Logo weiterlesen.de
Im Schutz der Dämmerung

Suzanne Brockmann

Im Schutz der Dämmerung

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Christian Trautmann

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

Okay“, sagte George Faulkner und brachte damit die Männer vor dem Bildschirm im Pausenraum zum Verstummen, „gleich sieht er durch das Fenster, was los ist, und geht rein.“

Das Video, das sie sich anschauten, war keines der typischen unscharfen Überwachungsbänder. Es war mit einer hochmodernen Sicherheitskamera aufgenommen, komplett mit Tonspur – um den Drogenverkauf zwischen Brokkoli und Melonen zu stoppen –, bezahlt vom Besitzer einer New Yorker Supermarktkette.

Erst vor wenigen Stunden hatte die Kamera keinen illegalen Drogenhandel aufgezeichnet, sondern einen versuchten Raub, der leicht zu einem mehrfachen Mord hätte eskalieren können.

Drei Täter, vollgepumpt mit Drogen, hatten gerade auf den jungen Supermarktangestellten geschossen. Ein sehr junger weiblicher Teenager kauerte neben dem vorderen Verkaufstresen und weinte leise. Einer der Gangster, ein kleiner Latino, der ein Bandana trug, war hinter den Tresen getreten und versuchte, die Ladenkasse zu öffnen.

Der zweite Täter, der auf den Angestellten geschossen hatte, war so high, dass er kaum still stehen konnte. Nervös tänzelte er neben der Tür hin und her, eine .38er in der Hand. Bei dem dritten handelte es sich um einen großen, extrem hageren Typen, der bedrohlich nah bei dem Mädchen stand, und genau beobachtete, wie Mr Bandana mit der Kasse kämpfte.

„Da kommt er“, murmelte George.

Die Tür ging auf.

Alle drei Männer schauten auf.

Harry O’Dell, seit acht Monaten Georges Partner beim FBI, kam in den Supermarkt, als existierten die Waffen der drei gar nicht. Er bewegte sich genauso wie der Tänzer, als hätte auch er sich eben erst eine illegale Substanz in die Venen gespritzt. Erst nachdem er bei der Kasse angelangt war, glänzte die Pistole in seiner Hand im Licht der Deckenbeleuchtung.

Der Bandana-Kerl und der dünne Mann entdeckten die Waffe in der gleichen Sekunde, allerdings war es da schon zu spät. Harry zielte damit aus kürzester Distanz direkt zwischen Bandanas Augen. „Mach die Kasse leer!“, rief er. „Und keine hastigen Bewegungen, dann geschieht auch niemandem etwas!“

„Oh Gott.“ Der Lieutenant stand neben George, während er sich das Band anschaute. „Er tut so, als raube er den Laden aus. Ist er völlig verrückt geworden?“

George nickte. „Passen Sie auf. Es wird noch besser.“

Der Tänzer war außer sich. „Du kannst diesen Scheißladen nicht ausrauben, Mann. Wir rauben ihn aus.“

Harry sah sich um, als bemerke er erst jetzt die anderen Waffen und den auf dem Boden hockenden Teenager. „Was soll das heißen, ich kann dieses Geschäft nicht ausrauben? Habt ihr so eine Art Abkommen mit dem Besitzer, in dem steht, dass ihr die Einzigen seid, die ihn beklauen dürfen?“

Er lehnte sich über den Tresen und warf einen Blick auf den Angestellten, der bewusstlos und blutend auf der Erde lag. Mit seiner scharfen Auffassungsgabe schätzte er ein, wie schwer der junge Mann verletzt war. George wusste, dass Harry das Blut auf der Hose des Angestellten bemerkt hatte, und begriff, dass die schlimmste Verletzung vom Aufprall seines Kopfes beim Sturz herrührte.

„Verdammt, du hast diesem Kerl in den Hintern geschossen. Was soll das? Hattest du Angst, er würde sich auf dich setzen?“ Schallend lachte Harry über seinen eigenen Witz.

„Er ist übergeschnappt“, kommentierte einer der Detectives, der sich die Aufzeichnungen der Überwachungskamera anguckte.

Auf dem Video war jetzt der nervöse Tänzer zu hören, der gar nicht begeistert klang. „Verschwinde, Mann. Ich warne dich!“

Harry gab einen verächtlichen Laut von sich. „Verschwinde du lieber. Ich habe diesen Job seit Tagen geplant. Wochen.“

„Yo, wir waren zuerst hier!“, schrie Mr Bandana dazwischen.

„Fick dich! Jetzt bin ich hier! Wer gibt dir überhaupt das Recht, zehn Minuten zu früh hier reinzumarschieren und mir meinen Job zu vermasseln? Verpiss dich und überlass das hier einem Profi.“

Ungläubig lachte Mr Bandana. „Einem Profi? Guck dich doch mal an, Mann! Wer, zur Hölle, begeht einen Überfall in einem verdammten Anzug? Noch dazu in einem beschissenen Anzug, in dem du mindestens drei Wochen geschlafen hast.“

„Oh“, bemerkte Harry ruhig. „Perfekt. Jetzt wirfst du mir vor, dass ich aufgehalten wurde. Ich hatte das anders geplant, kapiert? Also komm mir bloß nicht so …“

Der Hagere fand seine Stimme wieder. „He, Arschloch, das ist unser Revier.“

Harry wandte sich ihm zu und betrachtete ihn genauer. „Sag mal, Fat Jimmy, bist du das?“, fragte er, wobei sein Tonfall sich erneut abrupt änderte. Er klang sanfter, als wäre seine Wut plötzlich verraucht.

Der dünne Mann blickte hinter sich. „Fat wer?“

Harry brüllte vor Lachen. „Du gerissener Bastard, du bist es wirklich! Wir waren zusammen in Walpole, in der Nähe von Boston. Erinnerst du dich? Wie geht es dir, Dicker?“

Der Hagere wirkte völlig perplex, als Harry ihn umarmte. Er versuchte, sich zu befreien. „Ich bin nicht Jimmy, und ich bin nicht dick.“

„Wow, du hast ganz schön abgenommen seit dem Knast. Das fette Essen dort erschwert einem das Abnehmen ganz schön, was, Jim? He, wie geht’s Bennie Tessitada? Du und der Benster, ihr ward doch wie Brüder.“

„Hat der Typ überhaupt keine Angst, oder was?“, fragte der Lieutenant.

„Oder was“, antwortete George, obwohl er wusste, dass es eher eine rhetorische Frage war. „So verbringt er seinen ersten freien Abend seit siebzehn Wochen. Verstehen Sie mich nicht falsch, er sucht den Ärger nicht. Aber irgendwie schafft der Ärger es immer wieder, Harry zu finden.“

Auf dem Band sah es aus, als wäre der Tänzer bereit, seine Waffe zu benutzen. „Verschwinde von hier, Mann! Du vermasselst uns alles.“

„Ich vermassle euch alles?“ Harry lachte. „Ich vermassle alles? Ihr seid doch die Genies, die dem Angestellten in den Hintern geschossen haben, bevor Einstein hier gemerkt hat, dass er keine Ahnung hat, wie er die Kasse aufbekommen soll. Und ihr zieht das Ding auch noch vor Zeugen durch.“ Er wandte sich an das Mädchen. „Was glotzt du so? Verschwinde. Geh nach Hause.“

Sie hatte vor Harry genauso viel Angst wie vor den drei Gangstern, dennoch warf sie ihr blondes Haar trotzig zurück, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. „Ich lasse Bobby nicht allein.“

„Was soll das, Mann?“ Der Tänzer war noch aufgebrachter. „Du kannst sie nicht gehen lassen. Sie ist unsere Geisel!“

„Moment mal“, meinte Harry, hob das Kinn des Mädchens an und betrachtete es von beiden Seiten. „Oh Mann. Von allen Fehlern, die ihr euch heute Abend geleistet habt, schießt ihr mit dieser Geisel echt den Vogel ab. Habt ihr denn keine Ahnung, wer das ist?“ Er wartete nicht auf eine Antwort. „Das ist Tina Marie D’Angelo. Sie ist Antonio D’Angelos Tochter. Er beherrscht den Großteil von Newark. Jersey mag euch ja weit weg vorkommen, aber D’Angelos Arm reicht auch sehr weit. Wenn ihr euch von ihm keine Kugel einfangen wollt, dann solltet ihr mir lieber helfen, Tina zum Gehen zu bewegen.“

Der Hagere und Mr Bandana wirkten perplex. Nur spielte das Mädchen nicht mit. „Ich werde nicht …“

Harry packte sie fest, sodass sie entsetzt schrie. „Ich habe eine Botschaft an deinen Vater, Tina.“ Mit finsterer Miene zerrte er sie fort von den Kriminellen. „Das ist privat, wenn ihr nichts dagegen habt.“

Und dann flüsterte er dem Mädchen etwas ins Ohr, was sie sofort zu beruhigen schien.

„Er erklärt ihr, dass er vom FBI ist und sie verschwinden muss, damit er dem Angestellten helfen kann“, sagte George. „Er verspricht ihr, dass er mit seinem Leben dafür einstehen wird, dass Bobby nichts mehr passiert.“

Das Mädchen glaubte ihm. Zumindest tat sie es, nachdem sie Harry in die Augen geschaut hatte. Er hatte den Gangstern den Rücken zugekehrt, und als er dem Mädchen ein beruhigendes Lächeln schenkte, sah er überhaupt nicht mehr verrückt aus. „Ich verspreche es“, flüsterte er.

Sie entschied sich, ihm zu vertrauen, und eilte zur Tür.

Harry begleitete sie, um ihr Deckung zu geben, für den Fall, dass einer der Täter die Nerven verlor. Er wusste bereits, dass es sich um schießwütige Typen handelte.

„Gute Arbeit, zuerst die Geiseln herauszubringen“, lobte der Lieutenant.

„Du hättest sie nicht gehen lassen dürfen, Mann.“ Der Tänzer war wütend. „Wenn jetzt was schiefläuft, haben wir keine Geisel.“

„Tony D’Angelos Tochter wollen wir ganz bestimmt nicht als Geisel“, erwiderte Mr Bandana ernst.

„Das war doch Blödsinn.“ Der Tänzer spuckte auf den Fußboden. „Sie sieht nicht italienisch aus.“ Er benötigte beide Hände, um die Pistole auf Harry zu richten. „Du versaust alles. Ich sollte dich abknallen.“

Zum ersten Mal, seit er hereingekommen war, stand Harry absolut still und schaute direkt über den Lauf dieser Pistole dem Mann in die Augen.

„Du willst mich erschießen?“, fragte er. Seine Worte waren so leise, dass der Lieutenant sich vorbeugen musste, um etwas mitzubekommen. „Nur zu, knall mich ab. Ist mir egal. Allerdings kannst du dein Leben darauf verwetten, dass ich zurückfeure – selbst wenn du mir in den Kopf schießt –, noch bevor ich den Boden berührt habe.“

Niemand bewegte sich, weder in dem Laden noch im Pausenraum. Alle hielten den Atem an. Bis auf George, der den Kopf schüttelte und lachte. „Das macht er dauernd. Es ist ihm wirklich egal – was ein bisschen beunruhigend sein kann. Ich muss gestehen, dass ich ihn nicht mehr fahren lasse, wenn wir zusammen im Auto sitzen.“

Auf dem Band ließ der Tänzer die Pistole sinken.

Harry brach in Gelächter aus und ging zurück hinter den Verkaufstresen. Der Magere und der Tänzer tauschten unbehagliche Blicke. George wusste, dass sie diesen Typen, wer immer das auch war, für verrückt hielten. Wahrscheinlich hatten sie damit sogar recht.

„Aus dem Weg, Junge.“ Harry schob Mr Bandana zur Seite, sodass er sich zwischen den Gangstern und dem Angestellten befand. „Ich kriege das Ding auf.“ Mit der freien Hand griff er unter den Tresen. „Man muss nur den geheimen Knopf finden, und der befindet sich genau … hier.“

Ein durchdringender Alarm ertönte.

„Du Vollidiot!“, schrie Skinny, der magere Täter. „Das ist der Alarm. Jetzt wird die Polizei auftauchen.“

Harry grinste und hob die Waffe. „Nein, mein Freund, die Polizei ist schon hier. Hände hoch und keine Bewegung! Ihr dämlichen Arschlöcher seid verhaftet.“

Und dann ging die Schießerei los.

Aber dank Harry war sie schon vorbei, noch ehe sie so richtig begonnen hatte.

Sämtliche Lichter brannten im Haus.

Alessandra Lamont bog in ihre Einfahrt und blieb einen Moment im Wagen sitzen, während sie dieses Tudor-Stil-Ungetüm betrachtete, das sie in den vergangenen sieben Jahren ihr Heim genannt hatte.

Als sie vor knapp drei Stunden losgefahren war, um Jane im Northshore Children’s Hospital zu besuchen, hatte sie lediglich das Flurlicht angelassen.

Jetzt war das Gebäude hell erleuchtet. Und alle Fenster waren zerbrochen.

Vor weniger als drei Stunden waren die Letzten des Reinigungsteams gegangen. Vor weniger als drei Stunden war das Haus in makellosem Zustand gewesen, bereit für den Tag der offenen Tür des Maklerbüros am Sonntagmorgen.

Sie beugte sich nach vorn, um besser durch die Windschutzscheibe sehen zu können. Tatsächlich, jedes Fenster, einschließlich des runden antiken Buntglasfensters über der Eingangstür, war zersplittert.

Es war ein sehr übles Jahr gewesen, und offenbar war es noch nicht vorbei.

Im Januar hatte Griffin Lamont dem Alter Lebewohl gesagt und die Jugend willkommen geheißen. Mit nur siebenundzwanzig Jahren gehörte Alessandra auf einmal zum Club der verlassenen Ehefrauen. Mit siebenundzwanzig war sie gegen ein neueres, glänzenderes Model ausgetauscht worden. Mit siebenundzwanzig, nachdem sie im Mittelpunkt jeder Party gestanden hatte und die Vorzeigefrau schlechthin gewesen war, war sie auf dem Abstellgleis gelandet.

Im Februar hatte sie sich mit Griffin und ihren Anwälten an einen Tisch gesetzt und die Scheidungsmodalitäten ausgehandelt. Er hatte ihr gegenüber Platz genommen, das blonde Haar perfekt frisiert, die blauen Augen ausdruckslos hinter den Brillengläsern. In seinem attraktiven Gesicht war nicht die Spur von Bedauern zu erkennen gewesen, keine Reue, keinerlei Anzeichen dafür, dass es die letzten sieben Jahre überhaupt gegeben hatte. Dennoch überließ er ihr alles, was sie wollte. Das Haus. Die drei Autos. Einen beträchtlichen Prozentsatz seines Vermögens. Offenbar war ihm nur der Azaleenbusch draußen vor der hinteren Veranda wichtig, der seiner Mutter gehört hatte.

Alessandra hielt das für einen großen Sieg, besonders als sie die Anträge für Janes Adoption gestellt hatte. Acht Monate alt, schwerbehindert und mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt gekommen, galt Jane beim Sozialdienst und den Krankenschwestern in der Klinik, in dem Alessandra ehrenamtlich arbeitete, als nicht vermittelbar. Mehrmals pro Woche half Alessandra auf der Säuglingsstation, indem sie den ungewollten Babys das Fläschchen und Trost gab.

Die meisten Babys blieben nicht lange dort, allerdings schienen Janes körperliche Probleme abschreckend zu wirken. Ihr Lächeln hingegen war der reinste Sonnenschein, und Alessandra hatte sich als Alleinerziehende um eine Adoption beworben. Monate vorher hatte sie sich getraut, Griffin darauf anzusprechen, ob sie Jane zu sich nehmen wollten. Er hatte sich rundheraus geweigert mit den Worten: „Auf keinen Fall. Bist du verrückt?“

Vielleicht war sie das.

Im Februar hatte sie jedenfalls geglaubt, sie habe gewonnen.

Bis der März kam.

Im März hatte sie herausgefunden, dass das Haus mit Hypotheken belastet war, die Autos geleast waren und Griffin einen Insolvenzantrag gestellt hatte. Er war pleite. Es gab kein Vermögen. Und deshalb war auch sie pleite.

Im März hatte sie die Nachricht erhalten, dass der Staat ihren Antrag abgelehnt hatte. Sie durfte Jane nicht adoptieren. Wegen ihrer ungeordneten finanziellen Verhältnisse und ihrer enormen Schulden verfügte sie weder über die Mittel noch die Möglichkeiten, sich um das Baby zu kümmern, zumal sie alleinerziehend sein würde.

Dass Griffin sie verlassen hatte, war schmerzhaft gewesen. Aber diese Absage brach ihr das Herz. Niemand sonst wollte das Baby, das man Jane Doe genannt hatte. Was würde nun aus ihr werden?

Erst heute Abend hatte Alessandra erfahren, dass Jane in ein Heim kommen würde, sobald ihr Gesundheitszustand das zuließ.

Der Januar war schrecklich gewesen, der Februar schlimm, doch der März toppte beide Monate.

Im März hatte sie entdeckt, dass Griffin wegen Beteiligung an einem gescheiterten Drogendeal von den Cops gesucht wurde. Etwas später im März war die Polizei bei ihr aufgetaucht mit der Nachricht, man habe ihren zukünftigen Exmann gefunden. Seine Leiche war am Ufer des East River angespült worden, in der Nähe des LaGuardia Airport. Seine Hände waren gefesselt, und die Autopsie ergab, dass ihm jemand zweimal in den Hinterkopf geschossen hatte. Er war das Opfer einer typischen Mafia-Hinrichtung geworden.

Es war grässlich. Sicher, sie war wütend auf ihn gewesen, aber den Tod hatte sie ihm nicht gewünscht.

Als die Polizei Alessandra befragte, erklärte sie, sie wisse nicht, mit wem oder was Griffin zu tun gehabt hatte.

Sie wusste es wirklich nicht, allerdings hatte sie ihre Vermutung.

Michael Trotta. Angeblicher Mafiaboss. Vor fast zehn Jahren hatte Griffin ihn bei einem Benefiz-Golfturnier hier in der Gegend kennengelernt. Sie selbst war auf Barbecues und Cocktailpartys in seinem Haus in Mineola gewesen.

Während sie mit ausdrucksloser Miene die zerbrochenen Fenster ihres Hauses betrachtete, klingelte ihr Autotelefon. Die jahrelange Übung und der Sprechunterricht befähigten sie, ruhig und gefasst zu klingen, trotz dieser jüngsten Katastrophe. „Hallo?“

Die Stimme war harsch, und derjenige am anderen Ende der Leitung verschwendete keine Zeit mit Höflichkeiten. „Wo ist das Geld?“

„Entschuldigung“, sagte Alessandra. „Was haben Sie …“

„Finde es“, krächzte die Stimme. „Schnell. Sonst bist du als Nächste dran.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.

Anscheinend war der März noch nicht vorbei.

Harry hatte den Kopf auf den Tisch im Verhörraum gelegt und war eingeschlafen, einen Becher Kaffee noch in der Hand. Er schlief genau auf die Art, wie George es erwartet hatte – mit zusammengebissenen Zähnen und fest zugekniffenen Augen. Im Schlaf sah Harry keineswegs entspannt und jungenhaft aus, so viel war mal sicher.

George schaute zum Lieutenant und zuckte mit den Schultern. „Es waren harte Monate. Wir haben nonstop mit einer Sondereinheit in Jersey City gearbeitet, um Thomas Huang anzuklagen.“

Der korpulente Lieutenant saß müde am Tisch, Harry gegenüber, und schüttelte den Kopf. „Erwischt man einen Mafiaboss, laufen die Geschäfte unter dem Kommando seines Nachfolgers weiter.“

„Diesmal nicht. Wir haben die gesamte Führungsriege von Huangs Organisation dingfest gemacht. Dafür hat Harry gesorgt. In solchen Sachen ist er Pedant.“

Der Lieutenant betrachtete Harry. „Pedantisch sieht er nicht gerade aus. Aber wie ein FBI-Mann auch nicht.“

George rückte seine Krawatte gerade und wischte nicht existente Fusseln von den Ärmeln seines makellosen Jacketts. „Er ist noch nicht lange mein Partner. An seinem Äußeren arbeiten wir noch.“

„Soll ich ein paar Leute kommen lassen, die Ihnen dabei helfen, ihn hinaus zu Ihrem Wagen zu tragen?“

„Nein, danke. Er wird gehen.“

„Sind Sie sicher? Einer der Detectives brauchte den Raum und schüttelte den Mann, konnte ihn jedoch nicht aufwecken.“

George grinste. „Ich kann ihn auf die Beine bringen.“ Er beugte sich zu Harry herunter und flüsterte: „Michael Trotta.“

Harry hob den Kopf. „Was? Wo?“

George deutete mit einer Geste ein zufriedenes „Sehen Sie?“ an. „Das Ermittlungsteam hat so gut gearbeitet, dass wir es behalten, aber hinaus nach Long Island verlegen. Unser nächstes Ziel liegt in der Nähe von Mineola. Es handelt sich um einen Gentleman namens Michael Trotta. Angeblich mischt der ganz schön mit bei illegalen Drogengeschäften, Prostitution und Bestechung. Das sind nur einige der möglichen Anklagepunkte, Kleinigkeiten wie Mord noch nicht mitgezählt.“

„Dann ist es also wahr, Sie sind tatsächlich hinter Trotta her“, meinte der Lieutenant nachdenklich. „Und offenbar ist es Ihnen egal, wer darüber Bescheid weiß.“

„Wir wollen sie nervös machen“, erwiderte George.

Harry trank einen Schluck Kaffee und spuckte ihn sofort wieder in den Becher. „Verdammt!“ Vorwurfsvoll schaute er zu George hoch. „Wie lange hast du mich schlafen lassen?“

„Keine Ahnung.“ George blickte auf seine Uhr. „Zwei, höchstens drei Stunden.“

Harry rieb sich den Nacken. „Wie geht es dem Angestellten aus dem Supermarkt? Wird er wieder?“

„Er wird wieder gesund“, erklärte der Lieutenant. „Es war nur eine Fleischwunde. Der Aufprall seines Kopfes war auch nicht weiter schlimm. Er wird morgen früh aus dem Krankenhaus entlassen.“

„Was ist mit den Tätern?“

„Die haben in ihrem Leben bloß das kostbare Geld der Steuerzahler vergeudet“, antwortete George.

„Was hast du über Trotta gesagt?“, fragte Harry, sich die Augen mit einer Hand reibend.

„Ich habe nur ein bisschen mit dem Lieutenant geplaudert.“

„Vor knapp einer Stunde kam etwas über Trotta herein“, informierte der Lieutenant die beiden. „Im Zusammenhang mit einem Einbruch auf der Insel. Ein Typ, der vor Kurzem als Leiche endete – es wird gemunkelt, er habe Trotta verärgert. Natürlich gibt es keinen Beweis, der ihn mit dem Mord in Verbindung bringt.“ Er schnaubte verächtlich. „Wie dem auch sei, das Haus von diesem Kerl wurde verwüstet. Irgendwo in … Farmingville, glaube ich.“

„Farmingdale?“ Harry stand auf. „Handelt es sich bei dem Toten um Griffin Lamont? Der lebt nämlich in Farmingdale. Lebte.“

„Ja, Lamont, ich glaube, so hieß er.“ Auch der Lieutenant erhob sich. „Ich kann es überprüfen, wenn Sie wollen.“

„Bitte“, sagte Harry. „Überprüfen Sie den Namen. Und die Adresse, wenn Sie schon dabei sind.“

„Verdammter Mist“, stieß George hervor. „Ich wusste, ich hätte dich nicht schlafen lassen sollen.“

Harry rollte mit dem Kopf, um die Nackenverspannungen zu lösen. „Farmingdale ist nicht weit weg. Wir könnten in einer Stunde da sein.“

„Nein“, sagte George. „Ich fahre heute Nacht nicht mehr nach Long Island. Ganz bestimmt nicht.“

Alessandra stand zitternd in ihrer Küche.

Wer immer das getan hatte, war gründlich gewesen. Soweit sie es beurteilen konnte, war im gesamten Haus wenig heil geblieben. Ihre Sofas und Vorhänge waren aufgeschlitzt, die Holzmöbel zertrümmert. Jedes einzelne Kleidungsstück in ihrem Schrank war zerrissen, die Kosmetikutensilien zerstampft. Farbe bedeckte den einst teuren Teppichboden und die Wände. Hier in der Küche war das Porzellan zerschlagen und auf die mexikanischen Fliesen geschmissen worden, zusammen mit Gläsern aus den Schränken.

Die Zerstörung war gründlich. Das ruhige alte Haus, einst ihre Zuflucht, war von Gewalt und Chaos überrannt worden.

Sie schloss die Augen, während sie sich über die Spüle beugte, aus Furcht, sich übergeben zu müssen. Im Stillen wünschte sie Griffins unsterbliche Seele in die Hölle. Zu Lebzeiten hatte er sie wie seinen Besitz behandelt. Und selbst nach seinem Tod hatte er sie noch fest im Griff.

Wo ist das Geld?

Alessandra hatte keine Ahnung.

„Mrs Lamont?“

Sie richtete sich wieder auf und überprüfte automatisch ihre Frisur im zerbrochenen Glas des Bildes von Cold Spring Harbor, das noch schief an der Wand hing. „In der Küche.“

Der Detective schob die Tür auf und verzog mitfühlend das Gesicht beim Anblick der Scherben ihres Waterford-Kristalls. Er hielt ihr das Telefon hin. „Während ich mit dem Captain telefoniert habe, hat jemand angerufen. Ich habe ihn in die Warteschleife geschickt. Ein Brandon Wright, der Sie sprechen möchte …“

Ihr Anwalt. Endlich. Sie nahm den Hörer. „Brandon, dem Himmel sei Dank. Das Haus ist komplett verwüstet worden. Kannst du sofort herkommen …“

„Alessandra, es ist zwei Uhr morgens.“

„Aber das gesamte Haus ist …“

„Nein, tut mir leid, ich kann jetzt nicht zu dir herausfahren.“ Er seufzte schwer. „Mir ist klar, das ist nicht der geeignete Zeitpunkt, doch ich wollte schon seit einer Weile darüber reden. Du bist pleite. Du kannst dir meine Dienste nicht mehr leisten.“

Ihre Stimme blieb ruhig, während sie ins Wohnzimmer ging, auf der verzweifelten Suche nach irgendeiner Sitzmöglichkeit. „Ich verstehe.“ Im ganzen Haus konnte sie sich nirgendwo mehr hinsetzen. Sie würde diesen jüngsten Schlag im Stehen einstecken müssen.

„Tut mir leid. Ich lasse dich in einer solchen Situation nur ungern im Stich, aber bei meinem Stundensatz von zweihundertfünfzig Dollar kostet dich die Fahrzeit allein schon …“

„Natürlich. Du hast recht.“ Die Haustür war nur angelehnt, und Alessandra bemerkte, wie zwei Männer in den Flur schritten. „Sieben Jahre Freundschaft ist weniger wert als zweihundertfünfzig Dollar pro Stunde.“

Ihr ätzender Kommentar verblüffte Brandon, denn es war untypisch für sie, rundheraus ihre Meinung zu sagen. Die Jahre mit Griffin hatten sie gelehrt, höchstens leise ihre Zustimmung zu murmeln, selbst wenn sie einmal anderer Ansicht war. Doch Griffin war tot, und in den vergangenen Monaten hatte ihr Leben eine ziemlich drastische Wendung genommen. „Brandon, bitte. Kannst du nicht als Freund herkommen?“

Brandon zögerte. In der Stille beobachtete Alessandra die zwei Männer, die gerade das Haus betreten hatten.

Der eine war dunkelhaarig und schien höchstens ein paar Zentimeter größer zu sein als sie mit ihren fast ein Meter fünfundsiebzig, war jedoch kraftvoll und muskulös gebaut. Der andere war groß und von eleganter Schlankheit, mit einem modischen, offensichtlich nagelneuen Anzug gekleidet. Der kleinere Mann trug einen Regenmantel, der aussah, als sei er seit zehn Jahren nicht mehr in der Reinigung gewesen. Darunter erhaschte sie kurze Blicke auf einen zerknitterten dunklen Anzug sowie ein weißes Hemd mit offenem Kragen und lockerer Krawatte.

Der größere Mann schien einer Friseurwerbung entstiegen zu sein, jede einzelne Strähne saß perfekt. Sein Begleiter hatte volles dunkles Haar, arrangiert in einem Stil, den man am besten als „permanenten Wuschelkopf“ bezeichnen könnte.

Die zwei waren Cops, wahrscheinlich Detectives. Das erkannte Alessandra an der Art, wie sie sich beim Hereinkommen umschauten. Der Blick des kleineren Mannes streifte sie und registrierte dabei alles, so wie er zuvor die aufgeschlitzten Sofapolster und die mit blutroter Farbe bespritzten Wände wahrgenommen hatte.

„Ich kann nicht“, sagte Brandon schließlich, genau wie sie es vorausgesehen hatte. „Es war etwas anderes, als du mit Griffin verheiratet warst, aber jetzt, besonders da er tot ist … Ich bezweifle, dass Jeanie es verstehen würde.“

Seine Frau würde nicht verstehen, dass Alessandra ein wenig Unterstützung brauchte, nachdem ihr Exmann von Mafiagangstern ermordet und ihr Haus komplett zerstört worden war? Er deutete ihr Schweigen richtig.

„Es tut mir leid“, fuhr er fort. „Aber ich bin mir einfach nicht sicher, was sie denken würde, wenn ich um diese Uhrzeit zu dir fahre. Ich kann dir nicht helfen. Offen gestanden, muss ich jetzt auch Schluss machen. Tut mir leid.“

„Ja, mir auch.“ Alessandra legte auf. Sie war allein. Sie war vollkommen allein. Zum ersten Mal in ihrem Leben gab es niemanden, den sie anrufen konnte und der die Dinge für sie regelte.

Wo ist das Geld? Finde es. Schnell. Sonst bist du die Nächste.

Einige Sekunden lang war Alessandra nicht imstande zu atmen.

„Mrs Lamont?“

Sie sah auf, direkt in die Augen des Cops mit den zerwühlten Haaren. Seine Augen waren von einem dunklen, warmen Braun. Bei solchen Augen kam ein Mann auch mit einem zerknitterten Anzug und einem schmuddeligen Regenmantel durch. Mit diesen Augen konnte ein Mann mit fast allem durchkommen.

Sein Gesicht war auf den ersten Blick so wenig attraktiv wie seine übrige Erscheinung. Andererseits würde sie ihn keineswegs als unattraktiv bezeichnen. Seine Nase war ein bisschen zu groß und an der Spitze leicht gerundet, die Lippen waren zu schmal, die Wangenknochen wirkten ein wenig verloren in seinem vollen Gesicht. Er ging deutlich auf die vierzig zu, wie die vereinzelten grauen Bartstoppeln an seinem markanten Kinn verrieten.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“, erkundigte er sich.

Für einen kurzen Moment verschwanden Kummer und Verzweiflung. Doch statt in Tränen auszubrechen und sich dem Fremden in die Arme zu werfen, rief sie sich ins Gedächtnis, dass er ein Cop war, kein Freund. Sie räusperte sich vornehm. Sie hatte keine Freunde. Das durfte sie nicht vergessen.

Während ihrer siebenjährigen Ehe hatte sie eine Freundschaft nach der anderen einschlafen lassen. Und zu den anderen ehrenamtlichen Helfern im Krankenhaus hielt sie Distanz. Gesellschaftlichen Umgang pflegte sie nur mit Griffins Geschäftsfreunden. So wollte er es. Aber kaum dass Griffin sie verließ, zogen sich auch die meisten Bekannten von ihr zurück. Und als er erst von der Polizei gesucht und dann seine Leiche gefunden wurde, klingelte das Telefon überhaupt nicht mehr.

„Es geht schon wieder“, antwortete sie dem Mann mit den dunklen Augen. Das stimmte. Obwohl sie niemanden haben mochte, der sie tröstete, würde sie das alles durchstehen. Irgendwie würde sie überleben. Daran musste sie einfach glauben. Es war Jane Doe, um die sie sich ernsthaft sorgte.

„Ich bin Harry O’Dell, Mrs Lamont.“ Er streckte die Hand aus, und sie ergriff sie zögernd. Es gelang ihr, sie zu schütteln, ohne ihn richtig zu berühren, und dem Mann ein höflich-distanziertes Lächeln zu schenken.

„Ich bin vom FBI“, fügte er hinzu. Er grinste schief; es schien, als amüsiere sie ihn irgendwie und als versuche er, nicht zu lachen. Die Sanftheit in seinem Blick wich einer gewissen Unruhe. „Das hier ist mein Partner George Faulkner.“

„FBI?“ Sie sprach leise, und sie schaffte es, nur mäßig interessiert zu klingen. Ihr Puls beschleunigte sich jedoch, und kalte Angst breitete sich bis in ihre Finger- und Zehenspitzen aus.

Wo ist das Geld?

War es möglich, dass die Polizei von dem bedrohlichen Anruf erfahren hatte? Warum sonst sollte man FBI-Agenten zu ihr geschickt haben? Sie hielt das Telefon mit beiden Händen fest umklammert und betete inständig, dass sie nicht wieder anfing zu zittern.

Er lieferte ihr keine Erklärung, warum sie hier waren. Er schaute sie nur an.

Alessandra spürte, wie er sich die Einzelheiten ihres Gesichts einprägte, ihr Haar, die Seidenbluse, die sorgfältig in den Bund ihrer weichen Stoffhose gesteckt war. Wie die meisten Männer betrachtete er nicht nur ihre Kleidung, sondern taxierte den Körper darunter.

Sie wusste, was er sah und dass es ihm gefiel. Mit ihrem makellosen Filmstargesicht, den blauen Augen, mit ihrem vollen blonden Haar und der perfekten Figur, ihrer eleganten Kleidung und dem tadellosen Make-up, war sie glatt eine Fünfzehn auf der Skala von eins bis zehn. Kurz, sie war umwerfend schön.

Zu schön, um viele Freunde zu haben.

„Wir würden Ihnen gern ein paar Fragen stellen, Mrs Lamont“, sagte Harry O’Dell schließlich. Seine Stimme verriet vage eine Herkunft aus einer der Arbeitergegenden New Yorks. Brooklyn vielleicht. Oder die Bronx. Auf jeden Fall stammte er nicht von der Insel. Alessandra hatte selbst hart daran gearbeitet, solch einen Akzent loszuwerden, deshalb kannte sie ihn so gut.

„Wir möchten Ihnen unser Beileid für den Verlust Ihres Mannes vor Kurzem aussprechen“, meldete sich der andere Mann zu Wort. Er stammte definitiv aus Connecticut, wie auch Griffin.

„Exmann“, korrigierte Alessandra ihn schnell. Ein bisschen zu schnell.

Sie wechselten einen Blick, und sie fuhr fort: „Die Scheidung ist noch nicht rechtsgültig, aber er ist im Januar ausgezogen. Ich betrachtete unsere Ehe ab dem Zeitpunkt für beendet.“

Harry nickte. „Das ist fair. Ich nehme an, Sie waren nicht allzu sehr am Boden zerstört, als er mit dem Gesicht nach unten im East River schwamm?“

„Ich habe ihn nicht umgebracht, falls Sie das damit andeuten wollen.“

„Ich habe überhaupt nichts angedeutet, doch ich bin natürlich froh, das zu hören.“ Erneut amüsierte er sich über sie, obwohl ihr eisiger Blick auf andere Männer sicher einschüchternd gewirkt hätte. „Haben Sie eine Ahnung, wer das mit Ihrem Haus gemacht haben könnte?“

Sie gab ihm die gleiche knappe Antwort, die sie den Cops schon vor Stunden gegeben hatte. „Nein.“

Er musterte sie eingehender. „Absolut keine Idee?“

„Selbstverständlich habe ich Ideen. Aber danach haben Sie nicht gefragt.“

„Was denken Sie denn, wer es getan hat?“, hakte er nach.

Sie wählte ihre Worte sorgfältig. „Ich würde mal darauf tippen, dass es dieselben Leute waren, die Griffin getötet haben.“

„Haben Sie auch eine Idee, warum?“

Wo ist das Geld? Finde es. Schnell.

Alessandras Griff um das schnurlose Telefon wurde fester. „Die Polizei scheint anzunehmen, dass Griffin in irgendwelche Drogengeschichten verwickelt war.“

„Und Sie wussten nichts davon?“

„Was immer er auch gemacht hat, er erwähnte es mir gegenüber mit keinem Wort. Er sprach selten über Geschäftliches mit mir. Er besprach allgemein kaum etwas mit mir.“

Harry deutete auf das Zimmer um sie herum. „Wer bei Ihnen eingebrochen ist, war auf der Suche nach etwas. Hier handelt es sich nicht um willkürliche Zerstörung, Mrs Lamont.“

Wo ist das Geld? Wo ist das Geld?

„Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen“, erwiderte Alessandra.

Einige Sekunden lang erwiderte er darauf nichts. Er sah sie nur an und schien belustigt. Er traute ihr nicht, glaubte ihr nicht, mochte sie nicht.

Aber er begehrte sie. Ja, wenn sie ihm die Hand hinhielt, würde er sie ergreifen und Alessandra die Treppe hinauffolgen. Ohne Fragen zu stellen.

„Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben“, meinte er schließlich.

Er wandte sich zum Gehen, drehte sich jedoch noch einmal um. „Haben Sie etwas, wo Sie heute Nacht bleiben können?“

„Ich komme schon klar“, versicherte sie ihm erneut und hoffte, sie würde sich selbst davon überzeugen können.

„Sie ist schlauer, als sie aussieht.“

George schaute in seinen Seitenspiegel, während er auf die linke Spur des Long Island Expressway wechselte. „Das ist nichts Ungewöhnliches bei Menschen. Du bist auch schlauer, als du aussiehst.“

Harry blickte aus dem Fenster und sah Queens vorbeifliegen. Er versuchte, es sich auf dem Sitz in Georges Wagen bequem zu machen. Seine Schulter schmerzte höllisch.

„Natürlich riecht sie besser als du, wenn wir schon bei Vergleichen sind“, fügte George hinzu.

Harry musterte ihn. „Ist mir gar nicht aufgefallen.“

George grinste.

„Na schön, es ist mir doch aufgefallen. Herr im Himmel.“ Alessandra Lamont hatte elegant und frisch geduftet, auf wundervolle feminine Weise. Sie roch wie die teuren Läden in Paris, wie in jenem Urlaub, den er mit Sonya dort verbracht hatte, zwei Monate vor ihrer endgültigen Trennung.

Er schloss kurz die Augen. „Was ist das bloß mit den Blondinen? Warum reduziert sich mein Vokabular auf ein paar Dutzend Wörter – die meisten davon auch noch ein absolutes No-Go für die oberen Zehntausend –, sobald ich mit einer spreche?“ Er schüttelte den Kopf. „Apropos obere Zehntausend – dieser High-Society-Schwachsinn ging mir auf den Zeiger. Hält die sich für eine Gräfin, oder was? Und denkt sie wirklich, dass wir ihr auch nur eine Sekunde lang abkaufen, sie hätte keinen Schimmer gehabt, dass ihr schickes Haus mit Mafiageld bezahlt worden ist?“ Er imitierte Alessandras kultivierte Sprechweise. „Griffin sprach selten über Geschäftliches mit mir. Er besprach allgemein kaum etwas mit mir.“ Er schnaubte verächtlich. „Ja, weil der gute alte Griffin nicht blöd war. Wenn man mit einer solchen Frau allein im Zimmer ist, will man nicht mit ihr reden, verdammt noch mal.“

Die Stille im Auto dauerte erst eine halbe Meile lang an, dann eine ganze. „Bist du fertig?“, wollte George wissen.

Harry atmete schwer aus und rieb sich den Nacken. „Nein“, antwortete er. „Nein, ich bin nicht fertig.“ Er hatte das Gefühl, dass er bei den Ermittlungen in diesem Fall erneut auf Alessandra Lamont treffen würde.

Verdammt, ihm tat alles weh. Bei dem Hechtsprung in dem Laden neulich, als er den Angestellten schützen wollte, nachdem der Größere der drei Gangster das Feuer eröffnet hatte, hatte er sich die Schulter verletzt. Der Schusswechsel dauerte kaum länger als fünfzehn Sekunden, doch hatte er vermutlich für jede dieser Sekunden eine neue Prellung davongetragen.

Die schlimmsten Blessuren hatte er sich jedoch zugezogen, als er mit dem Kopf auf der Tischplatte im Verhörraum eingepennt war. Langsam wurde er zu alt für so etwas. Er konnte sich nicht erinnern, wann er in den vergangenen Monaten in seinem eigenen Bett geschlafen hatte.

Er konnte sich außerdem nicht mehr daran erinnern, wann er zuletzt im Bett einer Frau wie Alessandra Lamont geschlafen hatte.

Doch, konnte er. Das war vor vier Jahren, vor seiner Scheidung. Bevor …

Er unterbrach seine Gedanken. „Was glaubst du, was sie weiß?“

George schaltete den Scheibenwischer an wegen des leichten Regens, der inzwischen eingesetzt hatte. „Ich denke, sie verschweigt uns etwas.“ Er sah Harry an. „Und ich habe bemerkt, dass sie dich gründlich gemustert hat, auch wenn sie die Eiskönigin gespielt hat. Ich habe keine Ahnung, wieso, allerdings ist mir ständig der Ausdruck ‚Bettgeflüster‘ durch den Kopf gegeistert.“

„Oh nein“, entgegnete Harry. „Auf keinen Fall.“

„Du musst zugeben, dass es ein weniger lebensgefährlicher Weg wäre, nachts mal Dampf abzulassen, als drei bewaffnete Kerle ohne Verstärkung auszuschalten.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher.“ Harry versuchte, seine Beine auszustrecken, und stieß dabei mit seinem ohnehin schon geprellten Knie gegen das Armaturenbrett. „Autsch. Mal ganz abgesehen davon, dass sie nicht mein Typ ist.“

„Sie ist schön, und sie ist blond. Entspricht genau deinem Typ. Hast du selbst gesagt.“

„Sie ist eher dein Typ“, widersprach Harry. „Der Tod ihres Ehemannes schien sie nicht allzu sehr mitgenommen zu haben. Offenbar hat sie den Kerl wegen des Geldes geheiratet. Die ist bloß ein Luxus-Callgirl.“

„Es gibt einen großen Unterschied zwischen Stripteasetänzerinnen und Prostituierten, vielen Dank auch.“

„Tut mir leid“, meinte Harry.

„Ein Callgirl, das würde zu weit gehen. Eine Stripperin kann ich zu Büropartys einladen. Mann, das wurmt Nicole vielleicht.“ George grinste.

„Wie geht es Nicki? Ich habe sie gestern nur kurz gesehen. Sie hatte es so eilig, dass sie nicht einmal Hallo sagen konnte.“

„Typisch.“ George war schon von Nicole Fenster geschieden, bevor Harry ihn kennengelernt hatte, allerdings gab es keinen Tag, an dem ihr Name nicht fiel. „Ist es nicht toll, dass wir jetzt, wo wir nicht mehr verheiratet sind, in der gleichen Gegend und im gleichen Gebäude arbeiten dürfen? Deshalb bin ich dein Partner geblieben. Hätte ich wie jeder andere um meine Versetzung gebeten, wäre ich vermutlich wieder mit Nicki zusammen.“

Die Reifen machten ein sirrendes Geräusch auf dem nassen Asphalt, während die beiden Männer die Fahrt eine Weile schweigend fortsetzten.

„Hast du schon einen Blick in Griffin Lamonts Akte geworfen?“, erkundigte sich George. „Hast du sein Foto gesehen?“

Sie hatten beide seine Leiche gesehen, nachdem er ein paar Tage im Fluss getrieben war. Das war nicht dasselbe, als würde man sein Foto betrachten. „Ja.“ Helles Haar, helle Augen, helles Gesicht. Einigermaßen attraktiv, wenn man auf blasse Typen stand, die nie das Tageslicht zu Gesicht bekamen. Die meisten Frauen würden sich ohnehin nur für das Dollarzeichen interessieren, das der Kerl praktischerweise als Motiv auf seiner Krawatte trug.

„Kannst du dir vorstellen, dass Lamont mit ihr Schluss gemacht hat?“ George lachte. „Was hat er sich dabei nur gedacht?“

„Unüberbrückbare Differenzen“, bemerkte Harry trocken. „Laut Scheidungsunterlagen wollte er Kinder, sie nicht. Vermutlich wollte sie sich die Figur nicht ruinieren.“

„Moment mal – wann hast du denn die Scheidungspapiere durchgeblättert?“

„Heute Nachmittag, als du dich zum zweiten Mal an diesem Tag rasiert hast. Ich habe die Akte auf deinen Schreibtisch gelegt. Begreifst du nun, was dir entgeht durch deine Pingeligkeit?“

„Ich dachte, ich würde den Abend mit Kim verbringen.“ George schaute erneut zu Harry herüber. „Ich wette, wenn du morgen wieder nach Farmingdale fährst und Mrs Lamont deine starke Schulter zum Anlehnen anbietest …“

Harry schüttelte den Kopf. „Fang nicht wieder damit an. Diese Sorte Ärger kann ich nicht gebrauchen.“

„Wo ist der Ärger? Zwei Erwachsene, die sich zu einem kleinen Dinner treffen, ein bisschen geistreiche Konversation betreiben und sich in beiderseitigem Einvernehmen ein bisschen …“

„Geistreiche Konversation?“ Harry lachte. „Sie ist nicht gerade der Harvard-Typ. Ich wette, sie hätte schon Probleme, in einem Zehn-Finger-Schreiblernkurs zurechtzukommen.“

„Vorhin hast du noch gesagt, sie sei schlau“, erinnerte George ihn.

„Schlauer, als sie aussieht, aber das heißt nicht viel. Wenn man ihre Designerklamotten, den straffen Körper und das Make-up mal außer Acht lässt, ist da wahrscheinlich nicht mehr viel.“

„Warum solltest du dich für mehr als ihren Körper interessieren?“, scherzte George. „Du liebe Zeit, man muss schon Prioritäten setzen.“

Gegen vier Uhr morgens war der Vierundzwanzig-Stunden-Notfalldienst fertig damit, die Fenster in Alessandras Haus zu vernageln. Um fünf nach vier fuhren sowohl der Handwerker- als auch der Streifenwagen davon, der mit laufendem Motor gewartet hatte.

Alessandra ging in die Garage und machte sich auf die Suche nach dem Holzkohlegrill, den Griffin im Oktober für den Winter eingelagert hatte. Vor fast sechs Monaten. Nur sechs Monate. Inzwischen kam ihr dieses Leben so weit weg vor.

Sie hatte es so sehr versucht, und so lange, zuerst ihre Eltern zufriedenzustellen und dann ihren Mann, den sie viel zu jung geheiratet hatte. Sie hatte sich angestrengt, exakt ihren Erwartungen zu entsprechen, ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche ignorierend.

Jetzt, da ihre Eltern längst verstorben waren und Griffin auch tot war, fühlte sie sich verunsichert und klammerte sie sich an ihr altes Leben, aus Furcht und Unsicherheit.

Es würde eine Weile dauern, bis sie sich daran gewöhnt hatte, dass niemand ihr mehr Vorschriften machte. Es gab keine Erwartungen mehr. Keine Regeln. Und zum ersten Mal in ihrem Leben, das für einen Außenstehenden so luxuriös und perfekt gewirkt haben mochte, sie in Wahrheit jedoch erstickt hatte, würde sie genau das tun, was sie wollte. Einfach weil sie Lust dazu hatte.

Sie fand den Grill und den Sack Holzkohle, den Griffin sorgfältig zugeklebt hatte. Und daneben entdeckte sie, wonach sie eigentlich gesucht hatte.

Sie nahm den flüssigen Grillanzünder mit in die Küche, schaltete das hintere Verandalicht ein und trat hinaus in die Nacht. Sie atmete tief ein und füllte ihre Lungen mit der kalten Frühlingsluft.

Der Garten begann zu blühen. Die Bäume hatten junge, frische Blätter, die zu glänzen schienen.

Die Azalee – Griffins Azalee – gleich neben der Verandatreppe trug kleine pinkfarbene Knospen.

Alessandra drückte auf die Plastikflasche und zündete ein Streichholz an.

Dann stand sie in der Dunkelheit vor der einsetzenden Morgendämmerung und sah zu, wie Griffins Azaleenbusch brannte.

2. KAPITEL

Alessandra hatte gerade ihre Kleidung von der Reinigung abgeholt und sah auf ihre Uhr. Sie fragte sich, ob ihr noch Zeit blieb, Jane zu besuchen. In dem Moment tauchte die Limousine hinter ihrem Wagen auf und folgte ihr auf der Straße zu ihrem Haus.

Alessandra bog nicht ab und fuhr stattdessen zum Supermarkt. Vielleicht folgte ihr der Wagen ja gar nicht. Vielleicht …

Ihr Autotelefon klingelte.

Sie hielt an einer roten Ampel, bevor sie sich meldete, und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Es war der Makler, der anrief. Oder der Mann von der Versicherung. „Hallo?“

„Mrs Lamont.“ Die Stimme hatte einen deutlichen Akzent, klang jedoch sanft und kultiviert. „Fahren Sie auf das Gelände des Einkaufszentrums rechts von Ihnen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, und parken Sie dort bitte vor dem Bäcker.“

„Wie bitte?“ Die Ampel sprang um, doch Alessandra musste gleich wieder bremsen, als ein entgegenkommendes Fahrzeug vor ihr links abbog. „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich …“

„Mr Trotta will Sie sehen“, erklärte der Mann. „Wir können es auf die freundliche Art regeln. Oder auf die weniger freundliche.“

Sie fuhr auf den Parkplatz und hielt vor der Bäckerei.

Es war vier Uhr nachmittags, doch in dem fensterlosen Fantasy Club hatte Zeit keinerlei Bedeutung. Ob um vier Uhr morgens oder nachmittags oder zu jeder anderen Tageszeit, immer tanzte eine Frau auf der Bühne, saßen Männer im Publikum und sahen ihr zu.

George setzte sich an die Bar im hinteren Teil des Raumes und lächelte zur Begrüßung, als Carol, die Barkeeperin, ihm das Übliche servierte – Wodka Tonic mit einem Schuss Limone.

„Sagst du Kim, dass ich hier bin?“, bat er, worauf sie zum Telefon ging.

Er trank einen Schluck und zündete sich eine Zigarette an, während er sich umschaute. Etliche Gesichter im Publikum kannte er. Und natürlich kannte er die Namen aller Mädchen. Monique war auf der Bühne und vollführte wellenartige, kreisende Bewegungen, die kaum zu beschreiben waren. George erinnerte das irgendwie an Bodenturnen, und er stellte sich eine ganz neue olympische, nicht jugendfreie Gymnastik-Disziplin vor, deren Athletinnen Trixie Devine oder Bunny LeFleur hießen.

„Kim ist gleich dran, Mr Faulkner“, informierte Carol ihn, nachdem sie wieder zurückkam. „Danach hat sie Zeit für Sie.“

„Danke, Carol.“ Er zog an seiner Zigarette und griff nach einem Aschenbecher, während er der tanzenden Monique zuschaute.

Die Limousine hielt vor einem Lagerhaus. Sie befanden sich in einem Teil von Queens, in dem Alessandra nie zuvor gewesen war, nahe dem Fluss und den Docks.

Der Mann mit dem Akzent, mit dem sie im Auto telefoniert hatte, öffnete die Tür und bedeutete Alessandra, auszusteigen. Er war groß und breit, mit blonden Haaren und osteuropäischen Gesichtszügen. Hohe, slawische Wangenknochen, eine leicht abgeflachte Nase, breite Stirn, hellblaue Augen.

„Wo sind wir?“, wollte Alessandra wissen.

Er betrachtete sie mit einem völlig gleichgültigen Ausdruck in den Augen. Da waren weder Interesse an ihrer Schönheit noch sonst eine menschliche Regung. Es war, als sei sie unsichtbar.

Oder schon tot.

„Es ist besser, wenn Sie nicht viele Fragen stellen“, riet er ihr mit einer Stimme, die sie an Arnold Schwarzenegger erinnerte, der die Rolle eines vornehmen Kunsthändlers spielt.

Sie atmete tief ein und nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Haben Sie nicht gesagt, Michael Trotta wolle mich sprechen? Ich verstehe nicht, warum Sie mich den ganzen Weg hierhergebracht haben, obwohl er doch nicht weit weg wohnt von …“

„Folgen Sie mir bitte.“

Das war lächerlich. Es gab eigentlich keinen echten Grund, sich zu fürchten. Sie kannte Michael und seine Frau Olivia seit sieben Jahren. Selbst wenn die Gerüchte stimmten, die sie in all den Jahren gehört hatte, und einige von Michaels Geschäften illegal waren, bedeutete das noch lange nicht, dass sie vor ihm Angst haben musste. Er mochte sie.

Letztes Jahr Weihnachten erst war sie auf einer Party bei ihm gewesen. Er hatte ihr persönlich einen Drink gemixt und ihr einen sehr blöden Witz über einen Rabbi, einen Priester und einen Alligator erzählt.

Ja, Michael Trotta mochte sie. Andererseits hatte sie auch immer geglaubt, er möge Griffin.

Der Mann öffnete die Lagerhaustür, und sie betrat dahinter einen Raum, der durch Trennwände aufgeteilt war. Statt in einer großen Halle stand Alessandra in einem langen Flur, der sich bis zum Ende des Gebäudes erstreckte. Das Klappern ihrer Absätze hallte auf den billigen Bodenfliesen.

Es gab keine Türen in diesem Teil des Korridors, nur ein schwach beleuchteter weiterer Flur führte nach rechts. Es war unheimlich und still und absolut kein Ort, an dem sie sein wollte.

Was, falls sie sich irrte? Wenn Michael Trotta hinter dem Vandalismus in ihrem Haus steckte und hinter diesem Furcht einjagenden Telefonanruf, den sie gestern Nacht erhalten hatte? Wo ist das Geld? Finde es. Schnell. Sonst bist du die Nächste.

Was, wenn er für Griffins Tod verantwortlich war?

Der Mann mit dem Akzent blieb vor einer Tür stehen – der einzigen Tür auf dem ganzen langen Korridor. Er klopfte, und sie wurde einen Spaltbreit geöffnet. Ein Typ spähte hinaus, doch niemand sprach. Dann wurde die Tür wieder geschlossen.

„Was …“, begann Alessandra.

„Wir warten. Ruhig.“

„Ich wusste, dass ich dich hier finden würde.“

George schloss die Augen. Das war nicht die Stimme seiner Exfrau. Er weigerte sich, das zu glauben. Doch als er die Augen wieder aufmachte, rutschte Nicole gerade auf den Barhocker neben ihm. „Da ich dich zu Hause nicht erreicht habe, nahm ich an, du seist hier.“ Sie wedelte mit der Hand. „Meine Güte, wann hast du wieder angefangen zu rauchen?“

Er zog erneut an seiner Zigarette und drückte sie im Aschenbecher aus. „Vor ungefähr vier Monaten, ehe wir uns trennten.“

Nicole trug eine kakifarbene Hose und einen Pullover, sah jedoch trotz der legeren Kleidung ganz wie die effiziente FBI-Agentin aus, die sie war. Ihre kurzen braunen Haare hatte sie sorgfältig zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und sich sehr dezent geschminkt: nur ein wenig Lippenstift und ein wenig Rouge.

George richtete seine Aufmerksamkeit auf Monique. „Dies ist mein erster freier Tag seit Wochen. Du solltest lieber einen guten Grund haben, warum das nicht bis Montag warten kann.“

Auf der Bühne löste Monique, kniend, den Vorderverschluss ihres BHs und streifte ihn ab. Sie warf den Kopf zurück und bog den Rücken durch, sodass die Bühnenscheinwerfer ihre prachtvollen nackten Brüste erfassten, deren absurd große Brustwarzen steil aufgerichtet waren.

„Moment mal“, bemerkte Nicole. „Ist das alles echt?“

George nickte. „Echt genug für mich.“

„Ist das Kim?“, erkundigte sie sich.

Er wandte ihr das Gesicht zu und stellte fest, dass sie ihn genauso intensiv betrachtete, wie er Monique beobachtet hatte. In ihren hellbraunen Augen lag eine Spur Traurigkeit. Er schaute wieder zu Monique, weil er das nicht wahrhaben wollte. Er wollte nicht daran denken, dass die noch viel zu frische Scheidung Nicole nicht kaltgelassen haben könnte.

Denn das stimmte einfach nicht. Sie war so herzlos, wie sie ihm es stets vorgeworfen hatte. Was immer er in ihren Augen zu lesen geglaubt hatte, war bloß Schauspielerei.

„Nein“, antwortete er knapp. „Kim kommt als Nächste. Dann wirst du schon gegangen sein.“

Monique bewegte sich, ihre Brüste waren nahezu perfekt geformt, zwei feste Halbkugeln. Nicoles Skepsis war durchaus begründet. Die Tänzerin musste mit plastischer Chirurgie nachgeholfen haben.

„Ich werde im Trotta-Team arbeiten“, erklärte Nicole ihm.

„Im Außeneinsatz?“ Georges Stimme brach, und er konnte sein Entsetzen kaum verbergen. „Mit mir und Harry?“

Ihr Lächeln wirkte angespannt. „Bleib ruhig. Ich werde die meiste Zeit vom Büro aus arbeiten. Aber ihr seid mir unterstellt.“

„Na, das wird lustig.“

„Um ehrlich zu sein, ist Harry O’Dell eines der Themen, über die ich mit dir sprechen wollte. Wie verlässlich ist er?“

„Er ist der beste Partner, mit dem ich je zusammengearbeitet habe.“ George schaute ihr in die Augen und wartete darauf, dass sie ihn darauf hinwies, dass auch sie einst Partner gewesen waren. Vor einer Milliarde Jahren und all den Problemen.

Aber Nicole sprang gar nicht darauf an. „Die psychologische Abteilung ist der Meinung, dass er sich hart an den Grenzen bewegt. Er hat einen ziemlich wilden Ruf. Es heißt, seine Besessenheit von Trotta sei eine persönliche Sache.“

„Harry nimmt alles persönlich. Er ist vollkommen verrückt“, pflichtete George ihr bei. „Aber er ist der Beste. Und das meine ich ernst, Nicki. Nimm ihn nicht aus dem Team.“

Sie hielt seinem Blick ein paar Sekunden lang stand, dann nickte sie. „Na schön, er bleibt. Vorerst.“

„Mrs Lamont. Was für eine Freude, Sie wiederzusehen.“

Michael Trotta saß hinter seinem enormen Eichenschreibtisch. Alessandras erster Eindruck von seinem Büro war überraschend. Sie hatte dunkles Holz und schwarzes Leder erwartet, doch die Wände waren in hellen Farben gestrichen, und trotz der fehlenden Fenster wirkte der Raum freundlich und hell. Überall gab es frische Blumen und Pflanzen.

Aber dann nahm sie nur noch den riesigen Hund wahr, der knurrend die Zähne fletschte und an der Kette zerrte, die ein schweigender Mann hielt, der sich neben Trottas Schreibtisch befand.

Alessandra stellte sich hinter den Mann mit dem Akzent.

„Verzeihen Sie“, entschuldigte sich Michael. „Sitz, Pinky! Sitz!“

Der Hund gehorchte, allerdings blieben seine Ohren aufgerichtet, die Lefzen hochgezogen. Er ließ sie nicht aus den Augen.

Alessandras Herz pochte so heftig, dass sie kaum atmen konnte. Dennoch zwang sie sich zu einem Lächeln. „Das ist eine meiner Kindheitsängste, die ich nie ganz überwunden habe. Selbst friedliche Hunde jagen mir Angst ein.“

„Das weiß ich“, erwiderte Michael. „Aber Pinky ist nicht friedlich. Er wurde zum Töten dressiert.“ Er grinste. „Wollen Sie sich nicht setzen?“

Der einzige Stuhl im Raum stand nur wenige Schritte vom Hund entfernt. Pinky. Was für ein alberner Name für einen Kampfhund.

„Ich bleibe lieber stehen, danke“, entgegnete sie.

„Bitte nehmen Sie Platz“, forderte er sie auf. „Ich bestehe darauf.“ Er wandte sich an den Mann mit dem Akzent. „Ivo?“

Ivo umfasste ihren Arm, doch sie befreite sich gleich wieder und trat selbst vor. Sie griff nach dem Stuhl und rückte ihn ein ganzes Stück von Pinkys nach wie vor gefletschten Zähnen weg.

Eine Mischung aus Amüsiertheit und etwas weniger Lustigem leuchtete in Michael Trottas braunen Augen auf. „Wissen Sie, warum Sie hier sind?“, fragte er.

Es gab Zeiten im Leben, in denen eine Frau am besten fuhr, wenn sie sich dumm stellte. Dies war jedoch keine dieser Situationen. „Ich schätze, es hat etwas mit Griffins Tod zu tun.“

„Da gibt es allerdings eine Verbindung“, räumte Michael ein und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Meine liebe Mrs Lamont, Sie haben etwas, das mir gehört.“

Nicole schaute zur Bühne des Fantasy Clubs, auf der Monique zum Ende ihrer Tanznummer kam, mit gespreizten Schenkeln und wild kreisenden Hüften.

„Sie ist gut, was?“, meinte George.

Nicole lachte. „Du bist ein solches Arschloch.“

Er rutschte von seinem Barhocker. „Ich bringe dich zur Tür.“

„Du hast es aber eilig, mich loszuwerden. Nur bin ich noch gar nicht fertig. Wir haben noch mehr miteinander zu besprechen.“

George sah zur Bühne, von der Monique unter sparsamem Applaus abging. Seufzend setzte er sich wieder. „Nicole. Darling. Es ist mein freier Tag.“

„Meiner auch, doch es kann eben nicht warten.“ Sie trank einen Schluck von seinem Drink. „Du und O’Dell wart gestern Nacht in Long Island, richtig? Ihr habt diesen Einbruch und Fall von Vandalismus untersucht, den Alessandra Lamont gemeldet hat, stimmt’s?“

Er nahm ihr das Glas aus der Hand. „Mein Bericht liegt Montag auf deinem Schreibtisch. Vorher nicht.“

Sie winkte ab. „Ich habe heute Morgen einen Anruf von einem verlässlichen Informanten erhalten“, berichtete sie. „Laut seiner Aussage kursieren da draußen Gerüchte, Alessandra habe etwas, das Trotta gehöre. Es soll sich um eine nicht unbeträchtliche Geldsumme handeln. Angeblich hat Trotta herausgefunden, dass Griffin ihn betrogen hat, indem er Geschäfte mit der Konkurrenz machte. Zur Strafe ließ Trotta ihn hinrichten, auch als deutliches Signal an seine Leute, dass es ihnen ähnlich ergehen könnte. Erst nachdem Griffin zwei Kugeln im Kopf hatte, fand Trotta heraus, dass eine Million Dollar fehlte.“

So makaber und schrecklich es auch war, George musste lachen. „Hoppla. Einen toten Mann bringt man nur schwer dazu, zu beichten, wo er eine Million Dollar versteckt hat.“

Auf Nicoles Lippen erschien ebenfalls ein Lächeln. „Ja. Insgesamt eine ziemlich blöde Situation.“

„Und das ist der Grund, weshalb Lamonts Haus verwüstet wurde?“, fragte George. „Trottas Leute haben nach der Million gesucht?“

„Das denken wir. Meine Quelle hat mir erzählt, dass Trotta das Geld entweder von der Ehefrau kriegt oder sie ebenfalls umbringt. Indem er Mrs Lamont tötet, unterstreicht er gewissermaßen seine Botschaft. Gerüchten zufolge wird es diesmal keine reine Hinrichtung werden. Laut meinem Informanten wird Trotta dafür sorgen, dass jeder weiß, dass die Gattin für die Sünden ihres Mannes bezahlt hat.“

George schüttelte den Kopf. „Das ist eine Technik, die in ‚Der Minuten Manager‘ nicht gelehrt wird. Kontrolle durch Furcht vor bestialischem Tod.“

Sein Blick wanderte wieder zur Bühne. Sie war nach wie vor leer. Für gewöhnlich gab es eine zehnminütige Pause zwischen den Tänzerinnen. Blieben noch sieben Minuten, bis Kim auftrat.

„Mein Plan ist es, Alessandra in Schutzhaft zu nehmen“, erklärte Nicole. „Trotta soll glauben, sie sei im Zeugenschutzprogramm. Dann lassen wir ihren Aufenthaltsort durchsickern. Wir haben genügend undichte Stellen bei der Polizei, es wird also echt aussehen. Wenn Trotta seine Männer schickt, um sie auszuschalten, werden wir sie bereits erwarten. Mit etwas Glück kriegen wir ihn schon in wenigen Wochen wegen versuchtem Mord dran.“

„Und du glaubst, Alessandra Lamont wird da mitspielen?“, meinte George.

Nicole schüttelte den Kopf. „Nein. Wir können ihr nicht sagen, was los ist. Schließlich wissen wir nicht genau, wie sie zu Trotta steht. Sie soll auf keinen Fall denken, ihre Überlebenschancen wären besser, indem sie ihm ihre Loyalität beweist und uns auffliegen lässt.“

George nickte. „Und warum genau konntest du mir das nicht alles erst am Montag erzählen?“

„Es heißt, Trotta habe Mrs Lamont ein Ultimatum gestellt. Meine Quelle hatte keinen Schimmer, wie viel Zeit er ihr eingeräumt hat, aber ich tippe höchstens auf ein paar Tage. Du musst zu ihr fahren, ihr sagen, was wir über Trotta wissen, und ihr eine Todesangst einjagen.“

Alessandra hatte Todesangst. Ihr Herz hämmerte so laut, dass Michael Trotta es unmöglich nicht hören konnte. Eine Million Dollar. Griffin hatte eine Million Dollar gestohlen.

Pinky, der Hund, war wieder auf den Beinen.

„Aber ich habe keine Ahnung, wo das Geld ist“, erklärte sie. „Griffin und ich waren dabei, uns scheiden zu lassen. Er wohnte nicht einmal mehr zu Hause. Soweit ich weiß, hat er alles längst ausgegeben.“

Michael sah zu Ivo. „Habe ich gesagt, dass ich Entschuldigungen und Ausflüchte hören will?“

„Nein, Sir. Sie wollen das Geld, das Griffin Lamont Ihnen gestohlen hat.“

„Nach unseren Informationen hat Griffin die Kohle schon vor über einem Jahr auf die Seite geschafft“, meinte Michael. „Anfang April letzten Jahres. Da war er noch glücklich mit Ihnen verheiratet.“ Er erhob sich. „Sie haben achtundvierzig Stunden, um dieses Geld zu finden, Mrs Lamont. Ich schlage vor, Sie fahren auf direktem Weg nach Hause und machen sich an die Arbeit.“

„Aber …“

Ivos Hand legte sich auf ihre Schulter. Alessandra sah auf, und er schüttelte den Kopf. Es war nur eine ganz leichte Bewegung. Rechts, links, und wieder zurück. Sie schloss den Mund.

Michael nahm dem anderen Mann die Hundekette aus der Hand. „Haben Sie eine Vorstellung davon, wie lange ein Hund wie Pinky dafür benötigt, eine Person Ihrer Größe und Ihres Gewichts zu zerreißen?“, erkundigte er sich.

Panik schnürte ihr die Kehle zu. Stumm schüttelte sie den Kopf. Nein, sie wusste es nicht. Eine Million Dollar. Wenn Griffin alles oder einen Teil ausgegeben hatte, würde sie niemals imstande sein, diese Summe zurückzuzahlen. Auf gar keinen Fall.

Michael grinste. Es war das gleiche Lächeln, mit dem er ihr auf der Weihnachtsfeier einen Drink gereicht hatte. „Ich auch nicht“, gestand er. „Aber wenn Sie die Million nicht innerhalb der achtundvierzig Stunden beschaffen, werden wir alle es herausfinden.“

Die Musik setzte ein, laut und pulsierend. George blickte auf seine Uhr. Es war vier Minuten zu früh. Kim begann ihren Auftritt vier Minuten zu früh. Mist. Er glitt vom Barhocker. „Wir sollten Harry suchen, damit du ihm all das erzählen kannst, was du mir gerade berichtet hast.“

Doch dann gingen die Bühnenscheinwerfer an, und George erkannte an Nicoles Gesichtsausdruck, dass Kim auf der Bühne erschienen war. Sie starrte Kim an, schaute ihn an und dann wieder zu Kim.

„Ich fasse es nicht“, bemerkte seine Exfrau. „Sie sieht aus wie ich.“

George stieß einen schnaubenden, ungläubigen Laut aus, wie Harry es immer tat, und legte genau die richtige Menge Geringschätzung in seine Stimme. „Sieht sie nicht.“

„Oh doch, und ob.“

Er schaute zu Kim und kniff die Augen ein wenig zusammen, als versuche er, die Ähnlichkeit zwischen der Stripperin und seiner Exfrau zu entdecken. Auf der Bühne wand Kim sich aus ihrem Rock und brachte einen sehr, sehr knappen String zum Vorschein. Sie drehte sich um, damit das Publikum ihren Po ausgiebig betrachten konnte, während sie tanzte.

„Nein, tut sie nicht“, log George. „Na ja, mal abgesehen davon, dass ihr beide weiblich seid und in etwa die gleiche Größe habt …“

„Wir haben beide kurze braune Haare und fast identische Frisuren. Unsere Gesichter gleichen sich so sehr, dass wir glatt Zwillinge sein könnten.“

Kim bewegte sich näher zum Rand der Bühne, damit einer der Männer ihr eine Dollarnote unter den String stecken konnte. Sie lächelte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

Nicole boxte George gegen den Arm.

„He, wofür war das?“

„Dafür, dass du ein kranker Mistkerl bist und dich daran aufgeilst, dir vorzustellen, ich stünde da oben und würde mich wie ein lebendiges Sexspielzeug präsentieren.“ Sie war stinkwütend und presste die Zähne fest zusammen. „Denn genau darum geht es doch wohl, oder?“

„Du bist komplett paranoid …“

„Du fühlst dich tatsächlich bedroht von der Tatsache, dass eine Frau so erfolgreich sein kann wie ich, in einem Spiel, das du gewinnen willst. Nicht wahr?“

George verdrehte die Augen. „Oh, das ist ja toll. Kramen wir ruhig dieses Thema wieder hervor.“

„Weiß dieses Mädchen, dass du sie nur für eine Art von bizarrer Rache benutzt?“

„Immer muss alles mit dir zu tun haben, was?“, konterte er. „Ist dir jemals in den Sinn gekommen, dass die vagen Ähnlichkeiten – die ich nach wie vor nicht erkennen kann – reiner Zufall sein könnten?“

„Nein.“

„Zu deiner Information, auch wenn es dich nichts angeht: Ich bin mit Kim nur zusammen, weil der Sex gut ist, und dessen ist sie sich bewusst. Es beruht auf Gegenseitigkeit. Es macht ihr Spaß, es mit einem FBI-Agent zu treiben. Keine Ahnung, warum. Meiner Erfahrung nach taugt der Sex mit einem Bundesagenten nichts.“

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, wurde ihm klar, dass er einen gemeinen Tiefschlag gelandet hatte. Und eine bange Sekunde glaubte er schon, das Unmögliche geschafft und Nicole zum Weinen gebracht zu haben.

Dabei stimmte es nicht einmal. Nicht der Sex war schlecht gewesen, sondern die Tatsache, dass sie um jeden Preis Karriere machen wollte und deshalb keine Zeit mehr für ihn blieb, für sie beide.

Aber sie brach nicht in Tränen aus, sondern bewahrte ihre Fassung, wie sie es stets tat. Bloß keine Gefühle zeigen, sonst hielt man sie womöglich noch für eine Frau aus Fleisch und Blut. Ihre Stimme war kühl, als sie mit skeptisch hochgezogener Augenbraue fragte: „Hattest du eigentlich jemals ein Herz, George? Oder ist es dir gelungen, mich von Anfang an zum Narren zu halten?“

„Du bist doch der Top-Agent. Finde es selbst heraus.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Im Schutz der Dämmerung" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen