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Im Inselreich der Liebe

Marion Lennox

Im Inselreich der Liebe

1. KAPITEL

Athena ließ ihren Blick über die versammelten Schönen und Reichen schweifen und formulierte im Geiste die ersten Sätze für ihre Modekolumne. Und dann sah sie ihn – Nikos.

Er stach heraus wie kein anderer. Die übrigen Männer trugen schwarze T-Shirts, schwarze Jeans und Dreitagebart. Die Frauen machten auf Audrey Hepburn mit Wespentaille, weitem Rock und Perlenkette. Der Fifties-Look war gerade angesagt.

Gegessen wurde kaum etwas. Wespentaillen vertrugen keine Snacks, und es wirkte nicht cool, auf Häppchenjagd zu gehen.

Nikos hingegen hatte ein Bier in der Hand, und als einer der wenigen Kellner mit einem Tablett voller Kaviarblini vorbeikam, nahm er sich gleich vier davon. Eines steckte er sich sofort in den Mund, dann ließ er seinen Blick wieder durch den Raum wandern.

Er suchte nach ihr.

Zehn Jahre, und ihr blieb bei seinem Anblick noch immer das Herz stehen.

Rasch nahm sie einen zu großen Schluck von ihrem zu trockenen Martini und bekam ihn prompt in den falschen Hals.

Oh weh! Sich zu verschlucken war eindeutig noch peinlicher, als beim Naschen erwischt zu werden.

Einige schnelle Schritte, und Nikos stand neben ihr. Er nahm ihr das Glas ab, klopfte ihr nicht zu fest auf den Rücken und wartete ab, bis sie sich wieder gefangen hatte.

Ich könnte eine Ohnmacht vortäuschen, dachte sie einen verzweifelten Augenblick lang. Dann würde man sie in einen sicheren Erste-Hilfe-Raum bringen, wo sie sich von dem Schrecken erholen könnte. Denn ihr Herz hatte zu rasen begonnen, als sie so unerwartet den Mann vor sich sah, den sie vor zehn Jahren verlassen hatte.

Leider war es mit ihren schauspielerischen Fähigkeiten nicht weit her, und niemand schien ihre Atemnot besonders ernst zu nehmen.

Außer Nikos.

Sie hatte ihn gar nicht so groß in Erinnerung. Und so … attraktiv. Seine verblichenen Jeans standen in starkem Kontrast zu dem allgegenwärtigen Designer-Schwarz. Dazu trug er ein abgetragenes weißes Baumwollhemd, bei dem die obersten beiden Knöpfe fehlten. Über seinem Arm baumelte eine ältere Lederjacke.

Der Moderedakteurin in ihr entging nichts – stylish.

Mehr als das. Ganz und gar Nikos.

Sie hustete länger als nötig, um Zeit zu gewinnen. Sein dunkles, lockiges und ein wenig zu langes Haar widersetzte sich jedem Versuch, es zu bändigen. Die Fältchen um seine schwarzbraunen Augen legten ebenso wie seine Bräune Zeugnis ab von einem Leben am Meer.

Nikos, der Fischer.

Ihre Kindheitsliebe.

Aus dem attraktiven Jugendlichen war ein … Sie konnte es nicht beschreiben. Der Moderedakteurin eines weltbekannten Hochglanzmagazins fehlten die Worte.

So ging es nicht weiter. Sie musste etwas sagen. Irgendwas. Die Blicke sämtlicher Partygäste waren inzwischen auf sie gerichtet. Sie konnte nicht einfach wieder zu husten anfangen.

„Möchtest du deinen Drink wiederhaben?“ Seine Stimme hatte einen leicht amüsierten Unterton. Sie war tiefer geworden, ein wenig rau, und er hatte einen verdammt erotischen griechischen Akzent.

Alles an ihm wirkte erotisch.

Seit ihr Hustenanfall vorüber war, konzentrierten sich die Models, Designer, Presseleute und Einkäufer auf ihn. Logisch. Seine Ausstrahlung weckte viele Begehrlichkeiten.

„Wirst du’s überleben?“, erkundigte er sich sanft. Sie dachte kurz nach. Vielleicht, wenn er wegging.

„Was willst du hier?“, fragte sie unfreundlich zurück.

„Ich habe dich gesucht.“

„Bei dieser Veranstaltung kommt man nur mit einer Einladung herein.“

„Stimmt.“ Es klang, als hätte er keinen Gedanken daran verschwendet. Wie hatte er das zuwege gebracht? Die Gäste waren handverlesen. Und er schien einfach hereingeschlendert zu sein.

„Du siehst entzückend aus.“ Er maß sie von Kopf bis Fuß.

Gut beobachtet. Sie hatte sich sehr sorgfältig zurechtgemacht. Ihr kurzes rotes Kleid betonte ihre Figur an den richtigen Stellen, und es war ihr gelungen, ihr störrisches schwarzes Haar zu einer für ihre Verhältnisse eleganten Frisur hochzustecken. Allerdings wusste sie auch, dass sie in diesem Kreis von Modebesessenen nicht weiter auffiel.

„Geh wieder“, sagte sie, doch er schüttelte nur den Kopf.

„Unmöglich, Prinzessin.“

„Nenn mich nicht so!“

„Es ist dein Titel.“

„Bitte, Nikos, nicht hier.“

„Wie du willst“, gab er nach. „Aber wir müssen miteinander reden. Am Telefon geht es nicht, weil du immer den Hörer auflegst.“

„Heutzutage legt man keinen Hörer mehr auf.“

„Auf Argyros schon. Aber erst wenn das Gespräch beendet ist.“

„Ich lebe aber nicht auf Argyros.“

„Genau darüber möchte ich mich mit dir unterhalten. Es wird Zeit, dass du nach Hause kommst.“ Er reichte ihr den Martini, trank sein Bier aus und aß alle drei Blini. Dann sah er sich nach Nachschub um. Unverzüglich standen zwei Kellner neben ihm.

Er hat noch immer diese elektrisierende Ausstrahlung, dachte sie. Die Menschen fühlten sich magisch von ihm angezogen.

So wie sie selbst vor langer Zeit.

„Also, was hältst du davon?“ Er lächelte die Kellner an und bedankte sich.

Oh, dieses Lächeln.

„Warum sollte ich nach Hause kommen?“

„Es geht nur um eine Kleinigkeit – den Fürstentitel. Du hast doch sicher Zeitung gelesen. Dein Cousin Demos behauptet, er habe mit dir geredet. Und ich bin sicher, Alexandros hat sich auch bei dir gemeldet. Oder hast du bei ihm auch aufgelegt?“

„Natürlich nicht.“

„Dann weißt du also, dass dir der Fürstentitel von Argyros zusteht.“

„Mir liegt nichts daran. Demos kann den Titel haben“, sagte sie hitzig. „Er ist sowieso scharf drauf.“

„Demos ist Zweiter in der Erbfolge. Du bist die Erste.“

„Aber ich habe das Recht, den Titel abzulehnen. Und das werde ich. Dieses ganze Getue ist völlig lächerlich und überkommen. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst …“

„Thena, du hast keine Wahl. Du musst nach Hause kommen.“

Thena. Er war der Einzige, der ihren Namen je abgekürzt hatte. Plötzlich spürte sie wieder … Es durfte nicht sein.

Fass dich kurz und sieh zu, dass du ihn loswirst.

„Du hast recht“, stieß sie hervor. „Ich habe keine Wahl. Mein Zuhause ist hier.“

Und jetzt nichts wie weg. Der Raum kam ihr plötzlich viel zu eng vor. Ihre Vergangenheit hatte sie eingeholt, und sie fühlte sich, als habe man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.

Mit Nikos im selben Gebäude? Unmöglich. In derselben Stadt? Undenkbar. Sie und Nikos und ihr gemeinsamer Sohn?

Nein!

Die Angst schnürte ihr die Kehle zu.

„Nikos, gib auf!“, stieß sie hervor. „Ich gehe nicht fort von hier. Und ich habe heute Abend noch etwas vor. Wenn du mich also entschuldigst …“ Sie drückte ihm ihr Martiniglas in die Hand, und bevor er antworten konnte, war sie in der Menge verschwunden.

Ohne ihren Mantel an der Garderobe abzuholen, stürmte sie in die Dunkelheit hinaus. Es war kalt, doch sie spürte nichts.

Vielleicht würde er sie entkommen lassen.

Sie konnte es sich nicht vorstellen, nachdem er die weite Reise auf sich genommen hatte.

Es regnete. Ihre hochhackigen Schuhe waren nicht für Fußmärsche gedacht. Sie erwog kurz, sie auszuziehen, um schneller voranzukommen. Bestimmt würde er ihr folgen.

Natürlich folgte er ihr.

Als er neben ihr auftauchte, war es für sie trotzdem wie ein Schlag in die Magengrube. So sehr bedrohte er ihre ganze Existenz.

„Wohin gehen wir?“, fragte er sanft und passte sich ihrem Schritt an.

„Da, wo ich hin will, bist du nicht willkommen.“

„Springt man so mit einem Familienmitglied um?“

„Wir gehören nicht zur selben Familie.“

„Sag das mal meiner Mutter.“

Seine Mutter … Bedauern flackerte in ihr auf, als sie an Annia dachte. Sie sah Nikos von der Seite an und blickte dann schnell wieder nach vorn. Annia … Argyros …

Nikos.

Vor zehn Jahren war sie davongelaufen, und es hatte ihr das Herz gebrochen.

„Es geht um dein Erbe“, setzte er ihr Gespräch von eben unbekümmert fort.

„So etwas hatte ich nie. Giorgos hat alles an sich gerissen.“

„Der König ist tot, Athena. Er ist ohne Nachfolger gestorben. Das weißt du.“

„Was ändert das schon?“

„Das ändert alles. Die Diamanteninseln sind nun wieder drei unabhängige Fürstentümer. Die ursprünglichen Herrscherfamilien gelangen zurück an die Macht. Aber das ist dir ja bekannt. Weißt du übrigens auch, wie schön du bist?“ Er griff nach ihrem Arm und zwang sie, stehen zu bleiben.

Ihre Angst und ihre Verwirrung hatten sie immer schneller vorangetrieben, und nun begann der Regen sich in einen Graupelschauer zu verwandeln, Gift für ihre hohen Absätze, das dünne Kleid und den empfindlichen Paschminaschal, den sie um die Schultern trug.

Ihr wurde klar, dass sie keine Chance hatte, Nikos abzuhängen. Dennoch wollte sie ihn keinesfalls zu ihrem Apartment und damit zu ihrem Sohn führen. Also wandte sie sich ihm zu, entschlossen, die Sache ein für alle Mal hinter sich zu bringen. Eine eisige Böe ließ sie erschauern.

Unvermittelt spürte sie seine Jacke um sich. Sie war noch warm von seinem Körper und roch nach Leder, Nikos und … Heimat. Argyros. Fischerboote im alten Hafen. Weiße, in die Klippen gebaute Häuser. Leuchtend blaues Meer und gleißende Sonne. Die Diamanteninseln.

Urplötzlich überkam sie das Bedürfnis, zu weinen.

„Wir müssen aus dem Regen heraus“, sagte Nikos und lenkte sie in den hellerleuchteten Eingangsbereich eines Restaurants, so als wäre er in dieser Stadt zu Hause und nicht auf einer Insel am anderen Ende der Welt.

Ihr Nikos.

„Das nennst du Kleider?“, murmelte er mit einem Blick auf ihr Outfit, und sie erinnerte sich daran, wie bestimmend er auch früher schon gewesen war.

Rechthaberisch und arrogant und … unglaublich amüsant. Stets hatte er sie herausgefordert, bis sie über sich selbst hinausgewachsen war.

Oft hatten ihre Kindheitsabenteuer mit zerschundenen Knien und blauen Flecken geendet, wenn er sie so lange provoziert hatte, bis sie mit ihm zusammen in den gefährlichen Klippen herumgeklettert war. Nie hatte sie nur zugesehen. Auch später nicht, als sie älter waren, und die jungen Männer von den anderen Inseln sich ihrer Clique angeschlossen hatten. Sie war immer mit dabei gewesen. Bis …

Denk nicht daran, ermahnte sie sich. Sie hatte das alles hinter sich gelassen, arbeitete als Moderedakteurin eines weltbekannten Magazins, lebte in New York, und es ging ihr gut.

Und was dachte sich Nikos nun schon wieder dabei, sie in ein stadtbekanntes Restaurant zu schieben, für das man mindestens einen Monat im Voraus reservieren musste? Alle Köpfe drehten sich nach ihm um, doch der Kellner zögerte keine Sekunde. Auch wenn er Nikos nicht einordnen konnte, so spürte er doch instinktiv: Diese Persönlichkeit wies man nicht ab.

Sprachlos ließ Athena sich zu einem ein wenig abseits stehenden Tisch für zwei führen – einem der besten des Hauses. Der Ober wollte ihr die Jacke abnehmen, doch sie zog sie enger um sich. Töricht, doch sie brauchte die Wärme und den Trost, den sie spendete.

„Was empfehlen Sie?“, fragte Nikos den Ober und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, dass er die Speisekarte nicht brauche.

„Wünschen Sie etwas Herzhaftes oder etwas Süßes?“

„Auf alle Fälle etwas Süßes.“ Nikos lächelte Athena über den Tisch hinweg an. „Die Dame ist einer Unterzuckerung nahe.“

Sie erwiderte sein Lächeln nicht, entschlossen, sich nicht von ihm einwickeln zu lassen.

„Wie wäre es mit Crêpes?“, schlug der Kellner vor. „Oder, wenn Sie genügend Zeit haben, kann ich das Himbeersoufflé empfehlen. Eine Spezialität unseres Hauses.“

„Dann nehmen wir zuerst die Crêpes und danach das Soufflé“, entschied Nikos, und der Ober strahlte. Dann entfernte er sich mit einer Verbeugung.

Schon immer waren die Menschen Nikos mit Respekt begegnet. Bereits damals …

„Du kannst mich nicht zwingen zurückzukommen“, sagte sie abrupt.

Er schenkte ihr ein atemberaubendes Lächeln, und ihr Herz setzte einen Schlag aus.

„Du hast recht. Ich kann dich nicht zwingen. Du musst es selbst entscheiden. Und ich bin gekommen, um dir bei der Entscheidung zu helfen.“

„Mein Zuhause ist hier.“

„Du hast in dieser Stadt Karriere gemacht, und zwar eine sehr steile.“

„Was weißt du schon von meiner Karriere?“

In gespieltem Erstaunen hob er die Brauen. „Es gab sieben Bewerberinnen. Jede von ihnen war älter und hatte mehr Berufserfahrung. Dennoch hast du die Stelle bekommen, und deine Chefin ist überzeugt davon, das große Los gezogen zu haben.“

„Woher weißt du …?“

„Ich habe Erkundigungen eingezogen.“

„Halt dich raus aus meinem Leben. Du hast keinen Grund …“

„Doch, ich habe einen Grund. Du bist die künftige Fürstin von Argyros.“

„Ich habe nicht vor, den Titel anzunehmen. Demos ist scharf darauf. Er kann Fürst werden. Oder du. Du bist doch der Neffe des Königs.“

„Du weißt, dass es so nicht läuft“, erklärte er ruhig. „Du bist die Erste in der Erbfolge, Prinzessin Athena.“ Lächelnd griff er über den Tisch nach ihrer Hand. Sie entriss sie ihm, als habe sie sich verbrannt.

„Das ist doch verrückt. Ich habe schon einmal gesagt, dass ich nicht zurückkomme. Ich gehöre dort nicht mehr hin.“

„Aber natürlich gehörst du zu uns. Meine Familie hat dich doch immer mit offenen Armen …“

„Deine Familie“, unterbrach sie ihn ausdruckslos. „Wie geht es übrigens deiner Frau?“

Nikos antwortete nicht sofort. Diesmal machte er keinen Versuch, nach ihrer Hand zu greifen. Ein kurzer Blick verriet ihr, dass er keinen Ehering trug.

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, bis sie glaubte, er würde nicht auf ihre Frage eingehen. Schließlich gab er dem Kellner ein Zeichen, bestellte ein Bier und wandte sich zu ihr.

„Marika und ich sind geschieden. Sie hat wieder geheiratet und ist von der Insel weggezogen.“ Seine Miene gab nichts preis.

Vor zehn Jahren, kurz nach Athenas Fortgang, hatte sie von ihrer Tante einen Brief erhalten.

Nikos hat übrigens Marika geheiratet. Man erzählt sich, dass sie ein Kind bekommt. Aber heutzutage stört das niemanden mehr besonders. Dabei habe ich immer gedacht, dass aus Nikos und dir einmal ein Paar werden würde. Allerdings weiß ich, wie sehr König Giorgos dagegen gewesen wäre. So ist es sicher besser für dich.

Bis zu jenem Moment hatte sie verzweifelt gehofft, dass Nikos ihr folgen würde. Als sie jedoch den Brief gelesen hatte …

Marika war eine entfernte Verwandte von Nikos – albern, kokett und ambitioniert. Athena hatte geglaubt, die junge Frau sei in ihren Cousin Demos verliebt. Doch anscheinend hatte sie es von Anfang an auf Nikos abgesehen.

Beim Lesen der Nachricht war Athena elend geworden.

Dann, vier Monate später, ein weiterer kurzer Brief ihrer Tante. „Das Baby ist da. Nikos und Marika haben ein kleines Mädchen …“ Mehr nicht. Die Schrift war kaum zu entziffern gewesen.

Kein Wunder. Der Brief war zwei Tage nach dem Tod der Tante zugestellt worden.

Athena hatte geweint, weil sie nicht mehr rechtzeitig nach Hause reisen konnte, weil sie nichts von der Krankheit gewusst hatte und weil nun die letzte Verbindung zu ihrer Heimat abgerissen war. Und sie hatte geweint, weil Nikos ein Kind mit Marika hatte. Die ganze Welt war ihr grau in grau erschienen.

„Das tut mir leid“, sagte sie und fühlte sich hilflos. „Seit wann?“

„Seit wann wir getrennt sind? Seit neun Jahren. Unsere Ehe hat nicht lange gehalten.“ Er klang bitter.

Oh, Nikos. Du auch? Selbst wenn Wunden heilen, so bleiben doch immer Narben zurück.

„Es tut mir leid“, sagte sie erneut. Dann wurde ihr Ton wieder sachlich. „Aber das alles hat nichts mit mir zu tun. Meine letzte Verwandte auf der Insel ist schon vor Jahren gestorben. Ich habe dort niemanden mehr.“

„Die ganze Insel ist deine Familie. Du wirst die nächste Fürstin“, brach es heftig aus Nikos heraus.

Athena zuckte zusammen. Sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte.

Die Crêpes wurden gebracht. Luftig und heiß, köstlich nach Zitronenlikör duftend und mit Schlagsahne garniert, vereinten sie alles, was Athena sich nie gönnte. Nikos begann zu essen. Kurz darauf blickte er sie fragend an.

„Warum isst du nichts?“

„Ich bin nicht besonders hungrig.“

„Fühlst du dich nicht gut?“

„Doch.“

„Dann iss“, forderte er sie auf. „Du bist viel zu dünn.“

„Bin ich nicht!“

„Bist du doch“, sagte er grinsend, und plötzlich stand die Vergangenheit wieder vor ihr. Seine rechthaberische Art, die Wortgefechte, die sie sich geliefert hatten, der Spaß, den sie miteinander gehabt hatten.

„Du kannst mich nicht zwingen“, erwiderte sie reflexartig, so wie sie ihm in ihrer Kindheit stets Paroli geboten hatte.

Seine dunklen Augen funkelten vor Vergnügen. „Willst du’s drauf ankommen lassen?“

„Nein.“

„Dann iss deine Crêpes!“

Sie musste lächeln, nahm die Gabel und begann zu essen.

Wann hatte sie sich zum letzten Mal eine solche Kalorienbombe gegönnt? Es schmeckte fantastisch.

„Du bist doch kein Model“, sagte er nach einer Weile. „Warum versagst du dir alles, was gut schmeckt?“

„Das wird in dieser Stadt von einem erwartet“, antwortete sie. „Man kann nie zu reich oder zu dünn sein.“

„Diesen Blödsinn habe ich auch schon mal gehört.“ Er sah sie beschwörend an. „Du wirst doch nicht gleich gefeuert, nur weil du ein paar Kilo zunimmst.“

„Glaubst du, ich hätte bei der Party heute Abend auch nur einen Fuß in die Tür gekriegt, wenn ich ein Pummelchen wäre?“

„Du schreibst doch nur über die Veranstaltung.“

„Wenn man zur Szene gehören will, muss man sich eben anpassen.“

„Und dieser Job macht dir wirklich Spaß?“

„Jedenfalls mehr als Krebse fangen.“

Er schwieg. Ich kann ihn nicht provozieren, dachte sie. Er aß einfach weiter, so als hätte sie nur eine Bemerkung über das Wetter gemacht.

Oh, wie ich ihn vermisst habe! Zehn lange Jahre hatte der Schmerz sie wie eine graue Wolke eingehüllt. Und während sie Nikos nun betrachtete, breitete sich ein warmes Gefühl in ihr aus. Er konzentrierte sich ganz auf sein Essen. Vielleicht wollte er ihr Zeit lassen. Bei Nikos wusste man nie, woran man war.

Er hatte sich gut in die Party eingefügt, so als gehörte er ganz selbstverständlich dazu.

Nein, dachte sie dann. Das stimmt nicht.

Nikos verkörperte alles, wonach sich die Menschen, mit denen sie arbeitete, sehnten. Sie gingen ins Fitnessstudio, ins Solarium, legten sich beim Schönheitschirurgen unters Messer. Kurz, sie unternahmen alles, um so auszusehen wie er.

Dabei tat er nichts weiter, als jeden Tag an die fünfzig Reusen voller Krebse aus dem Meer zu hieven. Bei dem Gedanken musste sie lächeln.

„Was ist?“, erkundigte er sich und erwiderte ihr Lächeln. Ihr Herz machte einen Hüpfer.

Der Kellner, der an ihren Tisch getreten war, um die Teller abzuräumen, hielt inne. Hier wusste das Personal, wann man nicht stören durfte.

„Du hast mir gefehlt, Thene“, sagte Nikos, und wollte nach ihrer Hand greifen.

Rasch legte sie die Hände in den Schoß. Doch sie konnte nicht verhindern, dass sie automatisch erwiderte: „Du mir auch.“

„Dann komm nach Hause.“

„Nur aus diesem Grund?“

„Weil das Land dich braucht.“

Nun war es also wieder so weit. Man appellierte an ihr Pflichtgefühl.

„Nein.“

Sie schloss die Augen, und der Kellner sah den Moment gekommen, abzuräumen und neue Teller für das Soufflé zu bringen. Möglich, dass Nikos sie beobachtete. Sie wusste es nicht.

Vor zehn Jahren hatte die Masche mit dem Pflichtgefühl funktioniert. Jetzt nicht mehr.

„Hast du gewusst, dass Demos die Diamantminen wieder öffnen will?“, fragte er beiläufig und holte sie damit in die Gegenwart zurück.

Erschrocken sah sie ihn an. „Warum zum …?“

„Giorgos’ Vermögen gehört jetzt Alexandros von Sappheiros. Die Kassen von Argyros sind ziemlich leer. Deshalb hat Demos vor, sämtliche Minen wieder in Betrieb zu nehmen.“

„Alle? Damit zerstört er die ganze Insel.“

„Glaubst du, das juckt Demos?“

Ihr Blick ging an ihm vorbei ins Leere. Argyros, die Diamanteninseln. Drei traumhaft schöne Inseln im Mittelmeer. Jede von ihnen ein Juwel mit wundervollen Stränden und steilen Klippen im glitzernden Meer.

Ihr Zuhause.

Sappheiros, Argyros und Khryseis, ehemals drei unabhängige Fürstentümer. Bis ein Despot die Macht an sich gerissen hatte. Zweihundert Jahre hatten die Inseln unter seinen Nachfolgern gelitten. Nun, nachdem König Giorgos ohne einen Thronerben gestorben war, erhielten sie ihren Status als Fürstentümer zurück.

Und sie, Prinzessin Athena, sollte nun Fürstin von Argyros werden.

Ha! Sie hatte ihren Titel und alles, was damit zusammenhing, bei ihrer Abreise abgelegt.

Demos hingegen strebte nach Macht. Allerdings war er als Sohn von Athenas Onkel nur der Zweite in der Erbfolge.

Hin und wieder las sie in der Klatschpresse über ihn. Während sie selbst ihren Titel nicht mehr führte, verwendete Prinz Demos seinen demonstrativ.

Vor einer Woche hatte er sie angerufen und gefragt, ob sie zu seinen Gunsten auf die Krone verzichten wolle. Zögernd hatte sie zugestimmt. Sie wusste, für sie gab es kein Zurück.

„Demos ist sofort nach Giorgos’ Tod auf der Insel erschienen“, sagte Nikos, als wäre er ihrem Gedankengang gefolgt. „Er tut alles, um an die Macht zu gelangen, und scheint zu glauben, dass du keinen Wert auf den Fürstentitel legst. Wie kommt er darauf?“

„Er hat mich angerufen und gefragt.“

„Und du bist darauf eingegangen?“

„Es ist doch nur ein Titel. Meinetwegen kann Demos ihn haben.“

„Es ist nicht nur ein Titel! Demos hätte die Macht und würde die Diamantminen sofort wieder in Betrieb nehmen.“

„Das ändert nichts an meinem Entschluss. Mein Leben findet hier statt.“

„Was für ein Leben! Wenn du dir nicht mal Crêpes oder ein Soufflé gönnst. Hey, sieh dir das an!“

Das berühmte Himbeersoufflé, die Spezialität des Hauses, wurde gebracht.

„Und jetzt widersprich mir nicht ständig, sondern lass es dir schmecken, Thene. Diese Kreation ist ein Gedicht und muss gewürdigt werden.“

Sie wollte schon protestieren, dass sie nicht noch eine Kalorienbombe verkraften würde. Dann stieg ihr jedoch der köstliche Duft in die Nase. Der Kellner goss vorsichtig einen dunkelroten heißen Saft über die Süßspeise. Daraufhin riss die Kruste in der Mitte ein, und die Flüssigkeit rann in die Poren des Gebäcks. Unwiderstehlich. Ein solches Kunstwerk durfte man nicht verschmähen.

Also schwieg sie und probierte einen Löffel.

Himmlisch. Einfach unbeschreiblich. Normalerweise verzichtete sie auf solche Köstlichkeiten als Preis für ihren New Yorker Job. Sie würde am nächsten Morgen um fünf Uhr aufstehen und doppelt so weit joggen als sonst …

„Vergiss es“, unterbrach er ihre Gedanken, fuhr mit dem Finger am Rand seiner Dessertschale entlang und leckte ihn genießerisch ab. „Mit elf Jahren hast du mehr gewogen als jetzt. Das ist doch nicht normal.“

„In dieser Stadt schon.“ Schlagartig fühlte sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt und legte den Löffel ab. Wie damals, wenn Nikos’ Mutter Annia ihre legendären Pflaumenkuchen gebacken und ihnen erlaubt hatte, die Backschüssel auszulecken, fuhr Athena mit dem Finger am Rand ihrer Dessertschale entlang und steckte ihn in den Mund. Es schmeckte köstlich.

„Wie geht es deiner Mutter?“, erkundigte sie sich.

„Bestens.“ Nikos hatte sie beobachtet und lächelte verschmitzt. „Sie lässt dich grüßen und dir ausrichten, dass du nach Hause kommen sollst. Wenn sie dich allerdings so dünn zu Gesicht kriegt, fällt sie in Ohnmacht.“

„Deine Mutter hat mir so viel bedeutet.“ Athena hatte es gesagt, ohne nachzudenken.

„Sie war sehr unglücklich, als du fortgegangen bist“, sagte Nikos.

„Ja …“

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