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Im Schloss des spanischen Grafen

1. KAPITEL

Alejandro Navarro Vasquez, der Graf Olivares, saß im Sattel seines mächtigen schwarzen Hengstes und schaute vom Schatten des Orangenhains aus über das weitläufige Tal, das seit über fünfhundert Jahren im Besitz seiner Familie lag. Unter dem strahlend blauen Frühlingshimmel boten die Wälder und Tausende von Morgen fruchtbarer Erde ein atemberaubendes Panorama. So weit das Auge reichte, gehörte das Land ihm, dennoch wirkten die Züge seines faszinierend attraktiven Gesichts eher grimmig – so wie meist, seit vor zweieinhalb Jahren seine Ehe zerbrochen war.

Er war Großgrundbesitzer und reich, doch durch seine unüberlegte Heirat war seine Familie zerrissen worden. Dabei bedeutete die Familie einem Spanier mehr als Geld und Reichtum. Eine bittere Wahrheit, die an einem stolzen und erfolgreichen Mann wie ihm nagte – statt dem Verstand war er seinem Herzen gefolgt und hatte die falsche Frau geheiratet. Ein Fehler, für den er noch immer teuer bezahlte. Sein Halbbruder Marco hatte einen Job in New York angenommen und den Kontakt zu Mutter und Geschwistern abgebrochen. Doch sollte Marco, den Alejandro nach dem frühen Tod des Vaters mit aufgezogen hatte, jetzt in diesem Moment vor ihm stehen … wäre es Alejandro wirklich möglich, dem Jüngeren zu vergeben?

Er stieß einen leisen Fluch aus. Für alles, was mit Jemima zusammenhing, konnte er keine Vergebung in sich finden, nur Wut und Feindseligkeit. In ihm loderten Rachegelüste für seine Frau und seinen Bruder. Die beiden hatten sein Vertrauen missbraucht und seine Liebe mit Füßen getreten. Seit Jemima ihn verlassen hatte und wortlos verschwunden war, verlangte sein Herz nach Gerechtigkeit, auch wenn er instinktiv wusste, dass es in diesen Dingen niemals Gerechtigkeit geben würde.

Sein Handy begann zu vibrieren. Er unterdrückte einen lauten Fluch. Momente der Entspannung waren rar geworden, und die ließ er sich nur höchst ungern nehmen. Er zog die dunklen Brauen zusammen, als er das Handy hervorzog und die Nachricht las. Der Privatdetektiv, den er angeheuert hatte, um Jemima zu finden, war gerade im Schloss angekommen, um Bericht zu erstatten.

Alejandro lenkte den Hengst zurück zum Schloss. Auf dem wilden Ritt fragte er sich, ob es Alonso Ortega wohl endlich gelungen war, den Aufenthaltsort der davongelaufenen Ehefrau ausfindig zu machen.

„Ich muss mich entschuldigen, dass ich unangemeldet auftauche, Durchlaucht.“ Der ältere Mann deutete eine höfliche Verbeugung an. „Aber ich wusste, Sie würden die Neuigkeiten sofort erfahren wollen. Ich habe die Gräfin gefunden.“

„In England?“, fragte Alejandro und erhielt seinen lang gehegten Verdacht bestätigt, während er Ortegas Bericht zuhörte.

Unglücklicherweise betrat ausgerechnet jetzt Alejandros Mutter den Raum. Die verwitwete Doña Hortencia war eine beeindruckende Erscheinung. Sie richtete ihren Blick aus nachtschwarzen Augen auf den Privatdetektiv und verlangte kühl zu wissen, ob er endlich seinen Auftrag erfüllt habe. Als er die Frage bejahte, erschien ein schmales Lächeln auf ihren Lippen.

„Eines muss ich noch hinzufügen.“ Unter der unangenehm intensiven Musterung der Gräfin zögerte Ortega. „Die Gräfin hat ein Kind, einen kleinen Jungen von ungefähr zwei Jahren.“

Der Erklärung des Detektivs folgte drückendes Schweigen. Die Tür ging erneut auf, und Beatriz, Alejandros ältere Schwester, trat mit einer gemurmelten Entschuldigung ein. Sofort wurde sie von ihrer herrischen Mutter zum Schweigen gebracht, als diese sich klirrend kalt an sie wandte: „Die englische Hexe, die mit deinem unglückseligen Bruder verheiratet ist, hat einen Bastard zur Welt gebracht.“

Entsetzt, dass eine solche Bemerkung vor Alonso Ortega gemacht worden war, warf Beatriz einen Blick zu ihrem Bruder und beeilte sich dann, Erfrischungen anzubieten, um zu einem weniger heiklen Thema überzulenken. Seine bestürzte Schwester wäre beruhigter gewesen, wenn sie jetzt zu Small Talk – am unverfänglichsten wäre da wohl das Wetter – hätten übergehen können, Alejandro jedoch war versucht, Ortega beim Kragen zu packen und sämtliche Einzelheiten aus dem Mann herauszuschütteln. Vermutlich spürte der Detektiv die Ungeduld seines Auftraggebers, daher reichte er Alejandro eine dünne Aktenmappe und verabschiedete sich hastig.

„Ein Kind.“ Beatriz schnappte schockiert nach Luft, kaum dass die Tür hinter dem Mann ins Schloss gefallen war. „Wessen Kind?“

Mit steinerner Miene zuckte Alejandro nur mit den Schultern. Seines ganz bestimmt nicht. Es war definitiv die größte Schande, die ihm je widerfahren war. Wie hatte Jemima ihm das nur antun können? Por Dios, das Kind eines anderen Mannes!

„Hättest du nur auf mich gehört“, klagte Doña Hortencia. „Ich brauchte nur einen Blick auf sie zu werfen und wusste, dass sie nicht die Richtige für dich ist. Du warst der begehrteste Junggeselle ganz Spaniens, du hättest jede heiraten können …“

„Ich habe Jemima geheiratet.“ Alejandro hatte noch nie viel Geduld für die melodramatische Art seiner Mutter aufgebracht.

„Sie hat dich verhext, schamlos wie sie ist. Ein Mann wird ihr nie genügen. Nur ihretwegen lebt mein armer Marco jetzt am anderen Ende der Welt. Sie bringt ein Kind zur Welt und trägt noch immer unseren Namen! Das ist das Widerwärtigste, was ich je …“

„Es reicht!“, unterbrach Alejandro donnernd den keifenden Redefluss. „Was geschehen ist, ist geschehen. Es ist vorbei.“

Doña Hortencia sah ihren Sohn zornig an. „Es ist eben nicht vorbei, oder? Du hast die Scheidung noch immer nicht eingereicht.“

„Ich werde so bald wie möglich nach England reisen und Jemima aufsuchen“, presste er hervor.

„Schicke unseren Familienanwalt! Es besteht keinerlei Notwendigkeit, dass du persönlich hinfliegst.“

„Einen Grund gibt es, der es sogar unerlässlich macht“, widersprach er gefasst. „Jemima ist meine Frau.“

Als Doña Hortencia in eine weitere Tirade ausbrach, verlor er endgültig die Geduld. „Es ist reine Höflichkeit, dass ich dich über meine Schritte informiere. Ich brauche weder deine Erlaubnis noch deine Billigung.“

Alejandro zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und goss sich als Erstes einen doppelten Brandy ein. Jemima hatte also ein Kind. Diese Eröffnung war ein Schock. Kurz bevor sie ihn verließ, hatte sie eine Fehlgeburt erlitten – mit seinem Baby. Daher wusste er, dass dieses Kind nicht von ihm sein konnte. War der Junge von Marco? Oder von einem anderen Mann? Fragen, die scharf wie Speere durch ihn hindurchfuhren, während er die dünne Aktenmappe durchsah.

Es gab nur wenige Fakten. Jemima lebte jetzt in einer Kleinstadt in Dorset und führte einen Blumenladen. Erinnerungen drohten Alejandro zu überrollen, als er sich für einen Moment erlaubte, an seine Frau zu denken. Doch er drängte die Bilder zurück, mit dem nüchternen Verstand und der eisernen Selbstdisziplin, die so charakteristisch für ihn waren. Doch wo waren diese Charaktereigenschaften gewesen, als er sich mit Jemima Grey eingelassen hatte?

Es gab keine Entschuldigung, er hatte von Anfang an um die riesigen Unterschiede zwischen ihnen gewusst. Was ihn damals natürlich fasziniert hatte, war Jemimas enormer Sex-Appeal. Wie viele andere Männer auch, war er anfälliger für die Versuchung gewesen, als er sich hätte träumen lassen. Vielleicht hatte das Leben ihn auch verwöhnt und ihm die Eroberungen zu leicht gemacht. Seine Unfähigkeit, das Verlangen nach Jemimas schlankem Körper zu beherrschen, war ihm zum Verhängnis geworden. Glücklicherweise hatten die Erfahrungen während seiner kurzen Ehe und die Zeit des Getrenntlebens Jemimas Begierdefaktor auf null sinken lassen.

Allerdings war durch seine unpassende Ehe seine Familie entzweit worden. Dennoch … Jemima hatte keine eigene Familie, die sie unterstützen könnte, und offiziell war sie noch immer seine Ehefrau. Somit oblag ihm die Verantwortung, ganz gleich, welche Gefühle er für sie hegen mochte. Und nicht nur für sie, sondern auch für das Kind, das, bis die Scheidung rechtskräftig wurde, gesetzlich als sein Kind angesehen wurde. Sosehr ihn das auch erboste, es blieb Fakt. Er musste persönlich nach England.

Seit dem fünfzehnten Jahrhundert gab es keinen Graf Olivares, der ein Feigling gewesen wäre oder sich vor seinen Pflichten gedrückt hätte. Und von sich erwartete Alejandro nicht weniger. Jemima konnte von Glück sagen, dass sie in modernen Zeiten lebten. Seine Vorfahren hätten eine untreue Ehefrau ins Kloster gesteckt oder sie schlicht umgebracht, weil sie die Familienehre besudelt hatte.

Jemima wickelte gerade ein Bouquet in dekoratives Zellophan ein, als Alfie um die Ecke des Ladentresens lugte.

„Hallo“, grüßte Alfie die wartende Kundin fröhlich. Schüchternheit gehörte definitiv nicht zu seinen Charaktereigenschaften.

„Hallo. Du bist aber ein hübscher kleiner Kerl.“ Die Frau lächelte den Jungen an, der mit großen braunen Augen und seinem unwiderstehlichen Grinsen zu ihr aufblickte.

Ein Kompliment, das Alfie oft zu hören bekam. Während Jemima das Geld in die Kasse zählte, fragte sie sich still lächelnd, ab welchem Alter ihrem Sohn diese Beschreibung peinlich werden würde. Wie der Vater, so der Sohn, dachte sie. Äußerlich glich Alfie seinem spanischen Vater wie ein Spiegelbild – dunkle Augen, oliv getönte Haut und glänzendes schwarzes Haar. Von seiner Mutter hatte er nur die widerspenstigen Locken geerbt, allerdings vom Wesen her auch das optimistische Gemüt und die herzliche Wärme. Nur selten brach bei ihm der eher düstere und auf jeden Fall leidenschaftlichere Charakter des Vaters durch.

Mit einem leichten Schauer verdrängte Jemima den Gedanken. Alfie spielte wieder mit seinen Autos hinter dem Tresen, und sie konzentrierte sich darauf, ein weiteres Bouquet für den nächsten Kunden zu binden.

Der Zufall hatte Jemima nach Charlbury St Helens geführt, als ihr Leben in einer tiefen Krise steckte, und bis zum heutigen Tag hatte sie es nicht bereut, dass sie hiergeblieben war und sich ein neues Leben aufgebaut hatte.

Die einzige Stelle, die sie während der Schwangerschaft hatte finden können, war als Hilfe hier in diesem Blumenladen gewesen. Sie stellte fest, dass ihr die Arbeit nicht nur Spaß machte, sondern dass sie auch ein Händchen dafür hatte. Und so hatte sie sich weitergebildet und offizielle Qualifikationen erworben. Als ihre Arbeitgeberin sich dann aus gesundheitlichen Gründen zur Ruhe setzte, hatte Jemima den Schritt gewagt und den Blumenladen übernommen. Inzwischen hatte sie ihren Wirkungskreis erweitert, richtete Hochzeiten und andere private Feiern aus.

Manchmal musste sie sich kneifen, weil sie noch immer nicht so recht glauben konnte, dass sie ihr eigenes Geschäft führte. Nicht schlecht für die Tochter eines kriminellen Vaters und einer alkoholkranken Mutter, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Als Teenager hatte Jemima keinerlei Ehrgeiz gehabt. Niemand aus ihrer Familie war schließlich jemals weitergekommen.

„So was ist nichts für uns“, hatte ihre Mutter damals gesagt, als die Lehrerin vorschlug, Jemima solle Abitur machen, schließlich hätte sie das Zeug dazu. „Jem muss arbeiten und Geld nach Hause bringen.“ Und mit der Etikettierung ihres Vaters – „Du bist genau wie deine Mutter, strohdumm und zu nichts zu gebrauchen!“ – hatte Jemima lange Jahre zu kämpfen gehabt.

Nach dem Lunch brachte sie Alfie zu seiner Spielgruppe. Sie zuckte leicht zusammen, als ihr Sohn seine Freunde voller Begeisterung lautstark begrüßte, kaum dass er im Eingang stand. Zwar hatte sie im Laden eine Spielecke für ihn eingerichtet, aber nach einem Vormittag in dem kleinen Hinterzimmer war er immer voller Energie und Bewegungsdrang. Als Alfie noch kleiner gewesen war, hatte Jemimas Freundin Flora sich während der Geschäftszeiten um den Jungen gekümmert, doch jetzt war er alt genug, um den Nachmittag mit seinen Freunden zu verbringen. Außerdem hatte Flora inzwischen auch genug mit ihrer kleinen Bed & Breakfast-Pension zu tun und konnte nicht mehr so viel Zeit erübrigen.

Daher war es auch eine angenehme Überraschung, als Flora eine gute Stunde später in den Laden kam und Jemima fragte, ob sie Zeit für eine Tasse Kaffee habe.

In der kleinen Küche brühte Jemima also Kaffee auf. Es war nicht zu übersehen, dass die rothaarige Freundin sich Sorgen machte. „Was ist denn los?“

„Wahrscheinlich ist es gar nichts. Ich wollte es dir schon am Wochenende erzählen, aber am Samstag hat sich eine ganze Familie eingemietet. Ich konnte kaum Atem schöpfen.“ Flora stöhnte, dann setzte sie an: „Letzten Donnerstag hat ein Typ in einem Mietwagen vor deinem Laden gestanden und Fotos geschossen. Er hat jedem Fragen nach dir gestellt, sogar auf dem Postamt.“

Jemima verharrte, ihre dunkelblauen Augen weiteten sich. Ihr herzförmiges Gesicht, eingerahmt von rotgoldenen Locken, wurde bleich, und alles an ihr verspannte sich. Schlank und zierlich, wie sie war, hatte die hochgewachsene Flora sie mit einem Rauschgoldengel verglichen, als sie sich zum ersten Mal trafen. Allerdings hatte Flora ihre Meinung schnell geändert, sobald die beiden Frauen sich besser kannten. Auf jemanden, der so humorvoll und gleichzeitig realistisch war wie Jemima, passte eine solche Beschreibung nicht.

Aber es war nicht zu bestreiten, dass sie geradezu ätherisch schön war. Die Ansässigen scherzten immer, dass der Kirchenchor vor dem Aus gestanden hatte, bis Jemima Mitglied wurde und sich plötzlich eine Unmenge von jungen Männern ebenfalls einschrieb. Nicht, dass die Herren auch nur einen Schritt weitergekommen wären, dachte Flora trocken. Aufgrund der Erfahrung mit ihrer schiefgegangenen Ehe zog Jemima platonische Freundschaften vor und konzentrierte ihre Energien allein auf ihren Sohn und ihr Geschäft.

„Welche Art von Fragen?“ Jemimas Magen zog sich ungut zusammen.

„Nun, ob du ständig hier lebst und wie alt Alfie ist. Der Typ war wohl jung und attraktiv. Maurice von der Post meinte, dass er vielleicht auf Brautschau gewesen sei …“

„Ein Spanier?“

Flora schüttelte den Kopf. Sie nahm der Freundin die Kaffeekanne aus der Hand, um endlich ihren Kaffee zu bekommen. „Nein, Maurice meinte, ein Londoner.“

„Letzte Woche war kein einziger junger attraktiver Mann im Laden“, grübelte Jemima.

„Vielleicht hat er ja das Interesse verloren, sobald er erfuhr, dass du ein Kind hast.“ Flora zuckte die Schultern. „Hätte ich gewusst, dass du dich so aufregst, hätte ich es dir gar nicht gesagt. Warum rufst du nicht einfach deinen Mann an – wie heißt er noch? – und sagst ihm, dass es Zeit für einen sauberen Schlussstrich ist und du die Scheidung willst?“

„Er heißt Alejandro“, erwiderte Jemima gepresst. „Und er lässt sich von niemandem sagen, was er zu tun hat. Er ist derjenige, der die Anweisungen gibt. Wenn er von Alfie erfährt, wird alles nur noch komplizierter.“

„Dann geh zu einem Rechtsanwalt und beschreibe ihm, was für ein lausiger Ehemann dein Alejandro war.“

„Er hat weder getrunken, noch ist er gewalttätig geworden.“

Flora zog eine Grimasse. „Warum die Messlatte so hoch anlegen? Es gibt andere Gründe für eine Scheidung. Zum Beispiel seelische Grausamkeit und Vernachlässigung. Er hat dich der Gnade seiner grässlichen Familie ausgeliefert.“

„Seine Mutter war grässlich, sein Bruder und seine Schwester nicht.“ Wie immer versuchte Jemima, fair zu bleiben. „Wirklich grausam war er auch nicht zu mir.“

Floras Temperament war ebenso feurig wie ihr Haar. „Alejandro hat jeden Schritt von dir kritisiert, hat dich ständig allein gelassen und dir ein Kind gemacht, bevor du bereit dazu warst.“

Jemima lief bis in die Haarspitzen rot an. Wie hatte sie nur so offen zu Flora sein und ihr all das erzählen können? Sie wusste, warum. In den ersten Wochen ihrer Freundschaft hatte sie so unter Druck gestanden, dass sie sich einfach Luft verschaffen und mit jemandem reden musste. Glücklicherweise hatte sie die schlimmsten Geheimnisse aber für sich behalten. „Ich war schlicht nicht gut genug für ihn …“

So sah sie es zumindest. Für ihre Eltern war sie auch nie gut genug gewesen. Ihre Mutter hatte sie bei Schönheitswettbewerben für Kinder angemeldet, doch Jemima war zu schüchtern gewesen, um vor der Kamera zu posieren. Bei den Interviews hatte sie auch keinesfalls geglänzt, sondern vielmehr kein Wort herausbekommen. Als gelangweilter Teenager hatte sie ebenso schlecht bei dem Sekretärinnenkurs abgeschnitten, für den ihre Mutter sie ebenfalls angemeldet hatte – in der Hoffnung, ein millionenschwerer Tycoon würde die Tochter in irgendeinem Vorstandsbüro sehen und sich Hals über Kopf in sie verlieben. Die mit Alkohol getränkte Fantasiewelt war der Mutter wohl die einzige Fluchtmöglichkeit aus einer jämmerlichen Ehe gewesen.

Jemimas Vater, dessen Ehrgeiz es immer gewesen war, so viel Geld wie möglich zu machen, ohne auch nur einen Finger zu krümmen, hatte sich eine Model-Karriere für seine Tochter vorgestellt, doch für die Modewelt war Jemima leider nicht groß genug, und für andere Optionen in diese Richtung fehlten ihr die üppigen Kurven. Nach dem Tod der Mutter hatte er aus ihr eine Tänzerin in einem Nachtklub einer seiner Freunde machen wollen und sie aus dem Haus geworfen, als sie sich weigerte, sich in dem dürftigen Outfit vor aller Augen zu zeigen. Jahre waren vergangen, bevor sie ihren Vater wiedergesehen hatte, und dann war es unter Umständen geschehen, an die sie lieber nicht zurückdachte.

Ja, schon in frühen Jahren hatte Jemima gelernt, dass die Leute immer mehr von ihr erwarteten, als sie zustande brachte. Ihre Ehe hatte da keine Ausnahme gebildet. Doch jetzt hatte sie mit dem eigenen Geschäft auch die eigenen Erwartungen übertroffen.

Als sie Alejandro begegnet war, hatte sie das Gefühl gehabt, als wäre jeder ihrer Träume wahr geworden. Rückblickend jedoch erschien es ihr nur noch lachhaft. Sie hatte sich auf den ersten Blick in ihn verliebt, und Liebe machte bekanntlich blind. Sie hatte tatsächlich an das Unmögliche geglaubt, bevor das Unmögliche sie wieder auf den Boden der Realität zurückgezerrt hatte.

Die Unterschiede hatten sich nicht nur einfach als groß erwiesen, sondern als unüberwindbar. Ihr familiärer Hintergrund hatte sie verfolgt, aber den größten Fehler hatte sie selbst begangen – sie hatte sich zu sehr mit ihrem Schwager angefreundet. Nur … hätte Alejandro sie nicht so oft allein gelassen, sondern ihr geholfen, mit dem neuen Leben in Spanien fertigzuwerden, wäre sie auch nicht so froh über Marcos Gesellschaft gewesen.

„Du warst zu gut für deinen Ehemann“, widersprach Flora überzeugt. „Aber du solltest Alejandro endlich von Alfie erzählen, anstatt dich hier zu verstecken, als hättest du dir etwas vorzuwerfen.“

Jemima fühlte das Blut in ihre Wangen schießen und wandte das Gesicht ab. Wenn du die ganze Wahrheit wüsstest … Dann würde sich wahrscheinlich auch die Freundin von ihr abwenden. „Wenn Alejandro von Alfie erfährt, wird er sofort das Sorgerecht einklagen und den Jungen nach Spanien holen. Alejandro nimmt seine Pflicht gegenüber der Familie sehr ernst.“

„Nun, wenn das so ist, ist es vielleicht wirklich besser, wenn du dich bedeckt hältst.“ Ganz überzeugt wirkte Flora jedoch nicht. „Aber du kannst ihm den Sohn nicht auf ewig verschweigen.“

„Im Moment ist es das Beste.“ Jemima stellte ihre Tasse ab, als die Glocke über der Ladentür klingelte, und ging, um die neue Kundschaft zu bedienen.

Bald danach lieferte sie die Blumenarrangements für eine Dinnerparty in einer der großen Villen am Stadtrand aus. Auf dem Rückweg holte sie Alfie ab und fuhr mit ihm nach Hause. Sie war stolz auf das kleine Cottage mit dem Garten, in dem eine Schaukel stand und ein Sandkasten angelegt war. Die Zimmerwände hatte sie selbst eher laienhaft gestrichen und die Einrichtung bestand aus billigen Fertigmöbeln, aber es fühlte sich wie das erste wirkliche Zuhause seit ihrer Kindheit an.

Manchmal schien es ihr noch immer wie ein Märchen, dass sie tatsächlich einmal in einem Schloss gewohnt hatte. Castillo del Halcón, das Falkenschloss – erbaut von den kriegerischen Vorfahren Alejandros, geschichtsträchtige Mauern in einer Mischung aus europäischen und islamischen Baustilen, angefüllt mit Luxus und unbezahlbaren Kunstgegenständen. Möbel umzustellen oder düstere Gemälde abzuhängen, war ein absolutes Tabu gewesen. Doña Hortencia ließ keinerlei Einmischung zu, sah sie das Schloss doch als ihr alleiniges Zuhause an. Jemima war sich wie der Gast vorgekommen, der nie willkommen war.

Gab es überhaupt irgendetwas Gutes an ihrer miserablen Ehe? Bei der Frage schoss ihr sofort das Bild ihres formidablen Ehemannes in den Kopf. Sie hatte immer geglaubt, einen Preis gewonnen zu haben, den sie nicht wirklich verdiente. Überhaupt schien sie die besten Dinge im Leben allein glücklichen Zufällen zu verdanken. Da war die ungeplante Schwangerschaft mit Alfie, die Tatsache, dass ihr Wagen ausgerechnet in Charlbury St Helens liegen geblieben war, und ironischerweise war ihr erstes Zusammentreffen mit Alejandro auch nicht anders verlaufen …

Er hatte sie auf ihrem Fahrrad umgefahren. Oder besser, der übertrieben zügige Fahrstil seines Chauffeurs hatte dafür gesorgt, dass sie mit einem schmerzhaften Sturz auf dem Boden landete. Damals hatte sie als Rezeptionistin in einem Hotel gearbeitet, aber gerade ihren freien Tag gehabt. In der ländlichen Gegend fuhren Busse nur selten, und so war das Fahrrad ein unerlässliches Verkehrsmittel.

Der große Mercedes hatte abrupt abgebremst, sowohl der Chauffeur als auch Alejandro waren herausgesprungen, um nach dem Unfallopfer zu sehen.

Jemimas Knie waren aufgeschürft, an ihrer Hüfte prangte sofort ein großer blauer Fleck, und ihr Fahrrad sah ziemlich verbeult aus. Noch bevor sie wusste, wie ihr geschah, saß sie in dem Luxuswagen, ihr Fahrrad wurde im nächsten Fahrradgeschäft zur Reparatur abgegeben, und sie wurde von dem bestaussehenden Mann, der ihr je begegnet war, in die Krankenhausambulanz eskortiert. Zwar hatte sie immer wieder beteuert, dass alles nicht so schlimm sei, doch schon wurde sie geröntgt, ihre Wunden gesäubert und verbunden, und sie ließ alles mit sich geschehen, weil Alejandros wunderbares Lächeln sie völlig verzaubert hatte.

Liebe auf den ersten Blick, hatte sie gedacht, als sie in jener Nacht schlaflos im Bett lag. Sie hatte nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Im Gegenteil, sie hatte sich geschworen, keinem Mann je die Macht zu überlassen, die ihr Vater über ihre Mutter ausgeübt hatte. Doch trotz der harten Lektion, die sie in Kindheit und Jugend auf den Knien der Mutter gelernt hatte, reichte ein Blick auf Alejandro Navarro Vasquez, und sie war ihm zu Füßen gesunken wie die sprichwörtliche gefällte Eiche.

Leider hatte sie aber aus den Lektionen, die Alejandro ihr erteilte, offenbar nichts gelernt. Bevor er sie mit seinem Heiratsantrag schockierte, hatte er sie monatelang durch die Hölle geschickt. Er rief nicht wie abgesprochen an, sagte Verabredungen in letzter Minute ab und traf sich mit anderen Frauen, mit denen er sich auch noch fotografieren ließ.

Vor der Hochzeit hatte er ihr Herz und ihren Stolz ...

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