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Im Garten meiner Liebe

1. KAPITEL

Rafael Vives war nicht sicher, ob er amüsiert, verärgert oder wütend über seine derzeitige Situation sein sollte. Einen Mann, dessen Lebensinhalt die Arbeit war, konnte es schon frustrieren, zehn Tage lang als Babysitter in einer – wenn auch paradiesischen – Einöde festzusitzen. Selbst der Laptop, sein treuer und ständiger Begleiter, ohne den er verloren wäre, ließ ihn nicht vergessen, dass er nicht freiwillig hier im Gästehaus der Villa seiner Mutter auf Long Island weilte.

Obwohl Rafaels Büro in New York nicht allzu weit von dem riesigen Anwesen entfernt lag, hatte Eva Lee ihm nahezu befohlen, vor Ort zu bleiben und ein Auge auf seinen Halbbruder zu haben. Vermutlich kannte sie ihren ältesten Sohn gut genug, um zu wissen, dass er seinen Auftrag schlagartig vergessen würde, sobald er das Ungetüm aus Stahl und Glas in Lower Manhattan betrat.

Ursprünglich hatte seine Mutter sogar verlangt, dass er das Geschehen direkt überwachte. Er sollte in der Villa wohnen, in die James mehrere ihrer Beschäftigten aus London und New York zu einer Art „Bonuswoche“ eingeladen hatte. Mit Partys, Strandspielen und diversen anderen Aktivitäten und Ausflügen sollten die Angestellten für ihre erfolgreiche Arbeit belohnt werden.

Ob er selbst oder sein „kleiner“ Bruder entsetzter über Evas Plan gewesen war, konnte er nicht sagen. James erklärte ihm zumindest unverblümt, dass ihm das Blut in den Adern bei der Vorstellung gefröre, dass Rafael mit finsterer Miene in irgendwelchen Ecken stand und den Leuten Angst einjagte. Und für Rafael war der Gedanke unerträglich, rund um die Uhr mit all den Menschen zusammen sein zu müssen und selbst bei guter Führung nicht vorzeitig verschwinden zu dürfen.

Sein Bruder und er leiteten die börsennotierte Firma gewissermaßen gemeinsam. James, der blonde Sonnyboy mit den blauen Augen, fungierte primär als Marketingmanager, während Rafael der Kopf des Unternehmens und die treibende Kraft war.

Da diese Aufteilung sehr gut funktionierte, hatte ihre Mutter sich dem Kompromiss beugen müssen, den sie widerstrebend miteinander ausgehandelt hatten. James würde in der Villa den Gastgeber spielen, und Rafael bliebe von dem Treiben relativ unbehelligt. Aus sicherer Entfernung würde er vom Gästehaus auf dem drei Morgen großen Strandgrundstück darüber wachen, dass weder die Musik zu laut dröhnte noch Jubel, Trubel, Heiterkeit überbordeten.

Als James das letzte Mal Leute für mehrere Tage in die Villa eingeladen hatte, hatten sich Nachbarn über den Lärm beschwert. Dieser musste beträchtlich gewesen sein, wenn man bedachte, wie weit weg sie von ihnen wohnten.

Natürlich versuchte Rafael seiner Mutter auszureden, dass überhaupt ein Aufpasser erforderlich sei. Er meinte, dass sich der Zwischenfall von vor zwei Jahren bestimmt nicht wiederholen würde. Schließlich seien die Gäste Angestellte des Unternehmens und nicht wie damals Freunde von James im Alter von Anfang bis Mitte zwanzig. Aber er konnte sie nicht überzeugen, denn sie erinnerte sich noch mit Grauen daran, wie peinlich es ihr gewesen war, sich überall zu entschuldigen.

Und so saß er nun hier und sehnte sich schon am Ende des ersten Tages nach seinem erfüllenden Arbeitsleben. Zumindest ist die Umgebung zauberhaft, schoss es ihm durch den Kopf, während er gezwungenermaßen den Blick über die gepflegte Grünanlage schweifen ließ.

Eigentlich bin ich nicht oft genug hier, überlegte er einen flüchtigen Moment. Einst Familienresidenz, hatte Rafael hier eine herrliche Jugend verbracht. Während seines Studiums kam er nur noch gelegentlich auf das Anwesen, und seit er zu den Berufstätigen zählte, erschien er hier so gut wie gar nicht mehr.

Zunächst hatte er als Broker für eine der weltgrößten Maklerfirmen gearbeitet. Nach dem frühen Tod seines Stiefvaters, James’ Dad, trat er in das Familienunternehmen ein und leitete es. Seither waren Jahre ins Land gezogen.

Wie schnell die Zeit verflogen ist, dachte er und begann darüber nachzudenken, ob er vielleicht irgendwann aufwachen und feststellen würde, dass er ein Mann mittleren Alters war, der außer seinem Job nichts besaß.

Grimmig runzelte er die Stirn und trank einen Schluck von dem Whisky mit Soda, den er sich eingeschenkt hatte. Bei sich selbst Einkehr zu halten, passte nicht zu ihm. Er war immer zielorientiert gewesen und hinterfragte seine Planungen selten. Und damit würde er auch jetzt nicht anfangen.

Es wehte eine kräftige Brise, und aus der Ferne drangen Geräusche an sein Ohr, die davon kündeten, dass sich rund vierzig Leute amüsierten. Nein, es fiel ihm nicht schwer, sich vorzustellen, was dort drüben momentan los war.

Natürlich stände sein Bruder mitten im Geschehen, und wahrscheinlich wurden gerade Aperitifs gereicht. James und seine Gäste brauchten sich um nichts weiter Gedanken zu machen als darum, wie sie sich am besten amüsierten. Um das leibliche Wohl und alles andere kümmerte sich eine Heerschar von Fachkräften.

Rafael leerte sein Glas, lehnte sich gegen das Geländer der Veranda und seufzte erleichtert auf, weil ihm der ganze Trubel erspart blieb. Außerdem kannte er vermutlich keinen aus der versammelten Runde. Von James wusste er, dass die Direktoren, Buchhalter und Marketingleute, die immer im Rampenlicht standen, wenn der Erfolg des Unternehmens beklatscht wurde, eine Prämie bekamen. Doch die „vergessenen Mitarbeiter“, so hatte er gesagt, würden den einzigartigen Aufenthalt auf Long Island unglaublich genießen und sich ihr Leben lang daran erinnern.

Wen genau sein Bruder mit „vergessenen Mitarbeitern“ meinte, wusste er nicht. Allerdings musste er zugeben, dass James recht hatte. Man sollte nicht nur die belohnen, die offenkundig zum guten Geschäftsergebnis beitrugen, sondern auch all jene, deren Beteiligung daran weniger sichtbar war.

Geistesabwesend blickte er zum Atlantik in der Ferne, während er sich fragte, wie zwei Personen, die die gleiche Mutter hatten, so verschieden sein konnten. Er und James besaßen einen völlig unterschiedlichen Geschmack, was Freunde, Frauen und den Lebensstil betraf.

Plötzlich bemerkte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung und hörte ein leises Rascheln. Nein, es war kein Tier, sondern ein Mensch. Dieser lästige Störenfried konnte nur von der Villa kommen und hatte sich wohl nach reichlichem Alkoholgenuss hierhin verirrt. Vorsichtig stellte er das Glas weg und verließ die Veranda.

Zwar setzte die Abenddämmerung bereits ein, aber er war nicht blind. Wenn die junge Frau, die sich davonzustehlen versuchte, glaubte, er habe sie nicht gesehen, konnte sie nur über einen erbsengroßen Verstand verfügen. Natürlich war sie blond und trug verblichene, abgeschnittene, hautenge Jeans sowie ein kurzes Top, das nicht bis zum Hosenbund reichte. Sie zählte genau zu den Frauen, für die er überhaupt nichts übrig hatte.

„Hallo, Sie da!“

Seine Stimme ließ Amy zusammenschrecken, und sie schrie leise auf, während sie die Flucht ergriff. Dieser finster wirkende Zeitgenosse machte nicht den Eindruck, als fände er es lustig, dass sie unabsichtlich seinen Besitz betreten hatte.

Nur war es, selbst wenn man nicht unter dem Jetlag litt, nicht einfach, festzustellen, wo James Lees Grund und Boden begann oder endete. Das Anwesen war riesig, und die Villa konnte man fast schon als Hotel bezeichnen. Obwohl Amys innere Uhr ihr geraten hatte, besser ins Bett zu gehen, hatte die gepflegte Grünanlage sie magisch angezogen und zu einer kleinen Erkundungstour eingeladen.

So kam es zu der Situation, dass sie vor diesem imposanten Hünen floh, der von der Veranda seines Hauses auf sie zumarschierte. Nun müsste ich eigentlich in Sicherheit sein, dachte sie und atmete erleichtert auf, als sie schmerzhaft an der Schulter festgehalten und zum Stehenbleiben gezwungen wurde.

Im nächsten Moment wurde sie herumgewirbelt und blickte dann hoch und immer höher – bis sie in eine so strenge und Furcht einflößende Miene schaute, wie sie sie bisher noch nicht gesehen hatte. Der Fremde schien sie mit seinen schwarzen Augen zu durchbohren und kniff die Lippen vor unterdrücktem Ärger zusammen.

Hektisch überlegte Amy, welche Gefahren ihr drohen könnten. Aber sie war kein Mensch, der sich schnell einschüchtern ließ, und binnen Sekunden setzte sich ihr Temperament durch. „Wer, zum Teufel, sind Sie?“

„Was, zum Teufel, tun Sie hier?“

Sie hatten gleichzeitig geredet und blitzten einander grimmig und wütend an. Energisch entfernte sie seine Hand von ihrer Schulter und rieb sich diese bezeichnend, während sie einen Schritt zurückwich.

„Ich habe zuerst gefragt.“ Angriff war bisweilen die beste Verteidigung. Insbesondere, da sie ausgerechnet jetzt die Schlagfertigkeit zu verlassen drohte, die sie normalerweise auszeichnete. Zornig funkelte sie den Mann an, dem sie bei ihrer Größe von ein Meter sechzig noch nicht einmal bis ans Kinn reichte.

Rafael atmete tief ein und mobilisierte seine Selbstbeherrschung, dank derer er nicht zuletzt ein mächtiger Mann in der Welt der Hochfinanz geworden war. Ohne ein Wort drehte er sich um und trat den Rückweg zum Haus an, obwohl er die Begegnung gern ausgedehnt hätte, um die verflixte Blondine in die Schranken zu weisen.

„Hey, Mister. Wohin, zum Kuckuck, gehen Sie?“

Wieder drehte er sich um und sah sie starr an. Sie hatte sich nicht von der Stelle gerührt, stemmte die Arme jetzt jedoch in die Hüften. Der Wind zerzauste ihr die Locken, wehte sie mal hierhin, mal dorthin. Das kurze Top war etwas höher gerutscht und offenbarte ein klein wenig mehr von ihrem flachen Bauch. Ja, dieses Wesen entsprach ganz dem Bild, das sein Bruder von einer perfekten Frau hatte. Möglicherweise mit einer Ausnahme: Sie besaß keine üppigen Brüste.

„Wie bitte?“, fragte er mit eisiger Höflichkeit.

„Sie haben mich sehr wohl verstanden.“ Amy machte einige Schritte auf ihn zu. „Wer, zum Teufel, sind Sie, und was tun Sie auf James Lees Besitz?“

„Große Güte. Eine Verrückte. Vermutlich gehören Sie zu seinen Gästen in der Villa und sind ein bisschen angetrunken.“ Er blickte auf seine Uhr. „Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass Sie noch nicht sonderlich lange da sind.“ Er lachte sarkastisch, und sie errötete.

„Was fällt Ihnen ein?“

Kritisch betrachtete er ihr Gesicht. Man hätte es wohl als hübsch im üblichen Sinn bezeichnen können, wäre da nicht dieser lebhafte Ausdruck gewesen. Vermutlich ist sie dreist und angeberisch, überlegte er angewidert.

Zornig funkelte Amy ihn an. „Weiß James, dass Sie hier sind? Bestimmt nicht! Er hält sich nicht oft auf dem Anwesen auf und ist sicher hocherfreut zu erfahren, dass sich hier ein Landstreicher herumtreibt.“

„Ein Landstreicher?“ Rafael lachte schallend.

„Ja, sehr richtig.“ Zwar sah er nicht wirklich danach aus, aber auch nicht so wie die Leute, mit denen James normalerweise verkehrte. Nicht, dass sie sich dazuzählen konnte. Doch waren sie ihr in gewisser Weise vertraut, denn sie begegnete ihnen oft genug. Amy leitete die Kantine der führenden Angestellten und bereitete nach Dienstschluss zuweilen etwas für James und seine Freunde zu, bevor diese zu einem angesagten Londoner Nachtklub aufbrachen.

Natürlich wusste niemand in der Chefetage davon. Es war seit anderthalb Jahren James’ und ihr kleines Geheimnis. Ein Geheimnis, das typisch James war, der eine so gewinnende Art besaß und Konventionen charmant ignorierte, wenn diese ihn behinderten.

Hatte sie nicht deshalb angefangen, sich in Tagträumereien über ihn zu verlieren? Oh, er war so viel mehr als nur attraktiv und vermögend!

„Ich bin kein Landstreicher“, erklärte Rafael, nachdem er sich wieder beruhigt hatte, und riss sie aus ihren Gedanken. „Etwas Lächerlicheres habe ich noch nie im Leben gehört.“

„Wer sind Sie dann?“

„Jemand, der nicht vorhat, hier herumzustehen und eine sinnlose Diskussion mit einer angetrunkenen Frau zu führen.“

„Ich bin nicht angetrunken.“

„Aber Sie benehmen sich so“, erwiderte er verächtlich. Manche Männer mochten laute Frauen, er allerdings nicht. Er schätzte es, wenn sie kultiviert, elegant und beherrscht waren. „Und ich habe kein Verlangen, mich mit einer Marktschreierin zu unterhalten.“

Amy rang nach Atem. Seine Manieren entsetzten sie. Ein bisschen Höflichkeit wäre sicherlich angebracht, zumal er mit einem Gast des Mannes redete, auf dessen Anwesen er sich eingenistet hatte. Ob mit dessen Erlaubnis oder ohne musste sie erst noch herausfinden.

Wieder hatte er ihr den Rücken zugewandt und schlenderte auf die Haustür zu, die er hinter sich zuschlug, als sie sie fast erreicht hatte. Wie Rafael nicht anders erwartet hatte, hämmerte sie Sekunden später vehement dagegen. Bei dem ganzen Lärm, den sie schon veranstaltet hatte und noch immer verursachte, würden sich die Nachbarn womöglich am Ende über ihn beschweren.

Er stellte sich so nah an die Tür, dass er kaum die Stimme heben musste, um draußen verstanden zu werden. „Verschwinden Sie. Sie machen sich lächerlich. Es kümmert mich verdammt wenig, ob Sie angetrunken sind oder nicht. Ich habe nur keine Zeit für Frauen, die glauben, sie könnten mit Herumbrüllen ihren Willen durchsetzen. Kehren Sie zurück zu dem fröhlichen Treiben in der Villa und genehmigen Sie sich noch ein paar Drinks, um dann wie alle anderen geschafft ins Bett zu fallen.“

„Wenn Sie mir nicht sagen, wer Sie sind, werde ich Sie James melden“, antwortete sie in seiner Lautstärke, allerdings unsicher, ob sie seinen kühlen, strengen Ton richtig traf. Auch hoffte sie, dass sie sich nicht wie ein bockiges Kind anhörte, das mit Petzen drohte, nachdem der Wutanfall nichts bewirkt hatte. „Ich bin nüchtern genug, um zu wissen, dass Sie sich hier vielleicht unbefugt aufhalten.“

Tatsächlich hatte sie keinen Tropfen Alkohol getrunken, obwohl es reichlich davon gab. Auf dem Programm standen diverse Besichtigungsfahrten, und sie wollte keine wegen eines Katers versäumen. Außerdem hatte sie nicht vor, kostbare Minuten, die sie mit James verbringen konnte, durch unnötig langes Schlafen zu verschenken.

Sie beobachtete verwundert, wie die Tür aufging. Ärgerlich blitzte der Mann sie an und erklärte, dass sie hereinkommen dürfe. Er hatte das Licht eingeschaltet, und so konnte sie ihn zum ersten Mal ganz genau sehen. Dass er ein Riese mit schwarzen Haaren war, hatte sie bereits gemerkt. Doch nicht, wie ungeheuer sexy er war, und zwar auf eine kraftvolle, schwerblütige und irgendwie eigenwillige Weise. Sie riss sich von seinem Anblick los, der ihr fast den Atem raubte, und schaute sich um.

Das Haus war vielleicht klein, aber alles andere als ärmlich ausgestattet. Es hatte einen wunderschönen alten Dielenboden und einen gemütlichen Wohnbereich, den ein großer offener Kamin beherrschte. Die Küche, deren Tür nicht verschlossen war, wirkte hochmodern, und eine Treppe führte nach oben, wo wohl die Schlafzimmer lagen.

„Keine schlechte Unterkunft für einen Landstreicher“, sagte Amy und fügte ein „Ha, ha“ hinzu, als er die Stirn runzelte. „Es tut mir leid, wenn Sie sich in Ihrem Stolz verletzt fühlen, weil ich Sie so genannt habe. Ich war nur etwas bestürzt, als ich bemerkte, dass sich hier, Kilometer von der Villa entfernt, jemand versteckt.“

Starr betrachtete Rafael sie und war gegen seinen Willen fasziniert. Ihr Mund stand offenbar kaum einmal still, und jetzt schlenderte sie herum, als wäre sie hier tatsächlich zu Gast und hätte sich nicht erst durch eine Drohung Zugang verschafft.

Seine Anwesenheit vor Ort sollte kein offenes Geheimnis werden. Er wollte die Stimmung der Leute wirklich nicht dämpfen, allerdings auch die Verpflichtung vermeiden, sich zu ihnen gesellen zu müssen. Ihre Vorstellungen von Amüsement deckten sich nicht mit seinen. Er bevorzugte ein Abendessen mit Freunden oder Besuche in kleinen Jazzlokalen mit gleichgesinnten Frauen. Bestimmt entsprach es nicht seinen Neigungen, bis zum Morgengrauen beim Pool der Villa mit Fremden zu trinken, die ihn vermutlich nicht besonders interessierten. Und dasselbe galt für diese Frau, die jetzt vor ihm stand.

„Wenn Sie kein Landstreicher sind, wer sind Sie dann?“

Ihr Boss, war er versucht zu antworten. Es überraschte ihn nicht, dass sie ihn nicht kannte. Als eine aus der Liga der „vergessenen Mitarbeiter“ arbeitete sie wahrscheinlich weit weg von der Chefetage. Außerdem war er nur sehr selten in England. Er regelte das meiste von New York aus, und sie stammte zweifellos aus London, wie ihr Akzent verriet.

„Ich bin der … Gärtner.“

„Und Sie wohnen hier?“

„Wo sollte ich sonst wohnen?“

„In einem kleinen durchschnittlichen Haus auf einem kleinen durchschnittlichen Grundstück irgendwo in der Nähe … wie jeder andere normale Gärtner …“

„Falls Sie es nicht bemerkt haben, handelt es sich hier nicht einfach um irgendeinen Garten. Ihn zu pflegen, ist eine Vollzeitbeschäftigung, und deshalb wohne ich vor Ort.“

„Und Ihre Leute kommen täglich her, um die Rasenflächen zu mähen …“ Das ergab schon ein wenig mehr Sinn, denn sie konnte ihn sich nicht wirklich als jemanden vorstellen, der einen Rasenmäher schob. Nicht, dass ihm die nötigen Muskeln dazu fehlten. Er sah nur eher wie ein Mann aus, der Befehle erteilte – und es genoss. Augenblicklich empfand sie großes Mitleid mit seinen Arbeitskräften.

„Sie mähen den Rasen … kümmern sich um die Blumenbeete … tun alles, was gemacht werden muss …“

„Und Sie schwingen das Zepter“, sagte Amy scherzhaft, aber er lächelte nicht ansatzweise.

Besaß er denn keinen Sinn für Humor? Sie mochte Menschen, die Spaß verstanden, und lachte gern. Das hatte sie von ihren Eltern gelernt. Sie stammte aus einer Großfamilie mit sechs Kindern, und bei ihnen war es stets sehr fröhlich zugegangen.

„Sind Sie immer so … ernst?“ Sie blickte ihn an, jedoch nicht zu lange, denn er war zweifellos sehr sexy. Zumindest wenn man schwerblütige Männer mochte. Was nicht auf sie zutraf.

Rafael war es nicht gewöhnt, dass man so mit ihm redete. Einen Moment machte sie ihn sprachlos, und in die eintretende Stille hinein fuhr Amy munter fort: „Ich meine … worüber sollten Sie sich den Kopf zerbrechen? Sie wohnen in einem zauberhaften Haus, das Ihr Boss bezahlt. Und bestimmt genießen Sie noch viele andere Vergünstigungen.“

„Vergünstigungen?“

„Sicher.“ Sie zählte sie nacheinander an den Fingern ab. „Einen Dienstwagen, der irgendwo in einer Garage parkt und vermutlich keine Klapperkiste ist. Einen Pensionsplan. Eine Prämie am Jahresende. Habe ich recht?“ Die Müdigkeit von vorhin schien völlig verflogen. „Ihr Schweigen reicht als Antwort. Sie sind ein Glückspilz.“

Rafael beabsichtigte nicht, sich von einer dümmlichen Blondine in ein Gespräch verwickeln zu lassen. Er öffnete den Mund, um ihr höflich, aber energisch zu erklären, dass es Zeit wäre zu gehen, als er sich fragen hörte: „Warum sagen Sie das?“

Amy lächelte. „Weil ich einen ähnlichen Job, jedoch nicht Ihre Vergünstigungen habe.“

„Sie sind … Gärtnerin?“

„Nein, Kantinenwirtin.“

„Und die beiden Berufe gleichen sich?“

„In gewisser Weise. Wir arbeiten beide mit den Händen und sind kreativ.“

„Ich kann nichts Kreatives am Gärtnern finden.“

Überrascht sah sie ihn an, und wieder spürte sie seine starke Ausstrahlung. Wie albern! „Warum tun Sie es dann?“

Ungeduldig zuckte er die Schultern und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. „Ich habe Ihren Wunsch erfüllt und Sie hereingelassen. Sie wissen nun, warum ich hier bin, und jetzt sollten Sie wieder in die Villa zurückkehren. Allerdings wäre es mir lieb, wenn Sie meine Anwesenheit hier für sich behielten.“

„Warum?“

„Weil ich nicht von James’ Hausgästen bei meiner Arbeit gestört werden will.“

„Sie reden Ihren Boss mit dem Vornamen an? Hm.“ Amy dachte einen Moment darüber nach und lächelte dann. „Das ist nicht wirklich verwunderlich.“

„Was ist nicht verwunderlich?“ Rafael runzelte die Stirn. „Nein, vergessen Sie die Frage. Haben Sie eine schöne Zeit hier.“ Damit wandte er sich zur Tür, um der jungen Frau keine Gelegenheit zu geben, ihn weiter mit ihrem Gerede zu behelligen.

„Ist Ihnen aufgefallen, dass wir uns nicht miteinander bekannt gemacht haben?“ Sie streckte ihm die rechte Hand entgegen. „Ich heiße Amy.“

„Warum hätten wir das tun sollen?“ Schon öffnete er die Tür und schob eine Hand in die Tasche seiner cremefarbenen Bermudashorts.

Selbst am Abend herrschten noch Temperaturen, die es erlaubten, in kurzer Hose und T-Shirt herumzulaufen. Und das empfand Rafael als Luxus pur, denn normalerweise trug er tagaus, tagein maßgeschneiderte Anzüge.

„Das ist sehr unhöflich.“ Amy ließ den Arm sinken und ging mit bösem Blick an ihm vorbei nach draußen.

„Was ist sehr unhöflich? Ach, wissen Sie was? Es interessiert mich eigentlich nicht wirklich.“ Er beobachtete, wie die Brise mit ihren herrlichen blonden Locken spielte.

„Mir ist es egal, ob es Sie interessiert oder nicht. Ich sage es Ihnen trotzdem. Es ist unhöflich, jemanden anzusehen, als hätte er eine ansteckende Krankheit, wenn dieser Jemand sich einfach nur vorstellen möchte. Wenn Sie mir Ihren Namen nicht nennen wollen, ist das okay. Es ist nicht so, als wäre ich …“

„Rafael.“

„Wie bitte?“

„Rafael. Rafael Vives.“ Jetzt streckte er ihr die Hand entgegen, und als Amy sie ergriff, kam es ihr vor, als würde ein Stromstoß durch ihren Körper jagen. Im nächsten Moment war es vorbei.

„Ich bin Amy.“ Ihr Ärger war schon wieder verflogen. „Rafael … Das ist ein ungewöhnlicher Name. Ist er … italienisch?“

„Spanisch“, antwortete er schroff. „Werden Sie den Weg zurück zur Villa finden?“

„Oh ja. Wie kommt ein spanischer Gärtner nach Amerika?“ Sie holte ein Gummiband aus der Hosentasche und machte sich einen Pferdeschwanz.

„Kaufen Sie sich ein Buch über die amerikanische Geschichte, lesen Sie es quer, und Sie werden erfahren, wie wir Spanier hierher gelangt sind. Leben Sie wohl.“

„Sie sind sehr arrogant, oder?“

„Ja, das bin ich. Und da wir das nun geklärt haben, können Sie gehen.“

Zu seiner Erleichterung reagierte sie endlich auf diesen Wink und schlenderte davon. Nach wenigen Metern blieb sie stehen, blickte um sich und marschierte in eine andere Richtung weiter. Kurz darauf hielt sie erneut und sah sich um.

Ihr Benehmen hätte ihn zweifellos amüsiert, wäre ihm nicht klar gewesen, dass er ihr früher oder später helfen müsste. Das Anwesen war riesig und für einen Fremden schwer zu überschauen, vor allem bei Dunkelheit. Zwischen den einzelnen Rasenflächen gab es Wäldchen, dichte Sträucher und sogar einen kleinen Teich mit einem Wasserfall. Das Gästehaus lag ziemlich versteckt. Es diente einst als Unterkunft für den Chef des Villenpersonals, als diese noch ständig bewohnt war.

Seufzend holte Rafael den Schlüssel und schlug die Tür hinter sich zu. Er eilte hinter Amy her, die erneut in die Irre lief, fasste sie am Arm und lenkte sie in die richtige Richtung. „Du liebe Güte. Haben Sie keinen Orientierungssinn?“

„Ich hätte mich schon irgendwann zurechtgefunden! Und würden Sie mich jetzt wieder loslassen? Sie sind kein Polizist, und ich bin nicht Ihre Gefangene.“

„Ich sorge lediglich dafür, dass Sie von meinem Besitz verschwinden.“

Ihrem Besitz? Das ist wohl etwas vermessen angesichts der Tatsache, dass Sie nur der Gärtner sind. Ich weiß, dass der Garten außergewöhnlich groß ist und Sie deshalb ein außergewöhnlich wichtiger Gärtner sein müssen, aber trotzdem sind Sie bloß der Gärtner.“

„Sind Sie eigentlich jemals still?“

„Sind Sie jemals höflich?“ Sie stellte den Versuch ein, sich aus seinem eisernen Griff zu befreien. „Es ist nicht meine Schuld, dass das Anwesen so riesig ist … Na ja, vielleicht hätte ich bei den anderen bleiben sollen.“

„Ja, und warum haben Sie es nicht getan?“ Ihr Arm fühlte sich zerbrechlich an. Überhaupt war sie ein sehr zierliches Persönchen und vermutlich leicht wie eine Feder. Rafael ließ sie los und schob die Hände in die Hosentaschen.

„Ich war müde. Normalerweise feiere ich gern, doch vorhin wollte ich ein wenig allein sein.“

„Es war eine Party im Gange, als Sie die Villa verlassen haben?“, fragte Rafael alarmiert. „Was war das für eine Party?“

„Och, das Übliche. Laute Musik und Leute, die in die Blumenbeete torkeln oder nackt im Pool baden.“

Energisch drehte er sie zu sich. „Sie scherzen, oder? Ich hätte den Lärm doch gehört.“

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