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Im Heu – oder im Bett?

1. KAPITEL

Als Cole Travis zum ersten Mal in das Städtchen Valle Verde kam, fühlte er sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Die Ränder der Bürgersteige waren von Wildblumen bewachsen, eine Frau schob ihren Kinderwagen vor sich her, und Cole konnte durch das offene Fenster seines Pick-ups eine Gruppe Jungen miteinander reden und lachen hören. Alles war friedlich, idyllisch und hübsch anzusehen. Und es vermittelte Cole das Gefühl, weit und breit der einzige Mensch zu sein, der ein Problem hatte.

Er hielt neben der Zapfsäule einer altmodischen Tankstelle an und wartete, bis der Motor des Wagens schließlich laut knatternd ausging. Er hatte den älteren Pick-up bei einem seiner Baustofflieferanten günstig erstanden, bevor er vor zwei Wochen von Seattle aus losgefahren war. Er seufzte. Da er vorhatte, am Ende seiner Reise nach Hause zu fliegen, hatte er sich eine Klapperkiste ausgesucht, die er dann auf dem Schrottplatz abliefern könnte.

Ebenfalls wie in guten alten Zeiten erschien jetzt ein Tankwart. “Volltanken?”, fragte der junge Mann.

“Sicher.” Cole öffnete die quietschende Tür und stieg aus. “Wissen Sie, wo ich hier eine Lokalzeitung bekommen kann?”

Der junge Mann deutete mit dem Kopf in die Richtung des Büros. “Sie können meine haben. Ich habe sie schon gelesen, sie liegt auf meinem Schreibtisch.”

Cole, der fast den ganzen Morgen von San Clemente nach San Diego gefahren war, machte sich auf den Weg. Er hatte weder in San Clemente noch zuvor in Laguna Beach gefunden, was er suchte. Aber das spielte keine Rolle. Gleichgültig, wie lange es dauern würde, oder was er dafür tun müsste, er würde seinen Sohn finden, ihn nach Hause bringen und versuchen, ihn für die verloren gegangene Zeit zu entschädigen.

Als er nach der Zeitung griff, bemerkte er den Stadtplan von Valle Verde an der Wand. Er holte ein Blatt Papier aus der Hosentasche, suchte auf dem Plan nach der auf dem Zettel notierten Adresse und ging zurück zum Pick-up.

Nachdem er bezahlt hatte, fuhr er wieder auf die Hauptstraße. Nun wusste er zumindest, wie er sie finden konnte, und es blieb nur noch ein Detail zu klären: Wie er sich ihnen nähern sollte, ohne Verdacht zu erregen. Sie durften keinesfalls merken, dass er für immer ihr Leben verändern könnte.

Am rechten Straßenrand tauchte ein kleiner Park auf, und Cole bog ab und machte dort Halt. Dann holte er fünf dicke Aktenordner aus seiner Tasche, in denen das Material säuberlich abgeheftet war, das der von ihm beauftragte Privatdetektiv zusammengetragen hatte. Demnach hatte es fünf Chancen gegeben, sein Kind zu finden. Nun waren es noch drei.

Als er den obersten Ordner aufschlug, stieg heftiger Ärger auf seine Exfrau in ihm auf. Seit er erfahren hatte, dass Kelly schwanger gewesen war, als sie ihn vor fünf Jahren verlassen hatte, schwankte sein Gemütszustand zwischen Wut und Hoffnung, Angst und Trauer. Es war nun fast einen Monat her, dass Kellys Bruder angerufen hatte, um ihm zu sagen, dass Kelly gestorben war und ihm vor ihrem Tod etwas Entsetzliches anvertraut hatte. Sie hatte bei der Trennung von Cole nicht nur ein Kind erwartet, sondern hatte das Baby nach der Entbindung in der Säuglingsstation eines Krankenhauses zurückgelassen. Kellys Bruder wusste weder, was mit dem Jungen passiert war, noch kannte er den Namen des Krankenhauses.

Cole schloss die Augen, versuchte seinen Ärger weitgehend zu verdrängen und sich zu konzentrieren. Die erfolglose Suche in San Clemente und Laguna Beach hatte ihm auch gezeigt, dass er nur Argwohn und Misstrauen erntete, wenn er den Leuten die Wahrheit sagte. Jetzt würde er geschickter vorgehen und sich so lange bedeckt halten, bis er ganz sicher sein konnte, seinen Sohn gefunden zu haben.

Er griff nach der Zeitung und schlug die Seiten mit den Stellenangeboten auf. Vielleicht könnte er hier einen Job annehmen und so für ein oder zwei Wochen ganz unauffällig seine Erkundigungen einziehen. Mit dem Finger folgte er einer Reihe Inserate, in denen nach Aushilfskräften gesucht wurde. Plötzlich hielt er inne, griff nach einem Stift und markierte damit eine große Anzeige.

Und dann lächelte Cole Travis – das erste Mal seit Wochen.

Lauren Simpson nahm einen weiteren Schluck des starken Kaffees, der in Uncle Bill’s Café serviert wurde und lächelte ihren Sohn an, der nur so vor Energie sprühte.

“Noch einmal lesen, Mom! Noch einmal!”

Sie streckte unter dem Tisch ihre langen Beine aus und seufzte still. Mit seinen vier Jahren war Jems Drang nach Wiederholungen kaum zu bändigen.

“Bitte, bitte.” Jem Simpsons große blaue Augen blitzten, als er seine Mutter verschmitzt angrinste.

Sie konnte diesem herzerweichenden Blick nicht widerstehen. Sie lächelte, als sie Valle Verdes Zeitung aufschlug und bestimmt schon zum zehnten Mal die Annonce laut vorlas.

“Wir suchen einen Mann für Umbau- und Renovierungsarbeiten an unserem Haus und unserer Scheune. Er sollte ein guter Schreiner, Elektriker und Klempner sein. Interessenten stellen sich bitte persönlich bei den Simpsons in der Agua Dulce Road vor.”

Ihr Sohn strahlte sie an. “Glaubst du, dass heute jemand kommt?”

“Himmel, das hoffe ich.” Mit diesem Stoßgebet packte sie die Zeitung zurück in ihre Einkaufstasche. Sie brauchten wirklich dringend einen geschickten Handwerker, der ihnen dabei half, ihr altes Haus und die schöne große Scheune innerhalb von sechs Wochen instand zu setzen. Aber bislang hatte sich auf die vor einigen Tagen erschienene Annonce noch niemand gemeldet.

Lauren verdrängte ihre Sorgen und lächelte ihrem Sohn zu. “Wenn sich niemand meldet, werden wir beide mit einem Hammer und einem großen Erste-Hilfe-Kasten die Arbeit selbst erledigen müssen.”

Sie legte das Geld für das Frühstück auf den Tisch und betrachtete den verwüsteten Pfannkuchen auf Jems Teller. “Viel gegessen hast du nicht. Frag doch Onkel Bill, ob er dir ein paar neue Pfannkuchen zum Mitnehmen einpackt.”

“Okay.” Lauren beobachtete ihn, wie er seinen Teller vorsichtig nach vorn zur Theke transportierte, und wie Bill dann über das Chaos lachte, das Jem wie jeden Samstagmorgen, seitdem sie in dieses Städtchen gezogen waren, auf seinem Teller angerichtet hatte.

Trotz der Nähe zur Großstadt San Diego war Valle Verde wirklich ein freundlicher und friedvoller Ort, überlegte Lauren, als sie durch das Fenster dem gemächlichen Treiben auf der Hauptstraße zusah. Kinder fuhren auf Fahrrädern mitten auf der Straße, Frauen tauschten vor dem Friseursalon den neuesten Klatsch aus, und die Geschäfte wiesen mit einfachen Holzschildern auf ihre Besitzer und Waren hin. Von ihrem Platz aus konnte sie das Haushaltswarengeschäft Top of the Valley, die Drogerie Gordy’s U Pic It We Pac It und das Lebensmittelgeschäft What’s Shakin’ Chicken Pie Shop erkennen. Und bald würde es nur ein paar Ecken weiter ein neues Schild geben: Simpson’s Gems, der beste Antiquitätenladen von Südkalifornien.

Lauren legte noch ein paar Dollar für die zusätzlichen Pfannkuchen auf den Tisch und ging nach vorn, um ihren Sohn zu holen, der den anderen Gästen ausführlich von ihrer Suche nach einem Handwerker erzählte. Nachdem er die Geschichte beendet hatte, nahm sie ihn an der Hand. Sie verabschiedeten sich und traten hinaus in den schönen Frühsommertag.

Auf dem kurzen Weg nach Hause redete Jem pausenlos. Sie fragte sich, ob sie in diesem Alter genauso gewesen war. Aber da in ihrer Kindheit nie jemand da gewesen war, der ihr zugehört hätte, war das höchst unwahrscheinlich. Sie war bei verschiedenen lieblosen Pflegeeltern groß geworden und hatte eine furchtbare Kindheit hinter sich, die sie am liebsten für immer vergessen würde. Aber Jem, überlegte sie, während sie den mit Eukalyptusbäumchen gesäumten Gehweg entlangschlenderten, würde hier eine wunderbare und beschützte Kindheit erleben, an die er sich gern erinnern würde. Dafür wollte sie sorgen.

Als er stehen blieb, um einen Kieselstein aufzuheben und in seine Hosentasche zu stecken, strich sie über seine zerzausten, braunen Locken. Obwohl er nicht ihr leibliches Kind war, sammelte er genau wie sie ständig irgendwelche Dinge. Das hatte er wahrscheinlich von ihr übernommen, denn sie war bereits seine Pflegemutter, als er noch ein Baby gewesen war. Vor einiger Zeit hatte sie den Jungen auch offiziell adoptiert.

Sie war eine leidenschaftliche Sammlerin, seit sie denken konnte. Und nun, da sie sich von ihrer zeitaufwendigen und aufreibenden Karriere als Model zurückgezogen hatte, würde sie mit ihren wertvollen Sammlerstücken einen Antiquitätenladen eröffnen.

Um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, zog Jem an ihrer Hand, als das Haus in Sichtweite kam. “Sieh nur, Mommy”, wisperte er.

Lauren folgte dem Blick des Jungen und ging automatisch langsamer. Vor der Veranda ihres prächtigen, aber baufälligen viktorianischen Hauses stand ein Mann, der lässig an einer der Säulen lehnte, die den vorgebauten Wintergarten des ersten Stocks abstützten. Er hatte ihnen den Rücken zugedreht und starrte hinauf zum Dachgiebel. Sie musterte den Fremden von oben bis unten und schluckte. Seine breiten Schultern und der muskulöse Rücken wurden durch ein gut sitzendes, schwarzes T-Shirt betont. Der knackige Hintern und die langen Beine kamen durch seine engen Jeans bestens zur Geltung.

Hätte sie nach einem Mann statt nach einem Handwerker Ausschau gehalten, würde sie sich jetzt gar nicht weiter umsehen müssen. Aber das tat sie nicht. Vor genau 221 Tagen hatte sie sich geschworen, ein Jahr lang ganz auf Männer zu verzichten. Das schien ihr der einzige Weg zu sein, um anschließend Männern mit mehr Distanz und gesundem Menschenverstand begegnen zu können. Ihr seelisches Gleichgewicht und, noch wichtiger, das Glück ihres Kindes hingen davon ab.

Als sie näher kamen, drehte der Fremde ihnen sein Gesicht gerade so weit zu, dass sie sein markantes Profil sehen konnte, das so gut geschnitten war, dass man es als Bronzebüste in jeder Kunstgalerie ausstellen könnte. Hitze durchströmte sie, als er mit einer Hand nach dem Balken über ihm fasste und dabei seine Armmuskeln deutlich anspannte. Meine Güte, dachte sie, der Mann ist wirklich unglaublich gut gebaut. Und das sollte bei ihr etwas heißen, denn in ihrem Job als Model hatte sie eine ganze Reihe ansehnlicher Männerkörper zu Gesicht bekommen – ganz zu schweigen von den entsprechend aufgeblasenen Egos der Typen.

Sie bemühte sich, ihre Fassung wiederzugewinnen, als ihr Blick auf den neben dem Haus geparkten, klapprigen Pick-up fiel, dessen Nummernschild verriet, dass er aus dem Bundesstaat Washington kam.

Jem zog wieder an ihrer Hand. “Mom, glaubst du, der will bei uns arbeiten?”, fragte er aufgeregt.

Offenbar hatte der Mann ihn gehört, denn er drehte sich um, lächelte und zeigte dabei blendend weiße Zähne. Seine türkisblauen Augen, die in starkem Kontrast zu seiner von der Sonne gebräunten Haut standen, leuchteten auf.

Lauren nahm ihren Sohn ganz fest an die Hand, als der Fremde eine Zeitungsseite aus der Gesäßtasche seiner Jeans zog. Sei unbesorgt, versuchte sie sich zu beruhigen. Er ist wahrscheinlich neu in der Stadt und will nach dem Weg fragen. Dass er die Kleinanzeigen in der Hand hält, muss nicht automatisch bedeuten, dass er wegen des Jobs hier ist. Er ist viel zu anziehend, als dass ich ihn anstellen sollte.

“Kann ich Ihnen helfen?”, fragte sie, als sie mit Jem die Stufen zum Haus hinaufging.

Der Mann sah Jem leicht verwirrt an, so wie man jemand anschaut, den man zu kennen glaubt. Dann nahm er sie ins Visier. Sie sahen sich einen Moment fest in die Augen, und sie merkte, dass ihr ganz schwindelig wurde.

“Vielleicht können Sie das”, sagte er schließlich, und der irritierende Moment war vorbei. “Aber ich bin sicher, dass ich Ihnen helfen kann.”

“Du bist der Mann!”, rief Jem.

Der Mann neigte den Kopf zur Seite und verzog seine sinnlichen Lippen zu einem Lächeln.

“Er meint …”, begann Lauren.

Der Fremde sah Jem an. “Ich denke, ich weiß, was er meint”, bemerkte er belustigt. Dann zeigte er ihr die Zeitungsseite mit der rot eingekreisten Annonce. “Ich bin wegen des Jobs hier.”

Zu dumm. Sie hatte einen netten, grauhaarigen alten Mann erwartet, nicht jemanden, der aussah wie ein griechischer Gott und mit einem kleinen Lächeln etwas in ihr aufrührte, das sie lieber ruhen lassen wollte. Sie seufzte innerlich und sagte sich, dass sie einfach ihrer selbst auferlegten Enthaltsamkeit Priorität einräumen würde. Also musste sie diesen Fremden, den ihr das Schicksal als Versuchung geschickt hatte, schnell wieder loswerden.

Der Mann wedelte mit der Zeitung. “Wenn der Job nicht schon vergeben ist.”

Sie dachte kurz daran, ihn anzulügen, doch ein Blick in seine Augen machte ihr das unmöglich. “Nein. Aber …”

“Großartig.” Seine Stimme klang gelassen, sein Blick war fest und sein Lächeln siegessicher. “Denn ich kann sofort anfangen.”

Nicht bei mir, dachte sie entschlossen. “Eigentlich”, erwiderte sie in der Hoffnung, nun die richtige, überzeugend wirkende Taktik eingeschlagen zu haben, “suche ich nach jemand aus der Gegend hier.” Sie sah ostentativ zu seinem Wagen. “Und wie ich sehe, kommen Sie nicht von hier.”

“Nein. Aus Seattle.” Er hielt ihrem Blick stand. “Da war ich zumindest meistens in letzter Zeit. Ich habe dort gute Arbeit geleistet.”

“Da bin ich auf Ihren Lebenslauf und Ihre Referenzen gespannt. Aber wie ich schon sagte, werde ich einem Handwerker hier aus der Gegend auf jeden Fall den Vorzug geben.” Das klang vernünftig und nachvollziehbar.

“Ich muss Sie warnen”, meinte er, während er sich wieder lässig an die Säule lehnte. Er verschränkte die starken Arme vor der Brust, und sie wusste, dass er nicht vorhatte, so bald wieder zu verschwinden. “Sie werden keinen Besseren als mich finden.”

Das war für jede normale Frau, die Augen im Kopf hatte, nicht zu übersehen, aber Lauren war nicht der Typ, der schnell klein beigab. “Ich denke, das werde ich erst wissen, wenn ich die restlichen Bewerber gesehen habe. Am besten lassen Sie mir Ihre Bewerbungsunterlagen da, dann kann ich Sie anrufen und zu einem Vorstellungsgespräch einladen, wenn Sie das möchten.”

Das Lächeln des Mannes vertiefte sich, was seine Gesichtszüge weicher machte und ihn sehr vertrauenswürdig wirken ließ. Dann ging er langsam auf sie und Jem zu. “Ich habe keinen Lebenslauf mitgebracht, und eine Telefonnummer kann ich Ihnen auch nicht geben. Ich bin wirklich nur auf der Durchreise und suche für einige Zeit eine ehrliche Arbeit, bevor ich mich wieder auf den Weg mache.”

Oh, auf der Durchreise, dachte Lauren. Das bedeutete, dass sie ihm und seinem charmanten Grinsen hier nach kurzer Zeit nicht mehr begegnen würde. Sie seufzte vor Erleichterung. Oder war es Bedauern?

Jem, der offensichtlich glaubte, nun lange genug geschwiegen zu haben, meldete sich zu Wort. “Kannst du Häuser heil machen?”

Der Mann ging vor ihrem Sohn, der ihn neugierig ansah, in die Hocke. “Wie heißt du?”

“Ich bin Jem Simpson.”

“Freut mich, dich kennenzulernen, Jem. Ich bin Cole Travis, und ich kann alles wieder in Ordnung bringen.” Seine Stimme war tief, klang wie ein Versprechen und hatte einen seltsamen Unterton, der Lauren veranlasste, instinktiv ihre Hand auf Jems schmale Schulter zu legen. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass ein Mann freundlich zu ihrem Sohn war, um etwas bei ihr zu erreichen.

Nun sah der Mann zu ihr hoch, und seine Augen verdunkelten sich, als er sie ganz offen betrachtete. Aber nicht so, wie Männer sie gewöhnlich anschauten, wenn sie in ihr das Katalogmodel von Boudoir Lingerie erkannten. Cole Travis’ Blick schien in ihr Innerstes dringen zu wollen, was sie ein bisschen ärgerte.

Cole sah wieder Jem an. Mit dem Kopf deutete er in ihre Richtung. “Ist das deine Mutter, Jem?”

Der Junge nickte und lächelte über das ganze Gesicht. “Sie heißt Lauren.”

“Lauren Simpson”, sagte sie, zögerte einen Moment und streckte ihm dann ihre Hand hin.

Cole Travis richtete sich auf und nahm ihre Hand in seine. Seine Finger fühlten sich warm und rau an. Lauren merkte, wie sie die Kontrolle über die Situation verlor. Sein sanfter Händedruck schien ihren Körper zu elektrisieren.

Das muss an dem vielen Kaffee zum Frühstück liegen, dachte sie, als sie ihm ihre Hand entzog und unbewusst einen Schritt zurückwich. “Schön, Sie kennenzulernen, Mr Travis.” Sie steckte ihre kribbelnde Hand in die Tasche ihrer Jeans und zwang sich zu einem Lächeln. “Aber wie gesagt, werde ich mir noch einige Bewerber aus der Gegend ansehen, bevor ich mich entscheide.”

Er zuckte mit den Schultern. “Wie Sie meinen. Aber ich verspreche Ihnen, Sie werden keinen Besseren finden.”

“Kannst du die Schaukel heil machen?”, fragte Jem und rannte hinüber zu der alten, durchhängenden Holzschaukel am Ende der Veranda.

“Sicher.” Cole ging zur Schaukel und zog leicht an den Metallketten, an denen sie aufgehängt war. Er schaute wieder Lauren an. “Ich sag Ihnen was. Ich liefere Ihnen eine kostenlose Probe meiner Arbeit. Das kann doch nicht schaden, oder?”

Lauren runzelte die Stirn. Irgendwie beschlich sie das Gefühl, dass er hier die Entscheidungen traf.

“Und Jem kann mir dabei helfen”, fügte Cole hinzu, und der Junge strahlte begeistert.

Ihr Sohn setzte sein unwiderstehliches Grinsen auf und sah sie flehentlich an.

Auf der einen Seite hatte Lauren das Bedürfnis, Travis so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Sie fühlte sich unbehaglich in seiner Nähe. Allein die Art, wie er sie ansah, ließ ihre Knie weich werden.

Andererseits wollte sie Vernunft walten lassen. Hier mussten so viele Dinge repariert werden. Wenn sie in zwei Monaten bei Beginn der Sommersaison damit fertig sein wollte, konnte sie es sich nicht leisten, noch mehr Zeit zu verlieren. Am wichtigsten war, dass sie ihr Geschäft eröffnen konnte. Dass sie sich von dem Mann angezogen fühlte, sollte dabei eigentlich keine Rolle spielen. Sie würde ihre Hormone eben in Schach halten. Seine verführerische Wirkung würde ohnehin ganz schnell nachlassen, da war sie sich absolut sicher.

Am anderen Ende der Veranda lachte Cole Travis über irgendetwas, das Jem gesagt hatte. Allein der Klang seines tiefen, herzlichen Lachens ließ ihren Körper vor Sehnsucht erschauern. Sie versuchte, das Gefühl abzuschütteln. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass seine Anziehungskraft nicht so schnell nachlassen würde, könnte sie sich bestimmt so lange im Griff haben, bis sie einen alten Mann aus Valle Verde für den Job gefunden haben würde.

Sie hatte ihre Gefühle wieder unter Kontrolle. “Ich sag Ihnen was. Sie haben eine Stunde. Wenn die Schaukel bis dahin repariert ist, werde ich Sie für das Wochenende engagieren.”

Nach einem kurzen Zögern lächelte Cole Travis lässig. “Abgemacht.”

Sie nickte und sah dann ihren Sohn an, der in Erwartung seiner nun geforderten Mitarbeit über das ganze Gesicht grinste. “Und was dich angeht, junger Mann, hast du mir nicht versprochen, dabei zu helfen, das Chaos in deinem Zimmer zu beseitigen?” Die Miene ihres Sohnes verdüsterte sich schlagartig. Mit gesenktem Kopf nickte er. “Wenn du damit fertig bist”, meinte sie in einem weicheren Ton, “schauen wir uns an, welche Fortschritte Mr Travis gemacht hat.” Sie warf Cole einen Blick zu. “Dann werden wir ja sehen, wie gut er ist.”

In Coles Augen blitzte Belustigung auf – und noch etwas anderes, dass sie nicht genau deuten konnte. Seine Stimme klang sanft und fast sinnlich, als er sagte: “Ich denke, dass Ihnen gefallen wird, was Sie sehen.”

Das tut es jetzt schon, dachte sie. Dann riss sie sich zusammen, nickte ihm zu, schloss die Haustür auf und wartete, bis Jem vor ihr ins Haus ging. Als sie ihrem Sohn folgte, hoffte sie, dass tatsächlich bald ein älterer Mann bei ihr auftauchen würde, damit sie sich den wirklich wichtigen Dingen zuwenden konnte: ihr neues Zuhause gemütlich einzurichten und ein Geschäft zu eröffnen, von dem sie und ihr Sohn gut leben konnten.

Cole beobachtete, wie Lauren die knarrende Tür hinter sich schloss, und nahm sich vor, sich als Nächstes um diese Tür zu kümmern. Als er tief einatmete, bemerkte er, dass immer noch Laurens frischer Zitrusduft in der Luft lag. Und er hatte immer noch vor Augen, wie sie ihre dunkelhaarige Mähne zurückgeworfen hatte und mit ihren langen, perfekt geformten Beinen zur Tür geschlendert war. Sie erinnerte ihn an ein bezauberndes Pin-up-Girl aus den vierziger Jahren, das er als Junge auf einem Kalender in der Garage seines Großvaters gesehen und in das er sich verliebt hatte.

Und Jem – völlig unabhängig davon, ob er nun wirklich sein Sohn war oder nicht – war ein wissbegieriges und reizendes Kind, das Lauren offensichtlich anbetete, ebenso wie sie ihn. Aber obwohl ihm Jem irgendwie vertraut vorkam, wollte er keine voreiligen Schlüsse ziehen. Bevor er nicht sicher wusste, dass der Junge sein Sohn war, war es besser, keine gefühlsmäßige Bindung zu ihm zu entwickeln. Weder zu ihm noch zu der Frau, sagte sich Cole.

Als er zu seinem Pick-up ging, hatte er wieder das Bild vor Augen, wie Lauren abwehrend ihre Arme verschränkt und damit diese fantastischen Brüste ins Blickfeld gerückt hatte, von denen bestimmt jeder Mann in Amerika schon einmal geträumt hatte. Lauren Simpson war eines der schönsten Dessousmodels der Welt mit vollen sinnlichen Lippen und dunkelgrünen Katzenaugen. Dass sie in Wirklichkeit ebenso reizvoll wie auf den Fotos war, hatte ihn nicht überrascht, obwohl er nicht umhin konnte, es sofort zu bemerken. Aber er hatte nicht erwartet, dass eine Frau, die auf Hochglanzseiten in Dessous posierte, auch unglaublich beherzt auftrat und so selbstsicher und klug war.

Er wischte sich einige Schweißperlen von der Stirn. Warum war ihm nur so heiß? Er schaute zum Himmel, um die Sonne dafür verantwortlich machen zu können. Die hielt sich allerdings immer noch hinter dem Frühnebel versteckt. So konnte er nicht leugnen, dass ihn Lauren Simpson ins Schwitzen brachte. Und das behagte ihm ganz und gar nicht.

Als Cole seinen Werkzeugkasten aus dem Wagen holte, erinnerte er sich daran, dass er mit einem ganz bestimmten Ziel hergekommen war und sich auch durch nichts davon abbringen lassen würde. Er brauchte diesen Job, um zu bekommen, was er wollte. Und er würde viel besser arbeiten können, wenn in seinem Kopf nicht diese Fotos aus dem Katalog herumgeisterten, in denen Lauren nur spärlich in Seide und Spitze verhüllt in Szene gesetzt war. Er fluchte leise, als er nach der Metallsäge griff. Zu wissen, wie Lauren unter den harmlosen Jeans und dem blauen T-Shirt aussah, würde es ihm nicht leichter machen, in Erfahrung zu bringen, ob Jem wirklich sein Sohn war.

Mit dem Werkzeugkasten kehrte er auf die Veranda zurück und nahm die Schaukel von der Aufhängung herunter. In weniger als zwanzig Minuten hing die reparierte Schaukel wieder wie neu an ihrem Platz. Selbst überrascht, wie ihn die Erledigung dieser einfachen handwerklichen Arbeit mit Zufriedenheit erfüllte, nahm er nach fünfzehn Jahren Berufserfahrung im Baugeschäft fachmännisch die Vorderfront des Hauses unter die Lupe. Allein auf den ersten Blick konnte er erkennen, dass das Dach repariert, die Verandadielen ersetzt und die Fenster neu verglast werden mussten.

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