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Im Paradies der Sünde

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

DANKSAGUNG

Ich danke meiner Redakteurin Emily Ohanjanians, meiner Agentin Lucienne Diver und allen, die sich mein Jammern geduldig angehört haben (noch einmal Danke, Lucienne), besonders Pam Rosenthal und den Tarts.

Dieses Buch widme ich Alison, Steve und anderen Familienmitgliedern, die es wahrscheinlich nicht lesen wollen oder sollten, und meinem verstorbenem Dad, der meine Liebe zu Jane Austen teilte.

1. KAPITEL

Lou, Montana

Nein, sie würde nicht ans Telefon gehen.

Nicht jetzt, als sie gerade dabei war aufzuwachen, weil sie fühlen konnte, wie seine Haut ihre streifte, sie trotz ihrer Schläfrigkeit einen Orgasmus kommen spürte und er seinen Penis an sie drückte.

„Ja, genau so“, sagte sie. Vielleicht waren es aber auch seine Worte. Oder sie sprachen beide gleichzeitig, in perfektem Einklang, so als könnten sie gegenseitig ihre Gedanken lesen und ihre Berührungen vorausahnen.

„Sag mir, ich soll meine Beine spreizen.“ Das war sie, ganz eindeutig. Er mochte es, wenn sie ihm Befehle erteilte oder schmutzige Wörter benutzte, weil das eigentlich nicht ihre Art war. Das überraschte und erregte ihn, und er reagierte auf seine ganz eigene, ab und zu etwas grobe Weise. Nachher entdeckte sie manchmal rote Striemen auf ihren Brüsten, die seine Bartstoppeln dort hinterlassen hatten - und die sie noch länger an das erinnerten, was geschehen war, wenn ihr BH gegen die wunde Haut scheuerte.

Auch was er nun tat, würde sie noch länger spüren, denn er schob blitzschnell seine Finger in sie hinein, noch bevor sie dazu bereit war. Zumindest glaubte sie, dass sie noch nicht so weit wäre. Aber er kannte sie besser als sie sich selbst und darum lachte er leise, als sie verblüfft und ein wenig erschrocken nach Luft rang. Jetzt keuchten sie beide vor Verlangen, und sie spürte die kalte Luft, als er die Steppdecke fortriss und sich auf sie warf. Wieder glaubte sie, dass sie noch nicht so weit wäre. Doch sie war es. Ohne jeden Zweifel.

Geh nicht ans Telefon. Ignorier das Klingeln einfach. Wenn jemand wirklich mit dir reden will, wird er später noch einmal anrufen.

„Stoß ihn in mich hinein. Ganz fest.“ Sie sagte ihm, was er tun sollte. Aber eigentlich war sie ihm hilflos ausgeliefert, als er ihre Beine über seine Schultern legte.

Er hielt einen Augenblick inne, zögerte den Moment hinaus, um ihn zu genießen. Sein Schwanz ragte in die Höhe, hart und zu allem bereit. Und doch nahm er sich die Zeit, ihre Muschi zu betrachten.

„Hübsch“, murmelte er. „Hübsch.“

Sie liebte ihn, weil er ihre Muschi hübsch fand, die gerötet und feucht war und vor Erregung geschwollen. Manchmal hörte sie ein leises Geräusch, wenn sie sich öffnete. Es klang wie ein kleiner, schmatzender Kuss. Wenn er sie küsste oder einfach nur anschaute, Stunden, bevor sie sich auch nur berührten oder auszogen. Sie hatte das Gefühl zu zerfließen, wenn er ihr quer durch einen Raum voller Menschen diesen besonderen Blick zuwarf, der besagte: Heute Nacht - oder vielleicht schon in zehn Minuten - werde ich dich so richtig ficken! Seine Augen strahlten dann jedes Mal voller Erwartung.

Sie hob ihre Hüften und befahl ihm noch einmal, seinen Penis ganz fest in sie hineinzustoßen, so als wäre es das letzte Mal, als ginge es diesmal um alles. Er strich über seinen Schwanz, scheinbar unbewusst.

Aber er wusste genau, was er tat. In jedem Moment. Jede Berührung registrierte er, jeden Geruch, jedes Geräusch. Und er wusste auch, was schon die kleinste Geste in ihr auslöste.
Worte und Vorstellungskraft waren jetzt ihre Verbündeten, sie bestimmte wieder, was geschah. Sie flüsterte ihm zu, er solle es tun. Jetzt. Sie würde ihm erlauben, sich vorzustellen, sie wäre eine seiner heißen kleinen Studentinnen, so wie das Mädchen, das während einer Vorlesung ganz beiläufig die Oberschenkel gespreizt und ihm ihren Tanga gezeigt hatte. Als das einmal tatsächlich passiert war, hatte er nur kurz hinzusehen gewagt, dann sofort den Blick abgewendet und sich gefragt, ob er sich die Szene nur eingebildet hatte. Zu Hause erzählte er ihr dann davon, etwas verlegen, weil er erregt gewesen war.

Hier, in ihrem Bett, in dem alles erlaubt war, flüsterte sie ihm ins Ohr, er dürfe das nächste Mal noch einmal hinschauen. Immer wieder. Er würde sehen, wie der Träger des Sommerkleids von der Schulter des Mädchens hinabglitt, und sie sich mit ihrer rosafarbenen Zunge über ihre glänzenden Lippen fuhr. Im plötzlich leeren Hörsaal würde die Studentin dann ihre Hand mit den blutrot lackierten Fingernägeln auf seinen Schritt legen, den Reißverschluss seiner Hose öffnen und seinen Schwanz befreien.

Jetzt …

Schon wieder schrillte das verdammte Telefon und verdarb ihr den Moment. Sie rollte quer über das breite, leere Bett und nahm den Hörer ab. „Was wollen Sie?“

„Du brauchst ein bisschen Spaß, Loulou.“

Den hatte sie sich gerade holen wollen - auch, wenn es nur ein Traum gewesen war. „Nenn‘ mich nicht Loulou.“ Einen Moment ärgerte sie sich über ihren Namen, der ihr manchmal würdelos vorkam, weil er sie an eine Toilette erinnerte, an eine Cancan-Tänzerin oder eine von Jane Austens etwas unsympathischeren Romanfiguren, etwa an die launische, in die Poesie vernarrte Louisa Musgrove. Missgelaunt und noch immer nicht ganz wach, hielt sie den Hörer ans andere Ohr und schaute auf die Uhr. „Weiß du, dass es erst halb sieben ist?“

„Hier bei uns ist es bereits halb zwei mittags. Raus aus den Federn mit dir!“

„Ach, halt die Klappe, Chris.“ Das Zimmer war kalt und dunkel und erfüllt von einer besonderen Stille, die sie vermuten ließ, dass frischer Schnee gefallen war.

„Steig in den nächsten Flieger, komm einfach her und hab‘ Spaß mit uns!“

„Uns? Wen meinst du?“

„Natürlich mich und Peter. Der bescheuerte Kerl führt gerade Vorstellungsgespräche mit den jungen Männern, die sich bei uns als Lakaien beworben haben. Wir wollen historisch so korrekt wie möglich sein. Er benimmt sich so, als würde er ein Pferdegespann kaufen, und engagiert Typen, die alle gleich groß sind und die gleiche Haarfarbe haben. Das ist wirklich köstlich, Darling. Ein paar Freunde aus London und aus den Staaten werden auch kommen. Ein Journalist, dann Viv, unsere umwerfende Kostümbildnerin, und eine schöne Lady, die uns Manieren beibringen und als Anstandsdame fungieren wird - nicht, dass du eine brauchen würdest, wo du dich doch immer so untadelig benimmst. Außerdem werden ein paar sehr gutaussehende Männer dabei sein.“

„Klingt wie ein feuchter Schwulentraum. Enge Hosen, hohe Kragen …“

„Da wir natürlich auch an dich gedacht haben, sind ein paar Jungs hetero. Welche das sind, musst du allerdings selbst rausfinden.“

Sie setzte sich auf, zog die Decke um ihre Schultern und hoffte, dass der Ofen im Erdgeschoss nicht ausgegangen war. „Mir wäre lieber, sie finden‘s vor mir raus. Ich bin schließlich keine Fremdenführerin, die Leuten hilft, ihre sexuellen Vorlieben zu entdecken.“

„Und das Haus, Schätzchen! Einfach grandios! Georgianischer Luxus, Originalstuck - allerdings sind die sanitären Anlagen und die elektrischen Leitungen noch nicht auf dem neusten Stand. Mal abgesehen von der Küche, da wurde alles für die Zubereitung köstlicher, historisch originalgetreuer Speisen eingerichtet…“

„Schweineschmalz und Butter …“

„Und Eier im Dutzend. Riesige Mengen von Fleisch, die ersten Salate der Saison, exotische Früchte aus den Gewächshäusern - na ja, bis es so weit ist, dauert es wohl noch ein paar Jahre. Momentan kaufen wir die Lebensmittel noch. Komm doch, Darling! Wir brauchen unsere Jane-Austen-Expertin! Als Gegenleistung werden wir deine Augen wieder zum Funkeln bringen.“

„Ach, ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Sie stieg aus dem Bett und huschte auf nackten Füßen durchs Zimmer. Weder Jalousien noch Vorhänge verhüllten die Fenster. Die waren auch nicht nötig, da sich vor dem Fenster nur die Wildnis rund um die schneebedeckten Rocky Mountains befand. „Bis der Schnee taut, muss ich hierbleiben.“

„Im April ist England einfach wundervoll. Aber komm lieber erst im Juni, dann haben wir genug Personal.“

„Hör‘ schon auf, du gemeiner Verführer.“

„So kenne ich dich, mein Mädchen. Peter schickt dir tausend Küsse. Ich muss jetzt Schluss machen. Du denkst darüber nach, versprochen?“

„Okay.“

Chris‘ Stimme klang plötzlich ernst. „Lou, er ist nicht mehr da, er ist tot Wir haben ihn auch geliebt. Komm‘ ins Land der Lebenden zurück. Amüsiere dich in unserem kleinen Paradies, stürz‘ dich in ein romantisches Abenteuer. Küsschen, bye!“ Chris beendete das Gespräch mit diesem seltsam fragenden Unterton, der ihr auch schon bei Telefonaten mit anderen Engländern aufgefallen war.

Lou schlüpfte in ein Paar dicke Socken, dann zog sie einen Pullover und gefütterte Jeans über ihren Pyjama und ging nach unten. Das Herdfeuer brannte nur noch ganz schwach. Mit ein paar Holzscheiten erweckte sie es zu neuem Leben, setzte den Wasserkessel auf und ließ die Hunde hinaus. Die wälzten sich sofort voller Begeisterung im Schnee, als wäre es das erste Mal, dabei hatten sie das doch schon jeden Morgen in den vergangenen fünf Monaten getan.

Wehmütig griff sie nach einem Foto von Julian und den Hunden, das sie im letzten Sommer gemacht hatte. Julian lächelte sie an, und sie erwiderte sein Lächeln. In Gedanken ging sie ihre heutige Aufgabenliste durch: Maisies Stall ausmisten, das Pferd füttern, Haferbrei fürs Frühstück machen, mit dem Traktor hinausfahren und den Rindern Heu bringen, auf Skiern den Hügel erklimmen, um dort Julian nahe zu sein, dann zurückfahren, ein Sandwich essen, duschen, ein bisschen arbeiten. Abendbrot essen. Lesen. Ins Bett gehen. Dann noch das übliche Rendezvous mit ihrem Vibrator, damit gewisse Dinge nicht völlig zu kurz kamen. Und wieder würde ein Tag vorbei sein.

„So, du verdammter Blödmann.“ Lou stand auf der Wiese, auf der sie im vergangenen Herbst Julians Asche verstreut hatte. Damals hatten die Blätter der Eschen golden geleuchtet und in der geschützten Senke sogar noch ein paar Wildblumen geblüht. „Ich vermisse dich immer noch. Aber weißt du was? Allmählich beginne ich, Details zu vergessen. Ich weiß zum Beispiel nicht mehr genau, wie dein Penis aussah. Also musste ich mir online einige Bilder angucken. Glaub bloß nicht, das hätte mir Spaß gemacht. Einige waren ziemlich grotesk. Man sollte meinen, wer ein so hässliches Ding hat, würde das Foto retuschieren, damit es hübscher aussieht. Aber ich nehme an, das ist so wie bei Babys. Kaum jemand findet sein eigenes Kind hässlich. Oder vielleicht sind Schwänze wie Schneeflocken - im Grunde alle gleich und trotzdem verschieden. Da wir gerade vom Schnee reden - letzte Nacht hat‘s schon wieder geschneit. “

Sie holte kurz Luft, bevor sie fortfuhr. „Gestern war ich in deinem Arbeitszimmer und habe deine Sachen durchgesehen. Ich habe noch nichts weggeräumt. Oh, ich wünschte, du würdest im Haus spuken und mich verfolgen. Tust du aber nicht, weder im Arbeitszimmer noch im Bett finde ich eine Spur von dir. Wozu bist du überhaupt nütze? Weil du dich nicht um mich kümmerst, muss ich meinen Vibrator bemühen, und weil der elektrisch betrieben wird, trage ich auch noch zur Erhöhung der CO2-Emissionen bei. .Die Hunde würden dich auch gern wiedersehen. Heute Morgen rief Chris an. Er hat versucht, mich für die Testphase von ‚Paradise Hall‘ nach England zu locken. Im Juni soll ich rüberfliegen. Erinnerst du dich, wie ich die Website und die Broschüre für das Anwesen entworfen habe? Chris will‘s langsam angehen lassen und das Haus erst mit einer großen Weihnachtsparty offiziell eröffnen. Die Umbauarbeiten laufen noch. Aber er ist schon scharf auf die Lakaien.“

Ein eisiger Windstoß wirbelte den Schnee an ihren Füßen auf.

„Bist das du? Fängst du endlich an zu spuken?“ Lou seufzte. „Ich muss jetzt gehen. Ich habe noch einiges zu tun. Also wirklich, du hast Nerven. Einfach zu sterben und mich mit alldem allein zu lassen. Ich sorge mich, ob das Dach dicht ist, ob ich genug Heizöl habe, um das kalte Wetter zu überstehen, wo die Telefonnummer vom Futterlieferanten ist, und um die Tierarztrechnungen. All diese lächerlichen Kleinigkeiten. Und du weißt ja, du hast nie etwas weggeworfen. Ständig finde ich alte Umschläge, auf denen du deine To-Do-Listen notiert hast, und E-Mail-Ausdrucke. Warum? Ja, schon gut, ich weiß, ich bin jetzt im Wutstadium meiner Trauerzeit. Ich mache Fortschritte. Aber weißt du was? Es soll nicht aufhören. Ich will nicht vergessen. Ich will dich zurück!

Sie wischte eine Träne weg - die sich in der kalten Luft erstaunlich heiß anfühlte - weil sie nicht wollte, dass sie auf ihrer Wange gefror. Noch einen Moment lang wartete sie auf irgendein Zeichen von Julian. Aber nichts geschah. Sie pfiff nach den Hunden, wendete langsam und ungeschickt ihre Skier - Julian hatte das immer viel eleganter hinbekommen - und folgte den beiden Spuren im Schnee, die zu ihrem leeren Haus führten.

Vielleicht gab es ja eine winzige Chance, dass Julian in „Paradise Hall“ zu ihr zurückkommen würde.

Rob, Sevilla, Spanien, zwei Monate später

Oh, verdammt, oh, verdammt. Seine Hände waren schweißnass vor Nervosität. Er zerrte mit den Zähnen an der Verpackung des Kondoms und hoffte, er würde das Ding nicht durchbeißen. Das wäre furchtbar peinlich und würde bestimmt auch grauenhaft schmecken.

„Oh, verdammt“, sagte Gisella. Hieß sie so? Wie eine Bauchtänzerin wand sie sich auf dem schmalen Bett. Sie war einfach hinreißend, und er wünschte, er hätte das verflixte Kondom endlich übergestreift. Dann könnte er endlich ihre Brüste berühren, und in ihrem Haar wühlen, das wie auf einer Skizze von da Vinci in üppigen Wellen über das Kissen floss.

Er war ziemlich sicher, dass sie Gisella hieß. Jedenfalls war sie Italienerin. Doch es wäre idiotisch, jetzt aufzuhören und nach ihrem Namen zu fragen. Genauso dumm wäre es von ihm, aufzustehen und die Jeans auszuziehen, obwohl er sich dann besser bewegen könnte. Das nächste Mal würde er es bestimmt besser hinkriegen. Beim ersten Mal durfte man sich ein bisschen blöd anstellen, aber nicht zu blöd, zu früh kommen etwa - oder schon, bevor er überhaupt in ihr drin war.

Sie murmelte etwas, das unglaublich sexy klang. Aber, mal ehrlich, in diesem Moment hätte alles erotisch geklungen, besonders auf Italienisch. Vielleicht bat sie ihn, das Fenster zu öffnen, oder sie wollte etwas ganz anderes. Nein, vermutlich nicht, denn sie stützte sich auf einen Ellbogen und half ihm, das Kondom über seinem Penis zu entrollen… Oh, verdammt, oh, verdammt, sekundenlang fürchtete er, schon beim Anblick dieser langen, roten Fingernägel, die sich an seinem Schwanz zu schaffen machten, zu kommen. Und dann klingelte sein Handy.

Sie griff nach dem Telefon, das auf dem Bett lag, er nahm es ihr aus der Hand und tat etwas, das er sofort bereute - er las im Display, wer ihn anrief.

Geh nicht ran.

Es war seine Schwester, und er hatte keine Ahnung, warum er den Anruf annahm.
Aber er tat es. Auch das bereute er.

Verdammte Scheiße. Während er seine Schwester schimpfen und schluchzen hörte, begann sein Penis, der endlich in dem Kondom steckte, zu schrumpfen.

Das war‘s dann wohl mit seinem ersten Sex.

Peter, eine Woche später, Paradise Hall, Somerset

„Robert Temple, wie sollen wir dich nennen? Bob, Bobby, Robert?“

„Rob.“

Süßer Junge, dachte Peter. Und noch sehr jung - erst neunzehn, und er hatte diesen schönen, hellen englischen Teint. Braunes Haar mit einem ganz leichten Stich ins Kupferrote fiel ihm in die Stirn. Mit seinen grauen Augen wirkte er wie ein unschuldiger Hugh-Grant-Typ. Aber nicht „vornehm“ im englischen Sinn. Das merkte sogar Peter. Und er erkannte Robs lokalen Akzent, an seinem weichen, rollenden „R“. Der Adresse im Bewerbungsbogen zufolge stammte der Junge aus dem neuen Teil des Dorfs - wo sich nur schäbige, kleine, eng zusammenstehende Häuser befanden. Nicht aus dem historischen Teil.

Peter überflog Robs Lebenslauf. Gott segne die Engländer, aber was in einen Lebenslauf gehört, verstehen sie nicht. Jeden seiner mies bezahlten Schülerjobs hatte der Junge angegeben. „Und ab Herbst studierst du also in Cambridge.“

„Ja, Sir.“

„Oh, nenn mich bitte Peter. Zumindest, bis du für mich arbeitest.“ Er zwinkerte dem Jungen zu - ein Fehler. Nun klang er wie eine aufdringliche alte Tunte. Was er ja auch war. „Gratuliere“, fügte er hinzu. In England bedeutete ein Studium in Cambridge immer noch sehr viel. „Und was wird dein Hauptfach sein?“

„Geschichte.“

„Ausgezeichnet!“ Das klang zu herablassend. „Ich denke, gewisse historische Kenntnisse werden dir in diesem Job von Nutzen sein. Und du hast schon mal als Kellner gearbeitet. Ebenfalls ein Vorteil. Außerdem warst du im Ausland. Darf ich fragen, warum du nicht den ganzen Sommer in Sevilla verbracht hast?“

Die Miene des Jungen verfinsterte sich. „Wegen familiärer Probleme.“

Oh Gott!

„Ich verstehe. Nun will ich dir etwas über das Haus und unsere Pläne erzählen.“ Peter erklärte ihm, ihre Gäste würden eine Art Zeitreise in die Vergangenheit machen und das Leben von Ladys und Gentlemen in der Regency-Epoche Anfang des 19. Jahrhunderts führen. Dabei sollten sie alle Vorzüge jener Ära genießen - und auch einander, falls sie das wünschten. Was in Paradise Hall geschah, würde nicht an die Außenwelt dringen. „Vielleicht werden manche Gäste aufgrund der Isolation von der modernen Welt, des Rollenspiels und der Verkleidung ihre Hemmungen fallen lassen. Dieses Zeitalter war ziemlich obszön, aber gleichzeitig sehr elegant. In Sachen Erotik benahmen sich die Leute äußerst freizügig. Also ist absolute Diskretion erforderlich. Wenn du zur Teilnahme an Aktivitäten aufgefordert wirst, die dir inakzeptabel erscheinen, kannst du jederzeit Nein sagen. Und solltest du etwas Unangenehmes erleben oder belästigt werden, komm bitte sofort zu mir.“

Rob musterte die Broschüre, die Peter ihm gegeben hatte. „‚Paradise Hall, der Ort, an dem alles möglich ist‘“, las er vor. „‚Vor zwei Jahrhunderten frönte man einer anderen Art von Leidenschaft.‘ Das finde ich cool.“

„Gut.“ Peter bemühte sich, seine Fantasie zu zügeln. „Da du aus dieser Gegend stammst, wirst du die Geschichte des Hauses vermutlich kennen. Ursprünglich war es an der Bauweise zur Zeit Jacobs I. orientiert, später wurde es von Adams ungestaltet. Angeblich hat Jane Austen hier einmal gewohnt.“

Rob nickte. „Als ich ein Kind war, glaubten wir, hier würde es spuken. Natürlich behaupteten wir das von jedem leer stehenden alten Haus im Dorf. Inzwischen hat sich einiges geändert.“

„Oh ja, es ist so fabelhaft!“ Peter wusste, dass er wie ein verschrobener greiser Onkel klang, der für historische Innenarchitektur schwärmte. „Sicher wirst du dich hier wohl fühlen. Natürlich musst du hart arbeiten. Aber wir bezahlen unsere Leute sehr großzügig. Und du wirst üppige Trinkgelder bekommen.“

„Ich glaube, damals wurden sie Geldpräsente genannt“, bemerkte der angehende Historiker.

„Wunderbar!“, rief Peter. „Und jetzt begeben wir uns auf die große Besichtigungstour durchs Haus…“ Gott helfe mir, wie sich das anhört! Als würde ich jeden Moment kokett davonhuschen und als aufgetakelte Dragqueen zurückkommen. „Danach mache ich dich dann mit meinem Partner Chris Henckley bekannt.“

„Was für ein zauberhafter Junge!“, sagte Chris, als er beobachtete, wie Rob ein Bein über sein Fahrrad schwang und davonfuhr. Er stand neben Peter im Hof vor den Ställen, wo ein paar gurrende Tauben umherflatterten. „Noch dazu auf einem Fahrrad! Wie süß! Aber er steckt in irgendwelchen Schwierigkeiten, meinst du nicht auch, Peter?“

„Er hat angedeutet, dass es Probleme in seiner Familie gibt. Und er ist eindeutig hetero.“

„Oh ja, das riecht man drei Meilen gegen den Wind.“

„Um Himmels willen, er ist ja gerade mal volljährig. Hoffentlich war es kein Fehler, dass ich ihn zum Oberlakaien ernannt habe.“

„Er ist neunzehn. Hier fangen sie ziemlich jung an. Ach komm schon, Schätzchen!“ Chris schob eine Hand in die Gesäßtasche von Peters Levi‘s. „Natürlich werde ich das Personal nicht vögeln. Das verspreche ich dir. Nicht einmal, wenn es so reizvoll ist wie der junge Master Rob. Stell dir nur mal vor, wie er in der Livree aussehen wird! Oh, ich kann‘s kaum erwarten! Hoffentlich wird Viv ihn nicht bei lebendigem Leib auffressen, wenn sie ihn sieht.“

„Hm.“ Peter schlenderte ins Büro, dessen Fenster zum Hof mit dem Kopfsteinpflaster hinausgingen. Hier hatte früher der Gutsverwalter gearbeitet.

Peter presste eine Taste seines Computers, der Bildschirm erwachte zum Leben und eine Nachricht wies darauf hin, dass eine neue E-Mail eingegangen war.

Neugierig sah Chris über Peters Schulter. „Oh, exzellent! Die Witwe Loulou entflieht aus ihrer winterlichen Einsamkeit und wird uns Gesellschaft leisten. “

2. KAPITEL

Rob

„Du bist Rob Temple, nicht wahr?“

„Ja.“ Er drehte sich zu dem Mädchen um, das sich an der vollen Bar neben ihn zwängte. „Und du?“ Irgendwie kam sie ihm bekannt vor, aus der Schule vielleicht oder aus dem besseren Teil des Dorfs.

„Di Brooks.“

„Oh, ja klar.“

„Wir sind zusammen auf die St. Matthews gegangen.“

Ach, stimmt ja. Wahrscheinlich war es damals für ihn ein erotisches Highlight gewesen, wenn er einen Blick auf ihr Höschen erhaschen konnte …

„Jetzt arbeitest du also in diesem alten Kasten. Und ich auch.“

Er nickte und versuchte Baz, der hinter der Bar stand, auf sich aufmerksam zu machen.

„Hey, Baz!“, rief Di, beugte sich vor und schob Robs und ihr eigenes leeres Glas über die Theke. „Noch zwei Halbe.“

Mit einer Hand nahm Baz die Gläser, mit der anderen Robs letzte Zehnpfundnote.

„Ich wollte dich einladen, Rob“, sagte Di.

„Das ist schon okay.“

„Tut mir leid wegen eures Hauses.“

Also wusste das ganze Dorf Bescheid. Ohne nachzudenken, war er vorhin von Paradise Hall zum ehemaligen Haus seiner Familie geradelt, hatte die Gartenpforte aufgestoßen und das Schild mit der Aufschrift „Zu verkaufen“ angestarrt. Seine Mum hätte sich maßlos über das Unkraut im Vorgarten geärgert, aber sie war ja nicht mehr da. In einem Blumenbeet fand er einen Fußball, der vermutlich Graham gehörte. Rob hatte ihn aufgehoben und in seinen Rucksack gesteckt. Dann war er davon geradelt. Am liebsten hätte er wie ein kleines Kind geheult.

„Ist nicht so schlimm. Und was machst du in Paradise Hall?“

„Ich spiele eine Zofe.“

Baz stellte die Biergläser auf die Theke, an deren Seiten Schaum herunter lief, und legte das Wechselgeld daneben.

„Ich studiere Modedesign und habe gerade mein erstes Jahr an der ‚London School of Fashion‘ beendet“, fuhr Di fort. „Ich hoffe, dass ich in dem Job ein paar nützliche Sachen lernen kann. Ich bessere die Kostüme der Damen aus und helfe ihnen beim Anziehen.“

„Cool.“ Rob schaute sie etwas genauer an. Sie war hübsch. Er sah braune Augen, kastanienbraunes Haar mit helleren Strähnen, ein kurzes Sommerkleid, High Heels von der Sorte, die beim Gehen laut klackerten, lange, nackte Beine. „Ich bin ein Lakai.“

„Sicher sind diese zwei schwulen Typen scharf auf dich. Aber sie scheinen okay zu sein.“

Er zuckte mit den Achseln. „Dann sehen wir uns ja morgen.“

„Klar. Jetzt muss ich wieder zu meinen Freundinnen gehen.“ Sie drehte ihren Kopf in Richtung einiger Mädchen, die in einer Ecke des Lokals lachten. Wie Di waren sie attraktiv und sexy. In ihrer Nähe hingen ein paar Jungs herum und spielten Darts. Immer wieder warfen sie den Mädchen Blicke zu, trauten sich aber nicht, sie anzusprechen.

„Du bist jetzt also ein feiner Pinkel“, sagte Baz. Inzwischen hatte das Gedränge an der Theke nachgelassen.

„Wie kommst du darauf?“, fragte Rob.

„Cambridge.“

„Deshalb bin ich nicht vornehm.“

„Zahlen die gut in dem alten Haus?“

„Nicht schlecht“, erwiderte Rob. Die zahlten sogar außergewöhnlich gut. Doch das wollte er Baz nicht auf die Nase binden.

„Ein paar Mal waren diese Tunten schon hier.“

„Die sind in Ordnung.“

„Stell dich immer mit dem Rücken zur Wand, mein Junge.“ Baz zwinkerte Rob zu. Dann wischte er die Theke ab, ging wieder ans andere Ende der Bar und beteiligte sich an einer leidenschaftlichen Diskussion über Fußball.

Rob trank sein Glas leer und schaute zu Di hinüber. Während sie mit ihren Freundinnen kicherte, strich sie ihr Haar nach hinten. Ihre Armreifen glitten klirrend über ihre Haut. Als sie sich in ihrem Stuhl zurück lehnte, rutschte ihr Rock hoch. Sie hatte fantastische Beine. Er war nicht der einzige, der sie anstarrte. Die männlichen Gäste rückten langsam näher. Wie hungrige Wölfe, die sich an eine Schafherde heranpirschten. Ähnliche Szenen sah man manchmal in Natursendungen im Fernsehen.

Nur ungern verließ Rob die warme, freundliche Atmosphäre des Pubs. Dort gefiel es ihm auch, weil ihn fast niemand kannte. Hoffentlich schlief sein Dad schon, wenn er im Haus seiner Schwester ankam. Vielleicht hatte er sich auch wieder bis zur Bewusstlosigkeit betrunken, so wie in den vergangenen Nächten. Rob radelte am Dorfplatz vorbei und bog in die schmale Straße ein, die zur Siedlung führte, wo sich die Wohnungen für die sozial Schwächeren befanden.

Natürlich verstand er, dass seine Mum wütend auf Dad war, weil er wegen seines Geschäfts und der Hypotheken auf ihr Haus gelogen hatte. Aber wie konnte die Frau so blauäugig sein, wenn es um die Familienfinanzen ging? Mit so einer Scheiße würde ihn jemand wie Di nicht davonkommen lassen. Spontan lenkte er das Fahrrad auf den Grünstreifen am Straßenrand und tippte die Nummer seiner Mutter ins Handy.

Keine Antwort.

Du blöde Kuh, dachte er, du verdammtes, egoistisches Biest. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, drückte er die Austaste. Dann nahm er den Fußball aus seinem Rucksack und schleuderte ihn über eine Hecke in die Dunkelheit. Ein Fußball allein würde auch nichts daran ändern, dass sein kleiner Bruder Graham den ganzen Tag weinte und nachts wieder ins Bett machte.

Einzig Mums Rückkehr könnte Graham wieder glücklich machen. Aber offenbar hatte sie ihre Familie für immer verlassen.

Lou

Die Zeitverschiebung war schuld daran, dass Lou alles unwirklich und wie in Nebel verhüllt erschien. Gleichzeitig schärfte der Jetlag ihre Sinne. Die Sonne schien hier in England viel heller zu strahlen, und der Kies knirschte ohrenbetäubend unter den Reifen, als die Limousine vor einem imposanten schmiedeeisernen Tor hielt.

„Schönen Urlaub, Miss.“

Sie suchte in ihrer Brieftasche nach Trinkgeld und sah unsicher die fremden Scheine an. Aber bevor sie ihm ein paar Pfundnoten geben konnte, war der Chauffeur schon davongefahren.

Die Tür des steinernen Hauses wurde geöffnet, und eine Frau trat heraus. Ihre Lippen waren so grell geschminkt, dass sie in dem blassen Gesicht wie eine Wunde wirkten. Ihr kurzes, pechschwarzes Haar bildete einen harten Kontrast zu ihrem hellen Teint. Sie trug Cowboy-Stiefel, einen Leder-Minirock und ein altes Beatles-T-Shirt. In ihrem blutroten Mund hing eine Zigarette.

„Willkommen in Paradise Hall. Ich bin Vivian, und Sie müssen Lou sein. Erzählen Sie den Jungs nicht, dass ich geraucht habe. Kommen Sie rein. Gutes Timing, ich habe gerade Tee aufgebrüht. Möchten Sie eine Tasse? Wollen Sie auch etwas essen?“ Noch bevor Lou antworten konnte, führte Vivian sie in einen Raum mit Fliesenboden und einer winzigen Kochnische.

Überall standen Schneiderpuppen herum, an denen hauchdünne Seide, Baumwolle, kostbarer Satin und Samt hingen. Auf einem großen Tisch lagen Stoffballen, daneben Scheren, Stecknadeln, Schnittmuster und eine hochmoderne Nähmaschine.

Viv warf ihre Zigarette ins Spülbecken, goss aus einer braunen Kanne Tee in eine Tasse und arrangierte Scones und Butter auf einem Tablett. „Milch und Zucker? Auf dem Tisch liegt übrigens Ihre Mappe. Ihr Tageskleid nähe ich nach einer letzten Anprobe fertig. Die Ärmel können Sie durch andere ersetzen oder weglassen.“

„Gut, danke.“ Der Tee war heiß und stark, wirkte belebend und zugleich beruhigend. Lou griff nach der Mappe, auf der ihr Name stand. Einige Skizzen glitten heraus. An die Entwürfe waren Stoffmuster geheftet, hübsche Blumendrucke, zart gestreifte Seide. „Viel zum Anziehen habe ich nicht mitgebracht, ich…“ Irritiert verstummte sie. Vivian öffnete gerade den Reißverschluss von Lous Reisetasche und begann darin herumzuwühlen.

Lou verschluckte sich beinahe an ihrem Scone, als sie sah, wie diese Frau den Inhalt der abgewetzten Ledertasche durchsuchte, die früher Julian gehört hatte.

„Ihre Slips können Sie eventuell tragen“, erklärte Vivian. „Mal sehen… Keine BHs, keine Uhr, keine Kosmetika. Sie bekommen ein Korsett. Das habe ich nach Ihren Maßen angefertigt. Der Seidenschal und die meisten Ohrringe sind okay. Ihre restlichen Sachen hebe ich hier für Sie auf. Wir haben einen Safe.“

„Aber…“

Vivian nahm ein zusammengefaltetes Kleidungsstück aus weißem Baumwollstoff und ein Paar unförmige Socken vom Tisch. „Im oberen Stockwerk gibt es ein Bad und einen Ankleideraum. Da können Sie sich frisch machen und ein wenig ausruhen, während wir Ihr Tageskleid herrichten. Vielleicht ist es albern, aber wir wollen, dass die Gäste in ihren Kostümen die Zufahrt zum Haupthaus hinaufgehen und sich möglichst schnell an die Atmosphäre hier in Paradise Hall gewöhnen.“

Genau das habe ich gebraucht, dachte Lou, eine Domina im Punk-Look, die mich herumkommandiert. Sie umklammerte ihre dampfende Teetasse und folgte Vivian nach oben, in einen Raum voller Kleiderständer und Nähzeug. Auf einem Sofa, das sehr komfortabel aussah, lagen mehrere Kissen und Decken.

Vivian öffnete eine Tür, die in ein großes Badezimmer führte. Darin standen eine alte, schmiedeeiserne Wanne mit Klauenfüßen und ein Gestell, über dem flauschige weiße Handtücher hingen. Am Fenster, durch das helles Licht auf den Fliesenboden fiel, flatterten blau-weiß gestreifte Vorhänge.

„Lassen Sie sich Zeit.“ Vivian drehte die Wasserhähne auf. Kurz darauf erfüllte dichter Dampf den Raum. „Für mich sehen Sie wie der Rosen-Typ aus - aber hier gibt‘s auch Lavendel- und Zitronenöl. Genießen Sie Ihr Bad. Wenn Sie fertig sind, rufen Sie mich. Dann trinken wir noch einen Tee und machen die erste Anprobe.“ Nachdem sie Hemd und Socken an das Gestell gehängt hatte, winkte sie Lou noch einmal kurz zu und ging hinaus.

Lou zog sich aus und goss Rosenöl in die Wanne. Dann tauchte sie ein in die wohlige Wärme und die duftenden Schaumberge. Sie wusch sich die Haare und spülte sie mit Hilfe des altmodischen Duschkopfs aus, ohne allzu viel Wasser zu verspritzen.

Himmlisch, einfach himmlisch nach der langen Reise… Julian und sie waren nie dazu gekommen, das Badezimmer auf ihrer Ranch renovieren zu lassen. Eine Wanne wie diese hier hätte sie auch gern besessen. Jetzt erschien ihr das alles ganz weit weg. Ihr Zuhause, ihre Pläne - sogar Julian.

Sie döste kurz ein. Als sie aufwachte, ließ sie noch etwas heißes Wasser in die Wanne laufen und wusch ihren ganzen Körper sorgfältig, bis sie vom Kopf bis zu den Zehen sauber war.

Lou spürte ein sanftes Prickeln auf der Haut, eine leichte Erregung. Trotzdem war sie nach Vivians Gepäckkontrolle froh, dass sie ihren Vibrator nicht mitgenommen hatte. Sie trocknete sich ab und zog das weiße Baumwollhemd an - ein unschönes, formloses Kleidungsstück und kein bisschen sexy. Andererseits: Wenn man ohne Höschen herumlief und alle anderen das wussten, brauchte man wirklich keine Reizwäsche. Damit hatte sie wohl ihren ersten Schritt ins Regency-Zeitalter getan. Würde sie sich in den nächsten Tagen über einer Schüssel waschen, mit Wasser aus einem Porzellankrug? Was den Zustand der sanitären Einrichtungen betraf, hatten sich Peter und Chris nur sehr vage ausgedrückt. Sie lief schnell über den kalten Fliesenboden in den Nebenraum und legte sich auf das Sofa. Wie wundervoll, mitten am Tag ein Schläfchen zu machen. Die Daunenkissen waren angenehm weich, die Decken aus feinstem Kaschmir.

Als sie erwachte, hatte sich das Licht verändert. Wahrscheinlich waren etwa zwei Stunden vergangen. Um sie herum herrschte tiefe Stille, nur die Vögel zwitscherten vorm Fenster. Dann hörte sie eine Männerstimme, die aus dem Erdgeschoss zu kommen schien, und die Antwort einer Frau, von den dicken Mauern des Hauses gedämpft. Es dauerte einen Moment, bis sie Vivs Stimme erkannte, die ungewöhnlich sanft und ein wenig klagend klang.

Lou zögerte. Sie fühlte sich nackt in dem Hemd und wollte sich so nur ungern einem Fremden zeigen. Sie schaute sich nach einem Schal um. Vielleicht sollte sie ins Bad zurückgehen und das langärmelige T-Shirt überziehen, das sie auf dem Flug getragen hatte. Oder sie ignorierte die Stimmen und schlief einfach weiter. Schließlich siegte doch ihre Neugier.

Vorsichtig öffnete sie die Tür zur Treppe.

„Du bist aber auch ein unartiges Mädchen“, sagte der Mann. Er hatte einen amerikanischen Akzent und klang amüsiert … und sehr sexy.

„Ja, Darcy. Tut mir leid, Darcy.“

Darcy? Der Mann hieß wie der Held aus Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“? Albern - und doch auf merkwürdige Weise faszinierend. Diesen Darcy aus Fleisch und Blut musste sie sehen. Auf Zehenspitzen schlich sie die Stufen hinab und blickte durch die Tür, die nur angelehnt war.

„Was schlägst du vor? Wie soll ich dich bestrafen?“ Lässig lehnte der Mann am Tisch. Er war groß ‚schlank und muskulös. In seinem Regency-Kostüm sah er einfach umwerfend aus. Sein schwarzes Haar war nach vorn gekämmt. Zu einem blauem Gehrock trug er Kniebundhosen aus Wildleder und Stiefel. Die hautenge Kleidung betonte die Wölbung in seinem Schritt.

Mit gesenktem Kopf stand Vivian vor ihm und zog mit ihrer Stiefelspitze das Muster auf den Boden nach. „Vielleicht solltest du mich ficken, Darcy. Auf besonders erniedrigende Art.“

„Hm.“ Seine Mundwinkel zuckten, er musste unwillkürlich grinsen. „Trägst du heute ein Höschen?“

„Oh ja, Darcy.“ Sie hob ihren Minirock und zeigte ihm ihren Tanga mit Leopardenmuster.

„Wahrscheinlich bist du schon ziemlich nass.“

„Ja. Es tut mir leid“, sagte sie mit gespielter Unterwürfigkeit.

Er richtete sich auf und trat einen Schritt zurück. „Zieh das Ding aus. Für den Rest des Tages wirst du ohne Höschen herumlaufen.“

„Ja, Darcy.“ Sie zerrte den Tanga über ihre Beine.

„Und lass den Rock oben“, befahl er und streichelte seine Erektion, die sich unter dem Leder deutlich abzeichnete.

„Ja, Darcy.“ Gehorsam stand Vivian da und wartete auf seine nächste Anweisung.

„Auf den Tisch.“ Er zog seinen Gehrock aus und ließ ihn auf den Boden fallen.

„Hey, pass doch auf!“, rief Vivian verärgert in ihrer normalen Stimme. „Leg‘ die Jacke ordentlich auf einen Stuhl. Sonst muss ich sie bügeln, und ich habe schon genug Arbeit.“

„Entschuldigung.“ Er hob das Jackett hoch, faltete es zusammen und zog seine Weste aus. „Okay, weiter geht‘s. Auf den Tisch mit dir, leg dich auf den Bauch.“

„Wie du befiehlst, Darcy.“ Sie schob die Papiere und Stoffmuster beiseite und hockte sich mit erhobenem Hintern auf dem Tisch. Glücklicherweise schaute sie nicht in Richtung der Tür. Wie peinlich, wenn sie mich entdecken würde, dachte Lou.

Darcy warf einen kurzen, bewundernden Blick auf Vivians Hinterteil. Dann nahm er sein Krawattentuch ab, legte es zu seinen anderen Sachen auf den Stuhl und wühlte in den Taschen seines Jacketts, bis er ein Paar Lederhandschuhe fand. Spielerisch schlug er ein paar Mal damit auf seine Handfläche.

Lou hielt den Atem an. Was hatte er nur vor?

„Wie gesagt, warst du ein sehr unartiges Mädchen. Deshalb muss ich dich jetzt bestrafen.“

„Ja, Darcy.“

„Und danach werde ich dich ficken.“

„Wie du meinst, Darcy.“ Vivians Stimme zitterte vor Erregung. „Darf ich mein T-Shirt ausziehen, Darcy?“

„Das erlaube ich nicht. Wenn du deine Titten über den Tisch reibst, genießt du das wohlmöglich noch, und das will ich nicht.“

„Nein, Darcy, tut mir leid.“

Er grinste und schlug mit den Handschuhen fest auf ihren Hintern. Vivian stieß überrascht einen kleinen Schrei aus.

Bevor er erneut ausholte, öffnete er die Manschettenknöpfe, zog sein Hemd aus und warf es über den Stuhl.

Lou konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Schwarzes Haar bedeckte seine muskulöse Brust, die sich bei jedem weiteren Schlag anspannte. Sie wagte kaum zu atmen und wartete ungeduldig darauf, dass er endlich seine Kniehosen aufknöpfte und seinen Penis herausholte.

Oh. Seit Monaten hatte sie keinen steifen Schwanz mehr gesehen, mal abgesehen von ihren halbherzigen Internet-Nachforschungen, aber die zählten nicht. Sie unterdrückte ein Stöhnen. Aber das wäre ohnehin von Vivians Geschrei und schrillem Flehen übertönt worden. „Hör auf, hör auf, bitte, ich werde brav sein! Das verspreche ich!“

In Lous Ohren klang das alles ziemlich gespielt, und fast hätte sie laut aufgelacht. Gleichzeitig war es ihr unangenehm, wie sehr das Ganze sie anmachte. Sie war erregt, und zwischen ihren Beinen kribbelte es, als würden sie kleine, wohlige Stromstöße treffen.

Auf Darcys eindrucksvollem, hartem Schwanz waren deutlich blaue Adern zu erkennen.

Lou ballte eine Hand zur Faust. Sie stellte sich vor, wie es wäre, seine seidige Haut zu liebkosen, und wie Darcy keuchen würde.

Nun schob er seine Hose nach unten und gab so den Blick frei auf seinen Hintern und die muskulösen Schenkel. Schnell zog er ein Kondom aus einer Hosentasche. So viel zur historischen Korrektheit in Paradise Hall, dachte Lou. Vor 200 Jahren hatten Männer zum Verhüten Ziegendarm verwendet, der mit einem Stück Schnur festgebunden wurde.

Weil er beide Hände brauchte, um das Kondom zu entrollen, warf er die Handschuhe auf den Tisch. Vivian stöhnte auf.

Darcy hielt mit einer Hand seinen Schwanz, mit der anderen zog er Vivs T-Shirt hoch und kniff in ihre Brustwarzen.

Sofort wurden auch Lous Nippel hart, und sie glaubte zu spüren, wie der Fremde ihre Brüste mit seinen kräftigen Händen bearbeitete.

Während Darcy sich hinter Vivian stellte und zustieß, rang Lou nach Luft und stellte sich vor, so überwältigt, ausgefüllt und gefickt zu werden.

Mmmhhmm.

Er zog sich zurück, glitt beinahe ganz aus Vivian heraus - und stieß plötzlich wieder zu. Es war ein rasantes Vor und Zurück, ein kraftvoller, ungezügelter Rhythmus. Beide stöhnten immer wieder laut auf. Noch einmal hielt er kurz inne, um fest auf ihren Hintern zu schlagen, dann steigerte er das Tempo weiter. Die Muskeln an seinen Armen traten hervor, als er sich auf den Tisch stützte, seine Hinterbacken spannten sich an.

Dieser Mann wusste genau, was er tat. Lou erkannte, wie er auf Vivian einging, sich nach ihrer Lust und ihrem Rhythmus richtete, sich zügelte und vorbeugte, um ihr etwas zuzuflüstern.

Vielleicht biss er auch in ihr Ohrläppchen, doch das konnte Lou nicht sehen. Er tat alles, um sie bis zum Höhepunkt zu treiben, der sich jetzt mit lautstarkem, hemmungslosem Stöhnen ankündigte.

So war es bei Lou früher auch gewesen, dafür hatte Julian immer gesorgt… Ihre Klit und ihre Brustwarzen prickelten schon bei der Erinnerung daran. Sie schienen ihr sagen zu wollen, wie nötig sie es brauchte. Am besten gleich jetzt und hier.

Doch jetzt war erst Darcy an der Reihe. Immer schneller stieß er zu - und drehte dabei den Kopf zur Tür. Er blickte Lou direkt in die Augen. Ein paar Sekunden, bevor auch er kam, zwinkerte er ihr mit einem Grinsen zu.

3. KAPITEL

Mac

Als Mac das nächste Mal zur Tür blickte, war die schlanke Blondine verschwunden. Es hatte ihn angemacht, dass sie zusah, ebenso ihr schockierter Blick und die harten, spitzen Brustwarzen, die sich deutlich unter ihrem dünnen Hemd anzeichneten. Trotz ihrer offensichtlichen Erregung hatte sie sich nicht angefasst, nichts getan, um sich selbst zu befriedigen. Merkwürdigerweise fand er gerade diese Zurückhaltung aufregend. Dass jemand ihn und Viv beobachtete, hatte er schnell bemerkt. Ein Prickeln in seinem Nacken hatte es ihm verraten. Wahrscheinlich hatte Vivian es ebenfalls bemerkt, obwohl ihre Lustschreie nicht lauter gewesen waren als sonst auch.

Er warf das Kondom weg und zog sein Hemd wieder an.

„Verdammt!“, fauchte Vivian, „Ich werde morgen grün und blau sein, du Bastard.“

„Und ohne Höschen.“ Mac hob den Tanga vom Boden auf und steckte ihn in die Hosentasche. „Meine Kriegsbeute.“

„Ich habe noch andere.“

„Verdirb mir nicht meine erotischen Fantasien.“ Er half ihr vom Tisch und versuchte sie auf den Mund küssen. Wie erwartet wich sie ihm aus.

„Ich mag es nicht, vollgesabbert zu werden. Eine Tasse Tee?“

„Nein, danke. Aber ich würde gern dein Bad benutzen.“ Das sagte er nur, um ihre Reaktion zu sehen. Er wusste, dass die Blondine sich dort oben aufhalten musste. Vermutlich war das für Viv ein Extra-Kick gewesen - die Möglichkeit, dass sie jeden Moment ins Zimmer kommen konnte.

„Du kannst draußen pinkeln. Ich habe einen Gast.“

„Heißt das etwa, wir hätten einen flotten Dreier machen können?“

„Träum weiter.“ Sie nahm seine Weste und seinen Gehrock vom Stuhl und hielt ihm beides hin. „Ich habe jetzt zu tun.“ Geschickt schlang sie das Krawattentuch um seinen Hals und verknotete es. Dann strich sie seinen Hemdkragen und die Aufschläge des Jacketts glatt.

„Wann können wir unser Interview führen?“, fragte er.

„Ständig kommst du hierher, um mich zu befragen. Stattdessen fickst du mich. Vielleicht solltest du deinem Redakteur einfach ein Video von uns beiden schicken.“

„Kann ich meine E-Mails checken?“

„Nein. Für heute hast du genug Spaß gehabt. Los, verschwinde, zurück ins 19. Jahrhundert mit dir.“

Sie wich einem weiteren freundschaftlichen Kuss aus und schob ihn zur Tür.

Typisch Viv. Sie mochte keine Küsse, keine Zärtlichkeiten. Sie wollte nur ficken - und vor allem wollte sie kommen. Notfalls sorgte sie auch selbst für ihre Orgasmen. Diesmal hatte er das Gefühl gehabt, sie würde nicht nur mit ihm vögeln, sondern auch mit dem Tisch, so wie sie ihre Muschi am Holz rieb. Hatte sie ihren Höhepunkt dann gehabt, wollte sie nicht einmal mehr mit ihm reden. Von einer Sekunde auf die andere verwandelte sie sich in die effiziente, taffe Vivian zurück. Irgendwie verstand er, warum diese im wirklichen Leben so knallharte Karrierefrau bei ihren Sexspielchen gern die unterwürfige Rolle übernahm.

Dummerweise fand er das eher komisch und musste deswegen beim Sex oft gegen ein Lachen ankämpfen. Manchmal hatte er aber auch das Bedürfnis, sie anzuschreien: Was ist mit mir, Viv? Bin ich nicht mehr als ein Schwanz für dich? Red‘ mit mir, um Himmels willen! Vielleicht war das ja eine Art göttlicher Strafe, weil er Frauen früher selbst ähnlich mies behandelt hatte. Viele hatten sich von ihm mehr als nur Sex gewünscht. Sie sehnten sich nach echter Zuneigung, nach Gesprächen und Kuscheln im Bett … Er hatte sich zwar bemüht, es ihnen recht zu machen, war aber oft eingeschlafen, nachdem er sich gefragt hatte, was zum Teufel sie eigentlich wollten.

War er eine Art männliche Version von Viv gewesen? Hoffentlich nicht. Die Frauen liebten ihn als Person, nicht nur seinen Schwanz. Zumindest hatte er das immer geglaubt. Doch Viv schien ihn nicht besonders zu mögen, und das störte ihn. Vielleicht hatte seine letzte Scheidung, die vorgeblich so freundschaftlich und zivilisiert abgelaufen war, ihn mehr verändert, als er sich bisher eingestanden hatte.

Er lockerte sein Krawattentuch, das ihm die Luft abzuschnüren schien. Während er den Weg zum Haupthaus hinauf schlenderte, der von mächtigen Kastanien gesäumt war, überlegte er, ob er es abnehmen sollte. Er hasste Krawatten. Aber ein Gentleman musste jederzeit tadellos gekleidet sein - und er war ein Gentleman. Zumindest in den vergangenen fünf Tagen - wenn er nicht gerade mit Viv gefickt hatte. Und er würde seine Rolle noch zwei weitere Wochen spielen. Er verkörperte nun einmal einen typischen Gutsherren aus dem Regency-Zeitalter, strotzend vor Testosteron und stets mit überaus männlichen Themen wie Boxkämpfen oder Pferderennen beschäftigt. Offenbar brachte das nicht unbedingt seine beste Seite zum Vorschein. Wer solche Kleider trug, stolzierte automatisch herum wie der Herrscher der Welt und begann sich irgendwann in die Person zu verwandeln, die er doch eigentlich nur spielte.

Zur Hölle damit. Er war kein reicher Hohlkopf aus dem 19. Jahrhundert, er war immer noch Journalist. Zugegeben, einer von der aussterbenden Sorte, der noch für Zeitschriften schrieb und nicht fürs Internet. Sein Auftraggeber war ein renommiertes Magazin. Es war wirklich höchste Zeit, endlich mit der Arbeit anzufangen. Er sollte sich Notizen machen, Interviews führen, etwas Brauchbares zu Papier bringen. Aber er musste auch zugeben, dass er die Abgeschiedenheit von Paradise Hall durchaus angenehm fand. Sein Redakteur war weit weg und konnte ihn nicht ständig auf den Abgabetermin seines Artikels hinweisen.

Vor ihm tauchte das Anwesen auf, cremeweiß, mit Säulen und Eingangsstufen aus rotem Sandstein. Zwei Gestalten bummelten über den Kiesplatz vor dem Haus - der Lakai Rob und die Zofe Di. Nette Jugendliche aus dem Dorf. Sie verhielten sich ihm gegenüber distanziert, wie sollte es auch anders sein. Er musste an seine Mutter denken. An seinem letzen Geburtstag hatte sie ihr Glas erhoben und mit einer gewissen Schadenfreude gerufen: „Trau keinem über dreißig!“ Er hatte ihr einen schmatzenden Kuss gegeben und sie einen unverbesserlichen alten Hippie genannt.

Er zog seine Uhr hervor. Eine etwas mühsame Angelegenheit, denn in dem engen Jackett konnte er sich kaum bewegen. Glücklicherweise hatte er noch ein paar Minuten, um in die Küche zu gehen und sich etwas Brot und Käse zu holen, bevor die nachmittäglichen Aktivitäten begannen.

Vor seiner Ankunft hatte er sich gefragt, was so ein Gentleman damals den lieben langen Tag getan haben mochte. Jetzt wusste er es: Auf die Reitstunden folgten der Tanzunterricht und das Boxen, dann war es schon wieder Zeit, sich fürs Dinner umzuziehen.

Beim Abendessen würde er wohl auch den neuen Gast offiziell kennenlernen - diesmal mit geschlossener Hose. Plötzlich erinnerte er sich an ihren Namen. Louisa Connolly, so hieß die Blondine. Peter und Chris, die sie „Lou“ nannten, hatten ihm von ihr erzählt. Die beiden waren ihr bei einer Jane-Austen-Konferenz in den Staaten begegnet. Sie war die historische Beraterin von Paradise Hall. Irgendwo in seinen Unterlagen würde er ihren Lebenslauf finden.
Wie aufs Stichwort erschien Chris zwischen den Säulen und kam die Stufen herab. Er sah beeindruckend aus. Seine Hose war so eng, wie es nur ging, seine Weste grellbunt gestreift. Der Hausherr blieb stehen, plauderte mit den beiden Dienstboten und rückte Robs Kragen zurecht. Typisch Chris, immer fasste er jemanden an und flirtete, während dem armen alten Peter nichts anderes übrig blieb, als sein Treiben aus der Ferne zu beobachten.

Und in diesem Haus gab es sehr viele Leute, die man anfassen und mit denen man flirten konnte - ganz egal, ob man nun auf Männer oder auf Frauen stand … oder gar auf beide Geschlechter.

Lou

Ein Korsett zwingt einen dazu, gerade zu stehen. Das war noch längst nicht alles. Lou konnte sich kaum bücken, und ihre Brüste wurden durch das unbequeme Kleidungsstück lächerlich hoch hinaufgeschoben. Wie Äpfel auf einem Tablett sahen sie aus. Zudem hatte sie ein beutelförmiges Täschchen, „Pompadour“ genannt, bekommen, einen Sonnenschirm und einen Hut, der ständig von ihrem Kopf zu rutschen drohte. In dünnen Schuhen, die sie an den Ballettunterricht in ihrer Kindheit erinnerten, musste sie über den Kiesweg von Vivians Pförtnerhäuschen zum Haupthaus gehen. Auch die Haltung war wichtig - Schultern zurück, Kopf hoch, nicht auf die Füße hinunterschauen. Aber das war wegen der idiotisch hochgeschnürten Brüste ohnehin unmöglich. Busen, so lautete das richtige Wort. Jetzt hatte sie einen Busen.

Sie war nie der Typ gewesen, der stundenlang am Strand lag. Jetzt, als vornehme Lady, musste sie ganz besonders darauf achten, ihre zarte, helle Haut nicht der Sonne auszusetzen. Deshalb war sie dankbar für den Schirm und das Brusttuch, das sie in ihren Ausschnitt gestopft hatte, um ihr Dekolleté zu schützen. Nur gut, dass sie nicht so gebräunt war wie die meisten Rancherinnen aus Montana, weil sie sich täglich mit Sunblocker eingecremt hatte.

Immerhin war das Kleid ein Traum: feinste Baumwolle, hellblau-weiß gestreift, von schlichter Eleganz. Der Rock schwang bei jedem Schritt um ihre Beine und machte dabei ein leise raschelndes Geräusch, das wie ein verführerisches Wispern klang.

Im Licht der Spätnachmittagssonne wirkte das Anwesen einladend und zugleich sehr imposant. Hatte Jane Austen hier wirklich einmal gewohnt? Chris und Peter gaben sich große Mühe, diesen Mythos am Leben zu halten. Seit der Zeit der großen Schriftstellerin hatte das Haus immer wieder den Besitzer gewechselt. Jeder von ihnen hatte Restaurierungen vornehmen lassen. Mauern waren abgerissen und Fußböden erneuert worden. Lou bezweifelte, dass es noch irgendwo neue Beweise für Jane Austens Aufenthalt zu entdecken gab. Zweifle den Mythos nicht an, ermahnte sie sich selbst. Diese Legende war wenigstens ein gutes Gesprächsthema.

Sie hob ihren Rock an, stieg die Stufen hinauf und fragte sich, ob man ihre Strumpfhalter sehen konnte. Diese lächerlichen Bänder hatte sie auf dem kurzen Weg bereits einmal neu binden müssen.

In genau diesem Moment schwang die Haustür auf, und Chris kam ihr entgegen. Er war eine prächtige Erscheinung in seiner kastanienbraun und goldgelb gestreiften Weste, einem blauen Jackett und Breeches -Kniebundhosen - aus Wildleder. „Loulou, mein Liebes, wie wundervoll du aussiehst!“

„Du auch, Chris. Am besten gefällt mir diese Uhrkette, die direkt auf dein bestes Teil zeigt.“

„Ist das nicht fabelhaft? Komm herein, Darling, wir versammeln uns gerade fürs Dinner. Du musst die anderen kennenlernen. Rob, mein Lieber, nimm Loulou - Verzeihung, es muss natürlich heißen Mrs Connolly - Schirm, Handschuhe und den Hut ab. Das ist Rob, unser Oberlakai, der all deine Wünsche erfüllen wird. Er wird dich jetzt nach oben führen, damit Di dich für die Abendgesellschaft zurecht machen kann.“

Höflich verbeugte sich der junge Mann und nahm ihr die Sachen ab. „Wenn Sie mir bitte folgen würden, Ma‘am.“

Lou stieg hinter ihm eine Treppe hinauf und musterte seine breiten Schultern und muskulösen Waden. Falls er sich in seiner dunkelblauen Samtlivree mit den protzigen Goldborten unbehaglich fühlte, zeigte er es nicht. Er wirkte bemerkenswert selbstsicher. Und er war süß. Verdammt, so niedlich wie einige von Julians Studenten - jung und ernsthaft und unschuldig.

„Wie lange arbeiten Sie schon in diesem Haus, Rob?“

„Zwei Wochen, Ma‘am“, antwortete er, als sie den Treppenabsatz im ersten Stock erreichten.

„Gefällt es Ihnen hier?“

„Ja, Ma‘am“, sagte er und schenkte ihr ein bezauberndes Lächeln.

„Stammen Sie aus dieser Gegend?“

„Ja.“ Er blieb stehen und öffnete eine Tür. „Ja, Ma‘am, wollte ich sagen. Das ist Ihr Zimmer. Miss Di ist Ihre Zofe.“

Er gab den Schirm und ihre anderen Sachen einem Mädchen, das anmutig knickste. „Ich werde Ihnen helfen, sich für das Dinner anzukleiden, Ma‘am.“

Lou sah sich neugierig in dem großen Raum um.

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