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Im Glanz der roten Sonne

Über die Autorin

Elizabeth Haran wurde in Simbabwe geboren. Schließlich zog ihre Familie nach England und wanderte von dort nach Australien aus. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in einem Küstenvorort von Adelaide in Südaustralien. Ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte sie mit Anfang dreißig; zuvor arbeitete sie als Model, besaß eine Gärtnerei und betreute lernbehinderte Kinder. Ihre fesselnden Australienromane erfreuen einen immer größer werdenden Kreis von Leserinnen und Lesern. Weitere Romane der Autorin in der Verlagsgruppe Lübbe sind in Vorbereitung.

www.elizabethharan.com

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG

Im Norden von Queensland, 1893

Im Schutz der überhängenden Tischdecke kauerte der sechzehnjährige Jordan Hale unter dem Esstisch, wie er es zum letzten Mal als kleiner Junge getan hatte. Hilflos musste er mit ansehen, wie sein stolzer, unbeugsamer Vater vor seinen Augen zu einem gebrochenen Mann wurde.

Patrick Hale trank den hochprozentigen Rum direkt aus dem Krug. Immer wieder setzte er ihn ab, barg den Kopf in den Händen und stöhnte verzweifelt auf. Das Haus lag in völliger Dunkelheit, doch durch einen Spalt im Vorhang fielen Streifen silbernen Mondlichts auf die zusammengesunkene Gestalt im Sessel.

Jedes Mal, wenn Patrick Hale den Kopf hob, ließ der silbrige Schein die Falten auf seinem eingefallenen Gesicht noch tiefer erscheinen, sodass man kaum noch den Besitzer Edens erkannte, der blühenden Zuckerrohrplantage an der Cassowary-Küste. Nichts mehr an diesem verzweifelten Mann erinnerte Jordan an seinen unerschütterlichen Vater.

Erst drei Tage zuvor hatte Patrick Hale noch allen Grund gehabt, mit seiner schönen Frau, seinem prächtigen Sohn und seiner gut gehenden Plantage optimistisch in die Zukunft zu blicken. Er hätte glücklicher nicht sein können. Patrick war ein Mann, der sich alles erkämpft hatte, was er besaß, und der es deshalb auch zu schätzen wusste. Er war überzeugt gewesen, gemeinsam mit seiner Familie jeder Herausforderung gewachsen zu sein. Nie hatte er es nötig gehabt, Zuflucht im Alkohol zu suchen.

Dass sein Glück an einem einzigen Tag zerstört werden könnte, hätte Patrick Hale in seinen schlimmsten Träumen nicht erwartet. Und doch war dieser Tag gekommen. Der Tag, an dem er seine Frau tot aufgefunden hatte …

Jordan starrte auf seinen Vater, der sich über Nacht in einen Furcht einflößenden Fremden verwandelt hatte. Tränen strömten dem Jungen über die Wangen. Er fühlte sich allein und hatte schreckliche Angst. Jordan konnte den Gedanken an eine Zukunft ohne seine Mutter kaum ertragen; und auch sein Vater hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass er in Ruhe gelassen werden wollte, hatte seinen Sohn angeschrien, er solle gefälligst in seinem Zimmer bleiben. Patrick hatte so fürchterlich getobt, dass die Hausangestellten verängstigt ins Quartier der Plantagenarbeiter geflüchtet waren, außer Sichtweite des Haupthauses.

Jordan konnte kaum glauben, dass seit der Beerdigung seiner Mutter erst ein paar Stunden vergangen waren. Die Tage seit ihrem Tod und die Trauerfeier waren dem Jungen so unwirklich erschienen, dass er wider alle Vernunft immer noch hoffte, aus einem Albtraum zu erwachen. Doch der Erdhügel am Lieblingsplatz seiner Mutter unter dem Affenbrotbaum am Fluss war schreckliche Wirklichkeit.

Man hatte Jordan gesagt, seine Mutter sei am Biss einer Taipan-Schlange gestorben, doch heimliches Geflüster und verstohlenes Kopfschütteln hatten Zweifel in dem verwirrten und schmerzerfüllten Jungen geweckt.

Plötzlich glaubte Jordan Schritte auf der Veranda zu hören und lauschte angespannt. Es war schon spät – zu spät für einen zufälligen Besucher. Jordan vernahm das Quietschen der Fliegengittertür; dann hörte er schwere Schritte im Flur, die schließlich in der Tür verstummten. Aus seinem Versteck unter dem Esstisch konnte Jordan nicht sehen, wer an der Wohnzimmertür stand, doch in der plötzlichen Stille, die nur vom Quaken der Ochsenfrösche am Fluss gestört wurde, vernahm er raues Atmen und das leise Knarzen von Lederstiefeln. Zigarrengeruch stieg ihm in die Nase.

Einen Moment lauschte Jordan gespannt in die Stille und erwartete, dass sein Vater den Besucher begrüßte, doch der sprach zuerst.

»Ich bin gekommen, um dir mein Beileid auszusprechen, Patrick. Ich weiß, dass wir Reibereien hatten, aber ich bin bereit, alles zu vergessen. Wenn ich etwas für dich tun kann …«

Jordan erkannte den irisch-amerikanischen Akzent und wusste, dass der Besucher Maximillian Courtland war. Er schien betrunken zu sein. Jordan glaubte, Unaufrichtigkeit aus Courtlands Worten herauszuhören. Oder täuschte er sich? War Max Courtland tatsächlich bereit, Patrick nach dem Tod Cathelines die Hand zu reichen und ihre fünf Jahre währende Fehde zu beenden?

Patrick Hale und Maximillian Courtland waren erbitterte Feinde. Abgesehen davon, dass Courtland aus dem Süden Irlands stammte und Patrick aus dem Norden, hatten sie grundverschiedene Ansichten über die Behandlung der kanakas, der Arbeiter von den Südseeinseln, die meist für einen Hungerlohn auf den australischen Plantagen schufteten. All diese unterschiedlichen Charakterzüge und Ansichten hatten eine tiefe Abneigung zwischen beiden Männern entstehen lassen, eine unüberwindliche Kluft. Max Courtland führte ein grausames, oft gewalttätiges Regiment über seine Arbeiter, während Patrick Hale ein rücksichtsvoller Boss war, der keinen Unterschied in der Behandlung europäischer und polynesischer Plantagenarbeiter machte – eine Einstellung, die Courtland als Schwäche auslegte.

Endlich hob Patrick den Blick. Jordan erschrak, als er den brennenden Zorn in den Augen des Vaters sah. »Fahr zur Hölle! Spar dir deine verlogenen Beileidswünsche!«, rief Patrick mit schwerer Zunge. »Raus aus meinem Haus!«

Jordan hielt den Atem an, denn er rechnete mit einer ähnlich heftigen Reaktion Courtlands, der für seine Wutausbrüche berüchtigt war. Der Junge konnte den stechenden Blick der eisblauen Augen und die abschätzig herabgezogenen Mundwinkel vor sich sehen.

»Weißt du, Patrick«, hörte er dann Max Courtlands scheinbar gelassene Stimme, »eigentlich wollte ich es dir nicht sagen, aber vielleicht ist es an der Zeit, dass du die Wahrheit über Catheline erfährst.«

»Welche Wahrheit?«, fragte Patrick. »Was weißt du denn schon über meine Frau?«

Trotz seiner Jugend spürte Jordan die Genugtuung Courtlands, als dieser nun den wahren Grund für sein Kommen enthüllte.

»Oh, viel mehr, als du denkst …«

Sogar in Jordans Ohren klang diese in plump vertraulichem Tonfall gemachte Andeutung erschreckend.

»Wovon redest du eigentlich?«, stieß Patrick wütend hervor.

»Dass du für eine Frau wie Catheline nicht Manns genug gewesen bist.«

Wutentbrannt wollte Patrick aufspringen, um sich auf den anderen zu stürzen, doch er war zu betrunken. Jordan sah, wie sein Vater von Courtland zurück in den Sessel gestoßen wurde, als wäre er ein Leichtgewicht. Jordan bewegte sich ein Stück vor, wollte dem Vater zu Hilfe kommen, verharrte dann aber. Fast alle hatten Angst vor Maximillian Courtland, diesem großen, einschüchternden, reizbaren Mann. Courtland wusste, was er wollte, und bekam es auch, egal zu welchem Preis. Für einen Sechzehnjährigen – mochte er noch so kräftig und hoch gewachsen sein – war allein schon der Gedanke erschreckend, einen solchen Mann herauszufordern. Jordan hasste sich für seine Feigheit, doch Courtlands nächste Worte ließen all diese Gedanken zur Bedeutungslosigkeit verblassen.

»Catheline ist mir jahrelang hinterhergelaufen. Ich habe ihr nur gegeben, was sie wollte …«

Jordan verschlug es den Atem. Nur im Unterbewusstsein hörte er den grausamen Triumph in Courtlands Stimme.

Patrick hob wieder den Kopf. In seinem Blick mischten sich Fassungslosigkeit und unsägliche Qual.

»Hör auf, von meiner Catheline wie von einer Hure zu sprechen! Du warst immer schon hinter ihr her, aber sie wollte von einem Bastard wie dir nichts wissen.«

»Hat sie dir das gesagt? Ich glaube eher, sie hat einen richtigen Mann wie mich einem aufgeblasenen Angeber aus Derry vorgezogen!«

Jordan dachte an seine Mutter, an ihre makellose, weiche Haut und ihr tiefschwarzes Haar. Er vermeinte, noch immer den feinen Veilchenduft ihres Parfüms wahrzunehmen. Was Maximillian Courtland auch behauptete – in Jordans Erinnerung würde seine Mutter stets die wunderschöne und gütige Frau bleiben, als die er sie gekannt hatte – voller Sanftmut, und doch von einer inneren Kraft erfüllt, die ihre Familie durch manche schwere Zeit geführt hatte.

Jordan wusste nicht, dass seine Großeltern derselben Ansicht gewesen waren wie Maximillian Courtland: dass Catheline, die in Galway geboren war, keinen Protestanten aus Londonderry hätte heiraten sollen. Die Feindseligkeit ihrer Eltern hatte die Jungverheirateten aus Irland fortgetrieben.

»Catheline ist aus freien Stücken in mein Bett gestiegen. Als ich ihr sagte, dass ich genug von ihr hätte, ist sie nicht damit fertig geworden und hat sich das Leben genommen. Ist es denn meine Schuld, dass sie eine solche Dummheit begangen hat?«

Seine Mutter … Selbstmord? Jordan erstarrte vor Schreck. In seinem Kopf drehte sich alles. Er konnte nicht fassen, was er da hörte.

»Du überheblicher, selbstherrlicher Schweinehund!«, stieß Patrick hervor. »Catheline ist an einem Schlangenbiss gestorben!«

»Das willst du die Leute glauben machen! Aber wir wissen beide, dass es nicht wahr ist!«

Jordan wartete darauf, dass sein Vater diese Anschuldigung zurückwies und Courtland aus dem Haus prügelte, doch Patrick schwieg und starrte ins Leere.

»Du solltest dir deswegen keine Vorwürfe machen, Patrick«, fuhr Courtland in gönnerhaftem Tonfall fort. »Frauen können einem mächtigen Mann nicht widerstehen, so ist es nun mal. Catheline war da keine Ausnahme.«

»Catheline hat Jordan und mich mehr geliebt als ihr Leben«, flüsterte Patrick. »Sie hätte uns niemals belogen und betrogen … niemals, schon gar nicht mit einem Dreckskerl wie dir. Und sie hätte nie …« Er stockte und brach in Tränen aus. Sogar Jordan spürte, dass sein Vater sich bloß selbst zu überzeugen versuchte. Noch nie hatte Jordan einen so hoffnungslosen, verzweifelten Mann gesehen, und er hatte schreckliche Angst, dass sein Vater nie wieder der Alte würde.

»Ich wette, du hättest auch niemals geglaubt, dass deine Frau sich umbringt«, sagte Courtland verächtlich.

Patrick Hale stieß einen Laut aus, in dem alle Qualen der Welt lagen.

»Catheline war eine lebenshungrige, leidenschaftliche Frau, die ein Mann wie du nicht befriedigen konnte«, fuhr Courtland unerbittlich fort. »Nachdem sie mit mir zusammen gewesen war, konnte und wollte sie nicht mehr zurück …«

Jordan hätte am liebsten laut herausgeschrien: »Hören Sie auf, haben Sie Erbarmen!« Sein Vater konnte unmöglich weiteren Schmerz, weitere Demütigungen ertragen.

Patrick lehnte sich schwer zurück, eine Hand auf den Brustkorb gepresst. Das Mondlicht riss sein Gesicht aus dem Halbdunkel und ließ erkennen, wie schrecklich er litt.

Jordan schloss die Augen; er konnte den Anblick seines Vaters nicht mehr ertragen. Wenig später hörte er seltsame Geräusche und schlug die Augen wieder auf. Er sah die massige Gestalt Courtlands, der sich über den Sessel seines Vaters beugte. Augenblicke später war Courtland verschwunden.

Jordan übergab sich. Er würgte, bis sein Magen nur noch aus brennendem Schmerz zu bestehen schien. Es vergingen ein paar Minuten, bis er unter dem Tisch hervorkriechen konnte. Mit zögernden Schritten ging er zu seinem Vater, der regungslos dasaß.

»Vater«, sagte Jordan. »Vater, wach auf!«

Doch Patrick bewegte sich nicht. Er hatte die Augen geöffnet, doch es war kein Leben mehr darin. Sein Mund stand weit offen; ein Speichelfaden rann aus einem Mundwinkel.

Jordan starrte seinen Vater fassungslos an.

Patrick Hale war tot.

Als die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster schienen, kauerte Jordan noch immer neben seinem Vater und starrte blicklos vor sich hin. Er hatte in nur drei Tagen die Eltern verloren, und sein Verstand weigerte sich, diese schreckliche Wahrheit zu akzeptieren. Der Junge wusste nicht mehr, was Wirklichkeit war und was nicht, was er tun sollte, wohin er gehen konnte …

Maximillian Courtland war seit mehreren Stunden fort. Seitdem hatte Jordan im Geiste immer wieder einen Satz gehört, den Courtland in der Nacht gesagt hatte:

»Frauen können einem mächtigen Mann nicht widerstehen …«

Diese Worte sollten Jordan während der nächsten zehn Jahre seines Lebens verfolgen.

1

1903

Die Sonne des späten Nachmittags lag auf der stillen Landschaft, und kein Windhauch strich durch die hohen Zuckerrohrfelder zu beiden Seiten der Straße. Der schrille Gesang der Zikaden und der Anblick grauer Käfer erinnerten Jordan Hale an seine Kindheit, als er und seine Freunde auf diesen Feldern gespielt hatten – trotz der Schlangen, Spinnen und Ratten und der vielen anderen Gefahren, die in diesem Meer aus Zuckerrohr auf sie lauerten.

Für die Fahrt von Brisbane nach Geraldton hatte Jordan in einer einspännigen Kutsche fast zwei Monate gebraucht. In weniger als einer Stunde würde er in Eden sein, auf der Plantage seiner Familie. Jordan war von den verschiedensten Gefühlen erfüllt. Ihm war heiß, und der Gedanke an sein Zuhause beunruhigte ihn; zugleich freute er sich darauf, das Haus und die Plantage wiederzusehen. Selbst mithilfe seines Onkels hatte es zehn Jahre gedauert, bis Jordan über den Verlust der Eltern hinweggekommen war und die Schuldgefühle überwunden hatte, ihren Tod nicht verhindert zu haben. Mit der Zeit und dem wachsenden persönlichen und geschäftlichen Erfolg hatte er an Selbstvertrauen gewonnen – doch der brennende Wunsch, an Maximillian Courtland Rache zu nehmen, war nicht zu stillen gewesen.

Jordan lehnte sich im Sitz des kleinen Wagens zurück und verzog das Gesicht, als ihm das Hemd am schweißbedeckten Rücken festklebte. Er hatte beinahe schon vergessen, wie drückend schwül es in Nordqueensland sein konnte. Jordan fuhr nach Westen, der sinkenden Sonne entgegen, auf einer staubigen Straße zwischen endlosen Zuckerrohrfeldern hindurch. Der Zeitpunkt seiner Ankunft in Queensland war mit Bedacht gewählt: Sobald er Arbeiter eingestellt hatte und die Felder zu beiden Seiten des Weges gerodet waren, konnte er mit der Aussaat beginnen.

Über den fernen Hügeln grollte leiser Donner, und Jordan blickte zu den sich auftürmenden Wolken hinauf, Vorboten der Regenzeit, die in ein paar Wochen begann. Dann würde sich die Straße, auf der er nun fuhr, in einen schlammigen Fluss verwandeln.

An einer Weggabelung nahm Jordan seinen breitkrempigen Hut ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nach kurzer Überlegung, welche Richtung er einschlagen sollte, wandte er sich nach Nordosten, wo mehr als sechs Meter hohes Zuckerrohr seinen Schatten auf die Straße warf. Die Gegend wirkte fremd auf ihn, was unter anderem daran lag, dass es während der zehn Jahre, die Jordan von zu Hause fort gewesen war, in der Zuckerrohrindustrie einige Veränderungen gegeben hatte. Er hatte gelesen, dass in Nordqueensland elf neue Fabriken in Betrieb genommen worden waren, einige hoch im Norden, im Gebiet um den Mulgrave-Fluss, wo man die großen Plantagen in Parzellen von dreißig Hektar aufgeteilt hatte. Zurzeit wurde im nahen Babinda ein Verarbeitungsbetrieb für die Zuckerrohrernte aus dem Bezirk Geraldton gebaut, um den Produktionszuwachs aufzufangen, der durch neue, meist italienische Einwanderer entstanden war, die Plantagen gegründet hatten.

Jordan dachte an den Tag, als er Eden verlassen hatte – eine Woche, nachdem sein Vater neben seiner Mutter zur ewigen Ruhe gebettet worden war; sein Onkel hatte ihn mit zu sich nach Brisbane genommen, wo Jordan ein neues Leben beginnen sollte. Das Haus war verriegelt worden, die Fenster mit Brettern vernagelt; das Zuckerrohr und den Viehbestand der Plantage hatten sie in der Obhut der treuen Arbeiter gelassen, die das Zuckerrohr selbstständig ernteten und verkauften.

Jordan fiel der Schwur wieder ein, den er am Grab seiner Eltern unter dem Affenbrotbaum am Johnstone River geflüstert hatte: »Ich komme nach Eden zurück und werde euch rächen!« Natürlich hatte er schon damals gewusst, dass er den Schwur, einen Feind wie Maximillian Courtland zu vernichten, nur dann einlösen konnte, wenn er ein mächtiger Mann wurde, doch der Schwur hatte ihm Kraft gegeben und ihn immer wieder vorangetrieben.

Seitdem waren zehn Jahre vergangen. Jordan hatte ein riesiges Vermögen erworben, das seine kühnsten Erwartungen – und die seines Onkels – bei weitem übertraf. Er stand in dem Ruf, ein eiskalter Geschäftsmann zu sein und hohe Risiken einzugehen, doch er vergaß darüber niemals sein Ziel. Anhand von Zeitungsartikeln und Reportagen in Illustrierten hatte Jordan das Leben Maximillian Courtlands, seiner Frau und seiner beiden ältesten Töchter genau verfolgt; an die dritte und jüngste Tochter, Evangeline, erinnerte er sich kaum. Sie war schon als kleines Mädchen zu Verwandten in den Süden geschickt worden und im Unterschied zu ihren Schwestern völlig unbeachtet geblieben. Über Celia, Alexandra und ihre Mutter Letitia war in den Klatschspalten immer wieder berichtet worden – wie auch über Maximillian, den Jordan in all den Jahren am genausten im Auge behalten hatte.

Den Zeitungsberichten zufolge war »Max«, wie Courtland meist genannt wurde, noch immer der arrogante und brutale Plantagenbesitzer, der er schon zehn Jahre zuvor gewesen war. Kurz bevor Jordan damals fortgegangen war, hatte es im »schwarzen Norden« Unruhen gegeben, da die europäischen Arbeiter fürchteten, von den Bewohnern der polynesischen Inseln, den kanakas, verdrängt zu werden. Maximillian hatte damals eine Gruppe von Plantagenbesitzern angeführt, die gegen ein Gesetz Sturm liefen, in dem untersagt wurde, noch mehr billige Arbeitskräfte aus Polynesien heranzuschaffen, denn die kanakas wurden von den so genannten »Black Birders«, den gefürchteten Slavernjägern und -händlern, buchstäblich von ihren Heimatinseln entführt. Jordan wusste, dass Maximillian solche Fahrten finanzierte, da er nicht bereit war, die höheren Löhne für die europäischen Einwanderer zu zahlen. Mit den Arbeitern von den Südseeinseln, die nichts anderes waren als Sklaven, machte seine Plantage viel mehr Gewinn.

Eine Schlange glitt vor dem Wagen über den Weg, und Jordans Pferd scheute. Gerade als er versuchte, das erschrockene Tier wieder unter Kontrolle zu bekommen, schoss ein Radfahrer aus dem Zuckerrohrfeld hervor. Das Rad schwankte einen Moment von einer Seite zur anderen, bevor es mitsamt dem Fahrer im Straßengraben landete.

Als Jordan das Pferd wieder in der Gewalt hatte und vom Wagenbock geklettert war, hatte der Fahrer sich aufgerappelt und bemühte sich, das Fahrrad aus dem Graben zu heben.

»Wo kommen Sie denn so plötzlich her, zum Teufel?«, stieß der Fremde zornig hervor.

»Das könnte ich Sie auch fragen«, erwiderte Jordan und streckte die Hand aus, um dem Unglücklichen aus dem Graben zu helfen.

Doch Jordans Geste blieb unbeachtet. Stattdessen begutachtete der Mann den Schaden am Rad und an sich selbst, der zum Glück nicht groß war.

Jordan blickte hinter sich und betrachtete die schmale Reifenspur des Fahrrads zwischen den dichten Reihen der Zuckerrohrpflanzen. Als er sich wieder umwandte, schaute der andere zu ihm auf. Erstaunt musterte Jordan die Reithose, das weit geschnittene Hemd, den breitkrempigen Hut, der das kurze Haar fast gänzlich bedeckte – und das Gesicht, das einer jungen Frau gehörte, die soeben aus dem Graben kletterte. Sie stellte sich vor Jordan hin und betrachtete den gut aussehenden jungen Mann genauer.

»Ich habe Sie hier noch nie gesehen«, sagte sie.

»Ich bin lange Zeit nicht hier gewesen«, erwiderte er. »Hier hat sich alles sehr verändert. Haben Sie sich wehgetan?«

»Oh, keine Bange.«

»Erstaunlich, dass Sie mit diesem seltsamen Ding so gut umgehen können«, sagte Jordan.

»Ja – so gut, dass ich damit im Graben lande«, sagte die junge Frau seufzend. »Anfangs haben sich meine Röcke in der Kette verfangen, und jetzt kommen wildfremde Männer daher und fahren mich beinahe über den Haufen. Eines Tages werde ich mir noch den Hals brechen.« Sie betrachtete ihr Fahrrad. »Das nennt sich nun Fortschritt«, sagte sie verächtlich, zog die dunklen Brauen hoch und schaute Jordan wieder an. »Jetzt wollen die Leute das gute alte Geraldton sogar in ›Innisfail‹ umbenennen! Na, das wird unter den Alteingesessenen und Durchreisenden für einige Verwirrung sorgen.«

Sie besaß die dunkelsten Augen, die Jordan je gesehen hatte, schön geformte Lippen und ein spitzbübisches Gesicht. Ihr kurzes Haar war so schwarz wie das seiner Mutter, wie er es von Fotos in Erinnerung hatte, und ihr Teint war dunkel, was ihr ein leicht exotisches Aussehen verlieh.

»Suchen Sie etwas Bestimmtes?«, erkundigte sie sich und wandte verlegen den Blick ab, als sie bemerkte, dass Jordan sie musterte.

»Eine Plantage. Sie heißt Eden. Vielleicht können Sie mir sagen, wo ich sie finden kann.«

Sie wandte sich um und ging ein paar Schritte, wobei sie ein wenig humpelte und das Fahrrad mit einem leicht schiefen Gang neben sich her schob. »Sind sie verletzt?«, fragte Jordan.

»Nein, das sehen Sie doch«, stieß sie gekränkt hervor und ging mit trotzig erhobenem Kopf weiter. Jordan spürte, dass er etwas Falsches gesagt hatte; die junge Frau litt offensichtlich unter irgendeinem körperlichen Gebrechen. Jordan nahm sein Pferd am Halfter und ging zu Fuß neben ihr.

»Wenn Sie Ackerland pachten wollen«, sagte sie, »sind Sie mit Eden nicht gut beraten. Das alte Wohnhaus der Hales ist schrecklich heruntergekommen. Der Eigentümer hat es arg vernachlässigt. Und die Äcker sind voller Unkraut.«

»Ich würde es mir trotzdem gern anschauen.« Jordans bestimmter Tonfall ließ das Mädchen erkennen, dass er es gewohnt war, Anweisungen zu geben, die widerspruchslos ausgeführt wurden. Sie musterte ihn neugierig.

»Wenn Sie meinen. Aber es ist Zeitverschwendung, das sage ich Ihnen gleich.«

»Woher wissen Sie so viel über Eden?«, fragte Jordan verwundert.

»Ich bin so etwas wie die … Verwalterin.«

Jordan blickte sie fragend an, doch die junge Frau schaute den Weg hinunter und bemerkte es nicht. »Dann haben Sie sicher eine Vereinbarung mit dem Besitzer, nicht wahr?« Er wollte sie bei einer Lüge ertappen, doch zu seinem Erstaunen hob sie den Kopf und erwiderte mit durchtriebenem Lächeln: »Nicht offiziell. Ich habe mich einfach dort eingenistet. Aber ohne mich wäre das Haus voller Flughunde, Tauben und Schlangen. Ich wohne schon lange dort.«

Jordan wurde neugierig. Sie sah niemandem ähnlich, an den er sich aus seiner Jugendzeit erinnern konnte. Wer mochte sie sein?

»Sie wohnen schon lange in Eden? Wie alt sind Sie denn?«

»Das ist eine sehr direkte Frage«, gab sie zurück. »Besonders für einen Gentleman.«

Jordan ließ den Blick über die Zuckerrohrfelder schweifen, wobei er trotz seines breitkrempigen Hutes blinzeln musste. »Man hat mir in den letzten Jahren so manche Bezeichnung gegeben, aber einen Gentleman hat mich niemand genannt.« Er dachte an seine mitunter rücksichtslosen Geschäftsmethoden, die ihn zu einem reichen Mann gemacht hatten – und an seine ehemaligen Geliebten, die er verlassen hatte; es waren sehr schöne Frauen darunter gewesen.

»Sie sind ein bekennender Schuft?«, meinte sie mit einem spöttischen Blick, und ihre dunklen Augen funkelten. »Muss ich die Frauen in der Gegend vor Ihnen warnen? Nein, das werde ich nicht tun«, gab sie sich selbst die Antwort, als sie an ihre Schwestern dachte. »Es ist lustiger, wenn sie es selbst herausfinden.«

»Woher sind Sie eigentlich gekommen, als Sie aus dem Feld auf die Straße gejagt sind?«

»Aus der Stadt. Ich nehme immer die Abkürzung, wenn es so schwül ist.« Dass der drohende Regen ihre Hüfte schmerzen ließ, erwähnte sie nicht. »Ich war bei Jules Keane, dem Herausgeber der Lokalzeitung, und habe ihn gebeten, mich als Reporterin einzustellen.«

Jordan war freudig überrascht. Er bewunderte es stets, wenn jemand Ehrgeiz entwickelte. »Aber ohne Erfolg?«

»Vor einiger Zeit hat er ein paar von meinen Artikeln veröffentlicht. Doch sie haben in der Gegend so viel Staub aufgewirbelt, dass er jetzt keine mehr annehmen will. Aber ich glaube, ich kann ihn trotzdem überreden. Allerdings werde ich nichts für die Klatschspalte schreiben, wie er es heute verlangt hat.« Sie rümpfte verächtlich die Nase.

»Ist das nichts für Sie?«

»Genau. Klatschkolumnen zu schreiben ist für mich keine Herausforderung. Diese Dinge sind mir gleich. Ich interessiere mich für Themen, die Mut verlangen.«

»Mord und Totschlag? Raub und Diebstahl?«

»Das weniger. Mich interessiert die Politik und ihre Auswirkungen auf die Menschen, die dieses Land bebauen, besonders die auf die polynesischen Arbeiter im Zuckerrohrgebiet.«

Mit der zierlichen jungen Frau war eine Veränderung vor sich gegangen. Mit einem Mal war sie leidenschaftlich und engagiert und hatte ihre Verlegenheit abgelegt.

»Und was für Artikel haben Sie bis jetzt geschrieben? Weshalb waren sie so umstritten, dass der Herausgeber nichts mehr von Ihnen veröffentlichen will?«

»Ich habe über die Ausbeutung der kanakas geschrieben, und dass eine Gesetzesänderung erforderlich ist, die diese Sklavenarbeit verbietet. Nun befürchtet Jules Keane, ich könnte meine Stellung dazu nutzen, meine persönliche Meinung zu verbreiten, wenn er mich fest bei der Zeitung anstellt.«

»Und Sie würden das tun? Ich meine, Ihre persönliche Meinung verbreiten, auch wenn Sie sich damit unbeliebt machen?«, fragte Jordan.

Jetzt war ihr Lächeln wieder scheu. »Natürlich. Es ist für eine gerechte Sache.«

Jordan nickte. Sie war erfrischend ehrlich, und sie besaß Kampfgeist. Außerdem teilte er ihre Ansichten über die Ausbeutung der kanakas, denn die Arbeiter von den Südseeinseln waren auf den Plantagen schon viel zu lange wie Sklaven gehalten worden.

»Seit wann sind Sie schon Verwalterin in Eden?«

»Fast ein Jahr.«

»Und davor?«

»Ich habe fast mein ganzes Leben in Sydney verbracht.«

»Dann sind Sie keine Einheimische?«

Die junge Frau senkte den Kopf, doch Jordan hatte für einen winzigen Moment so etwas wie Trauer in ihren dunklen Augen schimmern sehen. »Nein.«

»Was hat Sie dann hierher verschlagen? In einer großen Stadt hätten Sie doch sicher bessere Möglichkeiten, Journalistin zu werden.«

Sie schaute ihn an. »Bei den großen Zeitungen im Süden hat man mir immer denselben Rat erteilt – bei einem kleinen Blatt Erfahrung zu sammeln und dann wiederzukommen.« Sie verschwieg, dass ihre Mitarbeit bei der Lokalzeitung auch ein persönliches Entgegenkommen des Herausgebers war, denn Jules Keane war mit ihrem Onkel verwandt. »Ich weiß, dass sie mich bei den großen Zeitungen nur loswerden wollten. Aber eines Tages werden sie mich ernst nehmen müssen – wenn ich meine eigene Zeitung gründe!«

Jordan nickte beipflichtend. »Man sollte seine Pläne niemals aufgeben und nie Angst haben, Risiken einzugehen.«

»Das hört sich so an, als sprächen Sie aus Erfahrung.«

»Stimmt. Und es hat mir immer sehr geholfen, mich an diese Regeln zu halten. Das sollten Sie auch tun.«

Sie konnte ihr Erstaunen kaum verbergen; es war das erste Mal, dass jemand sie ermutigte. Es wunderte sie, dass er die offensichtlichen Hindernisse nicht sah. Andere hatten nie gezögert, sie ihr vor Augen zu führen, am wenigsten ihre Eltern. Nicht nur, dass sie eine junge Frau war, nein, sie war außerdem …

Plötzlich blieb Jordan stehen. »Eden müsste irgendwo hier in der Nähe sein«, sagte er und blickte sich verwirrt um. Er glaubte, den richtigen Ort gefunden zu haben, doch auf der anderen Straßenseite stand ein Bauernhaus, das zehn Jahre zuvor noch nicht dort gewesen war.

»Der Eingang zur Plantage ist gleich da vorn an der Straße, aber er ist zugewachsen und kaum zu erkennen.«

Ein paar Meter weiter war in dem wilden Zuckerrohr, das am Straßenrand wuchs, tatsächlich eine schmale Lücke zu sehen. Jordan erkannte, dass er sie ohne die Hilfe der jungen Frau wahrscheinlich nicht gefunden hätte. Einen Augenblick starrte er die gewundene Auffahrt hinauf, die fast vollständig von Unkraut überwuchert war. Er hatte geglaubt, auf diesen Moment vorbereitet zu sein, doch nun schlug sein Herz vor Aufregung plötzlich rasend schnell. Während er mit seiner geheimnisvollen Führerin den Weg entlangging, überkamen ihn lebhafte Erinnerungen. Er musste daran denken, wie viel harte Arbeit in diesem Anwesen steckte … wie viel Liebe, Hoffnungen, Träume und Tränen mit jedem Stein, jedem Balken Holz verbunden waren.

Im Jahr 1880 hatte Thomas Fitzgerald gemeinsam mit zehn Siedlern – einer davon war Jordans Vater gewesen – und fünfunddreißig kanakas tausend Hektar Land übernommen, das ihnen vom katholischen Bischof von Brisbane und den »Gnadenreichen Schwestern« zur Verfügung gestellt worden war. Die Männer hatten den Regenwald gerodet und Zuckerrohr gepflanzt, doch zunächst ohne großen Erfolg. Die meisten waren daraufhin weitergezogen, doch Patrick Hale war in Geraldton geblieben. Er hatte sich ein Zuhause geschaffen und Eden aufgebaut. Die Ernten waren bald so ergiebig gewesen, dass im Jahr 1882 die Zuckerrohrmühle von Mourilyan Hill errichtet worden war.

Anders als die meist ganz aus Holz erbauten Häuser anderer Plantagenbesitzer war das Erdgeschoss von Patrick Hales Heim aus Natursteinen gemauert. Zum Schutz gegen Überschwemmungen stand es auf dem höchsten Punkt der umgebenden Landschaft. Jordan hatte noch die Worte seines Vaters im Ohr, dass Stein besser gegen die Hitze schütze. Dies hatte sich bestätigt, denn selbst an den heißesten Tagen war das Haus kühl und luftig gewesen, und auch die Termiten hatten ihm nichts anhaben können. Einst hatte es eine breite Veranda besessen, von weißen Säulen getragen, die sich um das Gebäude zog; abends hatten die Hales oft auf dieser Veranda gesessen und über die Zuckerrohrfelder geblickt. In der Regenzeit hatten die Schauer auf das Blechdach getrommelt; ein lautes und beständiges Geräusch, doch Jordans Mutter hatte es stets als tröstlich empfunden.

Als Jordan das Haus erblickte, blieb er ungläubig stehen.

»Kein schöner Anblick, nicht wahr?«, sagte die junge Frau. »Ich hatte Sie ja gewarnt.« Als Jordan nichts erwiderte, fuhr sie fort: »Ein Agent erzählte mir, vor acht Jahren habe es hier einen Wirbelsturm gegeben, der einen Teil des Daches abgedeckt hat. Der Besitzer ließ den Schaden nicht reparieren, und so sind die Balken vom Regen verrottet. Das Dach ist einsturzgefährdet, und im Innern des Hauses wimmelt es von Ungeziefer. Als ich hierher kam, war es völlig unbewohnbar.«

Jordan hatte von dem Wirbelsturm gehört, das Ausmaß des Schadens jedoch unterschätzt. Er konnte kaum glauben, dass das Haus tatsächlich dermaßen heruntergekommen war. In seiner Erinnerung war Eden immer ein prächtiger Besitz gewesen, doch nun war es ein verfallendes Gemäuer – ein trauriges Spiegelbild der Menschen, die einst darin gelebt hatten.

Nichts erinnerte mehr an das schöne Herrenhaus, das Jordan vor zehn Jahren verlassen hatte. Im Dach klafften große Löcher, und an mehreren zerbrochenen Fenstern im Erdgeschoss fehlten die Läden. Die Vordertür war nur angelehnt; sie war vor langer Zeit aufgebrochen worden, wahrscheinlich von einem Plünderer nach dem Wirbelsturm. Das Fliegengitter war abgerissen.

Jordans Blick fiel auf die Reste einer hölzernen Gartenschaukel, die sein Vater einst für seine Mutter gebaut hatte. Die Trümmer lagen auf der ganzen Veranda verstreut. Er fühlte einen schmerzhaften Stich in der Brust, schloss für einen Moment die Augen und holte tief Atem, um seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Im Geiste sah er seine Eltern lachend nebeneinander auf der Schaukel sitzen. Sie waren so glücklich gewesen. Wenn er doch nur die Zeit zurückdrehen könnte …

Jordan fühlte, wie der Hass auf Max Courtland ihn wieder zu überwältigen drohte. Er zitterte vor Wut am ganzen Leib. Doch er kämpfte das Hassgefühl nieder – so, wie er im Geschäftsleben seine Gefühle beiseite schieben musste, um sich durchzusetzen. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die abblätternde Farbe an den Säulen der Veranda und auf das halb eingestürzte Dach des Vorbaus. Überall waren Staub, Schmutz und Spinnweben. Jordan mochte gar nicht an das Innere des Hauses denken, an die hübschen Sachen seiner Mutter, ihre Porzellanfiguren, ihr chinesisches Rosenmuster-Service, ihr Klavier …

Jordan ließ den Blick über die Felder schweifen, die von Unkraut und wilden Zuckerrohrtrieben überwuchert waren. Es würde Wochen harter Arbeit bedeuten, die Felder zu jäten. Jordan dachte daran, wie ordentlich diese Felder zu Lebzeiten seines Vaters bestellt gewesen waren, und Trauer überkam ihn.

Weit draußen, hinter den ordentlich bestellten Feldern anderer Plantagenbesitzer, sah Jordan das Korallenmeer schimmern. In der Ferne ratterte ein mit frisch geerntetem Zuckerrohr beladener Zug zur Mourilyan-Mühle.

In der Gegenrichtung breitete sich eine von Trockenheit braune, verdorrte Ebene aus, doch Jordan wusste, wie rasch dieses Land wieder grünte, sobald die Regenzeit begann. Die Luft war warm und angenehm, erfüllt vom süßen Geruch nach frisch geerntetem Zuckerrohr.

Jordan war klar, dass es viel harte Arbeit und Geld kosten würde, um Eden neu aufzubauen und die Plantage wieder zu einem Gewinn bringenden Betrieb zu machen. Doch er würde alles tun, um den Traum seines Vaters Wirklichkeit werden zu lassen – ein Ziel, das Patrick Hale vor zehn Jahren fast schon erreicht hatte, als seine Welt in Trümmer fiel. Jordan wusste, dass der Wiederaufbau Edens den Schmerz in seinem Innern lindern würde.

Die letzten Wunden aber würden erst dann verheilen, wenn er Maximillian Courtland zugrunde gerichtet hatte.

Jordan und die junge Frau schlenderten zum Flussufer hinunter, wo sie vor den Gräbern der Hales stehen blieben. Anders als das Haus waren die Gräber sorgfältig gepflegt; vor jedem der Kreuze mit den Namen lagen Hibiskusblüten.

»Haben Sie die Hales gekannt?«, wollte die junge Frau wissen.

Jordan nickte. »Es war nett von Ihnen, die Gräber zu pflegen«, sagte er leise.

»Der Dank gebührt nicht mir, sondern einem der ehemaligen Plantagenarbeiter. Er kümmert sich um die Gräber.«

Jordan wandte sich um. »Ein ehemaliger Plantagenarbeiter? Wollen Sie damit sagen, er war schon damals hier beschäftigt, als es Eden noch gab?«

»Ja. Nebo hat für die Hales gearbeitet.« Sie schaute ihn nachdenklich an. »Kennen Sie ihn?«

»Ja, sicher! Ich hatte keine Ahnung, dass er noch hier ist … dass er überhaupt noch lebt.« Schon als Jordan ein kleiner Junge gewesen war, war Nebo ihm steinalt erschienen.

Die junge Frau lächelte. »Das würde Nebo sicher nicht gern hören, er ist sehr stolz. Er hat mir erzählt, dass er Eden nie verlassen hat, seit die Hales gestorben sind. Ich glaube, er wartet auf die Rückkehr des Sohnes … Jordan Hale. Haben Sie Jordan gekannt? Er muss jetzt ein erwachsener Mann sein, doch Nebo spricht von ihm noch immer wie von einem kleinen Jungen.«

Jordan wandte sich wieder den Gräbern seiner Eltern zu. Die junge Frau sah an seiner ernsten, traurigen Miene, dass er Patrick und Catheline Hale sehr gut gekannt haben musste – und plötzlich glaubte sie zu wissen, wen sie vor sich hatte.

»Mein Gott, Sie sind Jordan, nicht wahr?«, stieß sie hervor und kam sich sehr dumm vor, als er nickte. »Oje«, murmelte sie dann zu seinem Erstaunen. »Das bedeutet, dass ich obdachlos bin.«

Jordan wandte sich ihr zu. »Jetzt wird es aber Zeit, dass Sie mir endlich Ihren Namen sagen.«

»Eve.«

»Eve – und weiter?«

»Eve Kingsly.«

»Wo haben Sie geschlafen, Eve? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie im Haus gewohnt haben, so wie es aussieht.«

»Ich wohne in dem kleinen Anbau an der Rückseite. Nur dort ist das Dach dicht geblieben, und auch das Fliegengitter ist noch heil, sodass ich nicht bei lebendigem Leib von den Mücken gefressen werde. Nebo wohnt im Arbeiterquartier. Die meisten anderen Gebäude auf dem Anwesen sind nur noch Ruinen.«

»Ich werde ins Haupthaus einziehen und es renovieren«, erklärte Jordan.

»Sie wollen es renovieren? Ich dachte, Sie würden es abreißen.«

Jordan schaute sie verwundert an. »Eden abreißen? Das würde ich niemals über mich bringen.« Gedankenverloren wandte er sich dem Haus zu. Eden war seine Heimat. »Ich habe große Pläne mit der Plantage.«

Jordan hatte Eden so lange sich selbst überlassen, dass Eve nicht wissen konnte, wie viel ihm die Plantage bedeutete. »Wollen Sie es wieder aufbauen, um es zu verkaufen?«

»O nein. Ich werde hier wieder Zuckerrohr anbauen. Ich bin hergekommen, um zu bleiben, Eve.«

»Oh.« Eve zögerte; dann fragte sie stockend: »Könnte ich dann vielleicht … auch noch eine Weile hier bleiben, bis ich etwas anderes gefunden habe?«

»Ich glaube nicht, Eve«, murmelte Jordan.

Er ahnte nicht, wie viel es die junge Frau gekostet hatte, ihren Stolz hinunterzuschlucken und ihn um diesen Gefallen zu bitten. Als er zum Haus zurückging, folgte sie ihm. »Ich wäre Ihnen bestimmt nicht im Weg«, sagte sie. »Vielleicht könnte ich Ihnen sogar helfen.«

Jordan blieb stehen und schaute sie an. »Ich brauche Zimmerleute, Dachdecker und andere Handwerker, Eve, aber niemanden zum Staubwischen.«

Eve schaute ihn betroffen an. Er spürte, dass er sie verletzt hatte, doch er wandte sich ab – wie schon bei vielen Frauen zuvor, die ebenfalls verletzt gewesen waren. Doch irgendetwas veranlasste ihn, sich doch noch einmal umzudrehen. Eve blickte auf den Fluss, traurig und niedergeschlagen. Sie hatte ihm nicht viel erzählt, doch er wusste, dass sie kein Geld besaß – sie wäre kaum in einem halb verfallenen Haus untergekrochen, hätte sie eine andere Wahl gehabt. Doch Jordan wollte nicht, dass jemand sein Leben und seine Pläne durcheinander brachte, also beschloss er zu schweigen.

Eve wandte sich um und schaute ihn an. In ihrem Blick spiegelte sich verletzter Stolz. »Ich weiß, dass das Haus arg heruntergekommen ist, aber es würde noch viel schlimmer aussehen, wäre ich nicht eingezogen. Die Aborigines hatten am Fluss ihr Lager aufgeschlagen, als ich hierher kam. Wäre ich nicht ins Haus gezogen, hätten sie es abgerissen, um von dem Holz Feuer zu machen. Auf Nebo haben sie nicht gehört, aber auf mich, als ich behauptet habe, ich wäre mit den Besitzern verwandt. Es war die einzige Möglichkeit, die Aborigines zum Weiterziehen zu bewegen.«

»Wollen Sie damit andeuten, dass ich in Ihrer Schuld stehe?«, fragte Jordan.

Eve schaute ihn zornig und ein wenig beleidigt an. Natürlich hatte sie nicht gemeint, dass er ihr etwas schuldig sei, aber ein wenig Rücksicht hatte sie doch erwartet.

Jordan missdeutete ihren Blick als Bestätigung seiner Vermutung. »Also gut. Würden fünf Pfund genügen, um die Zeit zu überbrücken, bis Sie etwas anderes gefunden haben?«

»Fünf Pfund …!«, stieß Eve entsetzt hervor.

Zorn stieg in Jordan auf. Eve gab sich nicht so leicht geschlagen, das musste er ihr lassen. »Wollen Sie noch mehr herausschlagen?«

»Ich will Ihr Geld nicht!«, stieß sie wütend hervor.

Jordans Zorn schlug in Verwirrung um. »Seien Sie nicht so stolz. Ich weiß, dass Sie keine Arbeit haben …«

»Hätte ich die Stelle bei der Zeitung angenommen, wäre ich jetzt nicht arbeitslos! Aber ich will keine Almosen, von niemandem.« Gedemütigt humpelte Eve an ihm vorüber, fest entschlossen, ihre Sachen zu packen und fortzugehen. Wohin, wusste sie noch nicht.

»Ich dachte auch gar nicht an Almosen«, rief Jordan ihr nach, doch sie beachtete ihn nicht. »Du lieber Himmel, Sie sind wirklich empfindlich. Und viel zu stolz!«

Eve fuhr so schnell herum, dass sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Sie war den Tränen nahe, und das machte sie noch zorniger. »Warum sollte ich nicht stolz sein? Weil ich ein Krüppel bin?«

Jordan fühlte, wie er errötete. »Das habe ich nicht gesagt.«

»Das brauchen Sie auch nicht zu sagen.«

»Finden Sie nicht, dass Sie ein bisschen zu empfindlich sind?«

»Nein, finde ich nicht. Sie sagten vorhin, ich wäre nur zum Abstauben gut, aber das stimmt nicht. Ich bin nicht weniger wert als andere. Vielleicht brauche ich für manche Dinge länger, aber ich kann alles, was andere auch können.« Außer ein Pferd zu reiten, fügte sie in Gedanken hinzu.

Jordan seufzte leise. Eve hatte Recht. Ohne es zu wollen, behandelte er sie wirklich so, als wäre sie eher eine Last als eine Hilfe. »Das glaube ich Ihnen ja. Aber Sie haben doch das Haus gesehen – da gibt es sehr viel zu tun. Ich brauche Handwerker, vor allem Zimmerleute. Und einen Koch. Und da Sie weder Zimmermann noch Koch sind …«

»Ich kann mit Werkzeug umgehen. Ich habe meinem Onkel geholfen, Spielzeuge für Waisenkinder anzufertigen. Und kochen kann ich auch!«

Jordan blickte überrascht, was Eves Zorn weiter entfachte. Er bemerkte es und sagte eilig: »Wenn Sie für die Stelle als Köchin geeignet sind, gehört sie Ihnen.« Ihm war klar, dass Eve ihn praktisch dazu getrieben hatte, ihr den Job zu geben, doch wenn sie schon blieb, konnte sie sich wenigstens nützlich machen.

Eve jedoch zögerte. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, ihm zu sagen, dass Nebo normalerweise ihr Abendessen aus dem Fluss angelte und es auch zubereitete. Außerdem lebten sie von wilden Früchten, die auf der Plantage wuchsen. Von Kochen konnte keine Rede sein.

Jordan tat es jetzt schon Leid, sich gleich nach der Ankunft auf der Plantage ein Problem aufgeladen zu haben, doch nun konnte er sein Angebot nicht mehr zurückziehen. Aber vielleicht gelang es ihm ja, Eve zu entmutigen …

»Handwerker werde ich später einstellen. Vorerst brauche ich jemanden, der für mich und die Arbeiter kocht, ungefähr zwanzig Personen. Sicher nicht das, was Sie sich vorgestellt haben, oder? Außerdem hätten Sie dann keine Zeit mehr, beim Herausgeber der Lokalzeitung wegen einer Stelle nachzufragen …«

Eve blickte ihn argwöhnisch an; sie schien zu spüren, dass er sie abschrecken wollte. »Es ist wirklich nicht gerade mein Wunschtraum«, erwiderte sie und bemerkte die aufkeimende Hoffnung in Jordans Blick, »aber ich nehme die Stelle trotzdem.«

Jordan nickte und fügte sich in das Unabänderliche.

»Was kriege ich denn an Lohn?«, fragte Eve.

Sie war wirklich raffiniert. »Sie bekommen ein kleines Gehalt plus Essen und Unterkunft. Das ist mein letztes Angebot. Nehmen Sie es an oder lassen Sie’s bleiben.«

»Ich nehme an.«

Nachdem er sie genauer gemustert hatte, meinte er: »Von dem, was Sie so kochen, scheinen Sie aber nicht satt zu werden. Sie sind zu mager.«

»Mager? Ich bin schlank und zierlich! Das war ich schon immer«, erwidert Eve pikiert.

»Also gut«, sagte Jordan, wandte sich um und ging zum Haus hinüber. Eve folgte ihm. »Wenn Sie bleiben wollen, überlasse ich es Ihnen, ob Sie weiter im Anbau wohnen. Er liegt ja zur Hinterseite, sodass Ihr guter Ruf keinen allzu großen Schaden nehmen wird.«

»Mein Ruf als Unruhestifterin übertrifft sowieso jeden moralischen Zweifel«, gab Eve ruhig zurück.

Jordan schien ihre Worte nicht gehört zu haben. Er starrte nachdenklich auf das Haus. »Es gibt wirklich viel zu tun«, meinte er wie im Selbstgespräch, bevor er sie über die Schulter hinweg anblickte. »Ich werde Nebo bitten, ein paar Zimmerleute und Feldarbeiter einzustellen.«

»Er wird sich sehr freuen, Sie zu sehen«, erwiderte Eve. »Von diesem Tag hat er schon sehr lange geträumt.«

Als Jordan zu den Unterkünften der Arbeiter ging, fragte sich Eve, welche Veränderungen auf Eden zukamen, jetzt, wo der Besitzer wieder da war. Das Leben mit dem alten Nebo war sehr friedlich gewesen. Er hatte keine Erwartungen an sie gestellt und sie nie kritisiert. Doch sie fürchtete, Jordan Hale würde beides tun, besonders, wenn er erst ihre Kochkünste kennen gelernt hatte …

2

Die barackenähnliche Unterkunft für die Arbeiter stand ungefähr zweihundert Meter vom Haus entfernt an einem gewundenen Pfad, der von verwilderten Feldern gesäumt wurde. Wie die Auffahrt war auch dieser Weg bis auf einen schmalen Durchgang von Unkraut überwuchert, da er selten benutzt worden war.

Während Jordan über den Pfad ging, versuchte er sich Nebos Leben in den vergangenen zehn Jahren vorzustellen. Warum war der alte Plantagenarbeiter überhaupt in Eden geblieben? Und wie hatte er sich durchgeschlagen? Jordan dachte an sein eigenes Leben in Brisbane, an all den Luxus und den Überfluss – und schämte sich plötzlich. Wahrscheinlich war auch die Arbeiterbaracke beim Wirbelsturm beschädigt worden und im Lauf der Zeit verfallen. War sie überhaupt noch bewohnbar? Und wie war Nebo ohne einen Penny Lohn zurechtgekommen? Wovon hatte er sich Kleidung und Essen gekauft?

Plötzlich stutzte Jordan und musste unwillkürlich lächeln: Es duftete nach gebratenem Fisch. Kindheitserinnerungen stiegen in ihm auf. Er dachte an Nebos Klugheit und Umsicht. Wann immer Jordan als Junge ein Problem gehabt hatte, mit dem er seinen Vater nicht belästigen wollte – eine gebrochene Angelrute zum Beispiel oder ein Loch im Schuh –, war er zu Nebo gegangen, und der hatte alles wieder in Ordnung gebracht. Nie hatte er seine Hilfe verweigert.

Jordan hatte geglaubt, er wäre auf das Schlimmste vorbereitet, doch als er die Baracke sah, packte ihn das blanke Entsetzen. Ob das Gebäude beim Wirbelsturm beschädigt worden war, konnte er nicht sehen, denn die Baracke war vollständig vom einem dichten Geflecht aus Schlingpflanzen und wildem Wein überwuchert. Eine vom Sturm umgewehte Bananenstaude lag halb auf dem Dach, und die Mango- und Papayabäume standen in einem mindestens hüfthohen Teppich aus Gras und Unkraut.

Plötzlich tauchte Nebo im Türrahmen der Baracke auf, die eher wie der dunkle Eingang einer Höhle wirkte.

»Wer schleicht hier herum?«, rief er heiser und blinzelte ins grelle Sonnenlicht. Er wusste, dass es nicht Eve war, denn diese rief ihm immer einen Gruß zu, wenn sie kam.

Einen Moment standen die beiden Männer einander gegenüber. Plötzlich legte sich ein Lächeln auf Nebos Gesicht.

»Gütiger Gott, es ist Master Jordan! Sie sind ein Mann geworden!«, rief der alte Plantagenarbeiter. »Sie sind heimgekommen!«

»Nebo! Wie schön, dich wiederzusehen.« Jordan eilte auf den alten Mann zu und schloss ihn in die Arme. Nebos abgetragene, schmutzige Hose war an den Knien durchgescheuert und wurde an der Hüfte mit einem Stück Seil zusammengehalten. Als Jordan die Hände auf den Rücken des alten Mannes legte, spürte er durch den dünnen Stoff des zerlumpten Hemdes hindurch die hervorstehenden Knochen des mageren Körpers und erschrak.

Nebos Augen füllten sich mit Tränen. »Ich habe lange auf diesen Tag gewartet, Master, sehr lange!« Es klang müde, als wäre das Warten ihm schwer geworden. Jordan fühlte sich schuldig, da er all die Jahre kaum an Nebo und die anderen Arbeiter gedacht hatte; seine Gedanken waren allein auf Maximillian Courtland und seine Rachepläne gerichtet gewesen. »Ich kann kaum glauben, dass du noch hier bist«, sagte er, gerührt über so viel unverdiente Treue. Nebo humpelte zu einem altersschwachen Stuhl im Schatten. Er schien ein wenig steif in den Knochen zu sein, und seine Haare und die Bartstoppeln waren weiß. Außerdem hatte er fast alle Zähne verloren. Doch Nebos Miene, die stets den Eindruck erweckte, als würde er lächeln, war geblieben.

»Ich hätte nicht gewusst, wohin ich sonst gehen sollte, Boss«, erwiderte er und fügte hinzu: »Zumindest weiß ich keinen Ort, an den ich gern gegangen wäre.« Er bedeutete Jordan, sich auf ein altes Ölfass zu setzen.

»Ich dachte, du wärst zurück nach Hause, Nebo.« Jordan ließ sich auf dem Fass nieder. Die kanakas waren damals angewiesen worden, die letzte Ernte einzubringen und den Erlös unter sich aufzuteilen. So hätten sie über mehr als genügend Geld verfügt, um auf ihre Heimatinseln zurückzukehren – die Cook-Inseln, Tonga, Fidschi …

Ein Schatten huschte über Nebos Gesicht. »Ich habe zu Hause niemanden mehr. Diejenigen, die nicht hierher gebracht wurden, sind längst tot.« Plötzlich hellte seine Miene sich wieder auf. »Saul und Noah sind noch in der Gegend, Boss. Wenn die beiden hören, dass Sie wieder in Eden sind…!«

Jordan lächelte. »Saul und Noah.« Sein Vater hatte die beiden hünenhaften Südseeinsulaner, die von Tonga stammten, als Arbeiter eingestellt, kurz nachdem er das Land gekauft hatte, um Zuckerrohr anzubauen. Schon als Junge hatte Jordan gewusst, wie sehr sein Vater Saul und Noah schätzte – nicht nur, weil sie so stark waren, dass sie gemeinsam die Arbeit von zehn Männern schafften; obendrein waren sie treu wie Gold und stets gut gelaunt, wie hart die Arbeit auch sein mochte. Mit der Zeit waren sie Freunde geworden. »Für wen arbeiten sie?«

Nebo lächelte leicht. »Für keinen mehr. Sie haben damals gesagt, sie arbeiten für keinen anderen als Master Patrick.« Ein Schatten huschte über sein Gesicht. »Seit zehn Jahren wohnen sie am Fluss und leben von Fisch und wilden Früchten, genau wie ich.« Er deutete auf die Pfanne über dem Feuer, in der zwei große Katzenfische brieten, und grinste. »Miss Eve mag Katzenfisch.« Plötzliche Besorgnis legte sich auf seine Züge, und Jordan ahnte, was der alte Mann dachte.

»Ich habe Eve auf dem Weg hierher kennen gelernt«, sagte er.

»Sie war mir eine gute Gesellschaft, Boss«, erklärte Nebo, und tiefe Falten bildeten sich um seine dunklen Augen. »Hat mir Licht ins Leben gebracht.« Er senkte den Kopf, und sein Lächeln schwand.

Nebo musste sehr einsam gewesen sein, bis Eve erschienen war. Zuvor hatte sein Leben auf Eden wahrscheinlich Ähnlichkeit mit einer langen Einzelhaft gehabt. Und Eve hatte niemanden in der Gegend gekannt; so hatten die beiden aus der Not heraus eine ungewöhnliche Freundschaft geschlossen.

»Ich habe ihr gesagt, dass sie bleiben kann«, erklärte Jordan und blickte zum Haus. »Ich bin froh, dass sie dir eine gute Gesellschaft gewesen ist, Nebo, aber ich hoffe, ich habe keinen Fehler gemacht. Es gibt sehr viel zu tun, und ich kann keine Ablenkungen oder Probleme gebrauchen. Und nach meiner Erfahrung können Frauen beides sein …«

Nebo strahlte übers ganze Gesicht. »Oh, Eve ist nicht so, Boss! Sie macht sich keine Gedanken über ihr Aussehen und hat mit den Ladys aus der feinen Gesellschaft nichts im Sinn. Sie ist zufrieden, wenn sie mit dem alten Nebo am Feuer sitzen kann.«

Jordan musste Nebo beipflichten, dass Eve anders als andere junge Frauen in ihrem Alter war. Er hatte sie sogar für einen halbwüchsigen Jungen gehalten, bis er ihr Gesicht sah und ihre Stimme hörte. »Sie wird ohnehin kaum Gelegenheit haben, die Zeit mit feinen Leuten totzuschlagen. Ich habe sie als Köchin angestellt, bis ich richtiges Hauspersonal bekomme.«

»Köchin?« Nebo wirkte völlig verblüfft.

»Ja.« Jordan wurde misstrauisch. »Sie kann doch kochen, oder? Ich möchte nicht, dass sie mir meine Arbeiter vergiftet.«

In Nebos Miene spiegelte sich noch immer tiefe Verwunderung. »Oh … ja, doch, Boss, sie kann kochen. Sie kocht immer für mich …«

Jordan fand diese Versicherung nicht allzu überzeugend, vor allem, da nicht Eve, sondern Nebo selbst gerade dabei war, das Abendessen zuzubereiten. Wieder fragte er sich, ob es ein Fehler gewesen war, Eve die Stelle zu geben. Doch jetzt konnte er nicht mehr zurück. »Ich brauche ein paar tüchtige Männer, Nebo. Es gibt viel zu tun. Ich will das Haus in Ordnung bringen und die Felder jäten, damit wir so schnell wie möglich eine Ernte einbringen können. Ich weiß, dass es viel Arbeit kosten wird, aber in sechs Monaten wird Eden die beste Plantage im Umkreis von hundert Meilen sein.«

Nebo strahlte, überglücklich, dass sein Leben im Exil vorüber war und dass Jordan blieb. »Ich bin nicht mehr so jung und kräftig wie früher, Boss«, meinte er dann verlegen. »Wenn ich zu essen bekomme, genügt mir das als Lohn.«

Jordan betrachtete den alten Mann. Nebo sah tatsächlich nicht so aus, als würde er auch nur einen Tag harter Feldarbeit überleben, doch ein paar kräftige Mahlzeiten würden hoffentlich dafür sorgen, dass wieder Fleisch auf seinen knochigen Körper kam.

»Du bist viel zu erfahren, um als einfacher Feldarbeiter dein Geld zu verdienen, Nebo«, sagte Jordan. »Ich möchte, dass du mein Aufseher wirst und dafür sorgst, dass die Männer, die ich einstelle, fleißig arbeiten.«

»Das ist nett von Ihnen, Master Jordan.« Nebo wirkte plötzlich bedrückt. »Aber kein weißer Mann will sich von einem kanaka wie mir Anweisungen erteilen lassen. Hier hat sich nicht viel geändert, während Sie fort waren, und es wird sich auch nichts ändern. Ich jedenfalls werde es nicht mehr erleben.«

»Du irrst dich, Nebo. Die Dinge werden sich ändern. Ich werde meinen Arbeitern mehr bezahlen als alle anderen Plantagenbesitzer; deshalb glaube ich nicht, dass ich Probleme haben werde, Leute zu finden. Außerdem werde ich meine Arbeiter gleich behandeln, egal welcher Hautfarbe sie sind und welche Aufgaben sie haben. Und ich bleibe dabei – du bist der richtige Mann, als Aufseher zu arbeiten. Bitte, nimm die Stelle an.«

Nebo schaute Jordan verwundert an; dann nickte er zögernd.

»Als Erstes kaufen wir dir ein paar neue Sachen«, fuhr Jordan fort. »Ich kann meinen Aufseher schließlich nicht herumlaufen lassen wie einen Landstreicher.« Er lächelte dem alten Mann zu, um ihn wissen zu lassen, dass er es nicht abwertend meinte.

Nebo starrte an seinem abgetragenen Hemd und der zerrissenen Hose hinunter und meinte grinsend: »Wenn Miss Eve nicht hier wäre, Boss, würde ich so nackt herumlaufen wie ein gerupftes Hühnchen.«

Jordan lachte herzlich. »Ich muss einen Frachtwagen und ein paar Ochsen kaufen. Außerdem brauche ich Bauholz, Wellblech und Farbe.« Er blickte in die Richtung, in der das Wohnhaus stand. »Ich war entsetzt, wie sehr das Haus verfallen ist …«

In Nebos Blick lag Schmerz, und er senkte den Kopf. »Tut mir Leid, Boss.«

»Ich werfe dir nichts vor, Nebo. Ich selbst habe Eden vernachlässigt. Aber das wird sich ändern. Ich bin übrigens noch nicht im Haus gewesen …«

»Es ist nicht alles fort, Boss. Als die Plünderer kamen, habe ich in Sicherheit gebracht, was von Mistress Cathelines Sachen noch übrig war, und sie dort versteckt.« Er deutete nach hinten, ins Innere der Arbeiterbaracke. »Die Uhren, das Silberbesteck und alle anderen schönen Dinge. Ich habe ein gutes Versteck gefunden und bewache es Tag und Nacht. Wenn das Haus repariert ist, bringen wir alles zurück, damit es aussieht wie vorher.«

Jordan hatte ihm mit wachsender Verwunderung zugehört. »Nebo, du bist großartig! Ich dachte, die Sachen wären für immer verloren.« Das war der Hauptgrund dafür, dass Jordan noch nicht im Haus gewesen war: Er wollte die vertrauten Zimmer nicht leer sehen, ohne all jene Dinge, die sie zu einem Heim gemacht hatten. Jetzt bedauerte er, das Haus vor seiner Abreise nicht ausgeräumt zu haben. Doch hatte er damals nur den Wunsch gehabt, so schnell wie möglich wegzukommen – und so weit wie nur möglich fort von den schmerzlichen Erinnerungen, bevor diese ihn überwältigen konnten. Jordan hatte damals nicht gewusst, dass er so lange fort sein würde, doch die Jahre waren wie im Flug vergangen.

»Danke, dass du die Gräber meiner Eltern gepflegt hast«, sagte er.

Nebo winkte ab. »Jetzt, wo Sie wieder da sind, Master, lächelt Master Patrick bestimmt vom Himmel auf Eden runter.«

Jordan verschwieg dem alten Mann, dass er gekommen war, um seine Eltern zu rächen. Nebo würde es nicht verstehen. Ohnehin wusste niemand außer Jordan und seinem Onkel, dass Maximillian Courtland für den Tod der Hales verantwortlich war – und sein Onkel hatte Jordan dringend geraten, nicht nach Eden zurückzugehen. Andererseits würde Nebo ihm wahrscheinlich die Wahrheit über den Tod seiner Mutter erzählen können, doch jetzt war nicht der richtige Augenblick, danach zu fragen. Jordan war noch nicht bereit für die ganze Wahrheit.

Jordan, Nebo und Eve fuhren mit dem Einspänner in die Stadt. Jordan hatte Eve beauftragt, einen Vorrat an Nahrungsmitteln zu kaufen: Fleisch, ein paar Hühner und Gemüsesamen. Er rechnete damit, dass Eves Erscheinen und ihre Einkäufe Gerüchte nach sich ziehen würde, die sich wie ein Lauffeuer verbreiteten. Was sie auf mögliche Fragen antwortete, überließ er ihr selbst; sie war klug und schlagfertig genug.

Am Nachmittag hatte Jordan Ochsen und einen Wagen gekauft, der nun mit Bauholz, Farbe, Nägeln und Wellblech beladen war. Außerdem hatte er Handwerker eingestellt, die gleich am nächsten Morgen mit dem Wiederaufbau des Haupthauses auf der Plantage beginnen würden.

Als Jordan durch die Straßen von Geraldton ging, erkannten viele der älteren Einwohner ihn wieder. Der Tod von Catheline und Patrick Hale war damals eine Sensation, ja ein Skandal in der kleinen Gemeinde gewesen, der Gerüchte und wilde Spekulationen ausgelöst hatte. Die meisten der alten Bekannten freuten sich, Jordan wiederzusehen, doch es lag auch ein gewisses Unbehagen in ihren Blicken, als sie ihn begrüßten. Während Jordan von einem Geschäft zum anderen ging, hörte er Geflüster hinter seinem Rücken.

Sein blendendes Aussehen brachte ihm die bewundernden Blicke einiger junger Frauen ein. Jordan lächelte charmant zurück – auch deshalb, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Hatte sich erst herumgesprochen, dass er ein blendend aussehender, wohlhabender junger Mann mit guter Ausbildung war, würden manche Frauen alles tun, um seine Bekanntschaft zu machen. So war es schon in Brisbane gewesen, und es passte in Jordans Pläne.

Bevor sie in die Stadt gefahren waren, hatte Nebo einigen Kindern aus der Umgebung aufgetragen, Saul und Noah zu suchen und zur Plantage zu bringen. Er hatte die beiden hünenhaften Männer zwar schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, doch er wusste, dass sie ebenso gern für Jordan arbeiten würden, wie sie für seinen Vater Patrick gearbeitet hatten.

Jordan hängte am schwarzen Brett im Postamt einen Zettel aus, um Feldarbeiter anzuwerben. Außerdem hielt er auf dem Weg immer wieder an und sprach mit Plantagenarbeitern. Er bat sie, überall zu erzählen, dass er Männer suche und einen guten Lohn zahle. Als Jordan zur Plantage zurückkehrte, warteten dort bereits einige hoffnungsvolle Anwärter auf ihn.

Jordan stellte sich vor und musterte die Bewerber. Drei kanakas und drei Chinesen, darunter eine Frau, standen ein Stück entfernt. Ihren ausdruckslosen Mienen war nicht zu entnehmen, was sie dachten, während die anderen Bewerber – Griechen, Italiener und zwei Iren – sie neugierig anstarrten.

»Ich stelle keine Billigkräfte ein«, sagte Jordan, worauf die Europäer den kanakas und Chinesen triumphierende Blicke zuwarfen, was Jordan nicht entging. »Bei mir bekommen alle den gleichen Lohn, egal woher die Leute kommen.« Er schaute die verwunderten kanakas und Chinesen an und wiederholte: »Ich werde euch gerecht und gleich behandeln, und ich verlange, dass ihr ebenso miteinander umgeht. Wer gegen diese Regel verstößt, wird entlassen. Wenn ihr meint, nicht gleichberechtigt miteinander arbeiten zu können, dann verschwendet meine Zeit nicht länger.« Jordan wartete einen Augenblick, doch keiner der Bewerber ging, obwohl sie einander misstrauische Blicke zuwarfen.

»Nichts gegen Ihren Idealismus, Sir, aber sind Sie sicher, dass Sie uns bezahlen können?« Der Ire, der das Wort ergriffen hatte, warf einen skeptischen Blick auf das halb verfallene Haupthaus und die überwucherten Felder.

»Würden zwei Tageslöhne im Voraus Ihre Zweifel ausräumen, Mister …?«

Der Ire bekam große Augen. »O’Connor, Ryan O’Connor. Und zwei Tageslöhne Vorschuss würden meine Zweifel tatsächlich ausräumen.«

»Dann ist es abgemacht.« Jordan streckte dem Mann die Hand hin, und der stämmige Ire schlug ein. Irgendetwas in Jordans Blick sagte dem Iren, dass es nicht ratsam gewesen wäre, sich mit dem jungen Mann anzulegen.

»Ich werde die Arbeiterbaracke instand setzen lassen, sobald im Haus wieder einige Zimmer bewohnbar sind. Bis dahin könnt ihr hier unten am Fluss ein Lager aufschlagen, oder auch woanders, wenn ihr wollt. Ich möchte morgen mit der Arbeit anfangen. Ich habe eine Köchin eingestellt, sodass fürs Essen gesorgt ist. Ich behandle meine Arbeiter gut – dafür erwarte ich euren vollen Einsatz. Für alle gilt eine Probezeit von einem Monat. Hat jeder das verstanden?«

Eifriges Nicken war die Antwort.

»Dann sehen wir uns morgen bei Sonnenaufgang. Und als Zeichen meines guten Willens werde ich jedem von euch zwei Tageslöhne zahlen.«

Nachdem die Arbeiter gegangen waren, fasste Jordan sich ein Herz und betrat das Haupthaus. Die Sonne verschwand gerade hinter den Hügeln, die sich in einiger Entfernung von der Plantage erhoben. Das Innere des Hauses wirkte schmutzig und düster. In den Räumen war es kühl. Die Teppiche waren ebenso verschwunden wie einige Dielenbretter und die Möbel. Jordan ging von Zimmer zu Zimmer und dachte wehmütig an glücklichere Zeiten. Als er den Esstisch sah, blieb er stehen. Der Tisch war beschädigt, stand aber noch an der alten Stelle. Patrick Hale hatte ihn damals selbst aus Eichenholz getischlert – im Esszimmer, denn der fertige Tisch hätte seiner Größe wegen nicht durch die Türen gepasst. Er wog eine Tonne, was ihn – anders als etwa die Stühle – vor Diebstahl bewahrt hatte.

Jordan blieb vor dem Tisch stehen und blickte durchs Wohnzimmer. Der Lehnstuhl war verschwunden, doch im Geiste sah er seinen Vater wieder am Fenster sitzen, wie am Abend seines Todes. Als er an das Geschehen vor zehn Jahren dachte und der Zorn wieder von ihm Besitz ergriff, meinte er auf der Veranda Schritte zu hören. Er wollte es schon als Trugbild seiner überreizten Fantasie abtun, als draußen ein Ruf erklang: »Ist jemand da?«

Jordans Körper spannte sich. Obwohl er diese Stimme seit langer, langer Zeit nicht gehört hatte, erkannte er sie auf Anhieb. Zehn Jahre hatte er auf dieses Zusammentreffen gewartet, doch der Zeitpunkt für Maximillian Courtlands Erscheinen hätte ungünstiger nicht sein können. Jordan schlug das Herz bis zum Hals, und seine Handflächen wurden feucht vor Schweiß. Er schluckte schwer, als er zur Tür ging.

Maximillian Courtland hatte sich abgewandt und stieg die Verandatreppe hinunter. Als er Jordan hörte, drehte er sich um. Er hielt den Hut in der einen Hand, in der anderen eine teure Zigarre. Sein Pferd war ein paar Meter weiter angebunden. Auf seinen Zügen lag derselbe hochmütige Ausdruck wie früher. Um die Taille herum hatte er an Gewicht zugelegt. Seine Haare waren dünner und von mehr Grau durchzogen, aber sonst schien er unverändert.

Max musterte Jordan ebenfalls von oben bis unten und stellte fest, dass dieser groß und breitschultrig geworden war. Zum ersten Mal erkannte er, wie sehr Jordan mit seinem dunklen Haar und den grünen Augen seiner Mutter ähnelte. Der Gedanke an Catheline machte Courtland seltsam unruhig. Max musste zugeben, dass Jordan gut aussah, doch er wirkte zu weich, um eine Zuckerrohrplantage zu führen. Dafür brauchte es einen ganzen Mann, der hart und rücksichtslos sein konnte.

»Wie ich höre, möchtest du zurück nach Eden, Jordan.«

»Da haben Sie richtig gehört, Courtland.« Jordans Stimme war kalt und ironisch.

Einen Augenblick lang versuchte Max, Jordans Stimmung einzuschätzen. War er feindselig oder nur müde? »Und wie sehen deine Pläne aus?«

Jordan kämpfte den aufkeimenden Zorn nieder. Er erinnerte sich noch schwach daran, wie er sich als Kind in Max’ Gegenwart gefühlt hatte, doch jetzt spürte er kaum etwas von der damaligen Furcht und Scheu. Stattdessen war er von Rachegedanken erfüllt. »Tun Sie doch nicht so, als wüssten Sie noch nicht, dass ich Arbeiter eingestellt habe, Max. Manche Dinge ändern sich nie, deshalb bin ich sicher, dass Ihre Spione Ihnen berichten, was in der Gegend passiert.«

Max nickte, und seine grauen Augen wurden schmal. Jordans Feindseligkeit brachte ihn aus dem Konzept, doch er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. »Ja, ich weiß, dass du Arbeiter eingestellt hast, und das wundert mich. Ich dachte, du hättest die Plantage schon vor Jahren verkauft.«

Jordan wusste, dass Max schon öfter versucht hatte, Eden in seinen Besitz zu bringen. Mindestens zweimal jedes Jahr hatte er über einen Agenten ein vermeintlich anonymes Angebot abgegeben, doch Jordan hatte dank seiner guten Verbindungen in der Geschäftswelt stets davon erfahren. Er bekam jede Information, die er haben wollte. Courtlands erste Angebote waren beleidigend niedrig gewesen und hatten Jordan entschlossener denn je an dem Besitz festhalten lassen. Die letzten Gebote hingegen waren großzügig, was Jordan als Anzeichen dafür wertete, dass Max Courtland die Plantage um jeden Preis haben wollte.

»Ich werde Eden niemals verkaufen«, stieß Jordan nun hervor. »Niemals!«

Zorn legte sich auf Max’ Gesicht. »Es wird riesige Summen verschlingen, Eden wieder zu einer einträglichen Plantage zu machen«, sagte er.

»Ich weiß.«

Max war sichtlich überrascht, dass Jordan über solche Mittel verfügte. »Wie ich hörte«, sagte er, »hast du allen Feldarbeitern den gleichen Lohn versprochen, ob Europäer oder kanaka. Aber wir Plantagenbesitzer machen hier Unterschiede.«

Jordan starrte ihn an, zornig wegen seiner Überheblichkeit. »Ich mache es, wie ich es will. Im Gegensatz zu Ihnen glaube ich nämlich an die Gleichheit aller Menschen.«

»Gleichheit aller Menschen? Du liebe Zeit, du hörst dich schon genauso an wie dein Vater!« Einen Moment lang wurde Max unruhig unter Jordans durchdringendem Blick; offenbar machte sein Gewissen ihm zu schaffen. »Wir arbeiten hier nach einem gut funktionierenden System«, fuhr Courtland dann leiser fort. »Du kannst nicht einfach herkommen und alles auf den Kopf stellen.«

»Ich werde meine Plantage so führen, wie ich es für richtig halte, Courtland. Wenn das unter Ihren Arbeitern für Unruhe sorgt, ist das Ihr Pech. Es wird höchste Zeit, dass ein solch ungerechtes System beseitigt wird.«

Max’ tief liegende Augen unter den dichten Brauen wurden schmal. »Du bist offensichtlich wiedergekommen, um Ärger zu machen. Ich warne dich, Junge. Ich mag die Dinge so, wie sie sind. Ich will nicht, dass sich etwas ändert – und das hier ist meine Stadt. Die Leute hören auf mich und tun, was ich sage. Wenn du mir Probleme machst, wird man sich um dich kümmern. Du verstehst, was ich meine?«

Jordan verstand die Drohung nur zu gut. »Es wird sich vieles ändern, Max«, erwiderte er ernst. »Vor allem, wenn ich Sie erst vernichtet habe.«

Max Courtland war einen Augenblick verblüfft; dann lachte er laut auf. »Glaubst du im Ernst, du könntest mich vernichten, Jordan? Schau dir diese Bruchbude an – sie ist eine Schande!« Er trat mit der Stiefelspitze gegen das verfaulte Holz der Veranda, dass es zersplitterte. »Du bist erwachsen geworden, aber deshalb bist du noch lange kein Gegner für mich. Mir gehört mehr als die Hälfte aller Plantagen in dieser Gegend.«

Jordan wusste, dass Max die Wahrheit sagte. Doch er schien noch immer zu glauben, dass niemand wusste, dass er außerdem an der Mourilyan-Mühle beteiligt war. Jahrelang schon sorgte Max Courtland dafür, dass bestimmte Plantagenbesitzer einen niedrigen Preis für ihr Zuckerrohr bekamen, bis sie gezwungen waren, ihren Grund und Boden aufzugeben. Dann kaufte Max ihre Plantagen, um sie anschließend an ihre früheren Besitzer zu verpachten. Doch Jordan wusste, dass Max’ gerissener Plan nicht aufgegangen war, denn als Pächter arbeiteten die Pflanzer nicht so hart und produzierten nicht mehr so viel. Sogar Max’ brutale Methoden hatten sie nicht dazu bringen können, härter zu schuften.

»Ich verfüge hier über sehr viel Einfluss«, fügte Max hinzu. »Ich werde dafür sorgen, dass die Mühle dir dein Zuckerrohr nicht abkauft und dass kein einziger Arbeiter herkommt, um dein Haus zu reparieren oder auf deinen Feldern zu arbeiten. Ich werde dich von hier verjagen, Junge!«

Jordan lächelte ungerührt und trat drohend einen Schritt auf Max zu, der kleiner war, als er ihn in Erinnerung hatte. Er konnte seinen Zorn nur mühsam im Zaum halten. »Ich werde nirgendwohin gehen, Max, weder jetzt noch später. Ich werde Sie fertig machen – und ich werde es genießen. Und jetzt verschwinden Sie, und setzen Sie nie wieder einen Fuß auf mein Land.«

Max Courtland blickte Jordan lange an. Er fragte sich, ob der junge Mann wusste, dass er in der Todesnacht von Patrick Hale in Eden gewesen war, oder ob er es auf irgendeine Weise herausgefunden haben konnte. Jedenfalls hatte ihn irgendetwas zutiefst verbittert und seinen Zorn entfacht.

»Das hat dein Vater nicht geschafft – und du wirst es auch nicht schaffen, Söhnchen!«

Jordan ballte die Fäuste. »Ich tue es im Gedenken an meinen Vater, alter Mann, und ich werde mich nicht damit zufrieden geben, Ihre Geschäfte zunichte zu machen.« Seine Stimme wurde gefährlich sanft. »Ich werde Sie persönlich treffen, so wie auch Sie es immer getan haben.« Eigentlich hatte Jordan nicht so offen reden wollen, doch seine Wut ließ ihn die Beherrschung verlieren. Er wollte Max ins Gesicht sehen, während er ihm sagte, was er vorhatte.

Max starrte ihn verblüfft an. »Mich persönlich treffen?«

»Sie und Ihre Familie. Wie geht es eigentlich Ihrer Frau, Letitia? Spielt sie immer noch mittwochs nachmittags mit Millie Kirkbright, Joan Mallard und Corona Byrne Bridge?«

»Du Hurensohn. Woher weißt du …«

»Und was machen Ihre Töchter? Es hat mich nicht überrascht, dass Celia ihre Hochzeit mit Warren Morrison abgesagt hat. Wahrscheinlich ist er ein genauso mieser Hund wie sein Vater.« Jordan wusste, dass Frank Morrison ein sehr guter Freund von Max war und dass die beiden Männer die Ehe abgesprochen hatten.

»Die Hochzeit ist nur verschoben«, meinte Max trotzig, während seine Gedanken rasten. War es möglich, dass Jordan seine Familie beobachtete oder jemanden beauftragt hatte, sie unter Beobachtung zu halten? Doch er schob diese Möglichkeit rasch wieder beiseite, überzeugt, dass Jordan zu solchen Mitteln gar nicht fähig war.

»Feiert Alexandra noch immer so gern?« Sie stand in dem Ruf, mehr zu trinken, als einer Dame angemessen war, und ihrer gewagten Witze und ihrer aufreizenden Art wegen war sie ein ständiges Gesprächsthema in der besseren Gesellschaft – doch in letzter Zeit waren die Zeitungsartikel voller Andeutungen darüber gewesen, dass sie ein Alkoholproblem hatte.

Auf Max’ Zügen zeichnete sich Überraschung ab. Er fragte sich, ob einer seiner Vertrauten Informationen an Jordan weitergegeben haben konnte. »Lass meine Frau und meine Töchter aus dem Spiel«, stieß er kalt hervor.

»So wie Sie meine Mutter aus dem Spiel gelassen haben? Nein, Max. Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, die Frauen in Ihrem Leben kennen zu lernen – und zwar ganz genau.«

Maximillian Courtland verstand den tieferen Sinn der Worte und bebte vor Zorn, zwang sich jedoch, nach außen hin die Fassung zu wahren. Er wollte Jordan nicht zeigen, wie tief dieser ihn getroffen hatte. Jetzt war Max sicher, dass Jordan von seinem Besuch an dem Abend wusste, als Patrick Hale gestorben war – doch wie viel mochte er außerdem noch ahnen?

»Ich weiß nicht, was du glaubst, aber mich trifft keine Schuld am Tod deines Vaters. Der Gerichtsmediziner sagte, dass er an einem Herzanfall gestorben ist.«

»Daran sind Sie ebenso schuldig, als hätten Sie ihn mit ihren eigenen Händen erwürgt!«

»Ich habe ihn nicht angerührt.«

»Was Sie über meine Mutter gesagt haben, hat Vater umgebracht! All diese widerlichen Lügen … wie konnten Sie nur am Abend ihrer Beerdigung zu uns kommen und so scheußliche Dinge zu meinem Vater sagen?«

Max starrte ihn verblüfft an. »Woher weißt du …?«

»Weil ich jedes Wort gehört habe.«

»Du kennst die Wahrheit nicht und wirst sie nie erfahren!«

»Da irren Sie sich. Ich werde die Wahrheit herausfinden, die ganze Wahrheit – und dann werden Sie dafür bezahlen, was Sie getan haben!«

Jetzt spiegelte sich Besorgnis auf Maximillians Gesicht. »Ich warne dich, Junge. Lass meine Familie in Ruhe.«

Jordan wusste, dass Max seinen Töchtern jeden Kontakt mir ihm untersagen würde. Doch dadurch wurde er für sie eine verbotene Frucht – und erst recht interessant.

»Du machst einen Fehler, Jordan, einen großen Fehler«, sagte Max über die Schulter, während er zu seinem Pferd ging, doch er wirkte nicht mehr so selbstbewusst und siegessicher wie bei seiner Ankunft. Nachdem er aufgesessen war, warf er einen verächtlichen Blick über die Plantage und meinte: »Ich hätte diesen Schandfleck schon vor Jahren niederbrennen sollen!«

Jordan ballte die Fäuste. »Wenn meinem Haus, meinem Land oder einem meiner Arbeiter irgendetwas geschieht, Max, werde ich dafür sorgen, dass Willoughby dem Erdboden gleichgemacht wird.«

Max starrte ihn an, und sein Blick sagte deutlich, dass er es Jordan nicht zutraute. Aber konnte er es darauf ankommen lassen? Willoughby, seine Plantage, war Max’ Leben. Wortlos wendete er sein Pferd und ritt die Auffahrt hinunter.

Jordan schaute ihm nach. Obwohl er einen kleinen Sieg errungen hatte, verspürte er keinerlei Triumph. Langsam wandte er sich wieder dem Haus zu und fragte sich, wo er in dieser Nacht schlafen würde und ob er überhaupt ein Auge zubekam.

3

Jeden Nachmittag um fünf Uhr zog sich Letitia Courtland mit einem Drink auf ihre schattige Terrasse zurück, üblicherweise mit einem doppelten Rumcocktail. Sie hatte eben das dritte Glas binnen einer Stunde getrunken, als eine einspännige Kutsche durch das Tor am anderen Ende der langen Auffahrt gerollt kam. Auf dem Kutschbock saßen Letitias Töchter Celia und Alexandra.

Letitia beobachtete, wie der Wagen zwischen den bunt blühenden Beeten zu den Ställen fuhr. In den Rabatten prangten rosafarbene und gelbe Hibisken, rote Poinsettien und weiße Gardenien, die vor einem Hintergrund aus Goldrohrpalmen gepflanzt worden waren. Der parkähnliche Garten wurde ständig von drei eigens dafür eingestellten kanakas gepflegt, was dem Willoughby-Anwesen der Courtlands den Neid der Nachbarn eintrug. Doch unglücklicherweise vermochte schon seit langer Zeit weder der Garten noch irgendetwas anderes Letitia Freude zu schenken.

Celia und Alexandra waren so verschieden, dass sie selten gemeinsam etwas unternahmen. Deshalb war es ungewöhnlich, sie zusammen zu sehen, noch dazu in eine angeregte Unterhaltung vertieft, offenbar über ein Thema, das sie beide interessierte. Letitias Neugier war geweckt.

Von ihrem Sessel auf der breiten Veranda aus, die um die gesamte Villa herumführte, beobachtete Letitia, wie ihre Töchter von der Kutsche stiegen, noch immer in lebhaftem Gespräch vertieft. Sie lächelte über die so unterschiedliche Kleidung der Mädchen, in der sich deutlich ihr ebenso unterschiedliches Naturell spiegelte.

Celia trug ein loses, zitronengelbes, züchtiges Sommerkleid von altmodischem Schnitt. Sie war überaus korrekt und versuchte nie, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken wie ihre Schwester Alexandra, die allgemein nur »Lexie« genannt wurde. Celia achtete auf Korrektheit; stets trug sie züchtige Kleidung, und ihre Hände mussten immer gepflegt, ihr glattes, kastanienbraunes Haar stets ordentlich frisiert sein. Sie wollte den Eindruck von strengem Ernst erwecken, was ihr auch sehr gut gelang. Allerdings erregte sie deshalb selten die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts.

Lexie hingegen trug ein rotes Kleid, das eng an ihren wohl gerundeten Hüften anlag und sehr tief ausgeschnitten war. Ihre widerspenstigen schwarzen Haare hatte sie lose zurückgebunden. Wenn sie wütend war oder ihren Willen nicht bekam, zog sie einen Schmollmund, und die dunklen Augen in ihrem hübschen Gesicht blitzten vor Zorn. Lexie war leidenschaftlich und reizbar, hochmütig und fordernd. Oft konnte Letitia kaum fassen, dass ihre Töchter so verschieden waren. Andererseits – bei ihr und Max war es ja genauso.

»Was hat euch denn so in Aufregung versetzt?«, erkundigte sie sich, als die Mädchen mit funkelnden Augen und rosigen Wangen die Verandatreppe heraufkamen.

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