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Im Schatten des Teebaums

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Prolog
  9. Kapitel 1
  10. Kapitel 2
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Kapitel 5
  14. Kapitel 6
  15. Kapitel 7
  16. Kapitel 8
  17. Kapitel 9
  18. Kapitel 10
  19. Kapitel 11
  20. Kapitel 12
  21. Kapitel 13
  22. Kapitel 14
  23. Kapitel 15
  24. Kapitel 16
  25. Kapitel 17
  26. Kapitel 18
  27. Kapitel 19
  28. Kapitel 20
  29. Kapitel 21
  30. Kapitel 22
  31. Kapitel 23
  32. Kapitel 24
  33. Kapitel 25
  34. Kapitel 26
  35. Kapitel 27
  36. Kapitel 28
  37. Kapitel 29
  38. Kapitel 30
  39. Kapitel 31

Über dieses Buch

Australien, 1900: Die junge Eliza bricht auf zu dem abgelegenen Ort Tantanoola in Südaustralien. Sie will einen Artikel über einen mysteriösen Tiger schreiben, der in der reizvollen australischen Landschaft angeblich sein Unwesen treibt. Doch zwei schicksalhafte Begegnungen bringen ihr Leben und ihre Pläne durcheinander ... Bestsellerautorin Elizabeth Haran bringt den Leserinnen ihre Heimat Australien nahe wie kaum eine andere Autorin.

Über die Autorin

Elizabeth Haran wurde in Simbabwe geboren. Schließlich zog ihre Familie nach England und wanderte von dort nach Australien aus. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in einem Küstenvorort von Adelaide in Südaustralien. Ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte sie mit Anfang dreißig, zuvor arbeitete sie als Model, besaß eine Gärtnerei und betreute lernbehinderte Kinder.

Elisabeth Haran

Im Schatten
des Teebaums

Roman

Aus dem Englischen von
Sylvia Strasser und Veronika Dünninger

Dieser Roman ist meinen Freundinnen gewidmet,
die mir helfen, nicht zu verzweifeln, wenn ich bisweilen
das Gefühl habe, die Welt sei verrückt geworden.

Gute Freunde können zuhören und mitfühlen.
Sie lachen und weinen mit dir, sie teilen deinen
Kummer, deine Freude und deine Erfolge.

Ich darf mich glücklich schätzen,
solch wunderbare Freundinnen zu haben.

Prolog

vogel.jpg

Mannie Boyd trat aus seiner Hütte hinaus in den grauen Morgennebel. Er schlurfte zu einem niedrigen Busch und erleichterte sich, wobei er ausgiebig gähnte und dann träge beobachtete, wie der Dunst seines Atems vom Nebel geschluckt wurde. Der Morgen brach an über Tantanoola, einem kleinen, verschlafenen Städtchen im Südosten von South Australia, doch die Sonne schaffte es nicht, die Nebeldecke zu durchbrechen, die über den Schaf- und Getreidefarmen lag, von denen Tantanoola umschlossen wurde.

Mannies Körper war verspannt, er fühlte sich älter als die vierundfünfzig Jahre, die er auf dem Buckel hatte. Er war Junggeselle und trank gerne einen über den Durst, und wenn er genug hatte, fing er meistens Streit an. Diese Lebensweise rächte sich nun: Sein Körper protestierte mit jedem Tag heftiger, und Mannie wurde immer griesgrämiger. Er lebte seit fast sechs Jahren in der Gegend und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Kaninchenfellen – nicht gerade die angesehenste Arbeit der Welt. Mannie, der von der Hand in den Mund lebte, war überzeugt, dass das Leben ihn schlecht behandelte und ihm etwas schuldig sei.

Wie jeden Morgen schickte er sich auch an diesem Tag an, seine Fallen auf den umliegenden Farmen zu überprüfen. Er hatte die Farmer nie um Erlaubnis gefragt, ob er seine Kaninchenfallen auf ihrem Land aufstellen durfte, denn er war der Ansicht, dass er ihnen einen Gefallen tat, wenn er ihnen die Schädlinge vom Hals schaffte, die ihren Schafen das Gras wegfraßen. Tatsächlich hatte noch kein Farmer Einwände gegen Mannies Fallen erhoben.

»Komm schon, Rastus, beweg dich, du nichtsnutziger Sack voll Flöhe«, rief Mannie seinen Hund.

Der Vierbeiner kam aus einer Kiste gekrochen, die auf der rückseitigen Veranda stand und ihm als Unterschlupf diente, und trottete widerstrebend zu seinem Herrchen. Auch der Colliemischling war nicht mehr der Jüngste – wie Mannie schien der Hund unter steifen Gelenken zu leiden, vor allem an einem feuchten Morgen wie diesem. Rastus folgte Mannie in einigem Abstand. Er war vorsichtig geworden, weil er wusste, dass sein übellauniger Besitzer gern einmal nach ihm trat.

Mannie machte sich auf den Weg zu Jock Milligans Farm. Fröstelnd und missmutig vor sich hin schimpfend, stülpte er sich seinen Wollhut auf und zog ihn bis über die Ohren. In der tiefen Stille waren nur Mannies mürrisches Gebrummel und das Knirschen seiner Schritte auf dem gefrorenen Boden zu hören.

Es war August, Winter auf der Südhalbkugel. Zwei Wochen zuvor waren die ersten Lämmer geboren worden. Eigentlich hätte bereits ein Hauch von Frühling in der Luft liegen sollen, doch morgens war es immer noch winterlich kalt und ungemütlich. Mannie hoffte, dass ein paar Kaninchen in seine Fallen gegangen waren, damit er die Felle verkaufen konnte. In letzter Zeit hatte er im Hinterzimmer der Bar öfter Karten gespielt und ziemlich viel Geld verloren.

Griesgrämig, den Blick auf den Weg gerichtet, stapfte Mannie über den harten Boden. Nach einer Weile lief Rastus in weitem Bogen an ihm vorbei und verschwand im Nebel. Mannie achtete nicht weiter auf den Hund. Er schlug bibbernd den Kragen seiner Jacke hoch. Ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken, und plötzlich überkam ihn ein merkwürdiges, beängstigendes Gefühl, ähnlich einer schrecklichen Vorahnung. Abrupt blieb er stehen, starrte mit zusammengekniffenen Augen in die wogenden Nebelschwaden und lauschte. Es war still – viel zu still, wie ihm jetzt erst auffiel. Nicht einmal das Blöken von Milligans Schafen war zu hören. Beklemmendes Schweigen lag über dem Land. Hatte Jock Milligan seine Herde auf eine andere, weiter entfernte Weide getrieben?

In diesem Moment hörte er Rastus erschrocken aufjaulen. Sekunden später hetzte der Hund mit angelegten Ohren an ihm vorbei nach Hause zurück, so schnell seine Beine ihn trugen. Mannie blickte ihm verdutzt nach. Er pfiff, doch Rastus kam nicht zurück. Sein sonderbares Verhalten beunruhigte Mannie noch mehr.

Irgendetwas stimmte nicht.

Langsam ging er weiter. Furcht stieg in ihm auf. Hätte er doch seine Winchester-Büchse mitgenommen! Angestrengt starrte Mannie in den Nebel, ob er irgendwo Schafe ausmachen konnte. Aber da war nichts. Er lauschte, doch kein Laut war zu hören. Die unheimliche Stille lastete so schwer auf dem Land, dass sie beinahe mit Händen zu greifen war.

Plötzlich blieb Mannie wie angewurzelt stehen und riss die Augen auf. Eine klebrige, verklumpte Masse hob sich rot glänzend von dem mit Raureif überzogenen Erdboden ab. Gleich daneben lag ein zerfetztes, blutiges Schaffell.

Mannie stand da wie versteinert, den Blick unverwandt auf die Überreste des Tieres geheftet. Im ersten Moment dachte er, ein streunender Hund hätte ein Lamm gerissen. Da Jock Milligan jeden Penny mindestens zweimal umdrehte, ehe er ihn ausgab, würde er schrecklich wütend sein über den Verlust des Tieres. Schaudernd betrachtete Mannie den Kadaver. Erst jetzt bemerkte er, dass Kopf und Schwanz fehlten. Das war seltsam. Abermals schaute er sich suchend nach der Schafherde um und lauschte, ob irgendwo ein Blöken zu hören war. Doch da war nichts. Die Stille war noch immer so undurchdringlich wie der Nebel. Eine unbestimmte Furcht erfasste Mannie und wühlte wie mit eisigen Fingern in seinen Eingeweiden.

Unschlüssig stand er da und überlegte, was er tun sollte. Da vernahm er unvermittelt ein tiefes, drohendes Knurren. Nie zuvor hatte er ein ähnliches Geräusch gehört. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Das war kein Hund! Wieder verwünschte sich Mannie, dass er seine Winchester zu Hause gelassen hatte, und fragte sich, ob dieser Fehler ihn möglicherweise das Leben kosten würde.

Irgendwo ganz in der Nähe lauerte eine unbekannte Gefahr. Mannie konnte es spüren. Seine Nackenhaare stellten sich auf, so fühlbar knisterte die Luft vor Anspannung. Er drehte sich im Kreis, suchte die Umgebung nach dem wilden Tier ab, das Jocks Schaf gerissen hatte. Er fand einen Stock und hob ihn auf, damit er wenigstens eine behelfsmäßige Waffe hatte, mit der er sich im Notfall verteidigen konnte. Vorsichtig, den Stock in der erhobenen Hand, ging Mannie weiter. Plötzlich sah er vor sich im Nebel die Umrisse eines ausgewachsenen Schafes. Irgendetwas daran kam ihm merkwürdig vor …

Im nächsten Augenblick wusste Mannie, was es war. Nacktes Entsetzen erfasste ihn. Das Schaf schwebte ein Stück über dem Boden scheinbar in der Luft. Eine Blutlache hatte sich unter dem Tier gebildet. Das Blut dampfte, folglich war es noch warm.

Mannie starrte angestrengt in die Nebelschwaden, und mit einem Mal wurde ihm klar, dass das Schaf im Maul eines Raubtiers hing, das ihm seine Zähne in den Rücken gegraben hatte. Auch wenn Mannie nur die mächtigen, blutverschmierten Kiefer und die starren Augen der Bestie erkennen konnte, wusste er, dass er nie zuvor ein solches Tier gesehen hatte.

Abermals stieß es ein drohendes, Furcht einflößendes Knurren aus. Mannie war sicher, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Vor seinem geistigen Auge lief in rasender Geschwindigkeit sein ganzes Leben ab – ein Leben, auf das er alles andere als stolz sein konnte. Zwar wurde Mannie respektiert, weil er ein harter Bursche war, aber er hatte keine Familie, die ihn liebte und achtete, und das war allein seine Schuld. Keine Frau war bereit, mit einem Trinker und Raufbold eine Familie zu gründen. Und da Mannie sich nie hatte ändern wollen, war ihm klar, dass er einsam und allein sterben würde.

Vielleicht jetzt und hier …

All seine Instinkte schrien Mannie zu, die Flucht zu ergreifen, wenn ihm sein Leben lieb war, doch die namenlose Angst, die ihn gepackt hatte, lähmte ihn. Er wollte den Stock in seiner Hand schwingen, wollte brüllen, um die Bestie zu verjagen, aber er stand nur da, unfähig, sich zu rühren oder einen Laut von sich zu geben. Er starrte in die kalten Raubtieraugen. Ein Geruch, wie er ihn nie zuvor wahrgenommen hatte, umfing ihn. Es war der Geruch des Todes.

Plötzlich hörte er eiliges Hufgetrappel. Ehe er wusste, wie ihm geschah, wurde er von ein paar Schafen, die in blinder Panik flohen, umgerissen und zu Boden geworfen. Hart stürzte er auf die gefrorene Erde und blieb sekundenlang benommen liegen. Als er sich mühsam aufrappelte, war das Raubtier verschwunden.

Mannie schaute sich ängstlich nach allen Seiten um; dann rannte er los, so schnell seine Beine ihn trugen. Er lief zu seiner Hütte zurück, schnappte sich sein Gewehr, lud es durch und machte sich gleich wieder auf die Suche. Am ganzen Körper zitternd, den Finger nervös am Abzug, kehrte er zu der Stelle zurück, wo er das fremdartige Raubtier gesehen hatte. Doch alles, was er fand, waren weitere gerissene Schafe. Die Bestie blieb spurlos verschwunden.

Schließlich gab Mannie auf. Er brauchte jetzt dringend einen Drink und beschloss, in die Bar zu gehen. Die hatte um diese Zeit zwar noch nicht geöffnet, doch Ryan Corcoran, der Wirt, würde ihm bestimmt schon etwas ausschenken.

Ryan wischte gerade die Theke ab, als Mannie die Tür aufstieß. Der Wirt sah sofort, dass etwas nicht stimmte. Mannie war totenbleich, und seine Hände zitterten.

»Was ist los, Mannie? Hast du ein Gespenst gesehen?« Ryan warf einen Blick aus dem Fenster. Draußen wirbelten noch immer graue Nebelschwaden über das Land.

»Viel schlimmer!«, stieß Mannie atemlos hervor. »Mir ist der Teufel persönlich begegnet!« Er ließ sich schwer auf einen Barhocker fallen.

»Was redest du denn da?« Ryan musterte ihn besorgt. Hatte Mannie jetzt endgültig den Verstand verloren? Er bemerkte die Schmutzspuren auf Mannies Jacke und an einem Ärmel.

»Da draußen treibt sich eine … wilde Bestie herum«, stammelte Mannie und gab dem Wirt mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er einen Doppelten brauchte.

»Eine wilde Bestie?« Ryan runzelte die Stirn. Er stellte ein Glas vor Mannie hin, griff nach der Whiskeyflasche und schenkte ein. Er konnte sich nicht erinnern, Mannie jemals so durcheinander erlebt zu haben. Der Fallensteller war als hart gesottener Bursche bekannt, den so schnell nichts umhauen konnte, aber jetzt schien er völlig am Ende.

Mannie nickte. »So was hab ich noch nie gesehen! Der Kopf war mindestens doppelt so groß wie der von ’nem Hund, sag ich dir, und dann dieses grauenhafte Knurren …« Er schauderte. »Meine Haare sind vor Schreck bestimmt schlohweiß geworden.« Er zog seinen Wollhut vom Kopf und warf ihn auf die Theke.

Ryan streifte Mannies Haare mit einem flüchtigen Blick. Sie waren karottenrot wie eh und je, doch ihm fiel auf, dass Mannie trotz der Kälte der Schweiß auf der Stirn stand. Ob er krank war und Fieberfantasien hatte? »Sag mal, Mannie, geht’s dir auch gut? Du bist doch nicht krank?«

»Unsinn!«, brauste Mannie ärgerlich auf. »Ich bin weder krank noch verrückt. Da draußen streift ein gefährliches Untier herum, sag ich dir … ein Raubtier, wie ich noch nie im Leben eins gesehen habe!« Er leerte sein Glas auf einen Zug. »Ich wollte meine Fallen auf Jock Milligans Land kontrollieren. Auf dem Weg dahin hab ich ein blutiges, zerrissenes Schaffell entdeckt. Und dann sah ich die Kreatur …«

»Was du nicht sagst«, bemerkte Ryan beiläufig. Er kannte Mannies Temperament. Es passte zu seinen roten Haaren. »Kann es nicht ein streunender Hund gewesen sein?«

»Niemals!« Mannie schüttelte entschieden den Kopf, griff nach der Whiskeyflasche und schenkte sich erneut ein. »Mit einem anderen Hund würde mein Rastus es mühelos aufnehmen, aber dieses Scheusal, was immer es gewesen ist, hat ihm einen solchen Schreck eingejagt, dass er wie ein Wilder davonrannte. Ich kann von Glück sagen, dass ich noch am Leben bin. Hätte das Ungeheuer nicht ein ausgewachsenes Schaf im Maul gehabt, hätte es mich vermutlich zum Frühstück verspeist.«

»Ein ausgewachsenes Schaf?«, wiederholte Ryan ungläubig. Jetzt übertrieb Mannie aber doch ein wenig. »Mary!«, rief er. Er war gespannt, was seine Frau von dieser Räubergeschichte hielt.

Mary Corcoran kam aus der Küche. Sie hatte sich ein Tuch um den Kopf geschlungen und hielt einen Mopp in der Hand. Als sie Mannie an der Theke sitzen sah, machte sie ein ärgerliches Gesicht. »Du weißt doch, dass du noch nichts ausschenken darfst, Ryan Corcoran!«, schalt sie ihren Mann. »Das könnte uns die Schankkonzession kosten!«

»Reg dich nicht auf, Frau. Mannie braucht den Drink aus gesundheitlichen Gründen. Er hat nämlich einen furchtbaren Schock erlitten.« Ryan erzählte ihr, was geschehen war.

Mary musterte Mannie aufmerksam. Er schien wirklich völlig außer sich zu sein. Mary dachte über Mannies Beschreibung des wilden Tieres nach. »Ob der Tiger zurückgekehrt ist?«, sagte sie dann bedächtig. »Er ist seit Jahren nicht mehr gesehen worden, aber wer weiß?«

»Meinst du wirklich?« Ryan blickte sie zweifelnd an. »Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.«

»Dann stimmt es also, dass sich mal ein Tiger hier in der Gegend rumgetrieben hat?« Mannie hatte in der Bar immer wieder Geschichten darüber gehört, sie aber nie ernst genommen, sondern für Hirngespinste der Einheimischen gehalten.

»Natürlich stimmt das!«, erwiderte Mary entrüstet. Dann fiel ihr ein, dass Mannie ja erst vor ein paar Jahren in die Gegend gezogen war, während ihre Familie schon lange Zeit in Tantanoola lebte, seit Gründung der Stadt. Marys Großvater hatte eines der ersten Häuser, die damals gebaut worden waren, für zwei Pfund und zehn Shilling erstanden. »Vor Jahren ist eine Tigerin mit ihrem Jungen aus dem Käfigwagen eines Zirkus ausgebrochen, der zwischen Mount Graham und dem Overland Inn Station gemacht hatte, in einer Gegend namens Gran-Gran.«

»Wann genau war das?«, fragte Mannie, dem das Raubtier, das er gesehen hatte, nicht mehr aus dem Kopf ging.

»Das war 1883. Obwohl sofort die ganze Gegend abgesucht wurde, blieben die Raubkatzen wie vom Erdboden verschluckt. Damals war alles noch mit undurchdringlichem Gestrüpp überwuchert, was die Suche natürlich erschwerte. Der Zirkus musste weiter, weil er am nächsten Abend eine Vorstellung in Mount Gambier geben sollte, also wurde die Suche nach ein paar Stunden ergebnislos abgebrochen und der Inhaber des Overland Inn über den Vorfall informiert. Zwei Jahre später berichtete ein angesehener und glaubwürdiger Einwohner von Tantanoola, er habe eines Morgens bei einem Spaziergang über sein Grundstück einen Tiger gesehen. Danach hörte man zehn Jahre nichts mehr, niemand bekam die Raubkatzen noch einmal zu Gesicht. In den letzten Jahren aber will der eine oder andere wieder einen Tiger gesehen haben, auch die Zeitungen haben darüber berichtet – nicht nur hier in South Australia, auch in anderen Staaten.«

»Die Tigerin von damals kann es nicht gewesen sein, die ist bestimmt längst tot«, warf Ryan ein. »Es ist siebzehn Jahre her, dass sie mit ihrem Jungen aus dem Käfigwagen ausgebrochen ist.«

Ryan hatte die Geschichten von den Begegnungen mit einem Tiger nie so richtig geglaubt, das wusste Mary nur zu gut. »Ja, da magst du recht haben, aber ihr Junges könnte schon noch am Leben sein. Schließlich können Tiger zwanzig Jahre alt werden, hab ich mal gelesen. Wer weiß – vielleicht ist auch schon wieder eine andere Raubkatze aus einem Zirkus entwischt. Wenn es einmal passiert, kann es auch ein zweites Mal passieren.«

Mannies Augen wurden schmal. War das Tier, das er gesehen hatte, ein Tiger gewesen? Er wusste es nicht, aber möglich wäre es. »Wir müssen eine Suchmannschaft zusammenstellen, die Bestie aufstöbern und sie töten, bevor sie jemanden angreift«, sagte er mit zittriger Stimme.

»Das ist zwecklos, falls es tatsächlich ein Tiger oder eine andere große Raubkatze war«, sagte Mary. »Im Laufe der Jahre hat man die Gegend unzählige Male nach dem ursprünglichen Tiger von Tantanoola abgesucht, aber nie eine Spur von ihm gefunden.«

»Könnte das Tier, das du gesehen hast, nicht doch ein streunender Hund gewesen sein?«, fragte Ryan noch einmal. Er konnte nicht glauben, dass sich ein Tiger in dieser Gegend aufhalten sollte.

»Ich sag dir doch, das war kein Hund!«, fuhr Mannie auf. Es machte ihn wütend, dass man ihm nicht glaubte. »Ein Hund kann kein ausgewachsenes Schaf im Maul herumschleppen! Es war ein riesiges, blutrünstiges Biest! Eine Bestie, wie ich in meinem ganzen Leben noch keine gesehen hab und hoffentlich auch nie wieder sehen werde!«

»Aber es war doch dichter Nebel, man konnte kaum die Hand vor Augen sehen«, gab Ryan zu bedenken.

»Ich weiß, was ich gesehen habe!«, beharrte Mannie. »Hättest du die Überreste des Schafes gesehen, würdest du anders darüber denken.« Er schauderte bei der Erinnerung an das blutverschmierte, zerfetzte Fell und bei dem Gedanken daran, dass er selbst womöglich nur um Haaresbreite dem Tod entronnen war. »Ich werde meine Fallen jedenfalls erst wieder kontrollieren, wenn der Nebel sich verzogen hat.«

»Jemand sollte Jock Milligan warnen und ihm sagen, was mit seinen Schafen passiert ist«, meinte Ryan.

»Also, ich ganz bestimmt nicht«, versetzte Mannie. »Ich hab keine Lust auf eine zweite Begegnung mit der Bestie. Eins steht jedenfalls fest: Ohne mein Gewehr werde ich mein Haus nicht mehr verlassen!« Er schlug mit der flachen Hand auf die Theke, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, rutschte vom Hocker, nickte Ryan und Mary zu und verließ das Lokal.

»Ob er tatsächlich einen Tiger gesehen hat?«, wandte Ryan sich an seine Frau, als die Tür hinter Mannie zugefallen war. »Ich kann das nicht glauben.«

Mary zuckte die Achseln. »Das Tigerjunge von damals wäre inzwischen ziemlich alt, falls es überhaupt noch am Leben ist, aber dass sich ein zweiter Tiger hier in der Gegend herumtreibt, ist doch sehr unwahrscheinlich. Ich glaube eher, dass Mannie einen großen Hund gesehen hat, oder einen Dingo. Er hatte gestern Abend ganz schön gebechert, und in dem dichten Nebel heute Morgen hat er es vermutlich mit der Angst bekommen und Gespenster gesehen.«

Ryan nickte. »Wahrscheinlich hast du recht.«

Noch am selben Nachmittag änderten die Corcorans jedoch ihre Meinung, als Jock Milligan in die Bar kam und eine ähnliche Geschichte wie Mannie erzählte. Er war kurz vor der Mittagszeit draußen auf der Weide gewesen, um nach seinen Schafen zu sehen, als er ein großes Tier zwischen den Bäumen verschwinden sah. Er fand das seltsam, dachte sich aber nichts weiter dabei. Dann jedoch machte er eine beunruhigende Entdeckung: Mehrere Schafe waren gerissen worden, wie er zu seinem Entsetzen feststellen musste. Eins davon hatte er zum Beweis mitgebracht. Als die Corcorans das fürchterlich zugerichtete Tier mit eigenen Augen sahen, berichteten sie Jock von Mannies Besuch und seiner Geschichte über die wilde Bestie.

»Wie sah das Biest denn aus?«, fragte Jock aufgeregt. »War es der Tiger?«

»Mannie konnte nur mit Sicherheit sagen, dass es kein Wildhund war«, antwortete Ryan. »Mary und ich dachten, er hätte vielleicht Fieberfantasien und sich das alles nur eingebildet. Außerdem war er gestern Abend sternhagelvoll, und in so einem dicken Nebel wie heute Morgen verzerren sich die Dinge, oder man sieht etwas, das gar nicht da ist. Wir dachten, Mannie wäre einem streunenden Hund oder einem Dingo begegnet.«

»Ein Dingo bringt so etwas nicht fertig.« Jock deutete mit dem Kinn auf die grausigen Überreste des Schafes. »Ich habe diese Bestie nur ganz kurz gesehen, aber ich wusste sofort, dass es kein Dingo oder irgendein Haustier ist.«

Ryan und Mary sahen sich verdutzt an.

»Sieht ganz so aus, als wäre der Tiger wieder da«, sagte Mary.

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»Kommen Sie bitte mit, Eliza.«

Eliza Dickens, die an ihrem Schreibtisch in der Zeitungsredaktion der Border Watch in Mount Gambier saß, sprang auf und folgte ihrem Chef in dessen Büro. »Ja, Mr. Kennedy?«

Er drehte sich zu ihr um und schwenkte ihren Artikel in der erhobenen Hand. »So geht das nicht! Ich habe Ihnen schon hundert Mal gesagt, dass wir kein Klatschblatt sind!«

»Das ist kein Klatsch, Sir, das ist die Wahrheit«, behauptete Eliza im Brustton der Überzeugung.

»Unsere Leser brauchen nicht zu erfahren, dass Ihrer Meinung nach eine gewisse Person, die in unserer Stadt großes Ansehen genießt«, er blickte sich rasch nach allen Seiten um, weil er sichergehen wollte, dass die Unterhaltung mit seiner jungen Reporterin nicht belauscht wurde, »eine andere gewisse Person eingestellt hat, weil diese von der Natur so großzügig bedacht wurde.«

»Ich finde schon, dass unsere Leser das erfahren sollten, wenn diese gewisse Person qualifiziertere Bewerberinnen für die Stelle einer Bürokraft abgelehnt hat, weil sie von der Natur nicht so großzügig bedacht wurden«, widersprach Eliza.

George Kennedy seufzte tief. Wie sehr er Fred Morris vermisste! Auch nach Monaten hatte er es noch nicht verschmerzt, dass sein langjähriger bester Reporter sich zur Ruhe gesetzt hatte. Als Ersatz hatte er Eliza und einen jungen Mann namens Jimmy Connelly eingestellt, doch keiner von beiden konnte Fred das Wasser reichen. »Ich kann das nicht drucken, Eliza«, sagte er entschieden. »Was ich brauche, sind Fakten. Nachrichten. Richtige Nachrichten.«

»Mira Hawkins hätte die Stelle bei Mitchell’s nie bekommen, würde sie keine tief ausgeschnittenen Kleider tragen«, versetzte Eliza trotzig. »Jeder weiß doch, dass sie bestenfalls bis zehn zählen kann und keine Ahnung hat, welches Ende des Bleistifts zum Schreiben taugt. Und ausgerechnet so jemand wird als Bürokraft eingestellt? Können Sie mir das vielleicht erklären?« Schmollend fügte sie hinzu: »Margaret Fawster hätte die Stelle bekommen müssen.«

George Kennedy war mittlerweile so genervt, dass es ihm egal war, ob jemand in der Druckerei nebenan ihn hören konnte. »Das sind Spekulationen, Eliza, keine Tatsachen. Wenn ich das drucke, kriege ich eine Klage an den Hals. Außerdem fehlt es Ihnen in diesem Fall an der nötigen Objektivität.« Eine ergrauende Augenbraue hochgezogen, fuhr er fort: »Ich weiß, dass Sie mit Miss Fawster befreundet sind.«

»Das tut nichts zur Sache«, gab Eliza störrisch zurück. »Margaret ist eine sehr intelligente Frau.«

»Dann wäre mein Job vielleicht genau das Richtige für sie«, meinte George trocken. »Vielleicht gelingt es ihr ja, einen richtigen Reporter aufzutreiben, der ein Gespür für echte Neuigkeiten hat.«

»Das bezweifle ich. In dieser Stadt passiert doch nie etwas wirklich Interessantes.«

»Ein guter Reporter hat eine Nase für lohnenswerte Geschichten, Eliza, das habe ich Ihnen schon hundertmal gesagt. Und wenn Ihre Nase Sie im Stich lässt, sollten Sie sich vielleicht eine Stelle in einem Bekleidungsgeschäft suchen, so wie Ihre Schwester.«

Eliza presste zornig ihre vollen Lippen zusammen. Sie hasste es, mit ihrer Schwester Katie verglichen zu werden. Schlimm genug, dass ihre Mutter ihr Katie immer als Vorbild hinstellte. Eliza liebte ihre Schwester, doch es störte sie, dass Katie keinerlei Ehrgeiz hatte. Ihr einziges Ziel war, den gut aussehenden Thomas Clarke zu heiraten und einen ganzen Stall voll Kinder zu bekommen. Eliza hingegen wollte etwas erleben, bevor sie sich einen Ehemann suchte und eine Familie gründete. Sie hoffte, in ihrem Beruf würde sich ausreichend Gelegenheit bieten, ihre Abenteuerlust zu stillen. »Ich verspreche Ihnen, dass ich mich künftig mehr anstrengen werde, Sir, aber …«

George Kennedy schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab. »Ich habe jetzt keine Zeit, weiter mit Ihnen darüber zu diskutieren, Eliza. Haben Sie zufällig Jimmy gesehen? Ich habe da etwas für ihn, um das er sich kümmern sollte.«

Eliza wurde hellhörig. Das klang nach einem wichtigen Auftrag. »Worum handelt es sich denn, Sir?«, fragte sie neugierig.

»Er soll nach Tantanoola und überprüfen, was es mit dieser Tigergeschichte auf sich hat.« George eilte auf der Suche nach seinem jungen Reporter über den Flur. Er merkte gar nicht, dass Eliza ihm folgte.

»Tigergeschichte?«, wiederholte sie verblüfft. »Ist der Tiger von Tantanoola etwa zurückgekehrt?«

Ohne stehen zu bleiben, während er im Vorbeigehen einen Blick in die Büros entlang des Flurs warf, antwortete George: »Die Einheimischen glauben es jedenfalls. Einige von ihnen wollen den Tiger gesehen haben. Außerdem wurden ein paar Schafe gerissen.«

»Das klingt ja schrecklich aufregend! Kann ich das nicht übernehmen, Mr. Kennedy?«

George hielt inne und blickte sie stirnrunzelnd an. »Nein, ich schicke lieber Jimmy. Sie würden ja doch nur einen Haufen Klatsch zusammenschreiben.«

Eliza wollte auffahren, beherrschte sich aber, weil sie den Auftrag unbedingt haben wollte. »Ich verspreche Ihnen, ich werde Ihnen eine großartige Story liefern, die ausschließlich auf Tatsachen beruht. Bitte, Mr. Kennedy!«, bettelte sie. »Wie soll ich Ihnen denn beweisen, was ich kann, wenn Sie mir keine Chance geben?«

»Falls der Tiger sich tatsächlich wieder in der Gegend von Tantanoola aufhält, ist das die beste Story seit Wochen. Ein Knüller! Ich kann es mir nicht leisten, eine blutige Anfängerin darauf anzusetzen, die womöglich alles vermasselt.«

»Aber Jimmy ist doch auch Anfänger! Er hat nicht mehr Erfahrung als ich. Ich werde es ganz bestimmt nicht vermasseln, Mr. Kennedy! Ich werde Ihnen eine fantastische Geschichte liefern, das verspreche ich. Wenn nicht, können Sie mich rausschmeißen, ohne dass Sie auch nur ein Wort des Widerspruchs von mir hören werden.«

»Klingt verlockend«, bemerkte George trocken. Doch er spürte, dass er schwach wurde. Er mochte Eliza Dickens, und das wusste sie genau. Sie war gerade einmal neunzehn Jahre alt und überaus begeisterungsfähig. Doch George hätte nie gedacht, dass es so schwer wäre, ihren unbändigen Tatendrang in die richtige Richtung zu lenken. Sie erinnerte ihn an den jungen Mann, der er vor fast dreißig Jahren gewesen war – was er ihr gegenüber allerdings niemals zugeben würde. Der Punkt war der, dass er den wirtschaftlichen Aspekt nicht aus den Augen verlieren durfte: Die Auflage seiner Zeitung war rückläufig. Er würde Eliza tatsächlich entlassen müssen, wenn sie sich nicht mehr Mühe gab. Das war auch der Grund, warum er ihr gegenüber immer wieder andeutete, dass sie sich vielleicht ein anderes Betätigungsfeld für ihre Begabungen suchen sollte. Im Grunde wollte er sie nicht feuern; deshalb versuchte er stets, sie bei ihrem Ehrgeiz und ihrem Stolz zu packen.

»Ich glaube nicht, dass Ihre Eltern einverstanden wären, wenn Sie ganz allein nach Tantanoola fahren würden, Eliza. Zumal Sie im dortigen Hotel übernachten müssten.«

Sein Widerstand erlahmte zusehends. Nicht mehr lange, und sie hatte ihn herumgekriegt, das spürte Eliza genau. Sie fand den Gedanken, fern von zu Hause ganz allein für einen Artikel zu recherchieren, herrlich aufregend. »Wenn meine Eltern nichts dagegen haben, lassen Sie mich dann gehen?«

George seufzte, dachte kurz nach und erwiderte: »Also gut, meinetwegen. Aber nur, wenn sie wirklich einverstanden sind.« Wie er Henrietta Dickens kannte, würde sie ihrer Ältesten die Fahrt nach Tantanoola sowieso nicht erlauben, deshalb ging ihm seine Zusage leicht über die Lippen. »Sie müssen mir aber heute noch Bescheid geben, Eliza. Die South Eastern Times in Millicent wird garantiert auch jemanden schicken, und ich will nicht, dass sie uns die Story vor der Nase wegschnappen.«

»Keine Sorge, Sir«, entgegnete Eliza aufgeregt. »Ich werde gleich mit meinen Eltern reden und Ihnen sofort Bescheid sagen.«

Henrietta Dickens reagierte panisch, als ihre Tochter ihr erklärte, dass sie nach Tantanoola fahren wolle und weshalb das so wichtig für sie sei.

»Tantanoola? Das kommt überhaupt nicht in Frage, Eliza!«

Eliza hatte zwar mit Einwänden gerechnet, aber nicht mit einem kategorischen Nein. »Das ist die beste Story seit Wochen, Mom! Eine einmalige Chance für mich! Dann kann ich Mr. Kennedy endlich zeigen, was in mir steckt. Ich muss einfach dahin!«

»Das ist viel zu gefährlich, Eliza. Ein Tiger! Ich werde nicht zulassen, dass meine Älteste bei dem Versuch, eine Story zu bekommen, von einem Raubtier gefressen wird.«

Eliza verdrehte die Augen angesichts dieser dramatischen Übertreibung. »Um Himmels willen! Ich hab doch nicht vor, auf Tigerjagd zu gehen. Mr. Kennedy interessiert sich für den menschlichen Aspekt der Geschichte … wie die Farmer mit der Situation umgehen und solche Dinge.« Dass sie im Hotel würde übernachten müssen, hatte sie vorsichtshalber noch nicht erwähnt. Eins nach dem andern, sagte sie sich.

»Ich habe Nein gesagt, Eliza. Und jetzt will ich nichts mehr davon hören«, erwiderte Henrietta energisch.

Eliza wunderte sich über diese unnachsichtige Strenge. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. »Du willst nicht, dass ich nach Tantanoola fahre, weil Tante Matilda dort lebt. Das ist der wahre Grund, stimmt’s?«

Henrietta sprach nur selten von ihrer einzigen Schwester, und wenn, bezeichnete sie Matilda stets als das schwarze Schaf der Familie. Die beiden Schwestern hatten das letzte Mal Kontakt gehabt, als Eliza noch gar nicht auf der Welt gewesen war. Henriettas Miene verriet Eliza, dass sie mit ihrer Vermutung richtig lag.

»Lass Matilda aus dem Spiel«, erwiderte Henrietta mit versteinerter Miene. »Wieso nimmst du dir nicht ein Beispiel an Katie? Die käme nie auf eine so verrückte Idee!«

»Weil sie so langweilig ist wie eine Wasserpfütze.«

»Sei nicht so grausam, Eliza«, tadelte ihre Mutter. »Katie hat eine gute Anstellung in Miss Beatrice’ Bekleidungsgeschäft und ist mit einem netten jungen Mann befreundet, den eine glänzende Zukunft erwartet. Eines Tages wird Thomas das Möbelgeschäft seines Vaters erben, und Clarkes Möbelhaus läuft ausgezeichnet.«

Eliza machte ein zerknirschtes Gesicht. Sie hatte ihre Schwester nicht beleidigen wollen. Sie liebte Katie. Die gemeine Bemerkung war ihr nur herausgerutscht, weil sie sauer auf ihre Mutter war. »Ich bin aber nicht Katie, und ich wünschte, du würdest sie mir nicht ständig als Vorbild hinstellen. Ich liebe meinen Beruf, ich will eine gute Reporterin werden, und jetzt habe ich die Chance auf einen sensationellen Artikel.«

»Ich will dich ja nicht davon abhalten, Artikel zu schreiben, Eliza. Ich will nur nicht, dass du das ausgerechnet in Tantanoola tust.«

»Warum denn nicht?«, beharrte Eliza. »Sag jetzt bloß nicht, weil du Angst hast, ich könnte vom Gegenstand meiner Geschichte gefressen werden! Ich bin neunzehn und kein Baby mehr.«

»Eben. Anstatt in der Weltgeschichte herumzureisen, solltest du dir lieber einen netten jungen Mann suchen und eine Familie gründen«, sagte Henrietta. Es war ihr unbegreiflich, wie ihre Tochter all die jungen Männer, die sichtlich Interesse an ihr zeigten, einfach ignorieren konnte. »Katie ist zwei Jahre jünger als du und wird wahrscheinlich noch vor dir zum Traualtar schreiten.«

»Soll sie doch«, gab Eliza achselzuckend zurück. »Ich will nicht wie Katie sein, Mom, oder wie du. Ich will mehr vom Leben, als Ehefrau und Mutter einer Horde von Kindern zu sein, denen ich ständig die Nase putzen muss. Dafür habe ich noch Zeit genug, wenn ich älter bin.«

Henrietta presste die Lippen aufeinander und atmete geräuschvoll ein. »Nach Tantanoola wirst du jedenfalls nicht fahren. Das ist mein letztes Wort. Mount Gambier ist viel größer als Tantanoola. Wenn es dir nicht gelingt, hier etwas zu finden, über das zu schreiben sich lohnt, bist du vielleicht nicht gut genug in deinem Beruf.« Sie konnte sehen, dass sie ihre Tochter mit diesen Worten verletzt hatte, aber das kümmerte sie nicht. Für Henrietta stand zu viel auf dem Spiel.

Eliza hätte weinen können vor hilfloser Enttäuschung und ballte zornig die Fäuste. In diesem Moment sah sie ihren Vater in den Hof reiten. Er war mit King Solomon, seinem preisgekrönten Hengst, in der Gegend von Dartmoor gewesen und hätte eigentlich erst am Abend zurückkommen sollen. Elizas Miene hellte sich auf. Ihr Vater kam ihr wie gerufen. Sie eilte nach draußen und lief zu den Ställen, wo er den Hengst abzäumte.

»Hallo, Dad«, begrüßte sie ihn mit zuckersüßer Stimme. »Wie war’s? Hattest du einen schönen Tag mit King?«

Richard Dickens lachte. »Hallo, mein Schatz. Ja, es war wunderbar. Er liebt diese langen Ausritte, das weißt du ja. Außerdem ist er mit ein paar Stuten zusammengekommen, die in einigen Wochen hierher gebracht werden sollen, damit er sie decken kann. Das gibt bestimmt ein paar prächtige Fohlen. Aber sag mal, wieso bist du eigentlich schon zu Hause?« Er sah seine Tochter fragend an. »Gibt es in der Redaktion nichts für dich zu tun? Musst du keine Artikel schreiben?«

Elizas Miene verdüsterte sich, als sie wieder an den Tiger von Tantanoola dachte. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als über ihn berichten zu dürfen. »Es gibt da etwas, über das ich sehr gern schreiben würde, eine packende Geschichte, aber Mom verbietet es mir.« Die angestaute Enttäuschung brach sich Bahn, und ihr kamen die Tränen. Ihrem Vater gegenüber schämte sie sich ihrer Gefühle nicht, weil es Richard nie in den Sinn käme, sie zu verurteilen.

»Na, na, Liebes, wer wird denn gleich weinen.« Begütigend legte er seinen Arm um sie. »Was ist denn passiert?«

Eliza vertraute sich ihm an und fügte hinzu: »Ich glaube, Mom will mich nicht nach Tantanoola gehen lassen, weil Tante Matilda dort wohnt. Aber das ist nicht fair!«

Schon bei Elizas ersten Worten war Richard zusammengezuckt. Er hatte lange Zeit nicht mehr an die Schwester seiner Frau und an die Vergangenheit gedacht, doch ihm war sofort klar, weshalb Henrietta nicht wollte, dass ihre Tochter nach Tantanoola ging. Ein trauriger Ausdruck erschien in Richards Augen, doch Eliza bemerkte es nicht. »Komm, wir reden noch einmal mit ihr«, sagte er. »Ich bin sicher, wir werden eine Lösung finden.«

Als Henrietta ihren Mann und ihre Tochter Arm in Arm in Richtung Haus schlendern sah, konnte sie sich schon denken, was die beiden beredet hatten. Sie straffte sich und bereitete sich auf die bevorstehende Konfrontation vor. Richard ergriff bei jeder Auseinandersetzung Partei für Eliza, und das machte Henrietta wütend. Sie wusste genau, warum er immer zu ihrer Tochter hielt: Sie erinnerte ihn an Matilda.

Richard gab seiner Frau zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange und setzte sich dann in einen der bequemen Sessel ihres behaglich eingerichteten Wohnzimmers.

»Wie war die Reise?«, erkundigte Henrietta sich förmlich, als sie ihrem Mann Tee einschenkte. Weder sie noch Richard fand diese Reserviertheit seltsam; ihre Beziehung war von Anfang an nicht allzu herzlich gewesen.

»Gut. King Solomon wird nächstes Jahr prachtvollen Nachwuchs bekommen, denke ich.« Richard nippte am Tee und ließ den Blick zwischen Frau und Tochter hin und her schweifen. Die Spannungen zwischen beiden entgingen ihm nicht. »Eliza hat mir erzählt, dass ihr ein interessanter Auftrag angeboten wurde. Sie soll über den Tiger von Tantanoola berichten«, fuhr er fort. Sein Tonfall verriet, dass er von dieser Idee sehr angetan war.

»Stimmt, aber ich habe ihr gesagt, dass sie sich das aus dem Kopf schlagen kann«, erwiderte Henrietta mit finsterer Miene.

»Warum? Sie ist doch jetzt alt genug, dass sie ein paar Tage allein auswärts verbringen kann.« Obwohl der Name Matilda nicht fiel, wussten beide genau, dass sie der wahre Grund für Henriettas Widerstand war.

»Das ist viel zu gefährlich.« Henrietta knetete nervös die Hände. Sie konnte ihre Gefühle nur mühsam unterdrücken.

»Der Tiger ist seit Jahren angeblich immer wieder in der Gegend gesehen worden, aber es kam nie zu einem ernsthaften Zwischenfall«, sagte Richard. »Und Eliza wird vorsichtig sein – nicht wahr, mein Schatz?« Er lächelte seiner Tochter über den Rand seiner Tasse hinweg zu.

Henrietta brannten Tränen in den Augen. »Ich will aber nicht, dass sie nach Tantanoola geht!«, stieß sie hervor. »Das habe ich ihr auch klipp und klar gesagt, und damit ist das Thema für mich erledigt.« Sie stand auf und wollte aus dem Zimmer eilen, um jeder weiteren Diskussion aus dem Weg zu gehen.

Richard war es gewohnt, dass seine Frau eine Konfrontation scheute. Sie war nicht imstande, ihre Gefühle zu zeigen, sei es Zorn oder Zuneigung. Stattdessen zog sie sich zurück, wenn sie ihren Willen nicht durchsetzen konnte. Matilda war da ganz anders gewesen.

»Und ich sage, sie kann gehen«, versetzte Richard in einem Tonfall, den er seiner Frau gegenüber höchst selten anschlug. »Wir sollten uns geschmeichelt fühlen, dass George Kennedy so viel Vertrauen in Eliza setzt. Wenn sie ihre Sache gut macht – und daran zweifle ich nicht –, wird es ihrer Karriere förderlich sein.«

Henrietta war abrupt stehen geblieben und hatte sich langsam umgedreht. Ihre Miene verriet, wie wütend sie war. Obwohl es sie nicht überraschte, dass ihr Mann auch dieses Mal zu Eliza hielt, machte es sie rasend. »Na schön. Ich wollte zwar nichts sagen, aber du zwingst mich dazu. Matilda hat uns vor Jahren deutlich zu verstehen gegeben, dass sie uns nie mehr sehen will. Ich kann das zwar nicht verstehen und finde es auch nicht richtig, aber wir sollten es respektieren. Deshalb möchte ich nicht, dass unsere Töchter Kontakt zu ihr aufnehmen. Es war Matildas Entscheidung, sich von uns und von der Welt zurückzuziehen, also soll sie auch damit leben.«

Betretenes Schweigen entstand nach diesen harten Worten. Henrietta hatte ihren Töchtern nie erklärt, warum ihre Schwester Matilda nichts mehr mit ihrer Familie zu tun haben wollte, sondern lediglich angedeutet, dass Matilda einen schrecklichen Unfall gehabt hatte, der tiefe körperliche und seelische Narben hinterlassen und sie zum weitgehenden Rückzug aus der Öffentlichkeit bewogen hatte.

Eliza brach das Schweigen als Erste. Sie wählte ihre Worte mit Bedacht. »Ich verspreche, dass ich Tante Matilda aus dem Weg gehe, Mom.«

»In einer kleinen Stadt wie Tantanoola kann man sich nicht aus dem Weg gehen, Eliza.«

»Das finde ich nicht«, widersprach Eliza. »Mr. Kennedy möchte, dass ich mich darauf konzentriere, wie die Farmer mit der Situation umgehen und wie sie den Verlust ihrer Schafe verkraften. Das heißt, ich werde mich hauptsächlich auf den Farmen aufhalten. Und selbst wenn ich Tante Matilda auf der Straße begegne – ich würde sie ja gar nicht erkennen, genauso wenig wie sie mich.«

Wieder breitete sich Schweigen aus. Schließlich seufzte Henrietta tief. Sie stand auf verlorenem Posten, das wusste sie. Sie kannte ihre Tochter. Falls Eliza auch nur den leisesten Verdacht schöpfte, dass mehr hinter Matildas Rückzug in die Abgeschiedenheit steckte, würde sie nicht ruhen, bis sie die Hintergründe herausgefunden hätte. »Mir wäre es wirklich lieber, du würdest nicht nach Tantanoola fahren, Eliza. Aber ich sehe schon, du wirst keine Rücksicht auf meine Wünsche nehmen, zumal du ja deinen Vater hinter dir weißt.« Sie bedachte ihren Mann mit einem vernichtenden Blick.

»Die Story zu schreiben bedeutet mir unendlich viel, Mom«, sagte Eliza eindringlich.

»Dann versprich mir wenigstens, dich von Matilda fernzuhalten.« Henrietta sah ihren Mann beschwörend an, damit er sie wenigstens in diesem Punkt unterstützte.

»Du sollest tun, was deine Mutter verlangt, Eliza«, sagte Richard angespannt. Als sie Matilda das letzte Mal gesehen hatten, waren er und Henrietta noch nicht einmal verheiratet gewesen. Sie hatten ihre Töchter nie bewusst von Tantanoola ferngehalten. Selbst heute, nach so vielen Jahren, verstand Richard nicht, weshalb Matilda den Kontakt vollständig abgebrochen hatte, doch er respektierte ihre Entscheidung.

»Ja, Vater«, sagte Eliza gehorsam. »Ich verspreche, dass ich Tante Matilda nicht belästige.«

Henrietta gab es einen Stich. »Wie lange wirst du wegbleiben?«

»Ich weiß noch nicht genau. Mr. Kennedy meinte, ein paar Tage, vielleicht auch ein bisschen länger …«, antwortete Eliza ausweichend. War sie erst einmal in Tantanoola und außerhalb des elterlichen Einflussbereichs, würde sie bleiben können, so lange sie wollte.

»Und wo wirst du wohnen?«, fragte Henrietta.

Abermals hielt Eliza es für klüger, sich nicht festzulegen. »Mr. Kennedy wird sich um eine Unterkunft kümmern. Sobald ich Genaueres weiß, sage ich euch Bescheid. Ich werde euch keine Schande machen«, fügte sie hinzu. »Ich möchte, dass ihr stolz auf mich sein könnt.«

»Das sind wir auch, mein Schatz.« Richard drückte ihr einen Kuss aufs Haar. Eliza blickte lächelnd zu ihm auf. Sie war ihm dankbar für seine Unterstützung.

Henrietta beobachtete die beiden mit säuerlicher Miene. Eliza erinnerte sie fatal an Matilda. Ihre Schwester hatte Richard mit der gleichen Mühelosigkeit um den Finger gewickelt.

»Ich werde Mr. Kennedy Bescheid sagen, dass ich gleich morgen früh fahren kann!«, sagte Eliza erfreut. Sunningdale, die Farm der Familie Dickens, die nach Henriettas Eltern, den Dales, benannt worden war, lag drei Meilen außerhalb der Stadt. Sie würde es also gerade noch rechtzeitig vor Büroschluss schaffen.

Eliza verabschiedete sich von ihren Eltern, lief aufgeregt nach draußen und stieg auf ihren Einspänner. Als der Wagen vom Hof rollte, drehte Henrietta sich zu ihrem Mann um. Ihre Augen funkelten vor Zorn.

»Warum fällst du mir jedes Mal in den Rücken? Ich habe Eliza verboten, nach Tantanoola zu fahren, und dann kommst du und erlaubst es ihr!«

»Das hätte ich sicher nicht getan, wenn du einen triftigen Grund für dein Verbot gehabt hättest, Henrietta.«

»Einen triftigen Grund? Dieser Auftrag ist gefährlich! Wir reden hier von einem Tiger!«

Richard machte eine wegwerfende Handbewegung. »Dir geht es doch gar nicht um den Tiger, den es wahrscheinlich nicht einmal gibt. Wenn du ehrlich bist, hast du nur Angst, Eliza und Matilda könnten sich begegnen.« Henrietta wollte bloß nicht, dass Eliza die alte Geschichte herausfand, da war Richard sicher: Er und Matilda waren einst ein Liebespaar gewesen, und er hatte eigentlich sie und nicht Henrietta heiraten wollen.

»Und du hoffst, Eliza würde Matilda begegnen, weil es dir selbst nicht vergönnt ist!«, entgegnete Henrietta hitzig, auf deren Wangen sich hektische rote Flecken gebildet hatten.

Richard blickte sie fassungslos an. »Was redest du denn da? Wenn ich Matilda sehen wollte, bräuchte ich doch nur nach Tantanoola zu fahren.«

»Dann fahr doch!«

Ihre Aggressivität verwunderte Richard. Außerdem hatte er Henrietta versprochen, Matilda nie mehr wiederzusehen. »Es ist Jahre her, seit wir erfahren haben, dass sie in Tantanoola lebt«, antwortete er ausweichend. »Vielleicht ist sie längst weggezogen.«

Daran hatte Henrietta überhaupt noch nicht gedacht. Ihre maßlose Eifersucht trübte offenbar ihren Verstand. »Du lässt dich von Eliza um den Finger wickeln, weil sie dich an Matilda erinnert«, warf sie ihrem Mann vor.

Richard nickte. »Sie ist ihr sehr ähnlich, das stimmt.« Er wusste, seine Frau hatte damit gerechnet, dass er es abstreiten würde. »Sie sprüht vor Temperament und brennt darauf, etwas aus ihrem Leben zu machen. Matilda war genauso … bis zu ihrem Unfall«, fügte er leise hinzu. Einen Augenblick schien er einen inneren Kampf auszufechten; dann räusperte er sich und fuhr fort: »Ich hoffe aufrichtig, Eliza wird so bleiben, wie sie ist.«

»Du wünschst, alles wäre anders gekommen, nicht wahr?«, sagte Henrietta voller Bitterkeit. Der Gedanke begleitete sie seit vielen Jahren, aber jetzt erst fand sie den Mut, ihn auszusprechen. Sie war es leid, ihre Gefühle zu verbergen.

Richard seufzte. »Es ist nun mal so, wie es ist, Henrietta. Außerdem sind wir doch glücklich miteinander, oder nicht? Und wir haben zwei prachtvolle, hübsche Töchter.«

Henrietta nickte, doch in ihren Augen schimmerten Tränen. Ihr Mann hatte ihr nicht widersprochen, und das war ihr nicht entgangen.

»Ich habe die Vergangenheit schon vor langer Zeit losgelassen, Liebes«, sagte Richard und streichelte ihr zärtlich die Wange. Er wollte hinzufügen, dass er seine Entscheidung nicht bereue, besann sich dann aber anders, weil es eine Lüge gewesen wäre: Er hätte Matilda nicht einfach gehen lassen dürfen; das bereute er noch heute. Sie hatte sich nach ihrem Unfall geweigert, ihn zu sehen, was aber nichts an Richards Gefühlen für sie änderte. Sein Herz gehörte zum größten Teil Matilda. Den Rest konnte er Henrietta nur borgen.

Sie schwieg. Die Traurigkeit in Richards Stimme schmerzte sie in der Seele. In ihrem Innern wusste sie, dass ihr Mann ihre Schwester immer noch liebte. Wäre dieser schreckliche Unfall nicht gewesen, wären Richard und Matilda auch heute noch ein Paar.

2

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George Kennedy verschlug es die Sprache, als Eliza in sein Büro stürmte und ihm freudestrahlend verkündete, dass ihre Eltern ihr erlaubt hätten, nach Tantanoola zu fahren.

»Mein Vater ist sehr stolz, dass Sie so viel Vertrauen in mich setzen!«, fügte sie aufgeregt hinzu.

George räusperte sich. »Tatsächlich? Und was sagt Ihre Mutter dazu?«

»Anfangs war sie nicht sehr angetan von der Idee. Aber zu guter Letzt hat sie eingesehen, dass dieser Auftrag mir sehr viel bedeutet, und war einverstanden.« Ohne das Eingreifen ihres Vaters hätte Henrietta niemals ihre Einwilligung gegeben, das wusste Eliza. Sie konnte froh sein, ihn auf ihrer Seite zu haben.

»Was Sie nicht sagen!« George war sicher gewesen, dass Henrietta ihrer Tochter verbieten würde, nach Tantanoola zu fahren; deshalb hatte er Jimmy bereits gesagt, er solle ein paar Sachen packen. Zum Glück hatte er keine weiteren Einzelheiten preisgegeben, sonst käme es unweigerlich zu einem Zusammenstoß zwischen seinen beiden Jungreportern, die auf der Jagd nach guten Storys erbitterte Rivalen waren.

»Mir scheint, Sie haben nicht damit gerechnet, dass ich die Erlaubnis von meinen Eltern bekomme«, stellte Eliza fest, die ihrem Chef ansehen konnte, wie überrascht er war.

»Nun, ich … ja, ich dachte, Ihre Eltern hätten gewisse Vorbehalte.«

»Zum Glück haben sie genauso viel Vertrauen in mich wie Sie, Sir«, erwiderte Eliza ein wenig spöttisch.

»Ja, zum Glück«, murmelte George seufzend.

»Machen Sie sich keine Sorgen, Mr. Kennedy, ich werde Sie nicht enttäuschen.«

»Das hoffe ich, Eliza. Unsere Auflage ist gesunken …«

»Das wird sich ändern, Sir, Sie werden schon sehen! Ich werde einen fantastischen Artikel schreiben«, versprach sie. »Ich fahre gleich nach Hause und packe meinen Koffer. Morgen früh bin ich pünktlich wieder hier.«

George blickte sie verdutzt an. »Einen Koffer werden Sie nicht brauchen, Eliza. Packen Sie nur das Nötigste. Sie fahren nicht nach Tantanoola, um Ihre schönen Kleider vorzuführen, vergessen Sie das nicht. Sie sollen Stoff für eine gute Story sammeln, und das könnte bedeuten, dass Sie mit einem Farmer durch einen schlammigen Pferch stapfen und sich die schaurigen Überreste seiner Schafe ansehen müssen.«

Jetzt war es Eliza, die ein verdutztes Gesicht machte. »Das weiß ich, Mr. Kennedy«, sagte sie kleinlaut. In Wahrheit war ihr der Gedanke, im Schlamm herumwaten und einen blutigen Kadaver begutachten zu müssen, noch gar nicht gekommen. »Aber als Reporterin der Border Watch möchte ich einen guten Eindruck hinterlassen.«

»Das werden Sie ganz bestimmt. Dennoch möchte ich Sie bitten, nur das Nötigste mitzunehmen. Vielleicht werden Sie nur kurze Zeit in Tantanoola bleiben. Soviel ich weiß, haben die Einheimischen einen Jäger angeheuert, weil mehrere Farmer viele Schafe verloren haben.« Je länger Eliza am Ort des Geschehens blieb, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie alles verpatzte; deshalb hoffte George, ihr Aufenthalt in Tantanoola wäre nur von kurzer Dauer. »Sehen Sie zu, dass Sie schnellstmöglich Material für Ihre Geschichte zusammenkriegen. Dann kommen Sie hierher zurück, damit ich den Artikel drucken kann. Und denken Sie immer daran, Eliza: Nachrichten sind Tatsachen ohne die Wiedergabe Ihrer persönlichen Meinung.«

»Ich werde daran denken, Sir«, versicherte sie.

»Gut. Und jetzt gehen Sie hinunter ins Archiv und lesen nach, was im Lauf der Jahre über den Tiger geschrieben worden ist.«

Eliza machte große Augen. »Jetzt gleich, Sir?«

»Ja, jetzt gleich. Worauf warten Sie? Sie müssen informiert sein, damit Sie die richtigen Fragen stellen können. Nur so bekommt man eine gute Story.«

Eliza ließ sich ihr Unbehagen nicht anmerken. Das Archiv befand sich im Keller, wo es immer kalt und düster war. Sie ging nicht gern dort hinunter und drückte sich davor, wann immer sie konnte. »In Ordnung, Sir«, murmelte sie schicksalsergeben.

»Und vergessen Sie nicht abzuschließen, wenn Sie gehen. Ich mache Schluss für heute.«

Elizas Entsetzen wuchs, als sie das hörte. Die anderen hatten längst Feierabend gemacht; das bedeutete, dass sie ganz allein im Gebäude sein würde. »Ist gut, Sir«, sagte sie dennoch tapfer. »Dann bis morgen. Ich werde noch einmal ins Büro kommen, bevor ich zum Bahnhof gehe.«

»Gut. Dann kann ich Ihnen das Geld für Ihre Auslagen gleich mitgeben.« George war aufgestanden und hatte sich sein Jackett übergestreift. »Gute Nacht, Eliza.« Damit verließ er das Büro.

Eliza stieg in den Keller hinunter und suchte sämtliche Artikel heraus, die vom Tiger von Tantanoola handelten. Es war ihr nicht geheuer im Archiv, wo dunkle Schatten zwischen den langen Regalreihen lauerten, Spinnen die Wände hinaufkrochen und man das Gebäude in der hereinbrechenden kühlen Nacht ächzen und knarren hörte. Aber sie bekämpfte ihre Furcht, indem sie sich auf ihre Lektüre konzentrierte.

Die Beschreibungen des Raubtiers wichen voneinander ab, einige Geschichten von angeblichen Begegnungen mit dem Tiger waren schlichtweg unglaubwürdig. Elizas lebhafte Fantasie fand reichlich Nahrung, und sie vergaß alles rings um sie her.

Die Zeit verging wie im Flug. Erstaunt stellte sie fest, wie spät es schon war, als sie nach einer ganzen Weile auf die Uhr schaute. Ihre Eltern würden sich bestimmt schon Sorgen machen. Sie sprang auf, um die dicken Zeitungsbündel an ihren Platz zurückzulegen, und stieß gegen eine Schachtel auf einem Bord unmittelbar über ihr. Die Schachtel fiel auf den Fußboden, der Deckel rutschte herunter, und ein Stapel loser Blätter flatterte auf den Boden.

»Verflixt«, murmelte Eliza verärgert, als sie sich bückte, um die Blätter einzusammeln. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie wollte doch schnell nach Hause! Plötzlich fiel ihr Blick auf eine einzelne, zusammengefaltete Zeitungsseite. Neugierig faltete sie das Papier auseinander. Es war ein Artikel über einen Unfall. Ein Schauder rieselte ihr über den Rücken, als sie die tragischen Einzelheiten las. Merkwürdig nur, dass die Namen der Beteiligten nicht genannt waren. Der Artikel stammte von 1880 und war von ihrem Chef verfasst worden, als dieser noch ein junger Reporter gewesen war. Eliza runzelte die Stirn. Wieso steckte die Seite zwischen all den Blättern, die inhaltlich nichts damit zu tun hatten, wie sie mit einem raschen Blick feststellte?

Noch einmal überflog sie die Zeilen, die George Kennedy damals geschrieben hatte.

In Millicent wurde am Freitag, dem 10. August, auf der Hauptstraße eine Frau von einer Postkutsche erfasst. Der Unfall ereignete sich vormittags vor den Augen zahlreicher Fußgänger. Die Frau trug schwerste Verletzungen davon, darunter zahlreiche Knochenbrüche und tiefe Fleischwunden, überlebte aber wie durch ein Wunder, da ihr Passanten direkt zu Hilfe geeilt waren. Der Kutscher musste mit einem Schock ins Krankenhaus gebracht werden. Seltsamerweise konnte keiner der Zeugen genaue Angaben zum Unfallhergang machen. Bei der Verunglückten handelt es sich um eine Einwohnerin von Mount Gambier.

Eliza fragte sich, warum der Name der Frau nicht genannt wurde. Sie kannte ihren Chef und wusste, was für ein penibler Mensch er war. Eine solche Unterlassung sah ihm gar nicht ähnlich. Ob die Frau sich jemals von ihren schweren Verletzungen erholt hatte? Oder war sie doch noch daran gestorben?

Tief in Gedanken verließ Eliza das Gebäude. Auf dem Nachhauseweg schwirrte ihr der Kopf von Geschichten über Tiger und wilde Tiere, doch immer wieder kehrten ihre Gedanken zu dem Artikel über den Unfall zurück, der so viele Fragen aufwarf.

Am Mittwochmorgen ging Eliza nach einem kurzen Abstecher in die Redaktion zum Bahnhof und stieg in den Zug nach Adelaide, der an der Küste entlangfuhr und in Tantanoola, Millicent, Beachport und Kingston hielt. Da Tantanoola nur zwölf Meilen von »The Mount« entfernt lag, wie Mount Gambier bei den Einheimischen hieß, würde sie schon früh dort ankommen. Eliza war ganz zappelig vor Aufregung und Vorfreude. Sie war noch nie in Tantanoola gewesen und konnte es kaum erwarten, den Ort kennen zu lernen.

Als der Zug seine Fahrt an einem Haus verlangsamte, hinter dem sich eine überwiegend von Tee- und Kängurubäumen bestandene Hügelkette erstreckte, schaute Eliza neugierig aus dem Fenster und fragte dann den Schaffner, ob das schon Tantanoola sei.

»Nein, Miss, bis Tantanoola sind es noch zwei Meilen.« Als er bemerkte, dass sie das Gebäude an der Bahnstrecke aufmerksam betrachtete, fügte er hinzu: »Das ist das Hanging Rocks Inn, Miss. Hier verlief früher die alte Postkutschenroute. Das Gasthaus hier war das erste Haus, das in der Gegend gebaut wurde. Seinen Namen hat es von den Felsen, die sich dahinter erheben, den Up and Down Rocks.«

Eliza runzelte verwundert die Stirn. »Was für ein seltsamer Name. Wird das Gasthaus denn noch betrieben?«

»Meines Wissens ist es heute ein Wohnhaus. Manchmal sehe ich im Vorüberfahren jemanden im Garten arbeiten.«

Eliza fand, dass das Haus ein wenig verloren und bedrückend wirkte.

Kurze Zeit später hielt der Zug in Tantanoola. Eliza war der einzige Fahrgast, der ausstieg. Obwohl sie eine ruhige Stadt erwartet hatte, war sie dennoch überrascht von der Stille, die über dem Ort lag. Der Zug war längst weitergefahren, als sie immer noch auf dem Bahnsteig stand und sich umschaute.

Die Gleise führten von Norden nach Süden mitten durch die Stadt. Verglichen mit Mount Gambier drückte Tantanoola sich förmlich an den Boden, so eben war die Stadt. Direkt gegenüber dem Bahnhof befand sich das Railway Hotel, ein einstöckiges Gebäude. Hinter dem Bahnhof lagen Stallungen – »Gurney’s Stables« stand über dem Tor – und die Kolonial- und Haushaltswarenhandlung der Brüder Wiltshire. Daneben gab es eine Apotheke sowie einen Obst- und Süßwarenladen, der mit einem Schild im Schaufenster für erfrischende Getränke warb, obwohl die Luft schneidend kalt und der Sommer noch nicht in Sicht war. Hinter den Geschäften konnte man Häuserzeilen sehen, ein Schulgebäude und eine Kirche. Auf der Seite des Hotels standen ebenfalls Häuser an einigen wenigen Straßen, und ein Postamt gab es auch. Eliza fiel auf, dass die meisten Grundstücke nicht eingezäunt waren.

Noch hundert Jahre zuvor hatte es reichlich Wasser in der Gegend gegeben, und auf dem sumpfigen Land waren hauptsächlich Teebäume und Tussock-Gras gewachsen. Obwohl das Gebiet heute weitgehend entwässert war, wie Eliza erfahren hatte, gab es immer noch zahlreiche Moore, die von Acker- und Weideland umgeben waren. Zwei Meilen weiter westlich lag der Lake Bonney, doch man konnte den See von der Stadt aus nicht sehen, weil ein Gürtel dichter Vegetation dazwischenlag, der unter anderem aus Manna-Eschen, Schwarzen Mangroven, Buchsbäumen und Geißblatt bestand. Tausend Verstecke für einen wilden Tiger, dachte Eliza schaudernd. Ob dieser Tiger der Grund dafür war, dass die Straßen menschenleer waren? Hätte sich nicht Rauch aus den meisten Schornsteinen gekräuselt, hätte man Tantanoola für eine Geisterstadt halten können.

Eliza nahm ihren Koffer und ging zum Hotel hinüber. So früh am Morgen bin ich sicherlich der einzige Gast, überlegte sie, als sie ihren Koffer durch die Tür wuchtete. In der leeren Bar fiel ihr Blick auf eine Tafel an der Wand, auf der verzeichnet war, dass man den Tiger zweimal gesichtet hatte; außerdem war die Zahl der Tiere vermerkt, die er gerissen hatte. Die Liste mit den Verlusten wurde offenbar von Tag zu Tag länger. Während Eliza gedankenverloren die Tafel betrachtete, kam eine Frau aus dem hinteren Teil des Gebäudes. Es war Mary Corcoran. Sie hatte einen Staubwedel in der Hand.

»Oh, guten Morgen«, sagte sie überrascht, als sie den Gast erblickte.

Eliza trug einen dunklen Rock zu einer weißen Bluse und hatte einen schweren Mantel über die Schultern geworfen. Ihr lockiges, schulterlanges braunes Haar betonte ihren hellen Teint. Mary fielen ihre warmen braunen Augen und die rosigen Lippen auf. Sie ahnte nicht, dass sich hinter dem unschuldigen, lieblichen Äußeren eine willensstarke junge Frau verbarg.

»Guten Morgen«, erwiderte Eliza die Begrüßung. »Mein Name ist Eliza Dickens.«

»Ich bin Mary Corcoran. Meinem Mann und mir gehört das Hotel. Aber die Bar ist noch nicht geöffnet.«

»Oh, das macht nichts. Sie dürften mir sowieso keinen Alkohol ausschenken, weil ich noch nicht alt genug bin. Ich würde gern ein Zimmer mieten.«

»Ach herrje«, entfuhr es Mary. »Wir haben nur zwei, und beide sind bereits vergeben.«

»Und für wie lange?«

»Das kann ich nicht genau sagen.« Mary machte ein ratloses Gesicht. Vor knapp einer Woche hatte Mannie den Tiger zum ersten Mal gesehen; seitdem herrschte in der Stadt eine Nervosität, die manchmal an Hysterie grenzte.

»Ich arbeite für die Border Watch, die Zeitung in Mount Gambier«, sagte Eliza in der Hoffnung, Mary würde sich dann hilfsbereiter zeigen. »Ich bin Reporterin und möchte über den Tiger schreiben, der hier in der Gegend gesehen wurde.«

Mary nickte. »Das überrascht mich nicht. Diese Geschichte wirbelt ganz schön Staub auf. Dabei sind wir nicht einmal sicher, ob es sich wirklich um einen Tiger handelt.«

»Sagen Sie jetzt bloß nicht, dass es ein streunender Hund oder etwas Ähnliches ist!«, stieß Eliza enttäuscht hervor. Das würde keine besonders spannende Story abgeben.

»Nein, das sicher nicht. Die beiden Einheimischen, die das Raubtier gesehen haben, konnten es zwar nicht genau erkennen, aber sie sind überzeugt, dass es sich um eine gefährliche wilde Bestie handelt. Möglicherweise ist es der Tiger, der vor Jahren als Jungtier mit seiner Mutter aus einem Zirkus entwischt ist.« Die Zeitungsleute würden das Geschäft ankurbeln, das wusste Mary, deshalb nahm sie sich gern die Zeit, über die Geschichte zu sprechen.

»Meinen Sie? Na ja, wie auch immer, jedenfalls soll ich über die Sache berichten, und deshalb brauche ich eine Unterkunft. Ob einer Ihrer Gäste heute zufällig abreisen wird?«, fragte Eliza hoffnungsvoll.

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, erwiderte Mary kopfschüttelnd. »Der eine ist ein gewisser Alistair McBride. Er ist …«

»… Reporter bei der South Eastern Times in Millicent«, beendete Eliza den Satz. Ihr Chef hatte seinen Namen erwähnt. McBride ging angeblich über Leichen, um an eine gute Story zu kommen. Es wurmte Eliza, dass er vor ihr in Tantanoola eingetroffen war.

»Stimmt. Er will genau wie Sie über den Tiger schreiben. Also wird er nicht abreisen, ehe er seine Geschichte hat. Der andere heißt Brodie Chandler und ist Berufsjäger. Alle hier im Ort haben zusammengelegt, damit er angeheuert werden konnte. Er soll die Bestie, die das Vieh reißt, zur Strecke bringen. Mr. Chandler wird erst abreisen, wenn er seine Arbeit erledigt hat.«

»Was mache ich denn jetzt?«, sagte Eliza hilflos. »Das ist wirklich eine dumme Situation.«

»Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht behilflich sein kann, Miss Dickens«, sagte Mary bedauernd.

Eliza blieb unschlüssig stehen und überlegte. Sie konnte unmöglich nach Hause zurückfahren und ihrem Chef erzählen, dass aus der Geschichte leider nichts geworden war, weil sie keine Unterkunft gefunden hatte. Eher würde sie in einem Stall übernachten! »Gibt es hier im Ort jemanden, bei dem ich unterkommen könnte? Gegen gute Bezahlung natürlich. Mein Chef hat mir genug Geld mitgegeben.«

Mary legte nachdenklich den Zeigefinger auf die Lippen. »Hm. Normalerweise kommen nicht viele Fremde hierher, aber als letztes Jahr ein junges Paar auf der Durchreise eine Unterkunft suchte und ich die beiden nicht aufnehmen konnte, weil meine Schwester mit ihrer Familie aus Adelaide zu Besuch war, kamen die beiden bei Tilly Sheehan unter. Sie lebt zurückgezogen und hat nicht gerne Menschen um sich, aber vielleicht macht sie ja auch diesmal eine Ausnahme.«

»Das wäre wunderbar!«, rief Eliza erleichtert. »Ich werde sie gleich fragen. Wo finde ich sie?«

»Sie wohnt im Hanging Rocks Inn. Sie sind auf der Fahrt hierher daran vorbeigekommen, vielleicht ist es Ihnen aufgefallen.«

Elizas Hoffnungen bekamen einen Dämpfer. »Ja, ich erinnere mich.« Sie erinnerte sich auch daran, dass das Haus keinen sehr einladenden Eindruck gemacht hatte. »Und sonst gibt es hier niemanden, bei dem ich unterkommen könnte?«

Mary schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, nein. Sagen Sie Tilly, ich hätte Sie geschickt, Miss Dickens. Ich wünsche Ihnen viel Glück.« Sie bezweifelte, dass Tilly das Mädchen bei sich aufnehmen würde, aber fragen kostete ja nichts.

»Danke.« Elizas Blick fiel auf den schweren Koffer, den sie neben sich abgestellt hatte. »Bis zum Hanging Rocks Inn sind es zwei Meilen. Ich kann meinen Koffer unmöglich so weit tragen.«

»Da haben Sie recht, das geht natürlich nicht. Warten Sie, ich hole jemanden, der Ihnen hilft.«

»Vielen Dank, sehr freundlich.«

Mary eilte nach draußen, und Eliza blieb allein in dem leeren Schankraum zurück. Kurze Zeit später hörte sie einen Esel vor dem Hotel schreien. Dann wurde die Vordertür geöffnet, und Mary steckte ihren Kopf herein.

»Kommen Sie, Miss Dickens«, sagte sie und winkte Eliza zu sich.

Eliza zwängte sich mit ihrem Koffer durch die Tür. Draußen stand ein ärmlich aussehender Aborigine neben einem Eselskarren. Sein kariertes Hemd und die zerschrammten Stiefel waren mit Farbklecksen übersät, die graue Hose wurde von einem schmalen Gürtel gehalten. Eliza schätzte den Mann auf ungefähr dreißig.

»Das ist Noah Rigby«, sagte Mary. »Er wird Sie zum Hanging Rocks Inn fahren.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Rigby. Nett von Ihnen.« Eliza lächelte ihm zu.

Noah machte eine leichte Verbeugung, vermied es aber, Eliza anzusehen.

»Hilf Miss Dickens mit dem Koffer, Noah«, sagte Mary tadelnd.

Noah sprang eilig herbei und wuchtete Elizas Koffer auf seinen Karren. Er wartete, bis sie hinaufgeklettert war; dann ergriff er die Zügel. Der Esel protestierte laut ob der schweren Last, die er zu ziehen hatte, setzte sich aber in Bewegung, als Noah energisch am Zaumzeug ruckte.

Minutenlang sprach keiner ein Wort. Noah war sichtlich befangen. Eliza vermutete, dass er von den Weißen wegen seiner Abstammung und seiner Hautfarbe gehänselt oder gar verächtlich behandelt wurde. Sie kannte dieses Verhalten, das ihr zutiefst verhasst war, von den weißen Einwohnern in Mount Gambier und war ziemlich sicher, dass es in Tantanoola nicht anders war. Sie fasste sich ein Herz und fragte:

»Wohnen Sie schon lange in Tantanoola, Mr. Rigby?«

»Ungefähr zwanzig Jahre, Miss Dickens«, antwortete er. »Aber ich habe mein ganzes Leben in der Gegend hier verbracht. Hier nennen mich übrigens alle nur Noah. Kein Mensch sagt Mr. Rigby zu mir.«

»Gut, dann müssen Sie aber auch Eliza zu mir sagen.«

»Wie Sie wünschen, Miss«, erwiderte er. Doch der Gedanke behagte ihm nicht, Eliza konnte es ihm ansehen.

Sie musste unwillkürlich lächeln. »So schwer ist das doch nicht, oder?«, neckte sie ihn.

»Nein, Miss.« Jetzt musste auch Noah lächeln. »Ich meine, Eliza.« Es freute Noah, dass die junge Frau ihn so respektvoll behandelte, wie sonst nur Tilly Sheehan es tat.

»Was sind Sie von Beruf, Noah?«

»Ich bin Maler.«

»Ja, ich dachte mir gleich, dass die Flecken auf Ihrem Hemd Farbe sind.«

»Mrs. Corcoran hat mir keine Zeit gelassen, mich umzuziehen«, meinte Noah entschuldigend.

»Das macht doch nichts. Aber kann man denn davon leben? Gibt es in Tantanoola genug Häuser, die gestrichen werden müssen?«

»Ich bin Kunstmaler, Miss, kein Anstreicher.« Noah war es gewohnt, dass die Leute ihm nur handwerkliche Fähigkeiten zutrauten. »Ich male hauptsächlich Landschaften.« Er liebte seine Arbeit nicht zuletzt deshalb, weil sie es ihm ermöglichte, allein zu sein. Er war gern für sich.

Eliza machte große Augen. »Was Sie nicht sagen! Ich würde auch gern malen können. Sind Sie ein guter Maler?«

Noah blickte sie überrascht an.

»Ich frage nur, weil ich Reporterin bin … aber keine besonders gute, fürchte ich. Jedenfalls noch nicht. Ich hoffe, das wird sich nach dieser Tigergeschichte ändern.«

Noah unterdrückte ein Schmunzeln, sagte aber nichts. Eine Zeitlang schwiegen sie beide, während der Karren über die staubige Straße am Fuß der Up and Down Rocks rollte. Dann fragte Eliza neugierig:

»Welchem Stamm gehören Sie eigentlich an?« Noah sah eher wie ein Halbblut aus.

»Den Bunganditji. Früher war es der größte der fünf Clans, die auf dem Ngarringjeri-Land lebten. Heute gibt es nicht mehr viele von ihnen.«

»Wie kommt das?«

»Sie sterben aus«, erwiderte Noah traurig. »Außerdem hat die Lebensweise der Aborigines sich sehr verändert, weil sie nicht mehr umherziehen können wie früher.«

»Wegen der Farmer, die sich hier angesiedelt haben?«

»Ja«, antwortete Noah knapp. Er wollte nicht näher darauf eingehen, wie schlecht die Aborigines behandelt wurden, wenn sie ihr Lager auf dem Land eines Farmers aufschlugen. »Ich bin der letzte Aborigine in Tantanoola. Mit mir werden sie dort aussterben.«

Eliza stimmte der Gedanke traurig. Um sich und Noah abzulenken, sagte sie: »Wenn Sie Ihr ganzes Leben hier verbracht haben, haben Sie den Tiger doch bestimmt einmal gesehen, oder?«

Noah senkte den Kopf. Den Blick auf die staubige Erde gerichtet, erwiderte er: »Nein, Miss.« Es fiel ihm offensichtlich schwer, sie Eliza zu nennen.

Eliza war enttäuscht. Eine Beschreibung des wilden Tieres von einem Augenzeugen hätte wunderbar in ihren Artikel gepasst. Nach einer Pause fragte sie: »Verkaufen Sie Ihre Bilder an Durchreisende?«

»Nur selten, Eliza. Mein Hauptabnehmer ist Mr. Ward in Mount Gambier.«

»Wirklich? Ich kenne John Ward. Er stellt die Bilder sicher in seiner Galerie aus.«

Noah nickte. »So ist es.«

»Die Galerie läuft meines Wissens ziemlich gut. Ich hoffe, er zahlt Ihnen einen anständigen Preis für Ihre Arbeiten.«

Noah zuckte mit den Achseln. Er hatte nicht das Gefühl, dass er gerecht bezahlt wurde, doch er war froh, einen Abnehmer für seine Bilder zu haben; deshalb beschwerte er sich nicht.

»Kennen Sie die Frau, die im Hanging Rocks Inn wohnt?«, fragte Eliza unvermittelt.

»Ja. Das ist Miss Sheehan. Sie ist sehr nett.«

»Da bin ich froh. Ich finde, das Haus sieht irgendwie unheimlich aus, aber sagen Sie ihr das bitte nicht weiter.«

Noah lächelte. Elizas offene Art gefiel ihm. »Keine Sorge, Miss Eliza, ich werde es für mich behalten.«

Als sie das Hanging Rocks Inn erreichten, stieg Eliza vom Eselskarren und klopfte an die Tür. Während sie darauf wartete, dass jemand öffnete, schaute sie sich um. Das Gasthaus lag etwas höher als die Straße, auf der anderen Seite der Bahngleise erstreckte sich flaches Land. Schafe grasten auf grünen Weiden zwischen Bäumen. Im Sommer, wenn eine gnadenlose Sonne vom Himmel brannte, würde das saftige Grün sich jedoch in tristes Braun verwandeln. Dennoch war es ein friedliches Fleckchen Erde. Aus der Nähe betrachtet, gefiel es Eliza sehr viel besser als aus dem Zugfenster. Dieser Gedanke ging ihr gerade durch den Kopf, als die Tür geöffnet wurde.

»Ja?«, fragte eine kühle Frauenstimme aus dem schummrigen Flur.

Eliza fuhr herum. »Guten Morgen! Mary Corcoran schickt mich …«

»So?« Die Frau trat aus dem Schatten. Bei ihrem Anblick konnte Eliza ihr Erstaunen nicht verbergen. Die dunklen Haare waren schulterlang und bedeckten die eine Hälfte des Gesichts. Eliza fielen besonders die wachen, intelligenten Augen auf, mit denen sie von Kopf bis Fuß gemustert wurde. »Ich bin Tilly Sheehan«, stellte die Frau sich dann vor. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich bin Reporterin bei der Border Watch in Mount Gambier«, antwortete Eliza, »und ich suche eine Unterkunft für ein paar Tage.«

»Und im Hotel ist kein Zimmer mehr frei«, stellte Tilly fest. Mary hatte es ihr gesagt, als sie sich auf dem Markt getroffen hatten.

»Ja. Mrs. Corcoran sagte, Sie hätten schon einmal ein Zimmer an Fremde vermietet, und deshalb habe ich gehofft …«

»… dass ich es noch einmal tue«, vollendete Tilly den Satz. Sie war nicht sehr erbaut, dass Mary das Mädchen zu ihr geschickt hatte. Den Weg hätte sie sich sparen können.

»Hätten Sie denn ein Zimmer für mich?«, fragte Eliza.

Abermals ließ Tilly den Blick über die Unbekannte schweifen. Sie war noch sehr jung für eine Reporterin, fand Tilly, bewunderte aber die mutige Entscheidung, nicht einen der gängigen Frauenberufe wie Krankenschwester oder Verkäuferin ergriffen zu haben. Das deutete auf eine gehörige Portion Willenskraft und Entschlossenheit hin. Doch das vermochte Tilly nicht umzustimmen. Sie wollte keine Fremden im Haus haben; sie war gern allein. »Es tut mir sehr leid, aber ich fürchte, Sie haben den weiten Weg hierher umsonst gemacht. Ich kann Ihnen nicht helfen. Ich bleibe lieber nur in Gesellschaft meiner Tiere. Vielleicht finden Sie ja woanders eine Unterkunft. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei der Suche.« Tilly trat einen Schritt zurück und schickte sich an, die Tür zu schließen.

»Warten Sie bitte«, rief Eliza mit wachsender Panik. »Wenn ich richtig verstanden habe, gibt es in der Stadt niemanden, bei dem ich unterkommen könnte, und wenn ich kein Dach über dem Kopf habe, kann ich die Story über den Tiger von Tantanoola nicht schreiben …«

»Das ist nun wirklich nicht mein Problem«, versetzte Tilly frostig.

Eliza machte ein verzweifeltes Gesicht. »Ich weiß, und es tut mir leid, wenn ich Ihnen auf die Nerven gehe, aber ich stecke in einer schrecklichen Klemme. Ich kann nicht nach Mount Gambier zurück und meinem Chef sagen, aus der Story ist nichts geworden, weil ich keine Unterkunft gefunden habe. Wie würde das aussehen? Eigentlich wollte er Jimmy Connelly hierher schicken, meinen Kollegen. Jimmy würde sogar in einem Stall schlafen, wenn es sein müsste. Aber ich habe meinem Chef versprochen, dass er es nicht bereuen wird, wenn er mich statt Jimmy schickt. Bitte, geben Sie mir ein Zimmer!«, flehte sie. »Ich verspreche Ihnen, Sie werden gar nicht merken, dass ich da bin. Ich werde die meiste Zeit unterwegs sein und Farmer und Augenzeugen befragen.«

Tilly seufzte. Die Not der jungen Frau ging ihr zu Herzen. Und wenn sie tatsächlich die meiste Zeit unterwegs war … Dennoch behagte ihr der Gedanke nicht, eine Fremde im Haus zu haben. Das letzte Mal hatte sie es als Belästigung empfunden.

Eliza blickte Tilly mit ihren warmen braunen Augen beschwörend an.

»Also gut, meinetwegen«, sagte Tilly seufzend. »Sie können ein paar Tage hier wohnen.« Sie brachte es nicht übers Herz, die junge Frau ihrem Schicksal zu überlassen. Obwohl Tilly die Fremde nicht kannte, war sie ihr – das musste sie zugeben – sympathisch.

Eliza fiel ein Stein vom Herzen. »Ich danke Ihnen!«, sagte sie überschwänglich.

Tilly schaute an ihr vorbei zu Noah, der Elizas Koffer ablud. »Möchten Sie auf ein Tässchen Tee hereinkommen, Noah?«

»Nein, danke, Miss Sheehan. Ich möchte ein Bild fertig malen, an dem ich seit einiger Zeit arbeite.«

»Wie Sie wollen. Aber warten Sie einen Augenblick, ich hab noch was für Sie.« Tilly verschwand im dunklen Flur.

»Vielen Dank, dass Sie mich hergefahren haben, Noah.« Eliza ging zu ihm, öffnete ihre Handtasche und kramte nach einem Geldstück. »Ich würde mich gern erkenntlich zeigen.«

Noah machte eine abwehrende Handbewegung. »Das ist nicht nötig. Es war mir ein Vergnügen, mich mit Ihnen zu unterhalten, Eliza.«

»Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite«, sagte Eliza aufrichtig. »Es tut mir leid, dass Sie meinetwegen aus der Arbeit gerissen wurden. Ich hoffe, Sie werden mir eines Tages Ihre Bilder zeigen.«

Noah schaute sie überrascht an. Dann legte sich ein erfreuter Ausdruck auf sein Gesicht. »Sie können mich jederzeit besuchen, Eliza. Ich wohne am Ende der Straße hinter dem Railway Hotel.«

»Bevor ich abreise, komme ich auf jeden Fall vorbei«, versprach sie.

Tilly trat aus der Tür, ein Einkaufsnetz mit einem Topf Marmelade und einem frisch gebackenen Laib Brot in der Hand. »Das ist für Sie, Noah«, sagte sie und reichte ihm das Einkaufsnetz.

»Vielen Dank, Miss Sheehan!« Noah freute sich sichtlich. »Niemand macht so gute Pflaumenmarmelade wie Sie!«

»Nichts zu danken. Möchten Sie nicht doch auf eine Tasse Tee bleiben?« Noah war der einzige Mensch, den Tilly als Freund bezeichnen würde. Sie hatte zwar einige Bekannte, aber niemanden, mit dem sie Umgang pflegte. Noah war wie sie, ein Einzelgänger und Ausgestoßener; deshalb verstanden sie sich so gut. Darüber hinaus teilte Tilly seine Liebe zur Malerei.

»Ich will lieber zurück und weiterarbeiten«, sagte Noah. »Sie wissen ja, wie das ist.«

»Aber ja. Dann beeilen Sie sich!«

Noah wendete seinen Karren und kletterte hinauf. »Auf geht’s, Billy, nicht so lahm«, rief er seinem Esel zu und schnalzte mit den Zügeln. Der Esel machte einen Satz und trabte los.

»Was würde ich nur ohne Noah anfangen«, meinte Tilly, die ihm nachschaute, als der Karren in einer Staubwolke davonrollte. »Er ist ein hilfsbereiter Mann. Jedes Mal fährt er meine Einkäufe von der Stadt nach Hause, aber er weigert sich strikt, Geld von mir zu nehmen.«

»Von mir wollte er auch keins«, sagte Eliza.

»Das wundert mich nicht. Ein Glück, dass er meine eingekochten Früchte mag. So kann ich ihm wenigstens etwas Gutes tun und mich ein klein wenig revanchieren.« Tilly streifte Eliza mit einem Seitenblick. Ihre Miene verdüsterte sich. Wieso hatte sie sich breitschlagen lassen? Sie bereute es jetzt schon. Der Gedanke, eine Fremde unter ihrem Dach zu beherbergen, stimmte sie mit einem Mal mürrisch. »Kommen Sie«, forderte sie Eliza barsch auf.

Die junge Frau folgte ihr durch einen langen Flur, vorbei an mehreren Türen, in ein Wohnzimmer, an das sich seitlich eine Küche anschloss. Es war keineswegs so düster im Haus, wie Eliza erwartet hatte. Das Wohnzimmer war gemütlich eingerichtet, durch ein großes Fenster konnte man auf eine Veranda und einen Gemüse- und Obstgarten schauen. Große, farbenfrohe Tierbilder schmückten den Raum. Eliza fragte sich, ob Noah sie gemalt hatte.

»Meine Güte, das ist ja ein Riesenkoffer«, bemerkte Tilly, als sie sah, wie schwer Eliza zu schleppen hatte. »Wie lange wollen Sie denn bleiben?« Hoffentlich nicht so lange, wie der Koffer vermuten lässt, fügte sie stumm hinzu.

Eliza, die Tillys Gedanken erriet, beruhigte sie: »Nur bis ich eine gute Story für meine Zeitung habe. Ein paar Tage, schätze ich. Ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass ich bei Ihnen wohnen darf. Da fällt mir ein … ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Eliza.« Sie streckte die Hand aus.

Tilly zögerte einen Sekundenbruchteil, ehe sie Eliza die Hand gab. »Willkommen im Hanging Rocks Inn, Eliza …«

»Dickens. Aber sagen Sie bitte Eliza zu mir.«

Tilly riss Mund und Augen auf und ließ Elizas Hand so schnell los, als hätte sie sich daran verbrannt. »Dickens? Sie sind nicht zufällig verwandt mit Richard Dickens?«

Verwundert über Tillys Reaktion, antwortete Eliza: »Er ist mein Vater. Warum? Kennen Sie ihn?«

Alle Farbe wich aus Tillys Gesicht. Die Knie wurden ihr weich. »Ich … ich habe vor vielen Jahren … in Mount Gambier gewohnt«, stammelte sie und wandte sich rasch ab, um ihre Bestürzung zu verbergen. Sie hatte zwar erfahren, dass Henrietta und Richard geheiratet hatten, und auch angenommen, dass die beiden Kinder hatten, aber nichts Näheres gewusst.

»Das ist ja seltsam«, sagte Eliza verwundert. »Meine Großmutter hieß vor ihrer Ehe mit Frederick Dale übrigens auch Sheehan. Noch so ein merkwürdiger Zufall …« In diesem Moment fiel ihr eine große Narbe in Tillys Gesicht auf, die bislang von ihren Haaren verdeckt worden war. Eliza schnappte erschrocken nach Luft und fragte: »Ist Tilly etwa die Kurzform von Matilda?«

»Ja.« Tilly blickte Eliza prüfend an, ob sie einen vertrauten Zug im Gesicht der jungen Frau entdeckte. Sie fragte sich, ob Richard sie, Tilly, jemals seiner Tochter gegenüber erwähnt hatte.

Eliza verschlug es beinahe den Atem. Das durfte doch nicht wahr sein! Kaum in Tantanoola eingetroffen, hatte sie schon – wenn auch unbeabsichtigt – das Versprechen gebrochen, das sie ihren Eltern gegeben hatte: keinen Kontakt zu Matilda. »Dann sind Sie …«

»Ich bin deine Tante.« Tilly nickte. »Hast du das gewusst?« Es war eine überflüssige Frage, denn sie kannte die Antwort bereits. Eliza war anzusehen, wie verstört sie war.

»Nein, ich … ich hatte keine Ahnung«, stammelte sie. »Ich habe den Namen Tilly Sheehan nie mit Matilda Dale in Verbindung gebracht.«

»Ich habe den Mädchennamen meiner Mutter angenommen.«

»O nein. Was soll ich denn jetzt machen?«, jammerte Eliza. »Jetzt sitze ich ganz schön in der Patsche. Ich habe meinen Eltern versprechen müssen, dass ich Ihnen aus dem Weg …« Sie brach erschrocken ab, als ihr bewusst wurde, wie unhöflich sie war, und schlug sich die Hand vor den Mund. »Entschuldigen Sie. Möchten Sie, dass ich wieder gehe?«

Tilly zögerte. »Meinetwegen kannst du bleiben. Und du darfst mich gern duzen«, fügte sie hinzu. Sie wandte sich ab und ging zum Küchentisch. »Ich habe gerade Tee aufgebrüht. Möchtest du auch eine Tasse?«

Eliza war verwirrt. Sie konnte sich die Reaktion ihrer Tante nicht erklären. Wenn es stimmte, was ihre Mutter ihr erzählt hatte, müsste Tilly doch daran gelegen sein, sie schnellstens wieder loszuwerden! »Ja, gern, aber nur wenn Sie … wenn du ganz sicher bist, dass ich bleiben kann.«

Tilly war sich keineswegs sicher. Aber sollte sie ihre Nichte etwa auf die Straße setzen? »Eine Unterkunft brauchst du ja nach wie vor, oder?«, brummte sie bärbeißig.

»Ja, schon …«

»Du wirst eben für das Zimmer bezahlen. Ich bin kein Wohltätigkeitsverein.«

»Ja, sicher. Mein Chef hat mir Geld für meine Auslagen mitgegeben …«

»Gut. Wie trinkst du deinen Tee? Wenn ich dir dein Zimmer gezeigt habe, können wir eine Tasse zusammen trinken.«

»Schwarz, ohne Zucker.«

Tilly schaute sie verblüfft an.

»Ich weiß, das ist ungewöhnlich«, sagte Eliza. »Meine Mutter …« Sie stockte, als ihr bewusst wurde, dass sie Henrietta besser nicht erwähnen sollte, fuhr dann aber fort: »Sie nimmt immer drei Stück Zucker, genau wie …« Abermals brach sie ab, als sie Tillys bohrenden Blick bemerkte.

»Ich trinke meinen Tee ebenfalls schwarz und ohne Zucker«, sagte Tilly, ohne auf die Bemerkung über Henrietta einzugehen.

»Oh. Nicht viele trinken ihren Tee so.« Ihre Mutter hatte sie deswegen immer getadelt. Jetzt begriff Eliza, weshalb.

»Du willst also über den Tiger berichten?«, fragte Tilly.

Eliza nickte eifrig. »Ja. Das wäre die Story!«

»Wieso bist du ausgerechnet Reporterin geworden?« Tilly konnte sich vorstellen, dass es Henrietta lieber gewesen wäre, hätte ihre Tochter eine ruhige Stelle in einem Büro oder in einem Bekleidungsgeschäft angenommen.

»Ich war immer schon neugierig. Manchmal zu neugierig«, gestand Eliza.

Tilly musste unwillkürlich schmunzeln. »In deinem Alter war ich genauso. Ich habe mich nach Abenteuern gesehnt und liebte alles Geheimnisvolle und Unerklärliche. Ich habe sogar Geschichten geschrieben. Sie waren gar nicht mal so übel.« Ein Lächeln spielte um ihre Lippen, und ihre blauen Augen funkelten. »Und ich habe gern getanzt und war sehr gesellig … vielleicht zu sehr.«

Eliza hatte ihr erstaunt zugehört. »Und wie bist du dann eine solche Eigenbrötlerin geworden?«, platzte sie heraus, ohne nachzudenken.

»Eine Eigenbrötlerin?« Tilly blickte Eliza finster an. »Wie kommst du denn darauf? Wer hat das gesagt?« Mary Corcoran oder Noah bestimmt nicht, da war Tilly sicher. Aber sie wusste, dass viele andere in der Stadt sie für schrullig hielten.

»Mom hat dich so genannt«, sagte Eliza kleinlaut.

»Ach ja? Hat sie das?« Tilly drehte ihrer Nichte abrupt den Rücken zu.

Betretenes Schweigen machte sich breit. Eliza, die sich keinen Reim auf Tillys Reaktion machen konnte, sagte schließlich: »Dann stimmt es also nicht, dass du gesagt hast, du wolltest keinen von uns sehen?«

»Ich wusste ja nicht einmal, dass es dich gibt, Eliza«, rechtfertigte Tilly sich kleinlaut. Sie hatte oft an die Kinder gedacht, die Henrietta und Richard bekommen würden – sie war sich sicher gewesen, dass sie Kinder haben würden. Es hatte Tilly mitten ins Herz getroffen, dass Richard ihre Schwester geheiratet hatte, doch von Henrietta hatte sie nichts anderes erwartet. Bei der konnte sie gar nichts mehr überraschen. »Komm, ich zeig dir dein Zimmer«, sagte sie unvermittelt.

Als sie in den Flur traten, hörte Eliza ein Kratzen an der Hintertür. »Was ist das …?«, stieß sie erschrocken hervor.

Tilly schaute sie verblüfft an. »Das ist Sheba, meine Hündin. Sie ist ein bisschen unruhig, weil die Farmer auf alles schießen, was sich bewegt, seit der Tiger ein paar Schafe gerissen hat. Zwei Hunde sind schon versehentlich erschossen worden.«

»O nein«, sagte Eliza betrübt. Sie liebte Tiere über alles.

»Wenn ich es dir sage! Es gibt Dummköpfe hier in der Gegend, die schon losballern, wenn sie im Dunkeln ein Augenpaar leuchten sehen. Zurzeit sollte man nachts besser im Haus bleiben. Nach Einbruch der Dunkelheit lasse ich Sheba nicht mehr ins Freie; irgendein Dummkopf hat auf sie geschossen. Zum Glück hat er sie verfehlt, aber sie hat einen Mordsschreck bekommen. Ich nehme an, der Schütze war Barney Blackwell, mein nächster Nachbar. Barney ist fast blind.« Tilly war zur Hintertür gegangen und öffnete sie. Ein Collie kam ins Haus gelaufen.

»Was für ein schönes Tier«, sagte Eliza und hielt Sheba ihre Hand hin, damit sie sie beschnuppern konnte. Der Hund wedelte freudig mit dem Schwanz und ließ sich streicheln.

»Sie mag dich«, stellte Tilly überrascht und erfreut zugleich fest. Normalerweise war der Hund Fremden gegenüber genauso zurückhaltend wie sein Frauchen.

»Hunde spüren, wenn man sie mag.« Eliza blickte auf und sah, dass Tilly sie sonderbar anschaute. »Ich bin meiner Mutter gar nicht ähnlich, stimmt’s? Im Unterschied zu meiner Schwester.«

»Du hast eine Schwester?«, stieß Tilly hervor.

»Ja. Katie. Sie ist fast zwei Jahre jünger als ich. Wir ähneln uns überhaupt nicht. Sie ist blond und ein heller Typ wie Mom, während ich ganz nach meinem Vater komme.«

»Ja, das stimmt«, murmelte Tilly versonnen. War die Ähnlichkeit mit Richard der Grund dafür, dass Eliza ihr auf Anhieb so sympathisch war? Hatte sie sich deshalb überreden lassen, ihr ein Zimmer zu vermieten?

»Katie arbeitet in einem Bekleidungsgeschäft«, fuhr Eliza fort. »Mom stellt sie mir oft genug als Vorbild hin, was mir ehrlich gesagt ziemlich auf die Nerven geht.«

Tillys Blick nach zu urteilen, konnte sie ihre Nichte gut verstehen. Eliza fragte sich, ob ihre Großmutter auch immer Vergleiche zwischen ihren beiden Töchtern, Matilda und Henrietta, angestellt hatte.

Tilly wechselte das Thema. »Ich hoffe, du bist nicht wählerisch, was das Essen angeht.«

»Nein, ich esse so ziemlich alles. Nur Pilze kann ich nicht ausstehen.«

Wieder blickte Tilly sie verwundert an. »Na so was. Die mag ich auch nicht.«

Eliza lachte. »Offenbar haben wir eine Menge gemeinsam.«

Zum ersten Mal huschte ein Lächeln über Tillys Gesicht. »Ja, den Eindruck habe ich auch.« Als sie sich zur Seite wandte und in Gedanken ihre Haare aus dem Gesicht strich, konnte Eliza die Narben auf Tillys rechter Wange deutlich sehen. Sie zuckte zusammen. Die Wunden mussten tief gewesen sein, dass sie so schreckliche Spuren hinterlassen hatten.

Tilly war Elizas Reaktion nicht entgangen. Hastig schob sie sich die Haare wieder über die rechte Gesichtshälfte und lief mit ihr den Flur entlang.

»So schlimm ist es doch gar nicht«, sagte Eliza verlegen, als Tilly eine der Türen öffnete, um ihr das Gästezimmer zu zeigen. Eliza betrat das gemütliche Zimmer und schaute sich um. Ihr fiel sofort auf, dass der Spiegel auf dem Frisiertisch mit einem Laken verhängt worden war.

»Doch, es ist schlimm«, sagte Tilly traurig. »Zwanzig Jahre sind seit damals vergangen, aber ich kann mich immer noch nicht im Spiegel anschauen.«

»Ich sage die Wahrheit«, beharrte Eliza. »Es sind Vernarbungen, aber es ist keine Entstellung. Du musst einmal wunderschön gewesen sein, und du bist immer noch sehr attraktiv. Trotzdem kann ich verstehen, dass du gehemmt bist.«

Tilly verschlug es für einen Augenblick die Sprache angesichts dieser Direktheit. »Die Geschichte hat mich verändert, aber ich glaube, dass ich ein besserer Mensch geworden bin. Vor meinem Unfall brauchte ich nur mit den Wimpern zu klimpern, und schon konnte ich jeden um den Finger wickeln und bekam alles, was ich wollte. Aber seit ich mehr an andere Menschen als an mich denke …«

»Warum hast du dann …«

»Lass mich etwas klarstellen, Eliza«, fiel Tilly ihrer Nichte schroff ins Wort. »Ich will nicht über die Dinge von damals reden. Die Vergangenheit soll bleiben, wo sie hingehört, also wärme keine alten Geschichten auf. Entweder du hältst dich daran, oder du gehst wieder.«

Unbeeindruckt von Tillys Drohung erwiderte Eliza: »Entschuldige, aber es wird schwer sein, meine Familie nicht zu erwähnen, wenn ich hierbleibe.« Es würde vor allem schwer sein, ihre Neugier zu zügeln, wenn sie ehrlich war. Eliza fand es aufregend, ihre Tante auf diesem Weg kennen gelernt zu haben, und konnte es kaum erwarten, mehr über sie zu erfahren. Sie wusste allerdings, dass sie behutsam vorgehen musste, wollte sie es sich nicht mit Tilly verderben.

»Du kannst meinetwegen von deiner Familie erzählen, aber du wirst keine Fragen stellen!«, verlangte Tilly streng.

Das konnte Eliza ihr nicht versprechen. »Darf ich … darf ich Tante zu dir sagen?«

Tillys Augen wurden sanft. »Natürlich«, sagte sie beinahe verlegen, drehte sich um und ging in die Küche zurück, während Eliza ihren Koffer aufklappte und sich daranmachte, ihre Sachen auszupacken.

Als Tilly den Tee eingeschenkt und Eliza sich zu ihr gesetzt hatte, fragte die Tante, was sie über den Tiger von Tantanoola wisse.

»Nur, was ich in der Border Watch gelesen habe«, antwortete Eliza. »Hast du ihn denn jemals zu Gesicht bekommen?«, fragte sie gespannt.

Tilly schüttelte den Kopf. »Nein, nie. Ehrlich gesagt bin ich nicht einmal sicher, ob er wirklich existiert. Tatsache ist, dass etliche Schafe gerissen wurden, aber in einer kleinen Stadt verbreiten sich solche Geschichten in Windeseile, und jeder dichtet noch etwas dazu.«

»Aber irgendjemand muss doch ein Tier gesehen haben, das wie ein Tiger aussieht, sonst wären diese Geschichten nie entstanden«, gab Eliza zu bedenken.

»Ich weiß nicht, ob man Mannie Boyds Worten Glauben schenken darf«, erwiderte Tilly zweifelnd. »Andererseits … Jock Milligan hatte am selben Tag angeblich auch etwas beobachtet, und Jock ist ein angesehener Einwohner der Stadt.«

»Das hört sich an, als würdest du nicht viel von diesem Mannie Boyd halten.«

»Na ja, ich zähle nicht gerade zu seinen Verehrerinnen«, bemerkte Tilly trocken. »Er trinkt zu viel und fängt dann Streit an. Ständig ist er in eine Rauferei verwickelt. Aber abgesehen davon ist er harmlos.«

»Ist er Farmer?«

»Um Gottes willen, nein! Er lebt vom Verkauf von Kaninchenfellen. Mehr schlecht als recht, wie mir scheint, zumal er ein Spieler ist und viel Geld am Spieltisch verliert, wie ich gehört habe.«

»Und er hat den Tiger, oder was immer es war, zuerst gesehen?«

»Soviel ich weiß, ja. Mary Corcoran erzählte mir, Mannie sei völlig aufgelöst in die Bar gestürzt und hätte nach einem Doppelten verlangt. Was immer er gesehen hat, muss ihm einen ganz schönen Schrecken eingejagt haben.«

»Wo finde ich diesen Mannie?« Eliza griff nach ihrem Notizbuch.

Tilly beschrieb ihr den Weg zu Mannies Hütte in der Nähe des Postamts.

»Gehst du normalerweise zu Fuß in die Stadt?«, fragte Eliza, der dieser Gedanke nicht sonderlich behagte.

»Mich zieht es nicht oft dorthin, aber wenn, gehe ich meistens zu Fuß, ja. Ich habe zwar eine Stute, aber sie ist schon alt und kaum noch zu einer schnelleren Gangart zu bewegen. Sie gehörte dem Vorbesitzer des Gasthauses und diente als Zugpferd. Ich hab’s nicht übers Herz gebracht, sie zu verkaufen, zumal es hier genug zu fressen für sie gibt.«

»Seit wann gehört dir das Hanging Rocks Inn?«

Tilly zögerte. Sie sprach nicht gern über sich, und zu viele Fragen machten sie misstrauisch. »Noch nicht so lange. Aber ich habe hier viele Jahre nach dem Rechten gesehen, nachdem der Besitzer nach Adelaide gezogen war«, sagte sie, den Blick auf ihre Teetasse geheftet.

»Und dann hat er dir das Haus zum Kauf angeboten?«, fragte Eliza neugierig.

»Nein. Er ist vor ein paar Monaten gestorben und hat es mir vermacht.«

»Du Glückspilz.«

Tilly fand Elizas Offenheit erfrischend. Das Mädchen erinnerte sie sehr an Richard, ihren Vater. »Es ist ein merkwürdiges Gefühl, auf einmal Hauseigentümerin zu sein«, gestand Tilly lächelnd. Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: »Wenn du lieber in die Stadt reiten würdest, mache ich dich mit Nell bekannt. Die Stute ist riesengroß, aber sehr gutmütig.«

»Gern. Ich würde ehrlich gesagt lieber reiten, schon wegen des Raubtiers, das sich hier herumtreibt, ob es nun ein Tiger ist oder etwas anderes«, erwiderte Eliza.

»Dann komm, ich zeig sie dir.«

Sie gingen zum Stall. Das Tor stand offen, sodass Nell auf eine kleine, eingezäunte Weide konnte. Sie stand am anderen Ende der Koppel und rupfte genüsslich das grüne Gras. Auf der einen Seite des Stalls schloss sich eine Sattelkammer an, auf der anderen befand sich ein Hühnerstall voller Hühner. Dahinter standen zwei Ziegen in einem Pferch.

»Der frühere Eigentümer hatte noch ein zweites Zugpferd, aber es starb vor ein paar Jahren«, erklärte Tilly. »Anfangs fühlte Nell sich einsam ohne ihren Kameraden, aber ich habe mich dann sehr um sie gekümmert und sie verwöhnt, damit sie über den Verlust hinwegkommt. Jetzt hat sie gelernt, sich selbst Gesellschaft genug zu sein, so wie ich.« Tilly senkte befangen den Kopf.

Eliza war gerührt. Anscheinend liebte ihre Tante Tiere über alles. Noch etwas, das sie gemeinsam hatten. Eliza ahnte, dass Tiere lange Zeit Tillys einzige Gesellschaft gewesen waren. Katie und ihre Mutter waren da ganz anders: Für sie waren Tiere ausschließlich zum Arbeiten da. Pferde zogen Fuhrwerke, und Hunde trieben das Vieh zusammen.

»Bist du denn nie einsam?«, fragte Eliza.

»Nein, nie. Wer einsam ist, kann mit sich selbst nicht allein sein. Ich kann das sehr gut.« In einem Baum in der Nähe zwitscherten Vögel. »Es gibt wunderschöne Vogelarten hier«, sagte Tilly und blickte auf. »Ich male gern Vögel.«

»Dann sind die Bilder im Haus von dir?«, staunte Eliza. »Sie sind großartig.«

Ihr Lob freute Tilly. »Da solltest du mal Noahs Bilder sehen. Er hat viel mehr Talent als ich.«

»Er hat gesagt, ich könne jederzeit vorbeikommen und mir seine Arbeiten anschauen.«

Tilly blickte sie erstaunt an. »Tatsächlich?« Das sah dem sonst so scheuen Noah gar nicht ähnlich. »Es ist eine Schande, wie wenig er für seine Bilder bekommt«, fuhr sie dann mürrisch fort. »Dabei gehe ich jede Wette ein, dass John Ward in seiner Galerie einen stolzen Preis für die Bilder erzielt. Aber Noah würde sich nie beschweren, weil er weiß, dass Ward ihm seine Arbeiten dann nicht mehr abnehmen würde, und dann hätte er kein Einkommen mehr. So was nennt man Ausbeutung. Darüber solltest du mal schreiben!«

»Das würde ich, aber Mr. Kennedy, mein Chef, muss meine Artikel genehmigen, und er sieht es nicht gern, wenn ich heiße Eisen anpacke und möglicherweise für Aufsehen sorge. Vielleicht lässt er mir mehr Entscheidungsfreiheit, wenn ich erst eine richtige Reporterin und keine blutige Anfängerin mehr bin.«

Tilly erinnerte sich gut an George Kennedy. Ein zärtlicher Ausdruck huschte über ihr Gesicht, doch sie sagte nichts. Sie rief Nell, und die riesige Stute kam zu ihr getrottet.

Eliza rieb Nell über die weichen Nüstern. »Sie ist lieb, das merkt man gleich.«

»Aber pass auf, dass sie dir nicht auf die Füße tritt«, warnte Tilly. »Möchtest du was essen, bevor du dich auf den Weg machst?«

»Nein, ich möchte lieber erst mit diesem Mannie Boyd sprechen«, erwiderte Eliza. Ihr Chef wollte den Artikel so schnell wie möglich haben; außerdem hielt Alistair McBride vom Konkurrenzblatt sich in der Stadt auf.

Tilly nickte. »Wie du möchtest. Dann werde ich Nell gleich für dich satteln.«

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