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Im Palazzo der süßen Träume

1. KAPITEL

Beim Anblick von Venedig kannte Beths Begeisterung keine Grenzen. La Serenissima, wie diese Stadt liebevoll genannt wurde, stieg aus dem Nebel, der über der Lagune lag, auf wie ein Edelstein. Überall hörte man das Wasser an die Bohlen und an die Mauern plätschern, es klang wie ein leises, liebevolles Flüstern. Es fiel Beth nicht schwer, sich mit der melancholischen Atmosphäre, die über der Stadt zu liegen schien, zu identifizieren. Sie war weit weg von zu Hause, und bei der Aussicht, in wenigen Minuten ihre neue Stelle im Kunsthaus Francesco Fine Arts anzutreten, wurde ihr ganz flau im Magen. Mir wird es dort gefallen, versuchte sie sich immer wieder einzureden. Aber momentan war sie nur müde, sie fühlte sich einsam und allein und hatte Angst vor dem Neubeginn. Zu viel war in den letzten Jahren geschehen, womit sie hatte fertig werden müssen. Die unsterbliche Schönheit und die heitere Gelassenheit Venedigs standen in krassem Gegensatz zu dem Durcheinander, das jahrelang in ihrem Leben geherrscht hatte. Der Tod ihres Vaters hatte sie zutiefst erschüttert, und die Probleme, mit denen sie sich danach konfrontiert sah, hatten sie völlig aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht. Sie besaß nicht länger die finanzielle Sicherheit, die ihr Vater ihr geboten hatte, und musste sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen.

Plötzlich gerieten einige der Passagiere in dem Boot in helle Aufregung. Ein halbes Dutzend Venezianerinnen brachen in Begeisterungsrufe aus, und dann blickten auch alle anderen Passagiere hinaus in den Nieselregen. Alle redeten gleichzeitig, und beobachteten das Schnellboot, das in seiner ganzen Pracht mit hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbeibrauste. Falls es hier Geschwindigkeitsbegrenzungen gab, hatte dieser Freizeitkapitän, der das Boot steuerte, sie bestimmt überschritten. Der Mann zog genauso viele Blicke auf sich wie das Boot selbst. Er war groß, schlank und wirkte mit der strengen, abweisenden Miene völlig konzentriert. Eine Hand lag auf der Holzverkleidung, während er mit der anderen steuerte. Beth hielt den Atem an und sprang unvermittelt auf. Sie kannte den Mann.

„Meine Güte! Was macht er denn hier?“, rief sie aus. Erst als die Leute um sie herum sie belustigt ansahen, wurde ihr wieder bewusst, wo sie sich befand. Mit einem verlegenen Lächeln setzte sie sich hin und murmelte eine Entschuldigung. Vor lauter Stress werde ich noch verrückt, dachte sie. Luca war Berufssoldat und wäre bestimmt der Letzte, der ein Luxusschnellboot durch Venedigs Wasserstraßen steuerte. Genauso unvorstellbar war, dass er einen eleganten maßgeschneiderten Anzug trug. Das war jedoch kein Trost, denn der Schmerz über das Ende der Beziehung war auch nach all den Jahren noch ihr ständiger Begleiter. Schweigend und wehmütig beobachtete sie, wie das Boot in der Ferne verschwand. Der Mann, der Luca so ähnlich sah, schien eine wichtige Persönlichkeit zu sein. Aber wer auch immer er sein mag, dachte Beth, er hat mich nicht mal wahrgenommen.

Und damit hatte Beth recht. Menschen, die aus eigener Kraft Millionär geworden waren, hatten kaum noch Zeit für Normalsterbliche. Da bildete Luca Francesco keine Ausnahme. An diesem Morgen quoll sein Terminkalender förmlich über. Glücklicherweise würde heute endlich Ben Simpsons Lieblingssekretärin, oder besser gesagt, seine persönliche Assistentin aus England eintreffen. Die Frau musste eine Heilige sein, denn nur so konnte sie es schaffen, mit ihm zurechtzukommen.

An der Anlegestelle von Francesco Fine Arts überließ es Luca seinem Mitarbeiter, das Boot festzumachen, und eilte in das Gebäude. Während er den Knopf für seinen privaten Aufzug drückte, nickte er den Mitarbeitern am Empfang flüchtig zu. Immer noch war er irritiert über Ben Simpson. Der Mann mochte auf seinem Gebiet ein Genie sein, aber ihm fehlte jegliches Fingerspitzengefühl. Die Bitte der Personalabteilung, Bens persönliche Assistentin gleich mitzuengagieren, hatte er gedankenlos abgesegnet. Es war ihm wie eine harmlose Spinnerei vorgekommen. Doch mittlerweile hatte er gemerkt, dass diese Frau für Ben Simpson offenbar überlebenswichtig war.

Schließlich betrat er den Aufzug, und als die verspiegelte Tür lautlos hinter ihm zuglitt, verzog Luca das Gesicht. Das letzte Glas Rotwein gestern Abend war eindeutig eins zu viel gewesen. Er war nach Florenz geflogen, um den Spitzenwein seines Freundes Guido zu probieren. Und wieder wie schon seit fünf Jahren waren sie sich einig, dass der diesjährige Wein noch besser war als der vorige. Auch wenn sich seine Begeisterung über derartige gesellschaftliche Verpflichtungen in Grenzen hielt, spielte Luca mit und tat, was man von ihm erwartete. Und genau deshalb hatte er das letzte Glas auch noch getrunken. Glücklicherweise war sein Chauffeur zugleich auch Pilot und hatte ihn vor wenigen Stunden nach Venedig zurückgeflogen. Zum Schlafen war er nicht mehr gekommen. Für seinen Geschmack erhielt er viel zu viele Einladungen, die er annehmen musste, sodass seine knappe Zeit noch knapper wurde.

Während Ben Simpson auf die Ankunft seiner persönlichen Assistentin wartete, die noch einige persönliche Dinge in England erledigen musste, hatte Luca sich mit ihm seine eigene Assistentin Andria geteilt. Obwohl er die angeblich so wunderbare und in jeder Hinsicht perfekte Sekretärin noch nicht kannte, war er der Meinung, die Frau hätte schon jetzt eine Gehaltserhöhung verdient. So wie er an diesem Morgen aufgelegt war, würde das nächste Problem mit Ben bestimmt mit einem großen Krach enden.

Als Beth ihre neue Arbeitsstätte betrat, klopfte ihr das Herz zum Zerspringen. Ben holte sie am Empfang ab und führte sie durch das alte Gebäude. Überall herrschte geschäftiges Treiben, und ihr erster Eindruck war, dass das Unternehmen wie jede andere internationale Gesellschaft mit einem Millionenumsatz mit der modernsten Kommunikationstechnologie ausgestattet war. Während sie die wertvollen Wandteppiche betrachtete, überlegte Beth, ob sich dahinter geheime Gänge verbargen. Die Menschen in der Renaissance waren sehr auf ihre Sicherheit bedacht gewesen, denn damals standen nicht nur große Vermögen auf dem Spiel, sondern oft genug war auch das eigene Leben in Gefahr.

Nachdem sie eine verwirrende Anzahl von Fluren entlang gelaufen waren, verlor sogar Ben die Orientierung. Immer wieder musste er sich von anderen Mitarbeitern den Weg zu seinen Büroräumen erklären lassen. Beth nutzte die Gelegenheit, sich die Umgebung genauer anzuschauen. Bewundernd betrachtete sie die antiken Beistelltische und die Stühle mit den hohen, mit Schnitzerei verzierten Lehnen, die in regelmäßigen Abständen auf den Fluren standen. Ihrem Vater hätte es hier gefallen, er war ein Liebhaber von Antiquitäten gewesen, die in diesem Gebäude überreichlich zu finden waren. Jedes Mal, wenn Gerald Woodbury unterwegs gewesen war, um seine Sammlung zu ergänzen, kam er mit mindestens einem exklusiven Stück zurück, von dem er sich dann nicht mehr trennen konnte. Dummerweise schrumpfte sein Kapital mit derselben Geschwindigkeit, wie er sein geliebtes Rose Cottage mit Antiquitäten füllte.

Endlich in ihrem neuen Büro angekommen, begann Beth sogleich damit, Ordnung in Bens Arbeitsalltag zu bringen. Die beiden Räume waren durch eine Tür verbunden, und sie konnte ihren Chef mühelos davon überzeugen, in den hinteren Raum umzuziehen. Dann wurde er nicht so oft abgelenkt, und alle, die etwas von ihm wollten, mussten sich erst bei ihr anmelden. So hatte sie die Kontrolle über seine Termine.

Nachdem das erledigt war und Beth sich mit dem hochmodernen Kommunikationszentrum und dem Computer vertraut gemacht hatte, passierte das erste Unglück. Während sie gerade ein Programm aufrief, rief Ben aufgeregt:

„Beth! Was soll ich nur machen? Ich habe mich auf meine Brille gesetzt und sie zerbrochen!“

„Ihre Ersatzbrille müsste doch in der obersten Schublade rechts in Ihrem Schreibtisch liegen. So hatten wir es immer gehandhabt.“

„Ja, ich weiß. Aber es war schon die Ersatzbrille. Gleich nach meiner Ankunft ist ein Glas der anderen Brille zerbrochen.“

Beth telefonierte herum und legte wenig später ihrem Chef einen Zettel auf den Schreibtisch.

„Nur keine Panik, alles lässt sich reparieren, wie Sie sehen. Hier sind Name und Adresse eines Optikers, der Englisch spricht. Man erwartet Sie dort.“

Mit strahlender Miene stand Ben auf und zog das Jackett über. „Falls Signor Francesco mich jemals fragt, warum ich auf Ihre Mitarbeit nicht verzichten kann, weiß ich, was ich ihm erzähle.“ Lächelnd und erleichtert verschwand er.

Kurz darauf läutete Bens Telefon, und schon wieder musste Beth ihren Chef aus einer unangenehmen Situation retten.

„Oh – Sie sind sicher Beth“, ertönte eine freundliche weibliche Stimme. „Ich bin Andria, Signor Francescos persönliche Assistentin. Könnten Sie Ben bitten, zu Signor Francesco zu kommen und die Unterlagen für die Tagung nächsten Monat mitzubringen? Die beiden können es sich in der Lounge hier oben auf der Direktionsetage bei einem Kaffee gemütlich machen.“

„Das tut mir leid, Andria, Ben musste dringend weg. Er ist gerade aus dem Haus gegangen.“

Andria zog die Luft scharf ein, ein deutliches Warnsignal, wie Beth vermutete. Natürlich musste sie retten, was zu retten war, und erklärte: „Ich kann Ihnen die Unterlagen selbst bringen, sie liegen vor mir auf dem Schreibtisch.“

„Fein.“ Andrias Erleichterung war nicht zu überhören. „Signor Francesco ist wirklich ein guter Vorgesetzter, aber was die Arbeit betrifft, versteht er keinen Spaß. Wenn er das Gefühl hätte, ich würde ihm eine Kaffeepause verordnen, ohne dass er dabei irgendetwas Sinnvolles tun kann, müsste ich mich auf ein Donnerwetter gefasst machen.“

Beide lachten. Dann steckte Beth die Unterlagen in Klarsichthüllen und kam zu dem Schluss, dass eine ihrer Hauptaufgaben wahrscheinlich darin bestand, Ben vor sich selbst zu schützen. Er hatte ein besonderes Talent dafür, sich in die Nesseln zu setzen, und brauchte jemanden, der dafür sorgte, dass er den Firmenchef nicht verärgerte. Deshalb war es eigentlich kein Wunder, dass Ben darauf bestanden hatte, sie mitzunehmen. Dass sie jedes Mal zusammenzuckte, wenn sie den Namen ihres neuen Arbeitgebers hörte, war ihr eigenes Problem. Früher oder später würde sie es bestimmt überwinden.

Als Ben ihr erzählte, Francesco Fine Arts hätte ihm ein verlockendes Angebot unterbreitet, hatte sie ein seltsames Unbehagen verspürt. Obwohl Francesco ein häufiger Name war, hatten ihre Nerven sogleich angefangen zu flattern. Doch dann war ihr bewusst geworden, wie dumm ihre Reaktion war. Luca Francesco hatte sich nur für seine Offizierslaufbahn interessiert und für sonst nichts, schon gar nicht für Kunst und Antiquitäten. Davon verstand er nichts. Das Unbehagen war sie jedoch nicht mehr losgeworden, völlig beruhigt wäre sie erst, sobald sie den Firmenchef persönlich kennengelernt hätte. Es wäre eine Erleichterung, mit dem Namen nicht mehr automatisch diesen großen, schlanken Mann verbinden zu müssen, der sie immer noch bis in ihre Träume verfolgte.

Während sie durch ein wahres Labyrinth von Fluren ging, hoffte sie, ihre Italienischkenntnisse würden ausreichen, um sich durchzufragen. Glücklicherweise verstanden alle, die sie nach dem Weg fragte, was sie meinte, und gaben ihr freundlich Auskunft. Höflich lächelnd betrat sie schließlich die Lounge, nachdem sie vorsichtig angeklopft hatte.

Das Lächeln verging ihr, als sie die beeindruckende Gestalt erblickte, die mit dem Rücken zu ihr am Fenster stand. Es war derselbe Mann, der das Schnellboot durch den Kanal gesteuert hatte. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Ein Irrtum war ausgeschlossen, und sie befürchtete, kein Wort herauszubekommen, wenn er sich zu ihr umdrehte. Sein dunkles Haar glänzte genauso wie damals, es war nur etwas länger und reichte bis zum Hemdkragen. Dieser arbeitswütige Multimillionär war der Mann, den sie von ganzem Herzen liebte und nach dem sie sich jahrelang gesehnt hatte.

Lächelnd warf Luca einen Blick über die Schulter – und prompt wurde seine Miene so finster und sein Blick so feindselig, dass Beth insgeheim erbebte. Er war ein ungemein attraktiver Mann, wenn auch nicht schön im eigentlichen Sinn. Ganz besonders auffallend waren sein wie gemeißelt wirkendes Profil, die dunklen Augen und die langen, dichten Wimpern. Mit seiner überaus faszinierenden Ausstrahlung brachte er jede Frau um den Verstand. Beth war da keine Ausnahme. Seltsam, er ist so blass und wirkt müde, ist er etwa krank? schoss es ihr durch den Kopf.

„Was machst du denn hier? Ich glaube es nicht. Wenn das kein Albtraum ist.“ Seine Stimme klang hart, und er sah Beth abweisend an.

Sie war am Boden zerstört. Der Mann, der ihr immer noch viel zu viel bedeutete, freute sich nicht über das Wiedersehen, sondern versuchte, sie einzuschüchtern. Und das gelang ihm auch. Die Erinnerungen an die letzte Nacht in Balacha brannten noch immer in ihr.

„Luca, ich hatte ja keine Ahnung …“, begann sie verwirrt und verlegen. „Ich hätte die Stelle nie angenommen, wenn ich gewusst hätte …“

Mit einer energischen Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. Er verfügte zweifellos über noch mehr Autorität und Durchsetzungsvermögen als damals. Schon immer war er ungemein selbstbewusst aufgetreten, doch jetzt wirkte er geradezu gefährlich. Seine früher so offenen Züge waren streng, er schien auf der Hut zu sein. Die dunklen Schatten unter seinen Augen waren nicht zu übersehen. Beth war entsetzt darüber, wie sehr er sich verändert hatte. Doch sie fühlte sich noch genauso sehr zu ihm hingezogen wie damals, auch wenn die Feindseligkeit und Ablehnung, die von ihm ausgingen, mit den Händen zu greifen waren.

„Ich kann verstehen, dass du wütend auf mich bist, Luca. Mindestens hundertmal habe ich mich hingesetzt, um dir zu schreiben. Aber jedes Mal …“

„Erspar mir deine Lügen, Elizabeth.“ Seine Stimme klang hart. „Ich nehme an, du bist diese perfekte Sekretärin und persönliche Assistentin, auf die Ben Simpson angeblich nicht verzichten kann.“ Er trat auf Beth zu. Als sie zusammenzuckte und zurückwich, fuhr er ärgerlich fort: „Tu bitte nicht so, als hättest du Angst vor mir. Wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Was geschehen ist, ist geschehen, soweit es mich betrifft, gehört unsere gemeinsame Zeit der Vergangenheit an, und ich möchte nicht daran erinnert werden. Mein Interesse gilt ausschließlich dem Hier und Heute.“

Unvermittelt presste er die Hand auf die rechte Schläfe, so als hätte er Kopfschmerzen. Dann fuhr er fort: „Der Vertrag mit dir wird natürlich eingehalten. Ben ist Experte auf seinem Gebiet, ich möchte auf seine Mitarbeit unter keinen Umständen verzichten. Deshalb bin ich bereit, über einiges hinwegzusehen und mich mit deiner Anwesenheit abzufinden. Vielleicht gewöhne ich mich ja früher oder später daran.“

Nur mühsam schaffte sie es, sich zu beherrschen. In den letzten Jahren hatte sie allerhand durchgemacht, viel gelitten und sich mit Problemen konfrontiert gesehen, für die sie nicht verantwortlich gewesen war. Eine ganz andere Sache war Lucas kalter Zorn. Dafür war sie ganz allein verantwortlich. Ob es ihr passte oder nicht, sie musste sich damit auseinandersetzen.

„Keine Angst, ich werde nicht länger als die sechs Monate hierbleiben, wie vereinbart. Es würde mir nicht im Traum einfallen, dir Probleme zu bereiten.“ Es gelang ihr, die Stimme ruhig klingen und sich nicht anmerken zu lassen, wie aufgewühlt sie war. Am liebsten hätte sie die Flucht ergriffen und wäre aus dem Raum gestürmt.

„Solange du hier bist, wirst du Ben in jeder Hinsicht unterstützen. Immerhin ist er mein neuer Direktor.“ Es klang wie ein Befehl.

„Natürlich. Nur deshalb bin ich gekommen“, erwiderte sie scharf. „Aber ich werde so rasch wie möglich eine neue Sekretärin für Ben einarbeiten, sodass ich nicht noch länger hierbleiben muss.“

„Okay. Wichtig ist, dass wir beide wissen, woran wir sind.“ Er zögerte kurz, so als wollte er nicht etwas hinzufügen, und wandte sich dann ab. „Ich lasse uns etwas zu essen und zu trinken kommen.“

Da Beth die kleine Küche am anderen Ende des Raumes entdeckte hatte, stand sie auf, um sich selbst darum zu kümmern, wie es sich für eine gute Chefsekretärin gehörte. „Ich hole uns …“

„Elizabeth, du brauchst mich nicht zu bedienen! Setz dich bitte hin“, forderte er sie kühl auf.

Hastig ließ sie sich in einen der eleganten Sessel sinken und wagte nicht, Luca anzuschauen. Stattdessen betrachtete sie die Magazine vor ihr auf dem niedrigen Tisch, war jedoch nicht in der Stimmung, sie durchzublättern. Nachdem er kurz telefoniert und seine Wünsche durchgegeben hatte, zog er einen Stuhl heran und setzte sich Beth gegenüber. Obwohl er versuchte, es vor ihr zu verbergen, bemerkte sie, dass er sekundenlang das Gesicht vor Schmerzen verzog. Aber sie hütete sich, ihn zu fragen. Schließlich kam eine junge Frau mit einem Tablett herein und stellte zwei Tassen Kaffee und zwei Kuchenteller mit Gebäck auf den Tisch. Daneben legte sie je eine Serviette und eine Kuchengabel.

„Ich hole dir einen Teelöffel, Elizabeth“, verkündete Luca und wollte aufstehen.

„Nein, das ist nicht nötig, die Kuchengabel genügt mir vollauf“, versicherte sie ihm eilig und blickte abwechselnd ihn und die junge Frau an.

„Unsinn.“ Er stand auf, ehe er sich mit einem gewinnenden Lächeln an die Frau wandte und zu Beths Entsetzen erklärte: „Miss Woodbury isst den Kuchen mit Löffel und Gabel.“

„Die Menschen ändern sich, Luca“, stellte sie fest, als er mit dem Teelöffel zurückkam.

„Ich weiß. Deshalb hast du dich ja mit dem Mann auf und davongemacht, den ich für meinen Freund gehalten habe.“

„Was ich bitter bereut habe. Es war ein großer Fehler.“

„Das habe ich dir von Anfang an gesagt.“

Beth nahm den Löffel in die Hand und entgegnete sanft: „Ich finde es gemein, dass du mir meine Fehler vorhältst.“ Sie senkte den Kopf, damit ihre Miene ihm nicht verriet, wie sehr er sie immer noch verletzen konnte.

Nachdenklich sah er sie an. „Ja, du hast recht. Aber in gewisser Weise hast du die Bemerkung provoziert, Elizabeth.“ „Nenn mich bitte Beth, das ist mir lieber“, bat sie ihn leise. „Ich lege keinen Wert mehr auf Förmlichkeiten.“ „So? Es fällt mir schwer, das zu glauben.“ Er nahm die Gabel in die Hand und wollte ein Stück Kuchen abteilen. „Moment, Luca! Du hast das kleinere Stück bekommen! Nimm meins, das ist größer!“ „Für mich hat es genau die richtige Größe. Ich bin kein großer Esser mehr.“

Das sieht man ihm an, dachte sie und musterte ihn besorgt. Sein eleganter maßgeschneiderter Anzug saß perfekt, doch Luca war viel schlanker als damals in Balacha, auch wenn er immer noch ungemein gut aussah.

„Hier in Venedig gibt es keine langen Fußmärsche oder nächtliche Manöver“, fügte er, um eine Erklärung bemüht, hinzu.

„Ich wette, darüber freut sich deine Freundin.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich höre keine Klagen.“

Die Bemerkung schockierte Beth genauso wie sein verächtlicher Blick.

„Du hast dich ja oft genug über mich beschwert, nicht wahr, Elizabeth?“

„Wundert dich das?“, gab sie zurück. „Noch mehr Gewicht solltest du aber nicht verlieren, Luca.“

Ohne den Blick abzuwenden, legte er die Hand auf ihre und vertauschte mit der anderen die beiden Teller.

„Du hast mich überzeugt, ich nehme das größere Stück.“

„Was für ein Glück, dass ich nicht hungrig bin“, erwiderte sie.

Er lehnte sich zurück und lachte schallend. „Höre ich da einen Anflug deiner früheren Schlagfertigkeit heraus, Beth? Ich befürchtete schon, du hättest sie verloren. Aber vielleicht habe ich mich ausnahmsweise einmal getäuscht.“

„Nein, das hast du nicht.“ Sie erinnerte sich noch allzu gut daran, wie sehr sie sich damals über seinen Scharfsinn geärgert hatte. „Du hast natürlich recht, wie immer. In den letzten Jahren ist das Leben nicht gerade sanft mit mir umgesprungen.“

Ehe er antwortete, blickte er sie sekundenlang durchdringend an. „Willkommen im Klub.“ Er streckte die Beine weit von sich. „Nachdem ich aus der Armee ausgeschieden war, blieb mir kaum etwas anderes übrig, als in Venedig in die Firma meines Großonkels einzutreten. Vor zwei Jahren ist er gestorben und hat mir alles hinterlassen, sein Haus und das Unternehmen, das ich erfolgreich ausgebaut habe.“

„Wie bitte? Du hast den Dienst quittiert?“ Sie konnte es nicht fassen.

„So habe ich es nicht ausgedrückt.“

Während sie auf eine Erklärung wartete, schwirrten ihr alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Hatte man ihn etwa entlassen? Er war ein Hitzkopf, das wusste sie, andererseits verstand er es perfekt, sich zu beherrschen.

„Man musste mich gehen lassen.“ Mit regloser Miene zog er eine Packung Tabletten aus der Tasche seines Jacketts und schluckte zwei davon.

„Oh, Luca!“, rief sie aus. „Das …“

Mit einer Handbewegung brachte er sie zum Schweigen und zeigte ihr das Titelbild der neuesten Ausgabe eines Wirtschaftsmagazins, auf dem sein Foto prangte. Die Unterschrift darunter lautete: „Einer der reichsten Männer Europas.“ Was für eine Ironie des Schicksals, die Rollen waren vertauscht, jetzt hatte er viel Geld und sie keins mehr.

„Offenbar hast du mehr Glück gehabt als ich, Luca.“

„Mit Glück hat das nichts zu tun.“ Wieder blickte er sie durchdringend an. „Als ich vor fünf Jahren hier ankam, hatte ich das Gefühl, nicht noch tiefer fallen zu können. Ich war es gewöhnt, Befehle zu erteilen und Verantwortung zu tragen, und fand mich plötzlich in der Rolle des armen Verwandten wieder. Und was noch schlimmer war, ich war vierundzwanzig Stunden am Tag im Haus eingesperrt.“ Er lachte humorlos auf, aber in seiner Stimme schwang kein Selbstmitleid. „Glaub mir, diesen Zustand konnte ich nicht lange ertragen. Ich habe mich zusammengenommen, mich aufgerafft und Francesco Fine Arts auf Vordermann gebracht. Nichts und niemand kann mich aufhalten, noch nicht einmal du, Elizabeth“, fügte er bedeutungsvoll hinzu.

Sie wandte sich ab und aß den Kuchen, der köstlich schmeckte. Dann galt es, sich einen möglichst würdevollen Abgang zu verschaffen.

„Okay, Luca, ich muss jetzt gehen, es wartet viel Arbeit auf mich. Oder gibt es noch etwas zu besprechen?“, fragte sie betont kühl.

„Nein.“

„Ich meine, hinsichtlich Bens Unterlagen für die Tagung.“ „Das hatte ich auch so verstanden.“ Er sah auf seine Armbanduhr, die genauso auszusehen schien wie die, die sie ihm vor Jahren geschenkt hatte.

Beth vermutete jedoch, dass es nicht mehr dieselbe war.

Offenbar wartete er darauf, dass sie noch etwas sagte, denn er machte keine Anstalten aufzustehen. Aber sie brachte keinen Ton mehr heraus und befürchtete, er könnte ihr Herz pochen hören. Als sie ihm in die Augen sah, erinnerte sie sich an die flüchtige Berührung von vorhin. Plötzlich wünschte sie sich, er würde ihr verzeihen und sie wieder so berühren wie früher. Doch das konnte sie vergessen, denn er war der Firmeninhaber und sie nur eine kleine Angestellte, die ihre Gefühle verbergen musste.

Rasch nahm sie sich zusammen. „Ben ist sicher schon wieder da und erwartet mich“, erklärte sie ruhig. „Da er einen Termin beim Optiker hatte, verzichtet er heute auf die Mittagspause, sodass ich auch durcharbeiten werde.“

„Du musst etwas essen“, meinte er völlig unbeeindruckt. „Ich werde veranlassen, dass man dir hier um Punkt eins das Essen serviert. Um die Zeit hast du im Rose Cottage auch immer gegessen, wie du mir damals erzählt hast, oder?“

Als er das Rose Cottage erwähnte, wurden Erinnerungen geweckt, und sie beschloss, aufs Ganze zu gehen. „Du könntest mich ja zum Mittagessen einladen, Luca.“ Sie stand auf.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Heute geht es leider nicht, aber vielleicht ein anderes Mal.“ Er erhob sich ebenfalls und verließ den Raum, ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen.

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