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Im Guten wie im Schlechten

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Hier kommst du, kommst immer näher, deine langen, hellen Haare, die Haare eines Mädchens, bewegen sich im Wind, der hinter deinem Rücken weht, und die Locken tanzen um dich herum, wickeln sich um deinen schlanken Hals, schlagen gegen dein Gesicht, verheddern sich in deinen Lippen, schützen dich vor den Blicken, die dich verstohlen oder auch direkt anstarren, wenn du dich, gezwungenermaßen, aber erhobenen Hauptes, dem näherst, was der schlimmste, schrecklichste Moment deines Lebens sein wird.

An deinem Gang ist zu erkennen, dass du dich wie eine Frau bewegst, der nichts anderes übrig bleibt, als sich zu bewegen. Du gehst durch den Nebel, der kein richtiger Nebel ist, eher ein zäher, undurchlässiger Dunst, gegen den du dich sträubst, den du aber durchqueren musst, um das Unvermeidliche zu erreichen, näherzukommen, den Abstand zu verringern, um dich zu geben wie eine, die im Herzen noch eine leise Hoffnung hat, dass es hinter der Finsternis einen Ort gibt, an dem das Licht flackert.

Deine Sinne sind verzerrt, wie ein unscharf eingestelltes Radio. Einen Moment lang hörst du zu, dann herrscht eine niederschmetternde Ruhe. Einen Moment lang siehst du es, dann ist der Pfad wieder verschwunden. Deine Schritte sind langsam und unsicher. Dir ist, als würde sich die Erde unter deinen Füßen hin und her bewegen. Du schaust auf deine langen Beine in den schwarzen Gummistiefeln, die sich an deinen nackten, knochigen Knien reiben, und nach einer Minute ist alles wieder unscharf und du nimmst nur noch die Sohlen der flachen Stiefel wahr, die durch den Schlamm stapfen und eine schmutzige Spur hinterlassen.

Alle schauen dich an, während du deine Knie betrachtest, genauer gesagt, die mechanische Bewegung der Gelenke, du wunderst dich, dass deine Beine dich tragen, ohne dass du es ihnen befohlen hast. In einer entfernten, noch funktionsfähigen Ecke deines Gehirns sagst du dir, dass diese Szene aus einem Albtraum stammt, in dem dich alle belagern, dich anstarren, um Beweise für das zu finden, was in dir geschieht. Trauerst du genug für diese Menschen? Stellst du sie zufrieden?

Die Augen eurer Nachbarn vor dir, hinter dir, von allen Seiten: Die Augen von Amnon, dem Besitzer des Lebensmittelladens, von einer Gruppe übrig gebliebener, längst pensionierter Lehrerinnen der örtlichen Gesamtschule, von Motke, dem Basketballtrainer der Jugendgruppe, vom Gemüseverkäufer Zemach und seiner Frau Rina, von der Bibliothekarin, von Micky, Liat und Nucki, drei alten Verehrerinnen Josefs, die sich mit offenen Mündern um ihn scharten, mit langen Zöpfen und im Bikini.

Für einen Moment erkennst du den Dummkopf, an seinen Namen kannst du dich im Moment nicht erinnern, der mit Josef eine Partnerschaft an einem Kiosk hatte und bis heute die Schulden abbezahlt. Diese Menschen und ihresgleichen, samt ihren Freunden, ihren Frauen und Männern, richten ihre Blicke auf dich, suchen in deinem starren Gesicht nach der kleinsten Regung, in deinen blassen, angespannten Lippen, in deinen Kiefern, die du so fest zusammenpresst, dass die Zähne knirschen, damit dir ja kein Laut entwischt.

Und du gehst. Geistesabwesend wandert dein Blick über die Prozession, die sich den Weg entlangschlängelt. Aus den Augenwinkeln nimmst du die wenigen Freunde vom Berg wahr, die gekommen sind. Miri und Zeevik, Tami und Schlomo, und sogar David ist da. Was macht er hier?, fragst du dich verwundert und spürst, wie sich ein Schatten auf dein Herz legt, instinktiv weichst du ihren Blicken aus, obwohl sie bestimmt auf deiner Seite sind.

Deine Augen sind auf den Pfad gerichtet, der sich zum Friedhof windet, sie suchen etwas, an dem sie sich festhalten können, das deine Gedanken ablenkt. Du achtest darauf, nicht über die Steine zu stolpern, die aus der weichen Erde ragen, oder in Löcher oder kleine Erdhügel zu treten. Dein Herz füllt sich mit unerklärlicher Trauer über das Unkraut, die Brennnesseln und den Giersch, die friedlich am Wegrand blühen, bis sie zertrampelt werden, vorzeitig zerquetscht von den Rädern des Transporters, auf dem die Leiche gefahren wird.

Josefs Leiche.

Der Pfad ist rutschig und schlammig. Es hat die ganze Nacht gestürmt. Frühjahrsregen kam von überall her, der Donner rollte durch die Dunkelheit und zerbrach am Himmel, begleitet von prachtvollen Blitzen. Die Wege wurden überschwemmt, und du hast durch das Fenster in die nasse, dunkle Nacht gestarrt. Du hattest große Lust, etwas zu rauchen, das dich in den Schlaf gleiten ließe. Die Mädchen waren um elf Uhr eingeschlafen, sie hingen an dir, zusammengerollt wie Bälle. Ihre Haare dufteten nach Kokosshampoo, ein Geruch, der sich mit dem Geruch des Clementinensaftes an ihren Fingern vermischte. Der Duft erfüllte die Luft in dem geschlossenen Zimmer.

Im Licht des fast vollen Mondes, das durch die Rollläden drang, waren ihre runden, mit Sommersprossen gesprenkelten Wangen weiß wie frische Brötchen, ihre kleinen, fest umrissenen Münder, Zähne, die leuchteten wie kleine Knöpfe, und die vorgereckten Kinne. Die langen Wimpern warfen dünne Schatten auf die Vertiefung unter den Augen. Aja knirschte mit den Zähnen, das tut sie immer, wenn sie schläft. Die kleine Ninotschka kuschelte sich zwischen euch, ein Kätzchen, das noch nicht gelernt hat, ständig auf der Hut zu sein, und jederzeit in einen tiefen Schlaf sinken kann. Und du lagst bei ihnen, hattest das Gefühl, als hätte man dich am Strand alleingelassen, als schautest du mit sehnsüchtigen Augen zu, wie sie sich im Meer entfernen, wie das Schiff des Schlafs sie von dir forttrug.

Seine Mutter stieß erstickte Seufzer aus, bevor sie euch allein ließ und die Tür des Gästezimmers schloss, das in seiner Jugend das Zimmer ihres Vaters gewesen war, und murmelte, ohne dass es klar war, ob sie zu sich selbst oder zu dir sprach, wie ähnlich ihm die Mädchen sehen, und was passiert jetzt mit ihnen, und wie viel Zeit brauchen sie, so etwas zu verstehen, nicht nur die Mädchen, auch die Erwachsenen, aber so ist es, das ist Schicksal, die Guten nimmt er jung zu sich.

Du hast versucht, dich zu verschließen, damit diese Worte dich nicht erreichten, Worte, die nichts mit dir zu tun hatten, auch nicht mit ihm. Sie waren ohne jeden Zusammenhang. Du hast gewartet, dass sie die Tür endlich schließt, denn du hattest dir bereits vorher überlegt, wie du dann, wenn alle eingeschlafen waren, auf Zehenspitzen herumschleichen und die Schränke nach etwas Trinkbarem absuchen würdest. Vielleicht ist nach der Scheidung irgendwo noch ein Whisky oder eine Flasche Kognak übriggeblieben, die auf Gäste warten oder auf Josef, der sich immer über Alkohol freute. Alles würde gehen, Hauptsache, du könntest die Augen zumachen, ohne die Bilder zu sehen.

In deinem Kopf drehte sich das Gedankenkarussell, und du hast versucht, auf den Atem der Mädchen zu lauschen, konzentriert dem ungleichmäßigen, aber beruhigenden Geräusch zu folgen, das vom Sturm verschluckt wurde, du versuchtest, dich mit einem Gedanken zu beruhigen, der in dir aufstieg, den Erinnerungsfetzen an eine frühere Gruppenmeditation auf dem Berg, da hatte man gesagt, wenn man dem Rhythmus des Atems aufmerksam folgt, entdeckt man, dass er wie die Wellen des Meeres wirkt, jeder Atemzug für sich.

Aber wo bist du und wo ist das Meer? Der Sturm in dir ist wie Sehnsucht, dass der verfluchte oder gesegnete Regen nie aufhören möge, bis die Welt untergeht und nur ihr drei noch auf dem Wasser treibt, hin und her geschaukelt auf dem Jugendklappbett, auf dem Josef Dinge lernte, an die du jetzt nicht denken möchtest.

Schon immer mochtest du den letzten Regen der Saison, er hat etwas Heroisches, anders als der erste Regen, der nur tropfenweise daherkommt, als tue er dir einen Gefallen, wenn er länger als wenige Minuten dauert, der nur herabrieselt und verschwindet. Der letzte Regen ist gewalttätig, er kann die Freude des Frühjahrs zunichtemachen, erwischt die Bauern unvorbereitet auf dem Feld, drangsaliert kleine Kinder, die mit ihren neuen Sandalen herumstolzieren, benimmt sich so, als würde er es der Welt noch einmal zeigen wollen, bevor er sich endgültig verabschiedet.

Vielleicht solltest du doch noch versuchen zu schlafen, verlangtest du unter schweren Augenlidern von dir, du hattest nicht mehr die Kraft, mitten in der Nacht wie eine Diebin herumzuschleichen und die Schränke zu durchforsten.

Um ein Uhr morgens wollte der Regen nichts mehr mit dir zu tun haben und hörte auf. Du warst es leid, wach zu liegen, mit Blei in der Kehle und dem Gedanken, dich doch noch aufzurappeln. Die Mädchen lagen quer über dem Bett, und du fühltest dich überflüssig, als würdest du sie daran hindern, bequem zu schlafen. Du bist aufgestanden und im Dunkeln auf den Balkon geschlichen, du trugst die alten, dicken Militärsocken, einen großen, gefütterten Mantel, den du in einem der Schränke gefunden und über das Unterhemd und die kurze Hose angezogen hattest, um den Joint zu rauchen, den Schaul für dich gedreht und dir heimlich in die Manteltasche gesteckt hatte, bevor er sich verabschiedete.

Du konntest leicht den Eindruck gewinnen, dass auch die Welt fertig war, erledigt, leer. Am Himmel waren keine Sterne zu sehen. Der fast volle Mond war verschwunden, außer dir war weit und breit keine lebendige Seele zu sehen. Sogar die Grillen schwiegen. Du standest in der nassen, mitleidlosen Dunkelheit und lauschtest dem Rauschen des Wassers in den Abwasserkanälen am Rand der Straße. Nur du und der Gedanke, dem du dich nicht entziehen konntest, dass es dafür keine Sühne gibt und auch nie geben wird.

Verwirrt bist du aufgestanden, um festzustellen, dass der neue Tag hell und klar sein würde. Josef hat sich den richtigen Tag für seine Beerdigung ausgesucht, einen der wenigen schönen Tage, die man im April erwischen kann, mit klarer Sicht bis ins Unendliche, kein Anzeichen eines Wüstenwindes, keine Wolken am Himmel, und bis zum Mittag ist der Tag eine Lobeshymne auf die Schöpfung. Am hellblauen Himmel ziehen lockere, weißliche Wolken, sie schweben nicht, sie lassen sich vom Wind anschieben, als würden sie sich ihrem Schicksal fügen, langsam ziehen sie über den glänzenden Sand hin zu den grünen Hügeln in der Ferne, als wollten sie noch ein bisschen Sonne am Strand erwischen, schließlich begegnet man solch einer Sonne nicht jeden Tag, einer Sonne, die streichelnde, schwindelerregende Wärme verbreitet, die mit ihrer seltsamen Farbe blendet. Die Welt ist sauber gewaschen und poliert, wie sie es am Mittag vor dem Sederabend sein sollte.

Es bleibt nichts anderes übrig, als ihn noch vor dem Feiertag zu beerdigen. Es ist eine bedrückende, dörfliche Beerdigung; die Trauergäste sind gezwungen, deinen Josef unter die Erde zu bringen, statt die letzten Vorbereitungen zu treffen, einzukaufen, zu putzen und zu kochen. Wenn du dir Mühe gibst, wirst du als junge Witwe überzeugend wirken. Gut, vielleicht nicht mehr so jung, immerhin bist du schon dreiundvierzig Jahre alt. Doch der Witwenstand passt nicht zwangsläufig besser zu gewichtigen Damen mit ergrautem, aber noch nicht weiß gewordenen Haar, mit einem fest im Nacken gebundenen Dutt, um den runzligen Hals einen Wollschal, der dem schwarzen Kleid eine elegante Note gibt, einem Kleid, das eine schlaffe Figur verdeckt. Solch ein Körper macht den Gang der Damen beschwerlich. Womöglich sind ihre Schritte klein und gemessen, ihre Füße tragen bequeme Schuhe, und sie stützen sich beim Gehen auf ihre Begleiter.

Aber du wirst keine Schwäche zeigen. Du schreitest voran mit langen Schritten, schlingst deine muskulösen, dünnen Arme um den Körper, sie kreuzen sich über den Rippen, die Fingerkuppen werden weiß vom Druck. Deine Nägel sind abgekaut. Sie werden dich beobachten, doch du wirst keine Notiz davon nehmen. Du bleibst bei dir, schirmst dich ab in dem groben grünlichen Pulli, der bis zum Schlüsselbein zugeknöpft ist, und dem dunkelblauen Rock, der sich um deine Oberschenkel wickelt. Es sind alte, schmutzige Kleidungsstücke. Auf der Innenseite deines linken Oberschenkels ist ein Schlammspritzer zu einem dünnen Streifen verschmiert; wenn dein Rock vom Wind aufgeweht wird, ist der Streifen zu sehen. Die Haut ist von einem Netz bläulicher Adern und rosafarbener Äderchen durchzogen, man sieht auch ein paar dunkle Warzen mit grünlich-gelben trüben Rändern. Du hast keine Ahnung, wie sie dahin gekommen sind, nie hast du eine Ahnung.

An andere Dinge kannst du dich allerdings erinnern, an komische und überflüssige Dinge. Dir geistert der alberne Text eines Liedes durch den Kopf. Ohne Stimme, ohne die Lippen zu bewegen, wiederholst du die Worte, immer wieder – denn du bist eine absolute Expertin darin, mit dir selbst und mit anderen heimliche Gespräche zu führen, komplizierte und verschlungene Dialoge, knifflige Monologe, ohne dass man es dir von außen anmerkt – es ist das Lied der Pflanzer. Mit Freude im Herzen und einem Spaten in der Hand, vom Tal und vom Berg, von der Stadt und vom Dorf am Tu-Tu-Tu-Beschwat.

Die Worte spenden vor allem Trost durch die Wiederholung des Tu, Tu, Tu. Sie sind auch witzig und passen genau zu der Situation. So gehen die Menschen, um Josef in die Erde zu senken, Tu-Tu-Tu zu pflanzen. Wenn sie doch alle stürben! Woher kommt jetzt dieses Lied für Tu Beschwat? Es ist doch schon April, heute Abend wird der Seder gefeiert. Du solltest dich lieber schnell aus dieser Stimmung lösen, du könntest sonst noch lächeln. Respekt, Schlomit, würde Josef sagen, wenn er in diesen Minuten neben dir ginge. Erweise dieser Situation Respekt.

Du wirst als Witwe nicht allein gehen. Darauf kannst du dich verlassen, nachdem sich das Wetter hier aufführt wie im Karneval, statt ein düsteres Requiem zu zelebrieren.

Gleich nach dem Tor bleibst du stehen. Du entscheidest dich, den Blick zu heben und die paarweise nebeneinander gehenden Menschen anzuschauen. Seine Eltern, deine Eltern, seine Schwester mit ihrem Mann, sein Bruder mit seiner Frau und dein Bruder, der mit seiner Freundin aus London gekommen ist, man hat auf ihn gewartet. Dahinter gehen die Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, als wären sie auf dem Weg zu einer beschissenen Arche Noah, nicht zu einer Grabstelle auf dem dörflichen Friedhof – sie gehen durch das Eisentor, und alle, was für ein Wunder, leben in einer stabilen Partnerschaft.

Vor dir, im Auto, das gerade stehenbleibt, liegt der Tote. Und die Witwe mit zerzausten Haaren, schön, verwirrt, müde, unpassend angezogen, steht da und wartet so gehorsam, wie sie es ihr Leben lang war. Und wie immer in ihrem Leben wagt es keiner, ihr näher zu kommen. Sie steht einsam da, starrt die Türen des Wagens an, die sich öffnen, und sieht vier kräftige Männer aussteigen, sie weiß nicht, wer sie sind, aber sie kommen ihr bekannt vor. Mit sicheren Händen tragen sie ihren toten Märchenprinzen.

Dein Geschenk für den Feiertag.

Die Prozession bewegt sich schrittweise weiter, und der Schwarm der Paare schließt die Lücken. Wie immer gibt es welche, die Abstand halten, herumstehen, sich so aufstellen, dass sie bequem den inneren Kreis der zusammengedrängten Trauernden sehen können.

Und einige Meter vor dir entfernt, vor deinen Füßen, das ausgehobene Erdloch.

Du fragst dich, wie lange das alles wohl dauern wird. Und ob du es aushältst. Du musst dir etwas besorgen. Zum Rauchen, zum Trinken. Zum Schlucken. Sonst drehst du durch. Deine Aufmerksamkeit springt zu den zwitschernden Vögeln und zu den prallen Muskeln der Totengräber. Du weißt, dass du die Augen geschlossen halten solltest, trotzdem lässt du sie offen, du versuchst, ihn dir vorzustellen, auf dem Rücken liegend. Sein Gesicht – wie sieht es aus? Entspannt? Traurig? Hat es jetzt einen Ausdruck, den du nicht kennst? Gibt es einen solchen Ausdruck überhaupt? Du hast doch jede Regung seines Gesichts in den letzten tausend Jahren gesehen – du hast ihn gekannt, bevor du begonnen hast, dich selbst kennenzulernen. Wie kommt es also, dass du nicht in der Lage bist, seine Gesichtszüge auf die undurchdringliche Schicht deines Gehirns zu malen? Das Bild in deiner Vorstellung ist nur ein Schatten, abwechselnd schwarz oder weiß, gesichtslos, nur die Umrisse eines Körpers unter dem Laken. Aber der Körper ist der hagere Körper des pubertierenden Jungen, der er einmal war, nicht der voller und breiter gewordene, schiefe, verweichlichte jenes Mannes, mit dem du dein Leben teiltest. Vielleicht möchte er dir mit seinem Tod nur dies als Vermächtnis hinterlassen – dass du dich an ihn erinnerst, wie er war, als er dich genommen hat?

Dein Körper ist versteinert. Angefangen mit den Händen und den Füßen. Bis zum Gehirn.

Je schöner der Tag wird, je trauriger die Menschen werden, je lauter ihr Weinen, umso langsamer werden deine Gedanken. Du tauchst auf, du wirst gezwungen, teilzunehmen an dem, was vor dem Grab geschieht, das von Erdwällen umgeben ist, die man gleich hineinschaufeln wird, bis das Loch voll ist und die Trauergäste Kränze und Blumentöpfe und alles, was ihnen einfällt, dazulegen dürfen. Dann werden sie endlich frei sein, um in ihre Häuser zurückzukehren und die letzten Vorbereitungen für den Sederabend zu treffen.

Finger berühren dich am Arm. Du siehst das blasse Gesicht Schmuels, seines Vaters, und erschauerst. Der elegante Anzug lässt seine große Gestalt kleiner wirken. Das Gesicht des berühmten Rechtsanwalts, dessen edle Züge täuschen können, zeigt einen niedergeschlagenen Ausdruck. Schlamm klebt an seinen Schuhen, die eigentlich dafür gemacht wurden, auf polierten Marmorböden zu gehen. In wenigen Minuten wird seine Stimme brechen, wenn er das Kaddisch spricht, eine Silbe nach der anderen. Man hat ihn gebeten, das Kaddisch zu sprechen, als Relikt einer Tradition. Genauer gesagt, man hat es ihm erlaubt. Und man hat auch Arlettes Wunsch gewürdigt, Josef nicht in einem Sarg zu beerdigen. Du hast keine Ahnung, was du jetzt mit dem Rechtsanwalt und seinem gebrochenen Herzen anfangen sollst, dem Mann, der sich entschlossen hat, sich selbst zu trösten, indem er dich tröstet und dir zur Seite steht. Aber es ist eindeutig, warum er sich an dich hängt, es ist die Schicksalsgemeinschaft der Verfluchten – weil ihr beide aus demselben Stoff gemacht seid, ihr seid die Egoisten, die ihre Familie im Stich gelassen haben.

Und so steht ihr da, er klammert sich noch immer an deinen Arm, wenn auch nicht mehr so fest, und beide betrachtet ihr Arlettes Auftritt, wie perfekt sie die Rolle der ihres Sohnes beraubten Mutter spielt, wie stilvoll sie Eleganz mit Schlichtheit kombiniert – ihre Frisur, ihr Kleid, das Jackett, die halbhohen Absätze, die reife, beneidenswerte Figur einer italienischen Schauspielerin, der man ihre etwas über sechzig Jahre kaum ansieht, während sie von ihrer Tochter Jasmin und von ihrem Schwiegersohn Schaul gestützt wird. Sorgsam halten Tochter und Schwiegersohn die weinende Mutter fest, um zu verhindern, dass sie zusammenbricht. Ihr gepflegtes, an normalen Tagen sorgfältig geschminktes Gesicht hat sie mit bunten indischen Baumwolltüchern verhüllt, wie sie sonst die gutherzige, verträumte und reiselustige Jasmin trägt.

Deine Augen finden es schwierig, sich auf das zarte, nachsichtige Gesicht Jasmins zu konzentrieren, das sich jetzt an Schauls Hals legt. Man muss die Tatsache würdigen, dass er bereit war, auf seine üblichen weiten Hosen zu verzichten und sich für diesen Anlass wie ein normaler Mensch anzuziehen. Mit einer Hand stützt er die Mutter, mit der anderen ihre Tochter, sein Gesicht ist verzerrt, und Tränen laufen ihm über die Wangen in seinen spärlichen Bart und in die Haare seiner Frau.

Josef mochte den jungen Mann durchaus. Früher behauptete er sogar, er habe das Potenzial eines geistigen Führers, aber mit den Jahren hatte seine Begeisterung für Spiritualität abgenommen. Doch im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern hatte er seinen Schwager nie als Sonderling betrachtet.

Auf Schauls Schulter liegt die Hand von Jarden, dem Nachkömmling, deinem angepassten Schwager, den man nie zu Gesicht bekommt, weil er mit seinem Magisterstudium beschäftigt ist. Er bereitet sich vor, in wenigen Minuten die Trauerrede im Namen der Familie zu halten.

Wird dir das Herz vor Mitleid mit dem Rechtsanwalt zerbrechen, dem es nur bleibt, das Kaddisch zu sagen, und auch das nur aus Rücksicht auf die Tradition, die ihrerseits keine Rücksicht auf Ansehen und Stand nimmt? Du willst dir nicht vorstellen, was passieren würde, wollten sie an diesem Tag mit dir abrechnen. Du weißt, dass Jarden auf deiner Seite ist, trotz allem, weil ihr vorhin, während der Prozession, Blicke gewechselt habt und er dich angelächelt hat. Dein Herz hat sich zusammengekrampft, weil du in seinem offenen Lächeln und seinem aufgeregten Blick das Gesicht des jungen Josef gesehen hast, als seine Augen noch leuchteten wie Lichtflecken auf einem Teich mit grünem Wasser und sein Gesicht liebevoll aussehen ließen, bevor es hart wurde, oder umgekehrt, bevor es weicher und allmählich das Gesicht eines erwachsenen Mannes wurde, dem Leid und Niederlagen nicht unbekannt waren.

Vielleicht ist es doch ganz gut, dass die Mädchen nicht da sind und ihnen der schreckliche Anblick der trauernden Familie erspart bleibt. Arlettes Schreie wie die eines verletzten Tieres, Jasmins herzzerreißende Weinkrämpfe, Schmuels angestrengte, pfeifende Atemzüge, Schauls zusammengepresste Lippen, und all die anderen, die sich bemühen, das Weinen zu unterdrücken – die ihre Nase putzen, sich räuspern und ihren Speichel hinunterschlucken.

Wenn du hättest entscheiden können, wären die beiden jetzt hier, als Teil des Abkommens zwischen dir und Josef, auch nachdem du ihn aus dem Paradies vertrieben hast, nämlich dass man im Guten und Bösen zusammenhalten solle. Aber die beiden Großmütter waren gegen dich. Vereint in einem heiligen Bund, bedacht auf das Wohl der Kleinen, haben sie ausdrücklich von dir verlangt, die Mädchen zu schonen, sie nicht »ein weiteres Trauma« erleben zu lassen. Aja weinte bitterlich, als ihr klar wurde, dass sie bei der Beerdigung ihres Vaters nicht dabei sein durfte, aber Ninutschka, zu klein, um zu begreifen, was ihr entging, versuchte sie mit Streicheln zu trösten. Doch die Neunjährige schob zornig die Patschhände der Vierjährigen zurück und verließ laut weinend das Zimmer.

Dein Herz tut weh, wenn du denkst, dass du sie hierherbringen musst, jedes Mal, wenn sie ihren Vater sehen möchten. Was hat er mit diesem bescheuerten Friedhof inmitten einer grünen Dorfidylle zu tun? Es sieht aus wie eine Postkarte aus dem alten, sich auflösenden Israel, hier hört man nicht, wie sich die Wellen am Strand brechen, nur der Wind, spitz und salzig, kommt bis hierher. Nichts steht dem Wind im Weg, er schlägt vorsichtig gegen dein Gesicht, als wolle er dich zwingen, ein paar Tränen zu vergießen, nicht so starr dazustehen, während du die mitleidigen, besorgten Blicke deiner Eltern ignorierst, die zugleich auch einen gewissen Tadel zeigen; sie hätten es gern, dass du ein bisschen Gefühl zeigst und dich passend verhältst.

Du spürst ihre Blicke im Rücken, und der Trotz, deine zweite Natur und stärker als du, achtet darauf, dass du die Linie nicht überschreitest, du legst deine Hand auf Schmuels Arm, rückst ein bisschen zur Seite und senkst den Kopf so, dass deine Schläfe seine Schulter berührt. Mit dieser leichten Bewegung, die nur sie interpretieren werden, signalisierst du ihnen, dass du dich für die eine Seite entschieden hast.

Und für einen kurzen Moment, zum ersten Mal an diesem verdammten Tag, spürst du etwas. Du weißt auch, was du spürst. Erleichterung. Dass du an deinem Platz bleibst. Es gibt niemanden, der ihre guten Absichten, die du nicht brauchst, besser vereiteln könnte als du. Und ob du schon wanderst im finstern Tal, fürchtest du kein Unglück. Immer wirst du einen Komplizen finden. Den Bund der Bösewichte.

Du machst dir nicht die Mühe, sie anzuschauen. Du hast ja auf dem Weg hierher keine Gelegenheit versäumt, ihre saloppe Kleidung zu betrachten. Gideon und Thelma in Hosen und dazu passenden Jacken, er in Jeansstoff, sie in kakaobraunem Kord. Er mit einem blauen Hemd und sie mit einem olivgrünen Rollkragenpulli. Fest entschlossen, nicht zu altern, legen sie wieder einen Auftritt hin, als posierten sie für eine Zeitschrift unter der Rubrik »reiche Rentner im Urlaub«. Lederstiefel für sie, luxuriöse Wanderschuhe für ihn. Der Herr ist ein hoch angesehener, erfolgreicher Geschäftsmann, der nicht daran denkt, in Rente zu gehen, und Madame ist die Verfasserin von zwei Ratgebern zum Thema gesundes und ausgewogenes Leben, die zu Bestsellern wurden und von der Autorin persönlich ausprobiert waren.

Sie halten sich an den Händen, ja, Hand in Hand wie ein junges Paar, ihre Körper sind kräftig und gepflegt, gut in Form, reich, und alles deutet darauf hin, dass beide über einen eisernen Willen, gute Selbstbeherrschung, Führungsqualitäten und Lebenserfahrung verfügen. Ihr Alter, sechzig plus, eher schon an die siebzig, ist für sie kein Parameter, es dient ihnen höchstens als Vergleich und zeigt, wie man mit gutem Geschmack und angemessener Bescheidenheit ein gut gepolstertes Leben führt.

Und warum musst du sie gerade jetzt so verabscheuen? Wozu soll das gut sein? Du bist doch die Strafe dieses himmlischen Paares, dem Gott zwei undankbare Kinder beschert hat, die sich ideologisch von ihnen entfernt haben – die Tochter psychisch angeschlagen und mit zerstörerischen Tendenzen, der Sohn ein Drückeberger, der seine Pflichten als Mann, Erbe und Bürger vernachlässigt und schon bekommen hat, was er verdient. Du wärst froh, dich zurückziehen zu können. Du wärst wirklich froh. Dir hängt das abgewetzte Repertoire der Gefühle, das ihre Anwesenheit bei dir auslöst, schon längst aus dem Hals raus.

Du willst sie hier nicht haben, deshalb wendest du den Blick dahin, wo er steht, obwohl du nicht im Voraus gewusst hast, dass er da stehen würde, du fixierst ihn mit deinem Blick, und ein Schauer läuft dir über den Rücken, als du dir vorstellst, wie du deinen Körper an seinen drückst, bis du spürst, dass auch ihn ein Schauer überläuft, du wendest den Kopf ab, und als Folge dieses überraschenden, ungewollten Gedankens steigt das alte Verlangen in dir auf, seine Hand zu nehmen und loszulaufen, ihr rennt schwindelerregend schnell bis zu dem großen Felsen und versteckt euch vor der Welt. Ihr liebt euch, stundenlang, bis ihr nicht mehr wisst, wie spät es ist, und welcher Tag es ist, und wie ihr dort hingekommen seid, und weshalb ihr überhaupt zurückgehen sollt. Du und David.

Und nur Josef fehlt dir jetzt.

Vor dir springt ein Bild auf, bleibt in deinem Gehirn stecken wie ein Dia in einem Projektor, das nicht mehr zu bewegen ist. Josef mit dem Surfbrett unterm Arm, die kurze Hose klebt an seinen Beinen. Josef, der dich anlächelt, als du am Strand spazieren gehst. Vielleicht warst du sechzehn, vielleicht noch nicht. Er hörte, wie du ihn in Gedanken gerufen hast, ohne in seine Richtung zu schauen, und er reagierte, er kam, um dich in seinem Netz zu fangen. Ein Hai, der vorgibt, ein Delphin zu sein.

Die Motoren eines Passagierflugzeugs am Himmel dröhnen so laut, dass man kein Wort mehr versteht. Danach herrscht für einen kurzen Moment Stille, erst dann hört man wieder das Gewirr aus Flüstern, Räuspern, schniefenden Nasen und Gemurmel. Vor dieser Geräuschkulisse tritt der junge Bruder des Toten ans Grab, denn er muss die Grabrede halten. Er räuspert sich und wartet, bis der letzte Gast still ist.

»Josef«, sagt Jarden, und seine Stimme bricht, er verstummt, schnappt nach Luft, versucht das nächste Wort zu artikulieren und erstickt erneut. Er reibt sich das Gesicht, als wäre er gerade aufgewacht, verschluckt die Spucke und versucht wieder zu sprechen.

»Josef«, seine Stimme wird heiser, aber er ist fest entschlossen fortzufahren, »ich weiß, dass es dafür jetzt zu spät ist …« Seine Stimme zittert und wird schwächer, der Wind pfeift rücksichtslos und lässt seine armseligen Versuche, mit seinem berühmt-berüchtigten Bruder zu sprechen, nicht zu.

Einen Augenblick lang, nur einen trügerischen Augenblick lang, zappelnd in seiner Nichtigkeit, einen einzigen gnadenlosen Blick lang, der vielleicht doch ein Moment der Gnade und der Wahrheit ist, möchtest du sprechen. Du lechzt danach, vor ihnen zu stehen, vor allen, vor seinen und deinen Eltern, vor den Brüdern, Schwagern, Enkelkindern, Onkeln, vor David und Schaul, vor den Menschen vom Berg und den Menschen aus dem Dorf – wir kommen beide aus dem gleichen Dorf, hat Josef dir immer vorgesungen, wenn du nicht schlafen konntest vor Angst, dass ihr nicht zusammenbleibt, ihnen allen möchtest du es ein für alle Mal sagen:

Sie sollen wissen, dass er niemanden geliebt hat. Es war ihm egal, wie sehr sie ihn geliebt haben. Er liebte nur seine Töchter. Und dich. Ja, dich. Obwohl du seiner Liebe nicht würdig warst. Außer euch dreien liebte Josef niemanden, vor allem nicht sich selbst.

Doch du weißt, dass es besser ist, den Mund zu halten. Dass dir das Recht abgesprochen wurde, etwas zu sagen. Denn wenn es auf der Welt Gerechtigkeit gäbe, wärst du tot, und er würde hier stehen.

2

Man sagt, es gibt Dinge, die man so lange nicht glauben kann, bis man sie mit eigenen Augen gesehen hat, aber auch als Ma’ajan die Leiche mit eigenen Augen sah, oder genauer gesagt, die Umrisse dessen, was Jos lebloser Körper sein sollte, der Körper, den sie so genau kannte und der sich im Lauf der siebzehn Jahre nicht verändert hatte, der jungenhaft und hager geblieben war wie früher, in ständiger Bewegung mit einem gewissen Koordinationsmangel – was hatte er mit der leblosen, gliederlosen Mumie zu schaffen, die hier auf der Bahre lag –, war sie nicht überzeugt, dass er tatsächlich da lag.

Sie hatte sich um fast zwanzig Minuten verspätet, atemlos kam sie auf dem Friedhof an, ihre Hand umklammerte einen Strauß weißer Rosen, als wären sie die Eintrittskarte zu einer exklusiven geschlossenen Veranstaltung, von der sie ahnte, dass sie dort unerwünscht war. Sie hatte sich kaum von einer schon vor Wochen anberaumten Sitzung mit vielen Teilnehmern freimachen können. Die Prozession hatte kurz vor ihrem Auftauchen begonnen, und sie hielt sich am Rande, um nicht allzu viel Aufsehen zu erregen.

Eine halbe Nacht lang hatte sie geplant, wie sie rechtzeitig zur Beerdigung erscheinen könnte, wie sie trotz der Schwierigkeiten alles beschleunigen könnte. Wie ein General am Abend vor einer komplizierten Militäraktion war sie in Gedanken die Strecke durchgegangen, sie hatte das Durchsetzungsvermögen geübt, das sie aktivieren würde, ohne sich dafür zu schämen, hatte geplant, wie sie höflich, aber bestimmt alle Ablenkungen blockieren würde. Sie hatte keinen Zweifel, dass die Sitzung von den Morgenstunden bis in die Mittagszeit andauern würde und dass man die Zeit, die für den Imbiss geplant war, mindestens um zwei Stunden verschieben würde. Das war etwas, das sie in den zehn Jahren gelernt hatte, in denen sie dieses verrückte Festival organisierte, ein Festival, das zu ihrem Lebenswerk geworden war.

Trotzdem war diese zwanghafte, nutzlose innere Anstrengung, den morgigen Tag zu organisieren, damit sie rechtzeitig zur Beerdigung erscheinen könnte, unendlich viel besser als die unerträgliche, grässliche Alternative – sich mit dem Wissen auseinanderzusetzen, das sich am Rande ihres Bewusstseins festsetzte, trotz aller Versuche, es zu verdrängen: dem Wissen von Jos’ Tod.

Am Anfang hatte sich der Schock wie ein Schleier über sie gelegt. Es war ein Uhr morgens, als das Telefon klingelte und Schaul, am anderen Ende der Leitung, für sie den Satz zwei- oder dreimal wiederholte, mit seiner weichen Stimme, die schwerer war und vor lauter Trauer verschwommen klang. »Josef ist tot, Ma’ajan, niemand weiß genau, was passiert ist, man hat ihn tot am Strand gefunden, alle glauben, dass es ein Herzstillstand war.«

Wenn es ihr möglich gewesen wäre, hätte sie ihn gezwungen, die Worte wieder und wieder auszusprechen, so lange, bis sich die Botschaft in ihr Gehirn eingebrannt hatte. Aber Schaul konnte ihr nicht helfen. Er gab ihr drei Minuten, in denen sie schwer atmete und etwas Bestürztes murmelte, um zum Ausdruck zu bringen, was sie nicht glauben konnte, dann unterbrach er behutsam das Gespräch und entschuldigte sich, er müsse auflegen.

Sie hatte das Telefon angestarrt und sich verlassen und beraubt gefühlt, ohne zu wissen, warum, und dann begriff sie, dass sie nur eine Person auf einer wer weiß wie langen Liste war, die er abtelefonieren musste, obwohl die Initiative, sie anzurufen, von ihm gekommen sein musste. Er hatte sie unvorbereitet erwischt. Im ersten Augenblick, als sie seine Nummer auf dem Display sah, hatte sie gedacht, er wolle sich vor einer großen Sitzung drücken. Das passte zu ihm, in der letzten Minute mit einer unglaublichen, aber herzzerreißenden Ausrede abzusagen. Sie hatte schon unzählige Stunden investiert, um ihn zu überzeugen, dieses Jahr am Festival teilzunehmen. Als sie sich meldete, hatte er sich entschuldigt, dass er sie um diese Zeit anrief, und sie hatte schon sagen wollen, sie sei nicht nur wach, sondern arbeite bereits. Nach dem Feiertag sollte auf dem Gelände mit dem Aufbau begonnen werden, und die Verhandlung mit dem Sicherheitsdienst war noch nicht abgeschlossen – das wollte sie ihm erzählen, ausführlich, um zu verhindern, dass er mit seinem ausgeprägten Talent, andere zu erpressen, doch noch absagte. Aber er sagte zielbewusst, was er zu sagen hatte, wiederholte es, murmelte eine Bestätigung ihrer stammelnden Worte, entschuldigte sich und legte auf.

Sie war allein geblieben mit ihrer Schuld. Die Schuld füllte den Raum, der sie mit seinen Wänden bedrängte, wollte sie ersticken, eine Schuld, die sie von nun an wer weiß wie lange verfolgen würde, und schon in den ersten Minuten, bevor sie die Nachricht verdaut hatte, spielte sie mit ihr am Rand ihres Bewusstseins Verstecken. Sie rekonstruierte, stammelte komplizierte Erklärungen, ordnete Ausreden, Analysen der Beweggründe, und dabei wusste sie bereits in diesem Moment, dass sie es nicht schaffen würde, sich selbst eine Antwort darauf zu geben, wie es dazu gekommen war, dass sie in dieser verrückten Woche, seiner letzten Lebenswoche, keine Zeit gefunden hatte, ihn anzurufen, obwohl sie sich gegenseitig Nachrichten hinterlassen hatten. Er hatte ihr Notrufe signalisiert – das konnte sie jetzt nicht mehr anders interpretieren –, mit seiner gedrückten, verwirrten Stimme hatte er kurze, nichtssagende, lethargische Sätze gesprochen, leblose Lebenszeichen, die auf dem Anrufbeantworter fünf Minuten dauerten. Zu ihrer Verteidigung konnte man sagen, dass es schwache Notrufe waren, kaum bemerkbar, aber verleugnen konnte man sie nicht.

Sie hatte einen starken Drang gespürt, ihn anzurufen. Seine Stimme zu hören, lebendig oder auf Band. Aber sie hatte sich beherrscht, aus Angst, ein anderer könne ihre Nummer auf dem Display erkennen. Warum hatte sie ihn nicht zurückgerufen? Warum hatte sie es vor sich hergeschoben, immer wieder, warum hatte sie nicht diese Zeichen interpretiert, um so darauf zu reagieren, wie sie hätte reagieren sollen? Es war klar, dass er versucht hatte, ihr zu signalisieren, wie sehr er sie brauche, und es war klar, dass sie in den entscheidenden Augenblicken ausgewichen war. Wann hatte er die letzte Nachricht hinterlassen? Vor zwei Tagen? Vor drei?

Sie war im Moment nicht einmal in der Lage, den Anrufbeantworter abzuhören, auf dem wer weiß wie viele Nachrichten warteten, gespeicherte Nachrichten, die sie noch nicht gelöscht hatte, um die genaue Uhrzeit und das Datum herauszufinden, vielleicht war sein Name noch auf der Liste der eingegangenen Anrufe, die sie nicht beantwortet hatte. Sie erinnerte sich an das letzte Mal, als sie ihn angerufen hatte, zu ihrer Erleichterung und zu ihrem Bedauern hatte sie nur den Anrufbeantworter mit seiner Stimme in der Leitung. In ihrem Bekanntenkreis gab es fast niemanden, der die Ansage mit eigener Stimme programmierte, nur Jos hatte sich nicht hinter der mechanischen, lakonischen Stimme einer unpersönlichen Ansage verstecken wollen. Ebenso wie er auch an wahre Freundschaft, an einen Bund fürs Leben, geglaubt hatte.

Auf dem Weg zum Friedhof, mittags, vor dem Feiertag, als alle Straßen verstopft waren, versuchte sie sich auf den Moment vorzubereiten, an dem sie mit eigenen Augen den endgültigen Beweis dafür haben würde, dass er tot war.

Sie versteckte sich halb hinter einem Baum, der seinen Schatten auf einen großen Grabstein aus Granit warf, und verschlang fasziniert die Vorstellung. Schlomit stand mit dem Rücken zu ihr, verdeckt von den anderen Mitgliedern der Familie. Den blassen Schmuel konnte sie aber gut sehen. Die Beerdigung seines Sohnes zerstörte sein dominantes Gehabe und seinen Charme. Ma’ajan schauderte, als sie sah, wie Schmuel den Blick von der Leiche seines Sohnes abwandte, die in das Grab rutschte. Versteinert überlegte sie, ob sie zu ihm gehen sollte. Konnte sie ihm die Hand tröstend auf den Arm legen? Er sah entsetzlich einsam aus.

Der Totengräber verkündete über Lautsprecher, dass die Gäste eingeladen seien, beim Zuschaufeln des Grabs behilflich zu sein. Dieses Angebot war zugleich gruslig und amüsant, denn man konnte seinen Worten entnehmen, dass die Totengräber sich über Hilfe freuen würden. Doch da kam schon die nächste Durchsage, mit der die Trauergemeinde eingeladen wurde, die Kränze niederzulegen, und Ma’ajan entfernte sich eilig, wie ernüchtert, sie begriff, dass sie diesen Wahnsinn nicht fortsetzen konnte. Auch wenn es ihr niemand sagen würde, auch wenn man sie verzeihend anlächeln würde, auch wenn niemand mehr wissen würde, was sie verbrochen hatte – sie würde sich wie ein Eindringling fühlen, wenn sie zum frischen Grab schreiten würde, um den diskret duftenden Strauß weißer Rosen hinzulegen.

Ihr Rücken zitterte. Sie warf die Rosen auf den Granitgrabstein, hinter dem sie sich versteckt hatte, dreht sich um und ging. Sie verschwand, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Sie fühlte sich wie eine verfolgte Verbrecherin, die sich hatte stellen wollen, um ihre Strafe zu verbüßen und Vergebung zu erlangen, und es sich aber noch einmal anders überlegte. Es war ausgeschlossen, dass sie zu Arlette ging, dass sie Schlomit ansprach und sie umarmte oder mit Schmuel Blicke wechselte. Das war nicht drin. Wie war sie überhaupt darauf gekommen, zur Beerdigung zu gehen? Was für eine absurde Idee. Was hatte sie hier zu suchen?

Sie lief zu ihrem Auto, das am Ende des Parkplatzes stand, stieg ein und ließ den Motor an. Es war besser, sich schnell zu entfernen, so weit wie möglich.

Einige Kilometer weiter fügt sie sich in den Straßenverkehr ein und steuert ihren Wagen zurück in die Stadt. Der Duft der Rosen in ihrer Nase ist verschwunden, aber sie hat das Gefühl, dass ihr Herz für alle Ewigkeit verschlossen bleiben wird. Um sich abzulenken, denkt sie an Tomer. Sie hat heute Morgen völlig vergessen, ihn anzurufen, um mit ihm auszumachen, wann sie ihn aus der Wohnung seines Vaters abholen soll. Sie hat sich noch nicht darauf vorbereitet, wie sie es ihm erzählen soll. Jos’ Tod wird ihm Kummer bereiten. Sie haben sich blendend verstanden. Mit Jos fühlte er sich frei. Sie haben geplant, den Seder mit dem Onkel zu feiern. Vielleicht sollten sie sich in ihrer Wohnung einschließen und ganz einfach nicht hingehen? Sie würde Hühnersuppe kochen und chinesische Nudeln kaufen, und dann, was dann? Werden sie zusammen trauern?

Sie schaltet das Handy ein. Der Pfeifton signalisierte ihr, dass sich zu viele Nachrichten angesammelt haben. Sie weiß, dass sie diese Nachrichten nicht abhören wird, dass sie niemanden anrufen wird. Sie muss geduldig warten, bis diese Panikattacke vorbei ist. Nur dasitzen und abwarten. Mit dem Auto fahren. Der Panik Zeit geben, zu verschwinden, die Gefühle laufen lassen.

Sie hält es nicht aus, diese Leere, die sich in ihr ausbreitet, dieses Gefühl, als stiegen giftige, nicht identifizierbare Dämpfe in ihr auf, die ihr die Luft rauben, die sich verflüchtigen und wieder aus einer verborgenen Tiefe aufsteigen, einer Tiefe, in die sie versinken möchte, unter dem Gewicht des Verstands, des Wissens und der Erkenntnis, dass alles tatsächlich passiert ist – diese Tatsache, die sich wie ein Albtraum anfühlt, weil sie so unlogisch ist. Nur dort, in diesem Bodensatz tief in ihr, in einer Tiefe, von der sie nicht weiß, ob sie überhaupt existiert, könnte sie sich ihrem Kummer, ihrer Wut und Gott und wer weiß was hingeben. Sie würde sich überschwemmen lassen, es würde ihr nichts übrigbleiben, als aufzugeben, aufzuhören zu kämpfen.

Ihr Leben lang hat sie gestrampelt und ihre ganze Kraft mobilisiert, um nicht zu versinken, um oben zu bleiben.

Aber nicht jetzt, jetzt nicht.

Sie wählt Tomers Nummer. Die jungenhafte Stimme ihres Sohnes kommt aus der Freisprechanlage. Sie muss sich beherrschen, um es ihm nicht gleich zu erzählen. Auch wenn er in ihrer Stimme eine Veränderung spürt, sagt er nichts. Er fragt sie, ob es ihr etwas ausmache, wenn er heute Abend bei seinem Vater bleibe. Er habe keine Lust, den Seder mit dem Onkel zu verbringen. Er würde lieber den Seder mit seinem Vater und dessen neuer Frau bei deren Familie in Kfar Saba verbringen. Sie reißt sich zusammen, um nicht zu weinen. Sie reißt sich zusammen, um ihn nicht anzubetteln, sie heute Nacht mit ihren Gefühlen nicht allein zu lassen. Genauer gesagt mit dem, was sie bekämpft, weil sie es nicht empfinden möchte. Sie reißt sich zusammen, um tolerant und sachlich zu wirken.

Als das Gespräch beendet ist, fühlt sie sich, als würde ein Lastwagen durch ihr Gehirn rasen, und wieder reißt sie sich zusammen. Nur nicht in Panik geraten. Es vergeht fast eine Stunde, in der sie abwechselnd weint, ihren Platz im Stau auf der Küstenstraße verteidigt, die anderen Fahrer ignoriert, die neben ihr fahren, das Radio lauter dreht, versucht, sich mit den traurigen Liedern zu trösten, mit den Verkehrsmeldungen, die auf witzige Art durchgegeben werden. Die Landschaft, die sie auf dem Weg zum Friedhof so weit wie möglich ignoriert hat, drängt jetzt von allen Seiten auf sie ein, zeigt sich in den Fenstern, als wäre sie mit Messern zerschnitten, in dunkle Stücke von Grün, Braun und Gelb, voll lebendiger Entschlossenheit. Durch das eine Fenster sieht sie eine Zypressenreihe, die sich entlang der Straße erstreckt, auf der anderen Seite taucht immer wieder ein Streifen des Meeres auf. Vor dir liegt die Landschaft deiner Kindheit, sagt sie sich, der bis zum Überdruss bekannte Anblick deiner Jugendjahre, sie sieht sich selbst, wie sie vor und zurück gefahren war – ausgestoßen und zurückgeholt – mit Omnibussen, Mitfahrgelegenheiten, auf dem Weg, der sie in beide Richtungen geführt hat, in die Freiheit oder in die Quarantäne, auf der Straße, die damals vom Dorf in die Stadt führte, später dann asphaltiert und mit den Jahren zur Autobahn wurde.

Dieser Weg, der in ihrem Kopf automatisch mit dem Soundtrack der Songs der siebziger Jahren assoziiert wird, mit lustvollen Songs, »A Whiter Shade of Pale«, »Nights in White Satin«, »Angie«, »Goodbye Yellow Brick Road« – die sie in ihrer Jugend immer wieder im Radio am Freitagnachmittag und am Schabbatvormittag gehört hatte. Die vielen Radiosender, die den Autofahrern die Zeit vertreiben, machen sich keine Mühe mehr, solche Songs zu senden. Die Straße, die man der neuen Zeit angepasst hat, deren Rand mit hässlichen Betonmauern eingefasst wurde und die man mit Über- und Unterführungen verschandelt hat, kann die Bedrängnis nicht vertreiben, nicht die Bedrohung wegwischen. Ihr Schicksal ist es, für endlose Stunden im Stau zu stecken, für Jahre, bis sie ihre Seele aufgibt, ohne zurückfahren oder auf eine Nebenstraße ausweichen zu können.

Die erbärmlichen Begrünungsversuche im letzten Jahr, mit den symmetrisch angeordneten Sträuchern, um den Eindruck von Vernunft zu vermitteln, können nicht die Tatsache verdecken, dass es für sie der Weg in die Hölle ist, genauer gesagt, der Weg nach Hause – zu dem vermeintlichen Haus ihrer Kindheit, das kein Zuhause mehr ist, oder zu dem Haus, in dem sie jetzt lebt –, und als im Radio der Song »Stairway to Heaven« gespielt wird, fragt sie sich verwundert, was sie denn für eine tiefe, symbolträchtige Beziehung zu dieser bescheuerten Autobahn hat.

Die Welt ist letztlich aber doch ein ziemlich gut organisierter Ort, wenn man nicht darauf besteht, sie in ein Chaos zu verwandeln, sagt sie sich erleichtert, als sie sich in ihrem leeren Zimmer in den Sessel fallen lässt, in dem vor dem Feiertag verlassenen Büro des Festivals. Das Zimmer beschützt sie mit den Lamellenläden vor den Fenstern, durch die man einen riesigen gelben Kran sieht, dessen einer Arm siegreich über das Baugerüst eines Bauprojektes schwingt. In diesem ambitiösen Projekt entstehen mindestens hundert Luxuswohnungen, die, wie das Schild vor der Baustelle verkündet, von einem gepflegten, weitläufigen Park umgeben sein werden, um die Lebensqualität der Bewohner zu verbessern. Das ist ein weiterer Bebauungsbetrug, die Illusion von Grünflächen, mit denen ein Publikum betäubt wird, das sowieso keine Wünsche hat und keinen Widerstand leistet. Aber was hat sie damit zu schaffen? Sie hat sowieso nicht vor, viel länger in dieser Stadt zu bleiben. In der Zwischenzeit, in der die Vertreter der großzügigen Weltverbesserin ihr diese Zimmer zu einem symbolischen Preis vermieten, ist es ratsam, die Fenster geschlossen zu lassen, um den Staub und die Kakophonie der Bohrer und Bagger draußen zu halten.

Beim Gedanken an die Mäzenin lächelt sie. Bei der Neujahrsparty in dem von einem großen Garten umgebenen Marmorschloss gehörten zu den Attraktionen auch zwei junge tibetische Mönche, die bei ihr zu Gast waren, der Teufel weiß warum, und Josef, der wie üblich zu viel getrunken hatte, weil man bei der Mäzenin nicht rauchen durfte, sagte, als sie das bewachte Eisentor durchquerten: »Tibetische Mönche sind die neuen Schoßtiere der Reichen«, und sie und Schaul bogen sich vor Lachen.

Jetzt, am Abend vor dem Feiertag, kann man in der Stille sogar das Zwitschern der Vögel hören. In Ma’ajans Abwesenheit haben die Assistentinnen den Inhalt des Büros eingepackt, da die Sachen morgen auf dem Gelände des Festivals gebraucht werden. Am Ende des Zimmers türmen sich Kartons, mit lila Edding beschriftet: Bürobedarf, Lebensmittel, Erste Hilfe, Flyer des Sponsors, Broschüren, Eintrittskarten, Plastikarmbinden zur Erkennung der Teilnehmer, Programmtafeln, die auf die verschiedenen Veranstaltungen des Festivals hinweisen, und organisatorische Listen. Ma’ajan steht am Eingang des Zimmers, starrt die Kartons an, fühlt sich einsam, armselig und leer. Dieses ganze Weinen allein im Auto, ohne jemanden, an den sie sich anschmiegen konnte oder der sie in den Arm nahm und mit Beteuerungen tröstete. Zum Beispiel mit der Beteuerung, dass sie ihn, selbst wenn es von ihr abgehangen hätte, was es nicht tat, nicht hätte retten können.

Mit einem Klicken springt der PC an, das Internet ist bereit, ihre Wünsche zu erfüllen, niemand stürmt das Büro mit einem neuen Problem, das man sofort lösen und dabei beweisen muss, wie geschickt man improvisieren kann. Auch die Telefone und das Faxgerät sind stumm. Sie kann sich hier einnisten, so kaputt, wie sie von der Fahrt und von dem damit verbundenen Stress ist. Sie wird versuchen zu arbeiten. Für eine Weile effizient sein. Sie muss kontrollieren, ob die Internetseite nach ihren Anweisungen aktualisiert wurde. Sie sollte die Mädchen anrufen und herausfinden, wie die Sitzung ausgegangen ist. Sie müsste die Meldungen auf dem Anrufbeantworter abarbeiten. In wenigen Stunden wird sie sich gefangen haben. Sie darf sich von der Angst nicht beherrschen lassen. Auch wenn wir unser Leben nicht vollständig unter Kontrolle haben, müssen wir doch so tun, als hätten wir es. Dieses Prinzip hat sie von Schmuel gelernt, von dem man nicht sagen kann, er sei besonders inspiriert; trotzdem empfindet sie seine korrekte, illusionslose und unsentimentale Art fast wie Zen. Er sagte einmal, wenn du keine Ahnung hast, was du tun möchtest, dann tu nur das, was getan werden muss. Die schlimmsten Katastrophen passieren, wenn Menschen etwas Außergewöhnliches tun wollen, dann sind sie abgelenkt, wissen nicht, worauf es hinauslaufen soll und begreifen die Verbindung zwischen ihrer Handlung und der Realität nicht.

Was für eine Weisheit. All die Predigten, die er ihr während ihrer heimlichen und verfluchten Affäre gehalten hat. Seinem eingefallenen Gesicht hat sie heute, auf dem Friedhof, angesehen, dass ihm seine Weisheiten im Moment nichts nützen. Er hat ziemlich fertig ausgesehen, schlagartig gealtert. Älter als er ist. Der graue, maßgeschneiderte Anzug aus dünnem, erlesenen Wollstoff hing weit und schlaff um den gut erhaltenen Körper, den er mit morgendlichem Schwimmen in Form hält, werktags und feiertags, bei jedem Wetter, egal, ob die Sonne vom Himmel knallt oder ob es regnet.

Er hält sich immer gerade – sie hat ihn nie zusammengesunken in einem Sessel hocken gesehen, immer aufrecht, mit erhobenem Kinn und wachem Blick, selbst vor dem Fernseher oder mit der Zeitung und einer Kaffeetasse –, doch heute wirkte er zusammengefallen. Hätte sie noch etwas empfunden für diesen Mann, der ihr früher, in jenen unvergesslichen und schrecklichen Tagen, kühl und genüsslich half, sich selbst zu quälen, hätte sie vielleicht Mitleid mit ihm gehabt. Aber seine Niedergeschlagenheit hat bei ihr vor allem Ekel ausgelöst, allein schon dadurch, dass sie sich an die frühere körperliche Nähe erinnert hat.

Sie versteht nicht mehr, wie dieser Mann sie damals erregen konnte. Wie dieser Mann, der nichts von sich gab, sie dazu gebracht hat, so viel für so wenig zu riskieren. Das ist schon eine ganze Weile her, die Affäre, die sich über fünf oder sechs Jahre erstreckte, flammte auf und erlosch – sie sahen sich längere Zeit nicht, und wenn sie sich doch noch trafen, dann nur für wenige Nächte im Monat. Sie mag sich auch nicht daran erinnern, dass sie diese wilde, verwirrte Zwanzigjährige war, die einen doppelt so alten Mann verführte, sie mag sich auch nicht an die Situation erinnern, die von Anfang an der reine Wahnsinn war, entstanden aus dem zerstörerischen Impuls, sich selbst und Josef zu bestrafen, in den sie hoffnungslos verliebt war, eine stürmische, starke Jugendliebe, die mit einem gebrochenen Herzen endete.

Was für einen Sinn hat es, sich an die Vorgänge zu erinnern, die zu der aussichtslosen Affäre mit diesem Tyrannen, diesem Schürzenjäger geführt haben, der seiner Frau, die ihn vergötterte, keinen einzigen Tag seines Lebens treu war? Ein paar Monate lang, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, hatte sie sterben wollen, wenn sie sich die beiden beim Sex vorstellte, bei einem erniedrigenden und lieblosen Sex. Sie hatte mit dem Rücken zur Wand gestanden. Sie weiß nicht, was sie getan hätte, wenn Jos nicht gewesen wäre, der nicht zuließ, dass sie sich selbst verabscheute, der ihr half, wenn sie an Selbstmord dachte, wenn sie überlegte, wie sie diese verhasste, verachtete Frau, zu der sie geworden war, auslöschen könnte. Er war es, der sie dazu brachte, sich zu verzeihen, vielleicht in der Hoffnung, dass sie eines Tages auch ihm verzeihen würde. Als Schlomit ihn hinausgeworfen hatte, wurde es dann plötzlich sehr kompliziert. Nur nicht zu viel erwarten, sagte sie sich an den Abenden, an denen er mit Tomer stundenlang Monopoly spielte. Aber die Erwartungen kamen von selbst. Dabei war es egal, wie geduldig sie ihm zuhörte, wenn er sich nach seiner Frau sehnte, und sie nichts von dem sagte, was ihr durch den Kopf ging. Manchmal war ihr das wirklich ein bisschen zu viel.

Hat sie deshalb nicht auf seine Anrufe reagiert? War sie wieder einmal nur auf sich konzentriert? Darauf, was sie für sich selbst herausholen konnte?

Jos war großmütig. Das kann man weder von ihr noch von Schlomit behaupten. Während Jos ihr die krankhafte Affäre mit seinem Vater schon verziehen hatte, bevor sie ihn darum bat, war Schlomit voller Groll ihr gegenüber, auch wenn die Gründe dafür nicht ganz klar waren. Schlomit hätte sie bis in alle Ewigkeit mit jenem Ekel betrachtet, den sie im überflüssigsten Winter von Ma’ajans Lebens gezeigt hatte, als sie sich alle vier – Josef, Schlomit, Schmuel und sie – in dem neuen Hotel in den Bergen von Galiläa trafen, ein Zusammentreffen, das aus einem unglücklichen Zufall heraus entstand und mit einem Fiasko endete. Im Nachhinein gesehen war es vielleicht nicht so unerwartet oder ungeplant entstanden, wie es damals aussah, aber dieser Verdacht ließ sich nicht mehr bestätigen.

Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass Schlomit dort beschäftigt war. Wie hätte sie es auch wissen sollen? Damals hatten sie keinen Kontakt miteinander. Jedes Mal, wenn Schlomit erwähnt wurde, spürte Ma’ajan, wie sich Neid und Feindschaft in ihrem Bauch zusammenballten. Schlomit und Josef fuhren nach New York, trieben sich lange im Fernen Osten herum, ihre Flitterwochen schienen kein Ende zu nehmen. Schmuel ließ wenig durchsickern, sie war der letzte Mensch, dem er etwas über seinen Sohn und seine Schwiegertochter erzählen wollte. Außerdem gab es noch die verrückte Beziehung zwischen ihr und Schmuel, eine Beziehung, die vor der Welt geheim bleiben musste, sodass sogar Ma’ajan manchmal dachte, es wäre nur eine Fiktion, es gab praktisch keine Möglichkeit, etwas über Jos und Schlomit zu erfahren. Wenn sie es sich überlegt, muss sie feststellen, dass Schmuel und sie es systematisch vermieden, über Menschen zu sprechen, die sie beide kannten, als würde dieses Ignorieren von allen, die mit der gemeinsamen Außenwelt zu tun hatten – zum Beispiel Jos und Schlomit –, ihre Beziehung aus einer unerträglichen Realität katapultieren.

Sie erfuhr also nicht, dass Schlomit in Indien oder auch in Thailand eine Ausbildung in verschiedenen ausgefallenen Massagetechniken gemacht hatte. Wer hätte sich vorstellen können, dass Schlomit eine holistische Therapeutin werden würde? In den Jahren, als sie unzertrennliche und enge Freundinnen waren, hatte Schlomit kaum für sich selbst sorgen können. Sie besaß ein Talent, die ganze Welt dazu zu bringen, sich um sie zu kümmern, und zwar hingebungsvoll. Josef war ihr Opfer. »Die Präsidentin« – wie Schlomit ihre Mutter spöttisch nannte – war nicht in der Lage, sich um ihr Wohl zu kümmern, weder direkt noch indirekt durch Gideon. Schlomit war mit dem Gefühl geboren worden, dass die ganze Welt nur dazu da war, sie zu bedienen. Wie eine verwöhnte Prinzessin reagierte sie beleidigt und zornig, wenn man ihre Wünsche nicht erfüllte. Niemand unternahm einen Versuch, sie auf ihre Fehler aufmerksam zu machen oder sie so heftig zu schütteln, dass sie das vergiftete Apfelstück endlich ausspucken und die Augen aufmachen konnte.

Kann es sein, dass sich Schlomit in diesen Jahren verändert hat? Ma’ajan glaubt es nicht. Nicht wenn sie an Jos’ Beschreibungen während der letzten Monaten seines Lebens denkt, nachdem Schlomit ihn, aus Lust auf neue, aufregende Erfahrungen, aus ihrem Leben geworfen hatte, wie man alte Schuhe wegwirft.

Aber wie soll Ma’ajan das wissen. Vielleicht hat diese Geschichte ja noch eine andere Seite. Es gibt doch immer zwei Seiten. Vielleicht ist Josef ein unerträglicher Weichling geworden? Oder er ist fremdgegangen? Vielleicht hatte Schlomit wegen der Drogen, die er von morgens bis abends rauchte, keine Lust mehr auf ihn? Insgeheim war Ma’ajan bereit zuzugeben, dass er in der letzten Zeit, als es ihm schlecht ging, nicht besonders attraktiv war. Seltsamerweise ist er ständig in Schuldgefühlen versunken, statt wütend zu werden auf seine untreue Frau, die neue Liebhaber fand und nicht einmal in Erwägung ziehen wollte – Jos hatte tausend Ideen, wie das klappen könnte –, die Familie wieder zusammenzuführen.

Es ist schon erstaunlich, dass Schlomit ihn nach all diesen Jahren hinausgeworfen hat. Wie lange haben sie es miteinander ausgehalten? Seit der Armeezeit? Auch ohne dass man die Jahre davor mitrechnete, das Meer und das Surfen in Beth Yanai, als sie noch alle eine Clique waren, mit Raviv, Dalit, Hofri und Ganisch, als sie die Schule schwänzten und tagelang zusammen herumstreunten. Okay, jetzt bloß keine Nostalgie. Wenn es etwas gibt, das ihren ohnehin labilen Seelenzustand verschlimmert, dann sind es Jugenderinnerungen aus Beth Yanai, das heißt an den beschleunigten Prozess des Erwachsenwerdens, den sie und Schlomit zwischen fünfzehn und zwanzig durchgemacht und in dessen Verlauf sie sich beide in jedes erdenkliche Abenteuer gestürzt hatten, egal ob Sex oder Drogen. Bis Josef auftauchte, hatte Ma’ajan angenommen, sie und Schlomit seien unzertrennlich, Seelenverwandte, die alles teilten, Klamotten, Männer, Essen, Betten, ihre Geheimnisse und Wünsche, Drogen und Rezepte, sie hatte gemeint, Schlomit zu kennen, wie sie sich selbst kannte, und hatte die Intimität zwischen ihnen für unzerstörbar gehalten. Klar ist, dass es Schlomit war, die ihr beigebracht hatte zu lieben, Menschen näherzukommen, sich aufzuopfern, denn Schlomit hatte ein ungeheures Talent, Menschen dazu zu bringen, sich von Ängsten und Hemmungen zu befreien, vielleicht weil sie selbst immer frei von Ängsten und Hemmungen war, großzügig und barmherzig und offensichtlich nicht besitzergreifend. Das hatte sie vor Schlomit und auch nach ihr nicht mehr erlebt, und wahrscheinlich wird sie so etwas nie mehr erleben.

Das Leben ist kurz. Die Leute sagen das bei jeder Gelegenheit, sie hat es von vielen Menschen gehört, die als geistige Autorität gelten – die beste Methode sei, so zu leben, als wäre morgen alles vorbei. Ständig bekommt sie diesen Rat, vermutlich weil sie den Eindruck erweckt, jemand zu sein, der voller Berechnungen, Befürchtungen und Hemmungen ist, deshalb fordert man sie auf, sich vorzustellen, was sie machen würde, wenn man ihr eröffnete, dass sie bald sterben würde.

Ehrlich gesagt, Ma’ajan ist durchaus bereit zu erwägen, dass das, was sie zu der Beerdigung hingezogen hat, überstürzt war, dass diese verrückte Fahrt in den Norden und zurück nicht dem verständlichen Wunsch entsprang, sich davon zu überzeugen, dass Jos tatsächlich beerdigt wurde und sie ihn nie mehr sehen würde, sondern dem tiefen Bedürfnis, das sie schon über zwanzig Jahre empfindet, sich mit Schlomit zu versöhnen. Das ist es, was sie wirklich wollte. Solange es Jos noch gab, war die Versöhnungsidee nicht vorstellbar. Doch sollte sie morgen sterben, so wie Jos gestern gestorben ist, dann ist es das, was sie noch tun möchte – dieses bittere und trübe Gefühl loszuwerden, das sich auf ihre Seele gelegt hat. Es kann nicht sein, dass das ganze Leben mit Zorn, Berechnungen und Streit vorbeigeht, mit diesem Gespenst, mit dem Mädchen, mit dem sie die besten Momente ihres Lebens verbracht hat. Zwanzig Jahre ist eine lange Zeit, jemandem das Scheitern seines eigenen Lebens vorzuwerfen, und bestimmt ist Schlomit eine andere als früher, so wie sie auch nicht mehr die alte Ma’ajan ist. Früher waren sie sich so nah. Es kann doch nicht sein, dass von diesen Gefühlen kein bisschen mehr übrig ist, um sich damit zu trösten.

Ma’ajan schaltet den PC aus, steht auf, verlässt das Büro, schließt die Tür ab, geht hinunter zur Tiefgarage, steigt ins Auto, überlegt, den Onkel anzurufen und sich zu entschuldigen, dass sie zu krank oder traurig sei für einen Seder, und weiß doch, dass sie es nicht tun sollte. Ihre Eltern hatten sich jahrelang gestritten, und als sie sich endlich scheiden ließen, war sie elf Jahre alt, danach war sie ständig von zu Hause weggelaufen, alle mussten sie immer wieder zurückholen, bis sie genug davon hatten und eine Abmachung trafen, dass Ma’ajan sein konnte, wo sie wollte, sie sollte nur immer Bescheid sagen. Seither rennt sie weg, ohne dass sich irgendjemand die Mühe macht, nach ihr zu suchen. Sie ist ständig davongerannt. Erst vor der Familie, dann vor sich selbst. Und heute Nacht wird sie sich auf eine originelle Art und Weise von der Sklaverei befreien. Sie wird nach Hause fahren, duschen, sich umziehen und nach Rechovot fahren, um mit ihrer Mutter und mit all den Onkeln und Tanten und Cousins um den großen Tisch zu sitzen.

Vor Feiertagen ist es einfach, einen Parkplatz zu finden. Sie fährt rückwärts in eine Parklücke und bemüht sich, eine Depression, die zu dieser süßen und unheilvollen Abenddämmerung passen würde, gar nicht aufkommen zu lassen. Am Hauseingang gehen Arie und Ruthie an ihr vorbei, die schrecklich höflichen Nachbarn vom vierten Stock, feierlich angezogen, beide beladen mit Taschen voller Essen, so fahren sie zu ihren Kindern in die Pilotensiedlung, um gemeinsam den Seder zu feiern. Die Friedmanns verdächtigen sie schon lange, die jüdischen Feiertage nicht einzuhalten, für sie ist sie eine zivile Revolutionärin, deshalb bleibt Ma’ajan stehen, um ihnen einen schönen Feiertag zu wünschen und klarzustellen, dass sie es eilig hat, weil sie den Seder mit der Familie feiern will. Sie hat allerdings das Gefühl, dass die beiden ihr das nicht abnehmen, und sie glaubt, Jos’ Lachen zu hören, wenn sie ihm von ihren Bemühungen erzählt, einen guten Eindruck bei den Friedmanns zu hinterlassen. Sein Lachen, das immer plötzlich und überraschend kam, war laut und mitreißend.

Wie ist das passiert? Wie konnte er so plötzlich sterben? Warum hat er sie, wie immer, voller Schuldgefühle zurückgelassen? Und wie kann sie wissen, in welchem Zustand Schlomit ist, die doch bestimmt denkt, dass er ihretwegen gestorben sei? Das passt zu Jos, sich fortzuschleichen, so zu sterben, wie er gelebt hat, entschuldigend und in ständiger Selbstverleugnung, deshalb haben ihn die Menschen grenzenlos geliebt und ihm alles leicht verziehen.

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