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Im Schatten der Mörder-Ranch

Pete Hackett

Im Schatten der Mörder-Ranch

Cassiopeiapress Western





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Im Schatten der Mörder-Ranch

 

Western von Pete Hackett

 

 

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author (Peter Haberl alias Pete Hackett)

© 2012 der Digitalausgabe 2012 by AlfredBekker/CassiopeiaPress

www.AlfredBekker.de

 

 

Brad Winslow senkte die Axt, als er den Reiter wahrnahm, der sich langsam der kleinen Ranch näherte. Der Reiter kam von Osten. Die Sonne stand im Westen. Der Stern auf der linken Brustseite des Ankömmlings reflektierte das Sonnenlicht.

Brad wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Eine Wolke von kleinen Stechmücken schwirrte um seinen Kopf herum. Es war heiß. Brads bloßer Oberkörper glitzerte feucht vom Schweiß.

Brad war ahnungslos. Dennoch fragte er sich, was den Sheriff veranlasste, zu ihm zu kommen. Er lehnte die Axt an den Hackklotz und ging zum Brunnen in der Hofmitte. Die Winde knarrte, als er einen Eimer voll Wasser in die Höhe hievte. Brad trank aus einer Schöpfkelle, die an einem Nagel am Gerüst der Winde hing. Dann warf er sich einige Hände voll Wasser in das Gesicht, prustete und strich sich die nassen Haare aus der Stirn.

Indes lenkte der Sheriff sein Pferd in den Ranchhof. Er wirkte angespannt und wachsam, seine Miene war seltsam verschlossen, und als er zwei Pferdelängen vor Brad anhielt, sagte er hart und ohne jede Freundlichkeit: „Man hat mir heute Tom Ballard in die Stadt gebracht, Winslow. Er war kalt und steif. Jemand hat ihm in der vergangenen Nacht ein Stück Blei zwischen die Schulterblätter geknallt.“

Durchdringend musterte er, während er sprach, Brad. In dessen Gesicht zuckte es. Er zeigte Betroffenheit, schluckte hart und trocken. „Tom Ballard – tot?“, entfuhr es ihm. „Gütiger Gott. Von hinten erschossen. Wie - wie hat es Nancy aufgenommen?“

Der Sheriff legte die Hände übereinander auf den Sattelknopf. „Sie fand ihn. In den Bergen westlich ihrer Ranch. Er ritt gestern Nachmittag fort, um Rinder, die sich im Felsgewirr verlaufen hatten, zurückzutreiben. Als er heute morgen noch immer nicht zurück war, suchte Nancy ihn. Sie brachte ihn auch in die Stadt.“

Brad blickte versonnen zu Boden. Er schüttelte den Kopf, als wollte ihm die Eröffnung nicht in den Sinn.

Der Sheriff fuhr fort. Seine Stimme klirrte wie zerspringendes Glas. „Nancy hält dich für den Mörder, Brad. Und nicht nur sie. Auch ich bin der Meinung, dass du als Mörder Toms in Frage kommst.“

Brad japste nach Luft wie ein Erstickender. Seine Augen hatten sich ungläubig geweitet. Er stand beim Brunnen wie vom Donner gerührt. Die Worte des Sheriffs hallten durch seinen Verstand wie höllisches Geläut. Seine Gedanken wirbelten, er ächzte, seine Lippen bewegten sich, aber seine Stimmbänder versagten.

Knarrend schwang die Haustür auf und eine junge, blonde Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren trat ins Freie. Verwundert und fragend fixierte sie den Sheriff, dann ließ sie ihre Stimme erklingen: „Hallo, Mister Wagner. Was führt Sie zu uns auf die Ranch?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, sprach sie sogleich weiter: „Ich bereite gerade das Abendessen. Wenn Sie unser Gast sein möchten ...“

Ein blondhaariges, sommersprossiges Mädchen von etwa vierzehn Jahren und ein Junge von ungefähr zwölf drängten hinter der jungen Frau aus dem Haus. Das Mädchen lächelte unbefangen. Der Junge jedoch schaute verunsichert von Brad auf den Sheriff, und von diesem wieder auf Brad, als spürte er instinktiv, dass etwas nicht in Ordnung war.

Der Sheriff kniff kurz die Lippen zusammen, wie ein Mann, der sich nicht wohl fühlte in seiner Haut, dann presste er fast widerwillig hervor: „Tut mir leid, Virginia. Tom Ballard wurde ermordet, und es spricht viel dafür, dass es euer Bruder war. Ich muss ihn mit in die Stadt nehmen und arretieren, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind. Sollte sich seine Unschuld herausstellen, wird er bald wieder bei euch sein. Wenn nicht, nun ...“

John Wagner brach vielsagend ab und zuckte mit den Achseln. In seinem Schweigen lag eine düstere Verheißung.

Das freundliche Lächeln des Mädchens erstarb. Virginias Herz übersprang einen Schlag, ihr Atem ging schneller, eine Bruchteile von Sekunden andauernde Blutleere im Gehirn ließ sie taumeln. Aus der Kehle des Jungen brach ein erschreckter Ton, maßloses Erschrecken prägte das Knabengesicht. Fassungslosigkeit griff um sich.

„Du bist verrückt geworden, John!“, würgte Brad endlich hervor. „Ich - ich ...“

„Was?“, peitschte die Stimme des Gesetzeshüters.

Brad knirschte mit den Zähnen. Er duckte sich, und seine Haltung erinnerte an ein sprungbereites Raubtier. „Ich habe Ballard nicht erschossen, Wagner“, rief er rau, und in seinem Tonfall lag jetzt erzwungene Festigkeit. „Sehe ich vielleicht aus wie ein Mörder? Traust du mir einen Mord zu?“

„Meine Meinung ist unmaßgeblich“, murmelte John Wagner. „Es zählen nur die Fakten. Fakt ist, dass du hinter Nancy her bist wie der Teufel hinter der armen Seele. Seit Monaten versuchtest du, Tom die Frau abspenstig zu machen. Tom kam dir auf die Schliche und verprügelte dich. Jetzt ist er tot, und eine Menge spricht dafür, dass du ihn auf dem Gewissen hast. Also zieh dir ein Hemd über. Dann sattelst du dir ein Pferd und reitest mit mir nach Middle Well. Du bist verhaftet, Brad. Im Namen des Gesetzes.“

Brad schien den Worten hinterherzulauschen. Er starrte den Sheriff verständnislos an, es gelang ihm nicht, irgendeinen Gedanken zu formen oder sich auf irgendeine Weise zu artikulieren. Es hatte ihm die Sprache verschlagen. Sein Hals war wie zugeschnürt, wie Fieber rann es durch seine Adern, es überstieg sein Begriffsvermögen.

Brad spürte die Augen seiner Geschwister auf sich gerichtet. Entsetzen und Angst wühlten in ihnen. Nachdem ihre Eltern vor zwei Jahren an einer Infektionskrankheit gestorben waren, hatten er und Virginia die Verantwortung für Benny und Mary Ann übernommen. Doch nun ...

„Sheriff ...“ So kam es brüchig von Virginia. „Mister Wagner! Brad war den ganzen Tag auf der Ranch und hat Holz gehackt. Er kann es nicht gewesen sein.“

Sie knetete ihre Hände, ihre Nasenflügel vibrierten, erregt pochte die Schlagader an ihrem schlanken Hals.

„Tom wurde in der vergangenen Nacht ermordet, Virginia“, versetzte John Wagner eisig, und plötzlich zog er den Colt, schlug ihn auf Brad an, mit dem Daumen spannte er den Hahn.

Das metallische Knacken riss Brad aus der Betäubung. Er schaute den Sheriff an, als erwachte er aus einem Alptraum. Er fing sich und murmelte erstickt: „Ich bin unschuldig. Allerdings ist es wohl so, dass tatsächlich alles gegen mich spricht. Und darum wird dich meine Behauptung nicht interessieren, John. Du kannst den Ballermann wegstecken. Ich komme freiwillig mit dir. Denn meine Unschuld wird sich herausstellen. - Virginia, reite zu Hunter und berichte ihm alles. - Du - du glaubst doch an meine Unschuld, Virgy?“

Virginia nickte. In ihren blauen Augen sammelten sich Tränen. Ihr war das Flehen in seiner Stimme nicht entgangen. „Ja, Brad. Ich - ich weiß, dass du unschuldig bist. Und wir werden alles daransetzen, um deine Unschuld zu beweisen.“

Aufweinend warf sich Mary Ann herum und rannte zurück ins Haus. Benny klammerte sich an seine große Schwester und kämpfte tapfer gegen die Tränen an. Seine schmalen Schultern erbebten wie unter einem inneren Krampf.

„Okay, John.“ Brad nickte entschlossen, ein Ruck durchfuhr ihn. „Du bist der Sheriff, und du erfüllst deine Pflicht. Keine Sorge. Ich mache dir keine Schwierigkeiten.“

„Das möchte ich dir auch nicht geraten haben“, versetzte John Wagner grimmig und unversöhnlich. In Situationen wie dieser schaltete er jegliches persönliche Gefühl aus. Es ging um gemeinen Mord - und er hatte dem Gesetz Geltung zu verschaffen.

Seine Unversöhnlichkeit berührte Brad wie eine eiskalte Hand. Sekundenlang blickte er in das willensstarke, hartkantige Gesicht des Sheriffs, in dessen dunkle, fordernde Augen, und er verspürte jähe Beklemmung. Von einer Minute zur anderen schien sein Schicksal sich in einer Sackgasse verfahren zu haben. Alles in ihm lehnte sich dagegen auf, er wollte seine Unschuld hinausschreien, aber die Erkenntnis, dass die Fakten eindeutig gegen ihn sprachen, versiegelte ihm die Lippen.

Brad setzte sich in Bewegung. Seine Schritte muteten hölzern, fast marionettenhaft an. Er ging zu dem Haufen Holz, den er am folgenden Tag noch zerkleinern wollte, und über den er achtlos sein Hemd geworfen hatte ...

Als er zwanzig Minuten später mit dem Sheriff von der Ranch ritt, drohte Virginia die Verzweiflung zu übermannen. Benny weinte jetzt bitterlich. Der innere Druck hatte ihn überwältigt. Mary Ann hatte sich irgendwo im Haus verkrochen. Sie wurde von ihren Gefühlen regelrecht weggeschwemmt. Angst und Verlorenheit griffen nach den Geschwistern.

 

*

 

Hunter Bailey unterbrach Virginia mit keinem Wort. Sie war, als sie den Aufruhr ihrer Empfindungen wieder unter Kontrolle hatte, sofort zu Hunter geritten. Hunters Brauen hatten sich finster zusammengeschoben, über seiner Nasenwurzel hatte sich eine steile Falte gebildet. Im Licht der Petroleumlampe mutete sein schmales, scharfgeschnittenes Gesicht düster und hohlwangig an.

„War Brad in der Nacht, als der Mord geschah, zu Hause?“, fragte er, als Virginia geendet hatte.

Bedrückt schüttelte sie den Kopf. „Nein. Und als er am frühen Morgen kam, war nicht aus ihm herauszubekommen, wo er die Nacht verbracht hatte. Auf all meine Fragen erntete ich nur ein hintergründiges Lächeln.“

Hunter nagte an seiner Unterlippe. Urplötzlich erhob er sich. Er war groß und hager, und als er jetzt eine unruhige Wanderung im Raum aufnahm, wirkten seine Bewegungen gleitend und geschmeidig. Hinter seiner Stirn arbeitete es. Das war deutlich von seinen Zügen abzulesen. Virginia beobachtete ihn erwartungsvoll, fast schon ungeduldig.

Als Hunter vor ihr stehenblieb, fiel sein Schatten auf sie. „Nancy Ballard taugt nichts“, murmelte er. „Sie hat nicht nur deinem Bruder den Kopf verdreht, sondern einer ganzen Reihe anderer Burschen mehr. Vor einigen Wochen brüstete sich im Saloon Jim Russel damit, dass es ihm ein Lächeln kosten würde, Nancy ihrem Mann abspenstig zu machen.“

„Jim Russel!“, rief Virginia. „Er taugt nicht mehr als Nancy. Er ist der Sohn eines reichen und mächtigen Mannes, der nichts und niemand respektiert, der aber niemals das Format seines Vaters erreichen wird.“

Hunter lächelte flüchtig. „Ich werde zu Nancy reiten und mit ihr sprechen. Brad mag ein oftmals leichtsinniger Bursche sein, aber er schießt keinen Mann in den Rücken. Irgend etwas stinkt zum Himmel. Ich kriege es heraus. Mach dir also im Moment keine allzugroßen Sorgen Brads wegen. Vielleicht sind ein paar Tage hinter Gittern heilsam für ihn.“

Wieder deutete Hunter ein schmales Lächeln an.

Virginia erhob sich und trat einen Schritt auf ihn zu. Hunter legte ihr die Hände auf die Schultern und sah sie fest an. Er spürte, dass sie seine Zuversicht nicht teilte. Er sagte kehlig: „Ich setze alles daran, Virgy, um Brads Unschuld zu beweisen. Und jetzt bringe ich dich nach Hause. Mary Ann und Benny sind alleine, und das ist nicht gut. Vorher aber ...“

Er beugte sich zur ihr hinunter und küsste sie.

 

*

 

Am Vormittag des folgenden Tages ritt Hunter nach Middle Well. Obwohl überall auf den Gehsteigen und auf der breiten Main Street kleine Menschengruppen zusammenstanden und diskutierten, schien ihm die Atmosphäre in der Stadt bedrückend und bleischwer. Die Menschen verstummten, wenn er in ihre Nähe kam, und starrten ihn an. Die Stimmung mutete ihn feindselig und unheilschwanger an, das düstere Schweigen berührte ihn wie ein heißer Atem.

Er verhielt vor dem Sheriff’s Office und saß ab. Lose warf er die Leine über den Querholm, dann rückte er seinen Revolvergurt zurecht, nahm das Gewehr aus dem Scabbard und ging hinein.

Der Sheriff hatte ihn kommen sehen und erwartete ihn auf der Schreibtischkante sitzend. Die beiden Männer nickten sich ernst zu. John Wagner zog den Mund schief und knurrte: „Ich kann mir schon denken, was dich nach Middle Well getrieben hat, Hunter. Es ist wegen Brad, nicht wahr? Virginia hat sich ja mächtig beeilt, dich in Kenntnis zu setzen. Na schön. Spule deinen Lasso auf, erkläre mir, dass Brad kein Mörder ist, dass ich den falschen Mann verhaftet habe, dass man vielleicht einen Unschuldigen verurteilt. Ich werde dir geduldig zuhören und dir dann antworten, dass jedes deiner Worte in den Wind gesprochen war. Der Richter hat einen Haftbefehl gegen Brad erlassen, ich werde in der Sache ermitteln, und wenn ich zu einem Ergebnis gekommen bin, erhebe ich als Vertreter des Arizona-Territoriums entweder Anklage gegen Brad, oder ich lasse ihn laufen.“

Hunter winkte ab. „Der Anschein spricht gegen Brad. Ich bin nicht zu dir gekommen, um abgedroschene Phrasen zu klopfen, John. Dennoch bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass Brad nicht auf Tom Ballard geschossen hat. Aber das zählt nicht, schätze ich.“

„Warum bist du dann hier?“, schnappte der Sheriff, rutschte von der Tischkante, umrundete den Schreibtisch und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Er lehnte sich zurück, streckte die Beine weit von sich und verschränkte die Hände über dem Bauch.

„Ich will mit Brad sprechen.“

Der Sheriff nickte wiederholt. „Dagegen ist sicher nichts einzuwenden, Hunter. Allerdings wirst du deine Waffen hier im Office lassen.“ Er erhob sich wieder.

„Fürchtest du, dass ich Brad mit Gewalt aus deinem Käfig hole?“, fragte Hunter mit etwas spöttisch angefärbter Stimme.

„Nein, Hunter“, murmelte Wagner. „Es ist so Vorschrift.“

„Sicher.“ Hunter sagte es ernst und ohne die Spur von Spott, legte das Gewehr auf den Schreibtisch, zog den Colt aus dem Halfter und legte ihn daneben. Dann ging er hinter John Wagner her in den Zellentrakt.

Brad lag auf der Pritsche in der linken der drei Zellen und hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Unheilvolle, unerfreuliche Gedanken und Empfindungen quälten ihn, er fühlte sich wie ein Hammel, der zur Schlachtbank geführt werden sollte. Je länger er über alles nachdachte, umso mehr kam er zu dem Schluss, dass er in diesem Spiel ausgesprochen schlechte Karten in der Hand hielt.

Jetzt hob er den Kopf. Als er Hunter erkannte, ruckte er hoch, schwang die Beine von der Pritsche und erhob sich schnell. „Hunter! Gott sei Dank!“, entfuhr es ihm.

Brad kam bis zur Gitterwand, seine Hände verkrampften sich um zwei der zolldicken Eisenstäbe, daß die Knöchel weiß unter der Haut hervortraten.

Hunter entging nicht die Rastlosigkeit in den Zügen des Freundes. Er gab zu verstehen: „Virgy kam gestern Abend noch zu mir auf die Ranch. Ich versprach ihr, alles zu tun, um deine Unschuld zu beweisen, Brad.“ Durchdringend musterte er den Gefangenen. „Du bist doch unschuldig, nicht wahr?“

Brads Mundwinkel zuckten erregt, dann antwortete er: „Natürlich. Nicht mal als Tom mich vor einigen Wochen jämmerlich verprügelte, dachte ich daran, ihn umzubringen.“ Brads Stimme wurde um einige Nuancen schärfer. „Verdammt, Hunter, was soll diese Frage?“

Hunter ging nicht darauf ein. „Für dich geht es um Kopf und Kragen, Brad. Darüber musst du dir im Klaren sein. Es sieht nicht gut aus.“

„Heavens, das weiß ich selbst. Wie aber soll ich beweisen, dass ich Tom nicht umbrachte? Meinen Beteuerungen glaubt niemand. Selbst du scheinst voller Zweifel zu sein.“

Hunters Hand fuhr zwischen zwei Gitterstäben hindurch und legte sich auf Brads Schulter. „Sag dem Sheriff und mir, wo du in der Nacht warst, Brad.“ Zwingend fixierte er Brad, sein Blick übte regelrechten Druck auf Brad aus.

Brad zog den Kopf zwischen die Schultern, und dann schüttelte er jäh die Hand Hunters ab. „Auf keinen Fall“, stieß er hervor und schüttelte störrisch den Kopf. Sein flackernder Blick streifte das Gesicht des Sheriffs, dessen Züge von erwartungsvoller Anspannung geprägt waren.

Jetzt grollte Wagners Organ: „Dir steht das Wasser bis zum Hals, Junge. Wie soll dir jemand helfen, wenn du stur und bockig bist? Du hast auch mir diese wohl ausgesprochen wichtige Frage nicht beantwortet. Was ist der Grund?“

„Rede, Mann!“, drängte Hunter. „Wo hast du die Nacht verbracht?“

Mit fahriger Geste fuhr sich Brad über die Augen. In ihm war ein tiefer Zwiespalt aufgerissen - der Zwiespalt eines Mannes, bei dem es um Kopf und Kragen ging, in dem sich alles sträubte, sein Geheimnis preiszugeben, obwohl er damit das Blatt vielleicht zu seinen Gunsten hätte wenden können.

Aber er begann zu wanken. Er saugte die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute darauf herum. Und schließlich entrang es sich ihm: „Okay. Es ist wohl besser so.“ Seine Stimme klang belegt, fast heiser. „Ich - ich verbrachte die Nacht bei Nancy. Ja, verdammt, ich war bei Nancy. Darum ist es mir auch unerklärlich, wie sie behaupten kann, dass ich der Mörder ihres Mannes wäre.“

Seine Eröffnung schlug beim Sheriff ein wie eine Bombe. Ungläubig stierte er Brad an.

Hunter hingegen zeigte kaum Überraschung. Er wandte sich an den Sheriff. „Du wirst Nancy in die Mangel nehmen müssen, John. Und wenn Brad die Wahrheit gesprochen hat - wovon ich überzeugt bin -, musst du ihn laufen lassen.“

„Ich kann es nicht glauben“, ächzte Wagner. „Sie war es doch, die den Verdacht auf Brad lenkte.“ Der Sheriff griff sich an die Stirn. „By gosh, wenn es so ist, dann hat sie ihren Mann betrogen, und in dieser Gegend nimmt nicht mal mehr ein räudiger Straßenköter von ihr ein Stück Brot. Aber - mein Gott -, was hat sie für einen Grund, Brad dem Henker auszuliefern? Sie muss doch befürchten, dass Brad den Mund aufmacht.“

„Und wenn sie alles abstreitet?“, warf Hunter ein. „Ihr als Frau wird man Glauben schenken und Brad noch mehr verdammen, weil er ihre Ehre mit Füßen tritt, weil er versucht, sie mit Schmutz zu bewerfen. Ich schätze, John, du musst ...“

Er brach ab, denn auf der Straße erklang das Pochen von Pferdehufen. Vor dem Office endete es. Absätze hämmerten über den Vorbau, die Eingangstür knarrte in den Scharnieren. John Wagner verließ den Zellentrakt. Gleich darauf erklang die tiefe Stimme eines Mannes: „Schnelle, saubere Arbeit, Wagner. Sie haben den Mörder Tom Ballards also hinter Schloss und Riegel. Es dürfte wohl nur noch eine reine Formsache sein, ihn abzuurteilen und aufzuknüpfen, wie?“

„Big Burt Russel!“, brach es rau über Brads Lippen. „Dieser alte Aasgeier. Als nächstes wird er versuchen, Virgy, Benny und Mary Ann von unserem Grund und Boden zu vertreiben, um sich die Winslow-Ranch unter den Nagel zu reißen.“

Im Office erwiderte der Sheriff: „In diesem Landstrich wird ein Mann erst dann gehängt, wenn seine Schuld hundertprozentig erwiesen und ein Richterspruch gefallen ist, Russel.“

Der Rancher lachte kehlig. „Ich kenne Ihre Einstellung, Wagner. Sorgen Sie dafür, dass der Mörder Tom Ballards seine gerechte Bestrafung erhält. Und jetzt lassen Sie mich zu Winslow. Ich muss mit ihm sprechen.“

Wieder erklangen die harten, selbstbewussten Schritte. Hunter nahm Front zur Tür ein. Eine hohe, breitschultrige Gestalt füllte den Türrahmen nahezu aus, ein Mann mit faltigem, ledrigem Gesicht und hellwachen, grauen Augen erschien. Als er Hunter sah, stockte sein Schritt, er kniff die Augen zusammen und sagte spöttisch: „Aaah, der zukünftige Schwager. Möchten Sie sich wichtig machen, Bailey, oder Eindruck vor Ihrer Verlobten schinden?“

„Sparen Sie sich Ihren Zynismus, Russel“, versetzte Hunter kühl. „Was wollen Sie überhaupt hier?“

Russel betrat den Zellenraum. John Wagner folgte ihm. Der Rancher schaute an Hunter vorbei auf Brad. Dieser erwiderte trotzig Russels Blick. Der Rancher begann ohne Umschweife: „Sie stecken bis zum Hals in der Klemme, Winslow. Auf Ihnen liegt sozusagen schon der Schatten des Galgens. Um Sie herauszupaucken, bedarf es eines routinierten Rechtsanwalts. Ein solcher aber kostet Geld - viel Geld, mehr Geld, als Sie aufbringen können. Also hören Sie zu: Ich habe Interesse an Ihrer Ranch und biete Ihnen zehntausend Dollar für alles tote und lebende Inventar, das Sie Ihr eigen nennen. Das ist ein guter Preis, und ihnen bietet sich die Chance, den Hals vielleicht aus der Schlinge zu ziehen.“

Brads Gesicht färbte sich dunkel, er schnappte nach Luft. „Zehntausend Dollar“, japste er dann. „Die Ranch ist gut und gerne das dreifache wert. Gehen Sie zum Teufel, Russel! Ihr Angebot ist eine Unverschämtheit.

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