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Im Schatten der Vergangenheit

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1. KAPITEL

Wenn Anfang April der Mistral das Rhônetal hinunterfegt und die kalten Böen von den eisbedeckten Bergen der Haute Provence mit ungezähmter Wildheit über die weiten Marschen der Camargue stürmen, dann wagen weder Mensch noch Tier, sich der grimmigen Herrschaft des Windes zu widersetzen.

Aber wenn der zornige Wind sich ausgetobt hat, vertreibt die Sonnenwärme jede Erinnerung an die eisbedeckten Wüsteneien. Das ganze Flussdelta erwacht mit einer Farbenpracht, die es im Hochsommer nie wiedergewinnt, da dann die Hitze die Marschen ausdörrt und weite Strecken in schlickige und schlammige Watten verwandelt.

Im Frühling jedoch wimmeln die stillen Lagunen und die blauen Marschen vor Leben. Der vorlaute Teichrohrsänger wiegt sich auf hohen Gräsern, es glänzt das bunte Gefieder des Bienenspechts, und rosafarbene Flamingos stolzieren anmutig und elegant durch die schimmernden Lagunen.

Das war die Jahreszeit, die Dianne so gut kannte. Die Zeit, in der sie schon einmal in die Provence gekommen war, in jenen eigenwilligen Winkel Frankreichs, der für sie so sehr von Bedeutung war. Jetzt kehrte sie hierher zurück, und es quälten und beunruhigten sie die gleichen verworrenen Gefühle wie vor drei Jahren, als sie das Land so überstürzt verlassen hatte. Doch wie hätte es auch anders sein sollen … unter diesen Umständen.

Der Zug legte sich in eine weite Kurve, und das unerwartete Schwanken warf Dianne gegen die Lehne des Sitzes zurück. Sie umklammerte die Armstützen und spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Sie durfte einfach nicht von der Vergangenheit träumen. Sie musste daran denken, dass sie, obwohl sie die Camargue so liebte, in Arles von niemandem erwartet wurde und sie niemand willkommen heißen würde.

Ein junger Mann, der ihr gegenübersaß, beugte sich besorgt vor. Sie hatte schon auf der ganzen Fahrt gemerkt, dass er sie immer wieder nachdenklich ansah. Aber ihre eisige Miene hatte ihn bisher daran gehindert, sie anzusprechen.

Sie wollte von Männern nichts mehr wissen!

Doch jetzt spürte er ihre Angst. Diese an Hysterie grenzende Angst, die sie überfiel, wenn sie ernsthaft darüber nachdachte, was sie tat.

„Pardon, Mademoiselle“, sagte er und berührte leicht ihren Arm, „fühlen Sie sich nicht wohl?“

Er hatte einen unverkennbar französischen Akzent, und sie fragte sich, woher er wusste, dass sie Engländerin war. Aber vielleicht hatte er sie im Speisewagen mit dem Kellner sprechen gehört.

Sie richtete sich auf und lächelte ein wenig mühsam. „Danke, Monsieur“, sagte sie, „aber mir geht es gut. Ich bin nur ein bisschen nervös.“

Der junge Mann nickte verständnisvoll. Vielleicht glaubte er, sie würde in Marseille von einem Mann erwartet. Aber er irrte sich. Verstohlen betrachtete sie sein Profil und stellte fest, dass er gut geschnittene, klare Züge hatte. Er sah wirklich sehr gut aus, und Clarry würde sagen, sie sei eine Närrin, weil sie jeden Mann abwies, der sich für sie interessierte.

Aber Clarry war nicht hier. Sie war allein und im Augenblick mit Problemen eingedeckt. Um jede weitere Unterhaltung im Keim zu ersticken, wandte sie sich ab und blickte aus dem Fenster. Unzählige Schienenstränge liefen neben dem Zug her, verflochten sich, teilten sich wieder. Die große Bahnhofshalle tauchte auf, und der Zug fuhr hinein wie in einen Tunnel. Dianne schloss die Augen, es gab einen leichten Ruck, sie standen.

Tastend griff Dianne nach ihrem locker geschlungenen Nackenknoten, dann stand sie auf und sammelte ihre Habseligkeiten ein. Sie nahm den Mantel über den Arm und griff nach den Bügeln ihrer Reisetasche.

„Kann ich Ihnen helfen, Mademoiselle?“

Es war wieder der junge Mann. Die meisten Reisenden stiegen aus und entfernten sich in Richtung des Ausgangs, doch der junge Mann hatte offensichtlich auf sie gewartet.

Dianne lächelte abwehrend, schüttelte den Kopf und ging, ohne noch einmal zurückzublicken, hinter den anderen Reisenden her. Auf dem Bahnhofsvorplatz blieb sie einen Augenblick stehen. Die Luft war unglaublich warm. Es roch nach Staub und Benzin. Aber nicht einmal das hektische Treiben um sie herum, die drängenden, rufenden Menschen und das schrille Hupkonzert der vorüberflitzenden Wagen vermochten ganz die wehmütigen Gedanken zu verjagen, die in ihr aufstiegen.

Doch entschlossen schüttelte sie alle sentimentalen Gefühle ab und ging weiter. Sie fragte sich, wo sie wohl den Wagen finden würde, den sie von England aus gemietet hatte und der irgendwo auf dem Bahnhof auf sie warten sollte. Ein wenig hilflos schlängelte sie sich zwischen unzähligen parkenden Wagen und Bussen hindurch.

Dann tauchte abermals der junge Mann aus dem Zug auf und schlenderte lässig auf sie zu. Dianne biss sich ungeduldig auf die Unterlippe. Sie hoffte, er würde nicht aufdringlich werden. Als er sie ansprach, wandte sie sich ihm mit unverhohlener Gereiztheit zu. Sie runzelte die Stirn, und ihre seegrünen Augen funkelten unwillig.

„Ja, Monsieur?“

„Werden Sie abgeholt, Mademoiselle?“, erkundigte er sich, und Dianne zögerte nur unmerklich, bevor sie nickte. Das war keine Lüge, sondern lediglich eine leichte Entstellung der Wahrheit. „Dann kann ich mich Ihnen also nicht als Chauffeur anbieten, Mademoiselle?“

„Nein danke.“ Dianne ging ein paar Schritte weiter und suchte die am Bordstein parkenden Wagen nach jenem ab, der dem Autoverleih Inter-France-Reisen gehörte.

Sie griff in ihre Reisetasche, holte die Sonnenbrille heraus und setzte sie auf. Ein ununterbrochener Strom von Autos glitt an ihr vorüber, die Sonne glitzerte auf Lack und Chromverzierungen. Sie hoffte, der junge Mann würde den Wink mit dem Zaunpfahl endlich verstehen und seiner Wege gehen. Aber kurz darauf tauchte er schon wieder neben ihr auf.

„Ich glaube, Sie haben das fallen gelassen, Mademoiselle.“

Dianne fuhr herum und wollte ihm eine eisige Bemerkung an den Kopf werfen, schnappte jedoch überrascht nach Luft, als sie sah, dass er die Bestätigung ihrer Hotelbuchung in der Hand hielt.

„Oh – ich danke Ihnen“, stammelte sie verlegen. „Sie – sie muss mir heruntergefallen sein, als ich die Sonnenbrille herausholte. Danke.“

Der junge Mann lächelte. „Es war mir ein Vergnügen, Mademoiselle“, erwiderte er höflich. „Auf diese Weise konnte ich wenigstens feststellen, dass Sie nach Arles wollen. Eine schöne Stadt. Ich wohne ganz in der Nähe.“

Dianne hielt den Atem an. „Tatsächlich?“, fragte sie. „Ich muss Ihnen recht geben, es ist wirklich eine schöne Stadt.“

Der junge Mann runzelte die Stirn. „Kann ich Sie wirklich nicht in meinem Wagen mitnehmen?“

„Nein!“ Dianne hob abwehrend die Hand. „Ich habe mir einen Wagen gemietet. Er müsste hier irgendwo stehen.“

Der junge Mann hörte aufmerksam zu und überflog die Reihe der wartenden Autos mit geübtem Blick. „Kommen Sie“, sagte er, „ich glaube, ich weiß, wo wir Ihren fahrbaren Untersatz finden.“

Er schien wirklich Bescheid zu wissen, und da er sich ihrer Koffer bemächtigte, hatte Dianne keine andere Wahl, als ihm zu folgen. In kürzester Zeit hatte er den kleinen Citroën entdeckt, stellte sie dem Angestellten der Autoverleihfirma vor und brachte es auf diese Weise fertig, ihren Namen zu erfahren. Dianne war darüber nicht eben erfreut, konnte jedoch nichts sagen, da er noch so hilfsbereit war, ihr Gepäck im Kofferraum zu verstauen.

„Vielleicht sehen wir uns wieder, Mademoiselle“, bemerkte er leichthin, als sie sich von ihm verabschiedete. „Ich bin oft in Arles und wäre sehr glücklich, wenn Sie mir erlauben würden, Sie einmal am Abend zum Essen einzuladen.“

Dianne lächelte vage und ließ die Einladung unbeantwortet. Schließlich war es logisch, wenn er annahm, sie wolle nur ihren Urlaub hier verbringen. Wie hätte er auch ahnen sollen, warum sie wirklich nach Arles fuhr, zumal ihr selbst noch völlig unglaublich schien, was sie tat.

Sie fuhr ab und sah ihn noch lange im Rückspiegel. In diesem Augenblick wünschte sie sich verzweifelt, sie wäre wirklich nur als Urlauberin hierhergekommen.

Nachdem sie von Marseille ein Stück nach Westen gefahren war, bog sie nach Norden ab und folgte der Straße nach Arles quer durch die weite Plaine de la Crau. Das war ein unwirtliches Gebiet, kahl und öd und nur wenig kultiviert. Sie erinnerte sich, dass Manoel ihr erzählt hatte, in der Mythologie sei Herkules hier auf ein Volk von Riesen gestoßen und habe Zeus um Hilfe angerufen. Der Gott habe es Felsen und Steine regnen lassen und den Helden vom Tode errettet, doch seither sei die Ebene mit den Trümmern aus dieser Schlacht übersät.

Manoel!

Ein Schauer durchlief sie. Zum ersten Mal, seit sie London verlassen hatte, erlaubte sie sich, an ihn zu denken, und es war verheerend, was allein dieser Gedanke ihr antat. Sie streckte die Hand aus, tastete nach ihrer Tasche und holte ein Päckchen Zigaretten heraus. Sie steckte eine Zigarette zwischen die Lippen und zündete sie mit zitternden Fingern an. Sie rauchte nur selten, nur dann, wenn sie unter einer starken inneren Spannung stand. Im Augenblick aber brauchte sie etwas, das sie beruhigte.

Als sie in Arles ankam, war es schon nach sechs. Sie kam sich nach der langen Reise schmutzig und staubig vor, und sie war müde. Sie fuhr direkt zu ihrem Hotel, trug sich ein, bestellte sich ein belegtes Brot auf das Zimmer und ging hinauf. Sie sehnte sich nach einer Dusche. Hinterher schlüpfte sie in ihren Hausmantel, setzte sich ans Fenster, das auf einen kleinen Platz hinausblickte, aß ihr belegtes Brot und trank zwei Tassen ausgezeichneten Kaffees, den ihr die Besitzerin des Hotels mit heraufgeschickt hatte.

In den Platanen raschelte ein leichter Wind, und unter dem Fenster tollten ein paar Jugendliche auf Fahrrädern herum. Sonst war alles ruhig und friedlich. Diannes innere Verkrampfung löste sich ein wenig. Dass sie Manoel rein zufällig begegnete, war sehr unwahrscheinlich, und wenn sie ihn traf, würde das unter ihren, nicht unter seinen Bedingungen geschehen. Falls er bereit war, sich mit ihr zu treffen …

Peinigende Erinnerungen bedrohten ihren eben erst wiedergewonnenen Frieden, und sie schob den Teller mit dem halb gegessenen Sandwich beiseite. Was, wenn er sich weigerte, mit ihr zu sprechen? Das war sehr gut möglich. Schließlich sollte er die Wahrheit nicht erfahren, das hatte sie fest beschlossen.

Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und stellte die leere Kaffeetasse auf die Untertasse. Sie griff nach ihrer Handtasche, holte eine lederne Brieftasche heraus und öffnete sie. Ein paar Fotos rutschten heraus, sie fing sie auf und betrachtete sie liebevoll.

Das Gesicht des kleinen Jungen, das ihr vertrauensvoll und aufrichtig entgegenblickte, weckte ein Gefühl tiefer Zärtlichkeit in ihr. Völlig unerwartet füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie hatte schon lang nicht mehr geweint, Tränen waren ein Luxus, den sie sich nicht erlauben durfte. Sie fragte sich, was der Kleine jetzt wohl tat und ob er Clarry gehorchte.

Impulsiv neigte sie den Kopf und küsste das Foto. „Gute Nacht, Jonathan“, flüsterte sie mit etwas rauer Stimme, legte die Fotos in die Brieftasche zurück und verstaute sie in dem größeren ihrer beiden Koffer. Auf alle Fälle, dachte sie bedauernd.

Am Morgen wurde sie von der strahlenden Sonne geweckt, die durch die geschlossenen Vorhänge fiel. Im ersten Augenblick wusste sie nicht mehr, wo sie war, und wunderte sich, dass Jonathans Bettchen nicht neben ihrem Bett stand. Allmählich jedoch wurde sie sich mit einem beklemmenden Gefühl ihrer augenblicklichen Umgebung wieder bewusst.

Sie zwang sich, die Niedergeschlagenheit abzuschütteln, die sie nur selten verließ, stieg aus dem Bett, ging zum Fenster, öffnete die Vorhänge und blickte hinaus. In dem kleinen Park inmitten des Platzes spielten ein paar Kinder Ball. Der Anblick der fröhlich umhertollenden kleinen Bande verursachte ihr einen heftigen Schmerz in der Herzgegend. Sie wandte sich brüsk vom Fenster ab und ging ins Bad.

Später musterte sie sich kritisch im Spiegel des Toilettentisches. Sie trug eine eng sitzende marineblaue Hose und eine weiße Hemdbluse. Sie wirkte kühl, schlank und sachlich. Das dunkle Haar hatte sie im Nacken zu einem lockeren Knoten geschlungen. Die Frisur diente einzig und allein dem Zweck, sie reifer und würdiger aussehen zu lassen. Doch trotz all ihrer Bemühungen verrieten ihre leicht schräg gestellten schönen Augen und ihr empfindsamer Mund, wie jung und unsicher sie noch war. Mit einem Gefühl von Hilflosigkeit ging sie hinunter in den Speisesaal.

Nach dem Frühstück fuhr sie in die Innenstadt. Arles war nicht groß, doch an Markttagen wimmelte es am Vormittag von Menschen. Das Angebot von Meeresfrüchten an den Ständen war verlockend, doch sie widerstand den werbenden Stimmen der Händler und kaufte nichts. Sie machte nur einen Schaufensterbummel, um die Zeit bis zum Mittagessen totzuschlagen.

Sie hatte beschlossen, gegen Mittag im Mas St. Salvador anzurufen, weil sie hoffte, Manoel, der vielleicht zum Essen heimkam, um diese Zeit am ehesten zu erreichen. Sie hatte nicht den Wunsch, mit seiner Mutter zu sprechen. Mit seinem Vater übrigens ebenso wenig. Was sie wollte, ging nur sie und Manoel an. Niemand sonst.

Nachdem sie Clarry auf einer Ansichtskarte kurz mitgeteilt hatte, sie sei gut angekommen, stellte sie fest, dass sie immer nervöser wurde, je weiter der Morgen fortschritt. Es war ärgerlich, dass bei der ganzen Angelegenheit ihre Gefühle noch immer so stark beteiligt waren. Sie musste, bevor sie Manoel sah, unbedingt ruhiger werden. Er durfte nicht merken, wie dumm sie war.

Sie wollte nicht daran denken, wie er wohl darauf reagieren würde, dass sie sich nach so langer Zeit wieder meldete. Bestimmt war er inzwischen mit Yvonne verheiratet und hatte selbst familiäre Verpflichtungen. Vielleicht weigerte er sich sogar, mit ihr zu sprechen. Wenn es nach Yvonne ging, würde er es gewiss tun. Warum glaubte sie eigentlich, er würde ihr Geld leihen, nur weil sie einander vor drei Jahren sehr nahe gestanden hatten? Für ihn war ihre Beziehung doch keineswegs bindend gewesen.

Kurz nach zwölf fuhr sie zum Hotel zurück und betrat beinahe widerwillig die Halle. Dann riss sie sich jedoch zusammen und ging energisch zur Telefonzelle. Sie musste anrufen, bevor der Mut sie völlig verließ.

Sie hatte sich die Nummer zwar aufgeschrieben, brauchte jedoch nicht nachzusehen, weil sie sie auswendig kannte. Mit zitternden Fingern nahm sie den Hörer von der Gabel; als sie es am anderen Ende der Leitung klingeln hörte, wurden ihre Handflächen feucht, und kleine Schweißperlen traten ihr auf die Stirn.

Endlich kam die Verbindung zustande, eine Frauenstimme meldete sich auf Französisch.

„Oui? Mas St. Salvador. Wer spricht dort?“

Diannes Stimme streikte, doch dann gelang es ihr, krächzend zu fragen: „Madame – St. Salvador?“

„Nein, hier ist Jeanne. Wollen Sie Madame St. Salvador sprechen?“

„Nein, nein!“, wehrte Dianne ab. „Eh – Monsieur St. Salvador, Monsieur Manoel St. Salvador – ist er da?“

Jeanne zögerte einen Augenblick. „Nein, Mademoiselle, er ist in Avignon.“

Dianne wurde das Herz schwer wie ein Stein. Manoel war in Avignon! Wie lange blieb er? Sie überlegte rasch. Sie konnte Jeanne, die alte Haushälterin, danach fragen; ob sie jedoch eine Antwort bekäme, war zweifelhaft. Schon spürte sie eine gewisse Zurückhaltung in der Stimme der alten Frau, die im nächsten Augenblick bestimmt danach fragen würde, wer Monsieur Manoel sprechen wollte.

Mit trockener Kehle sagte sie: „Merci – danke“, und legte auf, wobei sie bestürzt feststellte, dass sie am ganzen Körper zitterte.

Als sie die Telefonzelle verließ, stand der Hoteldirektor vor ihr. Er musterte sie besorgt, weil sie so blass war und ihre Augen unnatürlich glänzten.

„Ist etwas passiert, Mademoiselle?“, erkundigte er sich fürsorglich.

Es gelang Dianne, mit halbwegs natürlicher Gelassenheit den Kopf zu schütteln. „Nein – nein, nichts“, erwiderte sie hastig. „Ein schöner Tag, nicht wahr?“

„Ein schöner Tag“, wiederholte er nickend, und sie flüchtete in ihr Zimmer hinauf.

Als sie sich zum Lunch umzog, versuchte sie verzweifelt, ihre Lage abzuschätzen. Sie kämmte sich, schlang den Knoten neu, tuschte ihre zart olivfarbenen Lider leicht mit Lidschatten, trug farblosen Lippenstift auf und schlüpfte in ein hübsches limonenfarbenes Baumwollkleid, das Clarry ihr genäht hatte. Doch sie tat all diese Dinge automatisch.

Sie dachte nicht über den Telefonanruf hinaus. Wenn sie noch einmal anrief, und Manoel war wieder nicht da, würde die Familie misstrauisch werden; dieses Risiko wagte sie nicht einzugehen. Doch wie sollte sie sich sonst mit ihm in Verbindung setzen? Sie konnte doch nicht auf gut Glück nach Avignon fahren. Die Chance, ihn dort zu treffen, war allzu gering.

Mit einem hohlen Gefühl im Magen, das jedoch nicht vom Hunger herrührte, ging sie hinunter in den Speisesaal.

Sie aß wenig, obwohl die Fischsuppe köstlich schmeckte, und lehnte bis auf ein paar frische Früchte alle andern Speisen ab. Den Kaffee genoss sie; er war stark und wirkte belebend. Während sie ihn schluckweise trank, überlegte sie, ob sie vielleicht zur Manade hinausfahren sollte, ohne sich telefonisch anzumelden.

Sie verließ das Restaurant, ging durch die Halle zum Eingang und blickte nachdenklich auf den schattigen Platz hinaus. Das Hotel war um diese Zeit noch nicht voll belegt, denn für Touristen war es noch zu früh. Sie kamen später, im Mai und im Juni, wenn die Festivals begannen, wenn die Zigeuner sich hier versammelten, um ihre Stammesfeste zu feiern …

Dianne presste die Hand auf ihren Magen, der mit einem Mal nervös zu flattern begann. Ihr war alles so bitter vertraut, und es schien ihr so unfair, dass sie ausgerechnet in dieser Jahreszeit hierher zurückkehren musste. Sie fuhr sich mit der Zunge leicht über die Lippen, auf denen sie plötzlich wieder den Geschmack trockenen gesalzenen Brotes spürte. Der Duft von würzigem roten Wein, aus irdenen Krügen getrunken, stieg ihr in die Nase. Sie hörte das erregte Durcheinander von Geräuschen und Stimmen, die leidenschaftliche Musik. Sie wurde wieder von jenem rückhaltlosen Glücksgefühl durchpulst, das sie damals empfunden hatte, als sie an den seit Jahrhunderten überlieferten Festen teilnehmen durfte.

Mit geballten Fäusten wandte sie sich ab. Es hatte keinen Sinn! Sie musste es tun, gleichgültig, wie schmerzlich oder hässlich es sein würde. Sie musste es um Jonathans willen tun.

Sehr zum Erstaunen des Hoteldirektors verbrachte sie den Nachmittag im Hotel. Er hatte sie offensichtlich als Touristin eingestuft, und es war ihm rätselhaft, warum sie nicht auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten war. Ein paar Mal ertappte sie ihn dabei, dass er sie von der Schwelle des Gesellschaftszimmers aus beobachtete. Doch sie tat so, als bemerke sie es nicht, weil sie ihn nicht in Verlegenheit bringen wollte.

Als am Spätnachmittag auf dem Platz die Schatten länger wurden, verließ sie das Gesellschaftszimmer und ging wieder hinüber zur Telefonzelle. Ihr zitterten die Knie, und es fiel ihr schwer, ihre Bewegungen zu koordinieren. Schließlich erreichte sie aber doch die Telefonzelle und nahm den Hörer von der Gabel.

Wieder antwortete eine weibliche Stimme, und Dianne sank der Mut. Aber diesmal war es nicht Jeanne. Es war eine Mädchenstimme, eine Stimme, an die Dianne sich unklar erinnerte. Manoel hatte eine jüngere Schwester – Louise.

„Excusez-moi – entschuldigen Sie“, sagte sie und hoffte, ihr Akzent sei nicht allzu auffallend englisch, „ich hätte gern Monsieur St. Salvador gesprochen.“

„Manoel?“ Das Mädchen schien überrascht. „Wer spricht dort?“

Dianne zögerte. Wie konnte sie ihren Namen nennen, ohne jene Situation heraufzubeschwören, die sie um jeden Preis vermeiden wollte?

„Eine Freundin von Monsieur St. Salvador“, erwiderte sie ausweichend.

„Aber Sie sind ja Engländerin!“, rief das Mädchen erstaunt.

Dianne presste die Lippen zusammen. Sie hatte nicht geglaubt, dass ihr Akzent so verräterisch sei, doch es war ein paar Jahre her, seit sie zum letzten Mal Französisch gesprochen hatte. Was konnte sie sagen? Wenn sie leugnete, würde das Mädchen wissen, dass sie log. Gab sie es zu, verschlechterte das ihre Lage noch mehr.

„Es ist nicht wichtig“, sagte sie und legte zum zweiten Mal auf, verachtete sich jedoch wegen ihrer Feigheit.

Sie ging wieder in ihr Zimmer hinauf und starrte sich lang im Spiegel an. Ihre Augen wirkten kummervoll, in den grünen Tiefen malte sich die Angst, die sie quälte. Was sollte sie tun?

Als sie sich gerade zum Abendessen umzog, klopfte es. „Mademoiselle! Mademoiselle!“

Dianne wickelte sich in ihren Morgenmantel und öffnete. Vor der Tür stand das Zimmermädchen.

„Sie werden am Telefon verlangt, Mademoiselle“, sagte es lächelnd. „Leider müssen Sie sich in die Halle hinunter bemühen.“

Dianne umklammerte die Türklinke fester. „Ist – ist der Anruf auch bestimmt für mich?“, fragte sie stockend.

„Mais certainement – aber gewiss, Mademoiselle. Es ist ein Herr.”

„Ein Herr!“ Dianne schüttelte verwirrt den Kopf. „Nun gut, ich komme hinunter. Ich brauche nur ein paar Sekunden, um mir etwas anzuziehen.“

Während sie in eine eng sitzende, cremefarbene Hose schlüpfte und einen dicken, jadegrünen Pulli überzog, der ihre Schlankheit betonte, suchte sie nach einer Erklärung für diesen Anruf. Hatte Louise Manoel Bescheid gesagt? Doch sie konnte wohl kaum mit Sicherheit ihre Stimme erkannt haben. Und selbst wenn es sich so verhielt, war es doch unmöglich, dass Manoel so rasch festgestellt hatte, in welchem Hotel sie wohnte.

Die Beine zitterten ihr, als sie zum Telefon hinunterlief. Doch als sie sich meldete, war die Stimme, die darauf „Mademoiselle King?“, sagte, ganz gewiss nicht die von Manoel. Sie war heller, klang jünger und bei Weitem nicht so beunruhigend.

„Wer – wer ist da?“, fragte sie abgehackt.

„Henri Martin, Mademoiselle. Wir haben uns gestern im Zug kennengelernt.“

Dianne ließ sich gegen die Wand der Telefonzelle fallen. „Oh – Monsieur Martin!“, rief sie atemlos, als wäre sie rasch gelaufen. „Ich kannte Ihren Namen nicht.“

„Ich weiß. Aber ich hatte ja das Glück, den Ihren zu erfahren. Haben Sie sich schon in Ihrem Hotel eingewöhnt? Fühlen Sie sich dort wohl?“

Dianne seufzte. „Ja, es ist alles in Ordnung“, erwiderte sie niedergeschlagen. „Warum rufen Sie an?“

„Warum ich anrufe?“, fragte er verwundert und mit einem leisen Lachen. „Aber das wissen Sie doch! Ich möchte Sie heute Abend zum Essen einladen.“

Dianne richtete sich auf. „Tut mir leid, ich kann leider nicht. Unmöglich!“

„Warum? Warum ist es unmöglich?“

Dianne zuckte mit den Achseln. „Ich – ich bin müde, Monsieur. Ich habe außerdem überhaupt keinen Appetit.“

„Ich bin untröstlich, Mademoiselle!“, rief er. „Sie müssen doch etwas essen.“

Dianne biss sich auf die Unterlippe. „Tut mir wirklich leid“, sagte sie. „Aber ich kann nicht. Nicht heute Abend.“

„Morgen dann?“

„Was ich morgen vorhabe, weiß ich noch nicht.“ Das zumindest war die Wahrheit.

„Sie vernichten mein Selbstbewusstsein“, stellte er leichthin fest. „Dann treffen wir uns doch bitte zum Mittagessen.“

„Ein anderes Mal“, sagte Dianne mit großer Entschiedenheit und legte auf.

Sie verließ die Telefonzelle und stieg langsam die Treppe zu ihrem Zimmer empor. Dort angekommen, machte sie sich nicht einmal die Mühe, sich umzuziehen. Von Bitterkeit überschwemmt, warf sie sich der Länge nach auf das Bett. Sie fühlte sich unendlich einsam. Nicht einmal das Wissen, dass Clarry und Jonathan so vertrauensvoll in England auf sie warteten, half ihr, dieses Gefühl der Verlassenheit zu überwinden.

Sie kam zu dem Schluss, dass sie es nicht ertragen könnte, jetzt im Speisesaal zu essen, nahm ihre Handtasche, ging wieder hinunter und verließ das Hotel. Die Laternen warfen nur mattes Licht über die schattigen Straßen. Es war sehr warm, und die schmelzend weiche Dunkelheit legte sich wie Balsam auf ihr Herz und ihre Seele. Morgen war ein neuer Tag!

In einem kleinen Bistro am Rhôneufer trank sie eine Tasse Kaffee und aß ein Stück Kuchen. Dann schlenderte sie zur Arena hinaus. Sie hatte die Arena ein paar Mal mit Manoel besucht und das Schauspiel mit angesehen, das auch dem abgebrühtesten Magen Übelkeit verursachen konnte. Die berühmten Stiere der Camargue waren würdige Gegner der Toreros. Während Dianne sich stets schaudernd von dem blutigen Morden abwandte, das in der gleißenden Sonnenhitze des Nachmittags besonders grausam wirkte, hatten die Männer, die so lässig mit dem Tod spielten, sie fasziniert.

Einige der berühmtesten Stierkämpfer Spaniens kamen nach Arles, um hier an der Corrida teilzunehmen und ihre Kraft und Geschicklichkeit mit jener der schwarzen Stiere zu messen, die mit einem Hieb ihrer spitzen Hörner so grausam verwunden konnten. Und immer wieder versuchten auch Amateure von weit und breit die Berufsstierkämpfer zu übertrumpfen. Sie forderten, einer bereitwilliger als der andere, den Tod heraus.

Dianne hatte im Corral des Mas öfter Manoel mit den Stieren beobachtet. Sie stand immer wie vor Schreck erstarrt, wenn er Angriffe wagte, die in der Arena mit einem begeisterten, vieltausendstimmigen „Olé!“ beantwortet worden wären. In solchen Augenblicken hatte sie ihn gehasst, weil er sie Qualen der Angst aussetzte, sie war davongelaufen. Doch er war ihr gefolgt. Er hatte sie ins Gras geworfen und ihre Empörung auf eine Weise fortgeküsst, dass sie alles vergaß und nur noch wusste, wie sehr sie ihn brauchte …

Schmerz krampfte ihr den Magen zusammen. Wie schnell diese Monate vergangen waren, wie zauberhaft jeder einzelne Tag gewesen war, die Erfüllung ihrer kühnsten Träume, und wie qualvoll der Abschied. Dieser unvermeidliche Abschied …

Gegen neun kehrte sie zurück von ihrem Spaziergang, der sie schließlich wunderbar beruhigt hatte. Sie war angenehm müde und wollte nicht mehr an das denken, was morgen vielleicht auf sie wartete. Es war hoffnungslos, etwas so Unbestimmbares vorhersehen zu wollen.

Die Tasche lässig über der Schulter, mit der Hand eine lose Strähne des seidig schwarzen Haares zurückstreichend, betrat sie langsam die Hotelhalle.

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