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Im Schatten des Münsters

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Prolog
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. 30
  35. 31
  36. 32
  37. 33
  38. 34
  39. Epilog
  40. Danksagung

Prolog

Eigentlich ist die Münsterstadt ein schöner, beschaulicher Ort, gelegen am Fuße des südlichen Schwarzwalds. Mit einem prächtigen Wahrzeichen von Sakralbau, um den sich ein gemütlicher Marktplatz mit allerlei Gastronomie schart.

Hier trifft jeder jeden bei schönem Wetter, um zu sehen und gesehen zu werden.

Eine Attraktion ist der Wochenmarkt, der hier täglich außer sonntags stattfindet. Man lässt es sich bei Wein und Bier gut gehen und schaut dem Treiben zu.

Sehr idyllisch.

Wenn da nicht jemand jeden Tag mit Glockenschlag zwölf Uhr das Gesamtbild stören würde. Niemand konnte sich noch erinnern, wann der Mann das erste Mal aufgetaucht war. Er war einfach da.

Die Anlieger beobachteten ihn mit Argwohn, die Wirte fürchteten um ihren Umsatz, wenn er sich ihrem Lokal näherte.

Wie er wirklich hieß, wer er war, wo er lebte? Keinen schien das zu interessieren. Nur dass seine Anwesenheit störte. Darüber waren sich die Geschäftsleute einig.

»Otto«, rief man ihn. Wenn man ihn rief. Meistens benutzten die Leute diesen Namen mehr als Schimpfwort, um ihn zu vertreiben. Aber Otto … wer? Ein Familienname? Fehlanzeige!

Otto kam und ging. Jeden Tag, bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Wie eine Fleisch gewordene Drohung zog er magisch seinen Kreis um den Münsterplatz.

In der ganzen Stadt schien sich nur ein Einziger für ihn zu interessieren. Und der machte sich lächerlich, da er eine Katastrophe prophezeite, wenn dieser Otto sterben sollte …

1

Abbildung

An was ich mich erinnere,als ich den Mann das erste Mal wahrnahm, war ein stetiges, metallenes Geräusch.

Es war an einem Samstagmorgen. Ich saß in einem der Biergärten am Münsterplatz und berauschte mich am Treiben des Wochenmarktes.

Die Händler standen mit dem Rücken zur Gastronomie, sodass sich die Gäste der Wirtschaften und Cafés, die sich um das gesamte Münster drapierten, als Zuschauer hinter den Kulissen fühlen konnten. Meine Augen waren durch das Gewimmel ermüdet, und ich gönnte ihnen eine Erholung, indem ich hoch oben die mit pittoresken Wasserspeiern versehenen Kapitelle des Münsters entlangglitt.

»Tack-Tack, Tack-Tack«, machte es. Ich drehte mich nach dem Geräusch um.

Ein Wesen, das ich im Gegenlicht nur an seinem Gang auf zwei Beinen als Mensch identifizieren konnte, zog einen Handwagen über das Pflaster. Die eisenbereiften Räder verursachten dieses »Tack«, wenn sie von der Kuppe eines der groben Pflastersteine in das Tal der Fuge rollten, um den nächsten Stein zu erklimmen.

Damit war die Neugier meines Gehörs nach der Lokalisierung des Geräusches befriedigt, und ich wandte mich wieder dem Markttreiben zu.

Es vergingen ein paar Tage, bis ich dieses »Wesen« erneut zur Kenntnis nahm. Dieses Mal unter höchst merkwürdigen Umständen.

Das Wetter war nicht dazu angetan, sich länger als nötig im Freien aufzuhalten. Ich hatte beschlossen, mir die geschichtsträchtigen Bauten der Stadt von innen anzuschauen.

Als ich aus dem historischen Kaufhaus trat, bemerkte ich beiläufig, dass ein Leiterwagen unter den Arkaden geparkt war. Ein großer schwarzer Hund von undefinierbarer Rasse bewachte den Inhalt, der bei oberflächlicher Betrachtung wie ein Sammelsurium von Mülltüten aussah. Ein blondes Mädchen von etwa zwölf Jahrenk niete neben dem Hund und kraulte sein ungepflegtes Fell. Mehr nahm ich nicht zur Kenntnis.

Da ich keinen Regenschirm hatte, beeilte ich mich, den Münsterplatz, auf dem die Händler frierend auf Kundschaft warteten, zu überqueren.

Ich betrat das Münster durch das Südportal, das als Pforte in einer mit Kupferornamenten beschlagenen Flügeltür eingelassen war. Sozusagen als Tür in der Tür.

Ohne Sonne schluckten die bunten Kirchenfenster das draußen ohnehin nur spärlich vorhandene Licht. Das im romanischen Baustil gehaltene Kirchenschiff ließ die Stimmung aufkommen, die Jonas im Bauch des Wals gehabt haben musste. Einziger Trost und Lichtblick waren das Ewige Licht am Hochaltar und die Kerzen, die im Seitenschiff auf einer Lichterbank flackerten.

Majestätisch schimmerten die Pfeifen der Orgel von der Empore und zogen mich magisch an.

Nachdem ich mich über ausgetretene Stufen hinaufgetastet hatte, sah ich einen Mann im Licht einer Leselampe über den Spieltisch gebeugt, der etwas schrieb.

»Hallo?«, machte ich mich bemerkbar.

Er wandte sich mir zu und fixierte mich über die von einer Adlernase gehaltene Lesebrille.

»Spielen Sie Orgel?«, wollte er wissen und schob den Bleistift in sein weißes Haarbüschel, unter dem die Ohren verborgen waren.

»Nein.«

»Was wollen Sie dann hier? Sie haben hier nichts zu suchen.«

Ich trat näher und sah, dass er etwas an einer vorgefertigten Partitur änderte.

»Ich interessiere mich für die Technik der Orgel«, log ich.

Er zog die Augenbrauen hoch. »Spielen Sie ein Instrument?«

»Etwas Gitarre«, gab ich in Erinnerung an meine wilde Studienzeit vor.

»Spielen«, lächelte er verächtlich. »Haben Sie sich jemals dafür interessiert, wie eine Gitarre entsteht?«

Ich verneinte.

»Also, was wollen Sie dann mit dem Wissen um das komplizierteste Musikinstrument der Menschheit anfangen?«

Seine provokante Art reizte mich, und ich stellte mich als Journalist vor, der sich seine Aufträge nicht aussuchen konnte.

»Aha. Und da lässt man Sie auf Deutschlands Orgeln los. Ein Grund mehr, keine Zeitung zu lesen.«

Amüsiert und vielleicht auch geschmeichelt stellte er sich als Professor an der hiesigen Musikhochschule vor.

»Na dann passen Sie mal schön auf. Das Grundprinzip der Orgel ist …«

Er gab mir einen Exkurs über die Bauart der Orgel, dass mir schwindelig wurde. Manuale, Register, Traktur, Magazinbalg, Lippenpfeifen, Zungenpfeifen.

Alle Funktionen verdeutlichte er durch das Anspielen mir wenig oder gar nicht bekannter Stücke berühmter Komponisten. Was ich behielt, war, dass diese Orgel mit mehr als siebzig Registern und fünftausend Pfeifen zu den größeren ihrer Art gehörte und er dabei war, eine Partitur eines Werkes von Pachelbel zu modernisieren.

Ein langgezogener Name hallte durch das Gewölbe, brach sich an den Pfeilern und schwang nach.

Ich beugte mich über die Empore und sah eine Gestalt, die Taschen oder Tüten schleppte, und dabei fast unter der Last zusammenbrach.

Eine weitere Gestalt eilte mit großen Schritten auf sie zu und brüllte ein zweites Mal: »Ottoooo …«

Der Gerufene blieb stehen, setzte die Beutel ab, richtete sich aber nicht auf, sondern blieb auch ohne die Last mit fast rechtwinklig vorgebeugtem Oberkörper stehen.

Der Rufer erreichte die abgewinkelte Gestalt, die sich nicht von der Stelle bewegte, übergoss sie mit einem Wortschwall, nahm die abgesetzten Beutel, stürmte zur Nordpforte, stieß sie mit dem Fuß auf und warf alles hinaus.

Es folgten ein paar unwirsche Worte, dann war er wieder in der Tiefe des Chors verschwunden.

Der Gescholtene setzte sich in eine Bank, zog etwas aus der Tasche, biss davon ab und spuckte es in den Kreuzgang.

Der Professor hatte sich von seinen Noten erhoben, schaute kurz über die Brüstung und schüttelte den Kopf.

»Otto und der Küster. Das ist deren ewiger Kleinkrieg.«

Er sah meinen fragenden Blick.

»Na ja. Man kann es dem Küster nicht verdenken. Er hat in diesem alten Gemäuer schon genug mit Ungeziefer zu kämpfen. Wenn hier jeder seinen Unrat hereinschleppen würde, dann …«

»Was meinen Sie damit … Unrat und Kleinkrieg?«

Der Professor seufzte.

»Bei schlechtem Wetter bringen die Touristen ihre Bratwürste und Pommes frites herein und hinterlassen ihren Müll in den Bänken. Die Kirchgänger beschweren sich über mit Senf und Ketchup verschmierte Sitze. Dann kommt noch dieser Otto mit seinen Abfällen. Da kann einem schon mal der Kragen platzen.«

Er versuchte sich wieder auf die Noten zu konzentrieren.

»Nein. Bei diesen Störungen geht das nicht. Ich bin völlig aus dem Konzept.« Er stand auf und griff seinen Mantel. »Kommen Sie. Ich mache eine Pause. Ich lade Sie zu einem Wein ein.«

Ohne eine Zustimmung von mir abzuwarten, kletterte er die Stiege hinunter.

Wir verließen das Münster durch die Pforte, durch die ich gekommen war, und steuerten das Gasthaus an, in dessen Biergarten ich die Tage zuvor das Markttreiben beobachtet hatte.

Er hieß mich neben sich an einem runden Tisch Platz zu nehmen, der mit einem übergroßen Aschenbecher und einem schmiedeeisernen Schild als Stammtisch ausgewiesen war.

Nachdem wir mit einem heimischen Rotwein angestoßen hatten, blickte er versonnen in den Regen hinaus. Die Händler waren dabei, ihre Stände abzubauen.

Der Professor schaute auf seine Uhr. »Gleich müsste er kommen. Er hat was aufzuholen.«

»Wer hat was aufzuholen?«

Ohne seinen Blick von der Uhr zu nehmen: »Otto. Man kann die Uhr nach ihm stellen.«

»Wer ist dieser Otto?«

Er schaute wieder aus dem Fenster. »Da, sehen Sie selbst. Da kommt er.« Triumphierend schaute er mich an und deutete auf das Zifferblatt. »Genau mit Glockenschlag.«

Was ich da über das Pflaster wanken sah, vermochte in mir nicht das geringste positive Gefühl zu wecken. Ein vom Leben und seiner Krankheit gezeichneter Mann schleppte Plastiktüten, die mehrfach mit Pflaster am Auseinanderfallen gehindert wurden. Auf seinem tief gebeugten Kopf saß er eine abgewetzte Schirmmütze, von der der Regen rann. Über einem zerschlissenen Pullover trug er eine zerfetzte Wolljacke, seine Beine steckten in einer mit Lederflecken reparierten Cordhose. An den Füßen hatte er klobige Stiefel.

»Können Sie sich vorstellen, dass dieser Mann einigen Leuten noch verdammt viel Ärger machen wird?«

Der Professor schenkte uns Wein nach.

Ich schüttelte den Kopf. »Warum sollte dieser … na ja, Krüppel jemandem Ärger machen. Der ist doch froh, wenn ihm keiner was tut.«

Er kniff die Augen zusammen, als konzentriere er sich auf sein Inneres, schlürfte hörbar einen Schluck Wein und heftete dann den Blick fest auf mich.

»Wollen Sie das wirklich wissen?«

»Ich bin Journalist.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich kenne nur Journalisten, die etwas interessiert, wenn es bereits passiert ist. Dann erst stürzen sie sich drauf wie die Geier aufs Aas. Sind Sie auch so einer?«

Ich überlegte, ob es einen Sinn hatte, dieses ewige Vorurteil gegen meine Berufsgruppe entkräften zu wollen. Gegen die Bilder in den Köpfen der Nutzer unserer Tätigkeit war nicht anzukommen. Für sie war jeder Journalist ein Spanner, ein Paparazzo.

»Es gibt auch bei uns schwarze Schafe, wie in jedem Beruf. Natürlich interessiere ich mich für alles, was eine Geschichte erzählen kann.«

»Auch für eine Geschichte, die ihren Anfang vor langer Zeit hatte und ihr Ende erst morgen finden wird?«

»Hat die mit diesem Otto zu tun?«

Er nickte versonnen. »Ja; dieser Mann wird Unheil über den Münsterplatz bringen.«

»Wie soll das denn gehen?«, fragte ich vielleicht eine Spur zu ungläubig.

Er lehnte sich zurück und blickte einen Moment ins Leere. »Keiner will mir glauben. Mir fehlt der letzte Beweis, aber es wird in nicht allzu weiter Ferne einen Knall geben.«

Er schaute aus dem Fenster. Die Marktstände waren abgebaut. Das grobe Pflaster des Münsterplatzes glänzte im Regen. Ein paar Tauben pickten in den Hinterlassenschaften der Marktleute. Die Stadtreinigung würde bald auch diese Reste entfernt haben.

Er stemmte sich vom Tisch hoch und legte einen Geldschein neben die Karaffe.

»Entschuldigen Sie. Aber ich bin es leid, immer wieder zu warnen und für einen Spinner gehalten zu werden. Und Sie sind nicht ehrlich.«

»Was meinen Sie damit?«

Er zog sich seinen Mantel über und stützte sich mit den Fingerkuppen auf der Platte ab. »Entweder sind Sie kein Journalist oder nicht an Orgeln interessiert. Sonst hätten Sie sich Notizen bei meinem Vortrag gemacht. Aber ich gebe Ihnen trotzdem einen guten Rat. Dieser Otto birgt ein Geheimnis. Beobachten Sie, was in nächster Zeit um das Münster herum passiert. Da mir keiner glauben will, müssen alle erst fühlen. Guten Tag.«

Ich sah ihm nach, bis er wieder im Münster verschwunden war, und bestellte noch ein Viertel Wein.

Mein Gehirn fand keine passende Erklärung für diesen Auftritt. Oder war es eine Warnung gewesen?

»Darf ich Ihnen noch etwas bringen?«

Eine männliche Stimme riss mich aus meinen Betrachtungen. Ein fülliger Mann in Kochkleidung beugte sich herab.

»Entschuldigung. Ich bin der Wirt. Sind Sie neu in der Stadt?«

Er zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich.

Die Bedienung brachte ihm ein Achtel Weißwein und eine Packung Zigaretten. Nachdem er den ersten Rauch genussvoll eingesogen und wieder ausgeblasen hatte, entschuldigte er sich wieder.

»Ich bin das beste Beispiel dafür, dass alle Wirte saufen und rauchen. Das wissen die Versicherungen ganz genau, und unser Berufszweig muss Risikozuschläge zahlen wie nur noch Sprengmeister.«

Er lachte mit bebendem Bauch und ließ das Achtel in seiner Kehle verschwinden.

»Na, hat Sie der Professor auch davon zu überzeugen versucht, dass unser Otto der neue Erzengel Gabriel ist, der Unheil über unsere sündige Stadt bringen wird?«

Er lachte wie über einen guten Witz und hielt das leere Glas der Bedienung zum Nachschenken hin.

»Was wissen Sie über diesen Otto?«

Er schob sein Doppelkinn nach vorn und leerte das Glas erneut.

»Eigentlich nicht viel. Nein. Wirklich weiß keiner etwas über ihn. Er kommt jeden Markttag um zwölf und geht um zwei. Egal bei welchem Wetter. Er füllt sich die Tüten mit den Abfällen, die die Händler nicht verwerten können, packt sie in seinen Leiterkarren und verschwindet wieder.«

»Wo lebt er und wovon?«, hakte ich nach.

Der Wirt hob die Schultern.

»Er wohnt irgendwo außerhalb, und wahrscheinlich lebt er von den Abfällen. Sind ja nicht verdorben, nur eben nicht mehr zu verkaufen.«

»Wie lange kennt man ihn?«

»Keine Ahnung. Er tauchte irgendwann vor vielen Jahren auf und ist seither ein fester Bestandteil des Münsterplatzes.«

»Er scheint hilfsbedürftig zu sein. Tut die Stadt denn nichts für ihn?«

Er steckte sich eine neue Zigarette an.

»Die Stadt? Wozu? Er scheint allein zurechtzukommen. Mir ist nicht bekannt, dass er irgendeinen Antrag auf Hilfe gestellt hat. Keiner weiß, ob er überhaupt lesen und schreiben kann.«

»Er ist doch krank«, insistierte ich.

Der Wirt wog mit dem Kopf.

»Ja, Bechterew im letzten Stadium, sagen die Ärzte, die bei mir verkehren. Sind sich sicher, dass er es nicht mehr lange machen wird. Aber behandelt … nein, das hat ihn noch keiner.«

»Das ist doch ein fürchterlicher Tod. Man erstickt jeden Tag ein Stück mehr.«

Er schaute mich an, als sei ihm der Verlauf dieser Krankheit noch nie bewusst geworden.

»So. Na ja. Sie entschuldigen. Ich muss in die Küche zurück.«

Ganz leise schob er den Stuhl wieder unter den Tisch und räumte sein Glas und den Aschenbecher ab.

Ich überlegte, ob ich noch einmal den Professor an der Orgel aufsuchen sollte, um mein ehrliches Interesse an Otto zu bekunden, ließ es aber.

Meine Arroganz, den Organisten nicht mehr sprechen zu wollen, würde sich sehr bald als großer Fehler erweisen. Aber davon ahnte ich an diesem Tag noch nichts.

Stattdessen nahm ich ein Taxi, das mich in meinen Gasthof zurückbringen sollte. Da mir die Stadthotels zu teuer waren, hatte mir ein Studienkollege eine Pension etwa fünf Kilometer außerhalb der Stadt empfohlen. Es war nichts Besonderes, aber die Wirtsleute waren sehr freundlich, das Zimmer sauber und ruhig, und die Küche entsprach meinem etwas deftigen Geschmack. Abends saßen alle beisammen und redeten über alte und neue Zeiten. Das tat der Seele wohler als manch ein Schlaftrunk, der das Abschalten und den Schlaf herbeizwingen sollte.

Sinnverloren folgte ich den Regentropfen, die an das Taxifenster klatschten, sich zerteilten und als kleine Bäche vom Fahrtwind ins Nichts gerissen wurden.

Die Landschaft draußen nahm ich nur als Wechsel von Grautönen wahr. Auf einem parallel zur Landstraße verlaufenden Wirtschaftsweg glaubte ich einen gebeugten Schatten mit einem Handwagen erkannt zu haben. Ich drehte mich um, konnte aber durch die aufspringende Gischt der Reifen nichts sehen.

»Wer war das, den wir gerade überholt haben?«, fragte ich den Fahrer, der bisher wohltuend ruhig gewesen war.

Er schüttelte den Kopf. »Da war niemand. Wir sind gleich da.«

Nach dem Abendbrot, Frau Gerster hatte mir eine Versperplatte gemacht, saß ich mit ihrem Mann zusammen.

Herr Gerster war ein feingliedriger Mann mit scharfen Gesichtszügen. Die Pension war ihr Eigentum, brachte aber nicht so viel ein, dass sie sich selbst trug. Daher arbeitete Herr Gerster untertags bei der Stadtverwaltung und kümmerte sich in seiner Freizeit um die vielen kleinen Reparaturen, die das Haus so mit sich brachte.

An diesem Abend hatte ihn meine Frage nach einem Otto vom Münsterplatz von weiteren Tätigkeiten abgehalten.

Ruhig hörte er sich meine Geschichte vom Professor, dem Wirt und Otto an.

Bedächtig entkorkte er eine Flasche, die kein Etikett trug.

»Wollen Sie auch einen?« Er hielt mir den Flaschenhals unter die Nase.

»Obstler. Selbst gebrannt. Hilft gegen alles, auch böse Geister.« Er lächelte. »Na ja,Otto. Wer kennt ihn nicht? Wohnt nicht weit von hier in einem heruntergekommenen Bauernhaus. Hat ein paar Schweine, die aber regelmäßig an Altersschwäche sterben, da sie keiner schlachtet, und ein paar Hühner,die das gleiche Schicksal erleiden, wenn sie nicht der Fuchs holt. Otto ist Vegetarier. Vielleicht lebt er deshalb noch.«

Er goss noch einen von diesem Teufelszeug nach, das zuerst nicht hinunterwollte, um mir dann den Schweiß aus den Poren zu treiben.

»Der Professor … persönlich kenne ich ihn nicht. Ist aber auch so ein Unikum in der Stadt. Sehr guter Organist, wie man sagt, und beschäftigt sich mit Genealogie und Heraldik. Manchmal steht was davon in der Zeitung.«

Ich hielt die Hand über das Glas, um zu verhindern, dass er nachgoss.

»Der Professor hat keine Ruhe, wenn er nicht den Stammbaum von jedem kennt. Das hat er wohl auch bei Otto versucht. Der wohnt auf einem Gelände, das seit Jahrhunderten einem Italiener gehört, über den aber keine Informationen aufzutreiben sind. Das bringt unseren Organisten um den Verstand. Die Wirte am Münster sehen Otto nicht gerne. Sie haben Angst, dass ihre Gäste Anstoß an seinem Aufzug nehmen könnten … womöglich ein paar Flöhe den Besitzer wechseln.«

Er lachte herzhaft und verkorkte die Flasche.

»So, jetzt muss ich aber noch was tun. Fragen Sie mal meine Frau. Vielleicht weiß die etwas mehr.«

Frau Gerster war eine Frau Mitte vierzig. Dass sie eine gute Köchin war, die beim Abschmecken nicht nur nippte, sah man ihr an. Ihre lustigen Augen bildeten eine Einheit mit den rosa Backen, die fließend in den Hals mündeten.

»Ist gerade fertig geworden. Probieren Sie ein Stück.«

Sie stellte ein Ungetüm von Torte auf den Tisch und schnitt sie sofort an.

Ich machte wohl ein abwehrendes Gesicht.

»Stellen Sie sich nicht so an, das ist meine Spezialität. Die alten Damen sind ganz wild darauf. Der Schnaps ist schon drin«, sie zwinkerte mit den Augen.

Nachdem ich ihre Spezialität genossen hatte, musste ich mich konzentrieren. Einer der Schnäpse, entweder der flüssige oder der versteckte, begann Wirkung zu zeigen. Ich wiederholte, was ich ihrem Mann gesagt hatte.

»Otto kommt gelegentlich vorbei, wenn mein Mann nicht da ist. Er bittet dann um eine Flasche Schnaps. Ich glaube, er reibt sich damit ein, denn wenn ich ihm einen einschenken will, lehnt er ab. Ja, und dann gebe ich ihm gelegentlich die abgetragenen Hemden und Pullis meines Mannes. Was gibt es noch zu sagen …?« Sie suchte mit rollenden Augen an der Decke. »Er ist sehr höflich. Man könnte meinen, er käme aus einem besseren Haus. Das war’s. Mehr fällt mir nicht zu ihm ein. Nur dass er ein armes Schwein ist.«

Ehrliches Bedauern schwang in ihrer Stimme mit.

2

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Der Tag versprach seine schlechte Laune vom Vortag wettmachen zu wollen. Die Landschaft sah in der spätsommerlichen Sonne wie geputzt aus. Da die Schnäpse wider Erwarten keine Spuren bei mir hinterlassen hatten, beschloss ich zu Fuß in die Stadt zu gehen.

Frau Gerster beschrieb mir den Weg und war nicht davon abzubringen, mir ein Butterbrot einzupacken. Ich fühlte mich in meine früheste Schulzeit zurückversetzt, wenn Mutter sich mehr Sorgen darüber gemacht hatte, dass ich nicht verhungerte, als über die Noten.

Insgeheim hatte ich gehofft, Otto zu treffen. Laut Frau Gerster war dies der direkte Weg, und er würde bei seinem Gebrechen unnütze Wege vermeiden.

Er musste jedoch schon sehr früh aufgebrochen sein, denn ich fand ihn unter den Arkaden im Gespräch mit dem blonden Mädchen, das eine Schultasche auf dem Rücken trug. Ich suchte mir im Biergarten einen Platz, von dem aus ich die beiden beobachten konnte.

Ich musste Frau Gerster beipflichten. Der Mann war wirklich ein armes Schwein. Seine Krankheit zwang ihn, in extrem gebeugter Haltung durchs Leben zu staksen. Wenn er mit jemandem redete, so wie er es mit dem Mädchen tat, musste er den Kopf zur Seite drehen und von unten hoch sprechen. Das Gesicht eines größeren Menschen konnte er aus dieser Position und Distanz nicht sehen. Wie schlief dieser Mann nur? Wie ein halb aufgeklapptes Taschenmesser, ohne die Chance, sich jemals wohlig zu strecken.

Seine Kleider wirkten im Sonnenlicht noch schäbiger, als ich sie gestern im Regen und durch das Gasthausfenster zu erkennen vermocht hatte. Er trug drei Pullis übereinander, von denen jeder durch die Löcher des anderen schimmerte. Der linke Ärmel seiner schmuddeligen Jacke gab das Innenfutter am Ellenbogen frei, der rechte löste sich am Saum auf. An den Stiefeln lagen die stählernen Sicherheitskappen frei. Die Hose hatte er mit Paketband anstatt einem Gürtel gesichert.

Es ging mir nicht in den Kopf, dass eine solche Stadt nicht mehr für einen Bürger tat. Wenn er sich schon von Abfällen ernährte, dann gebot es doch der Anstand, ihm wenigstens mit Kleidung zu helfen.

Vom Münster erklang der Zwölfuhrschlag. Otto streichelte dem Mädchen die Wange und machte sich daran, die Tüten aus dem Wagen zu klauben. Sein Körper verschwand hinter den aufgetürmten Waren der Händler, und ich konnte seine Position nur an der Reaktion der Käufer feststellen, die angewidert einen Schritt zurücktraten, wenn er den Abfall zu ihren Füßen auflas.

Ich folgte ihm. Bei seinem durch die eingeschränkte Beweglichkeit begrenzten Gesichtsfeld war es ihm kaum möglich, mich zu entdecken.

Ich fand ihn am Stand für Südfrüchte – besser, ich fand ihn darunter. Auf den Knien kroch er zwischen den leeren Kisten herum und prüfte, was von den unverkäuflichen Bananen, Orangen und Ananas für ihn noch verwertbar war. Das reinigte er, mehr aus Reflex, an seiner Jacke und steckte es in eine der Tüten.

Wenn er den Beinen des Verkaufspersonals zu nahe kam, setzte es Tritte, die seiner eingeschränkten Atemtätigkeit zusätzlich die Luft nahmen. Wie bei einem Boxer, der Leber-und Nierenschläge erhielt.

Es dauerte eine Weile, bis er sich danach wieder auf den Beinen hatte. So kämpfte er sich nach einem von mir nicht durchschaubaren Konzept mal unter dem Gemüse-, mal unter dem Kartoffelstand hindurch. Auch die Abfallkörbe der Wurststände blieben nicht unbeachtet. Die mit Majo oder Senf verschmierten Wurst-und Brotreste wanderten in eine eigene Tüte.

So umrundete er langsam das Münster im Uhrzeigersinn.

Ich hatte genug gesehen und suchte mir einen Platz in einem Café. Mein Gefühl schwankte zwischen Depression und Wut. Wie war es möglich, dass die Gesellschaft es zulassen konnte, dass sich ein Mensch derartig in der Öffentlichkeit erniedrigen musste? War sie schon so abgestumpft, dass sie es als gegeben hinnahm, weil dieser Mann schon zum Stadtbild gehörte? Oder brauchten sie ihn als Spiegelbild ihres eigenen Wohlergehens, wie einen Clown, der sich zum Gespött des zahlenden Publikums machte, damit er überleben konnte?

Dass sich Otto rein körperlich nicht wehren konnte, reizte die Herrscher der Verkaufsstände, ihm auf ihrem angemieteten Terrain Schmerzen zuzufügen, die niemand zur Kenntnis nehmen konnte außer dem Opfer.

Ein Gezeter hinter der Espresso-Maschine riss mich aus meinen dumpfen Betrachtungen. Die lautstarke Diskussion wurde in einer Mischung aus Italienisch und Deutsch geführt. Soweit ich es mitbekam, ging der Disput um neue Gebühren und eine schon wieder höhere Miete für das Café. Der mir nichts sagende Name einer Gesellschaft wurde mehrfach als Hauptschuldiger genannt.

Meine Gedanken schweiften wieder zu diesem Otto ab, der einerseits mein Mitleid erweckte, andererseits meinem Kobold, wie ich meinen Instinkt nannte, keine Ruhe ließ.

Ich musste nochmal versuchen, den Professor von der Ernsthaftigkeit meines Interesses zu überzeugen.

Ich betrat das Münster durch die Nordpforte. Dieses Mal strahlten die bunten Fenster im Sonnenlicht und verliehen dem Innenraum die freudige Verspieltheit, die sich die Bauherren erdacht hatten. Wenn die Orgelpfeifen gestern eine strenge Hoheit ausgestrahlt hatten, so glänzten sie heute wie begehrenswertes Silber.

Ich stieg zur Empore hinauf und war enttäuscht. Der Spieltisch war verwaist.

Ich machte mich auf die Suche nach dem Küster, denn der musste wissen, wo der Professor zu erreichen war. Aber auch der Küster war wie vom Boden verschluckt.

Ärger kam in mir hoch. Warum hatte ich mir nicht den Namen gemerkt? Er hatte sich vorgestellt. Aber außer Professor hatte ich mir nichts gemerkt.

»Typisch deutsch«, knurrte ich mich an. Der Titel steht für alles. Namen sind Schall und Rauch. Mir blieb nur die Hoffnung, dass der dicke Wirt vom Stammtisch seinen Namen wusste.

Bevor ich den Chor durchquert hatte, betrat Otto die Kirche. Er schien dieses Mal besonders gut gesammelt zu haben. So schnell er konnte, strebte er dem Südportal zu. Jetzt verstand ich. Er nutzte den Weg durch das Münster als Abkürzung, um zu seinem Karren zu kommen.

Ich schaute mich um, ob sich jetzt vielleicht der Küster zeigen würde. Aber es tat sich nichts.

Der Stammtisch im Gasthaus war mit älteren Herren besetzt. Ich war unschlüssig. Als Fremder hatte ich ohne Vertrauensperson nichts an diesem Tisch zu suchen. Ich fragte die Bedienung, ob der Wirt da sei. Sie schüttelte den Kopf. Geschäftlich außer Haus. Rückkehr ungewiss.

Ich setzte mich an einen Tisch in der Nähe des Stammtisches und bestellte einen Rotwein. Das Gespräch der Männer drehte sich um den Tod einer Person. Soweit ich entnehmen konnte, war dieser Mensch überraschend gestorben. Ein Name fiel … Solvay. Genau. So hatte sich der Professor vorgestellt.

»Entschuldigung«, mischte ich mich ein, »meinen Sie Professor Solvay, den Organisten?«

Das Gespräch verstummte, bis der wohl Rundenälteste wieder anhob.

»Kannten Sie ihn? Ist gestern gestorben. Ganz plötzlich. Unfall.«

Dann schwieg man wieder, und ihre Blicke sprühten die Aufforderung: Verschwinde! Du hast hier nichts zu suchen.

Es wurde schon dunkel, als ich in der Pension ankam. Gedankenvoll oder gedankenlos hatte ich den Weg zurückverfolgt, den ich heute Morgen gekommen war.

Frau Gerster legte mir beim Abendbrot die Stadt-Nachrichten zum Gedeck. Auf der ersten Seite prangten das Foto und der Artikel zum Tod von Professor Solvay.

Demnach war er von einer Straßenbahn überrollt worden. Der erste ernsthafte Unfall seit dem Bestehen dieses Verkehrsmittels in dieser Stadt. Es folgten die üblichen Erklärungen der Offiziellen, den Unfall genauestens zu untersuchen …

Nichts über das Schaffen und Wirken des Verstorbenen. Der Tote wurde totgeschwiegen.

»Schade«, murmelte Gerster, der mir über die Schulter geschaut hatte und mit der Flasche Obstler wedelte, »jetzt werden wir nie mehr erfahren, was das Mysterium vom Münsterplatz ist.«

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als sei ihm der Tod des Professors genau zur richtigen Zeit gekommen.

»Mysterium?«, wiederholte ich. »Was meinen Sie damit?«

Er schenkte zwei Schnäpse ein. »Na ja, diese Spinnerei vom Professor, dass der Münsterplatz jemand anderem gehört, der sich eines Tages sein Recht zurückholen kommt.«

»Was für ein Recht? Wem gehört er denn jetzt?«

»Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen … nur, dass die meisten meiner Kollegen Pächter sind, die an zwei Verwaltungsgesellschaften zahlen.«

Er nahm sich die Zeitung, die neben mir lag, und sortierte die Seiten, die ich beim Lesen auseinandergenommen hatte.

»Es muss doch jemand im Grundbuch eingetragen sein?«, versuchte ich sein Interesse zu mobilisieren, etwas mehr von sich zu geben.

»Was schert mich das Grundbuch«, murrte er. »Ich bin froh, wenn ich da noch ’ne Weile drinstehe.«

»Was könnte hinter diesem Otto für ein Geheimnis stecken?«

Er stieß die Zeitung hochkant auf den Tisch, bis die Seiten wieder bündig waren, verschloss die Schnapsflasche und erhob sich. »Das einzige Geheimnis bei dem ist, wie er so alt werden konnte, ohne sich jemals zu waschen. Entschuldigen Sie mich. Muss noch eine Dusche reparieren.«

Ich überlegte, ob es sich lohnte, der Geschichte als möglicher »Story« nachzugehen.

Wir haben Urlaub, mahnte mein Kobold, aber eine kleine Nachforschung kann nicht schaden.

Frau Gerster half mir, die Adresse des Professors zu suchen. Ich wollte den Hinterbliebenen einen Besuch abstatten. Außerdem würde ich versuchen, mit Otto und den Geschäftsleuten vom Münsterplatz ins Gespräch zu kommen.

3

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Der Wohnblock lag in der Südstadt. Es war eines dieser Gebäude, die um die Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts als Zeichen wohlhabenden Bürgertums entstanden waren.

Der Besitzer schien nicht viel Wert auf die Bausubstanz zu legen. Die Fassade war in einem jämmerlichen Zustand, der Eingang war mit Fahrrädern vollgestellt und roch muffig nach feuchtem Putz. Die Briefkästen quollenmit Werbung über und waren teilweise, wohl in Ermangelung eines Schlüssels, gewaltsam geöffnet worden.

Die alten Holzstiegen knarrten unter meinen Schritten. Im zweiten Stock fand ich an einer mit bunten Butzenscheiben versehenen Wohnungstür das Schild »P. & M. Solvay«.

Die Türglocke war unfachmännisch auf den Türrahmen geschraubt. Der Klingeldraht verschwand in einem kleinen Loch.

Ein blonder Schopf erschien im Türspalt, der von einer Sperrkette begrenzt wurde.

»Ist deine Mama da?«

Die Tür wurde wieder geschlossen, und Kinderschritte entfernten sich.

Es verging wohl mehr als eine Minute, bis eine ebenfalls blonde Frau, etwa Anfang dreißig, in einen schwarzen Pulli und schwarze Hosen gekleidet, öffnete.

»Ja, bitte?«

Ich stellte mich vor und kondolierte ihr.

»Kommen Sie herein. Der Professor war mein Vater.«

Sie führte mich in einen zwar altmodisch, doch gemütlich eingerichteten Raum mit hoher Stuckdecke. Als herausragendes Mobiliar glänzte ein schwarzer Konzertflügel.

»Bitte …« Mit einer Handbewegung wies sie mir einen Platz an.

In der Tür erschien der Blondschopf. »Meine Tochter Lisa«, stellte sie das Kind vor.

Es war das Mädchen, das ich zweimal mit Otto unter den Arkaden gesehen hatte.

Diese unerwartete Konstellation irritierte mich einen Augenblick und hieß mich, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen.

Frau Solvay, sie trug noch ihren Mädchennamen, machte einen seltsam gefassten Eindruck. Sie schien auch nicht geweint zu haben. Mit einem leeren Blick schaute sie an mir vorbei.

»War es ein Unfall?«, versuchte ich eine Gesprächseröffnung.

Sie zuckte mit den Schultern und schaute zum Fenster hinaus. »Das Schicksal meint es nicht gut mit uns … Erst die Sache mit Lisas Vater, und jetzt das.«

Es entstand eine lange Pause. Lisa schmiegte sich an ihre Mutter.

»Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll. Werde wohl wieder arbeiten müssen.«

»War der Professor – ich meine, Ihr Vater – versichert? Ich meine, kann ich irgendwie helfen?« Mir fiel nichts Besseres ein, um einen Zugang zu ihr zu finden.

»Ja, war er. Aber das deckt vielleicht die Schulden, die mir Lisas Vater hinterlassen hat.« Sie fixierte mich. Ihr Blick klarte auf. »Was wollen Sie? Was geht Sie das an?«

Ich schob berufliches Interesse vor und erzählte von der Begegnung mit ihrem Vater und seiner Prophezeiung.

Der Anflug eines zynischen Lächelns umspielte ihren Mund. »Seit dem Tod von Mutter hat mein Vater nur noch Feinde um sich gesehen. Mit jedem in der Stadt hat er sich angelegt, in seiner Vergangenheit gekramt, etwas gesucht, mit dem er anderen am Zeug flicken konnte. Vergessen Sie es. Alles fixe Ideen. Es ist besser, wenn Sie gehen.«

Sie erhob sich und machte eine Handbewegung zur Tür.

Auf dem Weg zur Haustür stellte ich die Frage, die mich eigentlich hergebracht hatte: »Hatte Ihr Vater etwas mit diesem Otto vom Münster zu tun?«

Sie hielt inne und sah mich erstaunt an. »Wie kommen Sie darauf? Was sollte er mit diesem Penner zu tun haben?«

Lisa, die uns gefolgt war, legte den Finger auf die Lippen, um zu verdeutlichen, dass ich nicht weitersprechen sollte.

»Ja, schon gut. War nur so eine Idee. Und wenn Sie doch Hilfe brauchen, ich wohne in der Pension Gerster.«

Wenn der Besuch auch nicht die erhofften Informationen erbracht hatte, war ich mir nach Lisas Fingerzeig sicher, dass Frau Solvay mehr wusste, als sie sagen wollte. Und dass der Professor paranoid gewesen sein sollte, hielt ich für eine Schutzbehauptung, um von etwas abzulenken.

Ich war etwas zu spät am Münster. Der Handwagen stand unter den Arkaden, der Hund hatte es sich in den Plastiktüten bequem gemacht.

Der Zeit nach musste Otto bei den Ständen auf der Nordseite sein. Schnell durchquerte ich das Münster. Ich war unruhig. Eine Ahnung trieb mich.

Ich fand ihn beim Bratwurststand direkt neben der Pforte, umringt von Schaulustigen. Ein junger Mann kniete neben ihm und versuchte das Blut aus einer klaffenden Wunde über dem rechten Auge zu stoppen.

»Was ist hier los?«, fragte ich in die Runde.

Der junge Mann blickte kurz zu mir hoch. »Keine Ahnung. Kam zufällig vorbei.«

Eine ältere Dame zeterte, dass es Zeit sei, dieses dreckige Subjekt vom Markt zu entfernen. Drei weitere ältere Herrschaften stimmten ihr zu.

»Heute war der Küster besonders schlecht gelaunt«, ergänzte ein alter Mann, der auf seinen Stock gestützt in der Runde stand. »Hab’s kommen sehen. Otto hat es provoziert. So kann man nicht Hausordnungen negieren.«

»Jawohl«, fügte ein anderer zu, »dieses Mal hat er nicht nur die Tüten hinausbefördert, sondern den ganzen Kerl gleich mit.«

»Und was haben Sie gesehen?«, fragte ich den Wurstverkäufer, der auf die Theke seines Wurststandes gelehnt alles von oben betrachtete.

»Nichts. Hatte Kundschaft.«

»Aber Sie kennen den Mann?«

»Na klar. Hilft mir, meine Abfallkosten zu verringern.«

Otto versuchte stöhnend aufzustehen.

Das Blut war nicht zu stoppen, und der junge Mann schlug vor, ihn zu der Arztpraxis zu bringen,die sich wenige Schritte weiter im ersten Stock des griechischen Lokals befand.

Ich half ihm, den sichtlich benommenen Otto zu stützen.

»Der Arzt wird seine Freude haben«, bemerkte die zeternde Dame.

»Nein, nein. Nicht bei uns«, empfing uns die Sprechstundenhilfe. »Das geht nicht. Holen Sie den Krankenwagen. Der Mann stinkt und ist wahrscheinlich nicht mal versichert.«

»Das ist ein Notfall, und ich bezahle für ihn …«

»Eben, ein Notfall. Dafür sind der Notarzt und die Unfallaufnahme zuständig. Ich rufe Ihnen den Rettungswagen … wenn Sie wollen.«

Otto saß wie ein fast geschlossenes Taschenmesser auf einem Stuhl und ließ das Blut auf den Boden tropfen.

»Wenn Sie nicht sofort Ihren Chef holen, rufe ich die Polizei und nicht den Notarzt. Unterlassene Hilfeleistung nennt man das.«

Meine Drohung schien zu wirken. Sie verschwand in einem der Behandlungszimmer und kam mit dem Arzt zurück.

»Sie bezahlen?«, war seine einzige Sorge.Ich nickte.

»Schwester, den Patienten in Zwei, und nehmen Sie die Daten des Herrn auf … und schreiben Sie gleich die Rechnung.«

Er diktierte die Diagnose und die erbrachte Leistung. Dann zog er sich Latex-Handschuhe über und stützte Otto.

Während der Wartezeit sah ich mir den jungen Mann näher an. Ein blasser Bursche, Anfang oder Mitte dreißig und mit südländischem Einschlag, der meinen Blicken auswich und nicht so recht wusste, wo er mit seinen Händen hin sollte.

»Was halten Sie denn von solch einem Verhalten wie eben? Ist das eine Berufsauffassung?«

»Nun ja, es sind nicht alle so«, druckste er herum. »Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, den Notarzt zu holen. Aber …«

»Was aber?«

»Die Wunde ist nicht so schlimm. Blutet eben sehr stark, aber dafür den Notarzt … ist eigentlich nicht nötig. Wir sind total überlastet, und solche Leute haben wir jede Nacht.«

»Sie arbeiten im Notdienst?«

»Ja. Als Sanitäter. Schicht,B ereitschaft … glaube, Sie kommen jetzt allein zurecht.«

Er verabschiedete sich schnell, als sei ihm eine erneute Begegnung mit dem Patienten unangenehm.

Die Hilfe brachte Otto, den sie stützte, als habe sie eine heiße Kartoffel zu balancieren.

»Ist genäht worden. In fünf Tagen können Sie die Fäden in der Klinik ziehen lassen.«

Otto setzte sich wieder in der Taschenmesser-Haltung. Der weiße Verband ließ ihn noch schmuddeliger wirken.

»Die Rechnung. Wie bezahlen Sie?«

Der Preis war am obersten Limit dessen, was ein Arzt einem Privatpatienten abnehmen durfte.

»Was kostet es ohne Rechnung und bei Barzahlung?«

»Da muss ich den Doktor fragen. Moment bitte.«

Was sollte ich jetzt mit Otto anfangen? In dem Zustand konnte ich ihn nicht allein weiterziehen lassen, und dass er in der Lage sein würde, meine Fragen zu beantworten, bezweifelte ich. Der Mann gehörte wirklich ins Krankenhaus.

Er hatte mir diese Überlegung wohl angesehen. »Nicht ins Krankenhaus … meine Tiere warten.«

Es war das erste Mal, dass ich ihn sprechen hörte. Seine Stimme war krächzend und mit rasselndem Atem hervorgebracht.

Das rechte Auge blutunterlaufen, das andere schaute flehend.

Die Hilfe kam zurück. »Die Hälfte. Haben Sie es passend?« Ich zahlte und bat sie, mir ein Taxi zu rufen.

Der Fahrer machte kein begeistertes Gesicht, als wir einstiegen. Ich konnte ihm ansehen, dass ihn bei diesem Fahrgast nur ein Gedanke bewegte, nämlich wie er das Auto wieder sauber und geruchsfrei bekommen sollte.

Nachdem ich ihn gebeten hatte, auf der anderen Münsterseite noch ein Gepäckstück aufzunehmen, und sich dieses als verwahrloster Hund herausstellte, half nur noch mein Hinweis auf seine Beförderungspflicht, um ihn zum Weiterfahren zu bewegen.

Auch noch den Leiterwagen zu befördern, traute ich mich nicht zu bitten. Das hätte seine Toleranzgrenze endgültig überschritten.

Drei Kilometer nachdem wir die Pension passiert hatten, bogen wir in einen Feldweg ein, der ein paar hundert Meter leicht bergauf führte und im Hof eines kleinen Bauernhofes endete.

Der Hund sprang aus dem Wagen und rannte laut bellend zu einem Gatter, hinter dem sich Schweine suhlten und Hühner auf einem Komposthaufen tummelten. Dahinter schloss sich so etwas wie ein Stall oder Geräteschuppen an.

Ich half Otto aus dem Sitz und hieß den Fahrer, zu warten. Der stieg aus und zündete sich eine Zigarette an, deren Rauch er begierig einsog, als wolle er seine Schleimhäute vom Mief im Wagen befreien.

Otto, der mich grunzend in die Stube dirigierte, hielt ich wie eine Teppichrolle unter dem Arm.

Stöhnend ließ er sich auf die Ofenbank fallen.

Ich schaute mich um. Der Raum war einfach, aber praktisch ausgestattet. Massive Bauernmöbel, die wohl schon an die hundert Jahre waren, ein Regal mit überraschend vielen Büchern, aber kein elektrisches Gerät. Als Beleuchtung dienten Öllampen. Unter der Bank, die sich an einen Kachelofen schmiegte, stapelten sich Holzscheite.

Otto verfolgte lächelnd meinen Rundblick.

»Danke«, krächzte er. »Ich möchte jetzt ruhen. Gehen Sie bitte.«

Das Taxi setzte mich an der Pension ab. Erst als ich Otto verlassen hatte, war mir aufgefallen, dass die Stube im krassen Gegensatz zu ihrem Bewohner gestanden hatte. Sie war sauber und aufgeräumt gewesen. Das Haus war zwar alt, aber auch nicht baufällig, wie Herr Gerster gesagt hatte.

Ich hatte das Gefühl, je tiefer ich in … ja was eigentlich, die Angelegenheit eindrang, umso mehr entzog sich alles meinen Bemühungen.

Bei sauren Nieren mit Bratkartoffeln erzählte ich Herrn Gerster den Tagesablauf und auch meine Gedanken.

»Sie wollten doch Urlaub hier machen. Was schert Sie ein meschugger toter Professor und ein schwer kranker Mann, dessen Tage doch gezählt sind? Genießen Sie das schöne Wetter und fahren Sie in die Berge. Ich habe da eine Hütte.«

Er hatte eigentlich recht. Aber mein Instinkt hatte angeschlagen. Und der sagte mir, dass hier etwas im Hintergrund lauerte, das es sich näher zu untersuchen lohnte. Ich spürte etwas wie ein Jäger im Urwald, der seine Beute zwar nicht sehen konnte, aber sie ahnte.

»Wollen Sie morgen Abend mitkommen?«

»Wohin?«

»Morgen haben wir Versammlung vom Verband. Es geht um die Feinabstimmung zum Weinfest. Welcher Wirt bietet was an und so …«

»Was soll ich da?«

»Ist ganz lustig. Gibt reichlich zu essen und zu trinken. Stelle Sie als meinen Berater vor. Das wirkt immer. Da kommen Sie mal auf andere Gedanken.«

Ich versprach, es mir zu überlegen.

4

Abbildung

Gegen Mittag war ich wieder am Münster. Ottos Handkarren war weg. Ich kehrte in dem Lokal mit dem Stammtisch ein und fragte nach dem Wirt.

Es dauerte eine Tageszeitung lang, bis er erschien.

»Was kann ich für Sie tun?« Er wischte sich die Hände an der Schürze ab und bestellte ein Viertel.

»Ich suche den Handkarren, den Otto gestern da stehen lassen musste.«

Er zog wieder einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich.

»Ja, habe schon von dem Unfall gehört. Aber das war zu erwarten. Irgendwann platzt uns allen hier der Kragen mit diesem Schmutzfink. Wäre das Beste, wenn ihn der da oben schnellstens holt. Wir haben schon Ärger genug …«

»Ärger? Wer ist ›wir‹?«

Es stutzte einen Moment. Meine Frage war ihm nicht geheuer. »Ich kenne Sie nicht. Wer sind Sie? Was geht Sie das an?«

»Ich berate die Gersters geschäftlich«, log ich, »vielleicht kann ich Ihnen auch helfen.«

»Wie wollen Sie das machen? Sie kennen sich hier nicht aus, ich kenne noch nicht einmal Ihren Namen.«

Ich stellte mich vor, änderte aber meinen Beruf von Journalist in Unternehmensberater.

Meine Erfahrung hatte mich gelehrt, dass Leute, die etwas nicht sagen wollten, wie eine Auster zuschnappten, wenn sie mit einem Journalisten konfrontiert wurden. Aber Berater, denen konnte man sich anvertrauen wie einem Psychiater oder Pfarrer bei der Beichte. Sie hatten den unerschütterlichen Glauben, dass ein Berater einer gesetzlichen Schweigepflicht unterlag. Zugegeben, der Trick war nicht gerade fein, aber er wirkte.

»Die Gersters vertrauen mir gerade, weil ich nicht von hier bin. Ich bin auch heute Abend bei Ihrer Versammlung dabei.«

Er bestellte zwei Viertel für uns. »Na ja. Schaden kann es nicht. Es pfeifen ja schon die Spatzen von den Dächern.«

Was er erzählte, bestätigte nur die Aussage von Gerster und das Gespräch, das ich im Café mitgehört hatte.

Zwei Verwaltungsgesellschaften teilten sich den Platz auf. Seltsam war allerdings die Art der Aufteilung. Ich hätte es als normal betrachtet, dass ein Grundstückseigentümer ein möglichst zusammenhängendes Stück sein Eigen nennen würde. Also Verwaltung »A« die Gebäude nördlich des Münsters, Verwaltung »B« die südlichen Immobilien.

Dem war aber nicht so. Der Stammtischwirt zahlte an »A«. Sein Nachbar, ein Kroate, an »B«, der anschließende Kebab wieder an »A«, der Textilladen an »B«, das auf der gleichen Seite liegende Andenkengeschäft wieder an »A«.

Die gleiche Konstellation ergab sich auf der Nordseite, mit Ausnahme der Konditorei Hofmann, die im Familienbesitz war.

»Das verstehe ich nicht«, gab ich zu.

»Doch, ganz einfach«, klärte mich der Wirt auf.

Sein direkter Konkurrent war der Kroate. Ihm selbst hatte man die Pacht nicht unerheblich angehoben. Dem Kroaten nicht. Der Kebab hatte ebenfalls eine Anhebung erfahren, wie das MünsterCafé. Dessen Nachbarn, die Pizzeria und der Grieche nicht. Auf Hofmanns hatte man keinen Zugriff.

Der Zusammenhang leuchtete mir nicht ein.

»Wenn Sie zu ›A‹ gehören, dann wird ›B‹ bald ebenfalls die Pacht anheben. Alles andere wäre kaufmännischer Blödsinn.«

Er bestellte noch zwei Viertel und zündete sich die x-te Zigarette an. »Eben nicht. Denn jetzt kommt die Bank ins Spiel.«

Er ließ uns kalten Hackbraten mit eingelegtem Kürbis kommen.

»Ich war gestern auf der Bank. Die haben das schon gewusst und mir ein Ultimatum gestellt. Entweder ich steige aus dem Pachtvertrag aus, was ich bei der Erhöhung rechtlich könnte, oder ich versuche es durch höhere Preise abzufangen. Verstehen Sie?«

»Nein, verstehe ich nicht. Was hat die Bank damit zu tun?«

Er rollte mit den Augen und zündete sich eine Zigarette an, obwohl die letzte halb angeraucht im Aschenbecher verqualmte.

»Meine Rücklagen – oder wie Sie es nennen wollen – sind aufgebraucht. Steige ich aus dem Vertrag aus, dann bin ich pleite. Erhöhe ich die Preise, dann laufen mir die Touristen zum Kroaten.«

Jetzt verstand ich. Ein trickreiches Spiel. Wenn es dem Kebab und dem MünsterCafé ähnlich erging, war ein Regulativ um das Münster tätig, das mit freier Marktwirtschaft wenig zu tun hatte.

»Wer steckt Ihrer Meinung nach dahinter?«

»Mafia und Kirche«, polterte er. »Keiner weiß, wer hinter den Verwaltungen steckt. Die sind zwar im Grundbuch als Eigentümer eingetragen, aber da steckt noch jemand hinter.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Es geistert schon seit Monaten das Gerücht, dass ein Investor den Platz übernehmen will. Der könnte Pächter nicht gebrauchen, die Verträge haben. So macht man eben einen nach dem anderen kaputt.«

»Sind Ihre Kollegen derselben Meinung?«

Irgendwo fehlte die zwingende Logik. Mir wollte nicht einleuchten, warum sich Verwaltungsgesellschaften und Bank solch eine Mühe machen sollten, um Pächter loszuwerden.

»Kollegen …«, knurrte er verächtlich. »Schauen Sie sich doch mal an, was wir für ein Gesindel haben. Lauter Ausländer. Ich bin der einzige deutsche Gastwirt. Das Pack kann noch nicht einmal die Verträge lesen, die sie unterschrieben haben. Nein, auf mich hat man es abgesehen. Wenn man mich kleinkriegt, dann hat man mit diesen ›Kollegen‹ leichtes Spiel. Außerdem ist hier sowieso jeder gegen jeden. Der Kroate kann mich und den Griechen nicht leiden, der wiederum hat was gegen den Türken, und die Italiener sind gegen alle.«

»Dann hat die Prophezeiung des Professors doch einen Grund«, murmelte ich mehr zu mir selbst.

Der Wirt überlegte einen Augenblick. »Dazu muss man kein Prophet sein.

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