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Im Hauch des Abendwindes

ELIZABETH HARAN

IM HAUCH
DES
ABENDWINDES

Roman

Übersetzung aus dem
australischen Englisch
von Sylvia Strasser




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Für meine beste Freundin Gail Menner

Gail, zusammen haben wir schon manche Unwägbarkeit des Lebens gemeistert. Und wir teilen so viele kostbare Erinnerungen.

Ich bewundere, dass du jeden Tag so auskostest, als sei es der letzte. Und ich hoffe, wir werden immer so viel gemeinsam lachen, auch wenn wir einmal so alt sind, dass wir gar nicht mehr wissen, warum wir lachen.


This book is for my best friend, Gail Menner.

Gail, we’ve travelled life’s bumpy road, side by side. We’ve shared so many special memories.

I admire the way you live every day as if it’s your last, and I hope we’re still laughing as much, even when we’re too old to remember why.

1

Ranke

Australien
Sommer 1968

Es hatte den Anschein, als würde sich die Mundi-Mundi-Ebene bis ans Ende der Welt erstrecken. Während die Schatten der Nacht allmählich zurückgedrängt wurden, hüpften Riesenkängurus mit großen, mühelosen Sprüngen durch die uralte Landschaft, und ein leiser Windhauch trug das Versprechen eines weiteren sengend heißen Tages heran.

Über der scheinbar endlosen Weite rüttelten Falken, Keilschwanzadler segelten auf der Suche nach Beute anmutig durch die Lüfte. Es war der ewige Kreislauf des Lebens, der sich seit Jahrtausenden unverändert vollzog.

Ein einsamer Reiter verharrte in den ersten Sonnenstrahlen, die sich über den Horizont tasteten. Pferd und Reiter zeichneten sich dunkel gegen den Morgenhimmel ab, der mit den unglaublichsten Farben bebändert war. Das Pferd schnaubte ungeduldig, warf den Kopf nach hinten und stampfte mit dem Vorderhuf. Der Reiter beugte sich vor und schloss seine Hände fester um die Zügel. Ein Schuss aus einer Startpistole krachte. Der Knall hallte meilenweit in der Stille wider und verlor sich dann in der Unendlichkeit.

Angetrieben von Ehrfurcht gebietender Kraft schoss das Pferd davon. Eine Wolke aus rostrotem Staub wurde aufgewirbelt. Der Reiter lächelte. Die kühle Morgenluft wirkte belebend und befreiend. Das Donnern der Pferdehufe auf dem steinigen Boden der Geröllwüste war das einzige Geräusch in der vollkommenen Stille des australischen Outbacks.

Tausendfünfhundert Meter entfernt stand ein Mann mit einer Stoppuhr und wartete. Als Pferd und Reiter auf ihn zupreschten, hielt er unwillkürlich den Atem an, den Daumen auf dem Stoppknopf, bereit, ihn herunterzudrücken. Der Zauber dieses Ortes hatte ihn gefangen genommen, und er spürte, dass er Zeuge von etwas ganz Außergewöhnlichem werden würde. Es war, als hätten sich die Geister der Mundi-Mundi-Ebene eingefunden, um diesem Pferd ihren Beistand zu gewähren und es zur Höchstleistung anzutreiben.

Wie ein silberner Blitz schoss es an dem Mann vorbei. Er drückte die Stoppuhr. Sein Herz klopfte, als er den Blick senkte und auf das Ziffernblatt schaute. Er traute seinen Augen nicht. Langsam verzog er sein von einem struppigen Bart überwuchertes Gesicht zu einem Lächeln, das immer breiter wurde. Dann warf er den Kopf zurück und stieß ein lautes Freudengeheul aus. Das Pferd verlangsamte sein Tempo und kehrte schnaubend, in lockerem Trab und mit weit aufgerissenen Augen zu ihm zurück.

Atemlos und innerlich aufgewühlt von dem wilden Ritt sprang der kleine, zierliche Reiter aus dem Sattel.

»Hey, Jed, mir scheint, Silver Flake hat heute Flügel gehabt. Ich dachte schon, sie würde gleich abheben!«

»Ja, du bist geflogen wie eins von diesen Düsenflugzeugen, Kadee!« Der Trainer lachte und ahmte mit einer Handbewegung ein vom Boden abhebendes Flugzeug nach. »Wir sind bereit für den Alice Springs Cup! Silver Flake wird alle um zehn Längen schlagen. Ich sage dir, sie wird Geschichte schreiben! Du wirst noch an meine Worte denken.«

2

Ranke

Am gleichen Tag in Lane Cove, einem kleinen Vorort von Sydney. Es war einer dieser typischen hektischen Samstagvormittage in Barbie McKenzies Frisiersalon in der Burns Bay Road. Barbie, ihre Angestellte Ruby Rosewell und das Lehrmädchen Marissa Kendal hatten alle Hände voll zu tun. Die Damen einer Hochzeitsgesellschaft waren gekommen, um sich die Haare machen zu lassen. Haartrockner und Trockenhauben dröhnten und brummten, in der Luft hing der Geruch von Shampoo und Haarspray, und alle plapperten wild durcheinander.

Im Hintergrund lief das Radio. Elvis Presley sang Blue Suede Shoes. Barbies Vorbild in puncto Mode und Frisur war zwar Dusty Springfield, aber sie war ein großer Elvis-Fan, und so summte sie gut gelaunt mit. Ruby und Marissa standen mehr auf die Beatles, die Rolling Stones und die Animals. Als ein paar Minuten später House of the Rising Sun gespielt wurde, stellte Ruby das Radio lauter und sang mit Eric Burdon mit. Barbie warf ihr einen finsteren Blick zu, doch das war nur Spaß. Ihre Kundinnen störte die Musik nicht im Geringsten, und sie selbst liebte die junge, beschwingte Atmosphäre in ihrem Salon.

Barbie trug ebenso wie ihre Angestellten einen schwarz-weiß gestreiften Kittel, der ein ganzes Stück über dem Knie endete, und schwarze Lacklederschuhe mit einem kleinen Absatz. Der Fußboden war schachbrettartig in Schwarz und Weiß gemustert, und große Poster jener Modeikonen, die gerade im Trend waren, schmückten die weißen Wände. Zum Angebot des Salons gehörten neben den neuesten Haarpflegeprodukten auch Perücken und Haarteile in den unterschiedlichsten Farben sowie übergroße Handtaschen. Es war ein junger, dynamischer Laden, und Ruby und Marissa liebten es, dort zu arbeiten.

Die meisten Frauen waren Stammkundinnen, die Barbie und ihre Angestellten sehr gut kannten. Sie blätterten in den aktuellen Modemagazinen, deren Titelseiten bekannte Models wie Twiggy oder »The Shrimp« Jean Shrimpton zierten, und plauderten fröhlich über alles Mögliche miteinander, angefangen von Miniröcken und kniehohen Schnürstiefeln – der letzte Schrei – bis hin zu Lippenstiften in Pastellfarben und falschen Wimpern.

Während Marissa ihrer Kundin die Lockenwickler herausdrehte und ihr dann die Haare toupierte, unterhielten sie sich über ein Mädchen, das sie beide kannten.

»Ich hab gehört, dass Chrissie schon wieder einen neuen Freund hat«, sagte die Frau. Es klang ein bisschen neidisch. Sie ließ sich ihre blonden Haare im Jean-Shrimpton-Look frisieren: üppiger Pony und viel Toupieren.

»Im Ernst? Da kommt man ja kaum noch mit dem Zählen nach«, bemerkte Marissa boshaft. Sie nebelte den Kopf ihrer Kundin mit Haarspray ein. »Wer ist es denn dieses Mal?«

»Wie er heißt, weiß ich nicht, aber vielleicht kennen Sie ihn ja; er soll nämlich oft im Longueville Hotel sein, wo er Darts spielt. Mehr weiß ich nicht.«

Marissa dachte sofort an Gavin, Rubys Verlobten. Er spielte für sein Leben gern Darts, und Ruby sah ihm oft dabei zu. In letzter Zeit hatte sie allerdings wenig Gelegenheit dazu gehabt, weil Barbie sich einer Blinddarmoperation hatte unterziehen müssen und Ruby daher länger arbeiten musste.

Ruby kehrte mit ihrer Kundin vom Haarwaschbecken zurück. Als sie Platz genommen hatte, frottierte sie ihr die Haare und kämmte sie aus. Das dauerte nicht lange, weil sie ihre Haare so kurz wie Twiggy trug.

»Sharon hat gerade erzählt, dass Chrissie Williams einen neuen Freund hat«, sagte Marissa zu Ruby. »Dieses Flittchen hat schon mehr Männer vernascht als warme Mahlzeiten!«

Ruby verdrehte die Augen. »Wen hat sie sich denn diesmal geangelt?«

Kein Mann konnte Chrissie, einer vollbusigen Blondine mit großen babyblauen Augen, widerstehen, nicht einmal jene, die in festen Händen waren. Chrissie hatte einen Teilzeitjob als Kellnerin im Longueville Hotel und arbeitete außerdem in einer schicken Modeboutique ganz in der Nähe.

»Keine Ahnung, ich kenne ihn nicht«, antwortete die Frau, die Sharon hieß. Sie sah eine der anderen Kundinnen an. »Weißt du, wer es ist?« Die Angesprochene schüttelte den Kopf. »Sie hat es ja nicht lange ausgehalten mit Phil McMahon, diesem Fußballspieler, der von Leeds nach Sydney wechselte«, fuhr Sharon fort. »Sie hat ihn Pam Squires ausgespannt, habt ihr das gewusst? Na ja, wahrscheinlich hat er nach seinem anstrengenden Training nicht mehr genug Puste für sie gehabt«, fügte sie gehässig hinzu.

Die Mädchen lachten über diese Bemerkung. Dann wechselten sie das Thema und unterhielten sich über die Monkees, die amerikanische Popgruppe, die später in diesem Jahr nach Australien kommen würde.

»Davy Jones ist ja so süß«, schwärmte eines der Mädchen. »Also, ich werde mir auf jeden Fall eine Karte für ihr Konzert kaufen, sobald sie erhältlich sind.«

»Ich finde Micky Dolenz viel niedlicher«, erwiderte eine junge Frau. »Mein Freund Kevin sieht ihm zum Verwechseln ähnlich, findet ihr nicht?«

Die Mädchen guckten sie verblüfft an. Dann brachen sie in Gelächter aus. »Na ja, wenn du meinst …«

Barbie nahm ihrer Kundin die Trockenhaube ab und drehte ihr die Lockenwickler heraus.

»Hey, Sheryl«, rief eines der Mädchen der Frau zu, die unter der Trockenhaube gesessen hatte, »wie heißt noch mal Chrissie Williams’ neueste Eroberung? Wir haben gerade darüber gesprochen, dass sie die Männer häufiger wechselt als ihre Unterwäsche.«

Ruby, die ihre Kundin frisierte, hörte nur mit halbem Ohr zu.

»Gavin«, antwortete Sheryl. »Er heißt Gavin. Einer von den Typen, die regelmäßig im Longueville Hotel Darts spielen. Wieso fragst du?«

Zwei Stammkundinnen warfen Ruby verstohlene Blicke zu. Im Gegensatz zu Sheryl wussten die beiden, dass Rubys Verlobter Gavin hieß und ein leidenschaftlicher Dartsspieler war.

»Bist du sicher?«

»Ja, ganz sicher«, erwiderte Sheryl mit Nachdruck. »Er ist Lackierer von Beruf. Ich weiß das, weil er in Roy’s Autolackiererei arbeitet und den Wagen meines Bruders neu lackiert hat. Ihr wisst doch, wie pingelig Freddie mit seinem Cortina ist.«

Ruby, die den letzten Teil der Unterhaltung mit angehört hatte, fuhr herum und starrte Sheryl offenen Mundes an.

»Das ist bestimmt ein anderer Gavin«, sagte Sharon peinlich berührt.

Barbie achtete nicht auf das Gespräch, aber Marissa sah Ruby beunruhigt an.

Sheryl, die sich keinen Reim auf Rubys Reaktion machen konnte, blickte verwirrt von ihr zu Sharon.

»Rubys Verlobter heißt Gavin«, erklärte die. »Er ist auch Autolackierer und spielt gern Darts. Das ist sicher nicht der Typ, mit dem Chrissie was hat, oder?«

Sheryl war blass geworden. »N-nein, sicher nicht«, stammelte sie.

Ruby funkelte sie finster an. Sie war im Begriff gewesen, ihre Kundin zu kämmen, hatte aber mitten in der Bewegung innegehalten. Ihre Hände zitterten. »Haben Sie ihn schon mal gesehen?«

»Äh … ja«, antwortete Sheryl vorsichtig.

»Und, wie sieht er aus?«

Sheryl zögerte. »Na ja, er ist durchschnittlich groß und hat rote Haare.«

Sie beobachtete Rubys versteinerte Miene und kam zu dem Schluss, dass das keine guten Nachrichten waren.

Ruby wandte sich ab und verharrte einen Augenblick regungslos. Gavin hatte rote Haare, und alle Stammkundinnen wussten das. Sheryl war die Einzige, die Rubys Verlobten nicht kannte.

Einen Moment später hatte sich Ruby so weit im Griff, dass sie weiterarbeiten konnte. Die jungen Frauen wechselten betroffene Blicke.

»Was ist denn?«, flüsterte Sheryl kaum hörbar. »Das ist doch nicht ihr Gavin, oder?«

Der Vormittag zog sich scheinbar endlos hin. Ruby arbeitete rein mechanisch, mit ihren Gedanken war sie ganz woanders. Dann war es endlich geschafft. Begleitet von den guten Wünschen Barbies, Rubys und Marissas verließen die Kundinnen den Laden.

Ruby und Marissa begannen mit dem Aufräumen und Saubermachen.

»Vielleicht hat sich Sheryl ja geirrt«, flüsterte Marissa, während sie den Boden aufwischte. Sie konnte Ruby ansehen, wie bedrückt sie war und dass sie sich nur mühsam zusammenriss.

»Ich bezweifle stark, dass es zwei Gavins mit roten Haaren gibt, die beide Autolackierer sind und öfter im Longueville Hotel Darts spielen«, fauchte Ruby, die die feuchten Handtücher einsammelte. Sie tat einen tiefen Atemzug, um sich zu beruhigen. »So viele Zufälle gibt es nicht.«

Sie war völlig außer sich, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen. Ihr Gavin und Chrissie Williams? Sie durfte sich das gar nicht vorstellen! Er habe an diesem Tag noch länger in der Lackiererei zu tun, hatte er gesagt, und werde nicht vor ein oder zwei Uhr fertig sein. Ob er sie angelogen hatte? Ruby musste sich zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen.

Barbie, die telefoniert hatte, legte den Hörer auf und wandte sich langsam um. »Ruby, bleib bitte noch einen Moment da, ich muss mit dir reden«, sagte sie dumpf.

Ruby blickte kurz auf und nickte. Es war ein heißer Februartag gewesen. Jetzt wurde es schwül. Dunkle Wolken zogen über den Himmel. Ruby war immer schon abergläubisch gewesen, das hatte sie von ihrer Mutter, und sie war überzeugt, dass gewitterschwüle Tage wie dieser schlechte Nachrichten brachten. Es schien, als sollte sie Recht behalten.

Marissa hatte den Eimer samt Putzlappen an seinen Platz zurückgestellt, griff nach ihrem Regenschirm und ging zur Ladentür.

»Wenn ich mich beeile, kriege ich noch den Bus um halb eins«, rief sie den anderen zu.

Es war ihr ein bisschen unangenehm, dass sie nicht dablieb, um Ruby zu trösten, aber sie wusste nicht, was sie ihr sagen sollte. Normalerweise gingen sie nach der Arbeit zusammen ein Stück die Straße hinauf, wo Marissa in den 421er stieg, der nach Chatswood, den angrenzenden Vorort, fuhr. Ruby ging von dort aus zu Fuß nach Hause.

»Geh nur«, sagte Ruby. Sie wollte selbst so schnell wie möglich nach Hause und sich bei ihrer Mutter ausweinen. »Wir sehen uns dann Montagmorgen.«

»Okay. Ruf mich an, wenn du jemanden zum Reden brauchst.« Marissa winkte ihr kurz zu und huschte hinaus.

Ruby drehte sich zu Barbie um, die, wie sie jetzt erst bemerkte, ein betretenes Gesicht machte. Eine düstere Vorahnung überkam sie. Sie wartete, aber Barbie schwieg. Sie arbeitete seit achteinhalb Jahren in diesem Salon, in dem sie auch ihre Lehre gemacht hatte, und kannte Barbie als strenge, anspruchsvolle und kritische, zugleich aber auch gerechte Chefin.

»Stimmt was nicht?«

»Das war mein Vermieter, der gerade angerufen hat«, erwiderte Barbie stirnrunzelnd. »Mein Mietvertrag läuft aus, und wir hatten schon einige Male eine kleine Diskussion wegen der Miete.«

»Oh.«

Ruby nahm an, Barbie wollte wie so oft, wenn sie etwas bedrückte, ihre Meinung dazu hören. Barbie versicherte ihr immer wieder, dass sie ausgezeichnete Arbeit leiste und sie gar nicht wisse, was sie ohne sie machen würde.

»Letzte Woche meinte er, er werde meine Miete möglicherweise um fünfzig Prozent erhöhen müssen, und das wäre ein schwerer Schlag für mich, Ruby. Gerade eben hat er mir die Mieterhöhung bestätigt. In den nächsten Monaten sollen zwölf Läden hier in der Straße grundlegend renoviert werden, und selbstverständlich werden die hohen Kosten dafür auf die Mieter umgelegt.«

»Aber der Laden läuft doch gut, oder?«

Ruby hoffte, dass Barbie nicht etwa daran dachte, den Salon zu schließen. Sie hatten eine treue Stammkundschaft und waren normalerweise von Montag bis Freitag ausgebucht. Und samstagvormittags hatten sie meistens eine Hochzeitsgesellschaft, die sich für die Trauung hübsch machen ließ.

Rubys Traum war ein eigener Frisiersalon, aber sie und Gavin hatten beschlossen, erst einmal für die Autolackiererei zu sparen, die er nach der Hochzeit eröffnen wollte. Das heißt, er hatte das beschlossen. Immerhin werde er derjenige sein, der die Brötchen verdiene, sobald sie verheiratet seien, hatte er argumentiert, und Ruby musste ihm Recht geben. So hatte sie ihren Traum zwangsläufig zurückgestellt. Doch das hatte sie nicht davon abgehalten, sich einen leer stehenden Laden anzusehen. Sie hatte sogar mit der Eigentümerin gesprochen, die in dem Anbau nebenan wohnte, und die war ganz angetan gewesen von dem Gedanken, ihr das Geschäft zu vermieten. Sogar einen Namen für ihren Salon hatte sich Ruby schon ausgedacht: Creative Hair by Ruby. Der Laden lag an einer Hauptstraße nicht weit von ihrer Wohnung entfernt, aber weit genug von Barbies Salon, sodass sie ihr keine Konkurrenz machen würde. Als sie mit Gavin darüber gesprochen hatte, hatte er sich taub gestellt und darauf bestanden, dass sie sich zuerst nach einem geeigneten Platz für seine geplante Werkstatt umsahen.

»Na ja, im Großen und Ganzen kann ich nicht klagen, Ruby«, antwortete Barbie, »aber ich kann nicht dein Gehalt und gleichzeitig so viel mehr Miete zahlen. Das musst du verstehen. Es tut mir wirklich leid.«

Ruby starrte sie entgeistert an. »Was? Sie wollen mich entlassen?«

»Ich habe es genau durchgerechnet. Ich kann unmöglich ein volles Gehalt und einen Lehrling bezahlen, und Marissa kann ich nicht kündigen – sie hat einen Ausbildungsvertrag, an den ich mich halten muss. Das heißt, ich muss mich von dir trennen.«

Ruby wurde blass. Eine Sekunde lang fehlten ihr die Worte. Dann sagte sie: »Wie hätten Sie das alles heute ohne meine Hilfe geschafft, mit nur einem Lehrling? Marissa wäre niemals imstande gewesen, mich zu ersetzen!«

»Das weiß ich doch. Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als weniger Kunden anzunehmen. Aber Marissa befindet sich bald im dritten Lehrjahr, sodass ich ihr auch mehr Verantwortung übertragen kann. Es tut mir wirklich leid, Ruby«, fügte sie bedauernd hinzu. »Du wirst mir fehlen.«

Ruby war am Boden zerstört. Zwei schwere Nackenschläge an einem Tag waren mehr, als sie verkraften konnte. Sie schüttelte langsam den Kopf und flüsterte fassungslos: »Ich kann nicht glauben, dass Sie mich einfach so rauswerfen.«

»Genau genommen werfe ich dich ja nicht raus. Ich lasse dich gehen. Und du kriegst ein hervorragendes Zeugnis von mir. Eine gute Friseurin wie du findet schnell wieder eine Stelle. Wäre die Sache mit der Renovierung und der Mieterhöhung nicht dazwischengekommen, hätte ich dich gern behalten, aber es ist weiß Gott kein Luxus, dass die Häuser hier auf Vordermann gebracht werden.«

Ruby hörte nur mit halbem Ohr zu. Im nördlichen Sydney gab es nicht allzu viele Frisiersalons, bei denen sie sich bewerben konnte, und das bedeutete, dass sie lange Arbeitswege in Kauf nehmen musste, was wiederum bedeutete, dass sie weniger Zeit für ihre Mutter und für ihren Verlobten hatte – falls Gavin überhaupt noch ihr Verlobter war. Von den zusätzlichen Kosten für Bus oder Bahn einmal ganz abgesehen. Täglich öffentliche Verkehrsmittel benutzen zu müssen lief ins Geld, und es würde viel länger dauern, bis sie sich ihren eigenen Salon würde leisten können.

»Komm Montag vorbei, dann zahle ich dir dein Restgehalt aus«, sagte Barbie. Draußen hupte jemand. Sie warf einen raschen Blick aus dem Fenster und sah ihren Mann im absoluten Halteverbot stehen. »Das ist Freddie, ich muss los.«

Sie griff nach ihrer Handtasche und stellte das Radio ab. Lulu hatte gerade To Sir with Love gesungen, einer von Rubys und Marissas Lieblingssongs. Marissa gefiel der Schlager so gut, dass sie die Haare jetzt genau wie Lulu trug.

Barbie hatte es eilig. Sie schob Ruby zur Tür hinaus und schloss hinter ihnen ab. Fred McKenzie wartete in einem nagelneuen Holden Monaro Sportcoupé auf seine Frau. Er lächelte und winkte. So schlecht kann es ihnen ja nicht gehen, wenn sie sich so ein schickes neues Auto leisten können, dachte Ruby bitter. Es fiel ihr schwer, die Hand zu heben und zurückzuwinken.

»Wir sehen uns dann Montag. Du brauchst nicht in aller Frühe herzukommen, schlaf ruhig aus.« Barbie zögerte und fügte dann hinzu: »Mach dir keine Sorgen, Ruby. Du bist gut in deinem Beruf, und du hast den jungen, modischen Look, der bei den trendigen Salons gefragt ist. Du kommst schon klar.« Damit eilte sie zu dem wartenden Auto.

Ruby stand wie angewurzelt auf dem Bürgersteig und starrte ihr nach. Einige Passanten musterten neugierig die schlanke, attraktive junge Frau mit den kurzen, fast schwarzen Haaren und dem üppigen Pony, der so groß in Mode war. Sie hatte wunderschöne tiefblaue, schwarz umrandete Augen, die jetzt allerdings in Tränen schwammen.

Als der Wagen der McKenzies sich in den dichten Samstagsverkehr einfädelte, fielen die ersten Regentropfen.

Der Himmel schien mit Ruby zu trauern.

3

Ranke

Es regnete zum Glück nur leicht, als Ruby sich niedergeschlagen auf den Heimweg machte. Sie wusste nicht, was ihr größere Sorgen bereitete – dass sie ihre Stelle verloren hatte oder dass Gavin sie möglicherweise mit Chrissie Williams betrog. Sie hatten Anfang nächsten Jahres heiraten wollen, deshalb konnte sie nicht glauben, dass er so etwas tun würde. Hätte er nicht der Versuchung widerstehen müssen, wenn er sie so sehr liebte, wie er immer behauptete?

Bis zu der Wohnung, die Ruby und ihre Mutter sich teilten, waren es zu Fuß nur fünfzehn Minuten. Gavin wohnte ein Stück weiter weg. Ruby sah stirnrunzelnd zu den dunklen Regenwolken hinauf. Konnte sie es riskieren, zu Gavin zu gehen, oder würde sie bis auf die Haut nass werden? Eigentlich hatte sie keine Wahl, wenn sie die Wahrheit herausfinden wollte, und das musste sie unbedingt. Sie würde seine Nachbarn ausfragen. In seinem Wohnblock wohnten viele Frauen, und sie hoffte, sie erzählten es ihr aus weiblicher Solidarität, wenn sie ihn mit einer anderen gesehen hatten.

Es war kurz vor eins, als Ruby Gavins Haus erreichte. Falls er tatsächlich arbeiten gegangen war, wie er behauptet hatte, würde er vielleicht noch nicht zurück sein. Die drei hufeisenförmig angeordneten Wohnblöcke umschlossen eine Grünfläche mit einem kleinen Kinderspielplatz, zwei Bänken sowie ein paar Bäumen und Sträuchern. Trotz des Regens hatten sich einige wenige Mütter eingefunden, die ihren Kindern beim Schaukeln und Spielen auf der Rutsche zusahen. Ruby kannte eine von ihnen, weil sie schon im Salon gewesen war. Sie hieß Diane Medlow und hatte zwei kleine Kinder – einen Jungen, der gerade laufen lernte, und ein dreijähriges Mädchen. Dora saß auf der Schaukel, und Ruby, die ihr schon einmal die Haare geschnitten hatte, ging zu ihr, schubste sie an und sprach mit ihr.

»Hallo, Ruby«, rief Diane ihr zu. »Möchten Sie zu Gavin?«

Ruby nickte. »Ja.« Sie ging zu Diane hinüber, die auf einer Bank saß. »Wissen Sie zufällig, ob er zu Hause ist? Haben Sie ihn heute schon gesehen? Oder irgendwann in den letzten Tagen?«

»Nein.« Diane schüttelte den Kopf. »Aber wir waren auch viel drinnen, weil Dora und Geoffrey die Masern hatten.«

Ruby machte ein enttäuschtes Gesicht. Sie sah nacheinander die anderen jungen Mütter an, ob sie eine von ihnen zufällig kannte.

Diane folgte ihrem Blick. »Kelly ist vor ein paar Monaten in eine Wohnung auf dem gleichen Stock wie Gavin gezogen, zwei Türen nebenan. Sie lebt allein mit ihrem Kind. Vielleicht hat sie ihn ja gesehen.« Sie wandte sich der jungen Frau zu, die mit ihrem krabbelnden Baby auf einer Decke im Gras saß. »Hey, Kelly, hast du Gavin heute schon gesehen?«

»Gavin?« Kellys Blick huschte von Diane zu Ruby. »Ja, ich glaube, er ist zu Hause«, antwortete sie zögernd.

Als sie Gavin einmal zum Kaffee eingeladen hatte, hatte er ihr erzählt, er habe eine Freundin. Sie wusste aber nicht, wer diese Freundin war, weil sie ihn sowohl mit Ruby als auch mit einem anderen Mädchen gesehen hatte. Und mit ihr hatte er auch ganz schön geflirtet. Falls Ruby seine richtige Freundin war, konnte sie einem wirklich leidtun.

Irgendetwas an Kellys Gesichtsausdruck machte Ruby misstrauisch. Sie blickte zum dritten Stock hinauf zu Gavins Wohnung, und genau in diesem Moment ging die Tür auf. Rubys Herz machte einen kleinen freudigen Hüpfer. Er war da! Er zog nicht mit Chrissie durch die Gegend. Gavin trat auf den Laubengang hinaus. Ruby wollte ihn gerade rufen, als sie noch jemanden aus der Wohnung kommen sah – es war Chrissie. Ruby schnappte nach Luft, als hätte ihr jemand in den Magen geboxt. Als Gavin sich der Grünfläche zuwandte, duckte Ruby sich blitzschnell hinter Diane. Vorsichtig lugte sie nach oben. Gavin und Chrissie hielten sich an den Händen und küssten sich liebevoll.

Ruby klappte der Unterkiefer herunter. Dann stimmte es also, was die Leute erzählten. Eine Vielzahl unterschiedlichster Emotionen erfasste sie, vor allem eine ohnmächtige Wut. Sie sah Diane an und wurde rot. Diane machte ein mitfühlendes Gesicht.

»Tut mir echt leid, Ruby. Männer können so gemein sein.«

Sie hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ihr eigener Ehemann mit seiner Geliebten durchgebrannt war. Sie wusste also, was in Ruby vorging. Dennoch fühlte sich diese zutiefst gedemütigt. Ihre Verlegenheit wurde noch größer, als sie Kelly fragen hörte, ob Ruby Gavins Freundin sei, und Diane antwortete, sie sei seine Verlobte.

Das war mehr, als Ruby ertragen konnte. Doch sie war nicht der Typ, der sich einfach still und leise davonstahl, um seine Wunden zu lecken. Zum einen hatte sie ihren Stolz, und zum anderen war sie außer sich vor Wut und Empörung. Sie richtete sich auf und stapfte über den Rasen auf das Haus zu, in dem Gavin wohnte. Er machte keine Anstalten, sich von Chrissie zu lösen; sie knutschten immer noch ungeniert. Ruby überlegte, was sie tun sollte. In Tränen ausbrechen und eine Erklärung verlangen? Gavin beschimpfen? Ihre Verlobung auflösen? Nichts davon schien ihr angemessen. Gavin hatte sie zutiefst verletzt und öffentlich gedemütigt, und das würde sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie war entschlossen, es ihm heimzuzahlen.

»Gavin!«, rief sie.

Als er Rubys Stimme hörte, zuckte Gavin zurück, als hätte er sich an der Blondine verbrannt. Er fuhr herum und starrte nach unten. Sein völlig verdutzter Gesichtsausdruck war einfach köstlich.

»R-r-ruby«, stotterte er schuldbewusst. »Was machst du denn hier? Dich habe ich nicht erwartet.« Eigentlich hatten sie sich wie meistens am Samstag zum Abendessen treffen wollen.

»Ja, das sehe ich.« Ruby kämpfte verbissen gegen die Tränen an. Sie würde ihm ganz sicher nicht den Gefallen tun und zu weinen anfangen. »Ich dachte, du müsstest heute arbeiten.«

»Ja … äh … ich … äh …«

Ruby schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. Seine Lügen konnte er sich sparen. Sie hatte ihn in flagranti mit einer anderen erwischt, und das sollte er ihr büßen. Sie würde ihn genauso demütigen, wie er sie gedemütigt hatte. Sie hatte auch schon eine Idee. Keine besonders feine zwar, aber eine, die ihr mit Sicherheit Genugtuung bereiten würde.

»Ich bin hergekommen, weil ich dir sagen wollte, dass ich heute beim Arzt war«, rief sie zu ihm hinauf, so laut, dass alle in dem kleinen Park es hören mussten.

Sie wartete einen Augenblick und genoss die Verwirrung, die sich auf seinem Gesicht widerspiegelte.

»Beim Arzt«, wiederholte er benommen.

Sein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Er hatte keine Ahnung, worauf Ruby hinauswollte, aber er kannte sie lange genug, um zu wissen, dass mit ihr nicht gut Kirschen essen war, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlte.

»Ganz recht. Weißt du, ich habe schon seit Wochen diesen merkwürdigen Juckreiz, deshalb dachte ich mir, ich sollte mal nachsehen lassen.« Ruby sah, wie Gavin in totaler Fassungslosigkeit Mund und Augen aufriss. Sie merkte auch, dass ihr Publikum die Ohren aufmerksam spitzte. »Rate mal, was der Doktor gesagt hat! Er hat gemeint, ich hätte eine ansteckende Krankheit, du weißt schon, und du seist derjenige, der mich infiziert hat. Du sollst vorbeikommen, damit er dich untersuchen und dir etwas verschreiben kann.« Einige Wohnungstüren wurden geöffnet, und die Mieter streckten mit unverhohlener Neugier ihre Köpfe heraus. Gavin machte ein Gesicht, als wünschte er, die Erde würde sich auftun und ihn verschlucken. »Ich dachte, das solltest du wissen, weil es sich um eine hochgradig ansteckende Krankheit handelt. Du kannst ja offenbar deinen Hosenstall nicht zulassen«, fuhr Ruby unbekümmert fort. Sie wusste, dass sie mit dieser Bemerkung ihren eigenen Ruf aufs Spiel setzte, doch das war ihr gleichgültig. Sollten die Leute ruhig tratschen. Sie würde auf keinen Fall zulassen, dass Gavin wie ein Sexbolzen dastand, der jede Frau bekommen konnte, und sie wie die arme kleine graue Maus, die nicht fähig war, ihren Freund bei der Stange zu halten. Und wenn sie mit dieser Aktion obendrein einen Keil zwischen ihn und Chrissie trieb, umso besser.

Die Blondine fuhr herum und redete gedämpft, aber sichtlich erregt auf Gavin ein, der sich verzweifelt zu verteidigen versuchte und allem Anschein nach beteuerte, er habe nicht die geringste Ahnung, wovon Ruby spreche. Chrissie ließ sich jedoch nicht besänftigen. Nach einem letzten lautstarken Wutausbruch stapfte sie zornig davon.

Ruby triumphierte im Stillen. Eigentlich hatte sie erwartet, dass Gavin sie bitten würde heraufzukommen, damit er sich rechtfertigen konnte, aber er stand nur da und starrte bitter enttäuscht und tödlich gekränkt zu ihr hinunter. Da wurde ihr klar, dass sie ihn überhaupt nicht kannte. Wie hatte sie nur so dumm sein können?

»Was ist denn in dich gefahren?«, rief er ihr vorwurfsvoll zu. »Warum erzählst du solche Lügen? Du weißt doch, dass das nicht stimmt!«

Vor den Nachbarn sein Gesicht zu wahren war ihm offensichtlich wichtiger als alles andere. Ruby konnte es nicht fassen.

»Ist das alles, was du dazu zu sagen hast? Wir wollten heiraten, und jetzt erwische ich dich mit einer anderen, und mehr fällt dir nicht dazu ein?«

Sie hätte auch sagen können: Du hast mich betrogen, hast mich zum Gespött der Leute gemacht, und dich interessiert nur, was andere von dir denken mögen. Doch ihr Stolz verbot ihr, sich als Opfer hinzustellen.

Ruby blickte sich um. »Habt ihr das alle mitgekriegt? Lasst lieber die Finger von diesem Kerl, wenn ihr euch nichts einfangen wollt«, rief sie den Frauen zu.

Dann wandte sie sich um, reckte trotzig das Kinn in die Höhe und ging davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie hörte, wie Diane lachte. »Dem haben Sie’s aber gegeben! Gut gemacht, Schätzchen!«, rief sie ihr nach.

Kaum war sie außer Sichtweite, kullerten Ruby die Tränen übers Gesicht. Das war mit Abstand der schlimmste Tag ihres Lebens. Am Morgen hatte sie noch eine Arbeit gehabt, die ihr Spaß machte, und von ihrer Zukunft an der Seite des Mannes, den sie liebte, geträumt. Und jetzt hatte sie gar nichts mehr. Sie war völlig am Boden zerstört. Ruby lief auf dem direkten Weg nach Hause, um sich bei ihrer Mutter ausweinen zu können.

Doch Emily gab keine Antwort, als sie die Wohnungstür aufschloss und nach ihr rief. Ruby schaute in der Küche nach, aber auch da war sie nicht. Wahrscheinlich besuchte sie eine Nachbarin. Enttäuscht, weil sie ihren Kummer nicht loswerden konnte, setzte Ruby den Teekessel auf und nahm die Flasche Brandy aus dem Küchenschrank. Sie schenkte sich einen kräftigen Schluck ein und kippte ihn hinunter. Als ihr der Alkohol wie flüssiges Feuer durch die Kehle rann, verzog sie das Gesicht, aber danach fühlte sie sich besser. Ruby atmete tief durch.

Plötzlich hörte sie ein Stöhnen aus dem Schlafzimmer ihrer Mutter am Ende des Flurs. Verwundert stellte sie ihre Tasse ab und trat auf den Gang hinaus. Ihre Mutter saß seltsam starr auf ihrem Bett.

»Mom! Ich dachte, du wärst gar nicht da. Du glaubst nicht, was mir heute alles passiert ist«, sprudelte es aus ihr heraus. Als Ruby auf Emily zuging, sah sie, dass diese völlig verstört wirkte. »Mom? Hast du mich denn nicht rufen hören?«

Emily blickte verwirrt auf. »Entschuldige«, murmelte sie.

»Stimmt was nicht?« Ruby blieb in der Tür stehen. »Du machst so einen zerfahrenen Eindruck.« So niedergeschlagen und abwesend kannte sie ihre sonst immer fröhliche Mutter gar nicht. Doch jetzt, da sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass Emily schon seit ein paar Tagen irgendwie anders als sonst war.

»Ich muss mit dir reden, Ruby«, sagte sie dumpf.

Rubys Blick fiel auf die Zeitung, die neben ihrer Mutter auf dem Bett lag. Sydney nimmt Abschied von einem seiner einflussreichsten Bürger, lautete die Schlagzeile auf der Titelseite.

»Ja, ich mit dir auch.«

Emily ließ sie nicht weiterreden. »Das ist wirklich wichtig, Ruby.«

»Was ist denn passiert?«

»Es kann sein, dass wir ausziehen müssen. Noch ist es nicht sicher, aber ich dachte, du solltest darauf vorbereitet sein.«

»Was? Aber wieso denn? Ist das Haus verkauft worden? Oder ist das Geld von Dads Versicherung aufgebraucht?«

Emily machte ein verlegenes Gesicht. »Ich bin nicht ehrlich zu dir gewesen, Ruby.« Sie sah ihre Tochter ernst an. »Es gab nie Geld aus einer Versicherung.«

Ruby schüttelte benommen den Kopf. Jetzt begriff sie überhaupt nichts mehr. Ihre Mutter hatte nie gearbeitet. Ihr Vater habe eine Lebensversicherung abgeschlossen, hatte sie ihrer Tochter immer erzählt, und von dem Geld bezahle sie die Miete und ihren Lebensunterhalt. Wenn es keine Versicherung gab, woher stammte dann das Geld?

»Ich habe dir nie die Wahrheit über deinen Vater erzählt«, fuhr Emily leise fort. »Es tut mir leid, Ruby, aber ich hatte meine Gründe …«

»Ich verstehe nicht, was du damit meinst.«

Ihre Mutter hatte sich stets geweigert, über ihren Vater zu reden. Ruby hatte ihre eigenen Schlüsse daraus gezogen. Sie vermutete, dass ihr Vater keines natürlichen Todes gestorben war, sondern sich umgebracht hatte, und ihre Mutter deshalb nicht darüber sprechen wollte.

»Dein Vater ist nicht gestorben, als du ein kleines Kind warst.«

»Was?« Ruby fiel aus allen Wolken. »Heißt das … heißt das, er lebt?«

Hoffnung keimte in ihr auf. Würde sie endlich, nach so vielen Jahren, ihren Vater kennenlernen? Wie oft hatte sie versucht, sich vorzustellen, was für ein Mensch er wohl gewesen war. Würde ihre Neugier endlich gestillt werden?

»Nein«, erwiderte Emily mit Tränen in den Augen. »Ich habe in der Zeitung gelesen, dass er vor drei Tagen gestorben ist.« Sie senkte den Kopf und schniefte.

Rubys Hoffnungen zerplatzten wie eine Seifenblase. »Hat er etwa im Gefängnis gesessen?« Dieser Gedanke war ihr auch schon einmal gekommen.

Emily blickte erschrocken zu ihr auf. »Um Himmels willen, nein, natürlich nicht!«

»Und warum erzählst du mir das alles jetzt, da es zu spät ist?«, fauchte Ruby gereizt. »Warum hast du es nicht einfach für dich behalten?«

Ihre Mutter hatte nie über ihren Vater gesprochen, und jetzt tat sie es nur, um ihr zu sagen, dass er tot war. Wie konnte sie so gefühllos sein?

»Weil … Da ist dieser Brief von seinem Anwalt gekommen. Wir sind zur Testamentseröffnung eingeladen.« Emily sah ihre Tochter an, als könne sie nicht glauben, dass sie in dem Testament bedacht worden waren.

Ruby riss die Augen auf. »Was? Besteht die Möglichkeit, dass er uns etwas Wertvolles hinterlassen hat?« Die Frage war vielleicht taktlos, aber nach den vielen schlechten Nachrichten hätte sie eine gute gebrauchen können.

»Ich weiß es nicht. Dein Vater hat die Miete für die Wohnung hier und Unterhalt für uns bezahlt, aber das ist jetzt natürlich vorbei. Ich habe meine Kontoauszüge schon eine Weile nicht mehr kontrolliert, vielleicht ist schon gar kein Geld mehr überwiesen worden. Was glaubst du, wie sehr mich diese Situation belastet. Ich meine, ich bin seit vielen Jahren nicht mehr berufstätig gewesen, und von deinem Gehalt können wir nicht leben.«

Das wäre ihrer Tochter gegenüber auch nicht fair gewesen. Emily wusste, dass Ruby hart arbeitete, um sich ihren Traum von einem eigenen Salon verwirklichen zu können.

»Ganz sicher nicht, mir ist heute nämlich gekündigt worden«, versetzte Ruby heftig.

»Was? Das darf doch nicht wahr sein! Barbie hat dich gefeuert?«

»Nein, sie ›lässt mich gehen‹.« Ruby schnaubte höhnisch. »Die Ladenmiete wird erhöht, deshalb kann sie mir mein Gehalt nicht mehr zahlen.«

»O Ruby, und das ausgerechnet jetzt! Der Zeitpunkt könnte nicht ungünstiger sein.«

»Kommt drauf an. Nun sag schon! Hat mein Vater Geld gehabt, das er uns hinterlassen könnte?«

»Sei nicht so herzlos, Ruby«, tadelte Emily sie traurig. Den ganzen Tag schon hatte sie ihren Erinnerungen nachgehangen.

»Er hat sich nie um mich gekümmert, warum sollte ich jetzt sentimental werden?«, gab Ruby achselzuckend zurück. Sie war sich sogar ziemlich sicher, dass sie eine Erbschaft ausschlagen würde.

»So war es nicht.«

»Wie war es dann?« Ruby hörte selbst, wie giftig ihre Stimme klang.

»Nun, wir hatten keinen persönlichen Kontakt mehr, seit du ein kleines Kind warst, aber wir hofften, dass wir eines Tages wieder zusammen sein könnten.«

»Und was hat euch daran gehindert?«

»Nicht was. Wer.« Emily warf ihrer Tochter einen nervösen Blick zu. Die ganze Sache war ihr sichtlich peinlich. »Joe war verheiratet«, gestand sie.

Ruby starrte ihre Mutter entgeistert an. »Was?« Emily hatte sich mit einem verheirateten Mann eingelassen? Ruby glaubte plötzlich, eine völlig Fremde vor sich zu haben.

»Ich weiß, ich hätte dir das alles schon viel früher erzählen sollen. Aber ich hatte Angst, du würdest es nicht verstehen und mich verurteilen. Ich hatte mir wirklich vorgenommen, mich mit deinem Vater in Verbindung zu setzen, jetzt, da du doch bald heiraten wirst, damit ihr beide euch endlich kennenlernt; aber dann habe ich diese Anzeige gelesen. Er ist während einer Geschäftsreise in den USA gestorben. Heute steht drin, dass seine Frau den Leichnam in Übersee einäschern und die Urne hierher überführen ließ. Heute Morgen wurde er im Familienkreis beigesetzt.«

Emily tupfte sich die Tränen ab. Sie hätte sich gern von dem Mann verabschiedet, dem über fünfundzwanzig Jahre lang ihr Herz gehört hatte. Es traf sie schwer, dass ihr das nicht vergönnt gewesen war. Aber sie vermutete, dass seine Frau genau das beabsichtigt hatte. Zuzutrauen war es ihr, das wusste Emily.

Ruby war wie betäubt. Sie hatte sich oft gefragt, warum ihre Mutter nicht wieder geheiratet hatte. Jetzt wusste sie es. Sie hatte nie aufgehört, den Mann zu lieben, der Rubys Vater war. Sie trat ans Bett und griff nach der Zeitung. Emily zeigte auf den entsprechenden Artikel. Der Name Joe Jansen sprang Ruby ins Auge. Er kam ihr irgendwie bekannt vor. Sie betrachtete das abgebildete Foto genauer, um zu sehen, ob sie irgendeine Ähnlichkeit entdeckte. Ruby fand, ihre Augen sahen seinen ähnlich und vielleicht auch ihre Nase, aber andererseits sah sie vielleicht Dinge, die gar nicht da waren.

»Du kennst den Namen sicherlich von den vielen Baustellen in der ganzen Stadt«, sagte Emily.

Ruby nickte. Genau, das war es, deshalb kam ihr der Name so bekannt vor.

»Dein Vater war ein reicher Mann.«

»Was spielt das für eine Rolle, wenn er bei seiner Frau geblieben ist, weil sie ihm wichtiger war«, bemerkte Ruby bitter.

»So einfach ist das nicht, Ruby«, erwiderte Emily sanft. Sie konnte die Gefühle ihrer Tochter verstehen, aber sie wollte, dass Ruby auch sie verstand.

Das Pfeifen des Teekessels hatte sich zu einem ohrenbetäubenden Schrillen gesteigert. Ruby ging in die Küche, brühte Tee auf und gab in beide Tassen einen kräftigen Schuss Brandy. Emily war ihr gefolgt, und eine Weile saßen sie gedankenverloren am Tisch und nippten an dem heißen Getränk.

»Joe und ich haben uns kennengelernt, als ich im Grosvenor Hotel in Adelaide arbeitete«, sagte Emily schließlich. »Das war seinerzeit das luxuriöseste Hotel in der ganzen Stadt. Ich war Empfangschefin, und Joe stieg immer im Grosvenor ab, wenn er geschäftlich in der Stadt zu tun hatte, was ziemlich oft der Fall war. Ganz allmählich, im Lauf von etwa anderthalb Jahren, entwickelte sich eine herzliche Freundschaft zwischen uns. Weder Joe noch mir war anfangs bewusst, dass wir im Begriff waren, uns ineinander zu verlieben. Aber es passierte nun einmal, und bald trafen wir uns auch privat. Ich wusste, dass er verheiratet war – wie ich selbst übrigens auch«, fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu.

Ruby war sprachlos. Als sie sich von ihrem Schock erholt hatte, fragte sie: »Warum hast du mir nie etwas davon gesagt?«

»Weil diese Ehe der größte Fehler meines Lebens war«, antwortete Emily bedrückt. »Ich will gar nicht daran denken, geschweige denn darüber reden.« Ihre Miene verdüsterte sich. »Mein Mann war Italiener, wir wohnten in Melbourne, in einem Viertel, in dem während der Vierzigerjahre fast ausschließlich italienische Einwanderer lebten. Als wir heirateten, wusste ich nicht, dass er aus einer sehr einflussreichen Familie stammte, die Verbindungen zur Unterwelt hatte. Sie kam ursprünglich aus Kalabrien, wo wir unsere Flitterwochen verbrachten.«

»Willst du damit sagen, sie gehörte der Mafia an?«, fragte Ruby ungläubig.

Emily wiegte nachdenklich den Kopf und runzelte die Stirn. »Diesen Verdacht hatte ich jedenfalls, aber darüber wurde natürlich nicht offen gesprochen. Im ersten Jahr unserer Ehe waren wir recht glücklich, doch dann veränderte sich mein Mann auf einmal und machte mir das Leben zur Hölle.«

»Was ist passiert?«, fragte Ruby atemlos. Sie hätte nie gedacht, dass ihre Mutter so viel durchgemacht hatte.

»Er wurde schrecklich eifersüchtig und warf mir vor, ich würde ihn betrügen. Hinter jedem Mann, mit dem ich auch nur ein paar Worte wechselte, witterte er einen potenziellen Liebhaber. Selbst wenn ich nur einkaufen ging, folgte er mir, um mich zu kontrollieren. Er verdächtigte mich, mit dem Gemüsehändler, dem Fleischer, dem Bäcker, dem Zahnarzt zu schlafen. Das ließ ich natürlich nicht auf mir sitzen. Aber wenn ich mich gegen diese Verdächtigungen wehrte, schlug er mich.«

»O Mom, nein!« Ruby war entsetzt.

»Er wünschte sich sehnsüchtig ein Kind, und ich wollte auch Kinder haben, aber ich sorgte dafür, dass ich nicht schwanger wurde. Von diesem Mann wollte ich auf keinen Fall ein Kind haben. Seine rasende Eifersucht wurde immer schlimmer. Ich fürchtete buchstäblich um mein Leben.«

Ruby berührte Emilys Hand. »Und wie hast du es geschafft, von ihm wegzukommen?«

»Eines Tages schlug er mir ins Gesicht, nur weil ich mit einem Angestellten vom Gaswerk telefoniert hatte. Da platzte mir der Kragen. Ich hatte endgültig die Nase voll von seiner krankhaften Eifersucht. Ich wartete, bis er das Haus verlassen hatte, dann packte ich ein paar Sachen zusammen und stieg in den Bus nach Adelaide. Weil ich Angst hatte, er würde mich aufspüren und mich mit Gewalt zurückholen, änderte ich meinen Namen und mein Aussehen – ich kaufte mir eine blonde Perücke. Ständig schaute ich über die Schulter, war immer auf der Hut. Es war ein einsames Leben, weil ich keinem Menschen mehr trauen konnte. Sechs Monate später lernte ich deinen Vater kennen, der, wie ich bald erfuhr, ebenfalls unglücklich verheiratet war. Anfangs war ich sehr zurückhaltend, aber ich glaube, es war die ähnliche Situation, in der wir uns befanden, die dazu führte, dass wir uns anfreundeten. Wir trösteten uns gegenseitig. Seine Frau kontrollierte ihn, indem sie fast täglich im Hotel anrief. Ich bekam also einen Eindruck davon, was für ein Mensch sie war, und ich sage dir, sie war ein richtiger Drachen! Sie machte deinem Vater das Leben zur Hölle. Die Geschäftsreisen nach Adelaide waren für ihn die einzige Möglichkeit, ihr wenigstens für eine Weile zu entkommen.«

»Und wie hat es dich hierher nach Sydney verschlagen?«, fragte Ruby.

»Joe hatte zwei Kinder«, sagte Emily und sah den Ausdruck von Bestürzung in den Augen ihrer Tochter. »Er wollte sich von seiner Frau trennen, aber er wollte in der Nähe seiner Kinder bleiben, deshalb besorgte er mir diese Wohnung hier. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit fühlte ich mich sicher. Aber bevor er einen Schlussstrich unter seine Ehe ziehen konnte, wurde ich schwanger mit dir. Wir waren beide überglücklich, und Joe wollte mich auf der Stelle heiraten.«

»Aber du warst doch auch noch verheiratet«, wunderte sich Ruby.

»Als ich mich in deinen Vater verliebte, engagierte ich einen Privatdetektiv, der herausfinden sollte, ob sich mein Mann immer noch in Australien aufhielt. Das war nicht der Fall. Er wurde wegen Betrugs gesucht und war vor dem Gesetz nach Kalabrien geflohen. Als ich daraufhin die Scheidung einreichte, legte er keinen Widerspruch ein, weil er eine Italienerin heiraten wollte, die ein Kind von ihm erwartete. Ich war heilfroh, dass ich endlich mit der Vergangenheit abschließen konnte. Jetzt, da ich frei war, wollte Joe sich so schnell wie möglich scheiden lassen. An dem Abend, als er Carmel, seine Frau, um die Scheidung bitten wollte, kam es zu einem fürchterlichen Streit, und Carmel stürzte die Treppe hinunter. Joe und ich waren überzeugt, dass es kein Unfall, sondern Absicht gewesen war. Ich weiß nicht, ob sie sich umzubringen oder ihn zu erpressen versuchte, aber wie auch immer, es hat jedenfalls funktioniert. Sie ist seitdem querschnittgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt.«

»Bist du sicher, dass er sie nicht die Treppe hinuntergestoßen hat?«, fragte Ruby zögernd.

»Ganz sicher. Joe war ein überaus sanfter Mann. Carmel hingegen war unberechenbar und aufbrausend.«

»Und weil sie gelähmt war, ist er bei ihr geblieben.«

»Er konnte sie doch jetzt nicht im Stich lassen.«

»Warum hat er niemanden eingestellt, der sie betreut hätte, wenn er so reich war?«, meinte Ruby.

»Seine Kinder waren damals noch ziemlich klein, und ich bin überzeugt, dass Carmel sie benutzt hat, um ihn emotional zu erpressen. Außerdem war er in Sydney ein bekannter Mann. Wie hätte es wohl ausgesehen, wenn er seine querschnittgelähmte Frau verlassen hätte? Das wäre ein gefundenes Fressen für die Presse gewesen, und das wollte er seinen Kindern nicht antun.«

Emily verstummte. Ihre Gedanken kehrten in die Vergangenheit zurück. Sie und Joe hatten sich nach dem Unfall wochenlang nicht gesehen, weil er Angst gehabt hatte, das Haus zu verlassen – Angst um seine Kinder. Wie oft war sie an seinem Haus in der Mary Street in Longueville vorbeigegangen, immer in der Hoffnung, einen Blick auf ihn zu erhaschen, damit sie wusste, dass es ihm gut ging.

»Carmel hatte massive gesundheitliche Probleme, doch das hielt sie nicht davon ab, Joe auch weiterhin zu quälen. Ehrlich gesagt gingen wir beide davon aus, dass sie nicht mehr lange zu leben hätte. Und jetzt hat sie Joe sogar noch überlebt. Was für eine traurige Ironie des Schicksals!«

»Und ich werde meinen Vater nie mehr kennenlernen«, sagte Ruby bedauernd. »Warum hat er sich eigentlich in all den Jahren nicht für mich interessiert?«, fügte sie einen Augenblick später hinzu.

»Und ob er sich für dich interessiert hat! Er hat dafür gesorgt, dass du die besten Schulen im North Shore besuchen konntest. Er hat dir deinen Tanzunterricht und deine Tennisstunden und all deine Kleider bezahlt. Früher hat er oft angerufen und sich nach dir erkundigt.« Emily war bewusst, wie lächerlich sich das alles für eine junge Frau anhören musste, die ohne Vater aufgewachsen war. Kein Geld der Welt konnte diesen Verlust aufwiegen.

»Aber er hat nie mit mir gesprochen«, erwiderte Ruby bedrückt. »Er hätte sich doch als Onkel oder so ausgeben können.«

Emilys Gesicht nahm einen abwesenden Ausdruck an. »Er sah dich das letzte Mal bei einer Schulaufführung. Du warst damals ungefähr sieben. Er stand ganz hinten und hat dich auf der Bühne beobachtet. Du hattest eine kleine Sprechrolle als einer der kleinen Helfer des Weihnachtsmannes. Weißt du noch?«

Ruby nickte. Sie konnte sich gut daran erinnern, weil sie schreckliches Lampenfieber gehabt hatte. Hätte sie doch gewusst, dass ihr Vater da gewesen war!

»Du hast wunderhübsch ausgesehen in deinem rot-grünen Kostüm und den Elfenpantoffeln mit den nach oben gebogenen Spitzen. Ich saß ganz vorn. Ich hatte Joe von der Aufführung erzählt und hielt nach ihm Ausschau. Und dann sah ich ihn, ganz hinten: Er stand da, schaute dir zu und hatte Tränen in den Augen. Ich wandte mich rasch ab, weil ich Angst hatte, ich würde gleich zu weinen anfangen, und als ich mich wieder umdrehte, war er fort. Später an diesem Abend, du warst schon im Bett, rief er an und sagte, er könne uns nicht wiedersehen. Es breche ihm das Herz, weil wir nicht zusammen sein könnten. Ich verstand ihn. Für mich brach eine Welt zusammen, aber ich musste ihn gehen lassen, um seinetwillen. Ich glaubte fest daran, dass unsere Trennung nur vorübergehend war und wir eines Tages wieder vereint wären. Diese Hoffnung war es, die mich all die Jahre aufrecht hielt.«

»Warum hast du dir nie jemand anders gesucht, Mom? Du hast dein ganzes Leben allein verbracht.«

»Ganz einfach: Joe war die Liebe meines Lebens, und ich wollte mich nicht mit dem Zweitbesten zufrieden geben.« Ihr Gesicht nahm einen zärtlichen Ausdruck an. »Außerdem hatte ich ja dich.«

Ruby seufzte. »Und ich habe vorhin die Liebe meines Lebens beim Knutschen mit Chrissie Williams erwischt.«

»Was?«

Aus Ruby sprudelte es nur so heraus. Sie erzählte ihrer Mutter, wie es kam, dass sie zu Gavin gegangen war, wo sie ihn in flagranti mit Chrissie ertappt hatte. Und wie furchtbar enttäuscht sie war. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

»So ein Mistkerl!«, empörte sich Emily und nahm ihre Tochter in den Arm.

Ruby nickte. »Das hätte ich niemals von Gavin gedacht. Aber besser, mir sind die Augen jetzt geöffnet worden als später nach der Hochzeit.«

»So betrachtet hast du natürlich Recht. Und was hast du gemacht, als du die beiden überrascht hast?«

»Ich hätte sie am liebsten geohrfeigt, alle beide, aber ich habe mich beherrscht.« Ruby wischte sich die Tränen aus den Augen. Dann lächelte sie schelmisch. »Du wirst nicht glauben, was ich getan habe.«

»Ach, Ruby, ich kenne dich doch! Du bist doch nie um eine gute Idee verlegen! Du hast doch nicht etwa eine Jacke unter dein Kleid gestopft und Chrissie erzählt, du wärst von Gavin schwanger, oder?«

Ruby lachte und trank ihren Tee aus. »Die Idee ist mir auch gekommen, aber dann fiel mir etwas Passenderes ein. Ich habe ihm vor all seinen Nachbarn und vor Chrissie an den Kopf geworfen, mir eine Geschlechtskrankheit von ihm geholt zu haben.«

Emily riss geschockt die Augen auf.

»Ich weiß, dass ich damit meinen eigenen Ruf kaputt gemacht habe, Mom, aber das war’s mir wert. Du hättest Gavins Gesichtsausdruck sehen sollen. Einfach unbezahlbar! Hätte ich doch nur einen Fotoapparat dabeigehabt!«

Emily musste wider Willen lachen. Dann, wieder ernst geworden, sagte sie: »Du wirst über ihn hinwegkommen, Ruby. Du bist eine wunderschöne junge Frau und hast noch dein ganzes Leben vor dir.«

»Ich weiß, dass die Wunde eines Tages verheilen wird, aber ich bezweifle, dass ich je wieder einem Mann vertrauen kann.«

Emily legte ihre Hand tröstend auf die ihrer Tochter. »Es tut mir so leid für dich, mein Schatz«, sagte sie mitfühlend.

»Schon in Ordnung, Mom«, erwiderte Ruby. Sie seufzte erneut. »Vielleicht ist es uns einfach nicht bestimmt, Glück in der Liebe zu haben.«

»Sag so was nicht, Ruby. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du eines Tages den Mann deiner Träume finden und ein langes, glückliches Leben mit ihm führen wirst. Das hättest du wirklich verdient.«

»Wenn ich reich bin, dürfte es leichter sein, so jemanden zu finden«, sagte Ruby. Um ihre Mundwinkel zuckte es.

Emily machte ein trauriges Gesicht.

»Das war doch nur ein Scherz, Mom«, versicherte Ruby. »Ich werde eine neue Stelle finden, und eines Tages werde ich meinen eigenen Salon haben. Ich will auf eigenen Füßen stehen, weißt du?«

Emily nickte. »Als Frau unabhängig zu sein ist heutzutage wichtiger denn je. Ich wünschte, ich hätte immer gearbeitet. Dann wäre ich jetzt nicht in dieser misslichen Lage. Was soll bloß aus uns werden, wenn wir hier rausmüssen?« Sie wünschte sich sehnlichst ein klein wenig Sicherheit für sich und ihre Tochter. Immer hatte sie gehofft, Joe werde die Wohnung eines Tages kaufen und sie ihr überschreiben.

»Mach dir keine Sorgen, wir schaffen das schon. Ich werde eine neue Stelle finden, und alles wird gut werden.«

Ruby gab sich zuversichtlicher, als sie war. Im Stillen hoffte sie, dass ihr Vater ihrer Mutter ein bisschen Geld hinterlassen hatte, denn wenn nicht, würde ihr Traum von einem eigenen Salon genau das bleiben – ein Traum.

4

Ranke

Am Montag machte sich Ruby in aller Frühe auf, um sich bei Barbie ihr restliches Gehalt und ihr Zeugnis abzuholen. Es war wirklich ausgezeichnet. Dann ging sie gleich auf Arbeitssuche. Als Erstes kaufte sie sich am Zeitungsstand eine Zeitung und sah die Stellenangebote durch. Ernüchtert musste Ruby feststellen, dass sich die Zahl der Angebote in Grenzen hielt. Aber immerhin in vier Friseursalons im Umkreis ihrer Wohnung wurde eine Arbeitskraft gesucht. Sie rief an und machte einen Termin für ein Vorstellungsgespräch aus.

Ein Angebot klang besonders verlockend. Der Salon befand sich in der Portobello in Chatswood und schien jung und trendig zu sein wie Barbies Laden. Die Inhaberin war ganz aufgeregt gewesen, als Ruby erzählte, sie habe bei Barbie gearbeitet, was ihr Hoffnungen gemacht hatte, die Stelle zu bekommen. Doch als sie hinkam, musste sie feststellen, dass sie eine von zwanzig Bewerberinnen und die Stelle bereits vergeben war.

Unverdrossen klapperte Ruby die nächsten Salons im North Shore ab, die sie sich in der Zeitung angestrichen hatte, darunter so exklusive Läden wie Silver Sands Hair Design in St. Leonard’s und Coco’s in Gore Hill. Sie schaute bei Barbara Ann’s in Greenwich und bei Variety Hair and Beauty in Lane Cove vorbei. Zu guter Letzt rief sie auch in Salons an, die weiter entfernt waren, in Baronia Park etwa oder East Ryde. Die meisten brauchten niemanden, und wenn doch, dann konnten sie unter vielen Bewerberinnen auswählen, oder es stellte sich heraus, dass der Laden nichts für Ruby war. Sie hätte nie gedacht, dass es so schwierig sein könnte, eine neue Stelle zu finden.

Am Donnerstagabend, nach vier Tagen vergeblicher Suche, war Ruby völlig geknickt. Wie sollte es nur weitergehen? Das Geld ging rasant zur Neige.

»Ich war mir so sicher, dass ich gleich etwas Neues finden würde«, sagte sie zu ihrer Mutter.

»Hab Geduld, du suchst doch erst seit ein paar Tagen«, erwiderte Emily optimistisch.

»Hast du mal auf deinem Konto nachgesehen, ob Geld eingegangen ist?« Ruby sorgte sich wegen der Miete, die bezahlt werden musste.

Emily schüttelte den Kopf. Es hatte keinen Sinn zu lügen. »Es ist nichts mehr überwiesen worden. Und Montag ist die Miete fällig. Aber mach dir keine Sorgen, wir sind noch nie mit der Miete im Rückstand gewesen. Unser Vermieter wird uns bestimmt einen Aufschub gewähren.«

»Hoffentlich«, murmelte Ruby. »Morgen früh hab ich übrigens einen Termin bei Stella’s in Northwood.« Eine Nachbarin hatte ihr erzählt, dass dort eine Friseurin gesucht wurde. Der Salon lag nicht allzu weit von der Wohnung entfernt, insofern wäre es ganz praktisch. »Vielleicht klappt es ja diesmal. Wenn es sein muss, werde ich auf Knien um die Stelle betteln«, fügte sie, nur halb im Scherz, hinzu.

»Ich kenne den Salon, und ich weiß nicht, ob das das Richtige für dich ist«, meinte Emily zweifelnd. »Stella’s kannst du nicht mit Barbies Laden vergleichen.«

»Man kann keinen der Salons, in denen ich mich bisher vorgestellt habe, mit Barbies Laden vergleichen, Mom. Bei Coco’s in Gore Hill hat ein Lehrling mit Farben experimentiert und die Haare einer Kundin ziemlich übel zugerichtet, und die Inhaberin des Salons hat es nicht einmal gemerkt. Ich musste mich beherrschen, um nicht einzugreifen. Von den Angestellten wird zudem erwartet, dass sie ihre Haare in den schrillsten Farben färben und damit Reklame für die Produkte machen, die im Laden verkauft werden. Ich geh ja gern mit der Mode, aber ich weigere mich entschieden, mir die Haare so grässlich zu färben. In einem anderen Salon haben die Mädchen einen richtig schlampigen Eindruck gemacht. Sie haben sich regelmäßig nach hinten verzogen, um zu rauchen. Außerdem waren der Boden und die Waschbecken schmuddelig und voller Haare, und die Handtücher wurden anscheinend mehrmals benutzt.«

Emily verzog angewidert das Gesicht. »Wie schrecklich!«, rief sie.

»In einem Laden in Riverview habe ich den Mädchen bei der Arbeit zugeschaut, während ich warten musste, und gesehen, dass sie überhaupt nicht richtig ausgebildet waren. Sie haben das Fixiermittel für eine Dauerwelle viel zu lange dringelassen und die Farben nicht richtig angerührt. In so einem Salon könnte ich niemals arbeiten, Mom, und nicht nur, weil ich vielleicht so pingelig bin.«

»Ich kann dich verstehen, Ruby; ich will doch auch, dass dir deine Arbeit Spaß macht.«

»Aber ich kann es mir nicht mehr leisten, wählerisch zu sein. Wenn Stella mir die Stelle anbietet, werde ich zugreifen, ganz egal, was für ein Laden das ist. Ich kann mich dann an meinem freien Tag immer noch nach etwas anderem umsehen.«

Emily seufzte. Sie schlief nachts schon nicht mehr vor lauter Sorge. Auch sie hatte versucht, Arbeit zu finden. Aber wer stellte schon jemanden in ihrem Alter ein, noch dazu ohne Berufserfahrung?

»Morgen Mittag ist die Testamentseröffnung, Ruby. Ich werde hingehen. Ich habe gar keine andere Wahl. Willst du nicht mitkommen?«

Ruby schüttelte stumm den Kopf.

»Du kannst das Erbe ausschlagen, wenn du es nicht willst, aber ich würde mich wirklich freuen, wenn du zu meiner Unterstützung mitkämst.«

Ruby zögerte. Sie wollte ihre Mutter nicht im Stich lassen. »Wann musst du dort sein?«, fragte sie leise.

»Um eins. Das Testament wird in der Kanzlei des Anwalts eröffnet. Sie liegt im Einkaufsviertel von Longueville. Wirst du da sein?«

Bevor Ruby antworten konnte, klingelte das Telefon. Emily nahm ab, und Ruby lauschte mit angehaltenem Atem. Sie hoffte, dass es einer der Salons war, in denen sie ihre Adresse hinterlassen hatte.

»Ja, ich verstehe, Mr. Humphries«, sagte Emily. »Ja, ich weiß, wo das ist. Danke für Ihren Anruf. Auf Wiederhören.«

Sie legte auf und wandte sich ihrer Tochter zu. »Das war der Anwalt. Seine Kanzlei ist nach einem Wasserrohrbruch überflutet worden. Es wird mindestens eine Woche dauern, bis der Schaden behoben ist.«

»Dann wird die Testamentseröffnung verschoben?«

»Nein, sie wird in Joes Haus in Longueville stattfinden, zur selben Uhrzeit.«

»Was?« Diese Neuigkeit beunruhigte Ruby. Die Anwaltskanzlei wäre sozusagen neutraler Boden gewesen, was man vom Wohnsitz ihres Vaters nicht behaupten konnte. »Da gehst du mir nicht allein hin!,« sagte sie. »Ich werde da sein.«

Emily atmete auf. Mit Ruby an ihrer Seite würde der frostige Empfang, den Joes Familie ihr mit Sicherheit bereitete, leichter zu ertragen sein. Sie war ein friedliebender Mensch, der jeder Konfrontation aus dem Weg ging, aber Ruby hatte von Berufs wegen oft mit schwierigen Zeitgenossen zu tun und konnte durchaus ihren Standpunkt klarmachen, wenn es sein musste.

Als Ruby am anderen Morgen um neun Uhr Stellas Salon betrat, war sie bitter enttäuscht. Der Laden übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen. Er war schrecklich altmodisch, und die Besitzer, ein tatteriges älteres Paar, standen mit einem Bein praktisch schon im Altersheim, aus dem der größte Teil ihrer Kundschaft – blauhaarige alte Damen – stammte. Stella und ihr Mann hatten den Laden in den Vierzigerjahren eröffnet, und seitdem war die Einrichtung unverändert geblieben. Sogar die welkende Zimmerpflanze sah aus, als stammte sie aus jener Zeit. Sie hätten nicht die Absicht, noch in den Laden zu investieren, räumte Stella ein, weil sie sich im Lauf der nächsten zwölf Monate zur Ruhe setzen und nach Southport Gold Coast ziehen würden.

Nachdem sie Ruby Fragen über ihren beruflichen Werdegang und ihre Berufserfahrung gestellt hatte, betonte Stella, dass sie, falls sie die Stelle haben wolle, nur sehr dezentes Make-up auflegen dürfe.

»Was genau verstehen Sie unter sehr dezentem Make-up?«, fragte Ruby vorsichtig. Sie fand, das ging dann doch ein bisschen zu weit.

»Nun, gegen etwas Puder und Rouge ist nichts einzuwenden. Aber keine grellen Lippenstifte, kein schwarzer Eyeliner, kein Lidschatten.«

Ruby war verblüfft, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen.

»Und es wird nicht geraucht und auch kein Kaugummi gekaut«, fügte Stella hinzu.

»Das wird kein Problem sein«, erwiderte Ruby und meinte es auch so.

»Das mag sich streng anhören, aber die meisten unserer Kunden sind schon älter und sehr konservativ«, sagte Stella leise, während sie einer alten Dame, die unter der Trockenhaube gesessen hatte, die Lockenwickler herausdrehte. »Fast alle Altersheime hier in der Gegend schicken ihre Bewohner zu uns«, fügte sie hinzu.

Das überraschte Ruby nicht im Geringsten.

»Was haben Sie gesagt?«, fragte die Kundin laut. »Sie müssen lauter sprechen, Schätzchen. Sie wissen doch, dass ich nicht mehr gut höre.«

»Nichts, Gladys«, schrie Stella ihr ins Ohr. »Ich habe mich nur mit der jungen Dame hier unterhalten.« Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Ich wünschte, sie wäre nicht so eitel und würde ihr Hörgerät tragen.«

»Oh, ich nehme eine Tasse Tee mit Milch und einem Stück Zucker, bitte«, sagte die alte Dame lächelnd.

Stella erwiderte ihr Lächeln, aber in Ruby krampfte sich innerlich alles zusammen. Sie hatte absolut nichts gegen reizende alte Damen, aber sie arbeitete lieber unter jungen Leuten, die sie mit ihrem Schwung mitrissen. Andererseits hatte sie das Geld bitter nötig.

»Sie können für den Anfang zehn bis fünfzehn Stunden die Woche arbeiten«, sagte Stella, als sie einen Kittel aus dem Lagerraum im hinteren Teil des Ladens geholt hatte. Bedrückt betrachtete Ruby das verwaschene, ausgeleierte rosarote Kleidungsstück, das ihr mit Sicherheit bis zur Wade reichen würde.

»Nicht mehr? Ich hatte eigentlich auf eine Vollzeitstelle gehofft.«

Stella schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, mehr kann ich Ihnen im Moment nicht bieten.« Sie arbeitete im Schneckentempo weiter.

Tommy, ihr Ehemann, trottete aus dem Laden und fuhr in seinem Morris Minor davon. Er mache Hausbesuche bei den gehbehinderten oder bettlägerigen Kunden in den Heimen, erklärte Stella.

Ruby nagte an ihrer Unterlippe und dachte nach. Mit zehn oder fünfzehn Stunden würde sie sich nicht über Wasser halten können. Das Testament ihres Vaters fiel ihr ein, und sie ignorierte die innere Stimme, die sie an ihren dummen Stolz erinnerte. Vielleicht hatte er ihr ein bisschen Barvermögen hinterlassen, genug, um davon einen eigenen Salon zu eröffnen. Dann bräuchte sie nicht in einem fürchterlichen Laden wie diesem zu arbeiten und blauhaarigen alten Damen Dauerwellen zu legen.

»Nun, Kindchen, möchten Sie die Stelle?« Stella hielt den grauenhaften Kittel hoch, als wäre er ein Bonus, dem Ruby unmöglich widerstehen könnte.

»Ich … ich gebe Ihnen morgen Bescheid, Stella«, stammelte Ruby. Sie wich zur Tür zurück und schlüpfte fix aus dem Laden.

Vielleicht leitete dieser Nachmittag ja eine Wende in ihrem Leben ein, eine Wende zum Guten. Anstatt ihren Stolz hinunterzuschlucken und für Stella zu arbeiten, würde sie ihren Stolz hinunterschlucken und das Geld ihres Vaters annehmen.

Ruby und Emily stiegen in der Kenneth Street, Longueville, aus dem Bus und gingen das letzte Stück bis zur Mary Street 18 zu Fuß. Ruby, die noch nie in dieser Gegend gewesen war, kam aus dem Staunen nicht heraus, als sie die stattlichen Anwesen in den baumgesäumten Straßen nahe am Wasser bewunderte. Nur einen Katzensprung entfernt mündete der Lane Cove River ins Meer.

»Du meine Güte, hier ist aber ein Haufen Geld versammelt«, murmelte sie. Angesichts des offenkundigen Wohlstands der Leute, die in dieser Gegend wohnten, stiegen ihre Hoffnungen auf eine kleine Erbschaft. Sie wurde unwillkürlich ganz aufgeregt, als sie an den Laden dachte, den sie sicherlich bald würde eröffnen können. Ruby malte sich sogar schon aus, wie sie ihn einrichten und dekorieren würde.

Emily hingegen nahm ihre Umgebung kaum wahr. Sie sorgte sich, was aus ihr und ihrer Tochter werden sollte, wenn sie die Miete nicht mehr bezahlen könnten. »Jedes dieser Häuser hat eine Geschichte, und seine Bewohner sind nicht immer zu beneiden«, riss sie ihre Tochter aus den Träumen. Sie dachte an Joe.

»Findest du? Also ich beneide diese Leute. Stell dir doch mal vor, du hättest nie wieder finanzielle Sorgen, und du könntest dir so ein Haus hier leisten und ein tolles Auto und Ferien in irgendeinem exotischen Paradies. Wer würde sich all das nicht wünschen?«

»Joe hat all das gehabt. Aber hat es ihn glücklich gemacht?« Emily schwieg nachdenklich. Dann fügte sie hinzu: »Ich bin früher oft an seinem Haus vorbeigegangen, es ist wirklich außergewöhnlich schön.«

Sie hatte sich immer wieder vorgestellt, wie es gewesen wäre, gemeinsam mit Joe in so einem Haus zu wohnen und Ruby darin großzuziehen, mit ihm und ihrer Tochter am Swimmingpool in der Sonne zu sitzen und zu frühstücken. Sie war ihm natürlich dankbar für die gemütliche Wohnung, die er ihr zur Verfügung gestellt hatte, aber sie hatte sich so sehr einen Garten gewünscht, in dem sie Gemüse anbauen und Blumen pflanzen könnte. Das wäre ihr ganzes Glück gewesen. Carmel hatte das zu verhindern gewusst.

»Noch schöner als diese hier?«, fragte Ruby ungläubig.

Emily nickte. Dem Baustil nach zu urteilen, musste Joes Haus, das mit kunstvollen Türmchen und Ecksteinen verziert war, an die hundert Jahre alt sein. Es hatte sicherlich eine bewegende Geschichte.

»Ich hoffe, dass wenigstens seine Kinder ihn glücklich gemacht haben«, sagte Emily bedrückt. »Aber das glaube ich erst, wenn ich sehe, dass sie zu warmherzigen, liebevollen Menschen herangewachsen und nicht wie ihre Mutter geworden sind.«

»Das werden wir wohl bald erfahren«, bemerkte Ruby. Im nächsten Augenblick riss sie Mund und Augen auf und hauchte: »O mein Gott, sieh dir bloß diese Villa an!«

Emily blieb stehen. »Das ist es. Das ist Joes Haus.« Abgesehen von der Rampe für den Rollstuhl, die an einer Seite angelegt worden war – neben der breiten Steintreppe, die vom Garten zur vorderen Veranda hinaufführte –, hatte sich nichts verändert.

»Ich glaub’s einfach nicht!«, stieß Ruby atemlos hervor. Fasziniert betrachtete sie das stattliche Anwesen. Emily verspürte ein nervöses Kribbeln in der Magengrube. Wie würde Joes Familie auf ihr Erscheinen reagieren? Wie würde Ruby aufgenommen werden? Auf einmal hatte sie Zweifel, ob es richtig gewesen war, herzukommen, aber andererseits hatten sie in ihrer Situation kaum eine andere Wahl.

Als hätte sie die Gedanken ihrer Mutter gelesen, fragte Ruby unvermittelt: »Weiß die Familie meines Vaters von mir?«

»Ich bin mir nicht sicher. Ich habe Joe nie gefragt, ob er seiner Frau von dir erzählt hat, aber der Anwalt wird ihr sicherlich mitgeteilt haben, dass wir kommen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sie die Nachricht aufgenommen hat.«

Im Grunde fand sie es verwunderlich, dass Carmel ihnen nicht verbot, das Haus zu betreten. Ob sie mit den Jahren versöhnlicher geworden war? Emily hielt das für eher unwahrscheinlich.

Ruby nickte. »Ja, ich auch.« Ein unbehagliches Gefühl beschlich sie, aber sie ließ sich nichts anmerken. Sie musste ihrer Mutter zuliebe stark sein.

»Egal, was sie tun oder sagen, Ruby, nimm es nicht persönlich. Sie trauern, deshalb kann es gut sein, dass sie ihren Schmerz an uns auslassen werden.«

»Du trauerst auch, Mom, und du hast Joe genauso sehr geliebt wie seine Frau, wenn nicht noch mehr.«

Emily traten Tränen in die Augen. »Carmels Gefühle hatten nicht das Geringste mit Liebe zu tun. Sie wollte die absolute Kontrolle über Joe, sodass ein ständiger seelischer Druck auf ihm lastete, an dem er fast erstickt wäre«, stieß sie bitter hervor, überrascht über den Groll, der plötzlich in ihr aufstieg. Sie hatte geglaubt, diese Empfindungen längst überwunden zu haben. »O mein Gott«, stieß sie aus.

»Was ist denn?«

»Ich habe mir fest vorgenommen, mich in Gegenwart von Joes Familie nicht von meinen Gefühlen hinreißen zu lassen, und jetzt sind meine guten Vorsätze schon dahin, obwohl ich das Haus noch nicht einmal betreten habe.«

»Du bist auch nur ein Mensch«, sagte Ruby tröstend.

»Trotzdem. Ich will keine Schwäche zeigen. Nicht vor dieser grässlichen Frau. Sie würde sich sofort darauf stürzen wie ein … ein Geier.« Emily wusste selbst, dass sie sich ein bisschen irrational benahm, aber sie konnte nicht anders.

»Es wird schon gut gehen, mach dir keine Sorgen«, beruhigte Ruby sie. »Diese Leute können uns nichts anhaben.«

»Ja, du hast Recht. Manchmal spricht aus dir die Weisheit des Alters.« Emily lächelte.

»Ich komm eben ganz nach dir«, scherzte Ruby.

Eher nach deinem Vater, dachte Emily, behielt es aber für sich.

Sie traten durch das schmiedeeiserne Gartentürchen und gingen den von Schneewittchenrosen eingerahmten Weg zur Veranda hinauf. Als sie die Stufen hinaufstiegen, wurde die Haustür geöffnet, und ein Mann trat heraus. Er wirkte ein wenig nervös, so als hätte er sie bereits ungeduldig erwartet.

»Miss Rosewell?« Fragend blickte er von Emily zu Ruby.

»Ganz recht. Ich bin Emily Rosewell und das ist meine Tochter Ruby. Und Sie sind Mr. Humphries, nehme ich an?« Sie erkannte seine Stimme von ihrem Telefonat wieder.

»Richtig. Ich bin … ich war Mr. Jansens Anwalt.« Marshall Humphries war überrascht, weil Emily so ganz anders war, als er sie sich vorgestellt hatte. Sie hatte ein offenes, freundliches Gesicht, eine angenehme Stimme und war darüber hinaus eine sehr attraktive Frau. Er hatte irgendwie damit gerechnet, einer zweiten Carmel zu begegnen, aber andererseits genügte eine wie sie auf der Welt ja vollauf.

»Freut mich«, sagte Emily. »Bitte entschuldigen Sie, falls wir uns verspätet haben sollten. Wir haben all die wunderschönen Villen und Gärten bewundert und darüber ganz die Zeit vergessen.«

Der Anwalt fand Emilys Offenheit erfrischend. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Keine Sorge, Sie sind pünktlich. Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind.« Er zögerte, wollte hinzufügen, dass es sicherlich keine leichte Entscheidung gewesen sei, schwieg dann aber. »Bitte, treten Sie doch näher.«

Die beiden Frauen folgten ihm in die marmorgeflieste Eingangshalle und von dort weiter in ein holzgetäfeltes Zimmer mit zwei Bücherwänden. Der schmucklose Raum hatte eine ausgesprochen maskuline Note. Dass es ihm an Wärme und Behaglichkeit fehlte, erstaunte Emily nicht. Eine kalte Frau wie Carmel wäre niemals imstande, ein gemütliches Zuhause zu schaffen.

Ruby blickte sich neugierig um. Das hier musste das Arbeitszimmer ihres Vaters gewesen sein. Aber sie entdeckte nirgends irgendeinen persönlichen Gegenstand, ein gerahmtes Foto oder etwas Ähnliches, das ihr geholfen hätte, sich ein Bild von ihm zu machen.

Vor einem wuchtigen Mahagonischreibtisch waren zwei Reihen Stühle aufgestellt worden. Ganz vorne saß eine Frau in einem Rollstuhl, sie wandte ihnen den Rücken zu, genau wie die beiden jüngeren Leute neben ihr, Joes Kinder Jennifer und Justin, wie Emily vermutete. Ihr wurde buchstäblich schlecht bei Carmels Anblick.

Der Anwalt forderte Ruby und Emily mit einer Handbewegung auf, sich zu setzen, und trat hinter den Schreibtisch. Seine Miene war angespannt. Emily konnte sich gut vorstellen, was er durchgemacht hatte, als er Joes Familie mitteilte, dass sie und Ruby bei der Testamentseröffnung anwesend sein würden.

Sie nahmen neben einem älteren Paar Platz, das einen sehr bescheidenen, zurückhaltenden Eindruck machte. Emily nahm an, dass es sich um Hausangestellte handelte, die Joe ihrer langjährigen treuen Dienste wegen in seinem Testament bedacht hatte. Sie nahmen keine Notiz von den beiden Frauen, was diesen sehr gelegen kam.

Fast gleichzeitig fuhren jedoch die beiden jungen Leute in der vorderen Reihe herum. Joes Kinder sahen sich sehr ähnlich. Ihre konservative Kleidung hatte vermutlich so viel gekostet, wie eine Friseurin im Jahr verdiente, aber Ruby hatte selten ein so abscheuliches Ensemble gesehen wie das ihrer Halbschwester. Guten Geschmack konnte man eben mit Geld nicht kaufen. Sie spürte, wie die beiden sie taxierten. Ruby trug einen weißen Minirock, ein figurbetontes schwarzes, kurzärmeliges Oberteil mit einem Modelabel auf der Brust und dazu weiße, hochhackige Sandaletten. Modische weiße Ohrringe und ein kräftiges Make-up ergänzten den Look einer modebewussten jungen Frau der Sechzigerjahre. In dem konservativen Arbeitszimmer kam sich Ruby in ihrer Aufmachung allerdings ein wenig fehl am Platz vor.

Justin Jansen sprang auf und trat auf Ruby und Emily zu. Jetzt drehte sich auch Carmel zu ihnen um. Ihre kalten grauen Augen schossen giftige Blicke auf Emily.

Emily hielt ihrem Blick stand. Verblüfft stellte sie fest, wie dramatisch Carmel gealtert war. Vor ihrem Unfall hatte sie sie zweimal gesehen, einmal persönlich, das zweite Mal auf einem Foto im Gesellschaftsteil der Zeitung, das gemacht worden war, als sie mit Joe eine Wohltätigkeitsveranstaltung besucht hatte. Sie war außergewöhnlich schön gewesen, aber ihre Züge ließen alles Weiche, Sanfte vermissen. Jetzt war ihr bleiches, knochiges Gesicht verhärmt – eingerahmt von dem schulterlangen silbergrauen Haar sah es fast gespensterhaft aus. Krumm und gebeugt saß sie in ihrem Rollstuhl. Die Verbitterung und die Anstrengung, Joe unglücklich zu machen, hatten sie verzehrt, aber Emily empfand kein Mitleid.

Carmel war nicht versöhnlicher geworden, im Gegenteil, ihre Feindseligkeit Emily gegenüber war nahezu greifbar. Doch das wunderte Emily nicht. Im Stillen hatte sie gehofft, Joes Kinder würden toleranter sein und den Wunsch verspüren, ihre Halbschwester näher kennenzulernen. Jetzt erkannte sie, wie wirklichkeitsfremd dieser Gedanke gewesen war. Carmel würde das niemals zulassen.

»Bitte setzen Sie sich, Justin«, sagte Mr. Humphries mit Nachdruck, doch der junge Mann achtete nicht auf ihn.

Der Anwalt seufzte. Er hatte den ganzen Vormittag damit verbracht, beschwichtigend auf Joes Familie einzureden, was ihn viel Kraft gekostet hatte. Dass Carmel die Geliebte ihres Mannes nicht in ihrem Haus haben wollte, war zwar verständlich, aber die Regelung des Nachlasses lag schließlich auch in ihrem Interesse. Marshall Humphries hatte ihr klargemacht, dass sie sich zur Testamentseröffnung so oder so alle im selben Zimmer aufhalten mussten; daran führte nun einmal kein Weg vorbei. Carmel hatte das zu guter Letzt eingesehen. Ihre Kinder hingegen ließen sich nicht so leicht besänftigen.

Justin baute sich vor Emily auf. »Ihre Anwesenheit im Haus meiner Mutter ist völlig inakzeptabel«, herrschte er sie an. »Mein Vater schuldete Ihnen nicht das Geringste dafür, dass Sie sich in Schwierigkeiten gebracht haben.«

Ruby sprang auf. »Was fällt Ihnen ein, so mit meiner Mutter zu reden?«, empörte sie sich. »Es gehören immer zwei dazu, ein Kind zu zeugen, und in diesem Fall waren es zwei Menschen, die einander wirklich liebten.«

»Das hätten Sie wohl gern, was?«, höhnte Justin. Seine Lippen zitterten, so krampfhaft versuchte er, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten.

»Es ist die Wahrheit«, sagte Emily ruhig.

Sie wollte sich nicht mit ihm streiten, aber sie wollte diese Behauptung auch nicht einfach im Raum stehen lassen, nur um Justins Gefühle nicht zu verletzen. Er nahm ja auch keine Rücksicht auf ihre Gefühle.

»Mir scheint, Sie leben seit mehr als fünfundzwanzig Jahren in einer Fantasiewelt«, spottete Justin mit schneidender Stimme.

»Wir nicht, aber Sie offenbar«, konterte Ruby. »Ich existiere nämlich! Ob es Ihnen passt oder nicht.«

Emily sah Justin aufmerksam an, aber sie konnte keinerlei Ähnlichkeit mit dem Mann feststellen, den sie so sehr geliebt hatte. Joe hatte einen dunklen Teint und schwarze Haare gehabt. Justin kam ganz nach seiner Mutter, nicht nur äußerlich, sondern offenbar auch, was seinen Charakter betraf. Joe war ein guter Mensch gewesen, gerecht, großzügig und humorvoll. Zu Emilys Enttäuschung schien der junge Mann nichts von alledem zu sein. Aber was hatte sie erwartet? Natürlich hatten Carmels Ansichten auf ihn abgefärbt.

»Dass Joe und ich uns geliebt haben, ist kein Hirngespinst«, sagte sie mit Bestimmtheit. »Sie können sagen oder denken, was Sie wollen, das wird nichts ändern.« Ihre Hände begannen zu zittern, so aufgewühlt war sie, und sie verschränkte sie im Schoß, damit man es nicht sah.

»Ihr kleines Techtelmechtel hat Ihnen offensichtlich mehr bedeutet als ihm«, warf Carmel ein. Ihre schmalen Lippen, die passend zu ihrer Bluse in einem grellen Orange geschminkt waren, kräuselten sich höhnisch.

Emily spürte Zorn in sich aufsteigen.

»Mein Vater hat Ihre Existenz nie zur Kenntnis genommen und die Vaterschaft nicht anerkannt. Warum also sollten wir uns mit Ihnen befassen?«, sagte Justin zu Ruby, die keine Antwort darauf hatte. »Sie waren doch nur ein dummer Betriebsunfall. Und jetzt besitzen Sie die Frechheit und kommen hierher, um sich etwas unter den Nagel zu reißen, was Ihnen gar nicht zusteht.«

»Ich bin meiner Mutter zuliebe hier«, erwiderte Ruby hitzig, »und nicht, weil ich irgendetwas haben will!«

Jetzt erhob sich auch Emily. Sie funkelte Justin zornig an und stieß gepresst hervor: »Wie können Sie es wagen, so mit meiner Tochter zu sprechen! Ihr Vater würde sich schämen, wenn er das gehört hätte.«

»Lassen Sie meinen Vater aus dem Spiel. Was wissen Sie schon von ihm? Überhaupt nichts!« Justin kamen unwillkürlich die Tränen, worüber er sichtlich wütend war. »Sie hatten eine kleine Affäre – na und? Danach hatte er mit Ihnen oder Ihrem Balg nichts mehr zu schaffen.«

Justin war nicht unverwundbar, das wurde Emily jetzt klar, und sie empfand fast ein wenig Mitleid mit dem jungen Mann. Es war nicht seine Schuld, dass er eine Mutter wie Carmel hatte. Sie wandte sich der Frau zu, die Joe das Leben zur Hölle gemacht hatte. Eigentlich hatte sie nicht vorgehabt, auch nur ein Wort mit ihr zu wechseln, aber sie nahm es ihr sehr übel, dass sie ihre Kinder mit bösartigen Lügen und Gemeinheiten gefüttert hatte.

»Sie wissen ganz genau, dass dieser Rollstuhl der einzige Grund ist, dass Joe bei Ihnen geblieben ist. Ihre Rechnung ist aufgegangen.«

»Wollen Sie etwa behaupten, er habe seine Familie nur deshalb nicht verlassen, weil er Schuldgefühle hatte? Das ist ja lächerlich«, brauste Carmel auf.

»Keineswegs. Sie haben ihn emotional erpresst, deshalb ist er bei Ihnen geblieben. Deshalb und weil er seine Kinder nicht allein in Ihrer Obhut lassen wollte«, entgegnete Emily gelassen.

Die Ruhe, die sie plötzlich überkommen hatte, erstaunte sie selbst. Ruby hatte ganz Recht: Diese Leute konnten ihr nichts anhaben; sie hatte nichts von ihnen zu befürchten.

»Mein Vater gehörte hierher, zu seiner Familie«, zischte Justin, der vor Wut einen hochroten Kopf bekommen hatte. »Und das wusste er auch. Er hat uns geliebt.«

»Das bestreite ich gar nicht«, erwiderte Emily. »Und weil er seine Kinder so sehr geliebt hat, wollte er in ihrer Nähe sein und an ihrem Leben teilhaben, aber er wollte mit mir und Ruby zusammen sein. Im Gegensatz zu Ihrer Mutter wollte ich nur, dass er glücklich ist.«

»Sie unverschämte Person!«, giftete Carmel. »Stellen sich als eine Art Märtyrerin hin, die ihn gehen ließ. Sie konnten ihn nicht halten, so sieht es doch aus!«

»Sie irren sich, Carmel. Sie waren diejenige, die ihn an sich gefesselt hat. Kein Trick war Ihnen zu schäbig, um Ihr Ziel zu erreichen. Ich habe ihn gehen lassen, weil ich ihn geliebt habe.«

Emily hatte genug. Sie griff nach ihrer Handtasche und wandte sich zum Gehen. Doch der Anwalt war schneller. Er eilte hinter dem Schreibtisch hervor, die Hände beschwichtigend erhoben.

»Bitte setzen Sie sich wieder. Sie auch, Justin. Wir wollen doch nicht vergessen, welcher Anlass uns hier zusammengeführt hat. Es geht um Joes Letzten Willen. Lassen Sie uns die gebotene Würde bewahren«, sagte er beschwörend.

Emily zögerte.

»Komm, Mom, setz dich wieder«, flüsterte Ruby ihr zu. »Jetzt bleiben wir erst recht.«

Emily, stolz auf ihre Tochter, nickte ihr zaghaft zu und setzte sich wieder. Auch Justin fügte sich.

Marshall Humphries kehrte an den Schreibtisch zurück. »Da wir jetzt vollzählig versammelt sind, werde ich mit der Verlesung des Testaments von Joseph Caldwell Jansen beginnen«, sagte er und setzte sich ebenfalls. Er räusperte sich und schlug eine Mappe auf, die Joes Letzten Willen enthielt. Dann sah er Carmel an. »Ich muss Sie warnen. Joe hat sein Testament vor drei Wochen geändert. Ich werde gleich erklären, warum.«

»Ich bitte darum, Marshall«, sagte Carmel sichtlich verwirrt.

Sie hoffte inständig, dass das nichts mit Emily Rosewell oder ihrer Tochter zu tun hatte. Nur der Gedanke, am Ende als triumphierende Gewinnerin dazustehen, ließ sie die Anwesenheit ihrer Rivalin ertragen. Und sie zweifelte nicht daran, dass Joe ihr das Haus und seinen Kindern seine Firmen vermacht hatte. So gehörte es sich schließlich. Das war nur gerecht. Sollte er seiner Geliebten und seinem unehelichen Balg ruhig irgendeine wertlose Kleinigkeit hinterlassen – damit könnte sie leben. Sie konnte es kaum abwarten zu erfahren, was die beiden erben würden. Mehr als einmal hatte sie Marshall gefragt, doch dieser hatte geschwiegen wie ein Grab.

»Ich fürchte, Sie werden genauso überrascht sein, wie ich es war«, fuhr der Anwalt behutsam fort. »Joe fing ungefähr ein Jahr vor seinem Tod zu spielen an.«

»Was?« Carmel riss ungläubig die Augen auf. »Das kann nicht sein. Er hat gelegentlich einen kleinen Betrag verwettet, aber das war auch schon alles.« In der ersten Zeit nach ihrer Hochzeit war er gern zu Pferderennen gegangen, aber Carmel hatte ihm verboten, hohe Summen zu setzen.

Ruby beugte sich zu ihrer Mutter herüber. »War Joe etwa ein Spieler?«, wisperte sie.

»Er hatte eine Leidenschaft für Rennpferde, aber ich wüsste nicht, dass er vom Glücksspiel besessen war«, flüsterte Emily zurück. Sie war über diese Neuigkeit genauso erstaunt wie Carmel.

»Es tut mir sehr leid, Carmel«, sagte der Anwalt. »Aber anscheinend hat Joe nicht nur den Verstand verloren, sondern auch sein gesamtes Vermögen.«

Es dauerte einen Moment, bis Joes Frau die Bedeutung dieser Worte begriff. Dann klappte ihr Unterkiefer herunter, und das Zimmer begann sich um sie zu drehen.

Justin legte ihr seinen Arm um die Schultern.

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