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Im Mond des Styx

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Danksagungen
  5. Prolog - eine Legende
  6. I. TEIL
  7. 1.
  8. 2.
  9. 3.
  1. II. TEIL
  2. 4.
  3. 5.
  4. 6.
  5. 7.
  6. 8.
  7. 9.
  1. III. TEIL
  2. 10.
  3. 11.
  4. 12.
  5. 13.
  6. 14.
  7. 15.
  8. 16.
  9. 17.
  10. 18.
  1. IV. TEIL
  2. 19.
  3. 20.
  4. 21.
  1. V. TEIL
  2. 22.
  3. 23.
  4. 24.
  1. VI. TEIL
  2. 25.
  3. 26.
  4. 27.
  5. 28.
  6. 29.
  1. VII. TEIL
  2. 30.
  3. 31.
  4. 32.
  5. 33.
  6. 34.
  1. VIII. TEIL
  2. 35.
  3. 36.
  4. 37.
  5. 38.
  6. 39.
  1. Epilog
  2. Glossar
  3. Über den Autor

Danksagungen

Für dieses Buch möchte ich mich bei meinen Testlesern bedanken, bei Andrea Broichhausen, Jörg Spinger, Marcel König und Stephan Dierlamm.

Bedanken will ich mich auch bei meiner Lektorin Monika Hofko, die sich auch von blutrünstigen Barbaren nicht abschrecken ließ und diesem Roman wieder einmal den letzten Schliff verlieh.

Und mein besonderer Dank geht wie immer an Linda Budinger, die diesen Roman wie stets von Anfang an begleitet hat und der ich die ersten Rückmeldungen zur Geschichte verdanke.

Prolog – eine Legende

Der Mond des Styx stand rot über den Wassern des Lethe.

An den Ufern tobte die Schlacht.

Sardik führte das Schwert, und keiner der Feinde wagte sich in seine Nähe. Seine Krieger drängten die Walaren zum Lethe zurück, doch jeder Zoll Raum, den sie erkämpften, war teuer erkauft. Das Blut der Walaren floss dick und schwarz, und selbst wenn sie mit abgetrennten Gliedmaßen und von Speeren durchbohrt auf dem Schlachtfeld lagen, griffen sie mit ihren bleichen Händen noch nach den Füßen der Männer, die über sie hinwegstiegen.

Als Sardik den See erreichte, stand nur noch eine Hand voll Gefährten an seiner Seite. Er ließ ein Feld voll toten Fleisches hinter sich, und das schwarze Blut der Walaren mischte sich mit dem roten Blut der Steppenkrieger. Die verstümmelten Leiber, die grässlichen Wunden und die zersplitterten Knochen waren auf beiden Seiten dieselben.

Der Tod löschte die Unterschiede aus, so wie er das Leben der beiden Stämme auslöschte, die unter dem Mond des Styx am Ufer des Lethe kämpften.

Er stellte Naran am Ufersaum. Der Fürst der Walaren war ein Hüne von Gestalt, zweieinhalb Schritt hoch und am ganzen Leib mit Eisen gepanzert. Er führte einen langstieligen Hammer und einen Säbel und hatte an diesem Abend viele Krieger erschlagen.

Naran ließ seinen Hammer kreisen. Sardik tauchte darunter hindurch und schlug mit dem Schwert zu. Die Klinge spaltete eine Panzerplatte am Arm, fuhr zwischen zwei weiteren hindurch und schnitt durch Fleisch und Knochen.

Naran verlor die rechte Hand, und sein Hammer fiel in den See. Der Walare taumelte zurück. Wasser umspülte seine Knie, zäh wie Teer troff sein schwarzes Blut aus dem Armstumpf und zog Fäden bis zu der abgetrennten Rechten, die im Wasser trieb.

Sardik drängte nach. Angewidert verzog er das Gesicht, als das unreine Wasser seine Haut berührte. Naran schlug mit dem Säbel zu. Sardik parierte.

Neben ihm schrien seine Männer, die letzten Walaren kreischten, von Blutdurst erfüllt. Sardik wehrte einen Angriff von der Seite ab und hieb mit dem Schwert einen Walarenkrieger in zwei Hälften. Er geriet tiefer in die Wasser des Lethe.

Naran blieb ungerührt von seiner Wunde und nutzte die Ablenkung. Er griff Sardik an der ungeschützten Flanke an. Sardik drehte sich, parierte und schlug zu. Schwarzes Blut und Wasser perlten von der Klinge ab, die Tropfen funkelten unter dem vollen Mond des Styx.

Sardik stieß Naran das Schwert in den Leib. Er traf ihn zweimal, dreimal … Der Walare kämpfte weiter. Es wurde still auf dem Schlachtfeld. Die Kriegsrufe verstummten, nur das Stöhnen der Verwundeten erfüllte die Luft. Vom Klirren der Waffen blieb nur mehr ein Scharren, als die niedergestreckten Walaren mit den letzten Atemzügen noch versuchten, zu ihren Feinden zu kriechen.

Und neben alldem hörte man Sardik und Naran, die als Einzige weiterkämpften, ihr Keuchen, den hellen Laut, mit dem ihre Klingen aufeinandertrafen. Narans Panzer war zerfetzt, das Fleisch darunter aufgerissen, doch er gab nicht auf. Sardik wich einem Säbelhieb aus, er glitt ins Wasser; seine Klinge fuhr unter der seines Feindes hindurch und biss zu. In hohem Bogen flog Narans zweite Waffe hinaus auf den See, die Hand noch immer um den Griff geklammert.

Der Walarenfürst taumelte zurück, tiefer ins Wasser hinein. Er hob beide Armstümpfe. Naran sah sich nach seinen Kriegern um, aber da war niemand mehr. Nur ein halbes Dutzend von Sardiks Männern stand am Ufer, hinter ihrem Häuptling. Sie verfolgten den letzten Kampf. Diese Männer waren alles, was von beiden Stämmen geblieben war.

Naran streifte sich mit den verstümmelten Armen den Helm vom Kopf und schüttelte die langen Haare. Sechs volle Monde standen am Firmament, doch der blutrote Styx überstrahlte sie alle.

»Du glaubst, du hast mich besiegt«, stieß Naran hervor.

»So sieht es aus«, sagte Sardik. Er kam vorsichtig näher und hielt das Schwert vor sich. Sein Feind wirkte hilflos, doch sie alle hatten erlebt, wozu die Walaren fähig waren. Sie wollten nicht sterben, und ihr Fürst Naran war von allen der Schlimmste. Sein Leib war erfüllt von dämonischer Macht.

»Du weißt, dass das nicht das Ende ist. Äonen mögen vergehen, doch wenn der Mond des Styx wieder in vollem Glanz erstrahlt, dann werde ich zurückkehren. Und wo wirst du dann sein?«

»Diese Welt gehört mir und den meinen«, antwortete Sardik. »Welcher Mond auch immer darüber scheinen mag.«

Er schlug mit dem Schwert zu. Die Klinge drang in Narans Schulter. Aber das zähe Blut hielt das Fleisch zusammen wie die Fäden einer Naht, und der Schnitt schloss sich, kaum dass Sardik die Klinge aus der Wunde gezogen hatte.

Mit einem Knurren sprang Naran nach vorn. Er versuchte, Sardik mit der bloßen Masse seines Leibes unter Wasser zu drücken.

Sardik wich aus. Er fiel der Länge nach in den See, sprang wieder auf und schlug zu, immer wieder. Er schlug Fleisch und Knochen von Narans Leib wie ein Holzfäller, der im Wald einen Stamm bearbeitete. Er trennte Naran auch die Beine ab, und den Kopf, aber es war immer noch Leben in den Körperteilen, als sie davontrieben.

Sardik hackte mit dem Schwert, bis sich nichts mehr regte. Schwarzes Walarenblut floss in kleinen Bächen vom Ufer in den See und mischte sich mit dem Blut des Fürsten zu dunklen Wolken, die träge mit der Strömung trieben.

Und der Mond des Styx glitzerte auf den Wassern des Lethe, und sein Schein färbte den See so rot wie Blut – der Schein des blutroten Mondes oder das Blut selbst, das an diesem Tag in den See geströmt war, wer vermochte es zu sagen?

I. TEIL:
SPUR IN DIE WÜSTE

1.

Es war Frühling, als Halime zu den Zelten der Cefron kam.

An diesem Morgen wurde Gontas von dem Lärm geweckt, der sich am Rande des Lagers erhob. Er glitt von seinem Stapel Decken und tastete benommen nach dem Beil. Er fluchte. Zu viel Akir am gestrigen Abend. Wenn das ein Angriff war …

Gontas’ Hand schloss sich um den Griff seiner Waffe.

Wenn das ein Angriff war, was konnte er sich dann Besseres wünschen? Sein Kopf schmerzte bereits so heftig, als hätte er ein paar kräftige Schläge daraufbekommen. Es gab also wenig, was er von einem Feind noch zu befürchten hatte.

Die Morgensonne fiel durch den locker verschnürten Zelteingang. Ihre Strahlen ließen rote Lichtkreise auf dem Boden und auf der Zeltplane tanzen. Gontas lauschte. Er hörte Stimmen – Stimmen, keine Schreie. Kein Angriff also.

Gontas ließ das Beil sinken und warf es dann achtlos in die Ecke. Schade. Er hätte an diesem Morgen gern ein paar Köpfe eingeschlagen, und am allerliebsten seinen eigenen. Er biss die Zähne aufeinander, beschattete die Augen mit der Linken und riss die Zeltklappe auf.

Ein warmer Wind strich über Gontas’ schmerzende Stirn. Die ganze Sippe stand an einem Flecken zwischen den Zelten beisammen. Die Frauen und die Alten redeten aufgeregt durcheinander, die jungen Krieger hingegen gaben sich betont unbeteiligt. Sie alle aber schienen sich um einen einzigen Punkt versammelt zu haben, und von jenseits der Zelte blickten die Dromedare aufmerksam herüber.

Neugierig trat Gontas näher. Er schob die jüngeren Männer zur Seite. »Was ist das hier?«, fragte er. »Was soll der Lärm?«

Gontas war nicht besonders groß und auch nicht auffällig gut aussehend. Er war breit gebaut, mit langen, muskulösen Armen. Seine kurzen schwarzen Haare ringelten sich wie Draht und sahen immer ein wenig struppig aus, seine Nase war flach, und seine Haut hatte den leichten Bronzeton, der bei den Stämmen der Buschläufer verbreitet war. Dennoch, als er durch den Kreis seiner Sippe trat, hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit aller. Die Gespräche verstummten.

»Irgendwelcher Weiberkram«, zischelte Hasdru Hundeohr.

»Die Frauen haben es beim Wasserholen gefunden«, sagte Ochos, der älteste der Sippe.

Gontas hob gereizt die Hände. »Was haben sie gefunden?«

Die Frauen wichen zur Seite. Gontas kniff die Augen zusammen, aber er konnte immer noch nicht sehen, worum es ging. Nur ein paar kleine Kinder spielten dort, wo alle hinschauten. Sie liefen aufgeregt umher und stachelten sich gegenseitig mit Rufen an.

Gontas trat näher. Und dann bemerkte er den Grund für die Aufregung.

Ein fremdes Mädchen stand zwischen den Kindern des Stammes. Es mochte wohl sechs Jahre alt sein, und sein Kleid war von fremdartigem Schnitt und viel zu schwer für den Frühling im Buschland. Der Stoff wirkte grau und zerlumpt und staubig wie von einer langen Reise. Die Haare des Kindes klebten fettig und verfilzt aneinander; ursprünglich mochten sie braun gewesen sein, füllig und lang. Die Wangen der Fremden waren hager, der Leib ausgemergelt, aber sie stand aufrecht da und schaute Gontas aus ihren dunklen Augen an. Ihre Blicke trafen sich, sie schlug nicht die Augen nieder.

»Sie war beim Fluss.«

»Sie sagt gar nichts.«

»Sie ist keine von den Cyriaten!«

Die Frauen redeten durcheinander.

Gontas ging auf das Mädchen zu. Er scheuchte die Kinder fort, die die Fremde umringten wie ein Rudel Hunde. Mit beiden Händen fasste er das Mädchen unter den Achseln und hob es hoch. Er musterte es. Das Kind schaute ihm immer noch unverwandt in die Augen und gab keinen Laut von sich.

»Es gehört zu keinem der Stämme«, stellte Gontas fest.

Einige der Ältesten traten an Gontas’ Seite. Sie betrachteten das fremde, schweigsame Kind. Gontas konnte den Blick des Mädchens nicht abschütteln. Diese Augen … Nein.

Er kam zu dem Schluss, dass das Mädchen um einiges älter sein musste, als er zunächst gedacht hatte. Es war nur ein wenig klein geraten und mager, und eindeutig war es zu lange unterwegs gewesen.

Aber ob es nun sechs Jahre alt war oder zehn, es war auf jeden Fall zu jung, um allein durch das Buschland zu wandern.

»Womöglich kommt es aus den Städten«, sagte Ochos. »Die Frauen der Khâl tragen seltsame Kleider, so heißt es.« Er sah Gontas an, der schon einmal in den Städten der Khâl gewesen war.

Der zuckte die Achseln. »Schon möglich«, sagte er, auch wenn ihm nichts an der Kleidung des Kindes bekannt vorkam. Auch die Gesichtszüge, das Haar, die Hautfarbe unter der Sonnenbräune – es passte zu den Khâl so wenig wie zu den Stämmen des Buschlandes. Das Mädchen war ihm ein Rätsel. »Auf jeden Fall wird sie kaum allein von den Städten bis zu unseren Zelten gelaufen sein.«

»Gewiss nicht.« Ochos grinste und entblößte dabei einige verfärbte Zahnstümpfe. »Nicht allein. Wir sollten nach Fremden in der Nähe Ausschau halten.«

Gontas setzte das Mädchen wieder ab. Er legte ihm die Hand auf die Schulter. »Tu das«, sagte er zu Ochos. »Ich nehme das Kind in meinem Zelt auf, bis wir mehr wissen.«

»Du?« Ochos klang entsetzt. »Das geht nicht!«

»Wer will mich daran hindern?«, fragte Gontas. »Du?« Er musterte den Alten abschätzig.

Makri Kamelschweif rang die Hände. »Du kannst das Kind nicht aufnehmen! Du hast dir bis jetzt ja nicht einmal eine Frau in dein Zelt geholt!«

Makri war die älteste Frau der Sippe und inzwischen die Matriarchin. Gontas hielt sie für hysterisch. Was der Krieg übrig lässt … Aber er musste zugeben: Sie war die beste Geisterseherin, die der Stamm hatte.

»Weib!«, fuhr Gontas sie an. »Ich will einem Kind in meinem Zelt Gastfreundschaft gewähren. Ich will kein eigenes Kind darin zeugen! Wozu bei allen Geistern sollte ich also eine Frau brauchen?«

»Ein Krieger kann kein Kind aufziehen«, sagte Ochos. »Das ist gegen die Sitte.«

Gontas hörte hinter sich ein Johlen. »Gontas will ein Kind an seinem Busen nähren. Wo sind seine Zöpfe?«

Gontas erkannte die Stimme. Es war Nachab, das Büffelhorn. Gontas knirschte mit den Zähnen. Er wandte sich nicht um, aber er würde Nachab die Schmähung nicht vergessen.

»Ich habe mich entschieden«, sagte er und musterte die ältesten finster. Er würde diesen Kampf gewinnen, so wie jeden anderen zuvor. Die Sippe war tot gewesen, bevor sein Ruhm neue Männer zu den Zelten geführt hatte – seine Männer, die im Krieg an seiner Seite gekämpft hatten und denen er Siege und Reichtum gebracht hatte. Allein seinetwegen war die Sippe heute die erste unter den Cefron.

Und ob Krieg oder Frieden, er würde sich nicht führen lassen von Alten, denen er die Knochen brechen konnte, als wären es Eierschalen.

»Sei vernünftig.« Ochos legte Gontas die Hand auf den Arm. »Das Mädchen ist ja nicht als Gast zu unseren Zelten gekommen. Es ist eine fremde Herumtreiberin, die wir auf unserem Land aufgegriffen haben.«

Makri fing an, lauthals zu lamentieren: »Diese jungen Kühe!« Sie schaute die übrigen Frauen der Sippe an. »Warum haben sie das fremde Ding nur in unser Lager gebracht? Ein Geist der Zwietracht ist es, der Gestalt angenommen hat, um uns zu verderben. Das Gras wird verdorren unter unseren Füßen, die Brunnen werden trocken fallen. Unsere Herden werden tot daliegen mit aufgeblähten Leibern, wenn wir diesen Geist des Unheils nicht von unseren Zelten vertreiben. Schickt sie fort, bevor es zu spät ist!«

Die Cefron murmelten unruhig. Auch Gontas fröstelte. Sprach Makri nun als Geisterseherin, oder war das nur das Geschwafel eines alten Weibes, das seinen Willen nicht bekommen sollte?

Aber Gontas bemerkte noch etwas anderes: Zum ersten Mal zeigte das fremde Mädchen neben ihm eine Regung. Sie schaute Makri an, und Gontas las Furcht in ihrem Gesicht. Sie drückte sich Schutz suchend an seine Beine.

Gontas ballte die Faust. »Schluss jetzt«, knurrte er. »Sie ist jetzt unser Gast, denn ich habe ihr Gastfreundschaft angeboten. Und das Gastrecht ist heilig. Wer meinen Gast aus dem Zelt zerren will, ob mit Worten oder mit Taten, den werde ich erschlagen – ganz so, wie die alten Sitten und Gesetze es befehlen.

Oder will jemand ein Urteil der Geister im Kampf erwirken? Nur zu. Ich stehe hier.«

Einen nach dem anderen musterte Gontas die Männer seiner Sippe. Tagos, Ochos’ Sohn, straffte sich und suchte gleichfalls mit Blicken nach Verbündeten. Einige der Krieger fassten nach ihren Waffen, und keiner war sich des anderen sicher.

Gontas legte beide Hände auf die Schultern des fremden Kindes. Er schob es auf sein Zelt zu und ließ das Lager hinter sich in eisigem Schweigen zurück. Misstrauen und ein ungestillter Hunger nach Gewalt schwebten fast greifbar zwischen den Zelten.

Gontas lächelte.

Alles in allem, befand er, konnte er zufrieden sein mit diesem Morgen. Seine Kopfschmerzen waren fort.

Gontas nannte das Mädchen Halime. Sie sprach kein Wort, auch wenn Gontas ihr ansehen konnte, dass sie ihn verstand.

Jeden Tag ging er mit ihr hinaus, vorbei an den Tieren, den Hunden, den Ziegen und den Dromedaren am Rande des Lagers und weiter in das Buschland. Die Cefron lebten im Norden, wo das Buschland bereits in die Steppe überging, hinter der sich das öde Steinland erstreckte. Hier wuchsen weniger Kriechranken als im Süden, es gab mehr freien Boden, aber auch viel ausgedörrtes und schlechtes Land.

Heute wanderten sie am Rand eines trockenen Wadis.

»Kennst du den Strauch?« Gontas ging neben der graubraunen Pflanze in die Hocke. »Wir Cefron nennen ihn Ashur oder Regenrose. Er ist voll von feinen Dornen, und die Zweige haben hässliche Knoten. Aber wenn es regnet, entfaltet er für einige Stunden Blüten von klarstem Blau.«

Halime lauschte aufmerksam. Sie berührte Gontas’ Wange mit ihrer kleinen Hand und sah ihn an, aber nicht ein einziges Mal schaute sie zu dem Strauch, über den er sprach.

Gontas richtete sich wieder auf. Er seufzte. So vieles hatte er ihr gezeigt, so lange hatte er mit ihr gesprochen, und immer hatte er gehofft, Halime würde eine Regung zeigen, würde etwas wiedererkennen, Landmarken oder Worte – irgendetwas, das ihm einen Hinweis auf ihre Herkunft geben könnte. Aber an diesem Tag gab er die Hoffnung auf.

Mit der Abendkühle kehrten sie zu seinem Zelt zurück. Gontas blieb bei Halime, bis sie eingeschlafen war. Inzwischen trug sie die Kleidung der Cefron, einen einfachen Kittel von blassem Grün, und Gontas kniete sich einen Augenblick neben ihre Bettstatt und lauschte ihren Atemzügen, bevor er nach draußen ging. Dabei nahm er einen Krug mit und saß dann eine ganze Weile brütend vor seinem Zelt. Er trank und sah zum farbenfrohen Licht der Monde empor.

Als er genug Akir getrunken hatte, spät am Abend, suchte er Ochos auf. Er wollte es tun, bevor dieser Augenblick der Einsicht ihn wieder verließ.

Der Älteste döste vor einem kleinen Feuer aus duftenden Gormbuschzweigen. Er zuckte zusammen, als Gontas sich neben ihn setzte. Sie hatten kein Wort miteinander geredet, seit das Kind zu ihnen gekommen war. Der unausgesprochene Groll zwischen ihnen hatte keiner Worte bedurft.

Gontas stocherte im Feuer. Ochos saß neben ihm, wachsam und angespannt.

Gontas stieß einen langen Zweig in die Flammen. Es knackte, und Funken stoben auf. »Das Mädchen kann nicht bei uns bleiben«, sagte er.

»Nicht in deinem Zelt«, erwiderte Ochos versöhnlich. Er reichte Gontas einen Klumpen Harz. Beide kauten und schwiegen.

»Nein«, sagte Gontas. »Halime gehört nicht zu uns. Wir müssen sie nach Hause bringen.«

»Wie soll das geschehen?« Ochos sprach leise und nachdenklich. »Wir wissen nichts über sie, und sie redet nicht.«

»Ich will nicht länger versuchen, sie selbst zu befragen«, sagte Gontas. »Ich dachte an Nuatafib.«

Ochos wiegte bedächtig das Haupt. Er warf einen Klumpen Harz in die Glut, reichte Gontas einen weiteren und steckte den dritten selbst in den Mund. Das Harz öffnete ein Tor in die Welt der Geister und ließ die Lebenden an der Weisheit der Ahnen teilhaben.

Gontas fühlte, wie das Harz in seinem Inneren sich mit dem Akir vereinte und seinem Geist Klarheit schenkte. Ein kühler Wind fuhr vom Buschland her durch das Lager, Staub und Weite mit sich tragend. Die Flammen zu Gontas’ Füßen leuchteten in allen Farben. Funken stiegen zum Himmel auf.

»Nuatafib ist nicht von unserem Stamm«, sagte Ochos. »Seinem eigenen Stamm hat er den Rücken gekehrt. Was hoffst du zu finden bei dem Ausgestoßenen? Nuatafib lebt bei den Geistern.«

»Ein Geist …« Gontas wunderte sich, weil seine Stimme sich so schwer anfühlte. »Ich fürchte, ein Geist hat sich in meinem Herzen niedergelassen. Ein Dämon des Krieges. Es ist geschehen, als die Stämme miteinander kämpften.«

»Du warst ein Held«, sagte Ochos. »Du hast deine Familie gerächt, deine Sippe stark gemacht und uns Wohlstand gebracht. Der Geist des Krieges hat dir Kraft verliehen.«

»Als Halime zu unseren Zelten kam«, sagte Gontas, »und wir in Streit gerieten, da kochte das Blut in meinen Adern. Ich hätte jemanden von meinem eigenen Volk erschlagen können, und der Gedanke daran ließ mich gleichgültig.« Er sah Ochos an. »Nicht nur gleichgültig. Der Gedanke erregte mich! Der Dämon des Krieges ist immer noch in meinem Inneren, und er dürstet nach Blut.«

Ochos starrte in die Flammen. Er mied Gontas’ Blick. Endlich murmelte er: »Du musst den Krieg hinter dir lassen, Gontas. Nimm dir ein Weib, zeuge Kinder. Du bist fast schon über das Alter hinaus. Dann wirst du ruhiger werden und den Dämon in deinem Inneren bezähmen.«

Gontas lachte. »Ich bin zu dir gekommen, um dir einzugestehen, dass du recht hattest, alter Mann. Nun beleidige mich nicht, indem du Dummheiten plapperst. Du weißt, dass es so einfach nicht ist. Die Frauen der Cefron …«

Gontas schwirrte mit einem Mal der Kopf. Er legte sich auf den Rücken und sah den Monden zu, die sich im Kreis drehten. »Ah, die Frauen, die Frauen im Krieg. Die Jagd und die Schreie, wenn wir erhitzt zwischen den Zelten der Cyriaten ankamen, bespritzt mit dem Blut ihrer Krieger. Die Huren von Apis, so anders als die braven Mädchen unseres Volkes. Ihr Duft … Ochos, ich habe die Frauen und die Lust im Krieg kennengelernt, und was ich hier zwischen den Zelten sehe, das langweilt mich nur.«

Ochos hustete. »Sich ein Weib zu nehmen …« Er räusperte sich. »Es geht nicht nur um Lust und Vergnügen, Gontas. Was auch immer du im Krieg abseits unserer Zelte getrieben hast …«

Gontas fiel ihm ins Wort, den Blick immer noch zu den Monden gerichtet. »Es ist schlimmer als das. Ich sehe mir die braven Mädchen unseres Stammes an, und ich denke an … Dinge. Dinge, die ich tun könnte, und dann fühle ich Lust. Aber du hast recht, Ochos: Wir sind nicht im Krieg. Dort konnte ich mir ein Weib nehmen, für eine Stunde oder für eine Nacht, und dann war ich fort. Wenn ich mir hier eine Frau nehme, wird sie am nächsten Tag immer noch da sein. Und ihre Brüder, ihr Vater und dessen Brüder leben mit mir im Lager, und wir begegnen uns jeden Tag. Ich sehe mir die hübschen Mädchen im Lager an und mir graut vor meinen Gedanken, Ochos. Ich kann mir hier kein Weib in mein Zelt holen!«

Ochos gab einen halbherzigen Laut von sich, oder vielleicht schnappte er auch nur nach Luft. »Was … willst du also tun?«

»Die Städte im Westen liegen ständig im Krieg«, sagte Gontas. »Die Städte im Westen brauchen immer Krieger.«

Er setzte sich wieder auf. Ochos war vor dem Lagerfeuer zusammengesunken wie ein leeres Bündel.

»Aber erst einmal«, fuhr Gontas fort, »suche ich Nuatafib auf, der die Geister kennt, und frage ihn um Rat. Ich möchte dich bitten, Halime in die Obhut deiner Familie zu nehmen, bis ich zurückkehre.

Doch ich gehe nicht nur um des Mädchens willen. Es ging nie allein um Halime, sondern immer um die Herausforderung, nach der ich suche.«

Die flachen Strahlen der Abendsonne fielen auf niedrige Tafelberge und überzogen das Gestein mit einem blassroten Schimmer. Die Berge waren nicht hoch, aber zerklüftet. Wie kreuz und quer gestapelte Steinplatten türmten sie sich auf und waren voll von verwitterten Kanten. Überall zwischen den Graten gab es Hochebenen und Spalten, und an manchen Stellen klafften wahrhaftig Höhlen zwischen den Felsscheiben.

In einer von diesen Höhlen lebte Nuatafib, der Einsiedler und Wahrsager, doch Gontas wusste nicht, wo sie lag.

Tagelang war er bis zu diesen Bergen gewandert, durch das Dickicht von Kriechgras und Klammerstrauch, von Schlingwurzel und Wanderranke, das diesen Teil des Buschlandes überzog. Es gab Pfade durch das abweisende Gestrüpp, und Gontas kannte sie alle. An den steinigen Hängen der Tafelberge endete der Bewuchs allmählich, und Gontas folgte dem Saum der Vegetation und suchte im letzten Tageslicht nach den feinen Spuren, die jedes menschliche Leben hinterließ.

Mit Einbruch der Dunkelheit fand er Sträucher mit Beeren, und im bernsteingelben Glanz des Styx und im Licht einiger kleinerer Monde sah er die Abdrücke bloßer Füße in der kargen Erde darum herum. Gontas folgte der Fährte über schmale Risse hinweg, er stieg über einen geborstenen Steinblock, dessen Trümmer weit verteilt am Berghang lagen, und dahinter fand er an einem Sims die Höhle des Nuatafib.

Der Wahrsager saß davor und badete seinen nackten Leib im Licht der Gestirne. Es war ohne Zweifel das einzige Bad, das er in den letzten Jahren genommen hatte. Das fahle Haar hing wirr um seinen Körper, Schopf und Bart waren zu einer einzigen talgigen Masse verfilzt. Schmutz und die Falten des Alters zeichneten verschlungene Muster auf seine Haut, und der Geruch des dürren Greises hatte nichts Menschliches mehr an sich.

Gontas stand einen Moment unschlüssig am Rand des Plateaus. Dann trat er beherzt vor den Einsiedler.

»Nuatafib, ich suche deinen Rat.«

Der Alte sah ihn nicht an. Seine Augen glänzten weiß und blind im Mondlicht. Aber er antwortete: »Warum sollte ich dir einen Rat geben, Gontas von den Cefron?« Seine Stimme klang überraschend deutlich durch die Nacht, wenn auch rau und immer schriller, bis sie am Ende in den Ohren schmerzte wie ein scharfer Wind. »Warum sollte ich dir einen Rat geben? Du bist nicht mit mir verwandt, und du hast viele Cyriaten erschlagen.«

Gontas zuckte zusammen, vor dem Irrsinn in der Stimme und weil der Alte ihn beim Namen nannte, obgleich sie einander nie begegnet waren. Doch er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. »Ich habe Geschenke für dich.«

Nuatafib streckte ihm die Hand entgegen, eine Hand, so lang und dünn wie die eines fleischlosen Toten. Als Nuatafib die Finger um die Gaben krümmte, knackten die Knoten an seinen Gelenken.

»Getrocknetes Fleisch vom Hasen, Datteln und sogar Wein«, sagte Gontas. »Das gibt es nicht in dieser Gegend.«

»Du hast recht, es gibt keine Datteln hier.« Der Alte kicherte und verbarg die Geschenke rasch in einem dunklen Winkel zwischen den Steinen. »Aber es gibt andere Dinge hier. Die Geister raunen in den Felsen. Und es gibt Harz, das beste Harz. Der Wind und die Bienen tragen es durch die Lüfte zu mir.«

Er bedeutete Gontas, sich ihm gegenüber auf den Boden zu setzen. Dann entfachte Nuatafib ein Feuer aus dürren Zweigen, so schnell, dass Gontas kaum erkennen konnte, wie der Alte es zuwege brachte. »Es ist gut, dass du zu mir gekommen bist«, sagte Nuatafib, »denn deine Geschenke erfreuen mich.«

Unvermittelt hielt der Alte einen Beutel in den Händen, und mit ausholender Geste warf er etwas in die Glut. Es knisterte, Holz barst. Die Rauchschwaden wurden dünner, aber sie bissen in Augen und Nase wie boshafte Schlangen. Ein Zischen stieg von den Flammen auf. Gontas spürte ein Prickeln hinter der Stirn, er sah Umrisse in dem Qualm, verfolgte, wie die kräuselnden Rauchfäden sich zu dünnen Schemen vereinten, verdrehte Formen, die beinahe menschlich anmuteten.

»Jaaa …« Der Wahrsager auf der anderen Seite des Feuers keuchte verzückt. »Kommt, Geister! Erzählt mir eure Geschichte. Nuatafib hört euch, Nuatafib ist weit offen …«

Gontas schreckte auf. »Meine Fragen. Ich habe meine Fragen noch gar nicht gestellt!«

Nuatafib brachte ihn mit einem Blick zum Verstummen, mit einem Blick aus blinden weißen Augen, in denen das Feuer tanzte. Es sah so aus, als wäre der Greis größer geworden. Haut und Haar verschwammen, und er schien selbst in dem Rauch aufzugehen, der ihn umgab. Er wand sich in Ekstase.

»Jaaa … Ich sehe etwas!«

Wie aus weiter Ferne drang seine Stimme zu Gontas.

»Ich sehe – einen alten Mann. Sein Bart ist weiß. Er trägt einen Kittel aus ungefärbtem Leinen. So würdevoll, würdevoll sitzt er in der Zitadelle am Ende der Welt, und sein Name, sein Name ist Israel.«

Mit einem lang gezogenen Seufzer sank Nuatafib in sich zusammen. Binnen weniger Augenblicke erlosch das Feuer zu lebloser Asche, so grau und ausgebrannt wie der Hexenmeister, der es heraufbeschworen hatte.

Gontas blinzelte. Er regte sich. Er fühlte sich, als wäre er aus einem Tagtraum gerissen worden, und er konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war.

»Nuatafib?«, fragte er nach einer Zeit, die sich endlos dehnte.

Der Alte hob den Kopf, aber er blieb stumm. Gontas spürte, wie Ärger in ihm aufstieg.

»Das war alles?«

»Das ist alles, was die Geister zu sagen haben – zu dir und zu deinem kleinen Mädchen.«

Er grinste. Ein Lichtstrahl vom Hubal, der als Halbmond am Himmel stand, färbte seine Zähne rot wie Blut.

Gontas sprang auf. Er wich zurück, spürte, wie er mit der Ferse auf die Kante des schmalen Felsvorsprungs geriet, und wäre um ein Haar nach hinten gekippt. Doch er fing sich wieder. Es erschreckte ihn, was dieser Hexer über ihn wusste. Dabei hatte er nicht einmal Gelegenheit bekommen, etwas über den Grund seines Besuchs zu erzählen.

Oder hatte er das doch getan, in jenem dämmrigen Bad im Kräuterrauch, in dem schwer fassbaren Augenblick zwischen Tag und Traum?

»Aber was bedeuten die Worte der Geister?«, stieß er hervor.

»Du suchst Erklärungen?« Nuatafib kicherte, dann spie er verächtlich hervor: »Wenn du danach suchst, so schau bei den Menschen von Khâl danach. Sie schreiben dicke Bücher, so heißt es, in denen sie erst die ganze Welt erklären und dann auch noch das, was sie dazu geschrieben haben. Oder du magst nach Modwinja reisen, wo sie Erklärungen und Lügen gleichermaßen sammeln, weil ihnen das eine so viel zählt wie das andere. Bei mir findest du nur die Wahrheit, und die schert sich nicht um das Verstehen der Menschen. Das Leben selbst wird sie dir deuten.«

»Wer ist dieser alte Mann, den deine Vision dir gezeigt hat?« Gontas drang weiter in ihn.

»Der Name ist ein fremdes Wort.« Nuatafib machte eine Geste, als wäre das alles ohne Bedeutung. Seine Stimme klang gleichgültig. »Es bedeutet ›Streiter gegen Gott‹. Oder ›Streiter für Gott‹, wer mag diesen feinen Unterschied erkennen?

Wie ich sagte, man kann vieles erklären und wird doch nicht klüger dadurch.«

»Ich hatte gehofft, du hättest einen Rat für mich«, sagte Gontas. »Einen Rat, was ich tun soll!«

»Ach?« Nuatafib legte den Kopf schräg. »Warum sagst du das nicht gleich. Ich dachte, du suchst nach Erkenntnis und nicht nach moralischer Anleitung. Nun, was du tun sollst, ist leicht gesagt: Du sollst das Tor der Zitadelle schließen! Aber das wird dir nicht so leicht gelingen.

Nun geh, geh heim zu deinem Stamm und eile dich. Ich habe dir die Wahrheit enthüllt.«

»Aber ich verstehe nicht …«, stammelte Gontas.

»Es ist nicht so schwer.« Die Stimme des Alten klang milde. Er verschmierte mit dem Finger die Asche auf dem Fels zu einem Muster, das man im Schein der Monde nicht erkennen konnte. »Die Erkenntnis kommt von selbst, ein Schritt um den anderen. Wenn du bei den Zelten deiner Sippe bist, wirst du erkennen, wohin dein Weg dich als Nächstes führt. Und im Lichte des Styx wirst du schließlich das letzte Tor erblicken.«

Gontas wandte sich ab. Nuatafib war verrückt, das wusste jeder – der verrückte Hexer vom Stamm der Cyriaten. Was hatte er von dem Besuch erwartet?

Er verließ das schroffe Hügelland und wandte sich heimwärts. Doch in den Worten war etwas gewesen, Gontas wusste nicht was, das ihn zur Eile trieb. Er lief die Nacht durch und schlief wenig in der nächsten, und er brauchte nur zwei Nächte und einen Tag für den Weg zurück.

Aber als er bei den Zelten seiner Sippe ankam, war Halime fort.

2.

Gontas riss zornig die Plane beiseite und stapfte in Ochos’ Zelt. Von dem Ältesten war nichts zu sehen. Nur seine jüngste Tochter hockte dort im Vorraum und legte Rauschbartsamen in Tonkrügen ein.

»Wo ist das Mädchen?«, fuhr Gontas sie an. »Wo steckt dein nichtsnutziger Vater?«

»Beleidige mich nicht.« Ochos trat hinter ihm ins Zelt. »Das habe ich nicht verdient. Ich war bei den Herden und habe die Tiere gezählt. Als ich hörte, dass du wieder da bist, bin ich sogleich gekommen.«

»Du hättest besser die Menschen gezählt. Wo ist Halime? Ich hatte dir das Mädchen anvertraut.«

Ochos wies auf einen Hocker. »Ich werde dir alles erklären. Es ist viel geschehen in den letzten Tagen, Gontas. Setz dich.«

»Ich bleibe stehen«, sagte Gontas. »Fasse dich kurz. Wenn du meinem Gast etwas angetan hast, weil wir Streit hatten …«

Ochos hob die Hände. »Wir haben uns ausgesprochen. Wir waren uns einig. Ich hätte niemals gegen meine Pflichten verstoßen. Aber heute bei Sonnenaufgang kamen fremde Krieger in unser Lager. Sie saßen auf Tieren, auf Pferden, und sie waren dunkel gekleidet.«

»Auf Pferden?« Gontas war überrascht. Das Buschland war voll von Rankengewächsen, die jedes Pferd zum Straucheln brachten. Die wenigen freien Pfade waren Fremden nicht bekannt. Es kam selten vor, dass Reiter sich zu den Zelten der Cefron verirrten, und nur hier, so nah bei der Steppe, konnte es überhaupt geschehen.

»Sie haben nach dem Kind gefragt«, fuhr Ochos fort.

»Bewaffnete Fremde kamen in unser Land, zu unseren Zelten gar, und ihr habt sie unbehelligt ziehen lassen?«

»Auch Halime kam als Fremde zu uns«, rief Ochos ihm in Erinnerung. »Ich mochte diese Reiter nicht. Aber was, wenn es Halimes Verwandte sind, die nach dem Mädchen suchen? Da hätten wir deinem Schützling schlechte Gastfreundschaft erwiesen, wenn wir ihre Familie erschlagen.«

»Du hattest Angst vor einem Kampf«, stellte Gontas fest.

Ochos zuckte die Achseln. »Es waren ein halbes Dutzend Fremde, und sie waren gut bewaffnet. Es hätte Blut gekostet, sie aufzuhalten. Solange sie höflich blieben und nur Fragen stellten, gab es keinen Grund, einen Kampf anzufangen.«

Gontas schnaubte. »Aber ihr habt ihnen Halime nicht ausgeliefert.« Er kannte die Antwort auf diese Frage schon, denn andernfalls hätte Ochos genauer zu sagen gewusst, wie die Reiter zu dem Mädchen standen.

»Nein, bei Stein und Strauch! Wir hätten deinen Gast niemals in fremde Hände gegeben. Nicht bevor du zurückgekehrt wärst, egal, was diese Männer uns erzählten. Wir wissen, was Ehre und Sitte von uns verlangen.«

»Wo ist sie also?«, fragte Gontas.

»Sie war bereits fort, als die Fremden kamen.«

»Fort?«, rief Gontas aus. »Ochos, was verschweigst du mir noch?«

»Sie war gestern Morgen schon fort. Sie muss in der Nacht davongelaufen sein. Wenn diese Reiter nicht ihre Freunde sind, hat sie womöglich geahnt, dass sie kommen, und ist geflohen …«

Gontas ballte die Fäuste. »Wie hätte sie etwas ahnen können, wenn selbst die Späher unseres Stammes nichts von den Fremden bemerkt haben? Ochos, ich habe meinen Gast in deine Obhut gegeben. Du sagst, du hättest Halime nicht den Fremden ausgeliefert. Aber ist es besser, ein Kind zu verlieren

»Wir haben nach ihr gesucht, gestern, den ganzen Tag.« Der Älteste senkte den Kopf. »Aber bis zum Abend haben wir nicht mehr von ihr gefunden als Spuren, die nach Norden führen. Und dann, heute Morgen, kamen schon diese Reiter, und da musste ich mich vergewissern, dass unsere Herden sicher sind.

Gontas, dein Mädchen läuft gerade und zielstrebig davon und bewegt sich gar nicht wie ein verirrtes Kind!«

»Und dennoch«, sagte Gontas, »ist sie eines.« Er schüttelte den Kopf. »Ich hätte niemals diesen verrückten Wahrsager aufsuchen sollen. Er hat mir nur Unsinn erzählt. Wäre ich geblieben, so hätte ich von den Fremden all die Antworten bekommen, die ich gesucht habe. Oh ja, ich hätte mir die Antworten geholt!«

Ochos legte ihm eine Hand auf den Arm. »Vielleicht ist es besser so. Das Mädchen hat Unruhe in den Stamm getragen, und noch mehr Unruhe folgt ihr.«

Gontas fühlte, wie seine Muskeln unter den Fingern des Alten vibrierten. »Ein kleines Kind allein im Buschland. Was soll daran besser sein?«

»Sie hat allein ihren Weg zu uns gefunden«, erwiderte Ochos.

Gontas wandte sich brüsk ab. »Weißt du was, Ochos? Ich werde ihr folgen.«

»Ich weiß«, sagte Ochos unglücklich.

Am nächsten Morgen rüstete sich Gontas zum Aufbruch. Er wusste nicht, wie lang er unterwegs sein würde, also bereitete er sich auf einen weiten Weg vor. Er trug eine Hose aus Leder und weiche Stiefel, dazu einen weiten Umhang mit Kapuze für die Nacht und als Schutz gegen die Sonne. Er steckte seine beiden Äxte hinten in den Gürtel und hängte sich eine kleine Tasche und einen Wasserschlauch über die Schulter. Dann brach er auf.

Die Spuren der Reiter fand er als Erstes. Sie folgten den breiten Pfaden durch das Buschland, und die Hufe der Pferde hatten scharfe Abdrücke in den Boden gestanzt. Ob die Fremden ihn zu Halime führen würden?

Nein. Gontas wollte das Mädchen vor ihnen finden.

Doch so leicht er die Spuren der Reiter entdeckt hatte, so schwer war das bei Halime. Ein barfüßiges Mädchen, das nicht auf die Wege angewiesen war, sondern überall zwischen den Kriechranken laufen konnte – selbst der beste Jäger hätte Mühe gehabt, auf dieser Fährte zu bleiben.

Gontas wandte sich in die Richtung, wo seine Leute am Vortag die letzten Spuren von ihr entdeckt hatten. Von dort aus folgte er kreuz und quer den Pfaden, die in nördliche Richtung führten. Er wusste, wo die Sippen der Cefron im Jahreslauf wanderten. Unfehlbar fand er ihre Lager, alle zwei, drei Tage ein anderes, und tatsächlich war hier und dort ein fremdes Mädchen gesehen worden, hatte Essen erbettelt und war weitergezogen.

Gontas lief ausdauernd. Immer wieder stieß er auf ihre Spur, aber er kam Halime nicht näher. Solange er sich auf dem Land der Cefron bewegte, genoss er zumindest in jedem Lager Gastfreundschaft. Die Sippen waren untereinander verwandt, und Gontas war hoch angesehen.

»Ein fremdes Kind allein in der Wildnis«, fragte er eines Abends den Sippenältesten, in dessen Zelt er aufgenommen worden war. »Warum lasst ihr es einfach weiterlaufen?«

Der Älteste zuckte die Achseln. »Sie ist nicht von unserem Blute. Sie ist keine Bedrohung und hat nicht um Gastfreundschaft gebeten. Ein streunendes Tier im Buschland – warum sollten wir ihr Aufmerksamkeit schenken?«

»Außerdem war sie eigenartig«, warf seine Frau ein. »Sie wollte in den Norden, wie ein verirrter Steppengeist!«

Der Älteste blickte verlegen drein. »Nicht dass ich so etwas glauben würde. Aber Vorsicht schadet nie, wenn man es mit Geistern zu tun haben könnte. Man erzürnt sie nicht, aber man hält sie fern von den Zelten. Und das Mädchen war nicht so wie wir.«

Ja. Eigenartig. Das war Halime ohne Frage. Je länger Gontas hinter ihr herlief, umso mehr bewunderte er sie. Das Kind überlebte nicht nur allein im Buschland, es spürte auch noch die Menschen auf, die hier weit verstreut lebten. Sie blieb nicht stehen und ging immer weiter, und dabei hielt sie zielstrebig eine Richtung ein: nach Norden, dem Steinland zu!

Halime war ein Rätsel, und Gontas wollte es ergründen.

Doch mit jedem Tag, der verstrich, schlich die Frage tiefer in sein Herz, ob die abergläubischen Alten nicht doch recht hatten. Folgte er wirklich einem Steppengeist, der ihn in das Nichts und ins Verderben lockte?

Aber ob Halime ein Geist war oder ob es andere Gründe gab: Irgendwo lauerte eine Gefahr! Gontas spürte es tief in seinem Inneren, und ihm gefiel dieses Gefühl. Zudem war es besser, dieser unbekannten Bedrohung hier draußen nachzujagen, als im Lager seiner Sippe Nacht um Nacht von Blut zu träumen. Halime hatte ihn aus einer Gefangenschaft befreit, die er zuvor nicht einmal richtig bemerkt hatte, weil alle anderen sie »Frieden« nannten.

Gontas folgte Halimes Spur zehn Tage lang, zwanzig Tage, und die Landschaft, durch die er lief, wurde trockener. Das Kriechgras wuchs spärlicher, und bald folgte Gontas keinen schmalen Pfaden mehr, sondern wanderte über weite Ebenen, die fast kahl wirkten. Nur vereinzelte dürre Sträucher standen noch mitten in der Einöde. Die Lager der Menschen rückten weiter auseinander, und es waren keine Cefron mehr, die auf diesem Land lebten. Gontas musste von seinen Vorräten zehren.

Er hatte die Steppe erreicht, die sich als schmaler Gürtel um das wüste Steinland zog. Hier lebten nur Verbannte, Verstoßene der Stämme oder Flüchtlinge aus den Städten, die in der Einöde neue Sippen gegründet hatten und am Rande der Stammesgebiete ein armseliges Dasein fristeten, furchtsam und nur geduldet.

Die Pflanzen ernährten kaum die mageren Herden, kein Grashalm schob seine Spitze über die Steine hinaus, die überall auf dem kargen Boden lagen. Was hier wuchs, war kahl und grau. Es mochte tot sein oder dämmerte im Todesschlaf, bis der nächste Regen es weckte – wer vermochte das zu sagen?

Gontas fand ein letztes Lager inmitten eines Landstrichs, der schon halb vom Sand verschlungen war. Die Zelte waren nur zerfetzte Planen, notdürftig über einige Latten gelegt. Die Geister allein mochten wissen, woher die Menschen das Holz dafür nahmen. Ein paar Tiere schlichen um das Lager, abgemagert bis auf die Knochen. Sie musterten Gontas aus entzündeten Augen, die aus den knochigen Schädeln hervorquollen.

Die Hirten, die dabeistanden, musterten Gontas ebenfalls, als würden sie befürchten, dass der Cefron ihnen noch den wenigen Besitz raubte. Bevor Gontas die Zelte erreichte, war er von hageren Gestalten umringt. Neben dem muskulösen Buschläufer glichen diese Menschen Figuren aus dürrem Reisig. Gontas hätte sie zerbrechen können, ohne die Äxte aus seinem Gürtel zu ziehen. Er verzog abschätzig den Mund.

»Ich suche ein Kind«, rief er. »Ein kleines Mädchen.«

Die Zunge der Steppenbewohner war schwerfällig, ein Kauderwelsch vielerlei Ursprungs. Gontas hatte Mühe, ihrem Geplapper zu folgen. Aber ein zahnloser Alter, unglaublich dürr und mit ein paar wenigen weißen Strähnen auf dem Kopf, ergriff das Wort. Er gebrauchte die Sprache der Buschläufer, so gut er es eben vermochte.

»Eh, is hier gewesen, ja.«

Gontas bemerkte, wie ein paar Männer zu ihren Waffen griffen. Stöcke und rostige Klingen, oder das eine an dem anderen festgebunden. Gontas grinste. Er ließ den Riemen seiner Tasche ein wenig über die Schulter hinabgleiten, sodass er sie rasch abschütteln konnte.

»Is wieder weg jetzt«, fuhr der Alte fort. »Sonne is nicht weit gekommen seitdem.«

Der Alte machte eine Handbewegung. Gontas’ Blick folgte der Geste. Tatsächlich entdeckte er eine Linie auf dem sandigen Boden, die schnurgerade vom Lager fortführte, nach Norden, wo hinter diesem Lager nichts weiter kam als die Wüste.

Gontas stand zu weit entfernt, um die einzelnen Abdrücke zu unterscheiden.

»Viele suchen das Kind«, sagte der Alte. »Reiter kommen vorbei und fragen. Gehörst du zu ihnen?«

Gontas fuhr herum. Er musterte den Alten. »Reiter? Was sind das für Männer?«

»Eh, weiß nicht. Keiner kennt sie.« Der Alte zuckte die Achseln. »Aber kommen immer wieder, schon seit Wochen. Kommen sicher bald wieder.« Ein weinerlicher Ton schlich sich in seine Stimme. »Weiß nicht, ob wir die Fährte verwischen sollen. Die Reiter gefallen uns nicht. Glaub nicht, dass sie ’n Lohn für uns übrig haben, wenn wir ihnen sagen, dass das Mädchen hier langgekommen ist. Wollen vielleicht gar nicht, dass sonst noch jemand weiß.

Besser wär’s, wenn das Balg sie gar nicht in die Nähe unserer Zelte führen tät. Aber was sollen wir tun? Is nicht leicht für uns armes Volk.«

Er sah Gontas an, mit einer Aufforderung im Blick. Gontas wandte sich ab. Zwei der Steppenleute, die ihm im Weg standen, schob er einfach beiseite und lief auf die Spur zu.

Die erbärmlichen Unterkünfte blieben hinter ihm zurück, und bald war Gontas allein mit der Spur, der er folgte. Er ging in die Hocke und betrachtete die Fährte. Die kleinen Fußabdrücke eines Kindes waren deutlich zu erkennen.

Nachdenklich hielt er inne. Sollte er der schmalen Linie eine zweite hinzufügen? Gontas beschloss, so genau wie möglich in Halimes Abdrücke zu treten und sie mit seinen Stiefeltritten auszulöschen. Wenn die Männer auf ihren Pferden nachlässig auf den Boden sahen, konnte er sie vielleicht täuschen. Sie würden nur die Spur eines erwachsenen Mannes sehen, die ohne Bedeutung für sie war.

Er folgte der Fährte über eine Düne und durch ein Tal aus feinem Sand. Die Körner brannten heiß auf seiner bloßen Haut und kratzen unter dem Leder seiner Hose. Wie weit konnte er in die Wüste gehen? Nun, gewiss weiter als ein kleines Kind ohne Vorräte.

An einem weiteren Hügel endete der Sand, und dahinter erstreckte sich, so weit das Auge reichte, eine wellige Ebene. Der Boden war so hart wie Stein, und viele kleine Steine bedeckten ihn bis zum Horizont. Die Luft flimmerte vor Hitze.

Halimes Spur endete auf der letzten Sandzunge, die den Hang hinableckte. Gontas beschirmte die Augen und richtete den Blick dorthin. Da, kaum hundert Schritt vor sich, sah er sie. Er hatte das Mädchen fast eingeholt!

Halime saß im Schatten eines Baumes, eines einstmals gewaltigen Baumes, der einsam aus der dürren Landschaft aufragte. Der Stamm war zerfurcht, die Rinde selbst so grau wie der Stein, der ihn umgab. An vielen Stellen stach das blanke Holz hervor, schwarz und grau, die Farbe von Asche. Einst mochte der Baum so hoch gewesen sein, wie der dicke Stamm es nur vermuten ließ. Jetzt aber war er ein paar Schritt über dem Boden abgebrochen, ein kahler Stumpf, dem nur die dicksten Äste geblieben waren. In hilfloser Drohung streckte der Baum sie der Sonne entgegen, die ihm den Tod gebracht hatte.

Gontas verstand nicht, wie überhaupt je ein Baum die Kraft gefunden hatte, in dieser leblosen Landschaft zu solcher Größe heranzuwachsen. Und das Mädchen, das er suchte, saß an den Stamm gelehnt da und weinte.

Behutsam trat Gontas näher. Er hörte Halime murmeln, die Worte kamen unverständlich von den sandverkrusteten Lippen, aber es waren die ersten Worte, die Gontas in der ganzen Zeit überhaupt von ihr gehört hatte. Er wollte sie tröstend in die Arme nehmen, aber ihr Geist schien weit fort und verloren, ihr Blick war nach innen gekehrt.

Gontas setzte sich ihr gegenüber unter den toten Baum. Er räusperte sich.

»Halime«, sprach er sie schließlich an. »Wo willst du nur hin?«

Das Mädchen blickte auf. Die dunklen Augen wirkten überraschend klar.

»Die Zitadelle«, sagte sie. »Ich muss dorthin.«

Gontas fuhr zurück, so überrascht war er, dass das Mädchen plötzlich mit ihm redete. Sie gebrauchte den Zungenschlag der Cefron, fehlerlos, und dennoch war sie eine Fremde! Konnte sie das gelernt haben in der kurzen Zeit, die sie schweigend bei Gontas’ Sippe verbracht hatte? Gontas wollte schon daran zweifeln, dass er wirklich etwas gehört hatte.

»Was?«, fragte er zaghaft, voller Angst, dass das Wunder enden könne. »Was für eine Zitadelle?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Halime. Sie wies nach Norden. »Aber die Zitadelle liegt dort, und das Ende der Welt wartet in ihrem Inneren. Nur ich kann es aufhalten.«

Manches was sie sagte, kam Gontas vertraut vor. Nuatafibs Worte. Aber es klang nicht weniger wirr als die Visionen des wahnsinnigen Einsiedlers.

»Woher weißt du das alles?«, fragte er. »Was bedeutet es?«

»Die Träume«, sagte Halime. »Ich träume jede Nacht von der Zitadelle, und oft auch am Tag. Ich weiß nicht einmal, ob ich jetzt wach bin. Aber ich weiß, etwas Furchtbares wird geschehen, wenn ich nicht dort bin. Ich muss die Tore der Zitadelle versiegeln!«

»Also gut.« Gontas wog Halimes Worte ab. Die Träume eines Kindes – das klang nicht nach einem Stern, dem man leichten Herzens folgte. Aber, Nis sei Dank, wenigstens sprach sie jetzt! Er konnte ihr Geheimnis ergründen und dann entscheiden, was zu tun war. »Jedenfalls musst du deinen Weg nicht allein gehen«, sagte er.

Halime schüttelte heftig den Kopf. »Doch, das muss ich! Nur ich allein kann die Tore der Zitadelle entriegeln.«

»Aye«, sagte Gontas. »Dein Traum hat dir das gesagt.« Er erinnerte sich an etwas und fügte hinzu: »Aber mir hat ein weiser Mann gesagt, dass es meine Aufgabe sei, die Tore zu schließen.«

Und dass es mir nicht so leicht gelingen wird …

Gontas schob diesen Gedanken beiseite.

»Wer bist du?«, fragte er Halime. »Wo kommst du her?«

Halime runzelte die Stirn, was viel zu erwachsen aussah in dem kindlichen Gesicht, sodass Gontas schmunzeln musste. »Im Traum oder in der Wirklichkeit? In meinen Träumen gehöre ich in die Zitadelle, aber in Wirklichkeit …«

Jäh legte sich eine raue Schlinge um Gontas’ Hals. Mit einem Ruck zog sie sich zu. Er wurde nach hinten fortgerissen, fort von dem Baum und fort von dem Kind.

Seine Hände fuhren an die Kehle. Gontas versuchte, den Zug der Schlinge zu lockern. Aber wer auch immer hinter ihm daran zog, er hielt das Seil straff und sorgte dafür, dass Gontas nicht auf die Füße kam und sich nicht einmal umdrehen konnte.

Von der Seite her sah Gontas einen Reiter herankommen, in dickes, abgewetztes Leder gehüllt und mit einem losen Umhang darüber. Er trabte auf den Baum zu. Das war einer der fremden Krieger, die nach Halime suchten! Gontas fluchte.

Das Mädchen sprang auf und sah sich gehetzt um. Es lief davon, aber es kam nicht weit. Der Reiter beugte sich im Sattel vor und packte das Kind. Halime zappelte, aber der Fremde legte sie kurzerhand bäuchlings vor sich über den Rücken des Pferdes und trabte davon. Für Gontas hatte er nicht einmal einen Blick übrig.

Gontas raste vor Zorn. Das Blut rauschte ihm in den Ohren. Er hatte die Finger unter die Schlinge um seinen Hals geschoben, damit die ihn nicht erdrosselte, und nun hing er mit den Händen darin fest und konnte nicht nach seinen Waffen greifen. Der zweite Angreifer in seinem Rücken zerrte ihn fort.

Dann, gerade als der Reiter vor ihm das Mädchen sicher hatte, spürte Gontas eine Bewegung hinter sich, ein leichtes Nachlassen der Spannung – ein Moment der Unaufmerksamkeit!

Gontas stieß ein Brüllen aus.

Er fuhr herum, riss die Hände aus der Schlinge und sprang auf die Füße. Sein Bewacher, ebenfalls auf einem Pferd und ganz ähnlich gekleidet wie Halimes Entführer, hatte nicht aufgepasst. Er war zu nah an Gontas herangekommen und konnte den Strick nicht schnell genug wieder straffziehen.

Er stieß seinem Pferd die Fersen in die Flanken, und das Seil spannte sich wieder. Gontas hockte halb am Boden. Seine Hände fuhren hoch und schlossen sich um den Strick. Der Reiter zog, und Gontas stemmte sich dagegen.

Er sprang auf seinen Feind zu.

Der Reiter griff nach seiner Waffe, aber Gontas bekam seinen Arm zu fassen und riss daran. Er hebelte seinen Gegner vom Rücken des struppigen kleinen Pferdes, schleuderte ihn über die Schulter, ging in die Hocke und ließ den Feind geradewegs auf sein aufgestelltes Knie krachen.

Er hörte, wie das Rückgrat des Fremden brach. Ein kurzer Schmerz in seinem Knie, die frische Luft, die er in die Lungen sog, alles vermischte sich zu einer einzigen Woge des Hochgefühls, die in einem Triumphschrei brach.

Der zerschmetterte Leib seines Feindes rutschte zu Boden. Gontas sprang auf und sah sich um. Ein dritter Reiter floh in die Wüste, hinter dem Mann her, der Halime mitgenommen hatte. Keiner der beiden kümmerte sich um Gontas, keiner um den Kameraden, der überwältigt worden war.

Gontas’ Hand fuhr zum Griff seiner Axt, die im Gürtel steckte. Er wollte schon hinter den Reitern herlaufen, da besann er sich eines Besseren. Ein Bogen lag neben dem Gestürzten, und die Pfeile waren überall auf dem Boden verstreut. Gontas hob die Waffe auf. Er legte einen Pfeil auf die Sehne, zielte … Der gekrümmte Hornbogen knirschte, als Gontas ihn bis zum Äußersten spannte. Er ließ den Pfeil schnellen.

Einen Moment lang sauste das Geschoss über die vor Hitze flirrende Ebene, vorbei an dem dritten Reiter, und es traf den Mann, der Halime bei sich hatte.

Ein weiterer Triumphschrei erstickte in Gontas’ Kehle. Der fallende Feind krallte die Finger in Halimes Gewand, ein krampfhafter Griff, und im Tode riss er das Kind mit sich hinab.

Erschrocken ließ Gontas den Bogen sinken.

Der Mann stürzte zuerst, Halime fiel auf ihn. Sein Leib dämpfte ihren Fall. Schon stand sie wieder auf den Beinen und taumelte benommen von dem Krieger fort.

Gontas atmete auf. Er lief auf das Mädchen zu.

Der letzte Reiter wendete sein Pferd. Er ritt zu Halime, beugte sich tief aus dem Sattel und packte sie. Nach einer weiteren Kehre ritt er davon. Er hielt das Kind unter den Arm geklemmt, fest an den Leib gepresst, und Gontas wagte es nicht, noch einmal zu schießen. Er hörte Halime schreien.

»Nein!«, brüllte Gontas. Er rannte schneller. Aber der Reiter trieb sein Tier an, und sein Vorsprung wuchs. Halimes Schreie wurden leiser.

Gontas blieb stehen. Seine Lungen stachen, und sein Hals brannte. Er war immer noch außer Atem von der Würgeschlinge, und er konnte nicht schnell laufen. Hilflos sah er dem Reiter nach. Er warf den Bogen hin und trat wütend darauf, eine Schicht Horn brach, und sein Fuß schmerzte.

Er fluchte und schimpfte hinter dem Reiter her. »Du Hund! Ich reiß dir die Gedärme aus dem Leib und steck sie dir beim Arsch wieder rein! Die Zähne tret ich dir ein! Ich verfüttere dich lebend an die Vögel, hörst du? Bring mir das Mädchen zurück, du Schwein, oder ich finde dich, egal, wo du hinreitest!«

Der Reiter wurde zu einem kleinen Fleck in der Wüste, und Gontas’ Drohungen verhallten ungehört.

Er blickte auf seine Hände, öffnete und schloss die kräftigen Finger, mit denen er Halime nicht hatte helfen können. Der Zorn, der seinen Geist vernebelt hatte, zog davon, und jetzt schalt er sich selbst.

Wie hatte er nur zulassen können, dass die Reiter unbemerkt herankamen? Sie waren über den Sandstreifen geritten, und der weiche Untergrund hatte die Tritte ihrer Tiere gedämpft. Dennoch, er hätte sie hören müssen, wäre er nicht so gebannt gewesen von Halimes Stimme.

Gontas wandte sich um. Er betrachtete die gefallenen Feinde. Sie waren beide tot. Sein Stoß mit dem Knie hatte mehr zerschmettert als das Rückgrat. Blut quoll dem Toten aus Mund und Nase, das Gesicht war dunkel und angeschwollen, und sein Rumpf lag unnatürlich verkrümmt da.

Gontas durchsuchte die beiden Toten. Er steckte ihre Geldsäckchen ein – die mochten ihm nützlich sein, wenn sein Weg ihn in die Städte führte. Er nahm auch den Hornbogen des zweiten Reiters mit. Beide trugen ein Amulett um den Hals, eine kleine Scheibe von roter Bronze mit einer erhabenen Mondsichel auf der einen Seite. Diese Münzen gefielen Gontas nicht, und er ließ sie den Toten.

Sonst fand er nichts bei ihnen, was auffällig gewesen wäre. Alles, was sie bei sich trugen, gab es in den Städten der Khâl, aber es war nichts dabei, was auf eine bestimmte Stadt verwiesen hätte. Die Krieger mochten sogar einem ganz fremden Volk angehören, doch am ehesten hielt Gontas sie für Söldner, die weit herumkamen und ihre Ausrüstung hier und dort besorgten, auch wenn sie unter den Farben eines festen Hauptmanns dienten.

Die Pferde der beiden Toten waren davongeprescht. Gontas beschloss, ihnen nicht zu folgen. Er war ohnehin kein sicherer Reiter. Stattdessen eilte er auf der Fährte des dritten Soldaten dahin. Er musste zumindest versuchen, Halime noch einzuholen.

Doch es dauerte nicht lange, da verlor er die Spur auf dem steinigen Boden. Er lief in weiten Bögen, vage in die Richtung, die der Reiter eingeschlagen hatte. Aber wer wusste schon, ob nicht auch sein Feind einen Bogen geschlagen hatte, um seinen Verfolger zu täuschen? Er mochte längst unterwegs sein zur Küste oder ganz woanders hin.

Gontas lief trotzdem weiter nach Norden. Das war der Weg, auf dem er den Reiter zuletzt gesehen hatte, und dorthin war auch Halime selbst unterwegs gewesen: tiefer hinein in die Wüste.

3.

Der Nachmittag schritt voran, das Steinland wurde zerklüfteter. Tiefe Rinnen im Boden zwangen Gontas zu Umwegen, die er nicht gehen wollte. Erschöpft hielt er inne und sah sich um. Die Sonne sank. Die letzten Strahlen warfen verzerrte Schatten über das Land, und es war lange her, dass er das letzte verdorrte Grün gesehen hatte.

Es war an der Zeit, aufzugeben.

Gontas suchte sich einen schmalen Spalt, der für die Nacht Schutz versprach. Dort kauerte er sich zusammen und zog den Mantel fester um sich. Es wurde beißend kalt, sobald die Sonne hinter dem Horizont versank. Oben knackten die Steine, noch erfüllt von der Hitze des Tages, doch in den Spalten, die bereits länger im Schatten lagen, war schon alles abgekühlt.

Holz für ein wärmendes Feuer gab es nicht in dieser Einöde. Über Gontas wölbte sich ein sternklarer Himmel, und nur die schmale Sichel des Sin schwebte in der samtenen Schwärze. Es war eine ungewohnt dunkle Stunde, zu der sich kaum einer der vielen Monde sehen ließ.

Gontas fühlte sich bedrückt, so als ob das Gewicht des Himmelszeltes auf seinen Schultern lastete. Er lauschte den abendlichen Geräuschen. Sein Herz pochte rascher. Sein Instinkt bestürmte ihn. Etwas stimmte nicht!

Vorsichtig schob er den Kopf über den Rand seiner Zuflucht. Er hielt Ausschau nach Reitern, nach Feinden, und sein Blick suchte die Dunkelheit zu durchdringen. Alles schien still.

Weiche Schatten glitten über den Boden.

Gontas umfasste den Schaft seiner Äxte und spannte sich an. Da war nichts, kein Anzeichen für Mensch oder Tier, außer dieser verstohlenen Bewegung dicht über dem Grund, viel zu geschmeidig für einen kriechenden Feind. Eine Bewegung wie am Rande des Blickfelds wahrgenommen, selbst dann, wenn Gontas gerade daraufschaute. Und je länger er hinsah, umso mehr fühlte er sich eingekreist. Die verstohlenen Schatten huschten näher, bewegten sich wie in einem Strudel, dessen Mitte Gontas war.

Was auch immer da auf ihn zukam, Menschen waren es nicht. Zumindest musste er keine Pfeile fürchten, und er wollte den Angreifern nicht eingezwängt in der Spalte begegnen. Er riss die Äxte aus dem Gürtel und sprang heraus.

Keinen Augenblick zu früh!

Ein Schatten löste sich schräg hinter ihm vom Boden. Gontas sah es aus den Augenwinkeln. Er duckte sich, schlug mit den Äxten zu und traf mit der flachen Seite des Blatts.

Doch er spürte nicht, wie Stahl auf Fleisch traf; da war nicht viel mehr Widerstand, als hätte ein Windstoß die Beile getroffen. Hatte er den schattenhaften Angreifer doch verfehlt?

Dicht an Gontas’ Schulter glitt der springende Schatten vorüber, kam wieder am Boden auf und verschmolz dort mit der Dunkelheit.

Weitere Angreifer stürmten nun offen auf Gontas zu. Hunde waren es, schwarze Hunde mit lang gestrecktem Körper und mit kurzen Beinen. Der Leib erinnerte an einen struppigen Wolf, die Umrisse verschwammen vor dem Sternenhimmel. Sie wirkten auf eine unwirkliche Weise flach, und wenn Gontas in einem bestimmten Winkel daraufschaute, war ihre Gestalt so verzerrt wie ein Nebelstreif.

Er schlug zu und wich aus und dachte an nichts anderes. Wann immer die Hunde nach einem Sprung wieder auf dem Boden aufkamen, verschwanden sie im Schatten. Gontas spürte, wie sie ihn umschlichen. Er konnte sie kaum sehen, doch instinktiv reagierte er auf die Bewegung.

Wieder sprang ein Hund ihn von hinten an. Gontas wusste es, bevor er herumfuhr, und da hing ihm die Bestie fast schon an der Kehle. Ein schwarz klaffender Rachen, Silberfunken, wo die Augen sein sollten, kein Schimmern von Zähnen …

Blitzschnell ging er in die Knie, bog den Kopf zur Seite. In weitem Bogen schwang er die Axt mit der Linken und hieb sie dem Hund gegen die Brust.

Gontas wappnete sich gegen den Aufprall, doch der Stahl glitt wie durch Wasser. Der Hund kippte zur Seite.

Erschrocken taumelte Gontas zurück. Traf einen weiteren Hund, als er die Axt zurückriss. Der Dorn, der an der Rückseite des Axtblatts saß, fuhr durch den Schädel des Tiers, abermals fast ohne Widerstand. Kein Blut tropfte auf seine Hände.

Gontas erschauerte. Er dachte an die Legenden über Dämonen der Wüste. Bei Sardik, gegen was kämpfte er hier?

Die Hunde kamen von allen Seiten. Sie sprangen nach seinem Hals, schnappten nach seinen Fersen. Gontas ließ die Äxte wirbeln, trat mit den Füßen. Seine Schläge zeigten Wirkung, auch wenn sie sich falsch anfühlten. Er spürte ein Reißen an seiner Wade, etwas Eisiges bohrte sich durch seine Haut.

Mit einem Kampfschrei setzte Gontas über die Schattenhunde hinweg und rannte auf einen mannshohen Felsen zu, zwanzig Schritte entfernt. Die Meute folgte ihm. Gontas hieb nach links und nach rechts.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie still dieser Kampf blieb. Sein Schrei hatte scharf das Schweigen der Nacht durchstoßen, und er selbst war es, der beim Kampf knurrte und japste. Kein Laut, kein Atemzug war von den Hunden zu hören.

Gontas sprang hoch, er stützte sich mit den Unterarmen ab und stieß sich höher. Ein Schattenhund thronte über ihm auf dem Fels. Er schnappte nach Gontas’ Gesicht. Der schwang sein Bein vor, als er über die Kante kam, und fegte den Hund hinab. Die Berührung war kalt und so weich, dass Gontas kaum etwas von seinem Schwung verlor. Der Hund verschwand aus seinem Blick, und als Gontas oben auf dem Felsen hockte, war er allein.

Er richtete sich auf. Die Meute schlich um den Steinbrocken herum und suchte einen Weg hinauf. Doch Gontas wehrte sie ab. Er sprang von einer Seite des Felsens zur anderen und schwang seine Äxte, und keiner der Hunde schaffte es über die Kante des Steins.

Weitere Monde gingen auf. Langsam kroch der Styx über den Horizont, beinahe voll, doch von so schwerem Rot, dass sein Licht wie ein blutiger Schatten aussah. Die gelbe Zoraia folgte ihm, der rote Hubal, die weiße Selene, die rötliche Phoibe und der weiße Bendis.

Jeder Mond, dessen Licht erstrahlte, ließ das nächtliche Steinland heller werden. Die schweren Schatten hoben sich und wurden lichter, sie wichen in die Spalten zurück oder rückten nah an die Steine. Die Hunde mieden das Licht, sie fanden immer weniger schwarze Stellen, an denen sie sich heranpirschen konnten. Die Angriffe ließen nach.

Dann, gegen Mitternacht, als alle Monde in den unterschiedlichsten Phasen am Himmel standen, hörte es auf. Nichts regte sich mehr zu Gontas’ Füßen in der Ebene, und er war allein.

Misstrauisch blieb er wach. Er stand da und starrte in die Wüste hinaus, er ging auf der winzigen Fläche des Felsens auf und ab, bis im Osten der Morgen graute. Die Sonne schickte ihr Licht über den Himmel und löschte die Monde aus. Die Hitze kehrte zurück.

Erschöpft setzte sich Gontas auf die Kante. Von den Hunden war nichts mehr zu sehen, weder lebend noch tot. Die Wüste lag leer und leblos unter ihm. Da war kein Blut an seiner Axt und keine Wunde an seiner Wade, auch wenn der Muskel dort schmerzte.

Hatte er gegen Tiere gekämpft oder gegen Geister? Oder schlicht gegen Traumgesichte, die einen einsamen Wanderer im Steinland heimsuchten? Er wusste es nicht.

Er musste eine Entscheidung treffen.

Er wusste nicht, woher die Reiter kamen. Er wusste nicht, wohin sie das Kind brachten. Alles, was er hatte, war Halimes Geschichte von einer Zitadelle auf der anderen Seite des Steinlandes. Eine Kindergeschichte. Und selbst wenn sich darin ein Hinweis verbarg auf das, was Halime zugestoßen war, so war Gontas doch schlecht dafür gerüstet, allein durch das Steinland zu gehen.

Niemand durchquerte das Steinland!

Er dachte an die Städte von Khâl. Apis konnte er in drei Tagen erreichen, wenn er stramm lief. Viele Spuren führten dorthin. Und alles Fremde, alles, was durch die Wüste zog und durch die Welt reiste, sammelte sich früher oder später in den Städten.

Wenn er Halime oder ihre Entführer dort nicht antraf, so mochte er zumindest einen Hinweis finden, der ihn weiterführte.

Die Häuser von Apis sahen aus wie braune Würfel, die ein achtloser Riese wild übereinandergeworfen hatte. Oft ragten sie mehrere Stockwerke hoch auf und neigten sich über die schmalen Gassen darunter, sodass bei Nacht das Licht der vielen Monde nie bis zum Boden drang.

Ein Schrei hallte durch das finstere Labyrinth verwinkelter Gassen.

Raues Gelächter antwortete darauf.

»Hei, komm schon, kleine Schneppe. Hast uns heiß genug gemacht mit deiner Lauferei.«

Ein Handgemenge war im Dunkeln zu hören, ein schmerzerfülltes Ächzen, ein Scharren und ein dumpfer Schlag.

Drei Männer hatten in der Gasse eine Frau in die Enge getrieben. Alle vier Gestalten sahen gleichermaßen heruntergekommen aus. Sie trugen fast die gleichen ungefärbten, sackartigen Tuniken – Straßenratten, der Abschaum von Apis.

Zwei der Männer pressten die magere Frau gegen eine Hauswand und hielten sie jeder an einer Schulter fest. Die Frau wehrte sich, sie wand sich und trat nach ihnen. Aber sie schrie nicht mehr, und eine leere Hoffnungslosigkeit stand in ihren Augen. Sie wirkte ausgemergelt und hungrig, mit einem derben Gesicht, aber wenn man wusste, was das Leben auf der Straße aus den Menschen machte, konnte man zu dem Schluss kommen, dass sie jünger sein musste, als sie aussah. Fast noch ein Mädchen.

Der Mann vor ihr riss den Saum ihrer Tunika hoch, einer seiner Kumpane hielt das Gewand fest. Dann rammte der Bursche seinem Opfer das Knie in den Unterleib. Die Frau wimmerte und krümmte sich, doch die beiden Männer neben ihr hielten sie aufrecht. Der dritte schob ihr nun mühelos die Beine auseinander. Er trat näher heran, hob den Kittel und nestelte an seiner Unterwäsche.

»Ah«, sagte er. »Da war was verflucht Dickes eingeklemmt, weißt du das, Schwälbchen?«

Er schob das Becken vor, bewegte sich. Die Frau gab leise, abgehackte Laute von sich. Die beiden Männer neben ihr sahen grinsend zu, einer leckte sich die Lippen.

Der erste Mann beugte das Gesicht vor, ganz nah vor das seines Opfers. »Weißt du«, raunte er ihr keuchend zu, »kannste stolz drauf sein, Pfläumchen. Hat mich schon lang keine mehr so hart gemacht.«

Einer seiner Kumpane lachte auf.

»Hm, ja«, warf eine Stimme hinter ihm ein. »Ist echt ein Wunder, du, dass jemand den leprösen Schwanz noch mal hart gekriegt hat. Aber ich wette, der Bursche hat nachgeholfen und vorher ’nen Stock reingeschoben.«

Mit einem Fluch fuhr der Mann herum und ließ von der Frau ab. Sein Kittel rutschte herab und verdeckte gnädig das blasse Geschlechtsteil, das von einem Moment zum anderen so schlaff wurde wie ein angestochener Wasserschlauch.

»Was willst du?«, stieß er wütend hervor. »Kannste’s nicht erwarten, bis wir dich abstechen?«

Auch seine beiden Begleiter ließen die Frau los, sodass sie an der Mauer herunter zu Boden glitt, und blickten links und rechts an ihm vorbei auf die Gestalt, die zu ihnen in die Gasse getreten war.

Der Neuankömmling wirkte schlank und hochgewachsen und war vom Hals bis zu den Stiefeln in eng sitzendes, dickes Leder gekleidet. Überall glänzten Schnallen und Beschläge in den wenigen Lichtstrahlen, die sich doch in die dunkle Gasse verirrten. Die Haare waren kurz geschoren und standen stoppelig vom Kopf ab, und erst auf den zweiten Blick war zu erkennen, dass die Gestalt mit den breiten Schultern eine Frau war.

Der Mann grinste. »Aye, Fötzchen. Warte, bis wir mit der hübschen Dirne fertig sind. Dann kriegst du auch noch was ab.«

»Aber nein«, säuselte die ledergekleidete Frau. »Ich kann nicht warten. Ich will jetzt schon ein Stück von dir!«

Sie hob den rechten Arm, den sie bisher locker hatte herabhängen lassen. Dabei wurde sichtbar, was sie vorher hinter der Hüfte verborgen hatte: ein sichelförmiger Haken mit einer messerscharfen Schneide, doppelt so lang wie eine Hand. Im schwachen Licht der Gestirne schimmerte sie so kalt wie das Lächeln der Frau, die sie dabeihatte.

»Was zum …«, entfuhr es dem Burschen. Seine Hand verschwand durch einen Schlitz in seinem Gewand und suchte nach dem Messer, das er darunter trug.

Die Sichelklinge schnellte vor, in einem Schlag von unten nach oben. Der Gauner fuhr zurück, aber schon steckte der Haken hinter seinem Rippenbogen. Mit einem kraftvollen Ruck zog die Frau ihn zu sich heran. Der Mann schrie gellend und hing fest wie an einem Fleischerhaken. Seine Hand war immer noch unter der Tunika verheddert.

»Ich glaube, du suchst an der falschen Stelle deiner Unterwäsche«, sagte sie sanft. Sie kratzte ein wenig mit der Sichelspitze über seine Knochen, von innen, und dann hielt sie in der Linken plötzlich einen langen, geraden und ungemein schmalen Dolch. Der Mann, der an ihrem Haken hing, verstummte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er die Waffe an. Die Frau ließ die Klinge um ihre Finger wirbeln und stieß sie ihm von oben in die Mulde unter der Kehle. Der Dolch fuhr an den Knochen vorbei tief in den Brustkorb.

Mit einer Bewegung riss die Kriegerin beide Klingen wieder aus dem Körper des Mannes. Der brach zusammen und sank über die Beine seines früheren Opfers.

Die beiden Männer zuckten zusammen, als der Kopf ihres Freundes am Boden aufschlug. »Du verfluchte Hure!«, brüllte einer von ihnen. Beide zogen ihr Messer.

Die erste Frau schrie auf. Sie versuchte, den Kerl, der auf ihr lag, von ihren Beinen herunterzutreten. Der Sterbende gab Geräusche von sich wie ein gerissener Blasebalg, und aus seinen Wunden floss das Blut auf die zerfetzte Tunika des Straßenmädchens.

Einer der Männer richtete drohend sein Messer gegen die Angreiferin. Der andere versuchte, sich hinter die Frau zu schleichen.

»Dir schlitz ich den Bauch auf«, knurrte der erste Herumtreiber. Aber die Klinge in seiner Hand zitterte.

Die Frau mit der Sichel lachte. Sie sprang über ihr erstes Opfer und über die Beine der anderen Frau hinweg und stieß mit dem langen Dolch nach dem Gesicht des Mannes. Der wich aus – und übersah die Sichel.

Die gebogene Klinge senste von links nach rechts und schlitzte ihm mit einem vernehmlichen Reißen die Tunika und den Unterleib auf. Der Mann taumelte bis an die Hauswand zurück. Er schrie, ließ das Messer fallen und presste beide Hände auf die klaffende Wunde. Blut, Schleim und Kot quollen ihm zwischen den Fingern hervor. In der schmalen Gasse stank es mit einem Mal wie in einer Kloake.

Die Frau mit der Sichel fuhr zu dem letzten Burschen herum. Der rannte davon.

Mit einem Sprung setzte die Frau ihm nach. Sie schlug ihm den Haken in die Schulter, und die stählerne Klinge blieb hinter dem Schlüsselbein stecken. Die Beine des Mannes liefen weiter, doch der Oberkörper konnte nicht folgen. Er kippte nach hinten, geradewegs in ihren gezückten Dolch.

Die schmale Klinge glitt zwischen den hinteren Rippen hindurch ins Herz. Dann löste die Frau geschmeidig beide Waffen aus dem Leib. Eine einzige Bewegung, ausgeführt in einem Wimpernschlag, so akkurat wie ein tausendmal einstudierter Tanz.

Der tote Körper klatschte schwer auf den harten Lehmboden.

Zuletzt ging die Frau zu dem schreienden Verletzten an der Hauswand. Sie zog ihm die Sichel durch die Kehle, und er verstummte. Geschickt wich sie dem Blut aus, aber eine Fontäne aus der Halsschlagader traf das geschändete Mädchen, das verstört auf dem Boden hockte, und zeichnete eine dunkle Linie quer über deren Brust. Jeder Herzschlag des Getroffenen fügte eine weitere dünne Tröpfchenlinie hinzu, bis der Mann zusammenbrach. Es wurde still in der Gasse. Vier schattenhafte Gestalten am Boden, die ledergerüstete Kriegerin mit den blutbesudelten Waffen dazwischen.

Die Kriegerin beugte sich hinab und wischte ihre Klingen an den sauberen Stellen der Tuniken ihrer Opfer ab. Dann schob sie den Dolch in eine Scheide an ihrem Wams und nestelte ungeschickt an einem Beutel unter ihrer Brust. Es klimperte, und die Kämpferin schnaubte gereizt.

Die andere Frau, das ursprüngliche Opfer der Straßenratten, saß immer noch an die Wand gelehnt da. Sie hatte den Toten zur Seite geschoben, der auf ihr gelegen hatte. Ihre zerrissene Tunika war über und über mit Blut beschmiert. Sie hielt die Beine eng an den Leib gezogen und die Fäuste geballt. So starrte sie auf die düstere Gestalt ihrer Retterin.

Erst jetzt, wo die Kriegerin eine Waffe fortgesteckt hatte und mit einer Hand in ihrer Ausrüstung wühlte, bemerkte das Straßenmädchen, dass die Frau keineswegs eine Sichel in der rechten Hand hielt. Der lange, scharf geschliffene Haken wuchs ihr geradewegs aus dem Armstumpf!

Die Frau in dem blutverschmierten Kittel wimmerte und kauerte sich noch mehr zusammen.

Die Kriegerin trat auf sie zu. Sie setzte den Stiefel auf die Knie des Straßenmädchens und drückte die Beine nach unten, bis sie ausgestreckt auf dem Boden lagen. Dann ließ sie eine einfache Bronzemünze in den Schoß fallen.

»Hm, da. Kauf dir ’nen neuen Kittel dafür. Der da hat’s durch, du.«

Sie trat einen Schritt zurück.

Ein Klatschen ertönte aus einem finsteren Winkel am Ende der Gasse, und die Kriegerin wandte sich um. Ein trotziger Zug spielte um ihre Mundwinkel.

Der leise Beifall verstummte. Stattdessen war ein Schleifen zu hören. Es begann tief in der Dunkelheit und kam immer näher. Eine weitere ledergekleidete Gestalt erschien, ein hagerer Mann mit einer Augenklappe. Sein Lederzeug war ein wenig heller als das der Frau. Es war übersät von kleinen Furchen und Rissen, aber es wirkte auch hart und doppelt so dick wie das der Kriegerin. Eine wahrhafte Rüstung.

Der Einäugige hielt eine Armbrust in der einen Hand, mit der anderen zerrte er einen leblosen Körper hinter sich her.

»Tori, Tori«, sagte er. Tadel lag in seiner Stimme. »Spielt hier die Heldin. Aber wenn ich nicht hinter dir aufräumen tät, wär dein Spiel bald vorbei, mein Kindlein.«

Tori, die Kriegerin mit der Hakenhand und den kurz geschnittenen Haaren, schob die Unterlippe vor.

»Spiel dich nicht auf, Mart. Mit ’nem Rudel Straßenratten werd ich schon allein fertig.«

Mart zog die Leiche ein Stückchen hoch und ließ sie wieder fallen. Dann warf er die Armbrust obendrauf. »Den da hab ich im Schatten erwischt, und schau, womit er auf dich gezielt hat.«

»Scheiße.« Tori trat näher. »Wie kommt so ’ne erbärmliche Ratte an eine Armbrust?« Sie kniff die Augen zusammen. »Hm, Schrott. Geklaut und verkommen lassen. Damit hätt er sich nur selbst den Bolzen ins Auge geschossen.«

Sie schaute auf Marts Augenklappe und grinste. Der runzelte die Stirn. »Darauf willst du dein Leben wetten? Und nachgedacht, wen das ganze Geschrei anlockt, das hast du auch nicht?«

»Wir sind inner Lehmstadt«, antwortete sie. »Da läuft keiner hin, wenn wer schreit.«

»Du bist hingelaufen«, erinnerte Mart seine Gefährtin. Er senkte die Stimme. »Denk dran, wir sind Söldner in einer fremden Stadt. Wenn die Wache uns hier mit roten Händen erwischt, können wir nicht auf Milde hoffen. Keiner von den Einheimischen gibt ein Haar auf uns. Und wer weiß, wie viele Ratten in den Schatten lauern?«

Tori hob ihre lange Sichelklinge bis unter das Kinn ihres Gefährten. »Seit wann fürchtet der Jaguar die Ratten? Außerdem ist Apis meine Heimatstadt. Ich kenn die Gerichtsbarkeit hier.«

Er schlug ihren Armstumpf beiseite. Seine Stimme klang leise und zornig. »Ich sag nur, sei vorsichtig, Tori. Ich werde nicht immer da sein, um dich rauszuplotzen.«

Er blickte sich in der Gasse um, wo die Gerüche der Unterstadt sich mit dem Gestank des Gemetzels vermischten. »Und jetzt«, sagte er laut, »gehen wir. Wir sind Söldner. Wir töten für Geld, nicht aus Mildtätigkeit.«

Tori stapfte auf das Straßenmädchen zu, das immer noch am Boden kauerte und sich nicht zu regen traute. Sie pflückte ihr die Bronzemünze vom blutigen Kittel, die sie selbst erst vor wenigen Augenblicken dorthin geworfen hatte. »Tut mir leid«, sagte sie. »Hast ihn gehört.« Sie warf Mart die Münze zu. »Zufrieden, Einauge? Jetzt hat sie für unsere Dienste bezahlt.«

Mart blickte wütend drein, aber die Münze fing er trotzdem auf. Brüsk wandte er sich ab und ging davon.

Tori ging ihm nach. »Aber wie das Mädel jetzt rumläuft, das ist dir gleich, hm?«

Mart prustete. »Komm mir nicht so, Hakenhand. Meinetwegen kann sie nackt rumlaufen. Da wird sie schon jemanden finden, der ihr ’n neuen Kittel bezahlt.«

»Aye.« Tori wies mit dem Haken über die Schulter zurück. »Das Problem sind bloß die Schnorrer, denen sie dabei begegnet und die nicht bezahlen wollen.«

»Was geht mich das an?«, fragte Mart gereizt. »Soll ich vielleicht Dirnenzieher werden und hinterm Geld der Freier herrennen?«

Sie ließen die verwinkelten Seitengassen hinter sich und kamen auf eine der Hauptstraßen der Unterstadt, die wegen der unbefestigten Wege auch als »Lehmstadt«, bekannt war. Bei Regen verwandelte sich das ganze Viertel in eine Schlammsuhle, aber es regnete selten in Apis.

Die staubige Straße, in die sie einbogen, war gerade und breit genug für Karren. Sie war auch breit genug, um das Licht der Monde einzulassen, und mit den tranigen Laternen, die über mancher Tür hingen und die Geschäftsschilder beleuchteten, oder die lebenden Angebote, die vor den Häusern ihre Reize zur Schau stellten, war es hier fast schon hell zu nennen und halbwegs sicher.

Bis tief in der Nacht ging es hier lebhaft zu, und in jedem der klobigen Lehmhäuser am Straßenrand verbarg sich ein Geschäft – eine Kaschemme, Hurenhäuser oder Badehäuser, Barbiere, Furunkelschneider, Kräuterhexen, Quattstuben, Wahrsager und was sich der Geschäftssinn der untersten Schicht von Apis sonst noch ausdenken mochte.

Auf der Straße flanierten auch viele Besucher, die nicht in das Viertel passten: bessergestellte Bürger, Handwerker, Kaufleute, womöglich der ein oder andere Edle, der sich verkleidet auf die Suche nach Zerstreuung und Nervenkitzel machte. Die Reichsten waren mit bewaffneten Begleitern unterwegs. Als Führer und Leibwache auf den belebteren Straßen der Lehmstadt zu dienen war durchaus ein bequemer, wenn auch nicht sehr reizvoller oder einträglicher Erwerb für Söldner.

Aber Tori hatte etwas anderes im Sinn, als sie neben Mart über den hart getretenen Boden trottete.

»Wär vielleicht keine schlechte Idee, du.«

»Was?«

»Hm, Zuhälterei. Muss ziemlich einfach sein. Leben wie ’n Meckeshirte. Sitzt da, trinkt sein Soff und schaut zu, wie die Herde den Gewinn einbringt.«

»Danke nein«, sagte Mart. »Is ’n schmutziges Geschäft, mehr Zacken von hinten als von vorn. Außerdem will ich auch mal die Sonne sehn bei der Arbeit, und ständig zwischen muffigen Stadtmauern stecken ist auch nichts.«

»Hm, dacht ja nur«, sagte Tori. »Hätt ich vielleicht Talent dafür. Sah nicht schwer aus, dahinten in der Gasse.«

Mart lachte laut auf.

»Was?«, fragte diesmal Tori.

»Ich stell mir das vor«, sagte Mart. »Du ein Talent als Dirnenzieher.« Beiläufig wies er auf die Sichel an ihrem Arm. »Glaub mir, Musche, da hätt gewiss kein Freier Lust drauf, seinen Rothäubling wachsen zu lassen, wenn er mal ’nen Blick auf deine Erntehilfe geworfen hat.«

Tori brummte. »Hab nur an dich gedacht, Einauge. Bist nicht mehr der Jüngste. Zeit, für dich ’n Altenteil zu suchen.«

Mart presste die Lippen aufeinander. »Vielen Dank«, presste er hervor. »Aber noch reicht’s bei mir für einen anständigen Kontrakt. Deswegen gehen wir jetzt ins Eisenschwein und hörn uns an, was der Schwemmer da zu sagen hat.«

Das »Eisenschwein« war eine Taverne am Rande der Lehmstadt, die gern von Söldnern besucht wurde. Sie bestand aus einem sehr weitläufigen Saal, wie man ihn selten fand in einer Stadt, die Lehmziegel bevorzugte.

Erkauft war die große Fläche mit einem Gewirr tief liegender Deckenbalken, unter denen Mart oft schon den Kopf einziehen musste. Der Raum war voll mit lärmenden Männern, einigen leicht bekleideten, schrill lachenden oder kreischenden Damen; Rufe, grölende Gesänge, das Summen von Gesprächen erfüllte eine Luft, die schwer war und dunstig und die nach Schweiß, saurem Bier, fauligem Atem und fettigem Essen roch.

An einem Ende des Raums gab es eine Theke mit Fässern und robusten Schankmaiden dahinter. Doch was die Söldner vor allem im Eisenschwein zusammenbrachte, das waren die Aufträge. Hier kam hin, wer ein paar handfeste Burschen gegen Münzen anwerben wollte. Und darum schaute hier auch jeder vorbei, der einen Kontrakt suchte.

Mart schob sich durch die Menge und achtete darauf, dass Tori mit ihrem Haken nicht irgendwo hängen blieb. Er hatte keine Lust, heute Nacht noch eine fruchtlose Schlägerei anzufangen.

Am Rand des Wirtssaals ragten kleine Trennmauern in den Raum. Das Eisenschwein war auch darum so gut geeignet, Geschäfte anzubahnen, weil die Geräusche im Hintergrund es fast unmöglich machten, dass man ein Gespräch belauschte. In den durch Mauern abgetrennten Nischen konnte man so vertraulich reden wie hinter den Wänden des Stadtpalasts. Sobald ein Wort den Tisch verließ, verlor es sich in den anderen Gesprächen des Saals wie ein Schlag ausgelassenes Fett in einem Eintopf voll Gemüse.

Üblicherweise waren die Tische am Rand den Werbern vorbehalten. Im Rest des Raums drängte sich das Kriegsvolk, ehemalige Soldaten und Freischärler, einheimische Glücksritter neben wilden Kriegern aus dem Buschland oder von noch weiter her.

In einer der Nischen saß ein schwarz gekleideter Mann, der selbst wie ein Krieger aussah. Er hatte ein wettergegerbtes Gesicht, und über einem Wams aus schwarzem Tuch trug er einen polierten Brustpanzer aus ebenso schwarzem Eisenholz. Ein Krug mit gelblicher Schaumkrone stand vor ihm, und er blickte mit wachen Augen in den Raum. Er hätte ein Söldner sein können wie die meisten hier, aber seine Kleidung wirkte ein wenig zu neu, seine Ausrüstung zu unbenutzt.

Mart setzte sich ihm gegenüber. »He, Arri, alter Schwemmer! Man sagt, dein Herr will sein Lob ausnahmsweise mal mit echten Kämpfern teilen.«

Arri lächelte. Es war das Lächeln eines Händlers. »Mart, grauer Wolf. Und seine bezaubernde Gefährtin Tori Hakenhand. Wenn ich da nicht das legendärste Liebespaar von ganz Khâl vor mir sehe!« Er nickte Tori zu, die neben Mart Platz nahm. Dann sprach er wieder den älteren Söldner an. »Komm, ich geb euch einen aus.«

»Hartes Silber seh ich lieber als flüssiges Gold«, sagte Mart.

»Aye«, antwortete Arri. »Aber hartes Silber muss man sich verdienen. Hartes Gold noch viel mehr!«

Auf seinen Wink hin brachte eine Schankmaid noch zwei Krüge. Als sie fort war, senkte Mart die Stimme.

»Also, worum geht es? Ich habe gehört, du setzt ein Kopfgeld?«

»Aye, auf einen nackten Wilden. Einen Buschläufer. Sollte ein leichter Fang sein für zwei wie euch.«

Mart spähte misstrauisch über die Schulter. Viele junge Buschläufer zog es für ein paar Jahre in die Städte, für Ruhm, Münzen oder für den Tod. Nach dem Krieg der Stämme waren es noch mehr geworden. Manche taten sogar in der Stadtwache Dienst, viele waren verstädtert und auf den ersten Blick gar nicht mehr zu erkennen.

Mart ging davon aus, dass in dieser Kneipe einige Männer saßen, die gern eine Axt ins Gespräch werfen würden, wenn sie hörten, wie Arri von Buschläufern als »Wilden« redete.

Tori legte den Armstumpf mit dem scharf geschliffenen Haken auf den Tisch, sodass die Spitze fast schon auf Arris Hälfte der Platte lag. Die stinkenden Tranfunzeln unter der Decke verbreiteten mehr Qualm als Licht, dennoch war es im Eisenschwein heller als auf der Straße, und man sah die kaum getrockneten dunklen Spritzer auf dem Stahl.

»Wenn das so einfach ist«, sagte Tori, »warum macht ihr dann keinen öffentlichen Aushang, sondern sprecht nur die Besten an?«

»Ah«, erwiderte Arri. »Deine rechte Hand hat eine hohe Meinung von ihren Talenten. Gefällt mir, wenn eine Frau ein bisschen keck auftritt.«

Mart schob unauffällig Toris Haken vom Tisch. »Lenk nicht ab, Arri«, sagte er. »Sag uns lieber, was es mit dem Buschmann auf sich hat.«

Der Werber zuckte die Achseln. »Was soll ich sagen? Der Fiesel kommt aus der Wildnis, und vielleicht kommt er hierher. Er sucht nach einem kleinen Mädchen und wird Fragen stellen. Wenn ihr über den Kerl stolpert, sorgt dafür, dass die Fragen aufhören. Und dafür gibt es so viel Geld, dass du deiner Freundin ein tägliches Bad in Duftöl und längere Haare kaufen kannst – und was immer du sonst noch vermissen magst. Musst du da noch mehr wissen?«

Mart spürte, wie Tori neben ihm sich anspannte. Beruhigend legte er ihr die Hand auf den Oberschenkel. Das glatte Leder fühlte sich gut an unter seinem Griff, und unwillkürlich atmete er aus.

Dann erinnerte er sich an das, was Arri gesagt hatte. Er funkelte den Werber an. »Fang nicht so an, Arri«, sagte er. »Da gibt’s ’ne Menge, was ich noch gern wüsste. Zuerst einmal, warum will Tarukan den Fiesel tot sehen, und warum schickt er nicht seine eigenen Männer dafür?«

»Wer sagt, dass der Hauptmann selber ihn tot sehen will? Wir sind alle Söldner und nehmen Aufträge von vielen Seiten an. Manchmal lohnt es sich eben, so einen Auftrag an andere Hände weiterzugeben, wenn das eigene Fähnlein gerade beschäftigt ist.«

»Gewiss, gewiss«, sagte Mart. Was für ein Schwätzer, dachte er. »Aber habt ihr vielleicht auch eine etwas genauere Beschreibung? Wird nicht der einzige Buschläufer sein, der sich hier rumtreibt.«

»Wie viele Buschläufer suchen nach einem fremden Kind?«, gab Arri zurück. »Aber wenn ihr noch eine Beschreibung braucht: Er kommt geradewegs aus der Savanne. Trägt also keine anständige Kleidung, und mit ’nem Buschläufer-Söldner aus der Stadt verwechselt ihr den bestimmt nicht. Außerdem hat er Muskeln wie prall gefüllte Wasserschläuche und Arme und einen Brustkorb wie ein Berggorilla, ’ne Nase wie ein Faustkämpfer, und er sieht überhaupt so aus, als würd er gern Leute in Stück reißen. Was er übrigens auch tut.«

Tori prustete bei der Beschreibung. »Klingt so, als würd er das Kind fressen, wenn er’s findet, hm.«

Arri grinste. »Die Beschreibung haben wir von einem unserer Männer, der vor dem Kerl davongerannt ist. Weiß also nicht, wie zuverlässig das ist. Jedenfalls könnt ihr euch denken, warum wir ein paar handfeste … ähm, Leute für die Jagd suchen und nicht jede Straßenratte drauf ansetzen. Woll’n ja nicht, dass sich erst mal ein paar Strohpuppen an ihm versuchen, die nichts weiter erreichen, als dass er vorgewarnt ist.«

Mart wechselte einen Blick mit seiner Begleiterin. Er fragte sich, ob sie vor ihrem geistigen Auge dasselbe sah wie er: große Weidenkörbe voll mit den Köpfen kräftiger Buschleute!

Bei dem Goldbetrag, um den es hier ging, ließ es sich gar nicht vermeiden, dass bald jeder unbeschäftigte Glücksritter Jagd auf den Mann machte. Die Beschreibung war mehr als dürftig. Einem Toten sah man nicht an, ob er zu Lebzeiten nach einem Kind gefragt hatte. Genau genommen sah man auch einem Kopf nicht mehr an, ob er gerade erst aus der Steppe kam oder bei seinem Tod in einem Gardehelm gesteckt hatte.

Mart ging davon aus, dass Tarukans Sekretär bald jede Menge tote Buschläufer zu sehen kriegen würde, und Gauner, die die Belohnung einforderten. Er fragte sich, wie lange dieses schwachsinnige Angebot wohl gültig bliebe.

»Wie sieht es mit ’nem Vorschuss aus?«, fragte er.

Arri schüttelte den Kopf.

»Wir haben Aufwand, wenn wir nach ihm suchen sollen«, beharrte Mart.

»Kein Aufwand«, sagte Arri. »Ihr sollt nur nebenbei die Augen offen halten. Wir wissen ja gar nicht, wo der Kerl überhaupt auftaucht. Das ist ein ungezielter Pfeilregen. Wir verbreiten die Nachricht im ganzen Land, und wer ihn zuerst sieht, hat Glück. Müssten wir allen, die suchen, einen Vorschuss zahlen, wär die Kasse bald leer.«

Mart knurrte unwillig.

Arri beugte sich vor. »Sieh es einfach wie eine Lotterie an«, sagte er. »Nur einer gewinnt – aber der trägt ordentlich was nach Hause.«

»Ich weiß nicht, sagte Mart. »Glücksspiel ist nicht mein Ding. Kannst du mir wenigstens zeigen, was du hast? Damit wir sehen, dass du es ernst meinst und nicht nur ’n paar Dumme ködern willst mit Füchsen, die’s gar nicht gibt?«

Arri sah sich in der Kneipe um. Dann holte er unter seinem Harnisch einen kleinen Lederbeutel hervor. Er zog die Schnur auf, legte das Säckel auf den Tisch. Dutzende kleiner Goldmünzen funkelten aus der Öffnung. »Reicht das?«

Mart grinste, dass man seinen abgebrochenen schwarzen Eckzahn sah. »Allerdings«, sagte er. »Für so ’ne Löhnung würde ich sogar einen Mord begehen.«

II. TEIL:
DER WEISSE TURM

4.

Gontas spürte den Atem der Stadt, lange bevor er Apis erreichte. Das Gras wurde dichter, dann kamen Wege hinzu. Kleine Katen standen in der Landschaft. Ziegenhirten weideten ihre Tiere. Gontas sah bald so viele von ihnen, wie selbst im fruchtbarsten Buschland nicht.

Er folgte den Wegen, die von hier aus alle auf die Stadt zuführten. Aus den Katen wurden Dörfer, schmutzige kleine Weiler mit Lehmhütten. Gontas hätte niemals sein Zelt gegen so einen Erdhügel eintauschen wollen. Anstelle der Hirten sah er Bauern auf ihren mageren Feldern mit den Bewässerungsgräben. Die meisten trugen nicht mehr als einen Lendenschurz, und alle sahen von der Arbeit auf und äugten zu dem einsamen Wanderer, der aus einer so ungewöhnlichen Richtung kam.

Zuletzt erblickte Gontas die Stadt selbst. Er marschierte durch die schäbigen Vorstädte, die sich kaum von den erbärmlichen Lagern der Vagantenstämme am Rande des Steinlands unterschieden. Unter die festen Häuser, die selbst kaum mehr waren als Verschläge, mischten sich windschiefe Zerrbilder von Nomadenzelten, mit Stangen aus krummem Holz und mit Lumpen behangen. Nackte Kinder liefen lachend ein Stück hinter ihm her.

Gontas überholte andere Fußgänger und Karren, die noch langsamer unterwegs waren. Gelber Staub wolkte von der Straße auf und legte sich über alles.

Gontas ging auf die Stadtmauer zu, die hinter den Gebäuden aufragte. Es war das größte Bauwerk von Menschenhand, das Gontas kannte, mehr als viermal so hoch wie ein Mann und aus braunen Ziegeln gefügt. Doch wenn Gontas dieses Werk mit den Bewohnern verglich, kam er zu dem Schluss: je härter die Mauern, umso weicher die Menschen.

Gleich vor dem Tor kam er am Richtplatz vorüber. In der Mitte stand eine große Bühne, gleichfalls gemauert, mit einem festen Galgen, Richtblöcken, Schandpfählen und ausgeklügelten Gerüsten, an denen die Städter ihre Mitbürger quälten. Oben auf dem Podest waren immer ein paar Menschen zu sehen, wie Gontas von seinem letzten Besuch wusste, Tote, Gepeinigte und ihre Wachen.

Darum herum gab es viel freien Platz. Hier standen keine Hütten, dafür hatten sogar ein paar karge Büsche und dürre Bäume auf der Fläche wurzeln können. Die einzige Straße in diese Stadt führte gleich unter der Bühne vorbei, und in dem Gedränge der Händler, der Bauern und Tagelöhner, die nach Apis strömten, der Söldner, Reisenden und Marktbeschicker erkannte man die regelmäßigen Besucher daran, dass sie nicht mehr den Kopf hoben und neugierig zur Richtstätte starrten.

Es war spät am Nachmittag, und immer noch drängten viele Menschen nach Apis hinein. Das sechs Schritt breite Tor wirkte fast zu schmal für die Massen, die um diese Tageszeit in beide Richtungen unterwegs waren. Gontas zog seine Umhängetasche nach vorn und bahnte sich mit beiden Armen einen Weg.

Der Außenwall von Apis war ebenso dick wie hoch, was den Tordurchgang zu einem wahrhaften Tunnel machte. Nach wenigen Schritten stand Gontas im Schatten, eingepfercht zwischen den Menschen und mit Mauern neben und über sich. Er fühlte sich gefangen. Er packte einen rundlichen Mann, der vor ihm ging, und schob ihn grob zur Seite. Dann spürte er eine Hand an seiner Hüfte, packte blitzschnell zu, ohne hinzusehen, und verdrehte den Arm, den er zu fassen bekam. Etwas knackte unter seinem Griff, und Gontas fühlte sich einen winzigen Augenblick lang erleichtert.

Mit beiden Händen schaufelte er sich seinen Weg aus dem Gedränge in die Stadt und ließ einen Strudel von Schmerzenslauten, empörten Rufen und übereinanderstolpernden Gestalten hinter sich zurück.

Dann schien die Sonne wieder auf ihn. Der Tunnel spie die Menschenmenge auf den Torplatz, wo immer noch ein munteres Treiben herrschte, wo es aber auch genug Raum dafür gab. Die Menschen verliefen sich. Gontas trat an die Seite und holte Luft. Er hatte ganz vergessen, wie verdammt eng alles war in dieser Stadt!

Noch immer schlug sein Herz wild, und er hatte das unbestimmte Bedürfnis, um sich zu schlagen. Zwei Stadtwachen, die den Menschenstrom im Auge behielten, waren auf ihn aufmerksam geworden. Unschlüssig umfasste der eine den Hartholzschaft seiner Lanze. Sie sahen Gontas an, er sah sie an.

Dann wandten sie sich einem alten Bauern zu, der eine Kiepe auf dem Rücken trug. Sie zogen ihn aus dem Strom heraus und überprüften seine Ware.

Gontas ging weiter.

Wohin sollte er sich wenden? Wo war er letztes Mal gewesen, als er Apis besucht hatte, mit einem Haufen treuer Begleiter, um Kriegsbeute gegen Waffen zu tauschen?

Seine Erinnerungen an diesen Besuch waren eine wirre Folge unzusammenhängender Bilder, und allmählich dämmerte ihm wieder, warum das so war. Alles kam in der Stadt zusammen, irgendwo hier musste es Leute geben, die Antworten auf seine Fragen hatten.

Aber Gontas fragte sich inzwischen, ob es nicht einfacher war, Halime und ihre Entführer im menschenleeren Steinland zu finden als in diesem Ameisenhaufen. Er schob die Tasche auf seiner Schulter zurecht.

Das war der Augenblick, da er bemerkte, dass die beiden Äxte verschwunden waren, die hinten in seinem Gürtel gesteckt hatten.

Grimmig stapfte Gontas durch die Stadt. Warum war er nur hierhergekommen? Händler für Sklaven, für Tiere, für Waffen und Schmuck – die fand man rasch, wenn man einfach nur durch die Straßen lief. Aber wen, bei Tombar, sollte man ansprechen, wenn man ein ganz bestimmtes Mädchen suchte? Wer konnte ihm sagen, was es mit den schwarzen Kriegern auf sich hatte?

Er kam an einem Laden mit bemalter Tür vorbei, und aus den Symbolen schloss er, dass dahinter ein Sterndeuter zu finden war. Gontas dachte an Nuatafib. Nein, er würde seine Zeit nicht noch einmal an einen Wahrsager verschwenden; und nachdem er ein paar Straßen weitergegangen war, musste er sich eingestehen, dass er in diesem Irrgarten den Sterndeuter ohnehin nicht wiederfinden würde und dass es zu spät war, um sich anders zu entscheiden.

Im Vorübergehen hielt er vergebens nach seinen Waffen Ausschau. Verfluchte Diebe. Verfluchte Stadt! Unter den Cefron wäre ihm das nicht passiert. Selbst wenn es dort jemand gewagt hätte, ihn zu bestehlen, so hätte der Dieb seine Beute kaum unbemerkt durch das Lager tragen können.

Aber diese Stadt, das insektenhafte Gewimmel, die vielen Menschen und Dinge, das musste für jeden feigen Langfinger eine Einladung sein, sein Glück zu versuchen.

Gontas beäugte jeden Mann auf der Straße mit großem Misstrauen und hielt seine Tasche fest. Er lauerte regelrecht darauf, dass ein weiterer Dieb sein Glück bei ihm versuchte, damit er seinem Zorn endlich Luft machen konnte. Aber die meisten Männer, die ihm entgegenkamen, schlugen einen Bogen um ihn, und niemand forderte ihn heraus.

Bis er den Mann mit der Augenklappe sah.

Der Einäugige lehnte an einer Ecke und musterte Gontas mit derselben Eindringlichkeit wie der ihn. Der Mann war einen halben Kopf größer als Gontas, aber es war ein hagerer Bursche. Doch Gontas ließ sich nicht täuschen: Die Haltung des Mannes, die sehnigen Muskeln am Hals und an den harten Händen, all das verriet den geübten Kämpfer. Er trug eine abgenutzte Rüstung aus fingerdickem gehärtetem Leder, dazu ein breites Schwert und mehrere kleine Klingen am Waffengurt. Er musste über vierzig sein, schätzte Gontas. Die tiefe Narbe, die unterhalb der Augenklappe weiterverlief und quer über die Wange in das Gewirr von älteren Linien schnitt, bevor sie zwischen den Bartstoppeln verschwand, bestätigte den Eindruck.

Das war kein Dieb, entschied Gontas, sondern ein Krieger wie er.

Das Haar, das dem Fremden an den Seiten bis zur Wange fiel, mochte einmal schwarz gewesen sein. Jetzt zeigten sich graue Strähnen darin, die zu den Spitzen hin heller wurden, und auch das verbliebene Auge glitzerte grau unter den buschigen Brauen. Das war ungewöhnlich südlich des Steinlands.

Der Blick des Fremden war nicht beiläufig, sondern durchdringend – der Blick eines Jägers, der seine Beute beobachtet. Gontas lockerte seine Arme und setzte bewusster einen Fuß vor den anderen. Er bereitete sich auf einen Angriff vor.

Was wollte der Fremde von ihm? Gontas forschte in seinem Gedächtnis, ob er den Mann kannte. Er überlegte kurz, ob es einer von Halimes Entführern war. Aber die hatten alle ähnliche schwarze Rüstungen getragen, während die des Fremden von eher lichtem Braun war.

Der Krieger macht die Waffe, nicht die Waffe den Krieger.

Gontas schärfte sich diese Weisheit ein. Doch er hatte überhaupt nichts mehr, was sich zur Waffe machen ließ.

Bald war er auf Höhe der Gasse, an deren Einmündung der Fremde stand. Dann war er vorbei, und nichts war geschehen. Gontas spitzte die Ohren und lauschte auf ein Knarren der Rüstung, das ihm verraten hätte, ob der Mann hinter ihm herkam.

Stattdessen schnitt ein leiser Pfiff ihm in die Ohren.

Gontas fuhr herum. Hatte der Mann mit diesem Pfiff seine Kameraden alarmiert?

Der Einäugige stand immer noch an der Einmündung. Er betrachtete Gontas, ganz so, als hätte der nach ihm gepfiffen.

»Was?«, fuhr Gontas ihn an.

»Du suchst ein Mädchen?«

Gontas stutzte. »Bist du ein Mädchenhändler, he?«

»Ein kleines Mädchen!«, sagte der Fremde.

Gontas spannte sich an. Er hatte in der Stadt nach Halime fragen wollen, aber bisher hatte er mit niemandem darüber gesprochen. Woher also wusste dieser Mann …?

»Nicht hier«, sagte der Einäugige. Mit raschem Schritt verschwand er hinter der Ecke und in der Seitengasse.

Gontas wollte hinter ihm herstürmen, doch dann besann er sich anders. Das roch nach einer Falle. Aber wer war dieser Mann, und warum sollte er ihm, Gontas, auflauern wollen?

Egal.

Gontas hatte Fragen, und dieser Fremde konnte ihm vielleicht Antworten geben. Er nahm den Riemen seiner Tasche locker in die Hand und trat in die Seitengasse. Von dem Einäugigen war nichts zu sehen.

Gontas folgte dem schmalen Weg zwischen den Häusern. Es gab keinen Abzweig, also musste der Mann noch vor ihm sein. Allerdings gab es Hauseingänge, Nischen und Biegungen, und Gontas konnte zwischen alldem Mauerwerk immer nur wenige Schritte vor sich klar überblicken. Balken mit eingeschnittenen Tritten führten zu den flachen Dächern hinauf – so viele Verstecke, wo ein Feind auf ihn lauern mochte.

Dann bog Gontas um eine Ecke, und der Einäugige stand da, ein Stück entfernt an die Wand gelehnt, und grinste. »Ich hatte gehofft, dass du hinter mir herkommst.«

Gontas ging auf ihn zu. Die Tasche ließ er zu Boden gleiten. Er öffnete und schloss die kräftigen Finger. »Du solltest vorsichtig sein mit deinen Hoffnungen. Was weißt du über das Mädchen?«

»Hoho!« Der Einäugige hob die Hände. »Warum so grimmig? Ich wollte nur mit dir reden. Ein Austausch von Informationen.«

Gontas blieb vor dem Mann stehen. »Was weißt du?«

»Über das Mädchen? Nichts. Ich weiß nur, dass ein paar Kerle nach ’nem kräftigen Buschläufer Ausschau halten, der nach ’ner kleinen Musche sucht. Sie haben ein Kopfgeld ausgesetzt. Die Beschreibung passt auf dich. Ich dachte mir, das sollte dich so weit interessieren, dass wir ins Geschäft kommen.«

»Geschäft?«

»Nur Geduld. Wenn wir länger plaudern, solltest du dir vorher was überziehen.« Er tippte Gontas mit einem Finger gegen die Brust, und der wich knurrend zurück. »Viel zu kurze Lederbuxe, nackter Oberkörper und ein offener Mantel, damit schreist du’s förmlich in die Stadt hinaus: ›Buschläufer, frisch eingetroffen!‹ Bei dem Gold, das für deinen Kopf geboten wird, solltest du nicht so auffallen.«

»Obwohl«, sagte eine Stimme hinter Gontas, »du schon ’ne Menge zum Anschaun bietest.«

Gontas fuhr herum und machte zugleich einen Satz von dem Einäugigen weg. Er stellte sich mit dem Rücken gegen die Hauswand, sodass er die beiden Fremden links und rechts von sich hatte und beide im Auge behalten konnte.

Der Neuankömmling war eine Frau. Sie war kräftig gebaut; unter den eng anliegenden schwarzen Ledersachen war kaum eine weibliche Rundung zu sehen, und die braunen Haare waren so kurz geschoren, dass sie in Stoppeln vom Kopf abstanden. Trotzdem, die Stimme, die Hüften, die Andeutung von Brüsten zwischen den Gurten und Riemen, die überall über ihre Kleidung liefen, all das ließ kaum einen Zweifel zu.

Gontas entspannte sich. Wer brachte eine Frau mit, wenn er ernsthaft kämpfen wollte? Also meinte der Einäugige es doch ehrlich mit seinen friedlichen Worten, oder er war kein so ernst zu nehmender Krieger, wie Gontas geglaubt hatte.

Die Frau trat vor Gontas hin und zeigte ein schmales Lächeln. Sie trug einen Mantel über dem rechten Arm. Mit der Linken fasste sie nach Gontas’ Unterarm, folgte mit der Fingerspitze einem Muskelstrang und sagte mit kokettem Augenaufschlag: »Is ’ne Schande, das zu verhüllen. Aber wer weiß, hm. Wenn du deine Reize nicht ständig zeigst, sondern zur rechten Zeit auspackst, macht’s das vielleicht noch wertvoller.«

Sie hielt ihm den Mantel hin.

»Er ist schon wertvoll genug«, knurrte der Einäugige. »Mit dem Gold, das auf seinen Kopf ausgesetzt ist, kann man in der Straße des Südens ein ganzes Dutzend kräftiger Jünglinge kaufen. Mit glatter Haut.«

Gontas’ Kopf fuhr herum. Fast hätte er den Mann vergessen. Er durfte sich nicht ablenken lassen!

Dabei waren die Reize dieser Frau kaum geeignet, seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Sie war nicht mehr jung, vielleicht sogar älter als er selbst. Auch sie hatte Narben im Gesicht, wenn auch nicht so tiefe wie ihr Gefährte. Ihre Züge waren hart, und in ihren braunen Augen lag, als sie ihm so nah kam, die Andeutung eines grünen, kalten Schimmers, der ihn frösteln machte. Er fühlte sich unbehaglich in ihrer Nähe.

»Hm, Mart.« Sie lächelte Gontas immer noch an. »Weiß nicht, du. Klang nach ’ner schweren Miete für ’n einzelnen Mann, is wahr. Aber wenn ich den Mann jetzt sehe … Da ist schon mehr dran, als ich sonst so gewohnt bin.«

Bei diesen Worten blickte sie jedoch nicht auf Gontas, sondern an ihm vorbei. Gontas blinzelte verwirrt, dann ging ihm auf, dass sie auf den Einäugigen seitlich neben ihm starrte. Mit einem Mal war er sich nicht mehr so sicher, ob der zufriedene Zug um ihren Mund tatsächlich dem galt, was sie bei Gontas sah – oder ob es ihr nicht vor allem um das ging, was die Worte ihrem Begleiter antaten.

»Du lässt den Scheiß sein, Tori«, fuhr der Einäugige sie an. »Sofort. Ich hab diesen Wil … diesen Buschläufer nicht von der Hauptstraße geholt, damit du in der Seitengasse mit ihm turtelst.

Und du, Mann, zieh dir endlich den Kapuzenmantel über und hör nicht auf die Schlampe. Dann können wir uns ’ne ruhige Kneipe suchen und ernsthaft reden.«

Zögernd griff Gontas nach dem Umhang. Als er den Stoff vom Arm der Frau herunterzog, kam keine Hand zum Vorschein, sondern eine schmale, fast unterarmlange Klinge. Sie war gebogen wie ein Haken und an der Innenseite scharf geschliffen.

»Sardik, was …« Gontas zuckte erschrocken zurück. Dann machte er einen Satz und wich auf die andere Seite der Gasse aus.

Keuchend blieb er stehen.

Die Frau hob die bläulich glänzende Sichel an ihr Kinn. Sie grinste.

Der Einäugige schüttelte den Kopf. »Sie mag solche Spielchen. Beachte sie gar nicht. Komm.«

Er wies die Gasse entlang. Gontas traf eine Entscheidung.

Wenn das tatsächlich ein Hinterhalt war, dann wäre eben der beste Zeitpunkt für einen Angriff gewesen. Der Einäugige hätte ihm eine seiner vielen Klingen in den Rücken stoßen können, aber er hatte es nicht versucht.

»Gut«, sagte Gontas. »Ich gehe mit. Und du wirst meine Fragen beantworten.«

Er warf sich den Mantel über und zog sich die Kapuze ins Gesicht. Als er dem Einäugigen folgte, sah er nicht, wie das Grinsen aus Toris Gesicht verschwand. Sie senkte den Arm mit der Klinge, sah darauf hinab, und ein trauriger Zug erschien um ihre Augen. Dann schüttelte sie wütend den Kopf, ballte die Linke zur Faust und folgte den beiden Männern.

»Wie ist das also mit dem Gold, das auf meinen Kopf ausgesetzt ist?«, fragte Gontas.

Sie saßen in einer winzigen finsteren Kaschemme, die um diese Stunde so gut wie leer war. Das einzige Licht sickerte durch Mauerritzen von außen herein. Der Akir, der in einer Schale vor Gontas stand, schmeckte wie Pisse. Er wusste jetzt, warum die beiden Söldner etwas anderes bestellt hatten, irgendeinen schaumigen Trunk, den die Städter womöglich besser zu bereiten verstanden.

»Oh nein«, sagte Mart. »Erst du. Was willst du in der Stadt? Was hat es mit dem Mädchen auf sich?«

Die beiden Männer schauten sich an. Keiner sagte etwas. Die Frau, die, wie Gontas inzwischen erfahren hatte, Tori hieß, kratzte mit ihrem Haken auf dem Tisch herum. Plötzlich hielt sie inne und rief: »He, Jungs! Hier! Schaut mich an, ich bin gut im Niederstarren! Lasst mich mitspielen!«

Mart grunzte unwillig und stieß ihr den Ellbogen in die Seite. »Also gut«, sagte er. »Werfen wir abwechselnd in den Topf, was wir wissen. Am Ende schauen wir, ob sich aus dem, was zusammenkommt, ein Geschäft machen lässt.«

»In was für einen Topf?«, fragte Gontas.

»Eine Redensart«, sagte Tori. »So wie sich ’n ganzen Mann angeln. Also einen mit allen Gliedmaßen und zwei Augen.«

Sie lächelte. Mit kleinen scharrenden Hüpfern bewegte sich ihr Haken auf Gontas’ Seite des Tisches.

Mart zog die Augenbrauen zusammen. Wieder stieß er Tori den Ellbogen in die Seite, und diesmal stieß sie einen leisen Schmerzenslaut aus. »Frau«, knurrte er, »i

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