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Im Land des roten Ahorns

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1. TEIL - EIN FUNKEN HOFFNUNG
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  1. 2. TEIL - EIN NEUES LAND
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  1. 3. TEIL - EIN LEBEN IN DER WILDNIS
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  10. 9
  1. 4. TEIL - EIN HOHER PREIS
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  10. 9
  11. 10
  12. 11
  13. 12
  14. 13
  15. 14
  16. 15
  1. Epilog

Über die Autorin

Claire Bouvier wurde 1970 als Tochter einer Deutschen und eines Kanadiers in Quebec geboren. Im Alter von neun Jahren siedelte sie mit ihren Eltern nach Deutschland über. Als sie ihren kanadischen Wurzeln nachging, entstand die Idee zu diesem Roman. Die Autorin lebt und arbeitet in Berlin.

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Abbildung

HAMBURG, JANUAR 1875

Dunkelheit herrschte draußen, vor den Fenstern des Hauses Nr. 7 der Mönckebergstraße, während in der Eingangshalle Gaslaternen für einen Hauch Behaglichkeit sorgten. Das monotone Ticken der Standuhr hallte von den cremefarben gestrichenen Wänden wider, begleitet vom Absatzgeklapper einer jungen Frau, die unruhig auf und ab ging.

Wie lange dauert es noch?, fragte sich Jaqueline Halstenbek besorgt, während sie die eiskalten Hände knetete. Eine Stunde ist Dr. Sauerkamp nun schon oben. Steht es wirklich so schlecht um Vater?

Ein eisiger Luftzug, der unter der Tür hindurchwehte, ließ sie erschaudern. Fröstelnd zog sie das Wolltuch, das sie über ihrem grün gemusterten Kleid trug, enger um die Schultern. Dann blickte sie erwartungsvoll zur ersten Etage hinauf, wo ihr Großvater von einem goldgerahmten Bildnis an der getäfelten Wand gütig zu ihr herablächelte – und ihr Vater vielleicht mit dem Tode rang.

Dr. Ägidius Sauerkamp war ein alter Freund der Familie, ein gemütlicher Mann mit weißem Backenbart und dichtem Haarschopf, der eine Vorliebe für blaue Gehröcke und gemusterte Halstücher hatte. Früher war er ein gern gesehener Gast im Haus der Halstenbeks gewesen, der so manches Fest mit seinen Anekdoten bereichert hatte. Doch durch den Tod von Jaquelines Mutter hatte sich alles verändert.

Nun war Sauerkamp wegen Jaquelines Vater hier. Obwohl der Mediziner sein Handwerk verstand, konnte er nur noch die Schmerzen seines Patienten lindern und dessen Leben vielleicht um wenige Tage oder Wochen verlängern. Aussicht auf Heilung gab es für Anton Halstenbek nicht.

Jaquelines Magen krampfte sich zusammen, als sie an seinen Zusammenbruch beim Abendessen zurückdachte. Ihr Diener, Christoph Hansen, hatte den Kranken ins Schlafzimmer getragen und war dann sofort zu Sauerkamp gelaufen. Sie hatte neben dem Bett ihres Vaters gewacht und gebetet, dass dieser Abend nicht sein letzter sein möge.

Wird Dr. Sauerkamps Behandlung noch etwas bringen?, fragte sie sich nun.

Da der Doktor noch immer auf sich warten ließ, trat Jaqueline an eines der Fenster. Die Straßenlaterne vor ihrem Haus war ausgefallen. Schneekristalle wirbelten gegen die Scheiben, in denen sich Jaquelines Gestalt verschwommen spiegelte.

Was hab ich mich in den vergangenen Wochen verändert!, stellte sie fest und seufzte. Ich sehe nicht wie zweiundzwanzig aus, sondern glatt doppelt so alt. Einige rote Strähnen hatten sich aus ihrem schlecht sitzenden Chignon gelöst und umrahmten ihr bleiches Gesicht. Die Wangen waren eingefallen, und die grünen Augen wirkten glanzlos. Und ihre Taille hatte an Umfang verloren, wie die Falten ihres Kleides verrieten. Wenn das so weitergeht, werde ich in ein paar Wochen nur noch Haut und Knochen sein.

Das Knarren der Treppe holte Jaqueline aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und erblickte den Arzt, der hinter ihr wartete und nervös mit seiner Taschenuhr spielte.

»Wie steht es um meinen Vater, Herr Doktor?« Jaqueline wusste nicht, wohin mit den Händen, und strich fahrig über ihr Kleid. Der Taft kam ihr mit einem Mal rau wie Sackleinen vor.

»Fräulein Halstenbek, Sie sollten besser zu ihm gehen.« Die Miene des Arztes war ernst, und seine Stimme zitterte.

Jaqueline schnappte nach Luft und eilte die Treppe hinauf. Ihr Herzschlag trommelte ein wildes Stakkato, während sich ihre Kehle zuschnürte. Ein panisches Schluchzen wütete in ihrer Brust und trieb ihr Tränen in die Augen.

Du musst stark sein!, ermahnte sie sich. Mute deinem Vater in seinen letzten Minuten nicht zu, dass du heulst wie ein kleines Kind!

Dumpf hallten ihre Schritte über den rot gemusterten Teppich, der an einigen Stellen bereits zerschlissen war. Als sie in das elterliche Schlafzimmer stürmte, stieg ihr ein saurer Schweißgeruch entgegen, gemischt mit den Ausdünstungen der Medikamente, die ihrem Vater in den letzten Monaten das Leben erleichtert hatten. Mit den Tränen kämpfend, trat Jaqueline zögerlich an das wuchtige Ehebett aus Eichenholz, in dem die ausgemergelte Gestalt ihres Vaters beinahe versank. Der Anblick schmerzte sie.

Das Krebsgeschwür in seiner Lunge hatte den lebensfrohen Mann um Jahrzehnte altern lassen. Sein einstmals rundes, stets rosiges Gesicht war eingefallen und aschfahl. Nur um Nase und Kinn herum war die Haut schneeweiß. Auf seiner Stirn glitzerte Schweiß.

Die Todeszeichen!, dachte Jaqueline erschrocken. Genau wie damals bei Mutter.

Als Anton Halstenbek spürte, dass seine Tochter neben ihm stand, öffnete er noch einmal die Augen und streckte zitternd die Hand nach ihr aus. »Mein Flämmchen.« Seine Stimme war bei dem Rasseln, das aus seiner Lunge drang, kaum zu verstehen.

Jaqueline kniete sich neben das Bett. Ihren Kosenamen zu hören brachte sie aus der Fassung. Heiße Tränen kullerten über ihre Wangen. »Ich bin hier, Papa.«

Seine Haut, trocken wie Pergament, war so kalt, als sei der Lebensfunke bereits aus ihm gewichen. Lediglich in seiner Brust und den fiebrig dreinblickenden Augen schien noch Leben zu sein.

»Es tut mir leid«, raunte er. Auch zum Sprechen hatte er kaum noch Kraft. »Ich hätte mir gewünscht, noch zu erleben, dass du einen guten Mann findest und Mutter wirst.«

Jaqueline schluchzte lauthals. »Papa, ich -«

»Sag nichts! Ich werd vom Himmel aus über dich wachen … Finde deinen Weg im Leben, mein Kind! … Du bist schön, klug und hast mein Forscherherz geerbt. Nutze es!«

Weiter kam er nicht, denn ein Hustenanfall erschütterte seinen Körper. Seine Augen weiteten sich angstvoll, während er verzweifelt um Atem rang. Seine Hand umklammerte die seiner Tochter, erschlaffte jedoch plötzlich. Und sein Blick wurde starr.

»Vater?«, fragte Jaqueline ängstlich, während ihr Herz vor grausamer Gewissheit stolperte.

»Doktor!«

Sauerkamp, der im Flur gewartet hatte, eilte sofort herbei. Er griff nach Halstenbeks Handgelenk und schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid.«

Nur verschwommen nahm Jaqueline wahr, dass Sauerkamp die Augen ihres Vaters schloss. Als der Arzt das Zimmer verlassen hatte, gab sie ihrem Schmerz nach und brach hemmungslos weinend über dem Toten zusammen.

Zwei Stunden nachdem Anton Halstenbek seinen letzten Atemzug getan hatte, verließ der Bestatter das Haus und lenkte die Kutsche mit dem einfachen Fichtensarg ihres Vaters zur Leichenhalle. Zuvor hatte sich Dr. Sauerkamp bereits verabschiedet, nachdem er Jaqueline noch ein Mittel zur Beruhigung dagelassen hatte.

»Passen Sie gut auf sich auf, Fräulein Halstenbek!«, hatte er gesagt, während er ihre Hand drückte. »Und scheuen Sie sich nicht, mich um Hilfe zu bitten. Auch wenn Ihr Vater tot ist, werde ich Ihnen immer verbunden bleiben.«

Jaqueline bedankte sich höflich. Sie wusste freilich, dass ihr der Arzt bei den Problemen, die auf sie warteten, nicht helfen konnte. Sie musste den Nachlass ihres Vaters ordnen, das Begräbnis organisieren und sich um die Schulden kümmern, die er ihr hinterlassen hatte. Letzteres war das größte Übel, denn sie besaß so gut wie keinen Pfennig mehr und war sich darüber im Klaren, dass alles, was ihr Vater besessen hatte, verpfändet werden musste.

Die Stille im Haus war unheimlich. Jeder Schritt hallte laut von den Wänden wider, und das Ticken der Standuhr begleitete Jaqueline ebenso beständig wie das Pochen ihres eigenen Herzens.

Was soll nun werden?, fragte sie sich, während sie sich am Treppengeländer festhielt, als fürchte sie, den Halt zu verlieren. Wie lange werde ich noch hierbleiben können?

Schließlich zog es sie in das Arbeitszimmer ihres Vaters. Für die zahlreichen Erinnerungsstücke, die Anton Halstenbek von seinen Reisen mitgebracht hatte und mit denen der Raum vollgestopft war, hatte sie allerdings keinen Blick.

Niedergeschlagen sank sie in einen Lehnstuhl und schaute aus rot geweinten Augen zum Fenster hinaus.

Ein klarer Wintermorgen dämmerte über Hamburg. Das dunkle Blau des Himmels war gesäumt von einem orangefarbenen Leuchten, das den Sonnenaufgang ankündigte. Mond und Sterne verblassten. Die Dächer der Nachbarhäuser wirkten noch grau, doch schon bald könnte man den Schnee bewundern, der seit Tagen darauf glitzerte.

Vater hat den Schnee geliebt, dachte Jaqueline, und wieder stieg ein Schluchzen in ihrer Brust auf. Doch obwohl sie das Gefühl hatte, dass die Trauer sie zerriss, versiegten die Tränen allmählich.

Ratlosigkeit erfasste sie.

Nicht nur dass ich jetzt ganz allein auf der Welt bin, sicher werden die Gläubiger schon bald in Scharen bei mir einfallen, überlegte sie.

Die Schulden, die ihr Vater in den letzten Jahren gemacht hatte, waren immens. Immer wieder hatten seine Kreditgeber beteuert, dass sie ihre Forderungen angesichts seiner Krankheit zurückstellen würden. Aber das würde sich ändern. Sobald sie erfuhren, dass Anton Halstenbek tot war, würden sie kommen. Die Tatsache, dass er einer der angesehensten Kartografen im Deutschen Reich gewesen war, würde sie nicht davon abhalten, alles zu pfänden, was irgendeinen Wert besaß. Vielleicht würden sie ihr sogar das Elternhaus wegnehmen.

Seufzend wandte Jaqueline sich dem Schreibtisch zu. Ihr Blick fiel auf den Abreißkalender, der immer noch den 7. Dezember 1874 zeigte, obwohl mittlerweile der 14. Januar 1875 war. So lange hatte ihr Vater also nicht mehr an seinem Schreibtisch gesessen.

Nachdem sie kurz entschlossen den alten Kalender in den Papierkorb geworfen hatte, betrachtete sie die Landkarte, die unter der Glasplatte lag.

Es handelte sich um eine Kopie der ersten Karte, die ihr Vater als junger Entdecker gezeichnet hatte. Die Ostküste Nordamerikas war vielleicht nicht so exakt dargestellt wie auf späteren Arbeiten, aber dennoch konnte man deutlich erkennen, was Anton Halstenbek im Sinn gehabt hatte.

Liebevoll strich Jaqueline über die Platte und gestattete sich die Erinnerung an ihren Vater und das Schicksal ihrer Familie.

Bevor Anton Halstenbek begann, das Kartenzeichnen beruflich zu betreiben, war er lange Jahre in der Welt herumgereist. Zunächst in Amerika, dann in Afrika, Indien und China. Die Geschichten seiner Abenteuer, die er nach seiner Rückkehr zum Besten gab, entzündeten Jaquelines kindliche Phantasie so sehr, dass sie nächtelang nicht schlafen konnte. Mit klopfendem Herzen hatte sie sich vorgestellt, wie es wäre, all diese Länder selbst zu bereisen und dort Abenteuer zu erleben.

Ihr Vater hatte stets versprochen, sie mitzunehmen, wenn sie alt genug sei – dazu gekommen war es allerdings nie.

Nach dem Tod seiner Frau stürzte ihr Vater in eine tiefe Seelenfinsternis, die es ihm verwehrte, seiner Arbeit weiter nachzugehen. Zunächst versuchte er, seinen Schmerz mit Alkohol zu betäuben, später entdeckte Jaqueline zu ihrem Entsetzen Opium in seinem Zimmer.

Ein Jahr lag der erste große Zusammenbruch zurück. Damals hatte Dr. Sauerkamp ihn noch auf den Drogenkonsum zurückgeführt. Dann war allerdings offenbar geworden, dass ihr Vater an Lungenkrebs litt. Der Arzt hatte ihm noch fünf Monate zu leben gegeben, schließlich waren sieben daraus geworden – eine Zeitspanne, in der er immer mehr Schulden angehäuft hatte.

Jaqueline schob die Gedanken daran beiseite und zog die Schreibtischschublade auf, in der ein Packen Briefe lag. Versonnen strich sie über die Umschläge, die von einer roten Schleife zusammengehalten wurden.

Sie stammten alle von einem Freund aus Kanada, den ihr Vater auf einer seiner Reisen kennengelernt hatte. In den vergangenen Monaten waren sie der einzige Rettungsanker für Jaqueline gewesen. Nachdem ihr Vater die Diagnose kannte, hatte er ihr aufgetragen, seinem Freund mitzuteilen, wie es um ihn stand. Daraus hatte sich eine rege Korrespondenz entwickelt.

Alan Warwick, ein Geschäftsmann aus Chatham, einer Stadt im Süden Kanadas, hatte eine sehr angenehme Art zu schreiben. Obwohl Jaqueline ihn noch nie persönlich getroffen hatte, hatte sie das Gefühl, dass er ähnlich dachte wie sie. Manchmal ertappte sie sich dabei, wie sie davon träumte, ihn zu treffen. Ob er genauso sanft war wie seine Worte? Und wie sah er überhaupt aus?

Sie schob diese Fragen beiseite, während sie einen neuen Papierbogen hervorzog, um ihm vom Tod ihres Vaters Kenntnis zu geben. Mit zitternden Fingern griff sie nach dem Federhalter, kam aber nicht mehr dazu, ihn aufs Papier zu setzen, denn plötzlich hämmerte jemand gegen die Haustür.

Jaqueline erhob sich und trat ans Fenster. Mehr als einen pelzverbrämten braunen Mantel, einen schwarzen Hut und den goldenen Knauf eines Gehstocks, den der Besucher vermutlich zum Klopfen benutzt hatte, konnte sie jedoch nicht erkennen. Die Geier lassen wirklich nicht lange auf sich warten, dachte Jaqueline ahnungsvoll, während sie den Raum verließ. Auf der Treppe wappnete sie sich innerlich.

Während das Klopfen erneut durch die Eingangshalle tönte, strich sie sich das Haar glatt und richtete ihr Kleid. Einen besonders repräsentativen Eindruck machte sie sicher nicht, aber das würde den Besucher gewiss nicht kümmern.

Als sie die Tür öffnete, grinste ihr das feiste Gesicht von Richard Fahrkrog entgegen.

Jaqueline hatte den Geldverleiher, bei dem Anton Halstenbek in der Schuld stand, bereits ein- oder zweimal getroffen, als ihr Vater ihn zu Hause empfangen hatte. Schon auf den ersten Blick war er ihr unsympathisch gewesen. Auch jetzt spürte sie eine tiefe Abneigung gegen ihn.

»Guten Morgen, Fräulein Halstenbek.« Fahrkrog zog den Hut.

Die Mitleidsmiene, die er aufgesetzt hatte, verriet Jaqueline, dass er bereits gehört hatte, was vorgefallen war.

»Guten Morgen, Herr Fahrkrog«, entgegnete sie kühl. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich habe mich gefragt, ob Ihr Vater mich wohl zu solch früher Stunde empfangen würde. Wie geht es ihm denn?«

Angesichts dieser Falschheit hätte Jaqueline ihm am liebsten die Tür vor der Nase zugeknallt. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich so weit gefasst hatte, dass sie antworten konnte: »Mein Vater ist in der vergangenen Nacht verstorben.«

»Oh, ist er das?« Zögerlich streckte der Geldverleiher Jaqueline eine Hand entgegen. »Mein Beileid.«

Jaqueline blickte angewidert auf seine Rechte, die in einem schwarzen Handschuh steckte. Auf dem Leder waren deutlich Flecke zu erkennen. Erwartet er etwa, dass ich seine Hand nehme, obwohl er nicht mal den Anstand besitzt, den Handschuh auszuziehen?

»Was auch immer Sie wollen, Sie werden später wiederkommen müssen«, erklärte sie ungehalten. »Ich habe noch keine Aufstellung der Verbindlichkeiten machen können. Außerdem werde ich das unserem Anwalt überlassen.«

Als Jaqueline die Tür zuschlagen wollte, schob Fahrkrog schnell den Fuß zwischen Türrahmen und -flügel. Im nächsten Augenblick versetzte er der Tür einen Stoß, der die junge Frau nach hinten taumeln ließ.

»Aber, aber, wer wird denn so unhöflich sein?«, flüsterte er drohend, während er sich ins Haus zwängte.

»Was fällt Ihnen ein?«, fuhr Jaqueline ihn an, nachdem sie sich wieder gefasst hatte. »Ich habe Sie nicht hereingebeten!« Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und ihre Hände zitterten. Was hatte der Kerl vor?

»Das haben Sie tatsächlich nicht, aber ich bin nun mal so frei«, entgegnete Fahrkrog, während er auf sie zukam. Die Tür hinter ihm fiel mit einem Knall ins Schloss.

Jaqueline zuckte zusammen. Verschwinden Sie!, hätte sie ihm am liebsten entgegengeschleudert, aber sie brachte vor lauter Panik kein einziges Wort heraus. Sie war sich dessen bewusst, dass ihr niemand helfen würde, sollte Fahrkrog handgreiflich werden.

»In der Tat bin ich gekommen, um mich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen, was mein Geld betrifft«, sagte er, während er sie weiter zurückdrängte. Schließlich prallte sie gegen das Treppengeländer.

»Ich sagte doch schon, dass unser … mein Anwalt -«, presste sie hervor.

Der Knauf des Gehstocks, den der Geldverleiher ihr unters Kinn setzte, brachte sie augenblicklich zum Schweigen. Jaqueline erschauderte, als er so dicht heranrückte, dass sie seinen fauligen Atem riechen konnte.

»So lange kann ich nicht warten! Wir leben in schweren Zeiten und müssen alle sehen, wie wir mit dem Buckel an die Wand kommen.«

Wieder musterte er sie, diesmal so gierig, wie ein Hungernder ein Brathühnchen beäugte.

»Ich war bereit zu warten, als Ihr Vater krank war, doch Sie sind gesund, wie ich sehe. Sie können mir das Geld zurückzahlen.«

Endlich brachte Jaqueline den Mut auf, den Stock beiseitezuschieben und seitlich auszuweichen. Zorn und Furcht tobten in ihr. Erneut schielte sie zur Tür, aber Christoph ließ sich noch immer nicht blicken.

»Ich kann Ihnen das Geld nicht auf der Stelle geben«, sagte sie schließlich. »Sie werden ebenso wie die anderen Gläubiger warten müssen, bis der Anwalt den Nachlass auflöst.«

Fahrkrog schien nicht zuzuhören. Er leckte sich über die wulstig aufgeworfenen Lippen und drängte sich ihr erneut entgegen.

»Nun, vielleicht könnte ich von der Zahlung eines Teils der Schulden absehen, wenn Sie mir einen kleinen Gefallen täten …«

Jaqueline ahnte, worauf er hinauswollte. Wütend kniff sie die Augen zusammen. Hält der mich für ein Mädchen aus der Herbertstraße?, fragte sie sich erbost. Ich bin keine aus diesem Sündenpfuhl!

»Niemals!«, fuhr sie ihn an. »Ich verzichte auf Ihr … Angebot!«

Ein triumphierendes Lächeln trat auf Fahrkrogs Gesicht. »Oh, ich glaube nicht, dass Sie verzichten können«, raunte er und griff nach ihrem Arm. »Und ich will es auch gar nicht.«

Jaqueline entwand sich augenblicklich seinem Griff. Mit einem Schlag war ihre Kehle wie ausgetrocknet. Während ihr Herz raste, suchte sie fieberhaft nach einer Möglichkeit, dem Kerl zu entrinnen. Der Schürhaken vom Kamin fiel ihr ein.

»Na, was ist?«, fragte Fahrkrog, während er den Stock abstellte und sich aus seinem Gehrock schälte.

Unter den Ärmeln seines Hemdes bemerkte Jaqueline große Schweißflecke. Der aufwallende Ekel schreckte sie aus ihrer Starre. Blitzschnell warf sie sich herum und rannte zur Tür der Wohnstube.

»Na warte, Miststück!«, rief der Geldverleiher und folgte ihr.

Während Panik ihr Herz zum Flattern brachte, durchquerte Jaqueline das Wohnzimmer. Sie hastete zum Kamin, in dem die Asche vom Luftzug aufgewirbelt wurde, doch bevor sie den Schürhaken fassen konnte, packte eine Hand sie im Haar und riss sie brutal zurück.

»So willst du es also? Ich soll meine Beute jagen, ja?«

Jaqueline stöhnte schmerzvoll auf, schaffte es aber, sich umzudrehen und Fahrkrog eine Ohrfeige zu verpassen.

Die beeindruckte ihn allerdings nicht. Er lachte hämisch, umklammerte ihre Handgelenke und bog sie grob nach hinten.

Jaqueline schrie auf, während der Schmerz durch ihre Arme zog.

Fahrkrog hatte zwar seine Mühe mit ihr, zwang sie aber schließlich auf den Boden. »Nun hab dich nicht so!«, grunzte er, während er sie mit seinem Gewicht unten hielt und mit einer Hand ihre Röcke hochschob. »Es hat noch keiner geschadet, gevögelt zu werden.«

Als er grob zwischen ihre Beine griff, schnappte Jaqueline erschrocken nach Luft. Dann begann sie lauthals zu schreien.

Fahrkrog lachte spöttisch auf. »Spar dir das für nachher! Noch hab ich gar nicht angefangen.«

Christoph Hansens Schritte waren an diesem Morgen ebenso schwer wie sein Herz. Die durchwachte Nacht und der Tod seines Dienstherrn steckten ihm in den Knochen. Auch die schneidende Morgenluft erfrischte ihn nicht. Trauer und Sorge verdunkelten seine Seele.

Was wird jetzt bloß aus dem armen Fräulein Jaqueline?, ging ihm durch den Kopf. Hilflos hatte er mit ansehen müssen, wie die einst so strahlende Familie Halstenbek langsam dem Ruin entgegensteuerte. Das junge Fräulein hätte eigentlich eine glänzende Zukunft vor sich haben sollen, doch der Tod des Vaters hatte es endgültig dem Elend preisgegeben. Nicht mehr lange und das arme Ding würde auf der Straße sitzen. Ohne einen Menschen, der Jaqueline helfen würde.

Die Geräusche der erwachenden Stadt lenkten ihn ein wenig ab. Ein Karren wurde über das Pflaster geschoben, der Milchmann setzte seine Lieferungen vor den Hauseingängen ab. Das wütende Bellen eines Hundes folgte ihm. Christoph nickte dem Mann grüßend zu, denn er war ebenfalls für die Halstenbeks zuständig.

Nach einer Weile tauchte die Kanzlei von Martin Petersen vor ihm auf.

Erstaunt stellte Christoph fest, dass in letzter Zeit einige Renovierungsarbeiten erfolgt waren. Die Außenwände strahlten in Elfenbeinweiß, und die Fenster in der oberen Etage waren erneuert worden. Die Haustür hatte ebenfalls einen neuen graublauen Anstrich bekommen, und in Augenhöhe prangte ein blank polierter Türklopfer aus Messing. Die Treppe hatte ein geschwungenes Geländer erhalten, und schadhafte Stellen in den Stufen waren sichtlich ausgebessert worden.

Petersen scheint es gut zu gehen, sinnierte der Diener, während er die Treppe erklomm. Von den Verlusten der Kriegsjahre hat er sich offenbar bestens erholt.

Kurz nachdem er den Türklopfer betätigt hatte, öffnete der Hausdiener ihm. Die schwarzen Flecken auf der Schürze, die er über den Kleidern trug, verrieten Christoph, dass der Angestellte gerade die Schuhe seiner Herrschaft gewienert hatte.

»Guten Morgen, Heinrich«, sagte Christoph freundlich. »Wie geht es Ihnen?«

»Ich kann nicht klagen. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich würde gern mit Herrn Petersen sprechen.«

Der Hausdiener blickte sein Gegenüber verwundert an. »Die Kanzlei öffnet erst in einer Stunde.«

»Ich weiß, aber die Angelegenheit ist dringend. Jaqueline Halstenbek schickt mich. Es geht um ihren Vater.«

Der Diener musterte ihn kurz. »Warten Sie bitte einen Moment, ich werde Herrn Petersen Bescheid geben.«

Während Christoph unruhig von einem Bein aufs andere trat, blickte er zum Hafen hinüber. Bevor er sich an den Schiffsmasten festgucken konnte, kehrte Heinrich zurück.

»Herr Petersen erwartet Sie. Folgen Sie mir bitte!«

Noch bevor sie das Büro des Anwalts erreicht hatten, kam Petersen ihnen auch schon entgegen. Zur schwarzen Hose trug er ein blütenweißes Hemd und eine dezent gemusterte Weste, aus deren Tasche eine Uhrkette baumelte.

»Guten Morgen, Christoph, ich hoffe, Sie bringen keine schlechten Nachrichten«, sagte er, nachdem er dem Diener die Hand gegeben hatte.

»Ich fürchte, doch, Herr Petersen. Herr Halstenbek ist vor wenigen Stunden gestorben.«

Die Augen des Anwalts weiteten sich. »O Gott, das ist ja furchtbar! Ich wusste zwar, wie es um ihn stand, aber da er schon so lange gekämpft hat, habe ich nicht mit seinem baldigen Ableben gerechnet.«

Christoph ließ den Kopf hängen. »Es hat uns alle überrascht.«

»Und wie geht es Fräulein Jaqueline?«

»Den Umständen entsprechend. Sie hat mir aufgetragen, Sie zu benachrichtigen, damit Sie alle nötigen Schritte in die Wege leiten können.«

»Das werde ich auf alle Fälle tun.« Petersen schüttelte fassungslos den Kopf. Eine tiefe Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen. »Kaum zu glauben, dass Halstenbek nicht mehr ist. Die Hamburger Gesellschaft wird ihn vermissen.«

Christoph wusste, dass die Realität anders aussah. Die feine Gesellschaft hatte sich seit Bekanntwerden von Halstenbeks Leiden weitgehend von ihm zurückgezogen. Da er niemandem mehr von Nutzen war, hatte man ihn bereits jetzt nahezu vergessen. Die Todesnachricht würde vermutlich allenfalls ein Schulterzucken bewirken.

Doch all das behielt Christoph für sich. Es brachte nichts, den Anwalt der Familie vor den Kopf zu stoßen.

»Bitte richten Sie Fräulein Halstenbek mein tief empfundenes Beileid aus. Ich werde gegen Abend zu ihr kommen, um die Angelegenheit in Ruhe zu besprechen.«

»Vielen Dank, Herr Petersen.« Christoph neigte den Kopf und verabschiedete sich.

Da einiges an Arbeit auf ihn wartete, kehrte er auf schnellstem Wege in die Mönckebergstraße zurück. Auch hier erwachte das Leben. Dienstmädchen scheuerten die Treppen. In den oberen Etagen wurden die Betten gelüftet. Aus den Fenstern strömte der Duft von Kaffee und Gebäck.

Etwas passte allerdings nicht in dieses idyllische Bild: Zwei Männer, die in der Nähe des Halstenbek-Hauses herumlungerten, stachen Christoph ins Auge. In ihren schäbigen Kleidern wirkten sie auf den ersten Blick wie Landstreicher. Bei näherem Hinsehen erkannte der Diener, dass es sich um die Handlanger von Richard Fahrkrog handelte.

Was hatten die denn hier zu suchen?

Siedend heiß fiel Christoph ein, dass sein verstorbener Herr auch bei Fahrkrog in der Kreide stand. Er war einer der letzten Geldverleiher gewesen, die sich auf ein Geschäft mit dem sterbenskranken Halstenbek eingelassen hatten.

Christophs Magen zog sich zusammen. Irgendetwas ging hier vor. Etwas, was nichts Gutes bedeutete.

Als er einen Schrei vernahm, schnürte es ihm die Kehle zu.

Jaqueline!, schoss ihm durch den Kopf. Ist Fahrkrog vielleicht handgreiflich geworden?

Unter dem höhnischen Grinsen der Männer rannte Christoph zum Hauseingang.

Jaqueline verging beinahe vor Angst und Ekel, während der Geldverleiher an seiner Hose nestelte.

Plötzlich flog die Tür gegen die Wand und Fahrkrog wurde zurückgerissen. Seinen Hosenstall hatte er erst halb geöffnet.

Jaqueline erkannte das Gesicht von Christoph über sich und atmete erleichtert auf.

»Was soll das?«, knurrte Fahrkrog wütend, während er sich losriss. Obwohl der Diener ihm körperlich überlegen war, griff er ihn an.

Christoph wich allerdings so geschickt zur Seite aus, dass der Geldverleiher gegen die Wand prallte, und packte den Eindringling am Kragen. »Sie sind hier nicht erwünscht!« Damit schleifte er Fahrkrog in die Eingangshalle zurück.

Obwohl Jaqueline am ganzen Leib zitterte, rappelte sie sich auf und folgte den beiden auf wackeligen Beinen. Am Türrahmen Halt suchend, beobachtete sie, wie Christoph den Mann auf die Straße stieß, sich bückte und nach dessen Stock griff. Beinahe befürchtete Jaqueline, dass er Fahrkrog damit schlagen würde, doch Christoph hielt sich zurück.

»Gehen Sie!«, rief er mit Nachdruck und warf dem Geldverleiher den Stock vor die Füße.

Fahrkrog funkelte ihn hasserfüllt an, bevor er sich Jaqueline zuwandte. »Ich werde dich ruinieren, Miststück!«, drohte er. »Ich werde dafür sorgen, dass du im Bordell landest, und dann werde ich der Erste sein, der dich besteigt!«

Erst als Christoph drohend auf ihn zuging, verstummte Fahrkrog und machte, dass er fortkam.

Seine beängstigenden Worte jedoch verließen Jaqueline nicht. Entsetzt starrte sie hinter Fahrkrog her, schluchzend die Hand auf den Mund gepresst.

»Alles in Ordnung mit Ihnen, Fräulein Halstenbek?«, fragte Christoph, nachdem er die Tür geschlossen hatte.

Obwohl ihr Herz noch immer raste und sämtliche Gliedmaßen zitterten, nickte Jaqueline. »Danke, ja, Christoph. Ich bin froh, dass Sie so schnell zurück waren und eingegriffen haben. Ich will gar nicht daran denken, was er getan hätte, wenn …«

Das Grauen schnürte Jaqueline die Kehle zu. Noch immer hatte sie Fahrkrogs widerlichen Mundgeruch in der Nase.

Der Diener senkte bescheiden den Blick. »Wäre ich schneller wiedergekommen, hätte er Sie vielleicht gar nicht erst belästigen können.«

»Sie trifft keine Schuld, Christoph«, sagte sie lächelnd. »Dieser Fahrkrog hat keine Ehre im Leib. Ich danke Ihnen, dass Sie mich beschützt haben.«

Sie wischte sich über die glühenden Wangen. Der Abscheu rumorte noch immer in ihr. Doch der würde im Gegensatz zu den Schulden vergehen.

»Ich werde Herrn Petersen bitten, ein hervorragendes Zeugnis für Sie auszustellen, damit Sie bald eine neue Anstellung finden.«

»Sie wollen mich entlassen?«, fragte Christoph entgeistert.

»Ich habe keine andere Wahl«, flüsterte Jaqueline schweren Herzens, denn sie kannte Christoph schon von Kindesbeinen an.

In den vergangenen Monaten war er der Einzige gewesen, der trotz des schmalen Lohns, den sie sich eigentlich gar nicht leisten konnten, geblieben war.

»Schon bald wird es hier nichts mehr geben, um das Sie sich kümmern können«, setzte sie hinzu. »Es ist nicht nur Fahrkrog, dem mein Vater etwas schuldet. Er hatte zwei Dutzend Gläubiger. Einer nach dem anderen wird kommen und sich holen, was er will. Wahrscheinlich werde ich auch das Haus verlieren.«

»Das weiß ich, Fräulein Halstenbek. Dennoch würde ich Sie bitten, mich bis dahin noch in Ihrem Dienst zu behalten. Ich bin sicher, dass Ihr Vater wollen würde, dass sich jemand um Sie kümmert. Ich habe ein wenig gespart und brauche für eine Weile keinen Lohn.«

Erneut schossen Jaqueline die Tränen in die Augen. Diesmal waren es aber Tränen der Rührung. »Sie sind so eine treue Seele, Christoph«, schluchzte sie. »Ich werde Ihnen das nie vergelten können.«

»Das müssen Sie auch nicht, Fräulein Halstenbek. Soll ich Ihnen einen Tee auf den Schreck bringen?«

Jaqueline hatte eigentlich nicht die Ruhe, etwas zu sich zu nehmen, doch um Christoph nicht vor den Kopf zu stoßen, erklärte sie: »Ja, das wäre sehr freundlich von Ihnen.«

Der Diener verbeugte sich leicht und verschwand in der Küche.

Jaqueline ließ sich auf der Chaiselongue nieder. Einen Moment lang starrte sie verloren auf ihre Hände, bis sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

2

Abbildung

Am Nachmittag barst die Hamburger Innenstadt vor Menschen. An fein gekleideten Herrschaften, die sich einen Spaziergang an der Alster gönnten, huschten Dienstmädchen und Knechte vorbei. Ein paar Matrosen auf Landgang pfiffen den Mädchen hinterher, während sich die Rufe der Zeitungsjungen mit dem Knarren der Droschken mischten, die an den Spaziergängern vorbeifuhren. Vom Hafen her erklang das Tuten von Schiffssirenen, und weithin konnte man die Lastkräne ausmachen, mit deren Hilfe die Schiffe beladen wurden.

Jaqueline hätte eigentlich zu Hause bleiben sollen, denn noch immer hatte sie sich nicht ganz von Fahrkrogs Angriff erholt. Aber die Rastlosigkeit, die sie erfasst hatte, trieb sie aus dem Haus. Alles war besser, als ständig an die Vorfälle der letzten Stunden erinnert zu werden. Sie brauchte jemanden zum Reden und wusste, dass Petersen ihr zuhören würde. Außerdem wollte sie unbedingt den Brief an Alan Warwick aufgeben.

Während sie sich ihren Weg bahnte, wurde sie immer wieder angerempelt. Eine Horde Jungen raste johlend an ihr vorbei und zwang sie dazu, zur Seite zu springen, wobei sie selbst jemanden anstieß.

»He, pass doch auf!«, fuhr der Mann im teuren Gehrock sie an und ging kopfschüttelnd weiter.

Jaqueline seufzte. Sie bedauerte zutiefst, dass sie ihre Kutsche hatten verkaufen müssen. Nicht, dass es ihr etwas ausmachte, zu Fuß zu gehen. Aber innerhalb dieser Menschenmenge hatte sie das Gefühl, dass sich ihre Brust zusammenschnürte.

Endlich tauchte die Anwaltskanzlei vor ihr auf. Sie hob den Rock ihres schwarzen Taftkleides ein wenig an, stieg die Treppe hinauf und betätigte den Türklopfer. Dann wandte sie sich um und warf einen Blick auf die nahe Alster.

Ein paar Fischerboote zogen, von Möwen umkreist, vorbei, während in der Ferne das Läuten einer Schiffsglocke ertönte. Wenig später konnte Jaqueline das Schiff sehen. Es war eine viermastige Bark, ein Teeklipper, wie sie täglich im Hamburger Hafen ein- und ausliefen.

Eine unbestimmte Sehnsucht machte sich plötzlich in Jaqueline breit. Ist es Fernweh?, fragte sie sich. Doch bevor sie die Antwort finden konnte, öffnete sich hinter ihr die Tür. Als sie sich umwandte, blickte sie in das Gesicht des jungen Sekretärs, der für Petersen arbeitete.

Eine verlegene Röte trat auf sein Gesicht, während er sich leicht verbeugte.

»Fräulein Halstenbek, es … es tut mir sehr leid um Ihren Vater.«

Jaqueline rang sich ein Lächeln ab. »Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen. Hätte Herr Petersen vielleicht Zeit für mich? Ich weiß, er wollte heute Abend zu mir kommen, aber ich …«

Ich habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten, fügte sie stumm hinzu.

»Ich werde ihm sofort Bescheid geben. Treten Sie bitte ein.«

Während Jaqueline an dem jungen Mann vorbeischritt, blickte sie sich um.

Die Eingangshalle hatte eine Erneuerung erfahren. Nachdem Petersen in den ersten Jahren das Mobiliar seines Vaters übernommen hatte, war nun frischer Wind in das Haus eingekehrt. Die neuen Möbel waren aus hellem Holz gefertigt, dessen Duft noch immer in der Luft hing. Unter den Füßen spürte Jaqueline den weichen Flor eines Perserteppichs, der auf den ersten Blick viel zu kostbar für ein Durchgangszimmer wirkte. Aber niemand schien etwas dagegen zu haben, dass sie mit Schuhen darauf herumtrampelte.

»Wenn Sie bitte einen Moment Platz nehmen würden?«, fragte der Sekretär, nachdem er sie zu einer Reihe Empirestühle gelotst hatte.

Jaqueline nickte und setzte sich. Als der Sekretär hinter einer der Türen verschwand, ließ sie den Blick durch den Warteraum schweifen. An der Wand gegenüber hing ein riesiger Ölschinken, der eine Seeschlacht zeigte. Anhand der abgebildeten Schiffe erkannte Jaqueline, dass es sich um eine Schlacht in der napoleonischen Ära handeln musste.

Ihr Vater hatte ihr nicht nur Reisegeschichten erzählt, sondern ihr auch einiges über Schiffe beigebracht. Ihre Mutter hatte manchmal darüber gespottet und ihm scherzhaft vorgehalten, dass er aus ihrer Tochter noch einen Matrosen machen werde. Doch er hatte stets erwidert, dass dieses Wissen Jaqueline nicht schaden könne.

Nach wenigen Minuten Wartezeit öffnete sich die Tür und zwei Männer verließen das Büro des Anwalts.

Martin Petersen trug unter seinem schwarzen Anzug ein tadellos gestärktes Hemd und eine silbergraue Krawatte. Mit einem Handschlag verabschiedete er seinen Klienten, einen Mann in einem geckenhaften blauen Gehrock über einer schwarzen Reithose, die in blank polierten Reiterstiefeln steckte, und begleitete ihn zum Ausgang.

Bei seiner Rückkehr wandte Petersen sich Jaqueline zu. Ein Anflug eines Lächelns lag auf seinen Lippen, doch seine Miene wurde gleich wieder ernst.

»Fräulein Halstenbek, es tut mir so leid. Als Ihr Diener mir die Nachricht brachte, war ich entsetzt.« Der Anwalt gab ihr einen vollendeten Handkuss, bevor er hinzufügte: »Sie hätten sich nicht herbemühen müssen. Hat Christoph Ihnen nicht ausgerichtet, dass ich Sie aufsuchen wollte?«

»Ich … Ich hatte noch etwas anderes zu erledigen, und da ich schon mal auf dem Weg war, dachte ich mir, ich schaue bei Ihnen vorbei.« Dass sie sich nach Fahrkrogs Angriff zu Hause fürchtete, verschwieg sie ihm.

Petersen blickte sie mitfühlend an. Die Falte zwischen seinen Augenbrauen vertiefte sich. »Gehen wir in mein Büro!«

Gemeinsam betraten sie einen lichtdurchfluteten Raum, dessen Wände von Regalen voller Bücher und Folianten gesäumt waren. Der wuchtige Schreibtisch in der Mitte ähnelte dem von Jaquelines Vater.

Der Anblick versetzte Jaqueline einen Stich, aber sie versagte sich, ihrer Trauer nachzugeben.

»Wie Sie wissen, habe ich sehr gern für Ihren Vater gearbeitet«, sagte Petersen, nachdem er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. »Sein Tod trifft mich sehr.«

Jaqueline rang mit den Tränen. »Vielen Dank. Mein Vater wusste Ihre Dienste zu schätzen«, brachte sie mühsam hervor.

Martin Petersen gestattete sich und seiner Besucherin eine rücksichtsvolle Gesprächspause, bevor er fortfuhr: »Ich habe bereits begonnen, erste Unterlagen zu sichten. Eine Menge Arbeit wartet auf uns, aber gemeinsam werden wir es schaffen.«

»Das hoffe ich.« Jaqueline zog ihr Spitzentaschentuch hervor und tupfte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. »Der erste Gläubiger war bereits bei mir und hat sein Geld zurückgefordert. Ich weiß nicht, wie ich es machen soll …«

Während sie erneut in Tränen ausbrach, vertiefte sich der mitleidige Zug auf Petersens Gesicht. Am liebsten hätte er sie in seine Arme gezogen, doch das verbot ihm der Anstand.

»Bleiben Sie ruhig, Fräulein Halstenbek, dafür bin ich ja da. Ihr Vater hat mir vor Wochen genaue Instruktionen übermittelt. Ich verspreche Ihnen, ich werde die Angelegenheit ganz diskret lösen.«

Diskret?, dachte Jaqueline, während sie sich die Tränen trocknete. Was ist an dieser Angelegenheit noch diskret? Beinahe jeder in Hamburg weiß, wie es um Anton Halstenbek stand. Wahrscheinlich sprechen alle nur noch von seinen Schulden, nicht von seinen Leistungen als Kartograf.

»Mit Ihrem Einverständnis werde ich die Gläubiger Ihres Vaters von seinem Tod in Kenntnis setzen. Wir werden einen Termin für die Besichtigung Ihres Hauses ausmachen und anschließend mit den Herrschaften über die Verteilung sprechen.«

»Und wo soll ich hin?« Erneut stieg Verzweiflung in ihr auf. Sie hatte nicht vor, so zu enden, wie Fahrkrog es ihr gewünscht hatte.

»Erst einmal nirgendwohin. Sie bleiben im Haus, bis wir wissen, wie viel Geld die Besitztümer Ihres Vaters einbringen. Vielleicht bleibt für Sie sogar noch etwas übrig, sodass Sie erst mal zur Miete wohnen können.«

Doch wie lange könnte ich das?, fragte Jaquelines sich bitter. Und was dann? Ich muss mir eine Anstellung suchen. Vielleicht als Gesellschafterin oder Erzieherin. Aber wer stellt in Zeiten wie diesen jemanden ein? Der Krieg liegt zwar schon einige Jahre zurück, aber dennoch geht es nicht allen wieder so gut wie Petersen.

»Und wann, glauben Sie, soll die Besichtigung stattfinden?«, fragte sie, nachdem sie sich geschnäuzt hatte. Der Gedanke, Fahrkrog bei dem Termin wiederzusehen, weckte so viel Widerwillen in ihr, dass sie für einen Moment die Trauer vergaß.

»Ich würde vorschlagen, dass wir den Termin nach der Beerdigung ansetzen. So lange wird man Sie sicher noch in Ruhe lassen. Aber gnadenlos, wie die Geschäftswelt nun einmal ist, werden die Gläubiger danach nicht mehr lange auf sich warten lassen.«

Jaqueline ballte zornig die Fäuste. Soll ich Petersen erzählen, dass Fahrkrog nichts davon hält, mich in Ruhe zu lassen?

Sie entschied sich dagegen. Petersen könnte ihr auch nicht helfen. Wenn Fahrkrog Kenntnis von dem Besichtigungstermin hatte, würde er vielleicht davon absehen, wieder bei ihr aufzutauchen. Und wenn er es doch tut, lasse ich ihn ganz einfach nicht mehr herein. Soll er sich vor meiner Tür die Beine in den Bauch stehen!, dachte sie.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte Petersen, als eine Entgegnung ihrerseits ausblieb.

Jaqueline nickte, obwohl das nicht der Wahrheit entsprach. »Geben Sie mir Bescheid, welchen Termin Sie festgesetzt haben! Mir ist ein Tag so recht wie der andere. Viel kann ich den Herrschaften ohnehin nicht anbieten.«

»Das müssen Sie auch nicht. Ich bin auf alle Fälle für Sie da. Wenn Sie Hilfe benötigen oder Fragen haben, wenden Sie sich vertrauensvoll an mich.«

Als Jaqueline vom Postamt heimkehrte, lag auf der Kommode im Flur ein Brief für sie. Dass er nicht von Warwick stammte, erkannte sie auf den ersten Blick, denn schon die Farbe des Umschlags sprach dagegen. Außerdem war die Handschrift, mit der ihre Adresse verfasst war, wesentlich gröber und fahriger.

Ist es ein Drohschreiben von Fahrkrog? Hetzt er mir jetzt seinen Anwalt auf den Hals?

Unwohlsein überfiel sie. Die Angst vor dem, was der Geldverleiher angezettelt haben könnte, mischte sich mit dem Ekel, den sie immer noch angesichts seines Angriffs empfand. Am liebsten würde sie den Brief ignorieren. Aber sie wusste zu gut, dass es nichts half, den Kopf in den Sand zu stecken.

Stirnrunzelnd nahm sie den Brief von dem silbernen Tablett, auf dem Christoph ihn abgelegt hatte. Er war recht schwer, und außer ihrem Namen und ihrer Adresse stand nichts darauf. Eine Briefmarke war ebenfalls nicht vorhanden, was nahelegte, dass dieses Schreiben abgegeben worden war.

Da sie nicht erst nach einem Brieföffner suchen wollte, schlitzte sie den Umschlag kurzerhand mit dem Daumen auf. Innerlich wappnete sie sich bereits gegen Drohungen, Forderungen oder halbherzige Beileidsbekundungen von entfernten Verwandten, die sich in der Hoffnung, etwas erben zu können, meldeten.

In dem Umschlag steckten zwei lavendelfarbene Papierbögen, wie sie auch ihr Vater immer für die Korrespondenz verwendet hatte. Als sie sie auseinanderfaltete, erkannte sie den Briefkopf ihres Vaters – und seine Handschrift. Ein Zittern rann durch ihre Glieder.

Was hat das zu bedeuten? Erlaubt sich hier jemand einen Scherz mit mir?

Während Jaqueline der Wohnstube zustrebte, aus der ihr wohlige Wärme entgegenschlug, begann sie zu lesen.

Mein liebes Flämmchen,

bitte verzeih mir, dass ich diesen Weg gewählt habe, aber angesichts der Situation, in der ich mich befinde, habe ich keine andere Wahl. Dieser Brief wurde Dir von einem Freund zugestellt, dessen Identität Dir wahrscheinlich nie bekannt werden wird. Aber das ist auch nicht wichtig. Wichtiger ist das, was ich Dir mitteilen will, wenn ich die Augen für immer geschlossen habe.

Wie Du weißt, ist von unserem Wohlstand nicht viel geblieben, doch Du sollst nicht denken, dass ich Dich ganz allein gelassen habe mit der Not, in die ich uns gebracht habe.

Du sollst wissen, dass ich ein Schmuckstück Deiner Mutter beiseitegelegt habe, nachdem ich von meiner schlechten Prognose gehört habe. Ich habe es vor langer Zeit in Indien erworben. Es ist sehr wertvoll. Ich hoffe, es hilft Dir ein wenig aus der Misere. Behalte oder verpfände es, ganz wie Du willst.

Allerdings knüpfe ich zwei Bedingungen daran. Erstens: Erzähle niemandem von dem Schmuckstück! Und zweitens: Solltest Du gezwungen sein, die Brosche zu versetzen, dann verwende den Erlös nicht für meine Beerdigung oder die Tilgung meiner Schulden. Dafür wird Martin Petersen andere Mittel finden.

Du erhältst das Schmuckstück gegen Vorlage des Schreibens, das diesem Brief beiliegt. Wende Dich einfach an unsere Hausbank, sie wird es Dir aushändigen.

Nun bleibt mir nur noch eines zu sagen: Verzweifle nicht, mein Kind, und sei stark! Du bist eine Halstenbek, und ich bin sicher, dass Du meinen Stursinn und den Mut Deiner Mutter geerbt hast. Vielleicht findest Du eines Tages auch einen Mann, der Dich liebt und den Du ebenso lieben kannst, wie ich Deine Mutter geliebt habe. Möge euch beiden eine bessere Zukunft beschieden sein als Elena und mir!

Wenn es eine Möglichkeit gibt, werde ich Dir vom Himmel aus beistehen und Dir helfen, Dein Glück zu finden,

Dein Dich liebender Vater

Jaqueline ließ den Brief sinken und presste die freie Hand auf den Mund. Tränen rannen über ihre Wangen und tropften auf Handschuh und Kleid. Wieder brannte die Trauer in ihrer Brust, und ihr Herz stolperte. Erstickt schluchzend warf sie sich auf die Chaiselongue. Das Sitzmöbel knarrte leise, als sie am ganzen Körper zitterte und hemmungslos weinte. Während die Wärme des Kaminfeuers ihre eisigen Hände auftaute, gab Jaqueline sich ihrer Verzweiflung hin.

Ach, Vater!, dachte sie. Warum hast du nur zugelassen, dass deine Trauer um Mutter dich zerstört? Warum konntest du nicht bei mir bleiben?

Als sie sich wieder etwas beruhigt hatte, legte sie Mantel und Handschuhe ab und las den Brief erneut. Sie betrachtete das Blatt, auf das ihr Vater hingewiesen hatte. Die dort niedergeschriebenen Zeilen forderten die Bank auf, der Überbringerin den Inhalt eines bestimmten Schließfachs zu überreichen.

Ein Schmuckstück von Mutter, dachte Jaqueline. Welches mag es wohl sein?

Seit es finanziell bergab mit ihnen ging, hatte ihr Vater immer wieder Schmuck seiner Frau versetzt. An einige Stücke konnte sich Jaqueline noch gut erinnern. Und sie erinnerte sich auch an den Zorn, den sie empfunden hatte, als sie verkauft wurden. Nicht, weil sie den Schmuck für sich beanspruchte, sondern weil sie das Gefühl gehabt hatte, einen Teil des Andenkens ihrer Mutter zu verlieren, den sie gern bewahrt hätte.

An ein Schmuckstück aus Indien konnte sie sich allerdings nicht erinnern.

Hat er es Mutter geschenkt, bevor ich geboren wurde?

Wann ihr Vater nach Indien gereist war, wusste sie auch nicht. In den Geschichten, die er ihr erzählt hatte, war Indien nur selten vorgekommen.

Ein erster Impuls wollte sie dazu bewegen, sich gleich auf den Weg zur Bank zu machen. Doch dann sah sie, dass es bereits dunkelte, und angesichts der Ereignisse dieses Tages hielt sie es für angebracht, den Besuch zu vertagen.

Vielleicht lauert Fahrkrog nur darauf, mich allein anzutreffen.

»Ah, Fräulein Halstenbek, Sie sind zurück!«

Als sie aufsah, stand Christoph im Türrahmen. Der Brief und ihre Gedanken hatten sie dermaßen eingenommen, dass sie sein Klopfen offenbar nicht bemerkt hatte.

»Haben Sie den Brief gefunden?«

»Ja, danke. Wer hat ihn abgegeben?«

»Ich habe den Überbringer nicht gesehen. Er hat den Umschlag einfach unter der Haustür hindurchgeschoben.«

Die Lippen zusammenpressend, betrachtete Jaqueline die Schrift auf dem Umschlag genauer. Wem mag Vater das Schreiben anvertraut haben?, fragte sie sich. Petersen vielleicht?

Nein, dessen Handschrift habe ich heute noch gesehen; sie hat gar keine Ähnlichkeit mit dieser hier.

»Ich hoffe, es war keine schlechte Nachricht.« Damit unterbrach Christoph ihre Überlegungen.

»Nein, das war es nicht …« Kurz spielte Jaqueline mit dem Gedanken, ihm den Inhalt zu verraten. Doch dann erinnerte sie sich wieder an die Bedingung ihres Vaters. »Es war zur Abwechslung mal etwas Erfreuliches.«

Christoph versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln. »Ich habe Tee zubereitet und von Frau Delius etwas Sandkuchen bekommen. Sie hat mich vorhin gefragt, was bei uns in der Nacht los war. Als ich es ihr erzählt habe, hat sie einen Kuchen aus der Küche geholt und ihn mir mit den besten Empfehlungen für das junge Fräulein überreicht.«

Nun schlich sich auch ein Lächeln auf Jaquelines Gesicht. Meine Nachbarin sieht in mir wohl noch immer das kleine Mädchen, das mit einem Stück Kuchen getröstet werden kann, dachte sie. Aber die Zeiten sind leider vorbei.

»Wenn Sie möchten, bringe ich Ihnen beides.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Christoph.« Jaqueline umklammerte den Brief, als drohe er ihr zu entgleiten. »Und ich würde mich freuen, wenn Sie mir Gesellschaft leisten und mir berichten könnten, was sich während meiner Abwesenheit zugetragen hat.«

Wenig später schwebte das würzige Aroma eines Darjeelings durch das Zimmer. Genießerisch biss Jaqueline in ein Stück Kuchen. Sie stellte fest, dass sich an Frau Delius’ Backkünsten nichts geändert hatte.

Christoph saß ihr ein wenig verlegen gegenüber. Als Anton Halstenbek noch lebte, hatte es nie eine gemeinsame Teestunde mit seiner Herrschaft gegeben. Wie es sich gehörte, hatte er den Tee immer zusammen mit den Mägden und der Köchin eingenommen. Aber er hatte seiner Dienstherrin den Wunsch nicht abschlagen wollen.

»Der Bestatter hat einen Boten geschickt«, berichtete er, nachdem er einen Schluck Tee getrunken hatte. »Ich soll Ihnen ausrichten, dass das Begräbnis am Mittwoch stattfinden kann – und dass er Ihnen Kredit gewährt.«

Ein schmerzliches Lächeln zuckte über Jaquelines Gesicht. Wieder jemand, bei dem wir in der Schuld stehen, ging ihr durch den Kopf.

»Ist gut, Christoph, vielen Dank.«

»Außerdem waren ein paar Kreditgeber hier. Sie lassen ihr Beileid ausrichten und haben gleichzeitig an die Verbindlichkeiten erinnert. Sobald eine Aufstellung des Vermögens vorgenommen wurde, erwarten sie eine Nachricht.«

Bei diesen Worten krampfte sich Jaquelines Brust zusammen. Der Kuchen lag ihr plötzlich wie ein Stein im Magen.

Erzählen Sie mir doch etwas Erfreulicheres!, lag ihr auf der Zunge, aber sie sagte stattdessen: »Ich habe mit Herrn Petersen gesprochen. Vater war so vorausschauend, ihm eine Liste der Gläubiger zu schicken.«

»Fahrkrog steht auch auf dieser Liste, nehme ich an«, erklärte Christoph grimmig.

Jaqueline beobachtete, dass seine Hände zornig zu zittern begannen. »Ja, das tut er. Und der Betrag, den ich ihm schulde, ist beträchtlich, weshalb er wohl als einer der Ersten ausgezahlt wird.«

»Für den Angriff auf Sie müsste er eigentlich alle Ansprüche verlieren.«

»Leider kann ich das eine nicht mit dem anderen verrechnen.« Jaqueline seufzte. »Ich fürchte, der Kerl wird erst Ruhe geben, wenn er sein Geld hat.«

»Was, wenn er wieder versuchen wird, Sie anzugreifen? Vielleicht sollte ich Sie ab sofort begleiten, wenn Sie aus dem Haus gehen.«

»Jetzt hören Sie sich fast schon an wie mein Vater«, gab Jaqueline brüsk zurück. »Heute habe ich es auch allein zu Petersens Kanzlei und zum Postamt geschafft, ohne Fahrkrog zu begegnen.«

»Bitte verzeihen Sie, ich wollte nicht aufdringlich sein!«, lenkte Christoph ein, während er mit der Gabel sein Kuchenstück zerteilte. »Ich mache mir nur Sorgen um Sie und fühle mich in gewisser Weise verantwortlich. Ihr Vater hätte gewollt, dass ich auf Sie aufpasse.«

Jaqueline schämte sich plötzlich für ihre barsche Antwort. »Tut mir leid, ich wollte Sie nicht kränken, Christoph. Ich weiß Ihre Fürsorge sehr wohl zu schätzen.« Sie lächelte ihn verlegen an und betrachtete ihn forschend.

Seine zweiundvierzig Jahre sah man ihm kaum an; allenfalls der Silberschimmer im Haar und die kleinen Falten um seine blauen Augen deuteten darauf hin. Sein Kinn, das von einem Grübchen geteilt wurde, war stets sorgfältig rasiert.

Habe ich ihn jemals richtig wahrgenommen?, fragte sich Jaqueline. Nein, entschied sie. Als Mann nicht und als Diener auch nicht …

Als hätte er ihre Beobachtung bemerkt, blickte er schließlich auf. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke.

Dann räusperte sich Jaqueline verlegen. »Lassen Sie uns den Kuchen genießen, bevor uns der Appetit ganz vergeht. Und kein Wort mehr über Fahrkrog! Der wird uns noch genug Schwierigkeiten machen.«

Damit nahm sie einen Bissen auf die Gabel und erlaubte sich einen Moment lang, in dem süßen Geschmack zu versinken und alles um sich herum zu vergessen.

3

Abbildung

Nachdem Jaqueline die ganze Nacht wach gelegen und nachgedacht hatte, erhob sie sich in den frühen Morgenstunden. Die Glocke des Michels hatte noch nicht geläutet, es musste also noch vor fünf Uhr sein.

Sie verrichtete ihre Morgentoilette und schlüpfte in frische Wäsche und in ihr Trauerkleid.

Aus seit Monaten eingeschliffener Gewohnheit eilte sie danach zum Zimmer ihres Vaters, um nach ihm zu sehen. Kurz vor der Tür fiel ihr aber wieder ein, dass er nicht mehr da war, worauf ihr Tränen in die Augen schossen.

Als sie sich wieder gefasst hatte, ging sie nach unten in die Küche. Dort traf sie auf Christoph, der bereits Feuer im Herd gemacht hatte. Seit sie der Köchin gekündigt hatte, betätigte Christoph sich manchmal auch als Koch. Besonders in der letzten Zeit, als Jaqueline sich verstärkt um ihren Vater kümmern musste, hatte er Gelegenheit gehabt, seine Kochkünste zu üben.

»Oh, guten Morgen, Fräulein Halstenbek«, sagte er und wischte sich die Hände an der grünen Schürze ab, die er sich über die Dienstkleidung gebunden hatte. »Sie sind schon auf?«

Seine Augenringe verrieten Jaqueline, dass auch er nicht viel Schlaf gefunden hatte.

»Die Gewohnheit«, antwortete sie und schniefte, die Tränen nur mühsam zurückhaltend.

Der Diener nickte verständnisvoll. »Sie wollten zum Zimmer Ihres Vaters, nicht wahr?«

Jaqueline fühlte sich ertappt.

»Das ist mir heute Morgen genauso gegangen. Ist doch merkwürdig, wie lange der Mensch braucht, um den Tod zu begreifen.« Kurz blickte er sie an, presste dann die Lippen aufeinander und begab sich wieder an die Arbeit. »Der Kaffee ist gleich fertig. Wenn Sie möchten, schneide ich Ihnen ein Stück von dem Kuchen von gestern ab.«

»Danke, Christoph.« Jaqueline ließ sich auf einem der Küchenstühle nieder.

Eine lähmende Schwäche bemächtigte sich plötzlich ihrer Glieder. Wie soll ich das nur alles schaffen?, fragte sie sich bang. Doch dann fiel ihr wieder ein, dass sie das geheimnisvolle Päckchen von der Bank abholen musste.

Was es wohl ist? Aufregung erfasste sie und verdrängte den Kummer für eine Weile.

Frische Morgenluft schlug Jaqueline entgegen, als sie das Haus verließ. Sie kuschelte sich tiefer in den Mantel und blickte zum Haus gegenüber, wo der Diener Sand auf den Gehsteig streute.

»Guten Morgen!«, rief Jaqueline ihm zu, aber er würdigte sie keines Blickes.

Stur setzte er die Arbeit fort, als hätte er nichts gehört.

Jaqueline fragte sich bitter, ob seine Herrschaft ihm verboten hatte, mit ihr zu reden. Wenn Menschen ins Elend geraten, gelten sie wohl nichts mehr, sinnierte sie empört. Doch diesen Gedanken verfolgte sie nicht weiter. Ich werde ohnehin nicht mehr lange hier sein, tröstete sie sich. Selbst wenn das Schmuckstück wirklich wertvoll ist. Sie umklammerte das Schreiben, das sie in der Manteltasche trug, und schritt entschlossen voran.

Obwohl es in der vergangenen Nacht keinen Neuschnee gegeben hatte, war es an einigen Stellen ziemlich glatt. Nachdem sie beinahe ausgerutscht wäre, suchte sie immer wieder Halt an Gartenzäunen und Laternenpfosten und erreichte schließlich ohne Zwischenfall die Promenade.

Von dort aus war es nur noch ein kleines Stück bis zur Commerzbank, die erst vor fünf Jahren in Hamburg eröffnet hatte.

Das blank polierte Messingschild leuchtete in der Morgensonne. Das Eis zeichnete bizarre Muster auf die Fenster. Obwohl die Treppe frisch mit Sand bestreut war, setzte Jaqueline nur vorsichtig einen Fuß darauf.

»Keine Bange, junges Fräulein, wenn Sie fallen, fang ich Sie auf!«

Der Ruf des Mannes, der hinter ihr ebenfalls in die Bank wollte, ließ sie herumwirbeln.

Obwohl seine Stimme der von Fahrkrog ein wenig ähnelte, lächelte sie ein freundlich aussehender Mittfünfziger in einem pelzverbrämten schwarzen Mantel an.

Jaqueline erwiderte das Lächeln zaghaft und betrat die Schalterhalle.

Um diese Uhrzeit war es hier noch angenehm leer. Das Morgenlicht fiel durch die hohen Fenster und brachte das sorgfältig gebohnerte Parkett zur Geltung. Hinter den verglasten Schaltern hielten sich die Angestellten bereit. Alle trugen dieselben schwarzen Armschoner und grünen Westen. Diejenigen, die keine Kunden bedienten, rollten Münzen in Papierstreifen oder studierten Schriftstücke.

Hinter dem Schalter, den Jaqueline wählte, stand ein jüngerer Mann. Er musterte sie, bevor er sie mit einem gewinnenden Lächeln bedachte. »Was kann ich für Sie tun, gnädige Frau?«

Mit nervös zitternder Hand zog sie die Vollmacht hervor und legte das Papier in die kleine Schublade auf dem Tresen.

Der Bedienstete zog das Schreiben zu sich heran, las es und blickte Jaqueline an.

Sie hatte damit gerechnet, dass er sie nach ihrem Namen fragen würde, doch er wandte sich unvermittelt um und verschwand durch eine kleine Tür.

Unschlüssig sah sich Jaqueline in der Halle um. Am Nebenschalter stand ein Paar. Die Frau hielt sich, wie es sich gehörte, zurück, während der Mann das Gespräch führte.

Mutter ist nie so gewesen, erinnerte Jaqueline sich. Obwohl auch sie gewusst hat, wo der Platz einer Frau war, hat sie viele Dinge selbst geregelt. Was hätte sie auch anderes tun sollen, da ihr Gatte ständig auf Reisen war? Letztlich hat Vater sich nach Mutters Tod nicht mehr zurechtgefunden, dachte Jaqueline.

Das Klappen der Tür unterbrach ihre Grübeleien. Der Bankangestellte war mit einer kleinen Schachtel zurückgekehrt.

»Das ist der Inhalt des angegebenen Schließfachs«, erklärte er, während er ein Formular durch die Lade schob. »Bitte unterschreiben Sie die Empfangsbestätigung!«

Während Jaqueline zu dem Federhalter griff, musterte sie die Schachtel. Sie war mit einem exotisch gemusterten Stoff überzogen. Ein kleiner Schlüssel steckte im Schloss.

Nachdem sie ihre Unterschrift geleistet hatte, reichte ihr der Angestellte das Kästchen.

»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«, fragte er, was Jaqueline verneinte.

Das Kästchen fest an sich pressend, verabschiedete sie sich und trat vom Schalter zurück. Im ersten Impuls wollte sie nach draußen stürmen, doch dann überlegte sie es sich anders und gestattete sich einen Blick in das Innere. Eine goldene Brosche mit blauen und lavendelfarbenen Steinen funkelte in einem Sonnenstrahl, der just in diesem Moment durch ein Fenster in die Halle fiel. Das Schmuckstück hatte die Form einer exotischen Blüte.

Wie verzaubert berührte Jaqueline die Steine. Kein Wunder, dass sie Mutter gefallen hat!, dachte sie. Plötzlich war ihr wieder zum Weinen zumute. Schluchzend presste sie die Hand auf den Mund.

Als sie die neugierigen Blicke einiger Kunden spürte, klappte sie den Deckel der Schatulle zu und rannte mit hängendem Kopf zur Tür hinaus.

Dort stieß sie mit jemandem zusammen.

»Nanu, warum denn so eilig, Fräulein Halstenbek?«

Jaqueline erstarrte. Sie bekam eine Gänsehaut. Ausgerechnet Fahrkrog musste sie hier über den Weg laufen!

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