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Im Paradies deiner Küsse

1. KAPITEL

Der Lärm der Rotoren machte es unmöglich, sich während des Helikopterfluges zu unterhalten. Umso besser! Denn Finn hatte keine Ahnung, was er zu der zierlichen Frau an seiner Seite sagen sollte. Wie erstarrt saß sie neben ihm und umklammerte krampfhaft den Sicherheitsgurt. Offensichtlich starb sie gerade tausend Tode.

Was, zum Teufel, hatte Simon sich dabei nur gedacht?

„Ich habe einen großartigen Ersatz für Anya Pirelli gefunden“, hatte sein Produzent geschwärmt. „Du wirst schon sehen, sie ist einmalig!“

Finn war von Anfang an nicht überzeugt gewesen. Was sollte denn diese winzige Person als Stargast in seiner Sendung? Diese Miniaturausgabe einer Frau? Sie reichte ihm ja noch nicht einmal bis zur Schulter!

Insgeheim hatte Finn sich darauf gefreut, die amazonenhafte Tennisspielerin kennenzulernen, die eigentlich hätte auftreten sollen. Auf ihre sportlichen Kurven würden sie nun wohl verzichten müssen.

Die Frau neben ihm, angeblich eine Ballerina, war so schlank, dass sie beinah zerbrechlich wirkte. Wahrscheinlich klammerte sie sich deshalb so an ihrem Gurt fest. Sie hatte Angst, beim leisesten Windhauch wegzufliegen …

Apropos Windhauch, anscheinend zog der für den Abend angekündigte Sturm doch schon früher auf. Es sah ganz so aus, als würde das Tropenklima ihnen einen spektakulären Empfang bereiten. Am Horizont türmte sich eine dunkle Wolkenwand auf. Und die Schaumkronen auf den grauen Wellen des Meeres waren selbst vom Helikopter aus gut zu erkennen.

Auch der Pilot runzelte besorgt die Stirn.

Leider wusste Finn nur zu gut, was das bedeutete. Seufzend öffnete er den Sicherheitsgurt und holte seinen Rucksack hervor. In spätestens fünf Minuten würde die Ballerina ihren Gastauftritt absagen und verlangen, dass sie umkehrten. Nach dem Gesichtsausdruck seines Kameramanns zu schließen, dachte dieser genauso. Wenigstens war auf Dave Verlass!

Also wirklich! Hatte Simon ernsthaft geglaubt, diese Frau, dieses … Mädchen sei für eine TV-Sendung über Survivaltraining geeignet? Skeptisch beobachtete Finn seine offensichtlich kurz vor einer Panikattacke stehende Sitznachbarin, die noch immer krampfhaft ihren Gurt umfasste. Nein, dieser Ersatz für die Tennisspielerin Anya war schlicht keiner!

Mit undurchdringlicher Miene begann der Kameramann seine Sachen zusammenzusuchen. Der Rest des Teams würde später nachfolgen. Für den Anfang genügte Dave vollkommen. In den letzten Jahren hatten sie öfter zusammengearbeitet. Auch wenn der Kameramann sich mehr als nur ein Mal über den draufgängerischen Stil seines Chefs beschwert hatte. Insgeheim vermutete Finn, dass Dave nicht minder abenteuerlustig war als er selbst.

Die kleine Ballerina sah aus, als hätte sie noch nie beobachtet, wie jemand einen Rucksack packte. Sie saß vollkommen reglos da.

„Was ist los?“, fragte sie schließlich. Finn las ihr die Worte von den Lippen ab.

Mit dem Finger zeigte er auf die schwarzen Wolken, die sich über der Insel auftürmten, und schrie, so laut er konnte: „Ein Sturm zieht auf. Wir müssen hier raus. Schnell!“

Ihre Lippen bewegten sich erneut. Wahrscheinlich wiederholte sie, was er ihr gerade gesagt hatte.

„Ja, schnell!“, schrie er und nickte.

Sie konnte von Glück reden. Wenn er allein wäre, würde er einfach vom Heli aus ins Wasser springen. Aber für eine Survivalanfängerin war das zu gefährlich. Abspringen würden sie zwar trotzdem, aber über einem Sandstrand. Eigentlich hätten sie beide zusammen an einem Seil herabgelassen werden sollen, doch der Wind machte das nun unmöglich. Nicht, dass es Finn störte. Er hatte sich längst daran gewöhnt, dass in seiner Fernsehsendung selten etwas nach Plan lief. Und wenn er ehrlich war, wünschte er es sich auch gar nicht anders.

„In zwei Minuten“, schrie Finn und deutete nach unten. Als er nach dem Sicherheitsgurt der Ballerina griff, klammerte sie sich nur umso fester daran. Panik stand in ihren Augen. In ihren wunderschönen Augen, wie er überrascht feststellte. Dunkelblau wie das Meer, wenn es nicht gerade stürmte.

Auch wenn er alles andere als ein gefühlloser Mann war, jetzt hatte er wirklich keine Zeit, diese Frau in Watte zu packen! Der Helikopter konnte nicht länger im Sturmgebiet bleiben. Da musste sie leider durch!

„Gurt aufmachen“, rief er und unterstrich seine Worte mit einer Handbewegung. Sie zögerte, doch das durfte er nicht zulassen. Jetzt nur keine kostbaren Sekunden verlieren! Das Leben des Piloten konnte davon abhängen.

„Los!“, schrie er abermals, obwohl sie ihm nun leidtat. Aber aus seiner Zeit beim Militär wusste er, dass Menschen in einer solchen Situation leicht in Panik ausbrachen. Er durfte kein Mitgefühl zeigen. Das würde alles nur noch schlimmer machen.

Mit vor Angst geweiteten Augen öffnete die Ballerina endlich ihren Sicherheitsgurt und stand auf.

Gut so!

Doch auch für Lob war jetzt keine Zeit. Mit Händen und Füßen erklärte er ihr, wie sie sich zu verhalten hatte, wenn sie aus dem Helikopter sprang. Er schrie, sie tat, was er verlangte. Alles würde gut gehen.

Endlich schwebte der Hubschrauber nur knapp drei Meter über dem Strand der Insel, die in der kommenden Woche ihr gemeinsames Zuhause sein würde. Ohne nachzudenken, sprang Finn hinunter, rollte meisterhaft ab und war Sekunden später wieder auf den Beinen. Kurz darauf, wenn auch etwas weniger gekonnt, landete Dave neben ihm im Sand. Nur ein Passagier schien es mit dem Aussteigen nicht so eilig zu haben.

„Springen Sie!“, rief Finn und sah kopfschüttelnd zu der zarten Frau hinauf, die unentschlossen an der offenen Tür des Helikopters stand und angsterfüllt hinunterblickte. „Los, ich fange Sie auf“, fügte er hinzu und breitete die Arme aus.

Im selben Moment landete ungebremst eine Ballerina auf ihm. Offensichtlich hatte sie weniger Ermutigung gebraucht als angenommen. Daher traf sie ihn völlig unerwartet. Trotz ihres Fliegengewichts riss sie ihn um, sodass sie beide im Sand landeten. Ein wenig benommen beobachtete Finn, wie der Hubschrauber in die Höhe stieg und davonflog.

Schwer atmend schloss er die Augen. Der feuchte Sand kühlte seinen Rücken, während eine zitternde Ballerina ihn von oben wärmte.

„T…tut mir schrecklich leid!“, sagte sie stockend, ohne sich zu rühren. Anscheinend stand sie noch immer unter Schock.

Sie hätte sich nicht zu entschuldigen brauchen. Er liebte Überraschungen, selbst wenn sie in Form von fliegenden Ballerinas auftraten. Um nichts in der Welt würde er auf diesen Cocktail aus Adrenalin und Glückshormonen verzichten wollen. Auf einmal fand er seinen Humor wieder und lachte gelöst. Der Stress war vorbei.

„Wie heißen Sie gleich noch mal?“, erkundigte er sich, während er in die dunkelblauen Augen sah, die nun nur wenige Zentimeter von seinen entfernt waren.

„Allie …“, begann sie, doch ihr versagte die Stimme. „Allegra“, stieß sie schließlich hervor.

Der Himmel war stahlgrau. Und nach den heftigen Windböen zu schließen, die an ihrem Haar zerrten, würde der Tropenregen nicht mehr lange auf sich warten lassen.

„Na, dann los, Allie-Allegra“, erwiderte er lächelnd, bevor er sie schwungvoll neben sich in den Sand rollte. So leicht, wie sie war, sollte er sie vielleicht am besten an einer Palme festbinden, wenn der Sturm begann.

Geschmeidig sprang er auf und hielt ihr noch breiter lächelnd die Hand hin. „Willkommen im Paradies!“

2. KAPITEL

Zwei Tage zuvor

Angespannt stand Allegra auf der Seitenbühne, während die Ballettgruppe an ihr vorbei auf die Hauptbühne des Royal Opera House tänzelte.

Atmen, rief sie sich ins Gedächtnis. Tief durchatmen. Diese Schrittkombinationen hast du mehr als tausend Mal geübt. Dein Körper weiß, was er zu tun hat. Hab Selbstvertrauen!

Außerdem war es jetzt für weitere Proben auch schon zu spät. In fünf Minuten musste sie auf der Bühne sein.

Trotzdem begann sie die Eröffnungssequenz im Kopf durchzuspielen. Wie von selbst vollzogen ihre Arme und Beine kleine Bögen und Wendungen. Zum Springen war hier leider nicht genügend Platz.

Frustriert brach sie ab, zog ihre Strickjacke aus und warf sie in eine Ecke. Dann ging sie wieder in Position. Während sie dem Spiel des Orchesters lauschte und der Ballettgruppe zusah, dehnte sie ihre Muskeln.

Stell dir vor, es sei die Generalprobe! Nur ein weiterer Übungslauf.

Leider sank ihr Adrenalinspiegel trotzdem nicht. Es war eben keine Generalprobe, sondern die Premiere!

Und was für eine! Eine Uraufführung. Diese Rolle hatte man ihr auf den Leib geschrieben. Nur um zu beweisen, dass das einstige Wunderkind, die „Baby-Ballerina“, auch nach sieben Jahren im Geschäft nichts an Glanz und Glamour verloren hatte. Dieses neue Ballett, „Die kleine Meerjungfrau“, sollte die Kritiker endlich zum Schweigen bringen. Seit Jahren schon prophezeiten sie, dass Allegra Martin trotz ihres kometenhaften Aufstiegs nur ein Sternchen am Balletthimmel bleiben würde.

Spätestens mit zwanzig würde sie sich einen anderen Job suchen müssen, hatte man ihr vorausgesagt. Mittlerweile war sie dreiundzwanzig und fürchtete mit jedem Tag mehr, ihre Kritiker könnten am Ende recht behalten. Aus diesem Grund kostete es sie jeden Tag mehr Überwindung, die Ballettschuhe überzustreifen. Irgendwann würde ihre Karriere vorbei sein.

Aber nicht heute Abend! Auf keinen Fall heute Abend! Ihr Vater würde so enttäuscht sein.

Um sich auf andere Gedanken zu bringen, überprüfte sie noch einmal ihr Kostüm. In dieser Rolle trug sie kein steifes Tutu. Ein fließendes Kleid aus dunkelblauem und türkisfarbenem Chiffon umspielte ihre zarten Kurven. Und anders als sonst trug sie das dunkle Haar nicht hochgesteckt, sondern offen, sodass es ihr in sanften Wellen über die Schultern fiel. Nur an den Seiten hatte sie einzelne Strähnen mit Nadeln zurückgesteckt.

Jetzt stimmte das Orchester ein neues Thema an.

Gleich bin ich dran! Konzentration! Allegra schloss die Augen und atmete tief durch.

Plötzlich tauchten die dunklen Augen eines Mannes vor ihr auf, die ihr neckend zuzwinkerten.

Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Wo war denn dieses Bild auf einmal hergekommen? Jetzt schlug ihr Herz gleich doppelt so schnell. Sie musste ihre Gedanken unter Kontrolle bringen. In weniger als einer Minute musste sie auf die Bühne.

Und dann sah sie wieder diese Augen vor sich – nur dieses Mal erblickte sie auch noch die dazugehörigen Lippen. Ein anziehender, maskuliner Mund, der sich zu einem warmen, ein wenig frechen Lächeln verzog.

Das musste wohl am Stress liegen!

Andere Tänzerinnen hatten ihr oft von den sonderbaren Gedanken erzählt, die ihnen unmittelbar vor einem Auftritt durch den Kopf gingen. Aber sie hatte solche Probleme bisher nie gehabt. Keine plötzlichen Grübeleien, was sie wohl später zum Abendbrot essen würde oder ob sie auch das Bügeleisen abgeschaltet hatte.

Wieso, zum Kuckuck, tauchte sein Bild vor ihrem geistigen Auge auf?

Das eines Mannes, den sie nicht einmal kannte.

Was hatte er in so einem wichtigen Moment in ihren Gedanken verloren? Es war wirklich sehr sonderbar! Und so ziemlich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

In diesem Moment spielten die Violinen die Melodie, die den Auftritt der Meerjungfrau ankündigte. Glücklicherweise hatte Allegra sich so gut vorbereitet, dass ihr Körper reflexartig die richtigen Bewegungen ausführte, ohne sich groß um den abwesenden Geist der Besitzerin zu bekümmern.

Jetzt stand sie mitten auf der Bühne. Für einige Sekunden schwiegen die Instrumente. Das Publikum schien den Atem anzuhalten.

Allegra spürte die gespannten Blicke der Zuschauer. Ihretwegen waren sie gekommen. Sie durfte sie nicht enttäuschen, denn ihre Aufgabe bestand darin, sie zu begeistern, zu verzaubern und in eine andere Welt zu versetzen. Und als sie die Arme hob und in einer Reihe von zierlichen Sprüngen über die Bühne wirbelte, wünschte sie nichts sehnlicher, als dass sie sich selbst in eine andere Welt versetzen könnte. In eine Welt, in der niemand etwas von ihr erwartete, wo sie niemanden enttäuschen konnte.

Ich weiß Bescheid, dachte sie, während sie das Publikum in ihren Bann zog, ihm vorgaukelte, dass sie die kleine Meerjungfrau war. Ballett war nur von außen glamourös. Eigentlich war es ein knallhartes Geschäft. Schwerstarbeit. Und nicht wenige verkauften ihre Seele, um im Rampenlicht zu stehen. Mit welcher Begeisterung hatte sie sich in diese Welt gestürzt – und nun gab es kein Entrinnen mehr! Sie hatte keine andere Wahl.

„Sie waren großartig, Schätzchen“, säuselte die elegant gekleidete Frau, deren Namen Allegra vergessen, hatte.

„Danke“, erwiderte sie lächelnd. „Aber das Lob gebührt eigentlich Damien für die wundervolle Choreografie.“

„Unsinn“, ereiferte sich die Frau. „Sie waren der Star des Abends!“

So? Irgendwie kam Allegra alles so unwirklich vor. Die herausgeputzten Menschen mit ihren Champagnergläsern, die sie betrachteten, wenn sie meinten, sie würde es nicht merken, und sofort wegsahen, wenn sie sich zu ihnen umwandte. Wie sie diese After-Show-Partys satthatte!

„Entschuldigen Sie mich“, sagte Allegra abwesend. „Ich glaube, dort drüben steht mein Vater.“

„Ach?“ Neugierig sah die Frau sich um. „Natürlich, dort drüben an der Bar. Und was für ein außerordentlich begabter Dirigent Ihr Vater ist! Wahrscheinlich ist es für Sie eine große Beruhigung, ihn bei Ihren Auftritten in unmittelbarer Nähe zu wissen?“

Nein, eigentlich gar nicht, hätte Allegra am liebsten geantwortet. Im Gegenteil. Ihr Vater ließ ihr kaum Raum zum Atmen. Wie oft hatte sie sich gewünscht, er wäre Bauarbeiter oder Lehrer oder … egal, was! Hauptsache nicht Dirigent. Dann würde er ab und zu hinter der Bühne stehen wie alle anderen Eltern. Vielleicht wäre er sogar stolz auf seine Tochter, anstatt sie pausenlos mit den Augen des Managers und Mentors zu betrachten.

Doch das ging die Frau natürlich nichts an. Also lächelte Allegra ihr nur noch einmal höflich zu und benutzte ihren fabelhaften Vater als Vorwand, um sich geschickt aus der Affäre zu ziehen.

Die Medien liebten das berühmte Vater-Tochter-Paar. Der untröstliche Witwer und das elfenhafte Kind, das in die Fußstapfen seiner Mutter trat und ebenfalls Ballerina wurde. Manchmal hasste Allegra ihn dafür, dass er so gern im Rampenlicht stand. Dabei wusste sie ganz genau, dass ihr Vater eigentlich nur vor der Einsamkeit floh. Dass er alles dafür geben würde, um ihre Mutter wieder lebendig zu machen. Doch das ging natürlich nicht, also gab er sich mit dem Nächstbesten zufrieden: mit seiner Tochter, die nun alt genug war, um die Rollen ihrer Mutter zu tanzen.

Aber nicht heute. Diese Rolle gehört ganz und gar mir, dachte Allegra. Ausnahmsweise würden die Kritiken keine Vergleiche mit ihrer Mutter enthalten.

Entschlossen bahnte sie sich einen Weg durch die Menschenmenge. Nur mit Mühe gelang es ihr, die ganzen Gratulanten abzuschütteln, die auf ein Wort von ihr warteten. Ja, sie war der Star des Abends. Aber sie wollte sich mit niemandem unterhalten. Weder mit denen, die sie kannte und die sie entweder beneideten oder idealisierten. Noch mit denen, die sie nicht kannte, die zu ihr aufsahen und sie für eine Art magisches Wesen zu halten schienen. Mit einem Talent gesegnet – oder verflucht –, von dem sie nur träumen konnten.

Gibt es denn niemanden auf dieser Welt, der über die Tutus und Ballettschuhe hinwegsehen kann? Der einfach nur mich sieht?

Um Allegra herum pulsierte das Leben. Menschen unterhielten sich, lachten ausgelassen und genossen den Augenblick. Sie selbst verspürte gar nichts. Nur eine innere Leere.

Schließlich hatte sie ihren Vater erreicht. Mit dem Rücken zu ihr lehnte er an der Bar und unterhielt sich mit dem künstlerischen Leiter des Balletts. Gerade wollte sie sich bemerkbar machen, da fiel auf einmal ihr Name. Die Männer schienen nicht besonders glücklich.

Hatte sie ihre Erwartungen nicht erfüllt? Waren sie enttäuscht von ihr? Panik ergriff sie, schnürte ihr die Luft ab. Schnell tauchte Allegra wieder in der Menge unter. Bahnte sich einen Weg nach draußen, zur Tür hinaus und die schmale Holztreppe hinab ins Foyer. Sie eilte an den Garderoben vorbei und durch die großen Drehtüren hinaus in die Nacht. Auf dem Pflaster von Covent Garden blieb sie stehen.

Was tue ich hier eigentlich?

Sie konnte doch nicht einfach weglaufen! Ihr Vater wartete auf sie. Vom Direktor des Royal Opera House, einigen Geldgebern und einem weniger bekannten Mitglied der königlichen Familie einmal ganz zu schweigen. Sie musste zurück.

Nein, schrie ihr Körper. Es reicht! Sie konnte wirklich nicht mehr. Seit sechs Uhr früh war sie schon auf den Beinen. Die anstrengenden Proben und der aufregende Auftritt hatten sie ausgelaugt. Doch ihr Pflichtgefühl siegte.

Sie atmete noch einmal tief durch. Dann kehrte sie um. Zurück in die Menschenmenge, vor der sie eben davongerannt war.

Verschlafen blinzelte Allegra in die Dunkelheit. Dann rollte sie sich auf die Seite und sah auf ihren Radiowecker. Definitiv zu spät, um immer noch wach zu sein! Oder zu früh zum Aufstehen, je nachdem, wie man es betrachtete.

Aber im Grunde war es ja auch egal. Nach einer großen Premiere hatte sie immer Schlafprobleme – durch die Anspannung vor den Kritiken, die am nächsten Morgen in den Zeitungen erscheinen würden.

Seufzend tastete sie in der Dunkelheit nach der Fernbedienung. Kurz darauf durchflutete bläuliches Licht das Zimmer. Schnell stellte sie den Fernseher leise. Hoffentlich hatte sie ihren Vater nicht aufgeweckt!

Lustlos zappte sie durch die Kanäle. Um diese Uhrzeit gab es wirklich überhaupt nichts im Fernsehen. Nur Dauerwerbesendungen und Testbilder. Ärgerlich schaltete sie weiter. Doch dann erstarrte sie plötzlich.

Dunkle Augen zwinkerten neckend in die Kamera, und ein unwiderstehliches Lächeln brachte ihr Herz zum Klopfen. Diese Augen hatte sie schon einmal gesehen – in ihrer Fantasie!

Finn McLeod? Wow, sah der gut aus! Ganz männliche Abenteuerlust mit dunklen Strähnen, die ihm ins markante Gesicht fielen, und einem sexy Dreitagebart. Also wiederholten sie seine Survivalshow, „Die Abenteuer des Furchtlosen Finn“, jetzt im Nachtprogramm? Das hatte sie gar nicht gewusst. Vielleicht war das auch gut so. Nächtelang könnte sie ihn dabei beobachten, wie er Wasserfälle hinabsprang und Berggipfel erklomm. Aber eine müde Ballerina würde beim Management des Royal Opera House sicher nicht besonders gut ankommen.

Seufzend schob Allegra ihr Kissen zurecht. Manchmal fühlte sie sich steinalt. Und das mit dreiundzwanzig! Das konnte doch nicht normal sein. Seit Jahren befand sie sich in der gleichen Tretmühle aus Tanztraining, Proben und Auftritten. Wen wunderte es da, dass sie sich nach etwas Neuem sehnte?

Gerade erklärte Finn McLeod mit seinem angenehmen schottischen Akzent, wie und wo man in den Bergen etwas zu essen finden konnte, wenn man das Pech hatte, sich dort zu verlaufen.

Allegra lächelte. Interessant! In Kienäpfeln waren die nahrhaften Samen von Kiefern enthalten – und in der Gastronomie nannte man diese Pinienkerne. Wie oft hatte sie schon Pinienkerne gegessen, ohne darüber nachzudenken, woher sie kamen?

Darum liebte sie „Die Abenteuer des Furchtlosen Finn“. Diese Sendung erinnerte sie daran, dass sie jung war – und dass es noch so vieles auf der Welt gab, wovon sie nicht einmal etwas ahnte. Oh, was würde sie darum geben, auf diesem Berg zu stehen, die frische Luft zu atmen und nach Pinienkernen zu suchen!

Jetzt wandte Finn sich um und lächelte selbstbewusst in die Kamera. Dann stieß er sich von dem felsigen Flussufer ab und sprang kopfüber in das strudelnde Wasser.

Okay, vielleicht liebte sie diese Sendung nicht nur wegen der Naturaufnahmen und lehrreichen Überlebenstipps. Aber Finn McLeod war so … so …

Eigentlich wusste Allegra nicht so genau, was er war. Sie wusste nur, dass sie sich lebendig fühlte, wenn sie ihn sah. Dass er ihre Gedanken beflügelte und sie zum Träumen anregte.

Ein weiterer Nebeneffekt ihrer Ballettkarriere war, dass sie bisher kaum Erfahrung mit Männern hatte. Seit sie denken konnte, stand Ballett im Mittelpunkt ihres Lebens. So musste es auch sein, wenn man etwas erreichen wollte. Aber langsam beschlich sie das Gefühl, dass ihre Welt zu klein und zu eng war. Dass es mehr geben musste als Proben und Ballettstudios. Und wenn sie diesen großen, gut gebauten Mann sah, der vor Abenteuerlust – und Testosteron – nur so zu strotzen schien, wollte sie ausbrechen. Die Welt kennenlernen. Und ihn.

Allegra spürte, wie sie in der Dunkelheit errötete. Sie benahm sich ja wie ein verliebter Teenager, der für einen Popstar schwärmte!

Und wenn schon? Jeder hatte seine kleinen geheimen Sünden, oder? Finn McLeod war ihre. Wenn der Tag anbrach, würde sie wieder vernünftig sein. Doch bis dahin gehörte sie ganz ihren Träumen – und diesen unwiderstehlichen braunen Augen.

Auf dem Gletscher eines Berges zu stehen und den Sonnenaufgang zu beobachten gehörte definitiv zu Finn McLeods Lieblingsbeschäftigungen. Eben noch war der Himmel kobaltblau gewesen. Jetzt färbte sich der Horizont rosa.

„Wow!“, sagte der berühmte Hollywoodschauspieler an seiner Seite. „Das ist wirklich fantastisch!“

„Absolut“, bestätigte Finn. Es gab keine bessere Art, einen Tag zu beginnen.

Gemeinsam mit dem Actionstar Tobias Thornton beobachtete er, wie der Himmel feuerrot erstrahlte. Hollywood mit all seiner Filmkunst würde doch niemals an das Original heranreichen!

„Der Helikopter muss jeden Augenblick hier sein“, stellte er mit einem kurzen Blick auf die gepackten Rucksäcke fest.

Eine Sekunde später hing ein zwei Meter großer Actionfilmstar an seinem Hals und umarmte ihn. „Danke, Mann!“, sagte Toby leise.

„Gern geschehen“, erwiderte Finn. Mit einem solchen Gefühlsausbruch hatte er nicht gerechnet. Immerhin waren sie in der vergangenen Woche überwiegend damit beschäftigt gewesen, dieser Eiswüste lebend zu entkommen.

„Für mich war die Zeit mit dir in dieser Einöde eine Erfahrung, die mein Leben verändert hat. Ehrlich!“ Toby ließ die Arme sinken und wandte sich wieder dem Sonnenaufgang zu. „Endlich konnte ich einmal den Alltag hinter mir lassen. Jetzt weiß ich wieder, wer ich bin.“

Finn nickte schweigend. Ja, die Natur hatte diesen Effekt auf Menschen. Deswegen fühlte er sich hier ja auch so wohl. Hier auf diesem Gletscher und überall dort, wo von Menschenhand geschaffene Strukturen, Stromleitungen und Mobilfunknetze meilenweit entfernt waren. Dann fühlte er sich lebendig.

„Ich werde nie wieder derselbe sein wie zuvor!“

Finn runzelte die Stirn. Normalerweise bereiste er solche Orte allein, um die Stille genießen zu können. Aber mit dem gesprächigen Schauspieler an seiner Seite würde es wohl kaum dazu kommen.

Die Produktionsfirma hatte allerdings darauf bestanden, dass er in der fünften Staffel von „Die Abenteuer des Furchtlosen Finn“ jede Woche von einem anderen Stargast begleitet wurde. Ihm hatte das vorherige Format viel besser gefallen. Jede Woche in einer anderen unberührten Landschaft, Überlebenstipps und Informationen über bedrohte Tierarten. Das reichte doch wohl, oder?

Den Fernsehproduzenten hatte es anscheinend nicht genügt. Sie behaupteten, er sei zu kompetent. Was für ein Unsinn! Gerade weil er sich in der Wildnis so gut auskannte, hatten sie ihm doch vor vier Jahren diesen Job gegeben. Aber leider konnten sich diese Anzugträger nicht mehr daran erinnern.

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Viel Spaß!



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