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Im Schloss unserer Liebe

1. KAPITEL

Die Ausbeute des Tages bestand in einem knappen Teelöffel Gold. Kelly teilte die wertvollen Körner gerecht auf, schüttete sie in beschriftete Glasfläschchen und schenkte sie den dankbaren Touristen zur Erinnerung an ihre Reise in die Vergangenheit.

Auch Kelly hätte mit dem Tag zufrieden sein können. Doch sie fror. Um achtzehnhundertfünfzig waren Regenmäntel noch nicht erfunden worden, und ihre historische Kleidung war schon durchweicht gewesen, ehe sie die Touristen in die Mine hinabgeführt hatte. Deshalb sehnte sie sich jetzt danach, endlich den nassen Arbeitskittel und die derben Lederstiefel loszuwerden, um in ihrem warmen Häuschen in die heiße Wanne zu steigen. Ihr Bad war der einzige moderne Komfort, den sie sich gönnte. Sonst lebte sie auf dem Museumsgelände der Goldfelder wie Menschen der damaligen Zeit und war zufrieden damit.

Als die Gäule, müde vom Ziehen der Förderkarren, zu den Stallungen trotteten, wartete sie aus sicherer Entfernung ab. Einst hatte sie Pferde geliebt, aber nun, selbst nach so langer Zeit, kam sie ihnen lieber nicht in die Quere.

Sobald der Weg wieder frei war, entdeckte sie zwei Touristen, einen Mann und ein Kind, die aussahen, als wollten sie sie ansprechen.

Wer mögen die beiden sein?, überlegte Kelly. An ihrer Führung durch die Minen hatten sie nicht teilgenommen. Der Mann sah unverschämt gut aus. Groß, braun gebrannt, dunkelhaarig. Irgendwie aristokratisch, fand sie. Ja, diese altmodische Bezeichnung passte auf den Fremden.

Der kleine Junge, vielleicht sein Sohn, mochte ungefähr fünf Jahre alt sein. Beim Anblick seiner glänzenden schwarzen Locken und großen braunen Augen zog sich ihr Herz zusammen. Das war ihr in den letzten Jahren häufig passiert.

Wie viele Fünfjährige gab es auf dieser Welt?

Würde sie jemals darüber hinwegkommen?

Konnte sie das sein?

Rafael starrte zu der Gestalt hinüber, die jenseits des Weges wartete, bis die Pferde vorbeigezogen waren. Prinzessin Kellyn Marie de Boutaine von Alp de Ciel? Was für eine lächerliche Vorstellung!

Dieses mit Schmutz bespritzte Wesen erinnerte an einen müden, frierenden Goldgräber aus dem 19. Jahrhundert. Nur die unter der Krempe des Filzhutes hervorquellenden kastanienbraunen Locken passten weder zu einem Mann noch ins historische Bild.

Wenn seine Informationen stimmten, musste sie es aber sein. Das ganze Unternehmen stellte sich also doch als schwieriger als gedacht heraus.

Wie die meisten Einwohner von Alp de Ciel hatte er diese Frau nicht für eine geeignete Mutter gehalten. Er war davon ausgegangen, dass sie aus freien Stücken ihr Neugeborenes zurückgelassen hatte.

Erst durch den Untersuchungsbericht war er eines Besseren belehrt worden. Und was er erfahren hatte, empörte ihn … Er schaute auf das Kind an seiner Seite. Wenn es stimmte … Wenn sie gezwungen worden war …

Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit musste er wiedergutmachen. Und wenn es das Einzige bliebe, was er in seinem neuen Amt zustande brachte!

Mathieu griff nach seiner Hand und klammerte sich daran fest. Ich darf jetzt nicht resignieren, meldete sich eine innere Stimme in Rafael. Immerhin waren sie um die halbe Welt bis hierher nach Australien gereist.

Er musste sofort etwas unternehmen, denn die Frau war im Begriff zu gehen.

Immer noch standen Mann und Kind wie angewurzelt da und beobachteten sie.

„Kann ich Ihnen helfen?“, frage Kelly und setzte das freundliche Lächeln auf, mit dem die Teammitglieder alle Besucher des historischen Freilichtmuseums begrüßten. „Möchten Sie noch etwas wissen, bevor wir für heute schließen?“

Die meisten Touristen waren schon gegangen. Pete, der für die Sicherheit zuständige ältere Mann, wartete am Tor auf Nachzügler.

„Wenn du möchtest, kann ich dir ein Büchlein mit Fotos vom Goldschürfen schenken.“ Unwillkürlich lächelte sie den kleinen Jungen an und versuchte, darüber hinwegzusehen, wie ähnlich …

Das Kind antwortete nicht.

„Die heutige Führung ist vorbei. Wenn du möchtest, übertrage ich die Eintrittskarten auf morgen. Dann kannst du wiederkommen.“

„Ich möchte morgen wiederkommen“, sagte der Junge ernst und mit französischem Akzent. „Geht das, Onkel Rafael?“

„Das weiß ich noch nicht.“ Der Fremde ließ Kelly nicht aus den Augen. „Es hängt davon ab, ob Sie diejenige sind, die wir suchen“, sagte er. „Wir möchten zu Kellyn Marie Fender. Der Mann am Eingang hat uns zu Ihnen geschickt. Sind Sie es?“

Kelly bekam eine Gänsehaut. Diese beiden Menschen hatten irgendetwas an sich … Der Mann sah sie so seltsam an …

„Jaaa …“

„Dann müssen wir mit Ihnen sprechen.“ Die Stimme des Fremden klang plötzlich eindringlich. Der rasche Blick, den er zu Pete hinüberwarf, beunruhigte sie. Sie bekam es mit der Angst zu tun.

„Tut mir leid.“ Es fiel ihr nicht leicht, gelassen zu bleiben. „Wir schließen. Bitte kommen Sie morgen wieder.“

„Aber wir sind wegen einer privaten Angelegenheit hier.“

„Was darf ich darunter verstehen?“

„Mathieu ist die private Angelegenheit.“ Mit einem Mal klang die Stimme des Mannes sehr weich, und er schaute den Jungen an. „Mathieu, das ist die Dame, derentwegen wir hergekommen sind. Ich glaube, sie ist deine Mutter.“

Die Welt schien stillzustehen.

Kelly war, als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen. Nichts regte sich. Nichts.

Lange sah sie den Mann an, unfähig, den Blick abzuwenden. Sie fühlte sich wie erstarrt.

Langsam streckte sie die Hand vor, wie Halt suchend.

Der Mann griff nach ihrem Ellbogen, stützte sie und hielt sie aufrecht.

„Kellyn?“

Sie rang nach Atem und fand schließlich die Kraft, sich ohne Hilfe auf den Beinen zu halten. Dann taumelte sie ein paar Schritte zurück.

Beide beobachteten sie. Der Mann und das Kind. Geduldig abwartend.

Hatte sie richtig verstanden?

„Mathieu?“, hauchte sie.

Das Kind sah fragend zu dem Mann auf. Dann nickte es ernst. „Oui.“

Tu parles Anglais?“ Eine dumme Frage. Der Junge hatte bereits gezeigt, dass er Englisch verstand und sprach.

Oui“, wiederholte der Kleine und hielt die Hand seines Onkels noch fester umklammert. „Meine Tante Laura sagt, es ist wichtig, Englisch zu können.“

„Mathieu.“ Kelly bekam weiche Knie. Sie gab dem nach und ließ sich in die Hocke nieder, um auf Augenhöhe mit dem Kind zu sein. „Du bist Mathieu. Mein … mein Mathieu?“

Der Junge zögerte. Wieder schaute er zu seinem Onkel hoch. Als der ernst und zustimmend nickte, betrachtete Mathieu sie schweigend und ausgiebig, berührte, wie um sich zu versichern, sogar ihren Arbeitskittel und sah ihr dann unverwandt in die Augen. Sein kleines Kinn zitterte.

„Ich weiß nicht“, wisperte er.

„Du weißt es“, sagte Rafael sanft. „Wir haben es dir doch erklärt.“

„Aber sie sieht gar nicht aus wie …“

Das Kind scheint genauso verwirrt zu sein wie ich, dachte Kelly. Und ebenso ungläubig. Es versuchte, das Weinen zu unterdrücken.

Als ihm Tränen über die Wangen liefen, hätte Kelly sie gern fortgewischt. Doch das durfte sie nicht. Sie musste das Bedürfnis, den Jungen zu berühren, bezwingen.

Sie musste warten, abwarten.

Schließlich schluckte er und drängte sich dichter an den Mann.

„Onkel Rafael sagte, du bist meine Mama“, flüsterte er mit Hoffnung und Angst in den Augen.

Da verlor Kelly die Selbstbeherrschung. Obwohl sie sich geschworen hatte, nicht mehr zu weinen, stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Es gab keine Möglichkeit, sie aufzuhalten, irgendetwas zu sagen oder zu tun. Sie konnte nur vor ihrem Sohn knien und den Tränen freien Lauf lassen.

„He, Kelly.“ Das war Pete. Wahrscheinlich kam ihm ihr Betragen merkwürdig vor. Außerdem wollte er die letzten Museumsbesucher loswerden. „Es ist fünf nach fünf“, brüllte er vom Tor herüber.

Rafael schaute auf sie hinab, erkannte, dass sie nicht in der Lage war, zu antworten, und rief: „Wir sind keine Besucher. Wir sind Freunde von Kellyn.“

„Kelly?“ Pete klang argwöhnisch.

Sie riss sich vom Anblick des Kindes los und räusperte sich. „Schließ ruhig ab, Pete. Ich nehme sie mit nach Hause.“

„Alles in Ordnung?“

Der Chef des Wachpersonals schien beunruhigt. Er war fast sechzig und fühlte sich nicht nur für das Gelände, sondern auch alle Mitarbeiter verantwortlich wie ein Familienoberhaupt. Kelly fürchtete, dass er herüberkommen, Rafael nach seinem Ausweis fragen und ihr eine Standpauke halten würde, weil sie einen Fremden zu sich einlud.

„Ja, alles in Ordnung“, rief sie ihm zu und legte mehr Sicherheit in ihre Stimme, als sie empfand. „Ich kenne diese Leute.“ Und leise fügte sie hinzu: „Ich kenne dieses Kind.“

Auf dem Gelände des Freilichtmuseums, auf dem das Leben der Goldgräber um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts rekonstruiert war, gab es Minenschächte, Übernachtungslager, Geschäfte, Hotels und kleine Häuser. So weit wie möglich wurde alles benutzt, um den Besuchern eine lebensfähige, sich selbst versorgende Gemeinschaft vor Augen zu führen.

Kelly hatte man ein kleines, am Hang liegendes Haus überlassen. Sie war froh darüber, nicht außerhalb leben zu müssen, und liebte die Gemütlichkeit, die es ihr bot.

An der Wirklichkeit, die sich jenseits des historischen Geländes abspielte, war ihr Interesse erloschen. Dort war sie vor langer Zeit tief verletzt worden, ehe sie sich hierherflüchten konnte, um ihren Frieden zu finden.

Als sie nun ihre Haustür öffnete und ihr wohlige Wärme entgegenschlug, spürte sie, wie gefährdet ihr zurückgezogenes Leben war. Doch selbst wenn sie jetzt dem fremden Mann und dem Kind die Tür zuschlagen würde, wäre nichts mehr wie früher.

Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr kam ihr das Ganze wie ein grausamer Scherz vor. Was für ein Spiel trieb das Schicksal mit ihr? Erst hatte es ihr Mathieu geraubt. Und nun gab es ihn ihr wieder zurück? Das konnte nur ein verrückter Traum sein.

Doch die beiden Menschen waren da und folgten ihr auf den Fersen ins Haus. Das Kind schaute sich um und nahm mit großen Augen wahr, welch behagliches Zuhause die alten Gemäuer bargen. Obwohl die Museumsverwaltung keinerlei Vorschriften zur Einrichtung machte, benutzte Kelly den Holzofen, den rohen Holztisch, die Sessel mit verstellbarer Lehne und Kissen, das wuchtige uralte Sofa neben dem Feuer.

Auf dem Ofen stand ein Topf mit Suppe, die sie morgens zubereitet hatte. Nach diesem kalten, verregneten Tag empfand sie den köstlichen Duft als Begrüßung.

Doch nun wusste sie nicht weiter. Der Mann – Rafael – beobachtete sie. Sie beobachtete den Jungen, der alles genau betrachtete.

„Wohnst du hier?“, fragte er schließlich und vermied es, sie anzuschauen.

Auch Kelly fühlte sich hilflos und überfordert, doch sie konnte sich an ihm nicht sattsehen.

„Ja.“ Noch immer kam ihr alles ganz unwirklich vor. War das …? War das wirklich ihr …?

„Ist das ein richtiger Ofen?“

Sie nickte. „Willst du das Feuer sehen?“

„Ja, gern.“

Sie öffnete die Klappe. Der Junge schaute auf die Glut und runzelte die Stirn.

„Kochst du darauf?“

„In dem Topf ist Suppe.“ Sie nahm ein Scheit und legte es auf die Glut. „Meine Suppe köchelt schon den ganzen Tag auf dem Ofen. Alle paar Stunden bin ich schnell hergelaufen und habe Holz nachgelegt, damit das Feuer nicht ausgeht.“

„Warum hast du keinen Herd mit Schaltern zum An- und Ausmachen wie wir in der Schlossküche?“

Die Schlossküche. Alp de Ciel. Vielleicht … vielleicht …

„So etwas Ähnliches habe ich auch.“ Als sie zum Schrank ging, um das elektrische Gerät mit zwei Kochplatten herauszuholen, wurde ihr bewusst, dass sie versuchte, Zeit herauszuschinden. „Darauf koche ich im Sommer, wenn es sehr heiß ist.“

„Und im Winter kochst du mit Feuer.“

„Genau.“

„Interessant.“

Rafael hielt sich zurück, beobachtete alles und schwieg. Sein Blick verunsicherte Kelly. Es fiel ihr schwer, sich auf Mathieu zu konzentrieren.

„Kannst du auch Kuchen darauf backen?“

„Ich habe einen fertigen in der Speisekammer.“ Erst gestern Abend hatte sie gebacken, weil sie Lust dazu gehabt hatte und eine Kleinigkeit zur Teambesprechung mitbringen wollte. Doch dann war sie für einen kranken Kollegen eingesprungen, und der Kuchen war unberührt geblieben.

Als sie jetzt das Blech hervorholte, bekam der Junge große Augen. „Das ist ja ein Schokoladenkuchen.“

„Den mag ich am liebsten“, gestand Kelly.

„Onkel Rafael sagt, du bist meine Mutter.“ Mathieu schaute sie immer noch nicht an, sondern vertiefte sich in den Anblick des Kuchens, als wäre er der Schlüssel zur Wahrheit.

„Hm.“

„Ich verstehe das nicht. Ich dachte, meine Mutter trägt ein schönes Kleid.“

Ich dachte, meine Mutter trägt ein schönes Kleid.

Der Kleine hatte sich Vorstellungen von seiner Mutter gemacht, und sie hatte sich Vorstellungen von ihrem Kind gemacht.

„Ich könnte heulen“, sagte sie laut, um nicht wirklich loszuweinen.

Mann und Kind sahen sie besorgt an, auch ein bisschen irritiert. Nein, sie trug kein schönes Kleid. Sie trug einen groben Arbeitskittel und Stiefel. Schmutzig war sie auch. In keinerlei Hinsicht entsprach sie der kindlichen Vorstellung einer Mutter. Sie hatte ja auch keine sein dürfen, in den vergangen fünf Jahren. „Ich verstehe auch nichts, Mathieu“, gab sie kleinlaut zu.

„Sie wissen doch, dass der Junge seinen Vater verloren hat.“

„Kass? Kass ist tot?“ Sie schaute Rafael entsetzt an, dann das Kind. „Dein Papa?“

„Papa hatte einen Unfall mit dem Auto.“ Der Junge wirkte seltsam unberührt.

„Matty, das tut mir so leid für dich.“

Matty. So hatte sie ihren Sohn genannt, in den wenigen Wochen, die sie ihn bei sich haben durfte. Mathieu, der Name, den sein Vater für ihn ausgesucht hatte, schien ihr viel zu formell für das kleine Bündel, das er damals gewesen war.

„Tante Laura nennt mich auch Matty“, sagte der Junge und lächelte zum ersten Mal. „Sie weiß von den Kinderschwestern, dass meine Mama mich so genannt hat.“

„Aber …“ Bevor ihr die Beine wegknickten, setzte sie sich auf einen Stuhl. „Aber …“

„Matty, willst du uns nicht Kuchen servieren?“ Mit einem kurzen Seitenblick auf Kelly, die nicht in der Lage war zu sprechen, öffnete Rafael Schubladen und Schränke, holte drei Teller hervor und stellte sie zu dem Kuchen. Dann drückte er dem Kind ein Messer mit stumpfer Klinge in die Hand. „Wir brauchen drei gleich große Stücke“, sagte er. „Du schneidest sie ab. Nur so breit wie zwei Finger, bitte.“

Der Junge nickte eifrig, betrachtete seine Finger und machte sich an die Arbeit. Er würde eine Weile beschäftigt sein.

Rafael zog einen Stuhl hervor, setzte sich Kelly gegenüber an den Küchentisch und ergriff ihre Hände. Seine waren groß und warm, ihre eiskalt. Es tat gut, sie wärmen zu lassen.

Sie hatte eine schwere Grippe hinter sich. Vielleicht war sie noch nicht wieder ganz hergestellt. Vielleicht fror sie deshalb so sehr.

„Ich hätte anrufen sollen“, entschuldigte er sich. „Es war zu viel auf einmal für Sie. Ich bin davon ausgegangen, dass Sie von Kass’ Tod schon wussten, habe mich allerdings gewundert, dass Sie keinen Kontakt zu uns aufnahmen.“

„Ich begreife gar nichts …“

„Alp de Ciel ist zwar nur ein kleines Land, doch der Tod des Staatsoberhaupts machte weltweit Schlagzeilen. Auch hier in Australien. Lesen Sie denn gar keine Zeitungen?“

„Schon. Aber nicht in letzter Zeit. Mir ging es nicht gut. Wir waren hoffnungslos unterbesetzt.“ Ihre Stimme überschlug sich fast. Das Zittern wurde heftiger. Sie wollte ihm ihre Hände entziehen, er hielt sie fest. Vielleicht glaubte dieser Mann, sie wärmen zu müssen. Doch er gehörte zur Familie de Boutaine. Mit denen hatte sie nichts mehr zu tun.

Matty war auch ein de Boutaine. Und jetzt stand er in ihrer Küche und schnitt Kuchen.

„Ich hatte die Grippe“, flüsterte sie. „Eine schwere Grippe. Sie hat mich wochenlang ans Bett gefesselt. Die halbe Belegschaft war krank. In den letzten Monaten waren wir krank, oder wir rackerten uns ab, um die Kranken zu vertreten.“

„Also deshalb waten sie hier im Schlamm herum“, bemerkte er mitfühlend. „Meine Informanten sagen, dass Sie Historikerin sind und hier Forschung betreiben.“

Seine Informanten! So hätte Kass sprechen können. „Was ich hier tue, geht Sie nichts an.“

„Die Frau, die für Mathieu verantwortlich ist, geht mich allerdings etwas an.“

Eine Weile sah sie ihn sprachlos an.

„Wer … wer sind Sie eigentlich?“, fragte sie schließlich.

„Kass war mein Cousin.“

Sie befeuchtete sich die Lippen. „Ich erinnere mich nicht, Ihnen jemals …“

„Kass und ich sind uns aus dem Weg gegangen.“ Er warf einen kurzen Blick auf Matty. Doch der Junge war ganz auf seine Aufgabe konzentriert.

„Mein Vater war der jüngere Bruder von Kass’ Vater, dem früheren Fürsten. Papa heiratete eine Amerikanerin. Meine Mutter heißt Laura. Wir drei lebten im Witwenhaus neben dem Schloss. Meine Mutter wohnt heute noch dort. Die Ehe meiner Eltern war sehr glücklich. Deshalb will sie nicht fortziehen. Ich selbst bin nach dem Tod meines Vaters, mit neunzehn, von zu Hause weggegangen. Seit fünfzehn Jahren arbeite und lebe ich in New York. Als Kass starb, hat man mich zurückgeholt. Zu meinem Entsetzen bin ich nun Prinzegent.“

„Prinzregent?“

„Wie es aussieht, muss ich Alp de Ciel bis Mattys fünfundzwanzigstem Geburtstag regieren.“ Das klang nicht gerade erfreut. „Solange ich nicht abdanke, was ich nicht vorhabe.“

An ihrem Küchentisch saß also der Prinzregent von Alp de Ciel. Beinahe hätte sie laut losgelacht.

„Und warum sind Sie nach Australien gekommen?“

„Weil Matty seine Mutter braucht.“

Die Antwort verschlug ihr den Atem.

Sie sah sich nach Matty um und flüsterte: „Vor fünf Jahren verfügte Kass, dass sein Sohn keine Mutter braucht.“ Während sie krank war, hatte sie im Fieber fantasiert. Vielleicht war sie wieder krank und bildete sich die Anwesenheit ihres Kindes nur ein?

Nein, Matty war da. Er verkleinerte gerade ein Kuchenstück und schob sich den kleinen Teil in den Mund.

„Mein Cousin“, Rafael sprach mit gesenkter Stimme, „war ein Mensch ohne Moral. Ich weiß inzwischen, was er Ihnen angetan hat. Er hat Sie zu seiner Frau gemacht, als Sie fast noch ein Mädchen waren. Als Bürgerliche, die in ein Fürstenhaus heiratete, mussten Sie sich bereit erklären, im Falle einer Trennung gemeinsame Kinder dem Vater zu überlassen. Sie müssen sich wie im Niemandsland gefühlt haben, als sie Mutter eines Kronprinzen wurden. Auf Ihre Rechte hatten Sie ja schriftlich verzichtet. Selbst wenn Sie Affären gehabt …“

„Aber ich hatte keine Affären. Nicht eine einzige“, unterbrach ihn Kelly heftig. „Warum unterstellt man mir so etwas?“

„Ich glaube Ihnen. Und andere bezweifeln inzwischen auch Kass’ Version“, sagte Rafael grimmig. „Ihre angebliche Untreue diente als Vorwand für die Trennung und sollte Ihre Unmoral beweisen. Jeder wusste, dass Kass niemals vorhatte, eine richtige Ehe zu führen. Er hat Sie geheiratet, um seinen Vater vor den Kopf zu stoßen. Aber …“

„Ich möchte darüber nicht sprechen.“

„Das kann ich verstehen. Doch wir müssen darüber reden.“

Rafael hielt sie immer noch fest. Sie schaute auf seine und ihre ineinander verschränkten Finger. Würde sie die Kraft haben, ihre Hand zurückzuziehen?

Ja! Der Mann war ein de Boutaine. Deshalb war es nötig. Sie entzog ihm ihre Hand, und er gab sie frei.

„Dem Gerede nach“, fuhr er fort, „hat Kass eine Bürgerliche geheiratet, die kaum besser war als er selbst. Er brachte seine Frau erst in den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft nach Hause ins Schloss. Kaum war das gemeinsame Kind geboren, begann es in der Ehe zu kriseln. Kass wusste die Untreue und den schlechten Charakter seiner Frau so eindringlich zu schildern, dass sogar ein Vaterschaftstest gerechtfertigt schien. Sobald der DNA-Vergleich bewiesen hatte, dass Mathieu sein Sohn war, erklärte er das Visum seiner Frau für ungültig, verwies sie des Landes und verbot ihre Rückkehr. Die Frau verschwand, und nicht einmal die Boulevardpresse spürte sie auf. Man hat nie wieder etwas von ihr gehört, auch keine Forderungen nach einer Erhöhung der Apanage. Sie schien sich in Luft aufgelöst zu haben.“

„Und Matty?“, flüsterte Kelly. „Wie ist es ihm ergangen?“ Jeden Tag hatte sie sich das gefragt.

Rafael schaute lächelnd zu seinem Neffen hinüber. Der Kleine war dabei, die Krümel mit dem Finger aufzustippen und in den Mund zu stecken.

„Kass überließ seinen Sohn den Nannys . Doch Matty hatte Glück im Unglück, denn meine Mutter nahm sich seiner an. In den paar Wochen, die Sie sich im Schloss aufhielten, war sie bei mir in Manhattan zu Besuch gewesen. Als sie zurückkam, fand sie das mutterlose Baby vor, dessen Vater keine Lust hatte, sich um ein Kind zu kümmern. Sie liebt Matty über alles und versuchte, ihm die Eltern zu ersetzen. Jeden Sommer, wenn Kass zum Glücksspiel nach Monaco oder nach Südfrankreich verschwand, flog sie mit dem Jungen zu mir nach New York. Kass hatte nichts dagegen. Und so ist Matty auch mir ans Herz gewachsen.“

Kelly konnte kaum verarbeiten, was sie hörte. Sie rieb sich die Schläfen. „Ich habe Kopfschmerzen.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Rafael lächelte mitfühlend. Wenn sie wegen Matty nicht so angespannt gewesen wäre, hätte sein Lächeln ihr gutgetan.

„In Bezug auf Ihren Charakter hat sogar meine Mutter Kass’ Darstellung geglaubt. Alle wussten ja, dass er seinen Vater mit der Wahl seiner Ehefrau treffen wollte. Er hatte schließlich angekündigt, eine unpassende Frau zu heiraten. Sie verschwanden, und die Lügen über Sie setzten sich bei Hof und im Land fest. Erst nach Kass’ Tod erzählte mir sein Privatsekretär, was sich wirklich zugetragen hatte.“

„Crater …“

„Sie erinnern sich an ihn?“

„Ja.“ Nur zu gut. Ein älterer hoher Beamter … Mit einem Stoß Akten unter dem Arm war er zu ihr gekommen. Freundlich, aber unerbittlich hatte er ihr erklärt, sie habe keinerlei Rechte auf ihren Sohn. Dann war er mit ihr den Wortlaut der Papiere durchgegangen, die sie vor der Eheschließung leichtfertig unterzeichnet hatte. Sie war zu verliebt und gutgläubig gewesen, um auch nur in Erwägung zu ziehen, dass ihre Ehe zerbrechen könnte. Und dann hatte der Mann ihr erklärt, dass sie das Land ohne ihr Kind verlassen müsse.

„Crater drückte fünf Jahre lang das schlechte Gewissen“, sagte Rafael. „Er erzählte uns, dass Kass Sie vor sechs Jahren nach einem Krach mit seinem Vater bei einer Ausgrabung in Alp de Ciel kennengelernt hatte. Er wusste, dass Sie jung, hübsch und schüchtern waren und Kass leichtes Spiel mit Ihnen hatte. Mein Cousin konnte ja sehr charmant sein, wenn er wollte. Jedenfalls passten Sie genau in den Plan, den Kass verfolgte. Niemand hatte jemals von Ihnen gehört, sie genossen nicht den Schutz und die Unterstützung einer bekannten oder mächtigen Familie. Kass konnte Sie umgehend heiraten und hoffen, dass Sie bald schwanger würden. Als dann aber unerwartet sein Vater starb, war er ein verheirateter Mann, der er eigentlich gar nicht sein wollte. Um Sie loszuwerden, bezahlte er Gefolgsleute, damit sie in Ihrer Vergangenheit herumwühlten und Ihnen nachstellten. Crater hatte immer seine Zweifel, ob das, was sie angeblich fanden, auch stimmte. Er war der Einzige, der von Ihnen schon vor der Hochzeit wusste, weil Kass veranlasst hatte, die Eheverträge aufzusetzen. Crater musste mit seinen Zweifeln leben, tun konnte er nichts. Ihm waren die Hände gebunden, denn Ihre Verzichtserklärung war rechtlich wasserdicht.“

„Ja …“ Sie würde sich jede Minute ihres Lebens daran erinnern, wie die Kinderschwester ihr das Baby aus dem Arm genommen hatte, ihren gerade vier Wochen alten Matty, und Kass währenddessen unerbittlich und wütend schrie. „Dein Visum läuft in diesen Minuten aus. Du hast kein Recht, noch länger hierzubleiben. Verschwinde endlich.“

Sie hatte sich so einsam gefühlt. Obwohl so viele Menschen im Schloss lebten – nicht einer war bereit gewesen, ihr zu helfen. Auch Crater nicht, der vertrauenerweckende silberhaarige ältere Herr, der sie immer freundlich behandelt hatte. Niemand hatte sie ernst genommen oder ihr Mitgefühl entgegengebracht.

Sie hatte gehen müssen. Für immer.

Für einige Zeit war sie ins Nachbarland Frankreich gegangen und hatte gehofft, so sehr gehofft, ein Schlupfloch im Gesetz zu finden, um ihr Kind wenigstens manchmal sehen zu können. Sie hatte Rechtsanwälte aufgesucht, sie hatte sie sogar Bittbriefe schreiben lassen. Doch Kass hatte am längeren Hebel gesessen.

Sie blieb eine rechtlose Mutter.

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