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Im Land der Mitternachtssonne

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Freundschaft - April 1929
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  1. Liebe - Mai 1929
  2. 5
  3. 6
  4. 7
  5. 8
  6. 9
  7. 10
  8. 11
  9. 12
  10. 13
  1. Leidenschaft - Mai 1929
  2. 14
  3. 15
  4. 16
  5. 17
  6. 18
  7. 19
  8. 20
  9. 21
  10. 22
  11. 23
  1. Loslassen - Juni 1929
  2. 24
  3. 25
  4. 26
  5. 27
  6. 28
  7. 29
  8. 30
  9. 31
  10. 32
  11. 33
  12. 34
  13. 35
  14. 36
  15. 37

Über die Autorin

Norah Sanders hat auf ihren Reisen schon viel gesehen und ist besonders von der Landschaft und den Menschen an der amerikanisch-kanadischen Westküste zwischen Kalifornien und Alaska fasziniert. Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte sie während einer Kalifornien-Reise. Wenn Norah Sanders nicht unterwegs ist, lebt sie in Süddeutschland.

1

Gefrorene Einsamkeit.

Wie eine Schneekugel, die erst noch geschüttelt werden muss, dachte Tess, während sie den zugefrorenen Fjord vor ihrem Haus überquerte. Über ihr wogte das Polarlicht durch den vor Kälte flirrenden Sternenhimmel. Unter den Schleiern aus Licht leuchteten die verschneiten Berge limettengrün, während der Himmel lavendellila glühte. Wie Kristallsplitter funkelten die Sterne.

Eine Windbö schob Tess vor sich her. Ihre Bewegungen waren kraftvoll und geschmeidig, und ihre Ski glitten leicht über den Schnee. Eiskristalle prasselten ihr ins Gesicht, aber Tess spürte sie nicht. In der eisigen Kälte dieser Frühjahrsnacht war ihr Empfinden eingefroren, genau wie ihre Gefühle. Nur den Schmerz konnte sie noch spüren, die Trauer und die Leere.

Unter ihren Ski knirschte das Eis, das wohl bald aufbrechen würde. Der Spring Breakup, der Frühjahrseisbruch, stand kurz bevor, und Tess suchte das Eis nach ersten Rissen ab. Nichts zu sehen. Ihr Husky, der einige Schritte zurückgefallen war, schloss wieder zu ihr auf. Er zog den Schlitten mit ihrer Ausrüstung, der Thermoskanne voll Kaffee und der Winchester. Ricky winselte, während er nun neben ihr hertrabte und immer wieder zu ihr aufsah. Er musste ihre aufgewühlte Stimmung gespürt haben. Seine blauen Augen blitzten. Er wusste, was jetzt kam.

Eine Woche war es her. In einer halben Stunde war es genau eine Woche her, dass ihr Mann und ihre kleine Tochter gestorben waren.

Ihre Tränen froren an ihren Wimpern fest, und sie musste blinzeln, als sie zum glühenden Himmel aufsah.

Jason und Sheena konnten sich nicht retten. Waren sie sofort tot? Oder starben sie unter Qualen, während sie von der Strömung unter das Eis gezogen wurden?

Dieser Tag hatte ihr Leben verändert. Für immer.

Mit dem Fellfäustling wischte sie die Tränen fort.

Okay, Tess, die letzte rote Laterne!

Tess holte sie vom Schlitten, wo die dreißig Petroleumlampen eben noch gegeneinandergescheppert hatten. Sie stellte sie am Ende der Reihe aufs Eis und entzündete sie. Dann zog sie die Pelzkapuze ihres Overalls tiefer über den Lederhelm mit der hochgeschobenen Fliegerbrille und blickte zurück auf die lange Reihe grüner, weißer und roter Petroleumleuchten. Sie markierten die Startbahn aus festgetrampeltem Eis und Schnee.

Da vorn, mitten in diesem verzauberten Winterland Alaska, leuchtete ihre geparkte Lockheed Vega im Schein der blassgrünen Lichtwirbel. Und dort drüben, vor der grandiosen Kulisse der verschneiten Berge, funkelten die Lichter ihrer Lodge.

»Ricky, mein Junge, los geht’s!« Tess klopfte dem Husky auf die aufgeregt bebenden Flanken, und er legte die Ohren an und grinste erwartungsvoll. Sie hielt ihm ihre Hand hin, und er legte seine Pfote hinein und berührte mit der reifbedeckten Schnauze ihre Finger. Seine Lauscher stellte er dabei wieder auf. Echt süß, ihr Großer, der gerade sechs geworden war. Als Tess ihn geschenkt bekam, hatte das jiffelnde, flauschige Fellknäuel in ihre Hand gepasst. Als Welpe war er völlig verspielt gewesen. Wie ein Verrückter hatte er mit gerecktem Schwanz und aufgestellten Ohren auf ihrem Bett herumgetobt, als wären die weißen Daunendecken eine herrlich weiche Schneeverwehung, in die er sich ausgelassen japsend werfen konnte. Und wenn Ricky wie ein Eisbärenbaby in der warmen Wanne herumpaddelte und den Kopf über den Badeschaum reckte, hatte sie Tränen  gelacht.

Als Tess ihm jetzt den Nacken kraulte, warf er den Kopf hoch und schnappte nach ihrer Hand, biss sanft zu und ruckelte daran. Das machte er immer, wenn er wie ein kleines Kind auf ihrem Schoß saß, mit dem Rücken gegen sie gelehnt und alle viere von sich gestreckt. Das war seine Art zu sagen: Ich liebe dich auch. Und ich passe auf dich auf. Albern, aber niedlich.

Und irgendwie rührend. Denn außer Ricky war ja niemand da, der sie in den Arm nahm, um sie zu trösten.

Mit dem lähmenden Schmerz, der sich in ihrem Körper festgesetzt hatte, musste sie allein klarkommen. Mit der Trostlosigkeit, der Wut, der Trauer, der Angst, dem Alleinsein. Und der Sehnsucht nach Liebe. Nach zärtlich geflüsterten Worten und leidenschaftlichen Berührungen.

Tess verstaute die Ski und die Stöcke im Schlitten. Dann raffte sie ihren pelzgefütterten Overall, den sie über ihrer Fliegerkombi aus verblichenen Jeans, Schnürstiefeln, Norwegerpullover, Seidenschal und Lederjacke trug, stellte sich hinten auf die Stahlkufen, setzte einen Fuß neben die Trittbremse und ergriff die Lenkstange. Ricky warf sich mit seinem ganzen Gewicht in die Brustgurte, der Schlitten ruckte an und glitt über den verharschten Schnee zurück zur Shooting Star.

Schneeschleier, fein wie Morgendunst, hüllten das neongelbe Flugzeug mit den knallblauen Seitenstreifen ein, und der Propeller glitzerte unter einer dünnen Schicht Raureif.

Tess sehnte sich nach der grenzenlosen Freiheit, nach der Schwerelosigkeit des Glücks, die sie nur in ihrer Vega oben am Himmel erleben konnte. Aber gleich war es so weit.

Sobald sie Ricky ausgeschirrt hatte, schob sie ihn die Tritte hinauf auf die Vega. Seine Pfoten kratzten knisternd über den Raureif, fanden aber keinen Halt, bis er mit wedelnder Rute auf der Tragfläche stand. Tess kletterte mit ihrer Tasche und der Winchester hinter ihm her und entriegelte das obere Cockpitfenster. Durch die Einstiegsluke sprang Ricky hinunter ins Cockpit, landete auf dem mit einem Grizzlyfell bezogenen Pilotensessel und blickte mit keck aufgestellten Ohren zu ihr hoch.

»Vergiss es, Kumpel. Ich fliege.«

Der Husky schüttelte sich die Eiskristalle aus dem dichten Winterfell, legte die Ohren an und sprang auf den heruntergeklappten Notsitz hinter dem Pilotensessel. Dort hockte er sich auf das zerfledderte National Geographic mit dem Artikel ALASKA, THE LAST FRONTIER über ihre Flugexpeditionen zur Erforschung der Wildnis nördlich des Yukon. Schwanzwedelnd grinste er Tess mit gebleckten Zähnen und heraushängender Zunge erwartungsvoll an.

»Braver Junge.«

Ricky japste zufrieden.

Weiße Atemwolken waberten vor den radiumerleuchteten Instrumenten vorbei, als sie sich ins Cockpit schob, auf den Pilotensitz glitt und die Luke über ihrem Kopf verriegelte. Zwischen den Kabeln, die vom Panel herabhingen, stellte sie ihre Füße auf die Pedale. Bevor sie sich anschnallte, zog sie Sheenas Teddybären aus der Tasche, die sie neben ihren Sitz gelegt hatte, und schob ihn in den Ausschnitt ihres Overalls. Der Teddy hieß Roosevelt und war tatsächlich ein Geschenk des ehemaligen Präsidenten Theodore Roosevelt an Shannon Conroy Brandon, die für Tess wie eine Mutter gewesen war. Shannon hatte das niedliche Plüschtier ihrer … ja, was war Sheena eigentlich: ihre Enkelin? Na ja, beinahe! … zur Geburt geschenkt.

»Also los!« Tess wischte mit ihren Fäustlingen aus Kaninchenfell über die Instrumente, die unter dem dichten Atemhauch rasch beschlugen. Dann schob sie die Pelzkapuze zurück, zog die Pilotenbrille nach unten und startete den vorgewärmten Motor. Bevor sie vorhin losgezogen war, um die Startbahn auszuleuchten, hatte sie die Maschine vollgetankt. Und, na klar, das wegen der Kälte abgelassene Öl nachgefüllt, die Plane vom Motor gezogen, die Bremsklötze weggekickt und die Sicherungsleinen gekappt, die das Flugzeug auf dem Eis verankerten.

Aus den Auspuffstutzen quollen weiße Qualmwolken, und mit einem schrillen Sirren sprang der Propellermotor an, ein Pratt & Whitney mit kraftvollen 457 PS. Tess schob den Gashebel vor. Alles klar so weit – der Motor war warm genug. Das Flattern wurde rasch zum ohrenbetäubenden Dröhnen, das die ganze Maschine und Tess mit ihr vibrieren ließ. Das Flugzeug bebte, als zerrte ein Sturm an den Tragflächen.

Ja, so mag ich das!, dachte Tess und genoss das wohlige Gefühl, das sich warm in ihrem Unterleib zusammenzog. Dieses Donnern, das ihr Herz schneller schlagen ließ, hatte ihr in den letzten Tagen viel Kraft geschenkt. Trost. Gelassenheit.

Nein, sie hatte nicht alles verloren, als ihr Leben über ihr eingestürzt war. Ihre Sehnsucht, ihr Traum von grenzenloser Freiheit, war ihr nicht fortgerissen worden. Träume konnten wahr werden. Sie würde sie wahr machen.

Ihre Welttournee würde sie wie geplant durchführen und mit ihrer Vega um den ganzen Erdball fliegen.

Vor Kurzem hatte der Medientycoon und Millionär William Randolph Hearst sie gebeten, auf dem Luftschiff Graf Zeppelin als erste Frau und als Pionierin der Luftfahrt wie Charles Lindbergh und Amelia Earhart die Welt zu umrunden. Start in der ersten Augustwoche in Lakehurst nahe New York City. Mit der Finanzierung der Weltumrundung hatte Will sich die Exklusivrechte an der Berichterstattung gesichert. Ein Flug um die Welt! O ja, Tess war sofort begeistert gewesen. Natürlich wollte sie fliegen! Aber nicht als Passagierin mit dem Zeppelin, o nein, Will, sondern mit dem eigenen Flugzeug! Eine Welttour? Will Hearst war völlig hin und weg gewesen. Tess Tyrell als erste Frau, die um die Welt flog! Was für eine Schlagzeile auf den Titelblättern seiner Zeitungen, was für eine Auflage für eine groß aufgemachte Fortsetzungsstory! Aber warum eigentlich nicht gleich ein Buch daraus machen, wie Charles Lindbergh und Amelia Earhart es getan hatten? Beide waren Bestseller geworden!

Monatelange Vorbereitungen in Honolulu, Darwin, Singapur, Kalkutta, Khartoum und New Orleans waren gefolgt. Aber nachdem Jason und Sheena vor einigen Tagen gestorben waren, lag natürlich alles auf Eis. Nein, auf keinen Fall wollte Tess Jasons Nachfolge als Geschäftsführer der Tyrell Commercial Company in Alaska antreten, worum Ronan als Aufsichtsratsvorsitzender sie gebeten hatte, sondern sich künftig ausschließlich ihrer Leidenschaft widmen: der Pionierfliegerei und der Jagd nach neuen Rekorden.

Schon seit sie zehn Jahre alt war, begeisterte sich Tess für das Fliegen. Shannon Conroy Brandon, die Mutter ihres besten Freundes Ronan aus den Zeiten gemeinsamer Sandkastenabenteuer, hatte sie mitgenommen, damals in San Francisco. Sie waren in einer DeHavilland im Tiefflug durch den Grand Canyon gedonnert. Ein unvergessliches Erlebnis! Fliegen – ja, das wollte Tess!

Ihre Taschen und Transportboxen für den Hopser nach Kalifornien hatte Tess am Nachmittag gepackt, als sie die Stille in der Lodge nicht mehr ausgehalten hatte. In San Simeon wollte sie mit Will Hearst in den nächsten Tagen die geplante Welttour besprechen. »Klar, kommen Sie auf einen Sprung vorbei, Tess. Im Hearst Castle kennen Sie sich ja inzwischen besser aus als die Stars und Sternchen, die ich aus Hollywood einfliegen lasse. Bleiben Sie zur Party am nächsten Freitag? Ich habe einen viel versprechenden jungen Schauspieler eingeladen: Clark Gable. Oh, da fällt mir ein, Cary Grant ist auch da. In dem Hollywoodepos, das über Sie gedreht wurde, spielt er die Rolle Ihres Mannes Jason, nicht wahr? Der Streifen ist übrigens als Best Picture für den ersten Academy Award nominiert. Haben Sie schon die Einladung zur Verleihung in Hollywood bekommen? Ja? Oh, Tess, es tut mir ja so leid. Ich bin immer noch erschüttert. Jason Tyrell war ein großartiger Mensch. Ich habe ihn sehr geschätzt. Sein Tod ist ein tragischer Verlust. Nein, Tess, ich verstehe, dass Sie nicht bis zur Party bleiben wollen, sondern sofort nach San Francisco zurückfliegen. Ihr Freund Ronan Brandon wird sich freuen.«

Als Tess sich mit den Pelzhandschuhen übers Gesicht wischte, fiel ihr Blick auf die Borduhr. Kurz vor zehn. In San Francisco war’s jetzt kurz vor elf. Was Ronan wohl gerade tat? Als sie gestern telefonierten, sagte er, er sei die ganze Zeit in Gedanken bei ihr. »Liebes, ich bin immer für dich da«, hatte er geflüstert, selbst den Tränen nah. »Ich werde alles tun, um dich zu trösten und dir zu helfen, mit der Trauer und dem Schmerz klarzukommen.«

Sie stellte sich vor, wie er jetzt gerade zum Sternenhimmel blickte und an seine Sternschnuppe dachte – so hatte er sie immer genannt, weil ihn die Landelichter ihrer Lockheed Vega an eine Sternschnuppe erinnerten. Und weil immer Wünsche in Erfüllung gingen, wenn sie sich wiedersahen …

Nein, Tess, nicht daran denken!

Sie wollte sich nicht vorstellen, wie er seinen Arm um sie legte und seine Hand auf ziemlich provozierende Weise in die hintere Tasche ihrer Jeans schob. Wie er sie nah an sich zog und ihr einen Kuss auf den Mundwinkel hauchte. Wie sie seine zärtlichen Berührungen genießen würde. Wie sie sich nach ihm sehnte. Aber er war in Kalifornien, und sie war in Alaska. Zwischen ihnen lag ein weites Trümmerfeld zerstörter Träume, gescheiterter Ehen, verletzter Gefühle. Wut, Enttäuschung, Traurigkeit.

Aber das Herzklopfen blieb, wie am ersten Tag.

Eine Bö rüttelte die Maschine durch, die jetzt mit röhrendem Propeller auf den Kufen zum Start rumpelte. Tess schaltete die Taschenlampe an, die an einer Schnur von der Decke hing und den Kompass beleuchtete. Gut. Sie drehte die Vega gegen den Wind, bremste ab und überblickte die Startbahn. Startpunkt erste weiße Lampe. Dahinter flackerten die roten Petroleumlampen, die das Ende der ebenen Eisfläche markierten.

Ricky schob seine Schnauze unter ihrem Arm hindurch und winselte schrill. Tess knuddelte den silbrig weißen Husky, den Leithund ihres Schlittenteams, ordentlich durch und kraulte das dichte Fell in seinem Nacken. »Alles klar, Kumpel? Preflight check okay. All systems go. Ready for takeoff.«

Ricky richtete sich auf dem Notsitz auf und legte seine Schnauze auf ihre Schulter.

Der Himmel, den Tess durch den wirbelnden Propeller erkennen konnte, sah jetzt aus wie schwarzer Samt mit Glitzer. Eiskristalle prasselten gegen die Cockpitscheibe.

Tess schob den Gashebel weiter vor. Mit röhrendem Motor setzte die Vega sich in Bewegung. Mit harten Stößen glitten die Kufen über das wellige Eis der Startbahn, zuerst langsam, dann immer schneller. Vor ihr flackerten die grünen, weißen und roten Laternen und kamen schnell näher. Okay, jetzt das Höhenruder. Ein Blick zum Fahrtmesser. Fünfzig Meilen pro Stunde. Fünfundfünfzig. Sechzig. Tess zog das Steuer an, und die Vega, die plötzlich von einer Bö emporgerissen wurde, hob nach einem letzten harten Hopser ab. Steigflug mit acht Fuß pro Sekunde!

Ihr Herz machte einen Satz, und alles Schwere, das sie eben noch niedergedrückt hatte, fiel plötzlich von ihr ab. So war es jedes Mal. Kaum war sie gestartet, fühlte sie sich frei. »Cheerio!«

Sie trimmte die Maschine, richtete sie auf diese Weise aus und kontrollierte die Skalen der Instrumente. Nur sie gaben Auskunft über die Lage der Maschine, denn außer dem Sternenhimmel konnte sie durch die Cockpitfenster nichts erkennen. Wenn sie nicht gegen einen Berg wie den Mount Alyeska vor ihr krachen und abstürzen wollte, durfte sie nicht auf ihr Gefühl vertrauen, sondern musste sich auf die Instrumente verlassen. Die Zeiger der Skalen bewegten sich gemächlich. Wind: okay. Höhe: tausendachthundertvierzig Fuß. Airspeed: fünfundneunzig Meilen pro Stunde. Alles prima!

Noch im Steigflug setzte sie zu einer weiten Kurve an und blickte durch das rechte Seitenfenster hinunter zu ihrem Haus am felsigen Ufer des Fjords. Da unten lag die einsame Lodge in der Wildnis einige Meilen östlich von Hope. Deutlich konnte Tess die Stelzen erkennen, auf denen sie zum Schutz gegen eine Sturmflut errichtet worden war, und den langen Bootssteg, wo im Sommer ihre Gipsy Moth vertäut lag. Ihr anderes Flugzeug war mit Schwimmern ausgestattet. Im Busch war es oft schwierig, geeignete Landeflächen zu finden. Zu viele majestätische Bergketten wie die Chugach Mountains oder die Alaska Range, zu viele Flüsse wie der Yukon, der Matanuska, der Susitna oder der Tanana, zu viele zerklüftete Gletscher, hohe Fichten, Sümpfe und Seen. Mit ihrer Gipsy Moth konnte sie jedoch auf der kleinsten Wasserpfütze landen.

Hinter der Lodge begann die Wildnis von Kenai. Zwischen hohen, schneebedeckten Bergen und baumbestandenen Steilhängen führte ein Tal hinauf zum Sixmile Creek und zur Geisterstadt von Sunrise, die der letzte verbliebene Bewohner ein wenig zynisch schon in Sunset umbenennen wollte.

Im Sommer 1895 war am Sixmile Creek Gold gefunden worden. Über Nacht wurde ein großes Goldgräbercamp mit Hütten und Zelten aus dem Boden gestampft, und innerhalb von zwei Jahren war Sunrise eine der größten Goldrauschstädte in Alaska, mit drei Saloons, einem Restaurant und einem Post Office, das in der Handelsstation der Tyrell Commerical Company untergebracht war, damals noch Tyrell & Sons unter der Leitung der legendären Gründerin Caitlin Tyrell. Die Goldfunde am Yukon und am Tanana ließen die Stampeders weiterziehen, und Sunrise verfiel zu einer Geisterstadt. Der Handelsposten war vor sechs Jahren abgerissen und als Feuerholz verbrannt worden, als Jason nach dem Tod von Caitlins Enkel Colin, seinem Vater, die Geschäfte des Unternehmens in Alaska übernommen hatte.

Tess flog jetzt an der Küste entlang nach Westen. Am Ufer des Fjords flitzten baumbestandene Felsen unter ihr vorbei. Und dann kam auch schon Hope in Sicht.

Also gut, es war keine Geisterstadt. Downtown Hope mit seinen dreiundzwanzig Einwohnern versprühte nach all den Jahren immer noch den Charme eines Goldgräbercamps: verfallene Blockhütten mit Spitzenvorhängen vor den Fenstern und Blumenkästen neben der Verandaschaukel, davor rostende Lastwagen, die während der Schneeschmelze im Jahr Neunzehnhundert-weiß-nicht-wann im Schlamm der Main Street stecken geblieben waren.

Die fiesesten Alaska-Witze trafen auf Hope zu, zum Beispiel der hier: Es gibt drei Jahreszeiten – Winter, Immer-noch-Winter und Bald-wieder-Winter. Oder der: Der effektivste Mückenschutz in Alaska ist eine Schrotflinte. Und noch einer: Du rufst in San Francisco an und bestellst dir was Hübsches aus dem Versandhauskatalog. Alaska? Tut mir leid, Ma’am, wir liefern nicht außerhalb der USA! So lebte es sich in Hope am Rande des bekannten Universums. Einige der General Stores gab es tatsächlich schon seit 1896. Und im schwarzen Sand des Resurrection Creek konnten Freizeitgoldgräber immer noch Goldstaub waschen, für den sie in einem der Cafés ein Bärensteak mit Cranberrysauce und trotz der Prohibition eine Flasche Whiskey bekamen. Das einzige Restaurant entsprach tatsächlich dem alten You-know-you’re-in-Alaska-when…-Witz: Ja, es gab tatsächlich zwei Gewürze auf dem Tisch, Ketchup und Tabasco. Ziemlich romantisch, das alles – das hatte auch Jason gefunden, mit dem Tess dort kurz vor Weihnachten zu einem abenteuerlichen Candle-Light-Dinner gewesen war. Es war ihr zweiter Hochzeitstag gewesen.

Unter dem gleißenden Polarlicht, das wie die aufscheinende Morgendämmerung vor ihr lag, ging Tess zwischen den verschneiten Bergen auf Kurs Nordwest. Aufmerksam spähte sie nach unten, um das im Dunst liegende zerklüftete Eis nach markanten Punkten abzusuchen.

Die gefrorene Landschaft, die unter ihr vorbeiglitt, sah einfach fantastisch aus. Kaum zu glauben, dass das Eis vor einer Woche noch so fest gewesen war, dass Jason seine Huskys angeschirrt hatte, um mit dem Schlitten die dreißig Meilen nach Anchorage zu fahren und nicht das Flugzeug zu nehmen, das einzig vernünftige Transportmittel in der Wildnis Alaskas. Vor drei Tagen hatten die Temperaturen zu steigen begonnen, für hiesige Verhältnisse eine echte Hitzewelle, knapp über den Gefrierpunkt. Oh ja, Sheena hätte ihren Spaß gehabt: echt tolles Wetter für eine ausgelassene Schneeballschlacht mit Mommy und Daddy und einer Meute fröhlich kläffender, umherflitzender Huskys.

Im Dunkeln tastete Tess nach dem Bordbuch, das neben ihrem Sitz klemmte. Unter dem Eintrag von gestern Nacht notierte sie, ohne beim Schreiben wirklich hinzusehen – darin hatte sie ja Übung:

Start: Hope, Alaska, 29. April 1929, 22.07 Uhr. Besatzung: Tess Tyrell, Husky Ricky. Wetterlage: wolkenloser Sternenhimmel mit leuchtend grün schimmerndem Polarlicht. Eine Sinfonie aus Licht, die das Eis unter mir für Augenblicke taghell erleuchtet. Temperatur: minus 7 Grad Celsius. Steigflug Kurs 293 Grad. Geschwindigkeit 110 mph. Geplante Flugdauer: 20 Min. ETA: 22.30 Uhr. Ich empfinde keine Müdigkeit, nur Kälte, eisige Kälte.

Sie klappte das Bordbuch zu und schob es wieder neben den Pilotensitz. Unwillkürlich tastete sie nach Sheenas Teddy im Ausschnitt ihres Overalls, während ihr Blick immer wieder zur Borduhr, zum Kompass und zum Fahrtmesser huschte, um zu errechnen, wie weit es noch war. Der Gegenwind schien vierzig bis fünfzig Meilen zu betragen, und er wurde stärker, als Tess vom Turnagain Arm ins Cook Inlet einbog, an dessen nördlichem Ende Anchorage lag. In diesem Meeresarm, der im Süden zwischen Kenai und Kodiak in den Pazifik mündete, war das Eis bereits geborsten. Unter sich erkannte Tess schwarzes Wasser mit Treibeis, das im Schein des Polarlichts glühte wie ihre Cockpitinstrumente.

Da vorn konnte sie schon die Lichter von Anchorage sehen. Jetzt dauerte es nicht mehr lange. Gleich war sie bei Jason und Sheena!

Da vorn! Tess holte zu einer weiten Kehre aus, um den schwarzen Riss im Packeis im Tiefflug ansteuern zu können. Die Maschine bebte. Der Motor dröhnte metallisch, als sie das Steuersegment fester umfasste und die Füße gegen das Seitenruder stemmte. Sie drosselte die Geschwindigkeit von hundertzwanzig auf neunzig Meilen.

Ricky richtete sich auf dem Notsitz auf und winselte, als Tess das Seitenfenster entriegelte und der eisige Wind ins Cockpit fegte. Sie zog den Teddy aus ihrem Overall und setzte ihn sich auf den Schoß. Als Sheena zwei oder drei gewesen war, hatte sie sich genauso gegen sie gelehnt, als Tess sie mitnehmen musste, weil sie keinen Babysitter bekommen hatte. Die Erinnerung trieb ihr wieder die Tränen in die Augen.

Dort unten waren ihr Mann und ihre sechsjährige Tochter gestorben. Jason hatte Sheena mit dem Huskyschlitten von der Schule in Anchorage abgeholt, wo die Kleine ganztags ein privates Betreuungsprogramm besuchte. Der Schlitten war durch das Eis gebrochen. Weder Jason noch Sheena konnten sich aus dem schwarzen Wasser retten. Nur einem Husky aus Jasons Team war es gelungen, sich aus den Gurten zu befreien, bevor der schwere Schlitten ihn wie die anderen in die Tiefe ziehen konnte. Nur durch ihn wusste Tess, was hier geschehen war. Die Suchaktion nach Jason und Sheena war am nächsten Morgen ergebnislos abgebrochen worden: keine Chance auf Rettung.

Den Ort, an dem ihre Liebsten starben, überflog Tess jede Nacht. Das half ihr, den Tag zu überstehen, und gab ihrem Leben, das völlig aus den Fugen geraten war, ein wenig Struktur. Um der Traurigkeit zu entkommen, die sie immer wieder überwältigte, musste sie abheben und fliegen.

Doch der Ort, an dem sie trauern konnte, veränderte sich bereits, weil das Eis aufbrach und schmolz. Schon bald würde nichts mehr bleiben als ihre Erinnerungen an eine viel zu kurze Zeit des Glücks. Kein Abschied, kein gedankenverlorenes Lächeln, nicht einmal ein flüchtiger Kuss auf die Wange. Jason und sie hatten gestritten, bevor er nach Anchorage aufbrach. Und Tess hatte nun nicht mehr die Möglichkeit zu sagen: Es tut mir leid.

So unversöhnt auseinandergegangen zu sein fügte ihr einen großen Schmerz zu, der nicht so schnell vergehen würde. Es gab kein Grab, an dem sie trauern könnte, weinen, bereuen, um Vergebung bitten. Es gab keinen Jason mehr, mit dem sie sich versöhnen konnte, und keine Sheena, die sie in die Arme schließen und festhalten konnte. Es gab keine Möglichkeit, es beim nächsten Mal besser zu machen, keine Gelegenheit für ein verständnisvolles Gespräch. Es gab keine zweite Chance, bewusster zu leben, mehr Vertrauen zu wagen, mehr Liebe zu schenken.

Alles habe ich verloren, dachte Tess mit zugeschnürter Kehle, selbst die Angst vor dem Tod. Nur nicht meinen Lebensmut. Meinen Willen, allein weiterzuleben, auch ohne meinen Mann und meine Tochter. Die Trauer, die mich lähmt, zu überwinden. Den Schmerz. Die Kälte in mir und die Leere.

Wo war ich, als der Schlitten durch das Eis brach? In der Küche der Lodge, wo ich Sheenas Geburtstagstorte mit den sechs kleinen Kerzen mit einer Schokoglasur überzog? Haben Jason und Sheena da noch fröhlich gesungen und laut gelacht? Und als ich den Salon mit Wunderkerzen und goldglitzerndem Konfetti für die Party schmückte, haben ihre Herzen da schon aufgehört zu schlagen? Als ich die Geschenke für die Kinder aufbaute, waren sie da schon unter dem Eis?

Tess musste schlucken.

Sheena hatte sich eine Goldrauschparty für ihre Freunde gewünscht: zerrissene Jeans, ausgebleichte Shirts, Schaufel, Waschpfanne, Rüttelsieb, Blechteller, Wolldecke, Winchester, Whiskeyflasche, der ganze Plunder. Na klar, und natürlich Nuggets: große Schokoladenbrocken in glänzendem Goldpapier, die im ganzen Haus gesucht werden mussten. Was für ein Spaß! Die Kids wären völlig hin und weg! Und Ronan hatte sich geschüttelt vor Lachen, als Tess ihn am Telefon gebeten hatte, ihr die Goldgräberausrüstung seines Urgroßvaters zu schicken.

Charlton Brandon war ein Fortyniner gewesen. Während des kalifornischen Goldrauschs vor achtzig Jahren hatte er am American River Gold gefunden. Charlton war der Gründer der Brandon Corporation gewesen, jahrezehntelang ein erbitterter Konkurrent von Tyrell & Sons in Alaska. Das änderte sich erst nach dem Tod seiner ersten Frau, Caitlin Tyrell, als ihre Enkelin Shannon Tyrell Conroy das Zweihundertzwanzig-Millionen-Dollar-Unternehmen erbte. Nach ihrer Heirat mit Josh Brandon, Ronans Vater, waren die Geschäftsfelder der drei weltweit operierenden Unternehmen Tyrell Commercial Company, Brandon Corporation und Conroy Enterprises zu einem Weltkonzern verflochten worden, den jetzt Ronan Brandon mit fester Hand als Aufsichtsratsvorsitzender beherrschte. Tyrell-Brandon-Conroy war inzwischen einer der wertvollsten Konzerne der Welt. Die Börse in New York bewertete den Marktwert des Familienunternehmens auf eine Hand voll Dollar unterhalb einer Milliarde – Ronans brillantschwarzen Maybach mit den schicken weißen Ledersitzen nicht eingerechnet.

Die legendäre Goldgräberausrüstung seines Urgroßvaters, die ein Millionenerbe und einen Weltkonzern begründet hatte, stellte Ronan in seinem Vorstandsbüro in der California Street, Ecke Sansome aus. Aber klar, für sein Patenkind Sheena tat er alles. Vor wenigen Tagen war Charltons komplette Goldgräberausrüstung in einer großen Holzkiste mit Packstroh eingetroffen, und Tess hatte die Lodge für die Kinderparty in ein abenteuerliches Goldgräberlager anno 1849 verwandelt.

Stundenlang hatte Tess auf Jason und Sheena gewartet. Nach ihrem Streit mit Jason war sie immer noch ziemlich ärgerlich, und als ihr Butler Deke Clayton eintrat, um ihr zu sagen, dass Jasons Husky zurückgekehrt wäre, war sie sogar richtig wütend. Das leise Zittern in Mr Claytons Stimme hatte sie zuerst überhaupt nicht bemerkt. Doch dann hatte sie den vor Erschöpfung zitternden Husky gesehen. Und das Eis in seinem Fell.

»Ein Unfall?«, flüsterte Tess erschrocken.

»Offenbar ist der Hund ins Wasser gefallen, Ma’am.«

Panik stieg in ihr auf, und plötzlich begann ihr Herz zu rasen. Sie begriff: Etwas Schreckliches musste geschehen sein.

Ich komme!, war ihr einziger Gedanke.

Eine halbe Stunde: die Hunde anschirren, den Schlitten beladen. Petroleumlampen, Feuerholz, Seile, Decken, eine Thermoskanne mit Kaffee und Whiskey, eine weitere mit heißer Suppe, Winterausrüstung anziehen, und los! Eine weitere halbe Stunde rasanter Fahrt mit Deke Clayton auf dem Eis. Tess hinten auf den Kufen schaute stur geradeaus. Auf die rennenden Huskys. Auf den Weg vor ihr. Auf das Eis.

Jason und Sheena brauchen mich. Ich muss zu ihnen. Ich muss sie retten.

Wie die furchtbaren Stummszenen eines Katastrophenfilms brachen die Angst und die Verzweiflung über Tess herein. Jason liegt nass und frierend auf dem Eis, den Arm um seine kleine Tochter gelegt, um sie zu wärmen? Ihre Lider flattern, Eis verklebt ihre seidigen Wimpern, ihre Lippen schimmern blassblau? Nein! Jason ist unter das Eis gezogen worden, aber Sheena, die auf dem beladenen Schlitten saß, konnte sich retten? Sie musste mit ansehen, wie ihr geliebter Daddy die Hände nach ihr ausstreckte, während er von der Meeresströmung in die schwarze Tiefe gerissen wurde? Nein, nein, nein! Sheena ist tot, aber Jason lebt? Er kauert auf dem geborstenen Eis und weint um die Tochter, für die er sich viel zu spät entschieden hatte, erst als sie drei war? O Gott, nein!

Ich muss ihnen beistehen! Ich darf sie nicht allein lassen. Ich will sie nach Hause bringen!

Dass beide tot sein könnten, daran dachte Tess nicht einen Augenblick.

Langsam jetzt! Und vorsichtig! Das Eis im Cook Inlet war geborsten! Sie konnten jederzeit mit dem schweren Schlitten einbrechen! Der Spring Breakup stand unmittelbar bevor!

Jasons Husky führte sie schließlich zur Unfallstelle: kein Schlitten, kein tropfnasser Überlebender, der zitternd auf dem Eis lag und zu erfrieren drohte, nichts. Nur Pfotentritte und Schlittenspuren, die hier endeten. An den Rissen im Eis, durch die das Wasser darunter hatte aufsteigen und dann dünn gefrieren können. Das neue Eis sah genauso aus wie das alte. Das wurde Jason, der wie Tess seit Jahren in Alaska lebte und nun wirklich kein Cheechako mehr war, zum Verhängnis. Cheechako, so nannten die Leute in Alaska die Neulinge aus dem Süden, aus den Lower Fortyeight, die das Land, das Wetter und die Gefahren der Wildnis nicht kannten und die nicht wussten, dass man mit einer Winchester besser nicht auf Grizzlys schoss, sondern nur auf Moskitos, die hier in Alaska nur wenig kleiner waren.

Am nächsten Tag, Sheenas sechstem Geburtstag, fand die Trauerfeier auf dem Eis statt. Sheenas Schulfreunde hatten erfahren, dass sie die Schlittenfahrt nach Hause nicht überlebt hatte und dass sie nie mehr zurückkommen würde. Alle Kinder waren zur Absturzstelle gekommen, auch die Lehrerin. Wie oft hatte sie Tess Mut zugesprochen, wenn sie sich wieder einmal für eine schlechte Mutter hielt, weil sie so oft in Kalifornien und Alaska unterwegs war – als Testpilotin für neue Flugzeuge von Conroy Aviation und als Pionierfliegerin für die National Geographic Society. Tja, wenn Mommy wochenlang up here und down there mit dem Flugzeug unterwegs war und Daddy von Anchorage aus einen Weltkonzern leitete, musste die kleine Missy eben ins Internat. Oder?

Sheenas Lehrerin hatte Jason und Tess immer wieder versichert, dass ihre Kleine stolz auf ihre berühmten Eltern war: »Wirklich kein Problem, Ma’am, Sir!« Sie war es auch gewesen, die die beherzte Idee zu dieser Trauerfeier auf dem Eis gehabt hatte, wo sie alle von Sheena und ihrem Daddy Abschied nehmen konnten, wo Tess mit den Kindern über den Tod ihrer Tochter sprechen konnte.

Tess wurde es wieder eng in der Brust, und sie rang nach Luft, als sie sich erinnerte, wie sie alle im Kreis um das Loch im Eis herumgestanden hatten. Jeder hielt eine Kerze in der Hand. Eine Zündholzschachtel wurde herumgereicht, und die Kleinen durften ihre Lichter für Sheena selbst entzünden. Wer es allein nicht schaffte, dem half Tess dabei. Dann wurden selbst gebastelte Geschenke ins eiskalte Wasser geworfen, Grußkarten mit Glitzersternchen und Engelsflügelchen aus Daunenfedern und Wolken aus flauschiger Watte, beste Wünsche in wackeliger Kinderschrift. Ein Husky, der aussah wie Ricky, aus weichem Wolfspelz genäht, mit leuchtend blauen Augen. Ein Spielzeugauto aus rot lackiertem Holz. Eine Stoffpuppe mit langen blonden Haaren aus gelber Wolle, die zu zwei Zöpfen geflochten waren. Ein kleines Mädchen wollte die Puppe, die Sheena so ähnlich sah, gar nicht loslassen. Die Kleine weinte, und Tess nahm sie fest in die Arme. Sie musste die Puppe nicht ins kalte Wasser werfen und zusehen, wie sie unterging. Sie durfte sie behalten, liebhaben und sich dabei an Sheena erinnern.

Wirklich, es war jede Menge Spielzeug gewesen. Und Schokolade natürlich. Sheena hatte Schokolade geliebt, besonders die Ghirardelli-Schokolade, die Ronan ihr in San Francisco immer geschenkt hatte, wenn sie bei ihm zu Besuch waren. Als Sheena noch ganz klein war, zwei oder drei, war ihr Gesicht manchmal ganz mit Schokolade verschmiert. Ronan, ihr Patenonkel, hatte sich darüber immer kaputtgelacht – sein Sohn Cayden war im gleichen Alter.

Viele der Kinder wünschten Sheena das, was sie selbst gern gehabt hätten – das rührte Tess zu Tränen. Viel Spaß beim Spielen mit dem neuen Spielzeug. Und dass sie jetzt für immer bei ihrem lang ersehnten Daddy war, um dessen Liebe sie ihr halbes Leben gekämpft hatte. Und dass sie jetzt glücklich war.

»Sheena ist jetzt ein Engel im Himmel«, tröstete Tess ein kleiner Junge, der seine Hand in ihre geschoben hatte. »Sie fliegt über dem Polarlicht und guckt auf dich runter, und es tut ihr bestimmt ganz doll leid, dass sie dich traurig gemacht hat. Sie hatte dich nämlich ganz doll lieb.«

Tess war so gerührt gewesen, dass ihr die Tränen über das Gesicht liefen. Aber sie war glücklich, so bescheuert das klang. Die Anteilnahme der Kinder, die Sheena ebenso schmerzlich vermissten wie sie, berührte sie zutiefst, tröstete sie, richtete sie auf: Die Liebe und das Glück sind das Einzige, was du am Ende mitnehmen kannst. Du musst sie festhalten, für immer.

Im Tiefflug donnerte Tess jetzt über das geborstene Packeis hinweg und warf Sheenas zerkuschelten Teddy Roosevelt durch das offene Cockpitfenster hinunter aufs zerklüftete Eis. Dann ließ sie die Vega steil aufsteigen, um ihren Liebsten im Himmel, jenseits des Polarlichts, ein bisschen näher zu sein.

Das war der absolute Wahnsinn! Die wogenden blassgrünen Girlanden bildeten plötzlich einen zitternden Wirbel über dem Eis, der aussah wie ein Regenbogen. Und während Tess mit Tränen in den Augen darauf zuflog, wölbte sich der Lichtbogen plötzlich zu einem weiten Tor, das zu den Sternen hinaufzuführen schien. In der Mitte funkelte der Polarstern. Wie wunderschön!

Tess atmete tief durch.

Mit klopfendem Herzen und dröhnendem Motor schoss sie mit der Vega hinauf in den Sternenhimmel, so schnell und so steil, dass sie in den Sitz gedrückt wurde. Airspeed: hundertzwanzig Meilen pro Stunde, hundertdreißig, hundertvierzig. Der Zeiger war schon bald am Anschlag: Höchstgeschwindigkeit. Steigrate: tausenddreihundert Fuß pro Minute. Höhe: achttausend Fuß, achttausendfünfhundert, neuntausend. Die Luft wurde dünner. Neuntausendfünfhundert, zehntausend. Das Atmen fiel ihr schwer, und ihr Herz raste wie wild. Ricky jaulte panisch, die Vega bebte, und der Flug wurde immer unruhiger.

Doch je höher sie stieg, desto bewusster wurde ihr, dass sie dieses Tor zum Himmel niemals erreichen konnte.

Funken sprühten vor ihren Augen, und ihr Blickfeld verengte sich zu einem schwarzen Tunnel, in den sie mit Höchstgeschwindigkeit hineinzurasen schien.

Zu hoch, zu steil: Strömungsabriss! Der Auftrieb, der die Vega in den Himmel hinaufriss, brach zusammen!

Ruhig, Tess, ganz ruhig! Du bist Testpilotin, das machst du nicht zum ersten Mal! Okay, das Höhenruder! Jetzt! Geh in den Sturzflug und fang die trudelnde Maschine ab!

Geschafft! Sie atmete tief durch, drosselte den Motor, ließ die Vega einige Meilen gleiten und kurvte schließlich auf die Landerichtung ein. Über dem Turnagain Arm trimmte sie die Maschine um. Die erleuchtete Landebahn lag jetzt unmittelbar vor ihr.

Tess nahm das Gas weg und setzte zur Landung an. Fingerbreit um Fingerbreit zog sie das Höhensteuer zu sich heran. Die Geschwindigkeit verringerte sich stetig. Fünfundneunzig Meilen, neunzig, fünfundachtzig. Sie erhöhte den Anstellwinkel, um bei der geringen Geschwindigkeit noch genügend Auftrieb zu haben, und verlor dabei den Mount Alyeska vor ihr aus dem Blickfeld. Der Gleitwinkel wurde immer flacher, bis ihr Schatten sie schließlich einholte und die Vega noch vor der ersten Laterne sanft den verschneiten Boden berührte.

Touch down!

Doch dann gab es plötzlich Probleme!

Die Kufen versanken in einer dicken Schicht aus halb getautem Schneematsch! Die Vega drohte stecken zu bleiben und sich in voller Fahrt zu überschlagen! Zwei, drei weiche Hopser im schlierigen Eis, dann startete Tess reaktionsschnell noch einmal durch. Sofort zog sie die Vega wieder hoch und zog in geringer Höhe eine weite Kurve über dem Eis.

Da, die Kufenspur, die sie eben hinterlassen hatte, war voller Wasser! Das Eis hielt nicht mehr! Es würde schon bald bersten! Wie nahe war sie einer Katastrophe gewesen!

Tief durchatmend kurvte sie erneut auf die Landerichtung ein. Vor ihr flackerten die Laternen der Landebahn. Sie überflog die grünen Lichter, ging über den weißen tiefer, setzte erst neben der dritten roten Laterne auf und schoss hinaus in die Dunkelheit.

Gut, das Eis hielt.

Langsam glitt die Vega mit flatterndem Leitwerk über das unebene Eis hinüber zur Lodge.

Eine Welt aus Licht und Eis …

Der Mann im Schatten der Bäume an der felsigen Steilküste rauchte mit ruhigen Bewegungen seine Zigarette und beobachtete aufmerksam, wie Tess ihr Flugzeug zur inzwischen hell erleuchteten Lodge vor ihm steuerte und neben dem Landungssteg auf dem Eis parkte. Vom Fahrtwind war er mit Reif bedeckt, sein Atem war während der langen Schlittentour in seinem Bart zu kleinen Eisklumpen erstarrt.

Was für eine Nacht! Und was für ein Stunt, typisch Tess!, dachte er und sah nach oben. Die blassgrünen Schleier des Polarlichts wehten über den kristallklaren Sternenhimmel. Ein fantastisches Naturschauspiel, das ihn nach all den Jahren in Alaska immer noch faszinierte. Und darunter, in ein unwirkliches Licht getaucht, die weite und unberührte Einsamkeit der tief verschneiten Chugach Mountains.

Wie lange war er nicht hier gewesen!

Wie Tess brauchte er die grenzenlose Freiheit. Kein Gestern, kein Morgen, nur der Augenblick, der zählt, das Hier und Jetzt. Die Weite Alaskas, die hohen Berge, die endlosen Wälder, die Stille und die Einsamkeit. Das Gefühl des Unterwegsseins ohne Weg und ohne Ziel war ein wunderschönes Erlebnis. Keine Grenzen, keine Straßen, nur Wildnis. Immer neue Landschaften in diesem Land der Extreme: die eisige Küstenebene des North Slope oben am Nordpolarmeer, das Labyrinth der Flussarme des Yukon mit seinen Sandbänken und Stromschnellen, die Gletscherwelt der Alaska Range, der majestätische Mount Denali, the Great One. Den Gedanken nachhängen. Die Gefühle ausleben. Frei sein. Kein Telefon, kein Geschäftstermin, kein Vorstandsmeeting. Einfach nur leben. Allein, nur für sich selbst.

Er zog auch den anderen Pelzfäustling aus, ließ ihn neben der getönten Schneebrille an der Kordel um seinen Hals hängen und schob die Fellkapuze seines gefütterten Parkas mit indianischer Perlenstickerei zurück. Trotz der Schneeschuhe und der kniehohen Mokassins spürte er bereits die Kälte in sich aufsteigen. Die Müdigkeit. Seit der Morgendämmerung war er unterwegs gewesen. Immer wieder hatte er eine kurze Rast eingelegt. Nicht weil seine Huskys erschöpft gewesen wären – die Hunde liefen bis zum Umfallen. Sondern weil er sich umgesehen hatte, ob er verfolgt würde. Es war noch nicht vorbei. Noch lange nicht.

Die Nachricht von Jasons und Sheenas Tod, die ihm ein Freund überbracht hatte … Tess ganz allein in der Lodge … Na ja, vielleicht vermuteten seine Verfolger ihn ja hier … und vielleicht richtete sich in diesem Augenblick der Lauf einer Winchester auf ihn …

Unwillkürlich tastete er nach dem geladenen Colt Peacemaker in seinem Patronengurt. Langsam glitt sein Blick an der majestätischen Bergkette auf der anderen Seite des Turnagain Arms entlang nach Westen. Kein bewegter Schatten, kein Schimmern von Stahl, nichts zu sehen, nichts zu hören außer dem Knistern und Knacken des abkühlenden Flugzeugmotors. Und hinter ihm? Sein Blick schweifte über die dicht bewaldeten Berge. Nein, er war allein.

Jetzt kletterte Tess mit Ricky aus dem Cockpit, sprang von der Tragfläche hinunter aufs Eis und sicherte die Vega. Das Öl ließ sie nicht wieder ab. Sie zog auch keine Segeltuchplane über den Motor. Er kannte sie gut genug, um sich zu fragen, was sie wohl vorhatte.

Er zog an seiner Lucky Strike, und während der Rauch sich mit seinem Atemhauch vermischte, lauschte er auf das ferne Heulen der Huskymeute nahe der Lodge. Tess hielt ihr Team in kleinen Hundehütten, die in regelmäßigen Abständen hinter dem großen Haus standen. Die Hunde waren nachts angekettet. Nur Ricky schlief in der Lodge. Er wachte vor ihrem Bett, und manchmal kroch er zu Tess unter die Decke. Der verschmuste Husky schlief gern warm und weich. Und morgens weckte er Tess, indem er für sie sang. Er saß dann vor ihrem Bett, reckte den Kopf und heulte laut Ooooooooh-wa-wa-wa-wa, blickte immer wieder zu Tess hinüber, und wenn sie sich nicht rührte, weil sie ausschlafen wollte, sprang er wie ein Verrückter um das Bett herum und heulte einfach weiter. Ooooooooh-waaah-ooooooooh! Echt toll, dieser Husky. Ein prima Kumpel.

Ricky hatte sein Team noch nicht bemerkt, sonst wäre er kläffend herangeschossen, als hätte er kein Recht mehr, hier zu sein. Aber Bonnie und die anderen?

Er blickte über seine Schulter zurück. Sein Team von Schlittenhunden verhielt sich völlig ruhig. Die Huskys, noch angeschirrt, hatten sich sofort in rasch gegrabene Schneemulden verkrochen und die buschigen Ruten über die wunden Füße und schneebedeckten Schnauzen gelegt. Im Schatten der Fichten warteten sie jetzt geduldig auf ihr Abendessen. Getrockneter Lachs, den er im Fluss hinter seiner Hütte in der Wildnis gefangen und auf Trockengestelle gehängt hatte, zu hoch für einen hungrigen Grizzly. Nach der Fütterung würde er den Huskys die wunden Pfoten mit Seehundtran einreiben. Und ihnen für die Fahrt über den zugefrorenen Fjord die Booties anziehen. Die festen Lederstiefelchen hielten die empfindlichen Hundepfoten warm und schützten sie vor dem rauen Eis.

Auf dem Schlitten lag seine Ausrüstung für das Nachtlager. Der verbeulte Kochtopf, die rußgeschwärzte Kaffeekanne, der hart gefrorene Proviant, den er nachher am Feuer noch auftauen musste. Der Polarhase, den er vorhin geschossen und ausgeweidet hatte, war inzwischen bestimmt hart gefroren. Dazu gab’s eine faustgroße Portion Bratkartoffeln mit Speck, die er mit der Axt von dem größeren Stück in seinem Vorratssack abschlagen musste, und vielleicht eine Dose scharfer Chilibohnen, die er in der Glut erhitzen konnte. Nach dem Essen würde er auf Fichtenzweigen neben dem Lagerfeuer seinen Schlafsack aus weichem Kaninchenfell ausbreiten und im Schein des Feuers noch ein bisschen in Jack Londons Der Ruf der Wildnis schmökern. Noch vor der ersten Morgendämmerung wollte er zur Absturzstelle hinüberfahren, und er hoffte, die Spuren würden ihn hinführen. Das war er Jason schuldig. Trotz allem, was geschehen war.

Der Mann zog an seiner Lucky Strike, und die Spitze glühte in der kristallklaren Luft auf. Er brauchte jetzt wirklich einen Kaffee. Die Zigarette wärmte ihn nicht. Und bis das Essen aufgetaut war …

Sein Blick glitt zurück zu Tess, die langsam die breite Holztreppe aus halben Baumstämmen zur Lodge hochstieg. In drei weiten Absätzen führten die wuchtigen Stufen hinauf zum Eingang mit der Schaukel aus Treibholz, die er für Sheena gebaut hatte.

Was für eine Frau! Aufrecht und stark!, dachte er bewundernd, als er Tess mit weit ausgreifenden Schritten in ihrem Fliegeroutfit die Veranda überqueren sah. Was für eine Haltung, mit der sie unerschütterlich dem Schicksal trotzte und unerschrocken dem Tod ins Auge blickte. Was für eine Gelassenheit!

Plötzlich blieb Tess stehen und schaute in seine Richtung. Er erstarrte – hatte sie die Glut seiner Zigarette bemerkt? Nein, nicht auf diese Entfernung! Sie konnte ihn nicht sehen, völlig unmöglich. Er hatte gelernt, wie man sich unsichtbar machte und mit der Wildnis verschmolz, um den Verfolgern zu entkommen. Schließlich hatte er keine Lust, mitten im Nirgendwo zu sterben. Nein, Tess durfte nie erfahren, dass er hier gewesen war. Viel zu gefährlich. Für ihn wie für sie.

Schließlich nahm Tess die Winchester von ihrer Schulter, warf einen kurzen Blick zurück zum Steilufer des Fjords, als spürte sie seine Anwesenheit, und dann verschwand sie mit Ricky im Haus.

Er nahm einen letzten tiefen Zug, drückte die Zigarette am verschneiten Stamm einer Fichte aus und schob die Kippe in die Tasche seines Parkas. Er durfte keine Spuren hinterlassen.

In den wabernden Atemhauch hinein flüsterte er: »Tess, bist du damals, als es um mich ging, auch so taff gewesen?«

2

Loslassen …

Swingend und twistend, mit rhythmisch wippendem Fuß auf dem Gaspedal und schnipsenden Fingern, bog Ronan vom Transverse Drive durch den Golden Gate Park in einen Sandweg nach Westen ein. Die ganze Fahrt vom Brandon House durch die Dünen bis zum Park hatte er schon eine kesse Sohle auf dem Gaspedal bewiesen und ausgelassen lachend den Wind in seinem Haar genossen. Der Kies spritzte auf, als er übermütig Gas gab, mit aufheulendem Motor wieder in den dritten Gang hochschaltete und einen kurzen Spurt bis zum See hinlegte.

Flotte Kiste, der Maybach, besonders ohne Verdeck als Cabriolet. »Ein imposanter, mächtiger Repräsentationswagen, ohne jedoch das Luxuriöse in irgendwie aufdringlicher Form zu betonen. Er verkörpert den höchsten Grad solider Wohlhabenheit, gediegensten Komforts«, so urteilte die Hochglanz-Fachpresse über den neuen Maybach 12. Die Probefahrt vor einigen Wochen mit Tess hatte Ronan überzeugt: Der kraftvolle 150-PS-Motor fuhr sich weich und geschmeidig, und die anderen hochmodernen technischen Raffinessen zauberten selbst Tess ein Lächeln auf die Lippen. Bei ihrem letzten Besuch war sie nicht einmal in Versuchung geraten, an dem Auto herumzuschrauben oder den Motor noch ein wenig zu tunen.

Was für ein Spaßauto!, freute sich Ronan. Wieso bin ich den Maybach eigentlich nicht öfter selbst gefahren?

Okay, da vorn war es, hinter den blühenden Büschen!

Ronan hielt neben dem Wasserfall, der über einen Felsen in den Lloyd Lake hinabrauschte. Im Mondlicht konnte er einige Seemöwen am Ufer des kleinen Sees erkennen. Auf der anderen Seite schimmerte der weiße Marmor des Portal of the past.

Ein ganz besonderer Ort.

Mit einem Lächeln schloss er die Augen, um dieses sehnsüchtige, sanft ziehende Gefühl der Glückseligkeit tief in sich zu spüren.

Es ist vorbei. Ich habe mich entschieden.

Tief atmete er durch.

Loslassen.

Kein Kampf mehr, keine Rechtfertigung für meine Entscheidung. Keine Schmerzen. Keine Benommenheit. Keine Verzweiflung.

Nur noch heitere Gelassenheit. Freude. Glück.

Er öffnete die Augen und blickte über den kleinen See hinüber zum Portal der Vergangenheit. Der weiße Porticus mit den klassischen Marmorsäulen war der Überrest eines großartigen Hauses auf dem Nob Hill, das der Big Bang, das Erdbeben von 1906, vollkommen zerstört hatte. Er konnte sich erinnern, wie er nach dem Beben und dem Feuer mit seiner Mom und seinem Dad durch die schwelenden Trümmer geklettert war, um nach Überlebenden zu suchen. Das großartige Brandon Hall war völlig zerstört worden. Aber dieses schöne Portal eines benachbarten Hauses war stehen geblieben. Ronan wusste noch, wie er staunend davorstand, seinen Teddy Snivel fest an die Brust gepresst. Wie er das zerstörte San Francisco durch das Portal hindurch betrachtete, die Staubwolken über den Ruinen, die sich noch nicht gesetzt hatten, die Feuer in den Straßen, die weinenden Menschen, die rastlos zwischen den Trümmern umherirrten, und wie er unwillkürlich das Tor durchquerte. Keine Ahnung, wieso. Er musste es einfach tun.

Heute war dieses Portal für ihn ein Symbol für Beständigkeit und Durchhaltevermögen, ein Tor in eine bessere Zukunft, ungeachtet einer tragischen Vergangenheit voller Leiden und Schmerz.

Eben der richtige Ort, um etwas zu beenden.

Er beugte sich zur Seite, öffnete das Handschuhfach und tastete darin herum. Ein Buch? Er hielt das Cover ins Licht der Straßenlaternen. F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby. Der Schmöker gehörte seinem Chauffeur, der darin las, wenn er während der Vorstandssitzungen und Geschäftsessen auf Ronan wartete. Er warf das Buch auf die Rücksitzbank. Da war der Colt. Er wickelte ihn aus dem Tuch und betrachtete ihn. Er war geladen.

Kein Blick zurück, Ronan! Es ist so weit!

Er breitete das ölverschmierte Tuch auf dem weißen Ledersitz neben sich aus und legte den entsicherten Colt darauf.

Entschlossen öffnete er die Tür des Maybach, stieg aus und blickte sich um. Niemand hier.

Tief atmete er die samtweiche Frühlingsluft ein und genoss den Wind in seinem Haar. Okay, die Jacke. Savile Row, London, wo auch gekrönte Häupter ihre Maßanzüge bestellten. Ronan zog sie aus und schleuderte sie auf den Sitz. Dann löste er den perfekt sitzenden Windsorknoten und warf die taubengrau changierende Seidenkrawatte hinterher. Jetzt noch die Schuhe. Salvatore Ferragamo, Los Angeles, handgefertigt, was denn sonst. Mit den Socken stellte er sie aufs Trittbrett unter dem Ersatzreifen vor der Fahrertür. Wie gut sich das kühle Gras zwischen seinen Zehen anfühlte! Mit beiden Füßen auf dem Boden änderte er unwillkürlich seine Haltung, entspannte sich und richtete sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf. Beschwingt ging er die wenigen Schritte am See entlang.

Was für eine wundervolle Frühlingsnacht! Der Wind vom Pazifik rauschte in den Wipfeln der Bäume über ihm und streichelte sanft sein Gesicht. Es roch nach Meer und Sand und Algen, nach Pinien und Eukalyptus und dem frischen, kristallklaren Wasser des Creeks, der sich über die Felsen in den kleinen See ergoss. Die Sterne funkelten heller als je zuvor, die Luft war wärmer und seidiger, sein Empfinden war heiterer, die Schmerzen in seinem Kopf waren erträglicher. Ronan fühlte sich leicht, energiegeladen und beschwingt, wie hochgerissen von seinen aufwirbelnden Gefühlen. Diese wundervolle Nacht barg eine Ahnung dessen, was ihn noch erwartete. Ihm war, als erfüllte er sich einen jahrelang gehegten Traum.

Ich freue mich, dass die Quälerei endlich vorbei ist und ich wieder frei und selbstbestimmt leben kann, dachte er. Leben! Fühlen! Freude empfinden, Zuversicht, Hoffnung, Glück!

Da war das Portal of the past.

Ein Vierteljahrhundert war es her, dass er es zuletzt berührt hatte – sein ganzes Leben. Es fühlte sich noch genauso an wie damals nach dem Erdbeben: der kühle Marmor, aber auch das Gefühl, in eine andere Zeit hinüberzuschreiten.

Ich werde mich erleichtert fühlen, schwerelos, beschwingt, glücklich, dachte er. So leicht, dass ich fliegen könnte. Und so stark, dass ich die Reise um die Welt durchhalte. Leben will ich, mit allen Sinnen genießen, ausgelassen lachen, glücklich sein. Mit Tess. Unsere Herzen schlagen im selben Takt, schon seit zwanzig Jahren, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Ich will Tess alles schenken, was sie sich wünscht; den anderen auch, aber vor allem ihr, meiner besten Freundin. Ich will mit ihr leben. Ihr all die ungesagten Worte sagen und mit ihr all die Dinge tun, die ich nie getan habe. Und dann, wenn es nicht mehr anders geht, will ich sie loslassen und ihr dabei in die Augen sehen. Bis zum letzten Augenblick wird sie bei mir bleiben und meine Hand halten. Meine geliebte Tess, die mir meinen Herzenswunsch erfüllen wird. Meine Sternschnuppe, die mich hinauftragen wird in den Himmel.

Seine Hand strich über den kühlen Marmor der Säulen.

Wie kann ich für mich und meine Liebsten Glück, Zufriedenheit und Lebensfreude finden? Wie kann ich mich versöhnen, bevor ich gehe? Wie lieben? Und wie loslassen?

Die Hand fiel entspannt hinunter.

Beherzt stieg Ronan die Stufen hinauf, ging durch das Portal und ließ alles hinter sich zurück.

Mein Leben ist beendet, dachte er. Und in diesem Augenblick beginnt es neu.

Eine zweite Chance, es dieses Mal besser zu machen. Bewusster zu leben, achtsamer, gelassener. Mehr zu träumen und die Träume wahr zu machen. Dankbarkeit zu zeigen und Liebe zu schenken. Alles zu wagen, alles zu geben und im Glück des Schenkens Glückseligkeit zu finden. Die Geschenke müssen nicht groß sein. Ein Telefonanruf bei jemandem, der in Not ist und Zuspruch braucht. Eine zur Versöhnung ausgestreckte Hand. Ein Lächeln voller Freundschaft. In den vergangenen Tagen habe ich intensiv Glücksforschung betrieben. Sind nicht die einzigen Momente, an die wir uns in der Stunde unseres Todes erinnern, diejenigen, in denen wir Freude geschenkt haben, in denen wir einen geliebten Menschen aus ganzem Herzen glücklich gemacht haben?

Er zog sein Notizbuch hervor und schlug es auf. Mit dem Stift, der im Buchrücken steckte, strich er den ersten Wunsch auf seiner kurzen Liste.

1. Loslassen.

2. Freundschaft, die allem standhält.

Und so ging es weiter. Es waren nicht viele Wünsche. Und sie waren kein bisschen verrückt. Aber er wollte sich … ja, sich selbst! … so viele wie möglich erfüllen.

Jetzt aber nach Hause! Tess wird bald anrufen! Ob sie unseren Teddy Snivel schon gefunden hat?

Sanft und leise glitt der Maybach durch den nächtlichen Park bis zur Oceanside mit dem breiten Strand. Im Norden, hinter den beiden Windmühlen, ragte der schwarze Schattenriss des Golden Gate in den funkelnden Sternenhimmel. Im Süden spiegelten sich die Lichter von Carville auf den heranrollenden Meereswogen. Bunte Lichtfunken glitzerten über das Wasser, und es sah aus, als wäre ein Regenbogen aus dem Himmel gestürzt und beim Aufprall auf dem Pazifik in eine Milliarde Kristallsplitter zerplatzt.

Tja, Carville! Seit er Tess hier vor einundzwanzig Jahren kennengelernt hatte, hatte sich die abenteuerliche Ansiedlung kaum verändert. Durch das Erdbeben hatten ihr Dad und sie alles verloren und waren vom Flüchtlingslager im Golden Gate Park in eines der über hundert alten, einst von Pferden gezogenen Cars übergesiedelt, die schon vor Jahrzehnten durch die modernen Cable Cars ersetzt worden waren.

Das Strandhaus, in dem Tess mit ihrem Dad in der Strandwildnis südlich des Golden Gate Parks lebte, bestand aus einer Hand voll übereinandergestapelter und durch Treppen und Stege verbundener Cars. Hölzerne Stufen führten über den Abhang einer Düne hinauf zum höchsten Punkt, einem hübschen Puppenhäuschen mit vergilbten Vorhängen vor den Fenstern. Auf beiden Seiten wurde es von zwei Streetcars der California Street Line flankiert.

In dem Wagen, der zum Meer blickte, hatte Tess ihre zerschlissene Matratze und die ramponierte Koffertruhe aufgebaut, in der sie das wenige verwahrte, was sie nach dem Erdbeben aus den Trümmern gerettet hatte. Im Raum unter ihrem Car, dem im feuchten Dünensand vergrabenen Keller, wurden die Vorräte gelagert. Dort war es selbst im heißesten Sommer immer kühl – das Haus hatte nämlich weder Strom für einen Kühlschrank noch Gas oder fließendes Wasser. Aber Tess’ Dad, durch das Beben zum Invaliden ohne Job und ohne Einkommen geworden, war ein Improvisationsgenie: Auf dem alten Herd, den Tess mit Treibholz vom Strand befeuerte, brodelte meist ein großer Topf, in dem das Meerwasser kondensiert und auf diese Weise entsalzt wurde.

Was die Rymans zum Leben brauchten, stammte aus den Dünen, vom Strand oder aus dem Meer. Wie oft hatte Ronan Tess auf der Suche nach Essbarem begleitet – manchmal stopften sie sich die Taschen so voll, dass ihnen vom Gewicht die Hosen runterrutschten! Und wie oft hatten seine Mom und sein Dad ihn ein paar Leckerbissen für sie einpacken lassen! Beide respektierten seine enge Freundschaft mit Tess, obwohl die Rymans arm waren und die Brandons reich – wie reich, ahnte Ronan damals noch nicht.

Hey, ich war doch erst acht!, dachte er mit einem wehmütigen Lächeln. Jedenfalls aßen wir sonntags keine gebratenen Möweneier zum Frühstück.

Für die beiden kleinen Rotznasen, die das Abenteuer liebten, war das Beach Cottage in Carville der absolute Wahnsinn – viel spannender als das luxuriöse Anwesen seiner Eltern zwei Meilen den Strand hinunter. Das fand übrigens auch Jack London, der eines Tages vor der Tür stand und darum bat, das extravagante Häuschen besichtigen zu dürfen. Obwohl Jack seit seiner Goldgräberzeit am Yukon ein guter Freund von Dad war, lernte Tess ihn doch noch vor Ronan kennen.

Durch die mit Strandhafer bewachsenen Dünen fuhr er weiter nach Süden und ließ Carville und seine mittlerweile im Sand versunkenen und umgekippten Cars hinter sich.

Ihre aufregende Kindheit hatte sie wie Geschwister eng zusammengeschweißt. Wie oft waren Tess und er völlig auf sich allein gestellt gewesen! Andere Freunde? Hatten sie nicht, abgesehen von seinem Cousin Jason und seinem Bruder Tyson, den Mom erst viel später aus New York nach San Francisco holte. Tess und er genügten sich selbst. Sie schliefen manchmal im selben Bett, bei ihr oder bei ihm, spielten mit denselben Spielsachen, besaßen manche Dinge wie ihren Teddy Snivel sogar gemeinsam und steckten eigentlich die ganze Zeit zusammen. Nicht, dass sie gemeinsam ins Kino oder zu einem Baseballspiel im nahen Park gegangen wären, oh nein! Tess hatte kein Geld, nicht einmal einen ganzen Dollar in ihrer Sparsocke. Und sie war auch viel zu stolz, um das Taschengeld anzunehmen, das seine Mom und sein Dad ihm immer wieder zusteckten, damit er es mit seiner besten Freundin teilte.

Ja, Tess und er waren unzertrennlich. In hochgekrempelten Latzhosen lagen sie eng nebeneinander auf dem sandigen Boden ihres Zimmers und lasen gemeinsam in denselben Comics. Mit ihren Fahrrädern zogen sie los, um die Welt zu erkunden. Weder Mom noch Dad setzten ihm enge Grenzen, er musste nur zum Abendessen wieder zu Hause sein. Und diese absolute Freiheit nutzten Tess und er gehörig aus. Einmal hatten sie einen Pappkarton von Del Monte zerlegt und waren auf der ausgebreiteten Pappe kopfüber die großen Dünen hinuntergeschlittert. War das ein Spaß! Ein andermal hatten sie die Räder seines Seifenkistenrenners abgeschraubt und die alte Holzkiste auf ein Paar Ski montiert. Randy, Dads weißer Husky, hatte diesen Schlitten mit Ronan hinten auf den Kufen und Tess vorne in der Sperrholzkiste durch die Dünen gezogen – Tess’ Ricky war der Enkel von Randy; vor sechs Jahren hatte er ihr das flauschige Fellknäuel geschenkt.

Immer gab’s was Interessantes zu erleben, und selbst wenn Schüsse fielen, was in Carville damals hin und wieder vorkam, hatten die beiden Kids keine Angst. Nichts wie hin und gucken, was los war! Ganz schön mutig, dachte Ronan heute. Allerdings war Tess damals schon taffer und smarter als er. Vor nichts hatte sie Angst. Nicht einmal vor Moms Winchester, mit der sie nur so zum Spaß in den Dünen herumballerte.

Ja, er hatte eine glückliche Kindheit gehabt. Aber nicht, weil er als der Sohn und Erbe von Shannon und Josh Brandon immer genügend Taschengeld zur Hand hatte und einen Haufen toller Spielsachen besaß. Sondern weil seine Eltern ihm jede Freiheit ließen. Und weil er eine beste Freundin hatte, die immer zu ihm hielt und ihn nie verließ.

Wir waren füreinander bestimmt, das haben wir von Anfang an gespürt, dachte er und umklammerte das vibrierende Lenkrad. Sein ganzes Leben war er auf der Suche nach einer Frau wie Tess, die alles in sich vereinte, was er sich erträumte, mit der er wie mit ihr befreundet sein konnte, die er wie sie lieben konnte, mit der er glücklich sein konnte, wie mit Tess.

Nein, Tess hatte ihn nie verlassen. Ronan war es, der sie hatte sitzen lassen, als er für einige Monate nach Kapstadt, Paris, London und New York ging, um sich dort um das Unternehmen zu kümmern. Nichts in seinem Leben hatte er so sehr bereut wie die Entscheidung, sich in eine andere als seine beste Freundin zu verlieben und sie zu heiraten. Seine Ehe mit Lynne war gescheitert. Was blieb, war sein kleiner Sohn. Ronan wünschte, Tess wäre Caydens Mommy. Er wünschte, sie wäre jetzt hier. Und er könnte sie in ihrer Trauer trösten.

Das weiche Schlingern und harte Holpern des Maybach auf der lockeren Sandpiste machte seinen Kopf frei. Das war’s gewesen, was ihm in den letzten Jahren am meisten gefehlt hatte: diese ungestüme Wildheit, aus allen gesellschaftlichen Konventionen auszubrechen. Wegen der langen Arbeitsstunden war ihm viel zu wenig Freizeit geblieben. Ein bisschen Spaß haben? Keine Zeit! Ein Risiko eingehen? Völlig undenkbar! Wie sollte er denn wie damals, als er nur so zum Spaß für die Tour de France trainierte, seine Radtouren durchs Marin County mit einem Tross Leibwächter um ihn herum durchführen? Tja, in den letzten Jahren war er kaum noch gefahren und seit seinem Zusammenbruch vor zwei Jahren überhaupt nicht mehr.

Aber damit ist jetzt Schluss!

Abrupt riss er das Lenkrad herum und steuerte den Maybach in die Dünen hinein. Der schwere Wagen schlingerte. Sandfontänen spritzten in den tiefen Reifenspuren hinter ihm auf und prasselten auf ihn nieder.

»Yes, Sir, this will be a rough ride!«, rief er ausgelassen.

Er gab noch mehr Gas und jagte mit aufheulendem Motor und durchdrehenden Rädern eine Düne hinauf.

Oh Mann, bringt das Spaß, voll aufzudrehen! Ich muss mich ein bisschen austoben, einfach mal total verrückt sein! Na los, Ronan, die nächste Düne! Mit Vollgas!

Tess hätte gewusst, wie viel Luft sie aus den Reifen lassen musste, um im lockeren Sand nicht stecken zu bleiben, aber Ronan hatte keine Ahnung. Und es war ihm auch vollkommen egal.

Mit Schwung schoss er einen steilen Sandhügel hinauf und hob auf dem Dünenkamm beinahe ab. Einfach fantastisch!

Tess würde sich vor Lachen nicht mehr einkriegen.

»Yay!«, brüllte er ausgelassen lachend aus purer Lebensfreude in die Nacht hinaus. »Yahoohoohoohoo!«

In Tess’ Arbeitszimmer in der Lodge hing ein Mobile mit streichholzschachtelgroßen Flugzeugmodellen. Sheena hatte die kleinen Flieger aus glänzendem Metall immer angestoßen, damit sie umeinanderwirbelten. Dafür war sie kichernd auf den Schreibtisch geklettert, der jetzt mit den Plänen für die Welttour übersät war.

Die Geschäftsunterlagen der Tyrell-Unternehmen, in die Tess sich nach Jasons Tod eingearbeitet hatte, lagen in einem unordentlichen Haufen neben dem Schreibtisch auf dem Boden: Die Berichte über die Einnahmen aus dem Ölgeschäft der Tyrell Oil Co. – das Unternehmen, das in Alaska und Kalifornien arbeitete, spielte eine wichtige Rolle auf dem Welt-Rohölmarkt. Die Fördermengen von Gold, Kupfer, Silber, Blei, Zinn, Eisen und Kohle der Tyrell Mining Co. Der Jahresbericht der Tyrell Paper Co., die die Holz- und Papierindustrie in Alaska souverän beherrschte. Die Fangquoten der Tyrell Fishing Co., die Lachs und Kabeljau aus der Beringsee in die Lower Fortyeight exportierte. Und die Unterlagen für die Vorstandssitzung der Tyrell Commercial Co., die nach Shannons Machtübernahme im Jahr 1906 aus Caitlin Tyrells altem Unternehmen hervorgegangen war, dem damals weltgrößten Pelzlieferanten und finanzstärksten Handelsunternehmen im Westen der USA. Die Company importierte Fleisch, Obst und Gemüse, Kaffee und Tee, Delikatessen aus San Francisco, Kleidung für extreme Bedingungen, Ski- und Angelausrüstungen, Waffen und Munition, Geschirr und Haushaltsgeräte, aber auch Werkzeug für die eigenen Supermärkte in allen größeren Städten Alaskas. Außerdem exportierte das Unternehmen Pelze in alle Welt. Es gab sogar einen How-do-you-know-you’re-in-Alaska?-Witz über die Tyrell-Stores: Wie nennt man drei Alaskaner an einem Lagerfeuer? Einen Menschenauflauf. Und wie nennt man fünfzig schlammbespritzte Ford Pick-ups, die in einer langen Reihe stehen? Einen Parkplatz vor einem Tyrell’s.

Ihr Blick schweifte zurück zum Schreibtisch.

Unter den Büchern von Charles Lindbergh und Amelia Earhart lagen die kopierten Logbücher von drei Doppeldeckern, die von Seattle aus um die ganze Welt geflogen waren, und der Bericht einer Flugexpedition zum Nordpol. Daneben hatte Tess ihre Weltkarte ausgerollt, auf der sie ihre Flugroute entlang des Äquators nach Westen eingetragen hatte. Sie wollte Dawn-to-Dusk fliegen, also bei Tagesanbruch starten, so lange wie möglich mit dem Lauf der Sonne fliegen, bevor diese vor ihrem Cockpitfenster im Westen unterging, und während der Dämmerung auf dem vorbereiteten Airstrip landen. Neben den Karten stapelten sich Berichte über den Stand der Vorbereitungen für ihre Landungen, Rechnungen über Treibstofflieferungen und Meldungen über den Zustand der Landepisten in der Wildnis.

Okay, es war gefährlich. Aber schon als Kind waren ihre Abenteuer riskant gewesen. Ronan hatte so manches Mal der Atem gestockt, wenn sie gemeinsam die Dünen nahe dem Haus der Brandons durchstreiften. Aber Tess machte es einfach Spaß, Dinge zu erleben, die neu für sie waren, und Sachen auszuprobieren, die noch nie jemand versucht hatte. Shannon hatte sie nie ermahnt, nicht über die Mauer zu klettern, um in den Garten hinunterzuspringen, sondern das schmiedeeiserne Gartentor zu benutzen, wie junge Ladys es tun sollten. Sie hatte Tess nie gebeten, ein weißes Kleidchen zu tragen, rosa Schleifchen ins Haar zu binden oder ihr langes blondes Haar zu niedlichen Löckchen zu drehen. Oh nein, Ronans Mom hatte sogar genügend Nervenstärke gehabt, Tess ihre Winchester zu leihen, als sie zehn war, damit Ronan und sie in den Dünen des Sunset District auf die Jagd gehen konnten. In der Wildnis westlich der 19th Avenue gab es damals noch viele Hasen und Eichhörnchen, die wie die Irren durch die bunten Wildblumen und das hohe Dünengras flitzten.

In ihrer Fantasie kämpften ihr bester Freund und sie sich durch die Dschungel Indiens, die Savannen Afrikas und die Gletscher Alaskas und erlebten ihre aufregenden Abenteuer. Jason, schon von klein auf Ronans Kumpel und im gleichen Alter wie sie beide, begleitete Ronan und Tess hin und wieder, wenn sie mit ihren Seifenkisten, den Fahrrädern oder den Pferden die Gegend unsicher machten.

Trotz Jeans und dickem Norwegerpullover fröstelte Tess. Ihr Butler hatte ihr eine Tasse frisch gebrühten Kaffee auf den Schreibtisch gestellt. Tess versetzte ihn mit einem Schuss Whiskey, trank einen Schluck und verließ mit der Tasse ihr Arbeitszimmer, um in Sheenas Zimmer zu gehen.

Langsam stieg sie die Treppe zur offenen Galerie über dem großen Salon hinauf und warf einen Blick hinunter zum flackernden Kamin. Die Lodge sah aus wie ein kalifornisches Landhaus. Warme Holztöne, grob behauener Stein um den offenen Kamin und ein verspieltes, elegantes Streifen- und Blümchenmuster in Pastelltönen auf dem Sofa, den Sesseln und den passenden Quilts und Kissen. Der Couchtisch war eine alte Reisetruhe, die schon ziemlich ramponiert aussah. Darauf stand immer eine Schale mit frischem Obst. Und natürlich Jasons Whiskey-Sammlung mit berühmten Marken aus aller Welt: honigfarbener Glenmorangie, achtzehn Jahre alter Glenfiddich und ein rauchiger, torfiger Laphroaig, den Tess bevorzugte. Sehr gemütlich, das alles, besonders an langen Winterabenden vor dem Kamin, mit einem Single Malt, einem Kaffee und einem Brettspiel, das Sheena in einem Kaufhaus am Union Square in San Francisco entdeckt hatte. Es hieß Monopoly. Jason hatte es leidenschaftlich gern gespielt, und am Ende gehörte ihm immer das halbe Spielbrett und das größte Vermögen.

Tess lehnte sich gegen das Geländer der Galerie. Wie groß das Haus plötzlich geworden war, wie still, wie leer. Aber voller Erinnerungen. Sheena in der offenen Schlafzimmertür, ihren Teddy unter dem Arm, ihre Kuscheldecke im Schlepptau: »Mommy, Daddy, seid ihr schon wach? Darf ich zu euch ins Bett, ein bisschen kuscheln?« Oder Jason, der sich so was von lässig auf seinen Huskyschlitten schwang, um nach einem gemütlichen Winterwochenende in der Wildnis nach Anchorage zurückzufahren. Schöne, heitere Erinnerungen an eine glücklichere Zeit – scharfkantige, schmerzende Splitter eines zerbrochenen Lebens.

Wie eine Woge eiskalten Wassers überkam Tess das Gefühl der Einsamkeit, und ihr Herz begann wieder wie panisch zu pochen. Tief durchatmend trank sie einen Schluck getunten Kaffee und ging weiter hinauf zum Kinderzimmer.

Na klar, der Abenteuerspielplatz ihrer Tochter war der größte Raum der Lodge. Auf dem Bett lag der Quilt, den Tess genäht hatte, als Sheena noch ganz klein war und auf einem Kopfkissen in einem Pappkarton mit Del-Monte-Logo schlief, und in den Regalen saßen Stofftiere, Eisbären mit schwarzen Knopfaugen, grinsende Huskys und Elche mit Plüschgeweih. Wehmütig blickten sie auf das viele Spielzeug und die Comicheftchen, die über den Boden verteilt lagen.

Von der hohen Decke des ausgebauten Dachbodens hing das Seifenkisten-Flugzeug, das Tess für Sheena, nein, eigentlich für sie beide gebaut hatte. Corey hatte ihr damals geholfen, das sperrige Ding an die Deckenbalken zu hängen, und was hatten sie für einen Spaß gehabt! Sie hatten Tränen gelacht. Das Flugzeug aus alten Bauteilen ihrer geschrotteten Maschinen war so groß wie Ronans schwarzer Maybach und hatte sogar einen echten Motor hinter dem Propeller. Einen Pratt & Whitney, wie ihre Vega, allerdings nicht verschmiert mit Öl und Ruß, sondern silbrig schimmernd und glänzend poliert. Nur eine durchgeknallte Zündkerze fehlte, aber das hatte ihre kleine Abenteurerin nie gestört.

Über die fest am Boden montierte Leiter kletterte Tess ins offene Cockpit ihres Fantasie-Flugzeugs und hockte sich mit angezogenen Beinen auf den Pilotensitz. Den Kopf zurückgelehnt, die Augen geschlossen, genoss sie das sanfte Schwingen des Flugzeugs und versuchte, ihre Tochter neben sich zu spüren, die jeden Tag ein bisschen mehr aus ihrem Leben verschwand. Aber Tess konnte sich noch an ihre Stimme und ihr Lachen erinnern. Und wie ihre Augen funkelten, wenn sie in diesem Soap-Box-Flugzeug ihre virtuellen Reisen unternahmen. Gemeinsam hatten sie in Sheenas Weltatlas geblättert. Wohin? Nach Kalifornien! Nach Hawaii! Nach Australien! Oder über den Nordpol hinweg nach Europa und Afrika! Mit einem fröhlichen »Au ja, Mommy!« hatten sie dann in Gedanken abgehoben. Hinter den Sitzen lag immer ihr Reiseproviant: herrlich klebrige Milky-Way-Riegel, die Tess während ihrer Langstreckenflüge selbst gern verputzte, und zerbröselte Oreo-Kekse. Unter der Blechbox mit dem Proviant lag Coreys alte Winterausrüstung aus pelzgefüttertem Parka und dicken Mokassins sowie einer Schneebrille – falls Sheena und sie mal irgendwo in den Bergen hätten notlanden müssen. Genug zum Lesen hätten sie dann auch gehabt: einen Stapel zerfledderter Cosmopolitan und Life mit den Artikeln über Tess’ abenteuerlichen Lebensstil, ihr selbstbewusstes Eintreten für die Rechte der Frauen, ihre spektakulären Flugrekorde, die geplante Welttour und den Film, der in Hollywood über sie gedreht worden war. Oh nein, im Fall einer Notlandung wäre ihnen wirklich nicht langweilig geworden.

Ihre Flüge. Ihre Touren. Ihre gemeinsame Lebensreise.

Wie viele verträumte Stunden hatten sie in ihrem sanft schaukelnden Flugzeug verbracht, über dem Boden schwebend, kichernd, lachend. Mit Sheena zu spielen hieß, ihre Kraft zu spüren, ihr sanftes Wesen, ihre Liebe. In einem linierten Schulheft hatte ihre Kleine ein Logbuch über die gemeinsamen Flüge angelegt. Flughöhe. Destination. Flugdauer. Ostralien, viele Kengorus gesichtet. Der Spritt geht uns aus. Wir müssen bald im Outback runtergehn, und das ist ganz doll gefärlich, sagt Mommy. Weil, da giebts häftige Sandstürme, stand da in krakeliger Kinderschrift, und: Kanada, Nordwestpasage, Eisbeeren auf dem Packeis. Nur noch ein paar Stunden bis zum Nordpol, sagt Mommy. Es wäre echt toll, wenn wir die Renntiere von Santa Claus sehen können. Wenn wir über den Pol rüberfliegen, will ich meinen Wunschzettel für Weihnachten um eine Orange rumwickeln und im Tiefflug über seinem Iglu abwerfen.

Sheenas Wunschliste war kurz gewesen, sie hatte nur einen sehnlichen Wunsch: Über die Feiertage wollte sie Mommy nach San Francisco begleiten, um mit Ronan und seinem kleinen Sohn Weihnachten zu feiern. So selten die beiden Kinder sich sahen, waren sie doch die besten Freunde. Wie Ronan und Tess damals, als sie in ihrem Alter waren. Unzertrennlich.

Auf Sheenas Sitz lag noch der Chiffonschal, den sie sich immer schwungvoll über die Schultern warf, wenn sie gemeinsam ins Reich der Fantasie starteten. Und da war auch eine der Haarklammern, mit der Sheena genau wie Tess vor einem Flug ihre langen blonden Haare zusammenband. Sheena hatte oft Jeans getragen, auch in der Schule in Anchorage, weil sie Kleider einfach nicht mochte. Das hatte sie von ihr. Shannon hatte Tess nie gezwungen, etwas anzuziehen, das sie nicht ausstehen konnte, oder etwas darzustellen, was sie nicht sein wollte. Ronans Mom hatte sie genommen, wie sie war. Mit einem Schraubenzieher in der Tasche ihrer ölverschmierten Levi’s und einem verwischten Rußfleck im Gesicht hatte Tess oft Shannons schmucke DeHavilland gewartet, nachdem sie von ihr das Fliegen gelernt hatte.

Ihre Hände zitterten, und sie rang plötzlich wieder mit den Tränen, als sie Sheenas Fliegerschal fest an ihr Gesicht drückte und den vertrauten Duft einatmete. Es gab Tage, da hielt sie den Schmerz einfach nicht mehr aus. Er packte sie wie panisch, und ihr Herz raste plötzlich, als ihr bewusst wurde, dass sie ihre kleine Tochter nicht mehr neben sich spüren konnte. Dass sie Sheena nie mehr im Arm halten würde, wenn sie sie ins Bett brachte und noch ein bisschen mit ihr kuschelte, dass sie nie mehr mit ihr lachen und träumen konnte, wenn sie ihre Fantasiereisen unternahmen, dass sie sie nie mehr beschützen konnte, wie eine Mommy es tun sollte.

Mein Kind ist tot, dachte Tess. Alles, was meine Kleine sich erträumte, alles, was ich mir für sie wünschte, wird nie mehr werden. Was bleibt, ist meine unstillbare Sehnsucht nach meiner Tochter, meinem verschmusten Baby Bear, meine tiefe Liebe zu ihr und die vielen Erinnerungen an unser aufregendes Leben. Was bleibt, sind die Schmerzen in meinen verkrampften Armen, die das Kind, das mir fortgerissen wurde, verzweifelt festhalten wollen.

Es war still im Haus, und Tess spürte wieder, wie allein sie jetzt war. In der Stille der Einsamkeit stiegen erneut die Gefühle in ihr auf, die schmerzliche Trauer, die resignierte Wut, als Ehefrau so vieles falsch gemacht zu haben, die Angst, als Mutter versagt zu haben, weil sie nicht genug Zeit mit ihrer Tochter verbracht hatte, aber am stärksten war die Sehnsucht nach ihren Liebsten.

Jason war fort, aber er hatte Spuren in ihrem Herzen hinterlassen, die nie verwehen würden. Nie mehr würde er wiederkommen. Nie mehr würde sie ihn zum Abschied umarmen, wenn sie zu einer ihrer Flugexpeditionen aufbrach, nie mehr küssen, bevor sie ihn auf der Landebahn vor dem Hauptquartier des Unternehmens in Anchorage absetzte. Nie mehr mit ihm herumalbern, nie mehr ausgelassen mit ihm lachen. Wie wenig Zeit war ihnen geblieben! Und wie viel davon hatten sie vergeudet! Am liebsten würde sie ihren Streit ungeschehen machen und jedes Wort zurücknehmen, das sie ihm an den Kopf geworfen hatte. All die unzähligen »Hätte ich nur …« und »Wäre ich bloß …«, die Tess seit Tagen mit sich herumschleppte! Nach all den Jahren hatte Jason sich noch ein Kind gewünscht, ausgerechnet er, der am Anfang überhaupt nicht Sheenas Daddy sein wollte, der mit seiner süßen kleinen Tochter jahrelang nichts anfangen konnte! Und auch Sheena hätte sich über ein Brüderchen oder Schwesterchen gefreut. Dieser Herzenswunsch stand auf ihrem Weihnachtswunschzettel, gleich unter dem Wunsch, dass Corey bitte, bitte zu ihr zurückkehren sollte, obwohl Daddy ja jetzt endlich für sie da war.

Wie gern hätte Tess nur Erinnerungen an die guten Zeiten gehabt, aber die schlechten überwogen bei Weitem. Jason war nie ihre große Liebe gewesen. Ihr Kind gemeinsam zu erziehen, es liebzuhaben, es zu beschützen, das hatte sie zusammengeschweißt. Jason und sie waren sich einfach zu ähnlich: eigensinnig, taff, immer auf dem Sprung und immer auf der Suche nach dem großen Abenteuer.

Das Flugzeug war zum Stillstand gekommen. Ihre Reise in die Vergangenheit war beendet.

Ein jähes Geräusch schreckte sie auf. Die Huskys begannen plötzlich ganz aufgeregt zu kläffen. Tess stellte sich vor, wie sie aus ihren Schneemulden hopsten, mit aufgestellten Ruten um sich blickten und anschlugen. Irgendetwas war geschehen.

Sie stellte die leere Tasse weg, sprang aus dem schwankenden Flugzeug und stürmte die Treppe hinunter. Wo war ihr Parka? Ah, da! Und die Winchester? Okay, und los!

Sie lud durch, entsicherte und ging mit dem Gewehr im Anschlag nach draußen. Ricky sprang vom Sofa vor dem Kamin und folgte ihr auf die Lichtung hinter der Lodge.

Als die Hunde Tess bemerkten, beruhigten sie sich allmählich wieder. Aufmerksam schaute sie sich um. Nichts zu sehen.

Wieso waren die Huskys nicht ausgeschwärmt? Sie waren noch nicht angekettet! Und sie jagten für ihr Leben gern!

Sie ging zu ihnen hinüber. »Was war denn los? Wieso regt ihr euch so auf?«

Bonnie, die im Team hinter Ricky lief, hob den Kopf und heulte mit voller Lautstärke los.

Tess umarmte sie und rang zum Spaß ein bisschen mit ihr. Bonnie schnappte nach ihrer Hand und biss zärtlich zu. »Ist ja gut, Süße.« Tess kraulte das dichte Fell in ihrem Nacken.

Als Sheena gerade krabbeln gelernt hatte, war es Bonnie gewesen, die sich ihrer angenommen hatte. Während die Kleine über den Boden robbte, war Bonnie immer hinter ihr, die Schnauze immer dicht über dem Pullover, um notfalls zuzuschnappen und das süße Baby festzuhalten, das so toll quietschen konnte. Bonnie konnte Sheena so sehr zum Lachen bringen, dass die Kleine sich verschluckte und sich überhaupt nicht mehr einkriegte. Und die beiden sangen zusammen: Sheena hockte mit zurückgeklappten Beinen auf dem Boden und brabbelte vergnügt ihr Wawawawa, während Bonnie schön laut dazu heulte. Tess wusste nicht, wer von beiden lauter sang. Aber egal, Bonnie wusste, wie sie Sheena, wenn sie mal weinte, wieder beruhigen konnte: Sie redete mit ihr. Nein, ehrlich: Sie schnaufte und winselte und jaulte und knurrte, und Sheena antwortete ihr, als verstünde sie, was Bonnie zu ihr sagte.

Tess erhob sich und schnappte sich den Lacrosseschläger, der am Vorratslager mit dem getrockneten Lachs für die Hunde lehnte. Der Stick hatte einen Schlägerkopf mit einem taschenförmigen Netz. Die Hunde richteten sich mit aufgestellten Ohren und bebenden Flanken in ihren Schneebetten auf und winselten – sie wussten, was jetzt kam! Sie nahm ein gefrorenes Stück Lachs, das Deke Clayton vorhin aus der Vorratshütte geholt hatte, und wog es in der Hand. Die Huskys ließen sie nicht aus den Augen, als sie es ins Netz legte, den Schläger mit beiden Händen packte und den getrockneten Fisch mit aller Kraft über das weite Schneefeld schleuderte. »Bonnie! Na los, hol’s dir!«

Der Schnee spritzte auf, als Bonnie lospreschte und über den Schnee flitzte. Die anderen, die zurückblieben, tänzelten vor und zurück und winselten schrill, aber keiner machte ihr die Portion streitig.

Tess legte das zweite Lachsstück ins Netz und schwang den Lacrosseschläger. Mit Schwung flog das Stück in eine andere Richtung. Auf diese Weise fütterte sie alle Huskys. Als Letztem gab sie Ricky seine Portion, und als der Leithund ihres Teams zu ihr zurücktrottete, knuddelte sie ihn und schmuste mit ihm: »Du bist ein prima Kerl, mein Großer.«

Sie klopfte dem Husky auf die Flanken, warf den Lacrosseschläger in den Schnee und machte sich daran, die Hunde für die Nacht an die Ketten zu legen.

Noch ein letzter Rundgang um die Lodge, dann stieg Tess die Stufen zur Veranda mit Blick auf den Fjord hinauf.

Abrupt blieb sie stehen. Was war das denn?

Vor der Tür stand ein Koffer.

Sie kniete sich hin und öffnete ihn.

Ein Haufen Fotos. Ein verschnürter Stapel Briefe, alle von ihr. Ein Teddy – es war Snivel, und er trug immer noch den halb aufgeräufelten Strickpullover mit dem niedlichen Hug me! vorne drauf!

Snivel, mein Kuschelbär aus Kindertagen!, dachte sie, und ihr Herz machte vor Freude einen Satz. Nein, eigentlich hat er ihm und mir gemeinsam gehört.

Oh, Ronan!

Das war die liebevolle Zuwendung, das herzliche In-den-Arm-genommen-Werden, das sie jetzt am meisten brauchte! Ihr bester Freund wusste, wie wichtig es war, die schönen Momente zu beleben, damit die Trauer die Heiterkeit des Lebens nicht erdrückte. Und die ruhige Gelassenheit, die dabei half, den Verlust zu verschmerzen und zu verkraften, um irgendwann gestärkt weiterzuleben.

Na klar, der Koffer stammte von ihm. Das verriet ihr die Karte, die unter dem dreißig Jahre alten Teddy hervorlugte.

Tess, mein  Liebes!

Weißt du, welches der kostbarste Augenblick in meinem Leben war?

3

Ronan parkte den Maybach in der Auffahrt des großen Hauses, und sein Butler öffnete ihm die Tür.

Mit der Jacke über der Schulter und der gefalteten Krawatte in der Hemdtasche schlenderte er so entspannt zu ihm hinüber, dass der Butler die Augenbrauen hochzog. Kein Missfallen über sein lässiges Auftreten, nein, eine deutliche Warnung, dass irgendetwas geschehen war.

Mr Mulberry, mittlerweile dreiundsiebzig, kannte Ronan schon sein ganzes Leben lang. Er war der Butler von Rob Conroy, der sein Stiefvater gewesen war, bevor seine Mom seinen Dad heiratete und eine Brandon wurde. Den Namen ihres ersten Mannes hatte sie nie abgelegt. Er auch nicht, weil er so die Erinnerung an ihn, seinen anderen Daddy, bewahren wollte: Er hieß immer noch Ronan Conroy Brandon. Komplizierte Familie? Stimmt, das schrieb Will Hearsts Klatschpresse auch immer wieder. Zum Glück immer nur auf Seite zwei und nie zwischen den Sensationen und Skandalen auf Seite eins. Aber das konnte sich mit seiner Scheidung ändern.

»Guten Abend, Sir.« Der Butler wich zurück, damit er das Foyer betreten konnte, eine Sinfonie in leuchtendem Blau, weißem Marmor und funkelndem Kristall. Eleanor Roosevelt fand es sogar großartiger als die Entrance Hall im Weißen Haus.

Mit einer Würde, die Ronan immer wieder erstaunte, nahm Mr Mulberry ihm die Krawatte und die Jacke ab, aus der er zuvor sein kleines Notizbüchlein genommen hatte. Es war schon ein seltsames Gefühl, von dem Mann, der ihm schon die Windeln gewechselt hatte, devot mit Sir angeredet zu werden.

»Mr Mulberry.« Er nickte ihm zu. »Ist mein Vater noch wach?«

»Nein, Sir.«

»Und mein Sohn?«

»Ja, Sir. Cayden hat nach Ihnen gefragt.«

»Ich bringe ihn gleich ins Bett.«

Der Butler neigte den Kopf. »Mrs Brandon, ich meine die ehemalige Mrs Brandon, und Mr Conroy wollten Sie vorhin sprechen, Sir.«

»Wegen der Scheidung?« Sie war heute Morgen vollzogen worden. Ehevertrag, Unterhalt, Vermögenstrennung, das alles lag seit heute hinter Ronan. Allerdings kämpfte Lynne nach wie vor um das Sorgerecht für Cayden. Natürlich tat sie das – es ging um sein Erbe, um Reichtum und Macht. Um das Klimpergeld von rund einer Milliarde Dollar, ihre Perlen und Diamanten und ihre spektakulären Abendkleider von Balenciaga und Chanel nicht mitgerechnet.

»Nein, Sir. Wie ich Ihren Bruder verstanden habe, will er Ihre Frau, bitte verzeihen Sie, Ihre geschiedene Frau so schnell wie möglich heiraten.«

»Sieh mal einer an. Ist meine künftige Schwägerin schon schwanger?«

Mr Mulberry zuckte kaum wahrnehmbar mit den Schultern. »Ich habe gehört …«

»Was?«, fragte Ronan nach.

»Sir, der Assistent von Mr Conroy hat mir erzählt, dass er bei Tiffany’s in New York angerufen und einen Brillantring bestellt hat. Weißgold massiv, zwei Karat.« Er lächelte verhalten. »Ein Karat für jedes Jahr ihrer …« Das Wort Affäre schluckte er herunter und sagte stattdessen: »… Liebe. Bitte verzeihen Sie, Sir.«

Ronan winkte ab. »Schon gut, Mr Mulberry.«

»Ihr Bruder freut sich offenbar darauf, endlich Vater zu werden.«

Kann ich mir vorstellen, Tyson! Du brauchst einen Erben! Und wenn Lynne dir einen Sohn schenkt, ist dieses Kind Caydens Bruder. Was sind wir Brandon-Conroy-Tyrells doch für eine komplizierte Familie!

Er nickte dem Butler zu. »Danke, Mr Mulberry. Ich werde morgen mit Tyson und Lynne sprechen, bevor ich ins Büro fahre. Frühstück um sieben, Abfahrt in die City um acht. Der Rolls-Royce, mein Chauffeur und vier Bodyguards. Rufen Sie meinen Sekretär an und fragen Sie ihn nach meinen Terminen. Ich denke, gegen Mittag bin ich zurück. Ich muss noch einiges vorbereiten. Sie wissen schon …«

»Ja, Sir.«

»Ich werde jetzt Cayden ins Bett stecken und möchte nicht mehr gestört werden.«

»Wie Sie wünschen, Sir.«

»Wenn Tess Tyrell anruft … stellen Sie sie durch.«

»Ins Kinderzimmer?«

»Ja, bitte.«

»Darf ich Ihnen noch etwas bringen, Sir? Einen frisch gepressten Orangensaft vielleicht?«

»Nein danke, Mr Mulberry. Und gute Nacht.«

»Gute Nacht, Sir. Schlafen Sie gut.«

Ronan strich ihm über die Schulter, und der Butler lächelte voller Wärme zurück.

Auf dem Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer stand die Schublade mit seinem Tagebuch, den Briefen und Fotos, die Ronan zurückbehalten hatte, als er seine schönsten Erinnerungen an Tess geschickt hatte.

Einen versonnenen Augenblick lang blätterte er in einem Fotoalbum. Viele der schwarzen Seiten waren leer bis auf die Fotoecken. Und die weiße Schrift darunter, die die Szenen beschrieb, die nun aus seinem Leben gerissen worden waren. Das meiste hatte Mom geschrieben: Ronan und Tess touren mit ihren Fahrrädern und ihren Schlafsäcken durch ganz Kalifornien und Ronan und Tess studieren in Stanford. Aber einiges stammte auch von Dad: Ronan blickt zum Himmel, wo Tess einen neuen Höhenrekord aufstellt.

Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf: Die leeren schwarzen Seiten – das ist der Teil meines Lebens, in dem ich wirklich gelebt habe.

Er atmete tief durch, klemmte sich die schwere Schublade unter den Arm und ging hinauf ins Kinderzimmer.

Cayden hopste auf dem großen Bett mit dem niedlichen Bärchenmuster herum. Sein Kleiner steckte schon in seinem Schlafanzug, einem weißen Baseballoutfit, und schwang den Schläger. »Hi, Daddy!«

»Hi, Süßer!« Durch eine Sedimentschicht aus Spielzeug kämpfte er sich bis zum Kamin vor und stellte die Schublade neben dem flackernden Feuer auf den Boden. Das Kinderzimmer sah aus, als wäre ein Tornado hindurchgefegt – also genauso wie damals, als Tess und er als Kinder hier gespielt hatten. Aufräumen? Nee, oder?

Als er sich umdrehte, warf Cayden sich in seine Arme und grinste von einem Ohr zum anderen. »Spielst du mit mir, Daddy?«

Tief atmete Ronan den Kinderduft ein. Sein verwuscheltes Haar roch nach dem Shampoo, das Lynne für ihre Kosmetiklinie entwickelt hatte. Sandelholz. Und noch etwas anderes, etwas Süßes, aber doch Männliches. Er kam nicht drauf. Ronan schmatzte seinem Kleinen einen Kuss auf die Wange. »Also, du wirfst die Bälle, und ich …«

»Nein!« Cayden kicherte auf seinem Arm. »Du bist der Pitcher!«

»Und du haust mir als Batter den Ball um die Ohren?«

»Au ja!«, rief Cayden.

»Na gut, einen Homerun! Mit Anlauf ins Bett! Es ist schon nach Mitternacht!« Ronan stellte ihn auf den Boden, und Cayden schnappte sich seinen Schläger und warf ihm einen Softball zu. Dann ging er auf dem Bett in Position, Schläger über der rechten Schulter, Beine gespreizt für einen sicheren Stand.

Ronan täuschte an, und sein Kleiner schwang den Schläger voll durch und kippte auf der schwankenden Matratze kichernd um. Okay, noch mal! Cayden rappelte sich grinsend wieder hoch und hob den Schläger über den Kopf. Ronan warf den Ball so, dass Cayden ihn gerade noch erwischen konnte.

Der Ball knallte mit voller Wucht gegen die Wand, der Schläger plumpste aufs Bett, Cayden hopste herunter und flitzte eine Runde durch das Kinderzimmer. Die vier Bases, die er um Ronan herum ablief, waren sein altes Schaukelpferd, die elektrische Eisenbahn und ein STABIL-Modellbaukasten. Ja, stimmt, er war noch zu klein, um das große Flugzeug aus Hunderten von Teilen allein zusammenzubauen, aber er hatte sich den Bausatz zu Weihnachten von Tess gewünscht. Sie hatte ihn in Berlin bestellt. Und wie Cayden geguckt hatte, als er das Firmenlogo von Conroy Aviation auf dem Modell entdeckte, das Tess aufgemalt hatte! Mit achtundzwanzig waren sie beide noch nicht zu alt, um mit ihren Kindern herumzualbern und so richtig Spaß zu haben!

Mit dem langen Anlauf eines Homeruns warf Cayden sich jetzt mit ausgebreiteten Armen aufs Bett und kicherte ausgelassen. »Yay! Gewonnen! Yayayay!«

»Und das Publikum dreht völlig durch und umarmt den Baseball-Star!« Ronan kitzelte ihn ordentlich durch, bis er sich nicht mehr einkriegte vor Lachen.

Wie schön es ist, diesen kleinen, warmen Kinderkörper im Arm zu halten, dachte Ronan, das atemlose Japsen zu spüren, die Schläge und Tritte, mit denen er sich aus meinen Armen winden will. Ich liebe ihn so!

Er hob die zerwühlten Bettdecken an, und Cayden kroch darunter und ließ sich rückwärts ins Kissen plumpsen. Ronan deckte ihn zu. »Checkliste abgehakt? Alles erledigt, womit du Mommy und Daddy heute Abend ärgern könntest?«

Kichernd zog Cayden die Decken höher.

»Zähne geputzt?«

Er grinste Ronan an, sodass er seine Zahnlücke sehen konnte. Gestern hatte ihm die Zahnfee ein kleines Geschenk gebracht, weil er den Zahn vor dem Schlafengehen unter sein Kopfkissen gelegt hatte. Er hatte ihn sich bei einem Sturz vom Fahrrad ausgeschlagen. Lynne war einfach zu genervt gewesen, deshalb hatte Ronan ihm den Dollar, den die Fee gebracht hatte, auf den Nachttisch gelegt.

Ihre Trennung vor einigen Monaten hatte Cayden völlig verstört. In letzter Zeit mussten Lynne und Tyson ziemlich viel aushalten. Caydens neuester Streich: Gestern hatte der Kleine auf dem teuren Teppich in ihrem Schlafzimmer eine neue Colgate-Tube ausgedrückt, in einer geraden Linie vor dem Bett, natürlich auf Tysons Seite. Cayden wollte nur mal wissen, wie viele Yards und Inches Zahnpasta dadrin waren. Ronan hatte schallend gelacht, als sein Kleiner es ihm verriet. Mit aller Kraft hatte er die Tube ausgedrückt: Die Zahnpasta reichte für ziemlich genau achtundneunzig Inches.

Und so ging es jetzt schon seit ihrer Trennung. Letzte Woche hatte Cayden einen Becher mit Trockenerbsen unter ihr Bett gestellt und ein paar Löffel warmes Wasser hineingetan. Die Erbsen quollen während der Nacht auf und hüpften nacheinander über den Becherrand auf den Parkettboden. Lynne lag die ganze Nacht wach und fragte sich, woher das seltsame Knistern und Knacken kam. Cayden machte ständig solche Sachen. Lynne war so genervt, dass sie heulte, und Ty kam mit Schimpfen auch nicht weiter. »Du bist nicht mein Daddy!«, kriegte er dann zu hören. Wenn Cayden etwas angestellt hatte, durfte er nicht im Garten herumtoben, der Lollipop wurde gestrichen, und er bekam abends keine Gutenachtgeschichte vorgelesen. Ty war derart fuchtig, dass er kurz davor stand, ihm etwas auf den Po zu geben.

Vergiss es, kleiner Bruder! Denn damit legst du dich mit mir an! Unser Streit um die Millionen-Dollar-Investition in die neue Technologie des Farbfernsehens ist dagegen ein lustiger Kindergeburtstag!

Ronan setzte sich neben Cayden aufs Bett, strich ihm übers Gesicht und küsste sein verwuscheltes Haar. »Hast du heute was in unser Buch der Erinnerungen gemalt?«

»Yeah.« Cayden zog das ledergebundene Buch unter dem Kopfkissen hervor, legte es auf seine angezogenen Knie und schlug es auf. »Da, guck!«

Ronan betrachtete die knallbunte Kinderzeichnung. »Hey, ist ja irre. Das ist ja mein Maybach.«

Cayden nickte.

»Echt schick, das Auto.« Ronan deutete auf die grinsende Figur am Lenkrad. »Bin ich das?«

»Yeah.«

»Und wer ist das da?«

»Tess.«

»Ihre langen blonden Haare flattern ja richtig im Fahrtwind.«

»Und sie lacht und winkt.«

»Und wer ist dieser süße kleine Junge?« Hinten im Auto hockte eine hingekritzelte Kinderfigur mit ausgebreiteten Armen und Beinen. Echt niedlich!

»Das bin ich.«

Buntstiftstriche, die er mit Spucke am Finger weggerieben hatte, verrieten Ronan, dass er auch Sheena malen wollte. Daddy und Tess, Sheena und er – eine nette kleine Familie.

Aber seine Patentochter war letzte Woche gestorben.

Sein Herz begann plötzlich zu rasen, und die Brust wurde ihm eng. Ganz ruhig, Ronan! Sonst geht’s wieder los!

Er riss sich zusammen. »Und wohin fahren wir drei?«

Cayden guckte ihn an und überlegte.

Ronan knuffte ihn. »Der Ausflug war doch deine Idee!«

»Wir wollen Gold suchen«, fiel es ihm wieder ein.

»Und wo?«

»Da, wo Charlton Gold gefunden hat. Er war ein Fortyniner.«

»Und wann?«

»Wenn Tess mit ihrem Flugzeug kommt.« Cayden blätterte um und zeigte ihm noch ein Bild. Ein Flugzeug mit einem leuchtend bunten Regenbogen auf den Flügeln. Im Cockpit hockte eine lachende Figur am Steuer. Tess mit fliegendem Haar. So malte er sie immer.

»Das ist echt toll geworden.«

»Darf ich ihr das Bild zeigen, Daddy?«, fragte Cayden und guckte ihn mit großen Augen an – er wollte es so gern. »Weil du hast doch gesagt, dass das unser Buch ist.«

Ronan zögerte. Das Buch ihrer Erinnerungen war ein Album voller Fotos, Kinderzeichnungen und Briefe, die er in den letzten Tagen an seinen Sohn geschrieben hatte, damit er ihn nicht vergaß. Die Briefe, kaum länger als Tagebucheintragungen, endeten alle mit Hab Dich ganz doll lieb, Dein Daddy. Ronan wollte nicht, dass Tess darin blätterte und las, was er Cayden geschrieben hatte. Noch nicht. Er war noch nicht so weit, und sie war es nach Jasons und Sheenas Tod auch nicht. »Cayden, möchtest du Tess vielleicht ein anderes Flugzeug malen?«

Der Kleine zog die Mundwinkel hoch und zuckte unschlüssig mit den Schultern.

»Ein gelbes? Tess’ Vega ist doch luftballongelb mit leuchtend blauen Streifen. Und auf der Seite steht Shooting Star. Du weißt doch noch, wie der Flieger aussieht, oder?«

»Na klar weiß ich das!«

»Dann mal ihr doch ein Bild, Süßer. Tess und du, wie ihr über der San Francisco Bay geflogen seid. Sie freut sich bestimmt.«

»Okay.«

»Ich will noch ein paar Sachen in unser Buch tun. Hilfst du mir dabei?«

Caydens Augen leuchteten. »Au ja.«

Also holte Ronan die Schublade, stellte sie aufs Bett und hockte sich wieder neben ihn.

Während er das Fotoalbum durchblätterte und Fotos von ihnen beiden aus den aufgeklebten Papierecken zog und in ihr Buch der Erinnerungen steckte, kramte Cayden in der Schublade herum. »Wo ist Snivel? Ob er schon bei Tess ist?«

»Vielleicht nimmt sie ihn jetzt gerade in den Arm.«

»Ruft sie dich dann an? Weil, du hast ihr doch den Brief geschrieben.«

»Sie ruft bestimmt bald an.«

»Bist du dann nicht mehr so traurig?«

Ronan küsste ihn zärtlich. »Nein, dann bin ich nicht mehr so traurig. Ich freue mich auf sie.«

»Hast du Tess lieb?«

»Ganz doll.«

»Mehr als Mommy?«

Was sollte er denn darauf sagen?

Cayden merkte, dass sein Daddy mit den Tränen rang, und zog den rechten Mundwinkel hoch.

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