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IM LAND DER TROLLE

Jürgen Heidenreich

IM LAND DER TROLLE

VORLESEGESCHICHTEN ZU WEIHNACHTEN

MIT ILLUSTRATIONEN VON
LESLIE MARIA LAMPE

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INHALT

BÄRIGE WEIHNACHTEN

DAS VERSCHWUNDENE WUNSCHBUCH

DER GESTÖRTE WINTERSCHLAF

GEFÄHRLICHE WEIHNACHTEN BEI FAMILLIE MAUS

IM LAND DER TROLLE

MEXIKANISCHE WEIHNACHT-
JONNI-BÄR ALLEIN UNTERWEGS

SUCHE NACH DEM WEIHNACHTSMANN

UNERFÜLLBARE WÜNSCHE ODER DER HALBE HUND

WEIHNACHTEN IM MONSTERLAND

WEIHNACHSTSTREIK

Eine bärige Weihnacht

Sicher wisst Ihr, dass die Weihnachtsnacht, also die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember eine ganz besondere Nacht ist. Es können dann nämlich Wunder geschehen.

Schon oft hat man davon gehört, dass in dieser Nacht Tiere sprechen können und Menschen sie verstehen. Das gilt aber nicht nur für unsere Haustiere. Denn in der Heiligen Nacht werden an einigen ganz bestimmten Orten auch Kuscheltiere lebendig. Sie können sich bewegen, sprechen und allerlei Unsinn machen.

Die Geschichte die ich euch erzählen möchte spielt in einem Spielwarengeschäft. Allerdings nicht in einem dieser großen Kaufhäuser, wo die Spielwaren auf mehreren Etagen angeboten werden und ganz viele Dinge aus Kunststoff und billig hergestellt zu Weihnachten verkauft werden sollen. Nein, die Geschichte spielt in einem ganz kleinen Geschäft abseits der großen Einkaufsstraßen, in dem noch der Chef selbst, schon ein alter Mann, hinter dem alt modischen Tresen steht und Spielwaren aus Holz und handgearbeitete Kuscheltiere und Puppen verkauft.

Der alte Abraham, so heißt der Mann, verkauft seine Kuscheltiere auch nicht an Jeden. Er sieht sich die Käufer nämlich sehr genau an. Wenn er der Meinung ist, dass seine Tiere es dort wo sie dann hingelangen würden, nicht gut haben, verkauft der sie einfach nicht. Er kann sich diese Marotte leisten, weil das Haus und das Geschäft ihm gehören, und er im Alter nicht mehr so viel Geld zum Ausgeben braucht.

An diesem Tag, von dem ich euch erzählen will, sperrte der alte Abraham am Nachmittag sein Geschäft ab und ging in seine Wohnung, die in der oberen Etage des Hauses lag. Es fing gerade an dunkel zu werden. Kaum hatte er den Schlüssel aus dem Schloss gezogen und die Treppe nach oben betreten, wurde es im Laden lebendig. Wie schon in den Jahren zuvor kamen alle Teddybären aus ihren Regalen und Schränken gekrabbelt und trafen sich auf dem Boden hinter dem Tresen.

So waren sie auch von draußen durch das Schaufenster nicht zu sehen. Viele von denen, die jetzt hier saßen, hatten auch schon im vergangenen Jahr die Weihnachtsnacht zusammen gefeiert. Das lag ganz einfach daran, dass der alte Abraham einige von ihnen besonders lieb gewonnen hatte und sie deshalb lieber in den Schränken versteckte, als sie an seine Kunden zu verkaufen. So saßen sie jetzt in einer großen Runde zusammen und fingen an zu erzählen. Als erster ergriff Beethoven das Wort. Beethoven war ein sehr großer Bär. Er hatte einen dicken, fast kugeligen Bauch, freundlich glänzende schwarze Augen und eine dicke Nase. Die Beine, die zu seinen großen Füßen führten, waren mit warmen Stulpen bedeckt. Auf dem Kopf trug er eine Pudelmütze mit einem lustigen Bommel daran. Um den Hals hatte er sich einen wärmenden Schal gewickelt und er hatte sogar ein paar Fausthandschuhe, die mit einem Band verbunden waren, dass ihm einmal um den Hals gewickelt war. So konnte er seine Handschuhe nicht verlieren. So begann Beethoven zu erzählen: „Es war einmal ein Bär,“ sagte er, „der hieß Jonathan“. Er hatte es gar nicht schlecht bei seinem Menschen, einem jungen Mädchen, die in einem wohlhabenden Haus lebte.

Eines Tages machte die Familie bei der Jonathan wohnte, eine Schiffsreise. Das Mädchen nahm Jonathan hat mit auf das Schiff und spazierte mit ihm über das Deck. Es war eine Reise über Weihnachten.

Am Heiligen Abend stand das Mädchen mit dem Bären an der Reling des Schiffes. Sie zeigte Jonathan den Sonnenuntergang. Plötzlich schlug eine hohe Welle gegen das Schiff, so dass dieses sich schräg auf die Seite legte. Vor Schreck ließ sie den Bären los und er fiel ins Wasser.

„Bär über Bord!“ rief das Mädchen, aber niemand reagierte darauf.

Sie weinte ganz heftig und lief zu ihren Eltern. Diese versuchten sie zu trösten und versprachen ihr nach der Ankunft einen neuen Bären kaufen.

Inzwischen schwamm Jonathan im Meer.

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Nun können Bären zwar eigentlich schwimmen, aber Jonathan war schließlich ein Stoffbär. Deshalb saugte sich sein Fell und sein ganzer Körper voll mit Wasser, so dass er ziemlich schnell unterging.

"Das war es denn wohl", dachte er, und weinte ein bisschen. Das fiel aber kaum auf, da er ja schon tief im salzigen Wasser schwamm. Immer tiefer sank der kleine Bär in Richtung Meeresgrund. Plötzlich sah er ein freundliches Gesicht. Ein junges Mädchen mit langen blonden Haaren schwamm direkt neben ihm und sah ihn freundlich lächelnd an.

„Wo kommst du denn her“, fragte sie ihn. Das heißt, eigentlich sprach sie nicht mit ihm, die Frage tauchte einfach in seinem Kopf auf. Und da es ja Weihnachten und die Sonne bereits untergegangen war, konnte Jonathan sich bewegen und sprechen. Er erzählte dem Mädchen, dass er von Bord des Schiffes gefallen war. Sie nahm ihn zärtlich in die Arme, drückte ihn an sich und fragte ihn, ob er bei ihr bleiben wolle. "Eigentlich ist mir das hier zu nass", sagte der Bär, "aber ich weiß ja nicht, wo ich sonst hingehen soll".

"Du wirst es gut bei mir haben", antwortete das Mädchen, "ich werde dich zu Neptun bringen. Er kann uns bestimmt helfen, damit du bei mir bleiben kannst und dich nicht im Meerwasser auflöst."

Sie drückte ihn fest an sich und schwamm schnell tiefer. Erst jetzt sah Jonathan, dass das Mädchen einen Fischschwanz hatte. Es war eine Meerjungfrau. Bestimmt hatte noch nie eine Meerjungfrau einen Kuschelären besessen. Schon nach kurzer Zeit erreichten die beiden ein Schloss auf dem Meeresgrund. „Das ist Neptuns Schloss“, erklärte das Mädchen.

Sie schwammen durch ein großes Tor, das von zwei Wassermännern mit Dreizack bewacht wurde. Zügig durchschwamm das Mädchen die Gänge und Räume des Schlosses, bis sie direkt vor einen großen steinernen Thron anhielt. Darauf saß Neptun.

„Hallo meine Tochter“, donnerte der Meeresgott mit einer Stimme, die Felsen zertrümmern konnte. „Was hast du da?“, fragte er das Mädchen.

„Einen Teddybären“, antwortete sie, „Er ist bei einem Schiff über Bord gefallen und ich möchte gerne, dass er bei mir bleibt.“

„Hmh“, brummte Neptun, „Da hast du wohl Glück. Weil heute Weihnachten ist, hast du einen Wunsch frei. Wenn du willst, mache ich ihn zu einem Wasserbären.“

„Oh ja“, rief das Mädchen, „dann könnte er immer bei mir bleiben.“

„Hey Bär, willst du das auch?“ fragte die Donnerstimme. Jonathan hatte das Mädchen inzwischen schon lieb gewonnen. Er zögerte nur ganz kurz und nickte dann zustimmend.

„Also gut“, rief der Gott, „dann sollst du jetzt ein Wasserbär sein. Und weil Weihnachten ist, sollst du auf Dauer beweglich sein und sprechen können. So sei es!“

Jonathan spürte, dass sich sein Fell veränderte. Es war zwar immer noch ein Fell, fühlte sich aber plötzlich anders an. Es war irgendwie wasserfest. Er fror auch nicht mehr in dem kalten Wasser und fühlte sich rundum wohl. „Ja“, schloss Beethoven seine Geschichte, „so war das damals mit dem ersten und einzigen Wasserbären, der noch heute als Kuscheltier bei seiner Meerjungfrau lebt.“ Die anderen Bären schwiegen ergriffen.

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Nach einiger Zeit räusperte sich ein anderer Bär mit Namen Mozart. Ja, es war kein Zufall, dass die meisten Bären den Namen eines berühmten Komponisten trugen. Der alte Abraham war nämlich ein leidenschaftlicher Liebhaber klassischer Musik. Mozart war bedeutend kleiner als der riesige Beethoven. Er trug eine Latz-Hose aus Jeansstoff, ein T-Shirt mit grünen, weißen und blauen Streifen und eine dunkelblauen Schirmmütze.

"Ja, ja", begann Mozart, "immer wieder gehen Teddybären irgendwo verloren und die Menschen denken, sie wären auf dem Müll gelandet. Meistens stimmt das aber gar nicht. Ich will euch die Geschichte von Friedrich

erzählen. Friedrich war auch ein Kuschelbär, der ging eines Tages mitten im Wald verloren. Er fiel nämlich aus der Kinderkarre, mit dem sein Mensch von seinen Eltern durch den Wald geschoben wurde. Auch das geschah am Weihnachtstag. Nicht nur für Kuscheltiere und Haustiere geschieht in der Weihnachtsnacht etwas Besonderes, sondern auch die Trolle in den nordischen Wäldern sind in dieser Nacht für alle anderen Lebewesen sichtbar. Und so kam es, dass eine Gruppe von Trollen Friedrich unter den Farnen am Rand des Waldweges fand.

Sie nahmen ihn mit in ihre geräumige Höhle unterhalb eines hohlen Baumes. Friedrich gefiel es dort sehr gut. Es war warm und trocken und die Trolle waren sehr freundlich zu ihm. So entschloss er sich bei ihnen zu bleiben. Das war für alle eine gute Idee, denn Friedrich als Bär hatte eine untrügliche Nase für Honig. Auch als es wieder etwas wärmer war, konnte Friedrich, aufgrund der Zauberkräfte der Trolle noch immer lebendig, im ganzen Wald nach Bienenstöcken und damit nach Honig suchen. Nicht nur Bären mögen Honig, auch für die Trolle ist es eine absolute Delikatesse. Ob Friedrich den gefundenen Honig immer ganz gerecht aufteilte ist nicht überliefert. Jedenfalls waren alle mit diesem Arrangement zufrieden. Und wenn Friedrich nicht gestorben ist, wandert er noch heute durch den Wald auf der Suche nach Honig.“

Die anderen Bären redeten jetzt alle durcheinander. Jeder wohl hatte eine solche oder ähnliche Geschichte zu erzählen. Es hat etwas beruhigendes, dass sie genau wussten, im Falle eines Falles ein schönes Zuhause auch außerhalb der Menschenwelt finden zu können.

Nachdem das Stimmengewirr ein wenig nachgelassen hatte, ertönte plötzlich eine leise hohe Stimme und sagte: "Wisst Ihr eigentlich, dass auch Mäuse an Weihnachten etwas ganz Besonderes erleben?".

Die Augen aller Bären richteten sich auf eine kleine Maus mit Namen Jerry. Diese kleine Stoffmaus war die älteste Bewohnerin des Geschäftes. Sie war wahrscheinlich so alt wie der Laden selbst. Gerade einmal eine Hand groß trug sie, weil es Winter war, ein selbst gestricktes Palletot und eine rote Zipfelmütze. Jerry hatte, wie die meisten Bären, einen außerordentlich dicken Bauch. Bei ihr kam es aber nicht vom reichlichen Verzehr von Honig und anderen Süßigkeiten, sondern eher vom fleißigen Genuss von Käse.

"An Weihnachten", erzählte die Maus, "gibt es eine Art Waffenstillstand mit den Katzen. In der Weihnachtsnacht dürfen die Katzen den Mäusen nichts tun. Es gab einmal eine besonders schlaue Maus, die sich diesen Umstand zu Nutze machte. Kaum war am Weihnachtstag die Sonne untergegangen, stürzte sie sich auf die nächstgelegene Katze, sprang ihr auf den Rücken, klammerte sich am Ohr fest und drohte damit, dieses abzubeißen. So wurde die geenterte Katze gezwungen, im Haus Käse für die Maus zu stehlen. Häufig war der Käse nämlich so untergebracht, dass die Maus alleine ihn nicht erreichen konnte. Die viel größere und kräftigere Katze aber konnte zum Beispiel eine Kühlschranktüre öffnen. Es war jedes Jahr ein riesiges Festmahl, und alle Mäuse aus Jerry's Familie kamen zusammen, um sich über den geklauten Käse herzumachen. Und weil Katzen ein wenig dumm sind", schloss Jerry seine Erzählung, "können die Mäuse bis heute jedes Jahr zu Weihnachten eine wahre Käseschlacht veranstalten".

Die Bären lachten ganz herzlich über diese kleine Geschichte. So verging die Weihnachtsnacht mit vielen, vielen Erzählungen, viel Lachen und manchmal auch ein bisschen Weinen.

Aber irgendwann war auch die schönste Nacht zu Ende und als der Weihnachtsmorgen graute, mussten alle wieder an ihre angestammten Plätze zurückkehren. Kaum waren alle wieder auf ihrem Platz in ihrem Regal angekommen, drehte sich der Schlüssel im Schloss und der alte Abraham erschien in seinem Laden, um nach dem Rechten zu sehen.

Der alte Mann betrachtete seine Bären und fragte sie ein wenig schmunzelnd: "Na, habt ihr den Heiligen Abend gut herumgebracht? Zu gern wäre ich im nächsten Jahr einmal dabei um eure Geschichten zu hören, aber leider ist das den Menschen nicht vergönnt."

Er nahm sich einen Staubwedel und begann gedankenverloren die Regale und Schränke abzustauben. Jetzt mussten die Tiere wieder warten, bis es in einem Jahr erneut Weihnachten sein würde. Und sie freuten sich schon jetzt auf die neuen Geschichten, die sie sich dann erzählen würden.

Das verschwundene Wunschbuch

Glauben Sie ja nicht, ich wäre ein sentimentaler alter Knochen, das bin ich nämlich nicht. Stünde einem Privatdetektiv, auch nicht gut an. Mein Name ist John Hunter, vielleicht haben Sie ja schon mal von mir gehört. Nein? Na, macht auch nichts. Die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen werde, glauben Sie sowieso nicht, aber das macht mir nichts aus. Ich muss sie einfach mal jemandem erzählen, sonst ersticke ich daran. Habe das schon mal bei einem Kumpel versucht, aber der hat mir nur die Whiskey-Flasche weggenommen und sich an die Stirn getippt.

Also, was war passiert? Es war Anfang Dezember, als plötzlich die Tür zu meinem Büro aufging. Ich saß gerade an meinem Schreibtisch und tippte den Abschlussbericht für meinen letzten Auftraggeber. Geklopft hatte niemand und aus meiner Position konnte ich niemanden hereinkommen sehen.

War auch kein Wunder – meine Besucher waren ungefähr so groß wie Pudel. Und im Gesicht auch fast so haarig. So etwas hatte ich noch nie gesehen, höchstens in meiner Kindheit in irgendwelchen Märchenbüchern.

Da hießen solche Gestalten Zwerge.

Man kann sich seine Mandanten nicht aussuchen, also immer schön höflich und freundlich bleiben. „Was kann ich denn für Sie tun?“ fragte ich die beiden Winzlinge über meinen Schreibtisch hinweg.

„Sie können uns begleiten“, antwortete der Größere (haha!) der beiden,

„unser Chef möchte Sie sehen!“

„Und wer ist euer Chef?“

„Das werden Sie dann schon sehen“, war die Antwort.

„Keine Angst, es wird sich für Sie lohnen“.

Letzteres war für mich das entscheidende Argument, denn so besonders rosig sah mein Konto zu der Zeit wirklich nicht aus. „Also gut,“ sagte ich, „aber ich will 200 Euro Vorkasse – egal, ob ich den Auftrag dann annehme oder nicht.“ Die beiden sahen sich an, dann zuckte der größere die Achseln, langte in seine Jackentasche und holte ein Bündel Scheine heraus. Sowas kannte ich eigentlich nur aus Gangsterfilmen. Etwas spanisch kamen mir die Jungs inzwischen schon vor. Ich nahm das Geld, schloss es in die Schublade ein, nahm meinen Mantel und folgte den beiden nach draußen.

„Wollt ihr mich vera……lbern?“ rief ich aus. Vor der Tür stand ein Schlitten mit vier Rentieren davor. Einer davon hatte tatsächlich eine leuchtend rote Nase. Ich schüttelte meinen Kopf, schloss die Augen, schüttelte noch mal und machte sie wieder auf. Der Schlitten stand da immer noch. Die beiden Zwerge grinsten so breit, so breit war ihr ganzes Gesicht nicht. „Weißt du jetzt, wer unser Chef ist?“ fragte der Kleinere und machte eine einladende Handbewegung. „Nun steig schon ein und zier dich nicht so“, kommentierte der Andere. Ich war so perplex, dass ich einfach in den Schlitten stieg. Kaum saß ich, wurde ich in die Rückenlehne gepresst wie in einem Ferrari bei einem Kavalierstart – nicht dass ich schon mal in einem Ferrari gesessen hätte, aber so ungefähr stelle ich mir das vor. Mir wurde richtig übel, und das kam nicht von der abrupten Beschleunigung, sondern hauptsächlich davon, dass wir nach zwei Sekunden schon mehr als hundert Meter über den Hausdächern waren – wir flogen!

Die beiden Zwerge grinsten schon wieder so breit...ich könnte sie….

Lieber schloss ich aber meine Augen und klammerte mich mit beiden Händen an meinem Sitz fest. Jetzt legte sich der Schlitten auch noch sehr schnell und sehr schräg in die Kurve.

Ich könnte schwören, dass die Zwei das extra gemacht haben. Da drehte sich das Rentier mit der roten Nase um und zwinkerte mir zu. Wenn ich nicht sicher gewesen wäre, dass mein letzter Drogenkonsum über ein Jahrzehnt zurücklag und auch mein letzter Vollrausch lange Geschichte war – spätestens jetzt wäre ich abstinent geworden.

Als ich mich traute die Augen wieder einmal aufzumachen, hatte sich die Welt unter mir erheblich verändert. Alles war weiß und sehr flach.

Mit einem Affentempo brausten wir in mehreren hundert Metern Höhe dahin. Wobei „brausen“ nicht wörtlich zu nehmen ist. Es verlief nämlich fast lautlos. Kein Fahrtwind, kein Rauschen – nur gelegentlich ein Klingeln von den Glöckchen der Rentiere.

Dann gingen wir schon tiefer – die ganze Reise schien keine zehn Minuten gedauert zu haben. Untern in der Eiswüste erschien ein kleines Licht, das sich beim Näherkommen als ein riesiges Anwesen – aus Schnee? – entpuppte, in dem viele Fenster beleuchtet waren und ein wunderbar warmes und irgendwie friedliches Licht auf den Schnee warfen. Bevor ich mehr erkennen konnte, landeten wir bereits im Innenhof des Gebäudekomplexes. Mit wackeligen Knien stieg ich aus dem Schlitten und wurde von einer kräftigen Bassstimme begrüßt: „Schön, dass du so schnell kommen konntest, ich brauche deine Hilfe.“

Ich drehte mich um und kam mir wieder vor wie in einem Kindertraum. Ja, ich hatte während des Fluges an den Weihnachtsmann gedacht, aber ihm plötzlich leibhaftig gegenüberzustehen, darauf kann man sich nicht vorbereiten – jedenfalls nicht als Erwachsener. Der Weißhaarige sah genauso aus, wie in all den zahllosen Bildern und Filmen, in denen der Weihnachtsmann eine Rolle spielt: roter Mantel, langer weißer Bart, hohe schwarze Stiefel mit Pelzbesatz, breiter schwarzer Gürtel mit großer goldener Schnalle und – diese Augen! Daran konnte man ertrinken. Alle Weisheit und alles Wissen der Welt lagen darin. Sein Blick war gleichwohl milde und freundlich.

Erst auf den zweiten Blick sah ich, was anders war. Er hatte keine Mütze auf. Anscheinend hatte er meinen Blick bemerkt, vielleicht konnte er auch meine Gedanken lesen – ein irritierender Gedanke – jedenfalls sagte er zu mir: „Die Mütze trage ich nur im Dienst, sonst ist mir das zu unbequem. Jetzt komm aber erst mal rein, wir müssen reden.“

Er fasste mich an den Oberarm und schob mich sanft in Richtung einer großen Holztür, die in einen freundlich beleuchteten Raum führte. Drinnen war ein fröhliches Wuseln von vielen Zwergen. Bisher hatte ich gedacht, dass Zwerge irgendwie alle gleich aussähen, auch wenn meine beiden Begleiter in der Größe unterschiedlich waren, jetzt sah ich aber, dass jeder Zwerg wirklich ein Individuum war, alle waren gut unterscheidbar und trugen ...

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