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Im Land der Orangenblüten

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. Vaarwel!
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  1. De verre kust
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  13. Kapitel 12
  14. Kapitel 13
  15. Kapitel 14
  16. Kapitel 15
  1. In hetzelfde bootje zitten
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  13. Kapitel 12
  1. Het geviel dat …
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  13. Kapitel 12
  14. Kapitel 13
  15. Kapitel 14
  1. Het is niet alles goud, wat er blinkt
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  13. Kapitel 12
  14. Kapitel 13
  15. Kapitel 14
  16. Kapitel 15
  17. Kapitel 16
  1. Waar rook is, is ook vuur
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  1. Epilog
  2. Nachwort
  3. Dank

Über die Autorin

Linda Belago ist seit ihrer Kindheit durch ihre Familie mit den Niederlanden verbunden. Ihr besonderes Interesse gilt seit langem der Geschichte dieses Landes. Ihre berufliche Tätigkeit führte sie zunächst quer durch Europa und nach Übersee. Heute lebt Linda Belago mit ihrem Mann nahe der deutsch-niederländischen Grenze.

Linda Belago

IM LAND
DER
ORANGEN-
BLÜTEN

Roman

Für meine Eltern

Leben: Lerne aus der Vergangenheit,
träume von der Zukunft, und lebe in der Gegenwart

Prolog

Vereinigtes Königreich der Niederlande 1850
Rotterdam, Elburg

 

Als die Kutsche die Einfahrt hinabfuhr, wirbelten die Hufe der Pferde eine Wolke aus rotem Sandstaub auf.

»Wird Zeit, dass es mal wieder regnet. Diese Hitze …« Jan Vandenberg klopfte sich die feinen Körner vom dunklen Sakko.

Seine Frau Helena, die rücklings zum Kutscher im offenen Wagen saß, streckte die Hand nach ihrer Tochter Juliette aus. »Komm zu mir rüber.«

Doch die neunjährige Julie, wie sie liebevoll von ihren Eltern genannt wurde, schüttelte den Kopf. »Mama, hier kann ich viel besser sehen.« Sie kuschelte sich an den Arm ihres Vaters und hielt ihr Gesicht in den kühlen Fahrtwind.

Seit einigen Wochen lähmte eine drückende Hitze die Menschen und Tiere. Froh, an diesem Juniabend dem stickigen Stall ein paar Stunden zu entkommen, verfielen die Pferde jetzt auf der Straße in einen forschen Trab. Und auf den Straßen Rotterdams erwachte in der lauen Abendluft langsam das Leben.

Julie war auch heute stolz, dass sie ihre Eltern zu einem Dinner bei Freunden begleiten durfte. Es war nicht das erste Mal, und wie immer erfüllte sie die Vorfreude mit einer kribbeligen Nervosität. Ihre Gedanken drehten sich um die feine Gesellschaft, die sie besuchen würde. Hoch konzentriert, sodass sich ihr kleiner Mund verkniffen spitzte, ging sie nochmals die Dinge durch, die sie beachten musste: den höflichen Knicks vor der Gastgeberin, die einzelnen Besteckteile bei Tisch und wie sie zu benutzen waren. Hoffentlich gab es nichts Schwieriges zu essen! Mit Muscheln hatte sie immer Probleme und kleckerte dann oft. Und dass sie sich ja nicht mit dem Ärmel über die Nase wischte! Sie wünschte sich so sehr, dass sie ihre Sache gut machte. Sie hoffte, ihre Eltern würden stolz auf sie sein und sie wegen ihres Benehmens loben.

Julie bewunderte ihre Mutter, die immer mit einer absoluten Selbstsicherheit und stillen Eleganz auftrat. Ihr Vater war, als angesehenes Mitglied der Rotterdamer Gesellschaft, gleichermaßen beliebt und souverän als Gast wie als Gastgeber. Er wusste ein Gespräch immer zu lenken, brachte gerne kleine Scherze ein. Selbst als die Köchin der Werkendams bei einem der letzten Besuche die Dinnersuppe so versalzen hatte, dass die Gastgeberin hochrot anlief und die Gäste husteten, hatte ihr Vater freundlich gelächelt und bemerkt, die Speise sei durchaus exotisch, aber dennoch schmackhaft. Und sein Wort zählte, alle hatten weitergegessen, hinterher aber dem Wein reichlich zugesprochen. Sie wollte eines Tages auch so werden wie ihre Eltern.

»Nun setz dich schon zu deiner Mutter, sonst siehst du gleich aus wie ein Staubmädchen.« Jan Vandenberg schob das blond gelockte Kind hinüber auf die gegenüberliegenden Sitzpolster. Julie tauchte aus ihren Gedanken auf und schaute erschrocken an sich herab. Auf ihrem Kleidchen lag ein leichter rötlicher Schimmer. Nein – mit einem verschmutzten Kleid konnte sie nicht beim Dinner erscheinen.

Helena versuchte, den Schmutz mit sachtem Streichen zu entfernen. »Nicht schlimm Schatz, das sieht man gar nicht!« Dann schob sie ihrer Tochter eine verirrte Locke zurück unter das kleine Hütchen, legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie zärtlich an sich.

»Schau, jetzt werden wir beide gleich ganz sauber ankommen, während dein Vater eher einem Straßenfeger ähneln dürfte. Vielleicht lassen sie ihn so gar nicht rein …«

Julie hob den Blick und betrachtete besorgt ihren Vater. Das leise Lachen ihrer Mutter aber verriet, dass ihre Worte wohl eher als Scherz gemeint waren.

Niemand von ihnen ahnte zu diesen Zeitpunkt, welch tragisches Ende dieser Sommertag nehmen würde.

Ein paar Straßen weiter hatte ein Kutscher sein Gefährt abgestellt: vier wuchtige Belgische Kaltblüter vor einem Wagen, voll beladen mit Weinfässern. Ein paar kleine Jungen, durch die frische Brise des Abends übermütig geworden, machten sich einen Spaß daraus, eines der Pferde mit einem langen Stock zu kitzeln, bis es gereizt mit dem Schweif schlug, aufstampfte und sich dabei mit einem Hinterbein in der Leine verfing, die der Kutscher am Kutschbock festgeknotet hatte. Die vorderen Pferde bekamen dadurch einen kräftigen Ruck im Maul. Eins von ihnen scheute heftig. Sofort setzte sich das Gespann in unkontrolliertem Galopp in Bewegung. Die Bengel rannten blitzschnell in einen Hinterhof, wohl wissend, dass sie es übertrieben hatten. Der herbeieilende Kutscher konnte seinem Wagen nur noch fassungslos nachschauen. Fässer polterten herab und stachelten die Panik der Pferde noch mehr an. Passanten sprangen beiseite, als die vier schweren Tiere mit dem Wagen in höllischem Tempo die Straße entlangrasten.

Der Kutscher der Vandenbergs registrierte nur ein schnelles Ohrenspitzen seiner Pferde und deren leichtes Zögern, dann stürmte das führerlose Gespann der Kaltblüter bereits um die Straßenecke. Seine Pferde scheuten, hatten aber keine Chance auszuweichen. Die vier massigen Körper der Lastpferde prallten mit voller Wucht in den Zweispänner. Innerhalb eines Wimpernschlags schoben sich Lastenwagen und Kutsche ineinander. Zitternde Pferdekörper, reißendes Leder und berstendes Holz. Der Wagen der Vandenbergs wurde auf die Seite geschleudert. Jemand schrie. Das Letzte, was Julie wahrnahm, war graues Straßenpflaster, das auf sie zuflog. Dann wurde es dunkel.

»Mama?«

Hatte sie geträumt? Angestrengt versuchte Julie, die Augen zu öffnen, doch ihre schweren Lider flatterten wie die Flügel eines Schmetterlings, und der erste kleine Lichtstrahl blendete sie. Hatte sie geschlafen?

»Schhhh … bleib still liegen«, flüsterte eine Stimme in weiter Ferne.

»Mama?« Julie bekam endlich die Augen auf und blinzelte.

»Nein, ich bin es, Marit.«

Schemenhaft erkannte Julie das schmale Gesicht ihrer Kinderfrau. Diese beugte sich über sie und strich ihr behutsam eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn. »Bleib schön still liegen, Juliette, hörst du!«

»Was ist los?« Ihr war ganz komisch. Sie versuchte, sich zu bewegen, aber ein jäher Schmerz im Bein ließ sie zusammenzucken.

Marit legte eine Hand auf ihre Schulter und drückte sie sanft in die Kissen. »Juliette, du musst still liegen bleiben!« Der Ton ihrer Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Julie sank auf die Kissen, und noch bevor ihr Kopf den Bezug berührt hatte, war sie wieder in einen tiefen, traumlosen Zustand geglitten.

Als sie nach Stunden erneut erwachte, gelang es ihr nur mit Mühe, die schweren Lider ihrer Augen zu heben. Julie blickte sich völlig verwirrt um und sah, dass sie in ihrem Zimmer lag. Die schweren Vorhänge, die sonst eigentlich nur zur Dekoration seitlich der Fenster hingen, waren zugezogen, draußen schien es aber hell zu sein. Warum lag sie mitten am Tag im Bett? Als sie versuchte, sich aufzurichten, verspürte sie erneut einen stechenden Schmerz im Bein. War sie verletzt?

Was war passiert? Warum war sie so müde?

Ihr wurde schwindelig, und dann war es wieder dunkel.

Als Dr. Maarten wenig später Juliette Vandenbergs Zimmer betrat, erhob sich Marit leise von ihrem Stuhl. Sie knetete nervös das Taschentuch in ihrer Hand. Mit einem Blick auf Julie flüsterte sie: »Sie war vorhin zweimal kurz wach, jetzt schläft sie wieder.« Die Sorge um das Kind stand ihr im Gesicht geschrieben.

Dr. Maarten nickte, rückte seinen Zwicker auf der Nase zurecht und betrachtete das Mädchen nachdenklich. Das arme Kind, welche Tragödie! Er kannte die Vandenbergs schon lange, Juliette hatte er bereits als Baby in den Armen gehalten.

»Sie hat nach ihrer Mutter gefragt.« Marit wischte sich mit dem Taschentuch über die geröteten Augen. Ihr übermüdetes Gesicht zeigte eine ungesunde blasse Farbe, das graue Hauskleid war zerknittert.

Dr. Maarten legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. »Marit, ich weiß, dass Juliette das Schlimmste noch bevorsteht, aber sie muss es erfahren, sobald sie wieder bei Bewusstsein ist, wie wir besprochen haben.«

Marit schluchzte leise und nickte.

»Gehen Sie und ruhen Sie sich etwas aus, ich bleibe jetzt ein bisschen bei ihr.« Er setzte sich auf den Stuhl, auf dem Marit an Julies Seite gewacht hatte. Die Kinderfrau stand unschlüssig am Fußende des Bettes.

»Nun gehen Sie schon.«

Julie regte sich, und der Arzt beugte sich vor, um zu sehen, ob sie die Augen öffnete. Aber sie blieben verschlossen. Julies Bewusstlosigkeit schien endlich einem heilsamen Schlaf gewichen zu sein.

Als Julie am nächsten Tag erwachte, gelang es ihr endlich, einige klare Gedanken zu fassen.

»Was ist mit meinem Bein? Werde ich wieder laufen können?«, fragte das Mädchen mit einem Blick auf den dicken Verband besorgt.

»Der Knochen ist gebrochen. Dr. Maarten sagt, es wird gut verheilen.« Marit streichelte liebevoll die Wange ihres Schützlings und zog dann die Bettdecke über den Verband.

»Wie lange dauert das denn?«

»Du wirst noch einige Wochen liegen bleiben müssen, bis der Knochen zusammengewachsen ist«, sagte die Kinderfrau und setzte sich wieder auf den Stuhl neben Julies Bett.

»Wie ist das denn passiert? Und wo ist Mama?«

Julie bekam keine Antwort.

Wenig später trat Dr. Maarten ein. Er lächelte, als er hereinkam, aber seine Stirn lag in tiefen Falten.

»Na, Juliette, wie ich sehe, bist du wieder bei Kräften.« Er trat an ihre Seite und wandte sich an die Kinderfrau:

»Marit? Würden Sie uns bitte einen Moment allein lassen?«

Als Marit das Zimmer verlassen hatte, setzte sich der Arzt auf Julies Bettkante.

»Wie geht es denn heute?« Er faltete die Hände in seinem Schoß, und Julie sah, wie seine Fingerknöchel vor Anspannung weiß wurden.

»Ganz gut, Herr Doktor.«

»Was macht das Bein?«

»Tut nicht so weh.« Sie sprach tapfer und versuchte, den Doktor anzulächeln. Sein ernstes Gesicht aber ließ ihr Lächeln verlöschen.

Er nahm ihre Hand in seine Hände. »Juliette, ich muss dir etwas sagen.« Er schien nach den richtigen Worten zu suchen, dann fuhr er leise fort: »Du und deine Eltern, ihr hattet einen schrecklichen Unfall. Deine Eltern waren schwer verletzt«, der Arzt holte tief Luft, »und manchmal sind Verletzungen so schwer, dass sie nicht mehr heilen können.« Er machte eine Pause.

Plötzlich wurde Julie ganz kalt. Die Worte von Dr. Maarten hallten in ihrem Kopf nach: schrecklicher Unfall … verletzt … Ihre Eltern waren schwer verletzt! Aber wo waren sie, sie musste doch zu ihnen, sie … Ängstlich hob sie den Blick, sah das ernste Gesicht des Arztes und seine dunklen Augen, deren trauriger Blick auf ihr ruhte. Die Erkenntnis traf sie mit voller Wucht, sie spürte, wie eine Woge tiefer Traurigkeit sie durchspülte, so stark und unendlich, dass sie ihr fast die Luft zum Atmen nahm. Dass sie nicht mehr heilen können, hatte er gesagt. »Heißt das, Mama und Papa sind … tot?«, hörte sie sich fragen. Ihre Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. Ebenso wie die von Dr. Maarten: »Ja, mein Kind.« Dann schwanden ihr die Sinne.

Die nächsten Tage verbrachte Julie in einem Dämmerzustand zwischen Wachen und Träumen. Immer wieder hoffte sie, die Tür ginge auf, und sie würde in das fröhliche Gesicht ihrer Mutter blicken. Aber das geschah nicht. Julie verfiel in eine stille Melancholie. Sie wusste nicht, wohin mit ihrem Schmerz, konnte nicht einmal weinen. Auch als sie ihr Krankenlager wieder verlassen durfte, besserte sich ihr seelischer Zustand kaum. Das einstmals so fröhlich lachende Kind war schweigsam und still geworden.

Marit versicherte ihr immer wieder, alles würde gut werden, aber die Abwesenheit ihrer Eltern war allgegenwärtig und fügte Julie fast physische Schmerzen zu. Auch die Hausangestellten, die kündigten und nicht mehr erschienen, und die Möbel, die nach und nach mit weißen Laken abgedeckt wurden, sprachen eine andere Sprache.

Zuversichtlich versuchte Julie sich einzureden, dass alles beim Alten bleiben würde. Aber in ihren Träumen geschahen schreckliche Dinge: Sie saß allein in dem großen Haus, alles war leer und dunkel, niemand war mehr da. Oder sie fand sich in einem Waisenhaus wieder. Mit ihrer Mutter hatte sie einmal eines besucht und den Kinder dort kleine Geschenke gebracht. Die Kinder haben keine Eltern mehr, die sich um sie kümmern, hatte ihre Mutter ihr erklärt. In ihren Träumen saß sie nun selbst zwischen diesen Kindern.

Marit gab sich redlich Mühe, den Alltag des Kindes so vertraut wie möglich zu gestalten. Sie verschwieg Julie jedoch, dass ihr Leben langfristig wohl nicht wie gewohnt verlaufen würde. Niemand mochte dieses Thema ansprechen – bis es eines Tages unumgänglich wurde. Zuvor hatte Marit noch versucht, die Feierlichkeiten anlässlich Julies zehntem Geburtstag im September so schön wie möglich zu arrangieren. Einige Mädchen – Kinder aus dem ehemals großen Freundeskreis der Eltern – waren der Einladung gefolgt und hatten versucht, Julie das Leben für einige wenige kostbare Stunden fast normal erscheinen zu lassen. Dann aber musste auch Marit den Tatsachen ins Auge blicken und dem Drängen des Familienanwaltes der Vandenbergs nachgeben. Entscheidungen mussten getroffen werden.

Da das Erbe der Vandenbergs nicht allein von dem kleinen zehnjährigen Mädchen angetreten werden konnte, oblag es nun ihrem nächsten Verwandten, sich dessen Verwaltung anzunehmen. Und nach Julies Genesung kündigte sich dieser Verwandte schneller an, als allen lieb war.

Eines Morgens im Oktober herrschte plötzlich rege Betriebsamkeit im Hause Vandenberg. Aus der Küche drang das erste Mal seit dem Geburtstag der Duft eines selbst gebackenen Kuchens.

»Was ist los? Bekommen wir Besuch?«

Julie erwischte ihre Kinderfrau in einem der Gästezimmer, wo diese gerade die Fenster zum Lüften geöffnet hatte. Marits Antwort fiel unbefriedigend knapp aus. »Ja.«

Sie schob Julie beiseite, um die Betten aufzuschlagen. Das war eigentlich Aufgabe der Hausmädchen, aber die hatten in den letzten Wochen alle das Haus verlassen und sich neue Anstellungen gesucht. Nur Marit und die alte Köchin waren geblieben.

Julie sah Marits Treiben einen Moment lang verwundert zu. Warum hatte man ihr bis jetzt nichts von einem Gast gesagt, und warum hielt Marit den Namen des Besuchers vor ihr geheim? Seit ihre Eltern … seit dem Unfall und der Beerdigung war eigentlich gar kein Besuch mehr ins Haus der Vandenbergs gekommen. Wer hätte ihn auch empfangen sollen?

»Juliette, geh auf dein Zimmer. Ich komme gleich und helfe dir beim Ankleiden.« Marit schob das Mädchen zur Tür, und Julie trottete nachdenklich davon.

Kurz darauf half Marit – immer noch wortkarg – Julie in ein hübsches Kleid und steckte ihr die geflochtenen Haare zum Kranz auf. Die Kleine ließ die Prozedur widerstandslos über sich ergehen und zupfte verlegen an ihrem Kleid herum. Es war nicht ganz bodenlang, und unter ihren Strümpfen sah man, dass ihr linkes Bein noch merklich dünner als das rechte war. Der Doktor hatte gesagt, es würde sich mit der Zeit geben. Bisher war ihr das egal gewesen, aber nun, so fein herausgeputzt, fiel es ihr auf, und sie genierte sich etwas. Marit reagierte nicht auf ihren verlegenen Blick und band ihr noch eine Schleife in das goldblonde Haar. »So, und jetzt komm«, sagte sie entschieden und schob Julie zur Tür hinaus.

Unten im Haus waren die Räume sauber und ordentlich aufgeräumt, jemand hatte die Laken von den Möbeln entfernt, und im Salon war bereits die Kaffeetafel gedeckt. Julie war aufgeregt.

Dann hörte sie eine Kutsche vorfahren. Leise drang das Klimpern der Pferdegeschirre bis in den Flur, und sie hörte den Kies der Einfahrt knirschen, als der Wagen zum Stehen kam. Marit ging zur Tür, um zu öffnen, während Julie unschlüssig in der Eingangshalle stand. Sie fühlte sich unglaublich einsam, wie gern hätte sie ihre Eltern jetzt um sich gehabt.

Ihre Anspannung lockerte sich etwas, als sie sah, dass Herr Lammers das Haus betrat. Er hatte als Anwalt und Notar für Julies Vater gearbeitet und die Familie regelmäßig besucht. Nachdem Marit ihn ehrerbietig begrüßt hatte, trat er auf Julie zu. »Mejuffrouw Vandenberg, es freut mich, Sie wieder wohlauf zu sehen.« Julie knickste höflich und bedankte sich, ganz wie sie es gelernt hatte. Trotzdem blieb sie skeptisch. Herr Lammers machte einen verunsicherten Eindruck, geradezu wie ein ängstliches Eichhörnchen, und der Funke seiner fahrigen Nervosität sprang gleich auf Julie über.

Vor dem Haus fuhr deutlich hörbar eine weitere Kutsche vor. Julie blickte fragend zu Marit. Wer kam jetzt noch? Und was wollte Herr Lammers hier?

Doch bevor sich jemand erklärend hätte äußern können, betrat ein weiterer Gast das Haus. Als Julie dem Mann ins Gesicht sah, weiteten sich ihre Kinderaugen für einen kurzen, hoffnungsvollen Moment. Sie schnappte nach Luft, doch dann bemerkte sie den Trugschluss. Die Ähnlichkeit dieses Mannes mit ihrem Vater war frappierend. Aber natürlich war er es nicht.

»Juliette, dies ist dein Onkel Wilhelm Vandenberg.« Marit schob das Kind sanft auf den Mann zu.

»Juliette, es freut mich, dich wiederzusehen«, sagte der Mann übertrieben freundlich. Es schwang aber weder echte Freude noch Herzlichkeit in seiner Stimme mit.

Julie knickste brav und griff dann haltsuchend nach Marits Hand. Sie konnte sich an keinen Onkel erinnern. Sie war sich fast sicher, ihn noch nie gesehen zu haben. Zumindest nicht leibhaftig. Hatten ihre Eltern von ihm gesprochen? Sie meinte sich daran zu erinnern, dass ihr Vater ihn einmal erwähnt hatte. Oder bildete sie sich das nur ein? Nachdenklich folgte sie Marit, die die Gesellschaft zu Tisch geleitete, wo sie Julies kleine Hand schließlich sanft aus der ihren löste und ihr einen Stuhl zurechtrückte. Jetzt erst bemerkte Julie, dass Marits Gesicht wie versteinert wirkte.

»Danke, Mädchen.« Das Nicken des Onkels war ein klares Zeichen für die Kinderfrau, den Raum zu verlassen. Julie blickte ihr Hilfe suchend nach. Musste sie jetzt etwa mit diesen Erwachsenen allein am Tisch sitzen? Julie bekam Angst: Was, wenn sie etwas falsch machte?

Die Männer aber beachteten sie zunächst nicht. Herr Lammers schob das Kaffeegeschirr beiseite und öffnete seine lederne Tasche. Er entnahm ihr einen Stapel Papiere, die er sorgfältig vor sich auf dem Tisch ausbreitete. Wilhelm Vandenberg blickte sich kurz pikiert nach Personal um und schenkte sich den Kaffee dann schließlich selbst ein. Den Kuchen, dessen Geruch Julie am Morgen noch das Wasser im Munde hatte zusammenlaufen lassen, ignorierten die Männer. Auch Julie war der Appetit vergangen. Sie zuckte auf ihrem Stuhl zusammen, als Herr Lammers sich an sie wandte.

»Da Sie, Mejuffrouw Vandenberg, sich nun wieder einer guten Gesundheit erfreuen«, Herr Lammers zögerte kurz, seine Hände sortierten fahrig die Papiere, »müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie es mit Ihnen weitergehen soll. Ihr Onkel«, er nickte Wilhelm Vandenberg kurz zu, »ist aus Amsterdam gekommen, um Entscheidungen für Sie zu treffen. Er ist als Ihr nächster Verwandter nun auch Ihr Vormund.«

Julie blickte von einem zum anderen. Sie verstand nicht. Vormund?

Was der Begriff »Vormund« bedeutete, erfuhr Julie dann schneller, als ihr lieb war. Bereits wenige Tage später befand sie sich auf dem Weg in ein Internat.

Sie saß neben ihrem Onkel in der Kutsche und starrte aus dem Fenster. Sie fuhr nicht mehr gerne Kutsche, und dies war im Übrigen auch keine Vergnügungsreise.

Die Eindrücke des Abschieds lasteten schwer auf ihr. Sie dachte an Marit, die vor dem Haus gestanden und mit verkniffener Miene versucht hatte, ihre Traurigkeit zu verbergen – und ihr am Ende noch ein paar aufmunternde Worte zugeflüstert hatte. Julie konnte sich eine Zeit ohne Marit gar nicht vorstellen. Marit war immer für sie da gewesen. Und Julie hatte sich glücklich geschätzt, eine so liebevolle Kinderfrau zu haben. Sie kannte die Kinderfrauen anderer Familien, das waren manchmal ziemliche Drachen. Marit hingegen schimpfte nie laut, nicht einmal damals, als Julie sich das neue Kleidchen zerrissen hatte. Sie erzählte ihr vor dem Einschlafen Geschichten und flocht ihr immer schöne Zöpfe, was selbst ihre Mutter nie geschafft hatte. Wer würde Julie jetzt beim Anziehen helfen? Wer würde ihr die Haare machen? Sie konnte das alles doch nicht allein! Und was würde jetzt aus Marit werden?

Der Abschied war viel zu schnell gegangen. Onkel Wilhelm hatte sie ungeduldig zum Aufbruch gedrängt und sie schließlich unsanft in die Kutsche geschoben. Ihr war gerade noch ein letzter Blick auf ihr Elternhaus geblieben. Alles hatte so still und friedlich dagelegen. Sollte sie es jemals wiedersehen?

Nun fuhren sie schon seit Stunden in nördliche Richtung, vorbei an abgeernteten Feldern und kahlen Bäumen. Windige Böen trieben dunkle Wolken am Himmel vor sich her. Sie kamen durch kleine Dörfer, die bereits für den hereinbrechenden Winter gerüstet wurden, und fuhren durch Wälder, in denen das trockene Laub auf den Straßen im Wind tanzte. Julie fröstelte und zog den dicken Mantel enger um ihren Körper. Sie vergrub die Nase hinter dem hohen Kragen. Der Stoff roch nach ihrem Zuhause, nach Bohnerwachs und Mottenkugeln, und Julie meinte, auch einen Hauch des Parfüms ihrer Mutter wahrzunehmen. Als sie nach dem Unfall hatte aufstehen dürfen, war sie heimlich durch das Haus geschlichen auf der Suche nach etwas, was ihr ihre Eltern wieder näherbrachte. An einem Kissen, einem Taschentuch, sogar am Aschenbecher im Salon, wo Papa abends immer seine Zigarre geraucht hatte, hatte sie geschnüffelt. Aber die kurzfristigen, wohligen Gedanken und Gefühle waren rasch einem stechenden Schmerz und einer großen Leere gewichen. Die Erinnerungen waren untrennbar mit ihrem Elternhaus verbunden – und dieses entfernte sich gerade Meile für Meile, Huftritt für Huftritt weiter von ihr. Sie schienen immer mehr zu verblassen und an Klarheit zu verlieren.

Julie fühlte sich nicht wohl in der Gesellschaft von Onkel Wilhelm. Seit seiner Ankunft hatte er ihr nur ein paar knappe Anweisungen zu den Reisevorbereitungen gegeben und sich ansonsten nicht weiter um Julie gekümmert. Weitaus mehr hatte er sich für das Inventar ihres Elternhauses interessiert und jedes Möbelstück gründlich beäugt, während Herr Lammers unablässig in langen Listen geblättert hatte und dienstbeflissen neben ihm hergegangen war. Marit hatte Julie an jenem schicksalsträchtigen Tag schließlich energisch aus dem Raum geführt mit dem Hinweis, die Herren hätten noch wichtige Dinge zu besprechen. Alle weiteren wichtigen Entscheidungen blieben so vor Julie verborgen.

Die lebensfrohe Art ihres Vaters schien ihrem Onkel nicht zu Eigen zu sein, er zeigte sich Julie gegenüber kalt und distanziert. Die große Angst seiner Nichte vor der Zukunft schien ihn nicht zu berühren. Nun blickte Julie einige Male in seine Richtung, doch er hielt den Blick aus dem Fenster gerichtet. Kurz überlegte sie, ihm die eine oder andere Frage zu stellen, die schwer auf ihrem Herzen lastete. Aber es gehörte sich nicht, ungefragt mit Erwachsenen zu reden. So wandte auch sie den Blick wieder aus dem Fenster.

Julie wusste nicht, wo ihre zukünftige Schule lag. Umso verwunderter war sie, als sie die ersten Abzweigungen in Richtung Amsterdam passierten, diesen aber nicht folgten.

Sie richtete einen fragenden Blick auf ihren Onkel. Und dieses Mal bekam sie in der Tat eine Antwort: »Das Mädcheninternat Admiraal van Kinsbergen liegt in Elburg«, kommentierte er kurz.

Julie zuckte zusammen. Elburg? Sie hatte keine Ahnung, wo das war, aber Stunde um Stunde zerfloss ihre Hoffnung, zukünftig in unmittelbarer Nähe ihrer Verwandten leben zu können. Traurig sackte sie in den Polstern der Kutsche zusammen. Obwohl sie diese Menschen kaum kannte und ihr Onkel so ganz anders zu sein schien als ihr Vater, hatte sie sich in ihrer Lage eine gewisse Zuwendung von ihnen erhofft – diese Hoffnung wurde nun jäh zerschlagen.

Als der Abend kam, war die Reise immer noch nicht vorbei. Julie verbrachte eine einsame schlaflose Nacht in einem kleinen, kalten Herbergszimmer. Die Gastwirtin, an deren Rockzipfel mehrere rotznasige Kinder hingen, verspürte das Leid des Mädchens und brachte ihm abends fürsorglich eine warme Milch und zwei Kekse ans Bett. Julie jedoch rührte nichts davon an. Sie bekam keinen Bissen herunter.

Am nächsten Morgen setzten sie ihre Reise fort. Erst am späten Nachmittag lenkte der Kutscher das Gespann über eine Brücke und das Stadttor der kleinen Stadt Elburg, gut eine Tagesreise von Amsterdam entfernt. Julie war hungrig und erschöpft und unterdrückte die aufsteigenden Tränen, sie wollte vor ihrem Onkel nicht weinen. Die Gassen wurden schmaler, und im schwindenden Tageslicht sah Julie zahlreiche dicht gedrängte Häuser. Es schien, als hätte der Erbauer versucht, möglichst viele Gebäude auf engstem Raum anzuordnen. Die unter anderen Umständen vielleicht gemütliche Enge wirkte auf Julie bedrückend und verstärkte ihre Stimmung noch, in die sich nun zusätzlich Nervosität mischte. Die Kutsche bog noch einige Male ab, bis sie endlich vor einem trutzigen Gebäude zum Stehen kam.

Während Julie zögerlich hinter ihrem Onkel aus dem Wagen kletterte, öffnete sich das große Portal des Hauses, und eine hochgewachsene hagere Dame schritt ihnen entgegen. Julies Magen krampfte sich zusammen.

»Mijnheer Vandenberg, es freut mich sehr. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise«, sagte die Dame und knickste höflich, bevor sie einen Blick auf Julie warf, die verlegen neben ihrem Onkel stand.

»Du musst Juliette sein!« Die Stimme der Frau ließ jeglichen Anflug von Wärme vermissen. Überhaupt machte sie einen sehr strengen und resoluten Eindruck. »Mein Name ist Anna Büchner, ich bin die Direktorin hier.« Ihr Blick glitt kurz und abschätzend über Julie, die schüchtern vor der Frau knickste, bevor diese sich wieder an ihren Onkel wandte: »Kommen Sie doch bitte herein, dann besprechen wir kurz alles Weitere.«

»Juliette«, sie klatschte einmal kurz in die Hände, worauf sofort ein Mädchen in Dienstkleidung aus der Tür trat, »Merle wird dich auf dein Zimmer führen, ich komme dann später und hole dich.«

Julie folgte dem Dienstmädchen in das Haus und weiter durch spärlich beleuchtete und scheinbar endlose Korridore. Schließlich hielt das Mädchen vor einer Tür und öffnete sie. Nach einem braven Knicks vor Julie sagte Merle: »Mejuffrouw Vandenberg, Ihr Zimmer.« Das Mädchen ließ Julie eintreten und huschte hinter ihr ebenfalls ins Zimmer. Sie entzündete eine kleine Öllampe auf dem Tisch und schlich dann aus der Tür und über den Korridor davon. Julie blickte sich neugierig um. Im Vergleich zu den Maßen des gesamten Hauses war das Zimmer winzig. Auf jeder Längsseite standen ein Bett und ein Schrank, ein Tisch mit zwei Stühlen war in der Mitte des Raumes und ein Waschtisch in der Ecke hinter der Tür platziert. Ein kleiner Hoffnungsschimmer regte sich in Julie: zwei Betten! Noch schien keines der Betten belegt zu sein, aber vielleicht würde sie nicht allein hier wohnen!

Julie trat an das schmale Fenster heran. Sie blickte auf einen Innenhof, wo gepflegte Kieswege zwischen kleinen Beeten verliefen. Wie ein Klostergarten, dachte sie spontan. Sie setzte sich auf die Bettkante, unschlüssig, was sie jetzt tun sollte. Ihr blieb nichts als zu warten. Sie fror, aber es gab keinen Ofen im Zimmer, und sie war müde, aber die Laken des Bettes waren klamm, und sie widerstand dem Bedürfnis, sich trotzdem einfach ins Bett zu legen und sich die Decke über den Kopf zu ziehen. Nachdenklich starrte Julie auf die abgenutzten Dielen des Fußbodens. Durch dieses Zimmer waren offensichtlich bereits unzählige kleine Füße getrappelt. Ob die anderen Mädchen am Anfang auch so einsam gewesen waren wie sie jetzt? Alles hier erschien ihr trostlos. Es gelang ihr nur mit Mühe, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Sie musste stark sein, das hatte Marit ihr immer wieder gesagt. Und auch ihre Mutter hätte es so gewollt.

Als nach einer scheinbaren Ewigkeit immer noch niemand gekommen war, um sie zu holen, schlich Julie sich auf den Korridor und trat an eines der Fenster. Von dort konnte sie die Straße vor der Schule sehen. Das Gespann des Onkels stand im Dämmerlicht vor dem Portal. Dampfschwaden stiegen von den warmen Pferdeleibern auf und vermischten sich mit dem aufsteigenden Nebel der Nacht. Dann trat Wilhelm Vandenberg aus der Tür. Er stieg in die Kutsche und fuhr davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Vaarwel!

Lebe wohl!

Vereinigtes Königreich der Niederlande, Surinam 1858–1859
Elburg, Amsterdam, Plantage Heegenhut

Kapitel 1

Julie rannte mit dem Brief in der Hand durch die Gänge des Internats. Eine Treppe hoch, um eine Ecke, einen weiteren Korridor entlang. Sie kannte das Gebäude inzwischen in- und auswendig. Seit über acht Jahren war sie nun hier. Aber erst seit dem Amtsantritt von Frau Koning vor drei Jahren und dem fast zeitgleichen Einzug von Sofia in ihr Zimmer fühlte sie sich einigermaßen wohl. Das Internat war ihr ein Zuhause geworden, aber keine Heimat.

Frau Koning hatte die Führung des Internats übernommen, nachdem ihre Vorgängerin, die Julie damals empfangen hatte, nach endlosen Querelen gezwungen worden war, das Amt aufzugeben. Frau Büchners Abberufung war für Julie ein Segen gewesen. Der neuen Direktorin brachte sie Bewunderung und Ehrfurcht entgegen. Was hatte sich durch Frau Koning alles geändert – nicht zuletzt für sie persönlich!

Das Mädcheninternat Admiraal van Kinsbergen war vor vielen Jahren in den Gemäuern eines ehemaligen Klosters als Pendant zu einer ebenfalls in Elburg ansässigen Jungenschule gegründet worden, die einen ausgesprochen guten Ruf besaß. Allen Erwartungen zum Trotz konnte das Mädcheninternat jedoch nie an den Erfolg der Jungenschule heranreichen. Als die Schülerzahlen stagnierten, berief man die erfahrene Pädagogin Büchner zur Direktorin. Die Rettung der Schule ließ sich tatsächlich zunächst gut an. Was aber den dann folgenden Sinneswandel der Dame hervorrief, war allen ein Rätsel. Direktorin Büchner verfiel nach kurzer Zeit, noch vor Julies Ankunft, in einen religiösen Eifer, der dem Ansehen der Schule mehr schadete denn nützte. Die Familien meldeten ihre Töchter nach und nach von der Schule ab, bis nur noch die Mädchen dort wohnten, die keine andere Bleibe hatten. Julie hatte sich mehr als einmal gefragt, ob ihr Onkel wohl um den Ruf der Schule wusste. Sie hatte freilich nie gewagt, ihn selbst um eine Antwort zu bitten. Er hatte sie damals lediglich hier abgegeben und sich nicht weiter um sie gekümmert. Er sorgte dafür, dass ihr Schulgeld pünktlich gezahlt wurde, und einmal im Jahr musste Julie ihn für drei Wochen besuchen, mehr aber auch nicht. Die Familie ihres Onkels blieb ihr fremd. Die kurzen Aufenthalte brachten keine Vertrautheit.

Julie hätte sich im Übrigen nie angemaßt, die Zustände in der Schule zu bemängeln. So durchlitt sie fast fünf Jahre lang die zahlreichen und immer gleichen Gottesdienste in der eiskalten Klosterkapelle, die einen Großteil ihres Alltags bestimmten, und besuchte geduldig die ihr unendlich erscheinenden Gebetsstunden.

Als dann kurz vor dem endgültigen Aus der Schule die Zügel an Alida Koning übergeben wurden, änderten sich zahlreiche schulische und alltägliche Abläufe im Internat. Die neue Direktorin führte einen modernen Lehrplan ein und erlaubte ihren Schützlingen regelmäßigen Ausgang. Ganz zu schweigen von den neuen Öfen, die sie installieren ließ … Ihr Handeln trug schon bald Früchte, schnell kamen wieder neue Schülerinnen hinzu. Unter ihnen auch Sofia. Julie hatte die Veränderungen, die sich um sie herum vollzogen, damals im Stillen bestaunt. Es war ihr vorgekommen, als hätte jemand erst lange die Zeit angehalten, um dann die Uhren schneller laufen zu lassen. Innerhalb weniger Wochen hatten sich die dunklen, zugigen Korridore in helle, warme und belebte Flure verwandelt. Fasziniert lauschte sie den Mädchenstimmen, hörte sogar leises Lachen, sah bunte Kleider. Trotzdem war Julie zunächst zu schüchtern gewesen, sich der neuen Stimmung hinzugeben.

Alida Koning verfügte über ein unfehlbares Gespür für Menschen, und Juliette Vandenberg hatte ihr von Anfang an Sorge bereitet. Das junge Mädchen wirkte stets in sich gekehrt und schien jegliche Lebensfreude verloren zu haben. Was an und für sich nicht verwunderlich war bei der Vorgeschichte und dem mittelalterlichen Gebaren, das in dieser Schule geherrscht hatte. Es war eine weise Entscheidung gewesen, die muntere Sofia als Zimmergenossin zu Juliette zu stecken. Sofia war es mit ihrer herzlichen Art gelungen, das Mädchen aus seiner Schüchternheit zu schälen. Juliette hatte sich langsam geöffnet.

In ihren ersten Jahren in Elburg war Julie mit ihren jugendlichen Sorgen und Nöten allein gewesen. Sie wäre eher vor Scham im Boden versunken, als sich jemandem anzuvertrauen. Zumal ihr die ehemaligen Mitschülerinnen immer sehr gottgefällig vorkamen, an ihnen schienen insbesondere die körperlichen Veränderungen vorbeizugehen. Sie selbst hingegen hatte lange beschämt versucht, ihren fraulich werdenden Körper zu verstecken. Die Wandlung vom Kind zur Frau hatte ihr Angst bereitet. Und mit wem hätte sie solche Ängste besprechen sollen? Weder ihre Mitschülerinnen noch Frau Büchner wären ihr eine Hilfe gewesen, im Internat war zu jener Zeit zudem jegliche Zerstreuung um Themen wie Mode oder gar junge Männer strengstens untersagt. Als die neuen Schülerinnen eintrafen, öffnete sich vor Julie plötzlich die Welt junger Damen – für sie eine völlig neue Erfahrung, verlockend und beängstigend zugleich. Zögerlich fand Julie Anschluss. Erst Sofia vermittelte ihr die Erfahrung, dass junge Mädchen durchaus froh waren, wenn ihr Busen wuchs. Und auch die allmonatliche »Schande« war plötzlich ganz normal und nicht mehr Anlass für tagelange Gebete. Julie erinnerte sich noch gut an den Tag, als Sofia sie beiseitegenommen und beschämend offen über gewisse Dinge des Lebens gesprochen hatte. Julie war krebsrot geworden, aber Sofia hatte ihr beschieden: Alles ganz normal.

Julie hatte zum ersten Mal Freundschaften geschlossen und in der Direktorin eine erwachsene Vertrauensperson gefunden, die ihr die Mutter zwar nicht ersetzen konnte, aber immerhin Leitfigur auf dem Weg ins Erwachsenenleben sein konnte, an dessen Schwelle sie jetzt stand. Ihr wurde immer häufiger bewusst, dass sie sich um ihre Zukunft Gedanken machen musste. Die anderen Mädchen überlegten bereits seit einer ganzen Weile, was sie nach ihrer Schulzeit tun würden. Julie hatte keine Ahnung, wo ihr Weg hinführen sollte. Lehrerin werden, das konnte sie sich vorstellen. Ihr Onkel hatte sich dazu noch in keiner Weise geäußert. Sollte sie das etwa selbst entscheiden? Wohl kaum. Von einer Hochzeit träumen wie die anderen jungen Mädchen, daran dachte Julie nicht einmal. Wo sollte sie schon einen passenden jungen Mann finden? Meistens schob sie die Gedanken schnell beiseite, doch ganz verdrängen ließen sie sich nie.

Jetzt polterte Julie atemlos durch die Tür zu ihrem Zimmer. Sofia schrak hoch. »Juliette? Was ist denn passiert?«

Julie streckte ihr wortlos den Brief entgegen. Ihre blonden Locken hatten sich aus dem streng gebundenen Knoten gelöst und fielen nun wirr auf ihre geröteten Wangen. Mit einer fahrigen Geste strich sie sich die Strähnen hinter die Ohren. »Lies! Sie wollen nicht, dass ich mit zu dir komme. Ich muss zu ihnen!«

Während Sofia mit fragendem Blick das Papier entgegennahm, setzte Julie sich auf die Kante ihres Bettes und versuchte, ihre Atmung zu beruhigen. »Nun lies schon!«, drängelte sie ungeduldig.

Sofia setzte sich in ihrem Bett auf und faltete das Blatt Papier auseinander. Julie bemerkte, wie sich in Sofias Gesicht erst Überraschung und dann Ärger ausbreitete. »Juliette … aber …? Du solltest doch …? Wir hatten uns doch schon so gefreut!« Entsetzt blickte Sofia ihre Freundin an.

Julie zuckte nur ergeben mit den Schultern. »Ich war genauso überrascht, als Frau Koning mir eben dieses Schreiben überreichte. Ich hätte nicht gedacht, dass sie es ablehnen. Ich will da nicht hin!«, seufzte sie. »Du weißt, ich hasse diese jährlichen Zwangsbesuche. Wenn ich doch nur mit zu dir kommen könnte!« Traurig schaute Julie ihre Freundin an. Sie hatten es sich so schön ausgemalt: Julie sollte das erste Mal auch in den Winterferien mit zu Sofia. Eine Vorstellung, die ihr wesentlich besser gefiel als ein Aufenthalt bei ihrem Onkel. Schriftlich hatten sie um Erlaubnis gebeten. Die entsprechende Antwort aber fiel jetzt unerfreulich aus.

»Ach komm, so schlimm wird’s wohl nicht werden. Letztes Jahr war es doch auch … nett.« Sofia versuchte, die Situation zu retten. Sie wusste, was der Aufenthalt bei ihr zu Hause für Julie bedeutete. Aber wenn der Onkel sich sperrte, würde daraus nichts werden.

Als nach Alida Konings Amtsantritt die ersten Sommerferien vor der Tür gestanden hatten und alle Mädchen, bis auf Julie, betriebsam ihre Sachen packten, hatte sich die Direktorin auch hier etwas einfallen lassen.

»Juliette? Fährst du nicht zu deinem Onkel im Sommer?«

Julie hatte betrübt mit dem Kopf geschüttelt. »Nein, ich darf dort nur im Winter hin, im Sommer fährt die Familie in die Sommerfrische. Und ich … sie möchten nicht …«

Der Direktorin hatte das Mädchen leidgetan. Sollte Juliette die schönste Zeit des Jahres in diesen dunklen Mauern verbringen?

»Du könntest doch vielleicht mit zu Sofia. Ich werde die de Weeks fragen«, hatte sie spontan vorgeschlagen. Und Julie mit dieser Idee zum ersten Mal seit langem in den Genuss von familiärer Geborgenheit gebracht.

Sofias Familie war sofort begeistert gewesen. Wohl auch, weil Sofia selbst unter ihren drei älteren Brüdern immer etwas einsam war. Herzlich hatten die de Weeks Julie aufgenommen. Diese hatte sich zwar erst etwas unwohl gefühlt, sie wollte sich niemandem aufdrängen, aber die Scheu war schnell von ihr abgefallen, und sie hatte den Aufenthalt bei Sofia in vollen Zügen genossen. Seitdem hatte Julie jede Ferien, bis auf die jeweiligen drei Wochen im Winter, bei Sofia und deren Familie auf dem seit vielen Generationen in Familienbesitz befindlichen Landgut Hallerscoge verbracht. Es war ein wunderschönes altes Herrenhaus inmitten geheimnisvoller Wälder, umgeben von Kreeken, auf denen Enten dahinpaddelten, und Weiden voller prachtvoller Pferde. Dieses Haus war erfüllt von Leben und Liebe. Sofia hatte eine große Familie, und immer herrschte reges Treiben. Sie machten gemeinsam Ausflüge zum Picknick, häufig kam Besuch, und den Höhepunkt des Sommers bildete stets die große Jagdgesellschaft. Für Julie waren die Wochen auf Hallerscoge wie ein Traum. Dort hatte sie ein eigenes Zimmer, durfte hübsche Kleider tragen und wurde voll in das Familienleben einbezogen. Sofias Mutter hatte nie einen Unterschied zwischen Julie und ihren eigenen Kindern gemacht. So manchen Abend vor dem Einschlafen hatte Julie Alida Koning im Stillen für ihren Einsatz gedankt.

Jetzt war der Traum vom winterlichen Aufenthalt bei Sofia geplatzt.

Wie immer, wenn es Sorgen oder Probleme zu beraten gab, zog es Sofia und Julie aus der Enge des Internats hinaus in die Natur. Julie hatte während ihrer ersten fünf Jahre nichts von der Schönheit des Städtchens Elburg mitbekommen, sie hatte einzig den Ausblick aus den Fenstern und den Weg zur Kirche gekannt. Umso mehr hatte sie während der vergangenen drei Jahre die Freiheit genossen.

Es war Anfang Dezember, und die Luft war merklich abgekühlt. Die Mädchen hatten sich warm angezogen, ihr Atem bildete kleine weiße Wolken, und ihre Füße stoben raschelnd durch das gefallene Laub der alten Eichen. Nachdenklich gingen sie nebeneinander auf dem breiten Weg zwischen der alten Stadtmauer und der tiefen Gracht, die Elburg gänzlich umgab.

Vom Internat aus war dieser Weg außerhalb der Stadtmauer in wenigen Gehminuten erreichbar, und viele Bewohner Elburgs kamen hierher, um zu flanieren und durchzuatmen, was auf den kleinen, dicht befahrenen Gassen innerhalb der Stadt kaum möglich war. Im Sommer trafen sich Familien hier zum Picknick, und Kinder spielten auf den Rasenflächen. Junge Galane ruderten ihre Auserwählten in kleinen Booten über das Wasser, und manchmal zogen sich die frisch Verliebten in aller Heimlichkeit in den Schatten der großen Bäume zurück. Den jungen Mädchen aus dem Internat waren derartige Beobachtungen immer eine beliebte Zerstreuung. Aber jetzt im Winter und bei frostigem Wetter fanden sich nur wenige Menschen ein.

Julie seufzte. »Ich weiß nicht, warum mein Onkel unbedingt möchte, dass ich wieder zu ihm komme.« Es war ihr in der Tat ein Rätsel, warum ihr Onkel jedes Jahr aufs Neue darauf bestand, dass sie den Jahreswechsel in seinem Haus verbrachte. Julie kam weder mit ihm noch mit seiner Frau oder seinen Töchtern gut aus. »Vielleicht plagt ihn ja sein schlechtes Gewissen, weil er mich hierhin abgeschoben hat«, grollte sie.

Sofia legte einen Arm um ihre Freundin. Sie selbst hatte sich sehr auf die Ferien mit Julie gefreut und konnte deren Enttäuschung gut nachempfinden. »Ach, Juliette … ich glaube, sie meinen es nur gut.« Sie spürte selbst, wie leer ihre Worte klangen. Als sie den alten Wehrturm erreichten, dessen Grundmauern ihnen als Aussichtspunkt dienten, setzten sie sich auf eine Bank. Einige Enten versuchten, über das dünne Eis ans Wasser zu gelangen, und zwei große Schwäne saßen ruhend unter den tief hängenden, vom Frost weißgepuderten Ästen einer Weide am Ufer.

»Es sind doch nur drei Wochen«, setzte Sofia erneut an.

»Es sind seit acht Jahren immer nur drei Wochen, aber die reichen mir wirklich«, widersprach Julie heftig. Dann kam ihr eine Idee: »Vielleicht … wenn ich krank wäre, könnte ich doch zumindest hierbleiben?«

»Meine Güte, Juliette, du bist jetzt achtzehn Jahre alt, stell dich doch nicht an wie ein Kleinkind! Zum Jahreswechsel gibt dein Onkel doch immer eine große Gesellschaft, hm? Da hast du wenigstens ein bisschen was, worauf du dich freuen kannst. Schöne Kleider, Tanz, Musik, interessante Leute … und zu Ostern kommst du ja wieder mit zu uns.« Sofia ließ sich ihre eigene Traurigkeit über die geplatzten Pläne nicht anmerken. Für Julie war es schwer genug.

Julie grollte immer noch, aber Sofia hatte recht, die alljährliche Feier im Hause des Onkels war bisher immer ein kleiner Höhepunkt gewesen und entschädigte zumindest ein wenig für die restliche Zeit. Nicht zuletzt, weil der Rest der Familie Tage vorher und hinterher von Julie abgelenkt war. Nicht dass sie sich sonst sonderlich um sie gekümmert hätten, aber das lästige, unehrliche Gerede über das »arme Kind« verstummte dann zumindest zeitweise. Da aus der Familie des Onkels niemand außer ihrem Cousin Wim so recht Zugang zu Julie fand oder sich gar darum bemühte, beschränkte man sich darauf, Julie immer und immer wieder zu bedauern, weil sie ihre Eltern und ihr Heim verloren hatte und überhaupt … Dieses geheuchelte Mitleid spendete ihr keinen Trost – kaum war sie wieder im Internat, vergaß diese Familie sie erneut für ein Jahr.

»Amsterdam ist doch eine wundervolle Stadt! Dort gibt es tolle Einkaufsstraßen, und du wirst wieder viele neue Leute kennenlernen. Das ist doch aufregend!« Sofia machte einen erneuten Ansatz, die Freundin aufzumuntern, aber allmählich gingen ihr die Argumente aus. Julie machte indes immer noch ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. »Und dein Cousin ist doch auch noch da … dieser Wim.«

Ja, Wim. Ein kleiner Lichtblick, das musste Julie sich eingestehen. Ihr Cousin Wim, Wilhelms Sohn, war der Einzige aus dieser Familie, den sie mochte. Als Julie damals, nach über einem Jahr im Internat, das erste Mal nach Amsterdam gerufen worden war, war er noch ein kleiner, ziemlich frecher Bengel gewesen, aber jetzt war er zu einem jungen Mann gereift. Als Kind hatte sie sich gesträubt, sich dem zwei Jahre jüngeren Wim anzuschließen, auch wenn sie dankbar beobachtet hatte, dass der Junge seinen großen Schwestern und seiner Mutter offensichtlich ebenso wenig abgewinnen konnte wie sie selbst. Mit ihm hatte sie sich eigentlich immer gut verstanden, außerdem brachte er etwas Abwechslung in den ansonsten langweiligen Alltag im Hause ihres Onkels.

Unwillkürlich musste sie lächeln. Im Geiste sah sie jetzt seinen blonden Schopf und seine verschmitzten Augen vor sich, als er ihr damals, sie mochte zwölf Jahre alt gewesen sein, vorgeschlagen hatte, ein Stück vom frisch gebackenen Kuchen aus der Küche zu stibitzen. Julie hatte sich geziert, sie wollte nicht unangenehm auffallen im Haus ihres Onkels und schon gar nicht durch einen Diebstahl. Dann war sie der süßen Verlockung und Wims Drängen aber doch erlegen – es war ein prickelndes, aufregendes Gefühl gewesen. Und erwischt worden waren sie auch nicht – wie von Wim vorausgesagt.

Die Zeit bis zu den Ferien verrann viel zu schnell.

»Juliette? Nun komm, ich glaube, die Kutschen sind schon da.«

Sofia stand abreisefertig in der Tür.

Julie lag lesend auf ihrem Bett, bereits in Reisegarderobe, aber keineswegs sonderlich zur Eile gewillt. Müßig klappte sie unter Sofias drängendem Blick das Buch zu und legte es auf das kleine Nachttischchen. Seufzend stand sie von ihrem Bett auf, strich zuerst die Decke glatt und dann ihr schlichtes braunes Kleid, um sich anschließend prüfend im Spiegel zu betrachten.

Bei ihrer Ankunft in Elburg hatte ihr ein kleines Mädchen aus diesem Spiegel entgegengeblickt, jetzt betrachtete Julie die Silhouette einer jungen Frau. Julie war zwar nicht so hochgewachsen wie Sofia, zeigte dafür aber an den richtigen Stellen etwas mehr weiche Kurven als ihre schlaksige Zimmergenossin.

Die anderen Mädchen befanden Julie immer für hübsch, mit ihrem goldblonden Haar, ihren fein geschnittenen Gesichtszügen und der kleinen, etwas zu spitzen Nase. »Du siehst aus wie eine echte Aristokratin«, witzelte Sofia gerne.

»Ja, ja, und eines Tages kommt ein Prinz auf seinem Pferd und rettet mich«, sagte Julie dann stets, während sich eine steile Falte zwischen ihren eisblauen Augen bildete, wie immer, wenn sie ungehalten war. Auch jetzt zeigte sich dieser unverkennbare Ausdruck in ihrem Gesicht, als sie seufzend das Hütchen auf ihrem Haar zurechtrückte.

Sofia hatte in den vergangenen Tagen immer und immer wieder versucht, Julie die Vorzüge von Amsterdam schmackhaft zu machen. Allerdings nur mit geringem Erfolg. Der Schatten von Julies Onkel schwebte über Amsterdam, und das machte Julie eher Angst, als dass sie sich auf diese Reise freuen konnte. Er war ein Fremder, er war in Julies Leben gepoltert und hatte sie damals aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen. Manchmal war sie furchtbar wütend auf ihn. Und er war wohl mehr an ihrem Erbe als an ihr interessiert, da war Julie sich inzwischen ziemlich sicher. Sie machte sich nicht viel aus Geld und hatte damals nicht verstehen können, wie es sich mit dem Erbe ihrer Eltern verhielt. Sie schien aber versorgt, Frau Koning hatte ihr gegenüber angedeutet, sie brauche sich in finanzieller Hinsicht keine Sorgen zu machen. Aber jedes Mal, wenn sie nach Amsterdam musste, war sie auf der Hut. Sie fürchtete, ihr Onkel könnte ihr wieder etwas wegnehmen oder sie gar irgendwohin schicken, wo sie nicht hinwollte. Die Erinnerungen an den lieblosen Abschied vor acht Jahren und der Schmerz saßen noch tief. Ihre Eltern, die hatte ihr das Schicksal genommen. Ihrer Heimat aber, ihrem Elternhaus, allen ihr Vertrauten hatte er sie entrissen. In Julies Herz hatte sich eine unauslöschbare Kälte gegenüber diesem Mann gebildet. Er mochte sie nicht, und er wollte sie nicht. Das hatte sich im Laufe der Jahre nie geändert.

Sofia, die jetzt bemerkte, dass Julie in Grübelei verfiel, legte tröstend, aber mit resolutem Nachdruck den Arm um Julies Schultern. »Nun komm. Wir schauen mal, ob die Wagen schon da sind.« Sofia schob ihre Freundin zur Tür.

Als Sofia durch das Fenster im Korridor die Kutsche ihrer Eltern erspähte, rannte sie mit gerafftem Rock, so schnell wie es sich gerade noch geziemte, davon. Julie freute sich kurz für ihre Freundin. Sofias Eltern waren wirklich herzensgute Menschen.

Als Julie kurz darauf vor das große Portal des Internats trat, zog sie ihren Umhang fester um sich. Es war der 20. Dezember, früh am Morgen und bitterkalt. Vor dem Haus herrschte rege Betriebsamkeit. Sofias Mutter kam gleich mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. »Juliette, wie schön, dich wiederzusehen, wie geht es dir?«

»Danke, gut, Mevrouw de Week«, sagte Julie freundlich, auch wenn ihre Worte nicht ganz der Wahrheit entsprachen. Als sie sich jetzt auf dem Vorplatz der Schule umschaute, sah sie auch die Kutsche ihres Onkels. In großen, verschnörkelten goldenen Lettern stand »WV« für Wilhelm Vandenberg auf der Tür. Der Kutscher zog ein mürrisches Gesicht, er hatte schließlich eine ganze Weile auf Julie warten müssen. Julies Mitleid allerdings beschränkte sich auf die Pferde, die so lange in der Kälte hatten stehen müssen. Sie verdrängte den Anflug von schlechtem Gewissen, winkte ihrer Freundin noch einmal wehmütig zu und straffte sich schließlich, um ihren Pflichtbesuch anzutreten.

Kapitel 2

Wilhelm Vandenberg stand am Fenster seines Arbeitszimmers und schaute gedankenverloren auf das Amsterdamer Handelsviertel, das sich direkt vor seinem Hause erstreckte.

Margret, seine Frau, hatte sich damals geziert, sich hier niederzulassen, aber Wilhelm war die Nähe zu seinem Kontor wichtig gewesen. Das große Grundstück und die Baupläne des durchaus standesgemäßen Hauses hatten Margret schließlich beschwichtigt. Später hatten sich mehrere Kaufleute in der Nachbarschaft angesiedelt, und nun war dies eine der besten Adressen der Stadt. Was Margret inzwischen stets mit einem »Ich war ja immer dafür, hierher zu ziehen« kommentierte.

Wilhelm seufzte. Margret. Einst war sie zumindest noch recht ansehnlich gewesen, aber heute … Sie war klein und drahtig, trug die grauen Haare streng aufgesteckt und wirkte in ihren biederen Kleidern mit den steifen Kragen älter, als sie mit ihren sechsundfünfzig Jahren tatsächlich war. Ihr selbst schien die Rolle der alternden Familienmatrone zu gefallen. Mit harter Hand führte sie ihren Haushalt und das Personal und ließ kaum eine Gelegenheit aus, ihren Mann oder ihre Kinder herumzukommandieren. Wobei sie mit den beiden fast erwachsenen Töchtern, Martha und Dorothea, etwas milder umsprang als mit ihrem Sohn Wim. Wilhelm Vandenberg fürchtete sich ehrlich gesagt ein wenig vor seiner Frau. Oder besser gesagt, vor ihrem aufbrausenden Wesen und den impulsiven Ausfällen bei Widerspruch oder ihren Ohnmachtsanfällen bei Streitigkeiten. Sie ließ ihn zudem immer wieder ungeniert und auch im Beisein der Kinder wissen, dass ihr sein Lebenswandel missfiel. Manchmal wünschte er sich den Mut, ihr ins Gesicht zu sagen, dass es ihre herrische Art war, die ihn so häufig aus dem Haus trieb. Bei gutem Essen und reichlich Wein konnte er sein ungemütliches Weib vergessen.

Wilhelm fuhr sich durch das ergraute und deutlich lichte Haar und schleppte seinen massigen Körper wieder an seinen Platz hinter dem Schreibtisch. Nachdenklich strich er über die dunkle Edelholzplatte des Möbelstücks. Die Geschäfte liefen nicht mehr so gut, die Konkurrenz war vor allem in den letzten beiden Jahren enorm gestiegen. Wilhelm Vandenberg hatte lange das Monopol auf einigen Importwaren, insbesondere Zucker aus den Kolonien, halten können, doch seit einigen Jahren drängten immer wieder findige und günstigere Anbieter auf den Markt und machten ihm das Leben schwer. Vor allem der Rübenzucker ließ die Preise drastisch fallen. Die Gewinne waren verschwindend gering, und die wirtschaftliche Lage stand den hohen Ansprüchen seiner Familie entgegen. Margret dachte nicht im Traum daran, den Lebensstandard zu verändern. Und in den kommenden Jahren hatte er auch noch seine Töchter zu verheiraten, was ebenfalls ein großes Loch in die Kasse reißen würde. Wenn sich für die beiden überhaupt passende Männer fanden. Er schätzte, dass er in dieser Angelegenheit mit seinem Vermögen nachhelfen musste. Noch gab er die Hoffnung jedoch nicht auf, dass die beiden standesgemäße Männer fanden, die sie nach der Heirat versorgten. Bis dahin zumindest musste er die Geschäfte am Laufen halten. Nicht zuletzt auch für seinen einzigen Sohn, der das Unternehmen schließlich übernehmen sollte, auch wenn der Junge zurzeit andere Pläne hegte, was Wilhelm zusätzlich verärgerte. Aber Wim würde schon zur Vernunft kommen.

Und einen kleinen Trumpf hatte er ja noch in der Hinterhand. Juliette. Zähneknirschend hatte er damals die Vormundschaft für seine Nichte übernommen, obwohl sein verstorbener Bruder ihn in keiner Weise testamentarisch bedacht hatte. Verwalten und versorgen? Ja, das durfte er. Aber verfügen? Nein!

»Der feine Herr Bruder!« Wilhelm spürte die Wut in sich aufwallen, eine Wut, die ihn immer wieder überkam, auch wenn sein Bruder nun schon acht Jahre tot war.

Anfangs hatten sie das Geschäft gemeinsam geführt. Sie hätten ein kleines Imperium aufbauen können, wenn Jan Vandenberg nicht so ein Feigling gewesen wäre und immer brav alles ganz rechtens hätte machen wollen. Das Geschäftsleben war nun einmal hart, und manchmal musste man einfach ein bisschen tricksen, das hatte Wilhelm früh verstanden. Im Gegensatz zu Jan. Darüber hatten sich die Brüder dann schließlich zerstritten. Der jüngere Jan war seine eigenen Wege gegangen und dabei, zu Wilhelms großem Ärger, nicht minder erfolgreich gewesen. Zum Zeitpunkt seines Todes hatte das Vandenberg’sche Unternehmen in Rotterdam floriert, während Wilhelms Geschäfte in Amsterdam bereits stagnierten.

Juliette war auf jeden Fall ein kleines Pfand. Ihr Vater hatte ihr sein gesamtes Vermögen vermacht. Auch wenn Juliette es erst mit einundzwanzig Jahren erhalten würde, hegte Wilhelm immer noch die Hoffnung, sich in dieser Angelegenheit irgendwie ins Spiel bringen zu können. Vielleicht gelang es ihm, eine passende Ehe zu arrangieren, am besten mit einem Mann, der Juliettes Vermögen ohne zu zögern in das »sichere Geschäft« ihres Onkels investierte. Bei einer Eheschließung vor der Volljährigkeit des Mädchens würde ihr Vermögen ihrem Gatten zufallen. Wilhelm hatte wieder und wieder über diesem Plan gebrütet und sah keinen Grund, ihn nicht in die Tat umzusetzen. Einziges Problem war Juliette selbst, sie würde sich mit Sicherheit dagegen sträuben. Sorge bereitete ihm in diesem Zusammenhang auch Juliettes Beurteilung durch die neue Internatsleitung. Diese hob nicht nur Juliettes schulische Fähigkeiten hervor – das Mädchen war gut in Niederländisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Rechnen und Geschichte –, sondern auch ihre Eigenschaften: Ihre Sanftmut und ihr tugendhaftes Verhalten empfehlen sich für eine spätere Ausbildung als Lehrkraft, so stand es im Bericht geschrieben. Wilhelm schlug bei dem Gedanken erbost mit der Faust auf den Tisch. Hoffentlich hatte man dem Mädchen noch keine Flausen in den Kopf gesetzt. Diese modernen Ansichten – Frauen, die gar arbeiteten! Wilhelm wollte Juliette als tugendhafte Ehefrau sehen und nicht als Frau, die aufgrund ihrer Berufung auf die Ehe verzichtete. Als solche würde sie ihm nicht viel nützen. Die alte Direktorin war ihm in dieser Hinsicht durchaus lieber gewesen, auch wenn sie ansonsten doch erschreckend streng gewirkt hatte, das musste Wilhelm sich eingestehen. Fast wie Margret, dachte er unwillkürlich.

Margret und Juliette – die beiden hatten aus irgendeinem Grund nie zusammengefunden. Vor acht Jahren hatte sich Margret vehement dagegen ausgesprochen, das Kind in ihrem Haus aufzunehmen. Mitleid hin oder her, sie hatte selbst drei Kinder, und die waren ihr mehr als genug. Wilhelm hatte es fast nicht anders erwartet. Eilig hatten sie sich bei Bekannten nach einer geeigneten Unterbringung erkundigt. Viele Söhne und Töchter besuchten Internate, und man hatte ihnen das Mädcheninternat in Elburg nahegelegt. Es sei eine gute Institution unter fachkundiger Führung, so war zu hören. Und es war, wie sie damals positiv bemerkt hatten, mit einem eher geringen Schulgeld zu finanzieren – im Gegensatz zu den gehobenen Internaten in Rotterdam oder Amsterdam. So war die Entscheidung schnell auf diese Schule in der kleinen Stadt am Veluwemeer gefallen. Welch idealer Ort für dieses Kind! Und offensichtlich eine gute Wahl. Nie waren Klagen gekommen, stattdessen hatte es alljährlich einen positiven Bericht über Juliettes gutes Betragen gegeben.

Mehr wollten sie sich Juliettes auch nicht annehmen. Wilhelm war seine Nichte relativ egal, sie störte ihn nicht besonders und war ihm mit ihrer ruhigen Art eher angenehm. Margret jedoch mochte Juliette aus irgendeinem Grund nicht. Kurz musste Wilhelm schmunzeln. Vielleicht war Margret ja eifersüchtig, weil Juliette sich mit den Jahren zu einem hübschen Ding gemausert hatte. Insgeheim fand er das Mädchen viel attraktiver als seine eigenen Töchter.

Margret hatte ihm immer wieder zu verstehen gegeben, wie erpicht sie darauf war, die Verantwortung für dieses Mädchen sobald als möglich abzugeben, auch wenn sie im Grunde ja nicht viel Last mit ihrer Nichte hatte.

Gerade neulich hatte Margret wieder darauf hingewiesen, dass Juliettes Zeit im Internat bald vorbei sein würde. Dann müsse man sie verheiraten – oder in einer Diakonissenanstalt einkaufen …

»Du willst sie ins Kloster schicken?«, hatte Wilhelm seine Frau ungläubig gefragt.

»Wir können sie ja schlecht zu uns ins Haus holen«, hatte Margret ihn empört angefahren, wieder einer Ohnmacht nahe.

Wilhelm seufzte. Eine Diakonissenanstalt war teuer … das halbe Erbe würde dabei draufgehen. Ganz abgesehen davon, dass man Juliette nicht zwingen konnte, der Welt zu entsagen. Nein, das weitaus Beste wäre, einen passenden Ehekandidaten für sie zu finden. Möglichst rasch.

Wilhelm goss sich einen Whisky aus der gläsernen Karaffe ein, die auf seinem Schreibtisch stand. Eigentlich für Gäste, aber jetzt brauchte er selbst eine kleine Stärkung. Ihm stand ein recht unangenehmes Geschäftsgespräch bevor. Einer seiner Zulieferer hatte sich angekündigt, Karl Leevken aus Übersee. Angeblich hatte der Mann den weiten Weg nach Amsterdam auf sich genommen, um mit Wilhelm persönlich zu sprechen. Wilhelm dünkte nichts Gutes. In den letzten Jahren war er dazu übergegangen, die Zahlungen an seine Lieferanten zu seinen Gunsten zu kürzen. Er wähnte sich dabei in Sicherheit, schließlich befanden sich diese Leute in weiter Ferne, und selbst Briefe brauchten oft Wochen, rechtliche Forderungen sogar Monate. Außerdem lag auch die Plantagenwirtschaft zurzeit weitgehend am Boden, viele seiner Zulieferer waren sicher froh, überhaupt Geld zu erhalten. Wenn Leevken die ausstehenden Zahlungen jetzt einforderte … wer weiß, wie viele andere seinem Beispiel folgen würden.

Aber noch war nichts verloren, und es galt, Schlimmeres zu verhindern. Wilhelm rekapitulierte noch einmal, was er von Leevken wusste: Der Mann war Besitzer einer Zuckerrohrplantage in Surinam – einer seiner größten Produzenten, und zweifellos derjenige, den Wilhelm unterm Strich um die höchste Summe betrogen hatte.

Surinam, wo lag das noch gleich? Irgendwo im Regenwald von Südamerika. Wilhelm hoffte, dass Leevken ein eher bäuerlich anmutender Charakter war, irgendein Nachfahre eines abenteuerlustigen Kolonisten, der vor vielen Jahrzehnten sein Glück in der Ferne gesucht hatte. Inzwischen unterhielten zwar viele Kaufleute aus den Niederlanden selbst Plantagen in Übersee, die sie vor Ort allerdings von einheimischen Direktoren verwalten ließen. Denn leben, leben mochte man dort nicht. Zu heiß, zu feucht, zu weit entfernt von der Zivilisation …

Immerhin verstand Leevken, sich auszudrücken: Bezüglich der ausstehenden Zahlungen werde ich Sie im Dezember dieses Jahres persönlich aufsuchen, hatte er per Brief verlauten lassen. Es schien auf der Plantage zumindest einen halbwegs gebildeten Sekretär zu geben, immerhin. Selbst Wilhelms Anwalt hatte zur Ruhe gemahnt, man würde diesen Plantagenmenschen sicherlich mit kleineren Ausgleichszahlungen erst einmal ruhigstellen können.

Als Karl Leevken wenig später das Arbeitszimmer von Wilhelm Vandenberg betrat, verschlug es dem Unternehmer zunächst die Sprache. Vor ihm stand kein bäuerlicher Plantagenbesitzer, sondern ein akkurat und in feinsten Stoff gekleideter Mann. Wie ein dunkler Schatten folgte ihm ein hünenhafter schwarzer Bursche, der seinem Herrn Hut und Mantel abnahm, um sich dann gleich gehorsam und unauffällig neben der Tür zu platzieren, während Leevken auf Wilhelm zuschritt. Wilhelm musterte einen Moment verwirrt den schwarzen Diener, der zwar europäische Kleidung, aber keine Schuhe trug. Dann besann er sich auf seinen Gast. Er durfte jetzt keine Irritation zeigen, schließlich wollte er vor Leevken einen gestandenen Eindruck machen.

Aber schon bei der Begrüßung schlug ihm von Leevken eine Welle von Selbstbewusstsein entgegen, die Wilhelm endgültig die Ruhe raubte. Leevkens Tonfall ließ keine Zweifel aufkommen, dass dieser Mann es gewohnt war zu befehlen.

»Mijnheer Vandenberg, wie nett, Sie kennenzulernen. Setzen wir uns doch.«

Wilhelm fühlte sich kurz seiner Gastgeberrolle enthoben. Was dachte sich dieser Kerl bloß? Noch während er um seinen Schreibtisch herumging und sich wieder schwerfällig auf seinen Stuhl setzte, hatte Leevken bereits Platz genommen, sich lässig zurückgelehnt und die Beine übereinandergeschlagen. Wilhelm entging nicht, dass er sich kurz abschätzend im Raum umsah. Gut, dass er Leevken in seinem Arbeitszimmer im Wohnhaus empfangen hatte, welches wesentlich repräsentativer war als sein Kontor. Trotzdem fühlte er sich ungewohnt verunsichert, war aber nach Kräften bemüht, sich dies nicht anmerken zu lassen. Entschlossen hob er den Blick und musterte sein Gegenüber aufmerksam.

Leevken musste ungefähr vierzig Jahre alt sein, hatte leicht gebräunte Haut, dunkle Haare und auffallend grüne Augen. Ein stattlicher, gut aussehender Mann. Allerdings glattrasiert, nicht wie es in Europa gerade Mode war, mit Schnauzer und Kinnbart.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«, fragte Wilhelm mit fester Stimme und deutete auf die Karaffe. Ehe er sich jedoch versah, stand der schwarze Diener seines Besuchers am Tisch und schenkte das Getränk in die bereitstehenden Gläser. Leevken nickte ihm zu, und der Bursche verschwand wieder auf seinen Platz. »Bitte«, Wilhelm nickte in Richtung des Glases, bemüht, das Verhalten des Dieners nicht zu kommentieren. Aber er fühlte sich nicht besonders wohl in seiner Haut. Wer war hier der Hausherr?

»Mijnheer Vandenberg, kommen wir gleich zur Sache. Uns sind bei den Abrechnungen, die Sie uns haben zukommen lassen, einige Unregelmäßigkeiten zu unserem Nachteil aufgefallen. Inzwischen handelt es sich bei der Fehlsumme um einen ansehnlichen Betrag.« Leevken sah Wilhelm unverwandt in die Augen, und das Grün darin schien sich für einen kurzen Moment zu verdunkeln.

Wilhelm wurde schlagartig klar, dass die fadenscheinigen Entschuldigungen, die er sich für den vermeintlich hinterwäldlerischen Plantagenmenschen zurechtgelegt hatte, keinen Pfifferling wert waren. Leevken wusste, was er wollte, und war auch nicht gekommen, um sich mit Kleinigkeiten abspeisen zu lassen oder gar zu betteln. Und irgendwie, so schoss es Wilhelm in den Sinn, schien auch der Lebensstandard in den Kolonien nicht so schlecht zu sein, wie es allgemein hieß.

Wilhelm schalt sich innerlich seiner abschweifenden Gedanken. Vielleicht hätte er nichts trinken sollen. Seine Konzentration ließ etwas nach. Kurz starrte er in Richtung Fenster, um sich zu sammeln. Draußen hatte es zu schneien begonnen.

Er straffte sich und setzte sich aufrecht hin. Leevken sollte nicht denken, er hätte hier keinen ebenbürtigen Gesprächspartner vor sich.

»Mijnheer Leevken, ich bedauere außerordentlich, dass Sie jetzt die weite Reise auf sich genommen haben, um … wir hätten das auch schriftlich regeln können.«

Leevken unterbrach Wilhelm mit dem Anflug eines Schmunzelns. »Mijnheer Vandenberg, ich bin keineswegs nur Ihretwegen nach Europa gereist. Ich habe bei Weitem wichtigere Dinge zu erledigen. Aber da ich schon mal da bin, bietet sich eine Klärung an.«

Wilhelm begann zu schwitzen. »Natürlich … Ich freue mich in jedem Fall über Ihren Besuch.« Wilhelm räusperte sich, während die Gedanken in seinem Kopf darum kreisten, wie er das Gespräch nun weiterführen könnte. »Ich habe bereits Anweisung an meine Rechnungsabteilung gegeben, die Vorgänge nochmals zu prüfen. Sie verstehen … in so einem großen Betrieb«, er machte eine ausschweifende Geste, »kann ich mich nicht um alles selbst kümmern. Leider bedarf es noch einiger Tage, bis alle Unterlagen bereitstehen. Ich hoffe, Sie haben die Möglichkeit und Zeit, mich nochmals aufzusuchen.«

Leevken nickte. »Ich werde noch eine Weile in Amsterdam bleiben. Ich denke, wir können die Unregelmäßigkeiten dann begleichen. Es ist immer sehr unangenehm, wenn die eigene Buchhaltung durch Unzulänglichkeiten anderer durcheinandergerät.«

Wilhelm fühlte sich, als wäre er geohrfeigt worden. Deutlicher hätte Leevken nicht ausdrücken müssen, was er von Wilhelm dachte. Er ärgerte sich darüber, auf diese Weise gedemütigt zu werden, und versuchte mühsam, durch die Wut einen klaren Gedanken zu fassen. Was, wenn er Leevken einfach die Zusammenarbeit kündigte? Der Gedanke schien verlockend, aber Leevken war auch ein zuverlässiger Lieferant mit vorzüglicher Ware. Im Grunde konnte er nicht auf ihn verzichten. Es würde Monate dauern, einen Ersatz aufzutun, und er wollte sich nicht die Blöße geben, als alteingesessener Importeur ebenfalls auf den billigen Rübenzucker umzusteigen. Erschrocken erkannte Wilhelm, dass es keine andere Möglichkeit gab, als das Geld für Leevken zu leihen oder einzusparen. Bloß wo? Wilhelm wand sich innerlich, aber er musste jetzt versuchen, diesen Leevken zu besänftigen. Zumal er sich noch nicht sicher war, ob seine Rechtsabteilung die Unregelmäßigkeiten überhaupt so schnell ausgleichen konnte. »Mijnheer Leevken, wir geben am 23. Dezember ein Dinner und würden uns freuen, Sie als unseren Gast begrüßen zu dürfen«, sagte er so freundlich wie möglich, obwohl sich alles in ihm gegen diese Einladung wehrte.

Leevken erhob sich. »Gerne, dann sehen wir uns in einigen Tagen wieder. Ich melde mich.«

Gleich stand der schwarze Diener neuerlich bereit, reichte seinem Herrn Hut und Mantel und öffnete ihm die Tür. Wilhelm musste sich eilen, hinterherzukommen. Aus den Augenwinkeln sah er gerade noch Margret im Flur durch eine Tür verschwinden. Dieses neugierige Weib! Sobald Wilhelm im Haus Besucher empfing, schlich sie über die Flure, in der Hoffnung auf ein wenig Stoff zum Tratsch mit ihren Töchtern. Dieser Leevken und sein schwarzer barfüßiger Begleiter kamen ihr da sicherlich gerade recht.

Dass Leevken ihnen in absehbarer Zeit wesentlich mehr Gesprächsstoff liefern würde, ahnte Wilhelm zu diesem Zeitpunkt nicht.

Kapitel 3

Schon bald nachdem das Gespann die Stadtgrenze passiert hatte, wünschte sich Julie zurück in das kleine beschauliche Elburg oder noch besser aufs Land zu ihrer Freundin. Amsterdam schien Julie immer unübersichtlich und grau. Die Stadt wirkte schmutzig und unordentlich, unzählig viele Menschen wuselten im Halbdunkel über die Straßen, und der Schnee, der inzwischen vom Himmel fiel, verwandelte sich auf den unbefestigten Wegen durch die vielen Pferdehufe und Wagenräder zu einem braunen, suppigen Matsch, der bis an die kleinen Fenster der Kutsche hinaufspritzte.

Es war bereits Abend, als der Wagen die steinerne Toreinfahrt des Anwesens der Vandenbergs passierte. Links und rechts der Auffahrt säumte eine gepflegte Parkanlage den Weg, die trotz des dichten Schneefalls beeindruckend wirkte. Julie kam wieder einmal nicht umhin, das Anwesen als herrschaftlich und fast zu protzig zu befinden. In der Stadt gab es nicht viele Häuser, die überhaupt Gärten besaßen. Das Haus des Onkels hingegen thronte inmitten eines großen Grundstücks – ein ausladender, zweistöckiger Bau aus rotem Stein, mit weiß abgesetzten Fenstern und Fassadenecken. Zur Eingangstür erhoben sich mehrere Stufen, darüber ein ausladender, von dicken Säulen getragener Balkon. Was ihr Onkel wohl gesagt hätte, wenn er jemals ihre kleine Kammer im Internat gesehen hätte? Aber das interessierte ihn anscheinend nicht … Julie schob den Schmerz beiseite und bereitete sich auf das Verlassen des Wagens vor. Die Kutsche kam knirschend auf dem Kiesweg zum Stehen, und der Kutscher öffnete Julie die Tür. Sie eilte die Stufen hinauf und bemühte sich nach Kräften, auf dem blanken Stein nicht auszurutschen. Sie hatte sich ihren Umhang zum Schutz vor dem Schneetreiben über das Haar gelegt, um nicht gleich beim ersten Wiedersehen mit der Familie ihres Onkels nach einem Jahr einen schlechten Eindruck zu machen. Der Wind und der Schnee nahmen Julie in der Dämmerung einen Augenblick die Sicht. Mit gesenktem Kopf lief sie durch die sich öffnende Tür in die Halle und erschrak zutiefst, als sie fast mit einem Mann zusammenstieß, der gerade im Begriff war, das Haus zu verlassen.

»Oh, Verzeihung!« Sie machte einen ungelenken Schritt zur Seite und spürte sofort, wie sie rücklings mit jemandem kollidierte. Julie drehte sich beschämt um und starrte in die weißen Augen eines Mannes mit tiefschwarzer Haut. Erschrocken wich sie zurück. »Verzeihung«, hörte sie sich erneut murmeln.

»Juliette. Schön, dass du da bist.«

Hinter dem Fremden erschien in der Tür das Gesicht ihres Onkels, das sie so sehr an ihren Vater erinnerte. Aber wie füllig er im vergangenen Jahr geworden war! Seine Wangen hingen schlaff herunter, und ein mächtiges Doppelkinn, das selbst der Bart nicht verdecken konnte, stützte den Kopf. Und dann diese gespielte Freundlichkeit … Julie schauderte.

In diesem Moment wurde ihr bewusst, wie unschicklich sie in das Haus gestürzt war, sie hätte warten müssen, bis man sie hereinbat. »Entschuldige, Onkel, dass ich …« Sie spürte, wie die Röte in ihr Gesicht kroch. »Es schneit gerade so fürchterlich, Onkel Wilhelm«, stammelte sie. Brav machte sie jetzt einen leichten Knicks vor Wilhelm Vandenberg und legte sich das verschneite Tuch über den Arm. Dann musterte sie verstohlen den Besucher.

Wilhelm Vandenberg, dessen Gesichtsausdruck nicht gerade Freude widerspiegelte, blieb nichts anderes übrig, als Julie und den Mann vorzustellen.

»Mijnheer Leevken, meine Nichte – Juliette Vandenberg.«

Der Mann war bereits einen Schritt auf Julie zugegangen und hauchte ihr soeben einen Kuss auf die Hand. »Es freut mich ausgesprochen, Sie kennenzulernen«, sagte er in gedämpftem Tonfall, ohne seinen Blick von Julies Gesicht abzuwenden.

Julie schaute verlegen auf ihre Schuhe, unter denen sich kleine Pfützen vom Schneematsch bildeten. Gegenüber älteren Männern genierte sie sich immer noch fürchterlich, wenn diese sie mit der gebührenden Höflichkeit bedachten und sie nicht wie ein Kind begrüßten.

Draußen hörte man das leise Klirren von Pferdegeschirren. Eine weitere Droschke kam die Einfahrt hinaufgefahren.

Wilhelm beobachtete die Szene mit Unbehagen. »Ihr Wagen ist da. Wir sehen uns dann in einigen Tagen wieder«, sagte er in dem Versuch, den Besucher schnell zu verabschieden.

»Mijnheer Vandenberg. Mejuffrouw Vandenberg.«

Leevken warf noch einen kurzen Blick zurück, bevor er sich durch das Schneegestöber zu seiner Kutsche begab. Der schwarze Diener folgte ihm und schloss die Tür hinter ihnen.

Wilhelm schüttelte den Kopf. »Barfuß! Was diese Kolonisten ihren Bediensteten zumuten …«

Dann besann er sich auf Julie, die verlegen in der Eingangshalle stand. Er bemühte sich jetzt nicht mehr um einen höflichen Tonfall. »Wir essen um sechs, sei pünktlich!«, bellte er. Julie zwang sich zu einem freundlichen Lächeln.

Ihr Onkel übergab sie noch in der Eingangshalle in die Obhut einer Hausangestellten, die sie in eines der Gästezimmer brachte. Neugierig ließ Julie auf dem Weg dorthin ihren Blick schweifen. Wieder war sie beeindruckt von der luxuriösen Ausstattung des Hauses. Weiche Teppiche lagen auf den Böden und goldumrahmte Bilder zierten die Wände der Flure. Wie bei jedem Aufenthalt entdeckte Julie einige neue und sehr erlesene Möbel, Tante Margret schien gerne ihr Inventar zu wechseln. Das Gästezimmer stand in keinem Vergleich zu der kleinen Kammer, die Julie mit Sofia im Internat bewohnte. Hier sorgte ein großer Kachelofen für wohlige Wärme, und kleine silberne Leuchter erhellten den großen Raum.

»Ich lasse Ihr Gepäck gleich heraufbringen. Wünschen Mejuffrouw Vandenberg noch etwas?« Das Hausmädchen knickste artig, Julie aber schüttelte nur den Kopf, was dem Mädchen wohl Aufforderung genug war, den Raum zügig zu verlassen. Julie stand eine Weile unentschlossen mitten im Zimmer, erfrischte sich dann aber und zog sich, nachdem ihr Gepäck hinaufgetragen worden war, auch um. Sie wollte der Familie nicht im zerknitterten Reisekleid entgegentreten. Alsbald klopfte das Hausmädchen wieder und führte Julie hinunter in den Speiseraum. Nun war er gekommen, der Moment, vor dem sie sich immer insgeheim am meisten fürchtete. Das erste Aufeinandertreffen.

Tante Margret begrüßte Julie knapp und etwas kühl und musterte sie mit eingehendem Blick. »Wie schön, dass du es einrichten konntest, uns zu besuchen.« Julie hätte fast aufgelacht. Einrichten konntest – als hätte sie eine Wahl gehabt.

Ihre Cousinen standen brav neben Tante Margret und blickten Julie ebenfalls abschätzend an. Martha war klein und hager und wirkte, obwohl sie nur unwesentlich älter war als Julie, wie eine Kopie ihrer Mutter. Sie trug ihr Haar streng nach hinten gebunden und ein Kleid mit einem steifen Kragen, welches, das hatte Julie gleich bemerkt, nicht mehr ganz der aktuellen Mode entsprach. Dorothea hingegen schien in Sachen Körperform mehr nach ihrem Vater zu schlagen: Sie war fast einen Kopf größer als ihre Mutter und ihre Schwester und hatte sehr ausladende Hüften. Sie lächelte Julie dümmlich und unbeholfen aus ihrem breiten, rotwangigen Mondgesicht an. Dorothea war zwar bei Weitem nicht so linkisch wie Martha, stand aber doch vehement unter der Fuchtel von Mutter und Schwester. Julie wurde auch mit ihr nicht warm.

In diesem Moment polterten Onkel Wilhelm und sein Sohn aus einem Nebenzimmer herein. Wim wirkte erhitzt und beachtete Julie im ersten Moment gar nicht. »Vater – ich habe ihn eingeladen, also bitte! Du wirst mir doch nicht untersagen wollen, einen Freund einzuladen?«

Margret herrschte ihren Sohn mit leise tadelnder Stimme an: »Wim, wir haben Besuch!«

Jetzt bemerkte der junge Mann Julie. Unwirsch und geistesabwesend begrüßte er sie knapp, um sich

dann wieder mit einem bösen Blick an seinen Vater zu wenden. Der hob hingegen nur kurz abwehrend

die Hände. »Wim – später …«

Julie verkniff sich ein Lächeln. Wim war noch ganz der Alte.

Jetzt saß Julie am Tisch und blickte in die Runde, bedacht darauf, dass keiner der Anwesenden merkte, wie sie insgeheim alle der Reihe nach musterte. Margret und Martha saßen kerzengerade und stocherten pikiert in ihrem Essen. Dorothea hatte den Platz neben Julie zugewiesen bekommen und ließ sich freizügig allerhand Leckereien auftischen, um sie sofort mit Genuss in sich hineinzuschieben. Wilhelm und sein Sohn diskutierten immer noch leise. Irgendwie drehte sich der Disput um die Feierlichkeiten zum Jahreswechsel, Einzelheiten konnte Julie jedoch nicht verstehen. Wim schien nicht lockerzulassen, was Wilhelm sichtlich erzürnte.

Irgendwann wurde Margret das leise Gezänk der Männer jedoch zu viel. »Wilhelm, wenn Wim unbedingt diesen Hendrik einladen will, dann bitte … lass ihn doch.«

Wilhelm verstummte sogleich, und Wims Gesicht drückte Zufriedenheit aus. Dennoch konnte er sich einen kleinen Seitenhieb auf seinen Vater offensichtlich nicht verkneifen: »Außerdem hast du doch auch noch Gäste eingeladen!«

Der Hieb verfehlte seine Wirkung nicht. Margret sah ihren Mann sofort fragend an. Änderungen der Planungen und Gästelisten für diese wichtige Feier waren ihr von jeher ein Graus. Julie wusste dies aus den vorherigen Jahren und amüsierte sich bereits im Stillen über jenen offensichtlichen Affront ihres Onkels. Dieser schenkte seinem Sohn einen grollenden Blick, nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas und zuckte dann mit den Achseln. »Na, dieser Leevken … wenn er doch nun schon mal in Europa ist – es wäre unhöflich gewesen, ihn nicht einzuladen. Er kommt zum Dinner, und ich werde ihn auch zum Silvesterball bitten.«

Margret seufzte und tupfte sich mit einer Serviette geziert die Mundwinkel ab. »Hoffentlich lässt er wenigstens diesen Neger im Hotel, der verschreckt mir ja die anderen Gäste«, sagte sie bissig. Jedes ihrer Worte war ernst gemeint.

Julie hatte das Gespräch am Tisch aufmerksam verfolgt. Leevken? War das nicht der Mann, mit dem sie bei ihrer Ankunft zusammengestoßen war?

Die Tage vor dem Jahreswechsel waren im Hause Vandenberg von gesellschaftlichen Verpflichtungen geprägt. Die Familie schien Julie darüber vollkommen zu vergessen, was sie allerdings nicht besonders betrübte, sie war daran gewöhnt, dass sich im Hause ihres Onkels niemand für sie interessierte. Still beobachtete sie die Vorbereitungen für das Dinner am Abend. Mit dieser Einladung an Geschäftsfreunde und Bekannte leiteten die Vandenbergs jedes Jahr am 23. Dezember die Feierlichkeiten zum Jahresende ein. Neugierig erwartete Julie die Ankunft jenes Hendriks. Laut Wims Beschreibungen handelte es sich bei seinem Schulfreund um einen interessanten jungen Mann. Seine Augen leuchteten jedes Mal, wenn er von diesem Hendrik sprach. Der junge Mann besuchte dasselbe Internat wie Wim und war offenbar so etwas wie sein Vorbild. Er schrieb gelegentlich für Amsterdamer Zeitungen, eine Arbeit, die auch Wim begeisterte – sehr zum Missfallen ihres Onkels, der mehr als einmal die Erwartung geäußert hatte, sein Sohn solle in seine unternehmerischen Fußstapfen treten.

Hendrik traf am Vormittag ein und entpuppte sich in der Tat als konzilianter Gesprächspartner. Schon während des Mittagessens erntete Julie von Margret einen bösen Blick und eine spitze Bemerkung, als sie es wagte, mit Hendrik über Frauenrechte zu sprechen. »Lehrt man euch das jetzt im Internat, Juliette?«, fragte sie bissig. Julie zog es vor, nicht zu antworten, freute sich im Stillen jetzt aber auf das Dinner. Mit Hendrik würde der Abend sicherlich unterhaltsam werden. Und dieser Leevken mit seiner exotischen Aura, würde sicher ebenfalls eine spannende Ergänzung zu dieser sonst recht biederen Zusammenkunft sein.

Die erste Stunde des Dinners verlief allerdings gewohnt langweilig. Onkel Wilhelm hatte Hendrik und Wim vermutlich angewiesen, sich bei Tisch zurückzuhalten, zumindest beschränkte Hendrik sich auf höfliche Konversation, und auch Wim machte keine Anstalten, die Themen aufzulockern. Julie ließ gelangweilt den Blick über die Runde am Tisch gleiten, bis er am anderen Ende, dicht neben dem Platz ihres Onkels, bei Leevken hängenblieb. Sein Charisma hatte sie bei der Begrüßung einige Stunden zuvor augenblicklich gefesselt, stach doch sein dunkler Teint deutlich zwischen den vornehm blassen Gesichtern der anderen Gäste hervor. Außerdem war sie fasziniert von seinem Auftreten – sie hatte ihn verstohlen beobachtet, während er die anderen Gäste souverän begrüßt hatte. Dabei war Onkel Wilhelm ihm nicht von der Seite gewichen. Leevken schien irgendwie wichtig zu sein, auch die anderen Gäste bedachten ihn mit aufmerksamer Neugier. Er war so anders als die anderen farblosen, ältlichen Gäste. Als hätte er Julies Augen auf sich gespürt, hob er nun den Blick und schaute sie direkt an. Er bedachte sie mit einem leichten Nicken, wobei er sein Glas hob. Julies Herz machte einen stolpernden Sprung. Dann besann sie sich auf ihre guten Manieren – es gehörte sich nicht, einen Mann so anzustarren. Schnell wandte sie den Blick ab und versuchte, sich auf die Gespräche um sie herum zu konzentrieren.

Als sich die Gesellschaft nach dem Essen in den bequemeren Salon zurückzog, nahm Leevken in einem der Sessel Platz und ließ sich ein Getränk reichen. Hendrik und Wim gesellten sich zu ihm an den Tisch.

Hendriks journalistischer Eifer war geweckt, und er ging sofort daran, Leevken auszufragen: »Sie haben also eine Zuckerrohrplantage in Surinam?«

»Ja, junger Mann, genau«, antwortete Leevken knapp.

Julie rückte unmerklich etwas näher heran. Vielleicht erfuhr sie so mehr über ihn. Surinam … hatte sie davon nicht schon einmal gehört?

Hendriks Gesicht hatte inzwischen einen erwartungsvollen Ausdruck angenommen. »Bewirtschaften Sie Ihre Ländereien mit Sklaven?«

Leevken machte einen amüsierten Gesichtsausdruck und schlug lässig die Beine übereinander. »Selbstverständlich«, sagte er lächelnd und nippte an seinem Drink.

»Was halten Sie davon, dass einige Regierungsmitglieder gedenken, sich für die Abschaffung der Sklaverei in den Kolonien auszusprechen?« Hendrik zierte sich nicht, schwierige Themen anzusprechen.

Julie spürte die leichte Spannung, die in der Luft lag.

Leevken schien das allerdings nichts auszumachen. »Wissen Sie, Hendrik, ich denke, dass diese Personen sich nicht darüber im Klaren sind, dass sie damit der Kolonie ihre Wirtschaftsgrundlage entziehen würden. Wir würden die Produktivität ohne die Sklaven nicht aufrechterhalten können, und solange die Regierung keine Alternative dafür hat, wird sie sich bestimmt hüten, auf die Anträge zur Abschaffung der Sklaverei einzugehen.« Er sprach ruhig, seine Stimme hatte einen tiefen, dominanten Ton. Dies war kein Mann, der sich auf Diskussionen einließ.

»Aber glauben Sie nicht, dass es bessere Wege gibt als die der Sklavenarbeit? Man könnte doch europäische Arbeitskräfte einführen.«

Jetzt beugte sich Leevken leicht nach vorn und fixierte Hendrik mit den Augen. »Wenn Sie sich über das Thema informiert haben, wird Ihnen nicht entgangen sein, dass dieser Versuch bereits unternommen wurde und kläglich an der Konstitution und Arbeitsbereitschaft der Europäer scheiterte.«

Hendrik kam sichtlich ins Schwitzen, als Leevken fortfuhr: »Der Neger an sich ist von seiner körperlichen Beschaffenheit einfach zur Arbeit auf den Plantagen prädestiniert. Zumal diese Leute das Klima weitaus besser vertragen. Bei richtiger Führung, entsprechend ihren geistigen Fähigkeiten, schaffen sie wesentlich mehr als jeder hellhäutige Arbeiter.«

Jetzt funkelte Wim Leevken mit bösem Blick an. »Aber die Sklaverei tastet die Würde des Menschen an!«

Dieser jedoch lachte höhnisch auf. »Wo haben Sie das denn aufgegriffen? Ich empfehle den jungen Herren, sich zunächst selbst ein Bild von der Sklavenhaltung zu machen, bevor Sie sich dagegen aussprechen. Wir geben diesen Negern Arbeit, Unterkunft und Verpflegung. Überlässt man sie sich selbst, wie in anderen Ländern bereits geschehen, fallen sie sofort in ihr altes, wildes Leben zurück. Was für die meisten in Armut und Alkoholismus endet. Die Sklaverei ist durchaus eine Sicherheit für dieses Volk. Zumal man heiße Landstriche einfach am besten mit Negern bearbeiten kann.«

Hendrik schnaubte verächtlich. Bevor er aber etwas erwidern konnte, stieß Wilhelm Vandenberg zu der Runde. Vermutlich hatte er Angst, Hendrik und Wim würden seinen Gast mit ungebührlichen Themen belästigen. »Wim, Hendrik, Mijnheer Streever würde sich gerne mit euch unterhalten, würdet ihr ihm die Ehre erweisen?«

Julie schmunzelte innerlich über diesen taktischen Zug ihres Onkels. Mijnheer Streever besaß neben einem Handelshaus auch eine kleine Druckerei, die im Wesentlichen wirtschaftsrelevante Nachrichten verbreitete. Ohne Frage brannten Wim und Hendrik darauf, sich mit ihm zu unterhalten. Touché, Onkel Wilhelm, damit hast du Mijnheer Leevken von den beiden befreit, dachte Julie im Stillen.

»Mijnheer Leevken, ich hoffe, die beiden haben Sie nicht belästigt?« Onkel Wilhelm ließ Leevken nachschenken.

»Keineswegs …« Leevken prostete dem Hausherrn zu, als zwei weitere Gäste hinzutraten und Onkel Wilhelms Aufmerksamkeit beanspruchten.

Julie bemerkte verlegen, dass sie plötzlich mit Leevken allein dasaß. Dieser nahm einen Schluck aus seinem Glas, setzte sich bequem zurecht und wandte sich dann Julie zu: »Mejuffrouw Vandenberg, es freut mich, Sie wiederzusehen.« Julie spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden und ihr Puls sich beschleunigte.

Kapitel 4

Die Tage bis zum Jahreswechsel vergingen wie im Flug. Im Hause Vandenberg war der Tag des großen Balls gekommen.

Am 31. Dezember machte sich Julie früh am Nachmittag fertig. Sorgsam kleidete sie sich an, ihr dunkelrotes Ballkleid umschmeichelte trotz des ausladenden Reifrocks und der seidenen Unterröcke ihre Figur. Sie hatte es vor einigen Wochen gemeinsam mit Sofia in Elburg gekauft. Eigentlich war es für ihren Geschmack etwas zu aufreizend, doch Sofia hatte ihr geschworen, dass das jetzt die neueste Mode sei und sie darin umwerfend aussah. Julie kam nicht umhin, Sofia jetzt zuzustimmen. Wenn sie sich bewegte, schien es fast, als würde sie schweben.

Vielleicht fand sich ja sogar ein Tanzpartner. Julie tanzte zwar nicht besonders gut, aber gerne. Allerdings wurde im Internat selbstverständlich immer nur als Mädchenpaar getanzt. Von einem Mann geführt zu werden war schon etwas anderes. Julie hoffte, dass die geladene Gesellschaft sich nicht nur aus älteren Geschäftspartnern und Bekannten ihres Onkels zusammensetzte. Im vergangenen Jahr hatte sie mit einem älteren Mann tanzen müssen, der sie zwar nett und freundlich behandelt hatte und glücklich schien, sie führen zu dürfen, der aber schrecklich langsam und unbeweglich gewesen war. Zudem hatte er nicht gut gerochen. Dann schon lieber Hendrik oder Wim, obwohl die beiden vermutlich nicht als gute Tänzer glänzen würden.

Sie konnte nicht verhindern, dass die hochgewachsene Gestalt des sonnengebräunten Fremden vor ihrem inneren Auge auftauchte, mit dem sie während des Dinners gesprochen hatte. Dieser Leevken aus Surinam … leider war ihr Gespräch sehr kurz gewesen. Tante Margret hatte es missfallen, Julie so allein mit diesem Mann reden zu sehen. Schnell hatte sie ihre Nichte wieder an einen Frauentisch geleitet. Julie war im Nachhinein nicht böse darum gewesen, außer ein paar höflichen Floskeln hatte sie vor Aufregung sowieso nichts hervorbringen können. Wim hatte erwähnt, Leevken würde heute auch zugegen sein. Vielleicht tanzte er ja? Wie auch immer: Julie war fest entschlossen, sich zu amüsieren. Und wenn Leevken sie heute ansprach, würde sie nicht herumstottern wie ein unbeholfener Backfisch. Das hatte sie sich fest vorgenommen.

Eines der Hausmädchen half ihr beim Frisieren. Auch hier war Julie mit ihren langen blonden Locken durchaus begünstigt. Sie brauchte sich nicht, wie manch andere Frau, ein Haarteil anzustecken. Julie hatte sich für eine Frisur entschieden, bei der die Haare in der Mitte gescheitelt wurden. Das zum Zopf geflochtene Haar ließ sie sich am Hinterkopf mit Kämmen aus Schildplatt aufstecken. Seitlich umspielten einige lange Locken das Gesicht. Eine gewagt moderne Variation, die laut Sofias Aussage momentan der letzte Schrei war, die Tante Margret aber sicher mit scharfem Blick missbilligen würde. Julie freute sich schon auf die Gesichter ihrer Cousinen. Sie war zwar nicht besonders eitel, aber wenn es um die beiden ging, reizte es sie inzwischen auch, einmal auftrumpfen zu können. Julie wollte heute gut aussehen – ein Blick in den Spiegel verriet ihr, dass ihr das gelungen war. Irgendwie spürte sie, dass dieser Abend ihr Leben verändern würde.

Als sie die Treppe hinunterschritt, warteten unten Hendrik und Wim. »Mejuffrouw Vandenberg«, Wim verbeugte sich tief und nahm galant Julies Arm, »darf ich Sie zu Tisch führen?« Julie lachte herzlich.

Die Tafel war bereits gut besetzt, weitere Gäste standen noch in kleinen Grüppchen zusammen und unterhielten sich. Julie stockte der Atem, als sie Leevken am anderen Ende des Raumes entdeckte. Er warf ihr ein kurzes Lächeln zu. Dann bat Tante Margret zu Tisch.

Nach dem Essen verstreuten sich die Gäste in die verschiedenen Räume des Erdgeschosses. Julie betrat den großen Wintergarten im rückwärtigen Teil des Hauses, in dem eine Tanzfläche freigeräumt worden war, hier spielten Musiker dezente Tanzmusik. Sie fühlte sich wohl und entspannte sich allmählich. Das Essen war ohne Komplikationen abgelaufen, ihre Tischnachbarn waren nicht allzu langweilig gewesen, und sie hatte bereits ein Glas Champagner getrunken, der ein warmes Kribbeln in ihrem Bauch hinterlassen hatte. Was Sofia wohl gerade machte? Die de Weeks gaben heute auch einen Ball. Schnell verscheuchte Julie den Gedanken, so schlecht war es hier im Augenblick nicht.

Einen Moment verharrte Julie an einem der großen Fenster des Raumes. Im Garten hatte man Fackeln entzündet, und der Schnee auf den Büschen glitzerte märchenhaft im Schein ihres Lichts.

»Tja, Schnee und Königspalmen gibt es nur selten zusammen«, sagte eine wohlbekannte tiefe männliche Stimme hinter ihr. Julie fuhr erschrocken zusammen. Als sie sich umdrehte, schaute sie direkt in dunkelgrüne Augen. »Mijnheer Leevken! Es freut mich …«

Er stand jetzt dicht vor ihr. »Mejuffrouw Vandenberg«, sagte er eindringlich und deutete dann demonstrativ auf das Gewächs neben sich, »bei uns werden die viel größer, aber da wachsen sie natürlich im Freien. In diesem Klima geht das nicht.«

Julie zwang sich aus den Fängen seines Blickes, der unendlich tief in ihr zu ruhen schien. Ihr war kalt, dann wurde ihr schlagartig warm. Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sag was!, schoss es ihr durch den Kopf. Sie suchte nach Worten. »Oh, ist das Klima in Ihrer Heimat denn so anders als hier?«, brachte sie über die Lippen.

Leevken lächelte Julie an und trat neben sie an das Fenster.

»Mejuffrouw Vandenberg, Surinam liegt in den Tropen, es ist das ganze Jahr warm bei uns.«

»Sagen Sie doch Juliette zu mir …« Julie war froh, ihm nicht mehr ins Gesicht schauen zu müssen, gleichzeitig kamen ihr Zweifel: War es zu früh, ihm den Vornamen anzubieten? Der Blick dieses Mannes richtete in ihrem Kopf ein nie da gewesenes Durcheinander an. Verstohlen betrachtete sie jetzt sein Profil von der Seite. Seine Haut war sonnengebräunt und nur von wenigen Falten durchzogen, obwohl er wohl deutlich älter war als sie selbst. Er strahlte eine natürliche Selbstsicherheit und eine beeindruckende Präsenz aus. Julie schaute schnell wieder hinaus auf den glitzernden Schnee. »Dann gibt es wohl keinen Schnee in Surinam, oder?« Sie hörte selbst, wie töricht die Bemerkung klang, er hatte schließlich von den Tropen gesprochen, und schalt sich im gleichen Moment. Sie versuchte, ihre Unsicherheit hinter einem gespielten Lächeln zu verbergen.

»Nein«, wieder lachte er kurz auf, »aber dafür gibt es unzählige andere Naturschönheiten, die sich ein, Sie verzeihen mir, Europäer gar nicht vorstellen kann, wenn er sie noch nicht selbst gesehen hat.« Er sprach leise und betont.

Julie musste etwas fragen, irgendetwas in ihr wollte unbedingt, dass er weitersprach. »Wo haben Sie denn den schwarzen Mann gelassen, der neulich bei Ihnen war?«

»Den schwarzen Mann?« Leevken lachte kurz auf. »Der schwarze Mann ist Aiku, mein Hausdiener. Es ist wohl nicht nötig, ihn zu einer solchen Veranstaltung mitzubringen.« Er wandte sich wieder Julie zu, immer noch lächelnd. »Oder denken Sie, Ihr Onkel hätte nicht genügend Personal im Haus? Kommen Sie, wir suchen uns einen bequemeren Platz, dann erzähle ich Ihnen noch ein bisschen aus meiner Heimat.« Er bot Julie seinen Arm, und noch bevor sie überlegen konnte, ob es schicklich war oder nicht, ließ sie sich von ihm in ein ruhigeres Zimmer führen.

Nach zwei weiteren Gläsern Champagner hatte sich auch der Knoten in Julies Kopf gelöst, und sie konnte sich etwas unbefangener mit Leevken unterhalten.

Er erzählte ihr, nicht ohne einen Anflug von ehrlichem Stolz, von seiner Plantage Rozenburg am Surinam-Fluss.

»Aber dort gibt es doch bestimmt gefährliche Tiere?«

»Ja, natürlich, im Dschungel gibt es einige, aber von den Häusern halten sie sich fern.«

»Sind Sie eigentlich verheiratet?« Julie rutschte die Frage ganz unvermittelt heraus, und als ihr die Ungebührlichkeit bewusst wurde, senkte sie errötend den Blick.

Das Grün seiner Augen schien einen Moment lang eine Nuance dunkler zu werden. »Meine Frau starb vor fünfzehn Jahren.«

»Oh … das tut mir leid.« Die Worte kamen unweigerlich – aber eigentlich musste Julie sich eingestehen, dass sie keineswegs Bedauern empfand. Was war nur mit ihr los?

Leevken schaute sie forschend an. »Das muss Ihnen nicht leidtun, Juliette, das ist lange her. Und Surinam … dieses Land hat seine Widrigkeiten, das gebe ich zu. Aber ein Blick in den klaren Sternenhimmel dort entschädigt für vieles.«

»Und was bauen Sie auf Ihrer Plantage an?« Julie fand es an der Zeit, das Thema zu wechseln. Leevken berichtete auch gleich anschaulich vom Leben auf der Plantage und dem Zuckerrohranbau.

Die Zeit verging wie im Fluge. Schließlich führte Leevken Julie zurück in den Wintergarten, wo sich jetzt mehrere Paare zum Klang der Musik bewegten. »Versprechen Sie mir noch einen Tanz, Juliette?«, fragte er ernst.

Julie kicherte leicht beschwipst. »Ja, gerne, aber ich habe meinem Cousin und seinem Freund bereits auch je einen versprochen. Da müssen Sie sich hinten anstellen.«

»Na, wenn ich mir das so ansehe«, sagte Leevken und ließ seinen Blick über die trinkenden, plaudernden und tanzenden Gäste schweifen, »werden Sie wohl enttäuscht sein. Ich glaube, die beiden …«

»Was meinen Sie?«, fragte Julie neugierig, als er nicht weitersprach.

»Sehen Sie doch selbst.« Er deutete mit seinem Glas in die Richtung der jungen Männer. »Ich glaube, sie sind sich selbst genug.«

Tatsächlich hatten Hendrik und Wim keinen Blick für das Geschehen um sich herum, geschweige denn einen Gedanken daran, Frauen im Kreis herumzuschwenken. Wahrscheinlich diskutierten sie wieder einmal intensiv die Zeitung, die sie irgendwann gemeinsam zu gründen gedachten – vom Geld ihrer Väter …

Julie lächelte mit gespielter Empörung und schob ihre Hand unter Leevkens Arm.

»Dann … dann muss ich die Reihenfolge wohl neu sortieren und mich an Sie halten.« Kichernd nahm sie noch ein Glas Champagner von einem Tablett, das eines der Hausmädchen eben vorbeitrug.

Leevken lächelte nachsichtig. »Es wird mir ein Vergnügen sein.«

Als die Musik erneut einsetzte, geleitete er sie auf die Tanzfläche. Julie stellte ihr Glas im Vorbeigehen einem Bediensteten auf das Tablett und warf ihren beiden Cousinen einen triumphierenden Blick zu. Dann ließ sie sich bereitwillig von ihm führen.

»Sagen Sie doch bitte Karl zu mir«, raunte er in ihr Ohr. Noch nie war sie einem Mann so nah gewesen, obwohl sie seinen Griff um ihre Schulter und ihre Hand fast als etwas zu hart, zu besitzergreifend empfand. Aber er war ein ausgesprochen guter Tänzer – Julie genoss es, unter seiner Führung, in seiner Obhut, in seinen Armen dahinzuschweben.

Kurz vor Mitternacht unterbrachen die Musikanten ihr Spiel. Onkel Wilhelm hatte sich nicht lumpen lassen und ein Feuerwerk organisiert. Julie taumelte kurz, als der Tanz endete. Ihr war ein bisschen schwindelig.

»Kommen Sie, wir gehen nach draußen und sehen uns das Feuerwerk direkt von der Veranda aus an.« Karl führte sie zur Tür, wo ihnen ein Dienstmädchen ihre Mäntel reichte. Ihr Herz schlug immer noch sehr schnell und ihr Atem bildete viele kleine Wolken in der frostigen Nachtluft. Dann geleitete Karl sie an die Balustrade der Veranda. Hier war es nun dunkel. »Ist Ihnen auch wirklich nicht zu kalt?« Ganz selbstverständlich legte er Julie seinen Arm um die Schultern und zog sie leicht an sich. Julie stockte einen Moment der Atem. Nein, ihr war nicht kalt, im Gegenteil, eine kribbelnde Hitze stieg in ihr hoch. Bevor sie etwas sagen konnte, knallten die ersten Feuerwerkskörper über ihren Köpfen, und bunter Lichtregen prasselte herab.

Während die anderen Gäste fasziniert in den Himmel starrten, wandte sich Julie nochmals zu Karl um. Sie wollte ihm sagen, wie sehr sie diesen Abend genoss. Aber bevor sie dazu kam, trafen ihre Augen wieder diesen unergründlichen Blick seiner im Dunkeln fast schwarz wirkenden Augen. Er zog sie an sich und küsste sie. Seine Lippen trafen weich und warm auf die ihren. Für einen kurzen Moment war Julie überzeugt, einer Ohnmacht nahe zu sein.

Am nächsten Tag kämpfte Julie zunächst mit einem dumpfen Kopfschmerz. Hatte sie so viel Champagner getrunken? In ihrem Kopf wirbelten die Eindrücke des gestrigen Abends nur so durcheinander. An einer Stelle aber verharrten sie immer: als Karls Lippen die ihren berührten.

Am Nachmittag traf sie im Damensalon auf ihre Cousinen. Julie wollte zunächst kehrtmachen. Sie hatte überhaupt keine Lust auf die beiden, und in ihren Schläfen pochte es noch unangenehm. Aber sie besann sich auf das Gebot der Höflichkeit und setzte sich zu ihnen.

»Tee, Juliette? Ach, was war das für eine schöner Feier gestern.« Marthas Stimme hatte einen spitzen Unterton, der nichts Gutes ahnen ließ. »Du hast dich ja prächtig mit diesem Leevken unterhalten …«

Julie schoss das Blut ins Gesicht. Hatte Martha gar den Kuss gesehen?

Ihre Cousine aber rümpfte nur leicht die Nase und setzte ein pikiertes Lächeln auf. »Nun ja, es sei dir gegönnt, wo dir doch das Kloster bevorsteht.«

Julie erstarrte. Sie starrte ihre Cousine an. Was hatte Martha gerade gesagt? In Julies Ohren rauschte es. Kloster?

Martha hingegen schien Julies unübersehbaren Schock weiter auskosten zu wollen. »Ja, glaubst du denn, dass Vater dich auch noch verheiratet? Zunächst sind wir ja wohl dran.« Lächelnd tätschelte sie Dorotheas Arm.

Julie hörte ihre Cousinen wie aus weiter Ferne. Sie wusste nicht, welche Zukunft ihr Onkel für sie plante. Aber dass er sie in ein Kloster stecken könnte, das war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Plötzlich packte sie eine schreckliche Furcht vor der Zukunft. Würde sie denn nicht selbst bestimmen dürfen, was aus ihr wurde?

Kapitel 5

Zufrieden machte Karl Leevken sich gleich nach Neujahr erneut auf den Weg zu Wilhelm Vandenberg. Sollte das gar das beste Geschäft werden, welches er in Europa tätigte? Wie einem der Zufall doch manchmal hold war.

Nach dem abendlichen Dinner vor Heiligabend bei den Vandenbergs neulich hatte ihm ein anderer Gast freundlich angeboten, ihn mit zum Hotel zu nehmen, es läge auf seinem Weg. Der Mann war zwar durch übermäßigen Alkoholgenuss deutlich angeheitert gewesen, aber Karl hatte das Angebot gerne angenommen. Er hatte wenig Lust gehabt, zu so später Stunde auf eine Mietdroschke zu warten, und Amsterdam war ungemütlich und kühl um diese Jahreszeit.

Kaum hatten sie gesessen, hatte der Mann Karl ganz ungeniert angesprochen. »Na? Haben Sie etwa ein Auge auf die kleine Vandenberg geworfen? Ach ja, diese jungen Dinger haben schon ihren Reiz. So einen wie mich, den schauen sie ja nicht einmal an, aber Sie«, dabei hatte er ihm anerkennend auf die Schulter geklopft, »Sie haben doch die besten Karten.«

Karl hatte nur kurz gelächelt, eigentlich wollte er nicht weiter mit diesem Mann darüber sprechen. Es hatte ihm einen gewissen Spaß bereitet, sich kurz mit dem Fräulein Vandenberg zu unterhalten. Ihr blondes Haar, die blasse Haut und die unverkennbare Unschuld … Karl hatte zufrieden bemerkt, dass er es noch verstand, eine junge Dame zu bezirzen.

Dann aber hatte sich sein Gegenüber verschwörerisch vorgebeugt und ihm zwinkernd zugeflüstert: »Soweit ich gehört habe, soll die Kleine ja auch ein wahres Goldeselchen sein, deswegen versucht ihr Onkel, sie an der Leine zu halten. Die trägt ein hübsches Erbe mit sich rum. Ist aber alles eingefroren, bis …«

Dies wiederum hatte in der Tat Karls Interesse geweckt. Als er am nächsten Tag Erkundigungen eingezogen hatte, war er überrascht über die Höhe von Juliettes Vermögen gewesen. Sehr interessant.

Schnell hatte er die Situation überschlagen. Seine Bank in Surinam hatte ihm jüngst zu verstehen gegeben, er müsse sich mehr um seine Geschäftsbeziehungen kümmern. Noch stand es ganz gut um ihn, aber in dieser Zeit des Konkurrenzkampfes musste man sich entweder entsprechend profilieren, um dem wirtschaftlichen Druck standzuhalten – oder aber klein beigeben. Letzteres kam für Karl nicht in Frage. Deshalb war er zähneknirschend nach Europa gereist, um seine Kontakte zu pflegen.

Daheim hatte ihm der Bankdirektor aber noch etwas anderes geraten. »Wenn Sie weiter expandieren wollen, sollten Sie gute Beziehungen zu Ihren Nachbarn aufbauen. Wenn die irgendwann aufgeben … besser der Grund und Boden geht an Sie, Leevken, anstatt an irgendwelche Glücksritter aus Europa oder gar zurück an den Urwald. Ihre Plantage liegt so vorteilhaft – wenn Sie sich nicht ganz dumm anstellen, könnten Sie einer derjenigen sein, der aus der Krise auch noch Profit schlägt. Leevken, Sie verstecken sich zu sehr auf Ihren Ländereien. Nehmen Sie mehr am gesellschaftlichen Leben teil. Das ist jetzt besonders wichtig. Vielleicht sollten Sie sich wieder eine Frau suchen, unterschätzen Sie nicht den Einfluss der Weiber … und«, fügte er mit einem süffisanten Lächeln hinzu, »vielleicht bekommen Sie ja sogar noch einen männlichen Erben.«

Das gesellschaftliche Leben lag Karl nicht besonders. Es gab nettere Möglichkeiten, sich zu amüsieren. Aber nachdem er Juliette begegnet war, hatte er noch einmal darüber nachgedacht. Dieses Mädchen könnte seine Konten stärken, war vorzeigbar und hatte eine standesgemäße Unterweisung genossen. Sie erschien ihm ideal mit ihrer sanften und kindlichen Art, von der Erziehung darauf vorbereitet, eine gute Ehefrau und fürsorgliche Mutter zu sein. Zumindest erwartete er dies von einem Fräulein, das eine höhere Töchterschule besucht hatte.

Natürlich würden sich die Damen der Kolonie um die Gunst einer jungen Frau aus Europa reißen, wie sie sich um alles rissen, was frisch vom alten Kontinent kam.

Mit einer einzigen Handlung könnte er sich also wieder in die Gesellschaft einbringen, ohne sich selbst sonderlich bemühen zu müssen. Seine Frau könnte ihn wunderbar vertreten. Natürlich, und das war ein kleiner Wermutstropfen, müsste er sein freies Leben aufgeben. Offiziell zumindest.

Wie anders war sie doch als die Frauen, die er ansonsten zu wählen pflegte: schwarze Frauen, die man nicht zu umwerben brauchte, Sklavinnen, die taten, was man sagte. Wie Suzanna …

Aber Juliette war noch jung und formbar. Es würde schon nicht so schwer werden mit ihr.

Die Einladung von Wilhelm Vandenberg, auch den Silvesterball zu besuchen, kam ihm da sehr gelegen. In der Silvesternacht hatte er ausloten können, dass ihm das Fräulein Vandenberg zugetan war. Keine Frage, er hatte sie um den Finger gewickelt. Sein Plan schien aufzugehen. Wenn er die junge Frau mitnahm, würde sich das sicherlich positiv auswirken. Das hohe Erbe war wie ein zusätzlicher Bonus. Jetzt würde er Wilhelm Vandenberg ein Angebot machen – und dieser wäre in seiner Situation ein Narr, wenn er es ausschlagen würde. Zur Not würde Karl ihm noch etwas auf die Sprünge helfen, indem er drohte, publik zu machen, dass Vandenberg seine Zulieferer übers Ohr haute, aber vielleicht war das nicht einmal nötig. Vandenberg war gierig.

Zufrieden lehnte Karl sich auf dem Sitz der Kutsche zurück. Ach, es war anstrengend hier in Europa, und dieses miserable Wetter erst, aber bald würde er wieder zu Hause sein und seinem gewohnten Leben nachgehen können.

»Meine Nichte? Sind Sie noch ganz bei Trost? Ich kenne Sie doch gar nicht richtig, und Sie … Sie kennen das Mädchen nicht.« Wilhelm Vandenberg war aufgesprungen und wanderte mit hinter dem Rücken verschränkten Händen durch sein Arbeitszimmer.

Er empfand Karls Vorschlag offensichtlich als Unverfrorenheit. Aber Karl bemerkte auch, dass es in Wilhelms Kopf zu arbeiten begann, vermutlich überdachte dieser jetzt den geschäftlichen Aspekt. Karl indes saß seelenruhig auf seinem Platz und nippte an einem Glas Whisky.

»Nun stellen Sie sich mal nicht so an, Vandenberg. Ich habe mich umgehört, bis jetzt war Ihnen das Mädchen nichts als ein Klotz am Bein. Acht Jahre im Internat, kaum Kontakte zu Ihrer Familie … und nach einem Kloster haben Sie sich ja auch bereits erkundigt.«

»Ich verbitte mir solche Bemerkungen! Mir liegt das Wohl meiner Nichte sehr wohl am Herzen!« Wilhelm Vandenbergs Stimme drückte Empörung aus. Aber darin lag noch etwas anderes, etwas Lauerndes. Wilhelm Vandenberg hatte angebissen.

Karl machte eine abwehrende Handbewegung. »Ach, erzählen Sie mir doch nichts, Vandenberg, ich weiß alles. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass die Kleine ihren Vater beerbt. Sie ist also eine gute Partie, es ist doch selbstverständlich, dass Sie die nicht mit jedem Dahergelaufenen verkuppeln.« Karl beugte sich leicht vor und faltete die Hände auf seinem Schoß. Dabei fixierte er Wilhelm Vandenberg, der inzwischen wieder hinter seinem Schreibtisch stand und sich an die Lehne seines Stuhls klammerte. »Das Arrangement, das ich Ihnen vorschlage, wird Ihren Wünschen doch bestens gerecht. Geben Sie’s zu, Vandenberg, Sie können Ihre Schulden bei mir nicht zahlen.

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