accelerator-Station hatte mitgehen lassen, einen solchen Flug möglich machen, vorausgesetzt, er würde es jemals schaffen, die Myriaden von Komponenten zusammenzusetzen und zum Laufen zu bringen. »Also kann ich sie anrufen und ein Treffen arrangieren?«

Stubsy gab ein merkwürdiges kleines Lachen von sich und hob die Augenbrauen. »Klar.«

»Danke«, sagte Troblum. Über die sichere Verbindung, die er zu seinem Schiff aufrechterhielt, rief er bei der Sicherheitsabteilung von ANA:Regierung an.

»Ja, Troblum«, meldete sich ANA:Regierung.

»Verbinden Sie mich bitte mit Paula Myo.«

»Wie Sie wünschen.«

Paula Myo kam in die Leitung. »Sind Sie bereit, mich zu treffen?«

»Ich sagte doch, Sie sollten Ihr Schiff nicht tarnen.«

»Hab ich nicht.«

»Und wo stecken Sie dann?«

»In der Nähe von Sholapur.«

»Na schön. Ich bin bei Ikeo, Villa Florac. Ich hab dafür gesorgt, dass er Sie durch die stadteigenen Verteidigungssysteme lässt. Wie lange brauchen Sie, bis Sie hier sind?«

»Ich kann in ein paar Stunden da sein.«

»Gut, ich werde Sie erwarten.« Troblum beendete das Gespräch. Er schaute hinüber zu Stubsy, der sich während der ganzen Zeit nicht gerührt hatte. »Sie ist in zwei Stunden hier.« Was nicht exakt das war, was sie gesagt hatte, wie ein pedantischer Teil seines Verstandes gestehen musste. Paula würde niemals lügen, aber es lag durchaus eine gewisse Mehrdeutigkeit in der Art, wie sie es formuliert hatte.

»Cool«, sagte Stubsy.

»Kann ich die Sammlung jetzt sehen?«

»Klar doch, Mann. Sie ist unten.«

Stubsy ging voraus, zurück in die Villa. Seine drei Gespielinnen blieben am Pool, wenngleich ihre Augen Troblum auch wie Zielsensoren folgten, als er sich in Stubsys Gefolge in Bewegung setzte.

Eine der gewölbten Türen in der Diele öffnete sich zu einer massiven Betontreppe, die ins Untergeschoss führte. Stubsy stand an ihrem oberen Ende, als die Polyphotostreifen sich einschalteten. Es schien ihm ausgesprochen zu widerstreben, dorthinunter zu gehen.

»Hier unten?«, fragte Troblum.

»Ja«, flüsterte Stubsy.

Troblum sah, dass der Dealer wieder schwitzte. Welchen Exzessen auch immer er sich in der letzten Nacht hingegeben hatte, sie mussten ausufernd gewesen sein, wenn sein Körper so lange brauchte, um mit den Nachwirkungen fertigzuwerden.

Stubsy ging die Treppe hinunter. Troblum hielt sich dicht hinter ihm, begierig darauf, sich davon zu überzeugen, dass seine kostbare Sammlung von Memorabilien aus dem Starflyer-Krieg unversehrt war. Jedes einzelne Objekt hatte sich in einem eigenen Behältnis mit Stabilisierungsfeld befunden, doch um sie samt und sonders nach Sholapur zu schaffen, hatte er sich auf gecharterte Handelsfrachter verlassen müssen, ohne jede Möglichkeit, den Transport höchstselbst zu überwachen – es war der einzige Weg gewesen, Marius’ Aufmerksamkeit zu entgehen. So vieles hätte schiefgehen können.

An ihrem unteren Ende mündete die Treppe in einen breiten, in den nackten Fels gehauenen Durchgang, mit schmaleren Seitengängen, die alle paar Meter abzweigten. Sie waren von schweren Malmetall-Türen gesäumt. Stubsys Tresorräume waren um einiges ausgedehnter als die Villa darüber.

Was, zum Teufel, hütest du eigentlich hier unten?, hätte Troblum fast gefragt: Aber sein Sozialinteraktionsprogramm sagte ihm, dass Stubsy sich über so eine Indiskretion wahrscheinlich unnötig aufregen würde.

Sein Gastgeber bog in einen Seitengang ab. Eine Malmetall-Tür öffnete sich. In der Kammer dahinter flammten Lichter auf. Troblum trat in einen großen, runden Raum, der mit niedrigen Tischen vollgestellt war. Darauf befand sich seine Sammlung und wartete auf ihn. Jedes unbezahlbare Behältnis, jede Oberfläche schimmerte im matten Glanz eines Schutzschilds. Nicht ganz einfach, das alles in der Mellanie’s Redemption unterzubringen, dachte er. Ein paar der größeren Objekte würden womöglich sogar aussortiert werden müssen. Sein U-Shadow erstellte rasch eine Inventurliste, checkte die Logprotokolle der Koffer und Kisten. Sie waren öfter durch die Gegend geflogen, als Troblum lieb gewesen war, doch die Behältnisse hatten ihren Inhalt perfekt geschützt. Lächelnd strich er mit der Hand über das Futteral, in dem sich das Handheld-Array mit Foxory-Verschalung befand; die kostspielige Einheit hatte Mellanie Rescorai persönlich gehört, ein Geschenk von ihrem Liebhaber Morten aus der Zeit vor dessen Gerichtsverfahren. Troblum konnte so gerade noch die Konturen des Arrays unter dem Flimmern erkennen.

»Danke«, sagte Troblum. »Mir ist klar, dass du das hier nicht tun musstest.« Als er in Stubsys Richtung blickte, erhaschte er in dessen Gesicht einen Ausdruck, den sein Emotionalkontextprogramm als Wut und Verachtung interpretierte.

In diesem Moment brachen die Villen-Nodi zusammen, die seine sichere Verbindung zur Mellanie’s Redemption weiterleiteten.

»Wenn ich mir das hier alles so ansehe, fühle ich mich fast wie zu Haus«, sagte The Cat.

Der Schock traf Troblum wie ein physischer Schmerz. Um ein Haar hätten seine Knie nachgegeben, und er musste sich an der Tischkante festhalten.

Im nächsten Moment trat sie hinter einer riesigen Kiste hervor, die den offenen Bugkonus eines auf Wessex stationierten exosphärischen Kampf-Aerobot enthielt. Ihre zierliche Gestalt war in einen schlichten weißen Anzug gekleidet, der ein verschwommenes Leuchten von sich gab, als wäre sie irgendeine historische Heilige. Um ihren Körper wanden sich schwarze Bänder, die sich langsam wellenförmig bewegten; zehn von ihnen formten einen bizarren Käfig um ihren Kopf. Troblum war klar, dass es sich bei ihrem Anzug um eine Art Schutzpanzerung handeln musste. Davon abgesehen musste er, selbst jetzt, da er vor Angst beinahe losgeflennt hätte wie ein kleines Kind, zugeben, dass sie ziemlich beeindruckend aussah.

»Troblum, mein Schatz«, sagte Cat erfreut, als hätte sie ihn eben erst bemerkt. »Wie schön, dich wiederzusehen. Mit dir hat man immer so viel Spaß. War doch ein tolles Spiel, das wir beide gespielt haben. Na ja, ich hatte auch nichts anderes erwartet.«

»Spiel?«, sagte er schwach. Augenblicklich hatte sich sein integrales Kraftfeld aufgebaut, obwohl er wusste, dass es ihm gegen sie nicht viel nützen würde.

Cat trat ein paar Schritte auf ihn zu. Fast panisch taumelte Troblum zurück. Sogar jetzt kam er nicht umhin, ihre Geschmeidigkeit zu bewundern. Sie bewegte sich wirklich wie eine Katze.

»Aber ja, Schnuckelchen«, sagte Cat. »Echt drollig, dass du nicht dahintergekommen bist. Marius hatte recht. Auf emotionaler Ebene hast du, was deine Mitmenschen betrifft, nicht viel drauf. Du bist hier völlig ahnungslos hereinspaziert und hast nicht das Geringste von der kleinen Posse unseres lieben, alten Stubsy mitgekriegt. Hast du denn nicht ihre Mienen bemerkt, Troblum? Dann sieh sie dir wenigstens jetzt mal genau an.«

Troblum schaute mit wildem Blick zu Stubsy hinüber. Das Gesicht des Dealers war nur mehr eine unbewegliche Maske, die Zähne so fest aufeinandergebissen, dass seine Lippen zitterten. Zwei seiner Gefährtinnen tauchten in der Kammertür auf, hochgewachsen und stark. Troblum erkannte sie von seinem letzten Besuch: Simonie, die ein rotes, kurzes Kleid trug, und Alcinda, deren Muskeln ihren glänzend schwarzen Bikini fast bis zum Bersten spannten.

Cat stieß einen spöttischen Pfiff aus. »Sind sie nicht umwerfend? Und ziemlich angepisst noch dazu; was ich wiederum extrem lustig finde.« Sie wandte sich erneut an Troblum. »Du kapierst es immer noch nicht, stimmt’s? Unglaublich. Du bist wirklich ein Härtefall. Lass mal ein Emotionaler-Kontext-Erkennungsprogramm durchlaufen, mein Lieber. Ich sag dir, die sind alle stinksauer. Sie waren es schon, als du durch die Vordertür reinkamst, und bedauerlicherweise sind sie es noch. Und das alles nur wegen mir.«

»Okay«, sagte Troblum. »Du hast recht, ich hab’s nicht kapiert. Meinen Glückwunsch.«

»Nun ja.« Cat zog einen Schmollmund. »Ich und Stubsy hier hatten eine kleine Wette am Laufen. Ich hab gesagt, du würdest es erst dann merken, wenn du am Pool ankommst. Stubsy dagegen meinte, du würdest schon vorn an der Tür Lunte riechen, spätestens wenn du ihn siehst. Wir haben beide verloren. Und du bist dran schuld.«

»Wie hast du mich gefunden?«, fragte Troblum. Leider verfügte er über keinerlei Taktikprogramme und somit nicht über die geringste Möglichkeit, einen Plan auszuarbeiten, der es ihm ermöglichte, aus einem unterirdischen Raum mit nur einer Tür und ohne Kommunikationsmöglichkeit zu entkommen. Doch dann wiederum war er sich ziemlich sicher, dass auch das beste Taktikprogramm ihm in dieser Situation nichts anderes sagen würde, als dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Dummerweise wusste er zudem um einen ganzen Strauß extrem unangenehmer Methoden, mit denen diese Frau ihre Feinde (und Freunde) zu beseitigen pflegte – und das, noch bevor er ihr File aufrief, um sich in diesem Punkt auf den neuesten Stand zu bringen. Wenn er sie nur irgendwie am Reden halten könnte … Erneut warf er einen Blick auf die Tür.

»Du meine Güte!« Cats entzücktes Gelächter schallte durch den Raum. »Troblum, Schätzchen, du denkst doch nicht im Ernst daran wegzulaufen? Ich sag dir was. Ich geb dir fünf Minuten Vorsprung. Glaubst du, deine fetten Stampfer schaffen es in dieser Zeit bis zum unteren Treppenabsatz? Meinst du nicht, dass du dich dann erst mal hinsetzen und ’ne Verschnaufpause einlegen musst?«

»Leck mich.«

»Troblum! Wie unanständig!«

Bei jedem anderen hätte ihr Tadel lustig geklungen. Bei ihr machte er ihm nur noch größere Angst.

»Wie hast du mich gefunden?«, fragte er noch einmal.

Cat schlug die Wimpern nieder. »Tja, das war wirklich ein schier unlösbares Problem. Du bist ja so ein Meister-Undercover-Agent. Lass mich mal nachdenken … Könnte es das ganze illegale Geld gewesen sein, das deine Accelerator-Freunde auf deine Konten auf Externen Welten überwiesen haben und das sich mühelos bis hin zu unserem Stubsy hier verfolgen lässt? Oder dein Anruf bei ANA:Regierung, in dem du meiner alten Busenfreundin Paula Myo vorgeschlagen hast, dich hier mit ihr zu treffen? Hm, was war’s denn noch gleich? Offenbar ist mein Gedächtnis auch nicht mehr das, was es mal war.«

»Oh.« Es kam nicht oft vor, das Troblum sich wie ein Einfaltspinsel vorkam, aber die Art, wie sie es sagte, machte ihm klar, was für ein Vollidiot er gewesen war. Er hatte schon geahnt, dass die Unisphäre möglicherweise von einer Fraktion kompromittiert sein könnte, trotzdem hatte er nicht die geringsten Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Und was das Geld anging; nun, jeder drittklassige Cyberfreak war imstande, Zahlungen zu verfolgen.

»Wo ist dein Schiff?«, fragte Cat.

Troblum schüttelte den Kopf. »Nein.« Der Smartcore der Mellanie’s Redemption befolgte ein paar äußerst konkrete Anweisungen, sollte seine Sicherheitsverbindung getrennt werden. Soeben zählte ein Timer in seiner Exosicht die Sekunden herunter. Ein schwacher Hoffnungsschimmer, auch wenn er davon ausging, dass das Schiff, mit dem die Accelerators Cat versorgt hatten, in der Lage war, die Mellanie’s Redemption im Handumdrehen vom Himmel zu fegen. Noch ein Planungsfehler seinerseits. Damit blieb ihm nur noch eine Chance.

»Troblum«, sagte sie, als tadelte sie ein Kind. »Ich möchte gern wissen, wo dein Schiff ist, und ich will, dass du mir die Kommandocodes gibst. Und ich glaube, gerade du solltest wissen, dass es besser ist, mich nicht zu verärgern.«

»Ja, weiß ich. Wieso willst du das Schiff?«

»Ach komm, das weißt du ganz genau, Schätzchen. Möglicherweise ist Marius ein wenig verstimmt, weil du ihn vor seinen Herrn und Meistern zum Deppen gemacht hast, aber das könnte für mich wohl kaum eine Motivation sein, oder, Mr Neunmalklug?«

»Paula. Du willst es benutzen, um dir Paula zu schnappen.«

Entzückt klatschte sie in die Hände. »Sie und ich werden eine sehr lange Zeit miteinander verbringen. Ich hab da so meine Pläne, verstehst du? Große Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Und ich brauche sie unverletzt. Wobei du mir helfen wirst, indem du sie davon überzeugst, dass hier alles in bester Ordnung ist.«

»Völlig sinnlos. Niemand hat mehr irgendeine Zukunft. Die Galaxis wird bei lebendigem Leibe aufgefressen. Wir alle werden binnen weniger Jahre sterben.«

Ein Anflug aufkommenden Zorns huschte über Cats Gesicht. Einen langen Augenblick starrte sie Troblum einfach nur an. »Ich will, dass sie in der Annahme hierherkommt, dich hier zu treffen«, sagte sie schließlich mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme. »Und das einigermaßen arglos, auch wenn sie ein paranoides kleines Miststück ist. Also … Dein Schiff. Sofort!«

»Nein.«

»Was mache ich mit Leuten, die ich nicht mag?«

Er zuckte die Schultern, weigerte sich, an die unschönen Details zu denken, die er über die Jahrzehnte hinweg den diversen Polizeiberichten entnommen hatte.

»Du wirst mir helfen«, sagte sie. »Lass mich dir nicht erst drohen müssen. Ich bin nur deshalb bis jetzt so geduldig gewesen, weil ich weiß, dass du dir über die Konsequenzen deiner Dummheit nicht bewusst bist. Vielleicht fragst du dich also mal, wieso Stubsy und seine Freundinnen so kooperativ sind.«

Troblum wandte sich zu dem Dealer um. Das war etwas, worüber er überhaupt noch nicht nachgedacht hatte. Ein weiterer Fehler, wie ihm jetzt klar wurde.

»Hilf ihr einfach«, sagte Stubsy gebrochen.

»Du musst wissen, ich hab ein bisschen geschummelt«, fuhr Cat fort und legte einen Finger auf die Lippen. »Ich böse Lady hab ein kleines Insert benutzt.« Grinsend sah sie zu Stubsys Gefährtinnen herüber, die ihren Blick mit zusammengebissenen Zähnen erwiderten. »Und es war gar nicht so einfach, es einzusetzen, nicht wahr, meine Damen? Stell dir vor, ich musste sie tatsächlich dabei festhalten, so haben sie gekreischt und sich geziert. Wie kleine Mädchen. Und jetzt schau nur, wie glücklich sie sind, das zu tun, was man ihnen befiehlt.«

Troblum glaubte, sich übergeben zu müssen. Seine Biononics hatten alle Hände voll zu tun, um seine hormonellen Drüsen in den Griff zu bekommen. Und endlich brauchte er auch kein Programm mehr, um den Ausdruck in Simonies und Alcindas Gesicht zu interpretieren, so klar erkannte er darin die Angst und den Hass. Simonie kniff sich sogar ein Träne aus dem rechten Auge.

»Die Mädels werden dich sicher gern für mich festhalten, Troblum«, sagte Cat. »Selbst für ihre albernen kleinen Waffenenrichments dürfte es ein Leichtes sein, dein jämmerliches Kraftfeld zu überwinden. Higher-Kultur«, sagte sie kopfschüttelnd. »Wie kommt ihr Typen bloß dazu, euch so zu nennen? So was von unsouverän. Und du denkst, ich hab ’nen Hau weg.«

Die beiden Gefährtinnen begannen auf Troblum zuzugehen. Mit einer knappen Anweisung schaltete er die Schutzschilde über sämtlichen Container seiner Sammlung ab, ebenso wie sein eigenes integrales Kraftfeld. Cats Reaktion folgte auf dem Fuße. Sie verschwand in einem silbernen Schimmern, als würde sie von mondlichtdurchdrungener Seide umhüllt.

»Stehenbleiben«, befahl er den Gefährtinnen.

Sie zögerten, schauten auf Cats flimmernde Umrisse für weitere Instruktionen.

»Troblum?«, drang Cats sanfte Stimme aus der schützenden Aura. »Was tust du? Du hast jetzt keine Verteidigung mehr.«

»Erinnerst du dich an das da?«, fragte er und zeigte auf einen grauen Ovoid auf einem Tisch in der Nähe der Tür.

»Nein«, entgegnete Cat. Ihre Stimme klang gefährlich gelangweilt.

»Das Ding war auf dem Ables ND47, mit dem du damals auf Boongate durchgefahren bist«, erklärte Troblum und wünschte, er würde nicht so zittern und schwitzen. »Jemand hat es geborgen und mit in die neue Welt seines Planeten genommen. Warum, hab ich nie erfahren. Vielleicht dachte derjenige, es würde ihm eine gewisse Überlegenheit gegenüber seinen Mitsiedlern verschaffen. Aber die Regierung hat es konfisziert, und dann verstaubte es mehrere Jahrhunderte in irgendwelchen Asservatenkammern. Schließlich stieß ein Museum darauf und –«

»Troblum!« Cats wütende Stimme blaffte durch die Kammer.

»Ach ja, Entschuldigung: Es ist ein Zonenkiller-Dispenser«, erklärte Troblum ruhig. »Und ich hatte wirklich Glück, als ich ihn kaufte. Das Museum hatte ihn in einem Stabilisierungsfeld aufbewahrt, also ist er immer noch funktionstüchtig und in Bereitschaft. Das Ding ist zwar ein wenig veraltet, aber in einem engen Raum wie diesem würde ich’s lieber nicht drauf ankommen lassen, nicht einmal mit einem Kraftfeld wie deinem. Was sagst du dazu?«

Es entstand eine kurze Pause. »Willst du mir etwa drohen, Schätzchen?«, fragte Cat.

»Ich hab einen doppelten Aktivierungsschalter dafür«, sagte Troblum. »Ich kann ihn auslösen, wenn ich das Gefühl hab, du versuchst, mir zu schaden. Oder wenn du zu schnell für mich bist. Ach ja, und wenn du mich tötest, wird er auch ausgelöst.«

»Da fick mich doch einer mit ’ner Energieklinge in den Arsch«, wimmerte Stubsy. Seine Beine gaben nach, und er sank zu Boden. »Das halt ich nicht mehr aus.« Er schlug die Hände über den Kopf und fing an zu schluchzen. »Tu’s einfach, Mann. Mach dem Ganzen, um Himmels willen, ein Ende. Puste uns weg.«

»Das wird er nicht tun«, sagte Cat. »Dazu ist er nicht der Typ. Wenn du das Ding abfeuerst, Fettarsch, sterben wir alle, nicht bloß ich. Wenn du tust, was ich sage, und mir hilfst, Paula zu fassen, könnte es vielleicht sein, dass ich über diese kleine Entgleisung hinwegsehe. Mach weiter, Alcinda«, befahl sie.

Troblum sandte einen Befehl an das kleine Steuerungsarray des Dispensers. Dessen Malmetall-Oberfläche kräuselte sich und öffnete fünfzig schmale Portale. »Nein.«

Alcinda hatte einen weiteren Schritt in seine Richtung getan. Nun blieb sie abermals stehen.

»Tu es«, sagte Cat.

»Die begreifen es nicht«, sagte Troblum zu Cat. »Es sind nicht nur die Inserts, die dir helfen, sie zu kontrollieren, sie haben noch Hoffnung. Ich nicht. Ich weiß, wie töricht das ist. Ich kenne dich. Wahrscheinlich bist du einer der ganz wenigen Menschen, die ich tatsächlich verstehe. Deshalb hab ich mein Kraftfeld deaktiviert. Damit keine Chance besteht, dass ich die Explosion überlebe. Mir ist klar, dass du mich in jedem Fall töten wirst. Und wir wissen beide, dass man mich niemals relifen wird, selbst wenn die Galaxis weiterbesteht. Für mich war’s das hier, das ist das Ende. Nicht bloß Körperverlust, sondern der wirkliche Tod. Also kann ich auch geradeso gut der Menschheit einen Gefallen erweisen und dich mit mir nehmen.«

»Was ist mit Stubsy und den Mädchen?«, fragte Cat.

»Tu’s endlich, du verdammter Bastard!«, schrie Stubsy.

»Ja«, knurrte Alcinda. »Gib uns den –« Plötzlich versteifte sich ihr Körper, krümmte sich krampfartig ihr Rücken. Dabei bog sich ihre Wirbelsäule so weit nach hinten, dass Troblum schon Angst hatte, sie würde in der Mitte durchbrechen. Sie presste ihre Hände gegen den Kopf. Gepflegte Fingernägel kratzten blutige Streifen in ihre Kopfhaut, als versuchte sie, sich die Ursache ihrer Qualen herauszureißen. Schließlich sank sie mit stummem Aufschrei zu Boden.

»Wir wollen die Angelegenheit doch nicht mit den jämmerlichen Ratschlägen anderer Leute verkomplizieren«, sagte Cat leichthin. »Du glaubst immer noch, dass du hier rauskommen kannst, sonst hättest du den Zonenkiller längst gezündet. Also, wie lautet der Deal?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Troblum. »Ich verfüge über kein Taktikprogramm. Es gibt in dieser Sache kein strategisches Kalkül. Ich warte einfach darauf, dass du was Beängstigendes tust, dann geb ich Feuer. Wir sterben beide gemeinsam.« Er starrte auf Alcinda, die sich hilflos auf dem Boden krümmte. Gebilde, die wie pelzige Pilze aussahen, quollen ihr aus Mund, Augen und Ohren; ein weiteres trat aus ihrem Bauchnabel heraus. Die Auswüchse begannen sich rasch auszubreiten und schwollen mehr und mehr an.

Cat lachte. »Schätzchen, du bist echt köstlich. Ich bin die einzige Person, die du verstehst, und weil das so ist, willst du dich jetzt umbringen? Wie wär’s, wenn du einfach durch die Tür verschwindest und machst, dass du zu deinem Raumschiff kommst, während ich hier auf Paula warte?«

Troblum konnte nicht aufhören, Alcinda anzustarren, die inzwischen von einem Krampfanfall geschüttelt wurde. Ihr Kopf war jetzt bereits zur Hälfte von den pelzigen Geschwülsten bedeckt, weitere schoben sich unter den Rändern ihrer Bikinihose hervor. Auf den Fasern des Geflechts glänzten winzige Tropfen einer klaren Flüssigkeit. Die Zuckungen der Frau wurden immer heftiger. Troblum zog ernsthaft in Erwägung, sie mit einem Disruptorimpuls zu töten, falls seine Biononics einen zusammensetzen konnten. »Ich würde es nicht mal bis zur Treppe schaffen«, erwiderte Troblum und versuchte verzweifelt, sich auf Cats Worte zu konzentrieren. Alcindas schneller Tod wäre ein Akt der Gnade, und ganz bestimmt besaß sie einen gesicherten Erinnerungsspeicher und eine Relife-Versicherung. »Dafür würden Stubsys andere Freundinnen schon sorgen.«

Cat machte eine knappe Bewegung mit der Hand. Sofort hörte Alcinda auf zu zittern. Schlaff sank ihr Körper auf dem felsigen Boden in sich zusammen. »Siehst du. Wenn das alles ist, weswegen du dir Sorgen machst; die Mädchen sind leicht beseitigt.«

Troblum hatte das Gefühl, jeden Moment selbst kraftlos zusammenzubrechen. Schmerzerfüllt starrte Simonie auf Alcindas Körper. Der graue Pelz breitete sich immer noch auf ihr aus. Troblum hatte noch niemals jemanden sterben sehen, und schon gar nicht auf so schreckliche Weise. »Tu das nicht«, keuchte er.

»Warum? Ich dachte, du wolltest uns sowieso alle töten.«

Allmählich begann Troblum, sich damit abzufinden, dass er hier und jetzt wahrhaftig sterben würde. Und irgendwie erschien es ihm passend, dass er dabei ganz nebenher eines der grausamsten menschlichen Wesen, die jemals gelebt hatten, eliminierte.

Plötzlich schalteten sich die Villen-Nodi ein, übermittelten eine kurze, verschlüsselte Nachricht, die er nicht zu decodieren vermochte. Er versuchte, über die Nodi wieder eine Verbindung zu seinem Raumschiff herzustellen, aber sie wollten seinen U-Shadow nicht akzeptieren.

»Sie ist da«, knurrte Cat erfreut. »Deshalb also diese Hinhaltetaktik, oder, mein Bester? Ich dachte, sie wäre nicht vor ein paar Stunden fällig.«

»Sorry«, erwiderte Troblum. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Ich werde nicht zulassen, dass sie dich rettet, Schätzchen.« Hinter der sich vorwölbenden Aura hob Cat einen Arm.

»Du kannst gehen«, sagte Troblum rasch.

»Was?«

»Geh. Zieh in deine Schlacht. Wenn irgendjemand dich schlagen kann, dann Paula. Ich werde so lange hier unten warten. Lass meinetwegen Simonie als Wache zurück. Ich kann von hier aus sowieso keine Nachricht schicken, um Paula zu warnen. Wenn du gewinnst, zünde ich den Zonenkiller. Gewinnt sie, na ja, dann hast du ohnehin die längste Zeit das Sagen gehabt, stimmt’s oder hab ich recht?«

»Kluges Bürschchen«, sagte Cat anerkennend. »Ich bin einverstanden. Stubsy, steh auf. Jetzt, wo Troblum nicht mehr im Spiel ist, wirst du den Köder machen müssen.«

»Nein!«, heulte Stubsy auf. Sein Körper zuckte wie verrückt, und er sprang auf die Beine, als hätte sich der Boden urplötzlich in Weißglut verwandelt; eine Vorstellung, über die Troblum lieber nicht länger nachdenken mochte.

»Tu es, du allmächtiges Stück Scheiße«, brüllte Stubsy Troblum an. »Töte uns alle. Töte sie

»Aber, aber«, sagte Cat. »Wie undankbar.«

Stubsys Mund schnappte zu. Ein kleines Blutrinnsal sickerte von seinem Mundwinkel herab.

»Simonie, du bleibst hier«, befahl Cat, als sie aus der Kammer hinausging. Stubsy Florac humpelte hinter ihr her, nicht ohne noch einen letzten, verzweifelten Blick auf Troblum zu werfen. Simonie verharrte im Türdurchgang, während sich das Malmetall hinter ihr zusammenzog und sie mit einem dunklen Rund umrahmte.

»Tut mir leid«, sagte Troblum zu ihr. Sie erwiderte nichts, obwohl er sehen konnte, dass ihre Kiefermuskeln lautlos arbeiteten.

Cat musste sie irgendwie aus der Ferne kontrollieren, was ihm nicht viel Zeit ließ. Dann bemerkte er, wie ihre Augen beständig zwischen ihm und Alcindas Leichnam hin- und herflogen. Als er sich umwandte, sah er, dass der ekelhafte Bewuchs inzwischen den ganzen Körper bedeckt hatte und nun anfing, sich über den Boden auszubreiten, dabei Ausläufer bildend, die sich wie verschüttete Flüssigkeit in alle Richtungen schoben.

Troblum aktivierte wieder sein integrales Kraftfeld und hastete quer durch den Raum zu der größten Kiste seiner Sammlung. Er war sicher, von draußen einen Knall gehört zu haben, vielleicht sogar mehr als einen, aber die Tür stellte eine wirksame Schallisolierung dar, und er verspürte wenig Lust, abermals sein Kraftfeld abzuschalten. Paula musste in der Villa angekommen sein.

Er musste seine biononische Muskelverstärkung einsetzen, um den länglichen Zylinder aus seinen Transportaufhängungen zu heben. Die Waffe war unglaublich schwer, aber andererseits mussten sich die Konstrukteure der alten Moscow-Klasse-Kriegsschiffe um Masse auch keine Gedanken machen. Mit Müh und Not schaffte er es, sie in die Vertikale hochzustemmen, wobei er sich vorkam wie ein mittelalterlicher, seine Lanze hebender Ritter. Das obere Zylinderende war jetzt nur wenige Zentimeter von der Kavernendecke entfernt und schwankte bedrohlich hin und her, während er die Waffe schwitzend und ächzend ruhig zu halten versuchte. Er wusste nicht, ob ihre uralten Komponenten zusammenhalten würden, wenn er sie einschaltete, und er war sich auch nicht sicher, ob sein integrales Kraftfeld entweder einer Fehlfunktionsexplosion oder einer geglückten Entladung standhielt. Aber Cat hatte Sicherheit aus seinem Leben getilgt, er flog nun auf den Schwingen von Logik und Verhängnis.

Er schaute Simonie direkt in die Augen, sah, dass ihr rechtes Lid flatterte. Zum zweiten Mal an diesem Tag benötigte Troblum kein Programm, um eine menschliche Emotion zu interpretieren.

Er nickte ihr zu.

Dann feuerte er den Schiff-Schiff-Neutronenlaser ab.

Es war für Paula nicht schwer gewesen, herauszufinden, wer Troblums Verbündeter auf Sholapur war. Troblums heimliche Geldtransfers waren Gegenstand von Wirtschaftskriminalitätsprüfungen durch eine Finanzbehörde des Commonwealth-Senats, seit Justine von seinem seltsam leerstehenden Hangar auf dem Daroca-Raumhafen Bericht erstattet hatte. Schon bald hatte die Behörde Stubsy Florac als Empfänger immenser Geldmengen ermittelt, die über die Jahre hinweg geflossen waren, und ANA-Security hatte eine Riesenakte über die Aktivitäten des Dealers angelegt. Eher ein Ärgernis denn eine Bedrohung, verschob Florac im ganzen Commonwealth Objekte, ohne irgendeine Form von Genehmigung dafür zu besitzen. Die meisten waren, wie Troblums Kriegsrelikte, im Grunde recht harmlos, obwohl er auch aufrührerische Gruppen mit Waffen belieferte. Soweit ANA bekannt war, hatte Stubsy Florac niemals mit einer Fraktion oder deren Agenten zu schaffen gehabt. Ungeachtet dessen, wie er sich selbst gern sah, war er im Vergleich zu den wirklichen politischen und wirtschaftlichen Staatsfeinden, die an den Rändern der Commonwealth-Gesellschaft operierten, nicht mehr als ein kleiner Fisch.

Also traf Paula mit der Alexis Denken schon einen Tag vor ihrer Zustimmung zu dem Treffen ein. Ihr Schiff fiel bei Nacht im Tarnmodus durch die Atmosphäre hinab, entging mühelos den Sensorabtastungen von Ikeos Verteidigungssystem und sank zwanzig Meilen von Floracs Villa entfernt unter Wasser. Als die Alexis Denken wenig später die Küste erreichte, zog das Wrack eines Hochleistungsgleitboots ihre Aufmerksamkeit auf sich, das nicht allzu weit von Floracs weißem Strand auf dem Sand lag. Eine nähere Untersuchung durch Sensorbots ergab, dass es von einem Disruptorimpuls in der Mitte durchgeschnitten worden war. Paula vermutete, dass sie nicht die Einzige war, die den schwer zu fassenden Troblum zu treffen wünschte. Es war zwar nicht einfach, Anrufe bei der Sicherheitsabteilung von ANA:Regierung abzuhören, aber auch nicht unmöglich. Und Troblum hatte versprochen, über alles Mitteilung zu machen, was nach größeren Aktivitäten der Accelerators aussah. Ilanthe würde mit Sicherheit einen Repräsentanten losschicken, um ihn zu stoppen. Möglicherweise sogar Marius persönlich. Es würde Paula ein Vergnügen sein, Marius in Gewahrsam zu nehmen, obgleich er sich wahrscheinlich eher selbst eliminieren würde, als eine solch beschämende Demütigung zuzulassen.

Fünf kleine, ferngesteuerte Passivsensoren glitten aus dem Meer und bezogen an verschiedenen hohen Punkten des Grundstücks Position. Paula machte es sich bequem und wartete. Ihr Klavier schob sich aus seiner gefütterten Nische; dreihundert Jahre alt und aus Fi-Holz gebaut, das mit sanftem rotbraunem Glanz im gedämpften Kabinenlicht schimmerte. Das Instrument war in einer Werkstatt auf Lothian handgefertigt worden, von einem Higher-Instrumentenbauer, der hundertundfünfzig Jahre gebraucht hatte, um sein Handwerk zu perfektionieren, dann aber sogar die Qualität der legendären Pianohersteller auf der Erde übertraf. Paula hatte es neu in Auftrag gegeben, und sein voller Klang machte die neunzig Jahre auf der Warteliste absolut wett.

Sie setzte sich auf den Samthocker, kramte die Noten hervor und versuchte ein weiteres Mal, »Für Elise« zu spielen. Ihr Problem war, dass sie einfach zu wenig Zeit zum Üben hatte. Es wäre ein Leichtes gewesen, ein mit Fingerfertigkeitsfunktion gekoppeltes Musikprogramm zu benutzen. Aber Paula wollte das Stück richtig spielen können. Ein so wunderschönes Klavier wie dieses verdiente einfach das größte Maß an Hingabe und Respekt. Finger, die von einem Programm beherrscht wurden? Genauso gut hätte man auch gleich eine Aufnahme abspielen lassen können.

Und so wurden die einheimischen Fische, die neugierig um den seltsamen, auf dem sandigen Meeresgrund liegenden Ovoid herumschwammen, der uralten Komposition ausgesetzt. Und das gleich ein Dutzend Mal, wobei die Melodie immer wieder unterbrochen wurde, um dann mit unerbittlicher Entschlossenheit von vorne zu beginnen.

Am Tag darauf, als sie schon mit weit größerer Zuversicht spielte, musste Paula zugeben, dass Troblums Schiff wirklich überaus gut abgeschirmt war. Völlig überrascht registrierte sie daher die beleibte Gestalt in ihrem schäbigen Togaanzug, die auf einem Scooter sitzend aus dem Wald auf der anderen Seite von Floracs Grundstück kam. Keiner ihrer Sensoren hatte die Mellanie’s Redemption aus dem Orbit herabkommen bemerkt. Reglos verharrten Paulas Finger über den fassgezüchteten elfenbeinernen Tasten, während sie gespannt beobachtete, was als Nächstes geschah.

Wenige Meter vor den Grenzpfosten des Anwesens hielt der Scooter an. Er schwankte bedenklich, als Troblum eine Verbindung zu Florac öffnete. Dann wurde die Absperrung deaktiviert, und Troblum flog unsicher weiter zur Villa.

Kurz nachdem er an der Vordertür angekommen und im Innern des Hauses verschwunden war, baute sich ein Kraftfeld über der Villa auf. Die Monsunfront hatte das Anwesen erreicht.

Troblum rief die Sicherheitsabteilung von ANA:Regierung an, die das Gespräch an Paula weiterleitete. Ihre ferngesteuerten Sensoren kamen nicht weit genug an die Villa-Umgrenzung heran, um ihr ein klares Bild von ihm, wie er am Pool stand, zu liefern, doch während sie mit ihm sprach, konnte sie deutlich die Reihe exotischer gelber und grüner Zierpflanzen erkennen, die heckenartig die offene Seite des Schwimmbeckens begrenzten. Und sie musste nicht lügen. Sie würde definitiv binnen zwei Stunden bei der Villa sein.

Paula wies den Smartcore an, das Klavier wieder zurück in seine Nische zu fahren, zwängte sich in ihre Panzerung, aktivierte drei der Kampfbots, die im vorderen Schiffsladeraum verstaut waren, und stieg durch die Luftschleuse aus. Augenblicklich trug sie der Regrav des Anzugs zur Wasseroberfläche empor, wo sie unter peitschendem Regen auftauchte. Dicke Sturmwolken jagten über ihr dahin. In einem flachen Bogen flog sie hinauf zur Felsenklippe über dem weißen Strand und landete neben einem der silbernen Begrenzungspfeiler des Grundstücks. Schützend schwebten über ihr die drei Kampfbots, in dem sintflutartigen Regen nur schwer zu entdecken. Unablässig zuckten Blitze. Paula registrierte, wie Sensoren auf sie ausgerichtet wurden, dann forderte der Smartcore der Villa sie auf, sich zu identifizieren.

»Ich werde erwartet. Mein Name ist Paula Myo, ANA-Repräsentantin in dienstlicher Angelegenheit. Und jetzt lass mich rein.«

Keine Antwort. Die Begrenzungspfosten blieben aktiv, also mähte sie die acht, die ihr am nächsten standen, mit einem Protonenlaser um. Ihr Anzug flog sie, fünf Meter Abstand zum Boden haltend, weiter auf die Villa zu. Das Kraftfeld über dem Haus verstärkte sich. Sie umrundete es, bis sie sich gegenüber dem offenen Ende des dreiseitigen Gebäudes befand. Sich kräuselndes Wasser strömte am Kraftfeld herab und lieferte ihr nur ein verschwommenes Bild von dem, was dahinter vor sich ging. Dennoch konnte sie drei amazonenähnliche Frauen in Bikinis erkennen, die um den Pool herum hasteten, um hinter den Wasserfallfelsen Position zu beziehen. Die bescheidene Geheimdienstakte über Florac hatte die Sorte Bodyguards, die er bevorzugte, erwähnt.

»Ach du liebe Güte«, murmelte sie. Die drei trugen nicht mal eine Armierung. Alberne Amateure. Das Trio formierte sich auf Standardweise und versperrte den Zugang ins Zentrum der Villa. Paula vermutete, dass sich dort ihr Boss versteckte, zusammen mit Troblum.

Zwei der Kampfbots ließen einen Schwarm Energy-Dumps auf die Kraftfeldkuppel der Villa niedergehen. Die kleinen, dunklen Sphären rutschten und schlitterten an der gewölbten Krümmung hinab. Grelles, energetisches Flackern peitschte aus jedem Kontaktpunkt hervor, und die Dumps wurden langsamer, als wäre die Kuppel irgendwie klebrig geworden. Blitze zuckten aus den Wolken am Himmel, von dem starken Ionensprühregen angezogen, der aus jedem Dump hervorgischtete und ins Kraftfeld einschlug. Die Finsternis, die die Dumps umgab, begann sich auszubreiten und langsam durch das Kraftfeld zu sinken, das jetzt in einem erhebliche Belastung anzeigenden Karmesinrot funkelte.

Heißes, dampfendes Wasser sickerte durch das Kraftfeld und platschte auf den Bereich rund um den Pool. Das schützende Kraftfeld der Villa glühte nun wie eine rote Zwergsonne, die von schwarzen Krebsen aufgefressen wurde. Paulas voller Feldfunktionsscan brannte sich seinen Weg durch die instabil schwankende Kuppel. Sie konnte mehrere Waffenenrichments ausmachen, die in den Körpern der amazonenhaften Frauen in Bereitschaft versetzt wurden. Doch von Troblum keine Spur.

»Wo steckst du?«, murmelte sie. Ein weiterer schwer mit Enrichments ausgestatteter Mensch bewegte sich langsam im Innern der Villa. Nicht genau zu lokalisieren bei dem zwar gepeinigten, doch nach wie vor funktionstüchtigen Kraftfeld. Und noch immer konnten ihre Feldfunktionen Troblum nicht aufspüren. Er musste sich tiefer im Haus aufhalten, vielleicht unter der Erde.

Wieder peitschte ein Blitz vom Himmel. In der gleichen Sekunde fügten die Kampfbots dem Einschlag drei Protonenlasersalven hinzu. Das war zu viel. In einer vernichtenden Schallwelle, die die Poolpflanzen in Fetzen riss, brach das Kraftfeld zusammen und katapultierte eine Wolke aus schwelenden Blättern in den regenerfüllten Himmel. Fenster zerbarsten, große Glasscherben wurden über die Gehwegplatten geschleudert.

Zusammen mit dem Regen, der sturzbachartig über die Villa hereinbrach, drang Paula in den Poolbereich vor. Die Amazonen feuerten einen Hagel aus Laserstrahlen und Disruptorimpulsen auf sie ab. Jelly-Gun-Schüsse prügelten auf ihr Rüstungskraftfeld ein und verpufften wirkungslos. Paula war einigermaßen verblüfft. Bestimmt besaß Stubsy, oder wer auch immer das Gleitboot zerschossen hatte, doch schwerere Waffen als diese.

»Deaktivieren Sie sofort Ihre Enrichments«, befahl Paula. Gleichzeitig setzte sich durch den strömenden Regen ihre Eskorte in Richtung der Frauen in Bewegung. Zwei von ihnen eröffneten augenblicklich das Feuer auf die schwerfälligen Bots, während sie sich gleichzeitig ins Haus zurückzogen. Paula jagte einen Disruptorimpuls in einen der Wasserfallfelsen, als die Amazone in dem knallgrünen Bikini ihre Deckung dahinter verließ, um durch eine zerstörte Terrassentür zu verschwinden. Der Felsbrocken explodierte in tausend Stücke, die sich in die Villamauern gruben. »Stehenbleiben«, brüllte Paula. Doch die Frauen im Innern dessen, was ein großer Salon zu sein schien, strömten stattdessen aus und begaben sich erneut in Verteidigungsformation. »Troblum, komm raus, ich bin auf deine Einladung hier, Himmelherrgott noch mal.«

Ein weiteres Sperrfeuer aus Energieschüssen hämmerte gegen ihr Kraftfeld. Grellrote statische Gespinste zuckten krachend aus den Aufschlagpunkten hervor und verdampften den von ihren Schultern strömenden Regen. Paula seufzte. Allmählich wurde es schwierig, diese dämlichen Frauen auszuschalten, ohne sie zu verletzen. Ihre Feldfunktionen tasteten die Villa ab. Die mit Enrichments ausgestattete Person, die sie zuvor ausgemacht hatte, schlich hinten in dem von den Frauen gesicherten Raum herum. Troblum war noch immer nicht zu lokalisieren.

»Jetzt reicht’s«, entschied Paula. Ihr Rüstungsregrav hob sie vom Boden und begann, sie nach vorne zu treiben. Sie feuerte einen Disruptorimpuls ab, der die Wand vor ihr sowie die Hälfte des Dachs darüber wegsprengte, und ihr so freie Bahn in den Salon verschaffte. Eine Kaskade von Schutt stürzte zusammen mit dem Regen zu Boden. Die Frauen sprangen in Deckung, augenblicklich ihr Beschussmuster wechselnd.

In diesem Moment meldeten die ferngesteuerten Sensoren draußen vor der Villa, dass sich etwas durch die Regenfluten hindurch dem Anwesen näherte. Ein großes Schiff, das sehr tief flog und dem gleichen Kurs folgte wie Troblums Scooter. Sein Raumschiff. Jäh verlangsamte Paula ihr Tempo, unsicher bezüglich der Fähigkeiten des Schiffs.

Plötzlich brachen vor ihr gelbe und rote Blütenblätter aus exotischer Energie aus dem Salonboden hervor. Acht an der Zahl, krümmten sie sich nach oben wie die Kiefer eines bösartigen Raubtiers, bewegten sich kaum einen Meter an ihr vorbei und trafen dann aufeinander, um eine mächtige Säule zu bilden. Die fing an sich zu drehen. Die Blütenblätter trennten sich wieder, streckten sich nach ihr aus, verlängerten sich rasant.

Heftig stieß Paulas Anzugregrav sie nach hinten, schob sie zurück, während sie vor Schreck keuchte. Sie und die drei Kampfbots ließen eine gebündelte Flut von Feuerkraft auf die Basis der exotischen Energiemanifestation los. Versuchten den Generator zu zerstören. Das äußerste Ende der exotischen Energie streifte die Vorderseite ihres Armierungskraftfelds. Bizarre Warnsymbole tauchten in ihrer Exosicht auf.

Dann warf sich der Boden auf und explodierte.

Paula wurde hoch über das Dach der Villa geschleudert, wirbelte unkontrolliert durch die Luft. Für einen Moment glaubte sie, sie hätte den Exotische-Energie-Generator durchschlagen. Doch die gelben Spektren hüpften immer noch umher wie Flammen in einem Orkan, flackerten eine Sekunde lang auf und erloschen.

Fünfzig Meter über der Villa stabilisierte Paula ihren taumelnden Flug. Als ihre Sensoren die Szene unter ihr abtasteten, sah sie einen riesigen Krater, der eine Seite des Gebäudes komplett fortgerissen hatte. Er war zwanzig Meter breit, mit Wänden aus roher, schwelender Erde. Der Grund des Trichters lag offen da und schien in irgendeinen unterirdischen Raum zu führen. Überall lagen verbogene Metalltrümmer herum.

»Hierher!«, befahl Paula der Alexis Denken. Dann gab sie den drei Kampfbots Anweisung, die Koordinaten des Exotische-Energie-Generators unter Beschuss zu nehmen. Ein tödliches Trommelfeuer aus Disruptorimpulsen und Protonenlaserstrahlen hagelte auf den Zielpunkt hinab und illuminierte die Villa mit einem strahlenden Nimbus, heller noch als die Blitze, die den Himmel durchzuckten.

Paula ließ sich nun rasch nach unten sinken, darauf bedacht, jedem etwaigen Kontakt mit der exotischen Energie zu entgehen. Eben hatte sie noch einmal Glück gehabt, doch dieser Generator war durchaus imstande, sie einem Käfig gleich einzusperren, Anzug hin oder her.

Unter ihr kam jemand aus dem Krater geklettert. Ihrem Feldscan nach zu urteilen eine umfangreiche Person. Higher, mit einem integralen Kraftfeld, das kaum noch funktionsfähig war.

»Troblum«, sendete sie.

Stolpernd kam der Mann am Kraterrand zum Stehen. Sein Kopf pendelte hin und her, als wäre er betrunken.

Die Alexis Denken brach durch die Meeresoberfläche und beschleunigte hart. Zehn Kampfbots schossen aus ihrem vorderen Laderaum hervor, um ihr Deckung zu geben. Und dann raste plötzlich ein weiteres Schiff mit Mach neun auf das Anwesen zu, schoss um die umliegenden Hügel herum in einer Kakophonie aus misshandelter Luft.

Auf einem Flecken schlammiger Erde, die noch Minuten vorher eine liebliche Staudenrabatte gewesen war, setzte Paula wieder auf dem Boden auf. Inzwischen hatte das erste Raumschiff den Krater erreicht, sein Profil ein klassischer Raketenschiffkonus, mit acht radialen, nach vorn ausgerichteten Finnen. Die Bugspitze neigte sich zu Troblum herunter, schon schoben sich die Irissegmente einer Luftschleuse auf.

»Stop!«, befahl ihm Paula. Dann zeigten ihre Feldfunktionen ihr eine weitere Gestalt, die aus dem Erdreich unter den Ruinen von Floracs Villa kam. Eine weiß schimmernde Gestalt, die völlig immun war gegenüber jeglichem Feldscan. Sofort ignorierte Paula Troblum, denn sie wusste, dass sie nun der wahren Bedrohung entgegentrat. Über die rauchenden Trümmer des Swimmingpools hinweg standen sie schließlich einander gegenüber.

Begleitet von ihrer Kampfbot-Eskorte donnerte die Alexis Denken durch den Monsun. Direkt hinter Paula kam sie nur wenige Meter über dem Boden schwebend zum Stehen und dehnte ihr Kraftfeld aus, um sie zu umschließen. Genug Feuerkraft, um eine mittelgroße Stadt zu vaporisieren, fokussierte sich auf die ruhig inmitten der zertrümmerten Mauern stehende flimmernde Gestalt.

Troblum verschwand in der Luftschleuse seines Raumschiffs, das daraufhin eine Neunzig-Grad-Drehung vollführte, sodass es mit der Spitze auf die Wetterwolken wies.

Dann traf das dritte Raumschiff ein.

Paula hatte damit gerechnet, dass es das Feuer auf Troblums Schiff eröffnen würde. Doch stattdessen ging es hinter der weißen Gestalt in Position und schuf damit ein Spiegelbild von Paula und der Alexis Denken.

Troblums Schiff nahm Fahrt auf und beschleunigte mit fünfundzwanzig g. Die Alexis Denken meldete, dass eine große Anzahl leistungsfähiger Waffensysteme in dem Raumer des Eindringlings hochgefahren wurden.

»Marius, bist du das?«, fragte Paula.

Die weiße Gestalt zeigte auf etwas. Irgendwie hatte Stubsy Florac das Massaker überlebt. Er kam über die zerbrochenen und zersplitterten Holzdielen gekrochen, aus Dutzenden von Schnitt- und Risswunden sickerte Blut.

»Verdammt«, zischte Paula. Wenn sie die Sache jetzt mit ihrem Gegenspieler austrug, war der Ausgang ungewiss. ANA hatte sie durchaus gut ausgerüstet, doch die Fraktion, deren Repräsentant sie sich offensichtlich gegenüber sah, verfügte ebenfalls über ein ziemlich beachtliches Arsenal. Falls sie gewann, würde sie niemals erfahren, wer sie, und damit auch ANA, da in solch dreister und unverfrorener Weise herausforderte. Abgesehen von einem sich rasch zerstreuenden Ionenschwarm würde nicht viel übrig bleiben von dem Besiegten. Und egal, wer als Sieger hervorging, es würde den sicheren Körperverlust für Stubsy Florac bedeuten, wahrscheinlich sogar seinen Tod. Und womöglich gab es in den Trümmern der Villa noch mehr Überlebende; immerhin hatte sich der Mann eine halbe Armee von diesen albernen Amazonenleibwächterinnen gehalten. Trotz all der Wesenszüge und Eigenarten, die sie im Laufe der Jahrhunderte abgelegt hatte, war ihre Gewissheit hinsichtlich von richtig und falsch immer noch absolut. Sie, Paula Myo, hatte nicht das Recht, Zivilisten in Gefahr zu bringen, selbst wenn diese Zivilisten so widerlich waren wie Florac. Ihre Aufgabe im Universum war es, das Gesetz aufrechtzuerhalten. Und so lästig Florac in diesem Augenblick auch war, sie durfte nicht riskieren, ihn einer Gefahr auszusetzen.

Auf alle Fälle wäre Florac ein wertvoller Zeuge. Um einen Gegenspieler vom Kaliber einer Fraktion kümmerte sich ANA am besten höchstselbst. Das war nicht ihre Sache und die irgendeines Repräsentanten, die unter solchen Umständen aufeinandertrafen.

Unbewegt stand sie da, starrte auf die kalt leuchtende Gestalt auf der anderen Seite des Pools. Ihr Feldscan sondierte das flimmernde Kraftfeld, konnte jedoch keine einzige Schwachstelle darin entdecken. Nur eines stand fest: Das war nicht Marius – zu klein.

Die weiße Gestalt wurde in ihr Schiff gezogen. Eine Hand hob sich zu einem spöttischen Winken. Ein albernes Wackeln mit den Hüften, dann schloss sich die Luftschleuse und schnitt die schimmernde Aura von der Außenwelt ab. Sanft glitt das Raumschiff in die brodelnden Wolken, einen finsteren Strudel hervorrufend, als es in der Stratosphäre verschwand. Über die Sensoren der Alexis Denken verfolgte Paula seinen Flug so weit, wie es ging. Als es die Ionosphäre verließ, schaltete sich der Tarneffekt ein. Kurz darauf kam es zu einer minimalen Quantensignatur, die der Smartcore gerade noch feststellen konnte, als es hoch über dem Äquator beschleunigte. Dann musste es in den Hyperraum gesprungen sein. Die besten Sensoren, die ANA zu entwickeln vermochte, fingen eine winzige Störung im Quantenfeld auf, die auf einen Ultra-Antrieb hindeutete. Dann war da nichts mehr.

Paula spitzte die Lippen und gab einen langen, einzelnen Pfiff von sich. Die Kampfbots, die über der Villa schwebten, zeigten ihr Stubsy Florac, der sich vor Schmerzen auf seinen dezimierten Holzdielen wand. Sie eilte zu ihm, gerade rechtzeitig, um merkwürdige graue Wucherungen aus seinem Mund und seiner Nase hervorblühen zu sehen.

Ihr U-Shadow öffnete eine Direktverbindung zu seinen makrozellularen Clustern. »Florac? Können Sie mich empfangen?«

Die pelzige graue Substanz trat aus Stubsys Augen hervor.

»Wer war es, Florac? Wissen Sie, wer das hier getan hat?«

Die einzige Antwort, die über die Verbindung zurückkam, war ein jäher Sturm aus weißem Rauschen.

»Okay. Ich bring Sie in eine Medizinkammer. Mein Schiff verfügt über die beste im Commonwealth. Keine Angst, Sie sind bald wieder auf den Beinen.« Sie hob ihn hoch und flog geradewegs in die Luftschleuse. Dort befahl sie dem Smartcore, eine Level-Eins-Dekontaminationsprozedur zu initiieren. Dieses graue Pilzzeugs gefiel ihr wirklich überhaupt nicht.

»Halten Sie durch, Florac, alles kommt in Ordnung. Sie bleiben bei mir, haben Sie verstanden?«

Sie brauchte nur ein paar Sekunden bis zur Kabine, aber als sie ihn in die sarggroße Kammer herabließ, wurde er bereits von Krämpfen geschüttelt. Wie eine Flüssigkeit schloss sich die stahlglänzende Malmetall-Abdeckung über ihm.

Ein Scan offenbarte, dass die graue Substanz seinen gesamten Körper befallen hatte und jedes Organ zerfraß. Sie hatte sich auch um seine Nerven gewunden, beschädigte sie zwar nicht, aber umklammerte sie. Angewidert und bestürzt zugleich beobachtete Paula die Anzeigen, während der Eindringling einen kontinuierlichen Strom von Impulsen in jede Nervenfaser von Floracs Körper hineinleitete. Geschwulstverästelungen in seinem Gehirn stimulierten bestimmte neuronale Bahnen, um dafür zu sorgen, dass sein Bewusstsein intakt blieb.

Es war für die Medi-Kammer nicht mehr genug übrig von seinem Fleisch, um ihn am Leben zu erhalten. Vor Paulas Augen starb Florac unter solchen Höllenqualen, wie sie ein menschliches Nervensystem nur weiterzuleiten vermochte.

»Extrahiere seine Memorycell«, befahl sie der Medi-Kammer. Doch nicht einmal mehr das war noch möglich, die grauen Verästelungen hatten an der Speichereinheit genagt und sie auseinandergebrochen. Mit wachsender Besorgnis warf sie erneut einen Blick auf die Anzeigen. Das graue Zeug schien eine Art biononischer Virus zu sein, in der Lage, sowohl organische wie inorganische Materie zu zerstören. Es befiel sogar schon die Instrumente und Manipulatoren, die mit Floracs Körper verbunden waren, und transformierte sie zu noch mehr von sich selbst, ein Effekt, der sich bis in die Verkleidung der Kammer fortsetzte.

»Zur Hölle!«, knurrte Paula. Die Alexis Denken schoss aus der Atmosphäre heraus auf eine Höhe von fünftausend Metern und stieß die ganze Medi-Kammer ab. Funkelnd im Sonnenlicht, das auf ihre helle Metall- und Plastikoberfläche fiel, trudelte sie fort von dem Schiff. Paula strich mehrere Male mit einem leistungsstarken Gammastrahllaser über sie hinweg, um sicherzugehen, dass jedes Molekül des Virus getrennt wurde. Dann gab sie ihr mit einem einzelnen Disruptorimpuls den Rest. Die nun weiß glühende Schlacke der Kammer detonierte in einem Schwarm aus davonstiebenden Funken.

Augenblicklich schalteten sich mehrere bodenbasierte Sensorsysteme auf die Alexis Denken auf. Von nahezu jeder Stadt auf dem Planeten ging beim Schiffsmartcore die Aufforderung ein, sich zu identifizieren. Paula ignorierte sie und flog wieder hinunter zur Villa.

Noch immer kreisten die Kampfbots über dem Grundstück, während der Monsun die Trümmer durchtränkte. Lange Rinnsale gurgelten über das aufgeplatzte Pflaster, gesättigt von Schlamm und bröckeligem Morast. Paulas Panzerstiefel platschten durch die Regenfluten, während sie sich vorsichtig dem Krater näherte. Die aufgerissene Erde war leicht radioaktiv. Spähbots stießen herab, um die Überreste der unterirdischen Kammer zu scannen. Das Erste, was sie inmitten all des verschmorten Plastiks und des verbogenen Metalls fanden, war ein verkohlter Körper. Höchstwahrscheinlich eine weitere von Floracs Leibwächterinnen. Dann fing sie die Signatur von der grauen Substanz auf. Ein Fetzen davon hing an einem Stück zerbrochenem Fels. Ihre Ränder kräuselten sich, während sie versuchte zu wachsen.

»Verdammt«, fluchte Paula, doch es half alles nichts. Sie rief zwei der Kampfbot herunter und machte sich daran, die Stelle systematisch mit Gammastrahlen zu sterilisieren. Währenddessen setzte sie sich mit ANA in Verbindung. »Hier draußen geraten die Dinge gerade ein bisschen aus dem Ruder«, vermeldete sie.

»Die Accelerators versuchen Troblum wohl mit aller Verzweiflung davon abzuhalten zu reden.«

»Nein. Hier ist was anderes passiert.« Paula stand in den Überresten der Lounge und untersuchte mit ihrem Feldscan die Trümmerstücke des Exotische-Materie-Generators. Es war nicht mehr viel von ihm übrig, und sie war sich ziemlich sicher, das ihre eigene Feuerkraft nicht die ganze Verantwortung dafür trug. An irgendeinem Punkt im Verlauf des Kampfs hatte er sich selber zerstört.

»Wer immer auch ihn hier erwartet hat, er hätte ihn im selben Moment, als er bei Florac auftauchte, erledigen können. Aber das tat er nicht. Man wollte ihn als Köder für mich benutzen. Dieses Exotische-Materie-System war dazu gedacht, mich in die Hände zu bekommen. Es handelt sich um eine äußerst sorgfältig durchdachte Falle. Irgendjemand hat sich ziemlich viel Mühe gemacht. Ich hatte Glück, dass Troblums Schiff genau im richtigen Moment auf der Bildfläche erschien, eine Sekunde später, und ich wäre kaltgestellt gewesen.«

»Sie haben sich über die Jahre eine Menge Feinde gemacht.«

»Ja, aber der hier hat die Unterstützung einer Fraktion. Er verfügt über ein Ultra-Antriebsschiff, das der Alexis Denken praktisch ebenbürtig ist. Und er ist im Besitz dieses abscheulichen Virus. Und er wusste, dass ich herkommen würde, um mich mit Troblum zu treffen. Folglich muss er mit den Accelerators verbündet sein. Dennoch hat er Troblum nicht liquidiert. An wen würden sich die Accelerators zu diesem Zeitpunkt wenden? Und wer würde dann nicht das tun, was am naheliegendsten wäre, und Troblum nicht zum Schweigen bringen? Das ist nicht logisch, denn diese Person scheint absolut keine moralischen Bedenken zu haben, jemanden zu töten. Und offensichtlich war ich für die Folterkammer vorgesehen oder für etwas ähnliches.« Noch während sie sprach, beschlich sie ein wirklich ungutes Gefühl. Sie musste an das lächerliche Hüftwackeln denken, das die leuchtende weiße Gestalt vollführt hatte, bevor sie in ihrem Raumschiff verschwunden war. Es gab auf jeden Fall eine Person, auf die so etwas passen würde – aber das war unmöglich. Sie befand sich in Suspension, und das seit mehr als neunhundert Jahren. Andererseits, wenn überhaupt jemand die Möglichkeiten besaß, ihr zur Flucht zu verhelfen, dann eine Fraktion … »Das würden sie nicht wagen«, flüsterte sie. Andererseits nahmen sich die Accelerators in letzter Zeit mehr und mehr Freiheiten heraus. Und sie hatten ihre Züge jahrzehntelang im Voraus geplant.

»Was beabsichtigen Sie, als Nächstes zu tun?«, fragte ANA.

Paula ließ ihren Blick über das regendurchtränkte Gelände schweifen, während über ihr ein weiterer Blitz am Himmel zuckte. »Ich brauche hier eine komplette forensische Untersuchung. Ich mach mir nicht allzu viele Hoffnungen, aber wenn es hier irgendwas gibt, das uns etwas darüber verrät, wo der Exotische-Materie-Käfig gebaut wurde und von wem, dann muss ich das wissen.«

»Ich werde sofort ein Team entsenden.«

»Danke. Und ich werde ein paar Recherchen über Troblum anstellen. Ich muss herausbekommen, wohin er gegangen ist. Ich kann sowieso nicht viel machen, bevor Oscar nicht den Zweiten Träumer für uns erwischt hat.«

»Wie Sie möchten.«

Paula schaute hinauf zu den stürmischen Wolken, wünschte, sie könnte die Sterne sehen. »Irgendetwas Neues hinsichtlich der Expansionsphase?«

»Noch nicht.«

»Werden Sie in der Lage sein, sie zu überleben?«

»Ich weiß es nicht. Was werden Sie tun?«

»Letzten Endes? Wenn sie nicht gestoppt werden kann? Ich bin mir nicht sicher. Der High Angel nimmt mich mit in eine andere Galaxis, wenn ich will. Aber im Augenblick müssen wir unsere geschätzte Spezies erst mal davon abhalten, alles nur noch schlimmer zu machen.«

Araminta hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Wie auch?

Denn sie hatte nein zu ihm gesagt.

Nein zu dem Skylord. Nein zu der Entität, die sich erbot, einen Gutteil der Menschheit dorthin zu führen, wo sie sich ihr Nirvana zu finden erhoffte.

Nein hatte sie gesagt, weil: Ich bin der Zweite Träumer.

Ich bin es. Ich!

Oh, Ozzie, ich bitte dich, hilf. Das kann einfach nicht sein.

Ich, immer wieder drehte und wendete sie es um und herum. Wie kann es sein, dass ich es bin? Wegen irgendeiner entfernten Vorfahrin, von der sie bis vor Kurzem noch nie etwas gehört hatte. Wegen dieser Melanie und ihrer Freundschaft zu den Silfen. All das, all diese Unbekannten aus vergangenen Jahrhunderten, hatte sich erhoben und drückte sie nun nieder, hatte sie ihrer Bestimmung, ihrer Selbstbestimmung beraubt. Das Schicksal hatte sie auserwählt.

Mich!

Und jetzt würden die Millionen, die Milliarden von Living-Dream-Anhängern auf sie schauen, um ihr zu helfen, sie mit dem Skylord zu vereinen. Und sie hatte nein gesagt.

Der Skylord war überrascht gewesen. Geschockt geradezu. Sie hatte sein verletztes Erstaunen nachklingen gespürt, als sie ihren Geist von dem Kontakt zurückzog. Es war eine Antwort, die nicht in seine Wirklichkeit passte. Genauso gut hätte sie auch zu den Gesetzen der Schwerkraft nein sagen können, bei allem Sinn, den sie ergaben.

Es erschreckte sie, was sie getan hatte. Aber es war eine instinktive Reaktion gewesen. Sie wollte nicht der Zweite Träumer sein. Nur Stunden vor dem Kontakt hatte sie nach Tagen des Insichgehens und der Selbstfindung über ihre Zukunft entschieden. Sie würde Mrs Bovey(s) werden. Sie würde sich mehr Körper zulegen und eine Multiple werden. Und sie würden hier in diesem großartigen Haus leben oder in einem neuen, das sie bauen würde, mindestens ebenso herrlich und prächtig. Und die Hälfte ihrer Körper würden die ganze Zeit miteinander im Bett verbringen. Sie würde ihn ebenso glücklich machen wie er sie. Und die Zukunft wäre strahlend und schön und voller Verheißung. Vielleicht würden sie Kinder haben. Was für Kinder bekamen Multiples? Wollte er überhaupt welche? Bis jetzt hatten sie noch nie über solche Dinge gesprochen. So vieles wartete dort draußen in den kommenden Jahren auf sie, so viele Entdeckungen. So viel Freude.

Natürlich hatte sie nein gesagt. Was denn auch sonst?

Ich will kein Teil davon sein. Das bin ich nicht.

Doch Milliarden wollten es sein. Und sie würden nicht lockerlassen.

Aber sie werden niemals erfahren, wo ich bin. Ich werde nie wieder mit dem Skylord sprechen.

Das war die Entscheidung, zu der sie gelangt war, als draußen die Morgenröte am Himmel erschien. Sie war elendig müde, und sie fror. Auf ihren Wangen schimmerten die getrockneten Tränen, die sie geweint hatte während der einsamen Stunden, in denen der sanfte Regen gegen ihr Fenster geprasselt war. Doch jetzt wusste sie, was sie zu tun hatte. Und sie würde sich von niemandem darin beirren lassen.

Auf dem großen Bett neben ihr lag der blonde Teenager-Mr-Bovey mit leicht gerunzelter Stirn auf dem Rücken, seine Mundwinkel zuckten, als hätte er einen unerfreulichen Traum.

Nicht so schlimm wie meiner, sagte sie in Gedanken zu ihm. Auch er würde es niemals erfahren, beschloss sie, die Last wäre zu viel für ihn. Es wird vorbeigehen. Irgendwann. Ich werde es aushalten und überstehen.

Araminta beugte sich zu ihm herüber und küsste den jugendlichen Körper. Sacht zuerst. Die Stirn. Die Wange. Seinen Mund.

Er bewegte sich. Das Stirnrunzeln verschwand. Sie lächelte und küsste seinen Hals. Ihre Hände streichelten seine geschmeidige Brustmuskulatur, während das Melange-Programm aus ihren Lakunen aufstieg. Langsam und bewusst atmete sie tief ein und aus, folgte ihrem eigenen unergründlichen Rhythmus, um zu der Gelassenheit zu finden, nach der sie suchte, und spürte schließlich, wie sich ihre dahinrasenden Gedanken beruhigten. Jetzt konnte sie sich völlig auf den Körper, der neben ihr lag, konzentrieren.

Die ganze Stunde lang, die nun folgte, gab es weder Ablenkung noch fremden Gedanken noch Zweifel. Es tat so gut, Skylords und Zweite Träumer und Living Dream zu vergessen und sie einzutauschen gegen guten, schmutzigen menschlichen Sex.

»Verzeih mir, vor allem nach einem Morgen wie diesem, aber du siehst irgendwie nicht so gut aus«, sagte Mr Bovey.

Araminta nickte widerwillig, während sie endgültig aus der großen Badewanne stieg. Es war solch ein Luxus, einfach in mit ätherischen Ölen versetztem, wohlriechendem Wasser zu liegen, anstatt mal eben unter die Sporendusche zu springen. Etwas, das ihr armer Körper verdiente. »Deine Schuld«, neckte sie ihn. Allerdings gelang es ihr nicht, die nötige Emphase in ihre Worte zu legen. Mit der Verlässlichkeit von Ebbe und Flut drifteten ihre Gedanken zurück zu den Offenbarungen der gestrigen Nacht.

Es war der junge, keltische Bovey, der ihr ein riesiges Handtuch reichte. »Alles in Ordnung mit dir? Du überlegst es dir doch nicht etwa noch anders?«

»Ozzie, nein! Dies ist vermutlich die einzig wirklich gute Entscheidung, die ich jemals getroffen hab.«

Er lächelte stolz, konnte jedoch nicht ganz seine Unruhe verbergen. »Du wirkst … bekümmert. Ich mach mir Sorgen.«

Sie begann, sich die Beine abzutrocknen. »Es war eine schwere Woche. Ich bin okay, hab einfach nicht gut geschlafen, das ist alles. Ich nehme irgendeinen Muntermacher, wenn ich nach Hause komme.«

»Nach Hause?« Er legte die Stirn in Falten.

»Ich hab immer noch die Apartments fertig zu machen. Du weißt genauso gut wie ich, dass ich das Geld brauche.«

»Ja, genau.« Er kratzte sich am Kopf, machte einen einigermaßen ratlosen Eindruck. Araminta war das nicht gewohnt. Wann immer ein ernsthaftes Gespräch mit Mr Bovey anstand, zog er es vor, seinen dunkelhäutigen Körper mittleren Alters dafür zu benutzen, den, mit dem sie ihre erste Verabredung gehabt hatte und der viel von einer Vaterfigur an sich hatte. Sie hatte niemals herausgefunden, ob er diesen Eindruck mit Absicht hatte hervorrufen wollte.

»Hör zu«, sagte er. »Ich hasse es, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein, aber offensichtlich hast du heute Morgen noch nicht auf die Unisphäre zugegriffen.«

Allein die Art, wie er es sagte, ließ ihr das Herz sinken. Bevor sie am vergangenen Abend ins Bett gegangen waren, hatte sie ihren U-Shadow angewiesen, jeden Unisphärenkontakt zu unterbrechen; jetzt verband er sie wieder und begann, die wichtigsten Neuigkeiten zu extrahieren. »Grundgütiger Ozzie«, keuchte sie. Es war alles da. Die Invasion durch Ellezelins Streitkräfte unten bei den Docks. Paramilitärische Truppen, die in die Stadt vorrückten. Große Kapseln, die im Luftraum patrouillierten und jeglichen Zivilverkehr anhielten.

Als sie zum Fenster hinübereilte, konnte sie mehrere der Kapseln träge über dem Cairns River schwebend erkennen, heimtückisch schwarze Ovoide vor den graudunklen Wolken des heranbrechenden Tages. Colwyns Wetterschutz-Kraftfeld war aktiviert und spannte sich über die komplette Stadt. Doch es war kein Unwetter, das die Eindringlinge interessierte, ihre Absicht war es, jedwede Kapsel daran zu hindern, die Stadt zu verlassen.

Und schlimmer, viel schlimmer noch: Die Nachricht von Sektionsleiter Trachtenberg auf Centurion Station über die Leere begann sich zu verbreiten. Eine »Expansionsphase« nannten es die Kommentatoren. Und gleichermaßen stand für sie zweifelsfrei fest, dass dies die Schuld des Zweiten Träumers war, der den Skylord so brüsk zurückgewiesen hatte. Das konnte unmöglich ein Zufall sein – diese Worte hallten unablässig in ihrem Kopf wider. Eine Floskel, die in aller Munde war.

»Ich kann hier nicht bleiben«, stöhnte Araminta.

»Machst du Witze? Da draußen ist die Hölle los. Sie kontrollieren die Berichterstattung, aber glaub mir, unsere Mitbürger nehmen die Sache nicht auf die leichte Schulter. Es hat bereits mehrere Zusammenstöße gegeben, und dabei ist noch nicht einmal Frühstückszeit.«

Sie sind wegen mir hier, wurde ihr klar. Eine ganze Welt okkupiert, kontrolliert, vergewaltigt allein wegen mir. Ozzie, vergib mir.

»Ich geh einfach auf kürzestem Wege nach Hause«, meinte sie störrisch. »Ich muss zu den Apartments. Sie sind alles, was ich habe, das verstehst du doch, oder?« Sie kam sich schäbig dabei vor, jetzt die emotionale Keule zu schwingen, aber sie wollte einfach nur weg von ihm. Dabei war das völlig falsch. Dies war immerhin der Mensch, den sie zu heiraten vorhatte. Wenn sie ihm nicht vertraute, wem dann? Und doch konnte sie es bei etwas von dieser Größenordnung einfach nicht riskieren, ihm zu vertrauen. Er hatte beschlossen, ein Mädchen zu ehelichen, das im Begriff stand, es zu einer ordentlichen Bauunternehmerin zu bringen, nicht zu einer wandelnden galaktischen Katastrophe.

»Natürlich verstehe ich das«, erwiderte er widerstrebend. »Aber sie haben den gesamten Kapselverkehr eingestellt. Etwa die Hälfte meiner Ichs steckt irgendwo in der Stadt fest.«

Araminta begann sich anzuziehen. Ein ganzer Wandschrank in dem Badezimmer gehörte ihr, also konnte sie praktischerweise in ihre dunkle Jeans und einen blauen Pulli schlüpfen. »Mein Trikepod steht in der Garage. Ich hab ihn vor ein paar Wochen da abgestellt.« Rasch checkte ihr U-Shadow die Reisebeschränkungen in Colwyn City. Das Verkehrsleitungsnetz hatte mit Rückendeckung durch die Stadtverwaltung und die Viotia Federal Transport Agency ein Totalverbot für sämtliche zivilen Luftfahrzeuge erlassen. Bodenverkehrsmittel hingegen waren innerhalb der Stadtbezirke noch immer erlaubt, allerdings unter der dringenden Empfehlung, sie nur für die allernotwendigsten Fahrten zu benutzen. Eine Unmenge von Links führte zu den offiziellen Regierungserklärungen, in denen Viotia den Beitritt in die Freihandelszone mit dem Rang eines Kernplaneten bekanntgab. Auch versprach man, dass nach einer kurzen Übergangszeit alles wieder seinen normalen Gang nehmen und ein starkes Wirtschaftswachstum einsetzen würde, das für jedermann einen immensen Aufschwung mit sich brächte. Augenblicklich musste Araminta an Liken und seine großen Pläne für die Freihandelszone denken, doch sie verbannte diese Gedanken sofort.

»Lass ein paar meiner Ichs gehen«, schlug Mr Bovey vor. »Ich kann für dich nach dem Rechten sehen.«

»Ich werde unser gemeinsames Leben nicht damit beginnen, dass ich mich von dir abhängig mache«, sagte sie und hasste sich im gleichen Moment dafür.

Er sah nun sogar noch unglücklicher aus. »Na schön. Bei Ozzie, du bist wirklich stur.«

»Nennen wir es lieber beharrlich und freuen uns darüber, wie gut dir genau das im Bett immer gefällt.«

»Ozzie stehe den Paramilitärs bei, sollten sie dir in die Quere kommen.« Doch sein verständnisvolles Lächeln kam nicht von ganzem Herzen. »Ich nehme nicht an, dass dich eins meiner Ichs begleiten soll?«

»Hast du ein Bodenfahrzeug?«, fragte sie zurück.

»Nein.«

»Du bist wirklich süß. Willst du mich immer noch heiraten?«

»Ja.«

»Auch wenn es dann noch mehr von meiner Sorte gibt?«

»Pass bloß auf.«

Es versammelte sich gleich eine ganze Mannschaft seiner Ichs, um ihr hinterherzuwinken, als sie auf ihr Trikepod kletterte. Überrascht stellte sie fest, dass die Energiezelle immer noch halb aufgeladen war. All seine vertrauten Gesichter zeigten den gleichen kummervollen Ausdruck, als sie sorglos zurückwinkte. Dann fuhr sie los, steuerte den schmalen Schotterweg hinunter, der die Außenanlagen durchschnitt und auf die Straße hinausführte. Es gab einen Moment, als sie gerade an dem letzten seiner Ichs vorbei war, da dachte sie, sie würde einknicken und zu ihm umkehren und alles gestehen. Ein Moment, gepaart mit der plötzlichen Angst, ihn nie wiederzusehen, und dem Gefühl, dass, egal, wie entschlossen sie auch sein mochte, diese Sache eine Nummer zu groß für sie war.

Wenn es wirklich so ist, dann kann ich ihn erst recht nicht mit hineinziehen.

Also steuerte sie ihr Trike ruhig und stur geradeaus und durchquerte den Garten, der immer noch vom Regen der letzten Nacht glitzerte. Das alte Eisentor am Ende des Schotterwegs quietschte, als seine Aktuatoren es für sie aufschwingen ließen. Dann war sie draußen auf der verlassenen Straße. Eine Allee, von hohen Lackfolbäumen gesäumt, deren rotgrüne Blätter in der sanften Brise zitterten, die unter der Kraftfeldkuppel der Stadt verlief.

Der schlimmste Teil der Fahrt war die Überquerung der einbogigen Norduferbrücke. Angesichts der großen Kapseln, die zu beiden Seiten der Brücke durch die Luft glitten, kam sie sich vor wie auf dem Präsentierteller. Es war absonderlich, die Stadt ohne den üblichen umherschwirrenden Kapselverkehr zu sehen, es wirkte, als wäre die Metropole irgendwie verletzt worden. Die Menschen, die sich auf der Brücke befanden, schienen dieses Gefühl zu teilen. Viele Einwohner hatten beschlossen, zu Fuß zur Arbeit zu gehen, um durch ihr starrköpfiges Beharren darauf, so gut es ging, ihren normalen Alltag fortzusetzen, ihren Trotz zum Ausdruck zu bringen. Nach wie vor summten öffentliche Verkehrskabinen die zentralen Gleisführungen entlang, vollgestopft mit Pendlern. Auch erstaunte es sie, wie viele Menschen ein Trikepod besaßen; offensichtlich hatten die meisten es einfach seit Jahren nicht mehr aus der Garage geholt.

Als sie den Apex der langen Brücke hinter sich gelassen hatte, gestattete es sich Araminta, in das lokale Gaiafield einzutauchen. Sogleich wurde sie von den schrillen Emotionen ihrer Mitbürger empfangen, der Erbitterung und der Wut, die sie ausstrahlten und mit denen sie sich einander bestätigten. Es war wie eine Art Familienbande, wenngleich sie es auch nicht wagte, irgendeines ihrer eigenen Gefühle durchsickern zu lassen. Nicht, so lange es Leute wie Danal gab, die sich in die Konfluenznester gruben und versuchten, irgendeinen Hinweis auf ihre Gedanken, ihren Aufenthaltsort, ihre Identität zu ermitteln. Und was für eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet einer ihrer Häscher ein Apartment von ihr kaufte, ja, im Grunde Tür an Tür mit seinem Opfer lebte und nichts davon ahnte. Sie fragte sich, ob er wohl imstande war, ihre Schuldgefühle zu wittern.

Vor sich konnte sie drei Kapseln über dem anderen Brückenende schweben sehen. Dutzende der uniformierten Paramilitärs waren dort positioniert und überprüften jeden, der hinüberkam. Beinahe hätte sie hier und jetzt kehrtgemacht, doch damit hätte sie nur die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Natürlich überwachten die Kontrolleure die Brücke auf genau so eine Reaktion hin, dessen war sie sich gewiss. Also fuhr sie tapfer weiter und fragte sich, was ihre Vorfahrin Mellanie wohl an ihrer Stelle tun würde: sie, die Araminta und ihrem einfachen Leben das alles eingebrockt hatte. War sie eine Art toughe Regierungsagentin, eine Kriegsheldin gewesen? Und wieso war sie ein Freund der Silfen? Araminta beschloss, als erstes etwas über die Frau zu recherchieren, deren Schuld dies alles war, wenn sie erst wieder bei den Apartments angekommen war,.

In einschüchternden Reihen standen die Paramilitärs mit ihren langen Gewehren vor der Brust einfach nur da, während alle, die über die Brücke kamen, an ihnen vorbeifuhren oder -gingen. Der Unisphärennodus am Ende der Brücke fragte die U-Shadows ab. Araminta übermittelte ihren Identitätsnachweis, schaute nervös auf die massigen Gestalten und fragte sich, wie wohl ihre Gesichter aussehen mochten. Sie teilten absolut nichts mit dem Gaiafield, was seltsam war, da doch jeder, der zu Living Dream gehörte, ganz sicher Gaiamotes besaß. Waren sie nervös? Sie mussten sich dessen bewusst sein, dass ein ganzer Planet sie hasste.

Welchen Smartcore die Living-Dream-Streitkräfte auch immer benutzten, um den Zweiten Träumer zu identifizieren, er schien jedenfalls nicht übermäßig interessiert an Araminta zu sein. Keiner der Soldaten schenkte ihr irgendeine Art von Beachtung, als das Trike an ihnen vorbeitrudelte. Direkt auf der anderen Seite des Checkpoints hatte sich eine Gruppe Jugendlicher zusammengeschart. Rufe hallten durch die kaltfeuchte Luft, adressiert an die Paramilitärs. Verschiedene Baustellenbots watschelten und rollten in Richtung der finsteren Reihen, wedelten drohend mit Elektrowerkzeugen und spulten Schadprogramme mit Streuwirkung ab, mit denen sie die Cybersphären-Nodi störten und blockierten.

Araminta war gerade hundert Meter die Gathano Avenue heruntergefahren, da beschloss der Befehlshaber des paramilitärischen Trupps schließlich, Maßnahmen gegen die Verspottungen und die streitlustigen Bots zu ergreifen. Die Rufe nahmen an Wut und Lautstärke ab, und in den Pausen war das unangenehm hohe Summen auf die Bots gerichteter Energiewaffen zu hören. Als von oben auch noch zwei Kapseln zur Verstärkung eintrafen, beschleunigte Araminta ihr Tempo. Das Letzte, was sie brauchen konnte, war in Gewahrsam genommen zu werden.

Als sie vierzig Minuten später bei ihren Apartments im Bodant District ankam, hatte die Zahl der Menschen, die draußen im Park herumliefen, etwas geradezu Beunruhigendes. Natürlich war sie voreingenommen, aber für sie hatten die meisten von ihnen etwas von diesen Gangmitgliedern, von denen die Unisphären-News immer behaupteten, sie hätten den benachbarten Helie District fest im Würgegriff. Als sie es zuließ, deren Gaiafield-Emissionen zu erfassen, fand sie eine Atmosphäre düsterer Feindseligkeit vor, die im Park umherwirbelte, beängstigender noch als die Aufgebrachtheit der Pendler. Hier war Vorsatz im Spiel, Gewalt nicht mehr so weit entfernt.

Sie lenkte das Trike hinab in die Tiefgarage, dankbar für die doppelte Torsicherung. Dann nahm sie den Aufzug nach oben. Als sich im vierten Stock die Türen öffneten, betete sie, dass Danal und Mareble entweder nicht zu Hause waren oder sie zumindest nicht durch den Hausflur kommen hörten – wie gut hatte sie eigentlich die Schallisolierung gemacht? Die beiden Living-Dream-Jünger waren erst vor zwei Tagen eingezogen, hatten erklärt, dass sie nicht länger auf den offiziellen Fertigstellungstermin warten konnten. Das bedeutete für Araminta selbst noch einen Haufen Arbeit, die sie für die beiden erledigen musste, bevor der volle Kaufpreis auf ihr Konto überwiesen wurde. Nicht heute!

Die Tür des Apartments, das sie selbst benutzte, schloss sich hinter ihr, und sie presste sich mit dem Rücken dagegen, als traue sie dem zauberhaft antiquierten Messingriegel nicht über den Weg. Bekümmert stieß sie die Luft aus und glitt dann langsam auf den Parkettboden hinab.

Ich könnte einfach hierbleiben. Ich muss ja nicht raus. Ich könnte Nährflüssigkeit in die Kücheneinheit pumpen. Ich kann weiterwerkeln und die Arbeiten an den letzten beiden Apartments beenden. Wenn ich damit fertig bin, ist das ganze Theater sicher vorbei.

Abgesehen von der Expansionsphase der Leere. Aber darum kümmern sich schon die Raiel, jedenfalls behaupten sie das unablässig in den Unisphären-Shows.

Es war eine erbärmliche Illusion, das wusste sie.

Dreißig Minuten später rief Cressida an. Allein das Erscheinen ihres Icons besserte Aramintas Laune ohne Ende. Wenn irgendjemand wusste, was zu tun war, dann war es Cressida. Und vielleicht, nur vielleicht, konnte sie ihrer Cousine von ihrer heimlichen Existenz als Zweiter Träumer erzählen.

»Schätzchen, wie geht’s dir? Wo steckst du?«

»Mir geht’s gut, danke. Ich bin bei den Apartments.«

»Oh. Ich dachte, du wärst bei Mr Bovey.«

»War ich auch. Bin erst heute Morgen nach Hause gekommen.«

»Du bist allein durch die Stadt?«

»Klar. Ging ohne Probleme. Ich hab mein Trikepod benutzt.«

»Grundgütiger Ozzie, das war ziemlich unvernünftig von dir, Schätzchen. Mach so was nie wieder, hast du verstanden? Ich meine das ernst. Das Leben hier fängt langsam an, ziemlich unschön zu werden. Ich hab mit meinen Kontakten in der City Hall und bei der Landesregierung gesprochen. Diese Living-Dream-Schweine werden nicht wieder nach Hause gehen. Viotia ist sozusagen königlich gefickt worden von unserer Premierministerin Madame Kacke-im-Hirn.«

»Ja, ich weiß«, sagte sie schwach.

»Und der übelste Ort, an dem sich jemand derzeit aufhalten kann, ist Colwyn City. Sie glauben, dass dieser Schwachkopf von Zweitem Träumer hier lebt. Und es gibt keine Möglichkeit für ihn, zu entkommen. Sie haben dadurch, dass sie bei uns einmarschiert sind, so ziemlich jeden einzelnen Artikel der Commonwealth-Verfassung verletzt; da werden sie jetzt nicht einfach damit aufhören. Weißt du, wen sie geschickt haben, um die Suche zu beaufsichtigen?«

»Nein.«

»Na ja, erzähl’s niemandem, aber Kleriker Phelim höchstselbst ist durchs Wurmloch gekommen, um das Kommando zu übernehmen.«

»Wer ist das?«

»Oh, Schätzchen, mach nur so weiter! Er ist Ethans Generalstabschef, der Vollstrecker persönlich. Ein größeres Arschloch wirst du kaum finden, und da schließe ich deinen alten Spezi Likan ausdrücklich mit ein.«

»Gütiger Ozzie.« Araminta zog die Knie an und umschlang fest ihre Beine.

»Sorry, Schätzchen, ich wollte dir keine übertriebene Angst machen. Wir kommen damit schon klar, natürlich. Was der eigentliche Grund ist, weshalb ich anrufe. Es gibt einen Weg nach draußen, falls du interessiert bist.«

»Was für ein Weg nach draußen? Die Wetterkuppel ist aktiviert, es kommt niemand raus.«

»Ha, die hält nur Kapseln ab. Schließlich ist das verdammte Ding nur da, um uns vor Wind und Wolken zu schützen, nicht um Kriegsschiffe des Ocisen-Empires oder die Leerenbegrenzung abzuwehren. Tatsächlich gibt es eine große Lücke, gut zwanzig Meter jedenfalls, zwischen der Unterkante der Kuppel und dem Boden, um den Luftdurchfluss zu ermöglichen. Ohne die wären wir alle binnen einer Woche erstickt.«

»Also können wir da durch?«

»Wir können an dieser Stelle nach draußen spazieren, solange sie das Schlupfloch nicht mit ihren Truppen dichtmachen, ja. Und selbst dann sind noch mehrere Tunnel verfügbar, vorausgesetzt, man kennt die richtigen Leute. Wie auch immer, worauf ich hinauswill, ist, dass ein paar Freunde und ich ein Raumschiff gechartert haben. Wir hauen für immer von hier ab, nicht nur aus Colwyn, sondern von Viotia selbst. Ein Platz ist für dich, wenn du willst. Ich hab den Daumen drauf. Im Rahmen der Blockreservierung für unsere Familie.«

»Ähm … aber Mr Bovey?«

»Schätzchen, du bräuchtest fünf Raumschiffe, um seine ganzen Ichs auszufliegen. Sei realistisch. Und sei vernünftig. In Zeiten wie diesen musst du an deinen eigenen Arsch denken.«

»Aber sie lassen doch niemanden die Stadt verlassen, ganz zu schweigen vom Planeten.«

»Überlass das nur uns. Jeder, der glaubt, dass es sich bei Living Dream um eine unaufhaltsame Macht handelt, hat offensichtlich die Rechtsanwälte vergessen. Wir chartern ein sich in außerplanetarem Besitz befindliches Schiff mit vollem diplomatischem Status. Falls Phelim das in irgendeiner Form zu behindern versucht, wird er eher, als ihm lieb ist, in die Disruptorkanone eines Kriegsschiffs der Commonwealth-Navy starren. Mal sehen, wer dann zuerst blinzelt.«

»Ich verstehe.«

»Also, bist du dabei oder nicht?«

»Ich … ich weiß nicht.«

»Eine Sache noch, Schätzchen, die ich vielleicht zur Sprache bringen sollte. Es wird nicht ganz billig. Wie läuft’s mit dem Verkauf der Apartments?«

»Oh. Nicht so gut. Ich hab immer noch keine Anzahlung für die beiden letzten, und mit den anderen bin ich durch sowieso noch nicht fertig. Im Augenblick kauft kein Mensch irgendwas.«

»Ja, das ist ein Problem. Du hast also keinen Dummen gefunden, an den du sie, wie ich dir gesagt habe, abstoßen kannst? Na, egal. Man sollte niemals den Markt unterschätzen, wenn’s darum geht, wie sich aus irgendwelchen Ereignissen Profit schlagen lässt. Schon morgen werden die Spekulanten der Externen Welten Viotias Bewohnern bares Geld für ihre Firmen und Immobilien bieten; das dürfte dann zwar weit unter dem Marktpreis von gestern liegen, aber die werden in langen Zeiträumen denken. Hat Living Dream sich den Zweiten Träumer erst mal geschnappt, wird sich die Lage wieder stabilisieren. Sagen wir zwanzig Jahre, und alles hat sich wieder normalisiert, und dann sind die Immobilien fünfmal so viel wert.«

»Wenn alles wieder normal werden wird, wieso willst du dann weg?«

»So normal, wie es auf einem heiligenverrückten Freihandelszonen-Planeten zugehen kann, Schätzchen. Auf dem ich nicht beabsichtige, den Rest meines Lebens zu verbringen, nein, vielen Dank. Ich möchte in einer liberalen marktwirtschaftlichen Demokratie leben, in der Raum ist für alle Missverständnisse und Konflikte, die damit einhergehen. Wann immer zwischen irgendwelchen Parteien ein Streit ausbricht, sind wir Rechtsanwälte da, um zu helfen. Und helfen ist gleichbedeutend mit jeder Menge Geld. Apropos Geld: Ich hab meine Bankguthaben bereits nach Außerwelt transferiert.«

»Jetzt schon?«

»Aber sicher, Schätzchen. Die Banken dort waren ganz wild darauf, mich als Kundin zu gewinnen. Und ich war nicht einmal die Erste. Inzwischen dürfte genug Geld nach Außerwelt geflossen sein, um unserer innig geliebten Premierministerin spätestens bis zum Mittag einen ausgewachsenen ökonomischen Albtraum zu bescheren, ganz zu schweigen von morgen. Das Einzige, worum sie sich dann noch Sorgen machen muss, ist, wie schmerzvoll ihr Körperverlust wohl sein wird, nachdem ihre einstmaligen treuen Wähler sie in die Finger bekommen haben. Also – soll ich mal sehen, ob ich für dich irgendwem die Apartments andrehen kann? Ich hätte da ein paar halbintelligente Hasardeure an der Hand, die kämen unter Umständen in Frage.«

»Ähm, ja. Ja, das wär vielleicht nicht schlecht.«

»Großartig, dann werde ich also das Ticket für dich reservieren.«

»Ja. Mach das«, erwiderte Araminta, ohne nachzudenken. Sie hatte nicht die Absicht fortzugehen, aber Cressida musste erst einmal beschwichtigt werden, und jede andere Antwort wäre ohnehin nur verdächtig. Lang hab ich ja nicht gebraucht, um zu einer paranoiden Intrigantin zu werden, mein lieber Mann.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte Cressida. »In zehn Tagen sitzen wir auf der Pool-Terrasse vom La Cinal auf Etinna und schlürfen Cocktails. Wir werden viel Spaß haben, es wird ein ganz neuer Anfang.«

Das Gespräch endete, und Araminta starrte leicht benommen auf das halbrenovierte offene Wohnzimmer. Sie konnte nicht fassen, mit welcher Leichtigkeit selbst eine Frau wie Cressida bereit war, ihr ganzes Leben hinter sich zu lassen. Andererseits war Cressida genau das – jemand, der schneller und cleverer dachte als irgendwer sonst. Wahrscheinlich hatte sie die Stadien aus Schock, Wut, Bewertung, Kalkulation und aktivem Handeln innerhalb der ersten Stunde durchlaufen; während Araminta noch immer in der Schockphase steckte. Jedenfalls hatte sie definitiv noch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, wie das Leben auf Viotia sein würde, wenn die Dinge sich erst einmal beruhigt hatten. Und Cressida hatte recht, sie würden von nun an für immer Teil der Freihandelszone sein. Es sei denn, Senat und Navy intervenierten, oder Viotias Bürger zettelten eine Revolte an.

Oder es verschlingt uns die Leere.

Wie immer die Zukunft auch aussah, in einem Punkt hatte Cressida recht: Man konnte die Sache nicht einfach aussitzen. Sie konnte nicht einfach abwarten und darauf hoffen, dass sie einer Entdeckung entging. Sie fragte sich, was es politisch wie ökonomisch wohl kosten mochte, auf einem Planeten einzumarschieren. Kleriker-Conservator Ethan und sein Handlanger Phelim würden niemals so viel riskieren und investieren, um anschließend darauf zu vertrauen, dass man schon irgendwie über den Zweiten Träumer stolperte. Nein, diese Leute hatten einen Plan. Und ganz gewiss war es ein guter.

Araminta zwang sich aufzustehen. Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte, aber nichts zu tun war auch keine Lösung.

Es dauerte zwei Stunden, und eine Auszeit in der Medi-Kammer des Schiffs, doch schließlich hörte Troblum auf zu zittern. Als er wieder herauskam, schaffte er es gerade, die wenigen Meter von der Kammer bis zu seinem großen Sessel zurückzulegen. Erschöpft ließ er sich in die Polster fallen, und er fürchtete, es würde ihn jeden Moment von Neuem schütteln. Die Gesundheitsanzeige in seiner Exosicht führte ihm lediglich vor Augen, wie viele Medikamente derzeit durch seine Blutbahnen strömten und im Verein mit seinen Biononics daran arbeiteten, die kreatürlichen Reaktionen seines Körpers zu unterdrücken. Er hatte eine Höllenangst ausgestanden.

Außerdem war er ziemlich überrascht, dass er noch lebte. Alles, woran er sich im Hinblick auf den Neutronenlaserschuss erinnerte, war ein greller Blitz und ein Getöse, so dröhnend, dass er es mehr mit den Knochen als mit den Ohren wahrgenommen hatte. Seine Biononics waren immer noch damit beschäftigt, seine Netzhäute und inneren Gehörgänge zu flicken. Dass er es geschafft hatte, in die Schiffsschleuse zu torkeln, grenzte für ihn an ein Wunder; der Smartcore hatte ihm Anweisungen gegeben, ihm jede einzelne Bewegung seiner Gliedmaßen souffliert.

Aber er war am Leben und beinahe intakt. Über Sensoren hatte der Smartcore verfolgt, wie sich Cats Raumschiff von der Villa entfernt hatte und dann von der Bildfläche verschwunden war. Ihr Tarnsystem war mindestens so gut wie seines, wenn nicht besser. Er hatte jedoch nicht herauszufinden versucht, wie gut Paulas Schiff war, hatte stattdessen seine eigene Tarnung aktiviert und war in den Hyperraum gesprungen. Nun hockte er hier, zehn Lichtjahre vor Sholapur, im transdimensionalen Stand-by.

»Du hast ganz schön Schwein gehabt«, sagte Catriona Saleeb.

»Ich weiß.« Er schaute auf das einzige Objekt, das von seiner Sammlung übrig geblieben war: Mellanie Rescorais Handheld-Array, das noch immer dort auf dem Decksboden lag, wo er es fallen gelassen hatte. Die Foxory-Verschalung war an den Rändern geschwärzt, der Umriss seiner Hand deutlich zu erkennen. Er schloss die Augen und wandte sich ab, achtete darauf, dass er zur Decke blickte, als er seine Lider wieder öffnete. Alles, alles war dahin. Seine gesamte Sammlung. Vernichtet durch seine eigene Hand. Jedes einzigartige, unersetzliche Stück. Es war, als wäre die Geschichte selbst entkräftet worden.

»Ein zweites Mal hast du das bestimmt nicht«, sagte Trish Halgarth, sich eine Haarsträhne Catronias um den Zeigefinger wickelnd, während sie sich an ihre Freundin schmiegte. »Es wundert mich, dass Cat dich nicht erledigt hat.«

»Mich nicht«, sagte Catriona. »Sie wird dich verfolgen, Troblum. Irgendwann kriegt sie dich. Und dann bist du dran. Wahrscheinlich wird dein Todeskampf Jahre dauern.«

»Halt die Klappe!«, brüllte er. »Sei still. Hilf mir lieber.«

»Na gut«, erwiderte Catriona. Sie kuschelte sich an Trisha. »Aber solange Cat in der Nähe ist, bist du nicht sicher.«

»Und Paula hat ihr nicht den Garaus gemacht«, sagte Trisha. »Das heißt, du hast noch genau zwei Möglichkeiten.«

»Zwei?«, fragte er nach.

»Jag sie selbst und bring den Job zu Ende.«

»Nein! Das ist keine Option. Das kann nur Paula machen. Sie ist immer noch der einzige Mensch, dem ich traue. Ich kann einfach nicht glauben, dass ANA so runtergekommen sein soll. Das würde ja voraussetzen, dass es Schwachstellen in der Unisphäre gäbe, die von einer der Fraktionen manipuliert werden könnten.«

»Denk trotzdem mal drüber nach«, sagte Catriona ernst. »Cat ist mit den Accelerators verbündet, sie geben ihr alles, was sie will; ein Schiff, Waffen, alles; und irgendwoher wusste sie, wo sie dich finden würde. Du kannst ANA nicht trauen, nicht mehr. Ich tu’s jedenfalls nicht«, fügte sie hochmütig hinzu.

»Es muss die Unisphäre sein«, sagte er, mehr zu sich selbst als zu den Mädchen. »Sie haben meine Nachricht abgefangen.«

»Was deine Position nur noch verschlechtert«, sagte Trisha. »Damit bliebe Möglichkeit zwei. Lauf! Lauf weit und lauf schnell. Wir müssen es in eine andere Galaxis schaffen. Die Mellanie’s Redemption ist dazu in der Lage. Da wärst du sicher.«

»Was, wenn Living Dream recht hat und die Leere für sie arbeitet?«, fragte er. »Was, wenn Cat hineingelangt? Was, wenn sie sie so manipulieren kann, wie es der Waterwalker tat?«

Die Mädchen wechselten einen Blick. Beide zogen eine Schnute. »Was denkst du?«, fragte Catriona.

»Ich sollte ANA warnen«, sagte Troblum. »Wenigstens Paula. Sie weiß Bescheid über The Cat. Paula dürfte klar sein, dass sie aufgehalten werden muss. Paula würde nicht lockerlassen.«

»Dann ruf sie an, und lass uns verschwinden«, sagte Catriona.

Troblum konnte nicht anders, aber sein Blick fiel schon wieder auf Mellanies Array. »Meine Sammlung … wegen ihr ist meine Sammlung vernichtet. Dieser Verlust.« Allein bei dem Gedanken drohte sein Körper erneut in einen Schockzustand zurückzufallen. Die Gesundheitsanzeigen stiegen wieder bis zu orangefarbenem Warnblinken an. »Sie war alles, was ich je hatte«, jammerte er. Er kauerte sich zusammen, so tief er konnte, sein Bauch quoll über seinen Oberschenkeln hervor. »Ich hab Jahrhunderte gebraucht, die Sachen zusammenzutragen. Sie waren sicher bei mir, ich war ihr Beschützer«, schluchzte er so heftig, dass die Worte nahezu unverständlich waren. »Sie waren so kostbar … so unermesslich wertvoll. Sie haben dazu beigetragen, aus uns das zu machen, was wir sind; waren Teil unserer Evolution. Warum nur hat nie jemand begriffen, wie wichtig sie waren?«

»Troblum«, gurrte Trisha. »Armer Troblum.«

»Es gibt noch andere Stücke«, tröstete ihn Catriona. »Erinner dich daran, wie du das Smithsonian besucht hast. Die Kuratorin war so beeindruckt von deiner Konservierungsarbeit, dass sie dich tatsächlich die Charybdis hat berühren lassen. Sie hat sofort erkannt, dass du ihnen ebenbürtig bist. Du siehst also, es ist noch so vieles erhalten. Und ihr Vermächtnis währt ewig.«

»Nicht, solange sie noch am Leben ist«, murmelte er düster. Er wischte sich die Tränen aus den Augen. »Sie ist die Zerstörung selbst. Sie ist der Tod. Sie ist die Leere. Sie.«

»Ruf Paula an«, drängte ihn Trisha. »Mach schon.«

»Ich muss es wissen«, flüsterte er. »Ich muss wissen, ob wir vor ihr sicher sind. Dass sie endgültig tot ist. Ich kann nicht leben mit dem Gedanken, dass sie jeden Augenblick hinter mir auftauchen könnte. Dass sie mich schnappt und … Und …«

Catronia seufzte. »Das kannst du nie wissen.«

»Doch, ich kann.« Er stemmte sich aus dem Sessel hoch und ging in den hinteren Teil der Kabine. Ein schmaler Durchgang öffnete sich, und er zwängte sich hindurch. Dahinter gab ein nicht minder schmaler Niedergang den Weg in den mittleren Steuerbordladeraum frei. Es war dort nicht genug Platz für ihn, um zu stehen, und er musste sich ducken und die Schultern einziehen. Egal, wie er sich drehte und wendete, immer streifte sein verschlissener Togaanzug über die gestohlene Fracht. Der kleine Raum war vollgestopft mit Maschinen, wahllos aufeinandergestapelt wie der Schatz eines kybernetischen Drachen. Eintausenddreihundertzweiundsiebzig Komponenten, wie sich Troblum erinnerte. Er runzelte die Stirn und hob die erstbeste auf. Ein Hyperfeld-Energieverteiler, eine gewölbte Scheibe aus irgendeiner Substanz, die zwischen Kristallsein und Metallsein zu schwanken schien. Zwar wusste er, was jede einzelne Komponente darstellte, aber es herrschte nicht ein Hauch von System in all den Stapeln; jedes Teil war, wie es kam, einfach in den Raum geschoben worden, nachdem seine requirierten Bots es aus den Replikatoren der Accelerator-Station stibitzt hatten.

Es ging also darum, das Ganze wieder zusammenzusetzen, angefangen bei den Haupteinheiten, und nach und nach und in der richtigen Reihenfolge die neue Maschine zu erschaffen. Die musste er dann nur noch in den vorhandenen Hyperantrieb des Schiffs integrieren, und, voilà, schon hatte er ein funktionierendes Ultra-Antriebsschiff, mit dem er bis nach Andromeda und weiter fliegen konnte.

»Und du glaubst wirklich, du kriegst das hin?«, fragte Catriona. Ihr Kopf ragte durch die Luke; auf ihrem Gesicht lag ein ziemlich skeptischer Ausdruck.

»Er wird funktionieren«, erwiderte Troblum. »Theoretisch.« Tatsächlich konnte er die Haupteinheiten von seinem Standort nicht einmal sehen.

»Und dann?«

»Dann hätten wir einen waschechten Fluchtweg. Aber ich muss immer noch Paula kontaktieren.«

»Über die Unisphäre?«

»Nein. Dazu hab ich zu viel Respekt vor der Tüchtigkeit der Accelerators. Immerhin haben sie mir Cat auf den Hals gehetzt. Das nächste Mal wird es Marius sein, oder irgendjemand anders, der meint, mit mir noch eine Rechnung offen zu haben.«

»Und wie gedenkst du dann, zu ihr Kontakt aufzunehmen?«

Troblum hob ein carbonschwarzes Ikosaeder auf, versuchte es zu indexieren. »Es gibt noch einen weiteren Menschen, dem ich vorbehaltlos vertraue. Er steht mit Paula in Verbindung, zumindest war es so, damals während des Krieges. Ich werde ihm alles, was ich über die Accelerators weiß, erzählen. Er kann die Nachricht an Paula überbringen. Vielleicht wird ANA, wenn man dort erst mal über den Schwarm Bescheid weiß, die Accelerators stoppen. Cat wird dann auf sich allein gestellt sein. Und das ist der Moment, in dem Paula sie erledigen kann.«

»Wem?«, fragte Catriona. »Wem vertraust du noch?«

»Oscar dem Märtyrer.«

Inigos achter Traum

Edeard erwachte durch das Wunder sanfter Finger, die seinen Bauch streichelten.

Es war ein herrliches Gefühl, passend zu der warmen, weichen Matratze, der Berührung frischer Baumwolllaken, dem verblassenden Blütenduft von Jessiles Parfüm. Er lächelte, die Augen noch immer geschlossen, und hieß den neuen Tag mit einem seligen Seufzen willkommen.

Ein Kuss fiel auf seine Wange. Ihre Nase liebkoste sein Ohr. Sein Lächeln wurde breiter, und die besitzergreifende Hand glitt über seine Haut, am Bauchnabel vorbei und weiter nach unten. Jessile kicherte.

»Na, das nenn ich mal einen Aufgang, um den Morgen zu begrüßen«, säuselte sie lüstern.

Das andere Mädchen begann ebenfalls zu kichern.

Edeards Augen klappten auf. Erinnerungen strömten zurück in sein Bewusstsein. Wie um sie zu bestätigen, lag Kristiana auf seiner anderen Seite und beobachtete ihn und Jessile mit wollüstigem Blick. Ihr hauchdünnes weißes Negligé war viel zu klein, um ihre üppigen Formen zu bändigen, auch wenn die Spitzenschleifen an der Vorderseite fest zugebunden waren. Er entsann sich, wie viel Spaß es gemacht hatte, diese Schleifen am vergangenen Abend zu öffnen.

Ein schwaches »Haaaa« war alles, was Edeard herausbekam.

»Ich zuerst«, verlangte Jessile und verschaffte ihrem Anspruch mit ihren scharfen Zähnen an seinem Ohrläppchen Geltung.

Kristiana zog einen missbilligenden Schmollmund. »Vergiss mich bloß nicht, Waterwalker.«

Edeard konnte nicht antworten. Jessiles Kuss verschloss soeben seinen Mund. Er legte seine Arme um sie, und sie glitt auf ihn. Die Erinnerungen an die letzte Nacht gewannen Textur, und ihm fiel wieder ihr Entzücken ein und wie genau er es hervorgerufen hatte. Seine Hände bewegten sich in exakt der richtigen Weise, um sie hilflos erschaudern zu machen, dann setzte er seine dritte Hand ein, einfach nur so.

In den letzten drei Wochen, während der Herbst seine Arme um Makkathran schlang, hatte Edeard gelernt, sich seine telekinetischen Kräfte im Schlafzimmer zunutze zu machen. Eine weitere Arena des Lebens, hinsichtlich der das arme alte Ashwell der kultivierten Dekadenz der Stadt weit hinterhergehinkt hatte. Aber es hatte ihm nicht an Mädchen gemangelt, die ganz versessen darauf waren, ihn in die intimsten Geheimnisse dieser dunkelsten Kunst einzuweihen. Seine Berühmtheit und Stärke hatten sich als unwiderstehlich für die ebenso schönen wie lasterhaften Töchter der feinen Gesellschaft erwiesen. Und sie genossen es, ihm ihr heimlich erworbenes Geschick zu beweisen, fast so sehr, wie es ihm gefiel, dessen Nutznießer zu sein. Edeard war sich nie ganz sicher, wer eigentlich wen verdarb.

»Ich hab noch nie ein Badebecken mit Stufen gesehen«, bemerkte Kristiana, während sie in das schaumbedeckte Wasser hinunterschritt. »Wir haben in Urgroßvaters Herrenhaus nur diese schrecklichen Holzleiterdinger, die seitlich an den Becken hängen.« Ihre Hand strich über Edeards Gesicht, als sie auf dem Sitzbrett neben ihm Platz nahm. »Das hier ist viel besser.«

»Es gibt in der Konstablerkaserne einige Becken mit Stufen wie diesen«, versicherte ihr Edeard, wohl wissend, dass sie in keines davon je hinabsteigen würde, um sich davon zu überzeugen.

»Wie ungerecht, dass du welche bekommen hast und wir nicht«, beschwerte sich Jessile. Sie machte einen Schmollmund. Jessile hatte einen sehr hübschen Schmollmund, befand Edeard. Zweifellos verschaffte der ihr so ziemlich alles, was sie wollte.

Entspannt räkelte sich Edeard zwischen den beiden Mädchen, was Bände sprach darüber, wie sehr sich sein Leben seit jenem Tag auf dem Birmingham Pool verändert hatte. An manchen Abenden hatte es in den Theatern regelrechte Kämpfe darum gegeben, wer mit ihm ins Bett gehen durfte – auch unter den sogenannten anständigen Mädchen. Er hätte niemals gedacht, was für ein Leben ein bisschen Popularität mit sich bringen würde. Und es steckte noch genug von seiner düsteren Ashwell-Erziehung in ihm, um zu wissen, dass dies nicht ewig andauern würde. Aber bis dahin …

Auf seine Anweisung hin brachte ein Ge-Schimpanse zwei Schwämme und eine Flasche Seifenöl ans Becken. »Könnt ihr mir mal den Rücken einseifen?«, fragte Edeard und beugte sich nach vorn.

Sofort griff sich jedes der Mädchen einen Schwamm. Trotz ihrer abgeschirmten Gedanken war offensichtlich, dass sie nicht Reinlichkeit im Sinn hatten, als sie ihn mit langsamen Bewegungen einzureiben begannen.

»Was machst du heute Abend?«, fragte Jessile.

»Feiern, hoffe ich«, erwiderte Edeard. Heute war der letzte Tag von Arminels Prozess; seine Verurteilung war nur noch eine Formsache. Zumindest hoffte Edeard das inständig, aber andererseits hatte er das beim letzten Mal auch gedacht. Hoch lebe der gute, alte Ashwell-Optimismus. Der Prozess war zurzeit in Makkathran das Ereignis. Vier Tage zog er sich nun schon hin, während der die gegnerischen Anwälte ihre jeweiligen Argumente vorgebracht hatten. Nur die Allervornehmsten der Stadtaristokratie schafften es, auf die öffentliche Galerie zu gelangen; alle anderen mussten mit dem vorliebnehmen, woran die Augen und Ohren des amtlichen Gerichtsschreibers sie teilhaben ließen. »Und du?«

»Mein Verlobter kehrt heute Nachmittag von seiner Patrouille zurück«, entgegnete sie. »Eustace ist Leutnant bei der Miliz. Passt auf, dass niemand die Grenzen übertritt«, fügte sie mit einer kräftigen Prise Ironie hinzu.

»Ah«, sagte Edeard. Er warf einen Blick auf ihre rechte Hand und sah ein schmales Silberband wie aus ineinander verschlungenen Reben. Ein einzelner Diamant war darin eingesetzt.

Sie beugte sich herum, um ihm ins Gesicht zu schauen. »Das macht dir doch nichts aus, oder? Du bist schließlich der Waterwalker.«

»Nein. Keine Sorge.« Er fragte sich, was das wohl für eine Art von Verlobung sein mochte; ein Gedanke, der irgendwie durch seine Abschirmung geschimmert sein musste.

»Ich bin eine drittgeborene Tochter«, erklärte Jessile mit einem liebenswürdigen Lächeln. »Wir heiraten, weil ich dann nach dreiundzwanzig Jahren endlich aus der Familienresidenz rauskomme. Und er erhält eine Mitgift, von der wir zehren können. Der arme Kerl ist der fünfte Sohn des Zweitgeborenen der Familie Norret, womit er Anspruch auf ein dickes Scheibchen Nichts hat. Papa hat mir ein Landgut in der Provinz Walton versprochen; sie sagen, es ist ein schönes, großes Haus.«

»Und das ist der Grund, weshalb du heiratest?«

»Natürlich.« Sie ließ ihren Schwamm an seinem Nacken verharren. »Ich weiß, dass mir Makkathran fehlen wird, aber ich denke, ich werde mich über kurz oder lang ans Landleben gewöhnen. Aber ich komme jede Saison in die Stadt zu Besuch.«

»Was ist mit Liebe?«, fragte er.

Beide Mädchen lächelten entzückt, ließen schmachtende Bewunderung hinter ihren eigenen, verhüllten Gedanken hervorströmen.

»Du bist so süß«, sagte Jessile. »Das ist eins von diesen Dingen mit dir. Ich kann’s so mühelos spüren. Wir alle können das. Du bist einfach endlos faszinierend. Stimmt es eigentlich, dass die Pythia, als sie dich zum ersten Mal gesehen hat, gesagt hat, du würdest mal Bürgermeister werden?«

»Was? Nein! So was hat sie nie gesagt.« Angestrengt versuchte er sich zu erinnern, was sie denn gesagt hatte.

»Ich möchte dir gern irgendwann meine Freundin Ranalee vorstellen«, meldete sich Kristiana wieder zu Wort. »Sie ist eine von den Gilmorns, der Kaufmannsfamilie. Schrecklich reich. Außerdem ist sie eine Zweitgeborene und überaus heiratsfähig. Und sie hat mir gegenüber zum Ausdruck gebracht, wie sehr sie sich freuen würde, dich kennenzulernen.«

»Äh, ja.«

Kristiana stand vor ihm auf und streifte sich mit aufreizend langsamen Bewegungen das lange, nasse Haar von den Schultern. »Und hübsch ist sie auch. Und jung, falls du dich das gerade fragst. Wenn ich euch miteinander bekanntmache, können wir ja heute Abend alle zusammen feiern, was meinst du?«

Edeard schnappte nach Luft.

Boyd wartete draußen vor Edeards Maisonette. Er trug einen langen, fellgefütterten Mantel über seiner feschesten Uniform. Ein schmutziger Regen nieselte aus einem bewölkten Himmel und nässte sein Haar. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, hielt jedoch jäh inne, als er Kristiana und Jessile hinter Edeard auftauchen sah. Die Mädchen waren in weite Wollumhänge gehüllt, wie sie gerade modern waren. Sie verbargen so gerade eben ihre Theaterkleider vor etwaigen tadelnden Blicken.

»Meine Damen«, sagte Edeard höflich zum Abschied.

Beide lächelten geziert und gestatteten ihm, sie auf die Wange zu küssen.

»Denk dran«, sagte Kristiana. »Heute Abend. Ich und Ranalee.«

Ehrfurchtsvoll starrte Boyd auf die Mädchen, wie sie über den Laufgang in Richtung Treppe enteilten. Nach ein paar Schritten fingen sie an zu kichern, hakten sich gegenseitig unter und steckten tuschelnd die Köpfe zusammen.

»Das Alrado-Theater im Zelda-Distrikt«, warf Kristiana ihm noch über Longtalk zu.

»Ich werde da sein«, versprach Edeard und sah mit glücklichem Lächeln ihren entschwindenden Kehrseiten hinterher.

»Zwei!«, rief Boyd aus, während die Mädchen die Treppe hinabtrappelten.

Edeard war sich durchaus bewusst, dass sein Lächeln angeberisch wirkte. Aber das war ihm egal.

»Herrin! Wie hast du das gemacht? Tritt zur Seite, Macsen, der neue König ist auf seinem Thron.«

»Wie war’s mit Saria?«, entgegnete Edeard. »War der letzte Abend nicht euer fünfter?«

»Der neunte, um genau zu sein.« Boyds Grinsen bekam etwas Lasterhaftes. »Sie ist eine Matran, weißt du, die sechste Tochter des nächsten Distriktmeisters in ihrem Bezirk.«

»Schön für dich«, sagte Edeard. Er fand sich immer noch nicht wirklich zurecht im Dschungel von Makkathrans Aristokratie. Obwohl er natürlich in letzter Zeit eine beträchtliche Anzahl ihrer jüngeren Mitglieder kennengelernt hatte.

»Sie hat durchblicken lassen, dass sie einer Eheschließung gegenüber nicht abgeneigt wäre. Kannst du dir das vorstellen? Ich, der Sohn eines Bäckers, heirate in die Matrans ein?«

»Ist das denn so ungewöhnlich?«

Boyd klopfte Edeard auf den Rücken. »Oh, du altes Landei!«

Edeard fragte sich, was sein Freund wohl zu einer zweitgeborenen Tochter aus dem Hause Gilmorn sagen würde. Schon von Anfang an war ihm die auffällige Besessenheit der Stadt hinsichtlich Geld und Abstammung, so als ob nichts wichtiger wäre auf der Welt, als äußerst ungesund vorgekommen. Konnte es denn nicht sein, dass Ranalee darüber hinaus eine überaus reizende Person war? Da gibt’s nur eine Möglichkeit, das rauszufinden.

Über die untere Brücke, die den Outer Circle Canal überspannte, begaben sie sich in den Majate-Distrikt. Arminels Prozess fand im Hauptsaal der Gerichtshöfe statt, dem größten Saal, den es dort gab.

Die Wände der riesigen Vorhalle waren von Bogendurchgängen durchbrochen, durch die man zu den Amtszimmern der Richter und ihren Schreibern gelangte. Eine große Menschenmenge in vornehmen Roben hatte sich bereits dort versammelt, als Edeard und Boyd eintrafen. Mit gebührendem Respekt quittierte Edeard die Blicke, die sich auf ihn richteten, während sie zu der Gruppe von Konstablern, die bei Captain Ronark stand, hinübergingen.

Er erkannte mehrere Mitglieder des Obersten Rats; Imilan, den Großmeister der Chemikergilde, Dalceen, den Distriktmeister von Fiacre, Julan, Distriktmeister von Haxpen, und Finitan natürlich, der, dem verschmitzten Grinsen nach zu schließen, das er Edeard zuwarf, zumindest aufrichtig erfreut zu sein schien, ihn zu sehen.

»Das wurde auch Zeit«, sagte Kanseen, als sie sich zu den Konstablern gesellten. »Wir wollten gerade reingehen.« Ein leiser Anflug von Argwohn sickerte durch ihren Gedankenschild. Edeard nahm an, dass das Absicht war, denn normalerweise war ihre Abschirmung sehr gut. Zwar hatte sie nie ein Wort der Missbilligung darüber verloren, dass er im Augenblick so gut bei den Mädchen ankam, aber er wusste, dass es sie beschäftigte. Auch wusste er, dass sie zahlreiche Einladungen von Söhnen vornehmer Familien bekam; obwohl das für sie wahrscheinlich eher ein Grund war, sich zu ärgern.

»Sie würden wohl kaum ohne ihn anfangen«, bemerkte Macsen.

»Ich hab meine Aussage gemacht«, sagte Edeard, die Lauterkeit selbst. »Ich müsste im Grunde gar nicht hier sein.«

Sie schnitt ihm eine Grimasse.

»Und trotzdem hat dein Ego dich hier rechtzeitig abgeliefert«, sagte Macsen mit gleichermaßen unschuldiger Miene. »Was haben wir doch für ein Glück.«

»Irgendwas von Dinlay gehört?«, fragte Edeard, Macsens Stichelei ignorierend. Er war ein wenig enttäuscht darüber, dass ihr Truppkamerad nicht bei den Gerichtshöfen erschienen war. Als sie Dinlay vor ein paar Tagen zusammen besucht hatten, hatten die Ärzte gesagt, dass er das Hospital schon bald verlassen könne. Zwar würde er für einen weiteren Monat oder so nur leichtere Tätigkeiten verrichten können, aber die Schusswunde war sehr gut verheilt.

»Bisschen viel verlangt, dass er schnurstracks hierherkommt, wo er gerade erst das Krankenbett verlassen hat«, bemerkte Captain Ronark. »Wahrscheinlich fängt er morgen wieder an.«

»Ja, Sir«, sagte Macsen.

»Aha, da kommt ja unser Hauptankläger«, vermeldete Sergeant Chae.

Meister Solarin von der Advokatengilde trat aus dem nächstliegenden Durchgang, wie immer von einigen Ge-Affen gestützt. Nach dem Debakel von Arminels letztem Prozess hatte Edeard Captain Ronark gefragt, ob die Distriktwache diesmal ihren alten Rechtsberater mit der Anklagevertretung beauftragen könne. Zu seiner Überraschung hatte sich der Captain einverstanden erklärt. Andererseits wusste jeder in der Stadt, dass Arminel und seine Vasallen für sehr, sehr schuldig befunden werden würden. Es war nur so, dass Edeard sich wesentlich wohler fühlte, wenn Solarin die Anklage vertrat. Zumindest wusste der hochbetagte Advokat, wie man einen Fall darlegte, und würde sich nicht durch irgendwelche verfahrenstechnischen Tricks der Verteidigung aufs Kreuz legen lassen.

»Wartet ihr alle auf mich?«, fragte Solarin gutgelaunt. »Wie überaus schmeichelhaft. Dann also los, ziehen wir ein letztes Mal in die Schlacht.«

Der Gerichtsdiener erschien in der großen Flügeltür, die in den Hauptsaal führte. »Es kommt zur Verhandlung der Fall Makkathran gegen Arminel, Gustape, Falor, Harri und Omasis«, verkündete er laut.

Meister Solarin begann seinen qualvoll langsamen Gang in den Hauptsaal, und alle anderen reihten sich, wie es die Tradition gebot, hinter ihm ein.

Arminels Verteidigung war erneut von Cherix übernommen worden. Er folgte den Konstablern in den Saal, in Begleitung zweier jüngerer Anwälte, die von der Tragweite des Falls anscheinend völlig unbeeindruckt waren.

»Ich wollte, den könnt ich mir leisten«, flüsterte Boyd Edeard und Kanseen zu, als sie sich zu ihren Plätzen begaben. »Ehrlich, sollte ich jemals verhaftet werden, wünsche ich mir ihn als Verteidiger.«

»Falls du verhaftest wirst, meinst du wohl«, gab Kanseen lächelnd zurück.

Edeard grinste. Aber Boyd hatte recht. Selbst bei einem Fall, der so klar auf der Hand lag wie dieser, war Cherix’ bei seiner Darstellung des Sachverhaltes brillant gewesen. Er hatte Edeards Provokation ins Feld geführt, den Hass zwischen Arminel und Edeard, die aufgebrachte Stimmung, die Panik an jenem Tag, kurz: Er hatte zu jedem Augenblick alles getan, das zu erwartende Strafmaß zu mildern.

»Sie mussten einen so guten Verteidiger haben«, sagte Chae, als der Trupp auf seinen Bänken Platz nahm. »Alles Politik. Es ist wichtig, dass der Prozess als fair wahrgenommen wird.«

Als der Saal bis auf den letzten Platz besetzt war, bat der Gerichtsdiener die Anwesenden um Ruhe. Sodann traten die drei Richter ein.

Einen Tag vor Prozessbeginn hatte Solarin ihnen gesagt, dass Owain, der Bürgermeister persönlich, die Rolle des obersten Verfahrensrichters übernehmen würde. Es kam nicht oft vor, dass der Bürgermeister zu Gericht saß, auch wenn sein Amt ihn zum obersten Vertreter der Judikative machte. Irgendwie hatte Edeard das wenig überrascht. Politik eben. Wieder einmal. Die Stadt wollte die Bandenmitglieder bestraft sehen. Und im Frühjahr waren Wahlen. Die Besonderheit des Falles lieferte Owain die perfekte Rechtfertigung, sich höchstselbst einzuschalten.

Owain und seine beiden Richterkollegen riefen den Gerichtssaal zur Ordnung und baten die beiden Ratsmitglieder um ihre Schlussplädoyers.

Mit wachsender Erregung, ja, beinahe Spannung hörte Edeard zu. Es war ein klarer Fall, das machte Solarins schonungslose Rede mehr als deutlich, in der er die mildernden Umstände, die Cherix so sorgfältig konstruiert hatte, fachmännisch demontierte. Und doch schaffte es Cherix, dass Edeard beinahe schon Mitleid empfand für Arminel, diese ohne eigenes Verschulden irregeleitete Existenz, mit schrecklicher Kindheit, von den Eltern verstoßen und auf die schiefe Bahn geraten, weil die Stadt sich nicht um ihn gekümmert hatte …

Die werden doch wohl nicht darauf hereinfallen? Als Edeard zu den Richtern hinschaute, waren deren Mienen absolut unbewegt, ihre Gedanken völlig abgeschirmt.

Im Anschluss an die Plädoyers verkündete Owain eine Pause, in der die Richter zu ihrem Urteilsspruch gelangen konnten. Edeard und die anderen fanden sich abermals draußen in der Vorhalle wieder, wo sie versuchten, ihre Gedanken und Gefühle nicht zu jemand anderem durchsickern zu lassen.

Großmeister Finitan trat zu ihnen, um sich mit ihnen zu unterhalten. »Irgendwelche Zweifel über den Ausgang?«, fragte er leise. »Ihr wirkt so kleinlaut.«

»Nein, Sir«, sagte Edeard. »Aber Cherix ist gut.«

»Das muss er auch. Der Große Rat kann es sich nicht leisten, dass man ihm Unparteilichkeit vorwirft.«

»Politik.«

»Allmählich wirst du ein richtiger Bürger Makkathrans, nicht wahr?«

»Ich tue mein Bestes, Sir.«

»Ich weiß.« Finitan zog Edeard ein Stück beiseite, fort von den anderen Konstablern. »Und denk dran: Das Angebot, das man dir, wenn der Prozess vorbei ist, unterbreiten wird, hat nichts mit deinen Fähigkeiten zu tun, es dient lediglich dem Zweck, dich zu prüfen.«

»Sir?«

»Wenn du es annimmst, zeigt das, dass du die Politik der Stadt begriffen hast, und lässt darauf schließen, dass du nach den gleichen Regeln spielst wie wir. Lehnst du es aber ab, indem du vorgibst, dessen nicht würdig zu sein, oder um deine Demut vor der Herrin zu demonstrieren oder dergleichen, dann beweist das den anderen nur, dass du ein gefährlicher Idealist bist.«

»Ja, Sir«, erwiderte Edeard verwirrt; er hatte nicht die geringste Ahnung, wovon der Großmeister sprach.

»So oder so, du hast meinen Segen. Aber es muss deine eigene Entscheidung sein. Ich möchte dich nur bitten, ganz unvoreingenommen zu erwägen, was du erreichen kannst. Denk darüber nach.«

»Das werde ich, Sir.«

Finitan klopfte Edeard auf die Schulter und ging zu dem Grüppchen von Meistern aus dem Großen Rat zurück.

»Worum ging’s?«, fragte Macsen.

»Ich hab nicht den blassesten Schimmer.«

Die drei Richter brauchten zwei Stunden, um sich zu beraten. Nachdem das Gericht wieder zusammengekommen war, wurden Arminel und seine Mitangeklagten aufgefordert, sich zu erheben, und Owain verlas das Urteil.

Alle fünf Angeklagten wurden der räuberischen Erpressung für schuldig befunden.

Der Verschwörung: schuldig.

Des versuchten Mordes an zwei Konstablern – eine Anklage, die sich nur gegen Arminel richtete –: schuldig.

Während der ganzen Zeit offenbarte Arminel weder in seinem Gesicht noch in seinen Gedanken die geringste Regung. Edeard hatte zumindest erwartet, dass der Mann einen kurzen Blick in seine Richtung werfen würde, doch seine Festigkeit geriet nicht einen Augenblick ins Wanken.

Dann setzte sich Owain einen quadratischen Richterhut aus scharlachroter Dro-Seide auf den Kopf. In diesem Moment sah Edeard, wie Arminel sich anspannte.

Gustape, Falor, Harri und Omasis wurden zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit in der Trampello-Mine verurteilt und in ihre Arrestzellen abgeführt. Sodann stand Arminel alleine da, den Blick fest auf die drei Richter gerichtet.

»Die Verbrechen, derer Ihr für schuldig befunden werdet, sind außergewöhnlich«, erklärte Owain. »Ich glaube nicht, dass mir während meiner Zeit im Großen Rat jemals eine derart vorsätzliche Schlechtigkeit untergekommen ist. Hinzu kommt Eure hartnäckige Weigerung, mit den Konstablern zusammenzuarbeiten und ihnen die Namen der anderen Mitglieder Eurer schändlichen kriminellen Organisation zu nennen. Das mag Euch vielleicht die Dankbarkeit dieser Subjekte einbringen, im Hinblick auf ein mildes Urteil nützt es Euch jedoch nichts. Auf Querencia hat es niemals die Todesstrafe gegeben. Was das betrifft, könnt Ihr Euch bei der Herrin bedanken, die in ihrer Weisheit glaubt, dass da keine menschliche Seele ist, die nicht gerettet werden könnte. Ich persönlich kann bei Euch allerdings nicht das geringste Anzeichen für eine solche Errettung erkennen. Demzufolge bleibt mir keine andere Wahl, als Euch zu lebenslangem Freiheitsentzug in den Trampello-Minen zu verurteilen. Möge die Herrin Eure Seele bei ihrem Aufstieg in die strahlenden Himmel segnen, denn niemand sonst wird es tun.« Owain schlug mit dem Richterhammer auf den Tisch. »Die Verhandlung ist geschlossen.«

Das Publikum strebte bereits aus dem Hauptsaal, da saßen Edeard und seine Truppkameraden noch immer leicht benommen auf ihren Bänken.

»Junge, Junge«, sagte Macsen.

»Lebenslänglich«, sagte Boyd.

»Das ist so ziemlich einmalig«, sagte Kanseen.

Meister Solarin wandte sich um und sah die Konstabler an. »Ich glaube, der letzte Fall, bei dem es zu einem lebenslänglichen Urteil kam, ist zweiundvierzig Jahre her: der Golden-Park-Mörder. Eine höchst üble Person. Vor eurer Zeit natürlich. Glücklicherweise.«

»Junge, Junge«, entfuhr es Macsen noch einmal.

»Ich gratuliere, junger Mann«, sagte Meister Solarin und streckte seine Hand aus.

Vorsichtig ergriff Edeard die Rechte des greisen Mannes. »Vielen Dank, Sir. Ihr habt das Urteil für uns erfochten.«

»Dazu bedurfte es nicht viel, dank deines hervorragenden Talents. Ich wünsche dir viel Glück bei deinen künftigen Aufgaben. Es war mir eine Ehre, dein Rechtslehrmeister zu sein. Aber um einen altertümlichen Ausdruck zu bemühen: Ich denke, dass du mir jetzt entwachsen bist.«

»Oh nein, Sir. Ich erhoffe mir noch eine Menge weiterer Fälle.«

»Und du wirst sie bekommen, da hege ich überhaupt keinen Zweifel. Auch bin ich da nicht der Einzige, wie es scheint. Siehst du den Herrn da drüben?« Ein knorriger, nur ganz wenig zitternder Finger streckte sich zeigend aus.

Edeard und die anderen sahen in die Richtung, in die der alte Advokat wies. Ihr Blick fiel auf einen Mann in einer auffallenden blauen Jacke und einem grauen Dro-Seidenhemd, der sich den Hauptgang entlangschob. Er mochte dem Ende seines ersten Jahrhunderts entgegengehen, trotzdem wirkte er noch immer rüstig und gesund. Sein dichtes braunes Haar ragte ein Stück weit über den Kragen und ließ ein paar vereinzelte silbrige Strähnen erkennen. Er trug schwere Goldringe an jedem Finger und eine mehrfach geschlungene Goldkette um den Hals. Sein Gesicht war aufgedunsen, das Ergebnis langer Jahre eines gut gelebten Lebens. Dennoch machte er einen kräftigen Eindruck. Und er beobachtete sie mit blassgrünen Augen, die von einer breiten Stirn überschattet waren. Von einem Unfall oder einer Schlägerei hatte er einen Kiefer zurückbehalten, den er nicht ganz gerade zu schließen vermochte, wodurch seine Gesichtszüge leicht schief wirkten. Und doch: Sein ganzes Erscheinungsbild war das eines erfolgreichen, selbstsichern Kaufmanns. Wie um diesen Eindruck zu bestätigen, war er in Begleitung zweier wunderschöner Mädchen, die kostspielige Kleider und jede Menge Schmuck spazieren trugen. Sie waren noch etliche Jahre jünger als Kristiana, schätzte Edeard nicht ohne einen Anflug von Mitleid. Dann begegnete er dem Blick des Mannes. Er war mindestens ebenso intensiv und abschätzend wie jener, mit dem ihn vor Monaten die Pythia angesehen hatte. Instinktiv spürte Edeard, dass irgendeine Art von Feindschaft zwischen ihnen bestand, und er hielt dem Blick stand, auch wenn er nicht wusste, warum.

»Wer ist das?«, fragte er leise.

»Das«, erwiderte Meister Solarin mit unverhohlener Abscheu, »ist Captain Ivarl.«

»Hat er eine Art Schiff oder so?«, fragte Edeard. Er war ein wenig verärgert, als die anderen abfällig ächzten.

»Nein«, entgegnete Chae. »Er besitzt kein Schiff, obschon er sich in aller Regel so aufführt, als wäre er der Kapitän eines Handelsschiffs. Ivarl ist der Besitzer des House of Blue Petals.«

Edeard hatte bereits von diesem Etablissement gehört; ein Bordell im Myco-Distrikt, in der Nähe des Hafens.

Captain Ronark war vorgetreten und stand nun Schulter an Schulter mit Edeard. »Wenn man behaupten kann, dass die Banden in dieser Stadt einen Anführer haben«, sagte er, »dann ist es Ivarl. Zumindest bezeichnet er sich selbst gern als Meister unserer Kriminellen-Zunft. Höchstwahrscheinlich ist er es gewesen, der Arminel zurückgeschickt hat, um dich in einen Hinterhalt zu locken.«

»Ah«, sagte Edeard. Er lächelte höflich und neigte seinen Kopf in Richtung des Bösewichts.

Ivarl erwiderte die Geste und zielte dabei jovial mit der vergoldeten Spitze seines Gehstocks auf Edeard. Meister Cherix tauchte hinter ihm auf und murmelte ihm irgendetwas ins Ohr. Ivarl lächelte knapp und kam sodann zu den Konstablern herüber.

»Meinen Glückwunsch zu einem vorbildhaften Fall«, sagte er. Seine Stimme war rau, und Edeard ahnte, dass durch die Verletzung, die ihm das schiefe Kinn beschert hatte, irgendein tiefer gehender Schaden angerichtet worden war.

»Verbindlichsten Dank«, entgegnete Edeard mit einem ordentlichen Schuss Ironie.

»Diese Stadt ist um so viel schöner ohne diese Leute«, fuhr Ivarl fort. »Sie sind wertloses Geschmeiß; sie bereichern unser Leben um nichts. Ihr jedoch, Ihr seid ein bemerkenswerter Mann, Konstabler Edeard.«

»Ich tue mein Bestes.« Edeard war sich unangenehm der unzweideutigen Art bewusst, in der sich Macsen und eines von Captain Ivarls Mädchen angrinsten. Am liebsten hätte er seinem Freund eine runtergehauen.

»Wie wir alle«, sagte Ivarl. »Jeder trägt auf seine eigene bescheidene Weise zum Lauf der Dinge in dieser hübschen Stadt bei. In diesem Sinne möchte ich Euch und Eure Freunde einladen, die Gastfreundschaft meines Hauses zu genießen.«

Edeard konnte fast körperlich spüren, wie alle auf seine Antwort warteten. Also davor hat Finitan mich gewarnt. Ich hab den Banden gezeigt, dass nicht alle Konstabler Schwächlinge sind, dass ihnen ihre übliche Gewalt nichts nützt gegen mich. Also wollen sie jetzt wissen, wie weit ich in dieser Sache bereit bin zu gehen. Politik!

Er gestattete es einem alten, zutiefst persönlichen Bild, aus seinen Gedanken herauszusickern: den schwelenden Ruinen Ashwells, einschließlich der Leichen, die unter den Trümmern lagen.

»Ich bin noch nicht unten in Eurem Distrikt gewesen«, sagte Edeard. »Aber ich beabsichtige, ihn bald zu besuchen.«

Enttäuscht presste Ivarl seine wulstigen Lippen zusammen und zuckte gekünstelt die Achseln. »Ich freu mich darauf, Euch dort zu sehen, junger Mann.« Und mit diesen Worten wandte er sich ab und stolzierte davon, ein besitzergreifend sich anklammerndes Mädchen an jedem Arm.

Erst jetzt bemerkte Edeard die Blicke, mit denen die anderen ihn ansahen. »Was denn?«

Captain Ronark lächelte. »Guter Mann, Edeard. Ich wusste, du würdest dir nicht selbst untreu werden.«

Chae seinesteils schenkte Edeard ein anerkennenden Grinsen und ging dann mit dem Captain hinaus.

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