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Im Jenseits des Lebens

Über den Autor:

Horst G.T. Müller ist Lehrer und Diplom-
Parapsychologe,
arbeitete als Lehrer, in der Sozialpädagogik sowie in der Lebensberatung.

Als Wohnort hat er sich eine kleine Gemeinde im Land Brandenburg ausgesucht.

Kontakt: hgt.mueller@gmx.net

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Der Annoncenmann

Das Erbe des Staatsanwalts

Die zartblauen Augen

Das Leben der Anna Hebert

Auch als E-Books

Zu bestellen bei www.amazon.de u.a.

sowie im Buchhandel

Vorwort

Viele Menschen erleben sichtbare Anzeichen dafür, dass an entfernten Orten ein lieber Mensch, zu dem sie eine besonders gefühlsmäßige Bindung spüren, starb, indem eine Uhr stehen blieb, ein Glas zersprang, ein Bild von der Wand fiel oder indem sie ständig in Sorge an die betreffende Person denken mussten.

Andere Menschen berichten, dass sie einen verstorbenen Verwandten oder einen innigen Bekannten, mit dem sie sich auch nach dessen Tod noch in Gedanken beschäftigen, als Erscheinung oder Geist zu sehen glauben.

Lüge oder Wahrheit?

Hatten Sie, liebe Leser, schon einmal Besuch aus dem jenseitigen Leben, aus einer uns noch unbekannten Dimension, in der sich vielleicht Ihre verstorbenen Verwandten, Freunde oder Bekannten in einer uns nicht zugänglichen Form nach dem Ableben und dem organischen Verfall ihrer Körper befinden?

Der vorliegende Roman erzählt eine Geschichte, die einerseits so merkwürdig ist, dass es mitunter schwerfällt, ihre Glaubwürdigkeit zu akzeptieren, die aber anderseits jeder von Ihnen in ähnlicher Form auch erleben könnte.

Den Menschen unserer Erde ist im Allgemeinen nicht bewusst, dass sie vielleicht bei all ihrem Tun, auch an den verschwiegensten Orten und bei jedem noch so heimlichen Geschehen, von anderen Menschen, Wesen oder intelligenteren Lebensformen als den Menschen, beobachtet werden können.

Das Lebewesen Mensch selbst birgt viele, noch lange nicht bekannte und erforschte Geheimnisse. Die Entschlüsselung der Vorgänge im menschlichen Gehirn steht erst am Anfang und die Nutzung und Entfaltung seiner Möglichkeiten birgt für den heutigen Erkenntnisstand mit Sicherheit noch viele Überraschungen in sich.

Für die Bewegung der Planeten im Weltall gibt es ebenfalls wissenschaftliche Theorien, doch niemand kann mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob sie stimmen.

Wer oder was balanciert mit überdimensionalen Kräften unser Sonnensystem und dieses wiederum im gesamten Universum?

Ist es nicht angesichts der von den Menschen angenommenen Vorstellung von der Unendlichkeit des Universums und der Existenz von Tausenden und aber Tausenden Sonnensystemen nahezu unlogisch, dass ausgerechnet nur auf unserem winzigen Planeten Erde vernunftbegabte Lebewesen existieren sollen?

Sind vielleicht schon Besucher aus fremden Welten mitten unter uns, um unser Leben, unsere Gefühle, um unser Gehirn zu studieren? Können sie Einfluss auf unser Bewusstsein nehmen? Verleihen sie einigen Menschen ungewöhnliche Fähigkeiten, oder ist es die menschliche Intelligenz selbst, die aus bisher unerklärlichen Gründen in Einzelfällen Phänomene aufweist, die wir noch nicht deuten können?

°°°°°°°

Entree

Jeder Mensch kann sich in Gedanken nur an ihm bekannte Orte versetzen, das heißt an Orte, die er visuell in Gedanken gewissermaßen vor seinem geistigen Auge sieht. Das setzt aber voraus, diese Orte müssen in seinem Gedächtnis gespeichert sein. Und genauso funktionierte offenbar das Versetzen von einem Ort zum anderen im körperlosen Zustand. Auf meinem neuen faszinierenden Weg der Trennung von stofflichem und geistigem Körper war es mir gelungen, ein weiteres, der Menschheit vielleicht unbekanntes Geheimnis zu entschlüsseln.

Was würde mir in Zukunft noch alles gelingen? Welche weiteren Geheimnisse würden mir ihre Pforten öffnen und mich in ihre grenzenlose Unendlichkeit blicken lassen? Die Natur gibt uns Menschen eine niemals enden wollende Zahl von Rätseln auf, und ich bin fest davon überzeugt, dass die am höchsten entwickelte Materie – das menschliche Gehirn – dabei eine zentrale Bedeutung einnimmt und die Menschheit vor sensationelle Überraschungen stellen wird. Ich selbst durchlebte gegenwärtig eine solche.

Ich überlegte, wen ich als Nächstes „besuchen“ könnte, und richtete meine Gedanken auf Judith Ohleson, mit der ich vor fünf Tagen das bedeutsame zweite Gespräch geführt hatte.

Doch auch zu ihr war eine Versetzung unmöglich, denn ihre Wohnung kannte ich nicht.

Aber das Büro meines Freundes Bob kannte ich, und dahin gelangte ich jetzt, neugierig, was er wohl für einen Fall bearbeiten würde.

Bob saß hemdsärmelig an seinem Schreibtisch, im Schulterhalfter steckte seine Pistole, und starrte ernst und mit nachdenklichem Gesicht auf einige Fotos, die vor ihm auf dem Tisch lagen.

Ich sah ihm über die Schulter und erschrak über das, was sich meiner entsetzten Wahrnehmung offenbarte. Auf den Fotos waren Leichenteile zu erkennen, die einer Frau gehörten, denn auf einem Foto entdeckte ich einen weiblichen Torso.

Es klopfte. Gleich darauf öffnete Oberkommissar Wedding die Tür und betrat das Zimmer. Ich kannte ihn seit ich Bob einmal begleitet hatte, als er Wedding im Krankenhaus besuchte.

Er war von mittlerer Größe, schlanker Gestalt, etwa Anfang fünfzig und wirkte mit seinem schmalen Gesicht, der fein geschnittenen Nase, der hohen Stirn und der Goldbrille, eher wie ein Studienrat.

„Setz dich, Thomas!“ forderte Bob seinen Besucher nach einem kurzen Gruß auf, und Wedding nahm auf einem Stuhl gegenüber Bobs Schreibtisch Platz.

„Es sind schlimme Bilder. Ich sah zwar schon vieles, aber wenn ich diese Fotos betrachte, dann kommt in mir Wut hoch über ein solch teuflisches Werk.“

„Sollten wir irgendwann den Mörder fangen, ist er wahrscheinlich nicht schuldfähig, da es sich wieder um einen Psychopathen mit unbewältigten Kindheitserinnerungen handelt, die er angeblich nur auf diese grausame Weise ausleben kann“, meinte Wedding mit bekümmertem Gesicht.

„Hoffentlich finden wir ihn bald!“

„Wir besitzen gute Chancen, denn das Labor hat auf den Leichenteilen Sperma der Blutgruppe B entdeckt.“ Wedding reichte Bob triumphierend den Obduktionsbericht über den Schreibtisch.

Bob nahm ihn verblüfft und vertiefte sich in die halbe Seite Text. „Wenn ich das so lese, taucht bei mir die Vermutung auf, dass wir es mit einem Leichenfetischisten zu tun haben. Eine besonders abartige Version.“

„Ich bin deiner Meinung, Bob. Ein anderer Schluss ist wegen des Spermas fast ausgeschlossen.“

„Es gibt Leichenfetischisten, die ejakulieren beim Zersägen der Leichen und andere, die tun das vorher.“

„Grässlich, wenn man sich das vorstellt.“ Wedding öffnete den obersten Knopf seines Hemdes und stieß die Atemluft scharf durch die Zähne aus.

„Im Obduktionsbefund werden winzige Sägespäne an der Schnittstelle des rechten Oberschenkels angegeben. Damit hätten wir schon zwei wichtige Täterhinweise“, sagte Bob nachdenklich

Wedding erhob sich. „Wie auch immer, ich beneide dich nicht um diesen Fall, aber wir haben in meiner Abteilung auch zwei Morde aufzuklären, und in dem einen Fall besitzen wir nicht den geringsten Hinweis.“ Er drückte Bob zum Abschied die Hand und verließ das Zimmer.

Armer Bob, wieder einmal hatte er einen brutalen Mord aufzuklären, der sicher in der Psyche der beteiligten Kriminalisten tiefe Spuren hinterlassen wird.

Aber ich werde zu helfen versuchen.

Bis zu diesem Erlebnis, bis zu meiner außergewöhnlichen Fähigkeit der Trennung von „Körper und Geist“ vergingen einige Monate.

Und so fing alles an:

1. Teil

Eines Nachts hatte ich einen seltsamen Traum, dem ich zunächst keine besondere Bedeutung beimaß, der aber später meinem Leben grausame Erlebnisse, verblüffende Erfahrungen und völlig neue Inhalte geben sollte:

Ich stand nachts in meinem Schlafzimmer und sah mich im silberfarbigen Schein des Vollmondes neben meiner hübschen Lebensgefährtin Melanie im Bett liegen, mit geschlossenen Augen und scheinbar friedlich schlafend.

Melanie hatte nichts an, denn die laue Hochsommernacht brachte nur wenig Kühlung nach einem sehr heißen Tag. Sie lag mit leicht angewinkelten Beinen auf der rechten Seite, und unter ihrem linken Arm leuchtete verführerisch ihre weiße Brust.

Ich fühlte mich so leicht wie eine Daunenfeder, so als hätte ich überhaupt kein Gewicht mehr. Von dem geheimnisvollen Mondlicht angezogen, stand ich plötzlich auf dem von Geranien umgebenen Balkon vor unserem Schlafzimmer. Über mir spannte sich der dunkelblaue Himmel wie ein überdimensionales Zeltdach, übersät mit unzähligen Sternen. Einen noch schöneren Nachthimmel, in dem die Sterne funkelten wie von Lampen angestrahlte Diamanten, hatte ich bisher nur in Nizza gesehen. Vor Jahren saß ich mit meiner Exfrau oft auf einer Bank am Strand und wir bestaunten dieses einmalige Funkeln.

Kaum hatte ich die bildhafte Vorstellung von dieser Bank, da saß ich sofort darauf. Und tatsächlich leuchteten am wolkenlosen tiefblauen Himmel die Sterne unvergleichlich heller als bei uns zu Hause. Merkwürdig! Wie kam ich so schnell hier her? Wo war Melanie? Lag sie noch zu Hause im Bett?

Nach der bildhaften Vorstellung des heimatlichen Schlafzimmers befand ich mich sofort wieder dort. Toll! Eine Reise in Bruchteilen von Sekunden.

Ich wiederholte die Ortsveränderung, versuchte es auch mit anderen Orten, die ich kannte. Faszinierend! Es gelang jedes Mal.

Als ich von einem Ausflug in meine frühere Wohnung zurückgekehrt war, in der eine junge Frau und ein älterer Mann schlafend im Bett lagen, nahm ich Melanie behutsam in die Arme.

Auf einmal hörte ich ein entferntes Geräusch, immer lauter werdend und spürte eine leichte Berührung an der Wange. Das Geräusch kam näher, die Berührung verstärkte sich, ich hörte Wortfetzen und schließlich eine Stimme, die meinen Namen sprach.

„Johnny“, flüsterte Melanie. „Was ist denn? Warum hältst du mich so fest? Jetzt ist es Nacht, zwei Uhr dreißig. Schlaf doch weiter!“ Sie schmiegte sich mit ihrem weichen Körper an mich und strich mir beruhigend über den Kopf.

Verstört murmelte ich: „Ja, habe nur geträumt. Entschuldige!“

Sie rollte sich zusammen wie ein Kätzchen, kuschelte ihren Kopf mit den halblangen dunklen Locken ins Kissen, seufzte glücklich und schlief sofort wieder ein.

Was für ein schöner Traum! Ich brauchte nur eine bildhafte Vorstellung und schon war ich an dem gedachten Ort. Wie deutlich mein Gedächtnis alles speicherte. Als wäre ich tatsächlich dort gewesen.

Während ich darüber nachdachte, war ich wohl wieder eingeschlafen. Oder war ich wach geblieben? Jedenfalls spürte ich in mir ein Gefühl, das ich bisher nicht kannte. Es war, als ob sich meine Gedanken von mir lösten und von einem grenzenlosen Raum in den schillernden Farben des Regenbogens aufgenommen wurden. Zugleich vernahm ich sehr wohlklingende melodische Töne, die plötzlich so laut wurden, dass ich mich entsetzt im Bett aufrichtete.

Was war das? Hatte ich wieder geträumt?

Ich atmete einige Male tief ein und aus. Im Uhrenradio leuchteten die Zahlen „3:42“. Melanie schien noch fest zu schlafen.

Der Vollmond stand noch immer am dunkelblauen Himmel und schickte seine geheimnisvollen Strahlen direkt auf das Fußende unseres breiten Polsterbettes. Ich wusste, er bewirkte nicht nur die Gezeiten unserer Meere. Viele Frauen bekamen beim vollen Mondzyklus ihre Regel. Obst sollte nur bei Vollmond geerntet werden, natürlich am Tage, weil es dann mehr Saft enthielt. Und leider stiegen bei Vollmond auch die Zahl der Morde und Suizide.

Wenn der Mond solchen Einfluss hat, dann ist es durchaus vorstellbar, dass er auf die empfindlichen Abläufe im menschlichen Gehirn weitere, bisher noch nicht erforschte Einwirkungen hat.

Hatte sich mein Bewusstsein unter dem Einfluss des Vollmondes im Schlaf in höhere Regionen erhoben oder hatte der Mond den Zugang zum noch unerforschten Unterbewusstsein frei gemacht? Überrascht registrierte ich diese für mich ungewöhnlichen Gedanken.

Während das silberne Mondlicht wie weiche Watte auf dem Bett lag, strömte durch das weit geöffnete Fenster milde Luft in das Schlafzimmer und streichelte sacht mein Gesicht. Irgendwann verdeckte der Schlaf meine Gedanken, und ich wurde erst wieder wach als mir ein anregender Kaffeeduft in die Nase stieg und Melanie sagte: „Frühstück, mein Schatz. Es gibt Kaffee, ein Ei, Quark, Müsli, Orangensaft und von deiner Liebsten viele Küsse.“

Mit diesen Worten überschüttete sie mein Gesicht und meine nackte Brust mit zärtlichen Küssen. Seitdem Melanie vor fast zwei Jahren zu mir gezogen war und in meinem Haus lebte, fühlte ich mich als glücklicher Mann und konnte mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen.

Sie war ein wunderbares Wesen von dreißig Jahren, hatte trotz ihrer Jugend den Lebensverstand einer reifen Frau und die Gabe, einen Mann glücklich zu machen.

Ich sprang aus dem Bett mit einem solchen Schwung, dass ich beinahe auf der Frisierkommode gelandet wäre. Heute zum Sonntag, strahlte die gleißende Sonne ins Zimmer, umgeben von einer unendlichen blauen Weite, in der auch nicht die kleinste Wolke Anlass zur Besorgnis über einen plötzlichen Wetterumschlag gab.

Melanie bereitete auf dem Balkon den Frühstückstisch vor, und ich beeilte mich, ins Bad zu kommen.

Dann saßen wir uns gegenüber, genossen die Frische des frühen Sommertages, gewürzt mit dem Duft des Heus, das unser einziger Nachbar gestern auf seinem Grundstück gemäht hatte. Wir sahen uns fröhlich und verliebt in die von der Morgensonne blitzenden Augen. Was für ein herrlicher Tag! Von unserem Balkon aus hatten wir einen tollen Blick über norddeutsches Flachland mit weiten Feldern und mit Büschen bewachsenen Feldrainen, in denen viele Singvögel wohnten, die mit mehrstimmigem Gesang den neuen Tag begrüßten.

„Na, mein Schatz, was hast du heute Nacht geträumt? Irgendwann wurde ich von dir umarmt und dabei so fest gedrückt, dass ich wach geworden bin.“ Ein Lächeln umspielte Melanies sinnlichen vollen Mund und ließ einige Sommersprossen auf ihren Wangen lustig tanzen. Nur mit Slip und Shirt bekleidet, zeichneten sich ihre wohlgeformten Brüste ab.

Ich erzählte ihr nähere Einzelheiten meines Traumes, den ich zu meiner Verwunderung noch in allen Einzelheiten im Gedächtnis gespeichert fand.

„Es gab da mal eine Sendung im Fernsehen“, überlegte Melanie, „da ging es auch um so was, was dir im Traum passiert ist. Warte mal, wie war das doch gleich?“ Sie nippte nachdenklich an ihrem Kaffee. „Die Trennung von Körper und Geist soll im Trancezustand möglich sein. Ich hörte Naturvölker praktizieren das. Aber ich glaube an solche Dinge nicht.“

Auch ich gehörte bisher zu denen, die von solchen und ähnlichen Spinnereien nichts hielten. Deshalb wunderte ich mich, als ich sagte: „Ja, warum soll es außerhalb unseres derzeitigen Wissensstandes nicht Vorgänge geben, die wissenschaftlich noch unerforscht sind? Egal wie lange die Menschheit noch existieren wird, stets werden wir mehr Erkenntnisse über die Naturgesetze gewinnen.“

Ich spürte auf einmal ein großes Interesse, mehr über die Trennung von Körper und Geist zu erfahren. Und später wusste ich es: An diesem Tag begann eine Veränderung in meinem Denken, in meinem Bewusstsein. Damals konnte ich nicht ahnen, welche außergewöhnlichen, ja unglaublichen Erlebnisse ich in den nächsten Monaten erfahren würde.

Melanie stellte ihre Tasse ab, streckte sich, sah mich schelmisch an und sagte: „Hast du mich heute Nacht auch infolge eines Naturgesetzes in die Arme genommen.“

„Das lässt sich nicht ganz ausschließen.“

„Wie wäre es, wenn …?“ Ihre Augen zeigten auf das Bett.

„Tolle Idee. Gefällt mir sehr.“

Entspannt und glücklich lagen wir später nebeneinander und ließen die genossenen Empfindungen in uns nachklingen. Unser bisheriges Leben verband Liebe mit unerfreulichen Erfahrungen. Wir hatten daraus gelernt und nun, wissend, worauf es in der Partnerschaft ankam, neu begonnen.

Melanie wuchs in einem Elternhaus auf, in dem es laufend Streit gab und in dem Gefühle nie offen gezeigt wurden. Doch nachdem ihr vier Jahre älterer Bruder mit zwanzig bei einem Autounfall verstorben war, entdeckten sie plötzlich ihre Liebe, oder was sie dafür hielten, zu ihrer einzigen Tochter. Übertriebene Sorgfalt wechselte mit überzogenen Forderungen, die in die moderne Zeit nicht mehr hineinpassten. Den oft von beiden gehörten Satz, „wir meinen es doch nur gut mit dir“, wird Melanie wohl nie vergessen.

Sie erlernte den Beruf einer Kauffrau und fand nach abgeschlossener Lehre eine Stelle in einem Kaufhaus in Bad Oldesloe.

Melanie, bereits ein paar Freundschaften mit Männern hinter sich, lernte mit zwanzig den ein Jahr älteren und sehr gut aussehenden Tony Schneider kennen. Beide glaubten, dass es die große Liebe sei, die sie zueinander zog und heirateten ein Jahr später.

Nach zwei Jahren Ehe stellte sich heraus, dass Melanie keine Kinder gebären konnte und weitere zwei Jahre dauerte es, bis sie, selbst noch unerfahren, erkannte, wie unreif und egoistisch ihr Mann eigentlich war. Er fing an, sie mit anderen Frauen zu betrügen. Stellte sie ihn zur Rede, nannte er sie eine Versagerin und verhöhnte sie.

In dieser Zeit konzentrierte sich Melanie ganz auf ihre Arbeit und übernahm freiwillig Überstunden, um möglichst wenig zu Hause zu sein. Sie nutzte jede Gelegenheit, sich in ihrem Beruf weiterzubilden.

So war es kein Wunder, dass die junge, hübsche und engagierte Frau eines Tages zur Abteilungsleiterin befördert wurde.

Ihr Mann, immer unausstehlicher, begann sie zu schlagen. Die Ehe zerbrach und wurde geschieden.

„Du hast mich sehr glücklich gemacht“, sagte da Melanie in meine Gedanken hinein.

„Du mich auch.“ Ein Blick zur Uhr zeigte mir, dass seit dem Frühstück eine knappe Stunde vergangen war.

Melanie krabbelte aus dem Bett, streckte und reckte sich, warf mir einen Kuss zu und sagte: „Bleib ruhig noch liegen! Ich verschwinde erst mal im Bad und mache mich frisch.“

Ich wusste, dass sie jetzt mindestens zwanzig Minuten brauchte, um das zu tun. Bei ihrer Scheidung war Melanie fünfundzwanzig Jahre alt und voll schlimmer Erfahrung. Sex erlebte sie bis dahin ohne Höhepunkte. In der ersten Zeit der Ehe war das zwar trotzdem schön, dann jedoch zunehmend lästig, denn ihr Mann benutzte sie nur noch zu seiner Befriedigung. Nach Melanies Scheidung begleitete sie ihren Geschäftsführer immer öfter auf Dienstreisen, und da sie nun ungebunden war, auch neugierig auf andere Männer, landete sie eines Nachts nach einem Sektabend im Hotelbett des fünf Jahre Älteren.

Er erwies sich zwar als besserer Liebhaber als ihr Exmann, wie sie mir erzählte, doch den Gipfel der sexuellen Vereinigung hatte sie bei ihm auch nicht erlebt. Im Allgemeinen bestätigten sich auch mit ihm ihre bisherigen Erfahrungen, dass Männer vorwiegend selbstsüchtig, egoistisch und untreu sind.

Sie hatte gewusst, dass er verheiratet ist, und da sie sich inzwischen unmoralisch gegenüber seiner Frau vorkam, die heimliche Beziehung auch wieder eine Enttäuschung darstellte, ließ sie sich versetzen und wurde Leiterin der Filiale ihrer Kaufhauskette in Spreeburg, einer kleinen Ortschaft in der Nähe meines Wohnortes Niederlehn.

Inzwischen, nun siebenundzwanzigjährig, hatte sie trotz ihrer Jugend eine gehörige Portion Lebenserfahrung gesammelt, und ein Teil dieser Lebenserfahrungen gebot ihr, sich zunächst einmal von den Männern und ihren Sexgelüsten fernzuhalten.

Ein Jahr später lernte ich sie kennen. Ich war damals seit zwölf Jahren Leiter des Jugendtreffs in Woltersruh, einer Kleinstadt mit 15000 Einwohnern, nordwestlich von Hamburg.

Da ich am Abend mit meinen Jugendlichen über Mode sprechen wollte, saß ich gegen Mittag in meinem kleinen Büro, um mich vorzubereiten.

Es klopfte und herein trat eine junge Frau mit hübschen Beinen im Minirock. Aus einem von dunklen Locken umrahmten Gesicht, in dem eine fein geschnittene Nase, ein ausgeprägter Mund mit vollen Lippen, und lustige Sommersprossen auf den Wangen auffielen, sahen mich zwei hellblaue Augen überrascht an.

Ich starrte verblüfft in diese wunderbaren Augen, so rein und klar wie ein Bergsee, mit einer faszinierenden Ausdruckskraft. Wir sahen uns sekundenlang schweigend in die Augen. Noch nie in meinem Leben beeindruckte mich eine Frau so intensiv, noch nie nahm eine Frau solch nachhaltige Wirkung auf mein Inneres, auf meine Seele, wie dieses weibliche Wesen. War das eine Fee, die mich verzaubern wollte oder war das die Frau, die mir das Schicksal zuführte?

Sie fasste sich zuerst. „Hallo!“ sagte sie etwas verlegen und riss mich damit aus meiner Verzauberung. „Sind Sie Herr Jansen?“

Richtig blöd antwortete ich: „Ja, Jansen!“

Sie wies auf einen Stuhl vor meinem Schreibtisch: „Darf ich Platz nehmen?“

„Aber bitte“, beeilte ich mich zu sagen, noch immer nicht ganz Herr meiner Sinne.

Das weibliche Wesen, das mich so stark beeindruckt hatte, setzte sich, stellte die wohlgeformten Beine artig nebeneinander und begann: „Ich heiße Melanie Schneider und bin die Leiterin der Kaufhalle in Spreeburg. Vor vier Tagen ist bei uns eingebrochen worden. Die Polizei hat bisher keine Spur, und ich hab das Gefühl, dass sie überlastet ist und deshalb nicht mit der nötigen Sorgfalt nach Spuren sucht. Da Anwohner glaubten, Jugendliche am Abend des Einbruchs gesehen zu haben, komme ich einfach mal zu Ihnen, um zu fragen, ob Sie von Ihren Jugendlichen irgendetwas hörten. Wenn die Täter nicht gefasst werden, ermutigt sie das eventuell zu neuen Einbrüchen, deren Zahl ist in den letzten Monaten ohnehin gestiegen ist.“

Inzwischen hatte ich mich wieder gesammelt, obwohl ich in meinem Inneren ein Gefühl spürte, welches ich nicht definieren konnte und das mich noch immer etwas unsicher werden ließ. „In der Zeitung las ich von dem Einbruch. Zwar hörte ich, wie sich Besucher unseres Jugendtreffs darüber unterhielten, doch ich wüsste nicht, was zur Aufklärung beitragen könnte.“

Dann erzählte ich, dass unser Jugendtreff von einem festen Stamm Kinder und Jugendlicher besucht wird, sagte, dass ich keinem von ihnen einen Einbruch zutraue und versprach, Augen und Ohren offen zu halten.

Ohne mich zu unterbrechen, hörte sie mir zu und sah mich dabei mit ihren hellblauen Augen unentwegt an, bewegungslos.

Auf ihren Wunsch führte ich sie durch die Räume des Jugendtreffs, erklärte ihr unser Anliegen und unsere Arbeitsweise und beantwortete mit Freude ihre Fragen.

Im Tischtennis-Raum war mein Mitarbeiter, Mario Lenzinger, damit beschäftigt, die Platten auszurichten und die Netze zu spannen.

Nach der Vorstellung fragte Mario: „Brauchst du für heute Abend noch Hilfe oder kommst du mit dem Modethema allein zurecht, Johnny?“

Seine Worte brachten mich auf eine Idee. „Hilfe kann ich immer gebrauchen. Frau Schneider, wissen Sie nicht, wer uns bei einem Gespräch mit Jugendlichen über Mode unterstützen könnte?“

„Ich selbst würde Ihnen gern zur Seite stehen, aber leider bin ich heute Abend verhindert. Allerdings …“, sie überlegte und sah mich dann lächelnd an. „Allerdings könnten wir bei Ihnen eine Modenschau durchführen, nur eben nicht heute schon.“

„Das können wir sicher nicht bezahlen“ entfuhr es Mario.

Sie lachte. „Nein, nein! Das kostet überhaupt nichts.“ Dann erzählte sie, dass junge Verkäuferinnen ihrer Firma regelmäßig Modenschauen durchführten und die Firma auch davon profitierte, denn die vorgestellten Kleidungsstücke könnten hinterher gekauft werden.

Nachdem wir einen Termin in vierzehn Tagen vereinbart hatten, der aber noch der Bestätigung ihrer Zentrale bedurfte, verabschiedete sich Frau Schneider, stieg in ihren Wagen und führ davon.

Mein Gespräch über Mode ging an diesem Abend etwas daneben, zumindest aus meiner Sicht. Ich konnte mich schlecht konzentrieren, da ich immer wieder an die Frau dachte, die mich so erstaunlich fasziniert hatte, und die ich immer wieder vor meinen geistigen Augen sah, in ihrem Mini, mit ihren hübschen Beinen und den wunderbaren hellblauen Augen.

°°°°°°°

Es war Montagfrüh, eigentlich der unbeliebteste aller Arbeitstage, weil eine lange Arbeitswoche bevorstand, die für viele Menschen mit Stress begann, oft ohne Freude an ihrer Arbeit und ohne die notwendigen Erfolgserlebnisse, die für eine gute Motivation nötig sind.

Draußen zogen Scharen von dunklen Gebilden am Himmel dahin, so schwer, dass sie fast die Erde berührten und überschütteten alles unter sich mit einem dichten Schleier sprühender Nässe. Es war, als wollte der trübe, feuchte Tag noch den Eindruck unterstreichen, den der Montag bei vielen Menschen ohnehin hervorrief.

Diesmal deckte ich den Frühstückstisch, während sich Melanie im Bad auf den Tag vorbereitete. Nur an den Sommerwochenenden frühstückten wir auf dem Balkon vor unserem Schlafzimmer im ersten Stock und dafür ließen wir uns stets viel Zeit, genossen das Beisammensein ohne mahnende Uhr und verführten uns oft gegenseitig zu einer nachfolgenden Liebesstunde. Der Mensch braucht immer wieder kleine Höhepunkte im oft grauen Alltag, die ihm Kraft spenden, an die er sich gern erinnert und auf die er sich freut. Und so war das Wochenendfrühstück, das wir übrigens bei schlechtem Wetter im Schlafzimmer zelebrierten, für uns zu einem solchen kraftspendenden Ritual geworden. Von Montag bis Freitag bereiteten wir uns ein kleines Frühstück in der im Erdgeschoss liegenden Küche.

Melanies von oben kommende Schritte unterbrachen meine Gedanken, und so warf ich schnell einen prüfenden Blick auf den Tisch. Alles in Ordnung!

„Hallo, mein Schatz! Hast du gut geschlafen?“

„Sehr gut!“ antwortete sie und küsste mich.

„Du siehst übrigens toll aus. Ich weiß nicht, ob ich dich unbeaufsichtigt überhaupt aus dem Haus lassen darf“, neckte ich sie.

„Danke für das Kompliment“, kam es zurück, und über der erhobenen Tasse folgte ein Aufschlag von zwei wunderbaren hellblauen Augen. „Und du, hast du heute Nacht wieder geträumt?“ fragte Melanie lächelnd.

„Sicher, aber ich wurde in einer Phase munter, in der ich nichts mehr davon wusste.“

„Ich hatte den Eindruck, du hast tief und fest geschlafen.“

„Kein Wunder, nach dem tollen Liebeserlebnis am Morgen, dem ausgezeichneten Mittagessen, dem erholsamen Spaziergang am Nachmittag und überhaupt dem Beisammensein mit dir, war das so ein richtiger Sonntag nach meinem Geschmack.“

„Du Schmeichler!“ lachte Melanie. „Aber ich stelle völlige Übereinstimmung in der Wertigkeit des Sonntags fest. Wir sollten den Ablauf für einen weiteren freien Tag vormerken.“

„Besonders den Ablauf nach dem Frühstück.“

„Sag ich doch“, lachte sie wieder. „Völlige Übereinstimmung!“ Sie trank ihren heißen Kaffee in kleinen vorsichtigen Schlückchen mit Genuss.

„Wann sehen wir uns heute Abend?“

„Ich werde leider erst gegen zwanzig Uhr dreißig zu Hause sein. Mein Dienst geht die ganze Woche von zwölf Uhr dreißig bis zwanzig Uhr.“

„Das macht nichts. Wir bekommen am Nachmittag einen größeren Posten Ware, da kann es bei mir auch spät werden.“

Nachdem wir unseren Kaffee getrunken und unser Toastbrot gegessen hatten, stand Melanie auf, entnahm ihrer Tasche einen Stift und zog vor dem Garderobenspiegel die Konturen ihrer Lippen nach.

„So“, sagte sie mit einem zufriedenen Nicken zu ihrem Spiegelbild. „Nun bin ich bereit, die Strapazen der Woche zu packen. Begleitest du mich zu meinem Wagen?“

„Es ist mir ein inneres Bedürfnis.“

„Dann bitte ich, mir zu folgen!“ Gut gelaunt ging sie mir bis zur Haustür voraus, wiegte sich leicht in den Hüften und warf ihre dunklen Locken mit einer leichten Bewegung nach hinten.

An der Haustür spannte ich den Regenschirm auf und begleitete Melanie zu ihrem Wagen.

„Tschüs, mein Liebster, bis heute Abend! Verführe nicht deine hübschen Mädchen im Jugendtreff.“

„Ich behalt dich trotzdem lieb“, neckte ich sie meinerseits.

Kurz darauf verschwand ihr Wagen aus meinen Blicken, und zurück blieb die Erinnerung an sie, ihr Bild, unauslöschlich in meinem Gedächtnis gespeichert. Noch etwas spürte ich in mir, was mich neuerdings oft befiel, wenn ich sie am Tor verabschiedete und sie allein die Straße nach Spreenburg fuhr, einer Straße, die sich unübersichtlich zwischen Feldern und Bäumen schlängelte: es war wie das Ahnen einer unausweichlichen Gefahr.

°°°°°°°

Es kam im Jugendtreff zu der verabredeten Modenschau, und um es vorweg zu nehmen, es war eine gelungene Veranstaltung, an der über zweihundert Besucher teilnahmen.

Während draußen auf dem Hof die sich anschließende Disko tobte, saß ich mit Frau Schneider und meinen beiden Mitarbeitern im Büro bei einer Flasche Sekt zusammen.

„Bloß gut, dass die Stadtväter vor zwanzig Jahren so schlau waren und den Jugendtreff an den Rand der Stadt bauen ließen, sonst gäbe es mit unseren Sommerdiskos im Freien ernste Probleme“, sagte Ivon Breitner.

Ivon, sechsundzwanzig Jahre alt, kam vor zwei Jahren, direkt nach dem Studium der Sozialpädagogik als Mitarbeiterin in den Jugendtreff.

„Ich bin in Bargteheide bei Hamburg aufgewachsen, da hatten wir ein ähnliches Jugendzentrum am Rande der Stadt“, sagte Frau Schneider. Sie saß zwischen uns, natürlich und ungezwungen, als gehöre sie schon lange dazu.

„Frau Schneider, ich danke Ihnen noch einmal sehr für Ihre angenehme Unterstützung. Über den großen Erfolg der Modenschau waren wir uns ja vorhin bereits einig. Ich hoffe, Frau Schneider, wir sehen uns einmal wieder. Auch dir Ivon und dir Mario vielen Dank für eure engagierte Mitarbeit.“

Es hatte zwar etwas geschwollen geklungen, was ich da sagte, doch es war mir ein inneres Bedürfnis, überhaupt noch etwas Abschließendes zu bemerken, denn Frau Schneider wollte aufbrechen.

Auch sie bedankte sich, verabschiedete sich von Ivon und Mario und fragte mich, ob ich sie noch zu ihrem Wagen begleiten würde.

Mein Herz schlug nach der Frage schneller, das Blut kreiste freudig in den Adern, und nur zu gern folgte ich meinem heimlichen Schwarm. Am Wagen angekommen, wollte ich ihr etwas Liebes sagen, doch so recht traute ich mich nicht, wusste ich doch inzwischen, dass ich fünfzehn Jahre älter bin als sie. In meinem Inneren tobten lange nicht mehr gekannte Gefühle, die mich zu ihr hinzogen und die mir geboten, dieses wunderbare faszinierende Wesen nicht davonfahren zu lassen, ohne mit ihr einen Termin für ein Wiedersehen vereinbart zu haben.

Kurz entschlossen fragte ich deshalb: „Melanie, darf ich Sie in den nächsten Tagen mal zum Essen einladen?“

Ihre Antwort kam prompt und verblüffte mich etwas.

„Ja, sehr gern. Passt es Ihnen morgen?“

In mir stieg eine heiße Welle auf, und es war mir, als ob die Sterne über uns auf einmal heller strahlten als vorher. „Ich freue mich“, brachte ich nur heraus und musste mich beherrschen, um sie nicht in wilder aufkommender Leidenschaft in die Arme zu nehmen.

„Ich wohne in Spreenburg im Birkenweg neunzehn“, sagte sie.

„Passt Ihnen zwanzig Uhr?“

„Das ist die beste Zeit“, kam es vergnügt zurück. Dann küsste sie mich auf die Wange, was die heiße Welle in mir erneut auflodern ließ, stieg in ihren Wagen, startete und fuhr los.

°°°°°°°

Nachdem ich am Freitagmorgen Melanie verabschiedet hatte, erledigte ich einige Hausarbeiten und setzte mich danach in die Küche, um Zeitung zu lesen. Plötzlich klingelte das Telefon und mein bester Freund, Bob Sander, meldete sich.

„Hallo, Johnny! Hat dir Melanie gestern ausgerichtet, dass Kathleen und ich morgen zu Besuch kommen?“

„Nein. In ihrer Kaufhalle ist kurzfristig Inventur angesagt, da dachte sie sicher nicht daran.“

„Na macht nichts. Ist dir unser Besuch recht?“

„Aber Bob, warum fragst du so blöd? Ich freue mich auf euch.“

„Gut. Ich wollte auch nur fragen, ob ich irgendetwas mitbringen soll.“

„Nein, brauchst du nicht. Wann wollt ihr da sein?“

„So gegen achtzehn Uhr. Melanie sagte, du würdest grillen.“

„Achtzehn Uhr ist okay.“

„Alles andere morgen, da haben wir Zeit zum Erzählen. Tschüs!“

„Tschüs!“

Bob und ich waren seit dem Gymnasium trotz unterschiedlicher Studienrichtungen unzertrennliche Freunde. Seine schlanke Gestalt, die männlich markanten Gesichtszüge mit den lustig blickenden Augen und sein heiteres, immer zu Scherzen aufgelegtes Wesen, strahlten Ausgeglichenheit aus und ließen ihn sympathisch erscheinen. Als Oberkommissar bei der Hamburger Mordkommission verfügte er über keine geregelte Arbeitszeit, weshalb er oft scherzhaft sagte, dass er eigentlich immer im Dienst sei. In der Liebe hatte Bob offenbar kein Glück, denn er war bereits zweimal verheiratet und wurde in beiden Fällen auf Wunsch seiner Exfrauen geschieden.

Seine dritte feste Beziehung mit Kathleen war nach zwei Jahren ebenfalls auseinandergegangen und nun, nach fünf Monaten Trennung, versuchten es beide erneut.

Wieder klingelte das Telefon. „Johnny, sei bitte nicht böse! Ich hatte vergessen, dir gestern Abend zu sagen, dass Bob und Kathleen morgen zu uns kommen.“

„Macht nichts, das kann schon mal passieren. Er rief vorhin an. Es ist alles in Ordnung.“

„Johnny, würdest du dich um die Getränke kümmern oder wollen wir morgen Vormittag gemeinsam einkaufen?“

„Ich möchte den Vormittag lieber mit dir zu Hause verbringen, denn selbst wenn ich mal achtzig Jahre alt werden sollte, habe ich die Hälfte bereits hinter mir und möchte auf kein einziges langes Wochenend-Frühstück mit dir verzichten.“

„Nur Frühstück?“ lachte sie.

„Eben nicht nur und deshalb besorge ich die Getränke heute schon.“

„Gut, mein Schatz, dann bringe ich alles andere heute Abend mit, und dann schauen wir mal, was uns morgen nach dem Frühstück so einfällt.“

Ich überlegte, was an Getränken gebraucht würde, und da wir vier ohnehin nur Sekt und Bier tranken, hatte ich unseren Vorrat schnell überprüft und festgestellt, dass nur Bier zu holen war. Jeder Gast unseres Hauses bekam jedoch zur Begrüßung einen fünfundvierzigprozentigen Likör, der in feuerfesten Gläsern eingeschenkt, angezündet serviert wurde.

Vor etwa einem Jahr hatten Bob und ich bei einem unserer Freundschaftstreffen, so nannten wir Abende, an denen wir zusammen kamen, um zu reden, an dem Likör solchen Gefallen gefunden, dass wir Sekt und Bier stehen ließen. Bob schlief dann bei uns, und auch ich hatte Mühe, in mein Bett zu kommen. Es war aber trotzdem ein schöner und vor allem auch lustiger Abend.

Gerade hatte ich den Vorrat an Holzkohle und Grillanzünder überprüft und die Tür zum Geräteschuppen wieder geschlossen, da rief eine weibliche Stimme: „Hallo, Johnny!“

Unsere Nachbarin, Stefanie Anderson, stand am Zaun und winkte. Stefanie, achtundvierzig Jahre, sehr gepflegt, mit hübschem Gesicht, Melanies Größe, hatte eine feste gute Figur. Letzteres wusste ich gewissermaßen aus eigener Erfahrung.

„Hallo, Steffi!“ erwiderte ich und ging zu ihr an den Zaun. Als Frau eines Arztes arbeitete sie nur halbtags in einer Modeboutique. „Ich habe dich mindestens vier Tage nicht gesehen.“

„Sogar sechs Tage“, lachte sie und gab mir die Hand. „Ich hatte ein paar Tage meine Freundin auf Sylt besucht.“

„Und, wie viel braun gebrannte Jungs hast du verführt?“

Sie sah mich mit ihren grünen Augen kokett an. „Du weißt doch, dass ich dich gern verführen würde. Du brauchst nur zu wollen.“

Immer wieder versuchte sie es. „Steffi, die früheren Zeiten sind vorbei. Ich liebe meine Melanie und werde sie nicht betrügen.“

„Na, vielleicht bist du eines Tages anderer Meinung.“ Ihre unergründlichen Augen schillerten, und es war mir, als wollten sie mich in ihren Bann ziehen und hypnotisieren.

„Dein Mann hat vorgestern fleißig gearbeitet und überall Rasen gemäht“, versuchte ich sie abzulenken.

„Ja, aber sonst macht er überhaupt nichts. Für jede Kleinigkeit muss ich Handwerker bestellen.“

Sie zog an ihrer Bluse, sodass sich ihre festen Brüste abzeichneten und schenkte mir einen tollen Augenaufschlag.

„Der Aufenthalt auf Sylt scheint dir prima bekommen zu sein. Du siehst blendend aus.“ Ich wusste, für Komplimente war sie mehr als empfänglich, und prompt stellte sich auch ihre Reaktion ein.

„Danke“, lächelte sie wieder und gab mir die Hand. „Ich muss Wäsche waschen.“

Die Einsamkeit kannte auch ich, bevor ich Melanie kennen lernte. Zwei Jahre vorher, nach meiner Scheidung, hatte ich mir einen Wunschtraum erfüllt und das kleine Haus mit 85O Quadratmeter Boden, außerhalb von Niederlehn und einsam gelegen, gekauft. Von der Hauptstraße führte ein breiter Fahrweg an den beiden einzigen bebauten Grundstücken vorbei und zog dann zwischen den Feldern als schmales graues Band dahin, meist nur von wenigen landwirtschaftlichen Fahrzeugen und von Fahrradtouristen befahren. Den äußerst günstigen Kauf konnte ich aber nur über einen langfristigen Bankkredit finanzieren. Nach meiner Ehe, die nach achtzehn langen Jahren gescheitert war, stürzte ich mich nur zu gern in die viele Arbeit, um das Haus zu renovieren. Dach und Außenwände befanden sich zwar in gutem Zustand, doch alle Räume mussten gemalert und das gesamte ungepflegte Grundstück in Ordnung gebracht werden.

Ich hatte jede Hilfe von Bekannten ausgeschlagen, nur Bob half mir da, wo ich allein nicht zurechtkam und widmete mich nach meiner Arbeit im Jugendtreff verbissen dieser Aufgabe. Die Arbeit sollte die Wunden heilen, die nach der gescheiterten Ehe in meiner Seele schmerzten und die oft erneut aufbrechen wollten. Ich hatte die Trennung immer wieder aufgeschoben, versuchte, mit meiner Frau und unserem einzigen Sohn Hendrik ein normales Familienleben zu führen, aber meine Anstrengungen blieben auf die Dauer zu einseitig. Es hatte keine Partnerschaft mehr gegeben, auch nicht auf sexuellem Gebiet, auf dem mir meine Frau trotz meiner Bemühungen nicht entgegengekommen war, und so hatte die Ehe ihren Sinn verloren. Eine bloße Wohngemeinschaft genügte mir jedoch nicht. Dazu fühlte ich mich noch zu jung und hatte andere Vorstellungen von der Liebe und vom Leben zu zweit.

So hatte ich mich auf meine Arbeit im Jugendtreff, sowie auf die vielen Aufgaben als neuer Hausbesitzer konzentriert.

Stefanie war damals oft herüber gekommen, brachte mir etwas zu essen oder lud mich am Wochenende zum Essen ein, was ich dankbar annahm. Doch eines Tages verführte sie mich regelrecht, und ich, der Ausgehungerte, ging nur zu gern darauf ein.

Stefanie, eine exzellente Liebhaberin, wusste, wie man einem Mann höchste Wonnen verschaffen konnte. Doch es blieb zwischen uns beiden bei reinen Sextechniken, ohne das Gefühl der Liebe, das eigentlich dem Sex erst die volle Erlebnisfähigkeit bringt. Ich muss allerdings gestehen, auch so war die Zeit mit Stefanie eine sehr schöne und aufregende Erfahrung, denn ich sah in ihr die Meisterin und mich als lernbereiten und dankbaren Gesellen.

Meine moralischen Bedenken zerstreute sie gewöhnlich mit dem Hinweis, dass ihr Mann bei seinen Patientinnen auch kein Kostverächter sei, und dass ich ihm nichts wegnehme, was er ohnehin immer seltener wolle.

Ich zog mich um, setzte mich in meinen Wagen und fuhr die rund vier Kilometer zum Supermarkt am anderen Ende von Niederlehn, um Bier zu holen.

°°°°°°°

Als ich damals Frau Schneider zum Essen abholte, war ich den ganzen Tag aufgeregt wie ein Schuljunge, überlegte dauernd, welche Kleidung mir wohl am vorteilhaftesten stünde und worüber ich mich mit ihr unterhalten könnte.

Meinen beiden Mitarbeitern im Jugendtreff fiel die Zerstreutheit und nervöse Unruhe natürlich auf und so dauerte es gar nicht lange, bis sie mir das kleine Geheimnis entlockten, dass ich mich am Abend mit Frau Schneider treffen wollte.

„Wenn ich nicht in festen Händen wäre“, sagte Mario, „würde ich dieser Frau auch nachsteigen.“ Er war damals siebenunddreißig Jahre alt und seit fünf Jahren, wie es schien, glücklich verheiratet.

Auch von Ivons Seite gab es Zustimmung. „Frau Schneider gefällt mir ganz toll. Ich denke, ihr passt prima zusammen.“

Von dem bestehenden Altersunterschied wollten beide nichts wissen. Das sei altmodisch, sagte Mario, und außerdem habe es schon in früheren Jahrhunderten Liebesbeziehungen zwischen Männern und Frauen mit viel größeren Altersunterschieden gegeben, von der heutigen Zeit gar nicht zu reden.

Na also!

Ivon setzte noch einen drauf. „So wie du aussiehst, kannst du auch in zehn Jahren noch junge Frauen haben.“

Und beide versuchten, mir für den Abend gut gemeinte Ratschläge zu geben. Endlich hatten sie einmal ein Thema, mit dem sie mich necken konnten und so war es nicht zu überhören, welchen Spaß ihnen das bereitete, denn sie überboten sich beide mit lustigen Hinweisen.

Wegen des Altersunterschiedes beruhigt und mit Ratschlägen ausgestattet, holte ich am Abend Frau Schneider ab.

Nach langem Überlegen entschied ich mich für eine beigefarbene Hose und ein Hemd in ähnlicher Farbe. Bis Spreenburg war es nicht weit, und den Birkenweg neunzehn hatte ich in einer kleinen Seitenstraße, mit schmucken Häusern, schnell gefunden.

Gerade den Wagen geparkt, wollte ich mit einem Strauß roter Rosen durch die schmiedeeiserne Pforte zum Haus gehen, da erschien Frau Schneider in der Haustür. Sie hatte - oh Wunder - einen beigefarbenen Minirock und ein gleich farbiges T-Shirt an. Eine hellrote große Kette zierte Hals und Brust, und die hübschen Beine schmückten hellrote hochhackige Schuhe.

Wir lachten beide und waren uns einig, dass unsere Kleidung gut zusammen passte.

„Ich werte das als zustimmendes Zeichen des Himmels“, sagte ich scherzhaft und überreichte ihr den Rosenstrauß. „Sie sehen einfach toll aus“, setzte ich hinzu und betrachtete sie bewundernd.

Sie war sogar richtig rot geworden, antwortete aber ohne verlegen zu sein: „Ich hab mich schon sehr auf Sie gefreut, Johnny.“

Zum ersten Mal nannte sie mich beim Vornamen. Sie sagte ihn mit einem weichen klingenden Ton, der die heiße Welle in mir erneut aufsteigen ließ. Am liebsten hätte ich sie in meine Arme genommen, doch vom Nachbargrundstück schauten zwei ältere Damen neugierig herüber und so wartete ich, bis Melanie den Rosenstrauß in ihrer Wohnung versorgt hatte.

„Essen sie gern italienisch?“ fragte ich sie unterwegs.

„Oh, sehr gern!“ antwortete sie sofort und erzählte mir von ihrem ersten Italienurlaub in Rom.

Ihr Minirock war im Sitzen noch höher gerutscht und gab den Blick frei auf die wundervollsten Beine, die ich kannte. Immer wieder fielen meine Blicke darauf, während sie erzählte. Einmal wäre ich beinahe auf einen vor uns fahrenden Pkw aufgefahren. Melanie musste wohl meine Blicke spüren, doch sie tat nichts, um ihre Beine zu bedecken.

Später saßen wir uns beim Italiener gegenüber und genossen das Beisammensein an dem herrlichen Sommerabend. Leise italienische Musik schmeichelte unseren Ohren, das Essen war bar jeder Kritik und der Wein ein Genuss.

Melanies sanfte Stimme verzauberte mich noch mehr, und ihre Augen entfachten ein heißes Feuer in mir. Doch eigentlich beeindruckten mich ihre ganze Erscheinung, ihr Wesen, ihre Aura, in bisher nicht gekannter Weise und eine große Sehnsucht nach dieser Frau wuchs in mir.

„Wissen Sie, Johnny, dass ich in Ihrer Nähe ein nie gekanntes wunderbares Gefühl habe?“

„Gerade, Melanie, hatte ich ähnliche Gedanken von Ihnen. Wollen wir nicht das Sie weglassen?“

„Sehr gern.“

Wir ließen unsere Gläser klingen und sahen uns lange schweigend in die Augen. Mir war nun endgültig klar, dass ich mich unsterblich in Melanie verliebt hatte, und ich glaubte, auch bei ihr solche Gefühle erkannt zu haben. Ich weiß heute nicht mehr genau, worüber wir alles sprachen, doch nie in meinem Leben werde ich diesen wunderbaren Abend vergessen, an dem unsere keimende Liebe aufbrach und zu einem großen, alle Sinne erfassenden Feuer wurde.

Nachdem ich die Rechnung bezahlt hatte und wir an meinem Wagen angekommen waren, nahm ich sie einfach sacht in meine Arme. Sie drückte sofort ihren Körper an mich, schlang die Arme um meinen Hals und erwiderte meine brennenden Küsse.

Ich weiß nicht, wie lange wir so eng umschlungen standen, doch als ich den Wagen startete, waren beim „Italiener“ schon alle Lichter aus.

°°°°°°°

Der erste Traum über die Trennung von Körper und Geist beeindruckte mich merkwürdigerweise so, dass ich mir einige Bücher über solche Phänomene kaufte und mich ganz besonders für diese Trennung interessierte. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mich seit Jahren mit Psychologie und Parapsychologie befasste und es auf diesem Gebiet schon zu beachtlichen Kenntnissen gebracht hatte. Aber hätte mir jemand vor einigen Wochen gesagt, dass ich einmal in meinem Wohnzimmer liegen und Übungen zur Trennung von Körper und Geist praktizieren würde, hätte ich ihn ganz bestimmt zum Psychiater geschickt. Und doch führte ich solche Übungen nun heimlich durch.

Am Freitagabend begaben wir uns zeitig zu Bett. Einerseits müde, wussten wir, wenn Bob und Kathleen kamen, würde es spät werden.

In dieser Nacht erlebte ich im Traum eine zweite Bewusstseinsreise. Über den Inhalt war ich tief betroffen. Aber erst nach dem Erwachen erkannte ich, dass ich geträumt hatte.

Ausgangspunkt schien wieder all das zu sein, was ich auch bei meinen täglichen Übungen tat. Ich lag im Wohnzimmer, entspannte mich, suggerierte Schwere und Wärme und versetzte mich dann mit einem Mantra, einem stets wiederkehrenden Wort, in eine höhere Bewusstseinsebene. Nun stellte ich mir so bildlich wie möglich vor, wie ich mich von meinem Körper löste und diesen von außerhalb betrachtete. Es gelang! Mein Geist, mein Energiekörper, oder was immer das sein mochte, löste sich von der stofflichen Hülle, schwebte frei. Fantastisch und unbeschreiblich schön. Wieder sah ich mich in einer dunklen Nacht im Bett liegen und friedlich schlafen.

Ich suggerierte mir jetzt, mich an jeden beliebigen Ort versetzen zu können. Plötzlich befand ich mich in einem kellerähnlichen Gewölbe, von zwei Fackeln an den gegenüberliegenden Wänden beleuchtet. Der ganze Raum strahlte etwas Kaltes, Bedrohliches aus, und mir war, als spürte ich einen eisigen Atem, der mich erschauern ließ.

Die Szene in der Mitte des Gewölbes ließ mein Blut erstarren, kalte Schauer liefen den Rücken herunter und lähmten alle meine Glieder oder das, was ich dafür hielt.

Ich sah ein ungewöhnlich großes Schaf und auf seinem Rücken ein festgebundenes nacktes Mädchen, mit dem Gesicht nach unten. Sie war geknebelt. Ihr Alter konnte ich nicht feststellen. Dem Schaf hatte man einen Strick um den Bauch gebunden, an zwei Seiten an den Wänden befestigt. Es stand reglos unter seiner Last.

Ein großer, kräftiger Mann, dessen Gesicht ich nicht erkennen konnte, vollführte um das Schaf herum eigenartige Bewegungen und warf dabei gespenstische Schatten an die Wände. Er trat hinter das Schaf und missbrauchte das Mädchen. Ich wollte die Augen schließen, um die entsetzliche Szene nicht sehen zu müssen, aber es gelang mir nicht. Das Schaf stand ziemlich ruhig, konnte aber wegen der Stricke und seiner Last nicht weglaufen.

Das Mädchen war sicher inzwischen ohnmächtig geworden, denn sie bewegte sich nicht mehr.

Der Mörder beendete sein grausames Geschäft, nahm ein Messer und stach hintereinander dreimal in die Herzgegend seines Opfers. Die Ohnmacht hatte ihre Qualen verdeckt und der Tod dem jungen zarten Körper durch die Hand eines Ungeheuers in Menschengestalt das Leben genommen.

Der Mörder wischte sein Messer ab, steckte es ein, löste die Stricke, die das Schaf festbanden, warf ihm eine Decke über und führte es mit dem toten Mädchen auf dem Rücken aus dem Raum. Im selben Moment erloschen die Fackeln, ich wurde wach und stellte schweißgebadet fest, was mir meine Fantasie vorgespielt hatte, war zum Glück keine Realität.

Noch nie in meinem Leben hatte ich solch einen schrecklichen Traum, der mich auch nach dem Erwachen noch mit Abscheu erfüllte. Natürlich waren die Zeitungen und das Fernsehen täglich voll von grausameren Verbrechen, als man sich ausdenken konnte, doch davon las man beim Frühstück oder hörte sie abends, bequem im Sessel sitzend mit Bier, Wein und allerlei Knabbereien gewürzt.

Etwas völlig anderes ist es, wenn man das grässliche Geschehen hautnah erlebt. Nur ein Traum zwar, blieb er aber mit allen abscheulichen Einzelheiten in meinem Gedächtnis haften.

Trotz aller Bemühungen konnte ich in dieser Nacht nicht mehr einschlafen, und so entschloss ich mich um Viertel vor sechs genervt, ins Bad zu gehen. Es war ohnehin bald Zeit dafür, denn um sechs Uhr dreißig ging unser Uhrenradio mit den neuesten Meldungen an, und fünf Minuten später pflegten wir beide aufzustehen.

Melanie lag mit dem Rücken zu mir, atmete ruhig und schien noch im Reich der Träume zu sein, aus dem ich so abrupt aufgewacht war. Sie hatte einen festen Schlaf, und nach dem Wecken fast ausnahmslos gute Stimmung.

Ich hatte schon die Beine aus dem Bett geschoben, da fiel mir ein, dass wir heute, am Sonnabend, erst eine gute Stunde später aufzustehen pflegten. Egal, da würde ich eben ein Superfrühstück bereiten oder lesen oder fernsehen, nur nicht wieder ins Bett gehen.

Leise, um mein schlafendes Weibchen nicht zu wecken, stand ich auf und schlich ins Bad. Vielleicht war es auch mal ganz gut, am Sonnabend zeitig in den Morgen zu starten.

°°°°°°°

Nach dem Abendessen beim Italiener mit Melanie sah ich sie jeden zweiten Tag. Wir wussten beide, dass die Liebe zueinander ihre goldene Haube über uns geworfen hatte, freuten uns darüber sehr und sprachen offen über unsere Gefühle. Es war nicht die in jungen Jahren aufkommende Leidenschaft für einen Menschen des anderen Geschlechts, die oft mit Liebe verwechselt wird, sondern ein tiefes, reines Gefühl zwischen zwei reifen Menschen und doch brannte es in uns mit einem Feuer, das jeden Winkel unseres Innersten erfasste.

Sieben Tage nach unserem ersten gemeinsamen Abendessen hatten wir zum ersten Mal Sex miteinander.

Wir planten eine Fahrradtour, und da Melanie kein Fahrrad besaß, ich aber zwei, kam sie an einem Sonnabendvormittag zu mir. Noch beim Frühstück sitzend hörte ich Melanies Wagen vor dem Haus und ging ihr entgegen.

„Guten Morgen, Johnny!“ erwiderte sie meinen Gruß. Ich nahm sie in die Arme und spürte ihren heißen Atem beim Küssen. Sie war eine Stunde früher da als verabredet.

„Ich konnte nicht schlafen“, flüsterte sie. „Ich bin so aufgeregt, weil ich mich so sehr auf dich freue.“ Ihr heißer weicher Mund küsste mich immer wieder und weckte eine starke Erregung in mir, sodass ich ernsthafte Probleme bekam, mich zu beherrschen.

Unser erstes Mal sollte etwas Besonderes sein, und das wollten wir mit allen Vorfreuden genießen, auch wenn es schwer fiel. Ich wusste inzwischen, dass Melanie noch nie beim Sex im obersten Himmel war.

„Ich habe uns einen Picknickkorb mitgebracht“, sagte sie, holte ihn aus dem Wagen und ließ mich hineinsehen.

„Oh, du hast sogar an zwei Fläschchen Sekt gedacht.“

„Zur Feier des Tages“, sagte sie lustig.

Dann fuhren wir durch ein wogendes Meer grüngelber Roggenähren, die rechts und links des Weges in sanften Wellen mit dem Wind spielten und von grünen Kohlköpfen abgelöst wurden, die dick und behäbig auf der Erde saßen. Zwei Feldlerchen sangen über uns und versuchten, sich gegenseitig in brillanten Tönen zu überbieten.

Wir saßen im weichen Moos am Waldrand, atmeten den würzigen Duft der Kiefern, die über uns ihre kräftigen Zweige ausbreiteten und lauschten dem Wind, der über die Landschaft strich und sie wie ein Saiteninstrument in zarten Tönen erklingen ließ.

Melanie hatte eine blaue Jeanshose an und ein weißes T-Shirt. Ihre tolle Figur brachte mich immer wieder in Erregung, ließ Gefühle in mir aufsteigen, die mir geboten, sie in die Arme zu nehmen und nicht länger auf die Vereinigung zu warten.

Doch ich hatte mir ja viel vorgenommen, wollte sie lange auf diesen Augenblick vorbereiten und sie zu einer Frau machen, die endlich den höchsten Genuss der Liebe erfahren sollte. Ich glaube, eine Frau, die noch nie den Höhepunkt erlebt hat, ist sicher nicht in einer oberflächlichen Art und Weise in die höchste Empfindungsebene zu führen.

Nach dem Schwimmen im See lagen wir auf der Decke und genossen die Ruhe. Schon Spätnachmittag, stand die Sonne schräg am Himmel und wärmte unsere Körper, auf denen die Wassertropfen glänzten.

„Wo wollen wir eigentlich Abendbrot essen?“ fragte Melanie und setzte hinzu: „Soll ich uns bei dir etwas machen oder ist dein Kühlschrank leer?“

„Lass dich bitte überraschen. Wir werden bei mir essen.“

Melanie stand auf und streckte sich. Zum ersten Mal sah ich heute ihren Körper nur mit einem Bikini bekleidet. Für mich hatte sie die tollste Figur von allen Frauen auf dieser Welt. Zusammen mit ihrer netten, freundlichen Art, die so viel Weiblichkeit ausstrahlte und ihrer Lebenserfahrung, die sich in vielen Punkten mit der meinen deckte, schien sie mir eine Frau zu sein, die das Schicksal nach meinen Vorstellungen geformt und mir zugeführt hatte, um mich glücklich zu machen. Aber jeder Mann sieht sicher zunächst die Frau seiner Liebe durch eine rosarote Brille.

„Fang mich!“ rief da die Frau, mit der sich meine Gedanken gerade so intensiv beschäftigten. Ich sprang auf, doch auf den zwanzig Metern bis zum Wasser konnte ich sie nicht einholen.

Auf dem Heimweg lachten und scherzten wir wie zwei ausgelassene Kinder. Ich stellte überrascht fest, wie froh, heiter und locker ich noch sein konnte. Das kam vom Einfluss dieser Frau mit den faszinierenden Augen, die mich mit ihrem Glanz und ihrer Reinheit verzaubert hatten.

°°°°°°°

Bob und seine Freundin Kathleen kamen pünktlich um achtzehn Uhr und saßen mit uns im Garten hinter dem Haus um einen runden Tisch. Auf einem anderen standen gekühlte Getränke und Speisen zur Selbstbedienung. Auf dem Grill schmorten Steaks und verbreiteten einen verführerischen Duft. Der Hochprozentige wärmte bereits unsere Mägen.

Ich wandte mich an Kathleen. „Du willst also mit meinem besten Freund noch einen letzten Versuch wagen?“

Sie stoppte ihren Steakbissen vor dem Mund. „Ich hatte es inzwischen mit einem anderen Mann probiert, stieß jedoch auf wenig Verständnis und Gefühle. Nach der ersten Nacht fand ich ihn egoistisch und oberflächlich, brauchte aber zwei Monate, um mich von ihm zu trennen.“

Melanie half ihr. „Auch ich hatte in meiner Ehe und eigentlich auch davor und danach solche Erfahrungen gemacht. Jetzt, in meinem zweiten Leben“, sie schmiegte sich an mich, „weiß ich um ganz andere Erfahrungen.“

„Ihr Glücklichen!“ seufzte Kathleen.

Bob hatte zwar aufmerksam zugehört, doch irgendwie schien ihn heute etwas zu bedrücken, obwohl er versuchte, das durch gelegentliche Späße zu verdecken.

„Ja, Kathleen bat mich, ihr eine zweite Chance zu geben, und da ich sie noch gern habe, konnte ich ihr diese Bitte nicht abschlagen.“ Ein Lächeln veränderte sein ernstes Gesicht. „Ich hab im Moment sowieso keine andere.“ Er stand auf, holte eine Flasche Sekt aus dem Kühler, schenkte ein und erhob sein Glas. „Vielen Dank, dass ihr uns heute so kurzfristig aufgenommen habt. Wir hätten zwar auch gewusst, was wir am Sonnabendabend anfangen könnten, doch zu euch kommen wir nun mal gern, und es ist immer wieder schön, mit euch ein Glas Sekt zu trinken, die Sorgen zu vergessen und sich in eurer Liebe zu sonnen. Ein Prost auf die Liebe und darauf, dass sie uns nie verlassen möge.“

Er ging zu Melanie und zu Kathleen, stieß mit ihnen an und küsste sie auf die Wangen. Dann kam er zu mir. „Prost, du Glücklicher! Aber ich gönne dir dein Glück!“

Ja, er war schon ein feiner Kerl, mein Freund Bob und ich wünschte ihm schon lange eine liebe Frau, die zu ihm passte und mit seinem Beruf leben konnte.

„Wohnt ihr beide wieder zusammen?“ wandte sich Melanie an unsere Gäste.

Sie sahen sich an, als wüssten sie nicht, wer die Frage beantworten solle. Schließlich erfasste Kathleen die Initiative. „Bob will, dass wir zunächst noch getrennt wohnen. Vielleicht ist das eine Bewährungszeit für mich.“

„Ja, vielleicht. Vielleicht lachst du dir wieder mal einen anderen Mann an, und so ersparen wir uns das Mein-Dein bei der Trennung.“

Obwohl undiplomatisch konnte sich Bob den Seitenhieb nicht verkneifen.

Aus mehreren Freundschaftstreffen in den letzten Monaten wusste ich, wie sehr Bob darunter litt, dass Kathleen einen anderen Mann hatte. Er kam in dieser Zeit ziemlich oft zu uns, um sich aufheitern zu lassen, wie er scherzhaft zu sagen pflegte. Aber dazu sind Freundschaften auch da.

Kathleen reagierte auf Bobs Angriff ganz toll. Sie nahm ihr Glas, stand auf und ging zu ihm. „Du bist mir doch der Liebste“, sagte sie einfach, küsste ihn, dann ihr Glas und reichte es ihm.

Oh ja, Kathleen konnte sehr charmant sein, allerdings auch bissig. Sie war Lehrerin an einer Hamburger Grundschule, achtunddreißig Jahre alt, hatte eine gute Figur und ein hübsches Puppengesicht. Besonders schätzte ich an ihr, dass sie offen und unverblümt mit Menschen sprach, die sie mochte und zu denen Melanie und ich offenbar gehörten.

Bob hatte inzwischen Kathleens Glas ausgetrunken, füllte es neu und stellte es wieder vor sie auf den Tisch.

Melanie begann mit beiden ein Gespräch über Ereignisse, die sie in der Zeitung über Hamburgs Theater gelesen hatte, und ich stand auf, um das letzte Steak umzudrehen. Dann füllte ich die Gläser, stellte Bob und mir ein neues Bier hin und kündete einen Trinkspruch an.

„Liebe Kathleen, lieber Bob, auch Melanie und ich sind sehr gern mit euch zusammen, und natürlich drücken wir euch die Daumen für den zweiten Versuch, in Liebe und Harmonie miteinander zu leben. Jeder Tag ohne Liebe in einer Partnerschaft ist ein verschenkter Tag des Lebens, das ist Melanie und mir jetzt in unserer Beziehung klar geworden. Auch wenn wir alle achtzig und älter werden, das Leben ist trotzdem kurz. Lasst uns jeden Tag genießen! Prost!“

Wir stießen an und tranken den kühlen Sekt, der auf der Zunge prickelte und schäumend seinen Weg zum Magen fand.

„Mein Freund Bob macht allerdings heute, trotz der wieder gefundenen Liebe, nicht den Eindruck, als wäre er mit sich und seiner Umwelt zufrieden.“

„Das ist mir auch schon aufgefallen“, meldete sich Melanie.

Bob sah sinnend in sein Glas. „Das hat mit Kathleen oder euch beiden überhaupt nichts zu tun. Ich hatte heute ein schlimmes Erlebnis, will aber nicht darüber reden, um uns nicht die gute Laune zu verderben.“

Doch nun waren wir alle neugierig geworden und bestürmten ihn, sein schlimmes Erlebnis zu erzählen.

Bob zögerte erst, ließ sich dann jedoch überreden und berichtete uns, was er am Vormittag erlebt hatte.

„Ich wurde heute zu einem grausamen Fund in der Elbe gerufen. Auf dem Rücken eines ungewöhnlich großen toten Schafes war ein etwa vierzehnjähriges nacktes Mädchen festgebunden, vergewaltigt und offenbar mit drei Messerstichen getötet.“

Ich erschrak so sehr, dass mir das Sektglas, das ich gerade in der Hand hielt, auf die Hose fiel und auf dem Rasen in zwei Teile zerbrach. Mein Traum hatte mich eingeholt. Doch wieso? Wie kann ein Traum und noch dazu solch ein grausamer, Realität werden oder sein?

In dem Moment, in dem mein Glas herunterfiel, blies ein Windstoß die drei Kerzen aus, die auf dem Tisch standen. Eigentlich bisher windstill, fuhr der plötzlich aufkommende Wind ein zweites Mal durch den Garten, rüttelte an den Obstbäumen, fuhr durch unsere Haare, dann in die glimmenden Reste der Grillkohle, sodass die Funken stoben und warf sich wütend gegen das Haus.

Mir war, als berührte mich ein eiskalter Atem und Schauer liefen in Wellen meinen Rücken herunter. Bloß gut, dass der Mond von einem großen dunklen Gebilde verdeckt wurde, so sah niemand, dass ich sicher kreidebleich war.

Der wütenden Attacke des Windes folgte keine weitere und deshalb zündete Melanie die Kerzen wieder an, stand auf und schaltete auch die Gartenlaterne ein.

Der Mond hatte sich inzwischen von seiner dunklen Umklammerung befreit und ließ sein milchiges Licht wieder auf unseren Garten fallen, gespenstische Schatten unter den Bäumen hervorrufend.

Bob erzählte weiter. „Wir fanden Sperma der Blutgruppe Null, können allerdings bis jetzt wenig mit der Entdeckung anfangen. Der Strick, mit dem das Mädchen gefesselt war, stammt sicher aus einem der vielen Baumärkte oder Gartencenter.“

Auch Kathleen und Melanie zeigten sich sehr betroffen. Kathleen fragte: „Hat man das Mädchen schon identifiziert?“

„Insgesamt liegen in Hamburg acht Vermisstenanzeigen junger Mädchen vor. Die bisherigen Untersuchungen lassen den Schluss zu, dass die Tote mit keiner dieser Vermissten identisch ist.“ Bob nahm sein Glas und trank es in einem Zug leer.

Kathleen legte ihre Hand auf seinen Arm und drückte ihn anteilnehmend.

Ich war noch immer unfähig, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Deshalb stand ich auf, nahm das zerbrochene Glas und ging ins Haus, um ein neues zu holen. Mir schwirrten schwarze Gedanken durch den Kopf. Welche unheimlichen Mächte trieben in dieser Weise ihr böses Spiel mit mir? Ich wusste zwar, dass es in der Geschichte der Menschheit immer wieder vorgekommen sein soll, dass einzelne Menschen Geschehnisse an entfernten Orten gesehen hatten, aber so recht glaubte ich das nicht.

So soll es zum Beispiel im achtzehnten Jahrhundert in Italien einen Jesuiten-Mönch gegeben haben, der regelmäßig im Schlaf Visionen hatte.

Er sah, wie ein Serienmörder Knaben die Herzen bei lebendigem Leib herausschnitt, sie in der Pfanne briet und aß. Mithilfe des Mönches konnte damals der Mörder gefasst werden.

Den Mönch jedoch hatten die grausigen Bilder nicht mehr losgelassen, und so stürzte er sich eines Tages vom Kirchturm in die Tiefe.

Oder ein anderer Fall in England. 1905 war ganz London in Angst und Schrecken versetzt worden. Wer nicht unbedingt hinaus musste, betrat nach zweiundzwanzig Uhr die Straßen nicht mehr. Grausame Leichenfunde hatten bisher Bekanntes in den Schatten gestellt. Man hatte zehn auf Pfählen aufgespießte Frauenleichen gefunden. Ihnen waren Arme und Beine abgesägt und vor den Pfählen über Kreuz hingelegt worden. Wahrscheinlich ein grausames Ritual.

Die Londoner Polizei hatte vor einen Rätsel gestanden und trotz gebildeter Sonderkommission, die Tag und Nacht im Einsatz war, konnten die Morde nicht aufgeklärt werden.

Da bot ein Mann namens McLamther der Polizei seine Hilfe an. Er sagte, er sei Hellseher und hätte die Morde im Trancezustand gesehen, sich aber aus Angst, die Polizei könnte ihn für den Täter halten, nicht eher gemeldet. Der Polizei beschrieb er genau ein kleines verfallenes Haus in einem Londoner Vorort, in dem der Mörder wohnen sollte: Ein Mann mit langem Haar, um die dreißig Jahre alt, mit vier schrägen Narben auf dem Rücken.

Als die Polizei mit großem Aufgebot das Haus umstellt hatte, fand sie zwei zugespitzte Pfähle, in der Art, wie sie bei den Morden benutzt worden sind.

McLamther galt daraufhin als überführt, wurde festgenommen und drei Wochen später hingerichtet. In dieser Zeit geschah auch kein weiterer Mord. Doch bereits am Tag nach der Hinrichtung geschah der elfte Pfahlmord. Drei Tage später konnte eine Polizeistreife den wirklichen Täter bei seinem zwölften Mord stellen und verhaften. Es war ein Mann mit langem Haar, dreißig Jahre alt, mit vier schrägen Narben auf dem Rücken.

Seine dem Alkohol verfallene Mutter hatte ihn als Knabe oft grün und blau geschlagen und ihm auch die vier Narben auf dem Rücken mit einem Feuerhaken beigebracht. Er hatte alle zwölf Morde gestanden, offenbar auch selbst froh, von seiner Psychose erlöst worden zu sein und wurde ebenfalls hingerichtet.

Seinen Hass auf seine Peinigerin hatte er auf andere Frauen übertragen und sich an dem vermeintlichen Feindwesen Frau immer wieder gerächt, indem er ihnen die Arme absägte, die ihn geschlagen und die Beine abtrennte, die ihn verfolgt hatten, wenn er vor den Schlägen fliehen wollte.

Aber ganz London war betroffen über den unschuldig hingerichteten McLamther.

Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich im Wohnzimmer ein neues Glas holte. Wieder in den Garten zurückgekehrt, sah ich, dass nun keine rechte Stimmung mehr aufkommen wollte. Es war auch bereits nach dreiundzwanzig Uhr, und länger als bis vierundzwanzig Uhr dehnten wir unsere gemeinsamen Abende ohnehin selten aus.

Da immer dunklere Wolken aufzogen, nun ein böiger Wind die Kerzen erneut ausblies und an unseren Haaren zottelte, beschlossen wir, den ersten Treff nach Bobs und Kathleens Versöhnung zu beenden.

Kathleen half Melanie beim Abräumen der Teller und Speisen, und Bob und ich kümmerten uns um die Getränke und Gläser.

Ich stand mit Bob am Getränketisch. „Bob, trinken wir noch einen?“

„Oh ja, heute ist mir danach.“

„Mir auch.“ Ich goss uns ein. Bob sah mich zwar fragend an, war aber sichtlich so zerstreut, dass er nicht nachhakte.

„Johnny, du weißt gar nicht, wie abscheulich dieser Anblick mit dem toten Schaf und dem darauf festgebundenen erstochenen Mädchen gewesen ist. Das Bild kann ich einfach nicht vergessen.“

Oh Bob, dachte ich, wenn du wüsstest, dass ich praktisch bei dem Horror dabei war und alles hautnah miterleben musste. Schon wollte ich ihm von meinem schlimmen Traum erzählen, der für mich auf so unfassbare Weise Wirklichkeit wurde, da war mein Hals plötzlich wie zugeschnürt und ich brachte keinen Ton heraus. Wir hatten als wirklich gute Freunde voreinander keine Geheimnisse, doch diesmal konnte ich ihm mein Inneres nicht offenbaren.

Bob erzählte weiter. „Ein Ehepaar fand die beiden toten Körper. Sie lagen mit ihrem Kahn am Ufer vor Anker, und als die Frau gerade einen Eimer Wasser in die Elbe gegossen hatte, da sah sie so was wie einen menschlichen Kopf. Plötzlich schien es ihr wieder ein anderer Kopf zu sein, und so holte sie ihren Mann. Mit einem langen Haken gingen beide an Land, um das, was da im Wasser lag, näher zu untersuchen. Bald sahen sie, dass es sich zwar um eine Leiche handelte, doch an ihr musste noch etwas anderes sein. Im trüben Wasser der Elbe war der Fund schwer zu erkennen.“

Melanie und Kathleen kamen und fragten, ob wir noch Hilfe brauchten.

Ich bat sie: „Nehmt bitte die Gläser mit, aber lasst Bobs und meines da! Wir kommen auch gleich ins Haus.“

Bob setzte seinen Bericht fort. „Als die Frau einen zweiten Haken geholt hatte, zogen sie ihren Fund mit vereinten Kräften an Land und sahen das grausige Bild.“

Bob goss die Gläser voll, wir tranken und dann sprach er weiter. „Der Schiffer musste sich zunächst um seine ohnmächtig gewordene Frau kümmern. Dann verständigte er vom Kahn aus mit dem Handy die Polizei. Mein Kollege, Oberkommissar Wedding, der den Fall bearbeiten wird, rief mich an und fragte, ob ich zu einem grausamen Fund in der Elbe mitwolle. Und so“, schloss Bob seinen Bericht, „kam ich an die Unglücksstelle.“

Bobs Erzählung erschütterte mich tief und sicher sah ich wieder kreidebleich aus, denn vor meinem geistigen Auge entstanden erneut die schlimmen Bilder von dem grausamen Geschehen im vermeintlichen Kellergewölbe.

„Abscheulich!“ sagte Bob, und es war, als wollte er mit diesem Wort seinen Bericht zusammenfassen und die Gedanken daran wegwischen.

„Ja, es gibt Menschen, die sind viel schlimmer als Tiere, denn Tiere töten gewöhnlich nur, um zu fressen. Solche Menschen aber nutzen ihre kranke Intelligenz, um andere auf die grausamste Art zu töten.“ Gerade bei dem Wort „töten“ angekommen, zuckte ein greller Blitz, verbreitete schmerzhafte Helligkeit, und der sofort einsetzende Donner ließ die Erde in Wellen erzittern. Bestimmt hatte es irgendwo in der Nähe eingeschlagen.

Gleich darauf, als habe der Regen nur auf dieses Zeichen gewartet, fielen dicke Tropfen, klatschten auf die Tische und zersprangen in viele kleine Bestandteile.

Wir beeilten uns, mit den Gläsern ins Haus zu kommen. Die Flasche ließen wir stehen, denn sie war ohnehin leer.

Melanie und Kathleen hatten es sich inzwischen im Wohnzimmer gemütlich gemacht und sahen uns erwartungsvoll entgegen.

„Wer ist denn heute von euch beiden der Kraftfahrer oder wollt ihr bei uns schlafen?“

„Nein, nein“, wehrte Kathleen den letzten Teil meiner Frage ab. „Ich fahre und darf dafür zum Dank bei Bobby schlafen.“

Sie wohnte zurzeit wieder bei ihrer Mutter, und so bedeutete die Übernachtung bei Bob gewiss die bessere Lösung.

Bob war heute überhaupt nicht zum Scherzen aufgelegt. Sonst hatte er es sich nie nehmen lassen, auf solch eine kleine Neckerei noch einen draufzusetzen.

Melanie sprang ein. „Du wirst doch hoffentlich nicht nur bei Bob schlafen, Kathleen.“

„Das liegt nicht allein an mir“, lächelte sie. „Ich bin jedoch bereit, mir alle erdenkliche Mühe zu geben.“

Damit traf sie eine besondere Seite meines Freundes. „Hört, hört!“ sagte er interessiert. „Ich verstand: alle erdenkliche Mühe. Wenn wir doch bloß schon zu Hause wären!“

So scherzten wir noch einige Zeit, bis draußen der Gewitterregen abflaute und sich die schweren Wolken in andere Gefilde verzogen.

Bob hatte es nun eilig, nach Hause zu kommen, und das konnte ich gut verstehen.

°°°°°°°

Wir waren lachend und scherzend mit den Rädern an meinem Haus angekommen. Nun mussten wir uns beeilen, denn zu achtzehn Uhr hatte ich beim Partyservice ein Abendessen für zwei Personen bestellt.

Gerade überlegte ich, wie ich Melanie inzwischen beschäftigen könnte, da fragte sie mich: „Johnny, darf ich mich in deinem Bad frisch machen?“

„Aber gern“, antwortete ich und führte sie die Treppe zum Bad hinauf. Mein Bad besaß einen Zugang vom Flur und einen vom Schlafzimmer.

„Ich habe dir einen chinesischen Kimono gekauft. Vielleicht möchtest du ihn nach dem Duschen schon anziehen.“ Mit diesen Worten überreichte ich ihr einen wirklichen Traumkimono in zartblauer Seide.

Überrascht stellte sie ihre kleine Tasche ab, die sie vorher aus dem Wagen geholt hatte, nahm den Kimono und breitete ihn aus. „Ach, ist der schön! Danke!“

Sie küsste mich zart auf den Mund, nahm wieder den Kimono, stellte sich vor den Spiegel, hielt ihn an und fügte bewundernd hinzu: „Wirklich sehr schön.“

„Wie lange wirst du brauchen?“

Sie überlegte und fragte ihrerseits: „Muss ich mich beeilen?“ Sie sah mich zärtlich an und schmiegte ihren Körper an mich.

Am liebsten hätte ich sie nach nebenan in mein Schlafzimmer getragen und endlich getan, wonach mir die Sinne geboten, seitdem ich sie das erste Mal in meinem Büro gesehen hatte. Aber ich musste mich beherrschen. So antwortete ich mit einem Blick zur Uhr: „Ich muss einiges vorbereiten. Reicht dir eine halbe Stunde?“

„Völlig ausreichend“, entgegnete Melanie vergnügt und mit einem Blick auf den Kimono: „Vielleicht erkennst du mich nachher gar nicht wieder.“

„Es wird aber nur eine Fee mit solch einem Kleidungsstück im Haus sein“, lachte ich. Jetzt hatte ich etwas Zeit für meine Vorbereitungen. Ich wollte das lang ersehnte Liebesmahl mit ihr auf dem Balkon einnehmen. Zu dem Zweck stand ein festlich gedeckter Tisch im Schlafzimmer bereit, den ich dann nur noch auf den Balkon tragen musste. Vorher wollte ich mich unbedingt duschen. Kein Problem, denn im Keller hatte ich noch meine alte Dusche aus der Zeit, in der ich die Zimmer renovierte und das Bad oben einbauen ließ.

Ich war gerade mit Duschen fertig, als es klingelte und der Partyservice pünktlich das bestellte Essen brachte. Ich beeilte mich, alles auf den vorbereiteten Tisch zu dekorieren, zog den Bademantel aus und streifte einen roten Satin-Hausmantel über, den ich mir extra für diesen ersten Abend gekauft hatte, duftete mich mit meinem Lieblings Eau-de-toilette und zündete die Kerzen an.

Das Wetter war uns auch jetzt am Abend gut gesonnen. Der Himmel umspannte Haus und Balkon etwa in der Farbe von Melanies Kimono. Das Thermometer zeigte dreiundzwanzig Grad. Auf den Feldern zirpten die Grillen ihre Liebeslieder, und ab und zu flog ein liebestrunkener Junikäfer am Balkon vorbei. Schwalben kreischten im Tiefflug und zogen dabei gekonnte Kurven, sich gegenseitig in ihrer Eleganz übertreffend. Es war ein herrlicher Sommerabend und ein wunderbarer Rahmen für unsere erste Liebesstunde.

Meine Armbanduhr zeigte mir, dass inzwischen zweiunddreißig Minuten vergangen waren. Ein prüfender Blick über den festlich gedeckten Tisch bestätigte, dass alles bereit war. Im Sektkühler stand eine Flasche Champagner, und eine zweite lag für alle Fälle im Kühlschrank bereit.

Ungeduldig sah ich auf die Uhr.

Da öffnete sich endlich die Tür zum Bad. Die gelbroten Strahlen der untergehenden Sonne fielen auf ihr schönes Gesicht mit den vollen Lippen.

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