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Im Schloss der Leidenschaft

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Chantelle Shaw

Im Schloss der Leidenschaft

Sie ist so jung und wunderschön! Als Luc seine Frau, die sich vor einem Jahr von ihm trennte, wiedersieht, möchte er nur eins: Sie soll zu ihm zurückkehren! Er will Emily streicheln, zärtlich küssen, sie endlich wie damals leidenschaftlich lieben! Und schimmert in ihren Augen nicht dieselbe Sehnsucht? Fast glaubt Luc sich am Ziel seiner sinnlichen Wünsche, denn es gelingt ihm, Emily mit auf sein Schloss in Frankreich zu nehmen. Doch kaum angekommen, bedroht erneut die Eifersucht ihr Glück!

PROLOG

August

„Natürlich haben wir Luc nicht bestochen, dich zu heiraten!“, protestierte Sarah Dyer steif. „Auch wenn ich zugeben muss, dass es einen gewissen finanziellen Anreiz gab.“

„O Gott.“ Während Emily eine Welle von Übelkeit erfasste, wandte sie sich von ihrer Mutter ab.

Seit Jahren verbrachte Sarah jeden Sommer ein paar Wochen bei Freunden in Hampstead, und obwohl Mutter und Tochter sich nie sonderlich nahegestanden hatten, war sie die Erste, an die Emily sich in ihrer Not klammerte. Doch anstatt Mitgefühl zu zeigen, versetzte Sarah der Ehe ihrer Tochter unbewusst den Todesstoß. Unter diesen Umständen konnte Emily unmöglich bei Luc bleiben.

„Liebling, du musst begreifen, dass sich ein Jean-Luc Vaillon von anderen Männern unterscheidet. Du häufst kein millionenschweres Vermögen an, wenn du nicht über eine gewisse Rücksichtslosigkeit verfügst, und dein Mann ist nun mal zuallererst ein Geschäftsmann.“

„Das weiß ich“, murmelte Emily dumpf. Es musste sie wirklich niemand daran erinnern, wie sehr Luc für seine Arbeit lebte. Sie wäre ja sogar bereit, die unzähligen Geschäftsreisen und endlos langen Stunden, die er in seinem Arbeitszimmer verbrachte, hinzunehmen, wenn nur die geringste Hoffnung bestand, dass er sie liebte.

„Liebling, das Problem mit dir ist, dass du furchtbar romantisch bist“, fuhr Sarah fort, als sie das blasse Gesicht ihrer Tochter sah. „Es kann ja sein, dass Luc eine kleine Affäre mit seiner Assistentin hat, aber du bist seine Ehefrau, und es liegt in jedermanns Interesse, dass das so bleibt. Eine Schwangerschaft kann eine Ehe stark belasten“, fügte sie mit einem Blick auf Emilys gewölbten Bauch hinzu, „und um ganz offen zu sprechen, ich nehme an, dass dein Gatte ein sehr viriler Mann ist. Wenn das Kind erst einmal da ist, wird sich alles wieder normalisieren, du wirst schon sehen.“

Aber was bedeutete schon normal, fragte sich Emily düster während ihres Spaziergangs durch die blühende Heide, nachdem sie ihrer Mutter versichert hatte, dass sie nichts Unüberlegtes tun würde. Sehr schnell hatte sie erkannt, dass sich ihre Rolle in Lucs Leben fast ausschließlich auf das Schlafzimmer beschränkte. Die starke sexuelle Anziehungskraft, die vom ersten Tag ihrer Begegnung an zwischen ihnen existierte, war und blieb ihre einzige wirkliche Form der Kommunikation. Bei beiden loderte die Leidenschaft gleichermaßen heftig, doch ohne sie waren sie nichts.

Heute genossen viele Spaziergänger die schöne Heidelandschaft. In der Luft lag helles Kinderlachen, da auch etliche Familien die schöne Spätsommersonne nutzten. Als Emily einen Mann beobachtete, der mit seinem Sohn einen Drachen steigen ließ, schnappte irgendetwas in ihr zu, und ein tiefes Stöhnen, wie von einem verwundeten Tier, löste sich aus ihrer Brust. Rasch presste sie die Hand auf den Mund, als könne sie das Geräusch so zurückdrängen. Sie durfte jetzt nicht zusammenbrechen – nicht hier, aber ihre Beine gaben nach. Während sie auf eine Bank sank, um sich auszuruhen, stellte sie sich der Erkenntnis, dass ihr Sohn niemals ein so harmloses Vergnügen mit seinem Vater teilen würde.

Natürlich könnte sie bleiben, trotz seiner Untreue. Um ihres ungeborenen Kindes willen könnte sie sich blind stellen. Doch Luc wollte ihr gemeinsames Kind ebenso wenig wie er sie wollte. Sein völlig entsetzter Blick, als er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte, verfolgte sie noch immer, und die Kälte, mit der er ihr seitdem begegnete, verstärkte nur Emilys Gewissheit, dass er ihre Ehe längst als Fehler betrachtete.

Wie lange die Affäre mit seiner persönlichen Assistentin wohl schon dauerte, fragte sich Emily bedrückt. Seit fünf Jahren arbeitete Robyn Blake jetzt schon für ihn, und von Anfang an hatte sie keine Gelegenheit ausgelassen, um die besondere Beziehung zwischen Luc und ihr zu betonen. Sie war die Witwe seines Bruders, nicht nur eine Angestellte. Seit Emily die offensichtliche Zuneigung zwischen den beiden wahrgenommen hatte, litt sie unter Eifersucht. Doch nun hatte sie den unwiderlegbaren Beweis, dass Robyn Lucs Geliebte war. Noch nie in ihrem Leben hatte Emily sich so betrogen gefühlt.

Was ist mit deinem Baby, schaltete sich ihr Verstand ein. Als die Ultraschalluntersuchung ergab, dass sie einen Jungen erwartete, wurde ihre Freude dadurch überschattet, dass Luc nicht an ihrer Seite war. Von all seinen Verletzungen kränkte sie diese am meisten. Es interessierte ihn nicht, selbst ins Krankenhaus zu fahren, um das erste magische Bild ihres Kindes zu sehen. Selbst wenn er wüsste, dass er einen Sohn bekam, hätte das wenig an seiner Haltung verändert. Mit jedem Tag, der verging, distanzierte er sich mehr von ihr, bis seine höfliche Gleichgültigkeit sie schier zur Verzweiflung trieb. Sicher wäre es besser, jetzt zu gehen, bevor das Baby geboren war, und ihrem Kind all ihre Liebe zu schenken, damit es niemals erfuhr, dass sein Vater statt eines Herzens einen Klumpen Eis in seiner Brust trug.

Luc zu verlassen, würde ihr das Herz brechen, aber bei ihm zu bleiben, wäre ihr Tod. Mit einem unterdrückten Schluchzen stand Emily auf und taumelte in Richtung Straße.

„Wohin soll es gehen, hübsche Frau?“, fragte der Taxifahrer fröhlich, als sie einstieg. Einen Moment war sie unentschlossen, und die Adresse von Lucs Londoner Penthousewohnung lag ihr auf den Lippen.

Vielleicht sollte sie ihm eine letzte Chance geben? Vielleicht gab es doch eine logische Erklärung dafür, warum er die Nacht, in der er aus Australien zurückgekehrt war, bei Robyn verbracht hatte, anstatt zu ihr nach Hause zu kommen? Doch sie wurde die Bilder nicht los, die sie ständig verfolgten – Bilder, in denen Luc seine wunderschöne Assistentin liebte.

Sieh den Tatsachen ins Auge, sagte sie sich bitter. Es ist vorbei. Luc liebt dich nicht. Wenn sie ihm eins zugestehen musste, dann, dass er nie behauptet hatte, sie zu lieben. Das heutige Eingeständnis ihrer Mutter, nach dem sein Heiratsantrag Teil eines finanziellen Deals gewesen war, unterstrich nur die Wahrheit dieser Erkenntnis.

Entschlossen und trotzig zugleich hob Emily das Kinn und nannte dem wartenden Fahrer die Adresse ihrer Freundin Laura.

1. KAPITEL

Ein Jahr später – San Antonia

„Bist du sicher, dass du alles hast? Pässe, Tickets, Wohnungsschlüssel?“

„Ich habe alles unter Kontrolle – also hör auf, dir Sorgen zu machen“, meinte Emily gut gelaunt zu ihrer Freundin. „Es gibt sowieso schon genug Dinge, um die du dich kümmern musst. Der Bus ist da.“

Ankunftstage waren immer hektisch, dachte sie, als sie Laura nach draußen folgte. Früher war der Bauernhof in San Antonia ein stiller Rückzugsort für Lauras Freund und dessen Künstlerclique gewesen. All das hatte sich geändert, seit Nick Laura überredet hatte, zu ihm nach Spanien zu kommen und dort eine Kochschule zu eröffnen. Die Geschäftsidee erwies sich als voller Erfolg, denn es gab unzählige Touristen, die ganz versessen darauf waren, Unterricht bei einer kreativen Köchin zu nehmen, die sich in diversen Londoner Toprestaurants ihre Sterne verdient hatte. Emily freute sich riesig für Laura und war froh, dass sie ihr in der Anfangsphase bei der Unterbringung der Gäste helfen konnte. Doch jetzt war es an der Zeit, nach England zurückzukehren und ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen.

„Ich hoffe, du kommst zurecht“, murmelte sie, als sie zu ihrer Freundin auf die oberste Treppenstufe trat und die Gäste beobachtete, die gerade aus dem Bus stiegen. „Es kann sein, dass ich ein paar Monate weg bin, während die Anwälte die Scheidung ausarbeiten.“

„Aus eigener bitterer Erfahrung sollte ich dich warnen, dass es noch wesentlich länger dauern kann“, erwiderte Laura grimmig. „Meine Scheidung hat über ein Jahr gedauert und mich eine Menge Geld gekostet.“

„Ich rechne nicht damit, dass irgendwelche Probleme auftreten“, meinte Emily mit einem Schulterzucken. „Luc wird genauso froh sein wie ich, unsere Ehe zu beenden.“ Vor allem nach dem letzten Foto von ihm in einem britischen Boulevardmagazin, dachte sie bitter. Seite an Seite mit der wunderschönen Robyn Blake. Wahrscheinlich hätte es Emily nicht verwundern dürfen, aber zumindest gab das den Ausschlag, diese Farce einer Ehe endlich zu beenden.

Sie musste ihre Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich lassen. Sie hatte ein Kind, eine aufstrebende junge Firma und die Freiheit, ihr Leben so zu leben, wie sie es für richtig hielt.

„Was glaubst du, wie es dir gehen wird, wenn du Luc wiedersiehst?“, fragte Laura.

„Mit ein bisschen Glück wird es gar nicht dazu kommen. Ich will nichts von ihm – und ganz sicher kein Geld“, antwortete Emily heftig.

„Es ist dein gutes Recht, dass er Unterhalt für Jean-Claude zahlt“, widersprach Laura. „Schließlich ist Luc trotz allem sein Vater, und es wird ihm nicht wehtun, einen Teil der Vaillon-Millionen abzutreten.“

„Nein!“ Emily protestierte sofort. „Ich bin ganz allein für meinen Sohn verantwortlich und werde für ihn sorgen. Jean-Claude war nicht geplant. Ich weigere mich, ihn im Nachhinein als Druckmittel einzusetzen. Ich komme auch allein zurecht“, versicherte sie ihrer Freundin betont optimistisch, während diese die Stirn runzelte. „Auf keinen Fall werde ich etwas von Luc annehmen.“

Zumindest in der Theorie klang alles ganz einfach. Sie würde durch Dritte Kontakt zu Luc aufnehmen, und wenn er den Wunsch äußerte, seinen Sohn zu sehen, konnten die Anwälte zusammen mit der Scheidung seine Besuchsrechte aushandeln. Kein Grund für Komplikationen, doch als sie zu Jean-Claude hinüberblickte, der von einem Sonnenschirm beschattet in seinem Kindersitz schlief, überkam sie eine dunkle Vorahnung. Nichts an Luc Vaillon war wirklich einfach. Diesen Mann umgaben viele Geheimnisse, und trotz der Tatsache, dass sie seit zwei Jahren miteinander verheiratet waren, kannte sie ihn eigentlich überhaupt nicht.

„Oh, da kommt aber jemand in großem Stil an“, unterbrach Lauras Stimme ihre Gedanken, und Emily schaute über den Hof zu der glänzenden schwarzen Limousine, die hinter dem Bus vorfuhr. „Ich hoffe, den Leuten ist klar, dass es sich hier um einen Arbeitsurlaub handelt. Ich habe keine Zeit, um hinter einer verwöhnten Millionärsgattin herzulaufen, die nicht einmal ein Ei kochen kann. Der Busfahrer bringt dich übrigens gern zum Flughafen“, fügte Laura hinzu. „Er hat jetzt alles ausgeladen, also kannst du ihm dein Gepäck bringen, bevor du Jean-Claude störst.“ Zum Abschied gab sie Emily einen Kuss auf die Wange. „Pass gut auf dich auf. Wenn du zurückkommst, feiern wir dein neues Leben als Single.“ Dann ging sie über den Hof, um ihre Gäste zu begrüßen.

Mit einem raschen Blick auf den Kindersitz vergewisserte sich Emily, dass Jean-Claude immer noch friedlich schlief, woraufhin sie entschied, ihm noch ein paar Minuten zu gönnen, während sie ihr Gepäck verstaute.

„Wie geht es Ihnen, Enzo?“, begrüßte sie den Busfahrer, der regelmäßig zwischen San Antonia und dem Flughafen hin- und her fuhr.

Hola, señora, Sie sehen heute aber besonders hübsch aus.“

Emily unterhielt sich noch fünf Minuten mit Enzo über dessen große Familie. Als sie anschließend zurückschaute, war der Kindersitz leer. Laura musste Jean-Claude mit ins Bauernhaus genommen haben, dachte sie, verspürte aber wieder dieses ungute Gefühl. Irgendetwas veranlasste sie, den Kopf zu der im Hof parkenden Limousine zu drehen.

Ein paar Sekunden lang glaubte sie, eine Art Fata Morgana zu sehen, erzeugt von der flirrenden Hitze, doch nachdem sie ein paarmal heftig geblinzelt hatte, erkannte sie, dass es sich nicht um eine Illusion handelte.

Die Luft im Hof war heiß und schwül, dennoch konnte sie einen Schauer nicht unterdrücken, als sie in die grauen Augen des Besuchers starrte und seinem kalten Blick begegnete. Mit ausdruckslosen Augen sah er sie an, aber die Arroganz, Macht und Rücksichtslosigkeit, die er trotzdem dabei ausstrahlte, schockierten sie, und sie stieß einen Schrei aus, als die Welt um sie anfing, sich zu drehen.

„Luc!“

Entsetzt presste sie die Hände auf den Mund. „Was machst du hier? Was willst du?“, fragte sie einige Sekunden später mit zitternder Stimme, denn der Schock machte sie beinahe sprachlos. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln, das sie an ein Raubtier erinnerte – bereit, sich gleich auf seine Beute zu stürzen.

„Ich habe bereits, weshalb ich gekommen bin, chérie“, antwortete er verdächtig sanft, woraufhin sie ihn verwirrt anstarrte. „Jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob du uns begleiten willst.“

„Uns?“, echote Emily, deren Gehirn ganz offensichtlich die Arbeit verweigerte. „Ich verstehe nicht.“ Sie fühlte sich atemlos und desorientiert. Ihr Herz hämmerte wie wild, während sie all ihren Mut zusammennehmen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen. Wenn das überhaupt ging, war er noch attraktiver als sie ihn in Erinnerung hatte – muskulöser und härter als der Mann, der sie regelmäßig in ihren Träumen verfolgte.

Da er so unerwartet hier aufgetaucht war, wusste sie weder, was sie tun, noch, was sie sagen sollte. „Wie hast du mich gefunden?“, presste sie schließlich hervor. Sofort verhärtete sich sein Gesichtsausdruck.

„Du hast deinem Anwalt geschrieben und ihn gebeten, die Scheidung einzuleiten“, erinnerte er sie kühl. „Ich muss schon sagen, dass er mit erstaunlicher Geschwindigkeit meine Firma kontaktiert hat.“

„Mr. Carmichael kümmert sich bereits seit Jahren um die rechtlichen Belange meiner Familie“, gab Emily zurück. „Ich hatte ihn ausdrücklich gebeten, meinen Aufenthaltsort nicht bekannt zu geben, und ich glaube nicht, dass er ihn dir willentlich verraten hat.“

„Nein, aber seine hübsche junge Sekretärin war wesentlich entgegenkommender“, entgegnete er spitz. „Die Abende, an denen ich sie zum Dinner ausgeführt habe, waren äußerst ergiebig – in mehr als einer Hinsicht“, fügte er provokativ hinzu, und bei dem plötzlichen Funkeln in seinen Augen wurde ihr übel.

„Ich habe wirklich kein Interesse daran, die Details deines schäbigen Liebeslebens zu erfahren“, fauchte sie, während ein heftiger Schmerz ihr ins Herz schnitt. „Obwohl ich aus Erfahrung sagen kann, dass Liebe dabei eine herzlich kleine Rolle spielt. Aber ich weiß immer noch nicht, warum du hier bist“, fuhr sie eisig fort. Sie weigerte sich, den süßen Erinnerungen nachzugeben, die der Duft seines vertrauten Aftershaves in ihr auszulösen drohte. „Sicher hast du in dem Brief von Mr. Carmichael gelesen, dass ich nach England zurückkehre, um die Scheidung auszuhandeln. Warum hast du nicht einfach dort auf mich gewartet?“

Luc atmete hörbar ein. Offensichtlich konnte er nur mit Mühe seine Wut beherrschen. „Weil ich mich jetzt bereits seit einem Jahr danach sehne, mein Kind zu sehen“, stieß er zwischen den zusammengekniffenen Lippen hervor. Kalt und hart wie Granit funkelten seine Augen, so dass Emily unwillkürlich ein Schauer über den Rücken lief. Ganz allmählich begriff sie, wie zornig er war. „Hast du wirklich geglaubt, ich würde mich weiter passiv verhalten und darauf hoffen, dass du irgendwann wieder auftauchst? Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, was für ein Gefühl es ist, durch den Brief deines Anwalts zu erfahren, dass ich einen Sohn habe? Sacré bleu, das werde ich dir niemals verzeihen!“

„Warum sollte ich dich von seiner Existenz informieren, wo du doch von Anfang an gegen die Schwangerschaft warst?“, verteidigte sich Emily, die seine Wut nicht verstand. „Du hast von Anfang an deutlich gemacht, dass du weder das Kind noch mich wolltest, Luc. Wie kannst du mir jetzt einen Vorwurf daraus machen, dass ich Jean-Claude unter Menschen aufwachsen lasse, die ihn lieben?“

„Wenn du tatsächlich glaubst, ich lasse zu, dass mein Sohn in einer Hippiekommune aufwächst, bist du noch verrückter, als ich bislang dachte“, zischte er. „Ich habe die ersten kostbaren Monate seines Lebens verloren. Du hattest kein Recht, mir eine Beziehung zu ihm zu verweigern, und von heute an wird er ganz genau wissen, wer sein Vater ist“, schwor er mit einer Vehemenz, bei der ihr ganz kalt wurde.

„Ich würde dich niemals daran hindern, Jean-Claude zu sehen, wenn es wirklich das ist, was du möchtest“, entgegnete Emily, während sie sich der erstaunlichen Erkenntnis stellte, dass Luc seinen Sohn tatsächlich sehen wollte. Vielleicht war es nur der Anblick ihres schwangeren Körpers gewesen, der ihn mit Abscheu erfüllt hatte, dachte sie bitter. „Ich bin davon ausgegangen, dass du nichts mit ihm zu tun haben willst, aber ich bin durchaus bereit, mich vernünftig über Besuchsrechte zu unterhalten, wenn du wirklich deine Aversion gegen die Vaterschaft abgelegt hast.“

„Wie ungeheuer großzügig von dir.“ Lucs Stimme troff nur so vor Sarkasmus, woraufhin sie errötete. Schon immer hatte er es geschafft, ihr das Gefühl zu geben, ein kleines unbedeutendes Nichts zu sein, und früher wäre sie jeder Auseinandersetzung mit ihm aus dem Weg gegangen. Doch jetzt hob sie trotzig das Kinn und starrte ihn an. Dabei verfluchte sie die Reaktion ihres Körpers. Wie konnte dieser Mann nach allem, was er ihr angetan hatte, immer noch diese Wirkung auf sie haben? Nach all den Demütigungen? Was hatte Verlangen in dieser Situation zu suchen? Rasch verschränkte sie die Arme über der Brust, um die entlarvende Reaktion ihres Körpers zu verbergen. Scham erfasste sie, als er seinen Blick auf ihre Brüste richtete und geradezu teuflisch lächelte.

„Doch wenn ich es mir recht überlege, warst du in mancherlei Hinsicht immer äußerst großzügig, nicht wahr, Emily?“, sagte er genüsslich. „Besonders im Bett.“

„Fahr zur Hölle“, schnaubte sie, während ihr Tränen der Demütigung in den Augen brannten. Wie konnte er es wagen, sie anzusehen, als wäre sie ein billiges Flittchen, deren Reize er begutachtete? „Es überrascht mich, dass du dich überhaupt daran erinnerst. Es ist reichlich lange her, dass du mein Bett geteilt hast, aber schließlich hattest du das ja auch nicht nötig, oder, Luc? Du warst ja anderweitig beschäftigt.“

Abrupt brach sie ab, denn sie spürte, dass sie rote Flecken bekam. Jetzt war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um ihm die Eifersucht zu gestehen, mit der sie in den endlos langen einsamen Nächten gekämpft hatte, während derer sie vergeblich auf ihn gewartet hatte.

„Sobald ich in London bin, beauftrage ich meinen Anwalt, dir Besuchsrechte bei Jean-Claude einzuräumen“, erklärte sie rasch und sah in Richtung Bauernhaus. Zweifellos führte Laura ihre Gäste gerade durch die Küche und hatte dabei Jean-Claude auf dem Arm. Je eher sie ihren Sohn wieder hielt, entschied Emily, desto sicherer würde sie sich fühlen. „Wenn du mich entschuldigen würdest, ich muss ihn suchen“, murmelte sie steif. Mit einem Blick auf die Uhr stellte sie fest, dass es schon ziemlich spät war. Der Busfahrer wirkte ungeduldig, und wenn sie nicht aufpasste, versäumte sie den Flug.

„Ist es eine Gewohnheit von dir, meinen Sohn zu verlieren?“, fragte Luc scharf.

„Natürlich nicht. Er ist bei Laura im Haus“, verteidigte sie sich, wobei sie stark errötete. „Ich sehe dich dann in London.“ Sie musste schleunigst verschwinden, weg von ihm, aber es schien, als wären ihre Füße festgewachsen. Während sie begierig jede Einzelheit seines geliebten Gesichts in sich aufnahm, rührte sie sich nicht vom Fleck. Nicht, dass sie ihn noch liebte – er verfügte einfach über diese magnetische Aura, die jeden klaren Gedanken im Keim erstickte.

„Wie du willst.“ Lucs gleichgültige Antwort brach den Bann. Sie bemerkte die Ungeduld, mit der er auf seine Armbanduhr spähte. „Es ist ohnehin an der Zeit, dass wir aufbrechen.“

Weil seine Worte sie verwirrten, lachte sie unsicher auf. „Lass mich raten – Robyn wartet im Wagen auf dich. Sie widmet sich ihren Verpflichtungen wirklich voller Hingabe“, meinte sie sarkastisch.

Bereits auf dem Weg zur Limousine, hielt er nur kurz an, um über die Schulter zu ihr zurückzuschauen. „Oui, Robyns Verhalten und Einstellung sind wirklich beispielhaft“, entgegnete er in einem Ton, der deutlich machte, dass sie selbst in beiderlei Hinsicht total versagte. „Aber heute ist sie nicht bei mir. Jean-Claude sitzt im Wagen und wird sicher schon unruhig. Au revoir, chérie.“

Als er den Kopf senkte, um einzusteigen, bekamen ihre Füße plötzlich Flügel. „Luc! Warte! Was meinst du damit – er ist im Wagen? Jean-Claude ist bei Laura im Haus – oder nicht?“, fragte sie zutiefst verunsichert. Sein ungerührter Gesichtsausdruck steigerte nur ihre Furcht.

„Ich habe mir die Freiheit genommen, meinen Sohn sicher im Wagen zu platzieren, während deine Aufmerksamkeit …“, er machte eine kleine Kunstpause, „… anderen Dingen galt. Sag mir, chérie, bist du immer so unvorsichtig und lässt ihn unbeaufsichtigt, noch dazu im prallen Sonnenschein?“

„Er saß unter einem Sonnenschirm“, protestierte Emily heftig, „und ich habe ihn nicht unbeaufsichtigt gelassen. Er hat geschlafen, während ich …“

„Du warst zu beschäftigt, um nach ihm zu sehen. Jeder hätte ihn dir wegnehmen können“, unterbrach Luc sie und unterstrich seinen Punkt, indem er in den Wagen schaute. Wieder errötete sie. Es stimmte ja – ihre Gedanken kreisten um die Rückreise nach London, aber sie hatte regelmäßig nach Jean-Claude gesehen. Hastig lief sie zu der Limousine und stellte zu ihrem Entsetzen fest, dass er tatsächlich in einem Kindersitz im Fond des Wagens saß und fröhlich mit seinem Spielzeug spielte.

„Aber du kannst ihn nicht einfach mitnehmen!“, rief sie, als der erste Schock nachließ und grenzenloser Wut Platz machte. „Wie kannst du es wagen, ihn mir wegzunehmen? Ich bin seine Mutter!“ Instinktiv schob sie Luc zur Seite und griff nach dem Türgriff.

Sofort legte er seine Hand über ihre, schmerzhaft fest, während er sie unverwandt ansah. „Und ich bin sein Vater, aber du hast ihn mir trotzdem vorenthalten. Ganz bewusst hast du dich vor mir versteckt, und ohne deine Gier hätte ich dich, und noch viel wichtiger meinen Sohn, wahrscheinlich nie gefunden.“

„Meine Gier?“, wiederholte Emily fassungslos.

„Ich schätze, du spekulierst auf eine großzügige Abfindung, die dir die Möglichkeit bietet, den Lebensstandard zu halten, an den du dich gewöhnt hast“, höhnte er, wobei er verächtlich das Bauernhaus und die umstehenden Gebäude betrachtete. „Obwohl ich nicht weiß, wozu du an diesem gottverlassenen Ort Geld brauchst. Mein Sohn kommt jedenfalls mit mir.“

„Von wegen!“, rief Emily, während sie aus dem Augenwinkel bemerkte, wie der Busfahrer sich aus dem Fenster lehnte.

Señora, wir müssen jetzt los.“

„Ja, ich komme in einer Minute.“ Wieder versuchte sie, die Autotür zu öffnen, aber Lucs Hand umklammerte die ihre so fest, dass es wehtat. „Um Himmels willen, Luc!“ Tränen traten ihr in die Augen, in einer Mischung aus Schmerz und Furcht. „Du kannst ihn nicht haben.“

„Ganz im Gegenteil, chérie, ich habe ihn doch schon. Es liegt an dir, ob du mitkommst. Wenn es nach mir geht, kannst du in der Hölle schmoren, doch um Jean-Claudes willen schlage ich vor, dass du einsteigst.“ Ganz plötzlich ließ er ihre Hand los und öffnete die Tür, während sie panisch um sich blickte und nach jemandem suchte, der ihr zu Hilfe eilen könnte.

„Ich lasse auf keinen Fall zu, dass du ihn ohne mich mitnimmst“, schwor sie und schrie dann verzweifelt auf, als der Bus anrollte. „Mein Gepäck ist im Bus. Warte, Enzo!“

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