Logo weiterlesen.de
Im Schatten der Kathedrale

Über die Autorin

Ute Maria Bernatzki wurde 1967 in Köln geboren. Nach langjähriger Tätigkeit im Marketing betrieb sie mit ihrem Mann eine Tauchschule auf den Malediven. Seit einiger Zeit lebt sie wieder in Deutschland. IM SCHATTEN DER KATHEDRALE ist ihr erster Roman.

Ute Maria Bernatzki

Im Schatten
der Kathedrale

Kriminalroman

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meinen Vater,
der niemals aufhörte zu kämpfen

1

Köln, 18. Mai

Es war wieder eine dieser Nächte.

Kriminalhauptkommissar Lukas Rosenzweig drehte sich seufzend von der linken auf die rechte Seite und dann wieder zurück auf die linke. Auf den Bauch. Auf den Rücken. Keine dieser Positionen konnte das Gedankenkarussell, das sich in seinem Kopf drehte, stoppen. Er schob den linken Arm in den Nacken und starrte Löcher in die Dunkelheit. Es war sinnlos. Er würde in dieser Nacht keinen Schlaf mehr finden. Gerade als er aufstehen und in die Küche gehen wollte, um sich eine Flasche Wasser zu holen, klingelte das Handy und erlöste ihn von der schlaflosen Herumwälzerei. Er tastete neben sich, wo eigentlich Alex hätte liegen sollen, nach seinem Telefon und fand es irgendwo unter den Kissen. Das hell erleuchtete Display bildete die einzige Lichtquelle in dem dunklen Raum.

»Ja?«

Das Gespräch dauerte keine dreißig Sekunden.

»Ja, ich fahre sofort los. Habt ihr Lisa schon verständigt?«

Er verabschiedete sich nicht, nachdem er die Antwort erhalten hatte, sondern drückte einfach auf die Taste mit dem roten Telefonsymbol. Sein Blick fiel auf den Wecker: drei Uhr zweiundvierzig. Er schaltete das Licht ein, fand auf dem Boden seine Jeans, die er gestern getragen hatte, und ein frisches weites Leinenhemd im Schrank. Er streifte sich die Kleidung achtlos über, und nach einem mehr als kurzen Umweg über das Badezimmer war er schon aus der Tür. In der Garage stülpte er schnell den Helm über den Kopf, bevor er sich in die enge Lederjacke zwängte und dann laut röhrend losfuhr. Sein Auto stand auf der Straße, aber seine Ducati 900 SS parkte er immer liebevoll in der Garage.

Er musste zum Dom. Von der Südstadt aus war es nicht weit bis dahin, und nach nur wenigen Kilometern am Rhein entlang erreichte er das Ziel.

2

Paris, 18. Mai, zwei Jahre zuvor

Er war aus seiner eigenen Wohnung geflüchtet.

Zwar wusste er selbst nicht so genau, wovor er eigentlich davongelaufen war, aber er hatte sie einfach nicht mehr ertragen können. Sie war jung und hübsch, und er hatte keinerlei Verpflichtungen ihr gegenüber. Besser ging es doch gar nicht. Er lief rasch, aber ziellos durch die nächtlichen Straßen von Paris und verstand immer noch nicht so genau, was er da eigentlich trieb. Chantal war eine der angesagtesten und gleichzeitig diskretesten Edelnutten in der Stadt. Und sie verstand ihr Handwerk wie keine Zweite! Dennoch empfand er einfach nur Langeweile, wenn er mit ihr zusammen war – ein Gefühl, das er schon bei so vielen anderen Frauen vor ihr verspürt hatte.

Er hatte irgendwie kein Glück mit Frauen. Er liebte sie, begehrte sie und genoss ihre Schönheit, aber zu viel Nähe ödete ihn an. Dabei hatte sie ihm nichts getan. Er war ruhelos in seinem Penthouse auf und ab gegangen, und sie hatte ihn freundlich, vielleicht auch ein wenig wollüstig gefragt, ob er keine Lust mehr hätte. Das war alles.

Er beschleunigte erneut seine Schritte. Für Mitte Mai war es außergewöhnlich warm, und als er um die nächste Ecke bog, fand er sich am Quai Saint-Michel wieder, wo noch viele Studenten und zahllose andere Nachtschwärmer entlang des Seine-Ufers unterwegs waren. Spontan setzte er sich an einen Tisch unter freiem Himmel und bestellte einen Pastis. Er bevorzugte meistens die Getränke, die typisch für das Land waren, in dem er sich jeweils aufhielt. Ein kleiner Versuch, etwas Abwechslung in sein tristes Leben zu bringen.

Das Stimmengewirr rundherum ließ ihn ein wenig ruhiger werden. Er zündete sich eine Gauloise ohne Filter an und blickte sich um. Überall saßen Pärchen. Wie langweilig. Er war nie eine feste Beziehung eingegangen, weil er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, mit ein und derselben Frau alt zu werden. Er unterhielt ein paar lose Bekanntschaften in den Ländern, die er regelmäßig bereiste. Das bedeutete allerdings nicht, dass er diese Frauen auch jedes Mal anrief, wenn er sich gerade in ihrer Nähe aufhielt.

Noch einfacher war es mit Prostituierten. Er liebte Sex mit einer Frau, aber sobald sein Trieb befriedigt war, wollte er sie so schnell wie möglich wieder loswerden. Einer Hure Adieu zu sagen war eindeutig leichter, als eine Affäre zu beenden.

Er hätte auch Chantal einfach nur bitten können zu gehen. Stattdessen war er in seine Klamotten gestiegen, hatte fast die doppelte Summe ihres normalen Honorars auf den Tisch geworfen und die Wohnung fluchtartig verlassen. Warum hatte er das getan? Jetzt, zwischen Hunderten von Fremden in einer lauen Frühlingsnacht, erschien ihm sein eigenes Verhalten völlig irrational.

Eben war das noch anders gewesen. Sie hatten ein paar schöne Stunden miteinander verbracht, aber danach hatte die Langeweile wieder Besitz von ihm ergriffen. Und wenn er sich langweilte, konnte er keinen Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung ertragen.

Er musste etwas unternehmen. Ansonsten würde ihn diese Langeweile eines Tages noch umbringen.

3

Köln, 18. Mai

Der Tatort auf dem Domplatz war weiträumig abgesperrt, und mehrere Polizisten achteten darauf, dass sich kein Passant in Zivil der Leiche näherte. Doch fast alle Uniformierten kannten Lukas Rosenzweig, weshalb er sich nicht einmal die Mühe machen musste, seinen Ausweis zu zücken. Die Kollegen von der Spurensicherung trafen nur allmählich ein, und so fand Lukas sich plötzlich allein mit seinem ältesten Freund, dem Rechtsmediziner Dr. Daniel van der Mühlen, neben der Leiche wieder.

Van der Mühlen und er arbeiteten seit mehr als fünfzehn Jahren zusammen. Daher wusste der Rechtsmediziner genau, dass er in den ersten Minuten am Tatort besser den Mund hielt, damit Lukas sich ein eigenes Bild machen konnte. Später würde van der Mühlen sowieso mehr Fragen gestellt bekommen, als er zum jetzigen Zeitpunkt beantworten konnte.

Die Tote ruhte auf der Umrandung des Springbrunnens, daneben auf dem Boden lagen eine nachtblaue Seidendecke und eine nur zur Hälfte gerauchte Zigarette. Nachdem Lukas die junge Frau einige Sekunden lang betrachtet hatte, war er sich fast sicher, dass sie nicht tot war; er hatte vielmehr den Eindruck, dass sie einfach nur schlief. Automatisch streckte er den Arm aus, um den Puls an ihrem Hals zu fühlen. Van der Mühlen legte die Hand auf seine Schulter und hielt ihn von seinem Vorhaben zurück.

»Sieh sie dir erst einmal ganz genau an, dann reden wir darüber«, sagte der Rechtsmediziner in einem ruhigen Tonfall. Er war ein eher stiller Zeitgenosse und verstand es, andere Menschen zu besänftigen, selbst wenn sie in heller Aufregung waren.

Lukas betrachtete die Leiche genauer und war verwirrt über den Anblick, der sich ihm bot. Er war seit vielen Jahren bei der Polizei, die meisten davon bei der Mordkommission. Köln war nicht gerade eine Metropole, die häufig von durchgedrehten Massen- oder Serienmördern heimgesucht wurde; doch im Vergleich zu einem Dorf oder einer Kleinstadt gab es hier wesentlich mehr Tötungsdelikte, als ihm lieb war. Er kannte sich aus mit Opfern von Messerstechereien zwischen Bandenmitgliedern, mit Erschossenen, die von Drogenkartellen regelrecht hingerichtet wurden – ganz zu schweigen von denen, die bei Familientragödien einen unnatürlichen Tod fanden.

Aber noch nie hatte er eine Leiche gesehen, die auch nur annähernd so friedlich aussah wie die Tote, die jetzt vor ihm lag. Sie war noch sehr jung, schätzungsweise zwischen siebzehn und zweiundzwanzig Jahre alt. Und sie war schön. Langes, glänzendes schwarzes Haar umgab ein madonnenhaftes Gesicht; der vollständig nackte Körper war makellos. Die Arme lagen locker neben dem Rumpf, sodass man einen freien Blick auf ihn hatte. Ihre Scham war rasiert, aber das interessierte Lukas im Augenblick weniger. Sein Blick heftete sich vielmehr auf ein Bild, das mit einem scharfen Messer oder vielleicht einem Skalpell in den Körper eingeritzt war: Vom Bauchnabel hoch zur Brust verlief ein Stiel mit Blättern, der zwischen den Brüsten endete, wo sich eine große Rosenblüte entfaltete.

Was für ein wunderschönes Bild!, kam Lukas spontan in den Sinn. Doch sogleich rief er sich selbst zur Ordnung. Noch nie hatte er während seiner gesamten Polizeikarriere das Wort »wunderschön« auf eine Leiche bezogen. Irgendetwas störte ihn allerdings an diesem Anblick, aber bevor er darauf kam, was es sein könnte, wurde er durch ein vertrautes Geräusch abgelenkt.

Man hörte Lisa näher kommen, lange bevor sie eintraf. Sie war sehr klein, kaum größer als ein Kind an der Schwelle zum Teenager. Damit dies nicht zu stark auffiel, trug sie extrem hohe Absätze, und das Klick-Klack ihrer High Heels war es, das stets ihre baldige Ankunft verriet.

Lukas Rosenzweig und seine Arbeitskollegin Lisa Voigt hätten unterschiedlicher nicht aussehen können. Er wäre mit seiner Größe und seinem durchtrainierten Körper problemlos als Basketballspieler durchgegangen. Jede freie Stunde verbrachte er im Fitnesscenter: Sport befreite irgendwie seinen Geist. Er trug ausschließlich Jeans und am liebsten weite Hemden dazu, und sein dunkles Haar war immer etwas modisch zerzaust. Die schokoladenbraunen Augen wirkten auf den Betrachter rätselhaft: Von Weitem sah Lukas aus wie ein zu groß geratener Junge, doch wer sich ihm näherte und in seine Augen blickte, fühlte sich auf einmal an einen uralten Mann erinnert. Niemand hatte dieses merkwürdige Phänomen bisher aufklären können. Seltsam war auch, dass sein Lächeln, wenn er es denn einmal zeigte, oft ziemlich verkniffen wirkte.

Vor knapp einem Jahr war ihm Lisa Voigt als Partnerin zugeteilt worden. Sie kam ursprünglich aus Hamburg und liebte nichts mehr als exquisite Kleidung. Der einzige Sport, den sie betrieb, war Shopping. Von ihrem Gehalt konnte sie sich keine Armani- oder Versace-Kostüme leisten, obwohl sie natürlich ständig davon träumte, aber sie war immer stilvoll gekleidet. Meistens trug sie kurze Röcke, die knapp über dem Knie endeten; und Lukas konnte sich nicht erinnern, sie jemals in einer Jeans oder überhaupt in einer Hose gesehen zu haben. Ihre Kollegen, allen voran Lukas, fragten sich, wie sie es schaffte, neben einer Leiche in die Knie zu gehen, ohne dabei zu viel zu offenbaren, aber in solchen Fällen hatte sie sich bisher immer elegant und ladylike aus der Affäre gezogen.

Da weder Lukas noch van der Mühlen im Augenblick wussten, was sie sagen sollten, lauschten sie einfach dem klackenden Geräusch, bis ungefähr zehn Zentimeter hohe Absätze zwischen sie beide und die Leiche traten. Lukas, dem die Tote einfach nur Rätsel aufgab, war froh, sich auf etwas Belangloses konzentrieren zu können. Lisa ging mit einer anmutigen Bewegung, die sie wie eine Schauspielerin einstudiert hatte, in die Hocke, und nach nur wenigen Sekunden der Betrachtung schlug sie die Hände vor dem Mund zusammen.

»Was ist denn das?«, rief sie aus und sah zu Lukas hoch; das lange hellblonde Haar hatte sie wie üblich zu einem Knoten im Nacken gebunden, was ihre feinen Gesichtszüge mit den klaren blauen Augen noch mehr zur Geltung brachte.

In ihrem Blick las er die gleiche Mischung aus Entsetzen, Faszination und Ratlosigkeit, die er selbst verspürte. Lukas merkte, wie ein regelrechter Widerwillen in ihm aufstieg, sich mit dieser merkwürdigen Leiche auseinanderzusetzen. Stattdessen betrachtete er seine Kollegin und fragte sich unwillkürlich, wie sie es fertigbrachte, um diese Uhrzeit so perfekt gestylt wie immer an einem Tatort zu erscheinen.

»Das ist definitiv nicht der Tatort«, stellte Lisa fest. Sie hatte sich schneller wieder gefasst als Lukas und erhob sich. »Es gibt kein Blut hier.«

Der Rechtsmediziner nickte.

Lukas rang sich nun endlich dazu durch, die junge Tote genau zu mustern. Sie war blass, aber ihre Hautfarbe wirkte deutlich natürlicher als die einer normalen Leiche, falls es so etwas wie eine normale Leiche überhaupt gab. Bei näherer Betrachtung stellte er fest, dass sie geschminkt war. Nicht grell wie eine Nutte, sondern sehr dezent; und das Make-up ließ sie wie eine gepflegte, schlafende Frau erscheinen. Ein leises Lächeln umspielte ihre Lippen. Das war grotesk. Tote lächelten nicht. Sein Blick wanderte zu der Rose hinunter. Lisa hatte recht. Auch wenn die einzelnen Schnitte, die das Bild ergaben, nicht tief waren, so hätte doch Blut zu sehen sein müssen – doch es gab nicht einen einzigen Tropfen davon. Überhaupt schien die Leiche völlig blutleer zu sein. Das Wort »Vampir« kam ihm in den Sinn, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Vielleicht hatte er ja zu viele Horror-Romane gelesen.

Er schüttelte unwirsch den Kopf und seufzte. »Was kannst du uns sagen, Daniel?«

Das war eine ungewöhnliche Äußerung für Lukas. Normalerweise schoss er, wie die meisten Kriminalbeamten, seine Fragen wie aus einem Maschinengewehr ab: »Wie lange ist sie schon tot, wie wurde sie ermordet, ist der Fundort der Tatort?« Und so weiter und so fort.

Diesmal spürte er instinktiv, dass er keine Antwort auf die sonst üblichen Fragen erhalten würde.

Der Rechtsmediziner strich sich durch das langsam schütter werdende, dunkle Haar und seufzte ebenfalls. »Eine seltsamere Leiche habe ich noch nie an einem solchen Ort gesehen.«

Lisa sah ihn verblüfft an. »Was meinst du mit ›an einem solchen Ort‹?«

Van der Mühlen zögerte und zuckte dann nur hilflos mit den Achseln. »Wenn man einmal die Rose außer Acht lässt, sieht sie aus, als hätte man sie aus einem Bestattungsunternehmen entführt.«

Im nächsten Moment mussten die drei zur Seite treten, da der Fotograf gerade eingetroffen war und nach einer kurzen Begrüßung damit begann, den Fundort und die Leiche von allen Seiten zu fotografieren. Lukas und seine Kollegin beschlossen, als Nächstes den Nachtportier des Hotels Agrippina zu befragen, der die Tote gefunden hatte.

Auf dem Weg zum Hotel kamen ihnen einige Kollegen von der Spurensicherung entgegen. Lars Möller, ein großer, etwas grobschlächtig gebauter Mann, dem man kaum zutraute, die penible Arbeit eines Kriminaltechnikers durchzuführen, blieb grinsend vor ihnen stehen. »Na, Zweiglein, auch schon so früh auf den Beinen?«

Lukas mochte den Mann eigentlich, aber er hasste nichts mehr, als »Zweiglein« genannt zu werden. Er war allerdings zu aufgewühlt und gleichzeitig zu müde, um sich mit Möller anzulegen. So grummelte er nur etwas Unverständliches, was man mit ein wenig Fantasie als »Dummschwätzer« interpretieren konnte, und ging zielstrebig weiter.

Im Foyer des Hotels lief ein kleiner, älterer Mann, der die Livree eines Portiers trug, unruhig auf und ab. Der uniformierte Beamte, der bei ihm war, stellte ihn als Clemens Schuhmacher vor. Er hatte die Leiche gefunden und die Polizei verständigt. Sie setzten sich in die luxuriösen Sessel des um diese Uhrzeit wie ausgestorben wirkenden, exklusiven Hotels und begannen mit ihrer Befragung.

Lisa, die merkte, dass der Mann noch völlig unter Schock stand, schlug einen sanften, freundlichen Ton an. »Können Sie uns sagen, wann Sie die Leiche gefunden haben?«

Schuhmacher rückte seine schwarzumrandete Brille zurecht und antwortete, ohne zu zögern. »Es war kurz nach drei, so ungefähr fünf nach, würde ich sagen.«

Lukas ließ seinen Blick durch die Empfangshalle schweifen, um sich mit der Örtlichkeit vertraut zu machen, bevor er nachhakte: »Woher wissen Sie das so genau?«

Der Portier druckste ein wenig herum und hob dann mit einer resignierenden Geste die Hände. »Die Direktion sieht es zwar nicht gerne, wenn man die Rezeption verlässt, aber ich wollte eine rauchen. Zwischen drei und fünf Uhr ist in der Nachtschicht am wenigsten los. Wenn frühmorgens niemand abreist, sogar bis sechs Uhr. Ich habe also bis kurz nach drei gewartet, weil es dann am unwahrscheinlichsten ist, dass es auffällt, wenn man mal kurz verschwindet.« Er zuckte mit den Achseln und sah sie fast schon ein wenig reumütig an.

Lukas musste sich ein Grinsen verkneifen. »Was ist dann passiert?«

»Ich ging hinaus, habe mir eine Zigarette angezündet und bin ein wenig auf und ab geschlendert, um mir die Beine zu vertreten. Irgendwann fiel mir auf, dass etwas Großes auf der Umrandung des Springbrunnens lag. Es sah schon von Weitem aus wie ein zugedeckter Mensch, aber ich habe mir zunächst noch nichts dabei gedacht, weil auf dem Domplatz häufiger mal ein Penner übernachtet. Ich ging näher heran und betrachtete die Decke. Sie machte einen teuren Eindruck, und das ließ mich stutzen. Die Tippelbrüder haben normalerweise alte, zerfetzte Wolldecken, aber diese war völlig anders. Ich zog ein wenig daran und schaute plötzlich in das Gesicht eines jungen Mädchens. Ich dachte zunächst, sie schläft.«

Diesen Eindruck konnte Lukas nur allzu gut verstehen. »Was haben Sie dann gemacht?«

Der Portier knetete seine Hände und wirkte zunehmend nervöser. »Es war schrecklich. Ich wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Was macht ein Mädchen in diesem Alter nachts um drei schlafend auf der Domplatte? Sie war sehr hübsch, und ich zog die Decke ein wenig weiter herunter, um zu sehen, wie sie gekleidet war. Ich wollte wissen, ob sie eher eine Ausreißerin oder ein Mädchen aus gutem Hause war, das hier nichts zu suchen hatte. Vielleicht war sie ja auch einfach nur betrunken. Ich schlug also die Decke zurück und sah das Bild auf ihrer Brust. Es war entsetzlich.« Schuhmacher ballte eine Hand zur Faust und nagte unruhig daran herum.

»Haben Sie sie angefasst?«

Er nickte zögerlich. Als er schließlich antwortete, hatte er Tränen in den Augen. »Sie ist ungefähr im gleichen Alter wie meine Enkelin. Ich musste die ganze Zeit an sie denken und fragte mich, was ich tun würde, wenn sie es wäre und nicht eine Fremde. Ich tastete an ihrem Handgelenk nach dem Puls. Als ich dort nichts spürte, versuchte ich es an ihrem Hals. Aber da war kein Puls … und sie war auch so kalt.« Er wischte sich die Tränen aus den Augen und rang um Fassung.

Lisa tätschelte beruhigend seinen Arm. »Was haben Sie dann gemacht?«

»Ich bin nur noch ins Hotel gerannt und habe die Polizei angerufen.«

»Ist Ihnen in der Nacht sonst noch etwas aufgefallen? Haben Sie vorher vielleicht schon mal eine Zigarette geraucht?«

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Nein. Ich gehe immer erst nach drei, vorher ist es einfach zu riskant. Und von der Rezeption aus sieht man den Springbrunnen nicht. Ich habe weder etwas gehört noch gesehen.« Er zuckte entschuldigend mit den Achseln und schüttelte den Kopf. »Es war alles wie immer.«

»Gut, das reicht uns fürs Erste.« Lukas erhob sich und zog eine Visitenkarte aus der Innentasche seiner Lederjacke. »Falls Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich an. Wenn wir noch Fragen haben, werden wir uns bei Ihnen melden.«

Nachdem sie sich von Schuhmacher verabschiedet hatten, gingen sie zum Fundort der Leiche zurück. Es war nur eine kurze Strecke, und unmittelbar hinter dem Springbrunnen ragten die dunklen Türme des Doms bedrohlich in die Nacht.

»Was hältst du von ihm?« Lukas sah seine Kollegin fragend an. »Klingt logisch, was er gesagt hat. Und sein Entsetzen schien mir nicht vorgetäuscht.«

Sie lächelte. »Ich glaube, er war auch ziemlich nervös, weil er Angst hat. Er befürchtet, Ärger zu bekommen, weil er unerlaubt eine Zigarette geraucht hat.«

Lukas nickte zustimmend. Er hatte den gleichen Eindruck gewonnen. Unwillkürlich dachte er daran, wie gut sie inzwischen zusammenarbeiteten, was er anfangs für unmöglich gehalten hatte.

Als er Lisa Voigt zum ersten Mal gesehen hatte, war er innerlich ausgerastet, dass man ihm ein solches Modepüppchen an die Seite stellen wollte. Er konnte es nicht fassen, dass eine Kommissarin des Morddezernats in Stöckelschuhen und Minirock zur Arbeit erschien. Daher hatte er ihr während der ersten Wochen in ihrem neuen Job das Leben zur Hölle gemacht. Natürlich nicht offensichtlich, so dumm war er nicht gewesen. Er hatte sie höflich behandelt, ihr allerdings keinerlei Informationen zukommen lassen und möglichst viel im Alleingang durchgezogen. Doch in manchen Fällen war das nicht möglich gewesen, und nach einiger Zeit hatte er feststellen müssen, dass sie sich nicht nur als Kleiderständer gut machte, sondern auch etwas im Kopf hatte. Für Lisa musste diese Zeit extrem frustrierend gewesen sein, und als er selbst langsam ein schlechtes Gewissen wegen seines Verhaltens bekam, hatte sie ihn zur Rede gestellt. Nicht einfach so im Revier – nein, sie hatte es viel eleganter angestellt. Lisa hatte ihn zum Mittagessen in ein hübsches, aber nicht überkandideltes Restaurant eingeladen; und anstatt ihm Vorwürfe zu machen, hatte sie ihm einfach einen Teil ihres Wesens offenbart. Nicht zu privat, aber auch nicht zu unpersönlich. Sie hatte ihm erklärt, dass jeder Polizist andere Wege geht, um das Grauen, welches seine Arbeit täglich mit sich brachte, zu verarbeiten und zu vergessen. Dabei hatte sie sich nicht in psychologischem Gefasel verloren, sondern war kurz und bündig auf den Punkt gekommen. Für sie waren Kleidung, Make-up und Parfum einfach schöne Dinge im Leben, mit denen sie sich gerne umgab, um die schrecklichen Seiten ihrer Arbeit besser ertragen zu können. Ende, aus, basta! Ihre Rede hatte ihm imponiert, und auch wenn ihm Mode zukünftig genauso wichtig sein würde wie der berühmte umgefallene Sack Reis in China, verstand er doch den tieferen Sinn, den ein schickes Outfit für Lisa besaß. Er selbst trieb Sport bis zum Exzess, um sich von den Bildern der ihn anklagenden Toten zu befreien, deren Mörder er noch nicht gefasst hatte. Die Unterredung war damals nicht so verlaufen, dass er sich am Ende wegen seines Verhaltens bei ihr entschuldigte. Sie hatte ihm vielmehr zu verstehen gegeben, dass das nicht nötig war, aber von diesem Tag an hatte er sie respektiert. In den folgenden Monaten hatten sie sich zu einem gut funktionierenden Team zusammengerauft, und mittlerweile schätzte er nicht nur ihre Intelligenz, sondern auch ihren untrüglichen Instinkt.

Als die beiden zum Fundort zurückkehrten, sahen sie, dass der Leichenwagen inzwischen eingetroffen war und die schöne Tote gerade abtransportiert wurde. Um den Springbrunnen herum gingen die Mitarbeiter der Spurensicherung emsig wie die Bienen ihrer Arbeit nach.

Van der Mühlen kam auf sie zu und nahm erst einmal seine randlose Brille von der Nase, um sie lange und umständlich mit einem Zipfel seines Hemdes zu putzen. Lukas kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass diese Geste dazu diente, ein wenig Zeit zu schinden, damit er sich seine Worte zurechtlegen konnte. Daher sagte er erst einmal nichts, sondern sah den Rechtsmediziner nur abwartend an. Auch Lisa schwieg.

Schließlich setzte van der Mühlen seine Brille wieder auf und begann mit seinem kleinen Vortrag. »Viel kann ich euch im Moment noch nicht sagen. Wer auch immer dafür verantwortlich ist, hat sie mit allen Mitteln der Kunst hergerichtet. Sie ist perfekt geschminkt, und er hat sogar ihr Haar mit Parfum besprüht. Die Rose wurde post mortem eingeritzt, und auch wenn es im Moment nur eine Vermutung ist, glaube ich, dass sie sogar erst nach der Aufbereitung entstanden ist. Das weiß ich genauer, nachdem ich sie auf dem Tisch hatte.«

»Hast du schon eine Idee, was die Todesursache gewesen ist?«, erkundigte sich Lukas.

Der Rechtsmediziner schüttelte den Kopf. »Nicht die Geringste. Abgesehen von der Rose weist sie auf den ersten Blick keinerlei äußere Verletzungen auf. Ich kann also nicht einmal sagen, dass sie ermordet wurde.«

Lisa und ihr Kollege sahen sich ratlos an. Sie schaffte es irgendwie, ihrer beider Verwirrung auf den Punkt zu bringen. »Wir haben also eine Leiche, die wunderschön, ja schon regelrecht liebevoll hergerichtet wurde, aber keine Idee, woran sie gestorben ist? Weißt du wenigstens, wie lange sie schon tot ist?«

Van der Mühlen sog hörbar die Luft ein und ließ sie mit einem langen Seufzer wieder entweichen. »Nein, ich schätze, zwischen achtundvierzig Stunden und zwei Wochen.«

Lukas sah den Rechtsmediziner verblüfft an, dann fiel bei ihm der Groschen, und er verstand plötzlich seine eigene Konfusion. »Thanatopraxie.«

Er hatte das Wort nur leise vor sich hin gesagt, aber der Rechtsmediziner nickte zustimmend. »Ich konnte sie hier kaum untersuchen, weil wir erst Proben von dem ganzen Make-up in ihrem Gesicht nehmen müssen, aber ihre Nase und auch die Gehörgänge sind mit Watte verschlossen. Es deutet alles darauf hin, dass sie einbalsamiert wurde.«

Lisa sah die beiden Männer fragend an. »Thanatopraxie … ist das nicht eine neuere Art der Aufbereitung von Leichen, damit sie ungekühlt länger … äh, um sie haltbarer zu machen?«

Van der Mühlen nickte ein weiteres Mal. »So neu ist diese Praxis allerdings nicht. In den USA, Frankreich und Großbritannien ist sie gang und gäbe. Sie wird auch schon lange bei Überführungen von Leichen ins Ausland angewendet. In Deutschland setzt sie sich erst langsam bei den Bestattungsunternehmen durch. Man braucht eine besondere Ausbildung, und die Thanatopraxie unterliegt strengsten Gesetzen. Trotzdem … Es würde den Zustand unserer Leiche erklären.«

Lukas sah auf seine Uhr. Inzwischen war es achtzehn nach fünf in der Früh. Die Stadt begann langsam zu erwachen. »Wann weißt du Genaueres?«

Van der Mühlen verdrehte die Augen. »Ich beeile mich. Ich weiß doch, wie sehr euch dieser merkwürdige Fall unter den Nägeln brennt. Ich fahre jetzt sofort in die Rechtsmedizin und melde mich sobald wie möglich bei euch.« Er grinste. »Ihr werdet schon etwas finden, womit ihr euch in der Zwischenzeit beschäftigen könnt. Wie wäre es zum Beispiel mit der Identität des Mädchens?« Er wartete ihre Antwort gar nicht erst ab, sondern drehte sich mit einer schwungvollen Bewegung um und ging mit langen Schritten davon.

Lukas und seine Kollegin sprachen kurz mit der Spurensicherung, aber da diese noch nicht viel zu berichten hatte, machten sie sich auf den Weg ins Präsidium. Da Lukas mit dem Motorrad und Lisa mit dem Auto hergekommen war, fuhren sie nun getrennt zu ihrem Büro.

Als er auf seiner Ducati die Deutzer Brücke überquerte, fluchte er leise vor sich hin. Das tat er seit knapp neun Jahren fast jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Welcher Trottel war nur auf die Idee gekommen, das Präsidium vom Waidmarkt nach Kalk zu verlegen? Er war in Köln geboren und aufgewachsen. Seiner festen Überzeugung nach sollte sich das Polizeipräsidium eigentlich im Zentrum der Stadt befinden – und auf gar keinen Fall auf der falschen Rhein-Seite, der sogenannten Schäl Sick. Als Urkölner empfand Lukas es als persönlichen Affront, dass er nun jeden Tag seine »Heimat« verlassen musste, um zur Arbeit zu fahren, ganz davon abgesehen, dass sich der Weg dorthin gut und gerne verdreifacht hatte. Von seiner Wohnung aus war es ein Katzensprung bis zum Waidmarkt, nach Kalk brauchte er, je nach Verkehrsaufkommen, selbst mit dem Motorrad eine gute halbe Stunde. Okay, es hatte den Verdacht auf Asbest gegeben, und das alte Präsidium war aus allen Nähten geplatzt … Aber warum musste es ausgerechnet Kalk sein? Selbst nach neun Jahren fühlte er sich auf der anderen Seite des Rheins einfach nicht zu Hause.

4

New York, 24. Juni

Er hatte Todesängste ausgestanden. Was war nur in ihn gefahren?

Er schenkte sich, noch etwas zittrig, einen Bourbon ein und fügte ein paar Eiswürfel hinzu. In Amerika musste man einfach Whiskey trinken. Er trat an das große, bis zum Fußboden reichende Fenster im Wohnzimmer seines Apartments im vierunddreißigsten Stock und sprang fast panisch wieder zurück.

Ob er wohl jemals wieder auf die wie Spielzeug wirkenden Autos auf der 42nd Street hinunterblicken könnte? Im Augenblick bezweifelte er das stark. Der Moment des Fallens war grauenvoll gewesen. Wie hatte er so etwas Bescheuertes nur tun können?

Er war ein cleverer Geschäftsmann, der zur rechten Zeit die richtige Idee gehabt hatte. Millionen hatte er mit seinem Consulting-Unternehmen gescheffelt und sie dann sehr geschickt investiert. Sein Vermögen vervielfältigte sich nun an der Börse ohne sein Zutun. Außerdem hatte er fähige Manager gefunden, die inzwischen seine weltweit operierende Firma ohne ihn leiteten. Er hatte mit seinen dreiundvierzig Jahren alles erreicht, was man erreichen konnte, und musste sich nicht mehr selbst um sein Unternehmen kümmern.

Nun könnte er eigentlich das Leben genießen … Doch was geschah? Er langweilte sich, und das bedrückte ihn. Er langweilte sich so sehr, dass er alles ausprobierte, um diese Tristesse aus seinem Leben zu vertreiben.

Er war zum Helikopter-Ski nach Kanada geflogen, aber die wenigen Stunden Spannung konnten die große Langeweile nicht vertreiben. Schnee war irgendwie auch nicht sein Ding. In Südfrankreich war er Speedboat-Rennen gefahren, aber das war in der Region schon nichts Besonderes mehr, weshalb es auch ihn schnell wieder langweilte. Er war ein intelligenter Mann. Es musste doch etwas zu finden sein, das ihn interessierte und seinem Leben eine gewisse Spannung verlieh?

Auf seiner Suche hatte er sich dann zu dieser mehr als dämlichen Aktion hinreißen lassen. Er schüttelte über seine eigene, grenzenlose Dummheit den Kopf. Es war ein Horrortrip gewesen. Gut, er musste zugeben, dass er seine Langeweile für ein paar Minuten vergessen hatte, aber die ganze Geschichte hatte dennoch ihren Zweck verfehlt. Er wollte wieder Spaß in seinem Leben haben – und nicht darum fürchten müssen.

Die Zeit des Fallens war ihm an jenem Morgen endlos erschienen. Als das Gummiseil ihn dann wieder in die Höhe katapultiert hatte, wusste er nicht, ob er sich übergeben oder in die Hose machen sollte. Es war zwar nichts dergleichen passiert, aber er hatte sich in seiner Panik unglaublich hilflos gefühlt. Und Hilflosigkeit war das Letzte, was er verspüren wollte.

Er seufzte und strich sich durch sein schon wieder viel zu langes blondes Haar. So konnte es einfach nicht weitergehen. Entweder langweilte er sich, oder er machte sich zum Affen. Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihm, dass Naomi gleich kam. Vielleicht würden ihn ein paar Stunden hemmungsloser Sex auf andere Gedanken bringen.

5

Köln, 18. Mai

Als Lisa ihr gemeinsames Büro betrat, war Lukas schon dabei, die Fotos der Leiche genauer in Augenschein zu nehmen. Er schien völlig in Gedanken versunken zu sein und erwiderte nicht einmal ihren kurzen Gruß. Sie nahm das jedoch nicht persönlich, sondern stellte nur ihre Handtasche auf dem Schreibtisch ab, bevor sie zu ihm hinüberging.

Erst jetzt nahm er sie zur Kenntnis und reichte ihr ungefragt einen Teil der Bilder. »Du hast vorhin am Fundort etwas Merkwürdiges gesagt«, erklärte er. »Dass dies die schönste Leiche ist, die wir jemals gefunden haben, steht außer Frage, aber du hast sie als ›regelrecht liebevoll hergerichtet‹ bezeichnet. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Sinn ergibt das.« Er legte die Fotos, die er noch in der Hand hielt, auf den Schreibtisch und sah seine Kollegin nachdenklich an. »Auch wenn ihr die Haut eingeritzt wurde, sieht das Bild nicht wie eine brutale Verstümmelung aus, sondern eher wie ein Liebesbeweis. Vielleicht war sie die Frau oder Freundin eines Mannes, der sie unglaublich geliebt hat und sie nach ihrem Tod einfach der Welt noch einmal in all ihrer Schönheit präsentieren wollte?«

Lisa runzelte die Stirn, während sie einen Moment über seine Worte nachdachte. »Nein!«

Sie sagte es sehr entschieden, und Lukas fand, dass sie ihm eine Erklärung schuldig war. Er schaute sie fragend an.

»Wenn du eine Frau abgöttisch liebst, würdest du dann ihren nackten Körper, inklusive rasierter Scham, mit aller Welt teilen wollen?«, fuhr Lisa fort. »Das Motiv, das du gerade erwähnt hast, würde nur dann möglicherweise zutreffen, wenn er sie dort in einem wunderschönen Kleid abgelegt hätte. Wäre das tatsächlich der Fall gewesen, hätte er sie vermutlich mit einer echten Rose oder vielleicht auch mit einem ganzen Strauß in den Händen aufgebahrt, ihr das Bild aber bestimmt nicht in den Körper geritzt.«

Lukas zögerte einen Augenblick, musste ihr dann aber widerwillig recht geben. »Peters und Reimann gehen die Vermisstenanzeigen durch«, fügte er hinzu. »Ein Bild unserer schönen Toten wird gerade an alle Polizeidienststellen im Großraum Köln geschickt. Und ab acht Uhr machen sich Hansen und Kleiber daran, die Bestattungsinstitute anzurufen, um festzustellen, ob vielleicht irgendwo eine Leiche abhandengekommen ist.«

Sie lächelte ihn an. »Der Begriff ›schöne Tote‹ scheint inzwischen fest in deinem Vokabular verankert zu sein.«

Mit seinem typisch schiefen Lächeln erwiderte er: »Du magst mich jetzt für verrückt erklären, aber eine so schöne Leiche nimmt dem Tod irgendwie ein bisschen von seiner Bedrohlichkeit, auch wenn es Schwachsinn ist.«

Lisa nickte. »Ähnliche Gedanken sind mir am Springbrunnen auch schon durch den Kopf gegangen.« Sie hielt einen Moment inne. »Mich stört allerdings die Rose. Ich kann mich einfach nicht entscheiden, ob ich sie faszinierend oder abstoßend finden soll.« Sie zuckte ratlos mit den Achseln.

Lukas verstand ihre zwiespältigen Gefühle. Ihm ging es nicht viel anders; die ganze Geschichte war in höchstem Maße mysteriös. »Wir können im Augenblick sowieso nicht viel tun, lass uns einfach ein bisschen brainstormen. Es handelt sich in jedem Fall um eine verrückte Geschichte, lassen wir also ein paar verrückte Gedanken zu.«

Das hatten sie schon häufiger getan. Seitdem sie vertraut miteinander umgingen, hatten sie sich bei einigen Fällen zusammengesetzt, ihren Gedanken freien Lauf gelassen und selbst die irrsinnigsten Vermutungen einfach von sich gegeben. Das half beim Nachdenken, und oft wurde einem erst dann klar, ob eine Überlegung sinnvoll war, wenn man sie laut aussprach.

»Vielleicht ist das Ganze ja irgendwie religiös motiviert?«, meinte Lisa.

Lukas sah seine Kollegin erstaunt an. »Ich dachte, ihr da oben im hohen Norden seid nicht so katholisch.«

Lisa zog eine Grimasse. »Na und, ich weiß auch viel über Mörder, ohne gleich selbst einer zu sein.« Sie kam ohne Umschweife zurück zu ihrer eigentlichen Idee. »Nein, ganz im Ernst – sie war hergerichtet wie eine Madonna. Die heilige Maria wird oft mit einer Rose dargestellt oder sogar damit verglichen. Dazu kommt, dass unsere Tote nicht einfach nur vor einer, sondern vor der bedeutendsten katholischen Kirche in Köln, vielleicht sogar in ganz Deutschland, niedergelegt wurde. Frag mal einen Ausländer nach einer deutschen Kirche. Neunzig Prozent würden wahrscheinlich zuerst den Kölner Dom erwähnen. Er ist weitaus bekannter – auch wenn ich es nur ungern zugebe – als der Hamburger Michel oder irgendein anderes Gotteshaus in Deutschland.«

Lukas wiegte seinen Kopf ein wenig zweifelnd hin und her. »Ich fürchte, jetzt muss ich dich mit deinen eigenen Waffen schlagen. Falls tatsächlich ein religiöser Zusammenhang vorliegen würde – warum ist sie dann nackt? Und warum wurde ihr keine echte Blume gegeben, sondern eine Rose in die Haut eingeritzt?«

Sie diskutierten noch eine Weile über verschiedene Erklärungsansätze. Plötzlich klingelte das Telefon, und Lukas nahm ab.

Es war Daniel van der Mühlen, der statt einer Begrüßung sogleich sagte: »Freu dich nicht zu früh, so schnell bin ich nicht.«

Lukas starrte verblüfft auf das Telefon. »Und warum rufst du mich dann an?«

»Weil ich ein netter Mensch und ein noch viel netterer Kollege bin.«

Lukas sah förmlich den Rechtsmediziner am anderen Ende der Leitung grinsen.

»Inzwischen bin ich mir sicher, dass unsere Leiche thanatopraktisch behandelt wurde«, fuhr van der Mühlen fort, dann zögerte er einen Moment. »Das wird dich jetzt nicht freuen … Aber ich werde mit der Autopsie erst beginnen, wenn ein Fachmann anwesend ist. Ich habe schon einen angefordert, und er wird in ungefähr einer Stunde hier aufkreuzen.«

Lukas stöhnte, wusste aber, dass er machtlos gegen diese Entscheidung war. »Na toll. Das heißt, erste Ergebnisse werden wir nicht vor heute Abend haben.«

»Reg dich wieder ab! Du wärst der Erste, der mir den Hals umdreht, wenn ich irgendwelche Spuren zerstören würde, die auf den Thanatopraktiker hinweisen, der sie behandelt hat. Ich bin da nun mal kein Fachmann. Normalerweise untersuche ich die Leichen, bevor sie zum Bestatter gebracht werden und nicht erst hinterher.«

»Ja, ja, schon gut. Trotzdem danke, dass du mir Bescheid gesagt hast.«

Er legte den Hörer auf und wollte gerade Lisa darüber berichten, was er erfahren hatte, als das Telefon erneut klingelte.

Es war Möller. »Hallo, Zweiglein.«

Lukas stöhnte. Warum konnte dieser Mensch ihn nicht einfach mit seinem Namen ansprechen? Er ging nicht weiter darauf ein, sondern fragte nur: »Was gibt’s?«, und ließ dabei seine Stimme möglichst barsch klingen, was ihm nicht sonderlich schwerfiel.

»Leider nicht viel bisher. Die blaue Decke ist im Labor und wird gerade untersucht. Ebenso die zur Hälfte gerauchte Zigarette. Die stammt vermutlich von dem Nachtportier des Hotels, aber wir untersuchen sie trotzdem. Es hat ein Weilchen gedauert, den Zuständigen zu finden, aber inzwischen haben wir es geschafft, den Springbrunnen abzustellen. Wir lassen jetzt das Wasser ab und sieben es durch. Viel Hoffnung, etwas Brauchbares zu finden, habe ich allerdings nicht.«

»Ihr macht was?« Lukas hatte sich abrupt aus seiner sonst eher lässigen Position am Schreibtisch aufgerichtet. »Wir wissen noch nicht einmal, ob es sich überhaupt um einen Mord handelt, und ihr durchsucht Millionen von Wassertropfen auf mögliche Spuren?«

Möller seufzte. »Tja, Zweiglein, da bist du nicht der Einzige, der sich wundert. Aber die Order kam von ganz oben. Ich melde mich, wenn es etwas Neues gibt. Ach ja, und bestell Grace Kelly schöne Grüße von mir.«

Lukas legte ohne ein weiteres Wort auf. Auch er konnte bei Lisa eine entfernte Ähnlichkeit mit der vor langer Zeit gestorbenen Schauspielerin feststellen, aber er wäre nie auf die Idee gekommen, seiner Kollegin gleich diesen Spitznamen anzuhängen. Typisch Möller.

Nachdem Lukas kurz berichtet hatte, was ihm gerade mitgeteilt worden war, fragte er Lisa: »Hast du mit irgendwem über die Tote gesprochen, als du auf dem Weg hierher warst?«

Sie schüttelte den Kopf.

Irgendetwas Merkwürdiges ging hier vor, dachte Lukas und blickte auf die Uhr. Kurz nach acht. »Lass uns zu Baumgartner gehen, vielleicht weiß der ja, was hier los ist.«

Josef Baumgartner, genannt Jupp, war der Leiter des Morddezernats im Präsidium. Er war knapp über sechzig und wartete eigentlich nur noch auf seine Pensionierung. Seinen Mitarbeitern ließ er freie Hand, wenn er davon überzeugt war, dass sie gute Arbeit leisteten. Und oft hielt er ihnen den Rücken frei, wenn sich die Herren aus der Chefetage einmischten. Baumgartner besaß eine mittlere Statur und trug eine kleine »Wohlstandskugel« vor sich her, wirklich dick war er jedoch nicht. Von seinem einst vollen Haar war nicht mehr viel übrig; es zog sich nur noch ein schmaler, silbergrauer Kranz von einem Ohr zum anderen. Er hatte ein freundliches Gesicht, und die vielen Fältchen um seine blassblauen Augen verrieten, dass er gerne lachte.

Im Moment lachte er jedoch nicht, sondern blickte ernst, fast ein wenig wütend, während er einer Stimme aus dem Hörer lauschte. Als Lisa Voigt und Lukas Rosenzweig wieder gehen wollten, nachdem sie bemerkt hatten, dass er telefonierte, winkte er sie zu sich.

»Ja, wir kümmern uns doch immer um alles!«, blaffte er, bevor er den Hörer auf die Gabel knallte. »Was ist hier eigentlich los?«

Lukas und Lisa sahen sich an, bevor sie entgegnete: »Ehrlich gesagt hatten wir gehofft, dass du uns das erklären könntest.«

Baumgartner lehnte sich zurück. »Also, was ist das für eine Geschichte mit dieser merkwürdigen Leiche, die ihr da heute Morgen gefunden habt?«

Sie berichteten ihm die Details und erläuterten, was sie bisher in die Wege geleitet hatten. Auch die beiden Anrufe aus der Rechtsmedizin und der Spurensicherung ließen sie nicht aus. »Das Telefonat mit Möller war der eigentliche Grund, warum wir zu dir gekommen sind«, schloss Lukas und beugte sich vor. »Wer da oben hat denn eigentlich Anweisungen gegeben, alles genau zu untersuchen, obwohl wir noch nicht einmal dazu gekommen sind, von diesem Fall zu berichten?«

Baumgartner lachte verbittert auf. »Na, wer wohl?«

Lukas zog die Augenbrauen in die Höhe. »Schneider?«

Sein Chef nickte bloß.

Daraufhin ließ sich Lukas mit einem Stöhnen gegen die Lehne seines Stuhls sinken. »Das hat uns gerade noch gefehlt.«

Lukas konnte den Kriminaldirektor Friedhelm B. Schneider partout nicht ausstehen. Der Mann sah gut aus, hatte immer ein gekonntes Lächeln für die Presse parat und liebte, ähnlich wie Lisa, die schönen Dinge des Lebens. Allerdings tat er dies aus anderen Gründen als sie, und natürlich spielte er dabei in einer völlig anderen Liga. Er hatte reich geheiratet, und die Familie seiner Frau besaß hohes Ansehen in Köln. Ihre Mitglieder waren in allen wichtigen Institutionen vertreten, inklusive diverser Karnevalsvereine der Stadt – der berühmte Kölsche Klüngel. Zu den schönen Dingen, mit denen Schneider sich umgab, gehörten neben seiner hübschen, deutlich jüngeren Frau mehrere Sportwagen, ein kleines Speedboat sowie eine nicht ganz so kleine Motorjacht, die am Rheinufer vertäut lag. Lukas hielt Schneider für einen durch und durch arroganten Blender, der von der eigentlichen Polizeiarbeit keine Ahnung hatte. Verirrte der Mann sich aus Versehen doch einmal ins Präsidium, lobte er in erster Linie die Beamten, denen er ansonsten bei der Arbeit nur zusah. Tätigkeiten, wie beispielsweise telefonische Recherchen durchzuführen oder gar eine Akte zum hundertsten Mal zu lesen, weil man glaubte, vielleicht etwas übersehen zu haben, lagen ihm vollkommen fern. Normalerweise ließ er seine Mitarbeiter in Ruhe arbeiten; er mischte sich nur dann ein, wenn politische Aspekte eine Rolle spielten oder das Ansehen der Stadt in Gefahr war.

Baumgartner riss Lukas aus seinen Gedanken. »Schneider hat mich heute Morgen um halb sieben zu Hause angerufen, nachdem ihn der Oberbürgermeister höchstpersönlich aus dem Bett geklingelt hatte. Der wiederum war vom Direktor des Hotels Agrippina geweckt worden und erhielt kurz danach noch einen Anruf vom Generalsekretär des Kardinals, der bekanntlich gleichzeitig der Erzbischof von Köln ist. Der Dompropst muss ihn wohl unmittelbar nach dem Fund informiert haben.« Er sah seine Mitarbeiter an. »Muss ich noch weiterreden?«

Sie schüttelten beide den Kopf. Auch Lisa hatte nach ihrer Ankunft in Köln recht schnell begriffen, wie heikel der Umgang mit den führenden Köpfen des Kölschen Klüngels war.

»Der Kardinal, das Hotel und der Oberbürgermeister fordern eine möglichst schnelle Aufklärung des Falls unter höchstmöglicher Diskretion«, betonte Baumgartner.

Lisa schüttelte den Kopf. »Wir wissen doch bisher noch nicht einmal, ob es sich überhaupt um einen Mord handelt.«

Baumgartner zuckte nur mit den Achseln. »Eine Leiche vor dem Dom wird in Köln nicht gern gesehen, ob sie nun ermordet wurde oder nicht.« Er rieb sich müde die Augen. »Wir werden wohl eine Mordkommission bilden müssen, auch wenn der Fall das im Moment noch gar nicht verdient. Ich werde versuchen, das so lange wie möglich hinauszuzögern. Seht zu, dass ihr so schnell wie möglich etwas herausfindet. Vielleicht können wir uns dann die Kommission ersparen.«

6

London, 16. Juli

Er musste bei einem geschäftlichen Termin zwingend anwesend sein und bei dem anschließenden Dinner zumindest kurz in Erscheinung treten. London mochte er nicht. Die Engländer waren ihm entweder zu steif oder zu durchgedreht. Ein gesundes Mittelmaß schien es hier einfach nicht zu geben. Er wohnte im Hotel Riz, da er in einer Stadt, die er so selten wie nur möglich aufsuchte, logischerweise auch keine eigene Wohnung unterhielt.

Der Geschäftsabschluss war reibungslos über die Bühne gegangen, und nun saßen sie beim zweiten Gang. Er sah gelangweilt zu, wie beflissene Sommeliers ununterbrochen von dem teuren Wein nachschenkten. In England war es ihm sogar egal, was er trank. Er beschloss, dass er den Hauptgang wohl noch über sich ergehen lassen musste, zum Dessert wollte er dann die Flucht ergreifen.

Wenigstens handelte es sich um ein internationales Unternehmen, mit dem er heute einen Vertrag abgeschlossen hatte, sodass er nicht nur mit Engländern am Tisch saß, sondern auch mit Franzosen, Italienern, Deutschen und Amerikanern. Er war so in seine eigenen Gedanken versunken, dass er nicht mitbekam, wie sich die Gespräche immer mehr privaten Themen zuwandten. Dies war nicht weiter verwunderlich, zumal die ausländischen Gäste am nächsten Morgen noch ein paar Sehenswürdigkeiten besuchen wollten, bevor sie am Nachmittag zurückfliegen würden.

Als das Hauptgericht endlich serviert wurde, irgendein Fisch, von dem er noch nie gehört hatte, kam jemand auf Jack the Ripper zu sprechen. Seltsamerweise interessierte ihn dieses Gesprächsthema, und er hörte nun den anderen aufmerksam zu.

Die Engländer sprachen beinahe ehrfürchtig über den berühmten Serienmörder, weil er nie gefasst worden war. Es klang fast so, als würden sie von einem Nationalhelden reden. Einer der Amerikaner hatte wohl zu viel CSI im Fernsehen gesehen, denn er war der Meinung, dass mit moderner Forensik heutzutage jeder Serienmörder irgendwann überführt werden könnte. Ein Franzose teilte diese Ansicht, wenn auch weniger aus kriminaltechnischen, sondern mehr aus psychologischen Gründen. Er glaubte, dass ein Triebtäter nicht aufhören konnte zu töten, weil er einen inneren Zwang verspürte, und wer morden musste, würde unweigerlich irgendwann einen Fehler begehen.

Die Italiener schwiegen und widmeten sich lieber dem Fisch.

7

Köln, 18. Mai

Es war kurz nach vier am Nachmittag, als van der Mühlen endlich anrief. »Könnt ihr herkommen?«

Lukas verdrehte die Augen. »Dir ist klar, dass wir dazu einmal quer durch die Stadt fahren müssen und dein Timing noch dazu hervorragend zum Berufsverkehr passt. Kannst du mir nicht einfach am Telefon sagen, was los ist?« Es war ein langer Tag gewesen, der mitten in der Nacht begonnen hatte. Lukas war müde und gereizt.

Der Rechtsmediziner zögerte kurz, ließ aber nicht locker. »Gut, ich formuliere meine Frage anders: Könnt ihr herkommen, wenn ich dir jetzt sage, dass es höchstwahrscheinlich doch Mord war?«

Lukas war plötzlich wieder hellwach. »Höchstwahrscheinlich, sagst du. Wie ist sie getötet worden?« Auch Lisa horchte bei diesen Worten auf, und er stellte sein Telefon auf Lautsprecher, damit sie mithören konnte.

»Sie wurde vergiftet«, antwortete van der Mühlen. »Allerdings kann ich noch nicht genau sagen, mit welchem Gift. Es ist dem des Kugelfischs sehr ähnlich, aber nicht hundertprozentig identisch. Wir arbeiten noch daran. Trotzdem würde ich euch ein paar Dinge lieber hier zeigen und erklären, als nur am Telefon darüber zu reden. Also, was ist? Kommt ihr noch her, oder wollt ihr das auf morgen früh verschieben?«

Nach einem kurzen Blickaustausch mit Lisa, die ihm zunickte, erwiderte Lukas: »Nein, wir kommen lieber jetzt noch vorbei. Du hast ja keine Ahnung, wie brisant dieser Fall inzwischen geworden ist.«

Wieder einmal sahen sie den Rechtsmediziner förmlich durch den Äther grinsen, als er dazu bemerkte: »Mhh, ich hab da so was läuten hören …«

Sie brachten Baumgartner kurz auf den neuesten Stand, bevor sie sich wieder einmal getrennt auf den Weg machten, weil sie beide nach dem Treffen im rechtsmedizinischen Institut direkt nach Hause fahren wollten.

Für Lisa wurde es eine regelrechte Rundreise. Als Hamburgerin war es ihr damals ziemlich egal gewesen, auf welcher Seite des Rheins sie eine Wohnung suchen sollte. Sie kannte sich in Köln überhaupt nicht aus, und nach einem Blick auf den Stadtplan hatte sie sich spontan für Deutz entschieden. Von dort gelangte sie schnell ins Zentrum und war außerdem nicht allzu weit vom Präsidium entfernt. Sie hatte schließlich eine schöne Wohnung gefunden, die ihren Vorstellungen entsprach. Und noch viel besser war, dass die Deutzer Freiheit, eine Einkaufsstraße mit zahlreichen Boutiquen, direkt um die Ecke lag – falls ihre Zeit einmal nicht ausreichen sollte, um in die Stadt zu fahren.

Jetzt würde sie gleich zweimal den Rhein überqueren müssen: zuerst, um zum rechtsmedizinischen Institut am Melatengürtel zu gelangen, und anschließend noch einmal auf dem Weg nach Hause. Sie seufzte. Manchmal ging ihr Lukas mit seinem »linke versus rechte Seite«-Wahn echt auf die Nerven. Wenn sie allerdings genauer darüber nachdachte, musste sie fairerweise einräumen, dass es in Hamburg letztendlich auch nur eine richtige Seite der Elbe gab und sie niemals am anderen Ufer hätte leben wollen. Wenn Lukas sie jetzt damit aufzog, dass sie auf der Schäl Sick wohnte, antwortete sie immer nur gelassen, dass sie in Deutz einen weitaus spektakuläreren Blick auf den Dom und die Altstadt von Köln hatte als er in der Südstadt.

Lukas Rosenzweig. Er hatte es ihr am Anfang weiß Gott nicht leicht gemacht. Sie war kurz davor gewesen, sich bei Baumgartner zu beschweren, als sie sich in letzter Sekunde besonnen und ihre Probleme doch lieber selber in die Hand genommen hatte. Im Nachhinein war sie heilfroh darüber. Es war, als wäre durch ihr Gespräch damals ein Knoten geplatzt. Sie hatten seinerzeit gelernt, sich einander zu respektieren, und waren danach schnell zu einem gut eingespielten Team geworden.

Inzwischen mochte sie ihn sogar. Ja, sie mochte Lukas wirklich, aber sie wurde einfach nicht schlau aus ihm. Er redete nie über sein Privatleben. Einige Kollegen behaupteten, er hätte für so etwas keine freie Zeit. Sein Dasein bestünde einfach nur aus Arbeit, Sport und seiner Ducati. Lisa konnte das nicht so recht glauben. Manche bezeichneten seinen Augenausdruck als »uralt«; sie jedoch deutete dies als Zeichen einer seelisch tief verankerten Traurigkeit. Was dahintersteckte, wusste sie allerdings nicht.

Sie parkte schließlich ihren alten Alfa direkt neben dem noch älteren Motorrad ihres Kollegen. Wie jedes Mal, wenn sie hier war, musste sie darüber lächeln, dass das rechtsmedizinische Institut an den ältesten und bekanntesten Friedhof in ganz Köln grenzte. Wie praktisch, dachte sie sarkastisch, während sie die paar Stufen hinaufging und sich innerlich für eine erneute Leichenschau wappnete.

Lukas und van der Mühlen hatten in dessen Büro auf Lisa gewartet. Als sie eintrat, standen beide sofort auf, und nur Sekunden später streiften sich alle drei auf dem Weg in den Sektionsraum Kittel und Handschuhe über.

Dort hatte Anette Römer, van der Mühlens Assistentin, die Leiche schon aus dem Kühlfach geholt und rollte sie gerade auf einen Stahltisch, der unter der großen Lampe in der Mitte des Raums stand. Römer war mittelgroß, rothaarig und trug meistens ein sympathisches Lächeln in ihrem sommersprossigen Gesicht. In der Regel hielt sie sich still im Hintergrund; jetzt grüßte sie allerdings freundlich, als sie die beiden Kommissare eintreten sah und sie erkannte.

Bevor der Rechtsmediziner das grüne Tuch, mit dem das Opfer bedeckt war, zurückschlug, blickte er seine beiden Besucher eindringlich an. »Erinnert mich daran, dass ich euch nachher die Visitenkarte von dem Thanatopraktiker gebe, der heute hier war, um mir bei der Obduktion zu helfen. Ich habe viel von ihm gelernt, und ich denke, dass er einige Fragen, die ihr sicherlich stellen werdet, besser beantworten kann als ich.«

Er zog das Tuch erst einmal bis zum Brustansatz zurück. Die Hautfarbe der Toten sah nicht mehr ganz so lebendig aus wie am Morgen, da man ihr inzwischen das komplette Make-up abgewaschen hatte; aber sie war immer noch auf eine natürliche Weise schön und lange nicht so blass und grau wie andere Leichen. Nur ihre Augen sahen merkwürdig aus – irgendwie eingefallen –, und das Lächeln war verschwunden.

Van der Mühlen deutete auf eine Stelle an der rechten Seite ihres Halses. Lisa und ihr Kollege sahen, dass dort die Halsschlagader und die Hauptvene durchtrennt worden waren.

»An der Fundstelle sind mir diese Schnitte nicht aufgefallen«, führte van der Mühlen aus. »Sie waren mit einem speziellen, in Bestattungsunternehmen gebräuchlichen Klebstoff verschlossen und mit Make-up übertüncht. Wir haben sie erst entdeckt, als Dr. Maurer, der Thanatopraktiker, uns sagte, wo wir suchen sollten. Ich vereinfache das jetzt ein bisschen, wie der Austausch der Körperflüssigkeiten abläuft. Aber im Prinzip wird an die Arteria carotis, also die Halsschlagader, ein Schlauch angeschlossen und dann auch an die Jugularvene, besser bekannt als Drosselvene; und anschließend pumpt man unter Druck das Formaldehyd in und gleichzeitig das Blut aus dem Körper. Dabei werden bis zu drei Bar angewandt.« Er warf den beiden einen Blick über die Schulter zu. »Nur als Vergleich: Ein Autoreifen wird mit knapp zwei bis … na ja, je nach Modell … maximal zweieinhalb Bar befüllt. Wenn so ein Reifen platzt, steckt schon ordentlich Kraft dahinter. Mit noch etwas höherem Druck wird also die Flüssigkeit im Körper ausgetauscht.«

Lukas fühlte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. So falsch hatte er mit seinem Gedanken an einen Vampir heute Morgen gar nicht gelegen. Nur dass die wohl inzwischen auch mit der Zeit gingen und zu technischen Hilfsmitteln griffen. »Warum ist ihre Hautfarbe so natürlich, wenn kein Tropfen Blut mehr in ihrem Körper ist?«

Der Rechtsmediziner deutete auf ein Reagenzglas, das auf einem der Labortische stand. Es sah aus wie eine Blutprobe. »Er hat das Formaldehyd eingefärbt; so hat es den gleichen Effekt wie Blut.« Van der Mühlen drehte sich zu ihnen herum und sah sie an. »Ihr müsst euch das so vorstellen: Durch den Druck wird die Einbalsamierungsflüssigkeit bis in die kleinsten Kapillaren gepumpt. Normalerweise massiert ein Thanatopraktiker den Körper dabei, besonders die eher schlecht durchbluteten Teile. Dabei kann natürlich viel schiefgehen, gerade bei älteren Menschen, die leichter zu verstopften oder sogar verschlossenen Blutgefäßen neigen. Bei einem so jungen Menschen wie unserer schönen Toten dürfte das alles reibungslos abgelaufen sein.« Er wandte sich wieder der Leiche zu und zog das Tuch nun bis zur Hüfte hinab.

Lukas, der schon unzähligen Obduktionen beigewohnt hatte, war verwirrt über den Anblick, der sich ihm bot. Den aus dem Fernsehen bekannten Y-Schnitt, der in den USA tatsächlich angewandt wurde, in Deutschland jedoch nicht, hatte er aufgrund seiner Erfahrungen nicht erwartet; und so erstaunte es ihn auch nicht, dass die Brust des Opfers unversehrt war, abgesehen von der Rose natürlich. Außerdem fehlte der obligatorische I-Schnitt, ein langer gerader Schnitt vom Kinn bis zum Schambein, und der Bauch war eingefallen. Was ihn allerdings verblüffte, waren die langen Schnitte, die unter den Achseln begannen und an den Körperseiten entlang bis zu den Hüften reichten.

Lisa schien ebenso erstaunt, wie ihr Blick verriet.

Van der Mühlen, der die Verwirrung seiner beiden Besucher bemerkte, zuckte nur entschuldigend mit den Achseln. »Ich konnte sie nicht auf normalem Weg obduzieren, weil ich auf gar keinen Fall das eingeritzte Bild zerstören wollte.« Er zeigte auf den am Bauchnabel beginnenden Stiel. »Wer auch immer das getan hat – er hat sehr präzise und sehr fein gearbeitet. Die Schnitte sind nicht einmal einen Millimeter tief.« Dann deutete er auf einen etwas höher gelegenen Schnitt, der den Ansatz eines Blattes bildete und sich irgendwie von den anderen unterschied. »Hier wurde eine Saugpumpe eingeführt. Die Einstichstelle wurde ebenso wie die Adern am Hals verklebt, dann allerdings nicht mit Make-up überdeckt, sondern einfach in die Zeichnung integriert.« Der Rechtsmediziner trat einen Schritt zurück, nahm seine Brille ab und putzte sie mit einem Papiertuch.

Lisa und Lukas sahen sich kurz an. Jetzt kam anscheinend der komplizierte Teil der Ausführungen.

»Mit dieser Pumpe werden Luft, Gase, Mageninhalt, Urin et cetera abgesaugt. Das ist normale Praxis. Nicht so normal ist die Tatsache, dass man diese Prozedur anscheinend mehrfach wiederholt hat und einige Organe daher nicht nur einmal, sondern mehrmals perforiert wurden. Laut Dr. Maurer gibt es dafür nur zwei Erklärungen: Der Thanatopraktiker hat sich entweder ziemlich ungeschickt angestellt, oder er wollte besonders gründlich sein.« Van der Mühlen ließ seine Worte einen Moment lang wirken, bevor er weitersprach. »Nach dem Absaugen wird auch der Körper mit Formaldehyd gefüllt und danach, wie eben erklärt, verschlossen.« Kurz drehte er sich erneut zu den Kriminalbeamten um. »Fakt ist also, dass wir weder Blut noch Mageninhalt haben, sondern nur geringe Mengen hochgradig verdünnter anderer Körperflüssigkeiten.« Er deckte die Leiche wieder zu und ging zurück zu ihrem Kopf. »Ebenfalls ungewöhnlich ist, dass er ihr die Augen entfernt und durch Plastikkugeln mit einer rauen Oberfläche ersetzt hat, damit die Lider geschlossen bleiben. Laut Dr. Maurer werden normalerweise nur leicht gebogene Augenkappen mit ebenfalls rauer Oberfläche eingesetzt, ohne die Augen selbst zu entfernen. In unserem Fall bedeutet dies, dass wir auch keine Augapfelflüssigkeit haben, in der für gewöhnlich manches nachgewiesen werden kann.« Er machte eine weitere bedeutungsschwangere Pause. »Der letzte Punkt, der uns stutzig machte, ist ihre Körperbehaarung. In einem Bestattungsinstitut werden Männer rasiert, und auch bei Frauen entfernt man – falls vorhanden – die leichte Gesichtsbehaarung. Der Körper bleibt unangetastet, da die Leichen in der Regel bekleidet aufgebahrt werden. Unsere schöne Tote wurde jedoch am ganzen Körper epiliert.«

Lisa zuckte unweigerlich zusammen, was dem Rechtsmediziner nicht entging.

Er nickte ihr verständnisvoll zu. »Genau. Für viele Frauen ist es normal, sich mit einem elektrischen Gerät oder mit Wachs die Beine und sogar die Achseln zu epilieren. Doch nur wenige Frauen würden das im kompletten Schambereich tun, da es ungeheuer schmerzhaft wäre. Also vermuten wir, dass die Haare, an dieser Stelle zumindest, post mortem entfernt wurden. Das spricht nicht gerade für einen staatlich anerkannten Bestatter.« Er deckte die Leiche wieder komplett zu. »Bei einer thanatopraktischen Behandlung wird der Körper auch äußerlich gewaschen und desinfiziert, inklusive Maniküre – und in unserem Fall sogar einschließlich einer Pediküre. Alle Körperöffnungen werden mit Desinfektionsmitteln besprüht oder gespült und danach mit Watte oder Wachs verschlossen. Wir haben es also mit einer absolut sterilen Leiche zu tun.«

»Wie habt ihr das mit dem Gift denn herausgefunden?«, wollte Lukas wissen. Er versuchte, irgendwie die Fäden wieder zusammenzuknüpfen.

»Wir haben ihre Haut, ihr Haar, das Rückenmark und das Gehirn. Dort haben wir sowohl das Gift als auch ein gängiges Betäubungsmittel nachweisen können.«

Lisa hatte sich inzwischen von der Vorstellung erholt, im Schambereich epiliert zu werden. »Ist sie vergewaltigt oder sonst irgendwie misshandelt worden?«

Van der Mühlen schüttelte den Kopf. »Nein, sie scheint zwar sexuell aktiv gewesen zu sein, aber es sind keinerlei Anzeichen von Gewalt zu erkennen.« Er zog die Handschuhe aus und band den Kittel auf. »Lasst uns in mein Büro gehen, da können wir besser reden.«

Lisa schritt am Kopfende um die Leiche herum und stutzte plötzlich. Sie beugte sich vor und ergriff eine der langen dunklen Haarsträhnen, um sie sich unter die Nase zu halten. Den Bruchteil einer Sekunde später ließ sie sie fallen und sprang einen Schritt zurück. Die Augen weit aufgerissen, wurde sie zusehends blasser. Van der Mühlen machte einen Schritt auf sie zu, weil er befürchtete, dass sie kollabieren könnte.

Aber sie winkte nur ab, als er nach ihrem Arm greifen wollte. »Tut mir leid, aber das ist einfach so unheimlich. Sie trägt mein Parfum. Rêve de la rose

8

Taj Exotica, 12. August

Er hatte vor einigen Jahren einen Tauchschein auf den Philippinen gemacht, war aber relativ enttäuscht gewesen, weil er dort nur kleine Fische zu Gesicht bekommen hatte. Nach seinem missglückten Bungee-Jump hatte er sich allerdings wieder daran erinnert, wie angenehm er es damals gefunden hatte, quasi schwerelos über die Riffe hinwegzugleiten. Als eine Art Ausgleich zu seinem Fall-Trauma hatte er daher beschlossen, ein wenig zu schweben, und zwar auf den Malediven.

Leider hatte ihm vorher keiner gesagt, dass es im Wasser rund um die Inseln mit dem Schweben nicht so weit her war, da man hier ständig mit starken Strömungen zu kämpfen hatte. In den ersten Tagen hatte ihn das frustriert, doch inzwischen hatte er sich daran gewöhnt und genoss es nun, mit dem Anblick vieler großer Fische entschädigt zu werden. Er hatte Mantas mit einer Spannweite von bis zu fünf Metern gesehen. Und es gab große Schulen von nicht ganz so großen grauen Riffhaien. Adlerrochen, die wie im Formationsflug an ihm vorbeizogen … und … und … und …

Er hatte tatsächlich etwas gefunden, das ihm Spaß machte. Das Problem war nur, dass er hier maximal drei, oft auch nur zwei Tauchgänge am Tag machen konnte. Das bedeutete zwei bis drei Stunden Genuss und einundzwanzig bis zweiundzwanzig Stunden gähnende Langeweile. Die Malediven waren zwar sehr hübsch anzusehen, aber ansonsten einfach nur öde. Die turtelnden Pärchen, die er im Restaurant oder am Strand traf, waren unerträglich, und so verkroch er sich die meiste Zeit in seiner Suite.

Jetzt saß er an der Bar auf seiner Luxusinsel im Süd-Malé-Atoll und hatte keine Ahnung, was er bestellen sollte. Es wurde zwar Alkohol ausgeschenkt, aber da die Malediven ein moslemisches Land waren, gab es hier nicht einen einzigen einheimischen alkoholischen Drink.

Und Prostituierte gab es auch nicht.

9

Köln, 19. Mai

Lukas Rosenzweig war völlig gerädert, als er am nächsten Morgen im Präsidium erschien. Man sollte meinen, dass brutal zugerichtete Leichen ihn eher um seinen Schlaf brächten, aber der Fall der schönen Toten hatte ihn fast die ganze Nacht wach gehalten.

Lisa war schon da, wie üblich perfekt gestylt. Sie trug ein hellgraues Kostüm mit kurzem Rock, hatte die Haare zu einem straffen Knoten zurückgebunden und erinnerte ihn mit ihrem dezenten, aber wirkungsvollen Make-up mehr denn je an die junge Grace Kelly. Nahezu jeder schätzte sie auf Ende zwanzig, obschon sie Mitte dreißig war. Ein Blick unter ihren Schreibtisch bestätigte, was er sowieso schon vermutet hatte: Ihre Absätze waren etwa zehn Zentimeter hoch.

Sie legte gerade den Hörer auf und sah zu ihm hinüber. »Die kriminaltechnische Untersuchung hat ergeben, dass die Decke handgewebt ist und zu hundert Prozent aus Seide besteht«, berichtete sie ihm. »Die Kollegen von der KTU haben bereits herausgefunden, dass die Seide aus Südostasien stammt, prüfen aber zurzeit noch, wo diese Art der Webtechnik angewendet wird. Allerdings rätseln sie über die Herkunft des Farbstoffs sowie des Füllmaterials. Die Vermisstenanzeigen haben bisher nichts ergeben, obwohl im gesamten Bundesgebiet gesucht wird; das Foto ist inzwischen an alle Dienststellen in Deutschland geschickt worden. Hansen und Kleiber sind mit den Kölner Bestattungsunternehmen durch, aber alle Leichen sind dort, wo sie hingehören. Sie überprüfen jetzt die Beerdigungsinstitute in ganz Nordrhein-Westfalen, werden das aber kaum ohne Unterstützung schaffen. Die Rechtsmedizin hat die Fingerabdrücke des Opfers schon gestern Abend geschickt, aber der Abgleich läuft noch. Baumgartner war eben auch schon hier. Seit bekannt ist, dass es wohl doch um Mord geht, hat er keinen Grund mehr, die Bildung einer Mordkommission hinauszuzögern. Um zehn Uhr haben wir ein Meeting, da werden wir wohl mehr erfahren.« Plötzlich blickte sie ihn prüfend an. »Was ist los? Du siehst nicht gut aus.«

Er zögerte und strich sich fahrig durch die Haare. »Ich weiß auch nicht. Der Fall nimmt mich mehr mit, als ich dachte. Vielleicht kommt es daher, dass sie einfach so schön und so unschuldig aussieht.«

Sie seufzte. »Ich verstehe, was du meinst, aber das bringt uns auch nicht weiter. Schneider sitzt Baumgartner im Nacken und der jetzt uns.« Sie hielt einen Moment inne. »Weißt du, bei allem, was wir gestern ermittelt haben, haben wir eine Sache vollständig außer Acht gelassen: Wie hat der Täter es eigentlich ungesehen geschafft, die Leiche direkt auf dem Springbrunnen abzulegen? Auch wenn es nachts auf dem Dom- und dem Roncalliplatz ruhiger wird, ist die Gegend doch nie richtig menschenleer. Der Hauptbahnhof ist direkt gegenüber, und dort fahren Tag und Nacht Züge. Soweit ich weiß, übernachten in der Regel auch mehrere Obdachlose vor den Toren des Doms. Irgendwer muss etwas gesehen haben.«

»Scheiße!« Lukas schlug sich mit der Hand an die Stirn. »Das hätte ich fast vergessen. Reimann hat mir gestern gesagt, dass die Uniformierten auf ihrer Suche nach möglichen Zeugen einen volltrunkenen Penner in die Ausnüchterungszelle gesteckt haben. Der sollte inzwischen wieder so weit klar sein, dass wir ihn vernehmen können.« Er griff zum Telefon und rief die zuständigen Beamten an. Nach einem kurzen Gespräch wandte er sich wieder seiner Partnerin zu. »Ich kenne den Mann; er heißt Freddy. Er wird in zwanzig Minuten im Verhörraum eins sein.«

Lisa sah ihn in perfekter Hollywood-Manier an – mit nur einer hochgezogenen Augenbraue. »Hast du mir vielleicht sonst noch etwas zu sagen?«

Es war unmöglich, Freddys Alter zu schätzen. Die ungefähr eine Million Runzeln standen im krassen Gegensatz zu seinen flinken grünen Augen, die allerdings durch den Alkoholmissbrauch etwas trüb erschienen. Er war nicht besonders groß und eher mager als schlank.

Lisa und ihre Kollege setzten sich ihm gegenüber an den Tisch.

Seine Stimme klang heiser, als er kurz und bündig fragte: »Zigarette?«

Da sich niemand im Raum rührte, zog Lisa schließlich ein flaches, silbernes Etui aus ihrer Handtasche. Sie öffnete es und bot dem Obdachlosen eine so dünne Zigarette an, wie Lukas sie noch nie gesehen hatte. Dankbar nahm Freddy die Frauenzigarette entgegen.

Lukas war verblüfft. Er wäre niemals auf den Gedanken gekommen, dass Lisa rauchte.

Bevor er eine Bemerkung dazu äußerte, holte sie ein zierliches, ebenfalls silbernes Feuerzeug aus der Tasche, gab dem Obdachlosen Feuer und sagte dabei entschuldigend: »Ich gewöhne es mir ab. Ständig und immer wieder.« Sie hob resignierend die Schultern. »Zumindest habe ich es geschafft, nur noch dann zu rauchen, wenn ich allein bin.«

Die feminine Zigarette mit perlmuttfarbenem Filter sah in den groben Händen mit den schmutzigen Fingernägeln einfach nur lächerlich aus, aber Freddy sog mit einem freundlichen Seitenblick auf Lisa daran.

Rauchen war im Präsidium streng verboten. Aber Lisa hatte sogleich erkannt, dass der arme Kerl genug mit seinem Alkoholentzug zu tun hatte. Und manche Regeln durfte man auch bei der Polizei ab und an beugen, wenn dies einem wichtigeren Zweck diente.

Freddy war ein der Polizei bekannter Obdachloser, der seine Stammplätze am und um den Dom herum hatte. Er galt als harmlos und freundlich, und manche der Streifenpolizisten steckten ihm hin und wieder ein Päckchen Zigaretten zu. Lukas war ihm bei seinen Ermittlungsarbeiten schon einige Male begegnet.

»Freddy, lang nicht mehr gesehen, was? Wie geht’s dir denn so?«, fragte er kumpelhaft.

Der Obdachlose zuckte mit den Achseln, während er konzentriert Rauchringe in die Luft blies. »Et kütt, wie et kütt.«

Lukas musste lachen. »Da hast du wohl recht. Sag mal, Freddy, wo warst du denn in der vorletzten Nacht – also von Montag auf Dienstag?«

Die grünen Augen blitzten spitzbübisch. »War das nicht die Nacht, in der ich frühmorgens so freundlich ins ›L’Hôtel de la Police‹ gebeten wurde?«

»Ja, genau die Nacht meine ich.«

Freddy konnte noch so besoffen sein, irgendwie bekam er immer alles mit und hatte der Polizei in der Vergangenheit wiederholt wertvolle Hinweise geben können. Er war auch intelligenter, als es auf den ersten Blick erschien. Lukas hatte gehört, Freddy wäre vor seinem Absturz Arzt gewesen. Er hatte nicht in Erfahrung gebracht, ob das stimmte, aber er wusste definitiv, dass man den Mann nicht unterschätzen durfte.

»Mhh, lass mich überlegen. Wir waren vorm Bahnhof. Der dicke Hannes hatte ’nen echt guten Tag und hat ’ne Runde Apfelkorn ausgegeben. Wir haben einfach nur geredet. Über die armen Viecher, die in Amerika im Öl auf dem Meer krepieren. Ellie hat fast geweint. Sie mag die Pelikane so gerne.«

»Ihr habt euch über die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko unterhalten?«, rief Lisa verwundert aus.

Sie hatte ihr Etui offen auf den Tisch gelegt, und Freddy zog eine weitere Zigarette heraus. Diese Glimmstängel für Frauen waren einfach zu dünn, als dass ein Mann von einer »satt« wurde, dachte er im Stillen.

»Mhh, ich les den anderen immer aus der Zeitung vor.« Er hatte deutlich Mühe mit dem zierlichen Feuerzeug, aber beim vierten Versuch gelang es ihm endlich, das dünne Stäbchen anzuzünden. »Deshalb bin ich auch so gern am Bahnhof. Da findet man immer ein paar aktuelle Zeitungen im Müll.«

Lukas konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, wurde dann aber schnell wieder ernst. »Du warst aber nicht die ganze Nacht am Bahnhof, oder?«

»Nee, es war nicht so sicher, ob es nicht doch regnen würde. Also bin ich mit Ellie irgendwann los, und wir haben uns unter den Durchgang vom Museum gelegt.«

»Vom Römisch-Germanischen Museum?«

»Ja, wo denn sonst?«

Lukas seufzte. Er merkte, dass es nicht einfach sein würde, etwas aus Freddy herauszubekommen. »Weißt du noch, wann das war?«

»Keine Ahnung. Das Glockenspiel um Mitternacht haben wir noch gehört, aber wann wir dann los sind …?« Er zuckte wieder mit den Achseln, und seine Hand wanderte fast automatisch ein weiteres Mal zu dem Etui. Das waren für ihn keine Zigaretten, sondern nur ein kleiner Gaumenkitzler für den hohlen Zahn.

»Ist euch auf dem Weg dorthin am Springbrunnen etwas aufgefallen?«

Freddy schüttelte den Kopf. »Nö, da saß bloß ein ziemlich verliebtes Pärchen.« Er kicherte. »Das war alles.« Diesmal funktionierte das Feuerzeug schon beim zweiten Versuch.

»Was war dann?«

»Was soll gewesen sein? Wir sind zum Museum, haben uns hingelegt, und ich bin sofort eingeschlafen.«

Lukas seufzte erneut. »Ihr habt nicht mehr geredet, euch nicht ein bisschen umgesehen oder auf das Pärchen geschaut …?«

Freddy konzentrierte sich auf seine Rauchringe, dann druckste er ein wenig herum. »Mhh, also …« Er gab auf, blickte um Verständnis heischend in die Runde und erklärte dann recht kleinlaut und leise: »Ich vertrag diesen Apfelkorn nicht so richtig. Ich hab mich hingelegt und war sofort weggetreten.« Er drückte seine Zigarette aus. »Vielleicht hat Ellie ja was gesehen. Als die Polizei kam, war sie jedenfalls schon weg.«

»Und wo können wir diese Ellie finden?«

Auf dem Weg zurück ins Büro sagte Lisa kein Wort. An ihrem Schreibtisch angekommen, schwieg sie weiter vor sich hin.

»Was ist?« Lukas grinste. »Ist es dir peinlich, dass ich dich sozusagen beim Rauchen ertappt habe?«

Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln und schüttelte den Kopf. »Nein, das ist es nicht … Ich weiß es auch nicht. Da ist jemand, der – durch welche Gründe auch immer – abgestürzt ist; und nun sitzt er da und liest seinen Saufkumpanen aus der Zeitung vor … Das ist irgendwie so traurig und so schön zugleich. Ich weiß nicht, wie ich das anders beschreiben soll.«

Jetzt war es Lukas, der den Kopf schüttelte. »Du überraschst mich immer wieder. Du siehst aus wie eine dieser eiskalten Blondinen, die Hitchcock für seine Filme so geliebt hat, und jetzt lerne ich fast gleichzeitig zwei deiner Schwächen kennen. Du rauchst, und du zeigst Mitgefühl für Menschen, die abgewetzte Hosen und durchlöcherte Hemden tragen …«

Sie blitzte ihn böse an; ihre blauen Augen funkelten. »Das war kein Witz, ich habe das wirklich ernst gemeint. Und nur weil ich mich kleide, wie ich mich kleide, hat das nichts mit meinen Gefühlen zu tun.« Sie warf wütend einen kleinen Stapel Akten von der einen auf die andere Seite ihres Schreibtischs.

Lukas vermutete, dass sie ihm die Unterlagen lieber an den Kopf geworfen hätte. »Es tut mir leid. Ich habe das nicht so gemeint. Ich verstehe auch, was du sagen willst. Freddy ist eine genauso verzweifelte Person wie unsere Leiche. Beide sind auf ihre Art schön und gleichzeitig so traurig.«

Die Suche nach Ellie würde nicht einfach werden. Freddy hatte ihnen erzählt, dass sie keinen Stammplatz hatte, sondern kreuz und quer durch Köln streifte. Nachdem sie die Fahndung nach ihr an alle Dienststellen der Stadt herausgegeben hatten, war es Zeit, zum Meeting zu gehen.

Als Lukas mit Lisa den Raum betrat, verdrehte er unwillkürlich die Augen: Auch Schneider war anwesend. Das konnte ja heiter werden! Die beiden anderen Teams waren schon da. Sebastian Peters und Carsten Reimann hätte man fast für Brüder halten können. Die zwei waren ungefähr im gleichen Alter wie Lukas, also um die fünfundvierzig, und etwas größer und breiter als der Durchschnitt; zudem hatten sie beide dunkelblondes, volles Haar. Sie arbeiteten schon seit Jahren zusammen und ergänzten sich perfekt. Brigitte Kleiber und Rüdiger Hansen waren das jüngste Team in der Abteilung. Hansen war Ende dreißig, hatte eine stämmige Figur und braunes Haar, das bereits langsam schütter wurde. Seine Partnerin war genauso groß wie er, durchtrainiert und so muskulös, dass sie schon fast männlich wirkte, wäre da nicht ihr langes rotblondes Haar gewesen, das sie meist zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Sie war erst Anfang dreißig, trainierte regelmäßig im Fitnessstudio und liebte asiatische Kampfsportarten.

Baumgartner kam herein, und alle nahmen Platz. Er eröffnete das Meeting nur mit einer kurzen Begrüßung und kam sogleich zur Sache. »Ich hatte es ja gestern schon angedeutet; wir werden für unsere unbekannte Dom-Leiche eine Mordkommission einrichten.«

»Aber nicht unter diesem Namen!«, rief Schneider und blickte den Dezernatsleiter entrüstet an. »Der Fall soll so diskret wie möglich behandelt werden, und du titulierst ihn als ›Dom-Leiche‹? Jupp, das geht nicht! Der Oberbürgermeister, der Kardinal und die Direktion des Hotels sind in höchstem Maße beunruhigt und reagieren sehr sensibel auf alles, was mit diesem Mord zu tun hat.«

Baumgartner zog entnervt die Augenbrauen in die Höhe. »Dürfen wir dann von der ›Brunnen-Leiche‹ sprechen? Oder ist der Springbrunnen auch sakrosankt?«

Das konnte einfach nicht wahr sein, dachte Lukas, der langsam wütend wurde. Da hatten sie es mit einem extrem mysteriösen Todesfall zu tun, und Schneider hielt sie von der Arbeit ab, weil ihm der Name der Akte nicht passte. Da fehlten einem die Worte! Es war Lukas egal, wie die anderen den Fall oder die Leiche nennen wollten – für ihn würde sie immer die »schöne Tote« bleiben.

Schneider hatte keine Einwände gegen Baumgartners neue Bezeichnung, machte aber deutlich, dass höchste Geheimhaltungsstufe angesagt war und keinerlei Informationen an die Presse weitergegeben werden durften. Sollten die Medien den Mordfall auch nur erwähnen, würde er sich höchstpersönlich darum kümmern, weshalb er bis ins Detail über den Fortgang der Ermittlungen informiert werden wollte.

Lukas seufzte innerlich auf. Das wurde ja immer besser! Und wann sollten sie arbeiten?

Baumgartner schaffte es irgendwie, das Gespräch wieder an sich zu bringen, und sie gingen alle Fakten noch einmal durch, die sie bisher gesammelt hatten. Am Ende fasste er alles zusammen. »Wir haben also eine präparierte, praktisch sterile Leiche, die wunderschön zurechtgemacht wurde, aber nicht in den Vermisstenanzeigen zu finden ist. Sie ist, wenn auch in der Nacht, an einem der belebtesten Plätze in Köln abgelegt worden, ohne dass der Täter Spuren hinterlassen hat. Und keiner hat etwas gehört oder gesehen. Wie sieht es mit den Fingerabdrücken aus?«

Reimann schüttelte den Kopf. »Nichts. Sie ist nirgendwo erfasst.«

»Hat die KTU schon Neuigkeiten von der blauen Decke?«, fragte der Dezernatsleiter als Nächstes.

Jetzt war es an Lisa, den Kopf zu schütteln. »Sie wissen nur, dass die Seide aus Südostasien stammt, am Rest sind sie noch dran. Die Untersuchung des Springbrunnens und des Wassers darin hat auch nichts ergeben.«

Baumgartner rieb sich müde die Stirn. »Und die einzige – eventuelle – Zeugin ist eine Obdachlose, von der kein Mensch weiß, wo sie steckt. Irgendwer muss doch etwas gesehen haben.« Sein Blick wanderte zu Lukas. »Ihr sechs werdet das Herz der Mordkommission bilden, und du übernimmst die Leitung, Lukas. Das heißt: Alle Informationen werden bei dir zusammenlaufen. Ihr bekommt so viel Unterstützung, wie ihr braucht. Rechnet am Anfang mal mit zwanzig Beamten. Wie willst du weiter vorgehen?«

Lukas, der bis dahin noch kein Wort gesagt hatte, räusperte sich. »Wenn wir so viel Unterstützung bekommen, sollten wir sie auch nutzen. Ich möchte, dass alle Häuser um den Dom herum noch einmal unter die Lupe genommen werden. Die umliegenden Nachbarn sollen befragt werden, und wir brauchen eine Gästeliste des Hotels Agrippina.«

Schneider stöhnte und sah Lukas unglücklich an, wusste aber, dass sich eine Befragung der Hotelgäste nicht vermeiden ließ. »Ich kümmere mich darum. Aber noch einmal – so diskret wie möglich. Ich möchte keine uniformierten Beamten im Hotel sehen.«

Lukas zuckte nur mit den Achseln. »Was die anhaben, ist mir egal. Hauptsache, die Leute werden befragt. Ich möchte auch wissen, wer schon alles abgereist ist; da müssen wir eventuell die Kollegen von anderen Dezernaten mit einbeziehen. Ich hoffe nur, es waren nicht ausschließlich internationale Gäste. Das würde unsere Suche ziemlich erschweren.«

Schneider nickte erneut. »Ich rufe gleich das Hotel an.« Dann verabschiedete er sich. Sein Maß an Polizeiarbeit war heute vermutlich schon weit überschritten. »Ich melde mich.«

Kaum hatte er den Raum verlassen, wurde die Atmosphäre unter den Beamten entspannter.

Lukas kehrte gleich zum Thema zurück. »Was wir bisher haben, ist nicht viel. Ich denke, der Schlüssel liegt irgendwo in der Thanatopraxie. Das ist das Ungewöhnlichste an unserem Mord, also sollten wir dort ansetzen.« Er sah Hansen und Kleiber an. »Nehmt euch so viele Beamte, wie ihr braucht, und klappert weiter alle Bestattungsunternehmen in Deutschland ab. Irgendwo muss die Leiche präpariert worden sein; so etwas geht wohl kaum zu Hause auf dem Küchentisch.« Er hielt einen Moment inne. »Beschränkt eure Suche auf die Institute, die auch tatsächlich Thanatopraxie anbieten. Das dürfte euch schneller voranbringen.« Die beiden nickten, und Lukas wandte sich nun Reimann und Peters zu. »Macht weiter mit den Vermisstenanzeigen und bleibt mit der KTU in Kontakt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Im Schatten der Kathedrale" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen