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Im Königreich der Liebe

1. KAPITEL

Das feine Porzellan klirrte leise, als Melissa Considine den Teewagen den verglasten Gang entlangschob, der den Gästen der Luxussuite des Hotels vorbehalten war. Melissa biss sich auf die Lippe und ging etwas langsamer. Hoffentlich handelte es sich bei dem derzeitigen Bewohner nicht ausgerechnet um einen Pünktlichkeitsfanatiker!

Das in den Südalpen Neuseelands gelegene Shipwreck Bay Hotel war ein beliebter Treffpunkt der Schönen und Reichen. Melissa, die hier ein Praktikum absolvierte, hatte bisher im Umgang mit ihnen keine nennenswerten Schwierigkeiten gehabt. Dennoch hatte sie entdecken müssen, dass Menschen, die es eigentlich besser hätten wissen sollen, überheblich und launisch sein konnten oder überhaupt keine Manieren besaßen.

Aufgabe des Personals war es, diskret damit umzugehen. Gleich am ersten Tag hatte ihr der Hotelmanager eingeschärft, die Gäste freundlich und zuvorkommend zu bedienen, sich schikanieren zu lassen brauche sich jedoch in Neuseeland niemand.

Melissa fühlte sich unwillkürlich an die Erziehungsprinzipien ihrer Mutter erinnert. Bei aller Förderung des Selbstwertgefühls ihrer Tochter und Söhne hatte sie größten Wert auf tadellose Manieren gelegt. Ein über jede Kritik erhabenes Benehmen hielt sie für die selbstverständliche Pflicht der Sprösslinge des Adelsgeschlechts der Considines, das schon seit über tausend Jahren in Illyria regierte.

Ein Blick auf die Uhr zeigte Melissa, dass sie bereits fünf Minuten zu spät war – eine Entschuldigung war daher angebracht. Als sie vor der schweren Tür aus Edelholz stehen blieb, atmete sie einmal tief durch, bevor sie anklopfte.

„Herein.“

Diese Stimme kannte sie doch! Wie gelähmt blieb Melissa stehen.

„Herein!“

Das klang schon deutlich ungehaltener. Sie schluckte, öffnete die Tür mit der Schlüsselkarte und schob mit gesenktem Kopf den Teewagen ins Zimmer, wobei ihr das Herz bis zum Hals klopfte. Als alles still blieb, blickte sie auf.

Der große und athletisch gebaute Mann, dessen Silhouette sich im Gegenlicht der untergehenden Wintersonne deutlich abhob, saß reglos am Schreibtisch, ganz in seine Unterlagen vertieft.

Es war tatsächlich Hawke Kennedy, der jetzt die Papiere schnell zusammenschob und in einer Aktentasche verstaute. Dann endlich sah er auf.

Sein markantes Gesicht blieb unbewegt, doch sein Blick verriet, dass er sie erkannt hatte. Eingehend betrachtete er sie von Kopf bis Fuß. Törichterweise fühlte Melissa sich geschmeichelt, dabei war es bestimmt nur ihre Größe, die sein Interesse erregte. Es gab bestimmt nicht viele Frauen, die ihm in die Augen sehen konnten, ohne zu ihm aufsehen zu müssen, abgesehen von einer. Sie hieß Jacoba Sinclair, war ein international bekanntes Model und wurde immer wieder an seiner Seite gesehen.

Einem Vergleich mit einer Schönheit wie Jacoba konnte sie, Melissa, natürlich niemals standhalten. Sie straffte die Schultern. „Ihr Abendessen, Sir“, verkündete sie ausdruckslos.

„So, so“, sagte er langsam. „Melissa Considine. Oh, Verzeihung, ich meine vielmehr Prinzessin Melissa Considine, einzige Schwester des vor wenigen Wochen zum Großherzog von Illyria ernannten Gabriel Considine. Was veranlasst Sie dazu, ausgerechnet hier, am Ende der Welt, einen Teewagen durch die Gegend zu schieben?“

„Ich mache ein Praktikum“, erklärte sie. Woher wusste er, dass Prinz Alex von Illyria ihren älteren Bruder Gabriel wieder als Großherzog eingesetzt hatte? So bedeutend war der kleine Mittelmeerstaat nun wirklich nicht.

Hawke zog die Brauen hoch und blickte bedeutungsvoll zwischen ihr und dem Servierwagen hin und her. „Sie als Zimmermädchen? Was sagen denn Ihre Brüder dazu?“

„Ich studiere Betriebswirtschaft und habe mich auf Touristik spezialisiert. Das Praktikum ist Teil des Studiums.“ Sie schluckte. Was ging das alles Hawke Kennedy an?

„Und dazu ist es erforderlich, sich als Bedienstete zu verdingen?“

Melissa wurde ärgerlich. Herausfordernd sah sie ihn an. „Es tut mir gut, nicht nur die Sonnenseiten unserer Gesellschaft kennenzulernen.“

Er verstand die Anspielung natürlich sofort und lächelte ironisch.

Melissa errötete, was ihre hohen Wangenknochen, die sie von einer Vorfahrin, einer slawischen Prinzessin, geerbt hatte, noch mehr betonte.

„Der Zimmerservice gehört eigentlich nicht zu meinen Aufgaben“, beeilte sie sich zu antworten, nachdem sie sich wieder darauf besonnen hatte, dass Hawke Gast und damit König war. „Ich bin nur für eine erkrankte Serviererin eingesprungen.“

„Ich verstehe“, sagte er und griff in seine Hosentasche. „Vielen Dank für Ihr Bemühen.“

„In Neuseeland gibt man kein Trinkgeld, Sir“, erklärte sie und freute sich über die Gelegenheit, ihn zurechtweisen zu können. „Jedenfalls nicht bei Leistungen, die sowieso zum Job gehören.“ Zu spät fiel ihr ein, dass Hawke selbst Neuseeländer war und wahrscheinlich nur nach seinem Taschentuch gesucht hatte. Vor Verlegenheit errötete sie noch tiefer.

„Was Sie nicht sagen!“ Spöttisch sah er sie an. „Dann also vielen Dank, Melissa – oder sollte ich Sie Hoheit nennen?“

„Nein.“ Sie bemühte sich, ruhig zu bleiben. „Die Anrede steht nur Gabriel zu, nicht seinen Geschwistern.“

„Aber Sie sind doch offiziell Prinzessin von Illyria!“

Melissa nickte widerstrebend. „Ja. Die einzig wirkliche Prinzessin von Illyria ist jedoch Ianthe, die Ehefrau von unserem Cousin Alex, dem Prinzen von Illyria.“ Sie zögerte. „Es wäre mir lieb, wenn Sie hier niemandem etwas über meine Familie erzählen würden.“

Er zuckte die Schultern. „Wie Sie wünschen. Aber Neuseeländer sind sehr großzügig, selbst Adelsgeschlechtern gegenüber. Immerhin ist Prinzessin Ianthe selbst Neuseeländerin. Und jetzt erklären Sie mir bitte, was eine illyrianische Prinzessin, selbst wenn sie Touristik studiert, in einem abgelegenen Hotel in den neuseeländischen Alpen macht.“

Stolz hob Melissa den Kopf.

„Viele Prinzessinnen sind darauf angewiesen, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.“

„Schon möglich, aber bestimmt nicht solche, deren Stammbaum bis in die Anfänge der europäischen Kultur zurückreicht und die mit allen bedeutenden Herrscherhäusern der Welt verwandt sind.“ Er kniff die Augen zusammen und beobachtete sie genau. „Und schon lange nicht solche mit zwei reichen und mächtigen Brüdern, die ihr die Welt zu Füßen legen könnten. Wieso nutzen Sie nicht die materiellen Vorteile und gesellschaftlichen Privilegien, die Ihnen das Schicksal geschenkt hat?“

Melissa meinte, eine leise Bitterkeit aus seinen Worten herauszuhören, was sie ihm verzieh, denn sie kannte seinen Werdegang. Sobald es möglich gewesen war, hatte er die Schule verlassen, um im Bauwesen tätig zu werden. Dann hatte er mit Immobilien und Grundstücken im pazifischen Raum sein Glück gemacht und besaß jetzt ein weltweites Wirtschaftsimperium.

Einem solchen Mann gegenüber zu behaupten, in einem ziellosen, müßigen Leben keine Befriedigung zu finden, schien ihr überheblich. Deshalb zuckte sie nur die Schultern. „Ich langweile mich einfach nicht gern“, antwortete sie gespielt lässig.

„Sehr lobenswert!“ Er lächelte. „Aber warum gerade Betriebswirtschaft und Hotelmanagement? Warum haben Sie nicht etwas gewählt, das Ihnen viel Zeit lässt und Gelegenheit bietet, sich stilvoll in der Öffentlichkeit zu präsentieren und Umgang mit Ihresgleichen zu pflegen?“

„Noch vor einem Monat war ich ein gesellschaftliches Nichts.“ Herausfordernd sah sie ihn an. „Ich habe zwar einen Großherzog von Illyria zum Großvater gehabt, doch der wurde mit dem damaligen Prinzen bei einem Umsturz getötet. Als eine der ersten Amtshandlungen ließ der Despot, der die Macht an sich gerissen hatte, die Adelstitel abschaffen. Außerdem wurde allen, denen die Flucht gelungen war, die Staatsbürgerschaft aberkannt. Mein Vater ging nach Amerika ins Exil, wo er als einfacher Mr. Considine lebte und starb. Ich bin lediglich eine geborene Melissa Considine und werde das auch bleiben.“

Jeden anderen hätte ihr Ton zum Schweigen gebracht, Hawke Kennedy dagegen ließ sich nicht beirren.

„Die Zeiten haben sich geändert. Sie haben Ihre Staatsbürgerschaft zurückerhalten, und Ihr Bruder Gabriel ist nach Prinz Alex und seinem kleinen Sohn, dem Erbprinzen, der drittwichtigste Mann im Land.“

„Der Prinz ist ein ausgezeichneter Überredungskünstler“, erwiderte sie trocken. „Er hat es verstanden, Gabriel dazu zu bringen, den vom Diktator abgeschafften Rang des Großherzogs einzunehmen. Damit war die alte Ordnung wiederhergestellt, und Marco und ich haben zwangsläufig den Titel ‚Prinz‘ und ‚Prinzessin‘ erhalten.“

„Zweifellos werden Sie dem Haus von Illyria zur Zierde gereichen.“

Sein spöttischer Kommentar verletzte sie. Etwas mehr Differenzierungsvermögen hatte sie von Hawke Kennedy schon erwartet. „Ich bleibe das, was ich schon immer war“, antwortete sie nur.

Er lächelte skeptisch. „So ganz verstehe ich immer noch nicht, weshalb eine Frau, die zwei der einflussreichsten Männer der Welt zu Brüdern hat, sich ausgerechnet mit Gastronomie beschäftigt.“

Von dem Wunsch erfüllt, Hawkes Verständnis zu finden, entschied Melissa sich, ihm die Wahrheit zu sagen. „Wie Alex und meine Brüder möchte ich mein Möglichstes tun, damit in Illyria wieder Frieden und Wohlstand herrschen. Unser Land ist von einzigartiger Schönheit, und Tourismus schafft Arbeitsplätze und bringt Geld ins Land. Doch wir müssen klug vorgehen. Wenn wir die Natur zerstören, vernichten wir das, was uns von anderen Feriengebieten unterscheidet.“

Hawke nickte. „Das bedeutet, Sie wollen auf exklusive Hotels in ursprünglicher Lage setzen.“

„Ja.“ Melissa freute sich, wie schnell er sie verstanden hatte, und lächelte.

„Das macht Sinn“, bestätigte Hawke. „Und mit Ihren Brüdern im Rücken müssten Sie es schaffen, Ihre Pläne in die Tat umzusetzen.“

Melissas Lächeln verschwand langsam. Anscheinend traute Hawke ihr nichts zu und meinte, sie sei auf die Hilfe anderer angewiesen. „Mit etwas Glück und viel harter Arbeit wird es mir schon gelingen“, betonte sie deshalb. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Mr. Kennedy?“

„Nein, danke, im Moment nicht.“

Melissa glaubte, einen belustigten Unterton herauszuhören, was ihr Selbstbewusstsein noch empfindlicher traf. Hastig wünschte sie Hawke einen guten Appetit und zog sich dann zurück. Kurz vor der Küche blieb sie an einem der großen Fenster stehen, die den Gästen einen herrlichen Blick über den See gewährten. Sie brauchte einfach Zeit, um sich wieder zu fassen.

Ohne ein Auge für das herrliche Farbenspiel des Himmels kurz vor der hereinbrechenden Dunkelheit zu haben, atmete sie tief durch. Was für ein Zufall, im Shipwreck Bay Hotel ausgerechnet auf Hawke Kennedy zu treffen!

Er war Gabriels Freund, und sie kannte ihn schon seit Jahren, wenn auch nur flüchtig. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Kontakt zwischen den beiden in der letzten Zeit nicht mehr so eng zu sein schien wie früher.

Schon beim ersten Treffen hatte Hawke sie mit seinem guten Aussehen und seiner dominanten Persönlichkeit tief beeindruckt. Eine innere Stimme hatte sie jedoch gewarnt, sich davon etwas anmerken zu lassen. Sie hatte sich geschworen, sich vor diesem Mann zu hüten, denn ein Blick in seine faszinierenden grünen Augen hatte ihr gezeigt, dass sie ihm nichts entgegensetzen konnte.

Doch ihr fester Vorsatz war nicht auf die Probe gestellt worden, denn Hawke Kennedy hatte ihr keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Ganz offensichtlich hielt er sie für ein unerfahrenes junges Ding ohne jeden erotischen Reiz.

Das konnte Melissa sogar verstehen, denn über ihr Aussehen machte sie sich keine Illusionen. Im Vergleich zu Jacoba Sinclair, die trotz Hawkes anderer Affären seine ständige Begleiterin zu sein schien, war sie eine unscheinbare graue Maus.

Ein einziges Mal hatte sie mit Hawke getanzt: einen Walzer. Das war vor knapp einem Jahr auf der Hochzeit einer ihrer französischen Cousinen gewesen. Sie hatte es tun müssen, weil es äußerst unhöflich gewesen wäre, seiner Aufforderung zum Tanz nicht nachzukommen.

Damals hatte Hawke gerade einen Skandal überstanden, der seinen Namen in die Schlagzeilen der Regenbogenpresse gebracht hatte. Nach einer kurzen, heftigen Affäre hatte er einer jungen Schauspielerin den Laufpass gegeben und ihr damit fast das Herz gebrochen. Die verzweifelte junge Frau hatte sogar versucht, sich das Leben zu nehmen, und ihr schönes, von Leid gezeichnetes Gesicht war wochenlang in den Medien abgebildet gewesen.

Da Hawke eisern schwieg, wurde die Geschichte uninteressant und geriet schnell in Vergessenheit. Nicht jedoch bei Melissa, die ihn für sein Verhalten verachtete.

Weshalb aber war ihr ein Schauer über den Rücken gelaufen, als Hawke sie auf die Tanzfläche führte und ihr den Arm um die Taille legte? Melissa verstand sich selbst nicht mehr und antwortete auf Hawkes geistreiche Bemerkungen nur einsilbig. Den Blick hielt sie dabei ständig gesenkt, um Hawke nicht in die grünen Augen sehen zu müssen, die sie so verwirrten.

Natürlich tanzte Hawke wie ein junger Gott. Er hielt sie nah genug, um sie seinen muskulösen Körper spüren zu lassen, aber fern genug, um ihre Neugier zu erregen. Sie wünschte sich, er möge sie enger an sich ziehen. Warum hatte sie nur derart überzogen reagiert? Schließlich war sie auch schon damals durch ihre Brüder den Umgang mit attraktiven und selbstbewussten Männern durchaus gewohnt gewesen.

Und warum war ihr vorhin, als sie Hawke plötzlich so unverhofft gegenübergestanden hatte, sofort wieder jene verführerische Walzermelodie eingefallen?

Melissa schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben. Sie befand sich nicht mehr in dem festlichen, mit Kerzen erleuchteten Ballsaal, in dem es betäubend nach provenzalischen Rosen geduftet hatte. Sie befand sich jetzt auf der anderen Seite der Erdkugel und blickte über den See zu den tief verschneiten Berggipfeln, wo die Blinksignale der Pistenraupen in der hereinbrechenden Dunkelheit wie Glühwürmchen wirkten.

Weshalb faszinierte Hawke Kennedy sie wie kein anderer? Er war ungewöhnlich groß, größer als sie, und auch sein markantes Gesicht hob ihn aus der Masse hervor. Das erklärte jedoch noch lange nicht die nie gekannten leidenschaftlichen Gefühle und ungeahnten Sehnsüchte, die er in ihr weckte.

Melissa hatte schon viele gut aussehende Männer mit einer Aura von Macht und Reichtum getroffen, doch noch keiner hatte sie so beeindruckt wie Hawke. Melissa fröstelte. Alle guten Vorsätze vergessend, dachte sie wieder an den Walzer, den sie mit ihm getanzt hatte.

Trotz ihrer Befangenheit war sie sich in Hawkes Armen zum ersten Mal in ihrem Leben begehrenswert vorgekommen. Sie hatte sich so sexy gefühlt und so beschwingt, als hätte sie ein Glas Champagner getrunken. Schwindelig vor Glück, war sie froh, dass Hawke schwieg, anstatt eine Unterhaltung zu beginnen. Sie hatte genug damit zu tun, einen gefassten Eindruck zu machen und nicht über ihre eigenen Füße zu stolpern. Als sie sich endlich traute, ihm ins Gesicht zu sehen, entdeckte sie, dass seine faszinierenden Augen nicht einheitlich grün waren, sondern bernsteinfarbene Sprenkel aufwiesen.

Obwohl das alles jetzt schon Monate her war, konnte Melissa sich an jede Einzelheit und jede ihrer Gefühlsregungen erinnern.

Doch Hawke schien damals nicht im Geringsten von ihr beeindruckt gewesen zu sein. Nachdem die Musik verstummt war, lächelte er Melissa an und bedankte sich mit einem leichten ironischen Unterton bei ihr, bevor er sie zu ihrem Tisch zurückführte und sich dort noch kurz mit ihren Freunden unterhielt.

Wenig später sah sie ihn schon wieder auf der Tanzfläche mit einer sehr sexy aussehenden Schönheit im Arm, die er ausgesprochen verführerisch anlächelte. Von brennender Eifersucht ergriffen, wandte Melissa sich ab, denn der Anblick des eng aneinander geschmiegten Paars war ihr unerträglich.

Natürlich hatte sie sich die größte Mühe gegeben, Hawke Kennedy möglichst schnell zu vergessen. Aber der große Eindruck, den er auf sie gemacht hatte, ließ sie nicht mehr los, mit dem Erfolg, dass sie nachts von ihm träumte.

Langsam schob sich jetzt der silberfarbene Mond aus den Wolken hervor, und Melissa fühlte sich traurig und verlassen. Sie benahm sich wie ein liebeskrankes Huhn, obwohl Hawke Kennedy wirklich kein Mann für sie war.

Er war erfahren und hatte Affären mit den betörendsten Frauen der Welt gehabt: mit Jacoba Sinclair oder der jungen Schauspielerin Lucy St James, die durch die dramatische Beendigung des Verhältnisses zu einer Berühmtheit geworden war. Wollte sie sich etwa mit diesen aparten Schönheiten vergleichen?

Denk an dein Aussehen, und geh zurück in die Küche, wo du hingehörst, ermahnte sie sich. Melissa biss sich auf die Lippe und versuchte, sich mit übertriebener Geschäftigkeit von ihrem Kummer abzulenken.

Nach einer unruhigen Nacht verschlief sie am folgenden Morgen und musste sich beeilen, um pünktlich an ihrem Arbeitsplatz zu sein. Dort wurde sie sofort zu ihrem Chef gebeten.

Er saß an seinem imposanten Schreibtisch und ordnete umständlich einige Akten.

„Sie kennen Mr. Kennedy?“, fragte er Melissa, kaum dass sie sich gesetzt hatte.

„Flüchtig“, antwortete sie betont locker. „Spielt das für Sie eine Rolle?“

Der Manager lächelte erleichtert, wirkte jedoch leicht irritiert. „Nun ja, eigentlich nicht“, meinte er. „Natürlich können Sie mit ihm zu Abend essen, Lynn hat ihre Erkältung überstanden und braucht nicht länger vertreten zu werden.“

Hawke wollte sich mit ihr verabreden? Melissa versuchte, sich die Überraschung nicht anmerken zu lassen. „In Ordnung“, antwortete sie ausdruckslos, nickte kurz und verließ dann das Büro.

Wie gehetzt lief sie zu der Wäschekammer, die ihr als provisorisches Arbeitszimmer diente. Kaum hatte sie sich erschöpft auf ihren Bürostuhl sinken lassen, als auch schon das Telefon klingelte. Hawke!

„Darf ich Sie zum Abendessen einladen?“, fragte er am anderen Ende der Leitung.

Allein seine Stimme zu hören jagte Melissa einen Schauer über den Rücken, doch sein höflicher Ton verletzte ihren Stolz. Sie wollte keine Höflichkeit von Hawke, sie wollte romantische Gefühle!

Ebenso gut hätte sie auch versuchen können, nach den Sternen zu greifen. Ihre Hoffnungen waren töricht, und am liebsten hätte sie die Einladung abgelehnt. Da sie jedoch zum Personal gehörte und Hawke Gast war, musste sie ihn freundlich und zuvorkommend behandeln.

„Ich habe bereits erfahren, dass Sie meine Gesellschaft wünschen“, erwiderte sie und versuchte, möglichst gleichgültig zu klingen.

„Es tut mir leid, wenn ich Sie damit beleidigt habe“, entschuldigte er sich, klang jedoch eher selbstgefällig als zerknirscht. „Ich wollte mich lediglich bei Ihrem Chef versichern, ob meine Einladung nicht seinen Personalplan durcheinanderbringt.“

Wie rücksichtsvoll von ihm! „Ich komme gern“, antwortete sie ohne die geringste Spur von Begeisterung.

Er schien sich jedoch nicht daran zu stören. „Schön, dann bis heute Abend um acht“, erwiderte er geschäftsmäßig und legte dann den Hörer auf.

Gedankenverloren betrachtete Melissa das Telefon. Bisher war sie hier die unauffällige und unscheinbare Melissa Considine gewesen, wobei die Betonung auf unscheinbar lag. Melissa seufzte. Sosehr sie ihre Brüder auch liebte, stellte deren gutes Aussehen eine ständige Belastung für sie dar. Jeder schien vorauszusetzen, dass auch sie eine Schönheit sein müsste, und war dann von der großen, eher knabenhaften jungen Frau mit dem ernsten Gesicht enttäuscht. Noch nicht einmal die interessanten blauen Augen der Considines hatte sie geerbt, ihre waren einfach nur langweilig braun.

Und sie besaß auch nicht Gabriels und Marcos Ausstrahlung, um die sie die beiden beneidete und die Hawke Kennedy ebenfalls hatte.

Sie verstand es noch nicht einmal, sich modisch und chic zu kleiden. Von der Frage, was sie am Abend anziehen sollte, fühlte sie sich schlichtweg überfordert. Die Einzige, die ihr in dieser Hinsicht stets mit Rat und Tat beiseitegestanden hatte, war Sara gewesen.

Sie hatte Gabriels Exverlobte sehr gemocht, denn sie besaß jenen über alle Kritik erhabenen Geschmack, der ihr, Melissa, versagt geblieben war. Doch seit dem Skandal um die Auflösung der Verlobung verbot sich jeder Kontakt mit Sara von selbst. Was damals eigentlich wirklich geschehen war, hatte Melissa nie erfahren. Gabriel jedenfalls wirkte seitdem verbittert und war zum Zyniker geworden.

Plötzlich hatte Melissa große Schwierigkeiten, sich weiterhin auf ihre Arbeit zu konzentrieren, und ertappte sich immer wieder dabei, wie sie ins Träumen kam.

Endlich war es so weit. Melissa hatte sich bereits fertig gemacht und wollte nur noch einen letzten Blick in den Spiegel werfen. Doch das kleine Schwarze, das sie sich aus Paris mitgebracht hatte und das ihr vorhin für den Anlass als passend erschienen war, gefiel ihr plötzlich nicht mehr, denn es machte sie blass. Warum war ihr das nur vorher noch nie aufgefallen?

Weil Garderobe sie im Grunde nie interessiert hatte. Gehorsam hatte sie sich von klein auf dem Diktat ihrer Mutter gebeugt. Diese, eine kleine, elegante und elfenhaft zarte Französin, hatte ihr schon früh beigebracht, sich zurückhaltend zu kleiden und unauffällig im Hintergrund zu halten. Nach Ansicht ihrer Mutter blieb einer Frau mit ihrer Größe gar nichts anderes übrig.

Melissa hatte nie widersprochen, denn bis zu diesem Tag war ihr noch nie daran gelegen gewesen, einen Mann zu beeindrucken. Darüber, ob ein bestimmter Stil ihr besser stand als ein anderer oder ob sie apart oder eher langweilig wirkte, hatte sie sich nie den Kopf zerbrochen.

Wütend über sich selbst, weil ihr so viel daran gelegen war, Hawke zu beeindrucken, schminkte sie sich in Windeseile ab und hängte das Kleid wieder in den Schrank.

Nach kurzem Zögern fiel ihre Wahl auf die rostbraunen Samtjeans und ein farblich darauf abgestimmtes Seidentop, dessen V-Ausschnitt mit Pailletten besetzt war. Sara hatte ihr die Sachen einmal geschenkt, doch Melissa hatte sie bisher noch nie getragen.

Schließlich holte sie ihren Schminkkoffer noch einmal hervor und fand bronzefarbenes Lipgloss, das genau zum Farbton des Stoffs passte. Auf Puder und Rouge verzichtete sie ganz, denn an ihrer Haut fand sie nichts auszusetzen.

Lidschatten dagegen legte sie auf. Ganz gegen ihre Gewohnheit entschied sie sich für einen goldbraunen Ton und nicht für Grün und war von dem Ergebnis überrascht.

Der warme Ton mit dem leichten Goldschimmer hob ihre dunkelbraunen mandelförmigen Augen fantastisch hervor. Und ihre leicht glänzenden Lippen empfand sie als … ein wenig provokativ.

Machte sie sich lächerlich? Würde Hawke auf den ersten Blick erkennen, dass sie sich für ihn herausstaffiert hatte?

Ihr war, als hörte sie ihre Mutter sagen: „Die Farbe ist viel zu auffallend für dich. Sie lässt dich vulgär aussehen. Bleib bei klassischen Farben und Schnitten. Bei deiner Größe musst du dich betont diskret kleiden, modische Extravaganzen kannst du dir nicht leisten.“

Melissa atmete tief durch. Sie wusste, wie enttäuscht ihre Mutter zeitlebens vom Aussehen ihrer Tochter gewesen war.

„Tut mir leid, Mom“, sagte sie leise und widmete sich dann ihren Haaren, die sie zu einer strengen Hochfrisur aufsteckte, um ja nicht zu verführerisch zu wirken.

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