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Im Namen der Liebe!

Lynda Sandoval

Im Namen der Liebe!

1. KAPITEL

Colleen Delaney drückte die Schultern durch und ging erhobenen Hauptes aus dem Besprechungszimmer … mehr oder weniger jedenfalls. Gerade eben hatte sie eine Schlammschlacht erster Güte mit ihren Vorgesetzten und Kollegen hinter sich gebracht und sich jede Menge mieser Bemerkungen anhören müssen. Aber dann hatte sie sich doch durchsetzen können und den Fall Ned Jones für sich an Land gezogen.

Was für ein Triumph! Eigentlich müsste sie jetzt einen Freudentanz aufführen oder sich zumindest selbst auf die Schulter klopfen.

Stattdessen kochte sie vor Wut, und die Tränen, die sie bis eben mühsam zurückgehalten hatte, brannten in ihren Augen. Aber Tränen konnte sie sich hier nicht leisten. In den exklusiven Räumen der Kanzlei McTierney, Wenzel, Scott und Framus durfte sie sich auf keinen Fall schwach und verletzlich zeigen.

Kam gar nicht infrage.

Niemals.

Es war ja schon unglaublich, dass sie sich diesen wichtigen Auftrag überhaupt hatte erbetteln müssen. Und das, nachdem sie sich jahrelang mit den miesesten Fällen herumgeschlagen hatte, ohne zu klagen. Sie hatte alle Prozesse gewonnen, sogar die völlig aussichtslosen. Ihre ganze Kompetenz als erstklassige Rechtsanwältin hatte sie in diese Kanzlei gesteckt. Und was war der Dank? Hatten die Partner ihr den Fall Ned Jones etwa mit Kusshand überlassen? Nein. Colleen hatte mit allen Mitteln darum kämpfen müssen.

Denn trotz ihrer zahlreichen Erfolge, trotz ihres professionellen Auftretens und ihrer Teamfähigkeit gab es ein kleines Detail, das ihren Vorgesetzten nicht in den Kram passte: Sie war eine Frau. Und Frauen waren in diesen Altherrenklubs nicht erwünscht. Nicht mal, wenn besagte Frau sämtliche männliche Kollegen in ganz Chicago in den Schatten stellte. Immer wieder, bei jeder Gerichtsverhandlung.

Die Kanzlei McTierney, Wenzel, Scott und Framus war bekannt dafür, dass die dort angestellten Anwältinnen so stark in die Enge getrieben wurden, bis sie schließlich aufgaben und kündigten.

Paradoxerweise hatte Colleen sich genau deswegen dort beworben: Hier wollte sie es bis ganz nach oben schaffen, bis unter die Glaskuppel, die die chicen Büroräume der Kanzlei überdachte. Sozusagen stellvertretend für alle hochqualifizierten Frauen, die hier schon abserviert worden waren … und schließlich aufgegeben hatten.

Aber eine Colleen Delaney gab nicht auf. Sie wollte weitermachen, bis sie endlich als gleichberechtigte Partnerin aufgenommen wurde. Koste es, was es wolle.

Die Senior-Partner bekamen ihre Entschlossenheit natürlich mit und legten ihr immer mehr Steine in den Weg. Vergeblich. Colleen kämpfte wie eine Löwin, sie war nicht aufzuhalten.

Trotz aller dummen Fragen und Bemerkungen, die sie sich schon hatte anhören müssen – als Begründung dafür, dass ihre Vorgesetzten mal wieder einen Anwaltskollegen befördert hatten, und nicht sie:

Was ist, wenn Sie heiraten?

Was ist, wenn Sie schwanger werden?

Und was ist, wenn die Firma darunter leiden muss, dass Ihre verdammte biologische Uhr zu laut tickt?

Allein die Erinnerung daran brachte sie zum Kochen, und sie musste ihren Ärger mühsam herunterschlucken.

Mit festen Schritten ging sie über den Marmorfußboden zu ihrem dunklen, fensterlosen Büro, in das sie sich so lange zurückziehen wollte, bis sie sich sicher sein konnte, dass sie den Fall Ned Jones gewinnen würde. Das entschlossene Klacken ihrer konservativen Prada-Pumps hallte laut im Korridor wider.

Diesen Prozess musste sie unbedingt gewinnen. Sie würde dafür sorgen, dass der einfache Angestellte Ned Jones sich gegen das mächtige Hotel-Imperium Taka-Hanson durchsetzte. Dann mussten Mick McTierney, Richard Wenzel, Harrison Scott und Bill Framus sie einfach zur Partnerin in ihrer Kanzlei machen. Diesmal lag alles in Colleens Hand. Endlich!

Sie schloss die Tür ihres winzigen Büros von innen ab und schleuderte die Akte Ned Jones auf den Schreibtisch. Dann ließ sie sich in den Bürostuhl sinken und stützte den Kopf auf ihre zitternden Hände.

Tief durchatmen, sagte sie sich. Ruhig bleiben.

Sie war kurz davor, etwas ganz Großes für die Kanzlei zu leisten und endlich, endlich befördert zu werden. Diesmal musste sie es einfach schaffen, auf keinen Fall wollte sie noch einmal von vorn anfangen.

So traurig das klang: Sie wollte lieber sterben, als so zu enden wie ihre Mutter. Moira Delaney hatte sich immer sofort untergeordnet und versucht, es allen Männern recht zu machen, die sich auch nur annähernd für sie interessierten. Colleen liebte ihre Mutter zwar sehr, konnte sie aber einfach nicht respektieren. Durch ihre Mutter hatte sie gelernt, dass sie lieber gehasst und respektiert werden wollte als geliebt und bemitleidet.

Sie brauchte keine Liebe.

Sie brauchte den Erfolg, sonst nichts.

Unabhängig wollte sie sein, eigenständig. Wenn sie den Fall Ned Jones für sich entscheiden konnte, wäre sie am Ziel. Nichts konnte sie davon abbringen, es zu erreichen.

Eric Nelson starrte gerade fassungslos auf den Zettel in seiner Hand, als sich die Tür zu seinem provisorischen Büro öffnete, einem Konferenzraum am Hauptsitz der Hotelkette Taka-Hanson. Erics alter Freund Jack Hanson steckte den Kopf zur Tür herein. „Störe ich gerade? Ich hatte zwar angeklopft, aber …“

Eric schob den Papierstapel zur Seite. „Du störst nicht. Was gibt’s?“

„Ich wollte dir nur etwas vorbeibringen.“ Jack durchquerte den Raum, um sich schließlich am anderen Ende des langen Tisches auf einen Stuhl zu setzen. Dann betrachtete er Eric aufmerksam. „Du siehst aus, als hättest du gerade eine Erscheinung gehabt. Alles in Ordnung bei dir?“

Nein, nicht wirklich, dachte Eric. Im Gegenteil. Er ließ den Blick aus dem Fenster schweifen, wo sich die Skyline von Chicago in einen grauen Nebel aus matschigen Schneeflocken hüllte. Das Bild passte perfekt zu seiner Stimmung.

Er hatte keine Sekunde gezögert, als Jack ihn darum gebeten hatte, Taka-Hanson in diesem fingierten Kündigungsfall zu vertreten. Immerhin kannten sie sich seit dem Jurastudium, und Eric hatte einem guten Freund noch nie eine Bitte abgeschlagen. Außerdem bedeutete der Fall eine große Herausforderung für ihn. Das gefiel ihm.

Zumindest bis eben gerade noch – bis er gelesen hatte, wer die Anklage vertrat. Kopfschüttelnd wandte er den Rücken zum Fenster. „Doch, doch, alles in Ord…“, begann er und brach ab. „Sag mal, darf ich dich kurz etwas fragen?“ Er fuhr sich durch das zerzauste Haar. Jack Hanson konnte er nichts vormachen, das wusste er. „Erinnerst du dich noch an unser Jurastudium?“

Jacks Blick wirkte sehnsüchtig. Eric war sich durchaus bewusst, wie sehr sein Freund seine Tätigkeit als Anwalt vermisste. Obwohl es eine gute Entscheidung gewesen war, die Position in der Kanzlei aufzugeben, um nach dem Tod des alten Hanson ganz ins Familienunternehmen einzusteigen. Trotzdem hatte Jack eine schmerzhafte Lücke in der Firma hinterlassen.

„Natürlich erinnere ich mich daran“, erwiderte Jack. „Und zwar gern und sehr detailliert. Das waren nämlich die schönsten Jahre meines Lebens – bis ich meine tolle Frau kennengelernt habe, natürlich. Warum fragst du?“

Eric verzog das Gesicht. „Sagt dir der Name Colleen Delaney etwas?“

Jack lachte kurz auf, dann verschränkte er die Hände im Nacken. „Oje. Doch nicht die Frau, die dir drei Jahre lang Kopfschmerzen bereitet hat?“

„Migräne“, verbesserte Eric ihn. Aber das war noch nicht die ganze Wahrheit. Colleen Delaney hatte ihm nämlich buchstäblich das Herz aus dem Leib gerissen. „Diese Frau ist eine Nervensäge.“

„War aber eine ziemlich scharfe Braut“, bemerkte Jack, „das musst du zugeben. Außerdem habt ihr euch anfangs noch ganz gut verstanden, wenn ich mich richtig erinnere.“

Eric zuckte mit den Schultern. „Ja, aber nicht lange.“

„Was ist damals eigentlich passiert? Das hast du mir nie genau erzählt.“

Mit voller Absicht. Was hätte er seinem Freund auch erzählen sollen? Ich habe mich Hals über Kopf in sie verliebt, und sie hat mich abserviert? Das konnte er einem anderen Mann gegenüber unmöglich zugeben. „Ach, wir waren einfach zu verschieden, sind immer wieder aneinandergeraten“, sagte er stattdessen. „Die Frau war ja so dickköpfig, das wurde mir irgendwann zu anstrengend.“

Aber als Colleen und er sich in ihrem Apartment geliebt hatten, im sanften Schein der Straßenlaterne, der durch das Fenster fiel, war das überhaupt nicht anstrengend gewesen. Im Gegenteil, es hatte sich toll angefühlt, besser noch: unvergleichlich. So etwas hatte er noch nie erlebt.

Jack nickte bedächtig. „Stimmt, ihr habt euch ziemlich heftig gestritten. Wie ein altes Ehepaar. Da ist mir gleich der Verdacht gekommen, dass ihr etwas miteinander habt.“

Das Blut schoss Eric in den Kopf. Warum konnte er diese eine fatale Nacht nicht einfach vergessen? Alles hatte ganz harmlos angefangen, sie hatten sich wie so oft über irgendein juristisches Problem in die Haare gekriegt, außerdem waren ein paar Gläser Bier im Spiel … Dann war die Situation eskaliert, und etwas Wunderbares war passiert. Und kurz darauf war auch schon wieder alles vorbei gewesen.

Nach dieser einen unvergesslichen Nacht war Colleens Verhalten ihm gegenüber nämlich ins direkte Gegenteil umgeschlagen. Bis dahin hatten sie freundschaftlich miteinander diskutiert, zusammen gelernt, auch mal etwas unternommen und sich zueinander hingezogen gefühlt. Plötzlich hatte Colleen alle Schotten dichtgemacht und ihn damit völlig ausgesperrt.

Für sie war er also nur ein One-Night-Stand gewesen. Und er? Er hatte gleich sein Herz an sie verloren. Pech gehabt.

Nach und nach fand er sich mit der Abfuhr ab und beschloss, er könne froh sein, dass es so gekommen war. Es hieß zwar, Gegensätze ziehen sich an, aber Colleen und er hatten sich nicht ergänzt, sondern gefährlich miteinander reagiert, als würde jemand ein Streichholz an einen Benzinkanister halten. „Alte Ehepaare, die so streiten wie wir, hätten nie im Leben heiraten dürfen“, bemerkte er.

„Stimmt.“ Jack legte den Kopf schief. „Aber wie kommst du ausgerechnet jetzt auf diese uralte Geschichte mit Colleen?“

„Wie sagt man doch? Man begegnet sich immer zweimal im Leben. Colleen und ich sind wohl jetzt fällig.“ Er hielt Jack den Bogen hin, den er eben noch so konzentriert studiert hatte. „Colleen Delaney vertritt Ned Jones.“

„Das ist doch wohl nicht dein Ern…“ Jack pfiff anerkennend durch die Zähne, dann grinste er breit. „Ich dachte, der verkniffene alte Framus hat das Mandat übernommen?“

„Ich auch, aber offenbar arbeitet sie für ihn.“

Jack lachte leise. „Na, das ist doch wunderbar.“

„Wunderbar?“ Eric stöhnte. „Diese Frau hasst mich, sie hat mir damals den Rest meines Jurastudiums zur Hölle gemacht. Mann, war ich froh, als ich endlich meinen Abschluss in der Tasche hatte und sie nie wiedersehen musste.“

Wen versuche ich hier eigentlich zu überzeugen, fragte sich Eric. Jack oder mich selbst? Colleen war wunderschön, vom ersten Moment an hatte er sich zu ihr hingezogen gefühlt. Aber gleichzeitig hatte sie sich auch eigensinnig und rechthaberisch gezeigt und ihn damit stark an seine Familie erinnert. Und die Abendessen bei seinen Eltern waren für ihn schon stressig genug.

Einerseits bewunderte er Colleens Hartnäckigkeit, andererseits gefiel ihm ganz und gar nicht, wie schonungslos sie in manchen Dingen vorging. Und obwohl sie beide als Anwälte in Chicago tätig waren, hatten sich ihre Wege bislang nicht gekreuzt. Jetzt sollten sie sich ausgerechnet in einem bedeutenden Fall vor Gericht begegnen. Himmel, das reinste Desaster.

„Ausgerechnet Colleen vertritt die Anklage“, stöhnte er. „Das kann ich nun wirklich nicht gebrauchen.“

„Wieso, was ist daran so schlimm?“, hakte Jack nach.

„Das ist nicht nur schlimm, das ist ein Albtraum. Du hast ja keine Ahnung, was die für einen Zauber machen wird, bloß weil sie sich mit mir anlegen kann.“

Jack zog die Brauen zusammen. „Heißt das etwa, du steigst aus?“

„Nein, auf gar keinen Fall.“

„Da bin ich aber froh.“

„Ich kann dich doch nicht einfach im Stich lassen. Außerdem habe ich schon eine Menge nachgeforscht und bin gerade auf einer heißen Spur, glaube ich.“

„Was meinst du damit?“

„Ich möchte das alles erst genauer recherchieren, damit ich mir hundertprozentig sicher bin, bevor ich die Details weitergebe. Wenn ich so weit bin, bekommst du als Erster Bescheid. Es sieht aber gut aus, du brauchst dir keine Sorgen um den Fall zu machen.“

„Wunderbar. Und tut mir leid wegen der Sache mit Colleen Delaney. Dazu fällt mir nur ein, dass es im Leben keine Zufälle gibt und alles irgendwie seinen Grund hat.“

Da war Eric sich nicht so sicher – es sei denn, das Schicksal erlaubte sich gerade einen üblen Scherz. „Na ja, ich glaube nicht an Vorsehung und diesen ganzen Quatsch. Mit Colleen Delaney komme ich schon klar. Wolltest du mich eigentlich noch etwas fragen?“

„Ja, ich möchte dich um deine Meinung bitten.“ Jack rieb sich über das Kinn. „Wir wollen nämlich Robby Axelrod aus Tokyo für ein Hotelprojekt hier in Chicago zurückholen. Würde das den Ausgang der Verhandlung wohl irgendwie beeinflussen?“

Eric lehnte sich zurück und tippte mit seinem teuren Füllfederhalter auf den Papierstapel, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Systematisch ging er die Fakten im Kopf durch: Nachdem Ned Jones von Taka-Hanson vor die Tür gesetzt worden war, hatte er wegen unrechtmäßiger Kündigung geklagt. Verbunden mit der Drohung, Insider-Informationen über vermeintlich fragwürdige Baumaßnahmen auf den Tisch zu packen. Und Robby Axelrod war der zuständige Bauleiter des Taka-Hanson-Konzerns. Ned Jones hatte bereits behauptet, sie nähmen es mit der Gebäudesicherheit nicht so ernst und setzten alles daran, Geld zu sparen. Das fiel natürlich auf Robby Axelrod zurück.

Eric war der festen Überzeugung, dass Ned Jones Blödsinn erzählte. Der Typ hatte sich eindeutig über seinen Arbeitgeber geärgert und wollte sich jetzt rächen und dabei eine dicke Abfindung kassieren. Davon durfte sich Taka-Hanson auf keinen Fall einschüchtern lassen. Also war es gar keine schlechte Idee, den Bauleiter Axelrod zurück nach Chicago zu holen. „Ich finde gut, was ihr vorhabt“, sagte Eric schließlich. „Damit zeigt ihr allen, dass Taka-Hanson zu hundert Prozent hinter Axelrod steht.“

Jack entspannte sich sichtlich. „Ach, auf diese Antwort hatte ich gehofft. Ich sehe das übrigens ganz genauso, aber du bist hier der Boss.“ Er stand auf. „Dann lasse ich dich mal weitermachen. Ich weiß ja, dass du auch andere Fälle zu bearbeiten hast.“

Im Türrahmen blieb er stehen und drehte sich noch einmal um. „Du hast mich zwar nicht um meine Meinung gebeten … aber im Fall Colleen Delaney würde ich dir raten, so vorzugehen wie damals während des Jurastudiums.“

Eric schnaubte leise. „Du meinst, ich soll mich heftig mit ihr fetzen, um mich hinterher zu betrinken und bei meinen Freunden auszuheulen?“

Jack grinste. „Das ist natürlich eine Möglichkeit … aber erst mal würde ich es mit Gelassenheit versuchen. Damit erreichst du aus meiner Sicht am meisten.“

„Wirklich?“

„Klar. Weißt du nicht mehr, wie das damals war? Sobald du ihr Kontra gegeben hast, hat sie das noch mal so richtig angespornt. Aber warst du die Ruhe selbst, war die Luft schnell raus.“

Jetzt, wo Jack davon erzählte, erinnerte Eric sich auch wieder daran. Glücklicherweise hatte er in den letzten Jahren ununterbrochen Gelassenheit üben dürfen, rein beruflich. „Na ja, versuchen kann ich’s ja mal“, meinte er und nickte Jack zu.

Der lächelte. „Wenn alle Stricke reißen, gehe ich gern mit dir ein Bier trinken und höre mir das Elend an.“

Auf direktem Wege ging Eric in Richtung Ausgang des Gerichtsgebäudes. Die Anhörung war gut gelaufen, zum Glück hatte er nicht mit Colleen sprechen müssen.

Aber kaum hatte er sie erblickt, war ihm klar geworden, dass er immer noch nicht über sie hinweg war. Aus der sexy Jurastudentin war inzwischen eine umwerfend attraktive Frau geworden. Womöglich bildete sie sich ein, dass ihr konservativer blauer Hosenanzug und ihr akkurater schwarzer Bob sie weniger weiblich wirken ließen? Fehlanzeige.

Ihr Auftreten hatte sich allerdings nicht geändert, sie konnte immer noch genauso schneidend werden wie damals. Zum Beispiel, als sie versuchte, Robby Axelrod den Auftrag für den Hotelneubau entziehen zu lassen – da hatte Eric förmlich gespürt, wie sie sich innerlich auflud. Und als der Richter ihren Antrag schließlich abgeschmettert hatte, hatte er die volle Ladung abbekommen. Jetzt wollte Eric ihr erst mal Zeit geben, sich zu beruhigen, bevor er sie ansprach. Offenbar konnte sie die Niederlage gar nicht gut wegstecken.

Gerade wollte er die Tür öffnen, da hörte er das entschlossene Klappern von Absätzen hinter sich. „Nelson! Moment mal! Ich muss mit dir reden!“

Abrupt blieb er stehen. Er fluchte leise, dann erinnerte er sich an das, was Jack ihm gesagt hatte, und drehte sich um. Jetzt hieß es, gelassen und freundlich zu bleiben, Selbstbewusstsein auszustrahlen. Schade, dass keiner Colleen diesen Rat gegeben hatte …

Entschlossen stürzte sie auf ihn zu.

„Colleen“, begann er ganz ruhig und gab sich dabei alle Mühe, sich nicht vom Anblick ihrer zarten, glatten Haut ablenken zu lassen oder dem Duft ihres Parfums. „Schön, dich wiederzusehen. Wie geht’s dir denn?“

„Sag mal – spinnst du?“ Aus ihren blauen Augen sprühten Blitze.

Tief einatmen, befahl Eric sich. Und ganz langsam wieder ausatmen. „Na, das ist ja eine herzliche Begrüßung.“

Sie wischte seine Worte mit einer raschen Handbewegung weg. Jacks Plan schien nicht aufzugehen. „Sorge doch bitte dafür, dass deine Klienten Axelrod von diesem neuen Hotelprojekt abziehen, bis der Fall geklärt ist. Dringend.“

Aha, dringend also, dachte Eric. „Colleen, ich lasse mich hier nicht von dir herumkommandieren.“ Er drehte sich um und ging einfach weiter.

Einen Moment lang blieb sie stehen, dann folgte sie ihm. „Wie kommst du überhaupt dazu, diesen Monsterkonzern zu verteidigen, Eric? Das ist doch sonst nicht dein Stil.“

„Woher willst du wissen, was mein Stil ist und was nicht? Wir haben uns fast zehn Jahre nicht mehr gesehen.“

„Hast du eine Ahnung, wie viele Menschenleben Taka-Hanson mit ihrer miesen Gebäudekonstruktion aufs Spiel setzen?“

„Allerdings“, erwiderte Eric. „Nämlich genau … gar keins.“

„Wie bitte?“

Sie legte ihm die Hand auf den Unterarm und umklammerte ihn fest. Er zuckte zusammen, und auf einmal überlief ihn ein heißes Kribbeln. Schweigend fixierte er ihre Hand, bis sie sie von selbst zurückzog.

Dann betrachtete er Colleens herzförmiges Gesicht. Sie stand voll unter Strom und war überzeugt von allem, was sie tat und sagte. Ganz offensichtlich wusste sie nicht, was in Sachen Ned Jones gespielt wurde. Sie war wohl erst vor Kurzem mit dem Fall beauftragt worden und hatte noch nicht die Zeit gehabt, intensive Nachforschungen anzustellen.

Obwohl sie sich ihm gegenüber gerade ziemlich dreist aufgeführt hatte, wollte er nicht, dass sie sich vor Gericht blamierte. Für ihn zählte nur, seine Klienten zu entlasten. Es ging ihm wirklich um die Sache, um die Gerechtigkeit – nicht um einen spektakulären Auftritt. Also beschloss er, Colleen zu vermitteln, dass es möglicherweise eine Verbindung zwischen ihrem Klienten Ned Jones und dem Erzrivalen der Taka-Hanson-Kette gab, Drake Thatcher.

Er seufzte. „Colleen, iss doch mit mir zu Mittag. Dann können wir das alles ganz ruhig und professionell besprechen.“

„Wie bitte? Du lädst mich zum Lunch ein? Bist du verrückt geworden?“

Er tippte auf seine Armbanduhr. „Nein, ich glaube nicht. Es ist völlig normal, um diese Zeit zu Mittag zu essen. Das ist nämlich eine der drei Hauptmahlzeiten.“

„Aber …“

„Colleen“, sagte er müde. „Ich war den ganzen Morgen im Gericht, und heute Nachmittag geht es knallhart weiter. Jetzt habe ich Hunger. Ist das denn so schwer nachzuvollziehen?“

Sie verschränkte die Arme. „Nein, ist es nicht. Ich verstehe bloß nicht, warum du mich unbedingt einladen willst.“

„Warum eigentlich nicht? Wir waren doch früher mal gut … befreundet.“

Sie errötete. „Ja, genau, früher. Das ist alles längst vorbei.“

„Stimmt. Trotzdem kennen wir uns, so unangenehm dir das offenbar ist. Also, entweder lade ich dich jetzt ein, oder wir stehen uns hier noch weiter die Füße platt, und ich komme überhaupt nicht zum Essen. Das würde ich gern vermeiden.“

Colleen musterte ihn von Kopf bis Fuß. Anscheinend wollte sie dabei herausfinden, ob er etwas im Schilde führte. Schließlich strich sie sich betont lässig das glatte schwarze Haar hinter die Ohren. „Also gut. Wohin gehen wir?“

„Was hältst du vom ‚The Chambers‘ hier in der Nähe? Das ist am einfachsten.“

„Gut, bis gleich.“

„Ich kann dich gern mitnehm…“

„Ich sagte: Bis gleich.“

Und weg war sie – kerzengerade stolzierte sie auf die Ausgangstür zu.

Kopfschüttelnd blickte Eric auf den Parkplatz vor dem Gerichtsgebäude. Plötzlich konnte er sich nicht mehr gegen die alten Erinnerungen wehren. Erinnerungen an eine ganz andere Colleen, wie er sie eine einzige Nacht lang erlebt hatte. Diese Nacht musste er jetzt erst mal verdrängen, wenigstens solange der Fall Ned Jones aktuell war.

Es war ein Riesenfehler gewesen, mit Colleen zu schlafen … und gleichzeitig unbegreiflich schön. Hinterher hatten sie nie darüber gesprochen, obwohl er es immer wieder versucht hatte. Sie hatte das eiskalt abgeblockt. Irgendwann hatte er dann beschlossen, das alles einfach hinter sich zu lassen. Dadurch war sein Leben sehr viel einfacher geworden.

Jedenfalls versuchte er, sich das einzureden.

Trotzdem hatte er nie vergessen, was damals passiert war, würde es auch nie vergessen können …

Umso wichtiger war es, dass er sämtliche Begegnungen mit Colleen rein beruflich gestaltete. Anders ging es einfach nicht.

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