Logo weiterlesen.de
Im Jenseits ist die Hölle los

Arto Paasilinna

Im Jenseits ist die Hölle los

Roman

Aus dem Finnischen von Regine Pirschel

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Mein Tod kam für mich völlig überraschend. Es war ein Nachmittag im August, ich befand mich auf dem Heimweg von meinem Arbeitsplatz, der Redaktion einer Zeitung, und ging durch die Kaisaniemenkatu. Meine Stimmung war heiter, und ich fühlte mich absolut vital. Ich war damals erst dreißig Jahre alt. Kaum je in meinem Leben hatte ich ernsthaft an die Möglichkeit gedacht, dass ich unverhofft sterben könnte, plötzlich und unwiderruflich.

Doch genau das geschah.

Die Straße war voll fröhlichen, oberflächlichen Lebens. Die Kaisaniemenkatu mit ihren Kaufhäusern und Modegeschäften war eine Flaniermeile für die eitelsten und schönsten Frauen der Stadt, sonnengebräunte, törichte Geschöpfe, die vor allem darauf aus waren, den Männern zu gefallen. Es machte in der Tat Vergnügen, ihren Gang zu beobachten, ihre Waden und Schenkel zu betrachten. Auf diesem Teil der Straße roch es nicht nach Abgasen, sondern nach Madame Rochas, nach den Parfüms von Dior, nach Max Factor.

Ich studierte das Straßenleben wohl ein wenig zu intensiv, ja, ich wich sogar auf die Fahrbahn aus, um so, abseits vom Gedränge, die Beine einer Frau besser betrachten zu können. Ihre straffen Waden hatten meine Aufmerksamkeit erregt. Ich ging schneller, um einen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen. Denn ich bin ein gründlicher Mann, mich interessieren nicht nur die Beine, sondern auch die Augen, die Miene. Der Gesamteindruck ist entscheidend.

Ich habe das Gesicht jener Frau zu Lebzeiten nicht mehr gesehen, denn plötzlich überfuhr mich ein Auto, dass es nur so krachte.

Ich wurde von dem Zusammenprall auf den Bürgersteig geschleudert, dort schlug ich auf den Steinen auf und blieb hilflos liegen. Der Aufprall tat furchtbar weh, in meinem Kopf knackte es. Und sofort ließ der Schmerz nach.

Eine Weile war es ganz schwarz.

Dann sah ich, was geschehen war. Mein Körper lag auf dem Bürgersteig, der Verkehr war zum Erliegen gekommen. Die Frau, der ich gefolgt war, hatte die Geräusche des Unfalls gehört und kam neugierig zurück. Jetzt sah ich ihr Gesicht, es war völlig nichts sagend. Ich begann mich zu ärgern: Wegen dieser Schnepfe war ein kompletter Mann unters Auto geraten!

Der Wagen, der mich überfahren hatte, hielt am Straßenrand. Der Fahrer betastete den verbeulten Kühlergrill. Einer der Scheinwerfer war zersplittert, der Mann wischte mit dem Taschentuch Blut herunter. Vom Bahnhofsplatz näherte sich eine heulende Ambulanz.

Eine Menschentraube umringte meinen Körper. Irgendjemand drehte mich auf den Rücken und hielt mir einen Taschenspiegel vor den Mund. Ein anderer lockerte meine Krawatte. Erschüttert beugte ich mich über mich, um zu sehen, ob der Spiegel beschlug.

Die Spiegelfläche blieb klar. Ich sah in meine Augen: Der Blick war leblos, die Pupillen geweitet, ganz offensichtlich war ich tot.

Kurz darauf traf die Ambulanz ein. Die Sanitäter fühlten rasch meinen Puls, schüttelten den Kopf. Sie legten mich auf eine Trage und schoben diese in den Wagen, alles ohne Eile, tot war tot. Dann fuhr die Ambulanz davon, um meinen Körper in die Klinik zu bringen – das Martinshorn war nicht eingeschaltet.

Nach einigen Minuten erschien die Polizei, um die am Unfallort zu treffenden Maßnahmen vorzunehmen. Die Zuschauer zerstreuten sich, die Show war vorbei. Der Portier des Warenhauses fegte auf der Straße die Glasscherben zusammen, und der Hausmeister kam mit einem Wasserschlauch, um die wenigen Blutspuren vom Bürgersteig zu spülen. Der Mann, der mich überfahren hatte, erklärte den Polizisten, dass die Schuld an dem Unfall bei mir gelegen habe. Er betrachtete traurig die Schäden an seinem Wagen.

Ich war also tot.

Der Gedanke erschien mir unfassbar. Wieso ausgerechnet ich? Ich hatte große Mühe, mich an die Situation zu gewöhnen.

Welchen Sinn machte es, auf diese Weise zu sterben, einfach so aus Versehen? Diese Sinnlosigkeit und die banale Art meines Todes begannen mich zu ärgern. Wem nutzte dieser Tod? Hätte ich es nicht verdient gehabt, wenigstens noch zehn Jahre zu leben? Dann hätte ich beweisen können, dass ich ein ernst zu nehmender Mensch gewesen war und nicht nur ein Tagedieb.

Hätte nicht irgendeine unbedeutendere Person an meiner Stelle sterben können? Jetzt konnte ich nichts mehr zu Ende bringen – dabei war ich eigentlich noch gar nicht dazu gekommen, etwas Wichtiges und Spürbares, etwas Bleibendes überhaupt in Angriff zu nehmen. Ich fühlte mich betrogen. Und für ein solches Ende hatte ich nun mehr als dreißig Jahre gelebt?

Ich überlegte, was ich jetzt anfangen sollte. Vielleicht war es am klügsten, den Dingen ihren Lauf zu lassen? Ich stand unschlüssig und tief erschüttert auf der Straße und fragte mich, ob irgendein lebender Mensch ahnte, was ich in diesem Moment durchmachte. Doch sofort schalt ich mich für diese törichten Gedanken: Die Lebenden konnten ja gar nichts vom Tod wissen. Denn wüssten sie etwas davon, wären sie nicht mehr am Leben.

Sollte ich einfach den unterbrochenen Heimweg fortsetzen, so als wäre nichts geschehen, so als wäre ich gar nicht gestorben? Das erschien mir irgendwie logisch. Vor dem Unglück hatte ich zwar beschlossen, in eine kleine Gaststätte auf der Liisankatu einzukehren und ein paar Bier zu trinken, ehe ich zu meiner Frau heimgehen würde. Doch reizte mich jetzt, nach meinem plötzlichen Tod, der Gaststättenbesuch nicht mehr. Wahrscheinlich wäre das auch eher unpassend gewesen: Man stirbt und geht gleich anschließend in die Kneipe. Davon abgesehen hatte ich auch überhaupt keinen Durst mehr. Der Wunsch, kühles Bier zu trinken, war anscheinend in meinem toten Körper geblieben, und dieser wurde gerade mit der Ambulanz in die Klinik geschafft.

Plötzlich erschrak ich: Würde ich meinen Körper überhaupt wiederfinden, wenn ich mich nicht sofort darum kümmerte, wo er verblieb? Sicher war es das Beste, der Ambulanz zu folgen, die in Richtung Hakaniemi davongefahren war. Ich stürzte los und stellte sofort erfreut fest, dass ich mich so schnell wie ein Gedanke bewegen konnte. Im Nu war ich in Hakaniemi, am Tierpark und in Alppila, wo ich die gemächlich dahinfahrende Ambulanz einholte.

Durch das teilweise sichtgeschützte Fenster sah ich meinen Körper, der Kopf war von einem Tuch verdeckt. Ich erkannte mich dennoch am Anzug und an der Aktentasche, die auf meinem Bauch lag. Wie ich wusste, trug ich einen hellbraunen Sommeranzug und neue braune Schuhe, die ich mir zwei Tage zuvor gekauft hatte. Der Kauf erschien mir jetzt überflüssig, denn die Schuhe waren teuer gewesen und die alten hätten noch gut die letzten beiden Lebenstage überstanden. Aber wie hätte ich das ahnen sollen! Andererseits – bei näherer Betrachtung war ich trotzdem zufrieden, denn so war ich nun nicht nur mit einem gut sitzenden Anzug bekleidet, sondern trug auch nagelneue Schuhe. Zum Glück hatte ich mir außerdem morgens das Haar gewaschen, sodass ich eigentlich ein ziemlich adretter Leichnam war.

Die Ambulanz fuhr zur Klinik von Meilahti, und mein Körper wurde hineingetragen. Im Behandlungszimmer untersuchte mich rasch der Dienst habende Chirurg und stellte meinen Tod fest. Man öffnete meine Aktentasche, sie enthielt nichts Besonderes: ein paar Zeitungen, Notizen für einige Artikel, zwei Bücher, ein Glas mit eingelegten Zwiebeln.

Ich habe eingelegte Zwiebeln immer gemocht. Meine Frau kaufte sie nie, sodass ich mir angewöhnt hatte, ab und zu selbst ein Glas mitzubringen. In diesem Moment ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass wir, meine Frau und ich, gar nicht viel gemeinsam hatten. Wir hatten ein gemeinsames Bett, eine gemeinsame Adresse, und das war’s eigentlich. Obwohl – immerhin. Und nun hatte ich meine Frau also zur Witwe gemacht, nun war sie mich und meine eingelegten Zwiebeln los.

Der Chirurg konstatierte, dass ich an einem Schädelbruch gestorben war. Etwas Ähnliches hatte ich mir schon gedacht, denn in meinem Kopf hatte es mächtig geknackt, als mich das Auto überfahren hatte. Der Arzt drehte mich auf die Seite, und aus meinem Mund floss ein wenig Blut auf die Trage – kein sehr angenehmer Anblick.

Dann wurde mein Portemonnaie untersucht. Es war mir peinlich, zusehen zu müssen, wie mein Geld gezählt wurde, denn es war nur wenig: knapp fünf Euro. Ich war in jeder Hinsicht ein unbedeutender Leichnam. Hätte ich gewusst, dass ich gerade heute unter ein Auto gerate, hätte ich gleich morgens bei der Zeitung gekündigt und mir mein Gehalt auszahlen lassen. Das Geld hätte ich in mein Portemonnaie gesteckt, sodass ich zumindest kein bettelarmer Leichnam gewesen wäre. Vielleicht hätte sich der Portier oder der Arzt im Krankenhaus ein paar Hunderter stibitzt? Derartiges war in Finnland bereits vorgekommen: Pathologen hatten den Toten Ringe, Uhren, Goldzähne gestohlen. Schließlich war Leichenfledderei insofern eine gut kalkulierbare und sichere Angelegenheit, als das Opfer den Täter niemals anzeigte.

Im Büro füllte die Sekretärin ein Formular aus, meine persönlichen Daten entnahm sie meinem Pass. Ich beugte mich dabei über ihre Schulter und las mit. Nicht einmal sterben konnte man, ohne dass sofort diverse Formulare ausgefüllt wurden.

Als die Sekretärin fertig war, erkundigte sie sich beim Arzt, ob sie jetzt die Angehörigen, in diesem Falle meine Frau, informieren solle. Kinder hatten wir ja zum Glück nicht.

Der Arzt riet ihr, mit dem Anruf noch zu warten. Der Leichnam müsse erst gewaschen werden, ehe die Ehefrau benachrichtigt wurde.

»Wir säubern ihn ein wenig und schieben ihn in den Kühlraum. Informieren Sie seine Frau in etwa einer halben Stunde«, sagte der Arzt.

Jetzt war Eile geboten. Denn ich musste unbedingt anwesend sein, wenn zu Hause die Nachricht von meinem Tod eintraf. Ich fragte mich, wie meine Frau wohl reagieren würde. Würde sie womöglich in Tränen ausbrechen, sich vor Schmerz die Kleider vom Leibe reißen? Oder einen Schock bekommen und in verzweifelte Apathie versinken?

Wohl kaum – aber bald würde ich es wissen. Vielleicht würde sie wenigstens ein bisschen weinen. Immerhin war ich ihr Mann gewesen, das musste doch eigentlich eine gewisse Bedeutung haben!

2

Ich verließ das Krankenhaus. Im Handumdrehen war ich daheim in Kruununhaka. Meine Wohnung befand sich in der vierten Etage. Im Hausflur hielt ich Ausschau nach dem Fahrstuhl, der wie üblich nicht dort war, wo man ihn brauchte. Ich versuchte den Knopf zu drücken, doch die Automatik reagierte nicht. Daraus schloss ich, dass der Mensch körperlos wird, wenn er stirbt: Er sieht seinen Finger, den man dennoch nicht als Finger im üblichen Sinne bezeichnen kann.

Ich kniff mir in die Wange und verspürte nicht den geringsten Schmerz.

Auf der Treppe probierte ich dann noch etwas anderes aus: Ich ließ mich absichtlich auf die Stufen fallen, so schwungvoll ich nur konnte. Mir passierte überhaupt nichts. Es heißt immer, dass Betrunkene beim Fallen oft erstaunliches Glück haben. Geister anscheinend auch. Ein nicht vorhandenes Knie schwillt nicht an, und es sammelt sich kein Wasser darin. Und ein Geist bekommt auch keine Gehirnerschütterung, selbst wenn er seinen Kopf mit voller Wucht gegen Beton rammt. Zufrieden konstatierte ich, dass im Himmel offensichtlich keine Unfälle passierten. Sofern ich jetzt überhaupt im Himmel war.

Ich horchte am Briefschlitz, ob meine Frau schon von der Arbeit gekommen war. Das Radio spielte, sie war also zu Hause. Entschlossen schlüpfte ich durch den Briefschlitz in unsere Wohnung, denn obwohl die Öffnung für einen Mann meiner Größe nur winzig war, passte ich mühelos hindurch.

Meine Frau stand am Herd und kochte Kartoffeln. Sie sah hübsch aus in ihrem blau gestreiften Kleid. Am Morgen hatte sie sich die Haare gewaschen und die Lippen geschminkt. Rein äußerlich wirkte sie ganz passabel, wenn sie sich nur ein wenig Mühe gab. Ihr Charakter war allerdings so eine Sache: Wenn sie wütend war, wurde sie giftig und boshaft, sie war anspruchsvoll, kleinlich und hatte einen Hang zum Nörgeln. Auch war sie, entgegen ihrer eigenen Meinung, nicht besonders intelligent.

Irgendwie gefiel mir der Gedanke, dass ich tot war. Sehr glücklich war unsere Ehe ohnehin nicht mehr gewesen. Über kurz oder lang hätten wir uns wahrscheinlich scheiden lassen. Nun, da ich zufällig gestorben war, hatte sich unter anderem diese leidige Sache von selbst erledigt. So blieben uns der Gang zum Gericht und die Aufteilung des Hausrates erspart, all das, was eine Scheidung so mit sich brachte oder mit sich nahm.

Ich setzte mich aufs Wohnzimmersofa in die Nähe des Telefons. Bald würde der Anruf aus dem Krankenhaus kommen und meine Frau die traurige Nachricht erhalten. Bis dahin würden die Kartoffeln fertig sein, vielleicht hatte sie dann auch schon zwei Teller auf den Tisch gestellt, die Tomaten geviertelt und das Brot geschnitten.

Die Kartoffeln kochten bereits, meine Frau stach mit der Gabel hinein, um zu prüfen, ob sie gar waren. Essen wirst du sie diesmal vermutlich nicht, Verehrteste, dachte ich. Schalte lieber rechtzeitig die Kochplatte aus, bald bekommst du einen Anruf.

Dann klingelte das Telefon.

Ich wollte schon an den Apparat stürzen und mich melden, im letzten Moment begriff ich jedoch, dass das nicht mehr möglich war: Wie sollte ein Geist den Hörer aufnehmen? Meine Frau eilte aus der Küche herüber. Aufgeregt dachte ich: Jetzt, verdammt noch mal, hörst du etwas absolut Sensationelles.

Es war jedoch nicht der Anruf aus dem Krankenhaus. Ein Bekannter wollte mich sprechen.

»Er ist noch nicht da, kann er vielleicht zurückrufen?«, fragte meine Frau.

So etwas Blödes, wie sollte ich denn noch jemanden anrufen? Meine Frau notierte die Nummer und die Bitte um Rückruf auf einem Zettel und geriet dann, wie üblich, am Telefon ins Plaudern. Sie kicherte, anscheinend machte es ihr Spaß, mit dem Anrufer zu sprechen. Ab und zu strich sie sich das Haar zurück, das ihr in die Augen gefallen war. Diese Geste hatte sie sich angewöhnt, weil sie sie für sexy hielt. Geziert hielt sie den Hörer zwischen den Fingern mit den rot lackierten Nägeln, und das Gespräch wollte kein Ende nehmen. Ich wurde nervös: Das Krankenhaus versuchte sicher dauernd durchzukommen, um die Nachricht von meinem Tod loszuwerden, und meine verflixte Frau hing am Telefon und blockierte die Leitung. Zum Glück war bald das Zischen überkochenden Wassers zu hören, sodass sie endlich das sinnlose Geplapper beenden, den Hörer auflegen und in die Küche eilen musste, um die Kartoffeln zu retten.

Dann klingelte das Telefon erneut.

Ich war sicher, dass dies der Anruf aus der Klinik war. Meine Frau goss in der Küche die Kartoffeln ab und schimpfte ärgerlich, dass das Telefon dauernd klingelte und ihr keinen Augenblick Ruhe ließ. Es klingelte lange, aber da niemand abnahm, gab der Anrufer schließlich auf, und das Gebimmel verstummte.

Die Nachricht, dass ich nicht mehr lebte, fand einfach keinen Abnehmer, nicht mal bei mir zu Hause. Dieser Todesfall kam mir immer sinnloser vor, ihm fehlte die Dramatik und Schicksalhaftigkeit. Dabei war ein ausgewachsener Mann gestorben, das sollte doch von Bedeutung sein.

Ich war schon im Begriff, die Wohnung zu verlassen, als sich endlich das Krankenhaus meldete und meine Frau erfuhr, was mir zugestoßen war. Sie hörte ungläubig zu und hielt den Anruf zunächst für einen geschmacklosen Scherz, schließlich aber begriff sie, dass ich wirklich tot war. Sie wurde ernst, und ich glaubte, auf ihrem Gesicht einen Anflug von Erschütterung und Trauer zu erkennen.

Nach Beendigung des Gesprächs rannte sie erst mal ins Bad, setzte sich auf die Toilette und pinkelte. Dabei blickte sie in den Spiegel und zog allerlei Grimassen. Anscheinend suchte sie nach einer Miene, die ihrer Meinung nach zu einer jungen Frau passte, die soeben Witwe geworden war.

Meine Frau blieb lange im Badezimmer. Sie rieb sich die Augen, bis sie rot waren. Dann schmierte sie sich ein wenig Wimperntusche auf die Wangen, damit es so aussah, als ob sie geweint hätte. Sie versuchte sogar, wirklich zu weinen, doch das wollte ihr nicht gelingen.

Es kränkte mich, als ich sah, wie wenig ihr die Nachricht von meinem Tod ausmachte. Dass sie immerhin versuchte, Außenstehenden den Eindruck zu vermitteln, sie trauere, war ein zu geringer Trost.

Schließlich zog meine Frau einen schwarzen Popelinemantel an und bestellte ein Taxi, um ins Krankenhaus zu fahren und meine Leiche zu identifizieren. Ich beschloss, mitzufahren. Es interessierte mich, wie ich jetzt, da ich bereits steif geworden war, aussah.

3

Die ersten Tage nach meinem Tod waren voller Überraschungen, eine merkwürdiger als die andere. Schon allein, dass ich mich ungehindert und so überaus schnell bewegen konnte, setzte mich stets aufs Neue in Erstaunen. Ein ums andere Mal musste ich feststellen, dass der Mensch nach seinem Tod noch viel zu lernen hatte.

Ob ich im Himmel oder in der Hölle oder im Fegefeuer gelandet war, interessierte mich nicht besonders. Die Hauptsache war, dass ich irgendwie mein Leben oder mein Dasein, wie immer man es auch nennen mochte, fortsetzen konnte.

Natürlich beschäftigte mich hin und wieder die Frage, wo ich mich eigentlich befand. Weshalb war ich nicht ein für alle Mal tot, sondern existierte als eine Art Geist weiter? Die Antwort darauf blieb jedoch zunächst offen.

Manchmal dachte ich darüber nach, wer in diesem Jenseits wohl die höchste Macht innehatte. Wer leitete alles? Welche war meine Stellung in der Hierarchie, waren die Verhältnisse überhaupt irgendwie geregelt?

Wenn der Mensch geboren wird, ist er ein kleines Baby, das noch nicht einmal sehen kann. Ein Säugling begreift nichts vom Lauf der Welt, stellt keine Fragen, fürchtet sein neues Dasein nicht und wundert sich nicht darüber. Ihm genügt es, an der Brust der Mutter zu trinken und den ganzen Tag zu schlafen. Erst Jahre später beginnt das Kind seine Umgebung zu begreifen und Fragen zu stellen.

Den Tod kann man insofern mit der Geburt vergleichen, als auch mit ihm ein neues Dasein beginnt – ich hatte es gerade erst selbst erfahren. Das Ereignis ist trotzdem komplizierter als die Geburt, denn für gewöhnlich stirbt der Mensch bei vollem Bewusstsein, und er trifft völlig unvorbereitet auf seine neuen Bedingungen. Auf einen Neugestorbenen stürzt eine ungeheure Menge von Fragen ein. Schon weniger reicht aus, um ihn völlig zu verwirren.

Wenn die Menschen erwachsen zur Welt kämen und nicht als Babys, gäbe es ein ziemliches Durcheinander, weil die Neuankömmlinge sofort versuchen würden, sich alle Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen. Durch die Gänge der Geburtskliniken würden bedepperte neugeborene Erwachsene irren und ungeduldig nach dem Grund ihrer Geburt fragen. Außerdem müssten die Mütter dementsprechend größer sein. Eine Frau, die einen ausgewachsenen Menschen gebären sollte, müsste an die dreihundert Kilo wiegen, über vier Meter groß sein und einen Beckenumfang von mindestens anderthalb Meter haben. Mit einer solchen Frau hätte ein Mann von normaler Größe seine liebe Not, im Streit wie auch in der Liebe.

Zwei Tage nach meinem Tod ging ich in den Lesesaal der Helsinkier Stadtbibliothek, um mir anzusehen, was meine Journalistenkollegen über meinen Tod in der Zeitung berichtet hatten. Ich musste dazu den Lesesaal aufsuchen, weil ich mir, geld- und körperlos, wie ich war, keine Zeitung am Kiosk kaufen konnte, und ich war natürlich auch nicht in der Lage, selbst darin zu blättern. Im Lesesaal konnte man als Toter partizipieren, wenn die Leute die Zeitungsseiten umblätterten. Ich musste mich nur hinter den Stuhl eines Lebenden stellen und in seinem Rhythmus die Zeitung mitlesen. Ich hatte es immer gehasst, wenn mir jemand beim Lesen über die Schulter schaute, jetzt aber war ich gezwungen, selbst dieser schlechten Sitte zu frönen.

Im Saal saßen etwa zwanzig Leute an den Tischen und lasen Zeitung. Ein besonderer Umstand setzte mich allerdings in Erstaunen: Hinter dem Rücken eines jeden Zeitungslesers standen eine oder mehrere andere Personen und lasen mit. Ich zählte insgesamt fast hundert Besucher. Sie alle lasen in tiefem Schweigen.

Mir fiel auf, dass die Menschen, die hinter den am Tisch Sitzenden standen, ziemlich altmodisch angezogen waren. Ihre Kleidung schien aus den unterschiedlichsten Zeiten zu stammen. Die meisten trugen die Mode aus den Fünfzigerjahren, aber auch Kleidung aus der Vorkriegszeit war vertreten, bis hin zur Jahrhundertwende. Hinten im Saal sah ich zu meinem Erstaunen sogar zwei zerlumpte Militärangehörige, beide eindeutig Frontkämpfer aus dem Zweiten Weltkrieg. Der eine war Unteroffizier, der andere einfacher Soldat. Sie sahen aus, als wären sie direkt aus der Schlacht in den Lesesaal gekommen.

Diese gemischte Gesellschaft stand stumm da und studierte aufmerksam, gemeinsam mit denen, die die Zeitungen in den Händen hielten, die Tagespresse.

Plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke: Vielleicht waren all die, die dort standen, Tote so wie ich? Womöglich gab es im Jenseits außer mir auch noch andere Wesen?

Natürlich! Wieso war ich nur nicht früher auf diese Idee gekommen? Selbstverständlich gierten auch andere Tote nach frischen Nachrichten, und wo sonst, wenn nicht in der Bibliothek, konnte man problemlos die Tagespresse verfolgen. Ich begriff augenblicklich, dass sich die Rolle der Bibliotheken als Wissensvermittler nicht nur auf den Dienst an den Lebenden beschränkte, sondern dass auch Heerscharen von Toten täglich die Lesesäle nutzten. Angesichts dessen wäre es nur recht und billig gewesen, die finanziellen Mittel für die Bibliotheken spürbar zu erhöhen, denn die Lesefreudigkeit der Toten war keineswegs gering zu schätzen. Wüssten die politischen Entscheidungsträger, wie viele tatsächliche Nutzer die Bibliotheken vorweisen konnten, würden sie den zuständigen Fachbereichen bestimmt weit höhere Summen bewilligen.

Ich spürte, wie ich errötete. War ich doch ganz lässig in den Lesesaal gekommen, in dem naiven Glauben, ich sei allein, und jetzt stellte ich fest, dass wir Wesen aus der Geisterwelt zahlenmäßig alle anderen weit übertrafen. Ich versuchte mich auf das Studium der Zeitung zu konzentrieren, doch schielte ich dabei immer wieder heimlich nach den Toten, die um mich herum standen, mich aber nicht weiter zu beachten schienen.

Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. War es angebracht, all die fremden Geister zu begrüßen, oder war es besser, wenn ich mich abseits hielt und so tat, als gehörte der Besuch im Lesesaal zu meiner Alltagsroutine? Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl in meiner Haut: Es war unangenehm, in eine Gesellschaft zu geraten, deren Regeln man nicht kannte.

Einer meiner Mitleser – er stand unweit von mir hinter einem der Lebenden – war ein dicker älterer Mann mit rotem, gedunsenem Gesicht. Er hatte eine gedrungene Statur und sah ziemlich unappetitlich aus. Seine Kleidung war schmutzig, sein ungekämmtes Haar stand wirr nach allen Seiten, und seine letzte Rasur lag schon mehrere Tage zurück. Der Mann musterte mich prüfend und sagte dann leise:

»Sie sind ein Neuer, oder?«

Von diesem heruntergekommenen Kerl angesprochen zu werden erschreckte mich so, dass ich schnell den Kopf schüttelte. Der Mann ließ sich jedoch nicht beirren und fuhr fort:

»Nur keine Scheu. Ich habe Ihr Foto heute in der Morgenzeitung gesehen. Sind Sie nicht der Mann, der vorgestern in der Kaisaniemenkatu von einem Auto überfahren wurde?«

Nun war ich gezwungen zuzugeben, dass er Recht hatte. Unser Gespräch sorgte unter den anderen Toten für Unmut, wahrscheinlich störte es ihre Konzentration. Einige runzelten die Brauen und sahen uns tadelnd an. Im Lesesaal musste auch ein Toter still sein, das wusste ich jetzt.

Der grobschlächtige Kerl forderte mich flüsternd auf, mit ihm hinauszugehen, damit wir uns ein wenig unterhalten könnten. Gleich darauf trat er durchs Fenster auf die Straße und winkte mir, ihm zu folgen.

Wieder lernte ich etwas Neues: Wir Geister waren in der Lage, durch Fensterscheiben zu gehen, ohne dass sie zersprangen. Das Durchdringen des Glases nahm mir vorübergehend den Atem, andere Nebenwirkungen gab es allerdings keine. Mir brannten nicht einmal die Augen, obwohl das Glas stark funkelte ...

Draußen gingen wir die Süd-Esplanade entlang. Mein neuer Bekannter erklärte mir die Verhältnisse im Jenseits. Er berichtete, dass auf der Straße Lebende neben Toten gingen, bunt durcheinander. Ich sollte mir die Leute nur genau ansehen, dann würde ich lernen, die »Unsrigen« unter den Lebenden zu entdecken. Er zeigte auf die entgegenkommenden Passanten und sagte:

»Lebender, Lebender, Toter, Lebender, Toter, Toter, Lebender ..., da sehen Sie, wie leicht ich die Lebenden von den Toten unterscheiden kann.«

Ich registrierte, dass die Toten im Allgemeinen ärmlicher und weniger modisch gekleidet waren als die Lebenden. Man sah, dass es Finnland wirtschaftlich gerade ausgezeichnet ging. Aber auch die Mienen der entgegenkommenden Passanten sagten viel darüber aus, ob sie lebten oder zu den »Unsrigen« gehörten. Die lebenden Finnen blickten irgendwie ängstlicher und angespannter, waren nervös und in Eile. Die Toten hingegen wirkten – von einigen Ausnahmen abgesehen – gelassen und zufrieden. Sie hasteten nicht vorwärts, sondern ließen sich Zeit, die Parkanlagen anzuschauen und dem Gesang der Vögel zu lauschen.

Mein neuer Bekannter grüßte einige der Toten, die jedoch nur flüchtig zurückgrüßten; es war deutlich zu merken, dass er nicht besonders beliebt war.

»Das Auge lernt bald, die Lebenden und die Toten zu unterscheiden. Sehen Sie zum Beispiel diesen Mann dort vor dem Gebäude der ehemaligen Schulverwaltung?«

Ich blickte in die angegebene Richtung und entdeckte einen elegant gekleideten alten Herrn mit einem Zylinder, in der Hand hielt er einen Spazierstock mit silbernem Knauf, seine Füße steckten in Lackschuhen und Gamaschen.

»Es ist Cajander, erkennen Sie ihn nicht? Er war seinerzeit der Ministerpräsident Finnlands.«

In der Tat, es war Cajander, der da entlangstolzierte. Er ging an uns vorbei, ohne uns eines Blickes zu würdigen, und wir senkten die Stimmen, als er auf gleicher Höhe war. Wie es schien, gehörten auch im jenseitigen Leben die Herren und Narren zu verschiedenen Klassen. Ich machte eine diesbezügliche Bemerkung zu meinem Gefährten, der nur ironisch sagte:

»Nun, Cajander bleibt eben immer Cajander.«

Mein Begleiter begann ein wenig über sich selbst zu erzählen. Ich erfuhr, dass er schon vor Jahren gestorben war.

»Mein elender Leichnam ist längst verwest ... Ich war zu Lebzeiten Geschäftsmann, nein, eigentlich war ich eher ein Spekulant, ein Wucherer und Schmuggler, all so was. Ich habe wüst und ausschweifend gelebt, was man mir ja auch ansieht.«

Ich gab zu, dass er einen ziemlich verkommenen Eindruck machte.

»Ich war ein verstockter Mensch und in jeder Hinsicht ein Ausbeuter. Ich habe unrechtmäßig ein großes Vermögen erworben, habe andere betrogen, habe getrunken, gerauft, allerlei schlimme Dinge angestellt. Ich war so veranlagt, war von Kindesbeinen an ein rechter Teufel. Schließlich bin ich am Alkohol zugrunde gegangen, und das geschah mir ganz recht.«

Ich bemerkte darauf, dass es ihm, obwohl er am Alkohol gestorben war, jetzt durchaus nicht übel ging. Schließlich spazierte er über die Esplanade, nicht anders als Cajander. Keiner von ihnen beiden hatte Grund zu klagen.

»Sie ahnen gar nicht, wie schwer ich es hier habe. Ständig muss ich mich verstecken. Immer wieder sterben Leute, die ich betrogen habe und denen ich ums Verrecken – entschuldigen Sie den Ausdruck – nicht begegnen möchte. Es ist alles andere als angenehm, in aller Öffentlichkeit seine ehemaligen Verbrechen erklären zu müssen. Ich habe versucht, vor diesen Neuankömmlingen bis ans Ende der Welt zu fliehen, aber wie Sie inzwischen gemerkt haben, kann sich jeder von uns mit der Geschwindigkeit eines Gedankens von einem Ort zum anderen bewegen, flüchten kann also keiner ... Ich müsste mich wahrscheinlich in irgendeiner einsamen Höhle verkriechen, mich in freiwillige Gefangenschaft begeben ... So sieht es hier für mich aus.«

Ich fragte ihn, was ihn in den Lesesaal führte.

»Zeitungsberichte interessieren mich nicht, haben mich schon zu Lebzeiten nicht interessiert, abgesehen von den Börsennachrichten. Jetzt lese ich nur die Todesanzeigen, damit ich Vorkehrungen treffen kann, wenn wieder ein alter Bekannter stirbt. Im Frühjahr ist ein rechtschaffener Mann erkrankt, den ich seinerzeit um seinen Bauernhof gebracht habe. Ich fürchte, dass er bald stirbt, und dann kommen für mich schwere Zeiten.«

Der Mann seufzte. Er litt tatsächlich, wie ich jetzt begriff. Also setzte sich die Gerechtigkeit nach dem Tod schließlich doch durch!

Traurig die Hand schwenkend, ging dieser sündige Mann seiner Wege. Zum Abschied sagte er noch:

»Dann also willkommen bei uns ... Wenn Sie keine größeren Gewissenbisse haben, kann es hier sogar ganz angenehm sein. Alles hängt davon ab, wie man die Dinge nimmt, wie man sie hier nimmt und wie man sie im früheren Leben auf Erden genommen hat.«

Am Laden von Marimekko drehte er sich noch einmal um und rief mir nach:

»Beinah hätte ich es vergessen: Die Nachricht von Ihrem Tod steht in der heutigen Nummer des Sozialdemokraten auf der Seite zehn! Kann sein, dass auch die anderen Zeitungen über Sie schreiben.«

Ich winkte ihm zum Abschied zu und kehrte in den Lesesaal zurück, denn ich war gespannt, was die Presse über den Fall berichtete. Ob wirklich ein Foto von mir in der Zeitung war?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Im Jenseits ist die Hölle los" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen