Logo weiterlesen.de
Im Kreis des Wolfs

Menü

Inhaltsübersicht

SOMMER

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

HERBST

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

WINTER

24

25

26

27

28

29

30

31

FRÜHLING

32

33

34

35

SOMMER

36

DANKSAGUNG

 

Für meine Mutter, Eileen, und in Erinnerung an meinen Vater, Tony Evans

 

Alles, was die Macht der Welt tut,

geschieht in Form eines Kreises.

Der Himmel ist rund, und ich habe gehört,

dass auch die Erde rund ist, genau wie die Sterne.

Der Wind entwickelt seine größte Kraft in Wirbeln.

Vögel bauen ihre Nester kreisförmig,

denn sie haben dieselbe Religion wie wir.

Die Sonne geht in einem Kreis auf und wieder unter.

Genau wie der Mond, und beide sind rund.

Selbst die Jahreszeiten bilden einen Kreis in ihren Läufen

und kommen stets dorthin zurück, wo sie bereits waren.

Das Leben des Menschen ist ein Kreis

von Kindheit zu Kindheit. Und so ist es mit allem,

in dem die Macht sich regt.

 

Black Elk, Oglala-Sioux (1863–1950)

SOMMER

1

Manche glauben, dass der Geruch des Todes jahrelang an einem Ort haften kann. Er sickert in den Boden, sagen sie, und wird langsam durch die Wurzeln aufgesogen, bis irgendwann alles, was dort wächst, von der kleinsten Flechte bis zum höchsten Baum, Zeugnis davon trägt.

Vielleicht spürte der Wolf das, als er an jenem späten Nachmittag lautlos die bewaldeten Hänge hinabschlich und mit seinem glänzenden Sommerfell die unteren Äste der Kiefern und Tannen streifte. Und vielleicht hätte dieser Hauch einer Ahnung in seiner Nase, dass hier an diesem Ort vor fast hundert Jahren so viele seiner Art getötet worden waren, ihn umkehren lassen sollen.

Doch er lief weiter talwärts.

Am Abend zuvor war er aufgebrochen und hatte die anderen im Hochland zurückgelassen, wo selbst jetzt im Juli noch späte Frühlingsblumen blühten und Schneeflecken in sonnenscheuen Rinnen lagen. Einem Gebirgskamm war er nach Norden gefolgt, hatte sich dann ostwärts gewandt und an den Verlauf eines jener kurvigen Felscañons gehalten, die wie Trichter die Schmelzwasser hinab in die Täler und Ebenen lenkten. Er blieb hoch oben, mied die Fährten, vor allem jene, die am Wasser entlang führten, da es dort um diese Jahreszeit manchmal Menschen gab. Wo immer es möglich war, blieb er auch nachts oberhalb der Baumgrenze, glitt so mühelos am Rand der Schatten entlang, dass seine Pfoten kaum den Boden zu berühren schienen. Fast konnte man meinen, sein Ausflug habe ein bestimmtes Ziel.

Als die Sonne aufging, hielt er an, um zu trinken, fand dann einen schattigen Winkel im Geröll und verschlief die Hitze des Tages.

Sein Weg ins Tal wurde immer beschwerlicher. Der Waldboden fiel steil ab, Gehölz versperrte ihm den Weg, aufgeschichtet wie Feuerholz in einem riesigen Kamin, so dass der Wolf nur mühsam vorankam. Manchmal lief er zurück, um sich einen besseren Weg zu suchen und das verräterische Knacken trockener Äste, das die Stille durchbrach, zu vermeiden. Hier und da fielen Sonnenstrahlen durch die Bäume und schufen helle Inseln aus leuchtendem Grün, denen der Wolf jedoch stets auswich.

Er war ein vier Jahre alter Rüde, das Leittier seines Rudels, von fast völlig schwarzer Farbe, nur Flanken, Kehle und Schnauze säumte ein Hauch Grau. Hin und wieder blieb er stehen, senkte den Kopf, um an einem Busch oder einem Grasbüschel zu schnuppern, hob dann das Bein, setzte seine Markierung und brachte damit seinen Anspruch auf dieses lange verlorene Revier zum Ausdruck. Manchmal hielt er die Nase in den Wind, und seine Augen wurden zu schmalen, gelben Schlitzen, während er die Duftnoten las, die aus dem Tal heraufgeweht wurden.

Einmal roch er etwas in seiner Nähe, wandte den Kopf und sah zwei weißschwänzige Rehe, Ricke und Kitz, kaum ein Dutzend Schritte entfernt, wie sie ihn, erstarrt in einem Sonnenstrahl, aufmerksam beobachteten. Er blickte hinüber, hielt uralte Zwiesprache mit ihnen, die selbst das Kitz verstand. Einen langen Augenblick regte sich nichts, nur Sporen und Mücken drehten sich in glitzernden Spiralen über den Köpfen der Tiere. Doch dann, als wären Rehe und Mücken gleichermaßen uninteressant für einen Wolf, wandte er seinen Blick ab und nahm erneut Witterung auf.

Aus anderthalb Meilen Entfernung kamen die Gerüche des Tals, Gerüche von Vieh und Hunden, der beißende Gestank der Maschinen. Und obwohl er um die Gefahr wusste, die ihm niemand hatte erklären müssen, lief er tiefer hinab, während ihm aus unergründlich schwarzen Augen die Blicke der Rehe folgten, bis er zwischen den Bäumen verschwunden war.

Das Tal, das sich nun vor dem Wolf öffnete, war eine langsam breiter werdende Gletschermulde, die sich in östlicher Richtung bis zur Stadt Hope erstreckte. Sie wurde von steilen, dicht mit Kiefern bestandenen Hängen gesäumt, die von oben gesehen zwei Armen glichen, die sich sehnsüchtig den sonnengebleichten, vom östlichen Stadtrand bis zum Horizont und viele Meilen darüber hinaus sich ausdehnenden Prärien entgegenstreckten.

An der breitesten Stelle war das Tal fast vier Meilen weit. Es galt nicht gerade als ausgezeichnetes Weideland, doch hatte manch einer damit sein Leben bestritten, und ein oder zwei hatte es reich gemacht. Hier wuchs zuviel Salbei, außerdem gab es überall Steine, und wo immer sich das Weideland ausdehnen wollte, wurde es von einer Schlucht oder einem von Büschen und Felsbrocken in seinem Lauf behinderten Bach durchschnitten. Auf halbem Weg ins Tal hinab mündeten einige dieser Bäche in den Fluss, der sich durch Pappelgehölz bis Hope und von dort weiter zum Missouri schlängelte.

All dies konnte der Wolf überblicken. Er stand auf einer Kalksteinnase, die wie der Bug eines versteinerten Schiffes aus dem Wald herausragte. Unter ihm fiel das Land in einer keilförmigen Geröllnarbe steil bis dorthin ab, wo Berg und Wald widerwillig dem Weideland wichen. Vereinzelt grasten schwarze Kühe und Kälber träge im Schatten, und am Fuß der Weide stand ein kleines Ranchhaus.

Es war auf einer Anhöhe errichtet worden, dort, wo der von Weiden und Weichselbäumen gesäumte Bach einen Bogen machte. Scheunen standen an der einen, der weiße Zaun eines Korrals auf der anderen Seite. Das schindelbedeckte Haus selbst war gerade mit ochsenblutroter Farbe gestrichen worden. An der Südseite erstreckte sich eine Veranda, die nun, da die Sonne hinter den Bergen versank, in goldenes Abendlicht getaucht war. Die Fenster entlang der Veranda standen weit offen, und dünne Baumwollvorhänge bewegten sich sacht in der Abendluft.

Aus dem Innern drang von irgendwoher das Plärren eines Radios, und vielleicht war es deshalb für den, der sich im Haus befand, nicht einfach, das Weinen des Babys zu hören. Der dunkelblaue Kinderwagen auf der Veranda schaukelte ein wenig, rosige Arme streckten sich über den Rand und schienen um Aufmerksamkeit zu heischen. Doch niemand kam. Endlich gab das Baby auf, ließ sich vom Spiel des Sonnenlichts auf seinen Händen und Armen ablenken und begann, vor sich hin zu babbeln.

Nur der Wolf hörte das Baby.

 

Kathy und Clyde Hicks wohnten jetzt seit fast zwei Jahren im roten Haus, und wenn Kathy ehrlich zu sich war (was sie meist nicht war, da man sowieso nichts tun konnte, warum es sich also schwermachen?), hasste sie es hier draußen.

Nun ja, vielleicht war hassen ein zu starkes Wort. Die Sommer waren in Ordnung. Doch selbst dann hatte man das Gefühl, zu weit von der Zivilisation entfernt zu sein, zu ausgesetzt. An die Winter wagte sie erst gar nicht zu denken.

Vor zwei Jahren waren sie hergezogen, gleich nachdem sie geheiratet hatten. Kathy hatte gehofft, dass sich ihre Einstellung durch das Baby ändern würde, und in gewisser Weise hatte sie das auch getan. Wenigstens konnte sie jetzt mit jemandem reden, wenn Clyde auf der Ranch arbeitete, obwohl die Unterhaltung vorläufig noch etwas einseitig war.

Sie war dreiundzwanzig, und manchmal wünschte sie sich, sie hätte noch ein paar Jahre mit dem Heiraten gewartet, statt sich gleich nach dem College darauf einzulassen. Sie besaß einen Abschluss in Agrarwirtschaft von der Montana State University in Bozeman, doch bislang hatte ihr das verdammte Ding nur damals genutzt, als sie drei Tage in der Woche Daddys Papierkram im Haupthaus erledigt hatte.

Das Haus ihrer Eltern war für Kathy immer noch ihr Zuhause, und sie hatte deshalb schon oft Krach mit Clyde gehabt. Es lag nur einige Meilen die Straße hinunter, doch sooft sie einen Tag dort verbrachte und mit dem Auto wieder hierher zurückfuhr, überkam sie ein Gefühl, das zwar nicht unbedingt einem Schmerz glich, aber doch so etwas wie ein dumpfes Bedauern war. Sie verdrängte derlei rasch wieder, indem sie auf das Baby hinten im Auto einschwatzte oder das Radio einschaltete, laut aufdrehte und mitsang.

Sie hatte ihren Lieblingssender eingestellt, und als sie am Spülbecken stand, Mais schälte und auf die Hunde schaute, die vor der Scheune in der Sonne dösten, fühlte sie sich schon wieder besser. Sie spielten einen Song von dieser Kanadierin mit der mörderischen Stimme, die ihrem Mann gestand, wie sehr es ihr gefalle, wenn er »ihren Traktor« anwarf. Bei dieser Stelle musste Kathy immer lachen.

Also wirklich, sie sollte dankbar für das sein, was sie hatte: einen prächtigen Mann nämlich und ein hübsches, gesundes Baby; und auch wenn dieses Haus am Arsch der Welt lag, so war es doch ihr eigenes. Genügend Leute in Hope hätten eine Menge dafür gegeben. Außerdem war sie groß, hatte wunderschönes Haar und nach der Geburt zwar noch nicht ganz ihre alte Figur wieder, aber sie wusste trotzdem, dass sie damit jeden »Traktor anwerfen« konnte, der ihr gefiel.

Selbstbewusstsein war für Kathy nie ein Problem gewesen. Sie war Buck Calders Tochter, und was Besseres gab es in dieser Gegend nicht. Die Ranch ihres Daddys war eine der größten auf dieser Seite von Helena, und als Kind hatte sich Kathy wie eine Prinzessin gefühlt. Zu den wenigen Dingen, die ihr am Verheiratetsein nicht gefielen, gehörte, dass sie ihren Namen hatte aufgeben müssen. Sie hatte Clyde sogar vorgeschlagen, dass sie sich, wie neuerdings eine dieser berühmten Karrierefrauen, einen Doppelnamen zulegte und sich Kathy Calder-Hicks nannte. Klar, hatte Clyde gesagt, warum nicht, aber sie hatte ihm angesehen, wie wenig ihm der Gedanke gefiel, und um ihm nicht weh zu tun, hatte sie sich schließlich mit dem schlichten, grundsoliden Namen Kathy Hicks zufriedengegeben.

Sie schaute auf die Uhr. Es ging auf sechs zu. Clyde war mit ihrem Daddy unten auf der Wiese, um dort nach einem Bewässerungsgraben zu sehen, und gegen sieben wollten sie zum Essen kommen. Ihre Mom würde jeden Augenblick mit einem Kuchen auftauchen, den sie zum Nachtisch gebacken hatte. Kathy räumte den Abfall aus dem Becken, setzte die Maiskolben auf, wischte sich die Hände an der Schürze ab und stellte das Radio leiser. Jetzt musste sie nur noch die Kartoffeln schälen. Sobald das erledigt war, würde Buck junior dort draußen auf der Veranda bestimmt schon lauthals nach seinem Brei verlangen, und sie würde ihn füttern, um ihn dann anschließend zu baden und für seinen Opa schön zu machen.

 

Wie auf Kommando hoben die Kühe auf der oberen Weide den Kopf, als der Wolf zwischen den Bäumen auftauchte und stehenblieb. Eine solche Kreatur hatten sie nie zuvor gesehen. Vielleicht hielten sie ihn für einen großen, dunklen Kojoten. Kojoten waren nur kurz nach dem Kalben gefährlich. Vielleicht hielten sie ihn aber auch für einen der Farmhunde, die manchmal durch ihre Herden streiften, und auf die musste man nur dann achtgeben, wenn sie einem nach den Fesseln schnappten, damit man dorthin ging, wo man eigentlich nicht hingehen wollte.

Der Wolf seinerseits schenkte ihnen kaum Beachtung. All seine Sinne waren auf etwas anderes gerichtet, etwas dort unten am Haus, und er senkte den Kopf und lief die Wiese hinunter. Er bewegte sich jetzt langsamer, mit größerer Vorsicht, umging die Herde nicht, sondern schlich sich mitten hindurch. Doch war seine Gleichgültigkeit so offensichtlich, dass ihm kein Tier aus dem Weg ging und sich bald alle wieder über das Gras hermachten.

Als die Sonne hinter den Bergen verschwand, näherte sich eine Schattenlinie über das Gras dem Haus, stieg wie eine Flut die Veranda hinauf und kroch schließlich über die Räder und das Chassis des Kinderwagens, so dass die ochsenblutroten Wände dahinter zu dunklerem Rot gerannen.

Der Wolf hatte inzwischen das Ende der Wiese erreicht und verharrte am Zaun, dort, wo Clyde eine Wasserleitung verlegt und eine alte Emaillewanne aufgestellt hatte, um das Vieh tränken zu können, sollte der Bach einmal austrocknen. Zwei Elstern brachen aus dem Weidengestrüpp am Bach hervor, schossen einige Male im Sturzflug auf ihn herab und schimpften ihn aus, als ahnten sie seine Pläne und hielten nicht viel davon. Der Wolf beachtete sie nicht weiter. Aus dem Kinderwagen, der kaum zehn Meter entfernt stand, drangen Geräusche, die denen der Vögel recht ähnlich waren. Das Baby kreischte vor Begeisterung über die eigenen Laute und gab gleich noch mehrere Zugaben. Im Haus klingelte das Telefon.

Es war Kathys Mutter. Der Kuchen sei ihr angebrannt, aber keine Sorge, sie habe noch etwas in der Gefriertruhe, das sie in der Mikrowelle warm machen könne.

»Außerdem hat Luke gesagt, dass er mitkommen möchte, falls ihr nichts dagegen habt.«

»Natürlich haben wir nichts dagegen.«

Luke, Kathys Bruder, war gerade achtzehn geworden. Er kam wunderbar mit dem Baby zurecht, wenn sie ihn unten auf der Ranch traf, aber mit Clyde hatte er Probleme, und seit ihrer Heirat war Luke erst ein paar Mal hier im Haus gewesen. Als Kinder hatten sie sich nie besonders gut verstanden. Aber eigentlich verstand sich niemand besonders gut mit Luke, Mom natürlich ausgenommen. Sie war allerdings auch die Einzige, die mit seinem Gestotter umzugehen wusste.

Kathy war stets zu ungeduldig gewesen. Selbst als sie alt genug war, es besser zu wissen, musste sie einfach die Sätze für ihn zu Ende bringen, wenn er ins Stocken geriet. Seit er vor einigen Monaten seinen Abschluss an der Highschool gemacht hatte, war sie ihm kaum begegnet. Kathy fand, dass er immer mehr zu einem Einzelgänger wurde, der sich ständig allein in der Wildnis herumtrieb, in die ihn nur dieses komisch aussehende Pferd begleitete.

Jedenfalls kam er zum Abendessen, und das war gut so.

Ihre Mutter fragte nach dem Baby, und Kathy sagte, dass es ihm gutgehe, aber sie werde jetzt lieber auflegen, da es langsam Zeit für den Brei sei und sie noch allerhand zu tun habe.

Gerade als sie auflegte, begannen die Hunde zu bellen.

Normalerweise hätte sie nicht weiter darüber nachgedacht. Die Hunde machten ständig Radau, weil sie eine Ratte oder sonst etwas jagten, doch diesmal klangen sie irgendwie eigenartig, so dass Kathy unwillkürlich aus dem Fenster schaute.

Maddie, die alte Colliehündin, hatte den Schwanz eingezogen, schlich an der Scheune entlang und schaute knurrend über die Schulter zurück. Prince, der gelbe Labrador, den Kathy von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte, als sie hierhergezogen waren, lief mit gesträubten Nackenhaaren hin und her. Abwechselnd richtete er die Ohren auf und ließ sie wieder hängen, als wäre er sich unsicher. Sein Bellen wurde von seltsamen, leisen Jammerlauten unterbrochen. Den Blick hielt er auf die Wiese gerichtet, auf etwas hinter dem Haus.

Kathy runzelte die Stirn. Sie sah lieber nach, was die Tiere so aufregte. Das Fett in der Pfanne, in der sie den Mais dünsten wollte, begann zu zischen. Sie ging zum Herd und stellte die Flamme kleiner. Doch als sie die Fliegengittertür öffnete und aus der Küche in den Hof trat, war keine Spur mehr vom Collie zu sehen. Prince hingegen schien über ihren Anblick erleichtert zu sein.

»Hey, was ist denn los, Prince?«

Der Hund lief auf sie zu, schien dann aber seine Meinung zu ändern. Vielleicht gab ihm ihre Anwesenheit jene kleine Extraportion Mut, die ihm bislang gefehlt hatte, denn plötzlich stürmte er mit lautem Bellen um das Haus herum, so dass der Staub hinter ihm aufwirbelte.

Und erst jetzt fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Das Baby. Irgendwas war auf der Veranda und holte sich das Baby. Sie begann zu laufen. Bestimmt war es ein Bär. Oder ein Berglöwe. Mein Gott, wie dumm von ihr, nicht vorher daran gedacht zu haben.

Als sie um die Hausecke bog, sah Kathy unmittelbar vor der Veranda etwas, das sie zuerst für einen großen, schwarzen Hund hielt, einen Schäferhund vielleicht. Er drehte sich um und stellte sich dem Angriff des Labradors.

»Verschwinde von hier! Weg da!«

Das Tier sah sie an, und sie fühlte den Blick dieser funkelnden gelben Augen auf sich ruhen und wusste im selben Moment, dass dies kein Hund war.

Prince kam schlitternd vor dem Wolf zu stehen und duckte sich, die Vorderpfoten gespreizt, so dass sich sein Brustkorb nur wenige Zentimeter über dem Boden befand. Er fletschte die Zähne, knurrte und bellte, tapfer und doch zugleich so furchtsam, dass es aussah, als wolle er sich jeden Augenblick auf den Rücken werfen und ergeben. Obwohl der Wolf reglos dastand, schien er sich gleichzeitig größer zu machen, bis er über dem Hund aufragte. Sein Schweif stand buschig und steil in die Höhe. Langsam zog er die Lefzen zurück, knurrte und zeigte seine langen, weißen Fangzähne.

Und dann packten seine Kiefer mit einem einzigen Satz den Labrador bei der Kehle, rissen ihn hoch und schleuderten ihn durch die Luft, als sei er leicht wie ein Kaninchen. Der Hund jaulte auf, und Kathy stellte sich plötzlich voller Angst vor, dass der Wolf ihr Baby bereits ebenso zugerichtet hatte. Sie stieß einen Schrei aus und sprang zur Veranda hinauf.

Der Kinderwagen stand am anderen Ende, und er schien hundert Meilen weit entfernt, als sie darauf zu rannte.

O Gott, bitte, lass es nicht tot sein. Bitte, lass es nicht tot sein.

Sie konnte nicht sagen, ob sich das Tier am Kinderwagen zu schaffen gemacht hatte, doch trotz des alles übertönenden Hundegeheuls wusste sie, dass ihr Baby still darin lag. Sie schluchzte bei dem Gedanken an das, was sie im Wagen finden mochte.

Sie wagte kaum hineinzusehen. Doch sie zwang sich dazu, und als sie sah, wie ihr Kind sie anblickte, wie sich sein Gesicht zu einem zahnlosen Grinsen verzog, traten ihr Tränen in die Augen. Sie griff nach dem Baby und riss es so heftig aus dem Wagen, dass es zu weinen begann. Als sie es fest an sich drückte, schrie es noch lauter. Dann drehte sie sich um, den Rücken an die Wand gepresst, und blickte über die Veranda.

Der Wolf stand mit gesenktem Kopf über dem Labrador. Kathy sah auf den ersten Blick, dass der Hund tot war. Seine Hinterläufe zuckten noch einmal, ganz so wie im Traum, wenn er vor dem Kaminfeuer schlief, doch die Kehle war aufgerissen, und der Bauch klaffte wie bei einem ausgenommenen Fisch weit auseinander. Das bleiche Gras unter dem Kadaver färbte sich rot. Erneut schrie Kathy auf, und der Wolf zuckte zusammen, als habe er vergessen, dass sie auch noch da war. Er starrte sie an, und Kathy konnte das helle Blut auf seinem Gesicht sehen.

»Verschwinde von hier! Hau ab! Los!«

Sie blickte sich suchend nach etwas um, mit dem sie nach ihm werfen konnte, aber das war nicht mehr nötig. Der Wolf rannte bereits davon, und Augenblicke später duckte er sich unter dem Zaun hindurch und lief an den Kühen vorbei, die im Grasen innehielten, um sich das Schauspiel anzusehen. Am oberen Weiderand blieb der Wolf stehen und schaute dorthin zurück, wo Kathy, das Kind an sich gepresst, noch immer über den toten Hund gebeugt stand und weinte. Dann drehte er sich um und verschwand im Schatten des Waldes.

2

Die Büros des Fish & Wildlife Service, der staatlichen Forst- und Fischereiwirtschaft, die für die Wiederansiedlung von Wölfen verantwortlich war, lagen im zweiten Stock eines schlichten roten Ziegelgebäudes in einem ruhigen Viertel von Helena. Kein Hinweisschild machte auf diese Büros aufmerksam, und gäbe es ein Schild, würde es sie wohl nicht mehr lange geben. In dieser Gegend lebten Menschen, die etwas gegen staatliche Agenturen hatten, vor allem gegen jene, deren einzige Aufgabe es war, das grässlichste Raubtier zu schützen, das Gott je geschaffen hatte. Dan Prior und sein Team wussten aus Erfahrung, dass man sich besser im Hintergrund hielt, wenn es um Wölfe ging.

Im vorderen Büro stand ein Glasschrank, aus dem ein ausgestopfter Wolf mit mehr oder minder gütigem Blick auf ihre Arbeit schaute. Das Schild an der Seite informierte den Betrachter, dass der Schrank einen Canis lupus irremotus, Northern Rocky Mountain Wolf beherbergte. Doch aus Gründen, die nun niemand mehr im Büro so recht nachvollziehen konnte, nannten ihn alle Fred.

Dan hatte es sich angewöhnt, mit Fred zu reden, besonders in diesen langen Nächten, in denen die anderen bereits nach Hause gegangen waren und er allein versuchte, wieder einmal ein politisches Problem zu lösen, in das er durch Freds lebendigere Geschwister geraten war. Bei solchen Gelegenheiten fielen Dan oft noch andere, weit deftigere Namen für seinen stummen Gefährten ein.

Heute Abend jedoch würde es keine solchen Zwiegespräche geben. Zum ersten Mal nämlich seit Urzeiten wollte Dan früh Schluss machen. Er hatte eine Verabredung. Und da er den Fehler begangen hatte, sie zu erwähnen, zogen ihn nun alle Kollegen schon seit einer Woche damit auf. Als er aus dem Büro kam und noch einige Papiere in seine Tasche stopfte, riefen sie wie im Chor: »Viel Spaß heute Abend, Dan!«

»Besten Dank«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und alle lachten. »Würde mir bitte mal jemand erklären, was an meinem Privatleben so interessant ist?«

Donna, seine Assistentin, grinste ihn an. Sie war eine große, resolute Frau Ende dreißig, die das Büro voller Gelassenheit und Humor führte, den sie selbst in extrem hektischen Momenten nicht verlor. Sie zuckte mit den Schultern.

»Muss wohl daran liegen, dass Sie bis jetzt keines gehabt haben.«

»Ihr seid alle gefeuert.«

Er machte eine abschätzige Handbewegung, befahl Fred, sich das Grinsen zu verkneifen, und griff nach der Türklinke, als das Telefon läutete.

»Bin schon weg!«, rief er Donna zu und verschwand.

Er drückte den Fahrstuhlknopf und wartete, während hinter der Tür aus rostfreiem Stahl die Kabel surrten und ratterten. Dann ertönte ein helles »Ping«, und die Tür ging auf.

»Dan!«

Er wartete und hielt per Knopfdruck die Tür offen, während Donna über den Flur auf ihn zurannte.

»Wie gut kennen Sie Ihr neues Privatleben schon?«

»Wissen Sie, Donna, gerade habe ich daran gedacht, Ihnen eine Gehaltserhöhung zu geben.«

»Tut mir leid, aber ich glaube, das sollten Sie sich lieber anhören. Ein Farmer namens Clyde Hicks aus Hope hat angerufen. Er behauptet, ein Wolf habe gerade versucht, seinen kleinen Jungen zu töten.«

Zwanzig Minuten und ein halbes Dutzend Anrufe später, saß Dan in seinem Wagen und war auf dem Weg nach Hope. Vier der Anrufe galten Wildhütern, Rangern der Bundesforstverwaltung und anderen Leuten von Fish & Wildlife, die gefragt wurden, ob sie etwas über Wolfsaktivitäten in der Gegend von Hope gehört hatten. Das Resultat war negativ. Der fünfte Anruf ging an Bill Rimmer, den Vertreter der Behörde für Raubtierüberwachung, mit der Bitte, ihn in Hope zu treffen, um eine Kadaveruntersuchung an einem Hund vorzunehmen.

Der letzte Anruf war der charmanten und reizvollen Sally Peters vorbehalten, der frisch geschiedenen Marketingdirektorin einer ortsansässigen Tierfutterfirma. Dan hatte ganze zwei Monate gebraucht, bis er den Mut aufbrachte, sie um ein Rendezvous zu bitten, und ihrer Reaktion nach zu schließen, als er das geplante Abendessen absagte, würde er das nächste Mal noch länger brauchen.

Die Fahrt von Helena nach Hope dauerte etwa eine Stunde. Als er von der Interstate abbog und in Richtung Berge fuhr, die sich dunkel vor dem blassroten Himmel abzeichneten, fragte sich Dan, warum alle, deren Arbeit sich um Wölfe drehte, irgendwann darunter zu leiden hatten.

Im Lauf der Jahre hatte er viele Biologen kennengelernt, deren Spezialgebiet andere Tiere, etwa Zwergspitzmäuse oder Pinguine, waren, und obwohl sich unter seinen Kollegen auch ein oder zwei Spinner befanden, schienen sie im Allgemeinen doch recht gut in der Lage zu sein, sich wie der Rest der Menschheit durchs Leben zu schlagen. Wolfspezialisten hingegen waren eine wandelnde Katastrophe. Ob Scheidung, Nervenzusammenbruch oder Selbstmord – in jeder Kategorie waren sie Spitzenreiter. Und gemessen daran brauchte sich Dan nicht zu schämen. Seine Ehe hatte fast sechzehn Jahre gehalten. Wahrscheinlich war das eine Art Rekord. Und auch wenn Mary, seine Exfrau, kein Wort mehr mit ihm reden wollte, so fand Ginny, ihre Tochter – die zwar erst vierzehn war, aber wie zwanzig aussah –, ihren Dad doch ganz okay. Nein, sie bewunderte ihn, und diese Bewunderung war durchaus gegenseitig. Doch was hatte er mit einundvierzig, von Ginny einmal abgesehen, nach all den Jahren, die er dem Wohlergehen der Wölfe geopfert hatte, schon vorzuweisen?

Um seine eigene Frage nicht beantworten zu müssen, beugte er sich vor und stellte das Radio an. Nach einigem Suchen fand er schließlich einen Sender, der keine Werbung oder Countrymusik (die er selbst nach drei Jahren Montana immer noch nicht ausstehen konnte) brachte, sondern Lokalnachrichten. Und die letzte Meldung trug nicht gerade dazu bei, seine Laune zu bessern.

Es war die Rede vom »Angriff« eines Wolfs auf eine Ranch in der Nähe von Hope sowie davon, dass der Enkel von Buck Calder, eine der angesehensten Persönlichkeiten dieser Gegend, dem sicheren Tod nur entgangen war, weil der Haushund, ein Labrador, sein Leben für ihn eingesetzt hatte.

Dan stöhnte auf. Die Medien wussten schon Bescheid, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Doch es kam noch schlimmer. Sie sendeten bereits ein Telefoninterview mit Calder persönlich. Dan hatte von ihm gehört, ihn selbst aber nie kennengelernt. Calder besaß die tiefe, vertrauenerweckende Stimme eines Politikers. Er redete wie ein Wolf im Schafspelz.

»Die Bundesregierung lässt unten in Yellowstone diese Wölfe frei, und die treiben sich jetzt überall herum und bedrohen junge Mütter und ihre Babys. Aber erlaubt man uns etwa, sie, unser Vieh und unseren Besitz zu schützen? Nein, Sir, das erlaubt man uns nicht. Und warum nicht? Weil uns die Bundesregierung weismachen will, dass diese Tiere noch immer zu der bedrohten Art gehören. Ich sage Ihnen, das ist ebenso dumm wie ungerecht.«

Damit waren die Nachrichten beendet, und Dan schaltete das Radio aus.

Der Typ lag gar nicht so falsch. Bis vor kurzem hatte es in dieser Gegend nur die paar Wölfe gegeben, die über die Kontinentalsperre von Kanada heruntergekommen waren. Doch dann hatte die Bundesregierung nach jahrelangen hitzigen Debatten zwischen Umweltschützern und Ranchern beschlossen, die Wiederansiedlung von Wölfen zu genehmigen. Sechsundsechzig wilde kanadische Wölfe waren daraufhin unter großem Kostenaufwand eingefangen, in den Yellowstone Park sowie nach Idaho gebracht und freigelassen worden.

Als Reaktion auf die Wut der Farmer, die in diesen sogenannten »Versuchsgebieten« wohnten, wurde ihnen erlaubt, jeden Wolf abzuschießen, der tatsächlich ihr Vieh anfiel. Doch die freigelassenen Wölfe hatten sich rasch vermehrt, und da sie nicht sonderlich gut im Kartenlesen waren (oder vielleicht gerade deshalb), hatten sie sich dort ausgebreitet, wo der Abschuss eines Wolfs hunderttausend Dollar Strafe und sogar Gefängnis einbringen konnte.

Hope gehörte zu diesen Gebieten und war außerdem Kernland der Wolfshasser. Wenn sich dort heute tatsächlich ein Wolf hatte blicken lassen, dann war der reif für die Klapsmühle.

Vor zehn Jahren hatte Fish & Wildlife überall im Staat öffentliche Veranstaltungen organisiert, damit die Leute ihren Gefühlen über die Pläne des Bundes zur Wiederansiedlung von Wölfen Ausdruck verleihen konnten. Manchmal war es dabei recht stürmisch zugegangen, doch die Veranstaltung in Hope brach alle Rekorde.

Eine Gruppe junger, mit Gewehren bewaffneter Farmarbeiter und Holzfäller hatte draußen gestanden und sie unablässig beschimpft. Die Leute im Saal, in dem Waffen verboten waren, wirkten nicht minder furchteinflößend. Dans Vorgänger, einem hervorragenden Diplomaten, war es zwar gelungen, die Meute im Zaum zu halten, doch hinterher stießen ihn zwei Holzfäller gegen eine Wand und bedrohten ihn. Er kam um mehrere Schattierungen blasser aus dem Saal, als er hineingegangen war, nur um dann festzustellen, dass man ihm einen Eimer roter Farbe über sein Auto gekippt hatte.

In der Ferne konnte Dan die Umrisse der Stadt erkennen.

Es war eine dieser Städte, durch die man fuhr, ohne sie richtig wahrzunehmen. Eine gerade Straße, einige hundert Meter lang, und ein paar Seitenstraßen, die fischgrätenähnlich davon abzweigten. Am einen Ende stand ein heruntergekommenes Motel, am anderen eine Schule, und dazwischen gab es eine Tankstelle, einen Lebensmittelladen, ein Eisenwarengeschäft, einen Imbiss, einen Waschsalon und einen Tierpräparator.

Viele der etwa fünfhundert Einwohner lebten verstreut im Tal, und für ihre diversen Seelennöte gab es zwei Kirchen und zwei Kneipen. Außerdem existierten zwei Andenkenläden, die eher von einem gewissen Optimismus als von gesundem Geschäftssinn zeugten, denn obwohl sich im Sommer gelegentlich Touristen nach Hope verirrten, entschieden sich nur wenige dafür, länger zu bleiben.

In dem Versuch, etwas daran zu ändern, und um dem Wunsch einer bescheidenen, doch wachsenden Anzahl von Nebenverdienstlern Genüge zu tun, hatte einer dieser Läden (der bei weitem beste) letztes Jahr eine Cappuccino-Bar eröffnet. Der Laden nannte sich Paragon, und so selten Dan bisher auch durch diesen Ort gefahren war, hatte er doch stets daran gedacht, diese Bar aufzusuchen, nicht so sehr wegen des Kaffees, der übrigens sehr gut war, sondern vor allem wegen der Besitzerin.

Sie war eine attraktive New Yorkerin namens Ruth Michaels, und von ihren zwei oder drei Begegnungen wusste er, dass sie in Manhattan eine Kunstgalerie geführt und nach ihrer Scheidung Urlaub in Montana gemacht hatte. Hope gefiel ihr, und sie war geblieben. Dan konnte sich durchaus vorstellen, noch weit mehr über sie erfahren zu wollen.

Der Cappuccino hatte sich nicht besonders durchgesetzt bei den Einheimischen, die ihren Kaffee lieber schwach und aufgebrüht tranken, wie er auf der anderen Straßenseite in Nelly’s Diner serviert wurde. Als Dan daher im Vorbeifahren entdeckte, dass Ruth das Schild »Zu verkaufen« ins Fenster gehängt hatte, war er zwar traurig, aber nicht sonderlich überrascht.

Er sah Bill Rimmers Lieferwagen am verabredeten Treffpunkt, einer trostlosen Bar, die den passenden Namen The Last Resort trug. Rimmer kam heraus, um ihn zu begrüßen. Er war ein waschechter Montanamann und sah mit seinem Stetson und dem herabhängenden blonden Schnurrbart auch genauso aus. Mit seinen eins achtundneunzig kam sich Dan neben ihm wie ein Zwerg vor. Außerdem war er einige Jahre jünger als Dan und sah auch besser aus – wenn er so darüber nachdachte, konnte Dan eigentlich überhaupt keinen Grund dafür nennen, warum er diesen Kerl so mochte.

Er stieg aus dem Auto, und Rimmer klopfte ihm auf die Schulter.

»Na, junger Spund, wie geht’s dir denn so?«

»Ach, weißt du, Bill, ehrlich gesagt hatte ich heute Abend eigentlich was Besseres vor.«

»Mir kommen die Tränen, Dan Prior. Wollen wir los?«

»Warum nicht? Alle anderen sind ja offenbar schon da. Hast du die Nachrichten gehört?«

»Klar. Und während ich hier gewartet habe, ist gerade ein Fernsehteam vorbeigefahren.«

»Na, wunderbar.«

»Dieser alte Wolf hat sich für sein Debüt wirklich einen passenden Ort ausgesucht.«

»Wir wissen doch nicht einmal, ob es überhaupt ein Wolf gewesen ist.«

Sie stiegen in Rimmers Pick-up und fuhren die Main Street hinunter. Es war beinahe halb acht, und Dan fragte sich besorgt, ob noch genügend Licht sein würde, denn es war immer einfacher, den Ort des Geschehens bei Tageslicht nach Spuren zu untersuchen. Weit größere Sorgen bereitete ihm allerdings der Gedanke an die vielen Menschen, die sich mittlerweile am Schauplatz dieses sogenannten »Angriffs« herumtrieben. Wenn es überhaupt irgendwelche Spuren gegeben hatte, waren sie wahrscheinlich längst verwischt.

Er machte seinen Job jetzt etwa genauso lange wie Rimmer. Ihre Vorgänger hatten beide eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung dieses Programms gespielt und bald darauf aus etwa den gleichen Gründen aufgehört. Sie waren »auf den Wolf gekommen« – hatten es satt, von den Ranchern angepöbelt zu werden, weil sie nicht genug gegen die Ausbreitung der Wölfe taten, und von Umweltschützern, weil sie ihnen nicht mehr Unterstützung gewährten. Sie standen einfach immer auf der falschen Seite.

Rimmer arbeitete für eine Unterabteilung des Landwirtschaftsministeriums, die sich um Wildschäden kümmerte, und war gewöhnlich der erste, der angerufen wurde, wenn ein Rancher Probleme mit Raubtieren hatte, sei es nun ein Bär, ein Kojote, ein Berglöwe oder ein Wolf. Er war zugleich Richter, Geschworener und, falls nötig, auch Henker. Ein ausgebildeter Biologe, der aus seiner Zuneigung für diese Tiere lieber ein Geheimnis machte. Dies sowie sein geschickter Umgang mit Falle und Gewehr hatten ihm den Respekt selbst derjenigen eingebracht, die ein eingefleischtes Misstrauen gegen Staatsbeamte hegten.

Weil er wie ein Cowboy aussah, aber auch durch seine lockere, lakonische Art, war er Dan gegenüber im Vorteil, wenn es darum ging, aufgebrachte Rancher zu beschwichtigen, die ein Kalb oder ein Schaf durch einen Wolf verloren hatten (oder verloren zu haben glaubten). Für solche Leute würde Dan stets der Außenseiter von der Ostküste bleiben. Der eigentliche Unterschied zwischen ihnen beiden aber war der, dass die Rancher in Rimmer einen Mann sahen, der ihnen helfen konnte, während sie Dan für einen der Leute hielten, die das Problem verursacht hatten. Aus ebendiesen Gründen war Dan froh, wenn er Rimmer an seiner Seite wusste, vor allem in einer Situation wie der, die sie nun erwartete.

Sie ließen den letzten Streifen Asphalt hinter sich und bogen auf den grauen Kiesweg ein, der sich durch das Tal hinauf zu den Bergen schlängelte. Eine Weile fuhren sie, ohne ein Wort zu sagen, lauschten nur auf die Räder, die über den Kies knirschten und hinter dem Wagen eine Staubwolke aufwirbelten. Durch die offenen Fenster wehte warme Abendluft herein. Zwischen der Straße und dem schattigen Grün der Pyramidenpappeln am Fluss hielt ein Falke Ausschau nach einem abendlichen Imbiss. Schließlich brach Dan das Schweigen.

»Hast du je von einem Wolf gehört, der versucht, sich ein Baby zu schnappen?«

»Noch nie. Wahrscheinlich ist er von Anfang an hinter dem Hund her gewesen.«

»Glaub ich auch. Was ist mit diesem Calder? Kennst du den?«

»Ich habe ihn einige Male getroffen, ein ziemlicher Brocken.«

»Was soll das denn heißen?«

Rimmer grinste, ohne ihn dabei anzuschauen, und schob seinen Hut mit dem Zeigefinger ein wenig höher.

»Wirst schon sehen.«

Das Tor zur Ranch der Calders war eine wuchtige Konstruktion aus verwittertem, massivem Kiefernholz, an dessen Querbalken der Schädel eines Longhornochsen hing. Dan musste an den Eingang zum »Cañon des Verhängnisses« denken, einer Wildwestachterbahn, die ihm und Ginny letztes Jahr in Florida eine Heidenangst eingejagt hatte.

Sie rumpelten über den Weidenrost, vorbei an dem Holzschild, auf dem »Calder Ranch« stand. Auf dem kleineren, frisch gemalten Schild darunter stand einfach nur »Hicks«. Dan nahm nicht an, dass das irgendwie witzig gemeint war.

Sie fuhren unter dem Schädel hindurch und folgten etwa eine Meile weit dem sich zwischen kleinen, buschbewachsenen Hügeln durchschlängelnden Weg, bis schließlich die Calder-Ranch vor ihnen auftauchte. Imposant thronte das Gebäude auf dem nach Süden gewandten Hang eines niedrigen Felsens, der vermutlich Schutz vor winterlichen Schneestürmen, vor allem aber einen eindrucksvollen Blick über die besten Weiden des Calderschen Reiches bot. Das Haus war aus massivem, hellem Holz gebaut und zwei Stockwerke hoch, doch derart langgestreckt, dass man glaubte, ein flaches, unverrückbar im Boden verankertes Gebäude vor sich zu haben.

Vor dem Haus lag ein breiter, betonierter Hof, an dessen einer Seite sich eine beeindruckende Ansammlung von weißen, frisch gestrichenen Scheunen befand, während auf der anderen Seite drei silberne Futtersilos standen, die sich wie Raketen über ein Netzwerk von Pferchen erhoben. In der Weide dahinter wuchs aus der Karosserie eines Fords Model T eine breitkronige Pyramidenpappel, deren Stamm vom gleichen Rotbraun wie das Fell der unter ihm grasenden Pferde war. Sie hoben die Köpfe, um dem Lieferwagen und seiner Staubwolke nachzuschauen.

Der Wagen bog nach links, und zwei Meilen später sahen sie in der zunehmenden Dämmerung das dunkelrote Haus der Hicks auf einer Hügelkuppe liegen. Rimmer fuhr langsamer, damit sie sich die Szene, die sich ihnen bot, in Ruhe betrachten konnten.

Sechs oder sieben Fahrzeuge parkten vor dem Haus, und auf der hinteren Veranda war eine kleine, teilweise von der Hausecke verdeckte Menschenmenge zu sehen. Offenbar hatte jemand einen Scheinwerfer aufgestellt, und gelegentlich leuchtete der Blitz eines Fotoapparats auf. Dan seufzte.

»Ich will wieder nach Hause.«

»Ein ziemlicher Zirkus, was?«

»Ja, und wir sind die Clowns.«

»Ich dachte eher an die römische Variante; du weißt schon, einen von der Sorte, in dem man den Löwen zum Fraß vorgeworfen wird.«

»Sehr aufmunternd, Bill.«

Sie stellten den Wagen neben den anderen Fahrzeugen ab, gingen hinauf zum Haus und gesellten sich zu den übrigen Leuten auf der Veranda. Dan vernahm eine Stimme und wusste sofort, wem sie gehörte.

Eine junge Fernsehreporterin stand im Flutlicht und interviewte Buck Calder. Sie trug ein rotes Kostüm, das ihr mindestens zwei Nummern zu klein war. Calder ragte turmhoch über ihr auf. Er war groß, fast so groß wie Bill Rimmer, aber weit kräftiger gebaut. Seine Schultern waren so breit wie das Fenster in seinem Rücken.

Er trug einen hellen Stetson und ein weißes Hemd mit Druckknöpfen, das seine Bräune noch betonte. Im Licht des Scheinwerfers funkelten die Augen in fahlem Graublau, und Dan begriff, dass es nicht die Statur, sondern vor allem die Augen waren, die diesen Eindruck von Macht hervorriefen. Und diese Augen starrten die junge Reporterin lächelnd, doch mit einer solchen Intensität an, dass sie wie hypnotisiert schien. Dan wusste, dass Calder Großvater war, und hatte sich ihn auch so vorgestellt, doch vor ihm stand ein Mann im besten Alter, der ganz offensichtlich wusste, welche Wirkung er auf andere hatte.

Kathy und Clyde Hicks neben ihm sahen längst nicht so gelassen aus. Kathy hielt das Baby, das mit verwundert aufgerissenen Augen seinen Großvater anstarrte. Neben ihnen war ein Tisch zu sehen, auf dem eine breite, gelbe Masse lag. Dan brauchte eine Weile, bis ihm dämmerte, dass dies der tote Hund war.

»Der Wolf ist ein Killer«, sagte Calder. »Er fällt alles an, was ihm in die Quere kommt. Und wäre dieser arme, tapfere Hund nicht gewesen, hätte er sich bestimmt meinen kleinen Enkel geschnappt. Allerdings wäre ihm von Buck junior vorher bestimmt noch ein kräftiger Nasenstüber verpasst worden.«

Die Leute, etwa ein Dutzend, lachten. Dan kannte den Fotografen und den jungen Mann, der sich Notizen machte; sie gehörten zur Lokalpresse. Er hatte keine Ahnung, wer die anderen waren. Vermutlich Nachbarn und Familienangehörige. Doch zu zwei Gesichtern kehrte sein Blick immer wieder zurück: zu einer eleganten Frau, Dan schätzte sie auf Mitte vierzig, und zu einem hochgewachsenen jungen Mann so um die Zwanzig an ihrer Seite. Sie standen im Schatten, ein wenig abseits. Dan fiel auf, dass sie beide nicht mitlachten.

»Calders Frau und sein Sohn«, flüsterte ihm Rimmer zu.

Die Frau hatte ihr dichtes, schwarzes, doch von grauen Strähnen durchzogenes Haar nachlässig hochgesteckt, so dass ihr langer, blasser Hals zu sehen war. Sie strahlte eine Art melancholischer Schönheit aus, deren Widerschein auch im Gesicht ihres Sohnes zu finden war.

Plötzlich war es auf der Veranda still geworden. Von Calders Blick wie verhext, hatte die Fernsehreporterin ihren Text vergessen. Calder grinste sie an und zeigte dabei die weißen, makellosen Zähne eines Filmstars.

»Wollen Sie mir noch eine Frage stellen, Sweetheart, oder sind wir fertig?«

Das folgende Gelächter ließ sie erröten. Sie schaute sich hilfesuchend zum Kameramann um, der ihr zunickte.

»Ich denke, wir sind fertig«, sagte sie. »Vielen Dank, Mister Calder. Das war wirklich … das war wirklich … einfach großartig.«

Calder nickte, entdeckte dann über die Köpfe hinweg Dan und Rimmer und winkte sie herbei. Alle drehten sich zu ihnen um.

»Ich sehe da ein paar Jungs, denen Sie vielleicht noch einige Fragen stellen möchten. Ich hätte jedenfalls gern so einiges von ihnen gewusst.«

Aus der Dunkelheit der Scheune blickte Luke Calder über den Hof dorthin, wo sie den Kadaver untersuchten. Er kniete im offenen Tor und streichelte Maddie. Sie lag da, den Kopf auf den Pfoten, schaute zu ihm auf, leckte sich die alte, grau gewordene Schnauze, und Luke streichelte die Hündin so lange, bis sie sich endlich ein wenig beruhigte.

Rimmer hatte eine Plastikplane über die Heckklappe seines Pick-ups gebreitet und den Labrador darauf gelegt. Er stellte einige Lampen auf, damit er sehen konnte, was er mit seinem Messer tat. Der andere Mann, der mit Rimmer gekommen war, der Wolfexperte, filmte die Prozedur, während Lukes Vater und Clyde daneben standen und schweigend zusahen. Seine Mutter und Kathy waren im Haus und bereiteten das Abendbrot. Alle anderen waren zum Glück endlich nach Hause gefahren.

Dieser Alptraum von Frau, diese Fernsehreporterin, hatte gefragt, ob sie bleiben und die Untersuchung filmen könne, aber Rimmer war entschieden dagegen gewesen. Der Wolfstyp, dieser Prior, hatte sich bereit erklärt, einige ihrer blöden Fragen zu beantworten, dabei aber eigentlich nichts gesagt und sie schließlich bestimmt, aber höflich fortgeschickt, da sie ihre Arbeit zu erledigen hätten, solange der Hundekadaver noch warm war.

Sie häuteten ihn wie ein Reh, während Rimmer unablässig zur Kamera redete und laut erklärte, was er tat und was er sehen konnte. Luke schaute zu, als er Princes Fell wie einen Gummistrumpf vom blutigen, rosafarbenen Muskelfleisch abzog.

»Schwere innere Blutungen und weitere Bissspuren am Halsansatz. Die Wunden sind ziemlich tief. Kannst du sie sehen, Dan? Hier, ich messe mal. Die Löcher der Schneidezähne sind vier, fast fünf Zentimeter auseinander. Muss ein ziemlich großes Tier sein.«

Offenbar war es das Alpha-Männchen gewesen, dachte Luke, der große Schwarze.

Luke wusste schon seit einigen Monaten, dass es oben in den Bergen Wölfe gab. Zum ersten Mal hatte er sie im Winter gehört, als das Land unter einer dicken Schneedecke lag und er mit seinen Skiern dort war, wo er sich am liebsten aufhielt, nämlich so weit fort von aller Welt wie nur irgend möglich.

Er hatte Spuren gefunden und gleich gewusst, dass sie für Kojoten viel zu groß waren. Als er ihnen folgte, stieß er auf den Kadaver eines frisch erlegten Elchs.

Und dann, an einem Tag im April, hatte er den Schwarzen gesehen.

Er war ihm erst auf Skiern gefolgt, dann zu Fuß auf einen Gebirgskamm nachgeklettert, um dort eine Rast einzulegen. Es war ein wolkenloser Tag, noch kalt, aber der Frühling lag schon in der Luft. Und wie er auf einem Felsbrocken saß und ins nächste Tal hinabschaute, sah er den Wolf unter den Bäumen hervortrotten. Er suchte sich seinen Weg über eine kleine, mit schmelzendem Schnee bedeckte Weide, die an ihrem oberen Ende in einen mit Geröll bedeckten Abhang überging. Aber plötzlich war der Wolf einfach darin verschwunden, so dass Luke sich schon fragte, ob er das Ganze nur geträumt hatte.

Dort oben hatte sich das Weibchen ihre Höhle gemacht. Und in den folgenden Wochen sah Luke auch die anderen. Als der Schnee schmolz, ritt er öfter hin, achtete aber stets darauf, sich gegen den Wind zu nähern, band Moon Eye in gehöriger Entfernung an und kletterte stets zum selben Kamm hinauf. Die letzten Meter pirschte er sich auf dem Bauch heran, das Fernglas in der Hand, zwischen den Felsen hindurch, bis er auf die Weide hinabsehen konnte. Und dort lag er dann oft stundenlang, sah manchmal keinen Wolf, manchmal alle zusammen.

Er hatte niemandem davon erzählt.

Später, an einem Nachmittag in der ersten Maiwoche, sah er die Welpen. Ihr Fell war noch flaumig und dunkel, und sie hielten sich noch nicht besonders sicher auf den Beinen, als sie zu fünft aus der Höhle hervorkrochen und sich blinzelnd in den Sonnenschein hockten. Stolz stand die Mutter daneben, während der Vater und zwei Jungtiere die Kleinen begrüßten und sie mit der Schnauze anstupsten, als wollten sie die Neuankömmlinge in der Welt willkommen heißen.

Gegen Ende Juni verschwanden sie, und eine Zeitlang fürchtete Luke, sie seien getötet worden, doch dann fand er sie hoch oben im Cañon auf einer anderen Weide wieder. Der Platz schien ihm sicherer zu sein, umsäumt von Bäumen und sanft zu einem Bach hin abfallend, in dem die Welpen sich balgten und herumplanschten. Und auf dieser Wiese konnte Luke eines Morgens auch eines der Jungtiere beobachten, wie es voller Stolz von einem Jagdausflug zurückkehrte. Die Welpen rannten ihm über die Wiese entgegen, begrüßten es, rempelten es an und leckten ihm das Gesicht ab, bis es zu grinsen schien, gähnte und Fleisch auswürgte – Futter für die Kleinen, ganz so, wie es in den Büchern stand.

Während sich die Wiese mit Blumen füllte, sah Luke die Welpen Bienen und Schmetterlinge jagen, schaute zu, wie sie lernten, Mäuse zu fangen, und oft waren sie so komisch, dass er Mühe hatte, nicht laut aufzulachen. Manchmal, wenn Mutter oder Vater dösend in der Sonne lag, robbten die Kleinen auf ihren Bäuchen durch Sumpfdotterblumen und üppiges, hohes Gras heran. Luke war überzeugt, dass die Eltern wussten, was los war, dass sie die Kleinen aber gewähren ließen und nur so taten, als würden sie schlafen. Sobald sie nahe genug bei den Alten waren, sprangen die Welpen auf, und plötzlich spielten alle verrückt, die ganze Meute jagte über die Wiese, alle tollten herum, schnappten nacheinander, und das Spiel ging weiter und immer weiter, bis schließlich sämtliche Tiere erschöpft in einem großen Fellhaufen zusammensanken.

Während Luke ihnen zusah, stieß er stumm ein kleines Gebet aus, nicht zu Gott, für dessen Existenz er bislang nur wenig Beweise hatte, sondern zu dem, was diese Art Dinge zu entscheiden hatte, flehte, dass die Wölfe so clever sein würden, dort oben zu bleiben, wo sie sicher waren, und dass sie sich nicht hinunter ins Tal wagten.

Doch jetzt war es geschehen. Einer von ihnen war gekommen.

Und als er zusah, wie sein Vater sich da auf der Veranda im Licht der Scheinwerfer sonnte, war Luke auf den Wolf wütend geworden, nicht weil er den Hund seiner Schwester, den er immer sehr gerngehabt hatte, getötet hatte, sondern weil das Leben aller anderen Wölfe so dumm, so rücksichtslos von ihm aufs Spiel gesetzt wurde. Ahnte er denn nicht, dieser Trottel von einem Wolf, was die Leute hier unten von Wölfen hielten?

Lukes Vater wusste genau, wie gut sein Sohn die Berge kannte, dass er sich ständig dort oben herumtrieb, allein, obwohl er eigentlich auf der Ranch helfen sollte, so wie man es von den Söhnen der Rancher eben erwartete. Und bevor heute Abend all diese Leute aufgetaucht waren, hatte ihn sein Vater gefragt, ob er da oben Wolfsspuren entdeckt hätte.

Luke hatte den Kopf geschüttelt, doch statt es dabei zu belassen, hatte er aus irgendeinem idiotischen Grund hinzugefügt: Nein, er habe nichts entdeckt. Die Lüge ließ ihn ebenso über das nein wie über das nichts stolpern, weshalb er mehr als gewöhnlich stotterte, so dass sein Vater ging, ehe er den Satz herausgebracht hatte.

Luke ließ ihn unausgesprochen verhallen, so wie die vielen anderen Sätze, die unausgesprochen in ihm lagen.

Die Untersuchung auf dem Hof war inzwischen beendet. Dan Prior hatte die Kamera ausgeschaltet und half Rimmer beim Saubermachen. Lukes Vater und Clyde gesellten sich zu ihnen, und die vier Männer begannen ein Gespräch, doch waren ihre Stimmen jetzt so leise, dass Luke sie nicht mehr verstehen konnte. Er streichelte den alten Hund ein letztes Mal, stand auf, trat aus der Scheune und ging zu den Männern hinüber, blieb aber in einigen Metern Entfernung stehen und hoffte, dass man ihn nicht weiter beachten würde.

»Nun, das war ein Wolf, daran besteht kein Zweifel«, sagte Rimmer.

Lukes Vater lachte. »Haben Sie vorher etwa Zweifel gehabt? Meine Tochter hat ihn mit eigenen Augen gesehen, und ich denke doch, dass sie einen Wolf von einem Specht unterscheiden kann.«

»Aber sicher, Sir.«

Sein Vater entdeckte ihn, und Luke verfluchte, dass er die Scheune verlassen hatte.

»Meine Herren, das hier ist mein Sohn Luke. Luke, dies sind Mr. Prior und Mr. Rimmer.«

Luke bezwang den instinktiven Wunsch, sich umzudrehen und wegzulaufen, statt dessen ging er auf die Männer zu und gab ihnen die Hand. Sie sagten beide hallo, doch Luke nickte nur und wich ihrem Blick aus, damit sie nicht auf die Idee kamen, mit ihm zu reden. Sein Vater riss wie gewohnt die Unterhaltung sofort wieder an sich, bewahrte ihn damit vor der Teilnahme am Gespräch, hinderte ihn zugleich aber auch daran, sich zu beweisen. Luke wusste den Grund, weshalb sein Vater ihn immer wieder so geschickt zum Verstummen brachte: Man sollte nicht erfahren, dass er einen Stotterer zum Sohn hatte.

»Warum habt ihr Jungs uns eigentlich nie erzählt, dass es hier Wölfe in der Gegend gibt?«

Prior versuchte, ihm auf seine Frage eine Antwort zu geben.

»Nun, Mr. Calder, wir haben immer gewusst, dass Wölfe hin und wieder über die Kontinentalsperre der Rockys hierherziehen. Und wie Sie vielleicht wissen, hat ihre Zahl in den Staaten wieder zugenommen …«

Sein Vater lachte zynisch. »Was Sie nicht sagen.«

»Und da sie manchmal ziemlich weite Entfernungen zurücklegen, ist es nicht immer einfach, jederzeit zu wissen, wo sie sich gerade aufhalten oder …«

»Ich dachte, Sie verpassen ihnen ein Halsband mit Peilsender?«

»Manchen, Sir, nicht allen. Und Ihre Tochter ist sich sicher, dass dieser Wolf kein Halsband getragen hat. Bis heute hatten wir außerdem keinerlei Anzeichen für irgendwelche Aktivitäten von Wölfen in dieser Gegend. Vielleicht haben wir es hier mit einem Streuner zu tun, einem Einzelgänger, der sich von seinem Rudel getrennt hat, das möglicherweise viele Meilen entfernt lebt. Vielleicht stromert er auch mit anderen Tieren herum, die mit einem Halsband gekennzeichnet sind. Eben das wollen wir ja herausfinden, und deshalb werden wir ab morgen nach ihm suchen.«

»Tja, das will ich hoffen, Mr. Prior. Genauso wie Clyde hier, wie Sie sich gewiss denken können.« Er legte den Arm um seinen Schwiegersohn. Clyde schien sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut zu fühlen, brachte aber ein ernstes Kopfnicken zustande.

»Was wollen Sie tun, wenn Sie die Tiere gefunden haben?«

»Ich glaube, wir müssen erst mehr über sie wissen, ehe wir dazu etwas sagen können«, antwortete Prior. »Ich kann jedenfalls verstehen, dass Sie ziemlich aufgebracht sind; doch falls es Ihnen ein Trost ist, lassen Sie mich Ihnen sagen, dass bislang in Nordamerika noch niemals ein Mensch von einem gesunden, wilden Wolf getötet worden ist.«

»Wirklich?«

»Ja, Sir. Aller Wahrscheinlichkeit nach war dieser Wolf hier von Anfang an hinter dem Hund her. Vermutlich ging es um irgendwelche Revieransprüche.«

»Ach ja? Sagen Sie, Mr. Prior, woher kommen Sie?«

»Ich wohne in Helena, Sir.«

»Nein, ursprünglich, meine ich; wo sind Sie geboren und aufgewachsen? Irgendwo im Osten, nehme ich an.«

»Ja, stimmt. Ich komme aus Pittsburgh.«

»Pittsburgh, hm, aus der Stadt also.«

»Ja, Sir, aus der Stadt.«

»Also ist das wohl Ihr Revier, oder?«

»Nun ja, in gewisser Weise.«

»Dann lassen Sie mich Ihnen etwas sagen, Mr. Prior.«

Er schwieg kurz, doch Luke kannte den Blick seines Vaters, diese Andeutung eines Lächelns, die aufblitzende Verachtung, die Luke sein Leben lang gefürchtet hatte, da sie jedes Mal eine vernichtende Bemerkung ankündigte, irgendeine witzige, bissige Wortspielerei, nach der man sich am liebsten irgendwo verkrochen hätte.

»Das hier ist unser Revier«, fuhr sein Vater fort. »Und wir erheben darauf auch durchaus ›irgendwelche Revieransprüche‹.«

Es folgte angespanntes Schweigen, in dem der Blick seines Vaters diesen Prior wie in einem Schraubstock gefangen hielt.

»Wir wollen hier keine Wölfe, Mr. Prior.«

3

Buck Calder wurde auf den Namen Henry Clay Calder III. getauft, doch hatte ihm die Vorstellung noch nie behagt, der dritte oder auch nur der zweite von irgendwas zu sein, und für alle, die ihn mochten oder auch nicht, war er stets Buck und nicht Henry gewesen.

Den Spitznamen Buck, also Bock, hatte er mit vierzehn erhalten, als er in einem Rodeo der Highschool sämtliche Preise abräumte und erst, als er alles gewonnen hatte, damit herausrückte, dass er sich zwei Finger gebrochen und das Schlüsselbein angeknackst hatte. Doch selbst damals schon war die eher auf die Fleischeslust bezogene Nebenbedeutung seines Namens den aufgeklärteren Klassenkameradinnen kein Geheimnis mehr. Sie tuschelten hinter vorgehaltener Hand über ihn, besonders einmal, als sein Name an einer Wand der Mädchentoilette auftauchte, wo er sich auf ein Wort reimte, von dem er sich nur durch einen Buchstaben unterschied.

Hätte irgendeines dieser Mädchen es gewagt, solcherlei Geheimnisse ihrer Mutter anzuvertrauen, wäre es vielleicht auf weniger Erstaunen gestoßen als vermutet. Denn die vorhergehende Generation von Schulmädchen hatte ähnliche Gefühle für seinen Vater, Henry IL, gehegt. Offenbar kannte dieser eine besondere Kussmethode, die ein Mädchen nicht so schnell vergaß. Eine gewinnende Art im Umgang mit Frauen schien also im Genpool der männlichen Calders angelegt zu sein.

Von Bucks Großvater, Henry I., sind derart intime Details nicht überliefert. Die Geschichte gibt nur Zeugnis seiner Robustheit, denn er war es, der 1912 einige Kühe und ein paar Hühner, eine junge Braut und ihr Klavier auf einen Zug Richtung Akron, Ohio, lud und gen Westen aufbrach.

Als sie ankamen, mussten sie feststellen, dass das beste Land bereits vergeben war, so dass Henry sich schließlich eine Parzelle weit draußen bei den Bergen absteckte, dort, wo noch niemand dumm genug gewesen war, es überhaupt zu versuchen. Er baute sein Haus, wo heute das große Ranchgebäude steht. Und während zahllose andere Rancher aufgaben, vertrieben von Dürre, Wind und von Wintern, die so kalt waren, dass selbst die widerstandsfähigsten Tiere eingingen, haben die Calders irgendwie überlebt; nur das Klavier hatte es nicht geschafft; es klang nach dem Treck einfach nie wieder so wie vorher.

Henry kaufte das Land, das seine Nachbarn nicht mit Gewinn bewirtschaften konnten, und nach und nach breitete sich die Ranch der Calders immer weiter ins Tal hinab in Richtung Hope aus. Voller dynamischem Ehrgeiz gab er dem ersten Sohn seinen eigenen Namen und setzte dann alles daran, das verschnörkelte HC zu einem Brandzeichen zu machen, auf das man stolz sein konnte.

Bucks Vater war nie aufs College gegangen, doch in jeder freien Minute, in der er nicht den Frauen nachstellte, las er alles über Viehzucht, was ihm in die Finger kam. Er besorgte sich über die Bibliothek spezielle Bücher, von denen er irgendwo gehört hatte, und ließ sich sogar aus Europa Zeitschriften über Viehhaltung zuschicken. Sein Vater fand einige Artikel, die der junge Henry ihm vorlas, zu neumodisch, doch war er klug genug, dem Jungen zuzuhören. Auf Drängen seines Sohnes stellte er den Viehbestand auf eine reinrassige Herefordzucht um, und je mehr Entscheidungen er seinem Sohn überließ, desto prächtiger gedieh die Herde.

Buck wuchs mit all dem Selbstbewusstsein und jenem nicht geringen Maß an Arroganz heran, die eine solche gesellschaftliche Stellung einem Kind vermitteln kann. Keine Ranch war so groß wie die ihre, kein Rancher so klug wie sein Vater. Manch einer hatte erwartet – und insgeheim vielleicht auch gehofft –, dass sich die legendäre Energie der Calders in den Adern des dritten Henry verausgabt haben würde, doch schien sie sich eher noch zu verstärken. Buck besaß zwei ältere Schwestern und zwei jüngere Brüder, doch von Anfang an stand fest, dass er der einzig wahre Erbe des Calder-Reichs war.

Buck ging in Bozeman aufs College und beschäftigte sich mit Gentechnik. Und als er zurückkam, half er, die Ranch noch weiter voranzubringen. Er begann damit, für jedes einzelne Tier, das sie aufzogen, ein Protokoll über dessen Leistungen zu führen. Verlauf der Geburten, Mutterverhalten, Gewichtszunahme, Eigenarten und vieles mehr wurden genau untersucht und entsprechend rigoros korrigiert. Die Nachkommenschaft derer, die diese Tests bestanden, gedieh prächtig, die Tiere aber, die zu wünschen übrig ließen, kamen zum Schlachter.

Grundsätzlich unterschied sich dieses Vorgehen kaum von dem, was andere Rancher und Farmer seit Jahren taten. Der Gedanke, minderwertiges Vieh auszusortieren, war nicht gerade neu, doch die Kompromisslosigkeit, mit der dies auf der Calder-Ranch geschah, war es. Bucks Änderungen bewirkten auf allen Gebieten dramatische Leistungssteigerungen, und bald waren sie bei den Viehhaltern des Landes in aller Munde. Der erste Henry Calder starb in dem beruhigenden Wissen, dass seine Nachkommen seine Kraft und Stärke bis ins nächste Jahrhundert tragen würden.

Doch Buck hatte erst angefangen. Kaum war der alte Herr unter der Erde, forderte er, dass sie von reinrassigen Herefords auf Black-Angus-Rinder umstellen sollten. Sie seien bessere Muttertiere, behauptete er, und bald würde man sie überall halten. Sein Vater erklärte ihn für verrückt. Offenbar wollte er alles aufgeben, wofür sie in den letzten Jahren gearbeitet hatten. Doch Buck überredete ihn, ihn wenigstens zum Vergleich ein paar dieser Rinder aufziehen zu lassen.

Fast vom ersten Tag an übertraf die kleine Herde die Herefords in jeder Hinsicht. Sein Vater gab nach und erklärte sich bereit, die ganze Herde auszutauschen, und schon nach wenigen Jahren stach Calder als Lieferant von reinrassigen Black-Angus-Rindern jede Konkurrenz aus. Bullen von Calder und die Güte ihres Samens waren im ganzen Westen und darüber hinaus bekannt.

Mit seinem eigenen Samen ging Buck Calder etwas sorgloser um. Er verteilte seine Gunst großzügig und in weitem Umkreis. Es gab kaum ein anständiges Hurenhaus zwischen Billings und Boise, das er nicht mit seinen Besuchen beehrte. Und er prahlte, dass ein echter Mann drei unveräußerliche Rechte besitze: das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf Frauen.

Es gab zwei Sorten Frauen, hinter denen er her war, und die einen, mit denen er sich traf, wussten nichts von den anderen, die er bezahlte. Das war um so überraschender, als einige der ersteren Brüder und Vettern hatten, die nur zu gut über die letzteren Bescheid wussten. Ein oder zwei dieser jungen Männer hatten sogar miterlebt, wie Buck zum Bock wurde, und hatten schallend über das Motto der Calders gelacht, das diese eines Abends in angetrunkenem Zustand zum besten gaben, als sie grölten, Frauen seien nur dazu da, sie wie ein Bock zu besteigen und dann aus dem Gedächtnis zu streichen.

Das Stillschweigen seiner Freunde, das sich wohl weniger der Loyalität als vielmehr der Angst verdankte, selbst in Verruf zu geraten, ermöglichte es Buck, bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr für nichts Schlimmeres als das gehalten zu werden, was man in dieser Gegend noch heute verschämt einen »lady’s man« nennt und ihn keineswegs daran hinderte, allgemein – von ein paar Spielverderbern und einigen übermäßig scharfsinnigen Menschen einmal abgesehen – für Hopes begehrtesten Junggesellen gehalten zu werden.

Als er dreißig wurde, hatten sich die meisten Frauen seines Alters, auch jene, die ihn in der Highschool so aufregend gefunden hatten, nach anderen Männern umgesehen und sie auch gefunden. Sie waren allesamt verheiratet, die meisten bereits Mütter, und Buck ging inzwischen mit ihren jüngeren Schwestern aus. Wie bei seinem Vater fiel sein Blick schließlich auf eine Frau, die zehn Jahre jünger war als er.

Eleanor Collins war die Tochter des Besitzers eines Eisenwarenladens in Great Falls und hatte gerade ihre Ausbildung als Physiotherapeutin beendet. Buck war einer ihrer ersten Patienten.

Er hatte sich die Schulter verrenkt, als er einen umgestürzten Heuwagen aus einem Bach wuchten wollte. Nach seinem letzten Besuch in der Klinik hatte er über die ältere Frau, die an ihm herumgezerrt und ihn mit ihren Fäusten bearbeitet hatte, gelästert, sie erinnere ihn in Aussehen und Charme an einen russischen Panzerkommandanten. Als er dann diese junge Göttin durch die Tür des Behandlungszimmers treten sah, glaubte er, eine Assistentin oder Krankenschwester vor sich zu haben.

Sie trug einen weißen Kittel, der eng genug war, um Bucks erfahrenem Auge zu verraten, dass sie jene Art Figur besaß, die er bevorzugte: schlank und geschmeidig, doch mit vollen Brüsten. Ihre Haut war wie Elfenbein, und sie hatte das lange, schwarze Haar mit Perlmuttkämmen hochgesteckt. Sie ließ sein Lächeln unerwidert, musterte ihn bloß mit diesen schönen, grünen Augen, fragte ihn, wo es weh tue, und sagte, er solle sein Hemd ausziehen. Herrgott, dachte sich Buck, so etwas liest man sonst nur im Playboy.

Wäre Eleanor Collins seinem Charme erlegen, den er sofort spielen ließ, wäre sie einverstanden gewesen, ihn mittags auf eine Tasse Kaffee zu treffen, hätte sie auch nur einen einzigen Augenblick lang gelächelt, wäre vielleicht alles ganz anders gekommen.

Monate später erzählte sie ihm, dass sie an diesem Tag nervös wie ein Eichhörnchen gewesen sei, dass sie, sobald ihr Blick auf ihn gefallen war, gewusst habe, dass dies der richtige Mann für sie sei und es ihr äußerst schwergefallen war, ihre Gefühle hinter der Maske professionellen Desinteresses zu verbergen. So kam es, dass Buck die Klinik mit brennender Schulter und brennendem Herzen verließ. Letzteres verriet ihm, dass es sich diesmal nicht um einen Fall von »Bumsen und Vergessen« handelte, denn normalerweise spürte er das Feuer in tiefer gelegenen Körperregionen. Nein, er hatte endlich die Frau getroffen, die er heiraten wollte.

Zu den Warnsignalen, auf die Eleanor hätte achten sollen, zählte vor allem die stille, resignierte Traurigkeit in den Augen von Bucks Mutter. Sie hätte ihr sagen können, welchen Tribut jede Frau zahlen musste, die einen erstgeborenen Calder heiraten wollte. Doch Eleanor entdeckte an ihrer künftigen Schwiegermutter nur die gemeinsame und verständliche Bewunderung für dieses attraktive, charmante Energiebündel von einem Mann, für eben jenen Mann, der sie unter allen Frauen dazu auserwählt hatte, sein Leben mit ihm zu teilen und seine Kinder zur Welt zu bringen.

Ihre Weigerung, mit ihm zu schlafen, solange sie nicht verheiratet waren, stachelte Bucks Leidenschaft nur noch mehr an. Eleanor blieb Jungfrau bis zur Hochzeitsnacht, in der sie dann auch, wie es sich gehörte, schwanger wurde. Ein Junge. Sein Name stand außer Frage. In Abständen von etwa zwei Jahren folgten zwei Töchter, Lane und Kathy.

»Seine besten Kühe lässt man nur einmal im Jahr bespringen«, sagte Buck zu seinen Saufkumpanen im Last Resort. »Nur so bekommt man die besten Kälber.«

Diesen Ausspruch konnte er besten Gewissens für die ersten drei Kinder gelten lassen. Henry IV. war durch und durch ein erstgeborener Calder, und manchmal, wenn sie gemeinsam auf die Jagd gingen, das Vieh zusammentrieben oder einen Zaun flickten, schüttelte Buck vor Stolz den Kopf über die rasche Auffassungsgabe des Jungen.

Herr im Himmel, dachte er, wie mächtig doch der Same ist. Und dann schaute er den kleinen Luke an und begann zu zweifeln.

Dieser zweite Sohn sah überhaupt nicht wie ein Calder aus. Eleanor hatte vier Jahre gebraucht und zwei Fehlgeburten gehabt, ehe er geboren wurde, und in dieser Zeit schien irgendwas mit den Genen der Calders passiert zu sein. Der Junge war das Ebenbild seiner Mutter: Er besaß ihre blasse irische Haut, das dunkle Haar, die gleichen wachsamen grünen Augen.

»Tja, er kommt ganz nach seiner Mutter«, hatte Buck im Krankenhaus gewitzelt, als er das Kind zum ersten Mal sah, »aber wer der Vater ist, das kann man ihm nicht ansehen.« Und seither nannte er den Jungen selbst vor Luke nur noch »deinen Sohn«.

Natürlich war es bloß ein Scherz. Er war viel zu stolz, um glauben zu können, irgendein Mann würde es wagen, ihm Hörner aufzusetzen, oder seine Frau würde ihn betrügen. Doch insgeheim dachte er sich, dass seine Gene zwar beteiligt, aber irgendwie nicht zu dem Jungen vorgedrungen waren oder, schlimmer noch, versagt hatten. Das glaubte er jedenfalls schon, bevor Luke zu stottern begann.

»Rede vernünftig«, sagte Buck bei Tisch zu ihm. Er brüllte nicht, er redete sanft, doch bestimmt. »Sag ›Kann ich bitte die Milch haben.‹ Mehr verlange ich doch gar nicht, Luke.«

Und Luke, gerade drei Jahre alt, saß da, versuchte es und scheiterte, versuchte es wieder und scheiterte erneut, und er bekam keine Milch, bis er weinte und Eleanor zu ihm ging, ihn umarmte und ihm die Milch gab, während Buck sie anbrüllte und dumm nannte, denn wie zum Teufel sollte der Junge vernünftig reden lernen, wenn sie sich jedes Mal einmischte?

Luke wuchs heran, und das Stottern wurde schlimmer. Die Kluft zwischen seinen Worten schien auf seltsame Weise mit der Kluft verbunden zu sein, die sich nach und nach in der Mitte der Familie auftat: Er und seine Mutter auf der einen, sein Vater auf der anderen Seite. So wurde er immer mehr zu Eleanors Sohn und war bald darauf auch ihr einziger Sohn.

Als Luke sieben Jahre alt war, starben zwei Henry Calders an einem verschneiten Novembertag bei einem Autounfall.

Der junge Henry, kaum fünfzehn Jahre alt, lernte Autofahren, und er saß am Steuer, als ein Reh vor ihnen über den Weg sprang. Die Straße war glatt wie Marmor, und als er ausweichen wollte, blockierten die Räder; der Wagen geriet ins Schleudern und schoss wie ein flügellahmer Vogel in die Schlucht. Das Rettungsteam fand sie drei Stunden später und entdeckte im Licht der Taschenlampen die schneebedeckten Leichen in einem Baum, steifgefroren und grotesk ineinander verschlungen wie bei einem Pas de deux.

Da der alte Henry schon sechsundsiebzig Jahre auf dem Buckel hatte, ließ sich sein Tod ein wenig leichter verschmerzen. Doch der Verlust eines Kindes gleicht dem Sturz in einen Abgrund, aus dem nur wenige Familien wiederkehren. Manche kriechen zurück ans Licht, wo die Erinnerung im Lauf der Zeit verblasst, doch andere verharren für immer in der Dunkelheit.

Die Calders fanden für sich eine Art Zwielicht, doch jeder auf anderem Weg. Der Tod des Jungen schien mit zentrifugaler Kraft auf die Mitglieder der Familie zu wirken. Sie fanden keinen Trost in gemeinsamer Trauer. Und wie schiffbrüchige Fremde strebte jeder allein an Land.

Lane und Kathy wurden am besten damit fertig, und sie flüchteten so oft und so lange wie möglich zu ihren jeweiligen Freunden. Ihr Vater hingegen verdrängte seinen Schmerz, verbreitete wie zur Entschädigung noch einige seiner Gene und suchte sexuellen Trost, wo immer er sich bot. Mit neuem Elan nahm er seine Eskapaden wieder auf, die durch die Eheschließung nur kurz unterbrochen worden waren.

Eleanor zog sich in ein fernes inneres Land zurück. Tagelang saß sie wie gebannt vor dem Fernseher. Bald kannte sie alle Schauspieler in sämtlichen Familienserien und sah dieselben Themen und dieselben Gesichter in den Vormittagsprogrammen wieder auftauchen. Sie sah Frauen ihre Ehemänner, die sie betrogen hatten, anschreien, sah Töchter, die ihren Müttern vorwarfen, ihre Kleider oder ihre Freunde zu stehlen. Schockiert stellte sie manchmal fest, wie sie in das Geschrei mit einstimmte.

Als sie das Fernsehen leid war, begann sie zu trinken, doch irgendwie gab ihr das nicht den richtigen Kick. Sämtliche Schnäpse, die sie probierte, schmeckten grauenhaft, selbst wenn sie sie mit reichlich Orangen- oder Tomatensaft vermischte. Der Alkohol ließ sie vergessen – doch nur die falschen Dinge. Sie fuhr den langen Weg nach Helena oder Great Falls, nur um dann festzustellen, dass sie nicht wusste, was sie dort sollte. Sie trank so überaus diskret, dass niemand Verdacht schöpfte, selbst dann nicht, wenn Brot oder Milch ausgingen, sie an zwei Abenden hintereinander das gleiche Essen auftischte oder einmal sogar das Abendessen ganz vergaß. Schließlich sah sie ein, dass sie sich nicht zur Alkoholikerin eignete, und hörte einfach damit auf.

Luke litt am stärksten unter ihrer Verschlossenheit. Ihm fiel auf, wie oft sie vergaß, zu ihm zu kommen und ihm einen Gutenachtkuss zu geben, und wie selten sie ihn in letzter Zeit umarmte. Sie nahm ihn zwar immer noch vor der Wut seines Vaters in Schutz, doch lustlos und ohne Eifer, als wäre es eine Pflicht, deren Sinn sie vergessen hatte.

Und so blieb unbemerkt, welche Schuldgefühle der Junge entwickelte.

Am Tag ihres Todes waren Bruder und Großvater unterwegs gewesen, ihn von seinem Sprachtherapeuten in Helena abzuholen. Und für die Logik eines Siebenjährigen war der Unfall allein schon deshalb seine Schuld. Mit einem Streich hatte er den Vater seines Vaters und dessen Lieblingskind getötet, den alten König und den Thronfolger der Calders.

In der Tat eine unglaubliche Last für einen kleinen Jungen.

4

Die rot-weiße Cessna 185 legte sich unter der kobaltblauen Kuppel des frühen Morgenhimmels in eine steile Kurve, ehe sie dann einen Augenblick, gleichsam gewichtslos, über den Gipfeln der Berge zu schweben schien. Während er den Flügel an der Steuerbordseite in die Sonne kippte und die Nase zum zwanzigsten Mal nach Osten ausrichtete, schaute Dan unmittelbar auf den Flugzeugschatten hinab, der in dreihundert Meter Tiefe wie der Geist eines Adlers über die uralten Kalksteinhänge huschte und aus seinem Blick verschwand.

Bill Rimmer saß neben ihm im engen Cockpit, den Empfänger auf dem Schoß, und ging methodisch immer wieder die Liste mit den Frequenzen aller markierten Wölfe durch, die es zwischen Kanada und Yellowstone gab. Auf beiden Flügeln des Flugzeugs war eine Antenne befestigt, und Bill schaltete ständig zwischen ihnen hin und her, während sie angestrengt auf das unverkennbare Klick-Klick-Klick eines Signals lauschten. Sie hatten gutes Flugwetter und wären wohl noch tiefer gegangen, wenn sie etwas mehr Wind gehabt hätten.

Es war nicht besonders einfach, in dieser Gegend nach Wölfen Ausschau zu halten. Den ganzen Morgen lang hatten sie die Hügel und Cañons durchkämmt, Augen und Ohren angestrengt, in die schattigen Schluchten zwischen den Bäumen gespäht und Bergkämme, Bäche und sanfte grüne Wiesen nach verräterischen Spuren abgesucht: einem Kadaver auf einer Lichtung, einem Schwarm Raben oder plötzlich flüchtenden Rehen. Wild hatten sie genug gesehen, Weiß- wie Schwarzwedelhirsche und sogar Elche. Als sie einmal dicht über eine weite Schlucht flogen, störten sie eine Grizzlybärin auf, die sich mit ihren Jungen an Buffalobeeren gütlich tat und erschreckt in den Schutz des Waldes flüchtete. Hier und da sahen sie auch etwas Vieh, das auf jenen Sommeralmen graste, die viele Rancher von der Forstverwaltung, dem Forest Service, pachteten. Doch einen Wolf oder gar mehrere Wölfe konnten sie nicht entdecken.

Rimmer hatte Dan am Abend zuvor zu seinem Wagen nach Hope gefahren, und sie hatten im Last Resort noch ein Bier getrunken. Die Kneipe war ein düsteres Loch, die Wände voller Jagdtrophäen, deren blinde Augen jede ihrer Bewegungen zu beobachten schienen, als sie sich mit ihren Gläsern an einen Tisch in der Ecke setzten. Am anderen Ende der Bar spielten zwei Rancharbeiter Billard und fütterten die Jukebox mit ihren Münzen, doch die Musik musste gegen das Fußballspiel im Fernseher über der Theke ankämpfen. Ein einsamer Säufer mit schweißfleckigem Hut erklärte der Frau hinter dem Tresen die Einzelheiten seines Tagesablaufs. Sie gab sich Mühe, interessiert dreinzuschauen, übertrieb es aber ein wenig. Bis auf diese drei Männer waren Dan und Rimmer die einzigen Gäste. Bei dem Gedanken an die Begegnung mit Calder kochte Dan noch immer vor Wut.

»Ein ziemlicher Brocken, habe ich dir doch gesagt.« Rimmer wischte sich den Schaum vom Schnauzbart.

»Stimmt, ein ziemlicher Kotzbrocken.«

»Ach, er ist schon in Ordnung. Hunde, die bellen, beißen nicht. Er ist eben einer von diesen Typen, die andere immer auf die Probe stellen müssen, die herausfinden wollen, wie stark man ist.«

»Ach so, darauf wollte er hinaus.«

»Sicher. Und du hast dich gut gehalten.«

»Besten Dank, Bill.« Er nahm einen großen Schluck und knallte das Glas dann klirrend auf den Tisch. »Verdammt, warum konnte er nicht noch eine Weile damit warten, diese verfluchten Reporter anzurufen?«

»Die werden bald wieder da sein.«

»Warum denn das?«

»Er hat mir erzählt, dass er den Hund beerdigen lassen will, weißt du, ein richtiges Hundebegräbnis, mit Grabstein und allem Drum und Dran.«

»Das ist doch nicht zu fassen.«

»Hat er jedenfalls gesagt.«

»Was glaubst du, was sie auf den Grabstein schreiben?«

Beide dachten einen Augenblick nach, dann meinte Dan: »Wie wär’s mit: Labrador, früher unter dem Namen ›Prince‹ bekannt?«

Sie lachten wie zwei kleine Jungen und viel länger, als es dieser Witz gerechtfertigt hätte. Doch es machte ihnen Spaß, und bald war Dan auch wieder besserer Laune. Sie gönnten sich noch ein Glas und blieben, bis das Fußballspiel zu Ende war. Außerdem hatte sich die Bar inzwischen gefüllt, Zeit, nach Hause zu fahren.

Als sie zur Tür gingen, hörte Dan die Stimme des Nachrichtensprechers im Fernsehen sagen: »Und in Hope Valley ist ein Baby nur knapp dem Tod entronnen, als der böse Wolf ihm einen Besuch abstattete. Dies und mehr gleich nach der Werbung. Bleiben Sie dran.«

Sie blieben im Türschatten stehen, da man sie dort nicht so gut erkennen konnte. Getreu seinem Wort brachte der Sprecher der Lokalnachrichten gleich nach der Werbung die Geschichte mit dem Wolf, und Dan spürte, wie sich ihm die Nackenhaare sträubten, als er Buck Calders Krokodillächeln sah.

»Der Wolf ist ein Killer, er tötet alles, was ihm in die Quere kommt.«

»Der Kerl sollte sich zur Präsidentenwahl aufstellen lassen«, flüsterte Dan.

Und dann, als die Kamera über Dan und Rimmer hinwegschwenkte, die sich, genau wie jetzt, möglichst unauffällig im Hintergrund zu halten versuchten, hieß es in dem Bericht weiter, dass Bundesbeamte von dem Vorfall peinlich berührt seien. Man brachte einen Auszug aus Dans kurzem Interview, in dem das Entscheidende bereits gesagt worden war, noch ehe er den Mund aufmachte. Dabei blinzelte er wie ein Schwerverbrecher in die Kamera.

»Könnte dieser Wolf eines der Tiere sein, die Sie in Yellowstone freigelassen haben?«, fragte ihn die Reporterin in dem roten Kostüm und schob ihm das Mikrofon unter die Nase. Dieses »Sie« tat weh.

»Es ist noch zu früh, um mit Bestimmtheit etwas darüber sagen zu können. Und solange wir den Kadaver nicht untersucht haben, können wir nicht einmal bestätigen, dass es sich überhaupt um einen Wolf handelt.«

»Wollen Sie damit etwa behaupten, dass Sie nicht daran glauben, dass es sich um einen Wolf handelt?«

»Nein, das will ich nicht behaupten. Ich sage nur, dass wir es noch nicht bestätigen können.« Sein Versuch, ihr ein entwaffnendes Lächeln zu schenken, ließ ihn bloß noch verschlagener aussehen. Dan hatte genug.

»Komm, verschwinden wir von hier«, sagte er.

Als sie heute Morgen von Helena herüberflogen und die Sonne über der Bergkette aufblitzte, schätzten sie ihre Lage nicht allzu trostlos ein. Voller Optimismus sprach Dan mit Rimmer über die Möglichkeit, ein Signal auffangen zu können. Vielleicht hatte Kathy Hicks in ihrer Panik einfach übersehen, dass der Wolf ein Halsband trug. Und wenn nicht, war er vielleicht doch mit Tieren zusammen, die eins trugen. Das waren ganz schön viele »Vielleichts«, und Dan ahnte inzwischen, dass ihre Chancen nicht allzugut standen.

In den letzten Jahren hatten sie absichtlich die Zahl der mit Halsband versehenen Wölfe reduziert. Hinter dem Versuch, eine lebensfähige Wolfspopulation in der Region anzusiedeln, stand der Gedanke, die Tiere so wild und so natürlich wie möglich leben zu lassen. Sobald es genug fortpflanzungsfähige Pärchen gab, konnte man die Wölfe von der Liste der bedrohten Arten streichen. Und nach Dans persönlicher Meinung waren Halsbänder dabei nicht gerade hilfreich.

Diese Ansicht wurde nicht von allen geteilt. Es gab sogar Leute, die dafür eintraten, Wölfen Fangkragen anzulegen, die mit jederzeit einsatzbereiten Injektionsnadeln gespickt waren, so dass man das Tier einschläfern konnte, wann immer man wollte. Dan hatte in Minnesota selbst einige Male damit gearbeitet, und sie machten das Leben gewiss einfacher. Doch immer, wenn man einen Wolf fing, ihn betäubte, behandelte, eine Blutprobe entnahm, einen Clip in sein Ohr klemmte und ihm die Spritze verpasste, machte ihn das ein bisschen weniger wild, ein bisschen weniger zum Wolf. Und am Ende musste man sich fragen, ob sich dieses Tier bei dieser Art Fernbedienung durch den Menschen wirklich noch von einem Spielzeugboot auf einem Teich im Park unterschied.

Doch wenn ein Wolf in Schwierigkeiten geriet, wenn er Kälber, Schafe oder Haustiere riss, dann wurde es allerhöchste Zeit, ihm ein Halsband umzulegen – auch um seiner selbst willen. Man gab sich Mühe, bei den Ranchern den Eindruck zu erwecken, als wisse man immer genau, wo sich jeder Wolf im Staat aufhielt, und wenn ein Tier aus der Reihe tanzte, musste man verteufelt schnell sein, um es zu finden, bevor es einer dieser Kerle mit einem Gewehr abknallte. Konnte man ihm ein Halsband umlegen, wusste man wenigstens, wo es sich befand. Und wenn der Wolf wieder in Schwierigkeiten geriet, war es möglich, ihn aufzuspüren oder zu erschießen.

Während die Sonne immer höher stieg, blieben die beiden Männer im engen Cockpit der Cessna so stumm wie Rimmers Funkgerät. Wäre da unten ein Wolf mit einem Halsband gewesen, hätten sie ihn längst aufgespürt. Einen Wolf – oder Wölfe – ohne Halsband in einer solchen Gegend ausfindig machen zu wollen war weit schwieriger. Außerdem stellte sich da noch die Frage, wer sich eigentlich auf die Suche machen sollte. Schlimmer noch, wer würde die Wölfe im Auge behalten, wenn sie einmal gefunden waren?

Dan hätte den Job gern selbst übernommen. Der einzige Wolf, den er in letzter Zeit zu Gesicht bekommen hatte, war Fred. Und inzwischen war er schon so sehr zum Schreibtischbiologen geworden, dass er manchmal witzelte, er werde noch eine Doktorarbeit über das Brutverhalten von Aktennotizen schreiben. Er sehnte sich danach, wieder draußen sein zu können, so wie in den guten alten Tagen von Minnesota, als er für Telefon und Fax unerreichbar war. Aber das kam überhaupt nicht in Frage. Er hatte zuviel zu tun und außer Donna niemanden, auf den er die Arbeit abwälzen konnte. Bill Rimmer hatte sich zwar großzügig bereit erklärt, ihm beim Aufstellen der Fallen behilflich zu sein, obwohl er selbst fast in Arbeit erstickte.

Die Wolfsfrage war lange politisch strittig gewesen, doch in letzter Zeit schienen jene Politiker alle Pluspunkte für sich verbuchen zu können, die strikt gegen eine Wiederansiedlung waren. Je stärker die Wolfspopulation wuchs, desto hitziger wurde die Debatte. Und je öfter es zu Vorfällen dieser Art kam, desto schwieriger würde es werden, mehr Steuergelder und die nötigen Arbeitskräfte zu erhalten. Dan hatte mit ansehen müssen, wie man ihm sein Budget rigoros zusammenstrich. Und jetzt bekam er gar kein Geld mehr. Nur in Notfällen gelang es ihm manchmal, ein oder zwei Monate lang jemanden aus einer anderen Abteilung loszueisen oder sich einen Studenten oder einen der Freiwilligen auszuleihen, mit denen sie unten in Yellowstone zusammengearbeitet hatten.

Das Problem war nur, dass es hier um mehr ging, als einen Wolf zu fangen und ihm ein Halsband zu verpassen. Hope konnte ohne weiteres zum Testfall für das gesamte Wiederansiedlungsprogramm werden.

Angesichts der Tatsache, dass in der Stadt ein tief verwurzelter Hass gegen Wölfe herrschte und die Medien den Vorfall bereits für ein gefundenes Fressen hielten, würde derjenige, den Dan losschickte, nicht nur gut im Aufspüren und Fangen von Wölfen sein müssen. Er oder sie musste zudem ein geschickter Vermittler sein, mit einem Gespür für die örtlichen Empfindlichkeiten, aber dennoch stark genug, sich gegen einen so mächtigen Mann wie diesen Buck Calder durchzusetzen. Biologen mit derart breitgefächerten Fähigkeiten waren schwer zu finden.

Die Cessna hatte erneut das östliche Ende ihrer Flugbahn erreicht. Dan wendete, und als er sich in die Kurve legte, schaute er auf Hope hinunter, das wie eine Modellstadt unter ihm ausgebreitet lag. Ein neunachsiger Viehtransporter, der so klein aussah, dass man glaubte, ihn mit einer Hand aufheben zu können, verließ die Tankstelle. Die Flusswindungen blitzten hell wie Chrom zwischen den Pappeln auf.

Dan schaute auf die Tankanzeige. Gerade noch genug Saft für eine weitere Runde, dann sollten sie für heute Schluss machen.

Diesmal flog er direkt über die Ranch der Calders, auf der sich einige Kühe wie schwarze Ameisen vom sonnengebleichten Gras abhoben. Ein Auto wand sich durch die Hügel auf das Haus der Hicks zu. Bestimmt schon wieder so ein verdammter Reporter.

Sobald sie den Wald erreicht hatten, flog er niedriger, so niedrig, wie nur er es wagte, bis der Schatten des Flugzeugs in irrwitzigem Tempo über Baumspitzen und Cañon jagte. Gerade wollte er die Schnauze zum letzten Mal nach oben ziehen, da fiel sein Blick auf eine fahle, graue Gestalt weiter vorn, die über den felsigen Bergkamm aus seinem Sichtfeld huschte. Sein Herz schien auszusetzen, und als er zu Rimmer hinüberblickte, wusste er, dass er dasselbe gesehen hatte.

Sie sagten beide kein Wort, und die zehn Sekunden, die sie brauchten, um die Stelle zu erreichen, kamen ihnen viel zu lang vor. Dan zog eine weite Kurve, ging in Schräglage, als sie den Bergkamm überflogen, und beide spähten die andere Bergseite hinunter, dahin, wo das Tier verschwunden war.

»Ich habe ihn!«, rief Rimmer.

»Wo?«

»Bei diesem langen Felsbrocken. Er läuft gerade in den Wald.« Dann schwieg er einen Moment. »Ist ein Kojote, allerdings ein ziemlich großes Tier.« Er drehte sich zu Dan um und grinste entschuldigend. Dan zuckte die Achseln.

»Zeit, nach Hause zu fliegen.«

»Tja, sieht mir nach einem Job für den Fallensteller aus.«

Dan steuerte die Cessna in eine letzte Kurve, und für einen Moment funkelte die Sonne durch die Windschutzscheibe. Dann brachte er das Flugzeug in die Horizontale und nahm Kurs auf Helena.

Und irgendwo dort unten, an einem Ort dieser Wildnis, den ein Junge wie ein Geheimnis hütete, hörten Wölfe das Dröhnen der Flugzeugmotoren leiser werden und verstummen.

5

Helen Ross hasste New York. Und sie hasste es erst recht, wenn es vierunddreißig Grad warm und die Luft so feucht war, dass man sich wie eine Muschel fühlte, die in Abgasen gebacken wurde.

Bei ihren seltenen Besuchen in der Stadt beschloss sie stets, sich diesem Ort wie eine Biologin zu nähern, das Verhalten dieser seltsamen, über Bürgersteige trottenden Spezies zu beobachten und herauszufinden, warum einige Exemplare an dieser Hektik und diesem Lärm tatsächlich Vergnügen zu finden schienen. Sie selbst fühlte sich immer elend dabei. Und gleich nach der Landung und einem Augenblick kindlicher Begeisterung spürte sie, wie sie die Stirn in trotzige, abweisende Falten legte.

Die Falten waren jetzt unverrückbar an ihrem Platz. Und während sie an dem winzigen Tisch an jenem Ort des Restaurants saß, den der Besitzer lächerlicherweise terrazzo nannte und womit er den von staubigen Hecken umstandenen Pferch auf der Straße meinte, goss sich Helen Weißwein nach, zündete sich eine weitere Zigarette an und fragte sich, warum zum Teufel ihr Vater immer zu spät kommen musste.

Sie suchte sein Gesicht in der mittäglichen Menge auf dem Gehweg. Alle Welt sah hier unglaublich cool und attraktiv aus. Gebräunte junge Geschäftsleute in Leinenanzügen, die Jacketts mit bemühter Nonchalance über die Schulter geworfen, schwatzten mit Frauen, die allesamt perfekte Zähne, endlos lange Beine und wahrscheinlich gleich mehrere Abschlüsse einer Eliteuniversität vorzuweisen hatten. Helen hasste sie alle.

Ihr Vater hatte das Restaurant ausgewählt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Im Kreis des Wolfs" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen