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Im Land des Korallenbaums

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitate
  7. Erster Teil
  8. Erstes Kapitel
  9. Zweites Kapitel
  10. Drittes Kapitel
  11. Viertes Kapitel
  12. Fünftes Kapitel
  13. Sechstes Kapitel
  1. Zweiter Teil
  2. Erstes Kapitel
  3. Zweites Kapitel
  4. Drittes Kapitel
  5. Viertes Kapitel
  6. Fünftes Kapitel
  1. Dritter Teil
  2. Erstes Kapitel
  3. Zweites Kapitel
  4. Drittes Kapitel
  5. Viertes Kapitel
  1. Vierter Teil
  2. Erstes Kapitel
  3. Zweites Kapitel
  4. Drittes Kapitel
  5. Viertes Kapitel
  6. Fünftes Kapitel
  1. Fünfter Teil
  2. Erstes Kapitel
  3. Zweites Kapitel
  4. Drittes Kapitel
  5. Viertes Kapitel
  6. Fünftes Kapitel
  7. Sechstes Kapitel
  1. Sechster Teil
  2. Erstes Kapitel
  3. Zweites Kapitel
  4. Drittes Kapitel
  5. Viertes Kapitel
  6. Fünftes Kapitel
  7. Sechstes Kapitel
  8. Siebtes Kapitel
  1. Siebter Teil
  2. Erstes Kapitel
  3. Zweites Kapitel
  4. Drittes Kapitel
  5. Viertes Kapitel
  6. Fünftes Kapitel
  7. Sechstes Kapitel
  1. Achter Teil
  2. Erstes Kapitel
  3. Zweites Kapitel
  4. Drittes Kapitel
  5. Viertes Kapitel
  6. Fünftes Kapitel
  7. Sechstes Kapitel
  8. Siebtes Kapitel
  9. Achtes Kapitel
  1. Neunter Teil
  2. Erstes Kapitel
  3. Zweites Kapitel
  4. Drittes Kapitel
  5. Viertes Kapitel
  6. Fünftes Kapitel
  7. Sechstes Kapitel
  8. Siebtes Kapitel
  9. Achtes Kapitel
  10. Neuntes Kapitel
  1. Epilog
  2. Danksagung

Über die Autorin

Sofia Caspari, geboren 1972, ist bereits mehrfach nach Mittel- und Südamerika gereist, wo auch ein Teil ihrer Verwandtschaft lebt. Längere Zeit verbrachte sie in Argentinien, dessen Menschen, Landschaften und Geschichte sie tief beeindruckt haben. Heute lebt sie - nach Stationen in Irland und Frankreich - mit ihrem Mann und ihrem Sohn in einem kleinen Dorf im Nahetal.

Sofia Caspari

IM LAND
DES
KORALLEN-
BAUMS

Roman

 

Für Julian und Tobias,

die mich täglich Neues sehen lassen.

 

Wie soll ich mich doch darein finden,

Das alles dann nicht mehr zu sehn?

Wie werd ich es noch überwinden,

Von Haus und Hof hinwegzugehn!

Hier zog ich ein, als wir uns freiten,

Und dachte: Dies ist nun mein Haus;

Hier bleib ich meinem Mann zuseiten,

Bis man mich trägt als Leich hinaus.

(Unbekannt, 1847)

Regieren heißt Bevölkern!

(Juan B. Alberdi, arg. Politiker, 1852)

In Amerika gibt es keine Fremden.

Bei uns ist das anders.

Der Fremde zieht es vor, fremd zu bleiben.

Erster Teil
Ferne Ufer

April 1863 bis März 1864

Erstes Kapitel

Dumpf schlug das Wasser gegen das Holz des Schiffsrumpfs. In einem Moment warf sich das Schiff in das Wellental hinab, dann erklomm es den nächsten Wellenkamm und ächzte dabei wie ein lebendiges Wesen. Am Vortag hatte der Wind gedreht, gegen Morgen war er heftiger geworden. Am Bugspriet stehend hielt Anna Weinbrenner sich mit aller Kraft fest. Gischt spritzte ihr ins Gesicht, während sie hinab in die blaue, schaumgekrönte Tiefe starrte.

Ich darf nicht loslassen, schoss es ihr durch den Kopf, ich darf nicht loslassen.

Bitterer Speichel drang ihre Kehle hinauf. Nicht zum ersten Mal auf dieser Reise war ihr zum Speien übel. Im nächsten Wellental wurde Anna mit Wucht gegen die Reling geschleudert. Schmerzhaft drückte sich das Holz gegen ihren Brustkorb und raubte ihr den Atem. Der Aufschrei blieb ihr in der Kehle stecken.

O nein, ich hätte niemals hier hinausgehen dürfen, nicht bei diesem Wetter.

Sie kannte die Anweisungen: Wenn ein Sturm drohte, hatten die Passagiere unter Deck zu bleiben!

Anna biss die Zähne aufeinander. Aber sie hatte den Gestank in den Quartieren des Zwischendecks, jenen wabernden Dunst nach Schweiß, ungewaschenen Körpern, verdorbenen Nahrungsmitteln, Erbrochenem und Kot, der sich bei schweren Wettern noch verstärkte, einfach nicht mehr ausgehalten. Und draußen im aufkommenden Sturm, der einem nach Tagen der Flaute eher willkommen war, hatte sie dann die Schönheit des Augenblicks gebannt: die tanzenden, schimmernden Wellen, die sich noch nicht allzu hoch getürmt hatten, wie mit Abertausenden von Schaumsternen gekrönt.

Anna schüttelte sich. Längst war sie vollkommen durchnässt. Wieder musste sie den Würgereiz bezwingen. Niemals hatte sie sich vorstellen können, dass das Wetter so schnell umschlagen würde. Sie war doch eben erst an Deck gekommen, entschlossen, frischen Atem zu schnappen und der Enge des Schiffsbauchs zumindest kurz zu entkommen. Nun hatte sie den rechten Augenblick versäumt, um aus eigener Kraft zurückzugelangen.

Wieder stürzte das Schiff in ein Wellental, wieder erklomm es den nächsten Kamm und fiel mit umso größerer Macht hinab. Wenn nicht bald jemand kam und ihr half, dann konnte ihr nur noch Gott helfen.

Anna starrte ihre Hände an, die Fingerknöchel zeichneten sich weiß ab, so sehr klammerte sie sich an ihrem Halt fest. Kräftige, arbeitsame Hände waren es, und doch nicht stark genug, um sie zu retten. Eine neue Welle durchnässte ihren Rock, doch kein Angstschrei kam mehr über Annas Lippen. Der Schweiß, den ihr die Anstrengung auf die Stirn getrieben hatte, mischte sich mit dem Salzwasser. Die Windböen trieben ihr die Tränen in die Augen. Mühsam hob Anna den Kopf und versuchte zum Horizont zu schauen, aber sie konnte einfach keine Grenze mehr ausmachen zwischen Himmel und Erde.

Hatte es eben geblitzt? Gleich ließ sie ein Donnerschlag zusammenfahren. Noch einmal blitzte und donnerte es. Dann, von einem Moment auf den anderen, schüttete es wie aus Eimern.

Ich habe Angst, dachte Anna, ich habe so furchtbare Angst. Mit jedem Atemzug zitterten ihre Beine mehr. Die Menschen, die ihr nahestanden, kamen ihr mit einem Mal in den Sinn, ihre Arbeitgeberin, Frau Bethge, ihre beste Freundin Gustl. Alle hatten sie sie vor dieser Reise gewarnt.

Eine neue Welle warf sie nach vorn. Dieses Mal schrie Anna doch. Wenn ich über Bord gehe, schoss es ihr durch den Kopf, werde ich auf immer fort sein. Ich bin allein, niemand wird mich auf diesem Schiff vermissen. Wie lange wird meine Kraft noch reichen?

»Hilfe!«, schrie sie, »Hilfe, so helft mir doch!«

Doch der heulende Sturm schluckte ihre Worte. Ganz fern, über das Brausen des Windes hinweg, hörte sie eine Glocke, dann Stimmen, kaum wahrnehmbar. Annas Arme zitterten. Ich werde über Bord geschleudert werden, durchfuhr es sie mit schmerzhafter Gewissheit, ich werde meine Familie niemals mehr wiedersehen. Ich werde sterben.

Aber ich will nicht sterben.

Anna öffnete den Mund, um nochmals zu schreien. Mit neuer Wucht prallte sie gegen die Bordwand. In kurzer Folge stürzte das Schiff nun herab und erhob sich wieder, neigte sich knarrend mal zur einen, mal zur anderen Seite.

»Hilfe!«

Der Sturm schluckte ihren Schrei einfach. Nichts, man hörte sie einfach nicht. Annas Lippen bebten. Tränen quollen aus ihren Augen. Lieber Gott, hilf mir, betete sie stumm, ich will nicht sterben. Ich will nicht sterben.

Als das Schiff ins nächste Wellental hinabstürzte, konnte Anna sich nicht mehr halten. Sie wurde gegen die Bordwand geschleudert, dann verlor sie den schwankenden Boden unter ihren Füßen. Während sich das Schiff erneut zur Seite neigte, rutschte Anna über das Deck. Sie wollte die Augen schließen, doch sie konnte es nicht. Unter ihr wartete nur noch die Tiefe des Atlantiks. Wild hämmerte das Herz in ihrer Brust. Als sie dieses Mal zu schreien versuchte, kam nur ein Krächzen hervor.

Jetzt kann ich noch nicht einmal mehr auf mich aufmerksam machen, dachte sie, jetzt werde ich sterben.

Doch dann bäumte sich etwas in ihr auf. Nein, sie wollte nicht sterben. Anna nahm alle Kraft zusammen - und dann schrie sie noch einmal aus voller Kehle.

»Hilfe, Hilfe, so helft mir doch!«

»Himmel, Herrschaftszeiten, was haben Sie sich nur dabei gedacht?«

Die fremde Stimme war das Erste, was Anna wahrnahm, das Nächste war das Schwanken einer Lichtquelle rechts von ihr. Sie kniff die Augen zusammen, schluckte mühsam. Der Geschmack in ihrer Mundhöhle war bitter-säuerlich, doch die schlimmste Übelkeit war vorüber. Instinktiv fuhr sie sich mit dem Handrücken über die Lippen.

Ich bin nicht tot. Ganz offenbar bin ich nicht tot. Aber wo bin ich?

Anna fühlte feines Leinen unter ihren Fingerspitzen. Sie lag also nicht auf ihrem Lager mit der groben Decke, die sie schon am ersten Tag mühsam mit Meerwasser zu reinigen versucht hatte und die seitdem feucht und salzverklebt war, jedoch weiterhin stank; nicht mehr so bestialisch wie am Anfang zwar, aber doch immerhin. Nein, diese Bettwäsche hier duftete sogar. Ihr Kleid dagegen haftete feucht an ihrem Körper. Sie fühlte sich so schrecklich schwach.

»Und?«, war erneut die fremde Stimme zu hören. Eine Männerstimme.

Anna drehte den Kopf in die Richtung, sah, geblendet vom Licht einer Öllampe, eine große dunkle Gestalt vor sich aufragen.

In welche Lage hatte sie sich nun nur wieder gebracht? Wo war sie, um Himmels willen?

Annas Unbehagen nahm zu. Verstohlen blickte sie sich um. Offenbar befand sie sich in einer der Kajüten der besser gestellten Reisenden.

Was mache ich hier? Wie bin ich hierhergekommen, und warum bin ich nicht achtsamer gewesen?, fragte sie sich. Weil es da unten im Quartier stinkt wie in der Hölle, gab sie sich gleich selbst die Antwort. Sie versuchte, mehr von dem Mann zu erkennen, doch das Licht blendete sie.

Ich muss aufstehen, durchfuhr es Anna, ich muss von hier fort. Bedank dich und geh wieder nach unten. Sie versuchte, sich aufzurichten, die Beine über den Bettrand zu schieben, um sich zu erheben, doch sie geriet sogleich ins Schwanken.

»Langsam, langsam«, ließ sich der Fremde hören. »Sie waren ohnmächtig. Sie müssen sich schonen.«

Unfug, sagte eine Stimme in Annas Kopf, ich habe mich noch nie schonen können. Sie richtete sich mit aller Kraft auf und hielt sich am Bettrahmen fest. Die Stimme des Mannes klang kultiviert. Er sprach seine Worte mit Bedacht aus, so wie Frau Bethge und ihre Familie es taten.

»Ich bin sicherlich keine der Damen, mit denen Sie gewöhnlich zu tun haben«, tat sie kund.

»So, sind Sie das nicht?« Der Mann klang belustigt.

Anna wollte etwas entgegnen, musste aber innehalten, weil sich mit einem Mal alles drehte. Auch die Bewegungen des Schiffes nahm sie stärker wahr als sonst. Sie biss sich auf die Unterlippe.

»Setzen Sie sich doch wieder, bitte.« Der fremde Mann trat endlich ins Licht, streckte ihr eine Hand entgegen. Jung, dunkle Haare, registrierte Anna in dem Moment, als er auf sie zukam, eine hochgewachsene, eher zu schlanke Gestalt. »Setzen Sie sich«, wiederholte er. »Ich bitte Sie darum.«

Anna fühlte, wie sie auf einen gepolsterten Hocker gedrückt wurde. Der Mann nahm eine Teekanne vom Tisch. Im nächsten Augenblick hielt sie eine feine Porzellantasse in der Hand. Stumm starrte sie in die blass goldfarbene Flüssigkeit darin.

»Tee«, sagte der Mann, als er ihre Verwirrung wahrnahm, und setzte sich nunmehr selbst auf den Bettrand.

Anna starrte ihn an. Er lächelte. Seine Kleidung war hochwertig, wenn er sie auch mit einer gewissen Nachlässigkeit trug, als lege er keinen Wert darauf. Sein leicht gelocktes Haar war seitlich gescheitelt. Eine widerspenstige Strähne war ihm in die Stirn gefallen.

»Aber ...« Anna holte tief Luft. »Ich kenne Sie«, platzte sie dann heraus. »Ich kenne Sie!«

Der junge Mann zögerte eine Augenblick. »Wirklich?«, entgegnete er dann.

Bremerhaven, einige Wochen zuvor

Der dunkelhaarige junge Mann fiel Anna auf, weil er mit dem Rücken zum Land stand und aufs offene Meer schaute. Während die anderen Passagiere zum Hafen sahen, um einen letzten Blick auf ihre Heimat und ihre Lieben, die ihnen zuwinkten, zu erhaschen, Arme und Reiche Seite an Seite, hielt er sich fern von allen.

Wahrscheinlich, dachte Anna im ersten Moment, ist er mir nur aufgefallen, weil ich auch niemanden habe, dem ich Adieu winken kann.

Zwei Tage zuvor war sie mit der Eisenbahn gekommen, die Bremen und Bremerhaven seit dem letzten Jahr miteinander verband, und dann hatte sie erstmals vor dem Schiff gestanden, auf dem sie die nächsten Wochen verbringen sollte, einerseits froh, andererseits von Angst erfüllt. Da es die Ebbe abzuwarten galt, hatte sie die Zeit genutzt, ihre Vorräte nochmals zu kontrollieren und so gut als möglich aufzustocken. Sie hatte sich eine Seegrasmatratze besorgt und Blechgeschirr, bevor sie zu den Wartenden zurückgekehrt war. Eine einsame Harfenistin hatte sich da unter die Auswanderer gesellt, und die mutigeren Reisenden zu einem Tänzchen verführt, während die Verzagten, bleich und ohne sich zu regen, inmitten ihrer Habe gesessen hatten.

Kurz wurde Annas Blick starr. Sie hatte diesen Moment des Aufbruchs herbeigesehnt, und nun rangen in ihr Gefühle von Wehmut und Hoffnung miteinander. Doch was ließ sie schon zurück? Nichts und niemanden. Auch sie konnte sich beherzt umdrehen und nicht mehr zurückblicken. Keine Freundin, kein Verwandter stand dort unten am Ufer und winkte. Kein Taschentuch wehte ihr ein Lebewohl.

Ihre Familie war ihr schon vor Monaten, im Dezember 1862, vorausgereist. Für sechs Schiffspassagen und Proviant hatte das Geld damals gereicht. Die hatte Heinrich Brunner, ihr Vater, bei einem Auswanderungsagenten gekauft, und einige Wochen später hatte er sich mit Annas Mutter Elisabeth, der sechs Jahre jüngeren Schwester Lenchen, den älteren Brüdern Eduard und Gustav sowie Annas Mann Kaleb Weinbrenner, auf den Weg an die Küste gemacht - nach Bremerhaven, dem Hafen, von dem man viel Gutes gehört hatte.

Anna hatte sich schon lange vor Bremerhaven von allen verabschiedet. Die beste Freundin Gustl hatte sie in Bingen zurückgelassen, bevor sie allein den langen Weg nach Norden angetreten hatte. Gustl mit ihren dicken blonden Zöpfen und dem dunklen Lachen, das irgendwo tief aus ihr herauszukommen schien.

Seit sie beide sechs Jahre alt geworden waren, waren Gustl und sie keinen Tag getrennt gewesen. Anna stiegen, wie so oft, die Tränen in die Augen beim Gedanken an die Freundin. Werde ich sie je wiedersehen, dachte sie, je wieder von ihr hören oder auch nur lesen?

Und er? Anna musterte den Mann in seinem braunen Reiseanzug. Sein Gesicht war schmal, das markante Kinn jedoch zeugte von Entschlossenheit. Die Seeluft zauste an seinem Haar, eine Locke fiel immer wieder hartnäckig in die Stirn. Er lächelte, während er sich nun zum Ufer drehte. War dort doch jemand, der auf ihn wartete? Nein, schon ließ er den Blick über die anderen Passagiere auf dem Schiff wandern, über die Feingekleideten und die Zerlumpten, die doch alle ihr Glück drüben machen wollten. Amerika machen, so nannte man das.

Anna schaute zum Hafen zurück. Die Kosmos, die sie in die Neue Welt bringen sollte, war kein großes Schiff, längst gab es größere. Und wenn dieses auch einige Kajüten für die bessergestellten Passagiere auf dem Oberdeck aufwies, so würden die meisten über die nächsten Wochen wohl enger beieinandersitzen müssen, als es ihnen lieb sein mochte. Ach, was war das für ein Tumult gewesen, als die Passagiere das Schiff erstmals betreten hatten. Was für ein Lachen, Greinen, Schreien und Krakeelen. Überall hatten Kisten, Kästen und Säcke im Weg gestanden oder gelegen, von den Matrosen mit saftigen Flüchen bedacht. Anna dachte an die Mutter mit ihren zwei Kindern, die erst einmal in Seelenruhe in all dem Trubel etwas aßen, da der Arzt ihnen geraten hatte, den Magen immer ein wenig gefüllt zu halten, um der gefürchteten Seekrankheit zu entgehen. Mit einiger Mühe waren die Kajütspassagiere, zu denen auch der junge Mann zählte, von den Zwischendeckreisenden getrennt worden. Dann war der Kampf um die Kojen losgegangen.

Anna hatte sich der Magen zusammengezogen, als sie das Zwischendeck zum ersten Mal betreten hatte, einen Raum von etwa elf Schritt Länge und neun Schritt Breite, dabei sechs Fuß hoch, und auf beiden Seiten mit Kojen versehen, immer zwei übereinander. Überrascht hatte sie außerdem feststellen müssen, dass sich weit mehr Leute unter Deck drängten als angekündigt.

Gegen vier Uhr hatte die Kosmos abgelegt. Während sich am Vortag der Wind ungnädig gezeigt hatte, waren die Vorzeichen dieses Mal gut. Schon bald würde ihr Heimatland ihren Blicken entschwinden. Für die nächsten Wochen war dieses Schiff ihr Zuhause, und wenn sie ehrlich war, hatte sie höllische Angst davor. Anna schluckte. Mit beiden Armen umklammerte sie den Beutel mit ihren wenigen Habseligkeiten und die Seegrasmatratze, um ein plötzliches Zittern zu unterdrücken. Sie spürte, wie sich das Blechgeschirr an ihrem weichen Bauch abdrückte.

Diese wenigen Dinge in ihren Armen waren das Einzige, was sie noch besaß. Alles andere hatte Anna aufgegeben, ein paar Kleinigkeiten verschenkt, das verkauft, was ein wenig Geld brachte, wie schon die Eltern im Vorjahr alles Entbehrliche in einer Auktion veräußert hatten. Um den Schiffsakkord, die Schiffskarte, zu kaufen, hatte sie sich die Finger wund und den Rücken krumm gearbeitet und jeden Kreuzer, den sie entbehren konnte, beiseitegelegt. Den Rest des Geldes hatte Frau Bethge beigesteuert - als Dank für Annas Unterstützung bei der Hochzeit ihrer jüngsten Tochter Cäcilie.

»Amerika machen«, stieß Anna zwischen ihren halb geschlossenen Lippen hervor.

Ja, auch sie wollte ihr Glück. Mit dem Kirchturm von Langenwarde entschwand das letzte Stück deutsche Küste ihrem Blick. Wie der junge Mann drehte sie sich nun mit dem Rücken zum Land.

Dort drüben wartete ihre Familie auf sie und mit ihnen die Neue Welt. Anna starrte auf das Meer hinaus, bis ihre Augen zu tränen begannen. Das Schaukeln des Schiffes wurde nun stärker. Ein kurzer Schauder überlief ihren Körper. Mit einem Mal stieg eine Angst in ihr hoch, die sich kaum bezähmen lassen wollte. Sie umklammerte ihren Beutel fester und blickte flüchtig um sich. Aber hier gab es nichts, an das sie sich halten konnte. Und was erwartete sie wohl in dem fremden Land? Vielleicht hätte sie die Reise als Abenteuer empfunden, wenn sie noch jünger gewesen wäre, aber sie war nun schon dreiundzwanzig Jahre alt.

Hatte sie die richtige Entscheidung getroffen?

»Sie kennen mich? Ich kann jetzt leider nicht sagen, dass ich mich erinnere.«

Aus seinen strahlend blauen Augen blickte ihr Retter sie fragend an. Anna reckte sich, um die Tasse mit einem leisen Klirren auf dem kleinen Tisch der Kajüte abzustellen, und versuchte zum zweiten Mal, mit Schwung zum Stehen zu kommen.

»Es ist nicht wichtig«, sagte sie und wusste nicht, warum ihre Stimme zitterte.

»Aber ich würde schon gerne wissen, woher wir uns kennen«, beharrte der junge Mann. »Außerdem haben Sie ja gar nichts getrunken.«

»Wir kennen uns nicht, Herr ...«

»Meyer. Julius Meyer aus Hamburg, entschuldigen Sie bitte die Unhöflichkeit. Mit wem habe ich das Vergnügen?«

»Anna Weinbrenner aus ... aus Bingen, Herr Meyer.« Anna schluckte. »Es ist nur ... Ich habe Sie am Abfahrtstag gesehen. Als alle zum Land hinschauten, haben Sie zum Meer hingeblickt, und ich habe mich gefragt, ob Sie auch niemanden haben, der Ihnen ...«

Noch während sie sprach, fühlte Anna die Röte in ihre Wangen steigen. Sie brach ab. Was dachte sie sich nur? Warum plapperte sie hier, wie ihr der Schnabel gewachsen war? Mit einem Wildfremden noch dazu, denn sie kannte diesen Julius Meyer doch gar nicht.

Weil etwas Vertrautes an ihm ist, sagte eine Stimme in ihrem Kopf, weil es ist, als würde ich ihn schon ewig kennen.

»Unfug«, murmelte sie.

»Wie bitte?« Julius Meyer schaute sie erstaunt an. »Was haben Sie gesagt?«

»Nichts.« Anna trat einen Schritt auf die Tür zu. »Ich muss jetzt wirklich gehen«, sagte sie. »Ich habe Ihre Hilfe schon viel zu lange in Anspruch genommen.«

»Ach was«, beharrte Julius und stand ebenfalls auf. »Sie sind ohnmächtig geworden. Ich will erst sehen, dass Sie sich vollständig erholt haben.«

»Ich habe mich vollständig ...« Das Schiff schlingerte. Anna verlor den Halt und strauchelte, im letzten Augenblick fing Julius sie auf. Sein Körper war fest und warm. Sie roch Tabak und Seife. Hastig machte sie sich von ihm los. »Entschuldigen Sie bitte«, stieß sie hervor und errötete schon wieder wie ein junges Mädchen.

Julius lächelte sie an. »Es ist nichts passiert«, sagte er und deutete auf den gepolsterten Hocker neben dem Tisch. »Setzen Sie sich wieder, ruhen Sie sich noch einen kleinen Moment aus, ich bitte Sie. Und trinken Sie endlich ein Tässchen von meinem guten Darjeeling. Dann - und nur dann - lasse ich Sie gehen.«

Anna gab nach und setzte sich, für die nächsten Atemzüge schwieg sie. Während sie mit unruhigen Fingern ihren einfachen blauen Rock ordnete, schaute sie sich verstohlen um. Das also war eine Kajüte. Sie legte eine Hand auf einen Fleck an ihrem Jackenärmel. Wie unaussprechlich schäbig sie doch aussah verglichen allein mit der Ausstattung dieser kleinen Kammer. Sie trug ihre besten Kleider, aber diese nahmen sich gegen die gepflegte Einrichtung von Julius Meyers Unterkunft einfach nur grob aus. Wie sie roch, wollte sie sich gar nicht erst ausmalen. Gelegenheiten zum Waschen hatte es bisher nur wenige gegeben. Rasch tastete Anna nach dem Knoten, der ihr dickes braunes und leider vom Salzwasser verklebtes Haar bändigte.

»Und?« Julius reichte ihr erneut die Teetasse. Offenbar war er nicht gewillt aufzugeben. Anna nahm einen kleinen Schluck. Der Tee schmeckte ungewohnt, leicht malzig. Bisher hatte sie nur das Kräutergebräu ihrer Mutter getrunken. »Wohin wird Sie die Reise führen?«, fragte er.

Anna holte tief Luft. »Ich bin auf dem Weg nach Buenos Aires.« Sie schaute in Julius Meyers Augen und wusste nicht recht, warum sie die nächsten Worte hinzufügte. »Zu meinem Ehemann.«

Bei gutem Wetter, und so es der Kapitän erlaubte, verbrachten die Reisenden ihre Zeit gerne an Deck. Bis auf wenige Ausnahmen - ein älterer Mann schien fest entschlossen, die Schiffsfahrt weitgehend schlafend in seiner Koje zu verbringen - ließ sich gewöhnlich niemand die Gelegenheit entgehen, frische Luft zu schnappen. Auch an diesem Tag hatte sich ein buntes Völkchen an Deck versammelt, suchte sich seinen beengten Platz zwischen dem Kajütengang und den Schafställen, die mit hundert und mehr Böcken angefüllt waren. Die Schafe waren nicht die einzigen Tiere an Bord. Es gab auch achtzig Hühner sowie drei Schweine, die, vom Kapitän freigelassen, jeden Morgen einen Spaziergang über Deck machten.

Neben dem fünfundzwanzigjährigen Julius Meyer reisten zwei junge Kaufleute auf der Kosmos, außerdem ein Naturkundler, Maler und Weltreisender, wie er sich vorgestellt hatte, namens Theodor Habich, der neue Pflanzen zu entdecken hoffte, der Geograph Paul Claussen, dessen Ausrüstung die Kinder an Bord in Staunen versetzte und der jeden weißen Fleck auf der Landkarte als persönliche Beleidigung empfand, und der wortkarge rothaarige Jens Jensen mit der blassen Haut, der als Beruf stolz Müßiggänger angab. Daneben gab es Kleinbauern wie die Prenzls mit ihren sechs Kindern oder die reicheren Wielands, die nur zwei Kinder hatten, und denen im Übrigen der Ratschlag des Arztes nichts gebracht hatte, denn auch sie hatten in den ersten zwei Wochen immer wieder ihr Essen von sich gegeben. Dazu fanden sich Tagelöhner, Dienstmägde und Knechte und noch einige mehr, von denen Anna nichts wusste, Männer und Frauen, jüngere und ältere, Kinder und sogar Greise.

In Bremerhaven war diese zufällige Reisegesellschaft erstmals zusammengekommen. 1827 von der Hansestadt Bremen gegründet, wurde Bremerhaven rasch zu einem Auswandererhafen von Ruf. Die Bremer Schiffe galten als sicher. Mit dem 1848 errichteten Auswandererhaus hatten auch die weniger Vermögenden die Möglichkeit, vor der Abfahrt zu günstigen Preisen eine saubere Unterkunft zu erhalten.

Wie lange die Reise letztendlich dauern würde, wusste allerdings keiner so genau.

»Sechzehn Wochen«, hatte Theodor Habich mit Überzeugung gesagt, und die meisten Passagiere tendierten dazu, dem erfahrenen Reisenden Glauben zu schenken.

»Und wenn der Kahn seine menschliche Fracht ausgespuckt hat, dann lädt der Kapitän Weizen, Mais, Baumwolle, Tabak, Silber, und was die Neue Welt noch so hergibt, bringt's nach Europa, und der Reeder verdient sich dick und fett«, hatte Jens Jensen knurrend hinzugefügt und war wieder in Schweigen verfallen.

Bald ging das Gerücht, der Jensen sei einer, der vor der Obrigkeit fliehe, ein Demokrat womöglich. Jens Jensen selbst sagte dazu, wie zu erwarten, nichts. Er war, daran erinnerte sich Anna, als einer der Letzten an Bord gekommen. Kurz darauf hatten sie abgelegt.

Von der Wesermündung hatte die Kosmos Kurs auf die offene Nordsee genommen. Bald war die See unruhiger geworden. Zum ersten Mal hatte Anna mit etwas zu tun gehabt, das sich Seekrankheit nannte. Sie war nicht die Einzige gewesen, die sich würgend in den Nachttopf übergeben hatte.

Wenigstens hatte sie die Übelkeit so teilnahmslos werden lassen, dass sie kaum mehr auf die Schauergeschichten der Matrosen hören konnte. Manche dieser Seebären waren nämlich wahre Großmäuler, die den Landratten mit Erzählungen vom gefährlichen englischen Kanal, von Orkantiefs in der Biskaya und starken Strömungen Angst zu machen versuchten. Bedauerlicherweise gestattete es einem die Krankheit oft nicht, sich einen passenden Platz zum Erbrechen zu suchen, sodass es zuweilen den unglücklichen, jedoch ob der schrecklichen Übelkeit ebenso gleichgültigen Nachbarn traf.

Mit Mühen und doch glücklich hatten sie den Kanal passiert. Jemand hatte Anna auf die beiden Leuchttürme von Dover aufmerksam gemacht und auf die englische Kreideküste, die von ferne wie aus Schnee geformt aussah. Vorbei war es gegangen an den für die Strandräuberei berüchtigten Scilly-Inseln, und in der Biskaya hatten sie tatsächlich den ersten schweren Sturm erlebt, um dann auf den Spuren des Nordostpassats die südliche Route einzuschlagen.

Seit mehr als einem Monat war die Kosmos nun schon unterwegs, und auch die, die gerne an Deck gingen, dort schliefen oder aßen, verbrachten gezwungenermaßen einen Großteil ihrer Zeit in jenen engen Kojen im Zwischendeck. Eine Koje war für fünf Personen eingerichtet. Zählte eine Familie wie die der Prenzls mehr Mitglieder, so wurden die überzähligen in der nächsten Koje untergebracht. Zwischen den Kojen waren Kisten und Koffer gestapelt. Mancher Reisende hatte zudem Wäsche zum Trocknen aufgehängt, was ein Übriges dazutat, die Enge noch drangvoller werden zu lassen.

Gegen sechs Uhr morgens wurde geweckt. Man kleidete sich an, entleerte das Nachtgeschirr und sammelte Gegenstände ein, die über Nacht ihren angestammten Platz verlassen hatten. Ein Steward überwachte das Säubern der Räume. Manchmal wurde das Zwischendeck, um die Luft zu verbessern, mit Wacholderzweigen oder Teer ausgeräuchert.

Zum Frühstück reichte man Getreidekaffee, Tee und Brot. Der Speiseplan der einfachen Reisenden sah die schweren Schiffskekse und Schwarzbrot vor, so hart, dass man es erst mit dem Hammer entzweischlagen musste und dann einweichen, um sich nicht die Zähne auszubeißen. Außerdem gab es Hülsen- und Trockenfrüchte, Getreidebrei, manchmal Speck, Salzfleisch, Pökelfleisch, Bratfische und Hering. Obwohl jedem Reisenden laut Verordnung pro Tag zweieinhalb Liter Süßwasser zur Verfügung standen, betonte Jens Jensen, dass keiner von ihnen jemals so viel erhalten hatte.

»Aber unter dem Duckmäuservolk«, höhnte er dann, bevor er wieder in sein übliches Schweigen verfiel, »gibt es ja keinen, der sich dagegen wehren würde.«

Allen Schwierigkeiten und aller Enge zum Trotz war das Zwischendeck schon bald, und insbesondere bei schlechtem Wetter, zu ihrer aller Wohnstube geworden. Hier saß man beisammen, erzählte oder musizierte, aß und trank. Hier schwoll zu solchen Zeiten der Lärm an, das Lachen, Toben, und Kindergeschrei. Und hier hatte sich auch eins der Prenzl-Kinder eine Ohrfeige eingehandelt, bis sich Frieda Prenzl mit ihrer kleinen quadratischen Gestalt vor dem Übeltäter, einem vierschrötigen Mann namens Michel Renz aufbaute und ihn anfuhr, nur sie habe das Recht, ihre Kinder zu strafen. Frieda aber, das wussten alle, schlug ihre Kinder nie.

Leichter war's trotz allem, wenn das Wetter gut war. Nach einer Flaute von drei Tagen nach dem großen Sturm war an diesem Tag endlich wieder Wind aufgekommen. Während einige Passagiere auf den Planken in der Sonne beieinandersaßen, denn bis auf eine Bank und wenige Stühle, die meist von den Kajütspassagieren in Beschlag genommen wurden, gab es keine Sitzgelegenheiten, andere schweigend über das Deck flanierten oder mit dem Nachbarn schwatzten und sich beim neuesten Bordklatsch entspannten, jagten die Kinder hintereinander her oder spielten Verstecken zwischen den Tauen. Ein paar nutzten die Gelegenheit, Bohnenkaffee gegen Alkohol zu tauschen. Julius Meyer spielte Schach gegen den Geographen Paul Claussen.

Mit dem Ärmel ihrer Bluse wischte sich Anna den Schweiß von der Stirn. In den letzten Tagen war es schrecklich heiß gewesen, schwüler, als sie es je zuvor erlebt hatte, aber man gewöhnte sich an vieles: an Übelkeit und schlechtes Essen, an zu viele Menschen und zu wenig Raum, an nächtlichen Lärm, daran, sich auf einem schwankenden Schiff zu bewegen, ohne den Halt zu verlieren oder auf dem meist feuchten Deck auszurutschen, und eben auch an zu große Hitze.

Heute hatten die Stewards getrocknete Pflaumen, etwas Butter und Mehl ausgegeben. Langsam aß Anna eine der süßen Früchte nach der anderen und trank immer wieder in kleinen Schlucken Wasser dazu.

Während sich andere Passagiere zuweilen über die Eintönigkeit des Speiseplans beschwerten, störte Anna sich nicht daran. Sie war es von zu Hause nie anders gewohnt gewesen. Von Julius Meyer wusste sie zwar, dass der Kapitän auch größere Mengen Tee, Kakao und Honig sowie kleinere Mengen an Wein und Bier an Bord hatte, die jedoch waren, ebenso wie das mitgeführte Frischfleisch, für den Tisch der Kajütspassagiere bestimmt, und es ließ sie gleichgültig. Reisende wie die Wielands hatten sich selbst mit einem großzügigen Vorrat an Wurst, Speck, Käse und sogar Marmelade bedacht, den Frau Wieland mit Argusaugen bewachte.

Anna beobachtete Frieda Prenzl, die ihren Pflaumenvorrat in eine Blechschüssel gab, Butter und Mehl und ein Ei hinzufügte, das sie mit dem ihr eigenen Geschick irgendwo aufgetrieben hatte. Energisch knetete sie die Mischung und formte eine Teigrolle von etwa einer halben Elle Länge daraus, die schließlich in einem Kessel mit heißem Wasser gegart werden sollte.

»Bei uns gibt's heute Pflaumenstrudel«, rief sie fröhlich-resolut aus.

Anna lachte. Frieda ließ sich einfach von nichts die Laune verderben, doch nicht allen Reisenden ging das so. Je länger sie unterwegs waren, desto häufiger kam es zu Streit, und auch jetzt wieder wurden Stimmen in der Nähe lauter. Manchmal hatte Anna ein ungutes Gefühl dabei, auf so engem Raum mit so vielen Leuten zusammen zu sein, ohne auch nur die geringste Möglichkeit zur Flucht. Der Gedanke trieb ihr ein Lächeln auf das Gesicht. Sie steckte die letzte Pflaume in den Mund. Flucht - das war ja nun wirklich albern. Vor wem oder was sollte sie fliehen müssen?

Zweites Kapitel

»Das ist mein Platz.«

Anna zuckte zusammen. Woche um Woche seit jenem Sturm, der sie fast das Leben gekostet hatte, hatte sie dieses Plätzchen am späten Nachmittag aufgesucht. Manchmal war sie Julius Meyer begegnet. Manchmal hatten sie kurz miteinander gesprochen. Manchmal hatten sie einander nur zugenickt. Häufig war sie nach einem solchen Treffen mit jenem seltsamen Gefühl, das sie nicht benennen konnte, zurück zu ihrem Lager geeilt.

Sie drehte sich um. Nur wenige Schritte entfernt von ihr stand eine recht große, gertenschlanke Frau, deren Taille atemberaubend eng geschnürt war und die eine imposante Krinoline ihr Eigen nannte. Auf dem gescheitelten, im Nacken zusammengenommenen blonden Haar der Dame saß ein kleiner Strohhut, der unter dem Kinn mit einem blauen Band befestigt worden war. Stumm starrte Anna ihr Gegenüber an. Ein herausforderndes Lächeln auf den rosigen Lippen, trat die Frau einen Schritt näher. Bevor sie noch wusste, was sie tat, hatte Anna unsicher die Hände von der Reling gelöst.

»Das ist mein Platz!«, wiederholte die Blonde mit fester Stimme.

Anna musste sich auf die Lippen beißen, um sich nicht gewohnheitsmäßig zu entschuldigen.

Dies hier ist nicht Frau Bethge, ermahnte sie sich selbst, dies ist nicht deine alte Arbeitgeberin. Ich habe genauso viel Recht, hier zu stehen, wie diese Fremde. Wir sind beide Passagiere, haben beide für die Fahrt bezahlt.

Trotzdem wandte sie sich ab, während sie schon fieberhaft überlegte, ob und wo ihr diese Dame schon einmal aufgefallen war. Die ersten paar Schritte entfernte sie sich mit gesenktem Blick, dann straffte sie den Rücken. Sie würde gehen, aber sie wollte nicht vergessen zu betonen, dass sie jedes Recht gehabt hatte, dort zu stehen.

»Anna Weinbrenner?«, rief da eine nur zu bekannte Männerstimme.

Julius ... Anna beschleunigte ihren Rückzug. Sie wollte ihm nicht entgegentreten, während die andere Frau zugegen war. Diese Frau und er passten zueinander. Sicherlich kannten sie sich, waren sich in den Räumlichkeiten begegnet, die den Bessergestellten vorbehalten waren. Eilig strebte sie um die nächste Ecke. Die Stimmen hinter ihr wurden mit einem Mal lauter. Meyer und die Fremde sprachen tatsächlich miteinander. Der Wortwechsel klang heftig. Anna blieb stehen und horchte, konnte jedoch ärgerlicherweise keines der Worte ausmachen. Sie überlegte, ob sie sich umdrehen sollte, doch schon im nächsten Moment erweckte Geschrei auf dem Deck weiter vorne, nahe des Bugspriets, ihre Aufmerksamkeit. Manchmal machten sich die Matrosen, die gerade am Steuerruder standen, den Spaß, das Schiff schnell gegen die Wellen zu wenden und die am Bug Stehenden mit einem kalten Meeresguss zu beschenken, doch jetzt ging es wohl um etwas anderes.

»Diebe, Diebe, ich wurde bestohlen!«

Anna reckte den Hals. Einige ihrer Mitreisenden hatten sich schon in kleinen Gruppen gesammelt und redeten aufgeregt aufeinander ein. Die Stimme gehörte zu jenem vierschrötigen Mann mit Namen Michel Renz, der damals eines der Prenzl-Kinder geschlagen hatte. Das Gesicht wutrot, stemmte er die Hände in die Seiten. Frau Wieland, die in den letzten Tagen wieder arg unter Seekrankheit gelitten hatte, hielt ihre zwei heulenden Kinder mit den Armen umschlungen.

»Wer hat etwas gesehen?«, rief ein drahtiger Mann mit hohen, pockennarbigen Wangenknochen und blassblauen Augen.

»Ich weiß nicht, es ging so schnell«, piepste eines von Friedas kleinen Blondschöpfchen.

Eine Bewegung hinter einem Stapel alter Seile weckte mit einem Mal Annas Aufmerksamkeit. Ein schmaler, dunkelhaariger Junge, den sie zuvor noch nie gesehen zu haben meinte, versteckte sich dort. Sie wollte eben rufen, da schaute der Pockennarbige unvermittelt zu ihr hinüber. Anna überlief es kalt. Piet Stedefreund hieß der Mann, fiel ihr jetzt ein, ein Freund von diesem Michel. Wo der eine war, war der andere nie weit. Annas Mund klappte zu. Piet starrte sie immer noch an. Noch nie zuvor hatte sie solch gefühllose Augen gesehen. Der Mann ließ sie schaudern.

»Hast du etwas gesehen?«, rief er ihr jetzt zu.

Anna zwang sich, nicht zum Versteck des Jungen hinzusehen. Vielleicht war es nicht recht, was er getan hatte, aber sie konnte sich nicht überwinden, ihn zu verraten. Michel, dessen Gesicht immer noch wutrot war, sah jetzt ebenfalls zu ihr hinüber. Er war ihr schon mehrmals unangenehm aufgefallen. Bei jeder Essensausgabe drängte er sich nach vorn, Schwächeren nahm er ab, was ihm mundete. Wenn Piet und er Langeweile hatten, suchten sie Streit, und wehe demjenigen, der dann in ihre Fänge geriet. Anna schluckte trocken.

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf, froh darüber, dass ihre Stimme fest klang.

»Anna?«

Anna zuckte zusammen und drehte sich dann langsam um. Julius Meyer stand direkt hinter ihr.

»Herr Meyer.«

Sie deutete ein Kopfnicken an, das Julius Meyer mit einem Zucken der Mundwinkel quittierte. Sie konnte sich einfach nicht überwinden, ihn ebenfalls beim Vornamen zu nennen. Er war zu vornehm, war kein einfacher Reisender, wie sie es war. Seine Welt war nicht die ihre, das durfte sie nicht vergessen.

»Warum sind Sie weggelaufen?«, fragte er.

»Ich bin nicht ...«

»Ich weiß, dass Viktoria Furcht einflößend wirken kann«, fuhr er ungerührt fort, »aber sie beißt gewiss nicht.« Er lachte. »Darf ich Sie also bitten, sich wieder zu uns zu gesellen?«

Viktoria heißt die Fremde also, fuhr es Anna durch den Kopf, und ich habe Recht gehabt, er kennt sie. Sie wollte den Kopf schütteln, da bot ihr Julius Meyer schon seinen Arm an. Hitze stieg in ihre Wangen, als sie sich bei ihm unterhakte, froh, dem wütenden Michel und seinem unheimlichen Freund Piet entkommen zu können. Den ganzen Weg zurück hielt sie den Kopf gesenkt. Erst kurz bevor sie Viktoria erreichten, sah sie entschlossen auf.

Viktoria stand an der Reling, den Kopf zur Seite gewandt, und blickte auf das offene Meer hinaus. Der Wind zerrte an den Bändern ihres Strohhuts. Ein paar feine Strähnen ihres Haars hatten sich gelöst, wie flirrende Goldfäden wehten sie ihr ins Gesicht. Kurz sah Anna an der jungen Frau vorbei zum Horizont, wo Meer und Himmel untrennbar miteinander verschmolzen.

»Delfine«, rief Viktoria da aus. Julius Meyer ließ Annas Arm sofort los und eilte an ihre Seite.

»War nur ein Spaß.« Die blonde Viktoria lachte ihm mitten ins Gesicht.

Noch ein paar Schritte, und Anna hatte die beiden erreicht. Dieses Mal musterte Viktoria sie freundlicher. Ihre graublauen Augen funkelten übermütig.

»Viktoria Santos«, stellte sie sich vor und streckte Anna die Rechte entgegen. Ihr Griff war zupackender, als Anna erwartet hatte.

»Anna Weinbrenner«, erwiderte sie.

»Julius hat noch gar nichts von Ihnen erzählt.«

Viktoria hielt Annas Hand noch einen Moment länger fest, um sie dann sehr plötzlich loszulassen.

»Das tut mir leid, von Ihnen auch nicht«, parierte Anna.

Wortlos schaute Viktoria sie für einen Augenblick an, dann lachte sie hell auf.

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Anna Weinbrenner. Ich bin mir sicher, wir werden uns gut verstehen.«

Bald wusste Anna nicht mehr, wie es gewesen war, allein zu reisen. Mit der gleichaltrigen Viktoria und Julius - sie sprachen sich nun vollkommen ungezwungen mit Vornamen an - gab es so viel zu entdecken, so viel zu erfahren, so viele unglaubliche Geschichten zu erzählen, dass sie die gemeinsamen Stunden an Deck bald jeden Tag dringlicher herbeisehnte. In dieser Zeit konnte Anna ihre grobe Kleidung vergessen, die beim Versuch, sie mit Seewasser notdürftig zu säubern, ganz steif geworden war. In dieser Zeit war es einerlei, dass sie nur ein Blechgeschirr, eine einfache Matratze aus Seegras, die Kleidung, die sie am Leib trug, und den Winterumhang ihr Eigen nannte.

Eines Tages lud Julius Anna und Viktoria in seine Kajüte zum Tee. Anna hatte ablehnen wollen, Viktoria war beim Gedanken daran, etwas vielleicht nicht Verbotenes, aber möglicherweise Anrüchiges, in jedem Fall aber Unkonventionelles, zu tun, sofort Feuer und Flamme gewesen und hatte kein »Nein« gelten lassen. Julius hatte versprochen zu berichten, was er über das Ziel ihrer Reise wusste.

»Der erste Europäer, ein Spanier namens Juan Díaz de Solís«, begann er, »hat den La Plata Anfang des 16. Jahrhunderts erreicht. Über elf Jahre später ist der venezianische Entdecker Sebastian Cabot, angelockt von sagenumwobenen Erzählungen über ein an Silberschätzen reiches Königtum, im Dienste der spanischen Krone ins Landesinnere vorgestoßen, jedoch ohne das ersehnte Edelmetall zu finden. Wenige Jahre darauf ist es dann zu Pedro de Mendozas Aufgabe geworden, das sagenumwobene Land am Silberfluss für die Krone zu erschließen. Die größte Flotte - sechzehn Schiffe und tausendsechshundert Seeleute -, die bis dahin nach Amerika entsandt worden war, hat sich auf den Weg gemacht. Mendoza gründete die Siedlung, aus der später Buenos Aires werden sollte, und nannte sie zu Ehren der heiligen Maria und wegen der an der La-Plata-Mündung herrschenden frischen Meereswinde Puerto de Nuestra Señora Santa María del Buen Ayre. Doch auch dieses Unternehmen stand unter keinem guten Stern: Auf der südlichen Halbkugel ging der Sommer zur Neige, und die Ernährungslage wurde kritisch. Indianer belagerten den Stützpunkt, Hunger und Krankheit breiteten sich aus.« Viktoria und Anna sogen hörbar Luft ein. »Es heißt, die letzten Überlebenden hätten ihre toten Kameraden verspeist«, endete Julius mit gesenkter Stimme.

»Wie furchtbar«, hauchte Viktoria, während Anna wortlos schauderte.

Julius fuhr fort zu erzählen. »1573 ist eine weitere Expedition unter dem Befehl des erfahrenen Offiziers Juan de Garay in Asunción gestartet, die den Río Paraná nunmehr stromabwärts fuhr. Acht Jahre später gründete Garay an der Stelle, die 1541 von den Überlebenden der Expedition Mendozas aufgegeben worden war, neuerlich die Stadt Buenos Aires. Mit dieser Gründung war die spanische Herrschaft am La Plata endgültig. Es hatte fast sechzig Jahre gedauert.« Julius hob die Kanne. »Noch etwas Tee?«, fragte er.

Viktoria schüttelte den Kopf. Anna hielt ihm ihre Tasse hin. Während sie das feine Porzellan in ihrer Hand betrachtete, musste sie mit einem Mal an ihren Vater denken und seine verzweifelte Wut darüber, dass einem die Arbeit in der Heimat zu wenig zum Leben ließ und zu viel zum Sterben. Früher hatten sie einmal einen Bauernhof besessen, doch das Land war durch Generationen der Erbteilung klein geworden, bis man keine Familie mehr darauf ernähren konnte. Auch der Nebenerwerb war letztendlich durch den Fortschritt sinnlos gemacht worden und hatte zu wenig Geld eingebracht - was hatte es da noch genutzt, wenn die Mutter, die Schwester Lenchen und sie Abend für Abend genäht hatten, es war trotzdem immer weiter bergab gegangen. Und dann hatte einer sich erinnert, dass schon einmal einige Familien aus Bingen ins Silberland aufgebrochen waren, um in Santa Fe, am unteren Lauf des Río Paraná, eine neue Heimat zu finden.

Anna starrte durch das Bullauge, das einen verschwommenen Blick nach draußen ermöglichte: Argentinien, Silberland - klang das nicht wie ein Versprechen? Doch was verbarg sich dahinter? Was würde ihnen dieses Land wirklich bringen?

Drittes Kapitel

Julius stand an der Reling und blickte über die weite Wasserfläche hinweg. Das Wetter auf dem Meer wechselte schnell. Sonnenschein folgte auf Regen. An einem Tag mussten wegen zu viel Wind die Segel gerefft werden, am nächsten konnte es schon wieder windstill sein und nichts mehr ging voran. Seit einigen Tagen nun hatte der Wind wieder einmal abgenommen, und heute breitete sich die Wasserfläche beinahe spiegelglatt vor ihm aus. Manch einer hatte die Stirn sorgenvoll gerunzelt. Es herrschte Windstille, unerträgliche Windstille, und in der Mannschaft - das hatte Julius bemerkt - war die Stimmung gereizt. Nichts mehr ging voran, auch auf Deck war kaum eine Bewegung festzustellen.

Das Schiff befand sich nunmehr auf Äquatorhöhe - vor einigen Tagen hatte unter großem Beifall und unter Einsatz von Teer und Seife die Äquatortaufe stattgefunden, bei der auch mit Wasser nicht gespart worden war. Jetzt hatte die Kosmos die so genannten Rossbreiten erreicht. Mit unbarmherziger Macht brannte die Sonne auf das Schiff nieder. Eine bleierne, drückende Schwüle lag über dem Deck, und wer nicht arbeiten musste, suchte irgendwo Schatten, um der Hitze zu entkommen. So still war es, dass es schien, die Kosmos sei zu einem Geisterschiff geworden. Dabei hatten sie vor Tagen noch ein anderes Schiff getroffen; ein denkwürdiges Schauspiel in einer solchen Wasserwüste. Erst war das fremde Schiff etwa einen Büchsenschuss entfernt gewesen, wenig später war es in nur dreißig Schritt Entfernung an ihnen vorbeigezogen. Die Flagge hatte es als Amerikaner ausgewiesen. Man hatte einander zugewinkt, und manch einer hatte noch über diese Begegnung gewispert, als der glänzende weiße Punkt längst am Horizont verschwunden war.

In jedem Fall war an diesem Tag der Himmel kräftig blau. Nur wenige Schleierwolken waren am Firmament auszumachen. Unschlüssig drehte Julius das Buch, das er sich aus der Kajüte mitgenommen hatte, in den Händen. Er hatte den Reisebericht, der ihm das fremde Land, in das er reiste, näherbringen sollte, noch in Hamburg erstanden.

Argentinien, das Silberland, Río de la Plata, der Silberfluss. Julius seufzte. Sein Vater hatte ihn von der Reise abbringen wollen, das Geld hatte ihm seine Mutter heimlich geliehen, er schwor sich, es ihr auf Heller und Pfennig zurückzuzahlen. Für einen Moment erschien ihr Gesicht vor seinem geistigen Auge. Würde er sein Wort wohl halten können? Sicher, er war nicht sonderlich verlässlich gewesen in den letzten Jahren, hatte viel getan, was den Vater gegen ihn aufgebracht hatte, aber das würde sich ändern. Er war ein Kaufmannssohn, er kannte das Geschäft, hatte sich die Hörner abgestoßen. Und Anna hatte Recht: Silberland, Silberfluss - klangen nicht schon diese Namen wie ein Glücksversprechen? Kurz musste er schmunzeln.

Als vor einigen Tagen ein paar Frauen nach Süßwasser verlangt hatten, denn bei Salzwasser wollte das Seifen wenig nutzen, hatte ihnen einer der Matrosen grinsend beschieden: »Ach was, lasst die Flecken doch im Zeug. Einmal an eurem Bestimmungsort, legt ihr es dann einfach in den Fluss. Ohne dass ihr euch abmüht, ist es in einer halben Stunde silberrein - oder wie hätte der Silberstrom sonst seinen Namen bekommen?«

Julius verstaute das Buch in der Rocktasche und zog unruhig die Taschenuhr hervor, um die Uhrzeit zu überprüfen. Wo die jungen Frauen nur blieben, oder wollten sie einfach in Viktorias großzügiger Kajüte bleiben? Das konnte er sich nicht vorstellen. Schließlich war am Tag zuvor mittags eine Gruppe von Schweinswalen am Schiff vorbeigezogen, und sowohl Anna als auch Viktoria hatten sich beeindruckt gezeigt - und erpicht darauf, weitere solcher Beobachtungen zu machen. Haifische waren mittlerweile schon häufiger zu sehen gewesen, und einige Passagiere und Besatzungsmitglieder versuchten ihr Glück beim Fang.

Der junge Kaufmann suchte in seinen Rocktaschen nach einer Zigarre und entzündete sie sorgsam mit einem Zündholz. Konzentriert schmauchte er die ersten Züge. Dann ließ er noch einmal den Blick über das Deck schweifen, beobachtete Herrn Prenzl mit seinen Söhnen, die aufgeregt aufeinander einsprachen, sah eine junge, hochschwangere Frau aufs Meer hinausstarren.

Warum waren sie alle hier? Wer hatte sie zum Träumen gebracht? Waren sie von Reiseagenten angesprochen worden, oder hatten sie selbst einen solchen angesprochen? Was erwartete sie dort drüben? Würde sich erfüllen, was sie sich erhofft hatten?

»Man braucht doch nichts als ein paar starke Arme und einen Kopf voller Ideen«, rief jetzt einer der jungen Kaufleute lachend aus, »dann können auch die kühnsten Träume wahr werden.«

Ein paar stimmten ihm zu. Viele Gesichter blickten ernst drein. Der fehlende Wind hatte sich drückend auf einige Gemüter gelegt, und auch der Kapitän musterte den Horizont öfter als gewöhnlich.

Seufzend drehte Julius sich wieder zu der spiegelblanken Wasserfläche. Am ersten Tag mochte ihm Anna Weinbrenner nicht aufgefallen sein, jetzt aber konnte er sie nicht mehr vergessen. Sein ganzes Leben lang hatte er nur Mädchen wie Viktoria gekannt. Niemals hatte sein Weg den einer Anna Weinbrenner gekreuzt, und wenn er ehrlich war, er hätte sich auch kaum dafür interessiert.

War sein Leben nicht vorgezeichnet gewesen? Der Einstieg in das Geschäft des Vaters, die Heirat mit einer wohlhabenden Erbin, Kinder, vielleicht Liebe oder die Erfüllung des sexuellen Triebs in Etablissements, über die Männer prahlten und von denen die Damen errötend und hinter vorgehaltener Hand sprachen.

Julius schmauchte noch ein paar Züge seiner Zigarre, blies Ringe in die Luft. Seine Eltern hatten sogar schon eine junge Frau ausgesucht gehabt, die Tochter eines Geschäftspartners. Später hätte man dann beide Firmen zum Ruhm beider Familien zusammenlegen können. Er schnalzte verächtlich: Geld und Reichtum, Ansehen und »was die Leute denken« - das, und nur das, war wichtig gewesen für César und Ottilie Meyer.

Nun ja, es war wichtig für seinen Vater gewesen, denn seine Mutter hatte ihm vertraut, sonst wäre er jetzt nicht auf dem Schiff. Sie hatte ihm Geld geliehen, hatte sich gegen den Vater gestellt, und damit war alles anders gekommen. Zum ersten Mal fuhr es Julius durch den Kopf, dass seine Mutter eine mutige Frau war.

Ob sich das Entsetzen über die sitzen gelassene Braut gelegt hatte? Wie ein Dieb hatte er sich nach Bremen abgesetzt, um ein Schiff von Bremerhaven aus zu nehmen und nicht von Hamburg, wo der Vater seine Spione hatte. Ob es den Vater Geld gekostet hatte, die Familie der Braut zu entschädigen?

Julius nahm neuerlich einen Zug von seiner Zigarre. Das wird er mir nie verzeihen, dachte er. Wenigstens hatte ihm seine Braut verziehen, als er sie von seinem Vorhaben informierte, denn die hatte ihn ohnehin nicht heiraten wollen. Nein, er konnte nicht sagen, was ihn dazu gebracht hatte, die Pläne seines Vaters zu durchkreuzen. Vielleicht war es ein Streit zu viel gewesen, den der alte Patriarch vom Zaun gebrochen hatte. Eine weitere Drohung, die Julius nicht hatte hinnehmen wollen.

César Meyer hatte Prinzipien, und er hasste es, wenn man seinen Vorstellungen zuwiderhandelte. Aber aus Julius Meyer war irgendwann ein Mann geworden, der es seinerseits hasste, sich alles sagen lassen zu müssen. Deshalb hatte er das Haus seines Vaters verlassen, deshalb hatte er die Gelegenheit beim Schopf gegriffen, als er von den Möglichkeiten in Südamerika gehört hatte, und sich eingeschifft.

Julius verschränkte die Arme vor der Brust. Was würde der Vater wohl sagen, wenn er ihn jetzt so sehen könnte? Würde er sagen: Das wird nichts, komm zurück, ich gebe dir alles, was du brauchst? Seine Augen verengten sich. Aber er wollte nichts von seinem Vater. Er wollte seinen eigenen Weg gehen, und wenn es dann so weit war und er Erfolg gehabt hatte, würde er seiner Mutter das geliehene Geld zurückzahlen und dem Vater stolz entgegentreten.

In gewisser Weise, befand Julius, waren Anna und er in einer ähnlichen Lage. Beide wussten sie nicht, was das Leben drüben für sie bereithielt.

Viertes Kapitel

Viktoria saß auf dem Bettrand, stellte die bestrumpften Füße auf den Sitzhocker und bewegte die Zehenspitzen. Eben noch hatte sie eine Schlingerbewegung des Schiffs aus dem Gleichgewicht gebracht, seit den Morgenstunden dieses neuen Tages wehte wieder ein kräftigerer Wind.

»Dein Mann ist dir also auch vorausgereist?« Viktoria beugte sich vor und umfasste ihre Füße. »Warum?«

Sie wartete einen kurzen Moment, zu kurz, um Anna die Möglichkeit zu geben zu antworten. Dann ließ sie ihre Füße wieder los und setzte sich gerader auf.

»Mein Humberto jedenfalls konnte einfach nicht länger warten. Er musste nach Hause. Sein Vater besitzt eine große Estancia in der Nähe von ... Himmel«, Viktoria schüttelte halb lachend, halb ärgerlich den Kopf, »ich kann mir den Namen einfach nicht merken. Sie liegt im Nordwesten. Jedenfalls musste Humberto zurück, um seinem Vater zu helfen. Der alte Herr ist einfach nicht mehr der Jüngste, und auf so einer großen Estancia gibt es offenbar immer viel Arbeit.« Sie reckte den Nacken. »Mama wollte zuerst nicht, dass ich allein reise, aber ich konnte Papa überreden. Nachdem ich ihnen dann telegrafierte, dass ich Julius getroffen habe, waren sie sicher vollkommen beruhigt.«

Anna musste sich auf die Lippen beißen, um nicht zu fragen, woher genau Julius und Viktoria einander kannten. Sie waren so vertraut miteinander, wie sie es mit den beiden, trotz aller Zeit, die sie miteinander verbrachten, bestimmt nie sein würde.

Ein neuerliches Schlingern brachte die beiden jungen Frauen aus dem Gleichgewicht. Lachend hielt sich Viktoria mit beiden Händen an der Bettkante fest.

Sie lacht viel, dachte Anna, als gäbe es nichts, worum man sich sorgen musste. Aber wahrscheinlich hatte sich Viktoria tatsächlich niemals um irgendetwas sorgen müssen. Jedenfalls schien sie nie gedrückter Stimmung zu sein, und der Vorrat an Geschichten um versunkene Städte, Seejungfrauen und fliegende Holländer ging ihr ebenfalls nicht aus.

Anna unterdrückte einen Seufzer und dachte an Kaleb, ihren Mann, der ihr vorausgereist war, und an jenen letzten Tag, an dem sie sich zum Abschied geliebt hatten. Anders als sonst hatten sie nicht in der drangvollen Enge des kleinen Bauernhauses miteinander geschlafen, ständig darauf bedacht, niemanden zu stören oder gar zu wecken, sondern in einer Scheune, ein Ort, den Kaleb für sie beide ausgesucht hatte. Es war sehr kalt gewesen, und zuerst war es Anna schwergefallen, sich zu entspannen, aus Angst, der Besitzer könne kommen, doch mithilfe Kalebs sanfter dunkler Stimme war es schließlich gelungen. Ob Kaleb sich sorgte, weil er seine Frau hatte zurücklassen müssen? Anna blickte nachdenklich in das Licht von Viktorias Öllampe, die mit den Wellenbewegungen schwankte.

Aber es hatte ja keine andere Möglichkeit gegeben. Es hatte ja nichts genutzt, mit dem Schicksal zu hadern. Ihr Vater und ihr Mann hatten den Weg in die Neue Welt antreten müssen, um denen, die noch folgten, den Weg zu ebnen. Ihre Mutter und ihre jüngere Schwester hätte man niemals allein zurücklassen können, die Brüder, die keine Arbeit mehr gehabt hatten, ebenso wenig. Frau Bethge, für die Anna gearbeitet hatte, hatte dagegen versprochen, gut auf Anna aufzupassen. Die Entscheidung war richtig gewesen. Anna hatte keine Furcht gehabt, und da noch Geld für eine Überfahrt gefehlt hatte, auch gar keine andere Wahl.

Und doch, fragte sie sich jetzt nicht zum ersten Mal ängstlich, was sie in der Neuen Welt erwarten mochte. Es gab so viel Gerede. Die so genannten Estancias, von denen auch Viktoria ihr berichtet hatte, sollten größer sein als der größte Bauernhof, den sie kannte. In der Pampa, einem weiten Grasland bei Buenos Aires, gab es so viele Rinder und Pferde, dass man sie kaum zählen konnte. Auch die Ärmsten, hieß es, aßen dort jeden Tag Fleisch. In den Bergen, zur chilenischen Grenze hin, förderte man den begehrten Salpeter. In Bolivien fand sich Silber, das über das argentinische Hochland an die Küsten gebracht wurde. Auf den Mutigen, hieß es, warte das Glück.

Für einen Moment schaute Anna Viktorias knöchelhohe Stiefel an, die mit einer langen Reihe von perlenartigen Knöpfen verschlossen wurden und die ihre Besitzerin achtlos in eine Ecke der Kajüte geworfen hatte. Da Viktorias Mundwerk selten still stand, hatte Anna mittlerweile einiges über die mitreisenden Kajütspassagiere erfahren. Einer der Kaufleute war angeblich ein Betrüger auf der Flucht vor dem Gesetz, zwei weitere Frauen waren auf dem Weg zu ihren Ehemännern. Der Geograph Paul Claussen hoffte darauf, den südlichsten Punkt der Welt zu erreichen.

Einige Wochen noch, dachte Anna, dann würde ihre gemeinsame Reise zu Ende sein. Längst hatten sie den größten Teil der Strecke hinter sich gebracht. Sie hatten Madeira und die Azoren passiert, waren in mehrere Stürme geraten, um dann in der Nähe des Äquators bei Windstille liegen zu bleiben. Sie hatten Jamaika von Ferne gesehen, während die Hitze das Pech aus den Fugen hatte tropfen lassen. Einmal war ein Schiffswrack an ihnen vorbeigetrieben, das Gerippe von Muscheln besetzt, und hatte sie alle daran erinnert, auf welch gefährlicher Fahrt sie sich befanden. Sie hatten herrlich ruhige Abende auf dem Schiff verlebt, zu denen die See im Licht des sternenübersäten Himmels gefunkelt hatte. Manchmal hatte Anna jedoch Bäume vermisst. Manchmal hatte sie sich gewünscht, aus dem Verdeck möge ein blühender Apfelbaum emporwachsen.

»Hörst du das?«

Anna blickte auf, als Viktoria nunmehr mit einem kleinen Freudenlaut aufsprang, und runzelte die Augenbrauen.

»Na«, Viktoria wies auf die Uhr in ihrer Kajüte, »Julius kommt.« Sie wandte sich an ihr Mädchen: »Käthe, sorg bitte für Tee und Gebäck.«

Wenig später stand Julius tatsächlich vor ihnen. Mit eleganter Geste wies Viktoria ihm einen Schemel zu, während sich Anna mit ihrem bald unsicher in Richtung Tür zurückzog. Sie war die Frau eines einfachen Landarbeiters. Zu Gelegenheiten wie dieser war ihr das nur zu deutlich. Unter halb gesenkten Lidern hervor beobachtete sie Julius und Viktoria. Julius hatte offenbar einen Spaziergang an Deck gemacht. Sein Haar war zerzaust. Auf seiner Kleidung konnte man Salzränder ausmachen, denn der Wellengang war stärker, seit der Wind wieder kräftig wehte. Schmunzelnd blickte er auf Viktorias Füße.

»Sie empfangen mich ohne Schuhe, meine Dame? Was wird Humberto Santos aus Salta wohl dazu sagen?«

Viktoria warf Julius einen langen Blick unter ihren geschwungenen Wimpern hervor zu. Ihr Mund formte sich zu einem allerliebsten Lächeln.

»Mein Mann liebt mich, so wie ich bin, Herr Meyer«, sagte sie dann und zwinkerte Julius zu. »Würdest du mir bitte aufhelfen?«, bat sie ihn im nächsten Moment und streckte ihm die Hand hin.

Sie flirtet mit ihm, schoss es Anna durch den Kopf. Sie ist eine verheiratete Frau und flirtet mit einem fremden Mann.

»Etwas Tee?«, flötete Viktoria dann, wieder ganz höhere Tochter, und fügte hinzu: »Salta, wie kannst du dir diesen Namen nur merken?«

»Salta ...« Julius nahm die Tasse entgegen. »Einfach wie Salz auf Englisch und dann noch ein A dran. Aber du hast sicherlich Französisch gelernt, nicht wahr?«

»Mais oui.« Viktoria lächelte Julius an. »Zucker?«

Als sie ihm die Zuckerdose reichte, berührten sich ihre Hände. Anna bemerkte, wie sie sich versteifte, fühlte mit einem Mal Neid in sich aufsteigen, der sie verwirrte. Was sollte das, war sie nicht mehr zufrieden mit dem, was sie hatte? Sie war immer stolz auf das gewesen, was sie mit eigener Hände Arbeit hatte erreichen können; war stolz gewesen auf Kalebs Geschicklichkeit. Was ging nur in ihr vor?

»Noch ein Biskuit für Sie, Frau Weinbrenner?«, fragte Käthe und reichte Anna die Schale.

Halb blind griff Anna zu und steckte sich das Plätzchen in den Mund. Sie kaute, doch sie schmeckte nichts. Entschlossen rief sie sich Kaleb ins Gedächtnis, in jenem Moment, als er sie ungelenk zum Abschied geküsst hatte, an jenem letzten Tag in der Scheune. Sie durfte nicht denken, was sie jetzt dachte. Sie durfte Julius nicht ansehen und das denken.

Es war Viktoria, die sie aus den Gedanken riss.

»Anna, ich habe eine Idee.«

»Aber natürlich geht das!« Viktoria stemmte die Hände in die Hüften und begutachtete Käthes Arbeit. »In diesem Kleid wirst du überhaupt nicht auffallen. Herrlich, das wird ein Heidenspaß! Julius wird Augen machen.«

Sehnsüchtig schaute Anna zur Tür. Viktoria hatte den jungen Kaufmann zurück in seine Kajüte geschickt, als sie auf die Idee gekommen war, Anna eines ihrer Kleider anziehen zu lassen. Zu unschicklich wäre es gewesen, ihn dabei zuschauen zu lassen. Mit dem Einfall, Anna mit zum Dinner zu nehmen, welches der Kapitän für seine vornehmeren Gäste für den Abend angesetzt hatte, war sie etwas später herausgerückt, und wie so oft hatte sie kein »Nein« akzeptiert.

Anna sah an sich herunter. Natürlich hatte sie manchmal davon geträumt, eines von Viktorias schönen Kleidern zu tragen - das himmelblaue mit dem Blütenmuster in dunklerem Blau vielleicht, oder jenes in schimmerndem Braun mit dem kleinen weißen Stehkragen, aber sie hatte doch immer gewusst, dass diese Wünsche nie wahr werden würden, und das war auch gut so. Träume waren nicht da, um in Erfüllung zu gehen. Sie unterdrückte einen Seufzer.

Viktoria beugte sich über ihre Reisetruhe und holte ein Paar Schuhe nach dem anderen hervor, die sie nacheinander betrachtete und dann achtlos zur Seite warf.

Käthe wird einiges aufzuräumen haben, bis das hier endlich vorbei ist, dachte Anna. Unsicher berührte sie den grünen Seidenstoff ihres Kleides. Dann setzte sie sich vorsichtig auf den Bettrand, was mit dem eng geschnürten Korsett nur in absolut aufrechter Haltung möglich war, und atmete flach. Unglaublich, sich vorzustellen, dass Viktoria so etwas jeden Tag trug. Offenbar hatte sie gelernt, nicht zu atmen. Anna legte die Hand auf die feste Stelle, hinter der sich ihr Bauch befand.

»Deine Haare können aber nicht so bleiben.« Viktoria schüttelte den Kopf. »Das sieht so bäurisch aus.«

Anna errötete. Ob Viktoria wusste, wie verletzend manche ihrer leicht dahingesagten Äußerungen waren? Sie war immer stolz auf ihr Haar gewesen. Es hatte nicht viel Schönes in ihrem Leben gegeben, doch ihr Haar hatte ihr stets Freude bereitet. Und Kaleb liebte es. Wie gern hatte er seine Hände darin vergraben. Einen Moment lang war es wieder Sonntag, und Anna lag rücklings auf einer Sommerwiese und starrte in den blauen Himmel hinauf, während Kaleb ihr offenes Haar wie einen Fächer um sie ausgebreitet hatte.

Es ist nicht nur braun, hatte er mehr als einmal gesagt, es ist braun und rot und goldfarben. Anna schluckte.

»Was willst du ihnen denn über meine Herkunft sagen?«, fragte sie mit trockenem Mund.

Was über meine rauen Hände?, fügte sie in Gedanken hinzu.

Als habe Viktoria sie gehört, reichte sie Anna ein Paar feiner Handschuhe.

»Da fällt mir schon etwas ein. An Fantasie hat es mir noch nie gemangelt.«

»Aber jeder weiß, dass ich im Zwischendeck reise.«

Und wenn man es nicht weiß, fügte Anna still hinzu, dann wird man es riechen. Zwischendecksgestank, so hieß es doch. Man würde sie fraglos sofort enttarnen und dem Gespött preisgeben. Lachend schob Viktoria derweil eine andere Tasche beiseite, in der sie gekramt hatte, und legte etwas auf den Tisch.

Allgemeine Modezeitung, las Anna stumm. Auch Frau Bethge hatte gerne darin geblättert, während sich ihre Töchter stets auf die gewagtesten Kreationen verstiegen hatten.

Viktoria schlug mehrere Seiten um und deutete auf eine Abbildung. »Diese Frisur dort müsste ihr gut stehen, nicht, Käthe? Anna hat so unglaublich dicke Haare.«

Etwa eine halbe Stunde später hatte Käthe ihr Werk vollendet, und Anna wagte noch nicht einmal mehr, ihren Kopf zu berühren, als Viktoria ihr den Spiegel hinhielt. Sie sah tatsächlich aus wie die Frau auf der Abbildung. Ihre Haare waren, auf eine Art, wie es Anna nie gelingen wollte, sauber gescheitelt und im Nacken zu einem Knoten zusammengenommen worden. Auf einer Seite steckte eine zartrosa Blüte. Dazu hatte Käthe dezentes Rouge und Lippenrot aufgetragen. Aus dem Spiegel blickte Anna jemand an, der ihr fremd war.

Im dunklen Gang standen die beiden jungen Frauen wenig später noch einen Moment lang beieinander. Anna konnte den eigenen schnellen Atem hören. Sie versuchte, ihre rechte Hand aus Viktorias festem Griff zu ziehen.

»Ich gehe besser. Ich halte das für keine gute Idee.«

»Himmel, sei doch kein Spielverderber. Es wird Spaß machen, glaub mir.« Viktoria dachte nicht daran, loszulassen. »Du siehst wunderschön aus, ganz wie eine von uns. Du wirst gar nicht auffallen. Pass nur auf, man wird dich heiraten wollen.«

»Ich bin verheiratet.«

»Nun sei kein Griesgram, das weiß ich doch.« Viktoria schlug kurz die Augen nieder und schaute Anna dann bittend an. »Bitte«, flehte sie, »es ist so schrecklich langweilig auf diesem Kahn, und ich habe es mir so schön vorgestellt. Ich will dir doch nichts Böses, Anna, nur ein bisschen Spaß. Das wird ein Heidenspaß werden, du wirst schon sehen. Gib es zu, du wolltest doch schon immer solch ein Kleid tragen?«

»Aber«, begehrte Anna noch einmal schwach auf.

Nicht so, fügte sie stumm hinzu. Natürlich, sie hatte sich früher häufig gewünscht, einmal im Leben in einem so wunderschönen Kleid an einer prächtig gedeckten Tafel zu sitzen. Immer wenn die Familie Bethge Gäste gehabt hatte, und sie die Küche selten hatte verlassen dürfen.

Und das habe ich jetzt davon. Manche Sachen sollte man sich einfach nicht wünschen. Es war wie damals an jenem Tag, als sie den Perlenschmuck ihrer Herrin im Salon angelegt hatte, um sich damit im Spiegel zu bewundern. Sie hatte Frau Bethge kommen hören und erst im letzten Moment den Verschluss öffnen können. Nicht auszudenken, was da hätte passieren können. Sie, im Salon, mit Frau Bethges Kette um den Hals. Alles hätte sie verlieren können, und jetzt kam es Anna vor, als sei sie in der gleichen Lage. Auf den ersten Blick würde man sie enttarnen. Gleich war es so weit, denn ohne dass sie sich dessen gewahr geworden war, hatten sie ihr Ziel erreicht. Ein Steward öffnete ihnen die Tür. Mehrere Gesichter wandten sich ihnen zu, und Anna wünschte sich nur noch eins: im Erdboden versinken zu können.

»Ich bin erstaunt, Sie hier noch nie bemerkt zu haben.« Ihr Tischnachbar beugte sich nicht zum ersten Mal so nahe zu Anna hin, dass diese seine verschwitzte Haut an ihren nackten Armen spürte. »Dabei sind Sie eine Schönheit, wenn ich das so frei sagen darf.«

Und Sie kommen mir zu nahe, dachte Anna wütend, wenn ich das nur so frei sagen könnte.

»Ich hatte sehr mit der Seekrankheit zu tun«, murmelte sie stattdessen und hob dabei kaum den Blick von der Suppe, die den ersten Appetithäppchen gefolgt war. Wie oft hatte sie sich gewünscht, mindestens einmal im Leben richtig satt zu werden, doch jetzt wollte ihr jeder Bissen im Hals stecken bleiben. Die Käsehäppchen hatten keinen Geschmack gehabt, die Orange hatte sie fast würgen lassen, und es war um das Huhn schade, das für diese Brühe hatte sterben müssen. Sie schmeckte einfach nichts. Nach wie vor schnürte ihr die Angst die Kehle zusammen und ließ den Magen flau werden.

»Oh ja, meine Dame, das ist nur zu verständlich.«

Mit einem gewichtigen Seufzer lehnte sich ihr Nachbar in seinem Stuhl zurück. Seine feisten blassen Wangen zitterten. Der blonde Backenbart war so schütter, dass er kaum zu sehen war. Ein Gemisch aus Schweiß, Tabak und Duftwasser schwebte zu Anna herüber und ließ sie würgen. Sie betupfte sich mit der Serviette die Lippen und schluckte. Dann fiel ihr Blick auf Julius, der ihr schräg gegenübersaß und sie nicht zum ersten Mal fragend anblickte. Es war ihm anzusehen, dass er nicht einverstanden war mit Viktorias Spiel. Anna schämte sich plötzlich. Natürlich war es nicht ihre Idee gewesen, aber hätte sie sich nicht energischer wehren müssen?

»Was sagten Sie noch einmal, wo Sie herkommen?«, fragte eine der Frauen am Tisch, eine ältere Dame, die Anna bisher meist lesend an Deck gesehen hatte. Julius hatte gesagt, dass sie bereits die gesamte Bibliothek des Kapitäns studiert habe, die gänzlich aus Räubergeschichten bestünde. »Habe ich Sie nicht schon aus dem Zwischendeck kommen sehen?«

Nervös senkte Anna den Kopf. Sie hatte es gewusst, nun war es geschehen. Das Wort Zwischendeck war gefallen. Was sollte sie nur sagen? Was hatte Viktoria gesagt? Am Anfang war sie viel zu aufgeregt gewesen, um zuzuhören. Mit Mühe hatte sie sich auf die Namen der anderen Gäste konzentriert, doch es war ihr nicht gelungen, auch nur einen davon zu behalten.

»Aus Frankfurt am Main. Sie ist gut bekannt mit dem Haus Bethge«, mischte sich nun Viktoria ein. »Sie war Gouvernante dort.«

»Gouvernante bei den Bethges?« Die ältere Dame schaute sie prüfend an. »Und reist im Zwischendeck? Die Bethges waren meines Wissens immer sehr großzügig.«

»Frau Weinbrenner ist sparsam.«

Viktoria ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Offenbar fand sie Spaß an der Unterhaltung. Annas Mund war vor Aufregung ganz trocken. Der nächste Gang wurde in den Saal getragen. Fisch, der am Morgen für den Tisch der Kajütspassagiere gefangen worden war. Zarter Fisch, von dem sie so oft geträumt hatte, während sie das in Ermangelung von Süßwasser in Salzwasser gewässerte Pökelfleisch heruntergewürgt hatte. Mit einem Mal war Anna wirklich schlecht.

Mit einem heiseren Keuchen sprang sie auf. Polternd fiel der Stuhl hinter ihr um. Mit einer Hand raffte sie ihr Kleid, um schneller laufen zu können. Die andere presste sie auf den Mund.

Der Steward, der zum Turöffnen bereitstand, konnte ihr gerade noch ausweichen. Anna hörte ihre Schritte überlaut durch den Gang klappern. Sie stolperte und fing sich gerade noch. Draußen prallte der im Verlaufe des Tages deutlich kräftiger gewordene Wind wie eine Wand gegen sie. Dann begannen die Tränen zu laufen. Ärgerlich fuhr sie sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Halb blind stolperte sie zur Reling und klammerte sich fest. Warum hatte sie nicht Nein gesagt, warum hatte sie Viktoria gewähren lassen?

»Anna?«

Julius ... Sie wollte nicht, dass er sie jetzt sah. Entschlossen starrte sie weiter auf das Meer hinaus. Wenn er nicht ging, würde sie sagen, dass der Wind sie zum Weinen gebracht hatte.

Dann würde sie sich zurückziehen. Aber nein, das ging ja nicht. In diesem Kleid konnte sie noch nicht einmal zu ihrem Lager zurückgehen. Sie konnte nur bleiben, oder in den Speisesaal zurückkehren. Zu Angst und Enttäuschung mischte sich nun Wut. Unablässig liefen die Tränen über Annas Wangen.

»Anna.« Julius stand nun neben ihr und berührte ihren Arm. »Nicht weinen, dazu gibt es doch keinen Grund.«

»Ich weine nicht«, stotterte sie.

»Es war eine dumme Idee«, fuhr Julius fort.

»Ja«, bestätigte Anna und wollte ihn immer noch nicht ansehen.

»Aber du siehst sehr schön aus«, sagte Julius.

Ohne es zu wollen, drehte Anna Julius den Kopf zu. Ihre Augen trafen einander. Gefalle ich ihm?, dachte sie, und verwarf den Gedanken im selben Moment. Nein, das konnte nicht sein. Das war Unsinn, ganz und gar unmöglich. Sie suchte seinen Blick. Schweigend schauten sie einander an. Dann, sehr langsam näherten sich ihre Gesichter einander an. Ich werde ihn küssen, dachte Anna, jetzt werde ich ihn küssen.

Aber ich bin verheiratet.

Sie musste alle Kraft zusammennehmen, um den Kopf zur Seite zu drehen. Manche Dinge durften nicht in Erfüllung gehen.

Anna mied Viktoria in den nächsten Tagen. Sie wählte sich andere Wege für ihren Spaziergang, blieb gemeinsamen Plätzen fern. Unten im Zwischendeck sprach man nur noch davon, dass die Reise bald vorbei sein musste. Immer häufiger kam es zu Streit, weil Gepäck im Weg herumlag oder durch die Schlingerbewegungen des Schiffs von seinem Platz gerutscht war. Das immer gleiche Tagein, Tagaus war kaum noch zu ertragen. Mit Merkurialsalbe versuchte mancher der mittlerweile grassierenden Läuseplage Herr zu werden. Eine Frau hatte ein Kind zur Welt gebracht, das häufig schrie und manchen nur noch nervöser machte. Die Gruppen, die sich schon früh gebildet hatten, grenzten sich noch deutlicher voneinander ab. Wenn frisches Wasser oder - was immer seltener geschah - besseres Essen ausgeteilt wurde, stießen die Stärkeren die Schwächeren beiseite, um sich den größten Anteil zu sichern. Eine Gruppe, zu der auch Piet und Michel gehörten, den man damals bestohlen hatte, tat sich hier besonders hervor. Anna hielt sich, so gut es ging, fern von ihnen.

Am heutigen Tag hatte sich Anna noch einmal auf Deck begeben, um frische Luft zu schnappen und etwas Ruhe zu finden. In der Koje oberhalb ihrer, in der Frieda Prenzl mit den vier kleinen Kindern hauste, während Herr Prenzl mit den zwei älteren anderweitig hatte unterkommen müssen, war es den ganzen Tag lang unruhig gewesen, da das jüngste Kind fieberte. Die zwei jungen Burschen in der Nachbarkoje hatten den zwei Mägden unten rechts schöne Augen gemacht, was immer wieder zu lautstarkem Wortwechsel führte. Während sich eins der Mädchen nicht abgeneigt zeigte, machte die andere ihr Vorhaltungen.

Auf ihrem Weg zurück - Anna sog die frische abendliche Seeluft in tiefen Zügen ein - wurde sie mit einem Mal auf Stimmen aufmerksam. Vorsichtig und entgegen ihres eigentlichen Vorhabens, sich aus allem herauszuhalten, bewegte sie sich auf die Geräuschquelle zu. Als Anna um die nächste Ecke spähte, stockte ihr der Atem. Piet und Michel standen da, den schmalen Burschen, den sie damals nicht verraten hatte, zwischen sich. Sie hatte den Jungen seit jener ersten Begegnung nicht mehr gesehen und sich manches Mal gefragt, wo er sich wohl verstecken mochte.

»Ich wusste, dass ich dich irgendwann erwische«, sagte der grobe Michel gerade, packte den Jungen beim Nacken und schüttelte ihn wie eine räudige Katze.

»Und das Schöne ist«, fügte Piet hinzu, »dass dich niemand vermissen wird, wenn wir dich jetzt über Bord werfen. Einen blinden Passagier vermisst nämlich niemand, verstanden?« Er lachte heiser. »Vielmehr werden sie uns sogar dankbar sein, wenn wir kurzen Prozess mit einem dreckigen kleinen Dieb machen, wie du es einer bist.«

Wieder wurde der Junge geschüttelt. Er heulte schrill auf, wofür ihm Michel eine so heftige Ohrfeige versetzte, dass sein Kopf zur Seite flog und gegen die Reling schlug.

»Maul halten!«

Dieses Mal ließ der Junge nur ein unterdrücktes Wimmern hören. Michel ließ ihn gleich darauf los, hielt ihn jedoch mit seinem massigen Körper in Schach und drückte dem Burschen seinen muskulösen Unterarm unter das Kinn. Anna spürte, wie ihre Kehle enger wurde. Der Junge - Anna schätzte ihn auf vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre - zappelte, doch es war vergebens. Er konnte sich nicht befreien.

»Wo ist mein Geld?«, zischte Michel ungehalten.

Der Junge würgte im Bemühen, einen Laut herauszubekommen. Michel ließ den Unterarm etwas sinken. Der Junge japste nach Luft.

»Ich habe kein Geld gestohlen«, stieß er dann keuchend hervor. »Nur etwas zu essen.«

Nun war es an Piet, ihn zu ohrfeigen.

»Klingt das glaubwürdig? Wer gibt sich schon mit etwas zu essen zufrieden, wenn er mehr haben kann?«

Als habe er etwas gehört, drehte er plötzlich den Kopf in Annas Richtung. Die wurde steif vor Schreck, doch schon wandte sich Piet wieder ab. Er hatte sie nicht entdeckt.

»Lass mich mal«, sagte er an seinen Kumpan gewandt.

Im nächsten Moment hatte er den Jungen gepackt und schob ihn halb über die Reling. Der wimmerte vor Angst, zappelte mit den Beinen. Anna bemerkte, dass ihr Mund offen stand vor Entsetzen. Sie faltete die Hände und krallte die Fingernägel in ihre Handrücken, um sich selbst am Schreien zu hindern.

Das konnte nicht sein. Sie träumte. Das konnte nicht sein. Das war zu entsetzlich. Gleich, gleich würde sie aufwachen, im Gestank des Zwischendecks zwar, aber sicher und ruhig auf ihrer Schlafstatt. Sie würde das Schnarchen ihrer Mitreisenden hören, das Schreien des Säuglings oder Frieda Prenzls Stimme, die ihren Kleinen eine Gutenachtgeschichte erzählte. Bitte, lieber Gott, betete sie stumm, bitte, lieber Gott, lass es nicht wahr sein. Bitte, lass mich jetzt aufwachen! Jetzt. Sofort.

Michel lachte heiser, und Anna wusste, dass sie wach war.

»Und, Michel?«, wandte Piet sich ihm zu und riss den Jungen wieder in das Innere des Boots zurück, »was machen wir mit ihm?«

»Durchsuch ihn, ich will mein Geld zurück. Und dann über Bord mit ihm. Wie du schon sagtest, blinde Passagiere vermisst niemand.«

»Hilfe!«

Der Junge verstärkte nunmehr seine Bemühungen, seinen Häschern zu entkommen. Wieder schlug ihn Piet erbarmungslos mitten ins Gesicht. Der schmale Bursche heulte auf und kämpfte darum, seinem Griff zu entkommen. Der Pockennarbige schlug wieder zu, wieder und wieder, bis der Junge nur noch wimmerte.

Ich muss Hilfe holen, dachte Anna, aber sie konnte sich vor Angst nicht rühren. Und was wird geschehen, wenn sie mich entdecken?, schoss es ihr gleich darauf durch den Kopf. Dann werden sie mich einfach hinterherwerfen. Sie wollen sicherlich keine Zeugen, und sie wissen, dass ich allein reise. Ich werde ins Meer stürzen, und keiner wird wissen, was mit mir geschehen ist.

Die Laute, die sie als Nächstes hörte, wollten sie schier zerreißen. Hatte der Junge eben noch gewimmert, so heulte er jetzt erneut, bettelte und flehte um sein Leben.

»Halt's Maul«, zischte Piet, »oder was glaubst du, was sie hier an Bord mit euresgleichen machen? Es ist leichter, dich im Meer zu entsorgen, als dich weiter durchzufüttern. Und jetzt her mit dem Diebesgut.«

Piet hob den Jungen wieder gefährlich hoch, dann ließ er ihn so weit gen Boden sinken, dass dessen Füße gerade so den Boden berührten.

»Lasst mich los!«, begehrte der schwach auf.

Piet schubste ihn in Michels Arme. Der tastete ihn so geübt ab, dass sich Anna sicher war, dass er dies nicht zum ersten Mal machte. Sie schauderte. Beinahe im gleichen Moment bemerkte sie eine weitere schmale Gestalt in den Schatten hinter Piet und Michel. Noch ein blinder Passagier?

»Lasst mich gehen, bitte«, bettelte der Junge, »ich werde euch bestimmt nicht mehr in die Quere kommen.«

Anna bohrte ihre Fingernägel jetzt in ihre Handflächen. Vielleicht würde ja alles gut gehen. Piet und Michel ließen den Jungen laufen. Sie würde sich ungesehen zu ihrem Lager schleichen ...

»Wirst du das wirklich nicht?« Michel packte den Jungen bei seinen schmalen Schultern. »Zu schade, dass wir uns nicht darauf verlassen können.«

Wieder wurde der Junge hochgehoben. Wieder heulte er auf, schrie dann aus voller Kehle, aber von hier hinten, wurde Anna nun klar, hörte man auf der anderen Seite des Schiffes bestimmt nichts. Außerdem war stets genug Lärm an Bord. Reisende lachten. Reisende stritten. Betrunkene grölten. Man sang. Die Schafe blökten. Die Schweine grunzten. Die Hühner gackerten. Es knarrte. Das Segel flatterte. Es war nie still. Sie alle hatten gelernt, gewohnten und ungewohnten Geräuschen keine Beachtung mehr zu schenken.

Und dann ging alles ganz schnell. Der Vierschrötige schob den Jungen über die Reling. Das Geräusch, mit dem er auf dem Wasser aufschlug, mischte sich unhörbar mit dem allgemeinen Plätschern und den anderen Geräuschen der Nacht. Wenn er schrie, dann hörte noch nicht einmal sie etwas davon. Den eigenen Schrei schluckte Anna gerade noch hinunter. Dann sah sie plötzlich, wie sich der schmale Schatten aus seinem Versteck löste und blitzschnell über das Deck in ihre Richtung raste. Piet und Michel fuhren herum. Bevor sie noch wusste, was sie tat, trat Anna aus ihrem Versteck. Da prallte der kleine Flüchtling auch schon gegen sie. Das Licht des aufgehenden Mondes erfasste ihr Gesicht. Piet und Michel blieben kurz stehen und wechselten einen Blick. Dann rannten sie los.

»Jetzt kommen Sie schon!«, piepste eine Stimme an Annas Ellenbogen.

Eine kleine, klebrige Hand riss an ihrem Handgelenk. Stolpernd setzten sie sich beide in Bewegung. Erst war es Anna, als erwache sie aus einem schrecklichen Traum, doch mit jedem Schritt, den sie tat, wurden ihre Sinne klarer, und schon im nächsten Moment rannte sie mit dem fremden Kind davon. Aber wohin nur? Annas Gedanken rasten. Sie wog eine Möglichkeit gegen die nächste ab. Sollten sie sich irgendwo auf dem Deck verstecken oder das Zwischendeck aufsuchen und auf den Schutz der anderen Passagiere hoffen? Vielleicht sollten sie das unterste Deck aufsuchen, wo sich einige größere Gepäckstücke und Vorräte befanden? Und dann traf Anna eine Entscheidung.

»Schneller«, zischte sie dem Kind an ihrer Seite keuchend zu und griff fester nach seiner Hand.

Fußgetrampel zeigte den beiden Flüchtenden, dass ihnen ihre Verfolger dicht auf den Fersen waren. Wütende Stimmen waren zu hören.

»Kommen Sie, kommen Sie! Da lang!«, rief das Kind und wollte Anna zu den Ställen zerren.

»Nein«, keuchte die, »dort entlang.«

Sie deutete zum Kajütengang und den Quartieren der ersten und zweiten Klasse. Der kleine blinde Passagier - Anna konnte nicht ausmachen, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelte - schüttelte heftig den Kopf.

»Doch, doch«, beharrte Anna. »Komm, ich weiß, was ich tue.«

Sie packte das Kind fester bei seiner schmalen Hand. Hinter ihnen wurden die Stimmen lauter, offenbar hatte man sie noch nicht entdeckt. Ein Huhn gackerte in diesem Moment lautstark los, ein zweites schloss sich an.

Bitte, flehte Anna bei sich, lass sie dort nachschauen.

Und tatsächlich entfernten sich die Stimmen in diesem Augenblick. Anna und der kleine blinde Passagier erreichten den Kajütengang.

Julius, dachte Anna, er ist der Einzige, der uns jetzt helfen kann. Irgendwie musste es ihr gelingen, den Weg zu seinem Quartier zu erreichen. Noch schneller eilten sie voran. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Piet und Michel die Hühnerställe abgesucht hatten und darauf kamen, wohin ihre Opfer wirklich verschwunden waren. Panisch nahm Anna wahr, dass ihre Stimmen sich schon wieder näherten.

»Wir müssen uns beeilen«, stieß sie aus.

Unaufhaltsam näherten sich ihre Verfolger. Bald, zu bald würden sie Anna und das Kind eingeholt haben. Die beiden rannten jetzt nicht mehr. Auf leisen Sohlen schlichen sie weiter. Vielleicht würden ihre Verfolger doch noch aufgeben, vielleicht sogar unter Deck gehen und dort weitersuchen, wenn sie nichts mehr hörten. Bebend vor Angst ging Anna voraus, ließ das Kind jedoch nicht los, zerrte es weiter.

Was aber, wenn sich die beiden Männer nicht täuschen ließen? Angespannt zog sie die Schultern hoch, suchte sich selbst zu beruhigen. Die beiden konnten nicht wissen, wohin sie ging.

Endlich hatten sie Julius' Kajüte erreicht. Anna klopfte energisch. Die Augenblicke, bevor die Tür geöffnet wurde, dehnten sich zu einer Ewigkeit. Julius stand im offenen Hemd vor ihr und schaute völlig überrascht drein, als er sah, wen er da vor sich hatte. Für einen Moment konnte Anna nur auf seinen offenen Kragen starren.

»Anna?«, fragte er verwundert.

Dann fiel sein Blick auf das Kind an ihrer Seite. Irgendwo hinter ihr klapperte etwas. Anna trat einen Schritt näher und stieß Julius beinahe in die Kajüte zurück.

»Können wir hereinkommen? Bitte, schnell!«

»Ja, ich ... Natürlich ...«

Anna warf einen letzten raschen Blick zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. In den Schatten meinte sie die Gestalt des Vierschrötigen zu erkennen.

»Jenny«, piepste das Stimmchen.

Der kleine blinde Passagier hatte sich als ein zierliches Mädchen entpuppt, acht Jahre alt, wie es behauptete, das nun auf Julius' Bett saß und sich eine große Tasse süßen Tee schmecken ließ, zu der es hungrig Kekse aß. Jenny hatte einen wilden roten Lockenkopf, der von einem grauen Kopftuch gebändigt wurde. Ihr Hängerkleid war ebenso grau, das Hemd darunter musste vor langer Zeit einmal weiß gewesen sein und wies zahlreiche Löcher auf. Jennys Beine waren bis auf ein paar grobe löchrige Strümpfe nackt, die Lederschuhe zerschlissen. Die Augen des Mädchens waren strahlend grün und wirkten übergroß in dem schmalen, von Hunger gezeichneten Gesicht. Es hatte ihnen erzählt, dass sie und der Bursche, den die beiden Männer über Bord geworfen hatten, sich seit Beginn der Reise zwischen Vorräten und Gepäckstücken im Orlopdeck versteckt hatten, und dass sie nur manchmal nachts herausgekommen waren, um frische Luft zu schnappen und sich zu erleichtern.

»Hat man euch denn nie gesehen?«

Jenny zuckte die Achseln und schaute für ihr Alter, wie Anna fand, fiel zu ernst drein. »Manchmal, aber die Leute haben uns wohl einfach für Kinder von jemandem aus dem Zwischendeck gehalten. Es sind viele Kinder auf dem Schiff.«

Wie zur Bestätigung nickte sie. Ihre Stimme klang leise, als wolle sie sich immer noch verstecken. Jetzt rannen ihr Tränen über das Gesicht, die sie mit dem Handrücken fortwischte.

»Wir haben nicht gestohlen«, platzte sie heraus. »Jedenfalls kein Geld, nur Brot und Schiffskekse.«

Jenny schluchzte plötzlich auf, und Anna setzte sich neben sie. Nach kurzem Zögern ließ die Kleine sich von Anna in den Arm nehmen. Traurig sah sie ihre Retterin an. Anna schauderte. Es war zu offensichtlich, dass Jenny sich bemühte, das Schreckliche, das sie ja beide erlebt hatten, so gut es ging zu verdrängen, aber man las davon ihn in ihrem Gesicht und ganz besonders in ihren Augen.

»Und es ist wirklich wahr?«, setzte Julius nun zum zweiten Mal fassungslos an. »Die beiden haben einfach jemanden über Bord geworfen?«

»Ja.«

Anna starrte den Keks in ihrer Hand an. Obwohl sie am heutigen Tag wenig gegessen hatte, verspürte sie einfach keinen Hunger. Das Gesehene überwältigte sie schier. Jetzt, wo sie ruhig dasaß, in der Erinnerung, erschien es ihr grausamer als im Moment des Geschehens selbst. Wieder und wieder hörte sie das Flehen des Jungen, sah ihn über die Bordwand hinabstürzen, hörte das Klatschen, mit dem er auf der Wasserfläche auftraf, oder hörte es eben nicht. Noch einmal prallte Jenny gegen sie, überflutete der Mond sie mit gleißendem Licht. Piet und Michel starrten die unliebsame Zeugin an, zu der sie geworden war. Man hatte sie gesehen. Je mehr Anna darüber nachdachte, desto weniger konnte sie sagen, was wirklich geschehen war. Es war schrecklich gewesen, einfach nur schrecklich.

Sie wollte nun auch weinen, doch ihre Augen blieben trocken. Da war zu viel Entsetzen in ihr. Vielleicht würde sie später weinen können. Sie hoffte es. Zu weinen würde ihr Erleichterung verschaffen.

Julius setzte sich auf die andere Seite neben Jenny. »Wer war der Junge, Jenny? Hast du ihn gekannt?«

Jenny blickte auf. Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen. »Der Claas war das«, war dann ihre zarte Stimme zu hören. »Ich habe ihn im Hafen kennengelernt. Er war gut zu mir. Er hat immer auf mich aufgepasst. Er war wie ein älterer Bruder.« Hilfesuchend schaute sie von Anna zu Julius und wieder zurück. »Ich bin doch noch so klein«, fügte sie dann ernst hinzu.

Anna und Julius sahen beide das Kind an und tauschten dann einen Blick.

»Und warum bist du auf dem Schiff?«

»Ich will meinen Vater finden. Er hat Mama und mich verlassen, als ich noch klein war. Dann ist Mama gestorben. Sie hat mir immer gesagt, dass er in der Neuen Welt ist. Er hat uns auch Briefe geschickt.« Jenny reckte den Kopf höher und schaute die beiden Erwachsenen an. »Wollt ihr mir jetzt helfen? Claas kann es doch nicht mehr.«

Anna und Julius tauschten einen neuerlichen Blick. Was auch immer der unglückliche Junge damit gemeint hatte. Unmöglich hätte er Jenny helfen können, ihren Vater in dieser riesigen Neuen Welt zu finden, die auf sie alle wartete.

»Werdet ihr mir helfen?«, wiederholte Jenny ihre Frage.

»Jenny, wir ...«, setzte Anna an.

Unvermittelt sprang Julius auf und lief ein paar Schritte auf und ab. Dann blieb er mit geballten Fäusten mitten im Raum stehen.

»Verdammtes Pack!«, stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Mörder!« Jenny zuckte zusammen, und Julius fuhr zu Anna herum. »Sie schlafen auf eurem Deck, sagtest du?«

Anna nickte. Die beiden waren ihr wirklich nicht zum ersten Mal aufgefallen, doch ihre heutige Grausamkeit stellte alles in den Schatten. Ihr wurde schlecht, wenn sie nur daran dachte, mit welcher Kaltblütigkeit die beiden den Jungen getötet hatten. Unwillkürlich begann sie zu zittern.

»Anna ...«

Julius blieb vor ihr stehen, offenbar unsicher, was er tun oder sagen sollte. Jenny hielt den Kopf gesenkt und knabberte an einem weiteren Keks. Anna leckte sich über die Lippen, schluckte mehrmals, bevor sie die nächsten Worte herausbrachte.

»Wirst du ihr helfen? Kann sie hier bei dir bleiben?«

»Natürlich.«

Anna stieß einen tiefen Seufzer aus. »Dann werde ich jetzt zu meinem Schlafplatz gehen.«

Julius schüttelte den Kopf. »Mir gefällt der Gedanke nicht, dich dort unten allein zu wissen.«

»Sie werden mir nichts tun«, entgegnete Anna mit mehr Überzeugung, als sie selbst verspürte.

Ich kann nicht hierbleiben, sagte die Stimme in ihrem Kopf, es wäre nicht recht. Bevor sie noch die Angst überwältigen konnte, war sie schon bei der Tür und öffnete sie. Sie würde einfach immer dort bleiben, wo andere Passagiere waren, sodass Piet und Michel sie niemals allein antreffen konnten. Sie würde sich zu helfen wissen. Das hatte sie immer getan. Deshalb nur war sie diejenige, die allein reiste.

»Julius wird auf dich aufpassen, Jenny«, sagte sie zu dem Mädchen, »hab keine Angst. Gute Nacht, Julius!«

Vorerst blieb Jenny in Julius' Kajüte die einzige sichtbare Erinnerung an eine ereignisreiche Nacht. Anna überließ es Julius, Viktoria zu erzählen, wie das Mädchen zu ihm gelangt war, doch Julius sagte ihr nicht, was mit Claas passiert war. Anna hätte es nie erwartet, aber der Kaufmannssohn und sie teilten nun ein Geheimnis miteinander. Das fühlte sich gut an und behielt doch seinen bitteren Beigeschmack. Niemals würde Anna den Schrecken jener Nacht vergessen können.

In den ersten Tagen, die auf die furchtbaren Ereignisse folgten, schreckte sie mehrmals in der Nacht aus dem Schlaf hoch. Sie war sich sicher, dass die Mörder sie beobachteten. Vielleicht hatten Piet und Michel noch nicht entschieden, was sie mit ihrer ungebetenen Zeugin machen sollten, aber Anna musste auf alles gefasst sein. Sie wusste, dass man sie im Mondlicht gesehen hatte.

Im Verlauf der nächsten Tage sah sie Piet und Michel selten, blieb aber auf der Hut. Sorgsam achtete sie darauf, möglichst nie allein unterwegs zu sein. Sie schloss sich den anderen Frauen an, wenn sie sich erleichtern musste oder Wäsche waschen wollte. Sie hockte sich zu der jungen Mutter und ihrem Kind und half ihr, Windeln und Kinderkleidung zu flicken. Auch am Tag nach den schrecklichen Ereignissen hatte Julius nochmals vorgeschlagen, die beiden Mörder, wie er sie nannte, beim Kapitän anzuklagen, doch das wollte sie nicht. Julius fügte sich ihren Wünschen, auch wenn er hatte wissen wollen, warum sie diesen Weg wählte.

»Solche wie die«, hatte sie gesagt, »sind nie allein. Sie haben Freunde hier an Bord. Ich werde meines Lebens nicht mehr froh, wenn wir die beiden melden.«

Eine geraume Zeit lang hatte Julius nach diesen Worten auf das Meer hinausgestarrt. »Gut«, hatte er dann langsam gesagt. »Ich werde nichts sagen, aber du weißt hoffentlich«, hatte er hinzugefügt, »dass du den beiden damit eine Macht gibst, die ihnen nicht gebührt.«

Anna hatte nicht geantwortet.

Genau hier haben sie gestanden, schoss es ihr jetzt durch den Kopf, als sie merkte, dass sie sich plötzlich an der Stelle wiederfand, an der die schreckliche Tat an Claas begangen worden war. Der Wind riss an dem Tuch, das sie sich zum Schutz gegen die Witterung um die Schultern gewickelt hatte. Am Horizont in der Ferne, kaum mehr zu erkennen, wetterleuchtete es. Anna wollte eben den Rückweg antreten, da hörte sie Schritte hinter sich.

»Welch schöne Überraschung! Wen haben wir denn da?«, war gleich darauf eine wohlbekannte heisere Stimme zu hören.

Unvermittelt wurde Anna schlecht vor Angst. Es kostete sie alle Kraft, sich umzudrehen. Direkt vor ihr, sodass es keine Möglichkeit zur Flucht gab, standen Piet und Michel. Der Pockennarbige hatte seine blassen, kalten Augen zusammengekniffen. Anna drückte sich gegen die Bootswand. Solche wie die beiden hatte sie im Hafen herumlungern sehen, als sie auf die Abfahrt des Schiffes gewartet hatte, immer auf der Suche nach Beute, Streit oder Menschen, die sie schikanieren konnten. Dass sie zu weit Schlimmerem fähig waren, wusste sie seit kurzem selbst aus bitterer Erfahrung.

Vielleicht hätte ich sie doch melden sollen, sagte eine leise Stimme in ihr. Aber dann wären irgendwann die Kumpane der beiden da gewesen und hätten sie bestraft. Niemand hätte sie schützen können.

»Eigentlich ist sie ja ein ganz niedliches Täubchen«, sagte Piet nun und wollte Anna über eine Wange streichen. Blitzschnell schlug sie seine Hand zur Seite.

»Oho«, brummte Michel, »das Täubchen ist ein Kätzchen, und es hat eindeutig Krallen.«

»So mag ich sie am liebsten«, stieß Piet hervor.

Er trat noch einen Schritt näher an Anna heran, sodass sie seinen Körper an ihrem spürte. Sie nahm beide Hände, um ihn von sich wegzustoßen. Anna versuchte, den Kopf zu drehen. Die Angst hämmerte in ihrer Brust. Sie bekam mit einem Mal kaum mehr Luft. Hilfe, dachte sie. War denn da niemand, der ihr helfen konnte?

Nein, sie war allein. Zum ersten Mal seit Tagen hatte sie nicht aufgepasst, und nun war es geschehen. Sie wollte schreien. Von einem Moment auf den anderen fühlte sie Piets kräftige Finger an ihrem Hals.

»Davon will ich dir lieber abraten, denn dass wir dich bestrafen müssen, das ist dir doch klar, oder?«

Anna konnte ihn nur anstarren. Ein dicker Wassertropfen zerplatzte auf ihrem Scheitel. Im nächsten Augenblick begann der Regen auf sie alle niederzuprasseln und hatte sie in kürzester Zeit durchnässt.

»Scheiße«, knurrte Michel.

Der Blitz und der fast unmittelbar folgende Donnerschlag ließen Anna zusammenzucken.

»Ich habe nichts gehört!« Piet brachte sein Gesicht näher an Annas heran. »Sag, hast du Strafe verdient oder nicht, Hure?«

Anna wollte eben nicken, da geriet mit einem Mal Bewegung in ihre kleine Gruppe. Michel wurde zur Seite gestoßen und knallte gegen die Bootswand, dann riss jemand Piet von ihr weg. Beinahe im gleichen Moment packte sie der Angreifer und brachte sie hinter sich in Deckung. Anna drückte sich an seinen Rücken.

»Das würde ich nicht tun«, war da Julius' Stimme zu hören.

Michel, der sich auf ihn hatte stürzen wollen, blieb stehen. Piet kniete vor ihnen auf dem Boden und sah sie aus vor Wut glühenden Augen an. Anna bemerkte eine Pistole in Julius' Hand.

»Ich rate euch, diese Frau in Frieden zu lassen«, fuhr er nun fort. »Es ist ihr Verdienst, dass man euch noch nicht in Arrest geschickt hat. Wenn ihr mir aber noch einmal querkommt, dann garantiere ich für nichts. Und wenn ihr dieser Dame hier auch nur ein Haar krümmt, werde ich mir noch nicht einmal die Mühe machen, euch beim Kapitän zu melden. Dann verschwindet ihr einfach, habe ich mich klar ausgedrückt?«

»Ja«, stieß der Vierschrötige hervor.

Piet, immer noch auf dem Boden, immer noch vor Wut geifernd, nickte. Julius' Hand, bemerkte Anna erstaunt, denn sie hatte ihm dergleichen nicht zugetraut, hielt die Waffe vollkommen ruhig.

»Schwört es«, forderte er.

»Wir schwören«, knurrten Piet und Michel beinahe gleichzeitig.

Julius nickte. »Und jetzt verschwindet.«

Als die Männer schon nicht mehr zu sehen waren, drehte er sich zu Anna um. In einer Mischung aus Wut und Angst sah er sie an. Von einem Moment zum anderen wurden Anna die Knie weich. Julius fing sie auf. Länger als sie es hätte erlauben sollen, hielt er sie fest. Für einen Atemzug lang spürte sie seinen Mund an ihrem Kopf, dann wichen sie beide wie auf einen geheimen Befehl hin voneinander ab.

»Ich dachte, du gehörst nicht zu den Frauen, die ständig in Ohnmacht fallen«, neckte er sie, doch seine Augen blieben ernst angesichts dessen, was eben geschehen war.

»Ich habe dir gesagt, dass sie gefährlich sind«, murmelte Anna.

»Das wusste ich doch.« Julius zögerte kurz und strich ihr dann über das regenfeuchte Haar. »Deshalb war ich da, du ...« Seine Hand glitt von Annas Kopf auf ihre Schulter. »Geht es dir gut? Haben sie dir auch wirklich nichts getan?«

»Es ist alles in Ordnung«, flüsterte Anna. Noch immer ließ die eben ausgestandene Angst sie beben.

»Ich hätte sie, ohne zu zögern, getötet, wenn sie dir etwas getan hätten«, flüsterte Julius nun ebenso leise.

Er hatte sie bei diesen Worten nicht angesehen. Jetzt suchten seine Augen erneut die ihren. Anna schluckte. War es recht, das zu lesen, was sie jetzt in seinem Gesicht las? Sie war eine verheiratete Frau. Sie durfte ihn nicht so ansehen, und er durfte sie nicht so ansehen. Sie würden einander niemals gehören dürfen.

»Ich hoffe, du weißt, wie froh ich darüber bin, dich getroffen zu haben«, sagte Julius.

»Aber du kennst mich doch kaum.«

»Das ist nicht wahr«, Julius schaute sie unverwandt an, »ich kenne dich.«

»Aber natürlich werde ich mit Humberto reden.«

Viktoria hockte auf ihrem Bett, das Korsett unter dem lichtblauen Kleid so locker geschnürt, wie es gerade noch schicklich war, das blonde Haar offen über die Schultern herabhängend. Am Tisch saß Julius, der ihnen eben von seinen Plänen in der Neuen Welt berichtet hatte, in der er eine Handelsniederlassung für seinen Vater hoffte, aufbauen zu können, und der deshalb jetzt schon auf der Suche nach Kontakten war. Viktorias Ehemann war ein möglicher Kunde. In ein paar Monaten nach der Ankunft, spätestens im nächsten Jahr, würde Julius deshalb Santa Celia, die Estancia der Santos im Nordwesten Argentiniens, besuchen.

Anna nahm einen Schluck Tee und musste bemerken, dass das Getränk in ihrer Tasse erkaltet war. Nach den aufregenden Ereignissen der letzten Tage war sie froh, von Hoffnungen und Träumen zu hören. Auch Kaleb träumte davon, einen eigenen Bauernhof aufzubauen. Wir werden Rinder haben, hatte er zu Anna gesagt, viele, viele Rinder, und Getreidefelder, so groß, dass man das andere Ende nicht sieht. Wir werden Tabak anbauen, und abends werden wir auf der Veranda sitzen. Ich werde meinen eigenen Tabak schmauchen, und du wirst unsere Wolle zu Fäden spinnen. Denn wir werden auch Schafe haben oder vielleicht sogar Lamas.

Sie hatte ihn gefragt, was denn Lamas seien. Kaleb hatte ihr ein Bild eines Tiers mit dichtem Fell und einem langen Hals gezeigt.

»Humberto ist immer auf der Suche nach neuen Kunden mit neuen Ideen«, war wieder Viktorias Stimme zu hören.

Anna mochte es, wenn Viktoria von ihrem Ehemann sprach. Humberto war neun Jahre älter als seine Frau und ein Wunderwerk von einem Mann, gut aussehend, charmant und vielseitig interessiert. Er war ein guter Tänzer, sprach neben Spanisch auch Englisch, Französisch, aber nur recht leidlich Deutsch. Viktoria hatte schnell Spanisch lernen müssen und half nun Anna dabei, die ersten Schritte in der fremden Sprache zu tun. Zwar gab es in Buenos Aires viele, die Deutsch sprachen, hatte Julius zu berichten gewusst, doch etwas Spanisch zu können, konnte nicht schaden.

»Ich vermisse Humberto so sehr«, sagte Viktoria nun mit der ihr eigenen Theatralik. »Wisst ihr, dass er mir in Paris tausend Rosen ins Hotelzimmer hat bringen lassen?«

Sie lächelte verträumt. Anna schaute zu Julius und merkte im selben Moment, dass sie genau das nicht hatte tun wollen.

Du bist eine verheiratete Frau, mahnte die bekannte Stimme in ihrem Kopf, du solltest noch nicht einmal denken, was du jetzt denkst.

Und sie würde ebenso alles tun, um vor Viktoria zu verbergen, was sie in Julius' Augen las, und was sie dort nicht lesen sollte. Zwei Mal schon hatten sie einander beinahe geküsst. Anna senkte den Blick auf die Teetasse.

Sobald wir in Buenos Aires anlegen, dachte sie, werden wir uns ohnehin nie wiedersehen. Nie wieder. Sie spürte einen winzigen Stich in ihrer Brust, setzte die Teetasse an und trank entschlossen aus.

Vielleicht machte sie sich auch nur etwas vor. Wenn sie beobachtete, mit welcher Selbstverständlichkeit Julius und Viktoria miteinander umgingen, dann war sie sich sogar sicher, dass sie sich etwas vormachte: der Kaufmann und die Kaufmannstochter hatten doch viel mehr gemein, insbesondere jetzt, da Julius bald auch Viktorias Ehemann zu seinen Geschäftspartnern zu zählen hoffte.

Anna dagegen würde in ihre eigene Welt zurückkehren. Sie würde ihrem Mann zur Seite stehen, und, wenn Gott wollte, Kinder bekommen. Sie würde hart arbeiten, um sich ihre kleinen Träume zu erfüllen. Sie durfte nicht von dem träumen, was sie in Julius' Augen las.

In den folgenden Tagen ging Anna Julius und Viktoria wieder einmal aus dem Weg. Sie mied die Orte, an denen sie Zeit miteinander verbracht hatten. Sie schränkte ihre Spaziergänge auf ein Mindestmaß ein. Sie verbrachte noch mehr Zeit mit der Mutter und ihrem Säugling, nähte dem kleinen Jungen ein Hängerchen aus einem alten Umschlagtuch. Manchmal traf sie auf Jenny, der es unter Julius' Schutz sichtbar gut ging. Es war, als würde die Kleine aufblühen, und seit Käthe ihr auf Viktorias Anweisung hin aus einem Unterkleid ein Kleidchen genäht hatte, war ihr das Mädchen scheinbar in ewiger Dankbarkeit verbunden. Seit Julius sie beim Kapitän gemeldet und für ihre Passage bezahlt hatte, wohnte die Kleine ganz offiziell bei ihm.

»Ich kann Herrn Meyers Hausmädchen werden«, hatte Jenny am Tag zuvor zu berichten gewusst. »Er wird mir auch helfen, meinen Vater zu finden.«

Manchmal sah Anna Piet und Michel in ihrer Nähe, aber sie wusste, dass sie sicher war - fürs Erste.

Immer schneller näherten sie sich nun der Neuen Welt, die das Leben all jener an Bord verändern würde. Anna zwang sich, häufiger an Kaleb zu denken, an ihren Vater und die Mutter, die Brüder, ihre Schwester. Sie hatten einander so lange nicht gesehen. Was mochten die anderen erlebt haben in dieser Zeit der Trennung? Ob es ihnen gelungen war, ein Stück Land zu kaufen oder eine kleine Werkstatt aufzumachen? Sie alle hier träumten von Arbeit, von einem besseren Leben als dem, das sie zurückgelassen hatten. Ob es mutig gewesen war, nicht nach Amerika zu ziehen, nicht in das gelobte Land, sondern an den Río de la Plata?

An diesem Tag - es war ein Sonntag - stand Anna an der Reling und blickte auf das wieder einmal fast spiegelglatte Meer hinaus. Sie hatten schon alle Sorten von Wetter gehabt, seit sie die Reise angetreten hatten: Sturm und Windstille, Regen und gleißenden Sonnenschein, Hitze, Kälte, Nässe und alles wieder von vorn. Noch niemals hatte sie sich den Elementen so ausgesetzt gefühlt. Dabei hatte sie früher auf dem Feld gearbeitet, dabei hatte sie den Weg zur Arbeit bei gutem und bei schlechtem Wetter genommen. Niemals allerdings war sie zum Nichtstun verdammt gewesen. Doch heute, an diesem schönen Tag, war das einerlei. Bald würde ihr neues Leben anfangen.

Anna freute sich plötzlich darauf. Vielleicht, weil sie in den letzten Tagen häufiger Vögel gesehen hatte und ihre Ankunft nun greifbarer wurde. Für einen Moment schloss sie die Augen, dann ließ das neuerliche Kreischen eines Vogels Anna den Kopf in Richtung Himmel drehen. Die Erfahrenen sagten, dass dies darauf hinwies, dass man sich Land nähere. Manchmal schwammen nun auch Gestrüpp, Äste und Blattwerk längsseits des Schiffes.

Anna schloss die Finger so fest um die Reling, dass die Knöchel weiß hervortraten. Lauter werdendes Stimmengewirr wies auf die baldige Essensausgabe hin, aber nach der langen Reise waren einem solche Zeiten ohnehin in Fleisch und Blut übergegangen. Sie warf noch einen letzten Blick auf die bleierne Fläche des Ozeans, die nur vom eigenen Schiff bewegt schien. Dann verließ sie ihren Platz.

»Warum kommst du nicht mehr zu uns? Jenny hat nach dir gefragt.«

»Ich habe gestern mit ihr gespielt«, antwortete Anna ausweichend, ohne Julius anzusehen.

Jenny, die zuerst in eine Decke gewickelt auf einem der Stühle auf Deck geruht hatte, sprang bei ihrem Anblick auf. Viktoria hatte noch ein Kleidchen für sie nähen lassen. Das kleine Mädchen hatte auch etwas zugenommen. Seine Wangen waren rosiger geworden.

»Warum kommst du uns nicht mehr besuchen?«, fragte Jenny. »Bist du krank?«

»Nein, es geht mir gut«, antwortete Anna. »Ich komme euch bestimmt bald besuchen.«

Sie fragte sich, ob das Mädchen wohl noch häufig an die Ereignisse jener Nacht dachte. Jenny wirkte so unbeschwert, seit Julius sich um sie kümmerte, und Julius ging mit der Kleinen um, als habe er nie etwas anderes getan. Sie bemerkte, dass er sie immer noch ansah, unverwandt, als müsse er sich ihr Gesicht einprägen.

»Ich frage mich ...«, setzte er dann an.

»Was?«

»Viktoria wird nach Salta zu ihrem Ehemann reisen«, fuhr er fort, »für dich aber wird das Leben in Argentinien neu beginnen, trotzdem ...«

»Ja?« Anna runzelte fragend die Augenbrauen.

»Trotzdem bin ich mir sicher«, fuhr Julius fort, »dass du keine Schwierigkeiten haben wirst, dich in dieser Neuen Welt einzufinden.« Obwohl Julius einen Augenblick innehielt, sagte Anna nichts. »Es sind Menschen wie du, die diese Neue Welt ausmachen«, endete er schließlich. Eine leise Unsicherheit schwang in seiner Stimme mit.

Anna zuckte die Achseln. »Es sind Menschen, ganz einfach.«

Und dafür liebe ich dich, schoss es Julius unvermittelt durch den Kopf. Dafür, dass du das Leben nimmst, wie es kommt, dass du nicht an ihm herumdeutelst, sondern einfach forsch vorangehst.

Er lächelte sie nunmehr zaghaft an und kämpfte den Wunsch herunter, ihr über die Wangen zu streicheln und jene Haarlocke, an der der Wind riss, zurück unter ihr Kopftuch zu streifen. Kaum merklich näherte sich sein Körper. Anna wich zurück. Julius hob die Hände und rückte wieder ab von ihr.

»Ich weiß, dass du verheiratet bist. Ich weiß, dass du deinen Mann liebst.« Julius seufzte. »Er muss ein sehr glücklicher Mann sein.«

Anna antwortete nicht.

Dann kam der Tag der Ankunft. In Montevideo, am anderen Ufer des Río de la Plata, wo sie am Vortag kurz angelandet waren, war ein einheimischer Steuermann an Bord gekommen, denn ohne Ortskenntnis wurde eine Weiterfahrt nun zu gefährlich. Die Fahrwasser waren selten richtig gekennzeichnet, und bei starkem Wind änderte sich ohnehin alles. Aufgeregte Stimmen riefen durcheinander, anders als zu Beginn der Reise mehr von Erwartung und Zuversicht durchdrungen. Arm und Reich, Männer und Frauen, Alt und Jung drängten sich nebeneinander, die Augen fest auf das Ziel gerichtet. Deutlicher und deutlicher schälte sich bald das Land vor ihnen heraus, das sich zuerst nur als schwacher blauer Streifen über den dunkleren Wellen gezeigt hatte.

»Buenos Aires«, hatte es vom Mast heruntergeschallt. »Buenos Aires in Sicht.«

»Buenos Aires, Buenos Aires«, waren die lang ersehnten Worte von Mund zu Mund geflogen, während immer mehr Passagiere aus ihren Kajüten oder aus den düsteren Quartieren des Zwischendecks kamen.

»Herr Gott, Maria und Joseph!«, rief Frieda Prenzl aus.

Sie schickte sich an, auf die Knie zu fallen, während sie ihre beiden jüngsten Kinder fest gegen ihren Busen drückte. Frau Wieland hielt sich ein Taschentuch gegen Mund und Nase gedrückt und weinte leise Tränen. Ihre Kinder standen weiter vorne, hielten die Hände ihres Vaters umklammert, der die Stirn in tiefe Falten gelegt hatte. Sie weinten ebenfalls. Näher und näher rückte das Land. Bald begannen einige unter Jubelrufen ihre Reiseutensilien zu entsorgen, so wie es Brauch war. Matratzen flogen ins Wasser, Koch- und Nachtgeschirr und was man sonst nicht mehr benötigte hinterher, sodass die Umgebung des Schiffs bald aussah wie ein Lumpenmarkt.

Wieder starrte Julius zu ihrem Ziel hinüber, Jennys kleine Hand fest in seiner rechten. Zu seiner Linken hatte sich der Geograph Paul Claussen postiert, daneben standen Jens Jensen und Theodor Habich in ein angeregtes Gespräch vertieft. In den letzten Tagen der Reise war der rothaarige Jensen öfter an der Seite des erfahrenen Habich zu finden gewesen. Vielleicht, hatten die Männer verlauten lassen, würden sie sich gemeinsam auf den Weg in den Süden machen.

Julius bemerkte, wie Jenny versuchte, ihn näher zur Reling zu ziehen. Er tat ihr den Gefallen.

Sie legten an der Außenreede an, die vier Seemeilen von der argentinischen Küste entfernt lag, denn in Ufernähe war das Wasser zu flach für die Landung großer Schiffe. Mancher Reisende wechselte deshalb sogar schon in Montevideo auf ein kleineres Dampfboot und ging in Buenos Aires über eine lange hölzerne Mole an Land.

Wieder sah Julius zum Ufer hinüber. Buenos Aires, formten seine Lippen stumm den Namen seines Zielorts. Soweit er das sehen konnte, lag die Stadt vollkommen frei in einer Ebene, ohne Mauern oder sonst irgendwelchen Schutz vor ...

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