Logo weiterlesen.de
Im Licht des Bösen

Inhalt

  1. Über dieses Buch
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Projekt 001
  7. Freitag 21:45 Uhr
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. Samstag 02:00 Uhr
  14. 6
  15. 7
  16. 8
  17. 9
  18. 10
  19. 11
  20. 12
  21. 13
  22. Samstag 07:30 Uhr
  23. 14
  24. 15
  25. 16
  26. 17
  27. 18
  28. 19
  29. 20
  30. 21
  31. 22
  32. 23
  33. Samstag 20:00 Uhr
  34. 24
  35. 25
  36. 26
  37. 27
  38. 28
  39. 29
  40. 30
  41. 31
  42. Sonntag 01:30 Uhr
  43. 32
  44. 33
  45. 34
  46. 35
  47. 36
  48. 37
  49. 38
  50. 39
  51. Sonntag 05:30 Uhr
  52. 40
  53. 41
  54. 42
  55. 43
  56. Drei Wochen später
  57. 44
  58. Danksagung

Über dieses Buch

Mitten in der Nacht auf einer einsamen Straße in Dänemark. Auf der regennassen Fahrbahn kommt eine junge Mutter mit ihrem Fahrzeug ins Schleudern, prallt gegen einen Baum und wird durch die Windschutzscheibe geschleudert. Auch ihre kleine Tochter, die sich auf dem Rücksitz befindet, trägt schwere Verletzungen davon. Dem Tod näher als dem Leben, werden die beiden von Martin Dahl – einem Kopenhagener Kriminalpolizisten – gefunden. Umgehend setzt er einen Notruf ab, doch die Verbindung bricht zusammen … und als Krankenwagen und Polizei am Unfallort eintreffen, finden sie dort nur noch die halbtote Frau, die ihr Bewusstsein nicht mehr wiedererlangt. Dahl und das Mädchen sind wie vom Erdboden verschluckt. Kommissar Thomas Nyland, der Vorgesetzte Dahls, beginnt, in diesem sonderbaren Fall zu ermitteln. Doch alle Ansätze verlaufen ergebnislos. Niemand weiß, woher Mutter und Tochter kamen, nur eins war offenkundig: Sie hatten große Angst und befanden sich auf der Flucht. Als Nyland dann noch verstörende Videos entdeckt, geht die Polizei davon aus, dass das Mädchen schwer misshandelt wurde. Doch wo ist es jetzt? Und was hat Dahl mit der ganzen Sache zu tun? Die Zeit läuft unerbittlich: Nyland muss seinen Kollegen und das Mädchen so schnell wie möglich finden, ehe alles zu spät ist …

Über den Autor

Aestergaard_Jens_c_JensPeterEngedal_1c.jpg

© Carolyn Males

Jens Østergaard hat Journalismus studiert und unter anderem als Redakteur bei einem dänischen Radiosender gearbeitet. Heute ist er als Kommunikationsberater tätig. Sein erster Roman hat in Dänemark für großes Aufsehen gesorgt. Weitere Informationen unter: www.jensostergaard.com

JENS ØSTERGAARD

Im Licht des
Bösen

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Nora Pröfrock

Für meine Mutter

Für Trine, Johan und Karen

Projekt 001

Jetzt kann sie ihn hören. Das zarte Quäken eines neugeborenen Kindes. Ihren Sohn.

Eva wird von einer wohligen, warmen Welle des Glücks durchflutet und kann die Tränen nicht zurückhalten. Vor Freude und Erschöpfung laufen sie ihr über die Wangen. Sie schluchzt und wischt sich die Augen. Möchte das Kind gern sehen, ist jedoch zu schlapp, um den Kopf länger als einen kurzen Moment anzuheben. Muss ihn mit einem Stöhnen wieder aufs Kissen sinken lassen.

Anna hält den Jungen hoch, und der Arzt klemmt die Nabelschnur ab. Durchtrennt sie ganz vorsichtig, so als würde er sie mit der Schere entzweimassieren.

Der Arzt. So nennt Anna ihn. Immer nur so. Und Eva muss an ihre Großeltern denken. An die untertänige, widerstandslose Frau und den ruhigen, willensstarken Mann. Auch ihre Großmutter hat immer nur den Beruf ihres Mannes genannt, wenn sie von ihm sprach. Der Direktor.

»Mach nicht solchen Lärm mit deinen Legosteinen. Der Direktor hält gerade seinen Mittagsschlaf«, sagte sie zum Beispiel, während sie durch die Wohnung lief und den Mittagstisch abräumte. So wie Anna immer durch die Wohnung läuft und aufräumt und Staub wischt, wenn der Arzt in seinem Büro unten im Keller ist.

Eva war noch nie im Keller. Der ist für sie tabu. Der Arzt braucht Ruhe für seine wissenschaftlichen Arbeiten. Manchmal verschwindet er einfach dort unten. Bleibt tagelang weg, bevor er wieder zu ihnen heraufkommt. Verschwitzt, müde und mit geröteten Augen. Als wären seine Gedanken schwere Felsbrocken, die er vor sich herschiebt.

Jetzt aber haben sich ausnahmsweise einmal alle drei in Evas Zimmer versammelt. Zu dem Ereignis, auf das sie so lange gewartet haben. In den vergangenen Wochen hat das Haus vor Anspannung und Nervosität geradezu gebebt. Alle wussten, dass es kurz bevorstand. Eva konnte es Anna anmerken. Sie wirkte nicht mehr ganz so fröhlich wie sonst. Oft war sie sogar abweisend und distanziert. Eva hat sich gefragt, ob Anna vielleicht neidisch ist, weil sie und der Arzt nie selbst Kinder bekommen haben. Aber geredet haben sie darüber nicht. Eva hat es nicht gewagt, Anna danach zu fragen.

Durchs Fenster strömt grelles Licht in den Raum. Es umrahmt Anna, den Arzt und Evas kleinen Jungen. Lässt sie wie schwarze Silhouetten vor einem leuchtenden, weißen Vorhang erscheinen. Wie ein Schattentheater. Dann muss Eva wieder weinen.

Die Schmerzen sind verschwunden. Nein, nicht nur verschwunden. Sie sind vergessen. Ganz und gar. Selbst wenn sie wollte, könnte sie sich nicht mehr daran erinnern. Nun kribbelt und prickelt es nur noch in ihren Beinen, Armen und in der Brust. Es ist kaum zu glauben, dass sie noch vor einem halben Jahr völlig am Ende war. Dass sie versucht hat, sich und ihr ungeborenes Kind mit einer Überdosis Heroin umzubringen.

Das war, bevor sie dem Arzt begegnete. Bevor er sie rettete. Er hat sie von ihrem Zuhälter freigekauft. Das war der erste Schritt. Und dann hat er ihr die Drogen weggenommen. Eva weiß nicht, wie viel Geld der Arzt für ihre Freiheit bezahlt hat, aber es war sicher ein hoher Betrag. Er hat ihr ein neues Zuhause gegeben. Eine neue Chance. Ja, eigentlich haben ihr beide, Anna und der Arzt, eine neue Chance gegeben, doch es war das Verdienst des Arztes. Er hat entschieden, dass sie Eva zu sich nehmen würden.

In den ersten Tagen ihres neuen Lebens dachte Eva, sie würde sterben. Sie hatte Durchfall und musste sich immerzu übergeben. Ihr ganzer Körper glühte vor Fieber, sodass ihr Bettlaken völlig durchnässt war. Im Traum tauchte
jeder einzelne ihrer Kunden auf und fiel über sie her. Sie musste ihr ganzes verdammtes Leben noch einmal durchmachen.

Doch nach einer Weile verschwanden die üblen Träume. Das Fieber sank. Ihr Magen beruhigte sich. Und im Laufe der Monate wurde sie langsam, aber sicher wieder zu einer ganz normalen jungen Frau. Bald wird sie so weit sein, dass sie das Haus verlassen kann. Sie fürchtet die Blicke der anderen Menschen nicht mehr.

Das dünne, strähnige Haar, das ihr früher büschelweise ausfiel, ist jetzt wieder voll und kräftig. Ihre Haut ist immer noch blass, aber nicht mehr so durchscheinend, und die ungesunde, bläuliche Gesichtsfarbe, die sie einmal hatte, ist nun verschwunden. Ihre Arm- und Beinmuskulatur ist mittlerweile kräftiger. Aus dem Skelett, der lebenden Toten, ist wieder ein Mensch geworden.

Jetzt liegt sie hier auf dieser Liege und ist zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben glücklich.

Das meinen die Leute also, wenn sie von einem Neuanfang reden, denkt sie und fragt mit bebender Stimme: »Darf ich ihn jetzt sehen?«

»Er ist perfekt«, sagt Anna.

»Danke«, flüstert Eva. »Vielen Dank.«

Doch dann wird ihr klar, dass Anna nicht mit ihr geredet hat. Sie hat mit dem Arzt gesprochen, der nun hinter dem Kopfende der Liege steht. Eva kommt sich ein bisschen dumm vor, so wie immer, wenn sie etwas Falsches gesagt hat. Oder wenn sie im falschen Moment den Mund aufgemacht hat. Am liebsten würde sie ihr Gesicht unter dem Kopfkissen verbergen und so tun, als wäre sie überhaupt nicht da.

»Gut«, sagt der Arzt. Er scheint ihren Fehler nicht bemerkt zu haben. Zum Glück. Eva möchte gern alles richtig machen. Dieser Augenblick soll perfekt sein. Sie will ihn nicht mit ihrer alten Unbeholfenheit verderben. Diese Eva gibt es nicht mehr. Sie ist jetzt ein neues und verbessertes Modell.

»Dann lass es uns zu Ende bringen«, murmelt der Arzt.

Zuerst glaubt Eva, dass er von der Nachgeburt redet. Anna und der Arzt haben ihr erklärt, dass es noch nicht ganz vorbei ist, wenn das Kind zur Welt gekommen ist. Sie sind die Geburt Schritt für Schritt mit ihr durchgegangen, damit sie jederzeit nachvollziehen kann, in welcher Phase sie sich gerade befindet. Jahrelang war sie nur Zuschauerin in ihrem Leben, doch damit ist jetzt Schluss. Sie will alles ganz genau wissen. Will alles spüren. Will die Kontrolle haben.

Und jetzt geht es um die Nachgeburt. Da ist sie sich sicher. Der letzte Schritt, bevor die Geburt überstanden ist. Bevor sie ihren Sohn im Arm halten kann.

Doch dann breitet sich ein Schatten über ihrem Gesicht aus, und im nächsten Moment sieht Eva ein weißes Kopfkissen, das unruhig über ihr in der Luft zu schweben scheint. Sie bekommt kein Wort mehr heraus. Bekommt auch keinen Schrei mehr heraus. Der Arzt hält das Kissen, und jetzt presst er es ihr aufs Gesicht. Es bedeckt ihre Nase und ihren Mund. Sie hebt die Hände, um das Kissen wegzudrücken, doch der Arzt hält es fest. Er ist stark. Er lehnt sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie. Eva ringt nach Atem. Bekommt keine Luft. Sie strampelt mit den Beinen. Windet sich. Schlägt mit dem Kopf gegen die Liege.

Was tut er nur? Das muss ein Fehler sein. Das kann doch nicht …

Da erfasst sie ein neues Gefühl. Eiskalte Angst, gefolgt von einer ebenso eiskalten Klarsichtigkeit: Das Ganze war natürlich zu schön, um wahr zu sein. Wie konnte ich nur glauben, ich hätte es verdient, glücklich zu sein?

Sie spürt, wie ihre Muskeln erschlaffen. Zuerst in den Beinen, die auf dem weißen Laken einfach liegen bleiben. Dann in den Armen und Fingern, die sie nun nicht mehr von der Brust heben kann. Ihr wird gleichzeitig heiß und kalt. Als hätte sie wieder Fieber.

Ohne mich hat er es wahrscheinlich sowieso besser.

Das ist ihr letzter Gedanke. Er gilt dem Jungen, den sie neun Monate lang in sich getragen hat. Dem Jungen, den sie hassen und lieben konnte, ohne ihn jemals kennengelernt zu haben. Dem Jungen, der ihr zunächst ununterbrochen vor Augen führte, wie tief sie gesunken war, bis er ihr schließlich in Aussicht stellte, wie gut ihr Leben noch werden konnte. Dem Jungen, den sie nie – das weiß sie jetzt – richtig gesehen haben wird. Nur als schwarze Silhouette auf dem Arm einer anderen Frau.

Freitag

21:45 Uhr

1

»Ganz ruhig«, flüstert Susanne Aagaard vor sich hin.

Sie kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können, doch es hilft nichts. Der Regen prasselt auf die Frontscheibe und verschleiert ihr die Sicht. Nur in dem kurzen Moment, wenn die Scheibenwischer des alten Wagens soeben über die Scheibe gefahren sind, kann sie die Landstraße vor sich erkennen. Doch bereits im nächsten Augenblick verschwindet wieder alles hinter großen, schweren Regentropfen.

Susanne Aagaard, denkt sie flüchtig. Sie hat sich nie an diesen Namen gewöhnt, und nun wird sie ihn bald wieder ablegen.

Ihr Fuß lastet schwer auf dem Gaspedal. Zu schwer, das weiß sie. Das Auto prescht viel zu schnell durch den Regen. Ihr ist klar, dass sie sich entspannen sollte. Die Scheinwerfer im Rückspiegel sind jetzt schon seit Längerem nicht mehr zu sehen. Aber sie kann sich nicht entspannen. Es ist, als hätten sich sämtliche Muskeln in ihrem Körper verkrampft. Als würde ihr Fuß sich weigern, sich zu heben und den Druck vom Gaspedal zu nehmen.

Plötzlich sieht sie das Gesicht vor sich, und ihr sträuben sich sämtliche Haare. So als säße jemand hinter ihr auf dem Rücksitz und bliese ihr kalte Luft in den Nacken.

Dieses Gesicht und diese Hände.

»Ganz ruhig. Ganz ruhig. Ganz ruhig.«

Sie weiß nicht, wen sie zu beruhigen versucht, sich oder Emma, die hinten auf ihrem Kindersitz schläft. Sie wirft noch einen Blick in den Rückspiegel. Will sich versichern, dass ihre Tochter auch wirklich da ist.

Sie sieht sie nicht mehr.

Sofort schlägt ihr Herz schneller. Sie dreht sich um. Doch, da ist sie. Ihr Kopf ist nur zur Seite gesunken.

Susanne atmet tief ein. Versucht, zur Ruhe zu kommen. Doch weder ihr Herz noch der Wagen lassen sich bremsen.

Plötzlich rumpelt es unter ihr. Der rechte Vorderreifen senkt sich ab. Sie wendet sich wieder um. Sieht genau in dem Moment nach vorn, als die Scheibenwischer den Regen zur Seite drücken und dabei ein Geräusch erzeugen, das sie an einen alten Fensterabzieher denken lässt. Sie muss das Lenkrad eingeschlagen haben, als sie sich zum Rücksitz umgedreht hat, denn anstelle des regennassen Asphalts sieht sie nun einen grasbewachsenen Hügel vor sich. Sie reißt das Lenkrad herum, um den Wagen zurück auf die Straße zu bringen. Die Vorderreifen hüpfen über den unebenen Untergrund. Regen prasselt auf die Frontscheibe. Die Scheibenwischer schieben ihn beiseite. Freie Sicht. Der grasbewachsene Hügel ist nicht mehr zu sehen. Stattdessen erblickt sie jetzt weniger als einen Meter vor dem Auto einen Baum. Sie drückt die Bremse durch, doch es ist schon zu spät. Die Motorhaube faltet sich zusammen. Die Frontscheibe explodiert. In einer schwarzen Sekunde wird ihr bewusst, dass sie vergessen hat, sich anzuschnallen.

Dann hebt sie vom Sitz ab.

2

Martin Dahl reißt das Steuer nach links, doch der Wagen gehorcht ihm nicht. Die Reifen haben den Kontakt zur Fahrbahn verloren und schlittern, begleitet von einem Rauschen, hilflos über die nasse Landstraße. Er tritt auf die Bremse. Das Auto bricht mit dem Heck aus und gerät ins Schleudern. Die Fliehkraft drückt ihn gegen die Lehne, so als befände er sich auf einer Kirmes auf der Krake. Im Licht der Scheinwerfer wirbeln die Bäume am Straßenrand an ihm vorbei. Seine Hände krampfen sich ums Lenkrad.

Gleich ramme ich einen Baumstamm, denkt er.

Doch dann bleibt der Wagen mit einem Ruck stehen. Der große Ford Mondeo steht vollkommen still quer auf der Straße. Der Motor geht aus.

Der Regen fällt schwer aufs Autodach. Einen Moment bleibt Dahl regungslos sitzen. Atmet tief ein und wieder aus, um sich ein wenig zu beruhigen. Dann löst er seine Finger von dem Lederlenkrad, schaltet das Warnblinklicht ein und steigt aus dem Auto. Schirmt seine Augen mit der Hand gegen den Regen ab. Ein paar Meter vor dem Wagen liegt eine Frau auf der Straße. Hätte er nur eine Millisekunde später reagiert, hätte er sie überfahren.

»Hallo?«, ruft er mit heftig klopfendem Herzen. Doch sie rührt sich nicht. Sie liegt regungslos auf dem Bauch, die rechte Wange ruht auf dem Mittelstreifen. Ihr T-Shirt und ihre Jeans sind zerfetzt. Das rechte Bein steht in einem unnatürlichen Winkel vom Körper ab. Am linken Fuß hat sie einen Schuh, aber nicht am rechten.

Dahl hockt sich neben sie. Blut fließt von ihrer Kopfhaut und mischt sich mit dem Regenwasser, das wie ein breiter, schwarzer Bach über die Straße rinnt. Ihr dunkles Haar ist zu dicken Strähnen verklebt. Das Gesicht ist …

Grundgütiger.

Der Großteil ihres Gesichts ist überhaupt nicht mehr vorhanden. Vermutlich abgeschürft, als sie über den Asphalt geschleudert wurde. Der Schädel ist zerschmettert.

Dahl beugt sich vor. Hält sein Ohr dicht über den Mund der Frau. Versucht, nicht daran zu denken, dass dort keine Haut mehr ist. Dass die Oberlippe mitten entzweigerissen ist. Dass die Zähne, die ihr aus dem Mund geschlagen wurden, vermutlich auf der Fahrbahn verstreut liegen. Falls der Regen sie nicht schon weggespült hat.

Sie atmet. Das Geräusch ist leise, aber trotzdem zu hören. Ein Stöhnen entweicht dem lädierten Mund.

Dahl richtet sich auf. Er kommt in den Stand, greift nach dem Handy in der Innentasche seiner Jacke und ruft die Notrufzentrale an.

Es dauert einen Moment. Dann ertönt die Aufnahme einer Frauenstimme: »Sie haben den Notruf gewählt. Bitte warten Sie. Halten Sie die Verbindung.«

Er starrt hinunter auf das zerschundene Gesicht. Und auf den Rest des Körpers. Die linke Hand bewegt sich. Nur ganz leicht, aber doch so deutlich, dass er es bemerkt. Dann hebt er den Blick und sieht sich um. Entdeckt ein Auto, das dreißig, vierzig Meter weiter die Straße hinunter zusammengestaucht vor einem Baum steht. In der Dunkelheit und dem Regen ist es kaum zu sehen. Das muss der Wagen sein, aus dem die Frau herausgeschleudert wurde.

Befindet sich darin vielleicht noch jemand?

»Ich komme gleich wieder«, sagt er zu der Frau. Unsicher, ob sie in der Lage ist, seine Worte zu verstehen.

Eilig läuft er hinüber zu dem zerstörten Wagen. Wird zu einer Mitarbeiterin der Notrufzentrale durchgestellt.

»Hier spricht Martin Dahl von der Abteilung für Personen gefährdende Kriminalität«, sagt er und ist erstaunt, wie ruhig seine Stimme klingt. »Ich brauche einen Krankenwagen in die …«

Er hält inne. Ihm wird klar, dass er nicht weiß, wo er sich befindet. Vor nicht allzu langer Zeit ist er in Ørby losgefahren. Dort hat er mit einem Mann gesprochen, der am vergangenen Wochenende in Kopenhagen überfallen wurde. Von da aus wollte er zurück zum Polizeirevier in Vesterbro, um den Dienstwagen dort abzuliefern. Aber wie weit ist er wohl gekommen?

Es kann nicht so weit sein.

Er hatte sich doch gerade erst ins Auto gesetzt. Zumindest kommt es ihm so vor.

»Ich bin auf dem Kildevej«, sagt er. Das weiß er mit Sicherheit. »Irgendwo zwischen Ørby und Helsinge. Ich bin gerade über den … verdammt, wie heißt der noch mal? Birkevej? Nein, Birkehøjvej. Ich bin kurz hinter dem Birkehøj-
vej.«

»Was ist passiert?«

»Ein Verkehrsunfall. Hier ist ein Auto gegen einen Baum gefahren. Ungefähr dreißig bis vierzig Meter davon entfernt liegt eine Frau auf der Straße. Sie hat schwere Kopfverletzungen. Sie ist bewusstlos, aber sie atmet.«

»Und das ist auf dem Kildevej, sagten Sie? Zwischen Ørby und Helsinge?«

»Ja. Südlich der Kreuzung Kildevej Birkehøjvej. Und ich brauche das komplette Programm. Krankenwagen, Feuerwehr, Polizei. Schicken Sie alles her.«

»Verstanden. Aber bleiben Sie bitte noch dran, während Sie warten, okay? Ich brauche Ihre Hilfe.«

»Okay.«

Dahl steht jetzt vor dem verunglückten Auto. Es sieht aus, als wäre es mit dem Baum verwachsen. Als bildeten der Baumstamm und die zusammengefaltete Motorhaube eine Einheit. Das Dach ist eingedrückt, die Frontscheibe pulverisiert, und überall liegen Glassplitter. Aus dem Motor, der trotz der Novemberkälte und des unaufhörlichen Regens immer noch heiß ist, steigt Dampf auf. Der Unfall muss erst wenige Minuten her sein.

»Sind Sie allein?«, fragt die Mitarbeiterin der Notrufzentrale.

Dahl schaut sich um. Es sind keine anderen Autos zu sehen. Weder in nördlicher noch in südlicher Richtung.

Oder doch …

Er kneift die Augen zusammen. In weiter Ferne sieht er durch den Regen zwei kräftige, weiße Lichter. Sie werden größer. Ein Auto nähert sich.

»Einen Moment«, sagt er in sein Handy. »Da kommt jemand.«

Er sieht noch einmal genauer hin. Jetzt sind die Lichter verschwunden. War da überhaupt etwas? Vielleicht war es nur eine optische Täuschung. Es können auch die Scheinwerfer seines eigenen Wagens gewesen sein, die sich auf der nassen Straße gespiegelt haben. Oder im fallenden Re-
gen.

»Nein, doch nicht. Ich bin allein«, sagt er. »Ich stehe jetzt vor dem Unfallwagen. Da ist … Herrgott noch mal.«

»Reden Sie weiter«, ertönt es aus dem Handy. »Erzählen Sie mir, was Sie sehen.«

»Da ist ein Mädchen. Auf dem Rücksitz liegt ein kleines Mädchen.«

Dahl greift nach dem Türgriff der hinteren Wagentür. Sie lässt sich nicht öffnen.

»Ich komme nicht zu ihr rein.«

Seine Stimme ist jetzt nicht mehr ruhig.

»Bewegt sie sich?«

»Nein.«

Er zieht noch einmal am Türgriff. Kräftiger. Doch die Tür rührt sich nicht.

»Ich muss das Telefon wegstecken.«

Er lässt das Handy in seine Innentasche fallen. Fährt mit den Händen über die Türkante und findet einen zentimeterbreiten Spalt zwischen Tür und Kotflügel. Mit einiger Mühe kann er die Finger in den Spalt zwängen. Er zieht. Es knarrt im Metall. Die Tür gibt langsam nach. Er lehnt sich nach hinten. Beißt die Zähne zusammen und hängt sich mit seinem ganzen Körpergewicht hinein. 72,2 Kilo, wie die Waage heute Morgen angezeigt hat.

Wenn Nyland jetzt nur hier wäre, denkt er und sieht seinen Chef vor sich. Den Leiter der Ermittlungsgruppe in der Abteilung für Personen gefährdende Kriminalität, der er angehört. Mit einer Körpergröße von einem Meter neunzig und hundertzwanzig Kilo Gewicht hat Nyland sowohl die Kraft als auch die Eleganz eines Traktors. Er würde dieses Auto öffnen, als wäre es eine Dose Bohnen.

Die Tür fliegt auf und schwingt, unsicher in den Scharnieren hängend, hin und her. Dahl fällt nach hinten und trifft mit dem Steißbein auf dem Asphalt auf. Ein stechender Schmerz durchfährt seinen Körper, doch er hat jetzt keine Zeit, sich damit aufzuhalten. Er rappelt sich auf und schaut ins Auto. Das Mädchen liegt neben ihrem Kindersitz auf der Rückbank. Der Kopf ist blutig. Sie ist angeschnallt, aber nur um den Bauch, und wurde wahrscheinlich gegen den Vordersitz geschleudert, als das Auto gegen den Baum prallte. Oder sie wurde von einem Gegenstand getroffen, der lose im Auto lag und sich bei der Kollision in ein gefährliches Geschoss verwandelt hat.

Dahl krabbelt zu ihr hinein. Er dreht sie vorsichtig um. Hält den Atem an. Rechnet mit einem weiteren übel zugerichteten Gesicht. Aber nein. Es ist zwar Blut darübergelaufen, doch Verletzungen sind nicht zu sehen. Er rüttelt die Kleine leicht an der Schulter.

»Hallo«, sagt er. »Bist du wach?«

Keine Reaktion. Er legt drei Finger unter das Schlüsselbein des Mädchens und drückt zu. Wenn sie bei Bewusstsein wäre, würde der Schmerz eine Reaktion hervorrufen, doch sie bewegt sich immer noch nicht. Er hält das Ohr vor ihren Mund und stellt fest, dass sie nicht atmet.

Schnell holt er das Handy wieder hervor, aktiviert die Lautsprecherfunktion und legt es auf den Rücksitz.

»Das Mädchen atmet nicht«, sagt er. »Ich hole sie jetzt aus dem Wagen.«

Es kommt keine Antwort. Der Anruf wurde unterbrochen. Der Bildschirm ist schwarz. Offenbar ist der Akku leer.

Egal, denkt er. Sie sind ja unterwegs. Gleich kommt Hilfe.

Vorsichtig führt er die eine Hand unter den Rücken des Mädchens und stützt mit der anderen ihren Kopf ab. Er hebt sie aus dem Auto und legt sie am Straßenrand flach auf den Rücken. Beugt ihren Kopf ein wenig nach hinten und bläst ihr fünf Mal in den Mund. Leichte, lange Atemstöße. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich im Takt mit der ein- und ausströmenden Luft. Er hebt den Kopf und betrachtet sie. Immer noch kein Lebenszeichen.

Dann schiebt er ihren Pullover hoch. Legt ihr eine Hand flach auf die Brust. Nur eine Hand. Kniet sich hin. Zögert. Obwohl er jedes Jahr einen Erste-Hilfe-Auffrischungskurs macht und genau weiß, was zu tun ist, kommen ihm Zweifel. Einen Augenblick ist er überzeugt davon, dass seine Hand den kleinen Brustkorb des Mädchens zerdrücken wird. Dass er sich viel zu schwer auf sie lehnen wird.

Er blinzelt das Regenwasser weg. Und in dem kurzen Moment, als seine Augen sich schließen, sieht er auf einmal das Sommerhaus vor sich. Das schwarz gestrichene Sommerhaus mit den weißen Sprossenfenstern. Genau, wie es an jenem Abend vor sieben Monaten aussah. Er hört Thomas Nylands Anweisung, auf Hilfe zu warten. Und er sieht das Ergebnis dieser Anweisung eine halbe Stunde später auf zwei Tragen aus dem Haus kommen.

Nicht zögern, denkt er. Niemals zögern.

Dann drückt seine Hand auf den Brustkorb des Mädchens.

3

Hagel tanzt auf den Hausdächern. Er kam plötzlich und klingt wie ein einziger langer Trommelwirbel. Die Ankündigung einer sensationellen Zirkusnummer. Des großen Finales.

Thomas Nyland wünschte in diesem Moment tatsächlich, er befände sich auf einem Hochseil oder würde viele Meter über dem Erdboden von Trapez zu Trapez schwingen. Das wäre längst nicht so nervenaufreibend, wie über die Straße zu gehen und bei Natalja anzuklingeln.

Ich bitte um absolute Stille, geht es Thomas durch den Kopf, und wahrscheinlich hat er genau die von Natalja zu erwarten. Er weiß nicht, was er tun soll, wenn sie oben in ihrer Wohnung den Hörer der Gegensprechanlage abhebt, aber nicht mit ihm reden will. Die Gefahr, dass es so kommen wird, ist groß: Als er Natalja das letzte Mal tröstend die Hand auf die Schulter legen wollte, hat sie reagiert, als hätte er sie mit einem heißen Bügeleisen verbrannt.

»Also, was ist jetzt?«, fragt ihn der Taxifahrer. »Wollen Sie aussteigen, oder fahren wir weiter?«

Thomas bezahlt bar und steigt aus dem Wagen. Überquert die Straße und stellt sich vor der Tür des Mehrfamilienhauses, in dem auch Natalja lebt, unter. Sieht das Taxi davonfahren. Atmet einmal tief durch und platziert seinen Finger auf der Klingel neben Nataljas Namensschild.

Ein Summen ertönt.

Er wartet. Schaut sich um, ob irgendwer in der Nähe ist. Er weiß nicht, warum er das tut. Eigentlich kann es ihm egal sein, ob ihn jemand vor Nataljas Tür stehen sieht. Hier kennt ihn niemand, und außerdem weiß ja keiner, dass er ausgerechnet zu Natalja will. Und selbst wenn es jemand wüsste, ist ja wohl nichts weiter dabei, dass er sich nach ihrem Befinden erkundigen möchte, oder?

Oder?

In den letzten sieben Monaten war Thomas nicht ganz er selbst. Anfangs dachte er noch, das läge an Adam Zahle, seinem Kollegen, der im Uniklinikum vor seinen Augen ermordet wurde. Aber mittlerweile weiß er, dass nicht Zahles Tod ihm das Gefühl gibt, die ganze Zeit neben sich zu stehen. Nicht die Abwesenheit seines Kollegen lässt ihn sein Leben wie einen Film wahrnehmen, der sich vor seinen Augen abspielt. Zumindest nicht nur.

Es liegt auch an Natalja, die mich berührt und aus der Bahn gebracht hat.

Natalja Rudova. Die Spezialistin für slawischen Volksglauben, mit der Thomas vor sieben Monaten Kontakt aufgenommen hat, als ihm klar wurde, dass der Mord an seinem Kollegen etwas mit Drachenmythen und alten russischen Heldengedichten zu tun hatte. Sie hatten nur wenige Tage zusammengearbeitet, bevor die aufkeimende Beziehung oder Freundschaft oder was auch immer sich da gerade zwischen ihnen entwickelte, ein brutales Ende fand. Seitdem hat Natalja sich in ihrer Wohnung verbarrikadiert. Hat Zuflucht in ihrer Höhle gesucht und sich mit dem umgeben, was ihr mehr bedeutet als alles andere im Leben – Büchern und Einsamkeit.

Thomas kann nur mit einer Mischung aus Atemnot, Herzklopfen und schlechtem Gewissen an sie denken. Vor allem mit schlechtem Gewissen. Was sie am letzten Tag der Ermittlungen durchmachen musste, hätte er ihr nämlich zum größten Teil ersparen können, wenn er anders gehandelt hätte. Davon ist er überzeugt. Dabei hat er es immer als seine große Stärke betrachtet, den Menschen, die ihm nahestehen, eine Art schützende Mauer zu sein. Oder besser gesagt: Das war das Einzige, worin er jemals gut war in seinem Leben. Wenn man ihn fragt, warum er sich damals an der Polizeihochschule beworben hat, antwortet er immer, er habe den Schutzbedürftigen als Mauer dienen wollen. Diese Erklärung ist natürlich viel zu einfach. Es spielten noch Hunderte anderer Faktoren eine Rolle, als er von dem ostjütischen Bauernhof, auf dem er aufgewachsen ist, zur Polizei nach Kopenhagen ging. Aber die Leute scheinen ihn zu verstehen, wenn er es ihnen so erklärt.

Schon während seiner Schulzeit hatte er festgestellt, dass er bei Konflikten gut dazwischengehen konnte. Auf allen anderen Gebieten war er mittelmäßig. Er schrieb nur einigermaßen gute Aufsätze. Rechnete nicht besonders schnell. Wurde weder als Erster noch als Letzter in eine Mannschaft gewählt, wenn in den Pausen Fußball gespielt wurde. Bei Mädchen hatte er überhaupt keinen Erfolg, aber da ging es seinen Freunden nicht anders, deshalb machte ihm das nicht so viel aus. Er war ein großer, aber stiller Junge. Trotz seiner breiten Schultern in sich gekehrt.

Thomas hasste es, sich zu prügeln, wurde aber oft dazu aufgefordert, weil die anderen Jungs ihn als würdigen Gegner betrachteten. Ihn zu besiegen galt als echter Triumph. Doch hatte man ihn erst einmal in eine Prügelei verwickelt, unterlag er nie. Er war kräftig und ging keine Risiken ein. Konnte unzählige Schläge in den Bauch, gegen den Kopf und seine Fäuste wegstecken, ohne sich davon erschüttern zu lassen. Er wartete, bis sein Gegner vor lauter Übermut einen Fehler machte. Aus dem Gleichgewicht geriet. Ihm zu nahe kam. Und dann schlug er zu. Nur ein Mal. Immer nur ein Mal. Mehr war nie notwendig.

Thomas’ Kraft war in der ganzen Gegend berüchtigt, und damit ging ein gewisser Respekt einher, ein Ruf, der ihm auch als Jugendlicher noch lange anhing. Wenn eine Gruppe Jungs aus seiner Klasse mit einer Gruppe von einer anderen Schule aneinandergeriet, ging Thomas dazwischen. Er ging dazwischen, wenn der Sportverein einen Discoabend veranstaltete und die Jungs des Ortes sich mit denen aus dem Nachbarort prügeln wollten. Und er ging dazwischen, wenn ein Mädchen aus dem Freundeskreis beim Ausgehen von ihrem Exfreund oder irgendeinem betrunkenen Idioten belästigt wurde. Viele Jahre lang war das der einzige Kontakt, den er zum anderen Geschlecht hatte. Er war ein Bodyguard.

Genauso fühlt er sich auch jetzt, da er auf den Stufen vor Nataljas Haustür steht. Nur dass es ihm nicht gelungen ist, sie zu beschützen, als es wirklich notwendig war.

Es vergeht eine Weile. Er weiß nicht, wie lange er so dasteht, doch es kommt ihm vor wie eine Ewigkeit.

Nichts passiert.

Dann geht er die Stufen wieder hinunter, tritt hinaus in den Regen und hat sich bereits so weit vom Lautsprecher im Hauseingang entfernt, dass er das leise Knacken fast nicht registriert, als oben in der Wohnung der Hörer abgehoben wird.

Er dreht sich um und geht schnell zurück.

»Hallo?«, sagt er. »Natalja?«

Sie erwidert nichts. Aber am Summen in der Leitung hört er, dass eine Verbindung besteht.

Er räuspert sich. Möchte sie ansprechen, doch er weiß nicht, was er sagen soll.

»Natalja?«, wiederholt er schließlich. »Bist du da?«

Immer noch keine Antwort.

Er bleibt einen Moment stehen und wartet ab, ob sie vielleicht etwas sagt. Nicht weil er damit rechnet, sondern weil er es nicht verpassen will, falls es doch geschieht. Er weiß nicht, wie lange er dort steht und dem leisen Summen und den kurzen, knackenden Geräuschen aus dem Lautsprecher lauscht, bevor er sagt: »Du hast ja meine Nummer, falls du doch noch mit mir reden möchtest. Später irgendwann. Du kannst dich jederzeit melden.«

Dann dreht er sich um und geht wieder hinaus in den Regen. Geht zur Østerbrogade und winkt ein Taxi heran. Bittet den Fahrer zuerst, ihn zu seiner Wohnung in Nørrebro zu bringen, entscheidet sich aber noch einmal um und will stattdessen zu einem Café in der Nähe gefahren werden.

Normalerweise mag er seine Wohnung, ja, eigentlich liebt er sie geradezu. Doch in letzter Zeit ist ihm diese Liebe irgendwie abhandengekommen. Jetzt fühlt sich die Wohnung zu groß und gleichzeitig zu klein an. Zu groß, als dass er sie ganz allein füllen könnte, egal, wie viele Kilo er mittlerweile mit sich herumschleppt, und zu klein für die Träume von dem Leben, das er gern führen würde.

Thomas ist siebenunddreißig Jahre alt und wohnt immer noch allein in der Zweizimmerwohnung, die er sich kurz nach Beginn seiner Ausbildung an der Polizeihochschule gekauft hat. Er besitzt nach wie vor das zusammengewürfelte alte Mobiliar, das er damals von zu Hause mitgenommen hat: das alte Sofa, das im Arbeitszimmer seines Vaters herumstand, weil Thomas’ Mutter es nicht übers Herz brachte, es auf den Müll zu befördern, aber auch keinen geeigneten Ort fand, wo es sonst stehen konnte. Die alten Küchenmöbel, die seine Eltern sowieso durch eine neue Einrichtung ersetzen wollten. Den Plattenspieler aus seinem Jugendzimmer. Seinen geliebten Technics 1210 MK II.

Damals hatte er sich gedacht, dass er die Möbel mit der Zeit gegen neue austauschen würde, wenn er erst einmal Geld verdiente. Wenn er eine Freundin fände und mit ihr zusammenzöge. Wenn sie heirateten und Kinder bekämen. Doch das ist nie passiert. Geld hat er zwar verdient, aber der Rest seiner Träume ist nie in Erfüllung gegangen, und jetzt hat er das Gefühl, in einer Zeitkapsel gefangen zu sein. Alles in seiner Wohnung erinnert ihn an das, was er nicht hat. Und nicht ist.

Das Taxi setzt ihn vor einem Café auf der Jægersborggade ab, in dem er noch nie war. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn er ist schon lange nicht mehr ausgegangen. Er setzt sich an die Bar und studiert das Angebot auf einer Tafel, die über einem roten Ledersofa hängt. An den Wänden sind Hände von Schaufensterpuppen festgeschraubt, und in den Händen liegen Äpfel und Orangen.

Bei einer hübschen isländischen Bedienung mit einem dicken weißblonden Pferdeschwanz bestellt Thomas eine Tasse heiße Schokolade und ein Mineralwasser und bereut es sofort, dass er sich an die Bar gesetzt hat, wo er für jedermann zu sehen ist. Darüber hat er, als er Platz nahm, nicht nachgedacht.

Sein Blick wandert über helle Holzbänke und schwarz, gelb und violett gestrichene Stühle, die mit kalkulierter Willkür unter einem Meer unterschiedlicher Deckenlampen angeordnet sind. In einer Ecke des Raumes sieht er einen freien Tisch, und als die Bedienung ihm seine Bestellung bringt, nimmt er die Wasserflasche und die Tasse mit hinüber in die Ecke. Setzt sich dorthin und betrachtet die Grüppchen junger Leute. Obwohl eigentlich viele von ihnen in seinem Alter sind, hat Thomas das Gefühl, einer völlig anderen Generation anzugehören. Einer anderen Welt. Einer ganz anderen Dimension.

Er hört Bruchstücke von Unterhaltungen über Musik, die er nicht kennt, und irgendwo im Raum streitet sich ein Pärchen. Leise, aber aufgebracht. Thomas fällt ein, dass heute Freitag ist. Freitagabend. Wahrscheinlich sind deshalb so viele Leute in der Stadt.

Er trinkt sein Mineralwasser und seine heiße Schokolade.

Vielleicht sollte ich Dahl anrufen und nachhören, wie es in Ørby gelaufen ist, denkt er plötzlich. Er müsste mittlerweile fertig sein.

Er holt sein Handy hervor und ruft seinen Kollegen an. Sofort schaltet sich die Mobilbox ein. Entweder telefoniert Dahl gerade mit jemandem, oder er hat das Handy ausgeschaltet. Thomas schaut auf die Uhr. Es ist bereits nach halb elf.

Vielleicht dauert es doch etwas länger in Ørby.

Er steht auf. Stößt versehentlich gegen den Tisch, sodass die leere Wasserflasche klirrend umfällt und sowohl die Musik als auch das Stimmengewirr im Café zu übertönen scheint. Einen Moment kommt es Thomas so vor, als würden ihn alle anstarren. Den Blick zu Boden gerichtet, zwängt er sich durch die Menschenmenge und geht schnell hinaus auf die Straße.

Eine Gruppe junger Leute steht ein paar Meter entfernt an der Straßenecke. Ein Mädchen, das ohne Jacke am Rand der Gruppe steht, schlingt sich die Arme um den Oberkörper. Ihr Atem hängt weiß in der Abendluft. Ihre Beine sind vor Kälte blau angelaufen. Auf der anderen Straßenseite ist gerade ein Pärchen mittleren Alters auf dem Weg in ein Treppenhaus. Die Frau ist mit ihren Schlüsseln an der Haustür zugange.

Thomas zieht den Reißverschluss seines etwas zu kleinen Anoraks bis zum Kinn zu und macht sich auf den Heimweg. Geht an dem Grüppchen an der Straßenecke vorbei und biegt in den Jagtvej ab. Steckt die Hände in die Jackentaschen. Ein Auto nähert sich von hinten, und als es vorbeifährt, hört Thomas, wie sich der Bass einer Technonummer mit dem trockenen Röcheln eines löchrigen Auspuffs und dem Jubelschrei eines jungen Mannes mischt, der sich seitlich aus dem Fenster lehnt und die Arme in den Himmel reckt. Als das Auto ein Stück vor ihm an einer jungen Frau vorbeifährt, drückt der Fahrer des Wagens auf die Hupe. Die Frau zuckt zusammen. Der junge Mann wirft ihr ein paar Kusshände zu und ruft irgendetwas, wovon Thomas nur das letzte Wort versteht: »Hure.«

Die Frau zeigt dem jungen Mann den Mittelfinger, wendet das Gesicht ab und hält sich die offene Winterjacke mit einer Hand vor der Brust zu. Thomas lässt das Auto nicht aus den Augen, um zu sehen, ob es anhält, aber es fährt langsam weiter und biegt in einiger Entfernung um eine Ecke.

Thomas folgt der jungen Frau ein Stück auf Abstand, um sicherzugehen, dass das Auto nicht noch einmal zurückkommt. Dann biegt er in die Nørrebrogade ein und geht nach Hause.

Es knirscht in seinen Knien, als er die Stufen zu seiner Wohnung hinaufsteigt. Es ist das ständige Knirschen und Klagen eines Bewegungsapparats, der einer konstanten Überbelastung ausgesetzt ist. Thomas nimmt das Klagelied seiner Knie schon gar nicht mehr wahr. Sie haben sich bereits so oft beschwert, dass er ihren Protest nicht mehr ernst nehmen kann. Letzten Endes tragen sie seine hundertzwanzig Kilo nach wie vor zu seiner Wohnungstür hinauf. Und sie halten ihn immer noch aufrecht.

In seiner Wohnung blickt er aus dem Fenster. Hört den Wind, der an den Fensterrahmen rüttelt. Unten auf der Straße gehen die Leute dicht an den Hauswänden entlang, auf der Suche nach Schutz vor dem Wind.

Irgendwo im Haus stöhnt und schreit ein Paar, und in der Nachbarwohnung hört jemand Opernmusik. Vielleicht, um das geräuschvolle Paar damit zu übertönen.

Genau das mag Thomas an seiner Wohnung mitten in Nørrebro am liebsten. Er hat immer Menschen in seiner Nähe. Egal, wie früh oder spät es gerade ist, er sieht und hört stets das Leben, das um ihn herum stattfindet.

Im Laufe der letzten Monate jedoch ist ihm mehr und mehr aufgefallen, was für Geräusche aus seiner eigenen Wohnung kommen. Wenn er hören kann, was seine Nachbarn tun, dann können sie ihn auch hören. Oder besser gesagt: Meistens hören sie eben nichts von ihm, und genau das ist das Problem. Er lebt hier still vor sich hin. Hat niemanden, mit dem er reden kann, wenn er nicht auf der Arbeit ist. Nur wenn er Musik hört, dringen Lebenszeichen aus seiner Wohnung. Deshalb legt er von Zeit zu Zeit eine Platte auf. Die Mills Brothers natürlich, denn er hat eine Schwäche für die Vokalensembles der Vierzigerjahre, und die Mills Brothers hört er am allerliebsten. Er dreht die Musik lauter als nötig, um den Nachbarn mit dem vierstimmigen Gesang aus den Lautsprechern zu signalisieren, dass hier jemand lebt. Und zwar nicht irgendjemand, sondern ein Mensch, der sich für Musik interessiert.

Dann strömt beispielsweise Autumn Leaves in den Raum. Thomas liebt dieses Stück. Und es scheint perfekt zu seiner derzeitigen Stimmung zu passen. Zu der leisen Sehnsucht, die ihn ergreift, wenn er an Natalja denkt.

Er seufzt. Zuerst wehmütig. Dann irritiert.

Ich heule nicht nur einer Frau hinterher, mit der ich nie auch nur ansatzweise zusammen war – und ob ich überhaupt mit ihr zusammen sein will, ist eine ganz andere Frage –, ich heule ihr noch dazu wie ein Neunzigjähriger hinterher. Mills Brothers? Im Ernst? Kann ich nicht wenigstens zu Lady Gaga Trübsal blasen?

An diesem Abend lässt er seine Plattensammlung stehen. Er geht ins Badezimmer und zieht sein Hemd hoch. Betrachtet die Narbe, die er sich in der Nacht, als Zahle getötet wurde, zugezogen hat. Im Moment hat sie die Farbe von gebratener Leber, aber unter Anstrengung leuchtet sie tiefrot. Wenn er schnell läuft oder etwas Schweres hebt.

Er wendet sich vom Spiegel ab, damit er sie nicht mehr sehen muss. Und damit er nicht von seiner eigenen Nacktheit überwältigt wird, wenn er sich auszieht.

Das Badezimmer ist so klein, dass er mit den Knien und Ellbogen gegen Wände und Tür stößt, als er sich von seinem Hemd, der Hose, der Unterwäsche und den Socken befreit. Er wirft alles in den Flur und zieht den Vorhang zu, den er vor der Badezimmertür angebracht hat, um sie vor dem Spritzwasser zu schützen. Beim Duschen wird nämlich nicht nur sein Körper nass, sondern auch jeder einzelne Quadratzentimeter seines Badezimmers.

Als er nach dem Duschen die Tür öffnet, damit der Wasserdampf abziehen kann, hört er sein Handy im Wohnzimmer klingeln.

Natalja, denkt er und eilt zum Handy, das auf dem Tisch im Wohnzimmer liegt. Erst als er es in der Hand hält, wird ihm bewusst, dass er immer noch nackt ist. Das Licht ist an, und die Vorhänge sind nicht zugezogen. Wenn in den Wohnungen auf der anderen Seite der schmalen Straße noch Leute wach sind, haben sie freie Sicht auf sein Wohnzimmer. Und auf ihn. Er nimmt den Anruf entgegen und geht mit dem Handy in den Flur. Fort von den Fenstern.

»Nyland«, sagt er.

»Nyland, hier ist Meilby.«

Steffen Meilby ist Thomas’ Chef. Kommissariatsleiter in der Abteilung für Personen gefährdende Kriminalität. Zuständig für Tötungsdelikte und Brandstiftung. Der Abteilungsleiterin Karin Lose direkt unterstellt.

Thomas atmet tief ein. Ein Anruf von Meilby um diese Uhrzeit bedeutet normalerweise, dass Thomas in den nächsten Tagen rund um die Uhr arbeiten wird.

»Wer ist tot?«, fragt er.

»Es geht um keinen Mord«, sagt Meilby. Thomas hört am anderen Ende das Pfeifen des Windes. Sein Chef muss sich irgendwo draußen befinden.

»Worum dann?«

»Martin Dahl ist verschwunden. Sie müssen sofort kommen.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Im Licht des Bösen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen