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Im Schloss des Märchenprinzen

PROLOG

„Oje, oje“, seufzte Mrs. Abigail Smith leise.

Normalerweise war sie nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. Seit dreiundvierzig Jahren waren die Kindermädchen von ihrer Academy of Fine Nannies bei namhaften Leuten aus der Wirtschaft, der Finanzaristokratie und dem Showbusiness gefragt. Sie hatte schon mit vielen Berühmtheiten gesprochen, ohne nervös geworden zu sein. Nur hatte ihr in ihrem Büro noch nie zuvor ein echter Prinz gegenübergesessen.

Ja, Prinz Ryan Kaelan, der Fürstensohn von der Insel Shannonderry, die allgemein als Insel der Musik bekannt war, flößte ihr ziemlich große Ehrfurcht ein. Er wirkte einschüchternd attraktiv in seinem langen schwarzen Kaschmirmantel, unter dem ein makellos weißer Seidenhemdkragen hervorstach. Allerdings wäre der Achtundzwanzigjährige auch ohne das maßgeschneiderte teure Kleidungsstück, das seine breiten Schultern und die imposante Größe betonte, eine atemberaubende Erscheinung.

Er hatte dichtes schwarzes Haar und ein markantes Gesicht mit goldbraun schimmerndem Teint, hohen Wangenknochen und edler Nase. Doch am beeindruckendsten waren seine dunkelblauen bis saphirfarbenen Augen, die von dichten Wimpern eingerahmt wurden. In ihnen spiegelten sich Autorität und Führungskraft – Trauer und Schmerz.

„Oje“, meinte Mrs. Smith erneut bezüglich seiner Bitte.

„Gibt es ein Problem?“

Seine Stimme klang, wie man es bei einem so charismatischen Mann vermuten würde: gebildet, beherrscht und selbstsicher. Aber zugleich war sie auch durch den gälischen Akzent seiner irischen Heimat auf geheimnisvolle Weise melodiös.

Irgendwie sinnlich, dachte Abigail und errötete wie ein Schulmädchen, obwohl sie an ihrem nächsten Geburtstag dreiundsiebzig wurde. „Ja, es gibt ein Problem.“ In leiser Verzweiflung nahm sie seine Formulierung auf. „Miss Winslow ist … anderweitig beschäftigt.“

Er nickte kaum merklich, während er die Lederhandschuhe leicht ungeduldig gegen den Mantelärmel schlug. Deutlich spürte sie, wie sie nervöser wurde. Zweifellos erwartete der Prinz, dass jeder sich seinem Willen beugte und seinen Wünschen entsprach. Und er stellte sich Prudence Winslow als Betreuerin seiner mutterlosen Kinder vor, wollte sie für seinen fünfjährigen Sohn und seine einjährige Tochter engagieren. Es war ein Ding der Unmöglichkeit.

„Wir haben viele Erzieherinnen, die für diese Position geeignet wären“, versicherte sie ihm schnell. „Tatsächlich habe ich …“ Eilig begann sie, die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch durchzublättern, als Prinz Ryan seine Hand flüchtig auf ihre legte, um sie zu stoppen. Ihr schwindelte einen Moment bei der kurzen Berührung.

„Ich will sie“, erklärte er und zeigte auf das Foto vor ihm, auf dem eine dunkel gekleidete Frau vor einem Auto auf der Straße lag.

Das Bild gehörte zu einem Zeitungsartikel, in dem geschildert wurde, wie eine Miss P. Winslow aus Mrs. Smiths Institut den Buggy ihres Schützlings in Sicherheit geschoben hatte, bevor sie selbst von dem herannahenden Wagen erfasst worden war, dessen Fahrer die rote Ampel ignoriert hatte.

Natürlich war es eine außergewöhnlich mutige und über das Pflichtbewusstsein weit hinausgehende Aktion gewesen, weshalb ganz New York das Kindermädchen nun zur Heldin erklärte. Prudence persönlich war verärgert über das Aufheben, das von dem Zwischenfall gemacht wurde, und wollte, dass er baldigst vergessen wurde. Eine Haltung, die sie ehrte.

Doch abgesehen von dieser einen herausragenden Tat war sie leider nicht die Repräsentantin, die Mrs. Smith sich als Aushängeschild für ihr Institut gewünscht hätte. Die junge Frau hatte einfach in jeder Beziehung etwas Übertriebenes an sich. Sie war zu groß, zu extravagant und zu rebellisch. Und zu rothaarig, dachte Abigail, obwohl sie wusste, dass es hoffnungslos altmodisch war, den Charakter eines Menschen nach der Haarfarbe zu beurteilen.

Dennoch sprachen die wallenden kupferfarbenen Locken Bände! Sie waren dermaßen widerspenstig, dass sie sich nicht zu einem korrekten Knoten frisieren ließen. Auch die grünen Augen, in denen das Temperament funkelte und ein Schalk aufblitzte, der bei Kindern so gut ankam, stimmten Mrs. Smith nicht gerade froh. Ihrer Meinung nach stellte Prudence eine potenzielle Ablenkung für jedes männliche Haushaltsmitglied in ihrem Umkreis dar, das jenseits der Pubertät war.

Weshalb die beiden ersten Beschäftigungsverhältnisse wohl nicht erfolgreich verlaufen waren. Sie will keine Uniform tragen war als ein Grund in dem ersten Kündigungsschreiben genannt worden. Was, wie sie, Abigail, vermutete, so viel hieß, dass der Hausherr Prudence wahrscheinlich etwas zu sehr beachtet hatte. Nachdem der zweite Job ebenfalls nicht von langer Dauer gewesen war, hatte sie die geniale Idee gehabt, die junge Frau bei einer alleinerziehenden Mutter unterzubringen.

Zweifellos verhielt sie sich untypisch nachsichtig gegenüber Prudence. Möglicherweise hing es damit zusammen, dass diese einst von einem Kindermädchen aus ihrem Institut betreut worden war.

Als Marcus Winslow im letzten Jahr unerwartet verstorben war, hatte sich schnell gezeigt, dass er ein Kartenhaus errichtet hatte und in Wahrheit keinen Cent besaß. Dieses Kartenhaus war dann unverzüglich über der ahnungslosen – und völlig verwöhnten – einzigen Tochter eingestürzt.

Ja, nach dem unrühmlichen Ende der beiden ersten Tätigkeiten hätte sie, Abigail, der jungen Frau keine weitere Chance geben sollen. Aber sie hatte es bewundert, wie diese sich den Herausforderungen des Lebens gestellt und versucht hatte, das Beste aus ihrer Lage zu machen.

Außerdem liebte Prudence Kinder, und wenn sie noch weitere Erfahrungen sammeln konnte, würde sie sich bestimmt zu einer erstklassigen Nanny entwickeln. Das versprach allein schon der Name. Prudence Winslow – Klugheit siegt allmählich. Sie, Abigail, war diesbezüglich sehr hoffnungsfroh, doch sollte sie ihren Optimismus nicht zu stark strapazieren. Eigentlich war es noch zu früh, um die junge Frau als Erzieherin in ein Fürstenhaus zu vermitteln, dessen Mitglieder auf Schritt und Tritt von der Öffentlichkeit beobachtet wurden. Oder?

„Ich glaube nicht, Eure Hoheit, dass Prudence für diese Aufgabe so geeignet ist.“

„Das ‚P‘ steht also für Prudence?“ Ryan lächelte, als hätten sich all seine Überlegungen bestätigt. „Ein wahrhaft bedeutungsvoller altmodischer Name“, sagte er zufrieden und ignorierte die Tatsache, dass Mrs. Smith ihm gerade erklärt hatte, Miss Winslow sei für den Job nicht die Richtige.

Tatsächlich war Abigail wohl bislang keinem Menschen begegnet, dessen Vorname – zumindest noch – so wenig zu seinem Verhalten passte. „Eure Hoheit“, begann sie behutsam, „kennen Sie den Film ‚Meine Lieder, meine Träume‘?“

Verblüfft blickte er sie an, und ihr wurde bewusst, dass seine Generation andere Leinwandwerke bevorzugte. Auch waren die Kompositionen von Rodgers und Hammerstein nicht die Art von Musik, für die seine Heimat in der Irischen See berühmt war.

Auf Shannonderry war die klassische Musik zu Hause, und aus dem reichen Baumbestand der Insel wurden fantastische Musikinstrumente gefertigt. Das Fürstentum genoss großes kulturelles Ansehen, machte seltsamerweise aber auch einmal im Jahr durch ein Seifenkistenrennen von sich reden, das allseits viel beachtet wurde.

„Er handelt von einer jungen Frau namens Maria, die als Betreuerin in der Familie Trapp arbeitet“, fuhr sie fort, falls er vielleicht doch irgendwo einen Ausschnitt aus dem bezaubernden alten Film mitbekommen hatte. „Miss Winslow ist mehr eine Maria denn eine Prudence. Sie übertrifft Maria bei Weitem“, fügte sie in leiser Verzweiflung hinzu, als sie seine verwunderte Miene bemerkte.

Ryan beugte sich leicht vor, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Ich würde sie gern kennenlernen.“

Obwohl er sehr höflich geklungen hatte, war Abigail klar, dass er keine Bitte geäußert hatte, sondern einen Befehl. Und wenngleich er hier in Amerika keine Befugnisse besaß, strahlte er so viel Autorität aus, dass sie den Blick senkte. „Ja, Eure Hoheit.“

1. KAPITEL

Prudence hatte sich ein wenig verspätet, was dieses Mal allerdings nicht ihre Schuld war, zumindest nicht allein. Kurz betrachtete sie sich in der Glastür, die in die Hotelhalle des exklusiven Waldorf Towers führte, und seufzte. Sie sah nicht gerade mustergültig aus.

Der Nieselregen hatte ihren Haaren nicht gut getan. Einige besonders widerspenstige Locken hatten sich aus dem Knoten gelöst, den Mrs. Smith ihr zu frisieren aufgetragen hatte. Und der dunkelblaue Trenchcoat wies noch Spuren von Brians Karamellpudding auf.

Der Kleine war seit dem Zwischenfall noch anhänglicher geworden und vorhin todunglücklich über das Ersatzkindermädchen gewesen. Irgendwie hatte er es geschafft, ihr beim Abschied etwas von seiner Süßspeise auf den Mantel zu spucken. Sie hatte zwar versucht, die Flecken zu entfernen, was ihr aber nicht ganz gelungen war und sie wertvolle Minuten gekostet hatte.

Welch ein toller Typ, dachte sie, während sie auf den jungen blonden Mann an der Rezeption zuging, und musste ein Lächeln unterdrücken. Seit sechs Monaten hatte sie kein einziges Date mehr gehabt, jedoch galt es, noch ein weiteres halbes Jahr durchzuhalten. Diese Zeit der Askese hatte sie sich selbst verordnet.

„Ich bin hier, um … Kaelan Prinz zu treffen.“

Vorhin am Telefon war Mrs. Smith untypisch gesprächig gewesen und zugleich ausweichend. Sie, Prudence, hatte allerdings so viel verstanden, dass ein Mann wegen des Zeitungsartikels mit ihr reden wollte und sie pünktlich sein sollte. Außerdem sollte sie einen guten Eindruck machen und einen Rock anziehen, der bis über die Knie reichte.

Eigentlich hatte sie gar nicht herkommen wollen. Seit dem Finanzskandal nach dem Tod ihres Vaters hatte sie sich erfolgreich darum bemüht, nicht mehr ins Visier der Presseleute zu geraten. Glücklicherweise hatte auch bislang niemand das heldenhafte Kindermädchen namens Winslow mit dem zusammengebrochenen Winslow-Imperium in Verbindung gebracht. Und so sollte es bleiben! Leider war Mrs. Smith nur ziemlich unerbittlich gewesen.

„Tun Sie es mir und dem Institut zuliebe“, hatte sie gesagt und Prudence unnötigerweise daran erinnert, wie viel sie ihr verdankte. Mrs. Smith war für sie da gewesen wie wenige andere.

„Kaelan Prinz“, wiederholte sie, als sie die verwirrte Miene des Rezeptionisten bemerkte.

„Kaelan Prinz? Oh, Sie meinen vermutlich Prinz Ryan Kaelan.“

„Wen immer.“ Fast jeder hält sich heutzutage für einen Star, dachte sie und sah auf ihre Armbanduhr. Verflixt, sie hatte sich um zehn Minuten verspätet.

„Die jungen Frauen dort drüben wollen ebenfalls einen Blick von ihm erhaschen.“ Er nickte in Richtung der Lifte, in deren Nähe eine Schar kichernder Teenager stand.

„Ich werde erwartet“, erklärte sie hoheitsvoll, konnte noch immer die Tochter ihres Vaters sein. Ihr Ton verfehlte seine Wirkung nicht.

„Wie ist Ihr Name, Miss?“ Schon streckte er die Hand nach dem Telefonhörer aus, informierte kurz darauf die Person am anderen Ende der Leitung, dass eine Miss Winslow eingetroffen sei, und legte einige Momente danach wieder auf. „Jemand wird sogleich herunterkommen, um Sie nach oben zu geleiten.“

„Vielen Dank.“

Große Güte, man wollte sie hinaufeskortieren? Handelte es sich tatsächlich um einen Star? Allerdings wäre es gänzlich untypisch für Mrs. Smith, sich von einer Berühmtheit beeindrucken zu lassen.

Prudence beobachtete, wie die jungen Leute sich auf den Aufzug stürzten, kaum dass die Türen auseinanderglitten. „Wird er heute hier unten erscheinen? Was macht Gavin?“, riefen sie durcheinander, und eines der Mädchen, es war bestenfalls zwölf oder dreizehn, schwenkte ein Plakat, auf dem zu lesen war: Eines Tages wird mein Prinz kommen.

Unwillkürlich erinnerte sie sich an sich selbst in dem Alter. Sie hatte sich damals in eine Fantasiewelt geflüchtet, weil sie sich im wirklichen Leben so einsam und allein gefühlt hatte. Ich glaube, du und ich, wir sollten mal ein Wörtchen miteinander reden, dachte sie und wurde dann von dem älteren Mann abgelenkt, der in dunkelgrüner Uniform mit goldenen Schulterstücken gemessen auf sie zuschritt. Auf seiner Brust prangte ein Wappen, das einen Drachen zeigte, der sich um ein Musikinstrument, möglicherweise eine Laute, wand.

Er nickte kaum merklich. „Miss Winslow? Wenn Sie mir folgen wollen … Ignorieren Sie sie“, meinte er leise, als sie zwischen den Teenagern hindurchgingen, und stellte sich dann als Ronald vor, sobald sich die Fahrstuhltüren schlossen und sie allein waren. „Sind Sie ins Protokoll eingeführt worden?“

„Entschuldigung?“

„Neben Pünktlichkeit werden von Besuchern gewisse Verhaltensweisen erwartet“, sagte er in einer Art, die die Tatsache entschärfte, dass er sie wegen der Verspätung leicht tadelte. „Zu knicksen ist nicht länger nötig, sollten Sie es jedoch wollen …“

„Das ist ein Scherz, oder?“ Sie lachte und beobachtete dann, wie sich in seiner würdevollen Miene leise Kränkung spiegelte. Außerdem fiel ihr wieder ein, dass der Rezeptionist sie hinsichtlich des Namens korrigiert hatte. „Soll das heißen“, erkundigte sie sich bedächtig, „dass ich einem echten Prinzen gegenübertreten werde?“

„Ja, Miss. Es tut mir leid. Ich glaubte, Sie wären unterrichtet.“

Warum hatte Mrs. Smith es ihr nicht erzählt? Oder hatte sie ihr diese Information irgendwann in dem wirren Telefonat gegeben und sie hatte sie nicht in sich aufgenommen?

Verflixt, das Leben war entsetzlich unfair und das Schicksal schrecklich gemein! Wie das Mädchen unten in der Hotelhalle hatte auch sie, Prudence, von Prinzen geträumt. Sie war verrückt nach Liebesgeschichten gewesen, hatte Bücher und Filme gesammelt und sich nach dem gesehnt, wovon diese handelten.

Seit sie mit vierzehn entdeckt hatte, wie viele Männer sie mochten, war sie auf der Suche nach ihrem Prinzen gewesen. Sie hatte tief in ihrem Herzen gewusst, dass ihr eigenes Märchen beginnen würde, wenn sie den Richtigen küssen würde. Aber bislang hatte sie tausend Frösche geküsst – und nicht einer hatte sich in einen Prinzen verwandelt.

Nach dem Tod ihres Vaters im letzten Jahr hatte sie dann schmerzlich erkannt, dass es die Liebe jenes unnahbaren Menschen gewesen war, nach der sie sich immer verzehrt hatte. Eine Liebe, die sie nie mehr würde bekommen können.

Sie hatte eine neue Seite im Buch ihres Lebens aufgeschlagen und beschlossen, sich zwölf Monate lang mit keinem Mann zu verabreden und erst recht keinen zu küssen. Ihr war klar geworden, dass sie sich selbst irgendwann verloren hatte, während sie verzweifelt Ausschau nach ihrem Prinzen gehalten hatte. Und in letzter Zeit hatte sie den Eindruck gewonnen, dass sie dabei war, sich wiederzufinden.

Die Mächte der Welt stellen mich auf die Probe, schoss es ihr durch den Kopf, und sie fühlte deutlich, dass sie keinem Prinzen begegnen wollte. Sie war noch nicht bereit dazu, getestet zu werden. Ihr Blick schweifte zu dem Schaltbrett mit dem Notstoppknopf.

Im nächsten Moment spürte sie eine Hand an ihrem Arm. Sie sah auf und unmittelbar in Ronalds freundlich blickende Augen. „Sie brauchen keine Angst zu haben“, erklärte er leise.

„Angst?“, wiederholte sie nun abwehrend. Sie, Prudence Winslow, hatte sich noch vor nichts gefürchtet. Es sei denn davor, einsam und allein zu enden.

Doch selbst daran zu denken erfüllte sie nicht mehr so mit Panik, wie es das einst getan hatte. Trotzdem lenkte sie ihre Gedanken lieber von diesem Thema weg und auf die freiwillige Hilfe, die sie mittlerweile leistete. Kurz nach dem Tod ihres Vaters, bevor Mrs. Smith sie als Kindermädchen aufgenommen hatte, war sie hungrig und gedemütigt bei Loaves and Fishes, einer Suppenküche für Bedürftige, gelandet. Und nun schenkte sie jede Minute ihrer Freizeit und jeden Cent, den sie erübrigen konnte, dieser wunderbaren Organisation, die nicht nur die Hungrigen speiste, sondern ihnen auch die Würde ließ.

Ja, sie hatte wieder festen Boden unter den Füßen. Allerdings war sie noch nicht so weit, diese neue Herausforderung zu bestehen. „Verdammt“, stieß sie hervor und versuchte, einige der widerspenstigen Locken in den Knoten zurückzuschieben.

Ronald betrachtete sie mit leichtem Unbehagen. „Natürlich fluchen wir in Gegenwart Seiner Hoheit nicht.“

„Natürlich.“ Prudence gab es auf, ihre Haare in Ordnung zu bringen, und verschränkte die Arme sittsam vor der Brust.

„Die korrekte Anrede bei der Vorstellung lautet Eure Hoheit, nicht Prinz Ryan. Anschließend dürfen Sie ihn mit Sir ansprechen.“

„Ah, ja. Aber ein Knicks muss nicht sein.“

„Nur wenn Sie möchten“, bestätigte er und ließ nicht im Mindesten erkennen, ob er den leisen Sarkasmus mitbekommen hatte.

„Glauben Sie mir, das möchte ich nicht.“

Er seufzte kaum hörbar, bevor der Lift hielt. „Ich glaube Ihnen“, versicherte er ihr und geleitete sie über einen dicken Teppich den Korridor entlang auf eine Doppeltür zu, die in den Wohnbereich einer luxuriösen Hotelsuite führte.

Kurz ließ Prudence den Blick durch den Raum schweifen, in dem sogar ein Konzertflügel stand. Die Sofas waren mit edlem Seidenstoff bezogen, an der Decke funkelte ein Lüster, und in dem offenen Kamin brannte ein Feuer. Die Luft war vom Duft frischer Lilien erfüllt, von denen mehrere prächtige Sträuße das Zimmer schmückten.

„Darf ich Ihnen aus dem Mantel helfen?“

Nein, sie wollte ihn trotz der Flecken nicht ablegen. Er bot ihr irgendwie Schutz. Wovor? fragte sie sich ärgerlich und schlüpfte aus den Ärmeln. Sie hatte die weiße Bluse darunter zwar gebügelt, doch reagierte das Material genauso wie das Gewebe des Rocks nicht gut auf die Feuchtigkeit, die draußen geherrscht hatte, und war zerknittert.

„Bitte, nehmen Sie Platz. Ich werde Sie anmelden.“

Sie konnte sich jetzt nicht hinsetzen, war viel zu nervös dazu. Um sich abzulenken, betrachtete sie die geschmackvollen Bilder an den Wänden, während die Sekunden verstrichen. Warum hatte Mrs. Smith sie hergeschickt? Sie hasste Ungewissheit.

Seit dem Tod ihres Vaters hatte sie eine tiefe Abneigung gegen Überraschungen entwickelt. Sie hatte gern alles unter Kontrolle und schätzte das überschaubare Leben, das sie sich mit ihrem Gehalt aufbaute. Es war einmal ein lächerlich kleiner Betrag für sie gewesen.

Es war einmal … Diese Worte sollte sie besser nicht benutzen, wenn sie gleich einen Prinzen kennenlernte. Sie hatte den Märchen abgeschworen! Plötzlich spürte sie, wie sie sich entspannte. Ja, das war es! Der Prinz war hässlich und alt und hatte einen Bauch und eine Glatze. Sie war hier, um zu begreifen, welch albernen Fantasien sie nachgehangen hatte. Die Mächte der Welt stellten sie nicht etwa auf die Probe, sondern belohnten sie, wollten ihr mitteilen, dass sie auf dem richtigen Weg war.

Und wenn ich mich irre? überlegte sie und sah sehnsüchtig zum Ausgang der Suite. Nein, sie konnte Mrs. Smith nicht im Stich lassen, die so viel für sie getan hatte. Sie hatte gewollt, dass sie, Prudence, herkam, weil es aus irgendeinem Grund gut für das Institut war, und deshalb würde sie bleiben und ihr Bestes geben.

Im nächsten Moment hörte sie auch schon, dass eine Tür geöffnet wurde. Sie drehte sich um und beobachtete, wie Ronald eintrat und sie aufhielt. Prudence stockte der Atem, als sie den Mann erblickte, der über die Schwelle schritt. Er war weder hässlich noch alt und hatte auch keinen Bauch oder eine Glatze, sondern war der reinste Märchenprinz.

Er war so groß, dass sie sich mit ihren ein Meter und achtzig als klein empfand, was ihr wohl seit ihrem neunten Lebensjahr nicht mehr passiert war. Außerdem machte er in dem cremefarbenen Pulli, dem dunklen Hemd und der dunklen Hose eine umwerfende Figur. Sein Gang war unglaublich fließend und selbstsicher, zeigte die angeborene Eleganz eines Mannes, der genau wusste, wer er war. Selbst wenn seine Kleidung abgewetzt gewesen wäre, hätte man in ihm immer noch die hochgestellte Persönlichkeit erkannt.

Seine Gesichtszüge waren edel und markant, doch waren es seine Augen, die sie am meisten faszinierten. Der Blauton erinnerte sie an den Pazifik bei Kona an der hawaiianischen Küste, wo ihr Vater ein Haus gehabt hatte.

Aber er ist nicht dein Typ, rief sie sich verzweifelt zur Vernunft. Schon vor Langem hatte sie entschieden, dass ihr Traummann blond und nicht dunkelhaarig sein sollte, damit ihre Kinder rotblond würden und nicht so rothaarig wie sie.

Zudem schien er ein Selbstvertrauen zu besitzen, das an Arroganz grenzte. Und diese stand weit oben auf ihrer Liste von schlechten Eigenschaften, die ihr Mister Richtig keinesfalls haben durfte. Natürlich gab es darauf noch viele andere Punkte, die teilweise sehr oberflächlich waren, für sie allerdings trotzdem wichtig. Zum Beispiel sollte er keine Härchen in der Nase haben oder krumme Fußnägel.

Prudence war wie gelähmt, absolut unfähig, sich von der Stelle zu rühren, und so kam der Prinz immer weiter auf sie zu. Schließlich streckte er ihr völlig überraschend die Hand entgegen. Kurz sah sie zu Ronald hin und nahm sie, als dieser kaum merklich nickte.

Sie spürte den kräftigen Druck der Finger – und ein Prickeln, obwohl er dunkelhaarig war und sie seine Fußnägel nicht begutachtet hatte. Härchen in der Nase hatte er jedoch keine. Dennoch war dieses Gefühl nicht angebracht, da es einzig darauf beruhte, dass sie eine Frau und er ein Mann war.

Schnell zog sie die Hand zurück. Keine Empfindung galt es stärker zu bekämpfen als diese. Sie konnte einen schwächen und das Urteilsvermögen trüben, war äußerst gefährlich, wie sie, Prudence, nur zu genau wusste.

Sie musste den Anfängen wehren, konnte sich nicht mehr vertrauen, wenn jenes Kribbeln, jene Sehnsucht erst einmal in ihr erwacht war. Im Nu würde sie dann Stunden damit verschwenden, vor sich hin zu träumen, nach der perfekten Ich-denke-an-dich-Karte zu suchen, auf das Klingeln des Telefons zu warten und Kleider unter dem Blickwinkel anzuprobieren, welches davon ihm wohl gefallen würde.

Verflixt, sie reagierte so auf ihn, ohne seine Zehen betrachtet zu haben! Jeder Fortschritt, den sie in den letzten sechs Monaten gemacht hatte, schien plötzlich durch diesen kurzen Körperkontakt mit einem Fremden in seinem Fortbestehen bedroht. Ihr war, als würde sie den Boden unter den Füßen verlieren.

„Miss Winslow … Es ist mir ein Vergnügen.“

Prinz Ryans tiefe Stimme und sein bezaubernder Akzent waren wie Musik in ihren Ohren. Sie wollte „Eure Hoheit“ sagen, konnte es aber nicht. Hätte sie gewusst, wie sie korrekt knickste, hätte sie es vermutlich getan. Nervös verschränkte sie die Arme auf dem Rücken.

Gib endlich etwas von dir, forderte sie sich energisch auf. „Hallo.“

Vage nahm sie wahr, dass Ronald leicht zusammenzuckte. Sollte der Prinz ihre Äußerung jedoch als Kränkung empfunden haben, verbarg er es meisterlich. Unbeirrt blickte er sie weiter an und lächelte dann verhalten.

Es war ein umwerfendes Lächeln, obwohl die beiden Vorderzähne nicht völlig gerade waren. Und schiefe Zähne standen auf ihrer Fehlerliste! Allerdings vertrieb es aus dem faszinierenden Gesicht den Ausdruck von Ernsthaftigkeit, der bei einem so jungen Mann wie ihm noch nicht dort sein sollte.

Ja, trotz der nicht ganz perfekten Zähne war es auf seltsame Weise reizvoll und sein Mund überaus anziehend. Ein Kuss genügt, um zu klären, ob er ein Frosch ist oder ein Prinz, schoss es ihr durch den Kopf, und sie rief sich erschrocken zur Vernunft.

„Bitte, setzen Sie sich.“ Er deutete zu einem Sessel und ließ sich dann selbst auf dem Sofa nieder, das im rechten Winkel dazu stand. „Möchten Sie eine Erfrischung?“

Einen doppelten Whiskey mit Eis. „Nein, vielen Dank.“

Sie sollte „Eure Hoheit“ hinzufügen oder zumindest „Sir“, war aber nicht dazu in der Lage, hatte ohnehin nur mit Mühe antworten können.

„Erzählen Sie mir etwas über sich.“

Starr sah sie ihn an und fragte verwirrt: „Warum?“

Ihr entging nicht, dass er leicht die Stirn runzelte. Vermutlich war er es nicht gewohnt, dass jemand seiner Bitte nicht gleich entsprach.

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