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Im Land der Sehnsucht

1. KAPITEL

Sie waren schon fast eine Ewigkeit auf der Landstraße unterwegs – Marissa Devlin, ihr siebenjähriger Halbbruder Riley und dessen tapferer, immer verteidigungsbereiter Hütehund Dusty, ein Queensland Blue Heeler.

Dusty war der geborene Wachhund, und er konnte sprechen, was Marissa immer wieder veranlasste, ihm ihre Gedanken und Überlegungen mitzuteilen. Es hatte für sie etwas Tröstliches und Beruhigendes, denn sie fürchtete noch immer, mit ihrem Entschluss, die Hauptstadt Brisbane mit dem endlosen Outback zu vertauschen, einen großen Fehler gemacht zu haben. Riley und Dusty wurden nicht von derartigen Zweifeln geplagt. Für sie war alles ein großes Abenteuer. Sie ahnten nicht, was für ein Risiko Marissa einging.

Früher hatte Dusty die Aufgaben eines Hütehundes erfüllt und auf einer Ranch in Nordqueensland beim Viehtreiben geholfen – ein verantwortungsvoller Job, doch nicht halb so verantwortungsvoll wie der, den er nun ausübte. Jetzt wachte er über seine „Familie“, die aus Riley und Marissa bestand. Alles, was davor lag, hätte Marissa am liebsten vergessen, wenn das möglich gewesen wäre. Leider ließ sich die Vergangenheit nicht einfach auslöschen. Man trug sie ein Leben lang mit sich herum.

Marissa musste sich zwingen, nur noch an die Zukunft zu denken, besonders jetzt, wo es das nächste Straßenschild zu lesen galt. Es war so verwittert, dass die Buchstaben kaum noch zu entziffern waren und sich zu unaussprechlichen Wortgebilden zusammenfügten.

Appilayarowie? Balukyambut? Cocatatocallen?

Alles Namen aus der Sprache der Aborigines, aber warum auch nicht? Schließlich befand sie sich im Landesinnern, im „Dreamtime country“. Auf Ortsangaben verließ man sich hier besser nicht. Genauso gut hätte man Riley die Augen verbinden und ihn auffordern können, in irgendeine Himmelsrichtung zu zeigen.

Rechts von der Straße tauchte ein Wäldchen mit Geistereukalypten auf, genau der richtige Ort für eine Pause. Marissa saß schon so lange am Steuer, dass ihr die Hände vom Lenken wehtaten. Sie bog von der Straße ab und parkte den roten Kombi mit dem schwarzen Panther auf der Außenseite der Tür im Schatten der Bäume. Irgendwo hatte sie gelesen, dass es etwa sechshundert Eukalyptusarten in Australien gab. Sie machten fast den gesamten Baumbestand des Landes aus und erfreuten sich eines weltweiten Rufs.

Während der Tageshitze wandten sich die schlaffen blaugrauen Blätter von der Sonne ab. Sie gaben dadurch weniger Schatten, verströmten aber weiter ihren würzigen Duft. Er war Marissa vertraut und wirkte beruhigend auf sie, genauso wie der des landestypischen Boroniaöls, von dem sie abends immer einige Tropfen auf ihr Kopfkissen träufelte. Die Düfte der Natur hatten sie schon immer fasziniert, mochten sie nun von Eukalypten, Akazien, Silberbäumen, einheimischen Büschen oder Wildblumen stammen.

Spaziergänge über die sanft geschwungenen Hügel außerhalb von Brisbane waren schon immer Marissas heimliche Leidenschaft gewesen. Im Frühling, wenn die weißen und gelben Blütendolden der Akazien ihren süßen Wohlgeruch verströmten, fand sie es dort besonders schön. Leider bekam ihre Cousine Lucy davon Heuschnupfen, ein willkommener Vorwand, um Marissa nicht auf ihren kleinen Wanderungen begleiten zu müssen.

Inzwischen lag Brisbane weit hinter ihr, irgendwo im Osten, wo sie einmal gelebt hatte. Hier, im Südwesten von Queensland, dem wahren Outback, tat sich eine neue Welt auf. Man hätte sich auf den fernen Planeten Pluto versetzt fühlen können. Akazien fand man in dieser Gegend nicht mehr. So weit das Auge reichte, bedeckte gelbliches Spinifex-Gras den ausgedörrten Boden. Ein Glück, dass Riley und Dusty bei ihr waren. Im „Never Never“, wie das Outback auch genannt wurde, sollte es Geister geben, die einem Fremden nicht unbedingt wohlgesinnt waren. Sie beobachteten jeden Eindringling mit feindseligen Blicken und jagten ihm dadurch eine unbestimmte Angst ein.

Als geborene Städterin war Marissa für die geheimnisvollen Stimmungen dieses öden, trockenen Hinterlandes besonders empfänglich. Sie sog sie mit jedem Atemzug ein und ahnte, dass diese innere Unruhe noch zunehmen würde, je mehr sie sich dem „Roten Herzen“ des Kontinents näherten. Mit jedem Tag drangen sie tiefer in das Channel Country ein, das Land der Rinderbarone, das bis an die Grenzen der Simpson Desert reichte.

Marissa hatte die Absicht, auf einer der größeren Rinderfarmen als Erzieherin zu arbeiten. Nur so konnte sie Riley bei sich behalten, bis er alt und gefestigt genug war und sie ihn auf ein Internat schicken konnte. Dafür würde sie zwar die restliche Geldsumme, die sie von ihrer Großmutter mütterlicherseits geerbt hatte, hergeben müssen, aber dazu fühlte sie sich verpflichtet. Außerdem war sie dem Schicksal unendlich dankbar, dass es sie so unerwartet mit Riley zusammengeführt hatte.

Den Aufgaben einer Erzieherin fühlte sich Marissa durchaus gewachsen. Sie hatte ein Examen in Pädagogik abgelegt, im „Saint Catherine’s“ in Brisbane als Lehrerin gearbeitet und nebenbei für den Titel „Magistra Artium“ studiert. Die Begegnung mit Riley hatte ihren diesbezüglichen Bemühungen vorläufig ein Ende gesetzt, aber sie war entschlossen, ihr Studium später erfolgreich abzuschließen.

Dr. Eleanor Bell, die Direktorin vom „Saint Catherine’s“, wo Marissa unterrichtet hatte, war bei der Kündigung sehr verständnisvoll gewesen.

„Wenn Sie in Schwierigkeiten kommen, werden Sie hier immer willkommen sein“, hatte sie Marissa versprochen. „Deshalb betrachte ich diesen Abschied auch nicht als endgültig. Versuchen Sie Ihr Glück, und lassen Sie in jedem Fall von sich hören.“

Die gute Eleanor! Sie hatte sich immer für Marissa eingesetzt und verdiente es, zu gegebener Zeit von ihrem Schützling zu hören. Seit sie Direktorin war, herrschte im „Saint Catherine’s“ genau die warmherzige Atmosphäre, die Marissa zu Hause immer vermisst hatte. Wie das klang … zu Hause! Seit dem Tod ihrer Mutter hatte Marissa kein Zuhause mehr gehabt. Ihre Verwandten hatten sie zwar bei sich aufgenommen, ihr aber keine Liebe entgegengebracht. Erst mit dem Wechsel auf die Schule hatten sich alle familiären Probleme von selbst gelöst. Marissa hatte seitdem ein freies, selbstständiges Leben geführt, bis Riley auf der Bildfläche erschienen war. Damit hatte sich alles schlagartig verändert.

Marissa schüttelte die Erinnerungen ab. Sie stieg aus, reckte und streckte sich, um den Körper zu lockern. Dusty war mit einem Sprung draußen und jagte davon. Eine Schar weißer Kakadus fühlte sich gestört und flog kreischend auf. Es kam selten vor, dass jemand den stolzen Vögeln mit der gelben Federhaube das Revier streitig machte.

„Tob dich ordentlich aus!“, rief Riley seinem Freund nach. „Die Bewegung wird dir guttun.“

„Du solltest dir auch die Beine vertreten“, meinte Marissa. Sie nahm eine Straßenkarte aus dem Handschuhfach und warf Riley dabei einen flüchtigen Blick zu. Er litt unter Asthma, und sie war ständig in Sorge um ihn. Nach Meinung des Spezialisten, den sie nach Rileys letztem schweren Anfall zu Rate gezogen hatte, würden sich die beängstigenden Symptome mit der Pubertät verlieren, doch Riley war erst sieben und hatte noch einige kritische Jahre vor sich. Die klare, trockene Luft des Outback war nach Ansicht des Arztes genau richtig für ihn, und Marissa setzte große Hoffnung darauf. Schon jetzt spürte sie den Unterschied zur Stadt. Hier draußen ließ es sich viel leichter und freier atmen.

Riley gehorchte bereitwillig. Er war fügsam, und sein Verhalten war immer einwandfrei. Ihr gemeinsamer Vater hatte ihn ausgezeichnet erzogen.

„Geht es dir gut?“, erkundigte sie sich wie nebenbei und berührte leicht seine Schulter. Er war klein für sein Alter und hatte einen zarten Körperbau. Das Leben war nicht besonders freundlich mit ihm umgegangen. Marissa vermutete, dass es in der Vergangenheit dunkle Punkte gab, von denen sie noch nichts wusste. Umso mehr bewunderte sie ihn wegen seiner inneren Haltung, die bei einem siebenjährigen Jungen ungewöhnlich war. Marissa war stolz, so einen Bruder zu haben. Das Wort „Halbbruder“ hatte sie inzwischen aus ihrem Vokabular gestrichen.

„Na klar.“ Riley strahlte sie mit seinen blauen Augen an, die von dichten schwarzen Wimpern umsäumt waren.

„Deine Stimme klingt etwas rau“, stellte Marissa besorgt fest. Sie wusste aus Erfahrung, wie schnell sich Rileys Zustand verschlechtern konnte.

„Meine Kehle ist trocken“, beruhigte Riley sie. „Mach dir keine unnötigen Sorgen, Ma. Wenn mir das Atmen schwererfällt, melde ich mich. Kann ich etwas zu trinken bekommen?“

„Natürlich. In der Kühltasche ist kaltes Mineralwasser. Ich werde dir Gesellschaft leisten, und Dusty muss auch was haben, wenn er zurückkommt.“

„Falls er zurückkommt“, verbesserte Riley sie. Er öffnete den Kofferraum, nahm zwei kleine Flaschen aus der Kühltasche und gab Marissa eine davon. Dann zeigte er auf das Straßenschild. „In welcher Richtung mag ‚Wungalla‘ liegen?“

„Eine gute Frage“, erwiderte Marissa. Sie stürzte das Wasser hinunter, als wäre es himmlischer Nektar. „Wenn man die Neigung des Wegweisers berücksichtigt, kann es in jeder Richtung liegen … sogar dort, wo wir herkommen.“

„Wir sind eben im Outback“, meinte Riley stolz. „Du wirst dich daran gewöhnen, Ma.“

Er hatte sie wieder „Ma“ genannt. Obwohl Marissa ihn diverse Male aufgefordert hatte, sie mit ihrem vollen Vornamen anzureden, tat er es nicht. Marissa wusste auch, warum. Er sehnte sich nach einer Mutter, und diese Rolle erfüllte sie. Marissa erinnerte sich nur ungern daran, dass man sie während ihrer bisherigen Fahrt tatsächlich überall für Rileys Mutter gehalten hatte. Hinweise darauf, dass sie seine Halbschwester sei, hatten nichts genützt.

Riley unternahm nichts, um diesen Irrtum aufzuklären, denn sie stellte genau die Mutter dar, die er sich wünschte, was er häufig genug betonte. Daraus konnten die Leute nur schließen, dass Marissa ihn mit fünfzehn Jahren empfangen und mit sechzehn geboren hatte. Es kam einfach zu selten vor, dass ledige Halbschwestern die Erziehung eines wesentlich jüngeren Bruders übernahmen.

Marissa hockte sich hin und breitete die Karte auf dem ausgetrockneten, von gelben Blättern bedeckten Boden aus. Den Kühler konnte sie dafür nicht benutzen. Er war so heiß, dass man Spiegeleier darauf hätte braten können.

„Also hier sind wir“, stellte sie in einem Ton fest, der Sicherheit ausdrücken sollte. „‚Wungalla‘ ist eine große Rinderfarm und liegt etwa hundertfünfzig Kilometer nordwestlich von Ransom.“

„Warum haben sie der Stadt wohl diesen Namen gegeben?“, fragte Riley, der sich bemühte, Dusty nicht aus den Augen zu verlieren. „Bedeutet ‚ransom‘ nicht so viel wie ‚Lösegeld‘?“

„Gibt es eigentlich ein Wort, das du nicht kennst?“ Marissa staunte immer wieder, was Riley mit seinen sieben Jahren alles wusste. Sie war stolz auf ihren kleinen Bruder, von dessen Existenz sie lange nichts geahnt hatte. Weder von ihrer Tante Allison noch von ihrer Cousine Lucy hatten sie viel Zuwendung bekommen. Dafür hatte Riley sie vom ersten Tag an mit seiner Liebe überschüttet.

Jetzt lachte er schallend, begann dann aber heftig zu husten. „Daddy hat mir eine Menge beigebracht“, keuchte er.

Daddy! Rileys und Marissas gemeinsamer Vater. Einst ein erfolgreicher Anwalt, später ein unheilbarer Alkoholiker, der in einer Missionsstation irgendwo im Outback gestorben war. Wie hatten sie ihn geliebt! Fast anderthalb Jahre nach seinem Tod kam es immer wieder vor, dass Riley herzzerreißend um ihn weinte. Bei Marissa saßen die Tränen ebenso locker, doch sie verbarg sie vor Riley oder versuchte, sie ganz zu unterdrücken.

Riley gehörte zu den frühreifen Jungen und hatte sich seit dem Tag, als sie sich auf dem kahlen Flur der Missionsschule begegnet waren, eng an sie gebunden. Marissa war jetzt seine Familie. Er hatte sie erkannt, bevor noch das erste Wort gesprochen worden war, denn sie glichen beide ihrem Vater. Sie hatten dasselbe rabenschwarze Haar, dieselben lebhaften blauen Augen und dieselbe zarte Haut.

Während der ersten Monate hatte Marissa sich bemüht, Rileys Mutter ausfindig zu machen, doch alle Bemühungen waren umsonst gewesen. Man wusste nur, dass sie eine gebürtige Polynesierin war und Vater und Sohn kurz nach Rileys viertem Geburtstag verlassen hatte. Michael Devlin war bald danach gestorben und hatte Riley als Waise zurückgelassen – bis Marissa in sein Leben getreten war.

Die Erkenntnis, dass ihr charmanter und ungewöhnlich gut aussehender Vater noch einmal eine Beziehung eingegangen war, aus der ein Sohn stammte, hatte Marissa ungeheuer überrascht, denn Michael Devlins beruflicher und gesundheitlicher Abstieg war unaufhaltsam gewesen.

„Selbstmord! Es musste ja so kommen!“, hatte Onkel Bryan verzweifelt ausgerufen, als Pastor McCauley ihm den Tod des jüngeren Bruders mitteilte und dabei auch den kleinen Sohn erwähnte, den er und seine Frau in ihre Obhut genommen hatten.

„Wie feige von ihm!“ Tante Allison hatte wie üblich kein Blatt vor den Mund genommen. Nur zu gern suchte sie bei anderen Schwächen, um sie dann dafür zu kritisieren. Sich selbst hielt sie für fehlerfrei. „Michael hatte die besten Chancen und hat alle vertan. Der Junge kommt mir nicht hierher, Bryan … das sage ich dir gleich. Marissa haben wir aus Mitleid aufgenommen und großgezogen, ein zweites Mal nehme ich das nicht auf mich. Michael hätte sich nicht mit dieser Frau einlassen dürfen. Wenn sie die Mutter nicht finden können, kommt der Junge ins Heim.“

Tante Ally wusste nicht, was in einem Menschen vorging, der Kummer hatte, und die tiefe Liebe zwischen Marissas Eltern hatte sie auch nie verstanden. Sie ahnte nicht, wie viel zwei Menschen einander bedeuten konnten, besonders nicht zwei so schöne und glückliche Menschen, wie Michael und Maureen Devlin es gewesen waren.

Nach dem tragischen Unfalltod von Marissas Mutter, den Michael Devlin sich selbst zuschrieb, hatte er die Kontrolle über sein Leben verloren. Er war ein heimatloser Vagabund geworden. Vorher hatte er allerdings einen Treuhandfonds eingerichtet, von dem Marissa bis zum Abschluss ihrer Universitätsausbildung sorglos leben konnte. Tante Ally versäumte es stets, diesen wichtigen Punkt zu erwähnen, und tat so, als wäre die Aufnahme ihrer Nichte mit hohen finanziellen Opfern verbunden gewesen.

„Ohne festen Halt im Leben bin ich nur noch eine Last für dich“, hatte Michael vor seinem Verschwinden zu Marissa gesagt. „Du wirst ohne mich besser zurechtkommen, zumindest vorläufig. Vergiss nie, dass ich dich liebe.“

Die ganze Familie hatte gehofft, dass mit „vorläufig“ höchstens einige Monate gemeint waren, doch es wurden Jahre daraus. Bryan Devlin tat sein Bestes, um der armen Waise ein neues Heim zu schaffen, doch leider machte seine Frau diese Bemühungen immer wieder zunichte. Ihre Liebe reichte nur für die eigene Tochter Lucy, die zwei Jahre älter als ihre Cousine war und Marissa kaum eine Chance ließ, sich neben ihr zu entwickeln.

Zehn Jahre später dann, kaum fünfzig Jahre alt, war Michael Devlin ein toter Mann. Der Alkohol, von dem er sichnie mehr lossagenkonnte, hatteihndahingerafft. Während dieser zehn Jahre war er gelegentlich überraschend aufgetaucht, um Bryan und Ally zu sagen, wie „wunderbar sie ihre Aufgabe erfüllten“, aber dann war er wieder verschwunden, um sein ruheloses Leben fortzusetzen. Die Einbildung, er sei der Mörder seiner Frau, hatte immer mehr von ihm Besitz ergriffen und ihn schließlich in den Tod getrieben.

„Wie lange werden wir noch brauchen, um Ransom zu erreichen?“ Riley bückte sich, um den aufgeregten Dusty zu streicheln. Der Ausreißer war vorübergehend zurückgekehrt, schlürfte gierig etwas Wasser und jagte dann wieder davon, um die unerwartete Freiheit zu genießen.

„Wir haben es bald geschafft“, versprach Marissa. „Wir haben die letzte Etappe unserer Fahrt erreicht.“ Sie stand auf und strich Riley über das lockige Haar. Er war ein ungewöhnlich hübscher Junge, was das Verschwinden seiner Mutter noch unerklärlicher machte. Wie konnte man ein Kind, das an Asthma litt und von seinem kranken, trunksüchtigen Vater keine Hilfe erwarten durfte, einfach sich selbst überlassen? „Sobald wir am Ziel sind, gönnen wir uns ein echtes Luxusmahl.“

„Ob es in Ransom Hamburger gibt?“, fragte Riley hoffnungsvoll. Sie waren für ihn der Inbegriff der feinen Küche.

Marissa faltete die Karte zusammen. „Die wird es bestimmt geben“, erklärte sie. „He, was ist das?“ Sie beschattete mit der Hand die Augen, um gegen die gleißende Sonne besser sehen zu können. „Hat Dusty es etwa auf die unschuldigen Kängurus abgesehen?“

„Das liegt einem Hütehund im Blut“, meinte Riley vergnügt. „Wenn es sein muss, jagen sie auch Menschen.“

„Und wenn die Tiere das nicht mögen?“ Marissa wusste nicht, ob sie lachen oder besorgt sein sollte. „Dusty ist ein kleiner Teufel. Pfeif ihn zurück, Riley, bevor eins der Tiere wütend wird und es ihm heimzahlt.“

„Keine Angst“, beruhigte Riley sie. „Dusty weiß nicht nur mit Rindern, sondern auch mit Emus und Kängurus umzugehen.“ Trotzdem gehorchte er seiner Schwester und pfiff seinen Hund zurück.

2. KAPITEL

Nach der tagelangen Fahrt wirkte das kleine, abgelegene Ransom auf Marissa und Riley seltsam vertraut. Sie waren durch viele ähnliche Städte gekommen, die alle gleich aussahen und den Eindruck erweckten, als wären sie schon immer da gewesen und würden unverändert so bleiben.

Kein Mensch ließ sich blicken. Jeeps und Landrover säumten die Hauptstraße zu beiden Seiten. Es gab eine Tankstelle mit Reparaturwerkstatt, mehrere Geschäfte, eine Einmann-Polizeistation, ein Café, ein Rathaus und den unvermeidlichen Pub, vor dem zwei ältere Männer auf einer Bank saßen. Gegenüber lag ein kleiner Park, die einzige grüne Oase in dem trockenen, sonnendurchglühten Ort.

Die Stadtväter hatten etwas Bemerkenswertes getan. Sie hatten vor Jahrzehnten zwei Dutzend Jacarandas gepflanzt, die sich zu prächtigen, Schatten spendenden Bäumen entwickelt hatten. Jetzt, Ende Oktober, waren sie voll erblüht. Die ersten Blüten begannen schon abzufallen und bildeten auf dem Boden kleine lilafarbene Inseln.

„Sind die Bäume nicht traumhaft schön, Ma?“ Riley hielt sich dicht an Marissas Seite. Er brauchte ihre Nähe, um sich nicht verloren zu fühlen. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie hier draußen in der Wüste so gut gedeihen.“

„Die Jacarandas stammen aus dem trockenen Hochland Brasiliens“, erklärte Marissa. „Je trockener es ist, desto üppiger blühen sie. Man müsste den Namen eigentlich ‚Hakkaranda‘ aussprechen, wie die Brasilianer es tun. Weißt du, wo ihr Land liegt? Die Hauptstadt heißt Brasilia, aber Rio de Janeiro ist größer und schöner.“

Riley bewunderte immer noch die Jacarandas. „Brasilien befindet sich in Südamerika“, antwortete er, als wäre er in der Schule. „Es ist riesig, und die Leute sprechen dort Portugiesisch. Vor dir war Daddy mein bester Lehrer, Ma. Er hat mir schon früh vieles beigebracht … über Geschichte, Erdkunde, Schreiben und Rechnen. Bei ihm war alles interessant, manchmal wurde er allerdings krank, dann musste ich bei Pastor McCauley und seiner Frau bleiben. Sie waren sehr nett zu mir.“

„Es sind gute und liebe Menschen“, bestätigte Marissa in aufrichtiger Dankbarkeit.

Riley nickte. „Mrs. McCauley sagte immer, ich sei das klügste Kind, das jemals die Missionsschule besucht hätte. Ich wusste im Gegensatz zu den anderen vieles, weil Daddy mich immer wie einen großen Jungen behandelt hatte. Es war wunderbar, ihm zuzuhören. Er hatte eine so schöne Stimme … genau wie du, Ma. Tut es dir leid, dass du nicht mehr unterrichtest?“

Für einen Moment fürchtete Marissa, in Tränen auszubrechen, doch sie fasste sich schnell. „Die Schule fehlt mir“, gab sie zu, „doch dafür habe ich jetzt dich. Ich will da weitermachen, wo Dad aufgehört hat. Später werde ich dich dann auf das Internat schicken, das er auch besucht hat. Da wirst du seinen Namen auf der Ehrentafel finden. Er war ein ausgezeichneter Schüler und später ein brillanter Student. Ob sie mich auf einer der umliegenden Rinderfarmen als Erzieherin anstellen?“

„Bestimmt“, versicherte Riley, als wäre daran überhaupt nicht zu zweifeln. „Du bist eine sehr gute Lehrerin, und die Kinder mögen dich.“

„Auf den meisten Farmen wird schon eine Erzieherin sein“, gab Marissa zu bedenken.

„Vielleicht kündigt die eine oder andere … das kann man nie wissen. Die Kinder der Farmer werden zu Hause unterrichtet, bis sie alt genug sind, um ein Internat zu besuchen. Stimmt das nicht?“

„Oh doch. Das Channel Country ist das Land der Rinderbarone, ein von Flüssen durchzogenes Gebiet am Rand der eigentlichen Wüste. Es fällt dort kaum Regen, doch zur Monsunzeit schwellen die Flüsse an und überschwemmen das Land. Deshalb findet das Vieh hier reichlich Nahrung.“

„Daddy hat mir alles über Trocken- und Regenzeiten erzählt“, berichtete Riley stolz. „Einmal wurden wir von einer Überflutung überrascht. Alles um uns herum stand unter Wasser. Wir mussten tagelang im Auto warten, bis die vor uns liegende Brücke wieder passierbar war. Ob auf ‚Wungalla‘ eine Erzieherin gebraucht wird?“ Er sprach den Namen „Wu-un-gah-la“ so sanft und wohlklingend aus, wie er es im Norden bei den Aborigines gehört hatte.

„Das würde mich nicht wundern“, antwortete Marissa, denn sie wollte Riley auf keinen Fall beunruhigen. „Was meinst du? Wollen wir es mit dem Café auf der anderen Straßenseite versuchen? Es wirkt sauber und freundlich, nur den Namen finde ich seltsam. ‚River Café‘! Kannst du irgendwo einen Fluss entdecken?“

„Das ist sicher scherzhaft gemeint. Was machen wir mit Dusty?“

„Das, was wir immer mit ihm machen. Wir binden ihn draußen an und bringen ihm einen Hamburger.“

„Mit viel Tomatenketchup. Den liebt Dusty doch so sehr.“ Riley griente. „Er schlürft es wie Wasser.“

„Ist das Ihr Hund?“, erkundigte sich die Cafébesitzerin. Sie hatte durch das Fenster beobachtet, wie Dusty an die Leine gelegt wurde.

Riley nickte. „Er heißt Dusty.“

„Australische Hütehunde sind die besten, die es gibt.“ Die Frau wischte sich die Hände an der schneeweißen Schürze ab, die sie über einem geblümten Kleid trug. „Vergiss nicht, ihm etwas zu trinken hinzustellen.“

„Bestimmt nicht“, beteuerte Riley. „Dazu lieben Ma und ich Dusty viel zu sehr. Er soll einen Hamburger mit Tomatenketchup bekommen. Sie haben doch welche?“

„Natürlich.“ Die Frau zwinkerte ihm zu. Sie war klein und rundlich und hatte ein gutmütiges Gesicht. Ihr pfiffiger Blick verriet einen wachen Geist. „Du und deine Mum wollt also Hamburger essen, oder?“

„Mit Chips“, bekräftigte Riley.

„Natürlich … mit Chips.“ Die Wirtin wandte sich an Marissa. „Wohin geht die Reise, mein Kind?“

Ihre mütterliche Art tat Marissa gut. „Wir sollten uns erst einmal vorstellen“, erklärte sie. „Ich bin Marissa Devlin, und das ist mein kleiner Bruder Riley.“

Die Frau ergriff Marissas ausgestreckte Hand. „Es ist mir ein Vergnügen. Ich bin Daisy O’Connell, die Besitzerin des Cafés.“

„Es ist sehr schön hier“, meinte Riley, der sich stets diplomatisch verhielt. „Warum heißt es ‚River Café‘?“

„Weil kein Fluss da ist“, antwortete Daisy lachend. „Ich fand das lustig.

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