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Im Himmel ist der Herbst wie Sommer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. Zitat
  7. – 1 –
  8. – 2 –
  9. – 3 –
  10. – 4 –
  11. – 5 –
  12. – 6 –
  13. – 7 –
  14. – 8 –
  15. – 9 –
  16. – 10 –
  17. – 11 –
  18. – 12 –
  19. – 13 –
  20. – 14 –
  21. – 15 –
  22. – 16 –
  23. – 17 –
  24. – 18 –
  25. – 19 –
  26. – 20 –
  27. – 21 –
  28. – 22 –
  29. – 23 –

Über die Autorin

Linnea Holmström ist begeistert von der Weite und der Vielfalt Schwedens – einem Land im hohen Norden, das zu jeder Jahreszeit seinen ganz besonderen Reiz hat. Deshalb liebt sie es, durchs Land zu reisen und ihre Erlebnisse in Romanen festzuhalten, die vom Leben, Leiden und Lieben der Schweden erzählen. IM HIMMEL IST DER HERBST WIE SOMMER ist der vierte Roman der Autorin.

Prolog

»… und so wünschte sich Héloïse Lanoux, dass ihre Asche mit einer Silvesterrakete in den Nachthimmel geschossen wird.«

Die monotone Stimme des Nachrichtensprechers verstummte. Einen Moment lang war nur ein sternenklarer Nachthimmel auf dem Bildschirm zu sehen. Dann schoss ein helles Licht von unten nach oben und zerfaserte in unzählige bunte Lichtpunkte, die nach unten segelten und verglühten, bevor sie die Erde erreichten.

Gleich darauf erschien wieder der Moderator auf dem Bildschirm. »Bei neuen Unruhen in …«

»Toll!«, sagte Fredrik und schaltete den Fernseher aus. »Genau so will ich das auch haben, wenn ich gestorben bin.«

Sein Enkel Emil, der neben ihm auf dem Sofa lag und sich in seine Armbeuge kuschelte, hob den Kopf. Angstvoll forschte der Zwölfjährige im blassen Gesicht des geliebten Großvaters. »Es geht dir doch gut, Opa?«

Fredrik legte einen Arm um seinen Enkel. »Es geht mir richtig gut heute«, sagte er schwer atmend, mit einer Stimme, die das Gegenteil verriet. »So gut wie heute ging es mir schon lange nicht mehr.«

Emil betrachtete ihn immer noch skeptisch, als überlege er, ob er den Worten seines Großvaters Glauben schenken konnte. Dann setzte er sich auf und sah ihm fest in die Augen. »Ich verspreche dir, dass deine Asche auch in eine Rakete kommt. Irgendwann. Aber Opa …« Emil holte tief Luft. »… versprich mir, dass du noch ganz, ganz lange lebst!«

Fredrik lächelte, sagte aber nichts. Er drückte seinen Enkel fest an sich.

»Ach nun hab ich überwunden
manche schweren, harten Stunden,
manchen Tag und manche Nacht
hab ich in Schmerzen zugebracht.
Ach, schrittest du durch den Garten
noch einmal im raschen Gang.
Wie gerne würde ich warten,
warten stundenlang.«

Theodor Fontane

– 1 –

Es ist Ihnen im letzten Jahr schon nicht gelungen, alle Zimmer durchgehend zu vermieten.« Die Stimme der Hotelmanagerin klang, als würde sie Anne-Lis persönlich dafür verantwortlich machen. »Entweder geben Sie sich mit diesen zwölf Zimmern zufrieden, oder Sie bekommen gar keine!«

Anne-Lis Dahlander ließ verärgert den Kugelschreiber fallen, mit dem sie während des bisherigen Gesprächs Kringel auf ihren Notizblock gemalt hatte. »Das muss ich erst mit meinem Vorgesetzten klären«, erwiderte sie.

»Ach, Sie sind nicht einmal entscheidungsbefugt? Dann beeilen Sie sich gefälligst ein bisschen, und fragen Sie Ihren Vorgesetzten! Ich habe weitaus Besseres zu tun, als meine Zeit mit sinnlosen Telefonaten zu verplempern«, kam es wütend zurück. »Wenn ich innerhalb der nächsten Stunde nichts von Ihnen höre, vergebe ich das Kontingent an einen anderen Reiseveranstalter.« Damit legte die Hotelmanagerin einfach auf.

Blöde Kuh, dachte Anne-Lis sauer und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf ihre Schreibtischplatte. »Wo bleibt Folke?«, fragte sie ihre Kollegin Helen, die ebenfalls gerade ein Telefonat beendet hatte.

Ahnungslos zuckte Helen mit den Schultern. »Er wollte nur schnell hoch und sich ein frisches Hemd anziehen, bevor die Sandström kommt. Eigentlich müsste er längst wieder da sein.«

Carina Sandström saß im Vorstand des Reiseveranstalters, für den sie arbeiteten. Folke hatte die Leitung des Büros in Malmö inne, aber Anne-Lis wusste, dass er nach Höherem strebte. Anfangs hatte sie seinen Ehrgeiz oft belächelt, in letzter Zeit fand sie sein Verhalten aber eher befremdlich. Besonders wenn Carina Sandström ihre Besuche anmeldete, hatte er so gar nichts mehr mit dem Mann gemein, in den sie sich verliebt hatte.

Anne-Lis stand auf. »Ich gehe mal hoch«, sagte sie. »Das Hotel will innerhalb der nächsten Stunde eine Antwort.«

Helen nickte und griff nach dem Hörer ihres Telefons, das schon wieder klingelte. Aber bevor sie das Gespräch annahm, zwinkerte sie Anne-Lis zu. »Lass dich nicht ärgern«, sagte sie. »Es ist Freitag, und in ein paar Stunden starten wir alle ins Wochenende.«

Das Büro des Swedish Travel Shop, kurz STS, befand sich auf der zweiten Etage des Turning Torso, einem der Wahrzeichen der Stadt Malmö. Von außen sah das Hochhaus aus, als würde es sich um die eigene Achse drehen, von innen war es ein modernes Büro- und Wohngebäude.

Praktischerweise hatte Folke eine Wohnung in der siebenundzwanzigsten Etage desselben Gebäudes gemietet. Ein elegantes Apartment mit Blick auf den Hafen. Zu ihrem letzten Geburtstag hatte er Anne-Lis einen Schlüssel dafür geschenkt. Als er ihr die kleine, weiße Schachtel überreichte, hatte es ihr für einen Moment die Sprache verschlagen. Sie hatte geglaubt, dass er ihr damit sagen wollte, sie solle zu ihm ziehen.

Inzwischen war sie jedoch davon überzeugt, dass der Schlüssel nicht mehr als ein Verlegenheitsgeschenk gewesen war, mit dem Folke vertuschen wollte, dass er ihren Geburtstag völlig vergessen hatte. In ihrer Beziehung hatte sich nichts verändert, außer dass Anne-Lis nicht mehr klingeln musste, wenn sie zu Folke kam. Sie selbst bewohnte immer noch die kleine Wohnung in Rönneholm, einem Stadtteil mitten in Malmö.

Mit dem Aufzug fuhr Anne-Lis nach oben. Es war still auf dem Gang, nur das Klackern ihrer hohen Absätze war zu hören. In Gedanken war sie noch immer bei der unfreundlichen Hotelmanagerin, als sie die Wohnungstür aufschloss und die Wohnung betrat.

Der Wohnbereich bestand aus einem großen, halbrunden Raum mit beeindruckender Fensterfront, einem Tisch mit bunten Stühlen und einer Kochnische, die hinter einem Mauervorsprung halb verborgen war. Ganz rechts stand eine riesige Couchgarnitur. Von dort aus war der überdimensionale Flachbildfernseher ebenso zu sehen wie die beeindruckende Aussicht durch die bodentiefen Fenster auf die Öresundbrücke, die über die gleichnamige Meerenge hinweg Dänemark und Schweden miteinander verband.

Folke hatte ihr einmal gesagt, dass ihn diese Aussicht dazu bewogen hatte, die Wohnung zu mieten. Im Augenblick allerdings schien ihn nichts weniger zu interessieren als die Öresundbrücke.

Anne-Lis blieb abrupt stehen, als ihr Blick auf das Sofa fiel. Ein heftiger Stich in ihrem Herzen ließ sie nach Luft schnappen. Eine Schmerzwelle flutete durch ihren Körper und setzte sich in der Magengegend fest. Sie verharrte auf der Stelle, unfähig, sich zu bewegen oder etwas zu sagen, während der Boden unter ihren Füßen zu schwanken schien. Wortlos starrte sie das Paar an, das so sehr mit sich selbst beschäftigt war, dass es Anne-Lis nicht bemerkte.

Sie presste beide Hände gegen ihre Schläfen und spürte den rasenden Puls. Es war, als würden sich Zeit und Raum vermischen, als wären Vergangenheit und Gegenwart plötzlich eins. Ein Déjà-vu der übelsten Sorte.

Genau diese Situation hatte sie schon einmal erlebt. Der Schmerz von damals wurde zum Schmerz von heute. Und genau wie damals tat es unsagbar weh. Schlimmer, davon war sie überzeugt, konnte es nicht kommen.

In diesem Augenblick klingelte das Handy in ihrer Jackentasche.

Die beiden Gestalten auf dem Sofa fuhren auseinander, während Anne-Lis das Handy aus ihrer Hosentasche angelte. Dabei starrte sie weiter das Paar an, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Es war reiner Automatismus, der sie das Gespräch annehmen und das Telefon an ihr Ohr pressen ließ, ohne etwas zu sagen.

»Anne-Lis?«, vernahm sie die Stimme ihrer Schwester Hedvig. »Hallo, Anne-Lis, sag doch was!«

Weinte Hedvig?

»Du musst sofort nach Hause kommen!«, sagte sie. »Papa ist heute Morgen gestorben.«

Carina Sandström war gegangen, nachdem sie sich mit einem lockeren »Wir sehen uns gleich in deinem Büro« von Folke verabschiedet hatte.

Folke besaß wenigstens den Anstand, verlegen zu wirken. »Tut mir leid, dass du das sehen musstest«, sagte er. »Es hat nichts zu bedeuten, ehrlich nicht!«

Für ihn vielleicht nicht, aber für Anne-Lis bedeutete es eine ganze Menge.

Ihr Schweigen schien ihn zu verunsichern oder zu verärgern. Vielleicht auch beides. »Was hast du überhaupt hier zu suchen?«, fragte er unfreundlich.

»Mein Vater ist tot«, erwiderte Anne-Lis völlig überfordert, ohne auf seine Frage einzugehen. Tränen liefen über ihre Wangen.

»Oh«, sagte Folke. Dann verstummte er und schien nach den richtigen Worten zu suchen. »Das tut mir leid.«

Er schien selbst zu bemerken, wie unbeteiligt seine Stimme klang, denn nach kurzem Schweigens fügte er hinzu: »Aber Fredrik war doch sowieso schwer krank. Sein Tod kam also nicht überraschend.«

Als ob es das besser machte!

Anne-Lis schloss die Augen. Es war einfach zu viel, was in den letzten Minuten auf sie eingestürmt war. Der Tod ihres Vaters und die Erkenntnis, dass Folke sie mit Carina Sandström betrog.

»Warum?«, fragte sie leise und öffnete die Augen wieder.

Folke zuckte mit den Schultern, konnte ihr aber kaum in die Augen sehen. »Sie wollte es so«, sagte er, als würde das alles erklären. »Und ich hatte nichts dagegen. Mal abgesehen davon, dass sie eine tolle Frau ist, will ich in der Firma weiter vorankommen. Sie hat also einiges zu bieten, während du …«

Er brach ab, wahrscheinlich war ihm gerade bewusst geworden, dass die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, völlig unangebracht waren. Aber er hatte schon zu viel gesagt, Anne-Lis wusste genau, was er meinte.

»Ich habe nur mich selbst zu bieten«, ergänzte sie tonlos, »aber das reicht dir offensichtlich nicht mehr.«

Sie standen dicht voreinander, und trotzdem schien er meilenweit von ihr entfernt. Vergeblich suchte sie in seinem Gesicht nach der Liebe, die er ihr immer wieder beteuert hatte. War ihre Beziehung von Anfang an eine einzige große Lüge gewesen?

Seit zwei Jahren waren sie ein Paar, und bisher hatte Anne-Lis geglaubt, sie wären glücklich miteinander. Im Stillen hatte sie sogar von einer Hochzeit und gemeinsamen Kindern geträumt. Nun brach ihre ganze Welt zusammen.

Es hatte so lange gedauert, bis sie dazu in der Lage gewesen war, wieder zu lieben und zu vertrauen. Und nun hatte Folke innerhalb von Sekunden alles zerstört. Seine Worte verrieten puren Egoismus. Hatte er sich so sehr verändert, oder hatte sie sein wahres Wesen bislang nicht erkannt?

»Mach jetzt bloß kein Drama daraus!«, sagte er barsch. »Das mit Carina und mir ist bloß Sex, zwischen uns beiden muss sich deshalb nichts ändern.«

Nicht nur seine Worte, auch sein Tonfall trafen sie wie eine Ohrfeige. »Das ändert alles zwischen uns!«, erwiderte sie, während sich die Fassungslosigkeit in ihrem Innern allmählich in grenzenlose Wut wandelte. »Ich dachte, du liebst mich.«

Ihre Wut schien ihn kaltzulassen. »Wie gesagt, das Ganze hat nichts mit uns zu tun«, sagte er und wandte ihr den Rücken zu, um sich anzuziehen.

»Ich fahre nach Stockholm«, stieß Anne-Lis hervor.

»Zur Beerdigung deines Vaters«, erwiderte er. »Das habe ich mir schon gedacht.«

»Ich reise sofort ab.«

Folke fuhr herum. »Das geht nicht!«, sagte er. »Ich brauche dich nachher bei dem Meeting.«

Anne-Lis konnte es nicht fassen. Er hatte sie betrogen, sie hatte gerade vom Tod ihres Vaters erfahren, und er dachte nur an sich oder vielmehr an die Verträge, die er abschließen wollte. Was wiederum bedeutete, dass er wirklich nur an sich dachte, denn von einem erfolgreichen Vertragsabschluss würde ausschließlich er profitieren.

»Dein verdammtes Meeting ist mir so was von scheißegal!«, brach ihre aufgestaute Wut hervor. »Ich fahre nach Stockholm, heute noch! Und ich weiß nicht, ob ich jemals zurückkomme.«

Diesmal war sie es, die ihm den Rücken zuwandte. Sie stolzierte aus der Wohnung, schaute nicht zurück und ärgerte sich über sich selbst, weil sie trotz allem hoffte, dass er ihr nachkam.

Aber er kam nicht, sondern ließ sie einfach so gehen.

Sie verließ die Wohnung, schlüpfte auf dem Gang aus ihren hochhackigen Schuhen und nahm sie in die Hand, damit sie schneller laufen konnte. Sie musste hier weg, so schnell wie möglich!

– 2 –

Stockholm ist zu jeder Jahreszeit schön«, hatte Hedvig einmal behauptet.

Anne-Lis konnte ihrer Schwester nicht uneingeschränkt zustimmen. Vielleicht lag es daran, dass ihre Heimatstadt sehr zwiespältige Gefühle in ihr auslöste.

Ein grauer Himmel mit kaltem Nieselregen begrüßte sie an der Centralstation, dem Hauptbahnhof Stockholms. Die Straßenbahn nach Gamla Enskede verkehrte alle zehn Minuten, aber sie beschloss, sich bei diesem Wetter den Luxus einer Taxifahrt zu leisten.

»Hej«, grüßte sie der Fahrer und lud ihre Reisetasche in den Kofferraum. Danach sagte er auf der ganzen Fahrt kein Wort mehr und nickte nur knapp, als Anne-Lis ihm ihr Fahrtziel nannte. Sie selbst versank während der Fahrt in trübsinniges Grübeln. Sie hatte auf dem Beifahrersitz Platz genommen, lehnte das Gesicht gegen die Seitenscheibe und schaute hinaus.

Stockholm war nasskalt und dämmrig, obwohl es erst früher Nachmittag war. Der Verkehr war chaotisch und ihre Stimmung ebenso trüb wie das Wetter.

Sie schrak zusammen, als das Handy in ihrer Handtasche klingelte, und fing einen unwilligen Blick des Taxifahrers auf. Als sie auf dem Display Folkes Namen las, drückte sie ihn weg. Kurz darauf erhielt sie eine SMS von ihm:

Warum hast du mir nicht gesagt, dass das Hotel auf eine Antwort wartet? Du weißt doch, wie wichtig dieses Zimmerkontingent für uns ist!

Du kannst mich mal!, schrieb Anne-Lis zurück, schaltete das Handy ganz aus und steckte es wieder in die Handtasche.

Auf der Brücke über den Årstaviken, eine Bucht des Mälarsees, setzte Anne-Lis sich aufrecht hin. Nur noch wenige Minuten, bis sie zu Hause war. Sie hatte Angst davor.

Sie erklärte dem Taxifahrer den Weg zu ihrem Elternhaus, und er nahm ihre Anweisungen schweigend zur Kenntnis. Schließlich hielt er vor dem roten Haus mit dem großen Garten, das auf einem Eckgrundstück erbaut worden war.

Es war ihre Straße, es war ihr Elternhaus, hier war sie aufgewachsen. Anne-Lis war zu Hause, aber sie fühlte sich nicht so. Ihr Elternhaus war schon lange kein Ort der Geborgenheit mehr für sie. Diesmal wahrscheinlich noch weniger als sonst, weil sie sich jetzt dem Schlimmsten stellen musste, was sie sich vorstellen konnte. Sie hatte schon einmal einen Menschen verloren, den sie geliebt hatte, aber das hier war etwas ganz anderes.

Wenn sie in den letzten Jahren nach Hause gekommen war, dann hauptsächlich ihrem Vater zuliebe. Länger als zwei Tage hatte sie es nie ausgehalten, bevor sie beinahe so überstürzt abreiste wie beim ersten Mal, als sie regelrecht aus Stockholm geflüchtet war. In den letzten Jahren hatte sie aber zumindest gewusst, wohin sie flüchten konnte: in ihr neues, vermeintlich besseres Leben in Malmö.

Und nun hatte sie Malmö fluchtartig verlassen, mit dem gleichen Trauma wie damals Stockholm.

Als sich der Taxifahrer räusperte, wurde Anne-Lis bewusst, dass sie schon eine ganze Weile in seinem Wagen saß und gedankenverloren durch das Fenster auf ihr Elternhaus starrte. Sie bezahlte ihn und gab ein ordentliches Trinkgeld dazu, das ihn veranlasste, ihr das Gepäck aus dem Kofferraum zu holen. Dann fuhr das Taxi davon, und Anne-Lis stand mit ihrer Reisetasche allein auf der Straße.

Kein Mensch war zu sehen, bis auf einen Fußgänger am anderen Ende der Straße, der langsam näher kam. Sie beachtete ihn nicht weiter, sondern blieb reglos auf der Straße stehen, starrte ihr Elternhaus an und konnte sich nicht dazu aufraffen hineinzugehen.

Bisher hatten ihre Eltern sie immer gemeinsam begrüßt, wenn sie nach Hause kam. Bisher war alles nur ein böser Traum. Sobald sie hineinging, würde daraus bittere Realität werden.

Sie hatte schon seit Anfang des Jahres gewusst, dass die Krebserkrankung ihres Vaters inzwischen so weit fortgeschritten was, dass es keine Hoffnung auf Heilung mehr gab. Sie war damals, nach dem Anruf ihrer Mutter, sogar extra nach Stockholm gefahren, um ihren Vater noch einmal zu sehen. Niemand, vor allem nicht die Ärzte, hatte damit gerechnet, dass er noch so lange durchhalten würde.

Sie hatte gewusst, dass er sterben musste, und trotzdem hatte sie die Nachricht von seinem Tod so geschockt, als wäre er völlig überraschend gekommen. Gestern hatte er noch gelebt, und jetzt war er einfach nicht mehr da! Sie konnte nie mehr mit ihm reden, mit ihm lachen oder ihn einfach nur umarmen. Ab heute gab es eine neue Zeitrechnung für sie: vor Papas Tod und danach.

Ihr Verstand weigerte sich immer noch, das Schreckliche zu begreifen. Solange sie das Haus nicht betrat, konnte sie sich einbilden, dass er hinter der Tür auf sie wartete und lachend rufen würde: »Inga, unsere Kleine ist wieder da!«

Er würde sie fragen, ob sie nicht endlich wieder ganz nach Stockholm zurückkehren wolle, würde ihr mit diesem gewissen Unterton in der Stimme sagen, dass das Nachbarhaus immer noch leer stehe und sie sich keine Sorge machen müsse, jemandem zu begegnen, den sie auf keinen Fall sehen wolle. Und dann würde er sie in den Arm nehmen und ihr sagen, wie sehr sie es verdiene, dass jemand sie von ganzem Herzen liebe.

Anne-Lis konnte sich nicht vorstellen, dass er das nie wieder zu ihr sagen würde. Hatte sie ihm beim letzten Mal eigentlich gesagt, wie lieb sie ihn hatte?

Tränen verschleierten ihren Blick.

»Warum gehst du nicht ins Haus?«

Anne-Lis wandte den Kopf und wischte sich hastig über die Augen. Der Fußgänger, den sie eben von Weitem gesehen und nicht erkannt hatte, war ihr Schwager Bertil. Er lächelte sie freundlich an und fuhr sich mit einer Hand über das kurz geschorene Haar. Dann rückte er seine Nickelbrille mit den runden Gläsern zurecht. Eine typische Bertil-Geste, dachte Anne-Lis.

»Ich weiß nicht«, murmelte sie nicht ganz wahrheitsgemäß. Sie konnte nicht erklären, was in ihr vorging, obwohl Bertil sie vielleicht sogar verstanden hätte.

Er war sehr blass, der Tod seines Schwiegervaters ging auch ihm sichtlich nahe. Die beiden hatten sich immer gut verstanden und in Fredriks Firma eng zusammengearbeitet.

Bertil umarmte sie kurz. Er sagte dabei kein Wort, und das war gut so, denn Anne-Lis kämpfte noch immer mit den Tränen. Sie bemerkte, dass auch seine Augen feucht schimmerten. Er nahm ihr die Reisetasche ab und ging zur Haustür.

Sie folgte ihm langsam, noch immer nicht bereit, das Haus zu betreten und sich damit endgültig der Realität zu stellen.

Ein lautes Winseln war hinter der Haustür zu hören. Als Bertil sie aufschloss, schoss ein riesiger Hund nach draußen, der sich offensichtlich nicht entscheiden konnte, wen er zuerst begrüßen sollte. Der schwarze Mischling rannte winselnd zwischen Anne-Lis und Bertil hin und her.

»Hej, Leif!« Anne-Lis streckte die Hand nach ihm aus.

Der Hund stürzte auf sie zu, ließ sich vor ihr auf den Rücken fallen, streckte seine langen Beine mit den dicken Pfoten nach oben und ließ die Zunge aus dem Maul hängen. Er wedelte nicht nur mit dem Schwanz, sondern gleich mit dem ganzen Hinterteil, was ziemlich albern aussah bei einem Hund, der eigentlich als Wachhund angeschafft worden war.

»Dieser Köter ist bestechlich«, hatte Fredrik immer gesagt. »Der lässt selbst Wildfremde ins Haus, wenn sie ihm etwas Leckeres mitbringen.« Fredrik hatte Leif gerne als den Köter bezeichnet, was aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass er den Hund geliebt hatte.

Anne-Lis streichelte Leif ausgiebig, und der ließ sich das gefallen, bis Bertil ins Haus verschwand. Sofort stand der Hund auf allen vieren und folgte seinem Herrchen. So hatte auch Anne-Lis keinen Vorwand mehr, das Betreten ihres Elternhauses noch länger hinauszuzögern.

Im Treppenhaus brannte kein Licht, wie es sonst an düsteren Tagen üblich war. Bertil wartete an der Treppe auf Anne-Lis. »Ich bringe deine Sachen hoch. Die anderen sind wahrscheinlich im Wohnzimmer.«

Leif folgte ihm, als er nach oben ging, und Anne-Lis blieb allein in der Düsternis zurück. Die Beklemmung eines Trauerhauses war deutlich zu spüren, hüllte sie ein wie ein Leichentuch, das sich immer enger um sie schloss und ihr die Luft zum Atmen nahm.

Es half nichts, hier herumzustehen und die Begegnung mit ihrer Mutter und ihrer Schwester noch weiter hinauszuzögern. Zumindest würde Hedvig sie diesmal nicht fragen, wann sie und Folke endlich heiraten und eine Familie gründen würden. Nach Meinung ihrer Schwester war es höchste Zeit dafür, und zwar bevor sie die magische Altersgrenze von fünfunddreißig überschritten hatte. Eine Bemerkung, die Anne-Lis umso mehr hasste, je öfter sie sie hören musste.

Entschlossen betrat sie den Flur und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Von ihrer Familie war nichts zu sehen, aber die Tür zum Esszimmer war nur angelehnt, und sie konnte die Stimmen dahinter hören.

»Wir sind es Papa schuldig!« Hedvigs Stimme überschlug sich fast. »Und seine Geschäftspartner erwarten eine große Beerdigung auf dem Skogskyrkogården.«

Anne-Lis schob die Tür auf. Niemand bemerkte sie. Ihre Mutter, Hedvig und ihr Sohn Emil saßen am Esstisch. Hedvig hatte einen Block vor sich liegen und machte sich Notizen. Offensichtlich planten sie gerade die Beerdigung.

Anne-Lis spürte wieder den Drang, die Flucht zu ergreifen. Vielleicht wäre sie tatsächlich gegangen, wenn sie nur gewusst hätte, wohin.

Erstaunt bemerkte sie, dass ihre Mutter eigentlich so aussah wie immer. Jedes weißblonde Haar saß perfekt, ebenso das dezente Make-up, und das dunkle Kostüm hätte sie auch zu einem eleganten Empfang tragen können.

Ihre Schwester hingegen sah verhärmt aus. Sie trug Jeans und einen ausgeleierten Pullover. Hedvig war fast einen Kopf größer als Anne-Lis und im Gegensatz zu ihr überschlank. Das Einzige, was sie mit ihrer Schwester gemein hatte, waren die blonden Haare. Zumindest war das bei Anne-Lis’ letztem Besuch noch so gewesen. Jetzt waren Hedvigs kinnlange Haare dunkelbraun gefärbt, was ihre herben Gesichtszüge zusätzlich betonte.

»Ich glaube nicht, dass Fredrik so eine pompöse Beerdigung gewollt hätte«, hörte Anne-Lis ihre Mutter Inga sagen.

»Nein, das wollte Opa auch nicht!«, meldete sich Emil zu Wort. »Er wollte, dass seine Asche mit einer Rakete in den Himmel geschossen wird.«

Inga streichelte lächelnd die Hand ihres Enkels, während Hedvig genervt ausrief: »Hör endlich mit diesem Unsinn auf, Emil!«

Das Jungengesicht unter den blonden Locken verzog sich ärgerlich. »Opa wollte es aber so!«, fauchte Emil seine Mutter an. »Du hast doch keine Ahnung! Du warst nicht dabei, als er das gesagt hat.«

Hedvig schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich will diesen Quatsch nicht mehr hören! Hast du mich verstanden?«

Emil sprang wütend auf. Die Hände zu Fäusten geballt, stampfte er mit dem rechten Fuß auf und schrie seine Mutter an: »Ich hör nicht auf! Opa wollte das so, und ich hab es ihm versprochen.«

»Hej«, meldete sich Anne-Lis zu Wort. Drei Gesichter wandten sich ihr zu.

»Anne-Lis!« Ihre Mutter stand auf, kam zu ihr und umarmte sie. »Wie schön, dass du zu Hause bist!«

Auch Hedvig kam näher. Ihre Umarmung fiel steif aus. »Schön, dass du die Zeit gefunden hast«, sagte sie spitz. »Bei unserem Telefonat warst du ja nicht sehr gesprächig.«

Anne-Lis konnte sich nicht mehr erinnern, was sie gesagt hatte. Hatte sie überhaupt etwas gesagt? Alles, was ihr im Zusammenhang mit dem Anruf ihrer Schwester einfiel, waren Folke und Carina Sandström auf dem Sofa.

»Tut mir leid«, murmelte Anne-Lis. »Der Schock …« Sie brach ab und verschwieg, dass sie vor ein paar Stunden gleich einen doppelten Schock erlebt hatte und nur deshalb sofort nach Stockholm gekommen war.

Nach ihrer Auseinandersetzung mit Folke war sie nicht mehr ins Büro des STS zurückgekehrt, sondern vom Turning Torso aus sofort zu ihrer Wohnung gefahren. Sie hatte ein paar Sachen eingepackt und gerade noch den Schnellzug erwischt, der sie in viereinhalb Stunden von Malmö nach Stockholm gebracht hatte.

Und jetzt war sie hier, wo sie auch nicht sein wollte! Anne-Lis wünschte sich weit weg, wusste aber nicht, wohin. Malmö war keine Option mehr für sie.

Es gab niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte. Schon als Kind war sie immer nur zu ihrem Vater gegangen, wenn sie etwas quälte. Er hätte sie verstanden, aber er war nicht mehr da.

Der Schmerz, den sie in den letzten Stunden mühsam unterdrückt hatte, überfiel sie jetzt mit einer solchen Wucht, dass er unerträglich wurde. Anne-Lis begann zu weinen.

»Ist ja schon gut«, sagte Inga und strich ihr über den Arm. »Für Papa war es das Beste so.«

Für Anne-Lis war das nicht mehr als eine hohle Phrase. Jeder Mensch, ganz besonders ihr Vater, hätte das Leben dem Tod vorgezogen. Aber vielleicht half diese Vorstellung ihrer Mutter ja, mit dem Verlust besser fertigzuwerden, deshalb schluckte Anne-Lis die bittere Bemerkung hinunter, auch wenn sie ihr wie ein unverdaulicher Brocken im Magen lag.

Ihr Blick fiel auf Emil. Der Junge stand immer noch an der gleichen Stelle, die Hände zu Fäusten geballt, mit trotzigem Gesicht.

Anne-Lis begriff, dass hinter seiner Wut der gleiche Schmerz steckte, den sie selbst empfand. Auch wenn sie in den letzten Jahren immer nur Stippvisiten in Stockholm gemacht hatte, so wusste sie doch, dass die Beziehung zwischen ihrem Vater und ihrem Neffen Emil eine ganz besondere gewesen war.

Bertil war nicht Emils leiblicher Vater. Nachdem Hedvig sich von ihrem ersten Mann getrennt hatte, war sie zusammen mit Emil zurück in ihr Elternhaus gezogen. Emil war damals erst wenige Monate alt gewesen und hatte in seinem Großvater die erste – und wichtigste – männliche Bezugsperson gefunden.

Anne-Lis wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und brachte ein mühsames Lächeln zustande. »Hallo Emil«, sagte sie.

»Hallo Anne-Lis«, murmelte der Junge verstockt.

»Tante Anne-Lis!«, sagte Hedvig streng. »Wie oft soll ich dir noch sagen, dass sie deine Tante ist und du sie auch so nennen sollst.«

»Das ist doch egal«, kam Anne-Lis ihrem Neffen zu Hilfe.

Hedvig fuhr herum. »Würdest du es bitte mir überlassen, wie ich meinen Sohn erziehe? Ich wünsche nicht, dass du im Beisein meiner Kinder meine Autorität untergräbst!«

»Kinder, zankt euch nicht!«, fuhr Inga dazwischen. »Wir haben im Moment wirklich wichtigere Probleme. Wie lange kannst du bleiben?«, fragte sie an Anne-Lis gewandt.

»Ein paar Tage«, erwiderte sie ausweichend.

»Auf jeden Fall bis zur Beerdigung«, bestimmte Hedvig.

»Würdest du es bitte mir überlassen, meine Entscheidungen zu treffen?«, erwiderte Anne-Lis im gleichen Tonfall, in dem Hedvig eben mit ihr gesprochen hatte.

Wenn sie ihren Job im STS trotz allem behalten wollte, konnte sie unmöglich bis zur Beerdigung bleiben. Es gab zwar ein Gesetz, dass Verstorbene in Schweden innerhalb eines Monats beigesetzt werden müssen, aber selbst so lange konnte sie nicht bleiben – und das nicht nur wegen ihres Jobs. Sie mochte sich nicht einmal vorstellen, mehrere Wochen in ihrem Elternhaus zu verbringen.

»Das ist ja mal wieder typisch«, regte Hedvig sich auf. »Wenn es um die Familie geht …«

»… bist du ja da, um alles zu regeln«, fiel Anne-Lis ihrer Schwester ins Wort.

»Du jedenfalls nicht!«, erwiderte ihre Schwester hart. »Für dich ist doch alles andere wichtiger. Dein eigenes Leben, deine Karriere …« Diesmal brach Hedvig von sich aus ab. Sie holte tief Luft, wirkte aber immer noch verärgert, auch wenn sie sich bemühte, ganz ruhig zu sprechen. »Mach, was du willst«, sagte sie mit einer abfälligen Handbewegung in Anne-Lis’ Richtung. »Wir haben hier eine Beerdigung zu planen, womit wir dann wieder beim Thema wären.«

Anne-Lis musste sich zusammenreißen, um ihre Schwester nicht anzuschreien.

Hedvig ignorierte sie jetzt völlig, schaute nur ihre Mutter an und sagte: »Ich bin nach wie vor für eine würdige Feier auf dem Skogskyrkogården. Wir müssen es ja nicht ganz so groß machen, wenn du das nicht willst. Obwohl ich noch einmal daran erinnern möchte, dass wir es unseren Geschäftspartnern schuldig sind.«

»Ich weiß nicht«, sagte Inga unschlüssig.

»Keiner macht, was Opa will«, machte sich Emil erneut bemerkbar. »Ihr seid doof! Alle!« Damit rannte er aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

»Emil!«, rief Hedvig ihm erzürnt nach. »Du kommst sofort zurück und entschuldigst dich!«

Emil antwortete nicht, und er kam auch nicht zurück. Stattdessen betrat Bertil das Esszimmer. »Was ist denn mit Emil los?«, fragte er.

Anne-Lis schaute ihre Schwester finster an. »Er trauert um seinen Opa«, sagte sie hart, aber auch diesmal ignorierte Hedvig sie.

»Wo sind die Zwillinge?«, fuhr sie stattdessen ihren Mann an. »Du wolltest sie vom Kindergeburtstag abholen.«

»Oh!« Bertil machte ein erschrockenes Gesicht.

Hedvig stöhnte genervt auf. »Du hast sie also schon wieder vergessen.«

»Ich hole sie sofort.« Bertil wollte das Zimmer verlassen, aber Hedvig stürmte an ihm vorbei.

»Ich hole die beiden selbst ab. Ich muss hier raus, ich brauche frische Luft!«, kommentierte sie ihren Abgang.

»Die ist ja ganz schön geladen«, sagte Anne-Lis, die immer noch wütend auf ihre Schwester war.

»Es ist ihre Art, mit der Trauer umzugehen«, erwiderte Inga. »Es ist für uns alle nicht leicht.« Sie lächelte Anne-Lis zu, wirkte immer noch über alles erhaben. »Es ist wirklich gut, dass du da bist. Aber sei mir nicht böse, ich muss mich ein bisschen ausruhen.« Mit diesen Worten verließ auch Inga das Zimmer.

»Alles in Ordnung mit dir?« Bertil schaute Anne-Lis fragend an.

»Frag nicht«, antwortete sie und schüttelte den Kopf. »Ich möchte ungern über meine Schwester herziehen, aber die ersten Minuten hier im Haus haben mir schon wieder gereicht.«

»Tut mir leid, so hast du dir den Empfang bestimmt nicht vorgestellt«, sagte Bertil.

»Ich habe mir überhaupt nichts vorgestellt.« Anne-Lis schaute ihn bedrückt an. »Nach Hedvigs Anruf habe ich meine Reisetasche gepackt und bin sofort hergefahren.« Auch ihm verschwieg sie, dass sehr viel mehr hinter ihrer überstürzten Abreise steckte. Sie fühlte sich müde und erschöpft und wollte einfach nur ihre Ruhe. »Ich gehe nach oben und packe meine Sachen aus«, sagte sie.

Bertil musterte sie durch seine Brillengläser, und Anne-Lis hatte das Gefühl, dass er noch etwas sagen wollte. Doch er nickte nur und lächelte dabei das typische Bertil-Lächeln, das sie so an ihm mochte. Er war wirklich ein lieber, sanfter und freundlicher Mann – viel zu nett für ihre Schwester.

Anne-Lis ging die Treppe hinauf, blieb aber auf halbem Weg stehen und lauschte. Wie unglaublich still es heute war! Von ihren früheren Besuchen war sie Geschrei, Gerenne und Gelächter gewohnt – kein Wunder in einem Haus, in dem vier Generationen mit drei Kindern und einem temperamentvollen Hund unter einem Dach lebten. Jetzt fühlte es sich so an, als würden nicht nur die Menschen, sondern das Haus selbst trauern.

Anne-Lis ging weiter nach oben und betrat ihr ehemaliges Kinderzimmer. Alles war so, wie sie es vor zehn Jahren verlassen hatte. Hedvig hätte dieses Zimmer gerne gehabt, als das Obergeschoss des Hauses zu einer Wohnung für sie und ihre Familie umgebaut worden war, aber da hatte Fredrik gestreikt. Anne-Lis, so hatte er bestimmt, sollte immer einen Platz in diesem Haus haben.

Ihr Vater hatte gehofft, sie würde irgendwann ganz nach Stockholm zurückkehren. »Irgendwann«, hatte er immer gesagt, »hast du auch die Sache mit Birger überwunden.«

Eigentlich hatte Anne-Lis sogar geglaubt, dass die Sache mit Birger in ihrem Leben keine Rolle mehr spielte. In den letzten Jahren hatte sie nicht mehr an ihn gedacht. Zumindest war es ihr nicht bewusst gewesen. Bis heute Morgen, als sie Folke mit Carina Sandström erwischt hatte.

Anne-Lis trat ans Fenster. Von hier aus konnte sie das Nachbarhaus sehen. Ein Anblick, der ihr jahrelang einfach nur vertraut gewesen war, sie eine Weile lang sehr glücklich gemacht hatte und den sie irgendwann nicht mehr ertragen konnte.

Und jetzt? Was empfand sie jetzt bei diesem Anblick?

So sehr sie das Nachbarhaus auch anstarrte, sie fand keine Antwort auf diese Frage. Normalerweise vermied sie es, ans Fenster zu treten und nach nebenan zu sehen, wenn sie zu Hause war. Aber heute war sowieso alles anders. Außerdem wusste sie, dass das Nachbarhaus seit Jahren unbewohnt war.

Plötzlich glaubte Anne-Lis hinter einem der Fenster einen schwachen Lichtschein zu sehen. Sie beugte sich ein wenig vor, aber da war es auch schon wieder vorbei. Wahrscheinlich hatte sie es sich nur eingebildet.

Langsam ging sie durch ihr Jugendzimmer und strich behutsam über die weißen Lamellentüren des deckenhohen Einbauschrankes, den ihr Vater vor vielen Jahren aufgebaut hatte. Zwischen dem Schrank, der Wand und der Dachschräge war die Nische mit ihrem Bett. In diesem Bett hatte sie sich immer beschützt und geborgen gefühlt, hier hatte sie als Kind den Geschichten gelauscht, die ihr Vater für sie erfunden hatte, dem Wind, der im Herbst um das Haus rauschte, und dem Regen, der gegen die Scheiben trommelte. Hier hatte sie von der Liebe geträumt, ihre erste Liebesnacht erlebt – und den grausamen Schmerz, als es vorbei war.

Ihr Blick fiel auf die Postkarte, die mit einer Reißzwecke an die Wand neben dem Bett geheftet war. Es war eine Notlösung gewesen, weil sie das, was darunter auf der Tapete stand, nicht mehr sehen konnte. Damals wie heute nicht …

Im Regal auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers standen immer noch die Bücher, die sie damals gelesen hatte, und die kleinen Figuren, die sie gesammelt hatte. Erinnerungsstücke aus längst vergangenen Zeiten.

Anne-Lis schlug die Hände vors Gesicht, Tränen strömten aus ihren Augen. Einmal mehr wurde ihr bewusst, was sie mit ihrem Vater verloren hatte, wie viel gemeinsame Zeit mit ihm sie versäumt hatte …

Hastig wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht, als es an der Tür klopfte.

Karin betrat das Zimmer. »Bertil hat mir gesagt, dass du angekommen bist.« Die Haushälterin ihrer Eltern, die Anne-Lis bereits seit ihrer Kindheit kannte, kam auf sie zu und umarmte sie. »Ich freue mich so, dass du da bist!«

Karin schob sie ein Stück von sich, ließ ihre Hände aber auf Anne-Lis’ Schultern liegen und betrachtete sie prüfend. »Ich muss dich nicht fragen, wie es dir geht«, stellte sie fest. »Uns allen geht es an diesem schrecklichen Tag nicht besonders gut.«

»Ja«, war alles, was Anne-Lis hervorbrachte.

»Die Familie muss jetzt ganz fest zusammenhalten, um diese schwere Zeit zu überstehen«, fuhr Karin fort. Dass sie sich selbst auch zur Familie zählte, stand außer Frage.

»Ja«, sagte Anne-Lis auch diesmal wieder, obwohl sie nicht so recht an den Zusammenhalt der Familie glaubte. Ihr Vater war das verbindende Glied zwischen ihnen allen gewesen, und der war jetzt nicht mehr da. Eben hatte sich schon gezeigt, dass die Probleme vorprogrammiert waren, weil ihre Mutter und Hedvig sich nicht einigen konnten, wo und wie Fredrik beerdigt werden sollte. Wobei Anne-Lis der Meinung war, dass da ausschließlich die Wünsche ihres Vaters ausschlaggebend sein sollten.

»Weißt du, ob Papa einmal über seine Beerdigung gesprochen hat?«, fragte sie.

Karin zuckte ahnungslos mit den Schultern. »Ich hab nichts gehört, bis auf den Unsinn, den Emil behauptet.« Sie schüttelte missbilligend den Kopf. »Als ob dein Vater damit einverstanden wäre, dass seine Asche mit einer Silvesterrakete in den Himmel geschickt wird. Was Kindern alles so einfällt!«

Anne-Lis lächelte. »Papa wäre so etwas durchaus zuzutrauen«, sagte sie, behielt aber lieber für sich, dass ihr die Idee sogar gefiel, denn Karin schüttelte immer noch den Kopf.

»Ich finde, dein Vater braucht eine vernünftige Beerdigung im Kreis der Familie. In einem ordentlichen Sarg. Und nicht so einen neumodischen Kram wie eine Verbrennung.«

»Ich bin sicher, Mama wird sich für die richtige Form der Beerdigung entscheiden«, erwiderte Anne-Lis diplomatisch. Sie wollte nicht über die Beerdigung reden, sie wollte nicht einmal daran denken.

»Ja, bestimmt.« Karin nickte nachdenklich und starrte vor sich hin.

Anne-Lis fand, dass die Haushälterin viel mehr wie eine trauernde Witwe aussah als ihre Mutter. Karin war blass, hatte dunkle Ringe unter den Augen und wirkte im Moment viel älter, als sie in Wirklichkeit war. Eine Welle der Zuneigung durchflutete Anne-Lis. Schon seit vielen Jahren hatte sie das Gefühl, dass Karin heimlich in ihren Vater verliebt war. Als junges Mädchen fand sie diese Vorstellung romantisch, bis sie selbst erfahren hatte, wie schmerzhaft unerfüllte Liebe sein konnte.

»Wie waren die letzten Tage für Papa?«, fragte sie. »Hatte er Schmerzen?«

Karin schüttelte den Kopf. »Es ging ihm nicht sehr gut, aber Dr. Nystad war jeden Tag da und hat ihm etwas gegen die Schmerzen injiziert. Obwohl ich weiß, dass der Tod letztendlich eine Erlösung für ihn war, kann ich es immer noch nicht fassen.«

Es klang nüchtern, aber Anne-Lis spürte die Wehmut, die in diesen Worten mitschwang. Warum nur war davon bei ihrer Mutter nichts zu bemerken?

»So, ich muss wieder runter. Wir sehen uns beim Abendessen«, sagte Karin.

Als sie wieder alleine war, blieb Anne-Lis ein paar Minuten grübelnd mitten im Zimmer stehen, bevor sie erneut ans Fenster trat und zum Nachbarhaus schaute. Alles war dunkel.

Hatte sie eben wirklich einen Lichtschein gesehen, oder hatte sie sich das nur eingebildet? Sie hätte Karin fragen können, aber sie hatte nicht daran gedacht.

Anne-Lis wandte sich ab, packte ihre Reisetasche aus, die Birger vor der Tür abgestellt hatte, und fragte sich gleichzeitig, ob das überhaupt Sinn machte. Sie hatte nicht die Absicht, länger als übers Wochenende zu bleiben.

Aber wohin dann? Zurück nach Malmö?

Sie hielt inne und fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Sie fühlte sich so verloren.

Als sie die Hände wieder senkte, fiel ihr Blick auf das Foto an der Wand neben dem Kleiderschrank. Es zeigte das Ferienhaus der Familie auf einer der Schäreninseln vor Stockholm. Hier hatte die ganze Familie immer ihre Sommerurlaube verbracht, als sie und Hedvig noch Kinder waren.

Anne-Lis trat ganz nah an das Bild heran und versuchte, das Glück dieser Kindertage nachzufühlen. Sie wollte sich an das unbeschwerte Lachen erinnern, an die Wärme der Sonne, das Rauschen der Wellen. Insgeheim spielte sie sogar mit dem Gedanken, sich für eine Weile in das Ferienhaus zurückzuziehen, wenn sie es hier nicht mehr aushielt und noch nicht dazu bereit war, nach Malmö zurückzukehren.

Aber was sollte sie ganz allein auf einer menschenleeren Insel anfangen, und das jetzt im Herbst? Mit Stürmen, die das Meer zum Kochen brachten, und dieser unsagbaren Trauer in ihrem Herzen. Anne-Lis war sich nicht sicher, ob sie das aushalten könnte.

Sie stellte die halb ausgepackte Reisetasche in den Kleiderschrank. Dann verließ sie ihr Zimmer und ging nach unten. Aus der Küche war das Klappern von Geschirr und Töpfen zu hören. Vermutlich bereitete Karin gerade das Abendessen zu. Anne-Lis beschloss, sie nach dem Licht im Nachbarhaus zu fragen.

Aber in der Küche traf sie nicht Karin an, sondern ihre sechsundachtzigjährige Großmutter Gunilla. Der ganze Topfschrank war ausgeräumt, und Gunilla kniete auf dem Boden, um den Schrank bis in den hintersten Winkel mit einem Lappen zu reinigen.

»Oma«, sagte Anne-Lis erstaunt. »Was machst du da?«

Gunilla kroch schwerfällig aus dem Schrank und bedachte sie mit einem strafenden Blick. »Das hast du nicht anständig sauber gemacht!«, sagte sie und wies in den geöffneten Schrank.

»Oma, ich bin es, Anne-Lis«, sagte sie und beugte sich hinunter, um ihre Großmutter zu umarmen.

Gunilla wich ihr aus. »Ich kenne dich nicht«, sagte sie, schien kurz nachzudenken und fragte dann: »Hast du Schokolade?«

Anne-Lis schüttelte den Kopf. »Leider nicht.«

»Dann kannst du gehen, ich muss hier weiterputzen.« Gunilla wedelte mit der Hand.

Anne-Lis war erschrocken. Schon bei ihrem letzten Besuch war die Demenz ihrer Großmutter weit vorangeschritten gewesen, aber zumindest hatte Gunilla sie noch erkannt.

»Oma, soll ich dir helfen?«, fragte sie und streckte ihr eine Hand hin.

Gunilla schlug mit dem Lappen danach. »Ich kann das noch ganz gut allein. Wenn Fredrik nach Hause kommt, soll alles schön sauber sein.«

Anne-Lis presste die Lippen aufeinander. Wusste Oma Gunilla noch nicht, dass Fredrik gestorben war, oder hatte sie es schon wieder vergessen?

Karin kam in die Küche, sah von Anne-Lis zu Gunilla und schien sofort zu verstehen. »Lass sie«, sagte sie leise zu Anne-Lis. »Sie putzt den Schrank jeden Tag mindestens einmal aus. Wir haben anfangs versucht, sie davon abzubringen, bis sie sich auf den Schrank mit den teuren Kristallgläsern gestürzt hat.«

»Und das ging nicht gut.«

»Gunilla fand den Klang der Gläser so hübsch, wie sie auf dem Fußboden zersprangen«, berichtete Karin. »Und so hat sie ein Glas nach dem anderen einfach fallen lassen. Als wir das bemerkten, waren bereits alle Sektgläser und die Hälfte der Rotweingläser kaputt.«

Anne-Lis war schon halb aus der Tür, als sie einen erschrockenen Ausruf Karins vernahm. »Das kannst du nicht essen, Gunilla!« Schnell drehte sie sich wieder um.

Was immer es auch war, Gunilla hatte es bereits im Mund und kaute darauf herum. »Köstlich diese Cracker!«, sagte sie.

»Das ist Trockenfutter für den ...

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