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Im Schloss des französichen Millionärs

Barbara Dunlop

Im Schloss des französischen Millionärs

1. KAPITEL

Erschöpft vom langen Flug, traf Charlotte Hudson in Frankreich ein. Am Vortag war sie noch in New Orleans gewesen und hatte ihrem Großvater Edmond Cassettes bei seinen Aufgaben als Botschafter assistiert. Der Gouverneur von Louisiana hatte ihnen zu Ehren ein großes Festmahl gegeben, bei dem zahlreiche Senatoren und Bürgermeister anwesend gewesen waren. Alle hatten großes Interesse daran bekundet, mit dem kleinen, aber reichen Mittelmeerstaat Monte Allegro Geschäfte zu machen.

Dann hatte plötzlich und unerwartet ihr Bruder Jack angerufen und sie um einen wichtigen Gefallen gebeten.

Jetzt stand sie vor dem Schloss der Familie Montcalm. Ihre alte Studienfreundin Raine würde überrascht sein, aber Charlotte baute auf ihre Hilfsbereitschaft. Es war das erste Mal, dass ihr Bruder oder überhaupt jemand aus der Hudson-Familie sie um einen Gefallen bat, zumindest was das Familienimperium Hudson Pictures betraf. Und Charlotte wollte sie auf keinen Fall enttäuschen.

Sie war von ihren Großeltern mütterlicherseits in Europa großgezogen worden, während ihr Bruder Jack auf der anderen Seite des Atlantiks in Hollywood bei den Hudsons aufgewachsen war. Daher kam es, dass sie die Filmproduzentenfamilie erst ein paarmal getroffen hatte. Zu diesen Anlässen hatten die Hudsons sie stets freundlich und zuvorkommend behandelt. Aber Charlotte war auch klar geworden, dass sie in diesem engen Familienkreis eine Außenseiterin war.

Dass man sich nun plötzlich auf sie besonnen hatte, hatte seinen Grund. Lillian Hudson, das hoch betagte und unheilbar kranke Familienoberhaupt, hatte einen letzten großen Herzenswunsch: Sie wollte ihre Liebesgeschichte mit Charles Hudson, dem Gründer des Filmstudios, verfilmt sehen. Die gesamte Familie hatte sich des Projekts angenommen, und alle waren der Meinung, dass Schloss Montcalm die ideale Kulisse für die abenteuerliche und zu Herzen gehende Geschichte abgeben würde.

Das war Charlottes große Chance, endlich zu einem echten Mitglied der Hudson-Familie zu werden.

Sie holte tief Luft und strich ihr Kostüm glatt. Das Schloss war drei Stockwerke hoch und zutiefst beeindruckend. Schon seit einem Dutzend Generationen befand es sich im Besitz der Montcalms. Seinerzeit hatte ein Vorfahr der Familie es einem Feind im Kampf abgerungen. Ja, ihre Freundin Raine konnte auf einen eindrucksvollen Stammbaum zurückblicken.

Noch einmal atmete sie tief durch und läutete dann an der Türglocke. Schon Sekunden später öffnete ein Diener in Livree die Tür.

Bonjour, Madame“, sagte er in vollendeter Höflichkeit.

Bonjour“, erwiderte Charlotte. „Ich möchte gern Raine Montcalm besuchen.“

Prüfend musterte der Mann sie von oben bis unten. „Haben Sie einen Termin?“

Charlotte schüttelte den Kopf. „Ich bin Charlotte Hudson. Raine und ich sind Freundinnen. Wir haben zusammen in Oxford studiert.“

„Ich bedauere. Mademoiselle Montcalm ist leider nicht zu sprechen.“

„Aber …“

„Es tut mir sehr leid.“

„Könnten Sie ihr wenigstens ausrichten, dass ich hier bin?“ Wenn sie meinen Namen hört, dachte Charlotte, wird sie schon Zeit für mich haben.

„Ich bedauere außerordentlich. Mademoiselle Montcalm befindet sich zurzeit leider nicht im Schloss.“

Stimmte das nun, oder wollte der Diener sie nur abwimmeln? Charlotte war sich nicht sicher. „Ist sie wirklich nicht da?“

Der Mann antwortete nicht und sah sie nur an. Er wirkte äußerst distanziert.

„Denn wenn Sie ihr sagen könnten …“

„Gibt es ein Problem, Henri?“, ertönte plötzlich eine raue Männerstimme aus dem Hintergrund.

Oh nein. Nicht Alec!

Non, Monsieur.“

Instinktiv zuckte Charlotte zurück, als ein hochgewachsener, aristokratisch wirkender Mann im Türrahmen erschien. Eigentlich sollte Raines Bruder doch in London sein – tags zuvor noch hatte sie sein Foto in einer Klatschzeitung gesehen. Es zeigte ihn, wie er sich in einem noblen Nachtclub vergnügte.

„Es tut mir leid, aber Raine ist …“ Mitten im Satz brach er ab. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Charlotte Hudson.“

Sie reagierte nicht.

„Danke, Henri, Sie können jetzt gehen.“ Alecs Stimme klang bestimmend, aber nicht herrisch. Keine Sekunde ließ er Charlotte aus den Augen.

Der Diener zog sich ins Innere zurück, und Alec lehnte sich mit herausforderndem Blick gegen den Türpfosten. Er trug einen dunkelgrauen Anzug, ein weißes Hemd und eine dunkle Seidenkrawatte, die mit auffälligen roten Tupfen gemustert war. Bei näherem Hinsehen entpuppten sich die Tupfen als Miniaturen des Montcalm-Familienwappens, die sorgfältig in den Stoff eingewoben waren.

Das Herz schlug Charlotte bis zum Hals, aber sie wollte sich von seiner beeindruckenden Erscheinung nicht einschüchtern lassen. Unerschrocken streckte sie die Hand aus und lächelte ihn an. „Ich glaube, wir sind uns noch nicht offiziell vorgestellt worden.“

Das stimmte immerhin. Sie waren einander zwar schon einmal begegnet, aber das war sehr merkwürdig abgelaufen. Beschämend und demütigend für sie. Deshalb tat sie so, als hätte sie den peinlichen Vorfall schlicht vergessen.

„Oh doch, Miss Hudson. Erinnern Sie sich denn nicht?“ Er nahm ihre Hand, und ein Prickeln lief ihr den Rücken hinunter.

Fragend runzelte sie die Stirn.

„Es ist drei Jahre her.“ Leicht neigte er den Kopf zur Seite und wartete darauf, dass sie es zugab.

Noch immer gab sie sich ahnungslos.

„Es war auf dem Ottobrate-Ball in Rom“, fuhr er fort. „Ich habe Sie zum Tanz aufgefordert.“

Als wenn es nur das gewesen wäre! In weniger als fünf Minuten hätte er damals fast ihre Karriere zerstört.

Der festliche Ball in Rom war einer ihrer ersten Auftritte als Chefassistentin ihres Großvaters gewesen. Ihr Einsatz hatte einen großen Karrieresprung für sie dargestellt, und sie war sehr nervös gewesen, weil sie sich auf keinen Fall hatte danebenbenehmen wollen.

Alec musterte sie forschend.

„Also, ich für meinen Teil kann mich noch sehr lebhaft daran erinnern“, kommentierte er.

„Wirklich? Ich nicht.“

„Aber sicher tun Sie das“, erwiderte er sanft, und sie beide wussten, dass er recht hatte. „Und es hat Ihnen gefallen.“

Das stimmte allerdings.

„Aber dann hat sich Botschafter Cassettes eingemischt.“

Zum Glück, dachte sie.

„Also, Charlotte?“, hakte er nach. „Ist der Groschen endlich gefallen?“

Sie tat so, als erinnerte sie sich erst in dieser Sekunde wieder. „Sie haben versucht, mir die Schlüsselkarte Ihres Hotelzimmers zuzustecken“, erwiderte sie vorwurfsvoll.

„Und Sie haben sie genommen.“

„Ich wusste nicht, was es war.“ Sie war damals erst zweiundzwanzig gewesen, eine blutige Anfängerin auf dem Feld der Diplomatie, und dann war er gekommen und hatte sie auf diese plumpe Art verführen wollen.

Kritisch sah er sie an, so als ob er ihr nicht glaubte. Mutig hielt sie seinem Blick stand.

„Sie sahen wunderschön aus an diesem Abend.“

Während er sie von oben bis unten musterte, wurden seine Gesichtszüge weicher, sanfter.

„Ich war damals ja noch fast ein Kind“, erwiderte sie empört.

Gleichgültig zuckte er mit den Schultern. „Sie hätten die Schlüsselkarte ja nicht zu nehmen brauchen.“

„Ich … ich war verwirrt.“ Tatsächlich hatte es einen Moment gedauert, bis ihr klar geworden war, dass die Karte, die er ihr zugesteckt hatte, keine Visitenkarte, sondern der elektronische Schlüssel zu seinem Hotelzimmer gewesen war.

„Ich glaube, Sie waren durch mein Angebot ganz schön in Versuchung geführt.“

Wahrscheinlich wäre es besser gewesen zu schweigen, aber sie konnte nicht an sich halten. „Was bilden Sie sich eigentlich ein? Ich kannte Sie zu diesem Zeitpunkt gerade mal zwei Minuten.“ Andere Frauen hätten sich vielleicht von einem gut aussehenden, weltgewandten Aristokraten mit jeder Menge Geld verführen lassen, aber Charlotte hatte an einem kurzen Techtelmechtel kein Interesse gehabt.

„Sie kannten mich vielleicht zwei Minuten. Aber ich hatte Sie schon viel länger beobachtet.“

Seine Worte verwirrten sie. Er hatte sie beobachtet? Beobachtet, weil er sie begehrenswert fand – oder beobachtet wie ein Raubtier, das auf Beutezug ist?

Er trat einen Schritt näher. „Sie waren überaus attraktiv. Sie schienen eine interessante und intelligente Person zu sein, und weil Sie im Gespräch andere Männer zum Lachen brachten, wusste ich auch, dass Sie Sinn für Humor haben.“

„Ach so, es sollte lustig sein, dass Sie mir Ihre Schlüsselkarte gegeben haben?“

Verführerisch sah er sie an. „Nein, überhaupt nicht. Der Ball war beinah zu Ende, und ich wollte Sie gern näher kennenlernen.“

Charlotte konnte es kaum fassen. Was dachte dieser Mann sich eigentlich? Nicht nur, dass sie damals noch jung und naiv gewesen war – sie hatten diesen Ball in offizieller Funktion besucht. Es wäre nicht nur für ihren Großvater, sondern für die gesamte Botschaft eine Brüskierung gewesen, wenn sie die Party im Schlepptau eines Fremden verlassen hätte. Noch dazu mit einem Mann wie Alec Montcalm, dessen Ruf als Schürzenjäger fast schon legendär war. Er war einer der berühmtesten und begehrtesten Junggesellen Frankreichs, und die Tatsache, dass er sich ständig mit immer neuen Frauen traf, stellte ein gefundenes Fressen für die internationale Klatschpresse dar.

„Sie hätten mich ja einfach zu einem Kaffee einladen können“, erwiderte sie spitz.

„Sie müssen wissen, dass ich nicht sehr geduldig bin.“ Während er seine Worte wirken ließ, versuchte sie ihn nicht anzusehen – seine dunklen Augen, sein ebenmäßiges, aristokratisches Gesicht …

Dann sprach er weiter. „Der direkte Weg ist oft auch der effektivste.“

„Wollen Sie damit sagen, die Schlüsselkarten-Nummer klappt?“ Eigentlich wunderte sie das nicht. Es gab bestimmt jede Menge junger Dinger, die alles darum gegeben hätten, in Alec Montcalms Bett zu landen. Aber sie gehörte nicht dazu. Und das würde sie auch nie.

Sein siegesgewisses Lächeln bestätigte ihre Vermutung. Die Hotelschlüssel-Nummer schien tatsächlich bestens zu funktionieren. Doch plötzlich schien er des Spiels überdrüssig zu sein und setzte eine geschäftsmäßige Miene auf. „Meine Schwester ist wie gesagt nicht da, Miss Hudson. Kann ich etwas für Sie tun?“

Schlagartig fiel Charlotte wieder ein, warum sie eigentlich hier war. Im Stillen ärgerte sie sich darüber, dass sie sich überhaupt auf dieses Wortgeplänkel mit ihm eingelassen hatte. Beruhig dich, dachte sie, lass dich von ihm nicht so aus der Fassung bringen. Und konzentrier dich auf deinen Auftrag!

„Wann kommt Raine denn zurück?“, fragte sie betont sachlich.

„Dienstag früh. Sie musste dringend nach Malta, wo gerade ein Fotoshooting für den ‚Courrier de la Mode‘ stattfindet.“

Charlotte wusste, dass der „Courrier de la Mode“ die Modezeitschrift des Montcalm-Unternehmens war, und Raine war die Chefredakteurin. Dienstag früh – das war zu spät. Jack musste spätestens am Wochenende wissen, ob er den für die Drehorte zuständigen Mitarbeiter zum Schloss Montcalm schicken konnte. Die Dreharbeiten sollten im Spätsommer beginnen, und sie hinkten dem Zeitplan schon jetzt hinterher.

Ich könnte natürlich nach Malta fliegen und dort mit Raine sprechen, ging es ihr durch den Kopf. Aber wenn sich die Chefredakteurin persönlich um so ein Fotoshooting kümmert, muss da etwas schiefgelaufen sein. Und wenn Raine im Stress ist, kann ich sie schlecht mit meinem Anliegen behelligen. Das wäre ihr gegenüber nicht fair.

Also blieb ihr nur Alec. Eigentlich hatte sie ihm nicht einmal verraten wollen, worum es überhaupt ging, aber jetzt hatte sie keine andere Wahl.

Sie holte tief Luft. „Ich würde gern etwas mit Ihnen besprechen.“

Amüsiert lächelnd sah er sie an.

Seine Selbstsicherheit erregte sie, auch wenn sie sich das nicht eingestehen wollte. Kein Wunder, wenn Frauen aus Mailand, Prag oder sonst woher seinen Zimmerschlüssel annahmen, wenn er ihn ihnen zusteckte. Der Mann war aufregend und sexy wie die Sünde.

„Dann treten Sie doch bitte ein“, sagte er und machte eine einladende Handbewegung. Zögernd leistete sie seiner Einladung Folge.

„Aber bitte erwarten Sie kein großes Abendessen“, merkte er an. „Heute gibt es nur Pissaladière, den berühmten Zwiebelkuchen aus Nizza. Aber ich werde uns dazu einen guten Wein aus dem Keller holen. Einen 1996er Montcalm Premium.“

„Aber es ist nicht diese Art von Besprechung“, sagte sie warnend. Sollte er doch die edelsten Tropfen aus dem familieneigenen Weingut auftischen – ins Bett bekam er sie damit nicht.

„Sie sind in Frankreich“, erwiderte er lächelnd und schloss die Tür. „Hier ist jede Besprechung so eine Art von Besprechung.“

„Aber diese nicht. Es geht um ein Geschäft.“

„Ich verstehe.“ Noch immer lächelte er sie auf diese unnachahmliche Art und Weise an.

„Wirklich?“

Absolument.“

Sie glaubte ihm kein Wort, aber sie hatte keine andere Wahl, als seine Einladung zum Abendessen anzunehmen. Jack brauchte das Schloss für das Filmprojekt. Und sie musste ihm die Genehmigung besorgen, um ihre Position in der Familie zu verbessern. Diese Chance würde sie sich nicht entgehen lassen.

Alec war überglücklich, dass er eine zweite Chance bekommen hatte.

Drei lange Jahre waren vergangen, seit er die bezaubernde Frau auf dem Tanzparkett bewundert hatte. Und nun war sie in seiner Küche und sah sogar noch verführerischer aus als damals – reifer, erwachsener, wunderschön. Hätte er geahnt, dass Raines Freundin Charlotte und die Charlotte vom Ottobrate-Ball ein und dieselbe Person waren, wäre er schon viel früher aktiv geworden. Aber so war es auch gut. Warten erhöht ja bekanntlich die Vorfreude, dachte er.

Genießerisch betrachtete er ihre blauen Augen, ihre vollen Lippen, ihre samtweiche Haut. Ja, es war gar nicht schlecht, dass er gewartet hatte. Das mit einem Diamanten geschmückte Kettchen, das sie um den Hals trug, zeugte von Stil und Geschmack. Ihre Figur war makellos.

Schwungvoll entkorkte er die Weinflasche. Es war der edelste und teuerste Tropfen, den das Familienweingut zu bieten hatte. Nur zu ganz besonderen Anlässen wurde eine Flache davon geöffnet.

Er griff nach den Weingläsern. Charlotte stand unschlüssig in der Küche herum. Mit einer eleganten Handbewegung wies er auf zwei Barhocker. „Setzen Sie sich doch.“

Einen Sekundenbruchteil zögerte sie, dann nahm sie Platz. Ihre Handtasche legte sie auf dem Küchentresen ab. „Danke“, sagte sie, als er eines der Weingläser vor ihr abstellte.

Alec kannte den Gesichtsausdruck, den sie jetzt zur Schau stellte, noch von damals. Reserviertheit, Höflichkeit, aber unter dieser kühlen Oberfläche – dessen war er sich sicher – brodelte ein Vulkan. Schon in Rom hatte er das austesten wollen, aber ihr Großvater, der stets wachsame Botschafter, hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Natürlich war er damals ein wenig enttäuscht gewesen, aber er hatte es mit einem Achselzucken abgetan. Schließlich betrachtete er Frauen wie Straßenbahnen: Wenn eine weg war, kam irgendwann garantiert die nächste. Manchmal klappte es, manchmal nicht. So einfach war das.

Prüfend hob er das Weinglas, schwenkte es und probierte einen winzigen Schluck. Genießerisch ließ er den vollen, fruchtigen Geschmack auf der Zunge zergehen.

Manchmal klappte es, manchmal nicht. Und manchmal bekam man eine zweite Chance.

Der Wein war perfekt. Er schenkte beide Gläser voll.

Charlotte trank einen ersten Schluck. „Oh, wirklich nicht übel“, kommentierte sie anerkennend.

„Er stammt von unserem Weingut in Bordeaux.“

„Ich bin beeindruckt.“

Befriedigt lächelte er.

„Nicht auf diese Art beeindruckt“, fügte sie warnend hinzu.

„Da müssen Sie mein Lächeln falsch verstanden haben“, erwiderte er. „Es war das Lächeln eines Winzers, der auf seine Produkte stolz ist.“

„Ach so. Mein Fehler.“

Insgeheim wusste er, dass sie ihn sehr wohl durchschaute. Natürlich ging es ihm um Sex. Aber er wollte es ruhig angehen lassen. Zunächst einmal sollte sie sich entspannen.

„So, jetzt ist die Pissaladière dran“, sagte er und holte eine stählerne Rührschüssel hervor. Er stellte Mehl, Hefe, Zucker und Olivenöl bereit.

Erstaunt sah sie ihm bei den Vorbereitungen zu. „Sie können kochen und backen?“

Mais oui. Selbstverständlich.“ Nachdem er Zucker in die Rührschüssel getan hatte, fügte er Hefe und Wasser hinzu.

„Ich bin wirklich überrascht, dass Sie selber kochen.“

„Natürlich nicht immer.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er zu ihrem Weinglas hinüber. „Nehmen Sie noch einen Schluck, und erzählen Sie mir, was Sie hergeführt hat.“

Sie trank. „Der Wein ist wirklich außergewöhnlich gut“, kommentierte sie.

„Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem guten Geschmack, Mademoiselle“, gab er geschmeichelt zurück. Dann griff er zu einer schweren Flasche und träufelte Olivenöl in die Schüssel.

„Wohnen Sie schon lange hier?“, fragte sie und betrachtete prüfend den Wein.

„Ich bin hier geboren.“

„Hier in der Gegend oder hier im Schloss?“

„Im Krankenhaus.“

„Ach so.“ Sie nickte und schwieg dann.

„War es das, was Sie mich fragen wollten?“

„Nein, natürlich nicht.“ Nervös biss sie sich auf die Unterlippe. „Es geht um meine Familie in Amerika … die Hudsons. Sie produzieren Filme.“

„Was Sie nicht sagen“, merkte er sarkastisch an. Natürlich kannte jeder Hudson Pictures. Das Hollywood-Unternehmen besaß einen überaus guten Ruf. Hudson-Filme hatten schon zahllose Oscars gewonnen und vielen Schauspielern zu Ruhm verholfen.

„Ich wusste nicht, ob Sie sie kennen“, verteidigte sie sich. „In Amerika sind sie sehr bekannt, aber in Europa …“

„Sie sind zu bescheiden.“

„Mein Verdienst ist es nicht, ich hatte bisher mit den Filmen überhaupt nichts zu tun.“ Noch immer blickte sie ins Weinglas. „Sie bereiten gerade einen neuen Film vor.“

„Nur einen?“

„Einen ganz besonderen.“

„Ich verstehe.“

„Vielleicht noch nicht ganz.“ Unsicher sah sie sich in der Küche um.

Alec stellte die Rührschüssel ab. „Ist das eine gute Strategie? So lange um den heißen Brei herumzureden?“

„Ich rede doch gar nicht um …“ Nach einem Blick in seine Augen seufzte sie. „Ich wünschte, Sie wären Raine.“

„Tut mir leid.“

„Nicht so sehr wie mir.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe es nicht so gemeint, wie es sich vielleicht angehört hat.“

„Ist es ein typisches Frauenproblem?“

„Nein.“

„Hat Ihr Freund mit Ihnen Schluss gemacht?“ Das wäre gar nicht so übel, dachte er. Sie könnte hierbleiben, während sie versucht, über ihn hinwegzukommen. Und ich wäre natürlich zur Stelle, wenn sie einen Zuhörer braucht. Oder eine Schulter zum Anlehnen und Ausweinen. Oder auch etwas ganz anderes.

„Nein“, erwiderte sie, „so etwas ist es nicht.“

Schade, dachte er. „Soll ich weiter raten?“

Lächelnd schüttelte sie den Kopf.

Er nahm ein Messer und schnitt eine Zwiebel klein. „Also … wollen wir in der Sache fortfahren?“

„Sie machen es mir nicht gerade leicht.“

„Man tut, was man kann.“

„Jetzt traue ich mich erst recht nicht mehr, etwas zu sagen.“

„Oje“, entfuhr es ihm. „Tut mir leid, Mademoiselle, Sie sind unmöglich.“

„Na gut“, gab sie zurück. „Also raus damit, ohne Umschweife. Die Hudsons würden gerne Ihr Schloss als Filmkulisse benutzen.“

Alec stand stocksteif da.

Machte sie Witze?

War sie verrückt?

Die Presse war ihm ständig auf den Fersen, und jedes bisschen Privatleben, Ruhe und Abgeschiedenheit musste er sich mühsam erkämpfen. Und jetzt sollte er eine Filmcrew in sein Allerheiligstes, in sein Zuhause, einladen? Kameraleute, Beleuchter, Maskenbildner, Schauspieler, die obendrein noch wochenlang bleiben würden?

Er schob die Zwiebelstücke auf das Messer und ließ sie in das heiße Olivenöl gleiten. Es zischte und brutzelte.

„Nein“, sagte er bestimmt. Das kam überhaupt nicht infrage!

Mit einem gewissen Widerstand hatte Charlotte gerechnet. Ihr war bewusst, dass die Dreharbeiten Unannehmlichkeiten und Unruhe mit sich bringen würden. Daher hatte sie für seine Reaktion Verständnis.

„Es ist die Liebesgeschichte meiner Großeltern und deshalb ein Projekt, das der ganzen Familie sehr am Herzen liegt“, fuhr sie fort. „Sie haben sich im Krieg kennengelernt. Im besetzten Frankreich.“

Alec schwieg.

„Hudson Pictures steckt jede Menge Geld und Engagement hinein. Es soll ein Spitzenfilm werden.“

Er nahm einen Pfannenheber und rührte in den brutzelnden Zwiebeln herum.

„Meine Großmutter war Nachtclubsängerin. Sie hat meinen Großvater heimlich geheiratet … gewissermaßen direkt unter den Augen der Nazis.“

Alec blickte auf. „Und in welcher Hinsicht sollte das für mich von Bedeutung sein?“

„Cece Cassidy ist an dem Projekt beteiligt. Wir gehen davon aus, dass sie eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch bekommt.“

„Was interessieren mich Ihre Angestellten? Als ob das das Problem wäre.“

„Geht es vielleicht um Geld?“, forschte sie nach. „Selbstverständlich würde die Firma Sie für alle Unannehmlichkeiten gut entschädigen. Und natürlich würde die Crew alles so hinterlassen, wie sie es vorgefunden hat. Sie würden nicht …“

„Es geht ganz bestimmt nicht um Geld. Es geht darum, dass mein Zuhause keine Filmkulisse ist.“

„Wir würden ja nicht einmal die gesamten Räumlichkeiten brauchen“, fuhr Charlotte fort. „Sie könnten sogar hier wohnen bleiben. Mein Bruder Jack hat mir eine Rohfassung des Drehbuchs geschickt. Die Leute brauchen nur die Küche, das Wohnzimmer, die Bibliothek und ein paar der Schlafzimmer. Ach so, und natürlich die Außenanlagen. Die auf jeden Fall. Und vielleicht für eine Szene noch Ihre Terrasse.“

„Ach, und das ist schon alles?“ Seine Stimme war voller Sarkasmus und raubte ihr jegliche Zuversicht.

„Ja, das dürfte alles sein“, erwiderte sie so ruhig wie möglich.

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