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Im Osten geht die Sonne auf

Über Jutta Voigt

Jutta Voigt, geboren in Berlin, Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität, Redakteurin, Essayistin und Kolumnistin bei den Wochenzeitungen Sonntag, Freitag, Wochenpost und Zeit. 2000 Theodor-Wolff-Preis. Bei Aufbau erschienen: »Der Geschmack des Ostens. Vom Essen, Trinken und Leben in der DDR«, »Westbesuch. Vom Leben in den Zeiten der Sehnsucht«. Zuletzt: »Spätvorstellung. Von den Abenteuern des Älterwerdens«. Neu im Aufbau Verlag erscheinen 2016 von Jutta Voigt: »Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens« und »Verzweiflung und Verbrechen. Menschen vor Gericht«.

Informationen zum Buch

Es sind ganz alltägliche Begebenheiten: Ein Besuch beim Friseur, ein Fenstergespräch zwischen Nachbarn, eine Scheidung. Jutta Voigt sammelt sie in ihren Reportagen und Feuilletons aus den letzten zehn Jahren der DDR sowie dem ersten Jahrzehnt der neuen BRD. Und so vermitteln diese scheinbar alltäglichen Dinge einen spannenden Eindruck vom ostdeutschen Lebensgefühl. Mit allen guten und schlechten Seiten, ohne zu werten oder zu moralisieren entsteht hier ein zeitloser und noch immer aktueller Blick auf ein Land im Umbruch.

Für Peter

»Was hilft aller Sonnenaufgang,
wenn wir nicht aufstehen«

Georg Christoph Lichtenberg

Fliegender Wechsel – ein Vorwort

Am 29. Juni 2009 ging die Sonne um vier Uhr dreiundvierzig auf. Berlin, Prenzlauer Berg, es wurde ein schwülwarmer Sommertag, man trank Bionade vor dem Feinkostladen. Der Supermarktflachbau gegenüber passt nicht in die schicke Gegend, eine übrig gebliebene HO-Kaufhalle, verrottet, bemalt mit Graffiti. Vor zwanzig Jahren flugs von der Firma Kaiser’s und ihrer Kaffeekanne besetzt, hastig gefüllt mit Früchtejogurt, Ferrero Küsschen und Bananen. Gestürmt von westtrunkenen DDR-Bürgern. Vor zwanzig Jahren. Ein Zeitalter. Ein Augenblick. Alles und nichts in einem Ostleben, das sich teilt in Vorher und Nachher, wobei die eine Hälfte von der anderen nichts mehr wissen wollen soll. Vor zwanzig Sommern war es, als junge Leute in Scharen wegliefen aus ihrem Land, durch blühende Wiesen und Felder über die ungarische Grenze, sie trugen Stonewash-Jeans und hatten Glück im Gesicht.

Was mögen die dreißigjährigen Bionade-Trinker aus Schwaben und Nordrhein-Westfalen, die vor dem Feinkostladen ihre mobilen Büros aus Laptop und Handy einrichten, was mögen sie erfahren haben von dem verlassenen Land? Stasi, Mauer, Rotkäppchensekt, vielleicht. Was ahnen sie von dem, was geschah? Was wissen sie vom Rückbau einer ganzen Gesellschaft, der Umprägung von Millionen Seelen, die jauchzten und heulten angesichts des Sturms der Geschichte, der da über sie hinzog? Vor zwanzig Jahren. Die Zeitungen melden Ostalgie an diesem 29. Juni 2009: »57 Prozent der Ostdeutschen sind der Meinung, dass die DDR mehr gute als schlechte Seiten hatte.«

Die Texte, mit denen dieses Buch beginnt, beschreiben Szenen aus der Endzeit der DDR. Der Sozialismus dämmert vor sich hin, dennoch strahlt die Abendsonne über der Kleingartenanlage Bornholm II. Dennoch trifft sich Irmchen mit einem fremden Mann zu einer Flasche Feuertanz. Dennoch herrscht Galgenhumor auf dem Hinterhof, als wieder mal die maroden Steigleitungen ausfallen und das Licht im Haus ausgeht. Wegen des Rufs einer alten Frau im Seitenflügel, »Elendsbuchte, keene Zuversicht!«, sollte der Text nicht gedruckt werden im »Sonntag«, der Zeitung, wo ich mehr als zwei Jahrzehnte lang Redakteurin gewesen bin, Filmkritikerin, Feuilletonistin, nur nicht das, was ich eigentlich sein wollte: Reporterin. Ich hatte es versucht, doch die Angst der Herrschenden vor der Realität war groß, Wahrhaftigkeit in der Beschreibung hätte das Eingeständnis der unüberwindbaren Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit bedeutet. Journalisten sollten nicht schreiben, was ist, sondern was sein sollte. Zuversicht verbreiten ohne Einsicht zu nehmen. Ich beschränkte mich auf die »kleine Form«, auf das »Unwichtige«, weg vom Zentrum des sozialistischen Aufbaus. Ich beschrieb das einzelne, kleine Leben, das sich raushielt aus der Welt der leeren Losungen.

Heute wirken die Texte aus den achtziger Jahren fast heimelig, der Dämmerzustand der Gesellschaft mutet gemütlich an, der romantische Rückzug ins Private erscheint heute niemandem verwerflich. In einem Staat aber, dessen Programm der Weg »Vom Ich zum Wir« war, ist die Sehnsucht nach »Erlösung aus der Masse« eine Warnung gewesen.

Das Sicheinrichten im Status quo, das Sichabfinden mit der Erstarrung, mit der Unfähigkeit zur Veränderung, hatten Partei und Volk erst gespalten und schließlich in einer Art Waffenruhe miteinander auskommen lassen. Der unaufhaltsame Abschied vom Sozialismus vollzog sich in kleinbürgerlichen Idyllen, begleitet von Flüchen. Scheißstaat, sagten die Leute, wenn wieder mal keine Kaffeesahne da war oder keine Apfelsinen zu Weihnachten oder die Deutsche Reichsbahn fünf Stunden bis Dresden brauchte, falls sie überhaupt fuhr. Doch schnell kehrte wieder Ruhe ein in Datschen und Dienststellen. Man trank Schnaps beim Grillen und schunkelte auf Betriebsfeiern zu Roger Whittakers »Abschied ist ein scharfes Schwert«. Es ließ sich ganz commode leben in den Idyllen des Privaten, mit festem Arbeitsplatz, ohne Existenzangst.

»Und plötzlich brennt ein Wald« – wer hätte das gedacht!

Die Texte nach 1989 sind Oden an die Freude und Elegien des Abschieds, Beschreibungen der atemlosen Anpassung an ein fremdes Leben, Variationen des Themas: Fliegender Wechsel. Die Ostdeutschen waren, ohne sich von der Stelle bewegt zu haben, in einem anderen Land gelandet. In einer Welt, in der es nicht mehr um Ideal und Wirklichkeit ging, sondern um Soll und Haben. Die Umwertung aller Werte und der Blitzkrieg gegen die Erinnerung verunsicherte sie. Die Ostdeutschen brauchten Zeit, Abschied zu nehmen. Und wenn sie es bei einer Flasche Retsina beim Griechen nebenan taten, am Strand vom Gardasee oder in einer Bodega auf Mallorca – »Abschied ist ein scharfes Schwert«.

Das Schwanken zwischen Euphorie und Depression. Die Behauptung der eigenen Biografie gegen den Verdacht sinnlos, wenn nicht gar schuldhaft verbrachten Lebens. Das Staunen über die Selbstgewissheit der Westdeutschen, von denen keiner Veränderung verlangte im vereinten Vaterland, während von den Ostdeutschen radikale Metamorphosen gefordert wurden.

Die Berichte aus anderen Zeiten sind der Versuch, Empathie zu wecken bei den Westdeutschen, die bis heute das Bild ihrer Landsleute in die Opfer-Täter-Schablone einmauern, was nicht reinpasst, existiert nicht. Sie waren aber da und sind es immer noch, Irmchen und Gitti mit ihrer Liebe zu Männern und lieblichem Wein, die rührigen Gärtner der Kleingartenanlage Bornholm II, die sentimentale Malerin aus dem Künstlerclub »Möwe«. Im Osten geht die Sonne auf. Sowieso. Endlich. Immer noch und immer wieder.

Juni 2009

Jutta Voigt

Szenen aus dem untergegangenen Land

Hofbericht

Dezember 1980

Unser Hinterhof ist eine Art Fantasieparlament. Das Wort ergreift, wer Lust dazu hat. Oder Wut. Oder Sektlaune. Oder Kummer. Wer einsam ist. Wer sich langweilt. Wer meckern will. Wer Streit sucht. Wer sich unterhalten will. Da werden Fensterbretter zu Rednerpulten, da wird der Hof zur Tribüne, und die Zuhörer hinter den Scheibengardinen machen sich ihre Gedanken. Dialoge finden selten statt. Man tritt ans Podium, beziehungsweise ans Geranienbrett, und redet, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Nach Beendigung der Ansprache wird das Fenster zugeknallt, Punktum, Ende der Durchsage.

Unbegrenzte Redefreiheit. Wem das Herz voll ist, läuft der Mund über. An der Tagesordnung sind Monologe. Sie arten gelegentlich in Attacken aus, ihnen folgt – höchst selten – ein Gegenangriff. Eher schon Zwischenrufe. Themen sind die Welt im Allgemeinen, die Mitmenschen im Besonderen, die Jugend von heute, der Schnee von gestern, und ob der Hausflur gewischt worden ist oder nicht.

Eine Mitteilung aus dem Seitenflügel, links, dritter Stock: »Die Mila Plow, die arbeitet nich mehr, die hat jetzt ’n Luden, damit ihr Bescheid wisst.« Eine Information, die sich auf die zwanziger Jahre beziehen muss, denn die Mila kennt niemand mehr, und Luden sind außer Mode. Anders eine Empfehlung von gegenüber: »Der Fettarsch ausm Jemüsekonsum soll erstmal richtig arbeiten lern.« Darauf folgt ein Rat an den Moralisten: »Sauf nich so ville, wenn de nischt vaträchst!« Jemand im Parterre braucht Salz, beugt sich aus dem Fenster zum Nachbarn über ihm. »Kannste mir aushelfen?« An einer Strippe wird ein Plastekästchen runtergelassen.

Ganz oben ein junger Bärtiger und ein Mädchen mit krausen Locken, sie wohnen übereck, ich weiß nicht, wem von beiden das Telefon gehört, das sie sich hin und her reichen.

Jemand teilt jemand anders mit, dass er sein ganzes Leben lang »noch nie auf die Hygiene gemusst« hätte, und jetzt – eine Schande sei das. Eine Frau weint.

Manche Wortmeldung erfolgt per Stereobox, direkt ins Fenster gestellt. Sie übernimmt den persönlichen Kommentar: »Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehn …« und, mit lauter und immer lauterer Lust an der Wiederholung: »Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehn«. Vetos werden eingelegt, das Wort ABV fällt. Die Antwort folgt prompt: »Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehn …«, diesmal ein paar Phon kräftiger.

Eine regelrechte Versammlung aller Fenster hinten raus gibt es, wenn ab und an, so gegen halb acht, Licht und Fernsehapparate ausgehen, weil die alten Steigleitungen streiken. »Schon wieder, und ick muss morgen früh ’n gebügeltes Hemde anhaben, wenn ick zur Beisetzung jehe.« Lebhafte Debatten kommen in Gang, wer schuld sein könnte. »Das sind wieder die von oben mit ihrn Badeboiler«, höre ich von unten mutmaßen. »Stimmt ja nicht«, rechtfertige ich mich in solchem Fall verzweifelt, »wir stellen in den Spitzenzeiten immer ab.« Beruhigend kommt die Einladung von meinem Nachbarn aus dem Vierten: »Jutta, willste ’n Korn?«

»Elendsbuchte, keene Zuversicht!«, lautet erwartungsgemäß der Einwurf der Alten von rechts nebenan. Gegenrede aus dem Zweiten gegenüber: »Ach wat, deine Flasche findste ooch im Dunkeln.« Da, in solchen Momenten, erstrahlt der Hof plötzlich in hellem Licht, die Radios und Fernsehapparate röhren wieder, der Havariedienst war da.

Die Versammlung löst sich in Wohlgefallen auf, die Rednerpulte werden wieder zu Fensterbrettern, und der wilde Duft des Holunders, der auf unserem Hinterhof blüht, siegt über die Gerüche aus tausendundeiner Nacht, in denen unser gutes altes Haus unverschlossen blieb, stumme Einladung für alle Bedürftigen zwischen »Café Nord« und »Burgfrieden«.

Ein Blick genügt

Oktober 1982

Ein junger Mensch betritt einen Bäckerladen. Der Mensch hat langes, mahagonibraunes, gelocktes Haar, eine Frisur nicht unähnlich der des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Im linken Ohrläppchen steckt ein silberner Ohrring. Geflickte Bluejeans und eine abgewetzte braune Lederjacke im Thälmann-Stil vervollständigen den Habitus. Der junge Mensch möchte ein Stück Bienenstich kaufen. Die Verkäuferin, eine dauergewellte Platinblonde, reicht ihm ein Randstück. Das aber ist angebrannt, das will der Mensch mit dem Ohrring nicht. Er möchte das daneben, ein schönes goldbraunes Mittelstück, schön und goldbraun wie alle anderen. Diesen Wunsch äußert er in bescheidener Bestimmtheit. Die Verkäuferin zieht die Zange mit dem Randstück zurück, ihr Mund verformt sich zu einem umgekehrten U. Dann schießt das U quer in Richtung der Tür, wo Privat draufsteht: Gerda, Gerrrrrdaaa! Als Gerda nicht gleich erscheint, läuft die Blonde nach hinten. Der in der Thälmann-Jacke hat inzwischen seine vierzig Pfennige wieder vom Ladentisch gekramt, er ahnt wohl, was hier gespielt werden soll. Da kommen sie, Gerda und die andere, stehen Seit an Seit, und Gerda sagt: Ein Blick genügt. Sie meint nicht den Bienenstich, sondern den Kunden, dessen Äußeres ihren Vorstellungen von einem Kunden widerspricht, der ein anständiges Stück Bienenstich zu beanspruchen hätte.

Der mit den Locken geht, das Glöckchen läutet freundlich wie immer. Was die beiden Bäckersfrauen empörte – mehr noch vermutlich als Ohrring, Locken und Thälmann-Jacke – war die unerhörte Begebenheit, dass eine Figur, zu der, wie sie meinten, ein Randstück passe, dies Randstück nicht wollte. Wohin mit den Randstücken, wenn sich keiner mehr als Randstück behandeln lassen möchte?

Love Story

März 1983

Biste ne Heilige? Ick weeß doch, wie sehr de dir ’n Mann jewünscht hast. Du darfst dir natürlich keen Alain Delon vorstellen. – Liebesgeschichten im Film fangen anders an und gehen anders weiter. Diese hier hat nichts von Kino.

Das Café, in dem an einem Nachmittag im März zwei Frauen und ein Mann bei einer Flasche Feuertanz die Weichen für ein Stück Zukunft stellten, passte irgendwie nicht zum Schicksalhaften, das die drei umgab. In diesem Lokal mit den lila Gardinchen, das im Prenzlauer Berg liegt wie ein Praliné unter Malzbonbons, finden sonst weniger entscheidende Treffen statt. Die meist jüngeren Leute, manche davon mit hochstehenden Haaren und mehreren Ringen im Ohr, sprechen da bei Kaffee und Cuba libre von neuen Büchern und raren Schallplatten, darüber, ob Punkputz ein Kündigungsgrund ist, wie die Fete gestern bei Franziska war, und ob die Keramiken der Isolde Z. nun Kunst oder Kitsch sind. Ein Jüngling mit zarten Bewegungen seufzt in Thüringisch: Ich weeß nich, ich hab heute Lust, mal auszuflippen.

Die beiden Frauen und der Mann haben die zweite Flasche Feuertanz angefangen. Die eine Frau ist jung, die andere im selben Alter wie der Mann, der offenbar auf Annonce kam. Er ist, was man stattlich nennt, ein solider Mittfünfziger mit korrektem Messerformschnitt. Er raucht Cabinet und sieht gelassen aus, während die Frauen über ihn verhandeln. Die Junge redet auf die Ältere ein, sie sind Kolleginnen, das merkt man: Aus dem Alter seid ihr doch nu’ raus, Irmchen, du hast nämlich nur ’ne große Schnauze, wann willste denn anfangen. Er will heute mit dir zusammen sein, heute. Und Irmchen, in deren Gesicht die Spuren von Tränen und Bescheidenheit auf immer gesichert sind, nippt einen Schluck Feuertanz, nimmt einen Zug Zigarette und sagt: Du kannst mein Alter nicht mit deins vergleichen, Gitti, ick kann det nich von heut auf morgen.

Worauf Gitti eingeschnappt bemerkt: Denn tuste mir leid. Willste mit ihm erst zehnmal ins Kino gehen, aus dem Alter biste raus.

Der Annoncenmann, der sich bis dahin darauf beschränkt hatte, den Damen stumm, aber höflich Feuer zu geben, er schaltet sich an dieser Stelle ein: Ja, was stellen Sie sich denn vor? Irmchen weiß nichts weiter als: Ick bin nu mal so vaanlacht. Was die junge Kollegin mit »Dann haste ’ne Macke« kontert. Irmchen lässt sich auch mit Grobheiten nicht zu ihrem Glück zwingen: Muss doch nich grade heute sein, außerdem muss ick noch zum Fleischer.

Der Mann gießt die Reste vom Feuertanz in die Gläser. Man schweigt, Gitti mit herabgezogenen Mundwinkeln, Irmchen, die Stirn sorgenvoll gerafft, der Mann wartet ab, ohne rechten Ausdruck zu zeigen. Noch ist nichts entschieden.

Die Entscheidung kommt mit der Rechnung. Gitti, die ungerecht findet, dass Irmchen und der Mann sich nicht nach ihrem Plan richten, findet auch die Rechnung ungerecht. Sie verdächtigt die Serviererin, von ihrem Geld zu leben, was diese sanft, aber bestimmt von sich weist. Irmchen will schlichten, der Mann hält sich raus. Und doch wird es ein richtiger Zechenzank, der damit endet, dass Irmchen und der Mann sich in die Kosten teilen. Keiner spricht mehr von Neigung und Zusammensein, von Zukunft oder Zärtlichkeit. Die Sehnsucht nach Liebe wurde verdrängt von einer Rechnung, die nicht aufgegangen ist.

Die drei nahmen ihre Mäntel und gingen. Wie durch das Fenster zu sehen war, in verschiedene Richtungen.

Badura, Becker, Bettermann

Dezember 1984

Sylvie hatte sich positiv verändert, wie man so sagt. Seit sie aber in der neuen Wohnung wohnte, machte ihr ein Gefühl von Fremdheit zu schaffen, die Empfindung von Unbehaustsein in dem schönen renovierten Haus. Sie freute sich über den freien Blick auf Bäume, die größeren Zimmer, die Sonne schon am Morgen. Andererseits vermisste sie den Zweitaktergeruch und den U-Bahn-Lärm der wilden Ecke, an der die alte Wohnung sich befunden hatte. Das erloschene T von der Leuchtreklame des Teppichladens gegenüber fehlte ihr. Das Auge-in-Auge-Sein mit der anderen Straßenseite, ihren Verrichtungen, ihrem Balkonleben. Kurzum, Sylvie vermisste in der neuen Wohnung das Gewohnte.

Der Preis jeglicher Veränderung ist ein Verlust an Geborgenheit, gemütlich ist nur der Status quo. Die Ruhe des Platzes, zu dem die Fenster der neuen Wohnung gingen, beunruhigte Sylvie. Als die Blätter von den Bäumen fielen und die Kinder wegen der früh einbrechenden Dunkelheit zeitig ihre Spiele beendeten, wurde es sehr still. Solange alles in gewohnten Bahnen läuft, macht Zeit sich nicht bemerkbar, nun, in der ungewohnten Stille, erinnerte sie an sich.

Sylvie wurde elegisch. Sie kramte alte Briefe, Zettel und längst bezahlte Lichtrechnungen durch, starrte auf Fotografien von sich, auf denen sie schöner aussah als jemals in natura.

Zu der Zeit begann es, dass sie erkannt wurde. Immer fing es mit demselben Satz an: »Wir kennen uns«, sagte eine fremde Stimme, und Sylvie, überrumpelt von den unverhofften Zeichen der Vergangenheit, war hilflos. Alles ehemalige Schulkameraden. Die kleinen Mädchen aus der großen roten Schule in der Heinrich-Roller-Straße. Obwohl Mandel seit eh in derselben Stadt, ja, im selben Bezirk, im Prenzlauer Berg lebte, hatte sie niemals mehr eine von ihnen getroffen. Plötzlich, nach fünfundzwanzig Jahren, kamen sie und erkannten sie.

Sie schulte ihre Tochter ein, und die Direktorin, eine vornehme Erscheinung mit früh ergrautem Haar, sagte: Wir kennen uns. Sylvie holte die Schnelle Medizinische Hilfe, weil ihre zuckerkranke Schwiegermutter bewusstlos zu werden drohte, die herbeigerufene Ärztin bemerkte, bevor sie ging, kurz, aber bestimmt: Wir kennen uns.

Wir kennen uns, jauchzte eine Frau in der Sauna, deren nackter Körper aussah wie ein ungemachtes Bett am Nachmittag. Eine andere sprang Sylvie im Restaurant an, bevor sie überhaupt Zeit hatte, sich hinzusetzen und lärmte, keinen Widerspruch duldend: Wir kennen uns. Die nächste überfiel sie bei einem Straßenfest. Sylvie stand nach Negerküssen an, wäre fast dran gewesen, da hörte sie wieder diesen Satz, sah einen fremden Mund, an dem Schokoladencreme hing, sagen: Wir kennen uns.

Sie fühlte sich verfolgt, fühlte sich als Objekt. Jeder konnte kommen und sie erkennen, jeder; die Zeit hatte Fremdes und Bekanntes austauschbar gemacht. Zu Hause sah sie lange auf das Klassenfoto mit den kleinen Mädchen in den karierten Kleidern mit den Puffärmeln. Später trugen sie schlecht gemachte Dauerwellen, manche hatten giftgrüne Mohairpullover aus dem Westen an, Badura, Becker, Bettermann und die anderen. Badura, Becker, Bettermann – damit begann jeden Morgen die Schule. Badura, Becker, Bettermann, die ersten Namen aus dem Klassenbuch. Fräulein Schlarbaum, deren Verlobter im Krieg gefallen war, las sie mit munterer Stimme vor, freundliche Stereotypen, warme Gewohnheit, Sylvie war gern zur Schule gegangen. Die Mädchen auf dem Foto lächelten, einige hielten sich zärtlich umfasst, Freundinnen auf Zeit.

Sylvie in Novemberstimmung dachte an dunkle Berliner Zimmer in schmalen Nebenstraßen der Prenzlauer Allee, wo an langen Nachmittagen Schwüre ewiger Freundschaft abgelegt wurden. Waren womöglich all die fremden Frauen, die sie plötzlich erkannten, einmal ihre Freundin gewesen? Und warum kamen sie alle, seit sie in der neuen Wohnung wohnte. Der Herbst und die Zufälle drohten Sylvie in die Tiefen des Mystizismus zu ziehen. Sie war fast sicher, dass die Erkenner eine Art Todesboten sein mussten. Schön war das Leben, aber kurz, dachte sie selbstmitleidig und kaufte sich einen neuen Wintermantel.

Da traf sie Gloria. Sylvie erkannte Glori auf den ersten Blick. Bist du jetzt wieder hier?, fragte Glori. Sylvie wunderte sich, sie war doch nie weggewesen. Dann entdeckte sie: Die neue Wohnung lag zwei U-Bahn-Stationen näher an der großen roten Schule, die Kinder von damals waren in ihrem Kiez geblieben, und Sylvie war endlich zurückgekehrt.

Das Wiener Café

November 1979

Das Wiener Café in der Schönhauser Allee befindet sich schräg gegenüber dem Lichtspielhaus Colosseum, nahe den Nachtlokalen Nord und Lolott. Es ist diesen freilich konkurrenzlos, denn null Uhr ist Schluss. Im Sommer kann man draußen im Garten sitzen, falls man urbanistisch genug ist, das von weißem Schmiedeeisen eingefasste Quadrat Straßenpflaster als eine Art Garten gelten zu lassen. Dann kann man also, eingehüllt vom gelben Lärm der Untergrundbahn, die hier Hochbahn ist, sitzen, wenn es warm genug ist, und wenn genügend Kolleginnen kommen konnten, um draußen zu bedienen. Die meiste Zeit allerdings verbringt man drinnen, hinter den Wolkenstoreschaufenstern, die links und rechts mit je einer kleinen roten Lampe dekoriert sind.

Das grafische Signet für das Wiener Café besteht aus einem großen W und einem kleinen c, auf dem eine Krone ist. Wc – vielleicht war der Grafiker früher Klempner. Die Wände sind einerseits mit Darstellungen der »Hauptstadt Wien in Österreich« verziert, andererseits mit Spiegeln aus Korbgeflecht, entnommen vielleicht einem überschüssigen Korridormöbelsortiment. Es gibt hier zwei durch eine Treppe verbundene Abteilungen, unten und oben, was ohne praktische Bedeutung ist, aber Anlass bietet, von einem »Kaffeehaus« zu sprechen.

Ich kenne das Wiener Café nur am Abend. Mit Musik. Hier machen noch Leute für Leute Musik, nicht Apparate, für die Leute mal Musik gemacht haben. Ehemals spielten da ein Geiger und ein Pianist, beide im Rentenalter. Ich habe sie niemals anders als gut gelaunt erlebt. Sie spielten alles, was man sich zwischen »Junge Frau im Frühling« und der Titelmelodie aus dem guten alten »Dritten Mann« und Beethovens »Elise« vorstellen kann. Abend für Abend in Hochstimmung, als wäre jeder beliebige Abend ein besonderer.

Neuerdings sind drei andere Musiker da. Ein Geiger aus Ungarn, der aussieht wie Sammy Davis jr., ein zuweilen singender Schlagzeuger und ein Pianist, der eine gewisse physiognomische Ähnlichkeit mit dem Präsidenten der Akademie der Künste aufweist. Das musikalische Repertoire des Trios ist so vielfältig wie sein Kontakt zum Publikum.

Das Café lebt und leidet mit einem Stammpublikum, das sich etwa so zusammensetzt wie die Reisenden eines Abteils zweiter Klasse, die öfter die gleiche Strecke fahren. Prenzlauer-Berg-Bewohner sind sie fast alle. Der alte Mann, dem voriges Jahr seine Frau gestorben ist und der noch im Hotelfach arbeitet. Letzten Sommer habe ich von ihm einen Tipp für das Pferd Gidron gekriegt, das dann in Hoppegarten prompt als erstes ins Ziel lief. Zum Stammpublikum gehört auch der junge Schauspieler, der kürzlich im Fernsehen eine Persönlichkeit darstellte. Der kahlgeschorene Gasableser, der, wie man sich erzählt, die Wohnung voller Antiquitäten hat, denn der Mann kommt rum. Die rundliche Friseuse aus der PGH Modische Linie, deren ohrringgeschmückter Begleiter an Piraten aus berühmten Abenteuerromanen erinnert, er arbeitet in einem Baubetrieb. Und der schmächtige Architekt, der legendäre Kurt, dem nach Weingenuss schnell die Beine versagen, wenn auch der Kopf hell bleibt und scharfsinnig.

Dann sind da noch das Mädchen mit der Brille, das immer allein kommt, liest, raucht und allein wieder geht, der hagere Grauhaarige, der die Serviererinnen mit Handschlag begrüßt und das Paar mit den unterschiedlichen Eheringen, die Aktentaschen dicht neben sich, was der Zusammenkunft einen eher dienstlichen Anstrich verleiht. Schließlich die Tische mit jungen Talenten, deren mehr schwebende Anlagen und Fähigkeiten nicht recht zu Stuhle kommen wollen, was man wohl mangelnder Entschlusskraft und schwächlichen Ellenbogen zuschreiben muss. Von Zeit zu Zeit allerdings taucht, sozusagen plötzlich und unerwartet, eine virtuose Zeichnung auf, eine glasklar intelligente Beobachtung, eine merkwürdige Kleinplastik, aus olivfarbenem Leinenbeutel gezottelt. Ich will nicht die beiden alten Damen vergessen, die Punkt dreiundzwanzig Uhr fünfzehn, ihrem Dienstschluss offenbar, das Wiener Café betreten, allabendlich, um am Buffet eine Flasche Klaren zu kaufen, dabei mustern sie verdattert das Regal, als wären sie zum ersten Mal hier.

Jedes Mal ist das Stammpublikum anders zusammengesetzt, anders gemischt. Nie weiß man, was einen erwartet, animierte Stimmung oder gedämpfte, friedliche oder aggressive, unverhofft immer. Wir erfüllen zwei Wünsche, spricht der Mann am Schlagzeug ins Mikrofon, »Violetta« und »Wiener Blut«. Ich erinnere mich an einen Chorsänger, der voriges Jahr öfter das Musikpodium betrat und solo sang, und an eine nicht mehr junge Frau, die anfing zu tanzen, wenn die Stimmung danach war, sie tanzte grazil, mit dem Charme persönlicher Freiheit.

Es ist eine halbe Stunde vor Lokalschluss. Die Kapelle packt ein, die Kaffeemaschine gibt den Dampf auf. Die Serviererinnen mustern ihr Revier: Welcher Tisch kann schon abgeräumt und neu eingedeckt werden, für morgen, schließlich ist Feierabend und eh man zu Hause ist! Das Licht wird grell gemacht, ein Stammgast bestellt seinen letzten Korn.

Das Wiener Café in der Schönhauser Allee ist nicht attraktiv. Klöppeldeckchen aus Plaste auf Plastetabletts. Das Interieur hat nichts Bemerkenswertes. Die Luft ist verraucht, das Licht diffus. Alles ganz gewöhnlich und einmalig.

Schorsch

September 1984

Sylvies Großvater setzte beim Laufen die Füße nach außen, auf der Stirn hatte er einen schwarzen Fleck, der, sagte er, von einem Granatsplitter dorthin gekommen sei, im ersten Krieg. Von seiner Frau und seinem Freund, einem Schornsteinfeger, wurde Georg Schorsch genannt. Abends legte Schorsch seine Hosen über einen Stuhl im Schlafzimmer, jeden Abend fiel dabei eine Menge Kleingeld aus den Hosentaschen unter das Bett. Sylvie, sein Enkelkind, sammelte es jeden Morgen auf und behielt es für sich, eine wortlose Verabredung. Der Großvater nannte sein Enkelkind Prinzesschen, eine dünne abgerissene Prinzessin ganz ohne Glanz ist sie gewesen, denn es war nach dem zweiten Krieg, als Sylvie ein Enkelkind und Schorsch ein Großvater war.

Vom Großvater ging unter allen Umständen was Helles, Heiteres aus, die unerschütterliche Überzeugung, dass alles gut wird. Aus dem Luftschutzkeller unter dem brennenden Haus hatte er nichts als den Teekessel mitgenommen, was braucht der Mensch in kalten Zeiten nötiger als einen Teekessel.

Schorsch war Ende des neunzehnten Jahrhunderts von der alleinstehenden Schirmnäherin Marie auf die Welt gebracht worden. Er wäre gern Kellner oder Musiker geworden, was seine Verwandtschaft jedoch für gesundheitsschädigend hielt, so wurde er Lehrling in einer Papierwarenhandlung. Das Interesse für Papier hielt sich sein Leben lang, wie das für Operetten. In dem Theaterverein, wo er Spielleiter war, gab man Einakter. In einem Tagebuch, das Sylvie nach des Großvaters Tod fand, schrieb er über einen dieser Abende: »Ich hatte die Gewißheit, daß die Aufführung klappen müßte, denn alle Darsteller konnten ihre Rollen auswendig.« Eingetragen sind auch die Unkosten: »Drucksachen, Programme: 10,– M, Musik 3 Per. pro Std. 1,– M: 24 M, Bühnenmeister: 6,– M, Friseur und Sofleur: 8,– M, Theaterstück: 6,– M = 54 M.« Schorschs Beziehung zur Bühne half ihm in den Beziehungen zu seiner schönen, hysterischen Frau, Sylvies Großmutter. Er gab ihr, die von Beruf Verkäuferin war, Rollen, in denen sich ihr Temperament abarbeiten konnte und ihre Sehnsucht nach Höherem.

Der Großvater machte nichts von sich her. Er stieg als letzter in die Straßenbahn, selbstverständlich, er hatte belastendes Material aus der Wohnung des Schwagers geholt, als der von den Nazis inhaftiert wurde, selbstverständlich, er hat die SA-Uniform, die man ihm 1933 in einem Paket in die Wohnung schickte, postwendend zurückgehen lassen, selbstverständlich. Schorsch war Sozialdemokrat, so schnell wie möglich wurde er nach dem Krieg Mitglied der SED, selbstverständlich.

Sylvie hörte das Wort Partei zum ersten Mal in Zusammenhang mit Weihnachten, zwei Jahre nach dem Krieg. Als Fünfjährige erlebte sie eine Weihnachtsfeier, die die Partei den Kindern ausrichtete, in einer Kneipe im Prenzlauer Berg, vielleicht kam von daher das Gefühl, dass jetzt alles gut würde und warm.

Der Großvater war weltfremd. Als andere auf dem Schwarzen Markt Hundertmarkscheine gegen Brot tauschten, verkaufte er für Pfennige den »Nachtexpress«, hatte keine einzige Chesterfield im Angebot und wäre verhungert, wenn alle Familienmitglieder so ehrbar gewesen wären wie er.

Mit dem Großvater hat alles angefangen. Er ging mit Sylvie ins Varieté, in den Zirkus Barlay, in den »Faust« im Deutschen Theater, zu den Kundgebungen im Lustgarten. Einmal sah sie als Junger Pionier Wilhelm Pieck von Nahem, seitdem behauptete sie eine Ähnlichkeit zwischen dem Präsidenten und dem Großvater. Außer Fassung geriet Schorsch, sobald eine Glühbirne kaputt ging. Dass ein Ding ein schlechtes Ende nehmen konnte, widersprach zu provokant seinem grenzenlosen Optimismus.

In dem Betrieb, wo er der neuen Republik als Betriebsschutzmann diente, leitete Schorsch das Parteilehrjahr, er bereitete sich am Wohnzimmertisch darauf vor, während Sylvie Schularbeiten machte, sie stellte sich den Großvater als gewandten Redner auf Versammlungen vor, weil er auch auf Familienfeiern eine gute Figur machte mit Ansprachen in Gedichtform; streng konnte sich Sylvie ihn nie denken. Nach seinem Tod war sie überrascht vom herben Ton einiger Aktennotizen, die sie bei der Haushaltsauflösung in dem großen braunen Schreibfach fand. »Meldung vom 12.1.55: Auf Veranlassung des Kollegen Pickert wurde der Betriebsmaurer Duck um 14.30 Uhr durch den Kollegen Meichel von der Toilette Aufgang B I. Stock geholt, wo derselbe angetrunken und schlafend vorgefunden wurde. Kollege Hanke und Kollege Meumer wurden verständigt. Kollege Meumer schickte den Kollegen Duck sofort nach Hause. Duck verließ um 15 Uhr den Betrieb. Von Kollege Meumer wird fristlose Entlassung beantragt.«

Mit dem Großvater hatte alles angefangen. Er kaufte Sylvie die erste Eiswaffel, er erklärte ihr die Ungerechtigkeit der Wechselstuben und die Irrtümer des 17. Juni, von ihm bekam sie das Geld für die erste Wimperntusche und den Zuschuss für die erste eigene Wohnung. Er hat den ersten Streuselkuchen in Sylvies Leben gebacken, wobei er sang: »Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht«.

Je erwachsener Sylvie wurde, umso kindlicher wurde in ihrer Erinnerung der Großvater. Diese unbedingte Zuversicht, diese Freude an den kleinsten Dingen, die Schlichtheit der Argumente, sein chaplinesker Gang und das Jackett, das über den Hüften spannte, wenn er es zuknöpfte.

Pfefferminzlikör

Mai 1981

Grün sind die Bäume, und grüner noch ist der Pfefferminzlikör im Gartenlokal am See. Die Hoffnung ist auch grün, irrlichternde Fünkchen Hoffnung, eingeteilt in Schnapsgläser mit Eichstrich allüberall auf den Tischen. Ein Junge mit tätowierten Armen und über dem Bauchnabel geknotetem Hemd beugt sich dicht über das Mädchen, schwankend wie die Äste der alten Bäume über ihm im Wind, Feuer will er, Feuer.

Die Frau neben mir, Kratzer an den Schultern von irgendeinem Tier, Narben vom Fließband und durchweinten Nächten im Gesicht, sie trinkt Bier, lässt auch das niedliche zweijährige Töchterchen davon kosten, Vater erlaubt’s.

»Nie mehr allein sein, wie andre zu zwein sein«, spielt die Gartenlokalkapelle, und ein höchstens sechzehnjähriger Hübscher umfasst dringlicher die Schultern seiner mindestens acht Jahre erfahreneren Nachbarin, während diese ihre Augen in die des Nachbarn zur Rechten versenkt.

Zum Gartenlokal am See kommt man mit der Straßenbahn, von Mitte oder Prenzlauer Berg, eine halbe Stunde dauert das, der Aufwand ist gering, der Effekt beeindruckend. Gras und Gänseblümchen, Wasser und Luft, Bier und Musik, Wochenende ohne Datschen- und Autostress, Lust und Liebe aus der Lamäng.

Erster Sonntag im Gartenlokal. Weg das Grau und her das Grün, das macht bunt, zusammen mit dem gelben Bier und der blauen Luft. Alles ist wieder möglich, die Natur zeigt’s vor. Was schwer war, scheint leicht, was vergessen war, kommt in Erinnerung.

Lippenstiftpremiere der Halbwüchsigen, Uraufführung viel zu luftiger Sommerkleider, erster Auftritt der Winterbabys in kurzen Strampelhosen. Vorigen Mai war ihre Existenz womöglich nichts als ein leichtsinniger Gedanke, jetzt liegen sie fett und vergnügt in den Gondelwagen, Souvenirs ihrer Mütter vom letzten Frühling. Vergangene Hoffnung, ein neues Vielleicht.

Auf der Tanzfläche kämpft ein einzelnes Pärchen um die Vorherrschaft, er will den Rock ’n’ Roll von damals, sie will sich wiegen im Diskostil, er ist vierzig, sie siebzehn. Schließlich tanzt jeder seins, »Petite fleur« bringt es wieder auf ein gemeinsames Gefühl.

Die grünen Lichter der Pfefferminzliköre haben sich vermehrt, bei Rot musst du stehn, bei Grün darfst du gehn. Alles geht gut an diesem Sonntagnachmittag, die Stimmung ist gelöst, nirgendwann aggressiv, gemeinsame Freude über den Frühling eint die Gäste des Gartenlokals am See. Plötzlich ein Knall. Ein Ast ist vom Baum gefallen, mitten auf unseren Tisch, ohne Schaden für Personen oder Sachen. Da jeht man ahnungslos ’n schönet Bier trinken und kommt nich wieda, wa?, sagt einer: Der Kellner, bei dem man nichts zu bestellen hat, weil er bringt, was er denkt, das bestellt würde, hat süße weiche Torte auf dem Tablett. Zu Bier und Likör ein ausgefallenes Angebot, das dankbar abgenommen wird.

Gegen fünf kommen die Sportlichen aus dem Freibad von nebenan. Mit dem stolzen Gefühl, etwas geleistet zu haben – nämlich, sie haben in der Sonne gelegen –, leisten sie sich nun Schatten und Limonade, rothäutige Fremdkörper unter blassen Biertrinkern. Die Kapelle wird forscher, als der Abend naht. »Die Cowboys von der Autobahn mit ihrem Nashville-Sound« – das hat schon was Draufgängerisches, was Männliches. Frauen mit Kindern gehen nach Hause, Genießer bleiben.

Die Verwandte

März 1983

Sie hatte sich dicht an das Gemäuer des U-Bahn-Bogens gedrückt, weg von den Füßen der Passanten, weg von den geschäftigen Unternehmungen der Ihrigen, weg von aller Berührung. Sie hatte sich an den Rand gebracht, die verletzte Taube, und keiner war bei ihr.

Das Graublau der Taube ging ein in das blaue Grau von Kopfsteinpflaster und Mauerwerk, Harmonie der Schöpfung von Natur und Mensch, gestört allein durch den Ausdruck von Ratlosigkeit in der Haltung des Tiers, das seinen Kopf tief in das Gefieder gesteckt hatte und dessen Blick mich meinte, mich. Mir vertraute die Taube ihr Leid an, ich war der Adressat der Klage dieser Kreatur. Warum ich, wo ich doch Tauben nicht leiden kann, sie nie gefüttert habe? Der Gedanke an die Taube unterm U-Bahn-Bogen blieb den Tag über bei mir. Fliegende Ratten nennt man die Tauben in Berlin. Man muss sie ausrotten, sagt unsere Hauswartsfrau, sie übertragen Krankheiten, ihr Kot zersetzt die Fassaden. »Ganz Venedig leidet darunter«, das war der einzige Satz, den mir der Leiter der Bezirkshygiene-Inspektion mit leiser Chefstimme zukommen ließ, als ich ihn nach der Schädlichkeit der Berliner Tauben fragte. Mehr wollte er nicht sagen ohne Absprache, man müsse das Gesamtkonzept, über das er so auch nichts sagen könne, einbeziehen. Das Gesamtkonzept. »Taube, ach mein Täubchen«, sang Victor Jara zur Gitarre, bevor man ihm die Hände brach, und Picasso zeichnete das verbindliche Symbol der Sanftheit und des Friedens alttestamentarischen Ursprungs. Palomita pacifica – du überträgst Toxoplasmose, deine Sanftheit ist Trägheit, dein Gurren am Morgen auf den Höfen weckt die Kinder lauter als es die Müllmänner mit ihren Karren tun.

Am Nachmittag im Espresso Unter den Linden unterhielten sich drei junge Männer über eine Frau. Die hat’s geschafft, sagt der eine. War ja kein Leben mehr, sagt der andere. War ’n kluget, begabtes Mädchen, bemerkt der dritte, aber kaputt.

Ich habe die tote Frau, von der die drei fremden Männer sprachen, gekannt, von fern gekannt. Sie konnte gut zeichnen, hieß es, trank zu viel, manche hielten sie für asozial. Ich hatte immer Abstand zu ihr, die peinliche Distanz gegenüber dem Würdelosen, Ungebremsten, dem Kaputten eben, dem, was nicht in Ordnung ist. Ich fuhr mit der U-Bahn nach Hause. Der Beamte schrie Einsteigen und Zurückbleiben in demselben Atemzug. Die Bahn war eine von den alten, mit Lederpolstern, Messingstangen und mildem Licht. Als ich ausstieg, sah ich die Taube im nasskalten Dunkel, an derselben Stelle, der Kopf war nicht mehr zu sehen, nur noch lebloses Zeug mit Federn. Das Angekündigte hatte stattgefunden. Ich fühlte mich als betroffene Verwandte.

Die Abwesenheit der Matrosen in der Matrosenkneipe

Juni 1981

Schunkelwellen machen das Lokal zum Schiff auf hoher See, ein Mann mit Akkordeon steuert es in vertraute Richtungen: La Paloma, die weiße Taube, von Möwen singt er, die schrien hell im Sturmgebraus und vom Bier auf Hawaii, das es nicht gibt auf Hawaii. Der Urlauber ist in seinem Element: Gemütlichkeit.

Die kolossale Säge eines Sägefischs über den Tischen, düster-gigantische Darstellungen vom Kampf des Menschen mit dem tosenden Meer, Steuerräder, Netze, Schiffslaternen – Meeresromantik und Seemannsseligkeit, auf Matrosen ohe! Bier und Korn assistieren der Illusion, die Lieder des Maritimen komplettieren sie. Komm doch, süße Kleine, sei die Meine, sag nicht nein. In jedem von uns steckt ein kleiner Matrose, ein Stück Flirt mit schwerem Seemannslos: Schroff ist das Riff, und schnell geht ein Schiff zugrunde. Durch die offene Tür weht der Duft von Salzwasser und Holz, mischt sich mit dem der Bücklinge und Rollmöpse auf den Urlaubertellern. Mein erster, der war ein Matrose. Tolle Burschen, die Matrosen, noch mal zwei vom selben, Herr Ober.

Da verdunkelt sich die Stelle, wo vorher durch die Tür der blaue Ostseehimmel schimmerte. Vier echte Matrosen, halb noch in der sommerlauen Dämmerung, halb schon im Lokal. Über unschuldig frisch gewaschenem Blauweiß vier Gesichter, die leuchten vor heller Freude, endlich eine lustige Gesellschaft gefunden zu haben. Die vier singen laut mit, heben ab zum Mitschaukeln in der Stimmungsgondel Seemannsklause.

Da kommt der Wirt und – Sache von Sekunden – der Spuk ist aus. Die Seemänner hatten keine Eintrittskarten. Wir sind wieder unter uns, auf Matrosen, ohe.

Der Konsummann

September 1981

In Wiepersdorf gibt es immer noch »Immergut«-Flaschen und manchmal weiße Lavendelseife oder Briefpapier mit einem liebenden Paar auf jedem Bogen, sofern man ihn gegen das Licht hält. Wenn Fisch geliefert wird, liegt der in einer Plasteschüssel, die auf einem Hocker steht, darunter sitzt geduldig und erwartungsvoll eine Katze. Freitags, wenn der Fleischwagen kommt, versammeln sich in seiner Nähe an die zwanzig Katzen, Zipfel fallen erfahrungsgemäß jedesmal ab. Am Fenster vom Konsum hängt eine schwarze Tafel, da steht drauf, wann der Arzt Sprechstunde hat und die LPG Versammlung, wann die Mitglieder der Genossenschaft eine Dampferfahrt machen, der Pfarrer seine nächste Predigt hält und ob irgendwo Tollwutsperre ist.

Drinnen waltet der Konsummann, Wilhelm, fünfundsechzig, unverheiratet, Windmüller von Beruf, er wohnte sein ganzes wechselvolles Leben lang in Kossin, einem drei Kilometer ...

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