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Im Herzen der Wildnis

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Sinnlichkeit
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  1. Sehnsucht
  2. 16
  3. 17
  4. 18
  5. 19
  1. Erinnerung
  2. 20
  3. 21
  4. 22
  5. 23
  6. 24
  7. 25
  8. 26
  9. 27
  10. 28
  11. 29
  1. Hoffnung
  2. 30
  3. 31
  4. 32
  5. 33
  6. 34
  1. Trauer
  2. 35
  3. 36
  4. 37

Über die Autorin

Norah Sanders hat auf ihren Reisen schon viel gesehen und ist besonders von der Landschaft und den Menschen an der amerikanisch-kanadischen Westküste zwischen Kalifornien und Alaska fasziniert. Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte sie während einer Kalifornien-Reise. Wenn Norah Sanders nicht unterwegs ist, lebt sie in Süddeutschland.

1

Tief in Gedanken ließ das Mädchen das Buch sinken, um die Dame gegenüber zu betrachten. Das Cable Car auf seiner Fahrt durch die California Street hinunter zur San Francisco Bay schwankte und warf die Fahrgäste auf den Holzsitzen hin und her. Aber die Lady hielt sich sehr gerade. Die Beine unter dem langen Rock zusammengepresst, klammerte sie sich mit beiden Händen an einen kleinen, ein wenig abgestoßenen Koffer.

Was für eine Anmut! Fasziniert schloss das Mädchen Henry James’ Porträt einer Dame und musterte die Lady. Das schöne Gesicht wurde von einem Trauerschleier verhüllt. Der schwarze Hauch, der die Augen verbarg, die vollen Lippen jedoch betonte, verlieh ihr eine besondere Würde. Oder war es gar nicht der Spitzenschleier, sondern ihre beherrschte Haltung, mit der sie sich gegen das Schlingern des Cars stemmte? Ihr Schweigen inmitten des munteren Geplappers rundum? Ihr leises Lächeln? Die Lady hatte Eleganz und Stil. Sie trug keinen Ring. Wie alt mochte sie sein – Ende zwanzig? Was mochte sie schon alles erlebt haben? Welche Erfahrungen hatten ihr Gesicht geformt, das von innen heraus zu leuchten schien?

Nur mit Mühe bewahrte Shannon Tyrell ihre Haltung, während das Cable Car an diesem strahlend schönen Tag im Januar 1900 zum Hafen hinunterrumpelte. Die bewundernden Blicke des Mädchens waren ihr nicht entgangen. Als sie ihm freundlich zulächelte, sah es verlegen aus dem Fenster. Shannon folgte dem Blick. Der Himmel schimmerte wie ein bleicher Opal, die Wolken leuchteten wie Goldflitter. Die Luft duftete schon ein wenig nach Frühlingsblüten.

Sie schloss die Augen und lauschte der Sinfonie von San Francisco. Dem Rattern des Cable Cars, dem Rasseln der Scheiben, dem Kreischen des Zugkabels, dem Donnern, Scheppern, Klappern und Quietschen der Fahrt hinunter zum Ferry Building. Der Wagen vibrierte dröhnend, als fiele er gleich auseinander. Wie lange hatte sie diese Melodie nicht mehr gehört?

Vier Jahre Exil. Wie ein Flüchtling, der seine Familie und seine Heimat verließ, hatte sie erst zurückkehren wollen, wenn sich die Umstände geändert hatten. Doch dann hatte sie in Hawaii ein Telegramm ihres Vaters bekommen. Skip musste ihm verraten haben, wo sie sich aufhielt. Ihr Adoptivbruder war der Einzige, dem sie in all den Jahren geschrieben hatte. »Bitte komm nach Hause«, hatte ihr Vater sie gebeten. »Wir müssen reden.« Lange hatte sie gezögert, obwohl sie das Flehen, ja sogar die Bitte um Vergebung in seinen Worten sah. Dann hatte sie ihm telegrafiert: »Ich komme an Weihnachten nach Hause, Sir.«

Vier Jahre Exil. Vier Jahre Selbstbestimmung und Freiheit. Sie hatte geglaubt, sie hätte ihre Vergangenheit hinter sich gelassen und ihr Leben in den Griff bekommen. Kein Blick zurück! Kein Bedauern! Keine Reue! Aber in San Francisco erwartete sie die Vergangenheit – in Gestalt ihrer Großmutter.

Shannon gab sich ruhig und gelassen. Aber in ihrem Innersten war sie aufgewühlt, als sie sich ihr künftiges Leben vorstellte. Elegante Abendgesellschaften, prunkvolle Diners im Palace Hotel, Segeltörns in der Bay, Polospiele im Golden Gate Park, Bärenjagden im Yosemite Valley, Grillpartys in der Lodge in San Rafael. Immer dieselben Leute aus dem Geldadel von San Francisco und dieselben Gespräche über Gewinne aus dem Alaskahandel und aus den Investitionen in Eisenbahnen und Zuckerrohrplantagen.

Sie atmete tief durch.

Und Rob? Würde ihr künftiger Ehemann sich an diesem endlosen Kampf um noch mehr Geld, Prestige und Macht beteiligen? Nach Tom Conroys Worten während der Silvesterparty vor einigen Tagen war sein Sohn ein ganzer Kerl, hart wie die Opale, die er im australischen Outback fand. Ein Siegertyp eben. Ein millionenschwerer Sieger in einem verschwitzten, mit rotem Staub bedeckten Hemd und verwaschenen Jeans. So jedenfalls sah er auf dem Foto aus, das Tom ihr gezeigt hatte. Robs strahlendes Lächeln und Toms unverstellte Art versöhnten sie ein wenig mit der unvermeidlichen Heirat. Rob Conroy war immer noch besser als Lance Burnette, der Erbe eines Eisenbahntycoons aus New York, den sie mitsamt Verlobungsring hatte sitzen lassen. Der Brillant war bemerkenswert gewesen – im Gegensatz zu Lance.

Rob also. Der charmante Aussie, der noch gar nicht wusste, dass er eine Yankee heiraten sollte, würde vermutlich genauso begeistert sein wie sie – nämlich gar nicht. Sollte er wider Erwarten dieser arrangierten Heirat zustimmen, was erwartete er dann von ihr? Die perfekte Inszenierung einer glücklichen Ehe? Die Rolle der ergebenen Frau an seiner Seite? Der Mutter seines Sohnes und Erben? Der First Lady eines gewaltigen Finanzimperiums, das sich von Australien über Südafrika, Hongkong und Hawaii bis nach San Francisco erstreckte?

Langsam atmete sie aus. Ein zweites Mal würde sie sich der Ehe vermutlich nicht entziehen können, wie vor vier Jahren, als sie einfach ihre Koffer gepackt hatte. Auf der Flucht vor gesellschaftlichen Zwängen und einem Mann, den sie nicht liebte, war sie um die ganze Welt gereist. Nur um bei ihrer Rückkehr festzustellen, dass die Menschen, die sie ins Exil getrieben hatten, noch immer dieselben waren. Sie begriffen nicht, welches Leid sie über andere brachten, die nicht so waren wie sie, und welche Schuld sie auf sich luden, weil sie ohne Einsicht und Reue handelten.

»Nob Hill«, rief der Schaffner von der hinteren Plattform. »Ladies and Gentlemen, bitte festhalten! Es geht abwärts!«

Mit kreischenden Bremsen rumpelte das Cable Car die steile Straße hinunter zum Financial District. Ein Fahrradfahrer überholte mit wehender Jacke. Ein Zeitungsjunge verkaufte den San Francisco Examiner durch die offenen Fenster. Ein Straßenmusiker sprang auf das Trittbrett des Wagens. Seine sehnsuchtsvollen Melodien versetzten Shannon in eine träumerische Stimmung, aus der sie schließlich der Schaffner riss: »Financial District, Tyrell Tower. Umsteigen zu den Linien Sacramento, Sutter und Market Street.«

An der nächsten Kreuzung, California Street Ecke Sansome, ragte der Sitz des Familienunternehmens in den Himmel. TYRELL & SONS, ALASKA TRADING COMPANY stand auf dem Messingschild über dem Portal. Shannon blickte an der fünfzehnstöckigen Prachtfassade hinauf zur Kuppel. Der Tyrell Tower war ein Symbol des Reichtums und der Macht von Caitlin Tyrell, der Gründerin von Tyrell & Sons. Shannon lehnte sich auf ihrem Sitz zurück, lockerte die verspannten Schultern und schloss die Augen.

Am Heiligabend, dem Todestag ihres Vaters, war sie von ihrer Großmutter Caitlin ins Arbeitszimmer beordert worden. Der Raum im Empire-Stil mit dem Marmorkamin und den hohen Fenstern mit Blick über die Bay wirkte ausgesprochen herrschaftlich. Die Porträts an den Wänden sollten den Eindruck erwecken, bei der Sammlung handele es sich um eine ehrwürdige Ahnengalerie. Die meisten Geschäftspartner von Caitlin O’Leary Tyrell wussten jedoch, dass die Firmengründerin während der Großen Hungersnot aus Irland geflohen war, weil ihrem Vater Rory O’Leary die Kartoffelernte auf dem Feld verfault war. Caitlin wäre verhungert, wenn sie nicht verzweifelt genug gewesen wäre, zu stehlen und zu betrügen, um die Passage nach New York bezahlen zu können.

Caitlin erhob sich nicht, um Shannon zu begrüßen, sondern winkte sie zu sich heran. Ihr Gesicht, trotz ihrer vierundsiebzig Jahre noch erstaunlich glatt, war wie aus Stein gemeißelt. Nur die zusammengepressten Lippen und der matte Blick ihrer Augen verrieten die Trauer über den Tod ihres ältesten Sohnes an diesem Morgen.

»Sie wollten mich sprechen, Ma’am?« Shannon blieb vor dem Schreibtisch stehen.

Caitlin deutete auf einen Stuhl. »Setz dich.«

Shannon schlug die Beine übereinander.

Ihre Großmutter runzelte unwillig die Stirn. »Dein Vater ist tot. Mit Sean habe ich heute den zweiten Sohn nach Kevin verloren. Nur Reámon ist mir geblieben.«

Die beiden Frauen schwiegen einen Augenblick, aber auch das stille Gedenken an den verstorbenen Sohn und Vater brachte sie einander nicht näher. Caitlin sah schließlich wieder auf. »Du hast dich verändert, Shannon. Nicht nur äußerlich … deine Haare, dein Stil, dich zu kleiden, deine Haltung. Du bist reifer … abgeklärter … selbstbewusster.«

Wortlos zog Shannon ein Etui hervor, steckte eine Zigarette in den schwarzen Fume-Cigarette, den sie in Paris gekauft hatte, und riss ein Streichholz an. Sie nahm den ersten Zug.

Unwillig presste Caitlin die Lippen aufeinander. »Du weißt genau, dass ich es nicht mag, wenn du rauchst, Shannon.«

Shannon blies den Rauch in Richtung der Decke.

»Du hast dich verändert.«

Shannon lachte leise.

»Kaffee?«

»Nein, danke.«

»Jack Daniel’s?«

Shannon schüttelte den Kopf. »Ich denke, wir haben schon genug Trinker in der Familie. Großvater Geoffrey starb nach endlosen Affären ohne einen Cent in der Tasche. Er hat sich zu Tode getrunken. Und Onkel Reámon hält das Andenken seines Vaters in Ehren. Mit einem Glas Whiskey in der Hand.«

Ihr Cousin Skip, den ihr Vater nach dem Tod von Onkel Kevin an Sohnes statt angenommen hatte, ertränkte seinen Kummer in Absinth. Shannon war erschrocken gewesen, als sie an jenem Morgen nach vierjähriger Abwesenheit zurückgekehrt war. Skip, dem der Tod seines Adoptivvaters sehr nahegegangen war, hatte besinnungslos im kalten Wasser der Badewanne gelegen, neben ihm eine halbleere Flasche Absinth und ein Fläschchen mit Laudanum. Der Butler Mr Wilkinson hatte ihr geholfen, ihren Adoptivbruder ins Bett zu stecken. Hatte Skip versucht, sich im Rausch zu ertränken? War die dramatische Inszenierung im Bad ein gescheiterter Selbstmordversuch? Oder der verzweifelte Hilferuf eines sensiblen, verstörten Menschen, der die Eiseskälte in der Familie einfach nicht mehr ertragen konnte?

»Hast du einen Geliebten?«, fragte Caitlin.

»Das geht Sie nichts an«, antwortete Shannon ruhig.

»Hast du mit einem Mann geschlafen?«

»Lesen Sie mein Tagebuch.«

Caitlin hob die Augenbrauen. Einen solchen Ton war sie nicht gewohnt. »Stehen dort pikante Dinge?«

»Was nennen Sie pikant?«

»Hast du oder hast du nicht?«, fragte Caitlin ungeduldig.

Shannon lachte trocken. »Sinkt gerade mein Marktwert?«

»Shannon!«

»Hat jemand eine Kaufoption auf mich erworben?«

»Ja.«

Daher die Aussteuertruhen, die sie bei ihrer Ankunft in ihrem Zimmer gefunden hatte: Porzellan, Kristall, Silber, Tischtücher und Bettwäsche. Alles vom Feinsten, wie nicht anders zu erwarten. Nur eben Caitlins Geschmack, nicht ihrer. Nach dem Telegramm ihres Vaters war damit zu rechnen gewesen. Shannons Vermählung war für Caitlin offenbar beschlossene Sache.

»Wer?«

»Tom Conroy. Von Conroy Enterprises. New South Wales.«

»Opale?«

»Schwarze Opale in Australien, Diamanten in Südafrika, Handel in China und Japan. Niederlassungen in Sydney, Kapstadt, Kalkutta, Hongkong, Yokohama und Honolulu.«

»Und offenbar demnächst in San Francisco. Was will er?«

»Tyrell & Sons ist neben der Brandon Corporation der weltgrößte Pelzlieferant und das finanzstärkste Handelsunternehmen im Westen der Vereinigten Staaten. Tom will mit uns kooperieren und in den Alaskahandel einsteigen.«

Das Unternehmen unterhielt in Alaska mehr als neunzig Handelsposten, wo Trapper, Jäger und Robbenfänger die Pelze und das Elfenbein aus den Stoßzähnen von Walrossen und Walknochen gegen Waren tauschten. Obwohl die Fangquoten für Robben erschöpft waren und der Pelztierbestand in Alaska unaufhörlich sank, wuchs der Reichtum der Familie Tyrell stetig weiter. Die ungeheuren Gewinne aus der Goldsuche am Yukon wurden umsichtig reinvestiert: Handel mit Sibirien, Japan und China. Fischerei in Alaska. Zuckerrohrplantagen auf Hawaii. Minen in Mexiko. Konservenfabriken in San Francisco. Straßenbahnen in Chicago, New York und Philadelphia. Und die Eisenbahn, die Verbindung zwischen dem Westen und dem Osten, die Caitlin wie den Hafen von San Francisco unter ihre Kontrolle bringen wollte. Der Einzige, der ihr erbittert Widerstand leistete, war Charlton Brandon von der konkurrierenden Brandon Corporation. Die beiden Unternehmen waren seit einem halben Jahrhundert verfeindet.

Wie Caitlin und Charlton schien auch Tom seine Finger in jeden Kuchen zu stecken, um davon zu kosten. »Was will er?«, wiederholte sie ihre Frage.

»Dich.«

»Für sich selbst?«

»Tom ist Mitte fünfzig. Seit einem Unfall in seiner Opalmine in Lightning Ridge sitzt er im Rollstuhl und steht trotzdem mit beiden Beinen fest auf der Erde, wenn du verstehst, was ich meine. Er sucht eine Frau für seinen Sohn, Rob Conroy.«

»Ist Rob die Kurzversion von Robert?«

»Nein, er heißt tatsächlich so. Tom hat ihm den Namen gegeben, als er den Jungen eines Tages vor seiner Tür fand. Der Kleine war sechs Wochen alt. Aber das soll Tom dir selbst erzählen.«

»Rob ist gar nicht sein Sohn?«

»Tom betrachtet ihn als seinen Erben.« Caitlin lächelte matt. »Rob ist das einzige Kind, das bei ihm abgegeben wurde.«

»Verstehe.« Tom Conroy war offenbar nie verheiratet gewesen. »Also schön, Tom hat eine Kaufoption auf mich. Habe ich auch eine auf Rob?«

Caitlin hielt ihrem Blick stand. »Ich sehe, dein Studium in Stanford war eine gute Investition.«

»Beantworten Sie bitte meine Frage!«

»Die Ware steht für eine eingehende Prüfung nicht zur Verfügung. Rob ist in New South Wales. Er kommt, sobald ich mich mit Tom geeinigt habe.«

»Nein, Ma’am«, sagte sie ruhig. »Der Deal ist erst dann perfekt, wenn ich mich mit Tom geeinigt habe. Ich will wissen, worauf ich mich einlasse, wenn ich seinen Sohn heirate. Und ich will, dass er weiß, dass ich nicht Mrs Rob Conroy werde, sondern Mrs Shannon Tyrell Conroy bleibe. Wenn Rob das nicht akzeptiert, kann er sich die Reise nach San Francisco sparen.«

Caitlin atmete tief durch. »Du hast dich verändert.« Sie nahm einen versiegelten Umschlag von ihrem Schreibtisch. »Weißt du, was das ist?«

Sie nickte langsam. »Das Testament meines Vaters?«

Caitlin zerriss das Dokument in kleine Schnipsel. »Mein Unternehmen erbt, wer sich dessen als würdig erweist. Es kann nur einen Erben geben. Und das muss nicht dein Bruder Colin sein, nur weil er in Alaska das Unternehmen vertritt. Aidan kann die Leitung nicht übernehmen. Er sitzt wegen Hochverrats auf Alcatraz. Und dein Cousin Eoghan kann auch nicht erben. Er soll für den Senat kandidieren. Er wird in Sacramento und Washington sein.«

»Sie haben Skip nicht erwähnt.«

»Er verdient keine Erwähnung. Skip nimmt Opium.«

»Das Opium, das Sie illegal importieren?«

Caitlin schnaubte verächtlich. »Skip wird nicht erben, nicht einen Dollar. Wie gesagt: Es kann nur einen Erben geben. Und es ist mir gleichgültig, ob dieser Erbe ein Mann oder eine Frau ist.«

»Verstehe.«

»Tust du das?«

»Aber ja.« Nach all den Jahren war sie nach Hause zurückgekehrt, um ein neues Leben zu beginnen, und Stunden nach ihrer Ankunft musste sie feststellen, dass ihre Großmutter im Begriff war, ihre hart erkämpfte Freiheit meistbietend zu versteigern. »Ich soll Rob heiraten …«

»Er ist eine glänzende Partie. Auch wenn er ein Aussie ist.«

»… und ich soll eine Fusion mit Conroy Enterprises vorbereiten …«

»Ganz recht.«

»… und wie meine Brüder und Cousins soll ich den Ruhm und das Ansehen der Familie mehren und Ihnen, Ma’am, zu noch mehr Macht verhelfen.«

»Ich denke, ich werde der Stanford University dieses Jahr eine großzügige Spende zukommen lassen. Jane Stanford hat wirklich gute Arbeit geleistet, als sie dich unter ihre Fittiche nahm. Sie hat aus dir eine präsentable Erscheinung gemacht. Vernunftbegabt und selbstbewusst. Ich bin stolz auf dich.«

Shannon ließ sich die Überraschung nicht anmerken. »Und nach der Fusion mit Conroy Enterprises? Die endgültige Vernichtung der Brandon Corporation?« Sie drückte ihre Zigarette aus. Dann schlug sie die Beine lässig übereinander. Den missbilligenden Blick ihrer Großmutter ignorierte sie.

»Glaubst du, fünfzigtausend Dollar wären angemessen?«

»Und dann, Ma’am? Wollen Sie Alaska kaufen? Der russische Zar hat Alaska für 7,2 Millionen Dollar an die USA verkauft. Das war 1867, und der Marktwert ist seit dem Goldrausch am Yukon gestiegen. Präsident McKinley und sein designierter Vizepräsident Roosevelt werden Ihnen bei dieser Gelegenheit sicherlich die Philippinen aufschwatzen. Teddy träumt von einem amerikanischen Pazifik mit amerikanischen Inseln und einer amerikanischen Flotte, die die amerikanischen Interessen schützt. Dafür wird er die Monopolkontrolle für Trusts nicht auf Tyrell & Sons anwenden, sondern sich auf J. P. Morgans Bankhaus stürzen, das Eisenbahnlinien sammelt wie andere Leute Postkarten aus aller Welt.«

»Ich denke, hunderttausend wären als Spende angemessen. Was meinst du, Shannon?«

»Sie fragen mich allen Ernstes nach meiner Meinung?«

Caitlin lehnte sich zurück, stützte ihre Ellbogen auf die Armlehnen und faltete die Hände. »Ja.«

»Die Verhandlungen mit Tom Conroy führe ich«, beharrte Shannon.

»Was seinen Sohn betrifft, von mir aus. Solange du deine romantischen Ideale vergisst und dich auf selbstlose Tugenden wie Ehre, Pflicht, Verantwortung und Einsatz für das Unternehmen besinnst, das dir deinen Lebensstandard sichert. Was die Unternehmen betrifft, treffe ich die Entscheidungen.«

Caitlin war es gewohnt, in familiären wie politischen Angelegenheiten allein zu entscheiden. Ihr letzter Ehemann, Geoffrey Tyrell, war ganz und gar von ihr abhängig gewesen, nicht nur in finanzieller Hinsicht. Auch ihre Söhne hatten ihre Autorität niemals in Frage gestellt und keinen Widerstand gegen ihr Regime gewagt. Shannons Vater war ein pflichtbewusster und integrer Gentleman gewesen, der seiner Mutter bis zur Selbstverleugnung gehorcht hatte. Unter großen persönlichen Opfern, wie seiner gescheiterten Ehe mit Alannah O’Hara, hatte er sich für das Unternehmen eingesetzt. Doch zu solchen Opfern, zum Verzicht auf Selbstbestimmung, Freiheit und Glück war Shannon nicht bereit.

»Ich möchte etwas klarstellen, Ma’am: Ich entscheide, wen ich heirate. Ich lasse mich zu keiner Ehe zwingen. Die von Ihnen gewünschte und gesellschaftlich geduldete Prostitution durch Geldheirat lässt sich mit meinen Vorstellungen von Freiheit und Selbstbestimmung nicht vereinbaren. Sollten Sie diesbezüglich andere Pläne haben – was die Aussteuertruhen in meinen Räumen nahelegen –, kann ich noch heute Abend wieder abreisen. Ich habe meine Koffer noch nicht ausgepackt. Und da Sie eben meinen Lebensstandard erwähnten: Ich verdiene mein eigenes Geld. Ich lebe nicht auf Kosten von Tyrell & Sons.«

»Das weiß ich.«

»Ich schulde Ihnen nur eine Hand voll Dollars für die Eisenbahnfahrt vor vier Jahren nach New York.« Shannon holte die Münzen hervor und legte sie auf den Schreibtisch.

»Wie viel verdienst du als Journalistin?«

»Genug, um stolz darauf zu sein.«

»Immer noch National Geographic?«

»Unter anderem.«

Caitlin nickte. Die Autoren des National Geographic waren in der Regel renommierte Gentlemen mit zwei, wenn nicht sogar drei Initialen vor den Namen: Generals, Colonels, Senatoren, Professoren, Forscher, Expeditionsleiter.

»Ich habe deine Reportagen aus aller Welt gelesen«, sagte Caitlin. »Gut geschrieben.« Es war das erste Mal, dass sie Interesse an Shannons Arbeit und eine gewisse Anerkennung zeigte. »Offen gestanden, ich musste erst einmal nachschlagen, wo Kaschmir liegt. Skip hat alle deine Artikel gesammelt und deine Reiseroute auf der Weltkarte markiert.«

»Die National Geographic Society hat großes Interesse am Goldrausch in Alaska. Die Verleger sind bereit, eine Expedition ins Yukon Territory zu finanzieren.«

Caitlin nickte versonnen. »Und du sollst sie begleiten?«

»Nein, Ma’am. Ich soll sie leiten. Aufbruch in San Francisco Anfang Mai. Wir sind in Alaska, sobald der Yukon eisfrei ist.«

»Hast du dich schon entschieden?«

Ein durchdringendes Quietschen und Krachen riss Shannon aus ihren Erinnerungen. Das Cable Car bog in die Market Street ab und hielt auf das Ferry Building zu. »Endstation!«, rief der Schaffner, als der Wagen anhielt. »Bitte alles aussteigen.«

Shannon schlenderte zu den Piers. An den Kais lagen etliche Segler und Schaufelraddampfer. Die salzige Luft roch nach Aufbruch, nach Flucht und nach Freiheit. Wie eine Woge überkam sie das Fernweh. Was, wenn sie einfach wieder verschwand? Aufs nächste Schiff, egal wohin? Tahiti hatte sie noch nicht gesehen. Und dann gab es ja tatsächlich das Angebot der National Geographic Society, die Expedition zum Yukon zu führen …

Shannon atmete tief durch und blickte zum Uhrturm am Ferry Building. Halb vier. Zeit genug bis zum Treffen mit Tom Conroy. Mit ihrer Kameraausrüstung machte sie sich auf den Weg zum Palace Hotel. Sie hätte das Cable Car nehmen können, das gerade an ihr vorbeiratterte, doch sie wollte laufen. Sie war noch nicht bereit für das Gespräch mit Tom.

»Ist denn niemand da, der Ihnen den Koffer abnimmt?«

Shannon blieb stehen und drehte sich um. »Nein, Sir.«

»Ma’am.« Ein junger Mann zog den Hut und betrachtete ein wenig missmutig ihren Trauerschleier. »Schaffen Sie es denn allein?«

Sie lächelte. »Selbstverständlich.«

Er wollte sie offenbar nicht einfach so gehen lassen. »Ich kann Ihnen die Ausrüstung tragen. Sie wollen in die Market Street, nicht wahr?« Er deutete auf den breiten Boulevard hinter Shannon, wo auf zwei Gleisen in der Mitte der Straße die Cable Cars fuhren, auf beiden Seiten flankiert von Kutschen und Autos. Unter Einsatz ihres Lebens kreuzten Fußgänger und Fahrradfahrer den dichten Verkehr – nicht alle Fahrzeuge fuhren auf der richtigen Straßenseite. In den Straßen von San Francisco galt das Recht des Stärkeren, Schnelleren, Entschlosseneren.

»Das ist überaus freundlich von Ihnen, Sir. Aber ich schaffe es wirklich allein.«

»Sicher?«

»Ganz sicher. Ich habe diese Kamera durch Kaschmir und Ladakh geschleppt.«

»Oh!« Der junge Mann lächelte verschmitzt. »Kann ich Ihnen sonst irgendwie behilflich sein, Ma’am? Als Fremdenführer bin ich fast so gut wie als Kofferträger. Ich zeige Ihnen die Imperial City, die Königin der Städte, in ihrer ganzen Pracht.«

»Das klingt wirklich verführerisch«, lachte Shannon über seine charmante Unverfrorenheit. »Aber nein, vielen Dank. Ich bin aus San Francisco.«

»Ein romantisches Dinner in einem italienischen Restaurant an der Fisherman’s Wharf?«, flirtete der junge Mann ungeniert weiter. Er zog eine Visitenkarte hervor und gab sie Shannon.

Sie las seinen Namen: Ian Starling. Darunter stand sein Titel: Assistant Vice President. Brandon Corporation. Alaska Trading Company. Ian Starling hatte eine eigene Telefonnummer – wirklich beeindruckend!

Der imposante Firmensitz der Brandon Corporation lag nur wenige Schritte von Tyrell & Sons entfernt. Charlton Brandon war Caitlin O’Learys erster Ehemann gewesen, bevor sie Geoffrey Tyrell geheiratet hatte. Fast schien es, als könnten Charlton und Caitlin trotz ihrer jahrzehntelangen erbitterten Feindschaft einfach nicht ohne einander leben.

»Nein, vielen Dank für die Einladung, Sir«, sagte sie mit einem Lächeln. »Ich bin schon verabredet. Im Palace Hotel.«

»Und wer ist der Glückliche?« Ians Blick irrte zu ihrer Hand. Kein Ring.

»Mein künftiger Schwiegervater.«

»Verzeihen Sie«, murmelte Ian verlegen. »Sie kommen wirklich zurecht, ja?«

Sie musste lachen. »Aber sicher.«

»Dann gehe ich jetzt.« Ian zog seinen Hut. »Guten Tag, Ma’am.«

»Guten Tag, Sir.« Shannon nickte ihm zu, wandte sich ab und ging die Market Street hinauf zum Palace Hotel.

Als sie einige Schritte entfernt war, rief er ihr nach: »Verlieren Sie meine Karte nicht! Falls Sie sich verirren, rette ich Sie!«

Lachend winkte Shannon mit der Visitenkarte und ging weiter. Ein echter Draufgänger!

»Nicht vergessen: Ian Starling.«

2

»Bis morgen Abend, Tom.« Charlton Brandon wandte sich zur Tür. »Ich freue mich. Ich lasse Sie um sieben Uhr abholen.«

Tom fuhr seinen Rollstuhl einen Schritt vorwärts, um seine Gäste zur Tür zu geleiten. »Ist mir recht.«

»Sehr gut.« Charlton nickte ihm zu. »Tom.«

»Charlton. Josh.«

Josh Brandon verneigte sich leicht. »Sir.«

»Gut gemacht, Josh«, sagte Tom Conroy anerkennend. »Ihr Großvater kann stolz auf Sie sein.«

»Danke, Sir. Wir sehen uns morgen Abend.«

Tom  nickte. »Tata.«

»Bye.« Josh grinste über den Aussie-Slang. Dann folgte er seinem Großvater, trat in den Gang und schloss leise die Tür der Suite hinter sich.

Im Gang wartete eine Sekretärin. »Sir?« Sie reichte Charlton eine Zeitung und bat Josh um eine Unterschrift: »Mr Brandon?«

Josh kritzelte seinen Namen hin, ohne das Schriftstück durchzulesen. »Was unterschreibe ich da eigentlich, Rose?«

»Das Feuerwerk über der Bay, Sir. Das Palace Hotel stellt uns das Geschirr und das Personal zur Verfügung. Die Blumen werden morgen geliefert.«

»Gut gemacht, Rose. Die Party wird sicher ganz großartig.«

»Danke, Sir. William Randolph Hearst hat noch nicht geantwortet. Der Gouverneur hat aber vorhin zugesagt.«

»Prima, dann fehlt ja nur noch der Präsident.« Josh gab Rose den Federhalter zurück.

»William McKinley hat ja wohl hoffentlich Besseres zu tun, als mir meinen Geburtstag zu verderben«, sagte Charlton. »Ich hasse Partys. Das ganze alberne Gequatsche. Weißt du, wann ich das letzte Mal getanzt habe? Vor neunundvierzig Jahren.«

»Mit Caitlin.« Schmunzelnd legte Josh seinem Großvater die Hand auf die Schulter. »Es ist dein fünfundsiebzigster Geburtstag.«

»Musst du mich auch noch daran erinnern?«, grollte Charlton. »Rose, sagen Sie die Party ab. Rufen Sie den Gouverneur an, und sagen Sie ihm …«

»Nein, Rose, das werden Sie nicht tun«, lachte Josh. »Die Party findet statt, ob du willst oder nicht. Wenn dein Geburtstag kein Grund ist, die Champagnerkorken knallen zu lassen, dann ist es Toms Erscheinen auf dem Nob Hill aber ganz bestimmt.«

Charlton schnaubte. »Er verhandelt auch mit Caitlin.«

Josh zuckte lässig mit den Schultern. »Na und?«

»Was hältst du von ihm?«

»Tom ist ein echter Grandseigneur. Den Outback merkt man ihm nicht an.«

»Doch, er redet wie ein Aussie.«

»Er ist Engländer wie du. Wenn auch aus den Slums von London. Aber mit den Brandons ging es seit dem ersten Duke of Suffolk auch stetig bergab. Kein Titel, kein Land, kein Geld.«

»Er hat dich mate genannt.«

»Was glaubst du denn, wie ich in Alaska genannt werde?«

»Tom mag dich.«

Josh zuckte mit den Schultern. »Ich mag ihn auch.«

»Und was ist mit Rob?«

»Frag Sissy.«

»Deine Schwester ist nicht hier. Ich frage dich. Rob und du – ihr beide müsst miteinander auskommen, wenn du Chef der Brandon Corporation bist und er Conroy Enterprises leitet.«

»Ich komme schon zurecht. Aber Sissy?«

»Rob ist jedenfalls eine bessere Partie als Lance.«

»Lance Burnette geht mir mit seinem Ostküstengehabe ziemlich auf die Nerven«, gestand Josh. »Er ist ein Snob.«

»Und ein Idiot. Kein Wunder, dass Shannon die Flucht ergriffen hat, als Caitlin mit seiner Familie über ein Ehebündnis verhandelte.« Charlton wandte sich an seine Sekretärin. »Rose? Setzen Sie Mr Conroy neben Sissy. Ich möchte, dass er sie kennenlernt.«

»Sir, Miss Sissy ist die Tischdame des Gouverneurs …«

»Zum Teufel mit dem Gouverneur!«

Die Sekretärin nickte ergeben. »Ja, Sir. Wie Sie wünschen.«

»Ich danke Ihnen, Rose.« Charlton wandte sich wieder an Josh. »Und du bleibst während der Party in seiner Nähe.«

Josh verzog die Lippen. »Mach ich.«

»Brauchen Sie mich noch, Sir?«, fragte Rose.

»Nein, danke. Ich komme heute nicht mehr ins Büro. Ich fahre jetzt nach Hause.«

»Rob tut mir leid«, sagte Josh, als Rose gegangen war.

»Mein Junge, ich will mich nicht einmischen, aber …«

»Dann tu’s nicht«, sagte er sanft.

Charlton schob Josh zum Aufzug. »Sag mal, hast du eigentlich vor, irgendwann mal zu heiraten?«

Er beobachtete, wie der Liftboy das Gitter schloss. Dann sah er seinen Großvater an. »Du meinst, so wie Rob?«

»Genau.«

»Nein.«

»Und wieso nicht?«

»Weil ich gern die Wahl hätte. Tom sucht für Rob eine Frau, die er ihm präsentiert, sobald er in San Francisco eintrifft. Rob wird nicht begeistert sein, ganz und gar nicht.«

»Tom wird ihn enterben, wenn er nicht bald ein paar kleine Rotznasen in die Welt setzt, die seinen Namen tragen.« Charlton knuffte ihn in die Seite. »Sag mal, mein Junge, soll ich dir nicht auch eine Frau suchen?«

»Suchst du Streit? Kannst du haben!«

Der Fahrstuhl hielt, das Gitter wurde rasselnd aufgeschoben, und Charlton und Josh betraten die Lobby. Charlton deutete auf eine ruhige Ecke mit Ledersesseln. »Setzen wir uns. Wie wär’s mit einem Bourbon?«

»Willst du mich betrunken machen, damit ich Ja sage?«

Charlton winkte den Kellner fort, der die Bestellung aufnehmen wollte. »Warst du denn schon mal richtig verliebt?«

Was sollte das werden?, fragte sich Josh. Ein Gespräch unter Männern? »Du meinst, so wie du und Caitlin?«

»Das ist ein halbes Jahrhundert her.« Charlton lehnte sich im Sessel zurück und schlug die langen Beine übereinander. »Josh, ich wünschte mir, dass es dich mal so richtig erwischt. Dass es dich von den Füßen haut, so wie mich damals.«

Er legte den Kopf in den Nacken, blickte zum Marmorgewölbe der Lobby empor und stöhnte auf.

»Liebe ist Leidenschaft, mein Junge. Liebe ist, wenn man ohne den anderen nicht leben kann.«

Josh setzte sich auf. »Du liebst sie immer noch, nicht wahr?«

»Ach, Quatsch. Josh, hör mal, du warst lange in Alaska. Drei endlose Winter, das hält sonst kaum jemand so lange aus. Warum gehst du nicht mal aus, solange du in San Francisco bist? Frag deinen Freund Ian Starling, ob er dich begleiten will, wenn du nicht allein losziehen willst. Such dir eine Frau, nach der du verrückt bist und für die du alles aufgeben würdest. Irgendwann wird sie vor dir stehen, dein Verstand setzt aus, und dein Herz klopft wie wild. Wenn du eine solche Liebe nie erlebt hast, hast du nicht gelebt. Ohne Liebe hat das Leben keinen Sinn, glaub mir, mein Junge.«

»Du liebst sie tatsächlich noch.«

»Wir reden über dich, nicht über mich.«

Josh nickte. »Und Alaska?«

»Ian muss ja nicht immer Assistant Vice President bleiben. Wenn du in San Francisco bleibst, könnte er sich an deiner Stelle mit Colin Tyrell herumstreiten. Glaubst du, Ian kann es mit ihm aufnehmen?«

»Colin und ich – wir kommen gut miteinander aus. Wir haben ein Gentleman’s Agreement.«

»Ich weiß, auch wenn du offenbar der Meinung bist, ich sollte nichts davon wissen. Sonst hättest du mir ja sicher von diesem Saufgelage oben am Polarkreis erzählt. Ihr wart wohl beide nicht mehr ganz nüchtern, als ihr euch nach diesem völlig bescheuerten Hundeschlittenrennen auf dem zugefrorenen Yukon die Hand gereicht habt. Gentleman’s Agreement – na, von mir aus!« Charlton lachte trocken. »Du hast in Alaska gute Arbeit geleistet. Caitlin liegt immer noch vorn, aber wir sind schon auf der Überholspur. Dank deines Einsatzes. Bleib in San Francisco, Josh. Bleib bei mir.«

Josh wollte ihn unterbrechen, doch Charlton hob die Hand: »Hey, lass mich doch mal ausreden. Wie du eben mit Tom verhandelt hast, hat mir sehr gefallen. Lass uns beim Abendessen darüber reden, ob es nicht an der Zeit ist, dich zum Partner zu machen. Ich muss meine Nachfolge regeln. Mein Geburtstag wäre ein guter Zeitpunkt für die Bekanntgabe.« Charlton feixte. »Und? Brauchst du jetzt einen Bourbon?«

Die Glasfassade des Palace Hotels kam bald in Sicht. Von Weitem sah Shannon einen Street Advertiser in ausgebleichten Jeans vor den Stufen des Portals auf und ab laufen. Er warb für einen Laden, der gebrauchte Ausrüstungen für Goldsucher verkaufte – im Hotel wohnten viele Goldgräber, die am Yukon Gold gefunden hatten und die von den Cheechakos um Rat gefragt wurden. Cheechakos waren die Neulinge in Alaska, die das Land, das Wetter und die Gefahren der Wildnis nicht kannten, die keine Ahnung hatten, wie lang und hart der Winter sein konnte, die Grizzlys und Elche nur aus Büchern kannten und mit einem Colt nicht umgehen konnten.

Der Straßenwerber hatte sich ein Rüttelsieb auf den Rücken geschnallt. Daran hatte er Pfannen, Töpfe, Blechtassen, eine Kaffeekanne, eine Wolldecke und eine Waschpfanne für Goldstaub befestigt. Über der Schulter schwang eine Winchester. An einer Holzlatte über seinem Kopf hing ein Schild, das verriet, wo eine solche Ausrüstung günstig zu erstehen war: in einer Filiale von Tyrell & Sons am Hafen.

Shannon ging zum Eingangsportal hinüber.

Ein elegant gekleideter Gentleman mit einem Gehstock unter dem Arm kam die Treppe vor den Glastüren herunter, trat auf den Gehweg, blinzelte ins Sonnenlicht und zog eine getönte Brille hervor, die er lässig aufsetzte. Dann klemmte er sich den Gehstock unter den Arm und schlenderte hinüber zu dem Straßenwerber, um sich ein Päckchen Zigaretten zu kaufen.

In Europa war es en vogue, den Stock oder Schirm auf diese Weise zu tragen. In Amerika hatte Shannon diese Unsitte noch nicht beobachtet. Die Gentlemen in San Francisco hatten die gefährliche Angewohnheit, ihren Stock in der Luft herumzuwirbeln wie ein Revolverheld seinen Colt.

Sie wollte schon an dem Gentleman vorbeieilen, als er unerwartet die Richtung änderte, um sich ein Auto anzusehen, das vor dem Portal parkte: einen neuen Duryea mit glänzend roter Lackierung und einer Lenkstange aus poliertem Messing. Sie konnte nicht mehr ausweichen, prallte mit der Schulter gegen ihn und stolperte über den fallenden Gehstock. Im letzten Augenblick packte er sie am Arm und bewahrte sie vor einem Sturz. Shannons Kamera krachte jedoch auf den Boden.

»Alles in Ordnung, Ma’am?«, fragte der Gentleman besorgt.

Shannon richtete sich auf. »Alles in Ordnung, Sir.«

Er zog seinen Hut. »Es tut mir sehr leid. Verzeihen Sie mir. Mit der dunklen Brille habe ich Sie einfach nicht gesehen.«

»Schon gut«, winkte Shannon ab.

Der Gentleman nahm die Sonnenbrille ab, hob ihren Koffer auf und gab ihn ihr. »Ist das eine Kamera?«

»Ja.« Shannon versuchte, das Schloss zu öffnen, während sie den Koffer im Arm hielt, aber es klemmte. »Würden Sie mir bitte behilflich sein, Sir?«

»Selbstverständlich.« Er hielt den Koffer, damit sie den Deckel anheben und hineinschauen konnte. »Und?«

Sie klappte den Deckel zu. »Nichts zerbrochen.«

»Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen, Ma’am?«

Shannon musterte ihn. Er sah gut aus, und er war charmant. Ja, warum eigentlich nicht? Doch dann besann sie sich. Tom erwartete sie. »Sir, das ist wirklich nicht nö …«

»Bitte.«

»Sir, ich habe keine …«

»Soll ich auf die Knie fallen und Sie um Verzeihung bitten?«

Ein Desperado, sieh einer an! Sie lachte. »Nein.«

»Also noch einmal von vorn: Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen, Ma’am?« Er grinste jungenhaft. »Wenn Sie dazu bereit sind, ist es üblich, dass Sie jetzt Ja sagen.«

Shannon gefiel seine liebenswürdige Schlagfertigkeit. »Gern.«

»Na dann!« Er nahm ihr die Kamera ab und bot ihr den Arm, um Sie in die Lobby des Palace Hotels zu führen.

Josh öffnete die Tür. »Wollen wir uns in die Bar setzen?«

»Warum nicht?«

Ihr Lächeln konnte jeden Mann zwischen fünfzehn und fünfundachtzig um den Verstand bringen. Dabei gab sie sich so sicher, als wüsste sie genau, welche Wirkung sie auf die Männer in ihrer Nähe hatte, und blieb doch immer natürlich.

Komm schon, Josh!, dachte er mit klopfendem Herzen. Nur ein Kaffee, weiter nichts!

Galant bot er ihr den Arm und führte sie in die Bar. Dort gab es mehrere tiefe Ledersessel und Tischchen aus Sequoiaholz. In einer Vitrine lagen Pralinen aus belgischer Schokolade in goldglänzenden Schachteln. Verstohlen sah er sie von der Seite an, aber sie würdigte die Pralinen keines Blickes. Tatsächlich sah sie ihn an.

Er stellte die Kamera ab und rückte ihr einen Barhocker zurecht, auf dem sie trotz des langen Rocks erstaunlich flott Platz nahm. Dann setzte er sich neben sie und winkte den Barkeeper heran. »Wir würden gern einen Kaffee trinken.«

»Servieren Sie auch Cappuccino?«, fragte die junge Dame.

»Ja, Ma’am. Mit Amaretto?«

Josh hob die Augenbrauen. »Was ist das?«

»Lassen Sie sich überraschen!« Ihre Augen lachten.

»Ich vertraue Ihnen. Ich nehme dasselbe.«

»Sehr wohl, Sir.« Der Barkeeper verschwand.

Sie blickte sich in der Bar um. »Ziemlich voll hier.«

»Sie sollten mal herkommen, wenn die Schiffe aus Alaska im Hafen anlegen. Die Goldgräber zeigen ihre Nuggets und zahlen ihre Drinks mit Goldstaub.«

»Kommen Sie oft hierher?«, fragte sie, während sie den Trauerschleier über ihren Hut schob.

Er schüttelte den Kopf. »Ich bin kurz vor Weihnachten aus Alaska zurückgekehrt.«

»Wie lange waren Sie dort?«

»Drei Jahre. Die meiste Zeit davon im Busch, in der Wildnis nördlich des Yukon. Die einsame Tundra jenseits des Arctic Circle ist eine überwältigend schöne Landschaft.«

Sie erwiderte seinen forschenden Blick. »Eine Liebeserklärung an Alaska?«

Josh konnte den Blick nicht von ihr lassen, und sie schien zu wissen, dass er nicht nur von Alaska sprach. »Ich find’s da wunderschön.«

Sie sagte nichts darauf.

Wie viele derartige Komplimente sie wohl schon gehört hat? Josh, du warst zu lange in der Wildnis. Und du bist dabei, es gründlich zu vermasseln.

»Sagen Sie, woher kennen Sie … wie heißt das noch?«

»Cappuccino?«

»Ja, genau. Ich bin sicher, dass es so etwas in den italienischen Restaurants an der Fisherman’s Wharf nicht gibt.«

»Nein, bestimmt nicht«, lächelte sie, und in ihren Augen tanzten die Lichtfunken. »Ich war ein halbes Jahr in Italien.«

»Sprechen Sie italienisch?«

»Ein bisschen.« Sie schmunzelte. »Überlebenstraining.«

»Wofür?«

»Für meine Reisen.«

Sie war anders als jede andere Frau, die ihm bisher begegnet war: selbstbewusst, ohne stolz oder trotzig zu sein. Ihr Eigensinn gefiel ihm. Sein Blick huschte verstohlen zu ihrer linken Hand. Kein Ring.

Na los, Josh, trau dich!

Er atmete tief durch. »Sie reisen allein?«

»Ja.«

»Ohne einen Beschützer?«

»Der mir die Tür aufhält, mir in den Mantel hilft und meinen Koffer trägt, um mir zu zeigen, wie schwach und abhängig ich bin? Der Lamm mit Mintsauce bestellt, obwohl ich lieber Coquilles Saint-Jacques à la Normande essen würde? Der Wein bestellt, den ich nicht mag? Der sich nach dem Essen zu Brandy und Zigarre in den Salon zurückzieht, um zu vollenden, was Gott begonnen hat?« Herausfordernd sah sie ihn an. »Schockiert?«

»Betroffen.«

Sie warf einen Blick auf seine linke Hand, und er beobachtete sie dabei. Ihre Blicke begegneten sich.

Absoluter Irrsinn!, dachte Josh. Sie ist eine Fremde!

Josh holte das Päckchen Chesterfields hervor und fingerte eine Zigarette heraus. »Provozieren Sie gerne?«

An Stelle einer Antwort zog sie ihren Fume-Cigarette heraus und warf einen Blick auf seine Chesterfields.

Er bot ihr eine Zigarette an, gab ihr Feuer und deutete auf ihre Kamera. »Sind Sie Fotografin?«

Warum sie einen Moment zögerte, begriff er nicht. Denn schließlich nickte sie.

»Beschreiben Sie mir Ihr schönstes Foto!«

»Ich mache keine schönen Fotos. Ich fotografiere nicht die Pyramiden bei Sonnenuntergang oder das Tadsch Mahal im Morgennebel.«

»Was sonst?«

»Menschen.«

»Wo?«

»In den Slums von London, zum Beispiel.«

»Beschreiben Sie mir Ihr bestes Foto!«

Sie überlegte nicht lange. »Ein alter Mann mit weißem Bart sitzt in seiner zerschlissenen Jacke auf einem Holzstuhl vor der Tür seines Hauses. Seine Hose ist zerrissen, und er trägt keine Schuhe. Er hat keinen Penny in der Tasche, aber sein Lächeln ist ergreifend. Der alte Mann hat mich tief beeindruckt.«

»Und Sie sind nicht leicht zu beeindrucken«, vermutete er.

Unwillkürlich richtete sie sich auf, als nähme sie Haltung an, zog an der Zigarette und stieß den Rauch langsam wieder aus. »Nein.« Sie zögerte einen Herzschlag lang. »Mein Vater hat mich erzogen wie einen Sohn. Es war nicht immer leicht, seinen Erwartungen gerecht zu werden. Wenn ich vom Pferd fiel, schwang ich mich sofort wieder in den Sattel. Und wenn mich der Rückstoß der Winchester zu Boden warf, bin ich wieder aufgestanden. So schnell bringt mich nichts aus der Fassung.« Sie nahm noch einen Zug von der Zigarette. »Und jetzt stellen Sie Ihre Frage nochmal!«

»Also schön: Was beeindruckt Sie?«

»Die Pyramiden und das Tadsch Mahal haben mich beeindruckt. Nicht die Steine, nicht der Marmor, nicht die Juwelen, sondern das, was unsichtbar ist und was man nur tief in sich spüren kann, im Herzen. Nicht das, was ich berühren kann, sondern das, was mich berührt.«

»Die Gefühle.«

»Die Maßlosigkeit der Gefühle, die Unermesslichkeit des Sehnens.«

Gebannt saß Josh neben ihr und ließ sich von ihr bezaubern. Ein warmes Gefühl durchrieselte seinen Körper. Er war dabei, sich Herz über Verstand in sie zu verlieben.

Der Barkeeper servierte die Cappuccinos und Amarettos. Neugierig schnupperte Josh an dem Mandellikör. Dann kostete er davon. »Hmm, das ist wunderbar!«

»Freut mich, dass ich Ihren Geschmack getroffen habe.«

»Das haben Sie wirklich, herzlichen Dank.«

Sie nippten an ihren Cappuccinos.

»Immer allein«, sagte er nach kurzem Schweigen. »Fühlen Sie sich manchmal einsam?«

»Nicht, wenn ich für mich bin.«

Er zog die Augenbrauen hoch. »Wie meinen Sie das?«

Sie antwortete nicht sofort.

»Wenn meine Frage zu persönlich …«

»Nein.« Ihr Blick berührte ihn. »In einer arrangierten Ehe ohne Gefühle, die von Herzen kommen, würde ich mich einsam fühlen. Ich glaube, es ist schwierig, eine echte Partnerschaft nur auf Respekt und Würde zu gründen.«

»Sie wollen lieben und geliebt werden.«

»Zärtlich und leidenschaftlich«, gestand sie und sah Josh dabei an.

Er sehnte sich danach, sie zu berühren, ihre Hand in seine zu nehmen, tat es dann aber doch nicht.

Sie schien zu spüren, was in ihm vorging. »Stellen Sie Ihre Frage!«, flüsterte sie und ließ ihn dabei nicht aus den Augen.

»Sind Sie … versprochen?«, quälte er heraus.

Sie atmete tief durch. Dann drückte sie ihre Zigarette aus und sagte leise: »Ich bin hier, um meinen künftigen Ehemann kennenzulernen.«

Er rührte in seinem Cappuccino, bis sich der Schaum auflöste. Es fühlte sich an, als wäre er aus großer Höhe auf die Erde gestürzt. Und der Aufprall tat ziemlich weh.

Sie legte den Kopf schief und beobachtete ihn: »Enttäuscht?«, fragte sie ganz offen.

»Ja, sehr«, gestand er ebenso ehrlich.

»Was ist mit Ihnen? Gibt es eine Frau in Ihrem Leben?«

Josh schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Warum nicht? Einem Mann wie Ihnen müssten die Frauen doch zu Füßen liegen.«

»Danke für das Kompliment«, lächelte er. »Ich war lange in der Wildnis. So romantisch die Nächte im Schein der Mitternachtssonne auch sind, sie sind endlos lang und einsam.«

Josh beobachtete sie aus dem Augenwinkel, während sie an ihrem Amaretto nippte. Sie schwiegen eine Weile, aber die Stille riss keinen unüberwindlichen Abgrund zwischen ihnen auf, denn sie sahen sich immer wieder an.

»Wie fühlen Sie sich jetzt?«, fragte sie leise.

»Als ob der Pazifik über mich hinwegbrandet und die Wogen mich hin und her werfen.«

»Sehr poetisch, sehr sinnlich.« Sie schob die Hand über die Bar, als wollte sie ihn berühren. Doch dann zog sie sie zurück.

»Und Sie?«

»Als ob die starke Strömung des Pazifiks mich mit sich reißt. Fort von der sicheren Bay mit dem Strand, wo ich eigentlich sein sollte, wenn ich nur ein bisschen Anstand hätte. Aber die Strömung ist sehr stark, und es erschreckt mich, wie wenig Kraft ich habe, ihr zu widerstehen.«

Josh schluckte trocken und senkte den Blick. »Verstehe.«

Auch sie schien mit ihren Gefühlen zu ringen.

»Was erwarten Sie sich von Ihrem Ehemann?«, fragte er schließlich mit heiserer Stimme.

»Herz und Verstand.«

»Und?«

»Sinnlichkeit.«

»Was noch?«

»Dass er weiß, was es bedeutet, füreinander zu sorgen, so gut es geht. Dass er mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Dass er einen anderen Beruf hat, als nur Sohn und Erbe zu sein. Dass ich ihn respektieren und ernst nehmen kann.«

»Gab es Bewerber, die Sie nach eingehender Prüfung nicht ernst nehmen konnten?«

»Oh ja, die gab es.«

»Und Ihr künftiger Gemahl ist anders?«

»Ich hoffe es«, gestand sie. »Ein ganzer Kerl, von der Sonne verbrannt, in Reitstiefeln, staubigen Breeches und offenem Hemd.«

»Wären zerrissene Jeans für Sie akzeptabel? Geben Sie mir fünf Minuten, ich ziehe mich schnell um.«

Sie lachte. »Zu spät.«

»Geben Sie mir eine Chance! Ich rette Sie aus der Strömung!«

Sie lachte, aber es klang nicht fröhlich.

»Was erwarten Sie von mir?«

»Schenken Sie mir keinen Brillantring. Und legen Sie mir keine Kontoauszüge vor, um mich zu beeindrucken.«

»Tu ich nicht, versprochen! Hat er’s getan?«

»Nein.«

»Er scheint zu wissen, worauf es ankommt. Herz und Verstand.«

»Und Lebensart.«

»Mir wurden in Berkeley die Flausen ausgetrieben.«

»Mir wurden meine in Stanford erst in den Kopf gesetzt.«

Josh nickte anerkennend. »Ich mag Sie sehr.«

»Ich habe Sie auch sehr gern«, gestand sie leise.

Sie schwiegen. Die Stille zwischen ihnen war sanft und innig.

»Sie werden den Kerl heiraten.«

»Wenn er mir gefällt.«

Als der Barkeeper kam, um die Tassen und Gläser abzuräumen, fragte sie: »Wie spät ist es eigentlich?«

»Viertel nach vier, Ma’am.«

»So spät schon!«, stöhnte sie. »Ich war um vier Uhr verabredet!«

»Mit ihm

Wie sie ihn ansah! Die Unbeschwertheit der letzten halben Stunde war verflogen. »Nein, mit seinem Vater.«

»Darf ich Sie später zu einem romantischen Abendessen einladen?«, fragte Josh, als sie aufstand. Sein Herz klopfte, und er bebte vor Anspannung.

»Ich diniere mit ihm«, sagte sie. »Im Cliff House.«

Verzweifelt rang er um Fassung. Alles war so schnell gegangen, und plötzlich lief alles aus dem Ruder. Einen Augenblick lang empfand er nichts als Hoffnungslosigkeit. »Wie nobel«, quälte er schließlich hervor.

»So ist er.«

»Sie mögen ihn.«

»Ja, sehr«, sagte sie. »I’ll get two for the price of one. Wenn ich den Sohn heirate, bekomme ich den Vater dazu.«

Josh nickte stumm.

»Ich muss jetzt gehen.« Sie nahm ihre Kamera. »Herzlichen Dank für die Einladung, Sir.«

»Gern geschehen, Ma’am.« Josh kramte ein paar Münzen hervor und legte sie auf die Bar. »Ich fand’s schön, Sie kennengelernt zu haben. Vielleicht stolpern wir ja wieder mal übereinander.«

Sie schmunzelte. »Ich habe das Gespräch mit Ihnen auch genossen, sehr sogar. Ich mag Ihre unkomplizierte und direkte Art«, sagte sie leise. »Bye, Sir. Leben Sie wohl.« Sprach’s, drehte sich um und schritt davon.

Etwas an ihrer Haltung, vielleicht auch die resignierte Geste, mit der sie den Trauerschleier herunterzog, verriet Josh, dass sie gern noch geblieben wäre. Aufgewühlt sah er ihr nach.

Josh, wenn du sie jetzt gehen lässt, bist du völlig bescheuert!

Er stürmte in die Lobby. Vor dem Lift holte er sie ein. Sie drehte sich zu ihm um. Da war etwas in ihrem Blick, das er zuerst nicht deuten konnte. Traurigkeit? Verletzlichkeit?

»Und nach dem Abendessen?« Josh streckte die Hand nach ihr aus und berührte sie. Ein Schmerz, wie von einem kurzen, aber kräftigen Stromschlag, zuckte durch seinen Körper. »Ich würde gern mit Ihnen allein sein.«

Sie starrte ihn an und sagte kein Wort.

Josh trat ganz nah an sie heran. »Ich möchte Sie küssen.«

Sie seufzte leise, schüttelte fast unmerklich den Kopf, und ein gequälter Ausdruck legte sich auf ihr Gesicht. Dann sah sie sich rasch in der Lobby um, ob sie beobachtet wurden, schob ihre Hand in seinen Nacken und küsste ihn innig.

Ein warmes Gefühl durchströmte ihn. Es gefiel ihm, wie ihre Hand über seinen Rücken glitt und ihn an sie presste. Er genoss ihre Lippen, ihren Atem, ihre Wärme, ihren Duft. Aber als Josh seine Arme um sie legen wollte, um sie festzuhalten, entzog sie sich ihm und flüchtete in den Fahrstuhl. Bevor sich das Gitter zwischen ihnen schloss, sah er Tränen in ihren Augen. Dann war sie fort. Und er wusste nicht, ob er sie je wiedersehen würde.

»Hey, Cheechako!«

Erschrocken fuhr Josh zusammen. Sein Freund Ian Starling legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Ian, was machst du denn hier?«

»Du bist nach dem Gespräch mit Tom Conroy nicht zurückgekehrt. Ich bin der Suchtrupp.« Ian deutete auf den Fahrstuhl. »Habe ich gerade richtig gesehen?«

Josh nickte langsam.

»Man kann dich wirklich keine fünf Minuten allein lassen. Wer ist sie?«

»Keine Ahnung«, sagte Josh mit tonloser Stimme. »Ich habe sie nicht nach ihrem Namen gefragt.«

»Willst du sie wiedersehen?« Als Josh nickte, packte Ian ihn am Arm. »Komm, wir nehmen die Treppe.«

Wie von Sinnen rannte Josh am Concierge vorbei, stürmte zwei Stufen auf einmal die Treppen hinauf und hetzte mit Ian durch die Gänge, um sie zu suchen.

3

Shannon trat aus dem Aufzug, lehnte sich mit geschlossenen Augen gegen die Wand und lauschte auf ihr Herzklopfen.

Wie lange war es her, dass sie dieses überwältigende Gefühl von Verliebtheit gespürt hatte? Wie hatte er es bloß geschafft, sie derart anzurühren? Was er gesagt hatte, war so richtig gewesen, so schön, so herzlich! Wer war er? Warum hatte sie ihn nicht nach seinem Namen gefragt? Wieso war sie vor ihm geflohen, obwohl sie doch nichts lieber getan hätte, als den Rest des Tages mit ihm zu verbringen? Würde sie ihn jemals wiedersehen? Die Frage trieb ihr die Tränen in die Augen.

Der Liftboy steckte seinen Kopf aus dem Aufzug und sah sie besorgt an. »Alles in Ordnung, Ma’am?«

Sie wischte sich die Tränen ab und nickte. Dann stieg sie wieder in den Lift. Er fragte nicht, wohin sie wollte. Er hatte den Kuss gesehen.

Die Fahrt nach unten dauerte eine Ewigkeit. Sobald der Liftboy das Gitter geöffnet hatte, stürmte Shannon durch die Lobby, um ihn zu suchen. Doch er war nicht mehr da. In der Bar war er auch nicht.

Traurig verließ sie das Hotel. Vor dem Portal blieb sie stehen. Da war der rote Duryea. Sie blickte sich um. Weit konnte er noch nicht sein. Aber er war nirgendwo zu sehen. Shannon wartete einen Augenblick, dann ging sie zurück ins Hotel.

Toms Butler öffnete ihr. »Guten Tag, Ma’am.«

»Guten Tag, Mr Portman.« Ihre Stimme klang atemlos.

»Darf ich Ihnen die Kamera abnehmen, Ma’am?«

Mit zitternden Händen zog sie die Nadeln aus ihrem Hut, nahm ihn mitsamt dem Trauerschleier ab und reichte ihn ebenfalls dem Butler. Sie war verlegen. Er wusste, worüber sie mit Tom sprechen wollte, und musste annehmen, dass sie deswegen aufgeregt oder beunruhigt war. Um ihre Gefühle zu überspielen, richtete sie sich auf und spannte die Schultern an.

»Mr Conroy erwartet Sie, Ma’am.« Der Butler öffnete ihr die Tür und ließ sie eintreten. »Miss Shannon O’Hara Tyrell, Sir.«

»Shannon! Was für eine Freude!« Tom Conroy kam ihr in seinem Rollstuhl entgegen und streckte seine Hände aus.

»Tom!« Sie ergriff seine Hand, die er mit einem herzlichen Lächeln an seine Lippen führte. Warm streichelte sein Atem ihre Hand. »Bitte entschuldigen Sie meine Verspätung.«

Tom sah ihr in die Augen. »Hat er Ihnen gefallen?«

Betroffen starrte sie ihn an. »Wer?«

»Der Kerl, der es geschafft hat, Sie zum Weinen zu bringen.« Tom deutete auf sein rechtes Augenlid.

Sie zog ein Taschentuch hervor und wischte sich über den offenbar verlaufenen Lidstrich. »Woher wissen Sie, dass es ein Kerl war?«

»Wenn eine Lady die Fassung verliert, ist immer ein Kerl daran schuld.« Aufmerksam beobachtete Tom ihre Reaktion. »Nein, hören Sie auf! So verschmieren Sie es nur. Kommen Sie her, Shannon, ich helfe Ihnen.«

Sie gab ihm das Tuch, beugte sich über ihn und ließ sich von ihm die Tränenspuren abwischen. Es war ihr nicht einmal unangenehm. Irgendwie genoss sie es sogar.

»Was ist passiert?«

»Ich bin über den Gehstock eines Gentlemans gestolpert. Er wollte sich einen Duryea ansehen.«

Toms Augen funkelten. »Sie meinen den flotten Flitzer vor dem Portal?«

»Genau.«

»Gefällt er Ihnen?«

»Der Kerl oder der Duryea?«

Tom lachte schallend. »Shannon, wenn ich nur zehn Jahre jünger wäre, müssten Sie sich vor mir in Acht nehmen.« Er wischte sich die Lachtränen aus den Augen. »Na ja, sagen wir fünf.«

»Gut zu wissen«, neckte sie ihn. »Wenn Rob nicht will, können wir beide heiraten.«

Tom schnaufte durch. »Er wird sich in Sie verlieben. Er wird Sie heiraten. Um noch einmal auf meine Frage zurückzukommen: Gefällt er Ihnen? Ich meine den roten Duryea …«

Sie schmunzelte. »Ein nettes Spielzeug.«

»Und der Kerl?«

»Tom!«

Beschwichtigend hob er beide Hände. »Schon gut!« Er grinste verschmitzt. »Haben Sie das Nummernschild gesehen?«

»Nein.«

»SOT 1. Shannon O’Hara Tyrell, Nummer 1. Kommen Sie, Sie hätten sich doch sowieso ein Auto gekauft. Das haben Sie mir auf der Silvesterparty gesagt. Ich erspare Ihnen also die Diskussionen mit Caitlin, ob es für eine Lady schicklich ist, mit einem flotten Flitzer allein unterwegs zu sein.«

»Tom …«

»Da haben wir Aussies aus dem Outback ja bessere Manieren als ihr Yankees. Es ist ein Geschenk, Shannon, und Geschenke weist man nicht zurück.«

»Tom, ich weiß nicht, was ich …«

»Shannon, ich weiß, wie Sie über Brillantringe und Diamantkolliers denken. Und ich respektiere Ihre Entscheidung, keine derartigen Geschenke und die damit verbundenen Verpflichtungen anzunehmen. Aber der Duryea kommt von Herzen. Ich möchte Sie damit durch die Straßen flitzen sehen, mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen, dem Gefühl der Freiheit im Herzen und dem Wind im Haar. Tun Sie mir den Gefallen.«

»Danke, Tom.« Sie lächelte mühsam.

»Was meinen Sie, wollen wir damit zum Cliff House fahren?«

»Mit dem größten Vergnügen.«

»Wenn ich nur zehn Jahre jünger wäre … fünf …« Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. »… würde ich Sie bestimmt nicht meinem Sohn überlassen.«

»Ich habe Sie auch sehr gern, Tom«, gestand sie gerührt.

Er drückte ihre Hand. »Das weiß ich, Shannon. Sie strahlen so viel Wärme aus. So viel Herzlichkeit. In Ihrer Nähe fühle ich mich fünf Jahre jünger … ach, was … zehn.« Er grinste. »Aber wir wollten ja nicht von mir reden, sondern von Rob.« Er deutete auf die Sessel vor dem Marmorkamin, folgte ihr mit seinem Rollstuhl und rief nach dem Butler. Sobald Shannon Platz genommen hatte, fragte er: »Trinken Sie Tee?«

»In the land of the free and the home of the brave? Sir, ich bin Amerikanerin«, verwahrte sie sich mit einem Lächeln.

»Und was für eine!« Schmunzelnd schüttelte Tom den Kopf. »Keinen Tee also. Wie wär’s mit einem Kaffee?«

»Können Sie das mit Ihrer Ehre als Engländer vereinbaren?«

»Nur wenn ich dazu God save the Queen singen darf.«

»Hätten Sie Waltzing Matilda vorgeschlagen, hätte ich vielleicht nachgegeben.«

»Sie sind ein harter Verhandlungspartner«, gluckste Tom vergnügt. »Mögen Sie Champagner?«

»Sehr gern.«

»Na also! Mr Portman, seien Sie so gut …«

»Sofort, Sir.« Der Butler verschwand. Kurz darauf kehrte er mit einer Flasche Champagner und zwei Kristallgläsern zurück.

»So, dann will ich dem Tiger mal seinen Käfig zeigen«, frotzelte Tom, nachdem sie getrunken hatten. Als er Shannons Blick bemerkte, beruhigte er sie: »Rob ist Ihnen ähnlicher, als Sie denken. Wie Sie liebt er seine Freiheit und lässt sich nicht einsperren. Sie beide werden bestens miteinander auskommen.«

Und wenn nicht? In diesem Augenblick musste sie an den geheimnisvollen Fremden denken. An das Gespräch in der Bar. An die Vertrautheit mit einem Unbekannten, von dem sie nichts wusste. An die Gefühle zwischen ihnen. An den Kuss.

Sie atmete tief durch. »Und wenn Rob mich nicht will?«

Tom schien zu ahnen, was in ihr vorging. Er wurde plötzlich ernst, und seine Stimme klang sanft. »Mein Junge hat manchmal viel Unsinn im Kopf, aber so bescheuert ist er nicht.«

»Im Ernst, Tom!«

»Also schön, ich sag’s, wie es ist. Bei unserem letzten Treffen am Silvesterabend haben Sie mich sehr beeindruckt, Shannon. Ich habe Sie in mein Herz geschlossen. Ob mein Junge will oder nicht, er muss Sie heiraten und mit Ihnen einen Erben zeugen.«

Shannon zog die Augenbrauen hoch. »Sonst?«

»Sonst enterbe ich ihn.«

»Das ist hart.«

»Rob ist ein ebenso harter Verhandlungspartner wie Sie.«

»Hat er Geschwister?«

»Davon gehe ich aus.«

»Verstehe.« Hatte Caitlin nicht gesagt, dass Tom seinen Sohn vor seiner Tür gefunden hatte? »Wer erbt Ihr Vermögen, wenn Rob sich der Ehe widersetzt?«

»Sie.«

»Ich?« Sie stellte das Champagnerglas zurück auf den Tisch.

»Wenn Rob mir trotzt, werde ich Sie zu meiner Erbin ernennen. Dann muss er Sie heiraten. Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt: Ich will, dass ihr beide heiratet. Eine Bessere als Sie, Shannon, wird mein Junge nicht finden.«

Sie ging darauf nicht ein. »Wo werden wir leben?«

»In San Francisco, Sydney oder Kapstadt – die Entscheidung überlasse ich euch beiden.«

»Und Sie, Tom?«

»Auch diese Entscheidung überlasse ich euch beiden.«

»Rob und Sie, wie kommen Sie miteinander aus?«

»Prima.«

»Wie nennt er Sie?«

»Tom. Wie nannten Sie Ihren Vater?«

»Sir.«

»Da bin ich aber froh, dass Sie mich nicht so nennen. Haben Sie ihn geliebt?«

»Nein.« Sie war selbst erschrocken über ihr freimütiges Geständnis. Es klang viel zu harsch und unversöhnlich. Aber so war es nicht gemeint. »Er hat mich respektiert, so wie ich ihn. Aber im Grunde hatten wir uns nichts zu sagen, was von Herzen kam.«

»Oje!«

»Verstehen Sie mich nicht falsch, Tom. Ich weiß, was er für mich getan hat. Nach der Scheidung von meiner Mutter, die nach New York gegangen ist, als ich acht war, hat mein Vater mich erzogen. Mit meinen Brüdern habe ich reiten, segeln und schießen gelernt. Colin war in Berkeley, Aidan in West Point. Mein Vater hat durchgesetzt, dass ich nach Stanford gehen durfte. Mit dem Studium hat er mir eine Tür geöffnet, und ich bin hindurchgegangen.«

»Und Sie sind erst vor drei Wochen zurückgekehrt. Nur um festzustellen, dass sich nichts geändert hat. Und dass Ihr Vater, der Ihnen die Freiheit geschenkt hat, nicht mehr da ist.«

»Es war ein Schlaganfall. Mein Vater hat dem Druck nicht mehr standgehalten. Die Erwartungen waren zu hoch, die Regeln zu streng. Caitlin hat ihren Sohn in die Knie gezwungen. Sie hat ihn gebrochen. Daran ist er letztlich gestorben.«

Mit schmerzlicher Intensität kehrte die Erinnerung zurück. Nachdem sie Skip in der Badewanne gefunden hatte, war sie zum Schlafzimmer ihres Vaters gegangen. Sie wusste noch, wie sie sich gefühlt hatte. Sie hatte eine schmerzhafte Lähmung empfunden, eine Kälte in allen Gliedern, und sie hatte es nicht fassen können, dass ihr Vater nicht mehr da war. Warum sie angeklopft hatte, ehe sie leise eintrat, wusste sie nicht. Vielleicht aus Respekt vor dem Toten? Oder aus Achtung vor dem Vater?

Mit gefalteten Händen hatte er auf dem Bett gelegen. Wie immer hatte er einen Anzug mit gestärktem Hemd und steifem Kragen getragen. Im Leben war Sean Tyrell eine außergewöhnliche Erscheinung gewesen. Hochgewachsen und imposant, im Auftreten bezwingend, geradezu überlegen. Und jetzt? Sie war bestürzt gewesen, als sie sein bleiches Gesicht gesehen hatte. Er hatte gelächelt. Aber es war nicht sein Lächeln gewesen, sondern ein Gesichtsausdruck, der ihm wie eine Maske aufgezwungen worden war. Dieses verkrampfte Lächeln hatte seinen Seelenzustand nicht verbergen können: Er hatte gelitten, als er starb. Und sie trug einen Teil der Schuld. Sie hatte ihn im Streit verlassen. Sie hatte Dinge gesagt, die sie jetzt zutiefst bedauerte. Denn sie hatte ihm damit wehgetan. Und er war für immer gegangen, bevor sie sich wieder versöhnt hatten. Bei dem Gedanken hatte sich ihr Herz zusammengekrampft.

Auf der Suche nach einer persönlichen Erinnerung, die ihren Dad und sie verband, hatte sie in seinen Schubladen gestöbert. Sie hatte Fotos von ihrer Mom gefunden. Seit Jahren hatte sie diese Aufnahmen nicht gesehen. Nach der Scheidung hatte Sean seine Erinnerungen an Alannah, seine Gefühle und seine Liebe vor seiner Mutter verborgen – Caitlin hatte Alannah vor Jahren aus dem Haus getrieben. Behutsam hatte Shannon die Bilder ihrer Mom zurück in die Schubladen gelegt.

Im Ankleidezimmer hatte sie seine gebügelten und gestärkten Hemden gefunden. Sie hatte ihr Gesicht in einem Hemd vergraben und den vertrauten Duft eingeatmet. Ihre Trauer hatte sie überwältigt, und endlich hatte sie geweint.

»Du lieber Himmel!«, seufzte Tom bestürzt, als ahnte er, wie sehr die Erinnerungen an ihren Vater sie immer noch aufwühlten. »Ich habe die Kälte gespürt, als ich Caitlin besucht habe«, gestand er leise. Die Vorstellung, dass sie ihren Sohn durch ihre Härte in den Tod getrieben hatte, entsetzte ihn offenbar. »Aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist.«

»Nicht nur ich empfinde die Atmosphäre in der Familie als unerträglich. Colin ist in Alaska, genießt dort seine Freiheit und kommt nur selten nach Hause. Und Aidan hockt in einer Zelle auf Alcatraz und erklärt trotzig, er sei lediglich von einem Kerker in den anderen verlegt worden.«

»Mein Gott!«

»Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich würde mir wünschen, dass Sie bei Rob und mir wohnen, wenn Sie das wollen. Ich glaube, er würde Sie vermissen, wenn Sie ihm nicht zur Seite stehen. Und ich, ehrlich gesagt, auch.«

»Eine größere Freude hätten Sie mir nicht machen können.«

»Ich habe noch nicht Ja gesagt.«

»Aber auch nicht Nein.«

»Hundertvierzig Millionen sind ein überzeugendes Argument, nicht sofort aufzustehen und zu gehen.«

»Ich glaube Ihnen kein Wort. Das Gold, die Diamanten und die Opale sind Ihnen doch völlig egal. Wenn irgendetwas Sie interessiert, dann der Kerl, den Sie zu dem Vermögen dazubekommen.«

»Womit wir wieder beim Thema wären.«

»Rob Conroy, der begehrteste Junggeselle zwischen San Francisco und Kapstadt. Der, wie ich gestehen muss, im Hinblick auf Frauen bisher einen entsetzlich schlechten Geschmack bewiesen hat.«

Shannon schluckte trocken und formulierte noch an ihrer Frage, als Tom sie ihr beantwortete: »Ja, er hat Geliebte.«

»Mehr als eine?«

»Ja.«

Komm schon, Shannon! Was hattest du denn erwartet? Du wolltest doch einen Kerl und keinen Laffen wie Lance Burnette, Beruf: Sohn, Lebensziel: Erbe.

Tom ahnte, was in ihr vorging. »Wie ich schon sagte, Rob ist der begehrteste Junggeselle Australiens. Er kann sich die Frauen aussuchen – und warum auch nicht! Er ist jung. Er liebt das Leben und die Liebe.«

»Tom …«

»Die Frauen, die Rob mir in den letzten Jahren vorgestellt hat, waren alle unerträglich. Die meisten übten vermutlich ihre neue Unterschrift, bevor sie mit Rob ins Bett stiegen.«

Shannon schwieg schockiert. Nicht über Toms Offenheit, sondern … Rob und sie – ob das gut gehen konnte?

»Offen und ehrlich, Shannon. So war’s vereinbart.«

»Wird Rob … mir treu sein?«

Tom schüttelte den Kopf. »Wenn Sie Rob seine Abenteuer verzeihen, wird er Ihnen Ihre Freiheit lassen. Mein Junge braucht eine starke Frau wie Sie, Shannon. Eine Frau, vor der er Respekt haben kann. Sie werden die besten Freunde sein.«

Sie nickte stumm.

»Verzeihen Sie mir, dass ich Sie schockiert habe. Aber Sie haben darauf bestanden, mit mir über Rob zu reden.«

Sie winkte ab. »Ist schon gut.«

»Ich würde mir nie verzeihen, wenn Sie mit ihm unglücklich würden. Ich möchte, dass Sie wissen, worauf Sie sich einlassen.«

»Das ist in meinem Sinne, Tom.«

»Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.«

»So war’s vereinbart.«

Tom griff nach seinem Champagnerglas. »Was ist mit Ihnen, Shannon? Waren Sie schon mal verliebt?«

Ihr Gesicht glühte. »Ja, ich hatte einen Geliebten.«

»In San Francisco?«

»In Rom.«

»Wie lange?«

»Einen Sommer lang.«

»Weiß Caitlin davon?«

»Nein.«

Tom grinste verschmitzt. »Ich fühle mich geschmeichelt, dass Sie mir vertrauen. Vorletzte Frage: Wer hat wen verlassen?«

»Ich ihn.«

»Haben Sie …?«

»Zärtlich und leidenschaftlich.«

Tom lächelte verständnisvoll. »Das freut mich.«

»Es stört Sie nicht?«

»Nein.«

»Und Rob?«

Tom lachte trocken. »Die Tatsache, dass Sie wie er Erfahrungen gesammelt haben, macht Sie für ihn interessant. Shannon, ich suche für Rob eine Frau mit Charakter. Weltoffen, intelligent und willensstark. Eine Frau, die ihm seine Schwächen vergibt, die ihn achtet und die er respektieren kann. Eine Frau, die ihm zur Seite steht. Und die ihm einen Erben schenkt. Dann bin ich zufrieden.«

»Und Sie halten mich für diese Frau?«

»Ich will Sie und keine andere. Mein Junge verdient das Beste von mir. Wenn Rob Sie nicht heiratet, enterbe ich ihn.«

Shannon schwieg eine Weile, dann fragte sie: »Glauben Sie, dass ich mich auf diesen … diesen Deal einlasse?«

»Nein, das glaube ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil Sie die Frau sind, für die ich Sie halte. Weil Sie dabei nichts gewinnen können. Und weil Sie immer tun, was Sie wollen. Ich muss Sie also dazu bringen, Rob zu wollen. Als besten Freund, als Geliebten, als Ehemann.«

»Und wie wollen Sie das erreichen?«

»Ich rede so lange auf Sie ein, bis Sie entnervt nachgeben.«

Sie schmunzelte. »Ist das Ihre Strategie?«

»Eine andere habe ich nicht. Irgendwelche Vorschläge, wie ich Sie sonst noch beeindrucken könnte?«

»Sie könnten mir Ihre Opale zeigen. Sie sagten, Sie hätten die schönsten mitgebracht.«

Tom rief nach seinem Butler. »Mr Portman, seien Sie so gut und bringen Sie uns die Opale.«

Der Butler verschwand in Toms Schlafzimmer und kehrte kurz darauf mit einer Kassette aus schwarzem Lack zurück, die er zwischen Tom und Shannon auf den Tisch stellte.

Tom steuerte seinen Rollstuhl neben sie, öffnete die Kassette, nahm einen Opal heraus und reichte ihn ihr.

Fasziniert ließ sie das Licht über den blauen Stein tanzen, dessen grüne und goldene Schattierungen aufleuchteten. »Ein wunderschöner Stein.« Sie drehte ihn hin und her und blickte in ihn hinein wie in eine jener Schneekugeln, die sie in Paris gesehen hatte, mit Wasser gefüllte Kugeln aus Glas, in denen sich Metallflitter befand. Beim Schütteln wirbelte er auf und rieselte wie Schnee nieder. Der Opal erinnerte sie an eine solche Schneekugel. »Anders als ein Diamant hat er eine unglaubliche Tiefe. Je nach Lichteinfall verändert sich der Opal.«

»Jedes Mal, wenn ich mich in seinem Anblick verliere, sehe ich etwas anderes. Aber immer ist es gefühlvoll und schön.«

Sie gab Tom den Stein zurück. »Woher stammt er?«

»Aus Lightning Ridge. Mein erster Opal.«

»Ihre erste Liebe.«

Tom schmunzelte. »So könnte man sagen.«

»Würden Sie ihn verkaufen?«

»Niemals.«

»Ich bin beeindruckt.«

»Das war leicht.« Tom legte den Stein zurück und holte einen anderen heraus. »Dann sehen Sie sich mal den hier an.«

Er legte ihr einen anderen Opal in die Hand. Der milchig helle Stein schimmerte am Rand grün, in der Mitte rosenfarben. Sie glaubte Einschlüsse von funkelndem Goldstaub zu erkennen. »Der Opal erinnert mich an die Bilder von Claude Monet. Als habe er Rosen gemalt, die im Wasser treiben. Nur dass die Farben klarer und leuchtender sind.«

»Sieh mal einer an – so poetisch hat noch niemand diesen Stein beschrieben. Vielleicht sollte ich ihn anders nennen.«

»Er hat einen Namen?«

»A Bouquet of Roses.«

»Wie schön. Haben Sie ihn selbst ausgegraben?«

»Ich habe einen ganzen Eimer davon im Geröll gefunden. Ich wollte Steine für ein Lagerfeuer zusammentragen, und da blitzte es in der Sonne. Ich musste sie nur aufheben.«

»Unglaublich!«

»Wieso? Ihre Familie ist doch auch reich geworden, weil Caitlin im Dreck gewühlt und Gold gefunden hat.«

»Sie hat das Gold gar nicht gefunden. Charlton Brandon hat am American River Gold gewaschen. Es heißt, dass er zum Goldwaschen die gleiche Bratpfanne benutzte, mit der er sich abends am Lagerfeuer Eier und Speck briet.«

Tom grinste. »Ist es wahr, dass er und Caitlin während des Goldrauschs verheiratet waren?«

»Das ist ein halbes Jahrhundert her. Sie verließ Charlton nach einem erbitterten Streit, bei dem sie ihm die Nase blutig geschlagen hat, und gründete ein eigenes Unternehmen. Sie versorgte Goldsucher und Abenteurer mit Lebensmitteln und Werkzeugen. Ein umgebauter Planwagen mit gebrochener Achse war ihr erstes Warenlager. Aus den Brettern des Kutschbocks und zwei Wasserfässern hat sie einen Ladentisch gezimmert. Schaufeln, Spitzhacken, Waschpfannen, Seile, Zelte, Wolldecken, Blechgeschirr, Petroleumlampen, Whiskey – mit ihrem Laden hat sie ihr Vermögen gemacht.«

»Und dann heiratete sie Geoffrey Tyrell.«

»Aber auch von ihm trennte sie sich nach der Geburt ihrer Kinder. Er starb ohne einen Cent in der Tasche, während Caitlin immer reicher wurde. Die Verfassung von Kalifornien würdigt die Leistung der Pionierinnen des Goldrauschs, indem sie den Frauen das Recht auf eigenen Besitz garantiert.«

Tom nickte versonnen. »Dann verfügen Sie also über ein eigenes Vermögen.«

Sie lächelte matt. »Rob muss mich nicht heiraten. An meine neunhundertvierundneunzig Dollar kommt er sowieso nicht heran. Das ist mein Geld.«

»Gut zu wissen«, lachte Tom. Dann wurde er wieder ernst. »Die neunhundertvierundneunzig Dollar sind Ihnen mehr wert als die zwanzig Millionen Ihres Anteils an Tyrell & Sons.«

»So ist es.«

»Ihre Freiheit und Unabhängigkeit sind Ihnen wichtiger als alles andere.«

»Genau.«

»Shannon, wenn Sie sich mit Rob einigen, müssen Sie sich nicht zwischen Liebe und Wohlstand entscheiden, zwischen Selbstbestimmung und einer freundschaftlichen Partnerschaft in der Ehe. Rob kann Ihnen all das bieten. Ich wünschte, Sie würden mir erlauben, ihm zu telegrafieren, dass er nach San Francisco kommen soll. Ich wünschte, Sie würden ihn selbst kennenlernen und sich dann für ihn entscheiden.«

Sie atmete langsam aus.

Tom beugte sich vor und legte seine Hand auf ihre. »Vergeben Sie mir, ich wollte Sie nicht bedrängen.«

»Ist schon gut.« Shannon drückte seine Hand. »Sie sind ein liebevoller Vater, der das Beste für seinen Sohn will, und das weiß ich sehr zu schätzen.«

Tom legte den Opal zurück und holte den schimmernden Stein heraus, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Behutsam legte er ihn in ihre Hand. »Wundervoll, nicht wahr?«

»Ganz bezaubernd«, gestand sie. »Dieses geheimnisvolle blaue Glitzern auf schwarzem Grund! Der Stein hat eine unglaubliche Tiefe, wie der Sternenhimmel über der Südsee. Fast glaubt man, die Brise vom Meer auf der Haut zu spüren.«

»Sie sind eine sehr sinnliche Frau.« Sie sahen sich in die Augen. »Star Glitter ist mein Schicksalsstein.« Mit der flachen Hand klopfte Tom auf seine zerschmetterten Beine. »Die Suche nach Opalen ist lebensgefährlich. Ich hatte ihn gerade gefunden und aus der Stollenwand gebrochen, als der Schacht über mir einstürzte. Ein Felsbrocken krachte auf meine Beine. Ich konnte mich nicht selbst befreien. Es dauerte Stunden, bis sie mich fanden.«

»Sie hätten sterben können.«

»Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen«, sagte er einfach. »Rob hat mich da rausgeholt. Er kämpft um das, was er haben will. Er gibt niemals auf.«

»Wie sein Vater.« Shannon gab Tom den Opal zurück. »Ist es wahr, dass Sie Rob eines Tages vor Ihrer Tür gefunden haben?«

»Er war erst sechs Wochen alt. Ein niedlicher kleiner Bengel. Nicht, dass er geschrien hätte! Nicht Rob! Er hat mich angestrahlt und fröhlich gegluckst. Und dann hat er mit seiner Faust meinen Finger umschlossen und nicht mehr losgelassen.«

Shannon lächelte. »Und Sie haben Ihr Herz verloren.«

»So könnte man sagen. Ich habe ein Hemd zerschnitten und ihm daraus eine frische Windel gemacht. Anschließend habe ich ihn mit Ziegenmilch gefüttert und ihn in einen Korb gelegt, mit dem ich Opale aus dem Stollen geholt hatte. Ich wusste nicht, was ich mit einem Kind anfangen sollte, aber ich hatte keine Ahnung, wer Robs Mutter war. Ich konnte ihn nicht zurückbringen, und ich wollte es auch nicht. Ich hatte den Kleinen lieb gewonnen.« Tom lächelte verträumt, als er sich erinnerte. »Nach all meinen Misserfolgen bei der Goldsuche, im Weinanbau und auf der Schaffarm, nachdem ich immer wieder alles verloren hatte, habe ich plötzlich etwas gewonnen. Kein Gold, keinen Ruhm und keinen Reichtum, sondern einen Sohn. Einen kleinen Menschen, der mein ganzes Leben umkrempelte und der alles infrage stellte, an was ich zuvor geglaubt hatte. Plötzlich war Rob das Wichtigste in meinem Leben. Und das hat sich bis heute nicht geändert.« Tom grinste verschmitzt. »Er hält mich immer noch ganz schön auf Trab.«

»Wie …«

Shannon unterbrach sich, als der Butler den Raum betrat: »Sir, ich bitte um Entschuldigung. Aber da ist ein Gentleman, der Miss Tyrell sprechen möchte. Er sagte, es sei dringend.«

Er ist gekommen!, dachte sie aufgeregt. »Hat er seinen Namen gesagt?«

»Mr Robert Wilkinson.«

Die Enttäuschung war ihr wohl anzusehen, denn Tom runzelte besorgt die Stirn. »Wer ist das?«

»Unser Butler«, murmelte sie bestürzt. Sie musste an Skip denken, den sie vor wenigen Tagen besinnungslos in der Badewanne gefunden hatte. Als sie vorhin aufgebrochen war, hatte er sich gerade in den Club verabschiedet. »Es muss etwas passiert sein. Würden Sie mich entschuldigen?«

Der Butler erwartete sie an der Tür der Suite. »Bitte verzeihen Sie, Ma’am.« Er zögerte. »Mr Skip ist im Club. Ich erhielt einen Anruf …«

Shannon stockte der Atem. »Wie geht es ihm?«

»Sehr schlecht, fürchte ich.«

O Gott, Skip! Nicht schon wieder! »Wer weiß noch davon?«

»Niemand, Ma’am. Ich hielt es für besser, Stillschweigen zu wahren. Ich habe um einen freien Abend gebeten.«

»Danke, Mr Wilkinson. Ich weiß das zu schätzen.«

»Ma’am.«

»Warten Sie einen Augenblick. Ich muss mich von Mr Conroy verabschieden – wir waren zum Dinner verabredet. Dann fahren wir in den Club.«

Shannon kehrte zu Tom zurück, der ihr erwartungsvoll entgegenblickte. »Sie sehen blass aus, Shannon.«

»Mein Bruder Skip hatte einen Unfall.«

»Das tut mir leid. Wie geht es ihm?«

»Ich muss sofort zu ihm.«

»Selbstverständlich.«

»Können wir das Abendessen verschieben?«

»Wie wär’s mit morgen Abend? Ich habe zwar eine Einladung, aber da werde ich mich nur kurz blicken lassen.«

»Danke, Tom. Danke für Ihr Verständnis und Ihre Freundschaft.«

»Schon gut. Und das Foto?«

»Morgen.« Shannon überlegte. »Ich lasse die Kamera hier.«

»Ist gut.«

»Ich hole Sie gegen halb neun ab. Mit dem flotten Flitzer.«

4

Beunruhigt stieg Shannon in den Duryea, während Mr Wilkinson mit der Kurbel den Motor startete. Sobald er neben ihr saß, gab sie Gas und wendete in einem gewagten Manöver. In flottem Tempo fuhr sie die Market Street hinauf.

Mr Wilkinson blickte sie mit aufgerissenen Augen von der Seite an. »Ich wusste gar nicht, dass Sie Auto fahren können.«

»Ich bin in Hongkong Rennen gefahren.« Die Beschreibung der rasanten Abfahrt über die schmale und gewundene Straße vom Victoria Peak hinunter zum Hafen ersparte sie ihm, denn er klammerte sich auch so schon am Ledersitz fest. Sie schaltete in den zweiten Gang und beschleunigte, um ein Cable Car auf der rechten Spur zu überholen. »Wollen Sie mal sehen, wie flott dieser kleine Flitzer ist?«

Der Butler schwieg verbissen.

Noch im zweiten Gang bog Shannon in die Stockton Street. Als sie den Duryea kurz darauf an den Straßenrand fuhr, stieß Mr Wilkinson vernehmlich die Luft aus.

Ein schönes Auto, dachte sie zufrieden, als sie aus dem Wagen kletterte. Dann folgte sie Mr Wilkinson in den Club, einst von Journalisten des San Francisco Chronicle gegründet, für den sie hin und wieder schrieb. Hier trafen sich Redakteure, Schriftsteller und Künstler, aber auch Geschäftsleute und Unternehmer aus angesehenen Familien. Ihr Vater war hier Mitglied gewesen. Ihr Onkel, ihre Brüder und Cousins kamen her, wenn ihnen zu Hause die Luft zu dick wurde.

Der Butler bemühte sich, Shannon unauffällig durch die Clubräume zu geleiten. Doch sie erregte die Aufmerksamkeit der Männer, die bei Whiskey und Zigarren beisammensaßen. Ein Gentleman ließ seine Zeitung sinken, sah sie stirnrunzelnd an, als traue er seinen Augen nicht, dann stemmte er sich aus seinem Ledersessel hoch und eilte ihr entgegen. »Miss Tyrell.«

»Mr Hearst.«

William Randolph Hearst war Medientycoon und Millionär. Shannons Reportagen aus aller Welt waren in seinen Zeitungen in San Francisco und New York erschienen. Noch für dieses Jahr plante er die Gründung eines weiteren Blattes in Chicago. Mit festem Griff umschloss er ihre Hand. »Mein aufrichtiges Beileid. Ich war erschüttert, als ich vom plötzlichen Tod Ihres Vaters hörte. Ein tragischer Verlust für San Francisco.«

»Danke, Sir.«

»Sean Tyrell war ein großartiger Mensch. Ich habe ihn sehr geschätzt. Er wird uns allen unvergessen bleiben.«

Shannon erwiderte nichts.

»Ich dachte, Sie seien in Hongkong. Was machen Sie denn im Bohemian Club?«

»Ich bin … geschäftlich hier.«

»Ah! Schreiben Sie einen Artikel über den Club?«

»Nein, Sir.«

»Ihr Bruder Skip war vorhin auch hier.«

»Ich weiß, Sir«, sagte sie mit einer Ruhe, die sie selbst erstaunte. »Wir sind verabredet.«

»Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Sind Sie morgen Abend auf Charltons Geburtstagsparty? Ich habe eine Idee, die ich gern bei einem Glas Champagner mit Ihnen diskutieren würde.«

Shannon sah ihn fragend an.

»Alaska. Yukon. Goldrausch. Eine Serie über Frauen, die in Alaska ihr Glück gefunden haben, entweder einen Sack voller Nuggets oder einen Kerl mit goldenem Herzen. Was meinen Sie? Zwanzig Folgen. Wöchentlich. Ganzseitig. Mit Fotos. Haben Sie Zeit?«

»Die National Geographic Society will eine Expedition finanzieren, die ich leiten soll.«

»Meinen Respekt! Und wann?«

»Im Sommer. Die Vorbereitungen beginnen im März. Abreise nach Skagway im Mai. Zur Eisschmelze sind wir am Yukon. Rückkehr nach San Francisco im Oktober, bevor die Beringsee an der Mündung des Flusses wieder zufriert.«

»Wie viele Jungs werden Sie herumkommandieren?«

»Die Mounties, die uns auf kanadischem Gebiet eskortieren sollen, nicht mitgerechnet? Zwanzig.«

»Haben Sie schon zugesagt?«

»Noch nicht.«

»Eine Million Auflage nur in New York – San Francisco und Chicago nicht eingerechnet. Da kann die National Geographic Society nicht mithalten«, lockte er Shannon. »Denken Sie mal darüber nach. Ich habe niemanden außer Ihnen, den ich nach Alaska schicken könnte. Ihre New Yorker Kollegen verirren sich schon im Central Park, und alles westlich des Hudson ist unerforschte Wildnis. Hätte jeder diese Einstellung, wäre Amerika immer noch nicht entdeckt.« Er grinste matt. »Sehen wir uns morgen Abend?«

»Ich bin nicht eingeladen.«

»Ach ja, die alte Fehde zwischen Caitlin und Charlton. Was, wenn Sie trotzdem auf dem Nob Hill auftauchen? Charlton würde das bestimmt imponieren.«

»Caitlin ganz sicher auch. Aber ich bin schon verabredet.«

»Wirklich schade. Sie und Josh – das hätte ich gern gesehen. Na, egal. Ich bin nächste Woche wieder in New York. Rufen Sie mich vorher mal an? Dann reden wir in Ruhe über Ihr Honorar und über die Finanzierung der Expedition.«

»Mach ich. Danke für Ihr Mitgefühl und Ihre freundlichen Worte über meinen Vater. Guten Tag, Mr Hearst. Bye.«

Mr Sutherland erwartete sie in seinem Büro – Mr Wilkinson hatte ihn vom Hotel aus angerufen. Er öffnete die Tür zu einem Nebenraum, wo Skip auf einem Ledersofa schlief. Sein Haar war zerzaust, die Lippen waren leicht geöffnet, das schmale Gesicht war bleich und glänzte vor Schweiß, aber er wirkte entspannt. Skip so zu sehen schmerzte sie. Er war der Einzige in ihrer Familie, der ihr wirklich nahestand.

»Seit wann ist er in diesem Zustand?« Es fiel ihr schwer, sich die Erschütterung nicht anmerken zu lassen.

»Seit zwei Stunden. Er hat Absinth getrunken.« Mr Sutherland nahm ein Fläschchen vom Tisch und zeigte es ihr.

Laudanum also. Skip konnte die Finger einfach nicht vom Opium lassen. Sie musste tief durchatmen, weil die Traurigkeit sie zu überwältigen drohte. »Haben Sie … einen verschlossenen Umschlag gefunden?«

»Einen Abschiedsbrief? Nein, Ma’am.«

Also kein Selbstmordversuch. Sie stellte das Fläschchen auf den Tisch. Ein Buch fiel ihr ins Auge. Frances Hodgson Burnetts Der kleine Lord.

»Stammt der Roman aus unserer Bibliothek?«, fragte sie.

Der Butler nickte. »Ja, Ma’am.«

Shannon wandte sich an Mr Sutherland. »Hat der … Nervenzusammenbruch … meines Bruders Aufsehen erregt?«

»Nein, Ma’am. Mr Tyrell saß allein in einem Nebenzimmer und las in diesem Buch.« Er deutete auf die Geschichte des kleinen Lords, die Skip wohl schon hundertmal gelesen hatte. »Wenig später fand man ihn … in diesem Zustand.«

»Es tut mir sehr leid, Sir. Lassen Sie uns bitte einen Augenblick allein?«

»Ein Wort noch, Ma’am, wenn Sie gestatten.«

»Mr Sutherland?«

»Es ist nicht das erste Mal, dass Mr Tyrell …«

»Ich verstehe.«

»Aber es ist definitiv das letzte Mal«, sagte er bestimmt. »Das Auftreten Ihres Bruders ist eines Gentlemans nicht würdig. Für den Club ist sein Verhalten nicht länger tolerierbar.«

»Sie erteilen Mr Tyrell Hausverbot?«, fragte sie beschämt.

»So leid es mir tut, Ma’am«, sagte er sanft. »Ich kann nicht anders, und ich hoffe auf Ihr Verständnis.«

»Ich verstehe Sie durchaus, Mr Sutherland«, presste Shannon hervor. Angesichts von Skips beängstigendem Zustand fiel es ihr schwer, noch länger Haltung zu bewahren. »Mr Tyrell wird seine Mitgliedschaft in den nächsten Tagen kündigen. Sie haben mein Wort, dass er den Club nie wieder betreten wird.«

Mr Sutherland wirkte erleichtert. »Danke, Ma’am.«

»Sir, wären Sie so freundlich, Mr Wilkinson und mich jetzt einen Augenblick mit meinem Bruder allein zu lassen?«

»Ich warte vor der Tür, um Sie ohne Aufsehen aus dem Club zu bringen. Es sind einige Journalisten anwesend. Der Skandal und die Schlagzeilen … Sie verstehen.«

»Selbstverständlich, Sir«, versicherte sie ihm. »Verbindlichsten Dank.«

Wortlos zog Mr Wilkinson einen Umschlag hervor und überreichte ihn Mr Sutherland, der ihn sofort einsteckte – wahrscheinlich eine angemessene Entschädigung für die Unannehmlichkeiten. Woher der Butler das Geld wohl hatte? Nicht von Caitlin jedenfalls! Sie durfte auf keinen Fall hiervon erfahren! Shannon würde es ihm zurückerstatten.

Sobald Mr Sutherland die Tür hinter sich geschlossen hatte, kniete sie sich neben ihren Bruder und strich ihm über das Gesicht. »Skip?« Kein Lebenszeichen. Sie packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. »Skip!«

Nichts außer einem verträumten Lächeln.

Offenbar flüchtete sich Skip wieder in eine wundervolle Traumwelt, wo es einem kleinen Jungen mit seiner offenen und liebenswerten Art gelang, seinen kaltherzigen Großvater in einen besseren Menschen zu verwandeln, liebevoll, großzügig und stolz auf seinen Enkel. Die Geschichte des kleinen Lord Fauntleroy hatte ein Happy End, das zu Tränen rührte, nur Skips Leben hatte keines. Skip war im Alter von vier Jahren als Waisenkind in die Familie gekommen. Seine Großmutter erwies sich als wesentlich härter und kälter als der Earl of Dorincourt. Zu Herzenswärme und Großmut war sie einfach nicht fähig. Ihr ganzes Leben lang hatte Caitlin gekämpft, auf dem Kartoffelacker in Irland, während des Trecks quer durch Amerika und auf den Goldfeldern in Kalifornien, als sie Charlton während eines erbitterten Streits ihre Faust ins Gesicht rammte, ihre Sachen packte und ihn seinem Schicksal überließ. Caitlin würde sich niemals ändern, und daran verzweifelte Skip.

Shannon sah auf. »Bitte helfen Sie mir, Mr Wilkinson.«

Gemeinsam zogen sie ihren Bruder in eine sitzende Position. Sie hockte sich neben ihn, legte ihren Arm um ihn und lehnte seinen Kopf an ihre Schulter. »Skip, hörst du mich? Ich bin’s, Shannon.« Sie wiegte ihn wie ein kleines Kind und fuhr ihm durch das wirre Haar. »Skip! Bitte wach auf!«

Seine Augen bewegten sich unter den Lidern hin und her.

»Du machst mir Angst. Wenn du mich hören kannst, dann blinzele.« Na also, seine Lider flatterten. »Ich bin bei dir, Skip. Alles wird gut, ich versprech’s dir.«

Eine Träne rann über Skips Wange. Er schluchzte leise.

»Schhht, sei ganz ruhig. Caitlin wird nichts erfahren. Ich stehe zu dir, Skip. Ich lass dich doch nicht allein.«

Mr Wilkinson verließ den Raum und kehrte mit einer Schüssel Wasser und einem Handtuch zurück. Er stellte die Schüssel auf den Tisch. Dann hockte er sich vor Skip auf den Boden und packte ihn an der Schulter.

»Warten Sie, ich helfe Ihnen.« Sie kniete auf der anderen Seite und hielt Skip fest, während der Butler dessen Kopf in die Schüssel mit kaltem Wasser tauchte.

Zuerst zuckten Skips Schultern, dann versuchte er panisch, sich aus dem Griff zu befreien. Schließlich richtete er sich prustend auf und begann zu husten. Schwach sank er gegen sie. Es dauerte eine Weile, bis er sich beruhigt hatte. »Shannon!«, schluchzte er, immer noch benommen von Absinth und Laudanum.

Mit dem Handtuch trocknete sie ihm Gesicht und Haare. »Skip! Du hast mich vielleicht erschreckt!«

»… mir leid«, nuschelte er.

»Ist schon gut.«

»… wünschte, ich wäre so stark und mutig wie du.«

Mir tut sie so weh wie dir, dachte Shannon. »Wie geht’s?«

»Beschissen.«

»So kann es nicht weitergehen. Du richtest dich zugrunde.«

Er nickte langsam.

»Kannst du aufstehen? Ich fahr dich nach Hause.«

»Caitlin …«

»Sie wird nichts erfahren. Komm schon, du musst ins Bett!«

Skip versuchte aufzustehen, sank aber wieder in sich zusammen. Der Butler legte sich seinen Arm über die Schulter und zog ihn auf die Beine. Skip taumelte gegen ihn und drohte an ihm herunterzurutschen, doch Mr Wilkinson hielt ihn fest.

Sie verließen den Raum. Mr Sutherland geleitete sie zu einem Seiteneingang, wo Mr Wilkinson mit Skip wartete, bis Shannon den Duryea geholt hatte. Er schob ihren Bruder in den Zweisitzer, drückte ihm sein Buch in die Hand, dann klopfte er mit der flachen Hand auf das zusammengeklappte Verdeck. »Bringen Sie ihn ins Bett, Ma’am. Ich besorge noch rasch eine Flasche Coca-Cola aus der Apotheke. Die wird ihm guttun.«

Beklommen fuhr Shannon los. Mit der Rechten hielt sie Skips Hand, um ihm Mut zu machen, mit der anderen umklammerte sie die Lenkstange. Zwei Blocks weiter jagte sie den Duryea die steile Straße hinauf zum Nob Hill. An jeder Kreuzung machte der Wagen einen Satz, dann stieg die Straße mit einem erneuten Ruck weiter an. In Sichtweite von Brandon Hall schoss der Duryea über den höchsten Punkt hinweg.

Jetzt war Skip einigermaßen wach. »Hat dieser Rennwagen eigentlich auch Bremsen?«, fragte er, während sie den Nob Hill auf der anderen Seite hinunterrasten, und deutete nach vorn. »Wenn nicht, landen wir nämlich gleich in der Bay, es sei denn, du biegst in die Jefferson Street … falls du sie bei diesem Tempo nicht verfehlst und ins Hafenbecken platschst. Wie wär’s, wenn wir an der Fisherman’s Wharf noch einen Kaffee trinken, und du erzählst mir von deinem Gespräch mit Tom?«

»Du willst nicht nach Hause.«

»Ich lade dich zum Essen ein. Unten an der Marina gibt es ein Restaurant, wo du einen Hummer mit Limonensauce …«

»Wir fahren nach Hause.«

Shannon bog in die Pacific Avenue ab, die geradewegs zum Presidio führte. Skip blickte sich im Wagen um, als erwöge er ernsthaft, während der Fahrt abzuspringen. Sie schaltete in den zweiten Gang, und er gab auf. Er sagte kein Wort mehr.

Als sie wenig später in den Presidio Forest abbogen, war das Tyrell Castle auf dem Hügel vor ihnen schon zu sehen. Mit verkniffener Miene blickte Skip an Shannon vorbei auf das Fort, wo Aidan als Major der US Army stationiert gewesen war, bevor er seinen derzeitigen und vermutlich letzten Wohnsitz in seiner Zelle auf Alcatraz bezogen hatte.

Shannon parkte den Duryea im Hof vor den Pferdeställen und eskortierte Skip ins Haus.

»Wenn es dir nicht passt, kannst du jederzeit von deinem Posten im Vorstand zurücktreten!« Caitlins erregte Stimme drang bis ins Foyer.

Die Flügeltür des Speisesaals stand weit offen, und es war nahezu unmöglich, über die große Marmortreppe unbemerkt nach oben zu gelangen. Mit Ausnahme von Colin und Aidan war die Familie zum Dinner versammelt. Es kam Caitlin nicht in den Sinn, dass einer ihrer Söhne oder Enkel sich ein eigenes Haus und eine eigene Familie wünschen könnte. Keiner ihrer Enkel war bisher verheiratet. Oder verlobt – Aidans Verlobung mit Claire, der Tochter des jüdischen Unternehmers Nathaniel Sasson, wurde von Caitlin nicht anerkannt. Wegen dieser Affäre hatte Aidan sich mit seinem Vater zerstritten und in den Wochen vor seiner Inhaftierung unten im Fort gewohnt.

»Ich dulde nicht, dass du dich aufführst, als wärst du der Chef von Tyrell & Sons. Du magst der letzte Überlebende der Sons im Firmennamen sein, aber das gibt dir nicht das Recht, gegen mich zu intrigieren, um mich zu entmachten!«

Skip grinste schwach. »Offenbar ist Onkel Reámon in die Schusslinie geraten«, flüsterte er. »Und Caitlin schießt scharf.«

»Ich habe dieses Unternehmen aufgebaut, und ich werde es leiten bis zu dem Tag, an dem ich sterbe«, stutzte Caitlin ihren Sohn zurecht. »Ich habe dir gesagt, dass es nur einen Erben geben wird. Und wenn du weiter gegen mich intrigierst, wirst du das nicht sein, Reámon. Ist das jetzt klar?«

Shannon blickte in den Saal. An der gegenüberliegenden Wand hing das Porträt ihres Cousins Eoghan. Es zeigte den Abgeordneten und künftigen Senator Tyrell. Die Arme entschlossen verschränkt, den Kopf nachdenklich gesenkt und den Blick nach oben gerichtet, als hätte er sein Ziel deutlich vor Augen: Eoghan, die Hoffnung der Tyrells als Nachfolger seines Bruders, des gefallenen Kriegshelden Rory, der seine politischen Ämter niedergelegt hatte, um in den Krieg zu ziehen. Eoghan, die Zukunft Amerikas, die Ikone einer aufstrebenden Nation. Das Porträt würde eines Tages auch einem Präsidenten der Vereinigten Staaten würdig sein.

»Reámon?« Caitlins scharfer Tonfall riss Shannon aus ihren Gedanken. »Ist das jetzt klar?«

»Ja, Ma’am.« Vor seinem Sohn Eoghan gedemütigt zu werden war ein harter Schlag für Reámon. Eoghan hatte die Schultern hochgezogen und traute sich nicht aufzusehen. Präsident McKinley wagte er zu trotzen, Caitlin konnte er nicht die Stirn bieten.

Skip nutzte die Gelegenheit, um zur Treppe zu huschen.

»Skip!«, rief Caitlin, die ihn durch die offene Tür gesehen hatte. »Da bist du ja endlich! Wo hast du gesteckt?«

Den Fuß schon auf der ersten Stufe, drehte er um und ging an Shannon vorbei in den Speisesaal. »Im Club, Ma’am.«

Caitlin musterte ihn missbilligend. »Du bist berauscht.«

Skip marschierte an Eoghans Stuhl vorbei zum Tisch mit den Kristallkaraffen, um sich einen Bourbon einzuschenken.

Entschlossen folgte Shannon ihm und nahm ihm das Glas aus der Hand, um es wegzustellen. »Schluss jetzt, es reicht.«

Caitlin beobachtete Shannon und Skip stirnrunzelnd. »Hast du wieder Opium genommen?«

»Ja, Ma’am.«

»Skip, warum tust du das?«

Er schwieg.

»Ich habe dich etwas gefragt, und du wirst mir gefälligst antworten!«, herrschte Caitlin ihn an. »Was ist bloß los mit dir?«

»Was soll mit mir los sein? Ich trinke einen Bourbon. Das ist in einer Familie von streitsüchtigen irischen Säufern doch nichts Ungewöhnliches.« Skip sah Reámon und Eoghan an, nahm Shannon das Glas aus der Hand und prostete ihnen zu. »Sláinte.« Dann kippte er den Bourbon herunter.

Onkel Reámon haute wütend mit der Faust auf den Tisch. »Skip, verdammt nochmal!«

»Ruhe!«, brachte Caitlin ihren Sohn zum Schweigen. »Der Junge hat recht, Reámon. Du trinkst jeden Abend in der Bibliothek. Glaubst du, ich habe die Whiskeyflaschen hinter den Bücherreihen nicht bemerkt?«

Skip goss sich noch einen Bourbon ein und schlenderte mit dem Glas zur Tür.

»Skip!«, rief Caitlin und hielt ihn an der offenen Tür auf.

Er blieb stehen. »Ma’am?«

»War der eine Bourbon nicht genug?«

»Ich bin noch nicht berauscht genug, um euch alle zu ertragen. Ich kann den Schmerz noch spüren.« Skip deutete auf sein Herz. »Aber wenn ich noch ein bisschen trinke, vergeht er.« Er blickte Onkel Reámon an. »Nicht wahr, Sir? Sie kennen doch das Gefühl, wenn man nichts mehr spüren kann.«

»Skip, ich warne dich!«, brauste der auf.

»Sei doch still, Reámon!«, wies seine Mutter ihn zurecht. »Skip, bleib hier!«

»Ma’am?«

»Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt und das ihn am Leben hält. Bei dir bin ich in all den Jahren, seit Kevin dich adoptiert hat, noch nicht dahintergekommen, was es ist.«

»Ich suche noch danach. Wenn ich es gefunden habe, lass ich Sie wissen, was es ist. Gute Nacht!«

Das war nicht der liebenswert versponnene Skip, den Shannon kannte. Seine Verbitterung erschreckte sie.

»Du bleibst gefälligst hier!«, rief Caitlin ihn zurück.

»Ich gehe ins Bett. Ich will allein sein.«

»Du bleibst hier, bis ich dir sage, dass du gehen kannst.«

»Was wollen Sie mir sagen, was ich nicht schon hundertmal gehört habe?«

»Skip, du richtest dich zugrunde!«

»Nein, Ma’am. Das können Sie, wie alles andere, viel besser als ich.«

»Du wirst in einer Opiumhöhle in Chinatown enden.«

»Ja, so kann es kommen.«

»Aber nicht, solange deine Schwester dich immer wieder aus dem Sumpf deines Selbstmitleids rettet.« Caitlin sah Shannon streng an. »Du hast das Abendessen mit Tom Conroy abgesagt, um Skip aus dem Club zu holen.«

Shannon nickte kurz. Fragen ohne Fragezeichen waren Vermutungen oder Unterstellungen und bedurften keiner Antwort, die als Rechtfertigung missverstanden werden konnte.

Skip war schon wieder auf dem Weg zur Tür.

Eoghan stieß seinen Stuhl zurück, folgte Skip und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Skip, bitte bleib hier!«

Skip schüttelte seine Hand ab. »Wozu? Wir haben uns doch nichts zu sagen.«

»Ich mache mir auch Sorgen um dich.«

»Wenn du dich auf diese Weise besser fühlst …«

»Skip, warum flüchtest du dich in den Opiumrausch?«

»Weil ich euch sonst nicht ertrage.«

»Skip …«

»Eoghan«, mahnte Shannon. »Lass ihn doch in Ruhe!«

»Siehst du, Eoghan, das meine ich«, sagte Skip. »Diese Verlogenheit ist mir zuwider. Diese Scheinheiligkeit. Diese Inszenierung einer glücklichen und erfolgreichen Familie, die sich liebt und achtet. Die füreinander einsteht, in guten wie in schlechten Tagen. Ich kann diese Lüge nicht mehr ertragen. Ich kann sie nicht mehr leben

»Du lebst doch gar nicht!« Reámon stand auf und ging zu Eoghan und Skip hinüber. »Du drückst dich vor dem Leben. Du übernimmst keine Verantwortung und flüchtest dich in den Opiumrausch.« Mit dem ausgestreckten Arm stieß er seinen Neffen an der Schulter zurück. »Du bist ein Versager, Skip.«

Wie immer legte er seinen Finger gnadenlos in die Wunden anderer und bohrte ihn tief ins schmerzende Fleisch. Shannon sprang auf und schlug auf den Tisch. »Schluss jetzt!«

»Sogar als Selbstmörder bist du ein Versager!« Reámon stieß Skip erneut so heftig vor sich her, dass der zurücktaumelte.

Shannon stellte sich vor ihn. »Ich sagte: Schluss jetzt!«

Reámon wollte an ihr vorbei auf Skip losgehen, doch sie trat zur Seite und stellte sich ihm erneut in den Weg. »Sie werden sich bei Skip entschuldigen, Sir«, forderte sie.

Reámon fluchte. »Den Teufel werde ich …«

Sie gab nicht nach. »Wenn Sie es nicht tun, sind Sie ein heuchlerischer Moralprediger. Ihr missionarischer Eifer soll doch nur von Ihrer innigen Freundschaft mit Mr Jack Daniel aus Tennessee ablenken.« Sie ließ ihn gar nicht zu Wort kommen: »Skip hat nicht versucht, Selbstmord zu begehen. Hätte er es wirklich gewollt, hätte er es auch geschafft, denn er kennt die Dosis genau. Nein, Skip tut nichts anderes als Sie jeden Abend in der Bibliothek. Er flüchtet sich in den Rausch und meidet den Kampf, der die Situation ändern würde, unter der wir alle leiden.«

»Shannon, das ist …«

»Wissen Sie, aus welchem Grund ich zögere, Rob zu heiraten? Nicht der wichtigste Grund, das gebe ich zu, aber einer, der mir sehr nahegeht. Ich könnte meinem Mann nicht in die Augen sehen, wenn er heute Abend hier wäre. Denn ich schäme mich für meine Familie.« Einen Augenblick lang herrschte betretenes Schweigen. »Entschuldigen Sie sich, Onkel Reámon!«, forderte Shannon bestimmt.

»Shannon, nicht in diesem Ton!« Reámon erhob seine Stimme. »Das ist …«

»Entschuldigen Sie sich für das Unrecht, das Sie Skip angetan haben, als sie ihn einen gescheiterten Selbstmörder nannten!«, beharrte sie entschlossen. »Wenn Sie das fertigbringen, sind Sie in meiner Achtung wieder so weit gestiegen, dass ich Sie mit Sir anreden kann.«

Caitlin applaudierte schweigend. Schließlich legte sie beide Hände auf den Tisch. »Reámon, du hast Shannon gehört.«

»Ma’am!«

Caitlin gab nicht nach. »Sie hat recht, Réamon. Du wirst tun, was sie von dir verlangt!«

Zähneknirschend fügte sich Reámon dem Willen seiner Mutter und entschuldigte sich in unaufrichtigem Tonfall bei Skip, der sich wortlos umdrehte und mit seinem Bourbon durch den Saal taumelte, um in sein Zimmer zu gehen. Noch vom Opium berauscht, stolperte er über den Teppich und stürzte zu Boden. Eoghan wollte ihm aufhelfen, doch Skip stieß ihn von sich und versuchte aus eigener Kraft, auf die Beine zu kommen. Als er es nicht schaffte, schluchzte er auf und streckte seine Hand nach Shannon aus.

Entschlossen packte sie sein Handgelenk und zog ihn hoch. Weinend taumelte er gegen sie, aber sie legte ihren Arm um ihn und hielt ihn fest. Dann nahm sie ihm das leere Glas aus der Hand und gab es Eoghan, damit er es auf den Tisch stellte. »Komm, Skip, ich bringe dich nach oben.«

Skip weinte, als sie ihn ins Bett steckte. Sobald er eingeschlafen war, ging sie in ihr Zimmer und zog sich um. Weiße Leinenhose, dicker Wollpullover, blaue Jacke. Dann ging sie hinunter. In der Bibliothek fand sie Onkel Reámon mit seinem besten Freund Jack in stillem Gedankenaustausch über Triumph und Tragik der Familie Tyrell, über Sieg und Niederlage im täglichen Kampf, und die Flasche war schon fast leer. Leise schloss sie die Tür hinter sich und verließ das Haus.

Mit dem Duryea fuhr Shannon zum Jachthafen. Sie wurde erst ruhiger, als sie an der Mole aus dem Auto sprang und zu ihrem Boot hinüberging. Sie sprang hinunter auf die Lone Cypress, setzte die Positionslichter und machte die Taue los. Dann zog sie ihre Handschuhe an, hisste die Segel und ging ans Ruder. Sie stand im Wind. Sie richtete die Segel aus, ließ sich vom Wind eine Bootslänge nach Osten in Richtung der nächsten Mole drücken, ging auf Steuerbord, wendete dann aber sofort mit einem kurzen Kreuzschlag auf Backbord, um das Boot fort von der Mole zu manövrieren und es aus dem Jachthafen hinaus in die Bay zu steuern. Um das Golden Gate zu durchqueren, musste sie gegen den Wind kreuzen. Das Boot nahm Fahrt auf. Kurz darauf durchpflügte sie die Bay in östlicher Richtung, dann wendete sie zum Golden Gate, und die Lichter von San Francisco glitten an ihr vorbei. Die Böen rissen die Gischt von den Wellen, das Salz und die Kälte brannten auf ihrem Gesicht – ja, so gefiel es ihr!

Trotz des böigen Windes hatte sie das Boot völlig unter Kontrolle. Jeder Handgriff war ihr vertraut. Am Ruder entspannte sie sich, und ihr Kopf wurde klar.

Sobald sie den Windschatten des Golden Gate verließ, erbebte der Rumpf unter dem Aufprall, wenn der Bug in die Wogen tauchte. In voller Fahrt schoss sie über das Wasser, hinaus aufs offene Meer, und drehte auf Nordwest. Zwanzig Minuten später wendete sie mit knallenden Segeln auf Südwest und segelte weiter hinaus in die Weiten des Pazifiks.

Das Boot krachte ins nächste Wellental und schoss auf der anderen Seite so ungestüm wieder hinauf, dass es einen Moment lang über dem Wasser zu schweben schien. Ein rascher Blick zurück: Die Lichter von San Francisco waren hinter dem Horizont verschwunden. Um sie herum nichts als das Meer, die Sterne und die Finsternis.

Gegen Mitternacht wendete Shannon das Boot mit dem Bug durch den Wind, jetzt wieder nach Norden. Die Böen waren eiskalt, die mit Gischt gesättigte Luft schmeckte nach Salz. Sie hielt ihr Gesicht in den Wind.

Rob. Eine Weile dachte sie darüber nach, was Tom ihr über seinen Sohn erzählt hatte und was sie dabei empfunden hatte. Sie hätte sich Skip so gern anvertraut, aber das war unmöglich. An der panischen Angst, sie könnte ihn verlassen, um mit Rob in Kapstadt oder Sydney zu leben, würde er zugrunde gehen. Wie immer musste sie ihre Entscheidung allein treffen.

Sie segelte hart am Wind. Mit großer Wucht krachte das Boot in die Wellen. Die Gischt spritzte auf und regnete auf sie herab. Gegen halb zwei wendete sie erneut und ging auf Südkurs.

Und der andere, der geheimnisvolle Fremde? Das vertraute Gespräch, die innigen Gefühle zwischen ihnen, die Berührung, der Kuss zum Abschied. Warum hatte sie ihn gehen lassen?

Kurz vor drei Uhr morgens wendete Shannon das Boot und schoss über die Wellen zurück nach San Francisco.

Sie hatte sich entschieden.

5

Schon als Shannon den Duryea an den Straßenrand fuhr, um vor dem Hotel zu parken, schaute sie sich nach dem Straßenwerber um. Doch es war keine Spur von ihm zu sehen. Kurz nach fünf. Noch viel Zeit bis zum Abendessen mit Tom.

Sie stieg aus und ging zum Portal hinüber. Immer wieder blickte sie sich nach ihm um. Aber er kam ihr nicht mit einem strahlenden Lächeln entgegen und hielt ihr mit einem Augenzwinkern den Gehstock hin, damit sie noch einmal darüber stolpern konnte, damit er sie noch einmal zum Kaffee einladen konnte, damit sie beide es besser machen konnten als beim ersten Mal. Eine Viertelstunde lang ging sie auf dem Gehweg auf und ab. Aber er kam nicht.

War es doch nur ein Traum voller Hoffnung und Sehnsucht?, fragte sie sich enttäuscht. Ja, vielleicht. Aber dieser Traum war zu schön, um ihn nicht bis zum Ende zu träumen. Seit der Trennung von Marcantonio war sie mit keinem Mann mehr zusammen gewesen. Nicht, dass es an Gelegenheiten gefehlt hätte. Für eine attraktive Frau war es nicht schwer, einen Mann fürs Bett zu finden – mit Marcantonio war es ja nicht anders gewesen. Sie hatte es nicht gewollt. Aber die Leidenschaft, mit der sie in Rom geliebt worden war, fehlte ihr.

Sie atmete tief durch und betrat das Hotel. In der Lobby war er nicht. Und in der Bar? Beim Barkeeper bestellte sie Cappuccino mit Amaretto. Ja, sicher, er erinnerte sich an sie. Ja, auch an den Gentleman, mit dem sie gestern hier gewesen war. Nein, er kannte ihn nicht, und nein, er wusste auch nicht, ob er schon einmal hier gewesen war. Sorry, Ma’am.

Kurz nach sechs. Immer wieder blickte sie sich wehmütig um, während sie an das Gespräch mit ihm zurückdachte. Eine Viertelstunde, ein zweiter Cappuccino, eine weitere Viertelstunde, aber er kam nicht. Kurz vor sieben. Shannon schob einen Dollarschein unter die leere Tasse und kehrte in die Lobby zurück. Hier vor dem Aufzug hatten sie sich geküsst. Ein warmes Gefühl rieselte durch ihren Körper, als sie sich daran erinnerte, wie seine Lippen die ihren berührt hatten. Wie er versucht hatte, sie zu umarmen und festzuhalten.

Sie wartete auf den Aufzug. Der Liftboy hatte den Kuss gesehen. Er hatte sie hinauf- und wieder hinuntergefahren. Vielleicht erinnerte er sich? Doch es war ein anderer Junge. Also ging sie wieder hinaus auf die Straße. Kurz vor sieben. Er kam nicht. Sie ging zurück in die Lobby.

Beinahe wäre sie Tom über den Weg gelaufen, der zu seiner Abendeinladung abgeholt wurde. Gerade noch rechtzeitig konnte sie sich in einem Sessel am Fenster hinter einer Vogue verstecken. Mr Portman schob den Rollstuhl durch die Lobby. Ein junger Mann half ihm, Tom die Stufen zum Gehweg hinunterzutragen, wo eine Kutsche auf ihn wartete. Verstohlen spähte Shannon aus dem Fenster. Den roten Duryea konnte Tom nicht übersehen. Stirnrunzelnd drehte er sich nach dem Auto um. Der Landauer fuhr los, wendete in weitem Bogen auf der Market Street und fuhr davon.

Wohin wollte Tom? Zum Nob Hill. Charlton feierte seinen Geburtstag, und Tom war eingeladen. Offenbar verhandelte er auch mit den Brandons. Shannon hatte Sissy seit Jahren nicht mehr gesehen – das letzte Mal, als ihr Bruder an einem Polospiel teilgenommen hatte. Josh hatte sie nur von Weitem auf dem Spielfeld gesehen, mit Breeches, Polostiefeln, Helm und Stick, aber Sissy war entgegen dem ungeschriebenen Protokoll der Tyrells und der Brandons, die gesellschaftlich nicht miteinander verkehrten, nur ein paar Schritte entfernt gewesen. Sie war eine Schönheit, groß und schlank, und Shannon vermutete, dass Charlton keine Skrupel haben würde, sie Tom als potenzielle Schwiegertochter zu präsentieren.

Shannon bestellte sich ein Glas Champagner – ein Vorwand, um nicht aufzustehen und zu gehen. Der Champagner wurde schal – wie ihre Rechtfertigung, noch länger zu bleiben. So sehr hatte sie gehofft, ihn wiederzusehen. Schon den ganzen Tag flogen ihre Gedanken zu ihm, zu seinem Gesicht, seinen warmen Augen, seinem dunklen Haar, seinem betörend männlichen Duft. Sie sehnte sich nach ihm, nach seiner Berührung und seinem Kuss.

Wohin war er verschwunden? Sie würde ihn wohl niemals wiedersehen. Ihn niemals näher kennenlernen. Ihn niemals bei der Hand nehmen und mit ihm am Strand spazieren gehen. Ihn nie zum Lachen bringen. Ihn nie mehr umarmen und küssen.

Kurz vor halb neun kehrte Tom wie verabredet zurück. Der Butler trug ihn die Stufen hinauf zum Portal und schob den Rollstuhl zum Aufzug. Sie wollte Tom nach oben folgen, als sie durch die Scheibe den Straßenwerber mit der Goldgräberausrüstung sah. Sie rannte fast nach draußen. Der Unfall gestern mit dem Gehstock? Ja, an den erinnere er sich. Der junge Mann? Nein, den kenne er nicht. Ja, der Gentleman sei schon ein paar Mal im Hotel gewesen und habe jedes Mal ein Päckchen Chesterfields bei ihm gekauft. Um sein Gehalt aufzubessern, verkaufe er nämlich Zigaretten, Schokolade und Bonbons. Ob er ihn wiedererkennen würde? Aber sicher. Eine Nachricht? Wie romantisch! Mit Vergnügen, Ma’am!

Sie hatte einen Stift bei sich, aber kein Briefpapier. Also kaufte sie ihm eine Tafel Ghirardelli-Schokolade ab, wickelte sie aus und kritzelte auf die Rückseite des Papiers.

Dear Sir,

hundert Mal habe ich versucht, Sie zu vergessen, und hundert Mal habe ich mich wieder an Sie erinnert. Ich möchte Sie um Verzeihung bitten, nicht für den Kuss, den wir beide, glaube ich, sehr genossen haben, sondern für meine überstürzte Flucht vor meinen Gefühlen. Und vor den Ihren, die ich als überwältigend empfand. Beim Abschied hofften Sie, wir könnten eines Tages wieder übereinanderstolpern. Wenn Sie uns beiden eine zweite Chance geben wollen, dann antworten Sie auf demselben Weg. Ich werde die Nachricht erhalten.

Yours truly, S.

Sie gab dem Straßenwerber ein großzügiges Trinkgeld, dann ging sie zurück ins Hotel, um Tom zum Abendessen abzuholen und mit ihm über seinen Sohn zu reden.

Was für eine infame, gewissenlose Unaufrichtigkeit!, dachte sie beschämt, als sie in den Aufzug stieg. Sie hatte Tom ins Herz geschlossen, und Rob würde ihr bestimmt ein guter Freund, ein leidenschaftlicher Liebhaber und ein in jeder Hinsicht annehmbarer Ehemann sein. Aber sie hatte sich Herz über Verstand in einen anderen verliebt. Romantisch, sentimental, ungestüm und völlig irrsinnig!

Eine letzte Kurve, dann kam das Cliff House in Sicht. Das hohe Gebäude mit den viktorianischen Ecktürmchen über den Klippen gewährte einen spektakulären Blick auf den Strand und die Sonnenuntergänge über dem Pazifik. Shannon hielt vor dem Eingang. Mr Portman half Tom in seinen Rollstuhl. Ein Kellner führte sie zu dem reservierten Séparée mit Blick auf die zerklüfteten Robbenfelsen in der Brandung. Der Butler schob Tom an den Tisch und ließ sie allein.

»Ich kann Ihnen heute das Lamm besonders empfehlen, Sir.« Der Kellner reichte Tom die Menükarte.

»Lamm kann ich in Australien essen. Ich besitze eine Schaffarm in New South Wales.« Tom reichte ihr die Karte. »Suchen Sie doch etwas aus, Shannon.«

Sie überflog das Menü. »Wir beginnen mit Oysters California Style. Mögen Sie Austern, Tom?«

»Hab ich noch nie gegessen.«

»Essen Sie lieber Fisch oder Steak?«

»Ist die Frage ernst gemeint?«

Shannon schmunzelte. »Also dann, Steaks und Lobster.«

Der Kellner nickte beflissen. »Wein, Ma’am?«

»Einen kalifornischen aus dem Sonoma Valley.«

»Eine gute Wahl, Ma’am. Einen ’89er Asti Cabernet?«

»Gern. Tom?«

»Ich hätte lieber ein kühles Bier. Haben Sie Guinness?«

»Selbstverständlich, Sir.« Der Kellner nahm die Menükarte.

Sobald sie allein waren, lehnte Tom sich in seinem Rollstuhl zurück, legte bedächtig die Hände zusammen und musterte sie über die verschränkten Finger hinweg. »Was ist los mit Ihnen?«

»Was meinen Sie?«, fragte sie angespannt.

»Sie sind die ganze Zeit so still. Sie wissen, dass ich vorhin auf dem Nob Hill war.«

»Ja, das weiß ich.« Sie war erleichtert. Tom hatte ihren Duryea vor dem Hotel stehen sehen, fragte jedoch nicht nach dem Kerl, der sie gestern aus der Fassung gebracht hatte.

»Sind Sie aufgebracht, weil ich mit Charlton verhandle?«

»Nein.«

»Wütend und enttäuscht?«

»Tom …«

»Ich sag’s Ihnen, wie es ist, Shannon.« Er legte die Hände auf den Tisch. »Das Angebot, das Charlton mir gemacht hat, ist wesentlich besser als Caitlins. Kennen Sie Josh?«

»Nein.«

»Ein smarter Junge. Er hat gut verhandelt, und er gefällt mir sehr. Josh ist ein prima Kerl. So wie seine Schwester.«

»Charlton hat Ihnen Sissy vorgestellt?«

»Genau.«

»Und?«, fragte sie nach.

»Sissy ist eine Schönheit. Sie hat Stil, Charme und Ausstrahlung. Wie Sie hat sie in Stanford studiert. Aber, anders als Sie, Kunst und Literatur. Wir haben uns über die Romane von Flaubert und die Bilder von Monet unterhalten. Sie schwärmt für Verdis Opern und würde gern Caruso kennenlernen, wenn er an der Met in New York singt.«

»Sissy scheint perfekt zu sein«, sagte sie anerkennend.

»So perfekt ein geschliffener Diamant nur sein kann. Aber wie Sie wissen, ziehe ich Opale vor. Sie haben mehr Wärme … mehr Tiefe.« Tom sah ihr in die Augen. »Wissen Sie, was Sissy trotz ihrer hundert Karat, ihrer makellosen Brillanz und ihres perfekten Schliffs fehlt?«

»Nein.«

»Das Leben«, sagte Tom. »Das, was ich an Ihnen so schätze, Shannon. Mut. Eigensinn. Abenteuerlust. Freiheitsliebe. Sie sind ein freier Mensch, was nur sehr wenige von sich behaupten können. Sissy ist nicht so taff wie Sie, ihr fehlt die Lebenserfahrung, die Sie während Ihrer Reisen in alle Welt erworben haben.« Tom nickte versonnen, als erinnerte er sich an ihre Reportagen im National Geographic. »Ich meine auch die Erfahrungen, die Sie in Rom gemacht haben – ich habe Ihnen gesagt, dass es mich nicht stört, ganz im Gegenteil. Sie leben die Liebe und lieben die Lebensfreude.« Tom spitzte die Lippen. »Sissy würde mit Rob nicht glücklich werden und Rob nicht mit ihr. Sie kann ihm bei der Führung von Conroy Enterprises nicht zur Seite stehen.«

»Tom …«

»Shannon, ich will, dass mein Junge nach meinem Tod versorgt ist. Das bedeutet nicht, dass ich ihm hundertvierzig Millionen vererbe, um ihm die Slums von London zu ersparen, aus denen ich einst gekommen bin, nachdem ich schon als Junge aus Cornwall weggegangen bin. Ich will mehr für meinen Jungen – das Beste, was ich kriegen kann. Ich will, dass ihm jemand zur Seite steht, dass sich jemand um ihn kümmert, dass ihn jemand betreut, wenn es ihm schlecht geht, wenn er älter wird. Ich weiß, wie es ist, allein alt zu werden. Ich will Rob das nicht zumuten. Ich möchte, dass jemand für ihn da ist.«

Der Kellner brachte die Getränke, und Tom trank einen Schluck Bier. Sobald sie wieder allein waren, wischte er sich den Schaum von den Lippen: »Rob fürchtet, dass er nicht alt wird.«

»Ist er krank?«, fragte Shannon bestürzt.

»Nein, er ist gesund und in bester körperlicher Verfassung. Er reitet gern – auch hin und wieder mal ein Rennen in Sydney oder Melbourne.« Tom atmete tief durch. »Es ist unsere Lebensweise. Die Opalsuche ist lebensgefährlich – mich hat sie meine Beine gekostet. Jeder Opal kann der letzte sein. Rob hat von Kindheit an gelernt, dem Tod ins Auge zu blicken. Er glaubt, dass ihm nicht mehr viele Jahre bleiben. Er will das Leben genießen, solange es dauert. Er will sich austoben: seine Affären, seine Walkabouts in die Wildnis, seine Pferderennen, seine ganze ungezähmte Wildheit. Rob braucht eine Freundin, die ihm Halt gibt, Zuversicht, Hoffnung, Anerkennung. Er braucht eine Geliebte, die zu ihm steht, die ihn erträgt, wie er ist, die ihn liebt. Und er braucht eine Ehefrau, die ihm endlich einen Erben schenkt.«

Shannon nippte an ihrem Wein.

»Sissy ist nicht die Richtige. Sie ähnelt zu sehr den Frauen, die Rob mir in den letzten Jahren vorgestellt hat. Er würde bestimmt viel Spaß mit ihr haben, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber sie kann ihn nicht zähmen. Sissy würde ihn verlassen, wenn sie ihn nicht mehr ertragen kann, und dann wäre Rob ganz allein.« Tom schüttelte langsam den Kopf. Er wirkte traurig. »Das ist das Schlimmste, was passieren kann – im Alter allein zu sein«, sagte er. »Das will ich meinem Jungen nicht zumuten. Er ist alles, was ich im Alter habe.«

Seine Worte berührten sie, und sie nickte stumm.

Er legte seine Hand auf ihre – sie spürte seine Wärme. »Ich will Sie, Shannon. Das ist mir einige Millionen wert.«

»Tom …«

»Ich habe nur Rob.« Seine Hand nahm er nicht fort, und die innige Berührung tat Shannon gut. »Und Sie.«

»Sie lieben ihn so sehr«, sagte sie gerührt.

»Ja, das tue ich. Aber in Sie habe ich mich auch verliebt.«

Sie schluckte trocken. »Tom, bitte …«

»Shannon, im Namen meines Sohnes möchte ich Sie um Ihre Hand bitten. Werden Sie Rob heiraten?«

Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Das alles ging ihr sehr nah.

»Zweihundertneunzig Millionen Dollar, Shannon, ihr flotter Flitzer nicht mitgerechnet.« Er lächelte matt. »Das Schicksal von zwei Firmenimperien liegt in Ihrer Hand.« Tom schob einen Opalring über den Finger ihrer linken Hand. Der Stein schimmerte in allen Schattierungen von Blau. In der Tiefe konnte sie ein weißes Flirren entdecken, wie von Wolken über dem Pazifik. Dazwischen funkelte es golden, als glitzerte das Sonnenlicht auf den Wellen einer Lagune.

»Dieser Opal heißt Tahitian Lagoon. Ich weiß, wie gern Sie nach Tahiti reisen wollen. Rob wird Sie begleiten, in den Flitterwochen. Ihr beide werdet eine schöne Zeit haben … in der Lagune segeln … nach Perlen tauchen … oder einfach in der Sonne liegen und reden …«

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und blickte aus dem Fenster. Lichtfunken beleuchteten die Robbenfelsen und glitzerten auf den gischtigen Wellen. Offenbar hatte Charlton gerade sein Feuerwerk entzünden lassen.

Was sollte sie antworten?

Ja, Tom, ich werde Ihren Sohn heiraten, weil Rob mich interessiert und herausfordert und weil ich Sie als liebevollen Vater dazubekomme, ein Heim und eine Familie, für die ich mich nicht schämen muss, und die Freiheit, ohne die ich nicht leben kann.

Nein, Tom, ich kann Rob nicht heiraten, weil ich mich gestern auf dem Weg zu Ihnen in einen anderen verliebt habe, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn je wiedersehe oder ob er mir all das bieten kann.

Sollte sie auf ihr Herz hören oder auf ihren Verstand? Sollte sie auf eine Antwort auf ihren Brief auf dem Schokoladenpapier warten? Aber würde er denn überhaupt antworten?

»Shannon?« Toms Stimme klang sanft.

Sie streifte den Ring vom Finger und legte ihn auf den Tisch. »Geben Sie ihn mir, wenn ich mich entschieden habe.«

»Sie brauchen Bedenkzeit.«

»Gewähren Sie mir drei Tage.«

»Shannon, wenn Sie länger brauchen …«

»Drei Tage«, sagte sie mit fester Stimme.

»Ich hatte nichts anderes von Ihnen erwartet«, gestand er ernst. »Falls Sie akzeptieren, werde ich Rob telegrafieren, dass er kommen soll. Ich will, dass ihr beide euch in Ruhe kennenlernt, bevor ihr euch füreinander entscheidet. Dass ihr miteinander ausreitet, vielleicht ins Yosemite Valley. Wer weiß, was an einem Lagerfeuer in der Wildnis alles geschehen kann, wenn ihr euch unter der Decke gegenseitig ein bisschen wärmt?« Er zwinkerte. »Vielleicht springt der Funke über, und unter der Decke brennt es lichterloh. Einverstanden?«

Sie musste lächeln. »Einverstanden.«

»Und Josh werde ich absagen, sobald Sie sich für Rob entschieden haben.«

»Danke, Tom.«

»Ich tu’s nicht für Caitlin. Ich würde lieber mit Charlton kooperieren, nicht nur, weil sein Angebot besser ist. Er ist ein feiner Kerl mit Manieren, die ich bei Caitlin vermisse. Und auf Josh kann er stolz sein, ebenso wie auf Sissy. Ich tu’s für Rob, denn ich habe nur diesen einen Sohn und diese eine Chance, es richtig zu machen. Und ich tu’s für Sie, Shannon.«

»Danke, Tom, von ganzem Herzen.«

Tom  legte  seine  Hand auf  ihre.

Kurz darauf brachte der Kellner die Austern, und die Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, entlud sich in ausgelassenem Gelächter, als sie ihm erklärte, wie er seine Oysters California Style schlürfen sollte: auf die kalifornische Art – von der gegenüberliegenden Seite der Schale. Er versuchte es tatsächlich!

Der Rest des Abends verging in fröhlicher Stimmung. Während die Steaks und die Hummer serviert wurden, erzählte Tom, wie es ihn von London nach Sydney verschlagen hatte.

»Um Opale zu suchen?«

Tom schüttelte den Kopf. »Gold.«

Was er erzählte, klang wie eine Liebeserklärung an Australien, die gleißende Sonne, den roten Staub, die Wildnis des Outback. Wie Charlton hatte Tom mit seiner verbeulten Pfanne Gold gewaschen, hatte jedoch kaum mehr als eine Hand voll Goldstaub gefunden. Im Jahr darauf baute er im Barossa Valley in South Australia Wein an, doch seine Rebstöcke verdorrten schon vor der ersten Weinernte, und Tom verlor alles. Jahrelang schlug er sich als Arbeiter auf einer Schaffarm in New South Wales durch, bis er genug Geld hatte, um die Farm zu kaufen. Ein Steppenbrand vernichtete jedoch die Weideflächen und viele Schafe, und Tom musste wieder von vorn anfangen. Als er dann von den schwarzen Opalen hörte, ließ er alles stehen und liegen und machte sich zu Fuß auf den Weg nach Lightning Ridge unweit der Grenze zu Queensland. Den Rest der Geschichte kannte Shannon, er hatte sie ihr gestern erzählt: Tom hatte im Geröll gescharrt und seinen ersten Opal gefunden.

Nach dem Brandy und der Zigarre – Tom bot ihr tatsächlich eine an! – drückte sie ihm die Kamera in die Hand, damit er für Rob ein Foto von ihr schoss. Bei dem einen blieb es natürlich nicht, und Tom hatte seinen Spaß dabei.

Lange nach Mitternacht fuhr Shannon ihn zurück zum Hotel.

»Danke für den schönen Abend«, verabschiedete er sich. »Ich habe lange nicht mehr so gelacht.«

»Ich fand’s auch sehr schön. Gute Nacht.«

Unvermittelt lehnte er sich zu ihr herüber und küsste sie auf die Wange. »Gute Nacht.«

Sie wartete, bis der Butler ihn in den Rollstuhl gehoben hatte, dann winkte sie ihm zu, wendete den Wagen und fuhr die Market Street entlang, um kurz darauf zum Nob Hill abzubiegen. Die Tränen in ihren Augen stammten nicht vom kalten Fahrtwind.

Von einer erhöhten Stelle des Gartens blickte Josh auf die Schar der Feiernden in formeller Abendgarderobe, die Charlton nach dem For he’s a jolly good fellow ausgelassen zujubelten.

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