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Im Land des Regengottes

Autorenvita

Autor

 

© Sibylle Pietrek

 

Gina Mayer, 1965 in Ellwangen geboren, lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf. Bevor sie freie Autorin wurde, arbeitete sie als Werbetexterin. Ihre Romane "Zitronen im Mondschein", „Das Lied meiner Schwester“ und „Das Maikäfermädchen“ sind bei Rütten & Loening, im Aufbau Taschenbuch und als E-Book lieferbar. www.ginamayer.de

Buchinfo

 

Afrika – für Henrietta hat das Wort einen geheimnisvollen Klang. Mutig stürzt sie sich in das Abenteuer, im Jahr 1900 nach Deutsch-Südwest zu gehen, wo ihre Mutter einen protestantischen Missionar heiratet. Doch ihre Hoffnungen verfliegen schnell. Das Leben in Afrika ist so hart wie daheim in Elberfeld. Als ihre Mutter stirbt, flieht Henrietta – zusammen mit dem schwarzen Arbeiter Petrus. Und erlebt mit ihm ihre erste große Liebe.

 

 

Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Auf Löwen und Ottern wirst du gehen und treten auf junge Löwen und Drachen.

(Psalm 91, 9–13)

 

1

 

Ich frage mich oft, was geschehen wäre, wenn ich meiner Mutter den zweiten Brief nicht gegeben hätte. Wenn ich ihn in kleine Stücke zerrissen oder verbrannt hätte. Vielleicht wären wir dann heute noch Kohlstraßer und meine Mutter wohnte immer noch in unserem kleinen Fachwerkhaus mit der grauen Schieferfront und den grünen Fensterläden. In Elberfeld im Wuppertal. Ich wäre wahrscheinlich schon verheiratet wie Trude, ein Kind und das zweite unterwegs.

Vermutlich wäre Mutter noch am Leben.

Wenn ich den Brief damals weggeworfen hätte.

Sie hat sich nur meinetwegen auf die Sache eingelassen. Wegen dieser dummen Lügengeschichte, die ich ihr damals aufgetischt hatte. Sie muss nächtelang wach gelegen und darüber nachgegrübelt haben, ob wir es tun sollten. Oder lieber nicht.

In der einen Waagschale lag die Kohlstraße.

In der anderen lag ich. Meine Zukunft, mein Schicksal. Ich wog ganz offensichtlich schwerer, deshalb sind wir aufgebrochen.

Die Kohlstraße? Ihre Zukunft? Ihr Schicksal? Wer soll denn einen solchen Wirrwarr verstehen, würde Fräulein Hülshoff jetzt bestimmt fragen, wenn sie diese Zeilen lesen könnte. Warum erzählen Sie nicht alles hübsch ordentlich der Reihe nach?

Als ob das so einfach wäre. Mein Leben, hübsch der Reihe nach. Aber gut, ich will es zumindest versuchen.

Meine Geschichte beginnt am 27. Oktober 1899. An dem Morgen, als der zweite Brief kam.

»Schon wieder Post aus Afrika«, sagte Jupp, unser Postbote, der die Briefe am liebsten nicht nur ausgetragen, sondern gleich gelesen hätte, aber das verboten ihm seine Ehre und das preußische Postrecht.

»Na so was«, sagte ich und versuchte, dabei so gleichgültig auszusehen, als wäre ein Brief aus Afrika für mich wirklich ganz alltäglich. Als er weg war, schnupperte ich an dem Umschlag. Man müsste doch irgendetwas riechen! Etwas Süßes, Scharfes, Würziges, Blumiges, Wildes oder Exotisches. Einen Hauch von Afrika. Aber das Kuvert roch nur nach Papier.

Ich schloss die Augen und stellte mir eine weite Steppe vor, über die weich der Wind wogte. Zwei Giraffen ästen im Grasmeer. Dahinter ein Löwe, der zum Sprung ansetzte. Die Luft zitternd vor Hitze.

»Jette!«

Die Stimme meiner Mutter hallte durch die afrikanische Steppe. Die Giraffen schreckten auf und galoppierten davon. Der Löwe verschwand im Nichts.

Ich machte die Augen wieder auf. »Ich komme ja schon.«

Die Nähstube lag im Dämmerlicht wie eine Höhle. Hinter Wäsche- und Kleiderbergen saß meine Mutter am Fenster, über eine Damenbluse gebeugt. Die Nadel in ihrer Hand tauchte in den weißen Stoff ein und ein paar Millimeter dahinter wieder auf, ein, auf, ein, auf, ohne dass meine Mutter den Faden zwischendurch straffte. Erst am Ende würde sie alles festziehen, eine perfekte Linie aus gleich langen Stichen. Wie der weiße Scheitel, der sich durch ihr straff nach hinten gekämmtes Haar zog.

»Da ist wieder ein Brief aus Afrika gekommen.«

Wie ich mir wünschte, dass sie aufgeregt aufgesprungen wäre! Was, aus Afrika, gib sofort her! Aber stattdessen – keine Regung. Sie hob nicht einmal den Kopf. Die Nadel tauchte in den Stoff, auf und ein, auf und ein.

»Leg ihn dorthin.« Ein kurzes Nicken zu einem Stapel zerrissener Hosen, das war alles.

»Willst du ihn nicht lesen?« Bitte, bitte, lies ihn mir vor.

»Später.«

»Aber es ist bestimmt …« Wichtig, wollte ich noch hinzufügen, aber jetzt sah sie mich doch an. Ihre dunklen Augen glitzerten gefährlich wie die der Katze auf dem Kratzkopp, wenn man ihr eine halb tote Maus wegnimmt, mit der sie gerade spielt.

»Wenn du nichts zu tun hast, kannst du mir helfen. Nimm dir eine Stopfarbeit und setz dich zu mir.« Ihre Stimme war ganz leise und ruhig. Aber davon durfte man sich nicht täuschen lassen. Wenn ich jetzt nicht höllisch aufpasste, würde ich die nächsten Stunden damit verbringen, Socken zu flicken, noch einen und noch einen und noch einen, aber egal, wie viele man stopfte, der Sockenkorb neben der Tür wurde niemals leerer.

»Frau Künstner wollte, dass ich noch bei ihr vorbeikomme«, rief ich.

Ihre Augen bohrten sich in meine, es tat richtig weh. Ich senkte den Blick. »Meinetwegen. Aber halt dich nicht zu lange auf. Ich brauche deine Hilfe hier, sonst schaffe ich die Aufträge nicht.«

Ich warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf den Briefumschlag, der weiß und verheißungsvoll zu mir herüberleuchtete. Wenn ich doch nur wüsste …

»Ich dachte, du hast es so eilig?«, fragte meine Mutter scharf.

»Ich bin ja schon unterwegs!«

Und das war ich dann auch.

 

Der erste Brief aus Afrika war ein paar Wochen zuvor angekommen. Meine Mutter hatte ihn ebenfalls wortlos entgegengenommen, ohne eine Miene zu verziehen.

»Wer schreibt dir denn da?«, hatte ich sie damals gefragt.

»Ein Bekannter.«

»Aus Afrika? Wen kennst du denn in Afrika? Und was will er von dir?«

»Nichts von Belang.«

Nichts von Belang. Als ob einer einen Brief durch die halbe Welt schicken würde, wenn er nichts wirklich Wichtiges mitzuteilen hätte.

»Nun erzähl schon! Bitte!«

»Hast du nichts zu tun?«

Das war die Frage, die fast alle unsere Gespräche beendete.

 

Bevor ich ihr den Brief übergeben hatte, hatte ich ihn mir natürlich ganz genau angesehen. Das Papier war recht grob, aber blütenweiß. Der Absender stand in einer kleinen, präzisen Handschrift auf der Rückseite.

 

Immanuel Freudenreich

Missionsstation Bethanien

Groß-Namaland

Deutsches Schutzgebiet Südwestafrika

 

Allein diese Worte:

Freudenreich

Groß-Namaland

Afrika

Das klang so fantastisch, so märchenhaft.

Was dieser Freudenreich nur von meiner Mutter wollte? Bettelbriefe von Missionaren aus aller Welt waren ja nun keine Seltenheit bei uns. Die Missionsschüler kannten Elberfeld und die Kohlstraßer kannten sie besonders gut. Denn in der Kohlstraße lag die Kohlstraßenkapelle, in der die Missionszöglinge Sonntagsschule hielten und die älteren Jugendlichen im Missionsgesangverein oder im Jungfrauenverein sammelten.

Die meisten von ihnen hielten den Kontakt zur Gemeinde aufrecht, wenn sie später als Missionare in aller Herren Länder ihren Dienst taten. Denn auf uns Kohlstraßer war Verlass, wenn es darum ging, nach einem Erdbeben, einer Missernte oder einer Flut Geld für die armen Heidenkinder und ihre Familien zu sammeln. Ob die kleinen Negermädchen 1 Schürzen brauchten oder für die Eskimojungen Mützen und Fäustlinge gestrickt werden mussten, die Kohlstraßer halfen mit Feuereifer.

 

Die Erläuterungen zu den Fußnoten 1 bis 13 befinden sich am Ende des Textes (siehe Erläuterungen).

 

Aber meine Mutter hatte noch nie einen solchen Bittbrief erhalten. Alle wussten schließlich, dass unser Geld kaum für uns selbst ausreichte. »Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel«, sagte Hedwig vom Lieberhäuschen mit einer gewissen Verachtung in der Stimme, wenn wir wieder einmal die Kartoffeln nicht bezahlen konnten und anschreiben lassen mussten.

Geld konnte es also nicht sein, was dieser Missionar von uns wollte. Aber was dann?

Sosehr ich auch darüber nachgrübelte, ich fand einfach keine Erklärung dafür.

 

Wenn ich heute an die Kohlstraße zurückdenke, erscheint mir alles grün. Ich sehe die großen Gärten, in denen Salat, Kohl, Spinat und Möhren in schnurgeraden Reihen wachsen. Beerensträucher, Holunderbüsche, Brombeergestrüpp, Obstbäume am Straßenrand. Wiesen und Felder, die sich daran anschließen, dahinter der Wald. Grün sind die Fensterläden der Fachwerkhäuser und der Kohlstraßenkapelle, die nicht wie eine Kirche, sondern wie eine Bauernkate aussieht. Das Backes2 hinter unserem Haus ist von glänzend grünem Efeu überwuchert.

Nur die Kohlstraße selbst ist ein graues Band, das sich durch das unbändige Grün schlängelt. Zwischen den einzelnen Pflastersteinen drängen jedoch Grashalme und Unkraut ans Tageslicht, als wollten sie Besitz von der Straße ergreifen.

Aber meine Geschichte beginnt ja im Herbst. Die Bäume hatten bereits ihre Blätter verloren, die kahlen Äste und Zweige sahen aus, als habe sie ein kleines Kind mit einem Stück Kohle an den Himmel gekritzelt. Mein Mantel war zu klein, sosehr ich die Ärmel auch nach unten zerrte, so weit ich den Kragen nach oben schlug, der frostige Wind zog doch überall herein.

»Verdammtes Mistwetter«, hörte ich Rudolf schimpfen, als ich auf dem Kratzkopp ankam. Auf dem Kratzkopp, so hieß der Hof der Künstners. Er gehörte zur Kohlstraße, obwohl er an einem Feldweg abseits der Straße lag, eine gute Viertelstunde von uns entfernt. Rudolf war einer der Knechte, der an diesem Nachmittag vor dem Stall saß und rostige Nägel gerade schlug. Rudolf war mir nicht geheuer, weil er immer hässlich fluchte, sobald kein Erwachsener in der Nähe war. Außerdem sah er einen so komisch an, wenn man an ihm vorbeiging.

Ich beschleunigte meine Schritte und hörte ihn hinter mir lachen – »Hehehe!« – wie ein alter Ziegenbock.

»Was willst du denn jetzt hier?« Das war Rosa, die Köchin. Köchinnen stellt man sich immer dick, gemütlich und rotbäckig vor, aber Rosa war groß, dürr und verschrumpelt wie ein alter Apfel. Sie stand in der offenen Küchentür, die Hände in die Hüften gestemmt.

»Ich sollte doch die alten Kleider abholen. Frau Künstner hat uns gesagt, dass wir sie haben können.« Eine mildtätige Gabe von der Großbäuerin für die arme Witwe und ihre Tochter. Meine Mutter würde die Sachen waschen und ausbessern, alles, was noch einigermaßen in Ordnung war, würde sie verkaufen, der elende Rest bliebe dann für uns übrig.

»Wann hat sie dir das denn erzählt? Ich weiß nichts davon.«

»Gestern in der Kirche.« War ich etwa ganz umsonst hierhergekommen? Egal, alles war besser, als meiner Mutter beim Strümpfestopfen zu helfen.

»Die Sachen liegen oben in der Kammer«, krächzte die Bäuerin, die jetzt hinter Rosa auftauchte, beide Hände auf ihren Gehstock gestützt. »Minnie hat sie gleich gestern aussortiert. Pack sie dem Mädchen zusammen, Rosa.«

»Vergelt’s Gott.« Ich knickste, aber Frau Künstner hatte sich schon wieder abgewandt. Ich mochte sie nicht, obwohl sie uns ständig mit mildtätigen Gaben bedachte. In unserem Küchenbüffet stand ein Sammelsurium an angeschlagenen Tassen, die sie uns geschenkt hatte. Und Teller in allen Mustern und Formaten. Was sie nicht mehr brauchte, gab sie an uns weiter.

»Sie schenkt uns ihren wertlosen Plunder und hofft, dass sie sich dadurch einen Platz im Himmel sichert«, hatte ich einmal zu Mutter gesagt, die daraufhin ganz außer sich geraten war. Niemals dürfe ich so etwas auch nur denken, hatte sie mich beschworen, Frau Künstner sei eine herzensgute Seele und eine gute Christin, der wir viel zu verdanken hätten. Wenn nur alle so gut wären wie sie.

Aber mir persönlich war Rosa lieber, die mir jetzt mürrisch den Sack mit den alten Kleidern reichte. Bei ihr wusste man wenigstens genau, woran man war.

»Hinter dem Schuppen liegen Kartoffeln«, meinte sie. »Die müssen in den Verschlag geschaufelt werden und eine Stiege davon brauche ich hier in der Küche.« Sie streckte mir den Korb hin. »Eine Hand wäscht die andere.«

»Zu Befehl«, sagte ich, aber diesmal knickste ich nicht, sondern schlug die Hacken zusammen wie ein Soldat.

Ihre Augen wurden ganz schmal. Sie überlegte offensichtlich, ob ich mich über sie lustig machte, aber ich verzog keine Miene.

Der Berg Kartoffeln hinter dem Schuppen reichte fast bis zum Dach. Es würde eine gute Stunde dauern, bis das alles ins Vorratslager und von dort in den Holzkasten geschafft wäre. Keine Leistung ohne Gegenleistung, so war Rosa.

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich den Sack mit den Kleidern einfach liegen lassen und wäre nach Hause gegangen. Sollte Rudolf sich doch darum kümmern oder Rosa selbst. Aber es ging nicht nach mir.

»In der Not schmeckt jedes Brot«, sagte meine Mutter immer. »Wir können es uns wahrlich nicht leisten, die zu verärgern, die gut zu uns sind.«

Also biss ich die Zähne zusammen und machte mich an die Arbeit. Ich hievte die Kartoffeln mit der Schaufel in die Schubkarre, bis sie fast überquoll, dann wuchtete ich sie in den Stall und begann, wieder zu schaufeln. Nach ein paar Minuten spürte ich die Kälte nicht mehr, sondern war schweißgebadet.

Während ich arbeitete, wartete ich die ganze Zeit darauf, dass Rudolf auftauchte, mich lüstern anstierte und dabei sein Ziegenbocklachen lachte. Ich legte mir vorsorglich ein paar Sätze zurecht, die ich ihm an den Kopf werfen konnte. Das lenkte mich zumindest von den Blasen ab, die sich in meinen Handinnenflächen bildeten. Und als er dann wirklich kam, war ich vorbereitet.

Ich hatte die Schubkarre gerade wieder angehoben, da hörte ich ihn hinter mir durch die Zähne pfeifen. »Das ist doch nun keine Arbeit für ein zierliches Frauenzimmer«, fing er an.

Ich ließ die Karre los und fuhr herum. »Lass mich bloß in Ruhe!«, zischte ich ihn an, worauf er vor Schreck einen Sprung nach hinten machte.

Und ich auch. Es war nämlich gar nicht Rudolf, es war Bertram Strate.

Bertram Strate war ebenfalls ein Kohlstraßer und der Neffe der Bäuerin. Seinem Vater gehörte der Hof an der Sockel, der allerdings nicht halb so groß war wie der von Frau Künstner. Wie die meisten Leute an der Kohlstraße lebten auch die Strates von der Heimweberei und betrieben die Landwirtschaft nur nebenher. Nachdem er im Sommer die Oberschule abgeschlossen hatte, half Bertram oft auf dem Kratzkopp aus. Seit sie verwitwet war, schaffte es die alte Frau nicht mehr allein, aber sie war zu geizig, einen Verwalter oder auch nur einen weiteren Knecht einzustellen. Im Gegensatz zu Rudolf war Bertram nicht aufdringlich und ich hatte ihn auch noch nie fluchen gehört. Ich fand ihn auch kein bisschen widerlich. Er war ziemlich groß, mit kräftigen, breiten Schultern, einem ebenmäßigen Gesicht, hohen Wangenknochen und Segelohren. Wenn die Ohren nicht gewesen wären, hätte er vermutlich wie ein junger griechischer Gott ausgesehen, der aus dem Olymp ausgerechnet in die pietistische 3 Kohlstraße herabgestiegen war. Aber die abstehenden Ohren machten ihn wieder zu einem Menschen.

»Es tut mir leid«, sagte er betreten. »Ich wollte dir nicht zu nahe treten.«

»Nicht doch!« Nun machte ich wieder einen Schritt auf ihn zu. »Ich dachte, du wärst … ist ja auch egal.«

»Soll ich dir helfen?«, erkundigte er sich.

»Das wäre furchtbar freundlich.« Ich schlug die Augen zu Boden. So machten es die sittsamen Mädchen in den Romanen, die ich mir sonnabends immer in der Gemeindebücherei auslieh. Meistens erröteten sie dabei auch noch, aber das schaffte ich nicht, obwohl ich immer noch schwitzte.

Er streckte mir seine Hand entgegen. Ich wollte sie gerade nehmen, als mir bewusst wurde, dass er nach der Schaufel griff.

»Hat dir das die Alte aufgetragen?«, fragte er, nachdem er sämtliche Kartoffeln ins Lager verfrachtet hatte, so mühelos, als wäre es ein Bündel Heu.

»Rosa. Sie überlassen uns die alten Kleider und dafür lässt sie uns mit anpacken.« Ich zuckte mit den Schultern. In der Not schmeckt jedes Brot.

Er nickte, dann holte er seine Pfeife aus der Tasche und zündete sie an. Er sog nachdenklich an dem Mundstück und sah mich dabei an. Für gewöhnlich gefiel es mir überhaupt nicht, wenn man mich so anstarrte. Aber bei Bertram störte es mich nicht. Im Gegenteil.

 

Zum Abendbrot gab es Milchsuppe mit Brocken. Das Klirren unserer Löffel am Tellerrand klang wie leises Glockenläuten. Ich überlegte, wie ich das Gespräch möglichst schnell und gleichzeitig unauffällig auf den Brief bringen konnte. In der Zwischenzeit hatte ihn meine Mutter bestimmt gelesen. Ob sie mir nun verraten würde, was dieser Missionar ihr geschrieben hatte?

»Bist du gut vorangekommen mit … äh … deiner Arbeit?«

Meine Mutter nickte geistesabwesend, dann legte sie ihren Löffel auf den Tisch und schob den Teller von sich, obwohl er noch halb voll war. Sie sah mich sehr ernst an.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass mein Herz zu hecheln begann wie der Hund von Förster Bolender, wenn man ihm ein Stück Wurst hinhält.

»Es gibt Neuigkeiten«, sagte sie

Gute? Oder schlechte? Ihr Gesicht verriet nichts. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Ein Erbonkel, dachte ich. Der Missionar hatte einen unbekannten Vorfahr ausfindig gemacht, den sein Schicksal nach Afrika verschlagen hatte, wo er es zu unermesslichem Reichtum gebracht hatte. Jetzt war er verstorben und wir als seine einzigen Hinterbliebenen sollten sein Vermögen erben.

»Frau Künstner hat gestern nach der Kirche mit mir gesprochen«, erklärte meine Mutter.

Frau Künstner? Ich war verwirrt. Was hatte die alte Bäuerin mit dem Brief zu tun?

»Wegen der Kleider? Die hab ich doch bereits geholt.«

»Wegen einer anderen Sache.« Meine Mutter griff nach der Serviette und wischte sich umständlich den Mund ab. »Sie möchte, dass … sie braucht noch jemanden auf dem Hof.«

Aber sie wollte kein Geld dafür ausgeben. Das war mir bekannt. »Und?«

»Sie hat mir angeboten, dass ich dich schicken kann.«

»Bitte was?« Mich? Auf den Kratzkopp? »Was soll ich denn da?«

»Mit anpacken natürlich. Im Haus und auf dem Feld.«

»Ich verstehe nicht.« Aber ich verstand sehr wohl. Ich sollte als Dienstmädchen auf den Kratzkopp ziehen. Das war es, was mir meine Mutter mitteilen wollte.

»Nein«, sagte ich tonlos.

»Jette«, sagte meine Mutter. »Wir haben kein Geld. Ich tue, was ich kann, und du bist ein fleißiges Mädchen, aber es reicht nicht zum Leben. Auf dem Kratzkopp bekommst du Kost und Logis und dazu noch Lohn. Ich weiß mir keinen anderen Rat.«

»Aber es ist doch nicht mehr lang. Können wir die Zeit bis zum Sommer nicht irgendwie überbrücken?« Denn im nächsten Sommer sollte ich nach Elberfeld ziehen und meine Ausbildung am Lehrerinnenseminar beginnen. So war es abgemacht. Ich hatte mir den schnellsten Lehrgang ausgesucht, drei Jahre, danach könnte ich an einer Elementarschule unterrichten, obwohl ich viel lieber vier oder fünf Jahre studiert hätte, um die Lehrerlaubnis für eine höhere Töchterschule zu erlangen.

Aber das war undenkbar. Viel zu teuer. Vierzig Reichsmark betrug das Schulgeld am Seminar im Jahr, das konnte meine Mutter unmöglich aufbringen. Das wollte sie vor allem auch gar nicht aufbringen. Im Gegensatz zu meinem Vater, dem es stets ein Herzensanliegen gewesen war, dass ich Lehrer werden sollte wie er selbst, gefiel meiner Mutter diese Vorstellung ganz und gar nicht. »Im Grunde ist es doch hinausgeworfenes Geld«, meinte sie immer. »Kaum bist du fertig mit dem Seminar, wirst du heiraten und Kinder kriegen und was nützt das Ganze dann?«

Zum Glück hatte mein Vater den Betrag für die Grundausbildung bereits angespart, bevor er vor zwei Jahren an einem Krebsgeschwür gestorben war.

»Bitte, Mutter«, flehte ich jetzt. »Ich will dir auch noch mehr helfen als bisher. Ich tu alles, was ich kann, wenn ich nur nicht auf den Kratzkopp muss.«

Meine Mutter sah mich nur an, und obwohl sie immer noch keine Miene verzog, begann die Botschaft langsam, ganz langsam in mich einzudringen und verschaffte sich Raum in mir. Bis ich begriff. Es ging nicht nur um die Zeit bis zum nächsten Sommer. Es ging um viel mehr.

»Wir haben das Schulgeld für das Seminar doch bereits angespart«, flüsterte ich.

Meine Mutter biss sich auf die Unterlippe.

»Vater hat es für mich angespart«, wisperte ich. »Oder?«

»Es ging nicht anders, Jette«, gab meine Mutter ebenso leise zurück, dabei gab es gar keinen Grund zu flüstern, wir waren doch allein. »Wenn ich das Geld nicht genommen hätte, wären wir verhungert. Dein Vater hat uns eine Menge Schulden hinterlassen und …«

Ich wollte das nicht hören. Mein Vater hatte Geld für mich zurückgelegt, bevor er gestorben war. Für mich allein, nur für mich, aber meine Mutter hatte das Geld genommen. Sie hatte es mir gestohlen.

»Du hattest kein Recht dazu!«, schrie ich und sprang auf. Mein Stuhl kippte nach hinten und knallte zu Boden. Meine Mutter schlug die Hände vors Gesicht. Ich rannte aus der Küche.

Damals wusste ich noch nicht, was in dem zweiten Brief stand.

 

Ich legte mich in mein Bett und zog die Decke über den Kopf. Als Mutter kurz darauf hereinkam, tat ich, als ob ich schliefe, weil ich nicht mit ihr reden wollte. Ich war so wütend. Sie legte sich in ihr Bett, das nur ein paar Meter von meinem entfernt war. An ihrem Atem konnte ich hören, dass sie ebenfalls keinen Schlaf fand.

Als mein Vater noch lebte, hatten wir zu dritt am unteren Ende der Kohlstraße im Schulhaus gewohnt, aber nach seinem Tod kam ein neuer Lehrer und wir mussten ausziehen. Damals hatte meine Mutter das kleine Häuschen in der Nähe der Kapelle angemietet, in dem wir heute wohnten. Im unteren Stockwerk lagen die Küche, unsere gemeinsame Schlafkammer und die Nähstube meiner Mutter, die obere Etage hatten wir an einen Junggesellen aus Remscheid untervermietet, der im Bayer-Werk arbeitete.

»Denk doch einmal nach«, sagte meine Mutter nach einiger Zeit in die Dunkelheit hinein. »Du hättest es gut auf dem Kratzkopp. Besser als die anderen Mädchen. Du bekommst deine eigene Kammer im Haus, der Sonntag ist frei und dazu noch ein weiterer Nachmittag in der Woche. Pastor Krupka meint, dass es ein durchaus großzügiges Angebot ist.«

So war das also. Noch bevor meine Mutter mir auch nur ein Sterbenswörtchen von ihren Plänen erzählt hatte, hatte sie schon mit Pastor Krupka gesprochen. Und er billigte das Angebot. Damit war die Sache ja wohl entschieden.

Denn in der Kohlstraße herrschte nicht wie im Rest des Deutschen Reiches der deutsche Kaiser, sondern der Pastor. Er entschied, was gemacht wurde und was man besser unterließ. Schließlich kannte er sich ja auch am besten in der Bibel aus und wusste somit immer ganz genau, wie Gottes Wille in einer bestimmten Angelegenheit aussah.

Ich drehte mich vom Rücken auf die Seite, das Gesicht zur Wand.

Vor meinen geschlossenen Lidern tauchte Frau Künstner auf. »In der Not schmeckt jedes Brot«, krächzte sie mit ihrer brüchigen Altweiberstimme.

Ich faltete meine Hände unter der Bettdecke. Lieber Gott, betete ich stumm. Hilf mir bitte, dass ich nicht auf den Kratzkopp muss. Lass mich aufs Lehrerinnenseminar gehen, ich will alles dafür geben, eine gute Lehrerin zu werden.

Danach lauschte ich in die Stille unserer Schlafkammer. Ich hörte meine Mutter flach und schnell atmen. Von Gott kam keine Antwort. Er war wohl wieder einmal mit wichtigeren Dingen beschäftigt.

 

2

 

Am 1. Dezember 1899 sollte mein Leben als Dienstmagd auf den Hof am Kratzkopp beginnen. »Das ist sehr freundlich von Frau Künstner«, fand Rosa. »Im Dezember sind die Rüben gehäckselt, die Felder gepflügt und der Winterweizen ausgebracht. Dann beginnt die faule Zeit.« Sie verzog das Gesicht. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wäre ich bestimmt noch im Oktober auf den Hof gezerrt und zur Arbeit getrieben worden. Aber es ging nicht nach Rosa, sondern nach Pastor Krupka, der Frau Künstner empfohlen hatte, mich in der ruhigen Adventszeit aufzunehmen. »Damit das Mädchen ein bisschen Zeit hat, sich an die Abläufe zu gewöhnen.«

Das wusste ich vom Pastor selbst. Er hatte uns nämlich am Sonntagnachmittag besucht. Nachdem er lange mit Mutter geredet hatte, trat er zu mir, legte mir seine Hand auf die Schulter und sah mich ernst und durchdringend an. Sein mächtiger Kinnbart zitterte leicht, als wäre ihm kalt. Es war ein bisschen wie damals, als Vater gestorben war. »Es ist das Beste für dich«, erklärte er. »Die Witwe Künstner ist eine fromme Frau, die sich gut um dich kümmern wird. Und für deine Mutter ist es eine große Erleichterung.«

Noch war es nicht Dezember, noch wohnte ich mit Mutter in unserem kleinen Häuschen. Aber Frau Künstner ließ mich jetzt schon jeden Tag antanzen, um bei der Ernte, in der Küche oder im Stall zu helfen. Manchmal gab sie mir hinterher ein paar Groschen dafür, meistens nicht.

Heute sollte ich Seile aus langen Roggenhalmen knüpfen. Bertram half mir dabei, obwohl es eigentlich eine Frauenarbeit war.

»Du hättest es schlechter treffen können«, sagte er. Er rollte ein fertiges Seil zu einem Knäuel, legte es zu den anderen Bündeln und griff nach neuen Halmen. Er arbeitete und rauchte zugleich. Aus seinem Mundwinkel quollen in regelmäßigen Abständen weißgelbe Rauchwolken, als wäre er eine Maschine, die Dampf abließ. »Immerhin behandeln sie die Mädchen hier anständig.«

»Wenn man einmal von Rudolf absieht«, murmelte ich halblaut.

»Was ist mit Rudolf?«, fragte Bertram sofort. »Hat er dir etwas getan?«

»Nein.« Rudolf guckte nur immer so komisch und lachte sein Ziegenbocklachen, aber das konnte man ihm schwerlich zum Vorwurf machen.

»Wenn er dir zu nahe tritt, sagst du mir Bescheid, hörst du?«

Diese Besorgnis in Bertrams Stimme. Ich musste dreimal tief ein- und wieder ausatmen, bevor ich mich mutig genug fühlte, ihm die nächste Frage zu stellen. »Warum tust du das, Bertram? Warum setzt du dich so für mich ein?«

Er zog nachdenklich an seiner Pfeife. »Weil das alles nicht richtig ist«, sagte er dann. »Du bist keine Dienstmagd, Henrietta.«

Henrietta. Alle Welt rief mich Jette, nur Bertram nannte mich Henrietta. Das gefiel mir. Jette, das klang wirklich nach einem Dienstmädchen, Henrietta hörte sich dagegen nach einem der Mädchen aus den Romanen aus der Leihbibliothek an. Eine junge, schöne Heldin, die sich allen Schwierigkeiten und Widrigkeiten zum Trotz durchs Leben schlägt und am Ende der Reise erwartet sie das Glück. Meist in Gestalt eines liebenden, treu sorgenden Mannes.

Bloß schade, dass mein Leben kein Roman war.

»Geld regiert die Welt«, sagte ich.

Bertram und ich hoben gleichzeitig den Kopf und sahen einander an. »Wenn ich könnte, würde ich …«, begann Bertram. Dann unterbrach er sich mitten im Satz, nahm seine Pfeife aus dem Mund und starrte in den glühenden Pfeifenkopf, als habe er so etwas noch nie zuvor gesehen.

Was würdest du? Ich wartete darauf, dass er weitersprach, aber er nickte nur, als wüssten wir beide ganz genau, was er meinte.

 

Bertram Strate.

Ich kannte ihn, seit wir als kleine Kinder zusammen Fangen und Verstecken gespielt hatten. Dann war er aufs Gymnasium nach Barmen gegangen und ich auf die Volksschule nach Elberfeld. Als wir uns im letzten Sommer auf dem Kratzkopp wiedergetroffen hatten, sah Bertram aus wie ein griechischer Gott und ich wie ein Indianer mit blonden Zöpfen. Ich hatte mir nämlich bei der Heuernte das Gesicht und die Arme verbrannt.

Er erkannte mich zuerst nicht wieder. »Die kleine Jette«, sagte er lachend, als ich mich ihm vorstellte. Danach nannte er mich nur noch Henrietta. »Das passt viel besser zu dir«, erklärte er, woraufhin ich noch röter wurde.

Nach dem Nachmittag auf der Tenne fragte ich mich ununterbrochen, was Bertram mir hatte sagen wollen.

Wenn ich könnte, würde ich … was? Dich heiraten?

Unsinn, ich war erst sechzehn, viel zu jung, um über solche Dinge nachzudenken. Aber andererseits. Meine Freundin Trude war nur eineinhalb Jahre älter als ich und dennoch hatte sie sich vor ein paar Monaten mit Hans Schleifer verlobt. Im nächsten Sommer würden sie heiraten und Trude würde aus ihrem Elternhaus am unteren Ende der Kohlstraße auf den Schleifer-Hof ans obere Ende der Straße ziehen. Aus Trude Emmerling würde dann Frau Hans Schleifer.

Wie sonderbar das klang. Aber Frau Bertram Strate klang noch viel sonderbarer.

Es klang geradezu absurd. Was stellte ich mir überhaupt vor, fragte ich mich selbst. Bertram würde die Kohlstraße in Kürze wieder verlassen, um nach Aachen zu ziehen. Weil er das Realgymnasium mit so außerordentlich guten Leistungen abgeschlossen hatte, sollte er an der Technischen Hochschule Ingenieurwesen studieren.

Ein Hochschulstudent und eine Dienstmagd, das passte schlecht zusammen. Um genau zu sein, passte es gar nicht zusammen.

 

Meine Mutter war so schweigsam in diesen Tagen. Heute weiß ich, dass ihr Freudenreichs Brief im Kopf herumging. Die Entscheidung, die ihr Leben letztendlich beenden würde.

Ich selbst hatte den Brief aus Afrika fast vergessen. Ich war viel zu beschäftigt damit, mit meinem ungerechten Schicksal zu hadern. Und darüber nachzugrübeln, ob es nicht doch noch einen Weg aufs Lehrerinnenseminar gäbe.

Ich musste als Erstes versuchen, Pastor Krupka auf meine Seite zu bringen. Aber genau wie meine Mutter hielt der Pastor überhaupt nichts von Frauen, die nach einer Ausbildung und weltlichem Einfluss strebten, anstatt ihrem Mann die Strümpfe zu stopfen und ihren Kindern die Nase zu putzen.

»Jetzt erscheint es dir vielleicht verlockend, vor einer Schulklasse zu stehen und Lob und Tadel zu verteilen«, hatte er mir vor zwei Jahren schon erklärt, als er von meinen Plänen erfahren hatte. »Aber ich kann dir versichern, dass du es bald müde sein wirst. Eine Frau strebt nach einer Familie, sie braucht eigene Kinder, die sie erziehen kann. Aber nach der langen Seminarzeit sind die meisten Mädchen zu alt zum Heiraten und Kinderkriegen. Da sitzen sie dann mit fremder Leute Nachkömmlingen und weinen sich die Augen nach eigenen Kindern aus.«

Mein Vater hatte nur gelacht, als meine Mutter ihm von den Bedenken des Pastors erzählt hatte. »Paperlapapp! Es hat noch keinem geschadet, etwas zu lernen. Und jeder Mann möchte doch lieber eine kluge Frau als eine, die nicht bis drei zählen kann.«

Mein Vater und der Pastor waren oft aneinandergeraten. Mein Vater hatte nämlich immer seinen eigenen Kopf gehabt und nicht nur das nachgeredet, was der Pastor ihm vorgab. Aber nun war er tot und das Geld, das er für meine Ausbildung zurückgelegt hatte, war ausgegeben.

Nun war ich auf mich selbst gestellt. Ich musste den Pastor und meine Mutter dazu bringen, mich nicht auf den Kratzkopp zu schicken. Und ich hatte auch schon eine Idee, wie ich das erreichen konnte. Es war Bertram, der mich darauf gebracht hatte. Die Besorgnis in seiner Stimme, als ich Rudolf erwähnt hatte. Um mein Ziel zu erreichen, musste ich die Wahrheit nur ein kleines bisschen verbiegen.

»Frau Künstner meint es ja gut mit mir«, teilte ich meiner Mutter zwei Tage vor meinem Umzug beim Abendessen mit. »Dennoch gibt es da etwas …« Ich unterbrach mich und spürte, wie ich vor lauter Nervosität rot wurde. Umso besser.

»Was?« Meine Mutter gähnte. Sie hatte am Vortag bis tief in die Nacht genäht, um beim ersten Morgengrauen aufzustehen und weiterzuarbeiten. Auch heute würde sie nach dem Abendessen gleich wieder in der Nähstube verschwinden.

»Nichts«, wich ich aus. »Es ist nicht so wichtig.« Das war die sicherste Taktik, um ihr Interesse zu wecken.

Sofort blickte sie mich misstrauisch an. »Nun sag schon. Was gibt es?«

»Rudolf«, sagte ich, scheinbar widerstrebend. »Er ist so …«, wieder unterbrach ich mich.

»Welcher Rudolf?«

»Der alte Knecht vom Kratzkopp.«

»Was ist mit ihm? Nun lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!«

»Er sieht mich immer so an. Und redet seltsames Zeug. Und manchmal …« Bis jetzt befand ich mich noch auf dem Pfad der Wahrheit. Direkt daneben lag der Morast der Lüge. Es musste sein. Seid klug wie die Schlangen, hieß es schon in der Bibel. »Manchmal fasst er mich auch an.«

Meine Mutter sah mich erschrocken an, woraufhin mein Gesicht noch stärker zu glühen begann.

»Das kann doch nicht wahr sein«, murmelte sie und traf damit den Nagel auf den Kopf. Während ich verschämt die Augen senkte, stand sie auf. »Wie lange geht das schon?«, fragte sie mit zitternder Stimme.

»Schon eine Weile. Ein paar Wochen. Es ist mir so … widerlich.«

»Warum hast du nie etwas gesagt?«

Ich zuckte mit den Schultern. Meine Mutter schien auch keine Antwort zu erwarten. Eine Weile rannte sie im Zimmer auf und ab und rang die Hände, dann blieb sie wieder stehen und sah mich an. »Ich rede morgen mit Pastor Krupka. Er wird wissen, was zu tun ist.« Sie legte mir eine Hand auf den Kopf und zog sie sofort wieder weg, als habe sie sich an mir verbrannt. »Mach dir keine Sorgen.«

Dann verschwand sie in der Nähstube. Ich räumte den Abendbrottisch ab und fühlte ich mich auf einmal elend. Was würde geschehen, wenn der Pastor Rudolf zu meinen Vorwürfen befragte? Wem würde er glauben, Rudolf oder mir?

Mir natürlich. Ich war ein unbescholtenes Mädchen, Rudolf dagegen fluchte ständig, trank heimlich und fehlte jeden dritten Sonntag in der Kirche.

Dennoch. Ich hatte gelogen. Und Lügen war eine Sünde.

Es war ja gar keine richtige Lüge, versuchte ich, mir selbst einzureden. Rudolf sah mich ja wirklich immer lüstern an, es war nur eine Frage der Zeit, bis den Blicken Taten folgen würden. Und außerdem: Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel.

 

Gleich am nächsten Morgen ging meine Mutter mit mir nach Elberfeld zu Pastor Krupka, obwohl sich der Berg von Näharbeiten in unserem ehemaligen Wohnzimmer bis zur Decke türmte. Ich schwitzte vor Aufregung, weil ich befürchtete, dass mir der Pastor eine Fülle peinlicher Fragen stellen würde, aber die Sorge war unbegründet.

»In unsittlicher Weise?«, fragte er nur zögerlich, nachdem meine Mutter ihm erklärt hatte, dass Rudolf mich angefasst hätte.

Ich nickte hastig.

»Was sollen wir denn jetzt bloß tun?«, fragte meine Mutter.

Eine Weile betrachteten sie mich beide. Unschlüssig, ratlos, zweifelnd. Sollten sie mir glauben oder die Sache einfach unter den Teppich kehren? Das Blut rauschte in meinen Ohren. Was, wenn der Pastor die Sache nun zur Sprache brachte und sie mich danach trotzdem auf den Kratzkopp schickten? Frau Künstner würde Rudolf nie und nimmer entlassen, da war ich mir sicher. Trotz seiner abscheulichen Art arbeitete er hart und ausdauernd und vermutlich zahlte sie ihm nur einen lächerlichen Lohn, geizig, wie sie war. Auch in harten Zeiten wie diesen fanden sich solche Arbeitskräfte nur schwer. Vielleicht würde er sich hinterher für die Verleumdung an mir rächen …

»Wovon wollt ihr leben, wenn Jette nicht auf den Kratzkopp geht?«, fragte Pastor Krupka.

Meine Mutter schluckte, ich hörte es ganz deutlich, obwohl unsere Stühle ein ganzes Stück voneinander entfernt standen. Danach schickte sie mich aus dem Raum, weil sie allein mit dem Pastor reden wollte.

Ich stand in dem zugigen Flur des Pfarrhauses. An der gegenüberliegenden Wand hing ein Bild, auf dem Jesus mit seinen Jüngern über den stürmischen See Genezareth fuhr. Die Jünger schrien und rauften sich die Haare, Jesus aber schaute mit ruhigem Blick über ihre Köpfe hinweg, direkt in mein Gesicht.

Ich schauderte.

Dann kamen meine Mutter und der Pastor aus dem Raum. »Ich bin sicher, dass Gott dir den richtigen Weg weisen wird, Martha«, sagte der Pastor, der meine Mutter beim Vornamen nannte und duzte wie alle anderen Gemeindeglieder auch. »Und auch für dich wird er sorgen, Jette«, verabschiedete er sich danach von mir. »Wohin du auch gehst, so wird ER doch bei dir sein, vergiss das nur nicht.«

»Was hast du mit ihm besprochen?«, fragte ich meine Mutter auf dem Nachhauseweg.

Sie seufzte und antwortete nicht. Aber diesmal ließ ich nicht locker. Es ging um mein Leben, und wenn der Pastor nun schon darüber Bescheid wusste, dann wollte auch ich erfahren, wie es weiterging.

»Ich werde nicht schlafen gehen, bevor du es mir nicht erzählt hast«, sagte ich, als wir zu Hause waren.

Meine Mutter seufzte noch einmal. »Also gut«, meinte sie dann. »Es hat mit dem Brief zu tun, der neulich hier angekommen ist.«

Mein Herz schlug auf einmal laut und aufgeregt.

 

Am Anfang konnte ich es gar nicht glauben. Meine Mutter hatte vor, die Kohlstraße zu verlassen und nach Afrika überzusiedeln. Ausgerechnet meine furchtsame, ängstliche Mutter, die sich allein kaum aus dem Haus wagte!

»Missionar Freudenreich hat um meine Hand angehalten«, erklärte sie mir. »Und ich habe mich dazu entschlossen, sein Angebot anzunehmen.«

Sie sah mich nicht an, als sie das sagte, sondern hielt die Augen auf ihre gefalteten Hände gerichtet.

»Aber wie kommt dieser Mann denn ausgerechnet auf dich?«, fragte ich.

»Er stammt aus Elberfeld und kennt die Kohlstraße gut, er hat einst als Zögling sogar in der Kapelle Sonntagsschule gehalten. Nachdem nun seine erste Frau verstorben ist, hat er sich an Pastor Krupka gewandt, ob er ihm nicht eine Nachfolgerin für sie nennen könnte. Und Pastor Krupka war so freundlich, ihm meinen Namen und die Anschrift zu geben.«

»Also wusste der Pastor von den Briefen?«

»Nein.« Meine Mutter räusperte sich. »Ich habe ihm nicht erzählt, dass Missionar Freudenreich sich tatsächlich mit mir … in Verbindung gesetzt hat.«

»Bis jetzt nicht. Aber gerade eben habt ihr darüber gesprochen.«

»Ja.«

»Und? Was sagt der Pastor dazu?«

»Ja«, sagte meine Mutter. »Er meint auch, dass es nicht die schlechteste Lösung ist. Es ist bestimmt besser, als wenn man dich oben auf dem Kratzkopp …« Sie räusperte sich wieder.

Einen Moment lang war ich versucht, ihr alles zu gestehen. Dass ich mir nur ausgedacht hatte, dass Rudolf mich belästigte. Heirate diesen Mann nicht, jedenfalls nicht meinetwegen. Aber im letzten Augenblick biss ich mir auf die Zunge. Meine Mutter hatte die Ersparnisse ausgegeben, die mein Vater für meine Seminarausbildung zurückgelegt hatte. Ohne mich zu fragen, ohne mich zu informieren, hatte sie das Geld genommen. Da war es nur gerecht, dass nicht nur ich die Folgen dafür tragen würde. Ich hatte Gott angefleht, dass er mir ein Dienstbotenschicksal auf dem Kratzkopp ersparen möge – vielleicht war das ja nun seine Antwort. Eine Missionarsstation in Afrika.

Den ganzen restlichen Tag konnte ich nicht mehr aufhören, darüber nachzudenken. Ich erinnerte mich daran, dass wir die deutschen Kolonien und Protektorate in der Schule durchgenommen hatten. Deutsch-Südwestafrika lag fast am untersten Zipfel von Afrika, das wusste ich noch. Wir hatten auch über das Klima gesprochen, über die Eingeborenenstämme, die das Land ursprünglich besiedelt hatten, und über ihre Missionierung. Aber mir fiel beim besten Willen nicht mehr ein, was uns unser Lehrer darüber erzählt hatte. Ich hatte gar nicht richtig hingehört, die ganze Angelegenheit war viel zu weit weg gewesen.

 

Gleich am nächsten Tag gingen meine Mutter und ich zum Fotografen und ließen ein Porträt von uns anfertigen. Wie fremd wir beide auf dem Bild aussahen! Meine Mutter in ihrem schwarzen langen Sonntagskleid, das Haar unter dem Hut straff zurückgekämmt, die Hände vor dem Leib gefaltet, der Gesichtsausdruck ernst, fast finster. Ich hatte zumindest ein kleines Lächeln auf den Lippen. Ich trug mein hochgeschlossenes, schwarzes Konfirmationskleid, das mir an den Ärmeln zu eng und zu kurz geworden war, und dazu den dunklen Hut mit dem schwarzen Seidenband. Für den Fotografenbesuch hatte ich meine Zöpfe am Hinterkopf zu einem Dutt zusammengesteckt.

»Wie zwei Schwestern steht ihr da«, sagte der Fotograf, als wir einige Tage später die Abzüge abholten.

Und das lag nicht daran, dass meine Mutter so jung aussah, sondern daran, dass ich selbst so überaus erwachsen wirkte.

Das Bild gefiel mir, auch wenn ich mich darauf kaum wiedererkannte. Oder gerade deshalb. Ich machte mir allerdings Sorgen, ob Missionar Freudenreich nicht enttäuscht sein würde, wenn er mich in natura erblickte, mit meinen widerspenstigen Locken und den Sommersprossen, von denen auf dem Foto nichts zu sehen war.

Den einen Abzug schickte meine Mutter zusammen mit ihrem Antwortschreiben nach Afrika. Ich linste über ihre Schulter, kurz bevor sie den Brief in den Umschlag steckte. »Nach innigem Gebet und unter dem gütigen Zuspruch von Pastor Krupka habe ich mich entschlossen, Ihren Antrag anzunehmen …«

»Was ist, wenn er es sich nun doch anders überlegt?«, fragte ich. »Vielleicht hat er ja inzwischen auch schon eine andere Frau gefunden?«

Meine Mutter sah mich so entgeistert an, als hätte ich etwas ungeheuer Unsinniges gesagt. »Was denkst du eigentlich von ihm?«

Ja, was dachte ich eigentlich von Freudenreich in jener Zeit in der Kohlstraße, bevor ich ihn wirklich kennenlernte?

Ich wusste ja rein gar nichts über ihn, also hielt ich mich an seinen Namen. Freudenreich. Das klang wirklich vielversprechend. Ich stellte mir ein freundliches, recht faltiges Gesicht vor, schließlich war meine Mutter mit ihren siebenunddreißig Jahren auch nicht mehr die Jüngste. Vermutlich war er ein bisschen sonderbar, wie die meisten Missionare, die die Kohlstraße besuchten. Vielleicht aß er kein Fleisch wie der chinesische Missionar, der vor ein paar Monaten bei uns gewesen war. Oder er gurgelte jeden Morgen mit Salzwasser wie der langbärtige Missionar aus Borneo.

An solche Eigenheiten konnte man sich aber gewöhnen. Wenn man dafür die Chance bekam, ein ganz neues Leben zu beginnen. Statt auf dem Kratzkopp Kartoffeln zu schälen und Wäsche zu plätten, würde ich endlich etwas von der Welt sehen. Und vielleicht konnte ich mir ja in Afrika sogar meinen Traum erfüllen und Lehrerin werden. Den Negerkindern war es doch bestimmt egal, ob man drei oder fünf Jahre oder vielleicht auch gar nicht aufs Lehrerinnenseminar gegangen war, solange man nur richtig lesen und schreiben konnte und sich einigermaßen in biblischer Geschichte und in Handarbeit auskannte.

Je länger ich darüber nachdachte, desto besser gefiel mir der Gedanke, der Kohlstraße Adieu zu sagen. Nur wenn mir Bertram in den Sinn kam, fühlte ich ein tiefes Unbehagen.

Ich hatte ihm noch nichts erzählt. Ich wollte es ihm auch nicht erzählen.

Es ist ja auch noch gar nicht sicher, dachte ich. Noch hat Missionar Freudenreich nicht geantwortet, noch wissen wir nicht mit Bestimmtheit, ob wir auch wirklich reisen. Und auch wenn Bertram mich manchmal mit nachdenklichen Blicken bedachte und Sätze begann, die er dann nicht zu Ende brachte, bedeutete das noch lange nicht, dass er irgendetwas für mich empfand.

Selbst wenn, dachte ich. Sobald Bertram einmal in Aachen wäre und dort studierte, würde er mich schneller vergessen, als die Kuh ihren Schwanz heben kann, wie Rosa immer sagte.

 

Der Montag war der 1. Dezember. Am Sonntagabend hätte ich in meine Kammer über dem Stall ziehen müssen, aber nach dem Gottesdienst am Morgen ging meine Mutter zu Frau Künstner und teilte ihr mit demütiger Stimme und gesenktem Blick mit, dass ich nun doch nicht kommen würde. »Uns stehen unvorhergesehene Veränderungen ins Haus«, sagte sie. »Ich brauche Jette jetzt daheim. Es tut mir wirklich außerordentlich leid.«

Frau Künstner verzog das Gesicht und schimpfte lange über die Unzuverlässigkeit der Leute im Allgemeinen und der Kohlstraßer im Besonderen, während meine Mutter neben ihr stand und auf ihre ausgetretenen Schuhe starrte. Als Frau Künstner endlich fertig war, versprach meine Mutter kleinlaut, mich auch in den nächsten Tagen auf den Hof zu schicken, damit ich Rosa in der Küche und bei der Wäsche helfen konnte. Das besänftigte Frau Künstner ein bisschen, weil sie dadurch das Geld für meinen Lohn sparte und mit einem warmen Mittagessen davonkam.

Rudolf und seine angeblichen Übergriffe erwähnte meine Mutter mit keinem Wort. Das erleichterte mich. Und ärgerte mich gleichzeitig. Warum schwieg sie die Angelegenheit nun tot?

»Ach, Jette. Wir kommen ihm ja doch nicht bei. Und am Ende fällt alles nur auf dich zurück«, seufzte sie, als ich sie auf dem Nachhauseweg darauf ansprach.

Als ich am nächsten Morgen auf dem Kratzkopp ankam, erwartete mich Bertram schon am Tor.

»Ist das wahr, was ich gehört habe?«, fragte er.

»Was hast du denn gehört?«, fragte ich zurück.

»Du fängst nun doch nicht hier an. Deine Mutter will sich wieder verheiraten.«

Ich schnappte nach Luft. »Wer hat dir das denn erzählt?«

»Stimmt es denn? Wer ist es? Einer von hier?«

Uns stehen unvorhergesehene Veränderungen ins Haus, hatte meine Mutter zu Frau Künstner gesagt. Ob die Alte sich daraus den Rest zusammengereimt hatte? Oder hatte der Pastor ihr von unseren Plänen erzählt?

»Jetzt sag schon«, drängte Bertram. »Oder hast du kein Vertrauen zu mir?«

»Wir gehen vielleicht nach Afrika.« Nun war es heraus. Wie seltsam sich das anhörte. Als ob ich es mir gerade eben ausgedacht hätte.

»Wie bitte? Machst du dich über mich lustig?«

»Meine Mutter will einen Missionar heiraten. In Deutsch-Südwest.«

»Das ist doch nicht dein Ernst.« Bertram holte seine Pfeife aus der Tasche und begann, sie zu stopfen. Seine Finger zitterten etwas, als er sie schließlich anzündete. »Das kann doch einfach nicht wahr sein. Ich dachte, du und ich …«

Er verstummte. Ich seufzte. Wieder ein abgebrochener Satz, dessen Ende ich nie erfahren würde.

»Ich weiß es erst seit einigen Tagen«, erklärte ich. »Und die endgültige Entscheidung ist auch noch nicht gefallen. Also behalte die Angelegenheit bitte vorläufig für dich.« Aber wahrscheinlich wusste ohnehin längst die halbe Kohlstraße Bescheid.

»Ich kann es einfach nicht glauben. Es ist der blanke Wahnsinn, was ihr da vorhabt. Afrika. Zwei Frauen, ohne Begleitung.«

»Wir reisen in ein deutsches Schutzgebiet. Und wir werden auf einer Missionsstation leben. Pastor Krupka hat meiner Mutter jedenfalls empfohlen, den Antrag des Missionars anzunehmen.«

»Krupka!« Bertram blies eine Wolke weißen Rauchs aus Mund und Nase. »Als ob der sich dort auskennt!«

»Du warst doch auch noch nicht dort. Und besser als die Anstellung hier auf dem Kratzkopp ist es allemal.«

»Wie du redest! Du weißt wirklich nicht, wovon du sprichst. Was für eine Idee, nach Südwestafrika zu ziehen, als wäre es Barmen oder Katernberg. Dort gibt es …« Bertram suchte nach Worten. »… Spinnen, so groß wie meine Hand. Und Raubtiere. Und dann die Wilden! Das sind Heiden, denen man nicht über den Weg trauen kann. Wie wollt ihr euch überhaupt mit ihnen verständigen?«

Die Glocken der Donberger Kirche schlugen viermal. Sieben Uhr. »Ich muss los. Rosa erwartet mich in der Küche.«

Ich wollte an ihm vorbei, aber er packte mich am Ärmel. »So warte doch, Henrietta.«

Sein harter Griff schmerzte. Es gefiel mir nicht, dass er mich festhielt. Genauso wenig wie der Ton, in dem er mit mir sprach. »Was soll das? Lass mich los!«

Er ließ die Hand wieder sinken. »Entschuldige. Es erscheint mir nur alles so … verrückt. Geh nicht nach Afrika, Henrietta. Bleib hier. Ich weiß, die Arbeit auf dem Hof ist kein Zuckerschlecken. Aber sie ist zumindest sicher.«

»Sicher? Sicher ist hier nur eines – dass ich mich bucklig schufte, für karge Kost und ein hartes Bett und ein paar Groschen in der Woche! Du hast recht, ich habe keine Ahnung davon, wie die Dinge in Afrika aussehen. Aber ich weiß, was mich hier erwartet, und das reicht mir.« Ich drängte wieder an ihm vorbei und diesmal hielt er mich nicht auf.

»Henrietta«, sagte er, als ich mich bereits ein Stück von ihm entfernt hatte. Seine Stimme klang auf einmal so flehend, dass ich stehen blieb, aber ich drehte mich nicht zu ihm um. »In ein paar Jahren ist mein Studium abgeschlossen«, fuhr er fort. »Dann bin ich mein eigener Herr und kann tun und lassen, was ich will. Wenn du auf mich warten würdest bis dahin, dann könnten wir … dann würde ich …«

Zum Teufel! Nun reichte es mir aber wirklich mit seinen abgebrochenen Sätzen.

»Was könnten wir?«, fragte ich drohend.

»Wir könnten heiraten«, erwiderte er sanft. »Wenn du willst.«

 

Das veränderte natürlich alles. Nun hatte nicht nur Mutter einen Heiratsantrag erhalten, sondern auch ich. Bertram hatte endlich ausgesprochen, was ich mir schon so lange erträumt hatte. Wir könnten heiraten. Wenn du willst.

Vorausgesetzt, ich bliebe als Dienstmädchen auf dem Kratzkopp und wartete auf ihn. Wie lange dauerte ein Ingenieurstudium? Zwei, drei oder gar vier Jahre?

Selbst wenn es fünf Jahre waren, was bedeutete das schon in Anbetracht eines langen Lebens an der Seite eines Mannes, den man liebte? Nichts.

Warum also rief ich nicht sofort und, ohne lange zu überlegen, Ja? Natürlich will ich dich heiraten.

Nach dem Heiratsantrag ihres Geliebten empfanden die Heldinnen in den Romanen aus der Leihbibliothek nichts als die allergrößte Freude. Aber ich empfand keine Freude, sondern Verwirrung.

Wenn ich meiner Mutter erzählte, dass Bertram mir einen Antrag gemacht hatte und dass ich deswegen nun doch auf dem Kratzkopp bleiben wollte, dann konnte sie das Versprechen, das sie Freudenreich gegeben hatte, wieder rückgängig machen. Noch war es nicht zu spät dafür. Aber was, wenn der Heiratsantrag des Missionars aus Afrika nun wirklich ein Fingerzeig Gottes war, der meinem Leben eine neue Richtung geben sollte? Durfte ich mich dem verweigern? Nein, dachte ich, und diese Erkenntnis erfüllte mich mit einer großen Erleichterung. Ich musste nach Afrika gehen. Das war der Weg, den Gott meiner Mutter und mir bestimmt hatte.

 

»Du spinnst doch«, sagte Bertram, als wir uns abends wieder am Tor trafen und ich ihm meinen Entschluss mitteilte. »Ein Fingerzeig Gottes!« Er spuckte in weitem Bogen in eine Pfütze auf dem Weg.

»Du wirst doch Ingenieur«, fuhr ich fort, als hätte er nichts gesagt. »Und in den deutschen Schutzgebieten werden Ingenieure gebraucht. Wenn du mit deinem Studium fertig bist, kommst du nach Afrika. Wir heiraten und bauen uns ein Haus und gründen eine Familie. Wir werden es gut dort haben, viel besser als hier in der Kohlstraße.«

Ich erwartete, dass er sofort wieder über die handtellergroßen Spinnen und die heidnischen Hottentotten 4

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