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Im Cottage der Liebe

1. KAPITEL

Fast Mitternacht! Gianni seufzte und hielt den klapprigen Mietwagen an. Er hatte drei Stunden länger als sonst für die Fahrt gebraucht.

In Anbetracht der Umstände hatte er schweren Herzens entschieden, dass sein flacher, glänzender, kraftvoller Sportwagen kein geeignetes Fahrzeug für einen Mann mit Kind war. Nicht nur weil Kinder selten mit leichtem Gepäck unterwegs waren, sie nahmen auch keine Rücksicht auf cremefarbene Ledersitze. Normalerweise chauffierte er seinen Sohn mit einem großen Geländewagen durch die Gegend, doch der war ausgerechnet jetzt in der Werkstatt.

Gianni wollte nicht auffallen, sondern für ein paar Tage untertauchen. Allerdings war der Zeitpunkt sowohl in geschäftlicher als auch persönlicher Hinsicht denkbar ungünstig.

In diesem Jahr sollte er auf dem internationalen Literaturfestival die Eröffnungsrede halten. Im vergangenen Jahr war diese Ehre einem ehemaligen Staatschef zuteilgeworden. Nach Giannis Absage in letzter Minute würde man ihm diese Auszeichnung bestimmt nicht so schnell wieder erweisen. Schließlich war er lediglich Chef eines Verlagshauses, ganz egal, wie international erfolgreich es sein mochte. Hoffentlich würde das bezaubernde junge Model ihm die Absage leichter verzeihen! Aber selbst wenn nicht … es gab noch genug andere Models.

Er warf einen Blick auf den Rücksitz. Sein Sohn schlief seit ganzen fünf Minuten – fünf Minuten voll glückseliger Stille, abgesehen von dem besorgniserregenden Klopfen des uralten Motors. Kein Weinen, kein Heulen, kein erbärmliches Wimmern – und vor allem kein Erbrechen mehr!

Gianni dachte an seine herablassende Antwort, als Liams Kindermädchen ihre Zweifel an dieser Reise ohne ihre Begleitung geäußert hatte: „Es ist spät, er ist müde – wahrscheinlich wird er die ganze Fahrt über schlafen. Ich verstehe durchaus, dass Sie sich für unentbehrlich halten, Clare, aber ich denke, ich werde zurechtkommen. Genießen Sie die freien Tage!“ Ein selbstironisches Lächeln zuckte um seinen Mund.

Clare zuliebe hatte er die Armbänder gegen Reiseübelkeit eingesteckt und sogar mit halbem Ohr ihren langatmigen Erklärungen zugehört, wie er sie Liam anlegen sollte. Wie schwer kann es schon sein, ein vierjähriges Kind auf dem Rücksitz anzuschnallen und zweihundert Kilometer weit zu fahren? hatte er dabei im Stillen gedacht.

Zum Glück hatte er diesen Gedanken nicht ausgesprochen, sonst würde er sich jetzt noch dümmer vorkommen. Hätte er nur nicht diese Armbändchen auf dem Tisch im Flur liegen lassen. Oder wenigstens nicht an der ersten Raststätte Liams Bitte nach Hamburger und Pommes nachgegeben! Danach war alles bergab gegangen.

„Ja, Gianni, wirklich ein Kinderspiel“, murmelte er, während er sich über seinen Sohn beugte und mit angehaltenem Atem die Gurte vom Kindersitz löste. An der letzten Raststätte hatte eine mitleidige Frau ihm eine Packung Feuchttücher in die Hand gedrückt, aber damit hatte er nur das Schlimmste beseitigen können. Gianni hob das schlafende Kind auf seine Arme und schloss die Autotür mit dem Knie. Er zuckte zusammen, als der laute Knall die Stille der Nacht durchbrach.

„Keine Sorge, Kleiner, jetzt geht es ins Bett“, flüsterte er, als das übel riechende Bündel in seinem Arm einen protestierenden Laut von sich gab.

Das weiße Reetdachhaus vor einer dunklen Baumgruppe sah aus wie ein Postkartenmotiv. Hinter den Fenstern war kein Licht zu sehen. Wahrscheinlich schlief Lucy schon. Sie stand im Morgengrauen auf, um das Vieh und all die Streuner zu füttern, die sie in den letzten zwei Jahren aufgenommen hatte.

Gianni sah keinen Sinn darin, sie zu wecken. Außerdem war er nicht in der Stimmung, sich ihre belustigte Kritik an seinen elterlichen Fähigkeiten anzuhören. Seine Tante hatte noch nie ein Problem damit gehabt, die Dinge beim Namen zu nennen. So leise wie möglich ging er über den Kies zum Haus. Während er Liam mit einem Arm hielt, tastete er mit der freien Hand auf dem Sims über der Tür nach dem Schlüssel.

Als die rot lackierte Tür nach innen schwang, trat der Mond hinter einer Wolke hervor und erhellte den Flur. Ohne das Licht einzuschalten, stieg Gianni die Treppe hinauf. Nachdem er Liam in der kleinen Dachkammer ins Bett gelegt hatte, ging er zurück zum Wagen und holte das Gepäck.

Liam hatte sich keinen Zentimeter bewegt. Mit angehaltenem Atem zog Gianni ihn vorsichtig aus und ersetzte die fleckige Kleidung durch einen sauberen Schlafanzug. Ein Bad musste bis zum nächsten Morgen warten. Sanft strich er das dunkle Haar aus dem heißen, klebrigen Gesichtchen. Das arme Kind war völlig erschöpft. Gianni hielt inne. Die harten Linien in seinem attraktiven Gesicht wurden weicher, als er seinen schlafenden Sohn betrachtete. Stolz und ein leidenschaftlicher Beschützerinstinkt stiegen in ihm auf.

Noch immer konnte er kaum glauben, dass er Anteil daran gehabt hatte, etwas so Perfektes zu schaffen. Vielleicht war es nicht geplant gewesen, aber Liam war das Beste, was er in seinem ganzen Leben vollbracht hatte. Und vom Augenblick seiner Geburt an war sein Sohn das Zentrum seines Universums.

Sorgsam deckte Gianni ihn zu, dann schloss er die Vorhänge. Er unterdrückte ein Gähnen und ging in den angrenzenden Raum, um endlich ins Bett zu fallen. Auf halbem Weg blieb er plötzlich stehen. Lucy würde bestimmt vor ihm aufwachen und sich über das fremde Fahrzeug in ihrem Hof wundern. Am besten hinterließ er ihr eine Nachricht.

Als er die Küche betrat, standen die Hunde schläfrig auf und rieben sich an seinen Beinen. Gianni kritzelte einige Sätze auf einen Zettel und lehnte ihn an einen Müslikarton auf dem Küchentisch. Er sah sich flüchtig um und schmunzelte. Dem Durcheinander auf der sonst so makellosen Arbeitsfläche nach zu urteilen war seine ordnungswütige Tante ein bisschen entspannter geworden. Er tätschelte die Hunde und ging zurück in sein Zimmer. Auf dem Weg dorthin sah er noch einmal nach Liam, bevor er todmüde ins Bett fiel. Zehn Sekunden, nachdem sein Kopf das Kissen berührt hatte, schlief er tief und fest. Erst das Sonnenlicht weckte ihn.

Wo bin ich?

Seine Verwirrung dauerte nur eine Sekunde. Sie wurde von einem anderen, länger anhaltenden Gefühl abgelöst.

Das ist das erste Mal!

Er war zweiunddreißig, und obwohl es einige Momente in seinem Leben gegeben hatte, die er lieber vergessen würde, war er noch nie mit einer vollkommen Fremden in seinem Bett erwacht.

Und sie musste eine Fremde sein. Dieses Haar hätte er nicht so leicht vergessen. Für einen Augenblick lenkte ihn die bemerkenswerte Farbe der dicken Locken ab. Goldrot, durchwoben mit kupferfarbenen Strähnen, bedeckten sie das Kissen neben ihm.

Er stützte sich auf einen Ellbogen und betrachtete den schlanken Rücken der schlafenden Frau. Einen Arm hatte sie unter ihrem Kopf vergraben, der andere lag auf der Bettdecke. Gianni ließ seinen Blick von ihren unlackierten Nägeln zu einer sanft gerundeten Schulter wandern. Die Fremde hatte die Haut einer echten Rothaarigen, blass, fast milchweiß. Schultern und Nacken waren mit zarten Sommersprossen gesprenkelt.

Soweit er es beurteilen konnte, war sie nackt. Falls jetzt jemand hereinkam, würde er annehmen … Ging es etwa darum – war das Ganze eine ausgeklügelte Falle?

Du leidest unter Verfolgungswahn, Gianni! rief er sich sofort zur Ordnung. Es konnte keine Verschwörung sein. Niemand wusste, wo er war.

Die einzige Erklärung …

Er schüttelte den Kopf. Es gab keine. Wer war die nackte Frau mit der seidigen Haut? So seidig … Er verlor sich in der Betrachtung ihrer Schulter.

Gianni, konzentrier dich! ermahnte er sich energisch. Was tut sie hier in meinem Bett?

Obwohl – das hier war nicht sein Bett. Und nicht sein Haus.

Seine dunklen Augen weiteten sich, als er begriff. Konnte es sein, dass das Mädchen gestern Abend schon im Bett gelegen hatte? War er so müde gewesen, dass er den warmen Körper neben sich gar nicht bemerkt hatte?

Das konnte nicht nur sein, es war die einzige einleuchtende Erklärung!

Beim Aufwachen einen halb nackten Fremden in ihrem Bett vorzufinden wäre wahrscheinlich nicht die beste Art für Lucys Hausgast, Gianni kennenzulernen. Vorsichtig hob er die Decke an, um unbemerkt aufzustehen. Zu spät!

Die Fremde gähnte und rekelte sich ausgiebig. Die geschmeidigen Bewegungen ließen die Decke ein Stückchen tiefer rutschen und enthüllten die schmale Taille und die weibliche Rundung ihrer Hüfte.

Ihm stockte der Atem. Er wollte taktvoll wegschauen, konnte aber den Blick nicht von den weichen, schlanken, weiblichen Kurven abwenden. Sah er dort ein kleines Grübchen über dem straffen Po?

Die Fremde murmelte etwas, rollte sich auf die Seite und zog die Decke bis zum Kinn hoch, dann kuschelte sie sich gemütlich wieder ein.

Gianni holte tief Luft und bereitete sich auf das Schlimmste vor. Seiner Meinung nach war das immer eine gute Idee – so konnte ein Mann nur angenehm überrascht werden.

Blieb zu hoffen, dass sie Sinn für Humor hatte.

Falls sie nicht sofort schrie. Die Fremde blinzelte noch einmal wie ein schläfriges Kätzchen und lächelte zufrieden. Vielleicht war sie kurzsichtig. Wie auch immer – die aufsteigende Lust verdrängte jeden logischen Gedanken in Giannis Hirn. Plötzlich erschien es ihm nicht mehr so dringend, das Bett zu verlassen.

Sie war wunderschön.

Wie üblich erwachte Miranda sechzig Sekunden vor dem Klingeln des Weckers. An diesem Morgen musste sie besonders früh aufstehen. Sie hatte erwartet, dass sie als Haushüterin die Haustiere füttern musste, aber ihre Pflichten umfassten einiges mehr als das. Doch Miranda war fest entschlossen, jede Aufgabe möglichst perfekt zu erfüllen. Ihre neue Arbeitgeberin hatte alle Arbeiten peinlich genau auf einer ihrer Listen aufgeführt– und es gab eine Menge Listen.

Jedes Tier in dieser Menagerie besaß einen Namen: das steinalte Pferd, das Shetlandpony und der Esel, selbst sämtliche Enten und Hühner. In Mirandas Kopf wirbelten die Namen noch durcheinander. Aber auch dazu hatte ihre Chefin eine Liste geschrieben, außerdem gab es einen sehr genauen Zeitplan für die Reinigung.

Das Ganze kam Miranda ein bisschen übertrieben vor. Sie selbst hatte nichts gegen ein bisschen Unordnung einzuwenden. Aber sie wurde für ihre Arbeit bezahlt, sogar sehr gut bezahlt. Auch wenn ihr Vater diesen Job als Urlaub bezeichnete. Aber das war gewesen, bevor sie ihm eingestanden hatte, dass sie zum nächsten Schuljahr nicht zurückgehen würde. Ihre bezahlten Ferien waren zu einem Job geworden – für den sie deutlich überqualifiziert war.

Miranda seufzte und kuschelte sich tiefer unter die warme Decke. Sie versuchte, nicht an den Streit mit ihrem Vater zu denken. Sie war entkommen, nicht weggerannt – ein grundlegender Unterschied. Der Entschluss war schon lange überfällig gewesen. Denk positiv! ermahnte sie sich.

Auch wenn sie damals nicht gerade glücklich darüber gewesen war … Gut, in Ordnung, sie hatte sich gefühlt, als wäre ihr der Himmel auf den Kopf gefallen, und sie konnte immer noch nicht aussprechen, dass es gut gewesen war.

Aber hätte ihre Schwester Tam nicht dem Mann den Kopf verdreht, mit dem Miranda ihr Leben verbringen wollte, hätte sie wohl für immer so weitergemacht. Wahrscheinlich hätte sie sich noch jahrelang bemüht, Oliver zu beeindrucken und ihm zu zeigen, dass sie mehr war als eine zuverlässige Lehrerin für Hauswirtschaft.

Nein, nicht zuverlässig, außergewöhnlich! korrigierte sie sich in Gedanken. Zeig, was du hast! war ihre neue Philosophie. Hätte sie ihre Kurven wie Tam in Designerkleidung präsentiert, hätte Oliver vielleicht mehr von Miranda wahrgenommen als nur ihre Himbeermuffins.

Aber gebrochenes Herz beiseite! Heute Morgen fühlte sie sich überraschend gut. Normalerweise hatte sie ein Problem mit fremden Betten, doch in der letzten Nacht hatte sie geschlafen wie ein Stein – abgesehen von einigen seltsam realistischen Träumen. Sie konnte sich allerdings nur noch verschwommen daran erinnern. Vielleicht war das ja ein gutes Omen. Mit immer noch geschlossenen Augen drehte sie sich noch einmal um.

„Herrlich!“, murmelte sie schläfrig, als sie in der weichen Federmatratze einsank.

Sie reckte und streckte sich genüsslich. Ihre rechte Hand strich über das geschnitzte Kopfteil vom Bett, ihre linke berührte etwas Warmes, Hartes. Immer noch halb im Schlaf drehte sie langsam den Kopf … und riss erschrocken die Augen auf.

Einen Herzschlag lang spürte sie Angst, dann entspannte sie sich wieder und lächelte. Offensichtlich träumte sie immer noch. Kein Mann hatte wirklich so ein Gesicht.

Ein Meisterwerk der Perfektion, ging ihr durch den Kopf, während sie seine Züge gründlich studierte. Er sah aus wie ein dunkler gefallener Engel. Aber mit den scharfen Winkeln und kühnen Linien war dieses Gesicht nicht einfach nur hübsch. Miranda bewunderte ausgiebig die herrische, gebogene Nase, die hohen Wangenknochen und die breite, intelligente Stirn. Dann sah sie in die samtigen Augen mit den schweren Lidern.

Für einen Moment verlor sie sich in den dunklen Tiefen. Sie seufzte leise und ließ ihren Blick weiter zum Mund gleiten. Die Lippen wirkten wie gemeißelt, gleichzeitig streng und unglaublich sinnlich. Neben dem rechten Mundwinkel entdeckte sie eine kleine halbmondförmige Narbe, verwirrend weiß gegen die sonst gleichmäßig goldbraune Haut. Seltsamerweise betonte sie nur, wie perfekt alles andere an diesem Mann war.

„Guten Morgen.“

Ihre Wimpern flatterten. Diese tiefe raue Stimme musste auch zu dem Traum gehören, genau wie das Gesicht. Sie hatte sogar den Hauch von einem Akzent. Dieses Prachtexemplar mit seinen breiten, straffen, muskulösen Schultern war genau die Art Mann, aus der Frauenträume gemacht waren … Für einen Traum wirkte er unglaublich echt. Außerdem … war sie nicht schon wach?

Miranda pustete sich eine Locke aus dem Gesicht. Sie konnte sogar seinen warmen männlichen Duft riechen, Moschus mit einer Spur Aftershave. Teuer, entschied sie. Das war ein teurer Traummann. Sie betrachtete sein Kinn mit dem dunklen Bartschatten. Außerdem wirkte er rau und wild und sehr sexy. Aber wenn es um Traummänner ging, waren die feinsinnigen und empfindsamen mehr nach ihrem Geschmack.

Traummann. Sie schloss die Augen und stellte sich einen lächelnden Oliver vor, meilenweit entfernt von rau und wild. Ihr entschlüpfte ein sehnsüchtiger Seufzer. Sie hatte ihren Traummann bereits getroffen, Tag für Tag mit ihm gearbeitet und akzeptiert, dass er sie nicht für eine begehrenswerte Frau hielt. Doch seltsamerweise fand er ihre Schwester sogar ausgesprochen begehrenswert – ihre eineiige Zwillingsschwester! Was für eine Ironie des Schicksals!

Miranda war stolz darauf, wie gut sie ihre Gefühle versteckt hatte. Nicht einmal Tam hatte gemerkt, dass ihr Herz gebrochen war. So waren ihr wenigstens die wissenden Blicke und das Mitleid erspart geblieben. Selbst als Tam ihr einen Tag vor der Hochzeit anvertraut hatte, dass sie schwanger war, schaffte Miranda es irgendwie, das Richtige zu sagen. Vielleicht war die Schauspielerei ja ihre wahre Berufung. Aber es gab Grenzen. Sie konnte nicht länger mit Oliver zusammen an einer Schule arbeiten.

Tam und sie teilten zwar nicht diese beinahe schon telepathische Verbindung, die manche eineiigen Zwillinge angeblich verband. Aber selbst Tam hätte früher oder später bemerkt, was ihre Schwester für Oliver empfand. Miranda stellte sich vor, wie die beiden ihre Flitterwochen auf einer griechischen Insel genossen. Nein! Hastig konzentrierte sie sich wieder auf den Mann in ihrem Bett. Er war wirklich wild und rau. Aus jeder Pore verströmte dieser Mann Sex …

Ein Mann in meinem Bett!

Ihr entsetztes Ächzen wurde vom Klingeln des Weckers verschluckt. Er verstummte, als sie ihn dem Fremden an den Kopf warf. In einer einzigen Bewegung wickelte sie sich in die Steppdecke und sprang aus dem Bett.

Mit riesigen Augen starrte sie den Fremden an. Ihr Busen bebte unter der Decke. Sie versuchte, nicht an die kalte Zugluft zu denken, die über ihr nacktes Hinterteil strich. Adrenalin jagte durch ihre Adern. Renn! schrie ihr Instinkt. Aber um zur Tür zu gelangen, musste sie erst am Bett vorbeikommen. Ihre Gedanken rasten, doch ihre Füße standen wie angewurzelt am Boden.

Hieß es nicht, Angriff wäre die beste Verteidigung? Verhalte dich wie ein Opfer, und du wirst zum Opfer.

„Rühren Sie sich nicht!“ Oder was, Miranda? Trotzig hob sie ihr Kinn. Bis sie ihre Beine wieder bewegen konnte, durfte sie sich ihre Angst nicht anmerken lassen! „Oder S… Sie werden es bereuen!“

Bestimmt hatte er das Zittern in ihrer Stimme gehört. Aber wenigstens machte er keine Anstalten, sich auf sie zu stürzen. Sie sah ihn von oben bis unten an. Selbst im Liegen wirkte er ihr körperlich haushoch überlegen. An seinem langen Körper war kein Gramm Fett, und unter der goldbraunen Haut zeichneten sich deutlich die Muskeln ab. Ein Mann auf dem Höhepunkt seiner körperlichen Kraft.

Er sah aus wie einer dieser Fitness-Fanatiker, die einen Marathon laufen konnten, ohne auch nur ins Schwitzen zu kommen. Wenn er wollte, könnte er sie wie eine Fliege zerquetschen.

Sie versuchte, nicht über seine Absichten nachzudenken. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, tastete sie langsam nach dem Telefon hinter ihrem Rücken. Irgendwo dort hatte sie es gestern Abend hingelegt. Oder nicht?

2. KAPITEL

Gianni presste eine Hand auf das Auge, das der Wecker getroffen hatte. Die andere Hand hielt er als Zeichen seiner Unterwerfung hoch. Man musste kein Genie sein, um ihre Gedanken zu erraten.

„Beruhigen Sie sich. Das ist nur ein Missverständnis … ein Versehen …“, sagte er beruhigend. Er suchte ihren Blick – und zuckte zusammen, als er die außergewöhnliche Farbe ihrer Augen sah.

So außergewöhnlich, dass er eine Sekunde lang den Faden verlor. Das war ihm schon lange nicht mehr passiert. Normalerweise behielt er in jeder Situation einen kühlen Kopf. Dunkelgrün, dachte er versonnen. Wie ein kühler, ruhiger Wald, und die winzigen goldenen Pünktchen waren wie das Sonnenlicht, das durch die Blätter fiel.

Sie starrte ihn an, als wäre er eine Schlange, die jeden Moment zubeißen würde. „Sie sind also versehentlich durch das Fenster geklettert, haben sich versehentlich ausgezogen und versehentlich in mein Bett gelegt … Ziemlich viele Versehen.“ Miranda bückte sich vorsichtig und warf einen Zipfel der Steppdecke über ihre Schulter. Erleichtert spürte sie, wie der Stoff über ihren Po fiel.

Klingt ihre Stimme wohl immer so heiser oder liegt das an ihrer Angst? überlegte Gianni. Auf jeden Fall war es äußerst anziehend. So sehr, dass er ungeduldig auf ihre nächsten Worte wartete.

„Wenn Sie es so ausdrücken, hört es sich nicht sehr überzeugend an“, gab er zu. „Aber ich bin wirklich ganz harmlos.“

Hyperventiliere nicht, Miranda! Um zu zeigen, dass sie nicht die geringste Angst vor ihm hatte, zwang sie sich zu einem kleinen Lächeln. Bestimmt sind Sie das!

Etwas Harmloseres als diesen halb nackten Macho in ihrem Bett konnte sie sich kaum vorstellen. Er verströmte eine fast furchterregende Sexualität und war bestimmt vollkommen wahnsinnig. Hatte er sie berührt?

Bei dem Gedanken drehte sich ihr Magen um. „Oh, mein Gott, ich glaube, mir wird schlecht“, stöhnte sie.

„Das erlebe ich oft“, sagte er trocken.

Was hatte Lucy vor ihrer Abreise gesagt? Ich hoffe, Sie werden sich nicht langweilen. Ich fürchte, hier passiert nie etwas Aufregendes.

Wie würde ihre Chefin das beschreiben – als einen ruhigen Freitagmorgen?

„Das Ganze ist wirklich nur ein harmloses Versehen“, wiederholte Gianni.

„Sagen Sie das zu allen Frauen, die Sie belästigen?“ Sie wunderte sich, wie ruhig ihre Stimme klang, wenn auch ein bisschen schriller als sonst.

Hinter ihrem Rücken berührten ihre Fingerspitzen das Telefon, dann hörte sie, wie es auf den Boden fiel. Verdammt! Sie presste die Zähne zusammen und versuchte, die aufsteigende Panik zu unterdrücken.

„Ich gehe jetzt“, teilte sie ihm mit. Sobald ich meine Beine wieder kontrollieren kann.

„Ich halte Sie nicht auf. Ich habe Ihnen doch gesagt, es handelt sich nur um ein Missverständnis – einen Fehler.“

„Ja, Ihren Fehler!“ Warum funktioniert meine Stimme, aber die Beine nicht? Andersherum wäre besser gewesen. Sie biss sich auf die Lippe. „Ich beherrsche übrigens Selbstverteidigung!“

Gianni sah, wie sie zitterte. Der Rotschopf hat Mut, dachte er bewundernd. Trotz ihrer Panik kämpfte sie tapfer. Langsam setzte er sich auf.

Hastig stolperte sie einen Schritt zurück.

Er lächelte und bemühte sich, ganz harmlos und ungefährlich zu wirken – nicht so einfach, wenn man muskulöse Eins fünfundneunzig groß und fast nackt war. Wie konnte er diese Situation am besten entschärfen?

Die Fremde war klein und schlank und wahrscheinlich jünger als Lucy. Obwohl das schwer zu sagen war. Sie besaß die Art von Schönheit, die in jedem Alter jung wirkte. Ihr herzförmiges Gesicht mit der kleinen Stupsnase wurde von den riesigen grünen Augen beherrscht. Gianni stellte sich unwillkürlich vor, wie weich sich ihre vollen Lippen bei einem Kuss anfühlen würden. Dieser Gedanke entschärfte gar nichts, aber er konnte nichts dagegen tun.

„Es gibt absolut keinen Grund zur Aufregung.“

Er besaß die Dreistigkeit, leicht ungeduldig zu klingen! Ein Lachen entschlüpfte Mirandas trockener Kehle. Wenn es jemals einen Grund zur Aufregung gegeben hatte, dann jetzt! „Ich rege mich nicht auf!“ Sie war schon lange jenseits von Aufregung!

„Es ist nicht das, wonach es aussieht.“

„Was zur Hölle ist es dann?“

„Nebenan ist ein Badezimmer mit einem stabilen Schloss. Warum gehen Sie nicht dort hinein und wir klären das Ganze?“

Das war nicht gerade der Vorschlag, den man von einem Vergewaltiger erwarten würde. „Woher wissen Sie von dem Schloss?“, fragte sie misstrauisch.

Ihre Gedanken rasten. Spielte er etwa mit ihr? Hatte er das Schloss manipuliert, während sie geschlafen hatte? Und was war überhaupt mit den Hunden los? Lucy hatte gesagt, dass sie bei Fremden wie verrückt bellen würden.

„Haben Sie den Hunden etwas getan? Sie kommen aus dem Tierheim und sind …“

„Ich weiß. Sie haben eine Menge hinter sich. Am besten rufen Sie einfach nach Lucy, und sie wird Ihnen erklären, wer ich bin. Lucy!“, rief er selbst laut.

Miranda blinzelte überrascht. „Sie kennen Lucy?“ Das war bestimmt ein gutes Zeichen.

Gianni nickte. „Lucy!“, brüllte er noch einmal. „Ich wusste nicht, dass sie Besuch hat“, ergänzte er dann im Plauderton und hob irritiert die Brauen. Wo blieb Lucy? „Lucy!“

„Sie ist nicht hier.“ Miranda hielt inne. Wenn er nicht schon vorher gewusst hatte, dass sie allein war, wusste er es jetzt. Vielleicht kannte er Lucy wirklich, aber das war noch lange kein Grund, ihm zu vertrauen.

„Sie ist weg?“ Er stieß die Luft pfeifend durch die Zähne aus.

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