Logo weiterlesen.de
Im Bruchteil der Sekunde | Mit jedem Schlag der Stunde: Zwei Thriller in einem Band

BASTEI ENTERTAINMENT

DAVID
BALDACCI

IM BRUCHTEIL
DER SEKUNDE

ROMAN

Meinem Vater, der größten Inspiration,
die einem Sohn zuteil werden kann

PROLOG      September 1996

Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, doch für Sean King, den Agenten des Secret Service, war es der längste Sekundenbruchteil seines Lebens.

Sie befanden sich auf Wahlkampfreise und hatten in einem Nest Station gemacht, das so abgelegen war, dass man hätte glauben können, es sei nur über Satellitentelefon zu erreichen. Ein Nullachtfünfzehn-Hotel, ein kurzes Treffen mit lokalen Anhängern und Politgrößen. Sean musterte die Menge, während ihm sein Ohrstöpsel in unregelmäßigen Abständen unwichtige Informationen in den Gehörgang wisperte. Es war drückend schwül in dem großen Versammlungssaal, und es wimmelte nur so von aufgeregten Menschen, die mit »Wählt-Clyde-Ritter«-Plakaten herumfuchtelten. Immer wieder wurden dem unentwegt lächelnden Kandidaten Babys entgegengestreckt. King hasste das, weil sich hinter den kleinen Körpern problemlos Handfeuerwaffen verstecken ließen, bis es zu spät war. Doch ein Kind folgte auf das andere, und Clyde küsste sie alle. King, der das potenziell brandgefährliche Spektakel mit gespannter Aufmerksamkeit überwachte, hatte das Gefühl, in seinem Magen entstehe spontan ein akutes Geschwür.

Die Menge rückte näher, direkt an die Samtkordel, die als Absperrung diente und die Tabuzone markierte. King reagierte darauf, indem er ein Stück näher an Ritter heranrückte. Er streckte den Arm aus und legte seine Hand leicht auf den verschwitzten Hemdrücken, um den Kandidaten im Falle eines Falles sofort zu Boden reißen zu können. Dass er sich unmittelbar vor ihn stellte, war nicht gut möglich, schließlich gehörte der Kandidat dem Volk. Ritter verhielt sich immer gleich: Er schüttelte Hände, winkte, lächelte, sonderte rechtzeitig eine zitierbare Äußerung für die 18-Uhr-Nachrichten ab und spitzte auch schon wieder die Lippen, um das nächste dralle Baby zu küssen. Und die ganze Zeit über stand King schweigend dabei, die Hand auf dem schweißdurchtränkten Hemd, ließ die Menge nicht aus den Augen und hielt nach möglichen Gefahren Ausschau.

Weiter hinten im Saal ertönte ein Zwischenruf, den Ritter humorvoll parierte. Sein Witz kam an, die Leute lachten, oder doch wenigstens die meisten. Es gab allerdings auch einige unter den Besuchern, die Ritter und die Politik, die er vertrat, hassten. Gesichter lügen nicht, jedenfalls nicht für jene, die gelernt haben, sie zu lesen. King konnte Mienen ebenso gut lesen, wie er mit einer Pistole umgehen konnte. In seiner gesamten beruflichen Laufbahn hatte er kaum jemals etwas anderes getan, als die Herzen und Seelen von Männern und Frauen an ihren Augen und an ihrer Körpersprache abzulesen.

Zwei Männer waren ihm aufgefallen. Sie standen keine vier Meter von ihm entfernt auf der rechten Seite und sahen aus wie potenzielle Unruhestifter. Allerdings trugen sie beide kurzärmelige Hemden und enge Hosen, in denen sich keine Waffen verbergen ließen, sodass sie nicht ganz so hoch auf der Risikoskala einzuordnen waren. Attentäter zogen normalerweise unförmige, weite Kleidung und kleine Handfeuerwaffen vor. Dennoch murmelte King ein paar Worte in sein Mikrofon, um Kollegen auf seine Beobachtung aufmerksam zu machen. Dann glitt sein Blick kurz zu der großen Uhr an der rückwärtigen Wand des Versammlungssaals. Es war 10.32 Uhr. In wenigen Minuten würden sie bereits auf dem Weg ins nächste Städtchen sein, wo das Händegeschüttel, die genormten politischen Statements, das Abküssen von Babys und Mienenlesen wieder von vorne anfing.

Ein neues Geräusch, ein neuer Anblick erregte Kings Aufmerksamkeit, etwas vollkommen Unerwartetes, und er, der hinter dem wahlkämpfenden Ritter der Menge gegenüberstand, war der einzige Mensch im Raum, der es sehen konnte. Ein, zwei, drei Herzschläge lang – viel zu lange – konnte er seine Augen nicht davon lösen, aber wer wollte ihm daraus, dass er von diesem Anblick nicht loskam, einen Vorwurf machen?

Jeder, wie sich herausstellen sollte, einschließlich er selbst.

King hörte das Peng. Es klang wie ein zu Boden gefallenes Buch. Er spürte die Feuchtigkeit an seiner Hand, dort, wo sie Ritters Rücken berührt hatte. Nur handelte es sich jetzt nicht mehr nur um Schweiß. Ein stechender Schmerz durchzuckte seine Hand. Das Projektil hatte ihm an der Stelle, wo es aus dem Körper des Kandidaten ausgetreten war, ein Stück von seinem Mittelfinger abgerissen, bevor es in die Wand hinter ihm einschlug. Als Ritter umfiel, kam sich King vor wie ein dahinrasender Komet, der trotz seiner Höllengeschwindigkeit noch eine Milliarde Lichtjahre Wegstrecke vor sich hat.

Gekreisch klang aus der Menge, doch gleich darauf schien es sich in ein nicht enden wollendes, seelenloses Stöhnen aufzulösen. Gesichter dehnten sich zu Fratzen, wie man sie sonst nur im Karneval sieht. Dann, schlagartig und mit der Wucht einer explodierenden Granate, schien alles vor Kings Augen zu verschwimmen. Füße hasteten vorbei, Körper wanden sich, und von allen Seiten drang Geschrei auf ihn ein. Die Menschen schoben, zogen, zerrten und duckten sich mit einem einzigen Ziel: Nichts wie fort von hier! Und in Kings Kopf wiederholte sich immer wieder ein einziger Gedanke: Nie ist das Chaos größer, als wenn vor den Augen einer arglosen Menge der Tod schnell und gewaltsam zuschlägt.

Der Kandidat lag vor ihm auf dem Hartholzboden. Die Kugel war direkt durchs Herz gegangen. King riss sich vom Anblick des soeben Verstorbenen los und fixierte den Schützen, einen hoch gewachsenen, gut aussehenden Brillenträger in einer Tweedjacke. Der Smith-&-Wesson-Revolver, Kaliber 44, war noch immer auf die Stelle gerichtet, an der Ritter eben noch gestanden hatte, als warte er darauf, dem Opfer, sofern es sich wieder aufrappeln sollte, den Fangschuss zu geben. Die Sicherheitsleute versuchten, sich durch die außer Rand und Band geratene Menge zu kämpfen, kamen aber nicht durch, sodass King und der Mörder wie isoliert einander gegenüberstanden.

King richtete seine Pistole auf die Brust des Attentäters. Ohne Warnung und ohne den Killer auf seine ihm von der amerikanischen Verfassung eingeräumten Rechte hinzuweisen, drückte er ab, wie es ihm die Pflicht gebot – einmal, und gleich danach ein zweites Mal, obwohl der erste Schuss schon gereicht hätte. Der Mann brach an Ort und Stelle zusammen und sagte kein einziges Wort; es war, als habe er damit gerechnet, für seine Tat sterben zu müssen, und diese Bedingung stoisch akzeptiert, wie es sich für einen guten Märtyrer gehört. Und alle Märtyrer lassen Menschen wie King zurück, die fortan mit dem Vorwurf leben müssen, dass sie die Tat zugelassen haben. Im Grunde waren an jenem Tag drei Menschen gestorben – und einer von ihnen war King.

Sean Ignatius King, geboren am 1. August 1960, starb am 26. September 1996 in einem Ort, von dem er bis zu diesem letzten Tag seines Lebens nicht einmal den Namen kannte. Und doch erging es ihm viel schlimmer als den anderen Gefallenen: Sie wurden sorgfältig in ihre Särge gebettet und fortan von ihren Lieben betrauert – oder zumindest von jenen, die das liebten, wofür die Toten gestanden hatten. Dem baldigen Ex-Agenten King war solches Glück nicht beschieden: Seine denkwürdige Bürde blieb auch nach seinem Tod noch quicklebendig.

KAPITEL 1      Acht Jahre später

Die Wagenkolonne bog auf den von Bäumen beschatteten Parkplatz ein, hielt an und spuckte zahlreiche Menschen aus, denen sichtlich zu heiß war und die alle müde und entsprechend schlecht gelaunt wirkten. Die kleine Armee marschierte auf den hässlichen, weiß verputzten Backsteinbau zu. Das Gebäude hatte zu verschiedenen Zeiten schon den verschiedensten Zwecken gedient. Derzeit beherbergte es ein verlottertes Bestattungsunternehmen, das nur deshalb noch florierte, weil es in einem Umkreis von fast fünfzig Kilometern das einzige war und die Toten natürlich irgendwo hin mussten. Dem Anlass entsprechend ernst dreinblickende Herren in schwarzen Anzügen standen neben den aufgebahrten, ebenso schwarzen Särgen. Ab und zu traten Trauernde aus der Tür und schluchzten still in vorgehaltene Taschentücher. Ein alter Mann in einem zerlumpten Anzug, der ihm viel zu groß war, und mit einem schmierigen, ramponierten Stetson saß vor dem Eingang auf einer Bank und schnitzte. Es war genau der richtige Ort für eine solche Szenerie: Ein Inbild ländlicher Provinzialität, wo es nichts als Stock-Car-Rennen und das ewige Geleier von Country-Balladen gab.

Als der Tross, in dessen Mitte feierlich ein großer, gut aussehender Mann schritt, an ihm vorbeikam, blickte der Alte neugierig auf, schüttelte den Kopf und grinste, wobei er die wenigen nikotinfleckigen Zähne zeigte, die ihm noch verblieben waren. Dann zog er einen Flakon aus seiner Tasche, nahm einen erfrischenden Schluck und wandte sich wieder seiner Schnitzkunst zu.

Im Gleichschritt folgte dem hoch gewachsenen Mann eine Frau Anfang dreißig. Früher hatte das Gürtelholster mit der schweren Pistole unangenehm an ihrer Hüfte gescheuert und die Haut darunter wund gerieben. Zur Behebung des Problems hatte sich die Frau an dem kritischen Punkt eine zusätzliche Schicht Stoff in die Bluse genäht. Eine gewisse Irritation war zwar immer noch geblieben, aber damit konnte sie leben, wie mit anderen Irritationen auch. Sie hatte zufällig gehört, wie einige ihrer männlichen Kollegen darüber witzelten, dass eigentlich alle weiblichen Agenten links und rechts Schulterholster tragen sollten, denn dann sähen sie auch ohne teure Brustoperationen knackig aus – nun ja, an Testosteronmangel hatte ihr Gewerbe noch nie gelitten.

Die Agentin Michelle Maxwell lebte stets auf der Überholspur. Noch gehörte sie nicht zum inneren Kreis der Leibwächter im Weißen Haus, die den Präsidenten der Vereinigten Staaten bewachten, aber viel fehlte ihr dazu nicht mehr. Obwohl sie erst knapp neun Jahre beim Secret Service war, hatte sie es bereits zur Einsatzleiterin gebracht. Die meisten Agentinnen und Agenten verbrachten zehn Jahre mit Fahndungsarbeit im Außendienst, ehe sie wenigstens schichtweise im Personenschutz eingesetzt wurden – Michelle Maxwell aber war es gewohnt, früher ans Ziel zu kommen als andere.

Ihre derzeitige Aufgabe war sozusagen die Generalprobe vor dem fast sicheren Ruf ins Weiße Haus, und Michelle war beunruhigt. Dieser Aufenthalt war nicht eingeplant gewesen – es hatte also kein Vorab-Team und nur begrenzte Hintergrundinformationen gegeben. Andererseits hatte so eine Reiseplanänderung in letzter Sekunde den Vorteil, dass niemand vor Ort mit dem Besuch rechnen konnte.

Vor dem Haupteingang legte Michelle dem hoch gewachsenen Mann resolut die Hand auf den Arm und bat ihn zu warten, bis sie und ihre Leute das Gebäude überprüft hätten.

Im Leichenschauhaus war es still. In der Luft hing der Geruch von Tod und Verzweiflung, konzentriert vor allem in jenen Nischen des Leidens vor den Särgen in den verschiedenen Aufbahrungsräumen. An bestimmten Schlüsselstellen auf dem Weg ihres Schützlings hatte Michelle Agenten postiert – »Füße verteilt«, wie es im Jargon der Dienste hieß. Wenn man es richtig anstellte, wirkte bereits die einfache Postierung eines Bewaffneten mit Sprechfunkgerät im Eingangsbereich eines Gebäudes Wunder.

Sie sprach ein paar Worte in ihr Walkie-Talkie, und der hoch gewachsene Mann, John Bruno, wurde hereingeführt. Michelle geleitete ihn durch den Flur, verfolgt von Blicken aus den einzelnen Aufbahrungsnischen. Ein Politiker im Wahlkampf und sein Tross waren wie eine Herde Elefanten: Nirgendwo konnten sie leise auftreten. Wo sie mit ihrer Horde von Leibwächtern, Stabschefs, Sprechern, Redenschreibern, PR-Leuten, Assistenten und anderen Hilfskräften durch die Landschaft stampften, wuchs bald kein Gras mehr. Sie boten eine Show, die, wenn sie nicht gerade zum Lachen reizte, so doch zumindest erhebliche Sorgen um die Zukunft des Landes erweckte.

John Bruno bewarb sich um das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und hatte nicht die geringste Chance, gewählt zu werden. Der Mann, dem man seine fünfundsechzig Lebensjahre ganz und gar nicht ansah, kandidierte für keine der großen Parteien, sondern als Unabhängiger. Dank der Unterstützung eines kleinen, aber lautstarken Prozentsatzes von Wählern, der so gut wie alles satt hatte, was der politischen Mitte lieb und teuer war, war es ihm gelungen, sich in jedem einzelnen Bundesstaat für die Präsidentschaftswahlen zu qualifizieren. Und damit stand er unter dem Schutz des Secret Service, wenngleich die Zahl der ihm zugebilligten Sicherheitskräfte nicht so hoch war wie die der aussichtsreicheren Kandidaten. Michelles Aufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass Bruno bis zur Wahl am Leben blieb. Mittlerweile zählte sie die Tage.

John Bruno, ein knallharter ehemaliger Staatsanwalt, hatte sich im Laufe seines Lebens eine Menge Feinde gemacht, von denen sich zurzeit keineswegs alle hinter Schloss und Riegel befanden. Seine politische Botschaft war simpel: Er verkündete, er wolle das Volk von der Last der Regierung und der Verwaltung befreien und dem freien Unternehmertum freie Hand lassen. Und was war mit den Armen und Schwachen, die in einer Gesellschaft ungezügelten Wettbewerbs unter die Räder kamen? Nun ja, bei allen anderen Arten auf dieser Erde gingen die Schwachen eben zugrunde, während die Starken obsiegten – warum also sollte das ausgerechnet beim Homo sapiens anders sein? Es war im Wesentlichen diese Einstellung, die dem Kandidaten Bruno jede Siegeschance nahm. Amerika liebte seine starken Kerle, war aber nicht bereit, sich jemanden an die Spitze zu wählen, der keinerlei Mitleid mit den Mühseligen und Beladenen an den Tag legte – schließlich war es durchaus möglich, dass diese eines Tages die Mehrheit bildeten.

Die Schwierigkeiten begannen, als Bruno mit seinem Stabschef, zwei Assistenten, Michelle und dreien ihrer Sicherheitskräfte im Schlepptau die Leichenhalle betrat. Die Witwe, die vor dem Sarg ihres Ehemanns saß, blickte abrupt auf. Da sie verschleiert war, konnte Michelle ihre Miene nicht erkennen, ging jedoch davon aus, dass sie die Horde von Eindringlingen in die heiligen Hallen mit Überraschung quittierte. Die alte Dame erhob sich und zog sich, sichtbar zitternd, in eine Ecke zurück.

Unvermittelt drehte sich der Kandidat zu Michelle um und fauchte sie an: »Er war ein guter Freund von mir, und ich habe nicht vor, hier eine Truppenparade zu veranstalten. Raus mit Ihnen! Verschwinden Sie!«

»Ich bleibe«, fauchte Michelle zurück. »Nur ich.«

Bruno schüttelte den Kopf. Es kam immer wieder zu solchen Konfrontationen zwischen ihnen. Er wusste, dass seine Kandidatur ein hoffnungsloses Unterfangen war – und hängte sich gerade deshalb umso mehr ins Zeug. Seine Kampagne war ein brutaler Parforceritt – und die Logistik seiner Bewachung ein Albtraum.

»Nein, das ist eine Privatsache!«, blaffte er und warf einen Blick auf die zitternde alte Frau in der Ecke. »Mein Gott, Sie erschrecken sie ja zu Tode. Das ist einfach widerlich.«

Michelle versuchte es noch einmal, aber Bruno ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Unter Verwünschungen drängte er sie alle wieder aus dem Raum. Was sollte ihm in einer Leichenhalle schon passieren? Sollte ihn etwa die achtzigjährige Witwe des Verstorbenen plötzlich anspringen? Oder der Tote wieder lebendig werden? Michelle spürte, dass ihr Schützling ernsthaft zornig war, weil sie ihn wertvolle Wahlkampfminuten kostete. Aber die Idee, hierher zu kommen, war schließlich nicht auf ihrem Mist gewachsen – nur interessierte Bruno dieses Argument in seiner gegenwärtigen Stimmung überhaupt nicht.

Keinerlei Erfolgschancen – und doch bildete sich dieser Mann weiß Gott was ein. Am Wahltag würden ihm die Wähler, einschließlich Michelle, einen Denkzettel erteilen, der einem Tritt in den Hintern gleichkam.

Sie machte einen Kompromissvorschlag: zwei Minuten für ihr Team zur Durchsuchung des Raumes. Bruno stimmte zu, und ihre Männer schwärmten sofort aus. Insgeheim kochte Michelle vor Wut, sagte sich aber, es sei besser, noch ein paar Pfeile im Köcher zu behalten für die wirklich bedeutsamen Schlachten, die noch auf sie zukamen.

Hundertzwanzig Sekunden später kamen ihre Leute wieder heraus und berichteten, dass alles in Ordnung sei. Der Raum hatte nur eine Tür, durch den man ihn betreten und verlassen konnte. Keine Fenster. Außer der alten Dame und dem Toten sei niemand anwesend. Die Raumtemperatur sei kühl. Das war nicht perfekt, ging aber in Ordnung. Michelle nickte dem Kandidaten zu. Bruno sollte sein Tête-à-tête mit dem Verstorbenen haben, und danach konnte die Karawane weiterziehen.

Bruno betrat die Leichenhalle, schloss die Tür hinter sich und ging auf den offenen Sarg zu. An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein zweiter, allerdings leerer Sarg. Von einem hüfthohen Berg wunderschöner Blumen umgeben, ruhte der Sarg mit dem Verstorbenen auf einer Art Sockel, der mit einem vorhangartigen weißen Stoff verkleidet war. Bruno erwies dem Toten seine Reverenz, murmelte »Mach’s gut, Bill!«, und wandte sich dann der Witwe zu, die inzwischen wieder auf ihren Stuhl zurückgekehrt war. Er ging vor ihr in die Knie, und sie reichte ihm die rechte Hand. Bruno drückte sie sanft.

»Es tut mir Leid, Mildred, wirklich sehr Leid. Er war ein guter Mann.«

Die Trauernde sah ihn unter ihrem Schleier hervor an, lächelte und schlug den Blick wieder nieder. Brunos Gesichtsausdruck veränderte sich. Er sah sich vorsichtig um, obwohl die einzige andere Person im Raum nicht mehr in einem Zustand war, der es ihr ermöglicht hätte, zu lauschen. »Du erwähntest noch etwas anderes, worüber du mit mir unter vier Augen sprechen wolltest«, sagte Bruno.

»Ja«, bestätigte die Witwe mit leiser Stimme.

»Ich fürchte, ich habe nicht viel Zeit, Mildred. Worum geht es denn?«

Wie zur Antwort legte sie die linke Hand auf seine Wange, und dann berührten ihre Finger plötzlich seinen Hals. Bruno zog eine Grimasse, als er den scharfen Stich spürte, der seine Haut durchdrang. Einen Augenblick später sank er bewusstlos zu Boden.

KAPITEL 2

Michelle ging im Flur auf und ab, sah auf ihre Armbanduhr und lauschte der tristen Musik, die über eine Lautsprecheranlage das gesamte Gebäude erfüllte. Wer noch nicht todtraurig, deprimiert oder gar selbstmordgefährdet hierher kommt, ist nach fünfminütiger Berieselung mit dieser Musik auf jeden Fall so weit, dachte sie. Dass Bruno die Tür hinter sich geschlossen hatte, ärgerte sie maßlos, aber sie hatte es ihm durchgehen lassen. Eigentlich war es ihr untersagt, eine Schutzperson auch nur eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen, doch die Realität schlug den Vorschriften immer wieder Schnippchen. Zum fünften Mal fragte sie einen ihrer Mitarbeiter: »Sind Sie sich absolut sicher, dass der Raum sauber ist?« Der Mann nickte.

Sie wartete noch ein paar Augenblicke, dann ging sie zur Tür und klopfte an. »Mr Bruno? Wir müssen weiter, Sir!« Als sie keine Antwort bekam, seufzte sie unhörbar auf. Michelle wusste, dass die anderen Agenten ihres Kommandos, die allesamt mehr Dienstjahre auf dem Buckel hatten als sie, genau aufpassten, wie sie sich verhielt. Nur sieben Prozent der annähernd 2400 Agenten im Außendienst waren Frauen, und nur ganz wenige bekleideten Führungspositionen. Nein, leicht war ihr Job bestimmt nicht.

Sie klopfte wieder. »Sir?« Sekunden tickten vorbei, ohne dass etwas geschah. Michelle spürte, wie sich ihre Magenmuskeln anspannten. Sie drehte am Türknopf und blickte ungläubig auf. »Die ist ja abgeschlossen!«

Ein Kollege starrte sie an, genauso perplex wie sie. »Na, dann hat er sich offenbar eingeschlossen.«

»Mr Bruno, ist alles in Ordnung?« Michelle hielt kurz inne und setzte dann hinzu: »Sir, entweder Sie antworten mir jetzt, oder wir kommen rein.«

»Augenblick noch!« Das war unverkennbar Brunos Stimme.

»Okay, Sir, aber wir müssen jetzt definitiv los.«

Nach zwei weiteren Minuten schüttelte Michelle den Kopf und klopfte erneut an die Tür. Keine Antwort. »Sir, wir haben bereits Verspätung.« Sie warf Fred Dickers, Brunos Stabschef, einen Blick zu und sagte: »Fred, wollen Sie ’s mal versuchen?«

Dickers und sie hatten sich schon vor längerer Zeit zusammengerauft. Da sie jeden Tag an die zwanzig Stunden miteinander auskommen mussten, blieb ihnen auch nicht viel anderes übrig. Dass sie ständig gleicher Meinung waren, hieß dies noch lange nicht, und so weit würde es auch nie kommen, doch in der aktuellen Frage stimmten sie überein.

Dickers nickte und rief: »John! Ich bin’s, Fred. Wir müssen jetzt wirklich weiter. Sind schon verdammt spät dran.« Er klopfte an die Tür. »John, hörst du mich?«

Wieder spürte Michelle ihre Magenmuskulatur. Irgendetwas war hier faul. Sie winkte Dickers beiseite und klopfte selber wieder an. »Warum haben Sie die Tür abgeschlossen, Sir?« Keine Antwort. Auf Michelles Stirn bildete sich ein erster Schweißtropfen. Sie zögerte einen Moment, dachte scharf nach und brüllte dann gegen die Tür: »Sir, Ihre Frau ist am Telefon! Eines Ihrer Kinder hat einen schweren Unfall gehabt!«

Die Antwort ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. »Augenblick noch!«

»Brecht die Tür auf! Brecht die Tür auf!«, schrie sie die anderen Agenten an.

Sie warfen sich mit den Schultern dagegen, ein Mal, zwei Mal. Dann gab die Tür nach, und sie stürmten den Raum.

Einen Raum, der leer war – bis auf einen Toten.

KAPITEL 3

Ein Trauerzug hatte sich in Bewegung gesetzt und rollte langsam die alleeartige Zufahrt entlang, die zur Straße führte. Er umfasste nur etwa ein Dutzend Fahrzeuge. Noch ehe der letzte Wagen das Gelände verlassen hatte, stürmten Michelle und ihr Team aus dem Haupteingang des Bestattungsinstituts und schwärmten in alle Richtungen aus.

»Sperren Sie das gesamte Gebiet ab!«, befahl sie den Agenten, die vor Brunos Wagenkolonne postiert waren. Dann sprach sie in ihr Walkie-Talkie: »Ich brauche Verstärkung, egal woher. Hauptsache, sie kommt sofort. Und verbinden Sie mich mit dem FBI.« Ihr Blick fiel auf den letzten Wagen des abfahrenden Trauerzugs. Ihr war klar, dass wegen dieses Vorfalls Köpfe rollen würden, vor allem ihr eigener. Doch im Augenblick dachte sie nur an eines: John Bruno musste wieder her, und zwar vorzugsweise lebendig.

Aus den Transportern der Medien quollen Reporter und Fotografen. Obwohl John Bruno bewusst gewesen war, dass sich ein paar Fotos von ihm am Sarg des Verstorbenen gut gemacht hätten, und trotz entsprechender Interventionen von Seiten Fred Dickers’ hatte er Rückgrat bewiesen und der Presse den Zugang zur Leichenhalle untersagt. Jetzt brach die Meute los, mit der vollen Wucht ihrer journalistischen Leidenschaft: Hatte sie sich zuvor murrend gefügt, witterte sie nun eine Story von weitaus größerer Brisanz, als sie der Beileidsbesuch eines Präsidentschaftskandidaten am Sarg eines alten Freundes je hätte bieten können.

Ehe die Reporter Michelle erreichten, packte diese einen Uniformierten am Arm, der auf sie zugelaufen war und offenbar auf Instruktionen wartete. »Sind Sie ein Kollege aus dem Ort?«, fragte sie ihn.

Er nickte. Seine Augen waren weit aufgerissen, das Gesicht bleich. Der Mann sah aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen oder sich zumindest in die Hosen machen.

Michelle deutete auf die Straße. »Wessen Trauerzug ist das?«

»Harvey Killebrews. Sie bringen ihn zum Friedhof.«

»Halten Sie den Zug auf!«

Der Mann stierte sie dusselig an. »Aufhalten? Ich?«

»Jemand ist entführt worden. Und das da…« Wieder deutete Michelle in die Richtung, in der der Trauerzug verschwunden war. »Das da wäre eine optimale Gelegenheit, den Entführten aus dem Weg zu schaffen – meinen Sie nicht?«

»Ach ja«, erwiderte der Mann langsam. »Das könnte wohl sein.«

»Also sorgen Sie dafür, dass jedes einzelne Fahrzeug gründlich durchsucht wird, vor allem der Leichenwagen.«

»Der Leichenwagen? Aber entschuldigen Sie, Ma’am, da ist doch Harvey drin!«

Michelle musterte seine Uniform. Er war nur ein Hilfspolizist, aber sie konnte es sich jetzt nicht leisten, wählerisch zu sein. Nach einem Blick auf das Namensschildchen an seiner Brust sagte sie sehr ruhig: »Officer Simmons, wie lange sind Sie schon im… äh… im Wach- und Schließgewerbe tätig?«

»Ungefähr einen Monat, Ma’am. Aber ich bin berechtigt, Waffen zu tragen. Bin Jäger, schon seit meinem achten Lebensjahr. Schieß Ihnen die Flügel von ’ner Mücke weg, wenn’s drauf ankommt.«

»Sehr gut.« Einen Monat! So, wie der Bursche aussah, glaubte sie ihm noch nicht einmal das. »Okay, Simmons, hören Sie zu: Ich halte es für gut möglich, dass der Entführte bewusstlos ist – und für den Transport eines Bewusstlosen wäre ein Leichenwagen doch genau das Richtige, meinen Sie nicht auch?« Er nickte, anscheinend begriff er endlich, worauf sie hinauswollte. Ihr Mund verzog sich, und ihre Stimme klang nun knallhart wie ein Pistolenschuss. »Und jetzt ab mit Ihnen! Sie stoppen umgehend diesen Leichenzug und durchsuchen die Fahrzeuge!«

Simmons rannte sofort los. Michelle befahl einigen ihrer Leute, ihm bei dem Einsatz zu helfen und dafür zu sorgen, dass alles glatt ging. Eine andere Gruppe schickte sie in die Leichenhalle, die gründlich durchsucht werden sollte. Es war nicht ganz auszuschließen, dass Bruno irgendwo im Gebäude versteckt worden war.

Sie kämpfte sich durch die Reporter- und Fotografenmeute und bestimmte das Bestattungsinstitut zu ihrer Einsatzzentrale. Dann telefonierte sie wieder, studierte Landkarten der Umgebung und koordinierte die Fahndung. Sie legte einen inneren Ring um den Tatort mit einem Radius von einer Meile um das Bestattungsinstitut herum fest. Und dann kam der Anruf, den sie gerne vermieden hätte, der sich aber nicht länger hinausschieben ließ: Sie wählte die Nummer ihrer Vorgesetzten und sprach die Worte aus, die von nun an untrennbar mit ihrem Namen und ihrer gescheiterten Karriere beim Secret Service verbunden bleiben sollten.

»Hier spricht Agentin Michelle Maxwell, Einsatzleiterin Personenschutz John Bruno. Wir haben – ich habe – unsere Schutzperson verloren… ja, verloren. John Bruno ist offenbar entführt worden. Die Fahndung läuft, die örtlichen Polizeibehörden und das FBI sind informiert.« Sie hatte das Gefühl, das Fallbeil sause bereits auf ihren Nacken zu.

Michelle schloss sich dem Trupp an, der auf der Suche nach Bruno das Bestattungsinstitut vom Keller bis zum Dachgeschoss durchkämmte und dabei das Interieur buchstäblich in seine Einzelteile zerlegte. Ein solches Vorgehen am Tatort vor Eintreffen der Spurensicherung war, milde ausgedrückt, problematisch. Aber sie konnten sich jetzt nicht über die bevorstehenden Ermittlungen den Kopf zerbrechen; sie mussten den vermissten Kandidaten suchen.

In der Leichenhalle, aus der Bruno verschwunden war, wandte sich Michelle an einen der Männer, die den Raum vor Brunos Eintritt überprüft hatten. »Wie, zum Teufel, konnte das passieren?«, fuhr sie ihn an.

Der Angesprochene war ein Secret-Service-Veteran und ein guter Mann obendrein. Ungläubig schüttelte er den Kopf. »Der Raum war sauber, Mick«, sagte er. »Echt sauber.«

Bei der Arbeit kam es immer wieder vor, dass Michelle »Mick« genannt wurde. Sie hatte nichts dagegen: Irgendwie war sie auf diese Weise den Jungs näher, ihnen ähnlicher, und das war – wie sie sich zähneknirschend eingestand – gar nicht so übel.

»Haben Sie die Witwe überprüft? Sie befragt?«

Der Mann sah sie skeptisch an. »Sollten wir etwa eine alte Frau in die Mangel nehmen, deren Ehemann zwei Meter weiter im Sarg liegt? Wir haben ihre Handtasche angesehen, ja, aber eine intime Leibesvisitation war nun wirklich nicht angebracht.« Er atmete tief durch. »Wir hatten exakt zwei Minuten Zeit. Jetzt nennen Sie mir mal irgendwen, der so einen Job in zwei Minuten perfekt erledigen kann.«

Michelle versteifte sich, als ihr die Bedeutung dieser Worte bewusst wurde. Alle Beteiligten würden versuchen, die eigene Haut und den Pensionsanspruch zu retten. Im Nachhinein sah es verdammt schwach aus, dass sie nur zwei Minuten für die Sicherheitsüberprüfung genehmigt hatte. Michelles Blick fiel auf den Türknopf, mit dem die Tür von innen verriegelt worden war.

Zwei Meter weiter im…? Sie sah sich nach dem kupferfarbenen Sarg um und ließ den Bestattungsunternehmer rufen, der kurz darauf zu ihr kam. Er war jetzt noch viel blasser, als bei Leuten seiner Zunft gemeinhin üblich. Michelle fragte ihn, ob es sich bei dem Toten tatsächlich um Bill Martin handele. Ja, sagte der Mann.

»Und Sie sind sich ganz sicher, dass die Frau an seinem Sarg seine Witwe war?«

»Was für eine Frau?«, wollte er wissen.

»Eine Frau in Schwarz saß hier im Raum. Sie war verschleiert.«

»Ich weiß nicht, ob diese Frau Mrs Martin war oder jemand anders. Ich habe sie nicht hereinkommen sehen.«

»Ich brauche Mrs Martins Telefonnummer. Außerdem dürfen weder Sie noch Ihre Angestellten das Gebäude verlassen, bis das FBI eingetroffen ist und seine Ermittlungen abgeschlossen hat.«

Der Mann wurde noch blasser im Gesicht – sofern das überhaupt möglich war. »Das FBI?«

Michelle ließ ihn gehen, und ihr Blick fiel auf den Sarg und den Fußboden davor. Sie bückte sich, um ein paar Rosenblütenblätter aufzuheben, die heruntergefallen waren. Dabei geriet ihr Kopf auf Augenhöhe mit dem Sockel, auf dem der Sarg ruhte. Michelle beugte sich über die Blumen und zog vorsichtig den vorhangartigen Stoff beiseite, der den Sockel verdeckte. Eine Vertäfelung kam zum Vorschein. Michelle klopfte dagegen. Es klang hohl. Nachdem sie sich Handschuhe übergestreift hatte, hob sie mit einem Kollegen eines der Holzpaneele ab und legte einen Hohlraum frei, in dem sich problemlos ein ausgewachsener Mann verstecken konnte. Michelle schüttelte den Kopf über sich selbst. Das hatte sie gründlich versiebt.

Einer ihrer Leute trat zu ihr und zeigte ihr ein technisches Gerät in einem durchsichtigen Plastikbeutel. »Eine Art digitales Tonbandgerät«, sagte er.

»Brunos Stimme! Damit haben sie uns also geleimt!«

»Sie müssen eine Rede von ihm oder so etwas mitgeschnitten haben. Den Ausruf ›Augenblick noch!‹ hielten sie dann offenbar für am besten geeignet, uns noch eine Weile zu vertrösten, weil er auf alle möglichen Fragen Antwort gibt. Sie haben ihn mit Ihrer Bemerkung über Brunos Kinder ausgelöst. Irgendwo muss noch eine Wanze versteckt sein…«

»… weil das Gerät ja sonst auf meinen Ruf hin nicht angesprungen wäre«, ergänzte Michelle.

»Genau.« Der Mann deutete auf die gegenüberliegende Wand, wo gerade ein Teil der gepolsterten Verkleidung entfernt worden war. »Da hinten ist eine Tür, die zu einem geheimen Durchgang führt.«

»Dann sind sie also dort hinaus.« Michelle gab dem Agenten den Plastikbeutel zurück. »Stellen Sie das Gerät wieder genau dort hin, wo Sie es gefunden haben. Ich habe keine Lust, mich vom FBI darüber aufklären zu lassen, dass man an einem Tatort nichts verändern darf.«

»Es muss doch einen Kampf gegeben haben«, sagte der Agent. »Wie ist es möglich, dass wir keinen Ton gehört haben?«

»Na wie schon, bei dieser Totenmusik, die hier überall plärrt?«, gab Michelle scharf zurück.

Sie betraten den verborgenen Gang. Die rollbare Bahre mit dem leeren Sarg war an der Tür zurückgelassen worden, die nach draußen hinter das Gebäude führte. Nach der Rückkehr in die Leichenhalle ließ Michelle noch einmal den Bestattungsunternehmer kommen und zeigte ihm den Gang.

Der Mann wirkte völlig perplex. »Davon habe ich nichts gewusst«, sagte er.

»Wie bitte?«, fragte Michelle ungläubig.

»Wir arbeiten hier erst seit zwei Jahren – das heißt, seitdem das einzige andere Bestattungsinstitut weit und breit dicht gemacht hat. Das Gebäude konnten wir nicht übernehmen, weil es unter den Hammer kam. Das Haus hier war schon alles Mögliche, bevor wir es anmieteten und in ein Bestattungsunternehmen umwandelten. Die gegenwärtigen Eigentümer haben nur einige wenige bauliche Verbesserungen vorgenommen. Gerade dieser Raum hier, die Leichenhalle, ist kaum verändert worden. Von dieser Tür und dem Gang dahinter hatte ich keine Ahnung.«

»Sie vielleicht nicht, aber jemand anders«, erwiderte Michelle schroff. »Am Ende des Gangs befindet sich eine Tür, die nach draußen führt, zur Rückseite des Gebäudes. Wollen Sie mir weismachen, dass Sie auch von dieser Tür keine Ahnung haben?«

»Der rückwärtige Teil des Hauses dient als Lager. Man kommt durch mehrere Türen von innen da rein.«

»Haben Sie da hinten ein Fahrzeug stehen sehen?«

»Nein, aber da komme ich ja auch nie hin.«

»Ist sonst jemandem irgendetwas aufgefallen?«

»Da muss ich mich erst erkundigen.«

»Nein, ich werde mich erkundigen.«

»Ich versichere Ihnen, dass wir ein absolut seriöses Unternehmen sind.«

»Sie haben geheime Gänge und Außentüren im Haus, von denen Sie keine Ahnung haben. Haben Sie denn keine Angst vor Einbrechern und dergleichen?«

Er sah sie mit leerem Blick an und schüttelte den Kopf. »Wir sind hier nicht in der Großstadt. Hier hat es noch nie ein Verbrechen gegeben.«

»Mit dieser Glückssträhne ist es jetzt vorbei. Können Sie mir Mrs Martins Telefonnummer geben?«

Er gab sie ihr, doch als sie die Nummer wählte, ging niemand an den Apparat.

Eine Weile lang stand Michelle mutterseelenallein mitten im Raum. Ihre ganze Arbeit, all die Jahre, in denen sie sich und allen anderen bewiesen hatte, dass sie ihr Fach beherrschte – alles für die Katz! Ihr blieb nicht einmal der Trost, mit ihrem Körper eine dem Kandidaten zugedachte tödliche Kugel abgefangen zu haben. Michelle Maxwell war nun Geschichte – und wusste genau, dass ihre Rolle beim Secret Service ebenfalls Geschichte war. Mit ihrer Karriere war es aus und vorbei.

KAPITEL 4

Der Trauerzug wurde angehalten und jedes Fahrzeug durchsucht, auch der Leichenwagen. Bei dem Toten handelte es sich tatsächlich um Harvey Killebrew, einen treu sorgenden Vater, Großvater und Ehemann, was jeder bestätigen konnte, der den Leichnam nach der Öffnung des Sarges sah. Die Trauergäste waren nahezu ausnahmslos Herrschaften älteren Semesters, die angesichts der vielen bewaffneten Männer sichtlich verängstigt waren. Obwohl keiner von ihnen auch nur im Entferntesten den Eindruck erweckte, ein Entführer zu sein, wurde die gesamte Kavalkade samt Leichenwagen zum Bestattungsinstitut zurückbeordert.

Hilfspolizist Simmons wandte sich an einen Secret-Service-Agenten, der gerade seinen Wagen bestieg, um die Karawane zurückzugeleiten, und fragte ihn: »Was soll ich jetzt tun, Sir?«

»Ich brauche jemanden, der die Straße hier im Auge behält. Sie halten jeden an, der aus der Stadt raus oder in die Stadt rein will, und überprüfen sorgfältig seine Papiere. Sobald es möglich ist, schicken wir Ihnen Verstärkung. Bis dahin ist das Ihr Job, verstanden?«

Simmons wirkte hochgradig nervös. »Das ist ’n echt dickes Ding, was?«

»Das ist das dickste Ding Ihres Lebens, mein Junge. Hoffentlich geht es gut aus. Leider habe ich da meine Zweifel.«

Neal Richards, auch er ein Agent, stieß zu ihnen und sagte: »Ich bleibe auch hier, Charlie. Ich halte es nicht für ideal, ihn hier allein zu lassen.«

Charlie sah seinen Kollegen prüfend an und fragte ihn: »Sind Sie sicher, Neal, dass Sie nicht mit zurück zum Rudel wollen? Keine Lust?«

Richards lächelte grimmig und erwiderte: »Ich habe keine Lust, Michelle Maxwell jetzt über den Weg zu laufen. Ich bleib bei dem Jungen hier.« Er kletterte in den Lieferwagen neben Simmons, der das Gefährt quer zur Fahrtrichtung parkte und damit die Straße blockierte. Sie sahen noch den sich allmählich entfernenden Trauergästen und Sicherheitsagenten nach und konzentrierten sich dann auf die Umgebung. Kein Mensch war zu sehen. Simmons’ Hand umklammerte fest den Griff seiner Dienstpistole, wobei die schwarzen Lederhandschuhe quietschende Geräusche von sich gaben. Dann beugte er sich vor, drehte mit der Linken den Ton des Polizeifunks lauter, sah den altgedienten Secret-Service-Agenten nervös an und sagte: »Ich weiß, dass Sie mir wahrscheinlich nichts sagen dürfen – aber was ist da hinten eigentlich passiert?«

Richards würdigte ihn keines Blickes. »Stimmt, das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Ich bin hier aufgewachsen«, sagte Simmons, »und kenne wirklich jeden Quadratmeter in der Gegend. Wenn ich jemanden rausschmuggeln wollte, würde ich ’s über den Waldweg probieren, der einen knappen Kilometer weiter von der Straße abzweigt. Wenn Sie diese Abkürzung nehmen und auf der anderen Seite wieder rauskommen, haben Sie mir nichts, dir nichts sieben oder acht Kilometer Vorsprung.«

Jetzt sah Richards ihn doch an und sagte mit gedehnter Stimme: »Ach ja, sind Sie sich da ganz sicher?« Er lehnte sich etwas zur Seite und griff in seine Jackentasche.

Sekundenbruchteile später sackte Secret-Service-Agent Neal Richards mit dem Gesicht voran auf dem breiten Sitz des Lieferwagens zusammen. In der Mitte seines Rückens war ein kleines rotes Loch, und der Kaugummistreifen, den er gerade aus seiner Jackentasche gezogen hatte, steckte noch zwischen den verkrampften Fingern seiner rechten Hand. Simmons drehte sich um. Hinten, auf der Ladefläche, schraubte eine Frau den Schalldämpfer von einer kleinkalibrigen Pistole. Sie hatte sich in einer Nische unter dem doppelten Boden des Fahrzeugs versteckt gehalten. Das Rauschen des Polizeifunks hatte das leise Klappern übertönt, das sich beim Herauskrabbeln nicht vermeiden ließ. »Kleinkaliber Dumdum«, sagte sie. »Ich wollte, dass es im Körper stecken bleibt. Macht nicht so eine Schweinerei.«

Simmons lächelte. »Dieser Charlie hatte schon Recht, das ist echt ein dickes Ding.« Er nahm dem toten Agenten das Sprechfunkgerät ab und warf es mit Schwung in den angrenzenden Wald. Dann fuhr er los, stadtauswärts, und bog nach ungefähr einem Kilometer in einen verkrauteten Waldweg ein. Die Leiche von Agent Richards warfen sie in eine überwucherte Schlucht gleich neben dem Pfad. Simmons hatte den Mann nicht belogen: Dieser Weg war die ideale Fluchtroute. Nach weiteren hundert Metern und zwei Kurven erreichten sie eine aufgelassene Scheune mit offen stehendem Tor und teilweise eingefallenem Dach. Simmons fuhr hinein, sprang aus dem Wagen und schloss die Tore. Neben ihnen stand ein weißer Pickup.

Die Frau, die hinten aus dem Lieferwagen stieg, sah jetzt nicht mehr wie eine alte Witwe aus. Sie war blond, jung, schlank, aber durchtrainiert und trug Jeans und einen weißen Pulli. Sie hatte in ihrem kurzen Leben schon viele Falschnamen benutzt, gegenwärtig war sie »Tasha«. Simmons war schon gefährlich genug, doch Tasha war absolut tödlich, denn sie verfügte über die wichtigste Eigenschaft des eiskalten Killers: Sie hatte kein Gewissen.

Simmons zog seine Uniform aus und stand nun in Jeans und T-Shirt da. Er griff sich ein Schminkköfferchen, das im Laderaum des Lieferwagens verstaut war, streifte die Perücke, die dazu passenden Koteletten und Augenbrauen sowie die anderen Accessoires seiner Gesichtsmaske ab. Er war es gewesen, der sich in dem Hohlraum unter Bill Martins Sarg verborgen gehalten hatte. Er hatte Tasha geholfen, John Bruno hinauszutragen, und war danach in die Rolle von »Officer Simmons« geschlüpft.

Als Nächstes holten sie die große Kiste, in der Bruno lag, von der Ladefläche. Für den Fall, dass sich jemand dafür interessiert hätte, besagte die Deckelaufschrift, dass sich Fernmeldegeräte darin befanden. Vor dem Rückfenster des Pickups stand ein großer Werkzeugkasten. Tasha und Simmons legten Bruno dort hinein, schlossen den Deckel und sperrten den Kasten ab. Deckel und Seitenwände enthielten einige Luftlöcher, außerdem war das Innere gepolstert. Mit Heuballen, die in einer Ecke der Scheune gestapelt waren, bedeckten die beiden den Werkzeugkasten, jedenfalls zum größten Teil. Dann sprangen sie in die Kabine, setzten sich Kappen mit der Aufschrift »John Deere«, einer Firma für Landwirtschaftsmaschinen, auf, starteten den Motor und ließen die Scheune hinter sich. Über einen anderen verkrauteten Wald- und Wiesenweg erreichten sie nach etwa drei Kilometern wieder eine größere Landstraße.

Ein unaufhaltsamer Strom von Streifenwagen, schwarzen Limousinen und schweren Geländewagen kam ihnen entgegen, alle zweifellos unterwegs zum Tatort. Ein junger Polizist lächelte der hübschen Frau auf dem Beifahrersitz des Pickups im Vorbeifahren sogar zu. Tasha bedachte ihn mit einem schmachtenden Blick und winkte zurück, während der entführte Präsidentschaftskandidat noch immer bewusstlos im Werkzeugkasten unter dem Heu lag.

Drei Kilometer Vorsprung hatte der alte Mann, der am Eingang des Bestattungsinstituts gesessen hatte, als die Wahlkampftruppe des Kandidaten vorgefahren war. Er hatte seine Schnitzerei beendet und war ein paar Minuten bevor das Gelände von Michelle Maxwell weiträumig abgeriegelt worden war, davongefahren. Jetzt saß er allein in seinem uralten Buick mit dem röhrenden Auspufftopf. Seine Kollegen hatten ihn gerade über den problemlosen Abtransport des Politikers informiert. Einziges Opfer dabei war ein Secret-Service-Agent. Er hatte das Pech gehabt, sich mit einem Mann zusammenzutun, den er offensichtlich für vollkommen harmlos hielt.

Jetzt ging es endlich los! Endlich, nach all der Zeit und den enormen Vorarbeiten, ging es jetzt los!

Die Freude darüber ließ ihn strahlen.

KAPITEL 5

Der rote Ford Explorer hielt tief im Wald neben einem großen Blockhaus aus Zedernholz, das sich durchaus sehen lassen konnte: Obwohl nur von einem einzigen Menschen bewohnt, war es eher eine repräsentative Lodge als ein einfaches Familienquartier fürs Wochenende. Der Fahrer stieg aus und reckte sich. Es war noch früh am Tage; gerade erst war die Sonne aufgegangen.

Sean King stieg die breite, handgezimmerte Holztreppe empor, schloss die Tür auf und begab sich sofort in die Küche, um Kaffee aufzusetzen. Während der durchlief, sah King sich um, betrachtete mit Zufriedenheit die passgenauen Ecken und Balken sowie das ausgewogene Größenverhältnis zwischen Fenster- und Wandflächen. Nahezu vier Jahre lang hatte er nur in dem kleinen Wohnwagen gehaust, der hier auf dem sechs Hektar großen Waldgrundstück in den Blue Ridge Mountains, etwa sechzig Kilometer westlich von Charlottesville gelegen, abgestellt war. Das Haus hatte er in dieser Zeit fast ohne jede Hilfe selbst gebaut.

Das Mobiliar bestand aus Ledersesseln, üppigen Polstersofas, Holztischen, Orientteppichen, kupfernen Lampen, schmucklosen Regalen mit ausgewählter Literatur, aus Öl- und Pastellbildern, die überwiegend von Künstlern aus der Umgebung stammten, sowie einer Fülle von anderen Gegenständen, die man im Laufe eines Lebens sammelt oder erbt. Und King, der mit seinen mittlerweile vierundvierzig Jahren schon mindestens zwei Leben hinter sich hatte, verspürte nicht die geringste Lust, sich noch ein weiteres Mal neu zu erfinden.

Er ging ins Obergeschoss und über den Holzsteg, der um das ganze Haus herum lief, in sein Schlafzimmer. Auch hier hatte alles seine Ordnung, alles war an seinem Platz, und kein Millimeter Raum war verschwendet worden.

King zog seine Polizistenuniform aus und ging unter die Dusche, um sich den Schweiß einer arbeitsreichen Nacht abzuspülen. Er rasierte sich, wusch sich die Haare und ließ die Operationsnarbe an seinem Mittelfinger vom heißen Wasser aufweichen. An das kleine Souvenir aus seiner Zeit als Secret-Service-Agent hatte er sich längst gewöhnt.

Wäre er beim Service geblieben, so würde er jetzt vermutlich statt in einem schönen Holzhaus im malerischen Herzen Virginias in einem schuhschachtelgroßen Appartement in einer stumpfsinnigen Schlafsiedlung jenseits des Washingtoner Beltway wohnen und wäre nach wie vor mit seiner einstigen Frau verheiratet. Mit Sicherheit würde er sich um diese Morgenstunde nicht für den Gang in die eigene florierende Anwaltspraxis fertig machen, und mit absoluter Sicherheit wäre er kein ehrenamtlicher Hilfspolizist, der einmal pro Woche in seiner ländlichen Heimatgemeinde den Nachtdienst übernahm. Stattdessen müsste er alle Nase lang irgendwo hinfliegen und irgendwelchen Politikern dabei zuschauen, wie sie grinsten und logen und Kleinkinder küssten, sich endlos in Geduld üben und jeden Moment darauf gefasst sein, dass jemand versuchte, seinen Schützling umzubringen. Was für eine groteske Existenz, samt Vielflieger-Bonus und so vielen Aufputschtabletten, wie er wollte!

Er zog sich Anzug und Krawatte an, kämmte sich die Haare, trank seinen Kaffee auf der verglasten Veranda vor der Küche und las dabei die Zeitung. Die erste Seite wurde beherrscht von der Berichterstattung über die Entführung John Brunos und die Fahndungsarbeit des FBI. King las alles sorgfältig durch und merkte sich die wichtigsten Einzelheiten. Dann schaltete er den Fernsehapparat ein, suchte und fand einen Nachrichtensender und bekam gerade noch mit, wie eine Reporterin über den Tod des altgedienten Secret-Service-Agenten Neal Richards berichtete. Er hinterließ eine Frau und vier Kinder.

Das war alles zweifellos tragisch und traurig, doch wenigstens kümmerte sich der Secret Service um die Hinterbliebenen. Neal Richards’ Familie konnte mit voller Unterstützung rechnen. Den Verlust wog das zwar nicht auf, doch es war wenigstens etwas.

Die Reporterin berichtete weiter, dass seitens des FBI bisher noch keine Stellungnahme vorläge. »Kein Wunder«, sagte King zu sich selbst; das war absolut nicht üblich. Dennoch würde über kurz oder lang irgendwas durchsickern. Irgendjemand würde den Mund nicht halten, ein Bekannter würde mit dem Aufgeschnappten zu einem Bekannten bei der Post oder der Times rennen, und damit wüsste alle Welt Bescheid. Auch wenn diese Informationen mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun hätten. Der Medienmoloch hatte einen unstillbaren Appetit, und keine Organisation konnte es sich leisten, ihn am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen, nicht einmal das FBI.

Er richtete sich auf und starrte die Frau auf dem Fernsehbildschirm an, die neben einer Gruppe von Leuten vor einem Podium stand. Das war die Secret-Service-Seite der Affäre, das spürte er instinktiv. Er kannte diese Sorte nur allzu gut. Die Frau wirkte professionell und souverän und verfügte über jene gespannte Wachsamkeit, die King nur allzu vertraut war. Und da war noch etwas in ihrem Ausdruck, etwas, was er sich zunächst nicht erklären konnte. Ein inneres Feuer auf jeden Fall, das hatten sie ja alle in dieser Branche, der eine mehr, der andere weniger. Aber da war noch etwas – ein unterschwelliger Trotz vielleicht?

Der Secret Service unterstütze das FBI in jeder Hinsicht, sagte einer der Männer, und selbstverständlich würden auch interne Untersuchungen angestellt. King wusste, dass diese Aufgabe von einer speziellen Kommission übernommen würde – er hatte das nach der Ermordung Ritters alles am eigenen Leib erfahren müssen. Wenn er die bürokratische Doppelzüngigkeit richtig interpretierte, so bedeutete dies, dass man die Schuldigen längst ausgemacht hatte. Sie würden öffentlich bekannt gegeben, sobald die beteiligten Parteien sich darüber einig waren, mit welchem Unterton man die entsprechenden unangenehmen Nachrichten verkaufen wollte.

Die Pressekonferenz war vorbei. Die Frau entfernte sich vom Podium und stieg in einen schwarzen Pkw. Auf Anordnung des Service stehe sie für Fragen der Presse nicht mehr zur Verfügung, sagte die Berichterstatterin – nicht ohne sie freundlicherweise vorher noch als Michelle Maxwell zu identifizieren, Leiterin der Personenschutzeinheit, die John Bruno verloren hatte.

Wieso führen sie sie dann überhaupt der Presse vor, fragte sich King. Warum vor dem Raubtierkäfig mit frischem Fleisch herumwedeln? Es dauerte nur Sekunden, bis ihm die Antwort einfiel: Der künftige Sündenbock brauchte ein Gesicht. Der Secret Service hatte mehrfach bewiesen, dass er seine Leute zu schützen verstand. Es war ja nicht das erste Mal, dass seine Agenten Mist gebaut hatten. Man beurlaubte sie, nahm sie damit aus der Schusslinie und versetzte sie später auf einen anderen Posten. In diesem Fall verhielt es sich offenbar anders: Wahrscheinlich war der politische Druck so stark, dass Köpfe rollen mussten, oder zumindest einer. »Hier, liebe Leute, hier habt ihr die Verantwortliche« – so oder so ähnlich mochte man an zuständiger Stelle gedacht haben. »Packt sie euch ruhig, auch wenn die Ergebnisse der offiziellen Untersuchungen noch auf sich warten lassen.« Mit einem Mal verstand King den unterschwelligen Trotz in den Zügen der Frau. Sie wusste genau, was gespielt wurde. Die Lady war Zuschauerin bei ihrer eigenen Hinrichtung und fühlte sich nicht wohl in dieser Rolle.

King schlürfte seinen Kaffee, mampfte eine Scheibe Toast und sagte zu der bereits von der Bildfläche verschwundenen Agentin: »Kein Wunder, dass dich das alles ankotzt, Michelle. Sie schicken dich auf jeden Fall in die Wüste, da kannst du Gift drauf nehmen.«

Plötzlich erschien Michelle Maxwell wieder im Bild, und man erfuhr mehr über ihren Hintergrund. Die Frau war als ehemaliges Mitglied der amerikanischen Studentenmannschaften im Basketball und in der Leichtathletik nicht nur ein sportliches Ass, sondern auch ein akademisches Schwergewicht: In nur drei Jahren hatte sie ihr Kriminalistik-Studium an der Georgetown University durchgezogen. Und als wäre dies alles noch nicht genug, hatte sie ihre beachtlichen sportlichen Talente noch in einer weiteren Sportart unter Beweis gestellt und bei den olympischen Spielen eine Silbermedaille im Rudern gewonnen… Eine akademisch gebildete Sportlerin, in der Tat sehr anregend, dachte King. Michelle Maxwell hatte ein Jahr lang bei der Polizei in ihrem Heimatstaat Tennessee gearbeitet, sich dann dem Secret Service angeschlossen und dort die Karriereleiter doppelt so schnell wie üblich erklommen. Im Augenblick jedoch spielte sie die schöne Rolle des Sündenbocks.

Und schön ist sie, auch als Sündenbock, dachte King – und stockte. Schön? Ja, und doch verriet das Bild auch maskuline Qualitäten. Da war zum Beispiel ihr energischer, fast ein wenig ausladender Gang. Oder ihre beeindruckende Schulterbreite – kein Wunder bei so viel Ruderei. Oder ihre markante Kieferpartie, die auf eine sich immer wieder durchsetzende, verbissene Hartnäckigkeit deutete. Dennoch wies sie auch unleugbar feminine Züge auf. Sie war über eins fünfundsiebzig groß, trotz der breiten Schultern schlank und hatte hübsche, zarte Kurven. Ihr glattes, schwarzes Haar trug sie schulterlang, noch den Vorschriften des Service entsprechend, aber doch schick. Sie hatte hohe, kräftige Wangenknochen und grün schimmernde, intelligente Augen, denen garantiert nur sehr wenig entging. Ohne einen solchen Röntgenblick konnte man im Secret Service gleich einpacken.

Der Gesamteindruck, den Michelle Maxwell vermittelte, war nicht der einer klassischen Schönheit. Aber man erkannte deutlich, dass sie das Mädchen war, das schon immer schneller und gescheiter war als alle Jungen. In der High School waren höchstwahrscheinlich alle männlichen Wesen ganz versessen darauf gewesen, sie entjungfern zu dürfen, aber King war überzeugt, dass das niemandem gelungen war – es sei denn zu Maxwells eigenen Bedingungen.

Na ja, sagte er in Gedanken zu der Frau auf dem Bildschirm, es gibt ein Leben nach dem Service… Du kannst noch einmal von vorn anfangen und dich unter anderen Vorzeichen neu profilieren. Du kannst, allen Unkenrufen zum Trotz, sogar ein halbwegs glückliches Leben führen. Nur vergessen wirst du nicht können. Tut mir Leid für dich, Michelle Maxwell, aber auch in diesem Punkt spreche ich aus Erfahrung…

Er sah auf seine Armbanduhr. Es war höchste Zeit. Sein Brotberuf rief nach ihm: Testamente und Pachtverträge ausfertigen und sich die Arbeit nach dem gültigen Stundensatz bezahlen lassen. Das war zwar nicht annähernd so spannend wie seine frühere Tätigkeit, doch in dieser Phase seines Lebens hatte Sean King überhaupt nichts gegen langweilige Routinearbeit einzuwenden. Was er an Aufregungen schon hinter sich hatte, reichte noch für mehrere weitere Leben.

KAPITEL 6

King fuhr sein Lexus-Cabriolet mit offenem Verdeck aus der Garage und trat zum zweiten Mal innerhalb von acht Stunden die Fahrt zur Arbeit an. Die kurvenreiche Bergstraße bot atemberaubende Ausblicke; hier und da zeigte sich Wild. Verkehr gab es kaum, jedenfalls nicht, bevor er auf den Highway Richtung Stadt einbog. Seine Kanzlei lag an der Main Street, die ihren Namen zu Recht trug, war sie doch die einzige einigermaßen ernst zu nehmende Straße im Herzen von Wrightsburg, einer kleinen und relativ jungen Gemeinde auf halbem Wege zwischen den erheblich größeren Städten Lynchburg und Charlottesville.

Er stellte den Wagen auf dem Parkplatz hinter dem zweistöckigen, aus weißem Klinker erbauten Haus ab, in dem das »Anwaltsbüro und Notariat King & Baxter« untergebracht war, wie das Firmenschild am Eingang stolz verkündete. King hatte an der nur dreißig Autominuten entfernten Universität von Virginia Rechtswissenschaften studiert, bis er nach zwei Jahren den Bettel hinschmiss und sich für eine Karriere beim Secret Service entschied. Damals hatte er sich nach einem Leben gesehnt, das mehr Aufregung versprach als jenes, das ihm ein Stapel juristischer Lehrbücher und die sokratische Methode bieten konnten. Er konnte sich nicht beklagen: Sein Quantum an Abenteuern hatte er gehabt.

Nachdem sich der durch die Ermordung Clyde Ritters aufgewirbelte Staub gelegt hatte, war King aus dem Secret Service ausgeschieden, an die Universität zurückgekehrt, hatte sein Studium abgeschlossen und eine Ein-Mann-Kanzlei in Wrightsburg eröffnet. Inzwischen hatte er einen Geschäftspartner gefunden und sich in jeder Hinsicht eingelebt: Er war ein angesehener Jurist und mit vielen prominenten und einflussreichen Bürgern der Region befreundet. Er diente seiner Gemeinde als ehrenamtlicher Hilfspolizist und auf anderen Gebieten. Als einer der begehrtesten Junggesellen weit und breit ging er mit Frauen aus, die ihm gefielen, und ließ es bleiben, wenn sie ihm nicht gefielen. Er verfügte über einen großen, sehr gemischten Bekanntenkreis und einen kleinen harten Kern echter Freunde. Seine Arbeit machte ihm Spaß, er genoss seine Freizeit und ließ sich ansonsten kaum aus der Ruhe bringen. Sein Leben bewegte sich in einem sorgfältig aufgebauten, unspektakulären Rahmen, und er war damit vollkommen zufrieden.

Als er aus dem Lexus stieg, erblickte er die Frau und überlegte, ob er nicht schleunigst wieder hinter dem Steuer verschwinden sollte, aber es war bereits zu spät. Sie hatte ihn gesehen und kam sofort auf ihn zu.

»Hallo, Susan«, sagte er und holte seine Aktentasche vom Beifahrersitz.

»Sie sehen müde aus«, sagte sie. »Ich weiß wirklich nicht, wie Sie das alles schaffen.«

»Was schaffen?«

»Tagsüber viel beschäftigter Anwalt, nachts Polizist.«

»Freiwilliger Hilfspolizist, Susan, und das nur einmal in der Woche. Ehrlich gesagt, das Aufregendste, was vergangene Nacht passiert ist, war, dass ich einem Opossum ausweichen musste. Fast hätte ich es erwischt.«

»Ich wette, dass Sie beim Secret Service tagelang ohne Schlaf auskommen mussten. Wie aufregend, aber sicherlich auch furchtbar anstrengend!«

»Nein, eigentlich nicht«, sagte er und machte sich auf den Weg ins Büro. Sie folgte ihm.

Susan Whitehead war Anfang vierzig, geschieden, attraktiv, reich und offenbar fest entschlossen, ihn zu ihrem vierten Ehemann zu machen. King hatte sie bei ihrer letzten Scheidung anwaltlich vertreten und kannte daher aus erster Hand ihre unglaubliche Launenhaftigkeit und Rachsucht. Seine Sympathien lagen eindeutig beim armen Gatten Nummer drei, einem schüchternen, verschlossenen Mann, der hoffnungslos unter ihrer Knute gestanden hatte. Eines Tages war er ausgebrochen und hatte sich in Las Vegas vier Tage lang dem Suff, dem Spiel und dem Sex hingegeben – und das war der Anfang vom Ende gewesen. Inzwischen war er ärmer, aber zweifellos auch glücklicher. King hatte nicht die geringste Lust, an seine Stelle zu treten.

»Ich gebe am Samstagabend eine kleine Dinnerparty und würde mich sehr über Ihren Besuch freuen«, sagte Susan.

Er rief sich seinen Terminkalender ins Gedächtnis, stellte fest, dass er am Samstagabend noch nichts vorhatte und sagte, ohne mit der Wimper zu zucken: »Tut mir Leid, aber da bin ich schon ausgebucht. Trotzdem vielen Dank. Vielleicht ein andermal.«

»Sie sind oft ausgebucht, Sean«, erwiderte sie leise. »Ich hoffe doch sehr, dass irgendwann mal eine Lücke für mich frei ist.«

»Ein Anwalt und seine Klientin sollten sich persönlich nicht zu nahe kommen, Susan, das ist nicht gut.«

»Aber ich bin doch gar nicht mehr Ihre Klientin.«

»Trotzdem, es ginge nicht gut, glauben Sie mir.« Er stand jetzt vor der Haustür und schloss auf, bevor er hinzufügte: »Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.« Dann ging er hinein, verharrte einige Sekunden lang im Foyer, atmete erleichtert auf, als er merkte, dass sie nicht hinter ihm hergefegt kam, und ging die Treppe zu den Büroräumen hinauf. Er war fast immer der Erste am Arbeitsplatz. Sein Partner, Phil Baxter, war der Strafverteidiger der Kanzlei, während King sich auf die anderen Gebiete konzentrierte: Testamente, Stiftungen, Immobilien, Geschäftsverträge – lauter ständig sprudelnde Geldquellen. In stillen Ecken und Winkeln rund um Wrightsburg hatte sich viel verborgener Wohlstand eingenistet. Filmstars, schwerreiche Unternehmer, Schriftsteller und andere betuchte Seelen waren hier zu Hause. Sie liebten die Gegend wegen ihrer landschaftlichen Schönheit, ihrer Einsamkeit, ihrer Diskretion und wegen der örtlichen Infrastruktur in Form von guten Restaurants, guten Einkaufsmöglichkeiten, einer lebendigen Kulturszene und einer Universität von Weltrang im benachbarten Charlottesville.

Phil Baxter war kein Frühaufsteher – das Gericht öffnete ja auch erst um zehn Uhr –, aber er arbeitete oft bis spät in die Nacht. King war das genaue Gegenteil: Normalerweise war er um fünf Uhr nachmittags zu Hause, bosselte in seiner Werkstatt herum, ging zum Fischen oder fuhr mit dem Boot hinaus auf den See gleich hinter seinem Haus. Von daher passten sie recht gut zusammen.

King öffnete die Bürotür und trat ein. Die Sekretärin, die in Personalunion auch als Empfangsdame fungierte, war um diese Zeit ebenfalls noch nicht da; es war noch nicht einmal acht Uhr.

Der umgestürzte Stuhl war das Erste, was ihm auffiel, und gleich danach die vielen Dinge, die eigentlich auf den Schreibtisch der Sekretärin gehörten, nun aber kreuz und quer über den Boden verstreut lagen. Automatisch glitt seine Hand zu seinem Pistolenholster – nur trug er keines bei sich, und er erst recht keine Pistole. Das Einzige, was er mit sich führte, war ein von ihm selbst aufgesetzter Testamentsnachtrag in seiner Aktentasche, doch mit dem konnte er allenfalls die künftigen Erben erschrecken. Also hob er einen massiven Briefbeschwerer vom Boden auf und blickte sich um. Das, was er als Nächstes sah, ließ ihn erstarren.

Vor der Tür zu Baxters Büro befand sich eine Blutlache auf dem Boden. King ging ein paar Schritte darauf zu, den Briefbeschwerer schlagbereit in der Hand. Mit der anderen Hand holte er sein Handy aus der Tasche, wählte 911, gab klar und deutlich seine Beobachtungen zu Protokoll und steckte das Mobiltelefon wieder ein. Er wollte schon die Tür zum Büro öffnen, da fiel ihm gerade noch rechtzeitig ein, dass er keine Fingerabdrücke verwischen durfte. Also zog er ein Taschentuch aus der Hosentasche. Vorsichtig drehte er den Türknopf. Seine Muskeln waren angespannt, zum Angriff bereit, und doch sagte ihm sein Instinkt, dass der Raum leer war. Er spähte in das noch dunkle Zimmer und knipste mit dem Ellenbogen das Licht an.

Die Leiche lag direkt vor ihm auf der Seite. Eine Schusswunde mitten in der Brust und die entsprechende Austrittswunde auf dem Rücken waren die einzigen erkennbaren Verletzungen. Der Tote war nicht Phil Baxter, sondern ein anderer Mann – ein Mann, den King gut kannte, sehr gut sogar. Und sein gewaltsamer Tod war dazu angetan, Sean Kings friedliche Existenz in ihren Grundfesten zu erschüttern.

Er hatte die ganze Zeit die Luft angehalten, nun atmete er aus. Schlagartig war ihm klar, was nun auf ihn zukam. »Jetzt geht das alles wieder von vorne los«, murmelte er.

KAPITEL 7

Der Mann saß in seinem Buick und beobachtete, wie Polizeifahrzeuge vor Kings Kanzleigebäude vorfuhren und die Uniformierten ins Haus stürmten. Sein Äußeres hatte sich, seit er nach dem Abtransport von John Bruno die Rolle des alten Schnitzers vor dem Bestattungsinstitut aufgegeben hatte, sehr verändert. An jenem Tag hatte er einen Anzug getragen, der ihm um zwei Nummern zu groß war, und dementsprechend klein und abgezehrt ausgesehen. Auch die schlechten Zähne, der Schnurrbart, der Flachmann, die Schnitzerei und der Batzen Kaugummi im Mund hatten zu der raffinierten Inszenierung gehört, die auf ihn aufmerksam machen sollte. Jeder, der ihn so sah, bekam einen unauslöschlichen Eindruck von ihm und seinem Wesen – und zwar einen in jeder Hinsicht falschen. Und genau das war der Zweck der Übung gewesen.

Inzwischen hatte er sich wesentlich verjüngt, um etwas mehr als dreißig Jahre vielleicht. Ebenso wie King hatte er sich neu erfunden. Er kaute an einem Butterbrötchen, schlürfte schwarzen Kaffee und dachte in aller Ruhe darüber nach, wie King wohl auf die Entdeckung der Leiche in seinem Büro reagiert hatte. Am Anfang natürlich mit einem heillosen Schrecken, dann vielleicht verärgert, aber nicht überrascht – nein, überrascht bestimmt nicht, wenn man es genau bedachte.

Der Mann schaltete das Radio ein, das immer auf den lokalen Sender eingestellt war, und erwischte gerade noch die Acht-Uhr-Nachrichten. Sie begannen mit dem Entführungsfall Bruno, der derzeit vermutlich überall auf der Welt für Schlagzeilen sorgte und in Amerika, zumindest vorübergehend, selbst den Ereignissen im Nahen Osten und den Football-Ergebnissen die Schau stahl.

Während sich der Mann Butter und Sesamkörner von den Fingern leckte, berichtete der Reporter über Michelle Maxwell, die Einsatzleiterin beim Secret Service, die inzwischen offiziell beurlaubt worden war. Er wusste, was das bedeutete: Sie stand bereits mit einem Fuß im Grab ihrer Karriere.

Die Frau war also erst einmal weg vom Fenster – zumindest offiziell. Aber inoffiziell? Weil er diese Frage nicht beantworten konnte, hatte er sich ihre Züge genau eingeprägt, als sie an jenem Tag an ihm vorübergegangen war. Es war nicht auszuschließen, dass er es noch einmal mit ihr zu tun bekommen würde. Ihr Hintergrund war ihm inzwischen bestens vertraut, doch je mehr Informationen er über sie besaß, desto besser. Eine Frau wie diese verkroch sich in einer solchen Situation entweder daheim im stillen Kämmerlein und pflegte ihre Verbitterung – oder aber sie ging in die Offensive und scheute dabei auch vor Risiken nicht zurück. Nach dem Wenigen zu schließen, das er von ihr gesehen hatte, durfte die zweite Möglichkeit die wahrscheinlichere sein.

Er konzentrierte sich wieder auf die Szenerie vor seinen Augen. Während erst ein weiterer Streifenwagen und dann der Kombi der Spurensicherung auf dem kleinen Parkplatz vor dem Haus hielten, näherten sich noch andere Leute der Kanzlei. Sie schienen dort zu arbeiten oder hatten gerade ihre Geschäfte geöffnet und den Aufmarsch der Polizei beobachtet. Ein solches Ereignis hatte die kleine, rechtschaffene Landmetropole Wrightsburg vermutlich noch nie erlebt. Die uniformierten Polizisten schienen kaum zu wissen, was sie tun sollten. Der Mann im Buick, der an seinem Brötchen kaute, fand seine Beobachtungen geradezu herzerfrischend. Wie lange hatte er darauf warten müssen! Jetzt wollte er die Sache auch genießen. Und immerhin war dies alles ja erst der Anfang…

Erneut fiel sein Blick auf die Frau, die vor dem Kanzleigebäude stand. Susan Whitehead war ihm bereits aufgefallen, als sie King auf dem Parkplatz angesprochen hatte. Wer war sie? Eine Freundin? Nein, eher wohl eine Möchtegern-Geliebte, wenn er den Verlauf der Begegnung richtig beurteilte. Er hob seine Kamera und machte ein paar Aufnahmen von ihr. Eigentlich rechnete er damit, dass King herauskam, um frische Luft zu schnappen, aber dem war offenbar nicht so. King hatte bei seinen nächtlichen Patrouillen eine ganz schöne Strecke zurückgelegt. Es gab so viele Nebenstraßen, einsame Nebenstraßen, die man befahren konnte – und da draußen, in der Tiefe der Wälder, konnte einem weiß Gott was auflauern. Andererseits – wo war ein Mensch heutzutage schon vollkommen sicher?

Im Kofferraum seines Wagens und darin wiederum in einer Tasche mit Reißverschluss befand sich ein ganz besonderer Gegenstand, der an einen ganz besonderen Platz gehörte. Die Gelegenheit, ihn dort abzuliefern, war jetzt optimal.

Der Mann warf die Überreste seines Frühstücks in eine Mülltonne auf dem Bürgersteig, legte den ersten Gang ein, steuerte seinen verrosteten Buick mit dem röhrenden Auspuff auf die Straße und fuhr davon. Im Vorbeifahren warf er noch einen Blick auf Kings Kanzlei und hob übermütig den Daumen. Als er Susan Whitehead passierte, die nach wie vor auf den Eingang des Gebäudes starrte, dachte er: Vielleicht besuch ich dich bald mal – ziemlich bald sogar.

Der Buick entschwand und ließ eine zu Tode erschrockene Gemeinde Wrightsburg hinter sich zurück.

Die erste Runde war nun offiziell vorbei. Der Mann im Buick konnte den Beginn der zweiten kaum erwarten.

KAPITEL 8

Walter Bishop, ein Mann, der in der Hierarchie des Secret Service einen sehr hohen Rang einnahm, ging unruhig auf und ab, während Michelle Maxwell an einem Tischchen saß und ihm zusah. Sie befanden sich in einem kleinen Konferenzraum tief im Innern eines Washingtoner Regierungsgebäudes. All die Menschen, die hier arbeiteten, waren noch ganz benommen von den Ereignissen der letzten Tage und Stunden.

»Sie sollten eigentlich froh darüber sein, dass man Sie nur beurlaubt hat, Maxwell«, sagte Bishop über seine Schulter.

»O ja, ich bin hin und weg, dass Sie mir meine Waffe und meine Dienstmarke abgenommen haben… Ich bin doch nicht blöd, Walter. Das Urteil ist längst gefällt. Ich bin weg vom Fenster.«

»Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen – sie hat gerade erst angefangen.«

»Stimmt. Jahre meines Lebens werden durchs Klo gespült.«

Er drehte sich ruckartig um und fuhr sie an: »Ein Präsidentschaftskandidat wird praktisch vor Ihrer Nase gekidnappt – ein absolutes Novum in der Geschichte des Secret Service. Herzlichen Glückwunsch! Sie sollten froh sein, dass Sie nicht vor einem Erschießungskommando landen. Es gibt durchaus ein paar Länder, in denen das in solchen Fällen üblich ist.«

»Glauben Sie nicht, dass ich das nachvollziehen kann, Walter? Diese Geschichte bringt mich schier um.«

»Interessante Wortwahl. Neal Richards war ein guter Agent.«

»Auch das weiß ich!«, gab sie scharf zurück. »Konnte ich vielleicht ahnen, dass dieser Hilfspolizist in der Sache mit drinsteckt? Es gibt niemandem im Service, dem das mit Neal mehr an die Nieren geht als mir.«

»Sie hätten Bruno unter keinen Umständen allein in diesen Raum gehen lassen dürfen. Hätten Sie sich ganz einfach an die Grundregeln unseres Gewerbes gehalten, wäre nichts passiert. Zumindest hätte die Tür so weit offen bleiben müssen, dass Sie den Mann hätten im Auge behalten können. Man lässt seinen Schützling niemals aus den Augen, nie! Das ist in Dienstanweisung 101 klipp und klar ausgeführt.«

Michelle schüttelte den Kopf. »Im Einsatz, wenn es drunter und drüber geht, muss man manchmal eben Kompromisse schließen, um alle Beteiligten bei Laune zu halten.«

»Es ist nicht Ihr Job, die Leute bei Laune zu halten! Ihre Aufgabe ist es, für deren Sicherheit zu sorgen!«

»Wollen Sie damit sagen, es hat noch nie den Fall gegeben, dass sich eine Schutzperson allein in einem Raum aufhielt? Das ist doch eine Ermessensfrage, die der Agent oder die Agentin vor Ort entscheiden muss.«

»Ich sage nur, dass eine Ermessensentscheidung mit solchen Folgen wie im vorliegenden Fall ein absolutes Novum ist. Die Verantwortlichkeit ist klar, Michelle, da helfen keine Ausreden. Brunos Partei ist in hellem Aufruhr. Einige Idioten behaupten sogar, der Secret Service sei dafür bezahlt worden, den Kandidaten aus dem Verkehr zu ziehen.«

»Das ist doch absurd!«

»Das weiß ich genauso wie Sie, aber wenn man genug Leute hat, die so ein Gerücht herausposaunen, dann setzt es sich über kurz oder lang auch in der Öffentlichkeit durch.«

Michelle hatte während des Gesprächs auf der Stuhlkante gesessen. Jetzt lehnte sie sich zurück und sah Bishop an. Sie wirkte ruhig und gefasst.

»Dann sind wir uns also einig. Ich übernehme die volle Verantwortung für das, was geschehen ist. Meinen Leuten kann kein Vorwurf gemacht werden; sie haben sich lediglich an ihre Befehle gehalten. Ich war die Einsatzleiterin, und ich habe den Karren in den Dreck gefahren.«

»Gut, dass Sie das sagen. Mal sehen, was ich für Sie tun kann.« Er machte eine Pause, ehe er hinzufügte: »Dass Sie freiwillig den Dienst quittieren werden, kommt für Sie wohl nicht in Frage…«

»Nein, Walter, wirklich nicht. Und nur, damit Sie sich nichts vormachen: Ich werde mir einen Rechtsanwalt nehmen.«

»Ja, selbstverständlich werden Sie das tun! Wir sind ja in Amerika! In diesem Land kann sich jeder, der gescheitert ist, einen Anwalt nehmen und aus seiner eigenen Inkompetenz noch Geld rausschlagen! Ganz schön eingebildet, kann ich nur sagen.«

Michelle musste unvermittelt heftig blinzeln, um die Tränen zurückzuhalten. Die scharfe Zurechtweisung traf sie tief – zumal sie selbst bis zu einem gewissen Grade der Meinung war, sie verdient zu haben. »Es geschieht nur zu meinem eigenen Schutz, Walter«, sagte sie. »Wären Sie an meiner Stelle, Sie würden genauso handeln.«

»Ja, ja, da haben Sie Recht.« Bishop steckte die Hände in die Taschen und blickte demonstrativ zur Tür.

Michelle erhob sich. »Darf ich Sie noch um einen einzigen Gefallen bitten?«

»Natürlich dürfen Sie – obwohl dazu schon eine unglaubliche Unverfrorenheit gehört…«

»Da sind Sie nicht der Erste, dem so was auffällt«, gab Michelle kühl zurück. Bishop ersparte sich eine Antwort und sah sie erwartungsvoll an. »Ich würde gerne den gegenwärtigen Stand der Ermittlungen erfahren.«

»Der Fall liegt jetzt beim FBI.«

»Weiß ich. Aber der Secret Service muss auf dem Laufenden gehalten werden.«

»Wird er auch, aber diese Informationen sind den Mitarbeitern des Service vorbehalten.«

»Was so viel heißt wie: Ich gehöre nicht mehr dazu?«

»Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Michelle. Ich war von Beginn an skeptisch, als der Service damals anfing, gezielt weibliche Mitarbeiter anzuwerben. Ich meine, da gibt man einen Haufen Geld aus, um so eine Agentin auszubilden – und dann heiratet sie plötzlich, kriegt Kinder und scheidet aus dem Dienst. Die ganze Ausbildung, das Geld, die Zeit – alles vergebliche Liebesmüh!«

Michelle glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu können, verzichtete aber auf einen Kommentar.

»Als Sie dann an Bord kamen, da hab ich meine Meinung geändert. Dieses Mädchen, dachte ich, hat alles, was wir brauchen. Sie waren die Vorzeigefrau des Secret Service – die Beste und die Gescheiteste.«

»Und entsprechend hoch waren die Erwartungen.«

»Das gilt für jeden Agenten. Man setzt allerhöchste Erwartungen in ihn, verlangt von ihm praktisch Perfektion.« Bishop hielt kurz inne und fuhr dann fort: »Ich weiß, dass Ihre Leistungsbilanz vor dieser Angelegenheit makellos und Ihr weiterer Aufstieg so gut wie vorprogrammiert war. Ich weiß, dass Sie eine tolle Agentin sind – aber jetzt haben Sie einen unverzeihlichen Fehler begangen. Wir haben eine Schutzperson verloren und einer unserer Agenten sein Leben. Ich würde das nicht unbedingt fair nennen, aber so ist es nun mal – die beiden Betroffenen sind noch ärmer dran als Sie.« Wieder hielt er inne, und sein Blick schien sich plötzlich in der Ferne zu verlieren. »Sie können beim Service bleiben, irgendeine Aufgabe wird sich für Sie finden. Aber Sie werden diese Geschichte niemals vergessen. Sie wird Ihnen von jetzt an jeden Tag, jede Minute präsent sein, bis an Ihr Lebensende, und das wird Ihnen viel mehr wehtun und viel schlimmer für Sie sein als alles, was der Service Ihnen antun könnte, glauben Sie mir.«

»Sie scheinen sich Ihrer Sache sehr sicher zu sein.«

»Ich war mit Bobby Kennedy im Ambassador Hotel. Ich war damals ein blutiger Anfänger bei der Polizei in Los Angeles und hatte die Aufgabe, dem Secret Service ein paar Hintergrundinformationen aus der lokalen Szene zu besorgen, als Robert Kennedy vorbeikam. Und da stand ich plötzlich und sah vor mir auf dem Boden den Mann verbluten, der Sekunden vorher noch auf dem besten Weg war, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Seit jenem Tag frage ich mich, was ich hätte tun können, um dieses Ereignis zu verhindern. Das war für mich einer der Hauptgründe dafür, dass ich Jahre später zum Service ging. Ich glaube, ich wollte das irgendwie wieder gutmachen.« Ihre Blicke trafen sich. »Aber es ist mir nicht gelungen. Und Sie – nein, Sie werden auch niemals vergessen können.«

KAPITEL 9

Da die Medien ihr Haus in Virginia belagerten, nahm sich Michelle ein Hotelzimmer in Washington, D. C. Sie nutzte die Atempause zu einem informativen Mittagessen mit einer Freundin, die zufällig FBI-Agentin war. Dass Secret Service und FBI einander auf Augenhöhe begegneten, war nicht selbstverständlich, galt doch das FBI in Justizkreisen, verglichen mit den anderen Sicherheitsbehörden, als das einzig wahre Schwergewicht – was Michelle jedoch nicht daran hinderte, ihren Kollegen vom FBI immer mal wieder unter die Nase zu reiben, dass ihre Behörde ursprünglich von sieben ehemaligen Secret-Service-Agenten gegründet worden war.

Beide Frauen gehörten überdies der Gruppe WIFLE an, Women in Federal Law Enforcement. Dabei handelte es sich um eine Unterstützungsvereinigung für Frauen in sicherheitsrelevanten Diensten. Es gab regelmäßige Treffen und Jahreshauptversammlungen. Obwohl ihre männlichen Kollegen sie immer wieder damit aufzuziehen versuchten, hatte Michelle von ihrer Mitgliedschaft sehr profitiert, wenn sie am Arbeitsplatz mit frauenspezifischen Themen konfrontiert wurde.

Die Freundin konnte ihre Nervosität angesichts der Begegnung mit Michelle kaum verbergen. Aber Michelle hatte ihr vor Jahren zum Gewinn einer Silbermedaille bei den Olympischen Spielen verholfen und damit einen Bund geschmiedet, der praktisch durch nichts zu zerstören war.

Bei Caesar’s Salad und Eistee erfuhr Michelle nun, was die Ermittlungen bisher erbracht hatten. Simmons gehörte der Wach- und Schließgesellschaft an, die mit der Beaufsichtigung des Bestattungsinstituts betraut war. Eigentlich hätte er an diesem Tag keinen Dienst gehabt, denn es waren nur nächtliche Patrouillen vereinbart. Simmons – der natürlich einen falschen Namen trug – war nach der Tat verschwunden, und die Unterlagen im Büro der Wach- und Schließgesellschaft gaben nichts über ihn her. Alle Angaben zur Person waren falsch. Die Sozialversicherungsnummer war gestohlen, der Führerschein und sämtliche Zeugnisse professionell gefälscht. Der Mann war erst vor knapp einem Monat eingestellt worden. Die Spur »Simmons« hatte sich bislang als eine einzige Sackgasse erwiesen.

»Als er auf mich zugerannt kam, hielt ich ihn für einen unbedarften Hilfspolizisten«, sagte Michelle. »Also habe ich ihm Anweisungen erteilt und ihn auf Posten geschickt. Wir haben nicht einmal seinen Lieferwagen durchsucht. Ich habe ihm also direkt in die Hände gespielt und ihm einen unserer Männer quasi ans Messer geliefert.« Zutiefst erschüttert barg Michelle ihr Gesicht in den Händen. Dann riss sie sich zusammen, schob sich eine Gabel voll Salat in den Mund und kaute so heftig darauf herum, dass ihr die Zähne wehtaten.

»Bevor sie mich dann aus dem Verkehr gezogen haben, bekam ich noch mit, dass Neal Richards mit einem Dumdum-Geschoss ermordet worden ist. Das heißt, selbst wenn wir eines Tages die mutmaßliche Tatwaffe finden sollten, wird es kaum möglich sein, den ballistischen Beweis zu führen.«

Die Freundin stimmte ihr zu und berichtete nun, dass der Lieferwagen in einer verlassenen Feldscheune gefunden worden war. Derzeit wurde er auf Fingerabdrücke und andere mikroskopische Spuren hin untersucht, doch bisher war noch nichts Wesentliches dabei herausgekommen.

Mildred Martin, die Frau des Verstorbenen, hatte man zu Hause angetroffen, wo sie in aller Seelenruhe im Garten arbeitete. Sie hatte geplant gehabt, das Bestattungsinstitut am Abend zusammen mit Familienmitgliedern und Freunden zu besuchen. Sie hatte John Bruno weder angerufen noch ihn gebeten, von dem Toten Abschied zu nehmen. Hätte Bruno jedoch, dessen Mentor und guter Freund ihr verstorbener Mann gewesen war, von sich aus diesen Wunsch geäußert, so hätte er jederzeit kommen können – so einfach sei das gewesen, meinte Mildred Martin gegenüber den ermittelnden Beamten.

»Aber warum hat Bruno dann seinen Terminplan in letzter Sekunde über den Haufen geworfen, bloß um Mrs Martin zu treffen?«, fragte Michelle. »Für uns kam das wie ein Blitz aus heiterem Himmel.«

»Seine Mitarbeiter berichten, Mildred Martin habe ihn am Vormittag angerufen und ihn gebeten, zu diesem Bestattungsinstitut zu kommen. Sein Stabschef Fred Dickers gab zu Protokoll, dass Bruno nach dem Anruf sehr aufgeregt gewesen sei.«

»Na ja, schließlich war ein guter Freund von ihm gestorben.«

»Aber Dickers sagte, Bruno sei schon vorher von Martins Tod informiert gewesen.«

»Dann steckt also deiner Meinung nach mehr dahinter?«, fragte Michelle.

»Wie man’s nimmt. Jedenfalls hat sie sich einen Zeitpunkt ausgesucht, zu dem nur wenige Leute in der Leichenhalle waren. Und dann waren da noch verschiedene Bemerkungen Brunos nach dem Anruf, die Dickers vermuten lassen, dass es bei dieser Begegnung um mehr ging als nur um eine letzte Reverenz gegenüber einem verstorbenen Freund.«

»Und das war dann vermutlich der Grund dafür, dass er mich mehr oder weniger genötigt hat, ihn da allein reingehen zu lassen.«

Die Freundin nickte. »Es ist anzunehmen, dass Bruno keine Mithörer bei seinem Gespräch mit der Witwe haben wollte – was immer sie ihm zu sagen hatte.«

»Aber Mildred Martin behauptet doch, sie habe ihn gar nicht angerufen.«

»Irgendjemand hat sich als Mildred Martin ausgegeben, Michelle.«

»Und wenn Bruno nicht gekommen wäre?« Sie beantwortete ihre Frage gleich selbst. »Dann wären die Entführer einfach wieder gegangen. Und wenn ich bei ihm geblieben wäre, hätten sie gar nicht erst versucht, ihn zu entführen, und Neal Richards…« Ihre Stimme war kaum noch zu verstehen. »Was gibt’s sonst noch Neues?«, fragte sie ihre Freundin.

»Wir glauben, dass die Tat von langer Hand geplant wurde. Ich meine, die Täter mussten eine Vielzahl von Schritten aufeinander abstimmen und haben die Sache dann absolut perfekt durchgezogen.«

»Ohne Informanten in Brunos Wahlkampftruppe ist das kaum vorstellbar. Woher sonst hätten sie seine Terminplanung kennen sollen?«

»Von seiner offiziellen Wahlkampf-Website zum Beispiel. Der Auftritt vor seinem Abstecher zum Bestattungsinstitut war ja schon eine ganze Weile vorher festgelegt worden.«

»Mist! Ich hatte ihn ausdrücklich darum gebeten, seine Termine nicht übers Internet bekannt zu geben. Eine Kellnerin in einem der Hotels, in dem wir übernachteten, wusste mehr über Brunos Reisepläne als wir, weil sie zufällig ein Gespräch zwischen ihm und seinem Stab mitbekommen hatte. Uns hat man immer erst in allerletzter Minute informiert.«

»Ich muss dir ehrlich sagen, ich weiß gar nicht, wie man unter solchen Umständen überhaupt noch ordentliche Arbeit leisten kann.«

Michelle blickte ihr in die Augen. »Und wenn man Brunos Mentor zum geeigneten Zeitpunkt hat sterben lassen? Ich meine, sein Tod war ja wohl das auslösende Ereignis.«

Ihre Freundin nickte bereits. »Bill Martin war schon ziemlich alt und litt an einer Krebserkrankung im letzten Stadium. Er ist nachts in seinem Bett gestorben. Unter diesen Umständen hat man die Todesursache nicht überprüft, und es wurde natürlich auch keine Autopsie durchgeführt. Der Arzt hat einfach die Todesurkunde ausgefüllt und unterschrieben, und das war’s dann auch schon. Nach den Ereignissen hat man die Leiche jedoch sofort beschlagnahmt und toxikologisch untersuchen lassen.«

»Und? Hat man was gefunden?«

»Große Mengen an Roxanol, also flüssiges Morphium, das er gegen die Schmerzen einnahm, und mehr als einen Liter Mumifizierungsflüssigkeit, unter anderem. Keinen Mageninhalt, weil der bei der Leichenöffnung entfernt wurde. Unterm Strich also nicht gerade eine heiße Spur.«

Michelle sah ihre Freundin skeptisch an. »Aber hundertprozentig scheinst du davon nicht überzeugt zu sein.«

Die Freundin zögerte, dann zuckte sie mit den Schultern. »Mumifizierungsflüssigkeit dringt in alle größeren Gefäße ein, in Hohlräume und in feste Organe. Von daher lassen sich exakte Aussagen kaum treffen. Angesichts der Umstände dieses Todesfalls entnahm die Gerichtsmedizinerin jedoch auch eine Probe aus dem Zentralhirn, in das Mumifizierungsflüssigkeit normalerweise nicht vordringt. Und dort fand sie eine Spur Methanol.«

»Methanol! Aber das ist doch Bestandteil von solchen Konservierungsmitteln, oder? Und was bedeutet es, wenn die Mumifizierungsflüssigkeit ins Hirn gelangt ist?«

»Ja, das ist genau der Punkt, worüber wir uns den Kopf zerbrechen. Und falls du es noch nicht weißt – es gibt unterschiedliche Mumifizierungsflüssigkeiten. Teure enthalten weniger Methanol und dafür mehr Formaldehyd. Billige, wie jene, mit der Martin behandelt wurde, haben einen hohen Gehalt an reinem Methanol. Hinzu kommt, dass Methanol in vielen Dingen enthalten ist, zum Beispiel in Wein und Likör. Martin war angeblich ein schwerer Trinker, was das Methanol im Hirn erklären könnte, aber sicher war sich die Gerichtsmedizinerin nicht. Auf jeden Fall hätte es bei einem todkranken Mann wie Bill Martin keiner besonders großen Dosis Methanols bedurft, um ihn umzubringen.«

Michelles Freundin zog eine Akte hervor und blätterte sie durch. »Bei der Autopsie wurden auch organische Schäden wie eingeschrumpfte Schleimhäute und Risse in der Magenwand festgestellt – lauter Kennzeichen für eine Methanolvergiftung. Außerdem war der völlig verkrebste Körper bestrahlt und mit Chemotherapie behandelt worden – alles in allem ein furchtbares Chaos für die Gerichtsmedizinerin. Als wahrscheinliche Todesursache nimmt sie Kreislaufversagen an – aber es gibt natürlich eine Vielzahl von Gründen, aus denen ein so alter, todkranker Mann an Kreislaufversagen sterben kann.«

»Trotzdem ist das eine ganz schön raffinierte Idee, jemanden mit Methanol umzubringen, von dem man weiß, dass er vermutlich ohne Autopsie einbalsamiert wird«, erwiderte Michelle.

»Da läuft’s einem kalt den Rücken herunter, ehrlich gesagt.«

»Er muss ermordet worden sein«, fuhr Michelle fort. »Die Täter konnten nicht einfach abwarten und darauf hoffen, dass Martin genau zum richtigen Zeitpunkt stirbt und in der Leichenhalle aufgebahrt wird, wenn Bruno zufällig gerade in der Nähe ist.« Sie dachte kurz nach. »Gibt es schon eine Liste mit Verdächtigen?«

»Das kann ich dir beim besten Willen nicht sagen. Die Ermittlungen laufen ja noch, und ich habe dir schon viel mehr verraten, als ich eigentlich darf. Gut möglich, dass ich irgendwann an den Lügendetektor muss wegen dieser Sache.«

Als die Rechnung kam, griff Michelle sofort zu. Auf dem Weg hinaus fragte die Freundin sie: »Und was hast du jetzt vor? Tauchst du erst einmal ab? Oder suchst du dir einen anderen Job?«

»Abtauchen ja, neuer Job nein, jedenfalls jetzt noch nicht.«

»Was dann?«

»Ich bin nicht bereit, meine Karriere im Service kampflos aufzugeben.«

Die Freundin musterte sie aufmerksam. »Diesen Blick kenne ich doch. Woran denkst du?«

»Ich denke daran, dass du beim FBI bist und daher besser nicht erfährst, was in meinem Kopf vorgeht. Du sagst ja selber, dass sie dich vielleicht zu einem Lügendetektortest zwingen werden.«

KAPITEL 10

Der schlimmste Tag in Sean Kings Leben war der 26. September 1996 gewesen, der Tag, an dem Clyde Ritter starb, just in dem Augenblick, da sich Secret-Service-Agent King hatte ablenken lassen. Der zweitschlimmste Tag war zu seinem Bedauern der heutige. In seinem Büro drängten sich Polizisten, FBI-Agenten und die Spezialisten der Spurensicherung, stellten zahllose Fragen und bekamen kaum Antworten. Zu ihren forensischen Beutezügen gehörte auch, dass sie von King, seinem Partner Phil Baxter sowie beider Sekretärin Fingerabdrücke abnahmen – um alle Eventualitäten auszuschließen, wie sie betonten. King wusste nur allzu gut, dass man das so oder so interpretieren konnte.

Auch die Lokalpresse war inzwischen eingetroffen. Glücklicherweise kannte er die Reporter alle persönlich; sie ließen sich ohne weitere Nachfragen mit den vagen Antworten, die er ihnen gab, abspeisen. Die überregionale Presse würde auch nicht mehr lange auf sich warten lassen, denn der Ermordete war für sie aus einem ganz bestimmten Grund hochinteressant. Dies jedenfalls vermutete King – und als plötzlich einige Herren vom U. S. Marshals Service vor seiner Tür standen, fand er seine Vermutung bestätigt.

Der Tote, ein gewisser Howard Jennings, war in Kings Anwaltskanzlei als Rechercheur, Korrektor und Verwalter von Treuhandkonten beschäftigt gewesen – eine Art Mädchen für alles sozusagen. Sein Büro befand sich im Untergeschoss des Kanzleigebäudes. Jennings war ein stiller, fleißiger Mann, der sehr zurückgezogen lebte. Wie er seinen Lebensunterhalt bestritt, war alles andere als außergewöhnlich – und doch war er in einem bestimmten Punkt ein hochinteressanter Fall.

Jennings war in das Zeugenschutzprogramm WITSEC aufgenommen worden. Der achtundvierzigjährige studierte Betriebswirt, dessen richtiger Name natürlich nicht Jennings lautete, war in früheren Jahren unter anderem als Erbsenzähler einer kriminellen Vereinigung im Mittleren Westen tätig gewesen, die sich im illegalen Glücksspiel tummelte, mit Erpressungen und Geldwäsche in Erscheinung trat und ihren Forderungen dadurch Nachdruck zu verleihen wusste, dass sie zahlungsunwilligen Opfern die Häuser anzündete und/oder sie zusammenschlagen, verstümmeln und gelegentlich sogar ermorden ließ. Ein hoch komplizierter Fall, der eben deswegen sowie aufgrund der oft tödlichen Brutalität der angewandten Methoden weit über die Region hinaus Aufmerksamkeit erregt hatte.

Jennings hatte bald erkannt, wohin der Hase lief, und entscheidend dazu beigetragen, dass eine Bande höchst gefährlicher Verbrecher im Knast landete. Einigen der Schlimmsten unter ihnen war es jedoch gelungen, durch die Maschen des landesweiten Fahndungsnetzes zu schlüpfen. Sie liefen nach wie vor frei herum, und deshalb war Jennings in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden.

Jetzt war er tot, und King war klar, dass ihm dieser Fall noch eine ganze Menge Kopfzerbrechen bereiten würde. In seiner Zeit als Agent einer Bundesbehörde war er an diversen gemeinsamen Aktionen von WITSEC, dem Secret Service und den U. S. Marshals beteiligt gewesen. Nach dem Vorstellungsgespräch, den üblichen Fragen und der Überprüfung seiner Unterlagen war bei King der Verdacht entstanden, Jennings könne ein WITSEC-Mann sein. Sicher war er sich dessen nicht, denn die Verantwortlichen hätten ihm niemals die Identität eines ihrer Schützlinge enthüllt. Dennoch war der Verdacht geblieben, ein Verdacht, den King allerdings niemals laut geäußert hatte. Er gründete sich auf den auffallenden Mangel an Referenzen, die Jennings vorgelegt hatte, sowie auf Lücken in seinem Lebenslauf. Solche Dinge deuteten darauf hin, dass jemand versucht hatte, sein früheres Leben vollkommen auszulöschen.

King galt nicht als Tatverdächtiger im Fall Jennings. Jedenfalls sagte man ihm das – und das bedeutete natürlich, dass er für die Ermittler ziemlich weit oben auf ihrer Liste stand. Wenn ich ihnen erzähle, dass ich Jennings für einen WITSEC-Mann halte, stehe ich womöglich bald vor einem Geschworenengericht, dachte er und beschloss, bis auf Weiteres den Dummen zu spielen.

Den Rest des Tages verbrachte er damit, seinen Partner zu beruhigen. Baxter war ein großer, bulliger Ex-Football-Spieler, der nach einer erfolgreichen Sportkarriere zu einem aggressiven, hoch qualifizierten Strafverteidiger avanciert war. An Leichen in seinem Büro – eine alles andere als angenehme Form des »sudden death« – war er freilich nicht gewöhnt. King dagegen hatte im Secret Service jahrelang mit Geldfälschern und Betrügern im Bereich der organisierten Kriminalität zu tun gehabt und im Dienst auch schon Menschen getötet. Von daher konnte er mit einem Mordfall erheblich besser umgehen als sein Partner.

Mona Hall, die Dame vom Empfang, hatte er nach Hause geschickt. Sie war vom Typ her eher zart besaitet und nervös; der Anblick von Blut und Leiche hätte ihr nicht gut getan. Allerdings war sie erwiesenermaßen auch eine hoch begabte Klatschtante. King hegte nicht den geringsten Zweifel daran, dass abenteuerliche Spekulationen über die mörderischen Geschehnisse in der Kanzlei King & Baxter längst die Drähte im örtlichen Telefonnetz glühen ließen. In einem ruhigen Ort wie Wrightsburg konnten solche Ereignisse monate-, wenn nicht jahrelang für Gesprächsstoff sorgen.

Das Bürogebäude war von den Ermittlern versiegelt worden und wurde rund um die Uhr bewacht. Die Anwaltskanzlei King & Baxter sah sich daher gezwungen, ihre juristischen Aktivitäten vorübergehend von den Privathäusern der beiden Partner aus zu betreiben. Daher schleppten die beiden am Abend kartonweise Akten und andere Arbeitsunterlagen aus dem Haus in ihre Autos. Während der stiernackige Phil Baxter in seinem ebenfalls überdimensionierten Geländewagen davonfuhr, blickte King, an die Motorhaube seines Lexus gelehnt, zu seinem Büro hinauf. Es war hell erleuchtet, denn die Ermittler hatten ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen. Im Schweiße ihres Angesichts durchsuchten sie die Räumlichkeiten Zentimeter um Zentimeter nach Indizien, von denen sie sich Aufschluss darüber erhofften, wer Howard Jennings eine Kugel in die Brust geschossen hatte. Hinter dem Gebäude zeichnete sich am Abendhimmel die Bergkulisse ab. Dort oben, dachte King, steht das Haus, das ich mir auf den Ruinen meines Lebens errichtet habe. Das war eine verdammt gute Therapie für mich. Und nun?

Er fuhr heim und fragte sich, was der nächste Morgen bringen würde. In der Küche aß er einen Teller Suppe, während im Fernsehen die Nachrichten liefen. Er sah sich selber auf der Mattscheibe, hörte Berichte über seine Vergangenheit beim Secret Service einschließlich seines unehrenhaften Abgangs, über seine Karriere als Anwalt in Wrightsburg sowie ein Sammelsurium an Spekulationen über den Tod von Howard Jennings. Er schaltete das Fernsehgerät aus und versuchte sich auf die mitgebrachte Arbeit zu konzentrieren, was ihm jedoch nicht gelang. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Am Ende saß er in seinem gemütlichen Arbeitszimmer, umgeben von seiner ihm so vertrauten juristischen Fachliteratur und langweiligen Dokumenten, und starrte Löcher in die Luft. Doch plötzlich fuhr er ruckartig aus seinen Grübeleien auf.

Er schlüpfte in Shorts und Sweater, griff sich eine Flasche Rotwein und einen Plastikbecher, stieg die Treppe hinunter, die zu dem überdachten Bootsschuppen hinter dem Haus führte, und bestieg sein Jet-Boot, das dort neben seinem Segelboot und seiner Sea-Doo, einer Art Wassermotorrad, untergebracht war. Außerdem besaß er ein Kajak und einen Kanadier. Der knapp einen Kilometer breite und etwa 13 Kilometer lange See mit seinen vielen Engstellen und Buchten war ein beliebtes Freizeitparadies für Wassersportler und Fischer. In seinen Tiefen tummelten sich Sonnenbarsche, Gestreifte Seebarsche und Katfische.

Inzwischen war jedoch der Sommer vorüber, und die Saisongäste waren längst abgereist. Kings Boote befanden sich auf elektrischen Hebebühnen. Er ließ das Jet-Boot zu Wasser, stellte den Motor an und drehte die Lichter auf. Dann gab er Gas und fuhr ungefähr drei Kilometer weit hinaus. Dabei sog er die frische Luft ein und ließ die kühle Brise über sich hinwegstreichen. In einer menschenleeren Bucht stellte er den Motor ab, ankerte, schenkte sich einen Becher Rotwein ein und dachte über seine Zukunft nach, die auf einmal wieder alles andere als rosig aussah.

Eines stand fest: Wenn sich die Nachricht verbreitete, dass eine vom WITSEC-Zeugenschutzprogramm betreute Person in seiner Anwaltskanzlei ermordet worden war, würde er wiederum landesweit in den Schlagzeilen stehen. King hatte einen Horror davor. Beim letzten Mal hatte ein Revolverblatt behauptet, eine Gruppe gewalttätiger Politradikaler habe ihn bestochen, bei dem Attentat auf Clyde Ritter im entscheidenden Augenblick mal kurz wegzuschauen. Immerhin, es gab in Amerika Gesetze gegen Verleumdung und üble Nachrede, und mit denen war nicht zu spaßen: Er hatte sich juristisch zur Wehr gesetzt und einen erklecklichen Schadensersatz erstritten. Das Geld war ihm beim Hausbau sowie beim beruflichen und persönlichen Neuanfang sehr zupass gekommen. Die Rufschädigung hatte es allerdings niemals wett machen können – wie wäre das auch möglich gewesen?

Er setzte sich aufs Bootsdeck, streifte sich Schuhe und Kleider ab, sprang ins dunkle Wasser, blieb eine Zeit lang unten und tauchte dann, nach Sauerstoff schnappend, wieder auf. Das Wasser des Sees war wärmer als die Luft.

Seine Karriere als Secret-Service-Agent war mit der Freigabe des Videobands eines lokalen Fernsehsenders, auf dem das Attentat auf Clyde Ritter aufgezeichnet worden war, schlagartig zu Ende gewesen. Aus den Bildern ging eindeutig hervor, dass King den Blick länger als erlaubt abgewandt hatte. Man sah, wie der Attentäter seine Pistole zog, zielte, schoss und Ritter tötete – und Leibwächter Sean King blickte während des gesamten Vorgangs traumverloren in eine andere Richtung. Der Film zeigte sogar, dass einige Kinder schneller auf die Waffe in der Hand des Täters reagierten als King, der viel zu spät merkte, was hier gespielt wurde. Damals hatten die Medien King zum Hauptschuldigen gestempelt – zum einen angestachelt von dem empörten Aufschrei des Ritter-Lagers, zum anderen aber auch, weil sie sich um keinen Preis Voreingenommenheit gegen einen ungeliebten Kandidaten nachsagen lassen wollten.

Er konnte sich noch an die meisten Schlagzeilen erinnern: »Leibwächter sieht weg, während Präsidentschaftskandidat stirbt« – »Altgedienter Personenschützer versagt« – »Leibwächter schläft – Schützling tot«. Am schlimmsten für King aber war, dass er nach dem Attentat von den meisten seiner Kollegen geschnitten wurde.

Seine Ehe war unter dem Stress zerbrochen, auch wenn man gerechterweise sagen musste, dass es schon vorher nicht mehr besonders gut um sie gestanden hatte. King war viel öfter unterwegs als zu Hause gewesen, und immer wieder war es vorgekommen, dass man ihn von einer Stunde auf die andere abkommandiert hatte und er abreisen musste, ohne zu wissen, wann er wieder zurückkehren würde. Unter diesen Umständen hatte er seiner Frau den ersten und auch noch den zweiten Seitensprung verziehen. Nach dem dritten freilich trennten sie sich, und als sie nach dem Zusammenbruch seiner Welt rasch in die Scheidung einwilligte, konnte King nicht von sich behaupten, dass er ihr viele Tränen nachweinte.

Wie dem auch sein mochte, er hatte die Affäre überstanden und sein Leben neu geordnet. Aber was kam nun auf ihn zu?

Langsam kletterte er wieder an Bord seines Motorboots, wickelte sich ein Handtuch um den Bauch und fuhr zurück. Doch statt direkt zum Bootsschuppen zu fahren, drehte er Motor und Lichter ab und glitt in eine kleine Bucht ein paar Hundert Meter von seinem Anlegeplatz entfernt. Dort ließ er geräuschlos den kleinen Telleranker zu Wasser, damit das Boot nicht ans schlammige Ufer trieb.

An der Rückseite seines Hauses zitterte ein Lichtkegel hin und her. Er hatte Besuch. Entweder, dachte King, schnüffeln da Reporter herum – oder aber der Mörder von Howard Jennings sucht sich sein nächstes Opfer.

KAPITEL 11

Leise watete er an Land, zog seine Kleider wieder an und kroch in die dunklen Schatten des Ufergebüschs. Der Lichtkegel wurde hin und her geschwenkt, als durchkämme jemand das Gelände, das auf der Ostseite an sein Grundstück anschloss. King schlich sich zur Frontseite seines Hauses, die von einer dichten Baumreihe abgeschirmt wurde. Ein blaues, ihm unbekanntes BMW-Cabriolet parkte auf der Zufahrt. Schon wollte er sich den Wagen näher ansehen, als ihm einfiel, dass es vielleicht doch besser wäre, dies nicht ganz unbewaffnet zu tun. Mit einer hübschen großkalibrigen Pistole in der Hand würde er sich viel sicherer fühlen.

Er schlüpfte ins dunkle Haus, holte die Waffe und ging durch eine Seitentür wieder hinaus. Dass der Lichtstrahl inzwischen verschwunden war, beunruhigte ihn. Er kniete nieder und lauschte. Keine fünf Meter rechts von ihm knackte laut ein Ast. Dann hörte er einen Schritt, gefolgt von einem zweiten. Er spannte alle Muskeln an. Die Pistole war entsichert.

Er schnellte vor und traf den Eindringling ziemlich tief und ziemlich hart. Beide stolperten und fielen. King landete auf dem Körper des anderen und hielt ihm die Pistole vors Gesicht.

Nur – es war kein Er. Es war eine Sie! Und auch sie hatte eine Pistole, mit der sie auf King zielte. Die Läufe der beiden Waffen berührten sich fast.

»Was, zum Teufel, treibst du denn hier?«, fragte er wütend, als er sein Gegenüber erkannte.

»Wälz dein Gestell von mir runter und lass mich Luft holen, dann erklär ich ’s dir«, fauchte die Frau ihn an.

Er ließ sich Zeit, und als sie die Hand ausstreckte, um sich von ihm hochziehen zu lassen, übersah er sie geflissentlich.

Sie trug einen Rock, eine Bluse und eine kurze Jacke. Der Rock war während des Zusammenpralls fast bis zum Nabel hochgerutscht. Während sie sich aufrappelte, zog sie ihn wieder herunter.

»Fällst du immer so über deine Besucher her?«, fragte sie spitz, steckte die Pistole wieder in ihr Hüftholster und klopfte sich den Staub von den Kleidern.

»Die meisten meiner Besucher schnüffeln nicht heimlich auf meinem Grundstück herum.«

»Ich hab geklingelt, aber nichts hat sich gerührt.«

»In solchen Fällen geht man wieder und probiert es später noch mal. Hat dir das deine Mutter denn nicht beigebracht?«

Sie verschränkte die Arme über der Brust. »Wir haben uns lange nicht gesehen, Sean.«

»Ach, wirklich? Ist mir gar nicht aufgefallen. War wohl zu sehr mit meinem neuen Leben beschäftigt.«

Sie sah sich um. »Das sehe ich. Hübsch hast du ’s hier.«

»Was willst du hier, Joan?«

»Einen alten Freund besuchen, der bis zum Hals in der Scheiße steckt.«

»Echt? Wen denn?«

Sie lächelte spröde. »Ein Mord in deiner Kanzlei. Das ist doch wohl Scheiße, oder?«

»Stimmt. Meine Frage galt eher dem ›alten Freund‹.«

Sie nickte und deutete auf das Haus. »War ’ne lange Fahrt. Ich hab mal was von der berühmten Gastfreundschaft des Südens gehört. Wie wär’s, wenn du mir davon ’ne Kostprobe servieren würdest?«

Ihm war eher danach zumute, einen Warnschuss über ihren Kopf abzufeuern. Aber es gab nur eine Möglichkeit herauszufinden, was Joan Dillinger vorhatte: Er musste auf ihr Spielchen eingehen. »Was für eine Gastfreundschaft?«

»Nun, es ist schon fast neun, und ich habe noch nicht zu Abend gegessen«, sagte sie. »Fangen wir damit an, alles andere wird sich ergeben.«

»Da tauchst du nach all den Jahren unangemeldet hier auf und erwartest von mir, dass ich dir gleich was zu essen koche? Ganz schön mutig.«

»Das sollte dich inzwischen eigentlich nicht mehr wundern, oder?«

Während er das Essen zubereitete, sah sich Joan, in der Hand ein Glas Gin Tonic, das Sean ihr gegeben hatte, im Haus um. Dann hockte sie sich auf die Anrichte in der Küche und fragte: »Was macht dein Finger?«

»Der tut weh, wenn mich jemand richtig fertig macht – so eine Art Stimmungsring. Und dass du ’s nur weißt – im Augenblick pocht er höllisch.«

Sie ging auf den Seitenhieb nicht ein. »Sieht echt toll aus hier. Wie ich höre, hast du das Haus selbst gebaut.«

»War ’ne gute Beschäftigungstherapie.«

»Ich wusste gar nicht, dass du Zimmermann bist.«

»Ich hab schon in der Schule immer wieder mal was gebaut – für Leute, die es sich leisten konnten. Später hab ich mir dann gesagt, verdammt, das kannst du doch auch für dich selber tun.«

Sie aßen am Küchentisch, von dem aus sich ein großartiger Blick über den See bot. Dazu tranken sie eine Flasche Merlot, die King aus dem Weinkeller geholt hatte. Unter anderen Umständen wäre es eine sehr romantische Szene gewesen.

Nach dem Essen nahmen sie ihre Weingläser und gingen ins Wohnzimmer mit seiner hohen Decke und seinen Fensterfronten. Als King sah, dass Joan vor Kälte zitterte, drehte er den Gaskamin an und warf ihr eine Wolldecke zu. Dann saßen sie auf Ledersofas einander gegenüber. Joan streifte ihre hochhackigen Schuhe ab, zog die Beine an und legte die Decke darüber. Dann hob sie ihr Glas und prostete King zu. »Das Essen war fabelhaft.« Sie schnupperte am Bukett. »Und wie ich sehe, gehört auch der Beruf des Kellermeisters zu deinen Referenzen.«

»Okay, dein Bauch ist jetzt voll, und beschwipst genug bist du auch. Was willst du hier?«

»Wenn ein ehemaliger Agent plötzlich in einen Kriminalfall verwickelt ist, der umfangreiche Ermittlungen nach sich zieht, wird man einfach neugierig.«

»Dann hat man dich also geschickt?«

»In meiner Position kann ich mich selber schicken.«

»Also bist du inoffiziell hier – oder sollst du bloß für den Service spionieren?«

»Ich würde meine Mission als inoffiziell betrachten. Ich würde gerne deine Seite der Geschichte kennen lernen.«

King umklammerte sein Glas und unterdrückte den Wunsch, es ihr an den Kopf zu werfen. »Ich habe keine eigene ›Seite‹ in dieser Geschichte. Der Mann hat eine Zeit lang für mich gearbeitet – nicht sehr lange übrigens. Er ist ermordet worden. Heute fand ich heraus, dass er im Zeugenschutzprogramm war. Wer ihn umgebracht hat, weiß ich nicht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.«

Joan antwortete nicht, sondern starrte eine Weile lang nur ins Feuer. Dann erhob sie sich, tappte zum Kamin, kniete davor nieder und strich mit der Hand über die gemauerte Einfassung.

»Zimmermann und Maurer?«

»Nein, den hat ein Kaminbauer gemacht. Ich kenne meine Grenzen.«

»Sehr erfreulich. Die meisten Männer in meiner Bekanntschaft würden nicht einmal zugeben, dass sie welche haben.«

»Danke. Aber ich möchte immer noch wissen, warum du hier bist.«

»Mit dem Secret Service hat das gar nichts zu tun. Dafür aber umso mehr mit dir und mir.«

»Es gibt kein ›dir und mir‹.«

»Aber es gab mal eines. Wir haben jahrelang gemeinsam im Service gearbeitet. Wir haben miteinander geschlafen – und wenn die Dinge ein bisschen anders gelaufen wären, hätte sich vielleicht sogar ein etwas dauerhafteres Arrangement ergeben. Abgesehen davon: Wenn an meinem Arbeitsplatz ein Mensch ermordet würde, der im Zeugenschutzprogramm ist, und wenn infolgedessen meine Vergangenheit ans Licht gezerrt würde, dann wäre ich froh und glücklich, wenn du bei mir vorbeikämst und fragen würdest, wie ich mit all dem fertig werde.«

»Ich glaube nicht, dass ich das täte.«

»Wie dem auch sei, das ist jedenfalls der Grund für mein Kommen. Ich wollte sehen, wie es dir geht und wie du mit all dem zurechtkommst.«

»Es freut mich, dass meine bedauernswerte Lage dir die wunderbare Gelegenheit geboten hat, mir dein mitfühlendes Wesen vorzuführen.«

»Sarkasmus passt wirklich nicht zu dir, Sean.«

»Es ist schon spät, und du hast noch die lange Rückfahrt nach Washington vor dir.«

»Stimmt. Sie ist sogar zu lang.« Nach einer kurzen Pause fügte Joan hinzu: »Du hast anscheinend ’ne ganze Menge Zimmer hier im Haus.«

Sie stand auf und setzte sich direkt neben ihn, für sein Gefühl unangenehm direkt. »Du siehst immer noch so fit aus, als wolltest du bei der Geiselbefreiertruppe vom FBI anheuern«, sagte sie und ließ ihren Blick voller Bewunderung über seinen durchtrainierten, eins vierundachtzig großen Körper gleiten.

Er schüttelte den Kopf. »Für solche Jobs bin ich zu alt. Meine Knie sind ramponiert, die eine Schulter auch.«

Joan seufzte, wandte den Blick ab und strich sich eine verirrte Haarsträhne hinters Ohr. »Ich bin gerade vierzig geworden.«

»So geht es vielen. Das ist doch kein Weltuntergang.«

»Für einen Mann nicht, da hast du Recht. Für eine unverheiratete Frau ist das kein schönes Alter.«

»Du siehst doch super aus, super für dreißig, super für vierzig. Und du hast deine Karriere.«

»Hätte nicht gedacht, dass ich so lange durchhalte.«

»Du hast länger durchgehalten als ich.«

Sie stellte ihr Weinglas ab und sah ihn an. »Das war leider ein Fehler.«

Verlegenes Schweigen. Schließlich sagte King: »Es ist schon so lange her. Schnee von gestern.«

»Das nehme ich dir nicht ab. Ich sehe doch, wie du mich anschaust.«

»Was hast du erwartet?«

Sie griff nach ihrem Weinglas und leerte es in einem Zug. »Du hast wirklich keine Ahnung, wie schwer es mir gefallen ist, hierher zu kommen. Ich habe ungefähr zehn Mal meine Meinung geändert. Und eine geschlagene Stunde gebraucht, bis ich mich endlich entscheiden konnte, was ich anziehen soll. Hat meine Nerven mehr strapaziert als das Sicherheitsbrimborium bei der Amtseinführung eines Präsidenten.«

So hatte sie damals nicht geredet, jedenfalls nicht, soweit er sich erinnerte. Ihr Markenzeichen war immer ein überbordendes Selbstbewusstsein gewesen. Mit den Jungs vom Service hatte sie ein kumpelhaftes Verhältnis – ganz so, als wäre sie nicht nur selber einer von der Bande, sondern gleich ihr Anführer.

»Es tut mir Leid, Sean, aber ich glaube, dass ich nicht ein einziges Mal ›tut mir Leid‹ gesagt habe.«

»Unterm Strich war es meine Schuld. Schwamm drüber.«

»Das ist sehr nett von dir.«

»Ich kann nicht ewig einen Groll mit mir herumtragen, dazu fehlen mir die Zeit und die Energie. So wichtig ist das für mich nicht.«

Sie schlüpfte in ihre Schuhe, stand auf und zog sich ihre Jacke über. »Du hast Recht, es ist schon spät, und ich muss mich auf den Weg machen. Entschuldige, wenn ich dein wunderbares Leben gestört habe. Und außerdem bitte ich um Vergebung dafür, dass ich mir solche Sorgen um dich gemacht habe und deshalb extra hergekommen bin.«

King setzte zu einer Antwort an, hielt dann aber inne. Erst als Joan bereits zur Tür ging, seufzte er und sagte: »Du hast zu viel getrunken, um jetzt noch nach Hause zu fahren, mitten in der Nacht, und dann noch über diese kurvenreichen Nebenstrecken. Das Gästezimmer ist ganz oben auf der rechten Seite. Im Schrank ist ein Schlafanzug, und du hast ein eigenes Bad. Wer zuerst aufsteht, setzt Kaffee auf.«

Sie drehte sich um. »Ist das dein Ernst? Fühl dich zu nichts verpflichtet.«

»Glaub mir, das weiß ich. Zumindest sollte ich mich nicht verpflichtet fühlen. Bis morgen Früh also.«

Ihr Blick schien zu sagen: Bist du dir wirklich ganz sicher, dass du mich nicht doch noch vor Tagesanbruch besuchen wirst? King wandte sich ab und ging.

»Wo willst du denn hin?«, fragte sie.

»Ich hab noch was zu tun. Gute Nacht.«

Joan ging hinaus und holte ihre Reisetasche aus dem Auto. Als sie wieder ins Haus kam, war Sean King nirgends zu sehen. Sein eigenes Schlafzimmer befand sich offenbar am Ende des Flurs. Sie huschte hinüber und warf einen Blick hinein. Das Zimmer war dunkel und leer. Langsam stieg sie hinauf ins Gästezimmer und schloss die Tür hinter sich.

KAPITEL 12

Michelle Maxwells Arme und Beine bewegten sich mit äußerster Effizienz – jedenfalls nach ihrer eigenen Einschätzung und unter Berücksichtigung der erheblich gesenkten Leistungsnormen dieser nacholympischen Zeiten. Ihr Boot durchschnitt die Wasser des Potomac. Die Sonne ging auf, und die Luft war bereits schwül; ein heißer Tag kündigte sich an. Hier in Georgetown hatte ihre Ruderkarriere begonnen. Ihre muskulösen Oberschenkel und Schultern brannten vor Anstrengung. Sie hatte alle anderen Boote weit hinter sich zurückgelassen, ob es sich nun um Kanadier, Kanus oder sonst wie vergleichbare Wasserfahrzeuge handelte, darunter auch eines mit einem Fünf-PS-Motor.

An einem der Bootshäuser, die das Ufer des Flusses säumten, zog sie das Boot an Land, bückte sich und atmete lang und tief durch. Die in ihrem Blut zirkulierenden Endorphine sorgten für ein angenehmes Hochgefühl. Eine halbe Stunde später saß sie in ihrem Land Cruiser und war unterwegs zu dem Hotel in der Nähe von Tysons Corner, Viriginia, in das sie sich zurückgezogen hatte.

Es war immer noch früh am Tage, und der Verkehr hielt sich in Grenzen – oder besser: relativ in Grenzen für ein Gebiet, in dem normalerweise ab fünf Uhr morgens alle Highways dicht sind. Im Hotel duschte sie und streifte sich T-Shirt und Boxershorts über – ein tolles Gefühl, so ohne unbequeme Schuhe, ohne Strümpfe und ohne scheuerndes Pistolenholster. Nach einigen Streck- und Dehnübungen und nachdem sie ihre müden Glieder kräftig abgerubbelt hatte, bestellte Michelle sich ein Frühstück und warf sich, bevor der Zimmerservice an ihre Tür klopfte, noch schnell einen Morgenmantel über. Bei Pfannkuchen, Orangensaft und Kaffee zappte sie sich durch die Vormittagsprogramme der Fernsehsender, um zu erfahren, was es Neues im Entführungsfall Bruno gab. Welch eine Ironie! Sie war an jenem Tag Einsatzleiterin gewesen und musste sich nun via CNN über den Fortgang der Ermittlungen informieren. Als plötzlich auf der Mattscheibe ein Mann auftauchte, der ihr bekannt vorkam, hörte sie auf zu zappen. Die Szene spielte in Wrightsburg, Virginia. Zahllose Reporter und Kameraleute standen um den Mann herum, der alles andere als glücklich darüber wirkte.

Michelle brauchte eine Weile, bis sie ihn einordnen konnte: Ach ja, dachte sie, Sean King! Sie selbst war ungefähr ein Jahr vor dem Attentat auf Clyde Ritter zum Secret Service gekommen. Was danach aus Sean King geworden war, wusste sie nicht, und es hatte für sie auch nie eine Veranlassung gegeben, es in Erfahrung zu bringen. Doch als sie jetzt Näheres über den Mordfall Jennings hörte, erwachte ihre Neugier. Ein Grund dafür war rein physischer Natur: King war ein sehr gut aussehender Mann. Hoch gewachsen, gut gebaut, mit dichtem, kurz geschnittenem schwarzem Haar, das an den Schläfen schon deutlich ergraute. Sie schätzte ihn auf Mitte vierzig. Er hatte ein Gesicht, das erst mit Falten richtig gut aussieht; sie verliehen ihm eine Attraktivität, wie er sie in den Zwanzigern oder Dreißigern vermutlich nie besessen hatte, weil er damals zu sehr dem Klischee des hübschen Knaben entsprach. Mehr noch als Kings angenehmes Äußeres jedoch fesselte Michelle der Fall Jennings, über den sie jetzt die ersten, noch sehr unvollständigen Einzelheiten erfuhr. Irgendetwas war an diesem Mord seltsam, irgendetwas, das sie im Augenblick noch nicht benennen konnte.

Sie schlug die neueste Ausgabe der Washington Post auf, die ihr mit dem Frühstück aufs Zimmer geliefert worden war, blätterte sie durch und fand einen kurzen, aber recht informativen Bericht über den Fall, in dem auch auf Kings Vergangenheit, das Ritter-Fiasko und dessen Folgen eingegangen wurde. Nachdem sie den Artikel gelesen hatte, suchte sie wieder den Mann auf dem Bildschirm und spürte plötzlich eine tiefe innere Verbundenheit mit ihm. Beide hatten sie bei ihrer Arbeit schwere Fehler gemacht und entsprechend teuer dafür bezahlen müssen. King hatte offenbar ein gänzlich neues Leben angefangen – und zwar mit Erfolg.

Ich frage mich, ob es mir auch nur annähernd so gut wie ihm gelingen wird, wieder auf die Beine zu kommen, dachte Michelle.

Aus einem Impuls heraus rief sie eine ihrer Vertrauenspersonen im Service an. Der junge Mann war kein Agent, sondern in der Verwaltung tätig. Für alle Agenten im Außendienst waren gute Beziehungen zur Verwaltung unerlässlich, denn nur dort wusste man mit der ausufernden Bürokratie umzugehen, von der die meisten Behörden wie von einer Seuche befallen waren. Der junge Mann bewunderte Michelle grenzenlos und hätte vor Freude quer durch die Lobby Purzelbäume geschlagen, wenn sie sich zu einem Kaffee mit ihm herabgelassen hätte. Sie ließ sich in der Tat herab – allerdings um den Preis, dass er ihr Kopien von diversen Akten und andere Unterlagen mitbrachte. Anfangs schwankte er noch – er fürchte, Schwierigkeiten zu bekommen, sagte er, doch Michelle brauchte nicht lange, um ihn zu überreden. Es gelang ihr sogar, ihm die Zusage abzuringen, dass er ihre Beurlaubungspapiere noch eine Weile liegen ließ – auf diese Weise konnte sie sich über ihren Namen und ihr Passwort noch mindestens eine Woche lang Zugang zur Datenbank des Secret Service verschaffen.

Sie trafen sich in einem kleinen Café in der Innenstadt. Dort nahm Michelle die Unterlagen in Empfang und drückte den jungen Mann aus Dankbarkeit an sich – ein kleines bisschen länger, als es sich gehörte, und genauso lang, wie es nötig war, um sich auch weiterhin seiner Dienste zu versichern. Schließlich hatte sie beim Eintritt in den Secret Service ihre Zugehörigkeit zur Weiblichkeit nicht an der Garderobe abgegeben. Sie war zwar gewissermaßen nur eine Waffe unter vielen, dafür aber, wenn man sie wohlüberlegt einsetzte, viel wirkungsvoller als ihre .357er-Pistole.

Als sie eben wieder in ihr Fahrzeug steigen wollte, hörte sie, wie jemand ihren Namen rief. Sie drehte sich um und erkannte einen Agenten, den sie auf der Karriereleiter übersprungen hatte. Sein Blick sprach Bände: Er strahlte vor Schadenfreude.

»Wer hätte das gedacht?«, begann er mit Unschuldsmiene. »Ihr Stern ging auf wie eine Rakete. Ich begreife immer noch nicht, wie Sie das zulassen konnten, Michelle! Ich meine, wie Sie den Mann da einfach so in einem Raum, den Sie vorher nicht gründlich durchsucht hatten, allein lassen konnten. Was haben Sie sich bloß dabei gedacht?«

»Wahrscheinlich gar nichts, Steve.«

Er gab ihr einen Klaps auf den Arm, der etwas härter als unbedingt nötig ausfiel. »Lassen Sie bloß den Kopf nicht hängen. Die werden ihre Superfrau nicht fallen lassen. Sie kommen schon wieder ins Geschäft – vielleicht als Personenschützer von Lady Bird Johnson unten in Texas, vielleicht auch bei den Fords. Das heißt, Sie verbringen sechs Monate des Jahres in Palm Springs und sechs in Vail, und jeden Tag gibt’s was zum Naschen. Natürlich, unsereinen hätte man in so einem Fall gleich einen Kopf kürzer gemacht und dann vergessen, arme Hunde, die wir sind. Aber wer behauptet schon, das Leben sei fair?«

»Es wird Sie vielleicht überraschen, aber wenn das alles vorbei ist, bin ich wahrscheinlich nicht mehr dabei.«

Er grinste über das ganze Gesicht. »Na, dann ist das Leben vielleicht doch einmal fair. Passen Sie auf sich auf!« Er wandte sich zum Gehen.

»Ach, Steve?« Er drehte sich um. »Ich hoffe doch, dass Sie die Hausmitteilung erhalten haben. Nächste Woche steht eine Überprüfung sämtlicher Laptops an. Vielleicht sollten Sie vorher diesen Pornokram löschen – Sie wissen schon, von der Website, die Sie sich im Büro immer zu Gemüte führen. Könnte sein, dass Sie sonst Ihre Sicherheitsüberprüfung in den Sand setzen. Und wer weiß, vielleicht kommt sogar Ihre Frau dahinter. Und da wir gerade beim Thema sind: Glauben Sie wirklich, dass ein paar dicke Titten und stramme Ärsche ein solches Risiko wert sind? Ich meine, ist das nicht eher was für Sechzehnjährige?«

Steves Grinsen war plötzlich wie weggewischt. Er zeigte ihr den Stinkefinger und stakste davon.

Michelle fühlte sich von der Begegnung so erheitert, dass sie erst wieder aufhörte zu grinsen, als sie vor ihrem Hotel vorfuhr.

KAPITEL 13

Sie breitete die Unterlagen auf ihrem Bett aus, las sie sorgfältig durch und machte sich dabei Notizen. Wie sich herausstellte, hatte King eine Bilderbuchkarriere im Secret Service hinter sich und konnte eine lange Liste von Empfehlungen vorweisen – bis eben zu jenem schicksalhaften Tag, an dem er sekundenlang nicht aufgepasst hatte und Clyde Ritter dafür mit seinem Leben bezahlen musste.

Am Anfang seiner Laufbahn war King sogar einmal schwer verwundet worden. Es ging um Geldfälscherei. Ein Haus sollte gestürmt und durchsucht werden, doch der Einsatz misslang. King wurde von einer Kugel in die Schulter getroffen und tötete danach zwei Männer. Und Jahre später tötete er Ritters Mörder – wenn auch um ein paar Sekunden zu spät. Insgesamt hatte er also im Rahmen seiner dienstlichen Tätigkeit drei Personen erschossen.

Michelle hatte im Training Tausende von Magazinen geleert, aber selbst während ihrer kurzen Zeit als Polizistin in Tennessee niemals auf Menschen geschossen. Sie fragte sich oft, wie man sich nach einem gezielten Todesschuss fühlen mochte. Veränderte man sich nach einem solchen Ereignis? Legte man danach alle Hemmungen ab oder wurde man so übervorsichtig, dass man für den Job nicht mehr taugte?

Clyde Ritters Mörder war ein gewisser Arnold Ramsey gewesen, Professor am Atticus College und ein Mann, der zuvor weder als Gewalttäter in Erscheinung getreten war noch irgendwelche Verbindungen zu radikalen politischen Organisationen besaß. Verbal hatte er allerdings, wie man später erfuhr, aus seiner Abneigung gegen Ritter nie einen Hehl gemacht. Zurück blieben eine Ehefrau und eine Tochter. Kein leichtes Schicksal für das Kind, dachte Michelle. Wie sollte sie sich verhalten, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragte? Hi, mein Vater war ein politischer Attentäter wie John Wilkes Booth und Lee Harvey Oswald. Er wurde vom Secret Service erschossen. Und was macht dein Daddy?

Außer Ramsey war niemand im Zusammenhang mit der Tat verhaftet worden. Nach offizieller Lesart hatte er als Einzeltäter gehandelt.

Nachdem sich Michelle durch den Papierkram gearbeitet hatte, nahm sie das Videoband zur Hand, das ebenfalls zu den Beweismaterialien gehörte, steckte es in den Recorder und stellte den Fernsehapparat an. Dann setzte sie sich, lehnte sich zurück und betrachtete die Szene, die bei Ritters Wahlkampfveranstaltung von einem lokalen Fernsehteam aufgenommen worden war. Man sah das Hotel, den Kandidaten, der Hände schüttelte und die verschiedensten Leute begrüßte. Der Film sollte sich später als der letzte Nagel zu Kings Sarg erweisen. Obwohl alle Anstrengungen unternommen wurden, solche Fehler künftig auszuschließen, hatte der Secret Service entschieden, den Film nicht zu internen Ausbildungszwecken freizugeben. Wahrscheinlich war er den Zuständigen einfach zu peinlich, dachte Michelle.

Sie spannte sich an, als sie sah, wie der selbstbewusst und zuversichtlich wirkende Clyde Ritter und sein Tross den bis zum Bersten mit Menschen gefüllten Saal betraten. Michelle wusste kaum etwas über den damaligen Kandidaten, nur so viel, dass Ritter als Fernsehprediger begonnen und sich damit eine goldene Nase verdient hatte. Tausende von Menschen aus dem ganzen Land hatten ihm Geld geschickt, große und kleine Summen. Gerüchten zufolge sollten ihm zahlreiche wohlhabende ältere Damen, die meisten von ihnen Witwen, ihre gesamten Ersparnisse überlassen haben, nur weil er ihnen versprach, sie würden dafür in den Himmel kommen. Mit harten Fakten beweisen ließen sich diese Geschichten freilich nicht, sodass die öffentliche Empörung sich in Grenzen hielt. Ritter gab dann das quasi-religiöse Leben auf, kandidierte für den Kongress und wurde in irgendeinem Südstaat – in welchem, wusste Michelle nicht mehr – auch gewählt. Sein Abstimmungsverhalten in Fragen der Rassenintegration und der Bürgerrechte war dubios, und seine religiösen Vorstellungen waren hanebüchen. Trotzdem besaß Ritter in seinem Staat eine große Anhängerschaft, die ihn heiß und innig liebte, und der allgemeine Verdruss der Wähler über die Programme der etablierten Parteien war landesweit so groß, dass er sich entschloss, als unabhängiger Kandidat in den Präsidentschaftswahlkampf zu ziehen. Das ehrgeizige Vorhaben endete dann allerdings mit einer Kugel in seinem Herzen.

Neben Ritter stand sein Wahlkampfmanager, dessen Akte sich Michelle ebenfalls angesehen hatte. Sidney Morse war der Sohn eines prominenten Rechtsanwalts aus Kalifornien, der die Erbin eines großen Vermögens geheiratet hatte. Der Junge war etwas aus der Art geschlagen, betätigte er sich doch als Stückeschreiber und Theaterregisseur, bevor er seine beachtlichen künstlerischen Talente auf der politischen Bühne auszutoben begann. Er erwarb sich landesweit Ansehen als Manager regelrechter Wahlschlachten, die er als Medienspektakel inszenierte: viel optisches und akustisches Brimborium und keinerlei inhaltliche Substanz. Aber seine Erfolgsrate war erstaunlich hoch, was, wie Michelle meinte, wahrscheinlich mehr über die Einfalt der Wähler als über die Qualitäten der Kandidaten aussagte.

Morse war zu einer Art politischem Feuerwehrmann avanciert, den man bei Bedarf mieten konnte. Für welche politische Richtung er sich engagierte, war ihm egal, solange das Geld und das Umfeld stimmten. Ritters Kampagne schloss er sich erst an, als diese längst in Fahrt gekommen war und einen ausgebufften Steuermann benötigte. Morse galt als brillant, durchtrieben und, wenn erforderlich, rücksichtslos. Alle Lager stimmten darin überein, dass er Ritters Wahlkampf nahezu perfektionierte. Und ganz offensichtlich bereitete es ihm ein geradezu diebisches Vergnügen, das politische Establishment mit dem Schreckgespenst eines dritten, von den beiden großen Parteien unabhängigen Kandidaten in seinen Grundfesten zu erschüttern.

Nach der Ermordung Ritters galt Morse dann allerdings politisch als Ausgestoßener, und es ging rapide mit ihm bergab, auch geistig und seelisch. Vor einem Jahr war er in eine staatliche Heilanstalt für psychisch Kranke eingewiesen worden, und so, wie es aussah, würde er den Rest seines Lebens dort verbringen müssen.

Michelles Muskeln spannten sich erneut an, als sie Sean King unmittelbar hinter dem Kandidaten auftauchen sah. In Gedanken zählte sie die Secret-Service-Agenten, die sich zu diesem Zeitpunkt im Raum aufhielten, und stellte mit einiger Verwunderung fest, dass es so viele gar nicht waren. Bei ihrem Einsatz für Bruno waren es dreimal so viele gewesen. King war der einzige Agent in unmittelbarer Nähe Ritters. Sie fragte sich, wer sich damals diese miserable Logistik ausgedacht hatte.

Michelle Maxwell, einst wissbegierige Studentin der Geschichte des Secret Service, wusste, dass sich dessen Aufgabengebiet erst im Laufe der Zeit herauskristallisiert und entwickelt hatte. Es hatte dreier tragischer Präsidentenmorde bedurft – an Abraham Lincoln, James Garfield und William McKinley –, bis sich der Kongress endlich substanziell mit der Frage des Präsidentenschutzes befasst und eine entsprechende gesetzliche Grundlage geschaffen hatte. Teddy Roosevelt war der erste Amtsinhaber gewesen, der sich eines umfassenden Schutzes durch den Secret Service erfreuen konnte, wenngleich die Verhältnisse damals bei weitem noch nicht so kompliziert waren wie später. Noch Ende der Vierzigerjahre wurde für Harry Truman, Franklin Roosevelts neu gewählten Vizepräsidenten, erst dann ein persönlicher Leibwächter abgestellt, nachdem einer seiner Mitarbeiter überzeugend dargelegt hatte, dass ein Mann, den nichts als ein Herzschlag vom Amt des mächtigsten Menschen der Erde trennte, durchaus Anspruch auf zumindest einen professionellen Personenschützer hatte, der mit der Pistole in der Hand auf ihn aufpasste.

Shakehands, Begrüßungen… Michelle beobachtete den Agenten King und sah, dass er sich absolut den Vorschriften entsprechend verhielt. Sein Blick war ständig in Bewegung – ein Verhalten, das der Service seinen Mitarbeitern eindrillte. Einmal hatte der Service einen Wettkampf mit anderen Sicherheitsbehörden ausgetragen. Es ging darum, welcher der Dienste am besten erkennen konnte, ob jemand lügt oder nicht. Der Secret Service hatte klar gewonnen, und Michelle wusste, warum. Ein Agent, dem eine Schutzperson anvertraut war, verbrachte den größten Teil seiner Zeit damit, sich allein von der äußeren Erscheinung eines Menschen her in dessen innerste Gedanken und Motive hineinzuversetzen.

Und dann kam der entscheidende Augenblick. Irgendetwas rechts von King lenkte seine Aufmerksamkeit ab. Die Frage, was dieses Etwas sein mochte, regte Michelle sofort zu Spekulationen an, sodass sie die nächste Szene gar nicht mitbekam: Ramsey zog seine Waffe und schoss. Erst der Knall ließ sie erkennen, dass ihre Aufmerksamkeit ebenso abgelenkt worden war wie die Kings. Sie ließ das Band zurücklaufen, und diesmal konnte sie genau verfolgen, was geschah: Ramseys Hand glitt in seine Jackentasche, wobei die Bewegung zum Teil von einem Ritter-Plakat verdeckt wurde, das er in der anderen Hand hielt. Erst, als Ramsey bereits auf Ritter zielte und gleich darauf auch abdrückte, war die Waffe deutlich erkennbar. King zuckte zusammen – vermutlich in dem Moment, als ihn die Kugel, die Ritters Körper durchschlagen hatte, in den Finger traf. Ritter brach zusammen, und es kam zu einer Art Massenhysterie. Der Kameramann, von dem das Band stammte, war offenbar in die Knie gesunken. Michelle sah bruchstückhaft menschliche Rümpfe und dann Beine, die in alle Richtungen davonstoben. Durch die in heller Panik fliehenden Menschen wurden andere Leibwächter und Sicherheitsbeamte an die Wände gedrückt. Es dauerte nur Sekunden – und kam Michelle doch vor wie eine Ewigkeit. Und dann musste der Kameramann sich wieder aufgerappelt haben, denn plötzlich erschien wieder Sean King auf der Bildfläche.

Seine linke Hand war blutüberströmt. Mit der Rechten hatte er seine Pistole gezogen und richtete diese nun auf den Attentäter, der ebenfalls seine Waffe noch in der Hand hielt. Wenn in unmittelbarer Nähe ein Schuss fällt, besteht die normale menschliche Reaktion darin, zusammenzuzucken, sich auf den Boden fallen zu lassen und sich nicht mehr zu rühren. Bei der Ausbildung im Service wurde einem beigebracht, wie man diese Impulse überspielen konnte. Wenn ein Unbekannter einen Schuss abgab, reagierte man folgendermaßen: Man packte sich sofort die Schutzperson und versuchte, sie so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone zu bringen, was oft so viel bedeutete wie: Man trug oder schleppte sie eigenhändig fort. King tat dies im Fall Ritter nicht – wahrscheinlich deshalb, so interpretierte Michelle jedenfalls seine Reaktion, weil er sich einem Mann mit einer Pistole in der Hand gegenübersah.

King schoss einmal, zweimal, ganz ruhig, wie es den Anschein hatte. Er sagte dabei kein Wort – zumindest schien es Michelle so. Als Ramsey umfiel, stand King einfach da und starrte auf den ermordeten Kandidaten. Andere Agenten, deren Trainingsreflexe noch intakt waren, packten Ritter, schleppten ihn davon und ließen King im Regen stehen.

Was mag ihm in diesem Moment durch den Kopf gegangen sein? Michelle hätte es nur allzu gern gewusst.

Sie spulte das Band zurück und sah es sich noch einmal von vorn an. Da war das Peng!, als Ramsey schoss… nur, da war vorher noch ein anderes Geräusch. Wieder spulte sie zurück und spitzte die Ohren. Da war es! Es klang wie »piep« oder »pling«, wie eine Art Gong- oder Glockenschlag. Genau, wie ein Klingelzeichen. Das Geräusch kam genau aus der Richtung, in die King starrte. Außerdem war es Michelle, als höre sie ein leichtes Rauschen oder Surren.

Rasch dachte sie nach. Eine Glocke in einem Hotel bedeutete meistens, dass ein Fahrstuhl zum Halten kommt. Und das Rauschen konnte von sich öffnenden Fahrstuhltüren stammen. Der Plan des Raumes, in dem Ritter ermordet worden war, zeigte eine ganze Reihe von Fahrstuhlschächten. Angenommen, eine Fahrstuhltür hätte sich geöffnet und Sean King hätte in dem Fahrstuhl etwas wahrgenommen? Doch warum hatte er das dann nicht zu Protokoll gegeben? Und warum hatte außer ihm niemand etwas gesehen? Und zu guter Letzt: Warum war bei den Ermittlungen niemand zu ähnlichen Schlüssen gekommen wie sie – die sie nichts weiter getan hatte, als sich das Videoband mehrmals anzusehen – und hatte entsprechend nachgehakt? Sie fragte sich, warum sie sich so sehr für Sean King und sein inzwischen acht Jahre zurückliegendes Waterloo interessierte. Ja, ich bin neugierig, gestand sie sich ein. Nach dieser tagelangen Untätigkeit muss ich unbedingt wieder etwas tun. Ich brauche Action…

Michelle dachte nicht mehr lange nach. Sie packte spontan ihre Reisetasche, beglich die Rechnung und verließ das Hotel.

KAPITEL 14

Sean King war genauso früh aufgestanden wie Michelle Maxwell und hatte sich ebenfalls aufs Wasser begeben. Allerdings saß er nicht in einem Einer, sondern in einem Kanadier, und er kam beträchtlich langsamer voran als Michelle. Der See war spiegelblank um diese Tageszeit, und es herrschte absolute Stille. Zeit und Ort waren geradezu ideal zum Nachdenken, und dazu gab es ja nun auch reichlich Anlass. Doch es sollte nicht sein.

Er hörte jemanden seinen Namen rufen und blickte auf. Joan Dillinger stand auf der hinteren Terrasse seines Hauses, rief nach ihm und hielt eine Tasse in die Höhe; vermutlich befand sich Kaffee darin. Joan trug den Pyjama, der in seinem Gästezimmer bereit zu liegen pflegte. King paddelte zurück, ließ sich allerdings Zeit dabei. Dann schritt er langsam zum Haus hoch, wo Joan ihn an der Hintertür begrüßte.

Sie lächelte. »Du warst offenbar früher auf als ich – nur, Kaffee war noch keiner aufgesetzt. Aber das geht schon in Ordnung. Ich bin daran gewöhnt, für solche Dinge selbst zu sorgen.«

Er nahm den Kaffee an, und da sie darauf bestand, ihm ein Frühstück zu richten, setzte er sich an den Tisch und beobachtete sie. Joan huschte barfüßig und immer noch im Schlafanzug durch seine Küche und spielte offenbar ganz gelassen die Rolle des glücklichen Hausdrachens. King erinnerte sich, dass sie eine der härtesten Agentinnen war, die der Secret Service je hervorgebracht hatte. Ihrer Weiblichkeit hatte das gleichwohl keinen Abbruch getan, und es hatte intime Momente gegeben, in denen sie sexuell buchstäblich außer Rand und Band geraten war.

»Am liebsten Rührei, hab ich Recht?«

»Ja, das ist okay«, erwiderte er.

»Brötchen, ohne Butter?«

»Ja.«

»Mein Gott, du bist wirklich leicht berechenbar.«

Kann schon sein, dachte er und riskierte selbst eine Frage: »Gibt’s was Neues im Fall Jennings? Oder bin ich nicht vertrauenswürdig?«

Joan, die gerade dabei war, Eier aufzuschlagen, hielt abrupt inne. »Das ist Sache des FBI, das weißt du doch.«

»Es gibt Amtshilfe. Man redet miteinander…«

»Nicht mehr so wie früher, ehrlich. Und viel lief auch damals nicht.«

»Also hast du keine Ahnung…« So, wie er es sagte, klang es vorwurfsvoll.

Joan verzichtete auf eine Antwort. Stattdessen verquirlte sie die Eier, legte das Brötchen auf den Toaster und tischte ihm das Frühstück schließlich auf, perfekt mit Tafelsilber, Serviette und frischem Kaffee. Dann setzte sie sich ihm gegenüber, nippte an einem Glas Orangensaft und sah King beim Essen zu.

»Isst du denn gar nichts?«, fragte er.

»Ich achte auf meine Figur – anscheinend als Einzige hier.«

War es nur seine Einbildung, oder streifte tatsächlich ihr Fuß ganz leicht sein Bein unter dem Tisch?

»Was hast du denn erwartet? Dass wir nach acht Jahren sofort wieder miteinander ins Bett steigen?«

Sie warf den Kopf zurück und lachte. »Solche Fantasien kamen gelegentlich vor, ja.«

»Du bist verrückt, weißt du das? Nachweisbar, meine ich, mit Brief und Siegel.« Er meinte es vollkommen ernst.

»Und dabei hatte ich doch eine ganz normale Kindheit! Vielleicht bin ich nur verrückt nach einem Schattenmann, der mit Schießeisen herumfuchtelt.«

Jetzt war es klar: Ihr Fuß hatte sein Bein berührt. Er war sich deshalb sicher, weil der Fuß noch immer da war und sich allmählich intimeren Teilen seiner Anatomie näherte.

Joan beugte sich vor. Ihr Blick war nicht gefühlvoll, sondern raubtierhaft. Sie wollte ihn, hier und jetzt, auf dem Küchentisch, mitten auf seinem berechenbaren Rührei. Sie stand auf, schlüpfte aus der Schlafanzughose und enthüllte ein hauchdünnes weißes Höschen. Dann öffnete sie langsam und mit Überlegung die Pyjamajacke, als wolle sie ihn bei jedem Knopf dazu provozieren, ihr Einhalt zu gebieten. King tat nichts dergleichen. Er sah einfach weiter zu, bis die Jacke ganz offen war. Joan trug keinen BH. Sie ließ das Kleidungsstück in Kings Schoß fallen und fegte mit der anderen Hand das Geschirr vom Tisch.

»Es ist schon viel zu lange her, Sean. Komm, lass uns was dagegen tun.« Sie kletterte auf den Tisch, legte sich mit gespreizten Beinen auf den Rücken und lächelte ihn an. Er hatte sich erhoben, stand wie ein Turm vor ihr und ihrer verführerischen Beinahe-Nacktheit.

»Nullachtfuffzehn, was?«, fragte er.

»Was soll das heißen?«

Sein Blick fixierte die Deckenlampe. »Zu ’ner anständigen Dreipunktlandung passt deine Unterwäsche nicht.«

»Ach, was Sie nicht sagen, Mr King! Der Tag hat doch gerade erst angefangen!«

Ihr Lächeln schwand, als King die Schlafanzugjacke aufhob und vorsichtig über ihre intimeren Regionen drapierte.

»Ich zieh mich jetzt an«, sagte er, »und es würde mich freuen, wenn du unterdessen den Saustall hier aufräumen könntest.«

Er ging und hörte sie hinter sich her lachen. Als er die Treppe hinaufgestiegen war, rief sie ihm nach: »Endlich bist du erwachsen geworden, Sean! Ich bin zutiefst beeindruckt!«

Er schüttelte den Kopf und fragte sich ernsthaft, aus welcher Irrenanstalt sie ausgebrochen war.

»Danke fürs Frühstück!«, rief er zurück.

Als King geduscht und angezogen die Treppe wieder herunterkam, klopfte es an der Tür. Er sah aus dem Fenster und stellte zu seiner Überraschung fest, dass draußen ein Streifenwagen, ein Kleinbus der U. S. Marshals und ein schwarzer Geländewagen vorgefahren waren. Er öffnete die Tür.

Todd Williams, der Chef der örtlichen Polizei, war ihm persönlich bekannt – schließlich war er, King, einer von Todds ehrenamtlichen Hilfspolizisten. Todd war es sichtlich peinlich, als einer von zwei FBI-Agenten vortrat und King mit einer Geste, die aussah, als zöge er ein Springmesser, seine Dienstmarke präsentierte.

»Sean King? Nach unseren Informationen sind Sie im Besitz einer Handfeuerwaffe, die auf Ihren Namen registriert ist.«

King nickte. »Ich bin ehrenamtlicher Hilfspolizist. Die Öffentlichkeit sieht es ganz gern, wenn wir bewaffnet sind, damit wir im Falle eines Falles mit den bösen Buben fertig werden. Und?«

»Dann zeigen Sie das gute Stück mal her. Offen gesagt: Wir wollen es mitnehmen.«

King warf Todd Williams einen fragenden Blick zu. Der sah ihn an, zuckte mit den Schultern und trat dann einen großen, symbolischen Schritt zurück.

»Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?«, fragte King.

»Sie waren früher Agent einer Bundesbehörde. Wir haben gehofft, dass Sie sich kooperativ verhalten werden.«

»Ich bin außerdem Rechtsanwalt, und wir Anwälte sind nicht gerade für unser kooperatives Verhalten bekannt.«

»Es liegt an Ihnen. Ich habe das Dokument bei mir.«

King hatte in seiner Agentenzeit die gleichen Tricks angewendet. Seine »Durchsuchungsbefehle« waren oft nichts weiter als sorgfältig zusammengefaltete Fotokopien eines Kreuzworträtsels aus der New York Times gewesen. »Dann zeigen Sie es mir bitte«, forderte er.

Der FBI-Mann tat, wie ihm geheißen. Das Dokument war echt. Sie wollten seine Dienstpistole.

»Darf ich fragen, warum?«

»Fragen dürfen Sie«, sagte der Agent.

Jetzt trat der Beamte vom U. S. Marshal Service vor. Er war ungefähr fünfzig Jahre alt, etwa eins fünfundneunzig groß und hatte die Figur eines Profiboxers: breite Schultern, lange Arme, gewaltige Pranken.

»Schluss mit dem Geplänkel, okay?«, sagte er zu dem Agenten, bevor er sich an King wandte. »Die Pistole soll daraufhin untersucht werden, ob sie zu dem Projektil passt, das in Jennings’ Leiche gefunden wurde. Ich gehe davon aus, dass das für Sie kein Problem ist.«

»Sie glauben, dass ich Howard Jennings in meinem Büro erschossen habe – und ausgerechnet auch noch mit meiner eigenen Dienstwaffe? Wie käme ich dazu? Aus Bequemlichkeit? Oder weil ich zu geizig bin, mir eine andere Knarre zu besorgen?«

»Wir müssen alle Möglichkeiten überprüften«, sagte der Mann friedlich. »Als Secret-Service-Agent kennen Sie doch das Prozedere.«

»Ex-Agent, wenn ich bitten darf.« Er drehte sich um. »Ich hole die Waffe.«

Der Riese legte ihm die Hand auf die Schulter. »Nein. Sie zeigen den Kollegen, wo sie sich befindet.«

»Das heißt, ich soll sie in mein Haus lassen, damit sie frisch-fröhlich Indizien für eine Anklage gegen mich sammeln können?«

»Ein Unschuldiger hat nichts zu verbergen«, fauchte der Marshal zurück. »Abgesehen davon: Niemand wird herumschnüffeln. Großes Pfadfinder-Ehrenwort!«

Einer der FBI-Agenten folgte King ins Haus. Verwundert registrierte er im Vorbeigehen das Chaos in der Küche.

»Mein Hund spielt ab und zu verrückt«, erklärte King.

Der Mann nickte. »Ich habe einen schwarzen Labrador. Er heißt Trigger. Was haben Sie für einen?«

»’ne Pitbull-Hündin. Sie heißt Joan.«

Sie gingen in sein Arbeitszimmer. King schloss die Kassette auf, in der er die Pistole aufbewahrte, und überließ es dem FBI-Mann, den Inhalt zu inspizieren. Der Agent steckte die Waffe in einen Plastikbeutel, stellte King eine Quittung aus und folgte ihm dann wieder bis vor die Haustür.

»Tut mir Leid, Sean«, sagte Todd. »Ich weiß, dass das alles nur Mist ist.« King fiel auf, dass es nicht so klang, als sei der wackere Polizeichef von seinen eigenen Worten überzeugt.

Die Fahrzeuge mit den Männern fuhren wieder ab, und Joan kam, jetzt vollständig bekleidet, die Treppe herunter.

»Was wollten die denn von dir?«

»Spenden sammeln für den Bullenball.«

»Ach nee. Giltst du als Tatverdächtiger oder was?«

»Sie haben meine Dienstwaffe mitgenommen.«

»Du hast doch ein Alibi, oder?«

»Ich war auf Streife. Habe niemanden gesehen, und niemand hat mich gesehen.«

»Jammerschade, dass ich nicht früher gekommen bin! Wenn du dein Blatt besser ausgespielt hättest, hätte ich dir ein tolles Alibi geben können.« Joan hob die rechte Hand und legte die linke auf eine imaginäre Bibel. »Mr King ist unschuldig, Euer Ehren, weil meine Wenigkeit zurzeit des besagten Mordes von besagtem Mr King auf dem Küchentisch gehörig durchgevögelt wurde.«

»Ich glaube, du träumst.«

»Davon hab ich geträumt, stimmt. Aber jetzt glaube ich, dass ich zu spät gekommen bin.«

»Joan, tu mir bloß einen einzigen Gefallen: Verlass mein Haus.«

Sie trat einen Schritt zurück und blickte ihn forschend an. »Du machst dir doch nicht etwa ernsthafte Sorgen, oder? Die ballistische Untersuchung wird nichts ergeben, und damit ist die Sache gegessen.«

»Meinst du?«

»Ich denke doch, dass du die Pistole auf deiner Streifenfahrt dabeihattest.«

»Natürlich. Meine Steinschleuder ist kaputt.«

»Wie witzig. Du hast schon immer blöde Witze gerissen, wenn du hochgradig nervös warst.«

»Ein Mann ist gestorben, Joan. Er lag tot in meinem Büro. Besonders komisch finde ich das nicht.«

»Ich kann mir schlecht vorstellen, dass die Tat mit deiner Pistole begangen wurde – es sei denn, du bist selber der Mörder.« Als er nicht antwortete, fuhr Joan fort: »Hast du der Polizei irgendwas verschwiegen?«

»Ich habe Jennings nicht umgebracht – falls du das denkst.«

»Denke ich gar nicht. Dazu kenne ich dich zu gut.«

»Na ja, die Menschen ändern sich. So was kommt vor.«

Sie nahm ihre Reisetasche auf. »Hättest du was dagegen, wenn ich noch mal vorbeikäme?«, fragte sie und fügte schnell hinzu: »Wenn ich schwören würde, so was nicht wieder zu tun.« Sie warf einen Blick auf die Bescherung in der Küche.

»Warum hast du das denn getan?«, fragte King.

»Vor acht Jahren habe ich etwas verloren, das mir sehr lieb und teuer war. Heute Morgen habe ich versucht, es mit einem Schlag wiederzubekommen – und zwar auf eine Art und Weise, die an Dummheit und Peinlichkeit kaum noch zu überbieten ist.«

»Und aus welchem Grund sollten wir uns wiedersehen?«

»Weil es da was gibt, das ich dich fragen wollte.«

»Dann raus mit der Sprache.«

»Nein, nein, diesmal nicht. Ein andermal. Ich melde mich.«

Nachdem Joan abgefahren war, räumte King in der Küche auf. Binnen weniger Minuten war alles wieder picobello. Nur allzu gern hätte er sein Leben ebenso schnell wieder in Ordnung gebracht. Allerdings hatte er das Gefühl, dass noch erheblich mehr zu Bruch gehen würde, bis diese Geschichte ausgestanden war.

KAPITEL 15

Mit einem Flugtaxi flog Michelle nach North Carolina. Da sie keinen Dienstausweis und keine Dienstmarke, sondern nur noch ihren Waffenschein vorlegen konnte, durfte sie ihre Pistole und das kleine Messer, das sie stets bei sich führte, nicht mit in die Kabine nehmen. Beide wurden aber im Laderaum mitgeführt und ihr nach der Landung wieder ausgehändigt. Die nach dem 11. September 2001 eingeführte Regel, sämtliche Waffen an Flughäfen zu konfiszieren, war inzwischen wieder etwas gelockert worden. Michelle nahm sich einen Mietwagen und fuhr in das kleine Städtchen Bowlington, das etwa achtzig Kilometer östlich der Grenze zu Tennessee im Schatten der Great Smoky Mountains lag. Die Fahrt dauerte ungefähr eine Stunde. Von dem Ort selber war, wie sie rasch feststellte, nicht mehr viel übrig. Die Textilindustrie, die diesen Landstrich einst wohlhabend gemacht hatte, war längst zusammengebrochen. Ein alter Mann an der Tankstelle erklärte Michelle, warum.

»Heutzutage wird das ganze Zeug für ’n Appel und ’n Ei in China oder Taiwan hergestellt, nicht mehr in den guten alten Vereinigten Staaten von A.«, klagte er. »Hier gibt’s nicht mehr viel.« Wie um seinem Kommentar Nachdruck zu verleihen, spuckte er einen Schwall Kautabak in ein Einweckglas. Er drehte an der alten Registrierkasse, bis es klingelte, gab Michelle das Wechselgeld für ihre Limonade heraus und fragte sie, was sie in diese Gegend führe. Doch Michelle legte sich nicht fest. »Bin nur auf der Durchreise«, sagte sie.

»Na ja, Ma’am, so viel zum Durchfahren gibt’s auch nicht mehr«, erwiderte er.

Sie setzte sich wieder in ihren Wagen und fuhr durch die großenteils verlassene und verarmte Stadt. Immer wieder sah sie alte Menschen; sie saßen entweder auf den durchhängenden Veranden neben der Haustür, oder sie schlichen durch ihre kleinen, vernachlässigten Gärten. Als sie ihr Ziel erreicht hatte, fragte sie sich unwillkürlich, was Clyde Ritter vor acht Jahren wohl veranlasst haben mochte, ausgerechnet hier auf seiner Wahlkampfreise Station zu machen. Wahrscheinlich hätte er auf einem Friedhof mehr Stimmen abstauben können.

Das Fairmount-Hotel lag einige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Dass es bessere Tage gesehen hatte, war eine völlig unzureichende Untertreibung – es schien überhaupt nur noch von einer einzigen windschiefen Strebe vor dem Einsturz bewahrt zu werden. Das sieben Stockwerke hohe, über hundert Jahre alte Gebäude wurde von einem mannshohen Eisengitterzaun umschlossen und präsentierte sich als architektonisches Sammelsurium, in dem einerseits die amerikanische Neugotik mit ihren Scheintürmchen, Balustraden und Türmen, andererseits durch die mit Stuck verzierten Wände und das rote Ziegeldach auch mediterrane Stilelemente vertreten waren.

Die überwältigende Hässlichkeit des Gesamteindrucks übersteigt jegliche Vorstellungskraft, dachte Michelle.

Am Zaun waren mehrere Schilder mit der Aufschrift »Zutritt verboten« angebracht. Michelle konnte aber weit und breit kein Wachhäuschen und keine Patrouille sehen. Dafür entdeckte sie an der Längsseite des Hotels ein Loch im Zaun. Ihr Secret-Service-Training hinderte sie daran, sofort hindurchzuschlüpfen; erst wollte sie die Umgebung erkunden.

Das Gelände war rundherum ziemlich eben, mit Ausnahme eines Hanges auf der Rückseite des Gebäudes, der zum Zaun hin abfiel. Michelle lächelte, nachdem sie den Winkel zwischen Hang und Zaun kritisch geprüft hatte. Sie war zwei Jahre hintereinander Staatsmeisterin im Hoch- und Weitsprung gewesen. Mit einem anständigen Rückenwind und bei entsprechender Ausnutzung des Hanges könnte sie den verdammten Zaun vielleicht sogar überspringen. Noch vor zehn Jahren hätte sie es wahrscheinlich einfach versucht – aus Jux und Tollerei. Sie setzte ihren Inspektionsgang fort und beschloss, auch den angrenzenden Wald mit einzubeziehen. Plötzlich hörte sie das Geräusch fließenden Wassers und ging ihm nach.

Der Wald wurde immer dichter, doch nach ein paar Minuten hatte Michelle die Geräuschquelle ausfindig gemacht. Am Rande eines senkrecht abfallenden Steilufers stehend, blickte sie auf einen in ungefähr zehn Meter Tiefe strömenden, nicht sehr breiten Fluss hinunter. Schmale Felsvorsprünge sowie hier und da kleinere, rundliche Felsbrocken ragten aus der Uferwand hervor. Im nächsten Augenblick löste sich auch schon ein mittelgroßer Stein, der hinunterkollerte, platschend im tiefen Wasser landete und von der Strömung mitgerissen wurde. Michelle lief ein Schauer über den Rücken; sie war nicht ganz frei von Höhenangst. Rasch drehte sie sich um und kehrte im schwindenden Schein der Abendsonne zum Gelände des Fairmount-Hotels zurück.

Sie schlüpfte durch das Loch im Zaun und suchte sich einen Weg zu dem pompösen Haupteingang, der allerdings abgeschlossen und zusätzlich mit einer Kette gesichert war. Ein Stück weiter, auf der linken Seite des Gebäudes, entdeckte sie jedoch ein großes Fenster, dessen Scheibe herausgebrochen war. Hier konnte sie problemlos in das Haus einsteigen. In der Annahme, dass der Strom abgeschaltet war, hatte sie eine Taschenlampe mitgenommen. Die knipste sie nun an und begann mit ihrer Inspektion. Die Räume, durch die sie kam, waren feucht und schimmelig und zentimeterhoch mit Staub bedeckt. Außerdem wimmelte es von Ungeziefer – jedenfalls ließ das ständige Scharren und Kratzen, das zu hören war, dies vermuten. Michelle sah umgestürzte Tische, Zigarettenkippen, leere Schnapsflaschen und gebrauchte Kondome. Das aufgelassene Hotel diente offensichtlich der kleinen Minderheit der Untersiebzigjährigen von Bowlington als veritabler Nachtclub.

Unter den Akten, die ihre Freundin ihr überlassen hatte, war auch ein Grundriss des Hotels gewesen. Mit dessen Hilfe fand Michelle den Weg zum Foyer und von dort auch zu jenem Versammlungssaal, in dem Clyde Ritter erschossen worden war. Er war inzwischen mit Mahagoni vertäfelt; an der Decke hingen protzige Kronleuchter, und der Boden war mit schwerer burgunderfarbener Auslegeware bedeckt. Als sie die Tür schloss, wurde es plötzlich so still, dass Michelle froh darüber war, die Pistole an ihrem Gürtelhalfter zu spüren. Ihre .357er-Dienstpistole, die sie hatte abgeben müssen, hatte sie durch eine gepflegte SIG-9-Millimeter ersetzt. Alle Bundesagenten besaßen eine private Zweitwaffe.

Michelle hatte das Fairmount-Hotel nicht nur deshalb aufgesucht, weil sie eine morbide Neugier befriedigen wollte. Es war vielmehr eine Reihe seltsamer Parallelen, die ihr Interesse geweckt hatten.

Ähnlich wie die Ermordung Clyde Ritters hatte auch die Entführung des Präsidentschaftskandidaten John Bruno in einem obskuren Provinznest stattgefunden, einem Ort überdies, der gar nicht einmal so weit entfernt von Bowlington lag. Beide Taten waren in einem alten Gebäude verübt worden, auch wenn es sich im Fall Bruno um ein Bestattungsinstitut und im Fall Ritter um ein Hotel handelte. Im Fall Bruno mussten die Täter über Insider-Informationen verfügt haben – und nach allem, was sie bisher über den Mordfall Ritter herausgefunden hatte, wuchs in Michelle die Überzeugung, dass auch hier ein Insider mit von der Partie gewesen sein musste. Vielleicht konnte sie hier etwas herausfinden, das ihr in ihrer eigenen misslichen Lage weiterhalf; zumindest hoffte sie das. Auf jeden Fall war es um Längen besser, als im Hotel herumzusitzen und Trübsal zu blasen.

Michelle hockte sich auf einen kleinen Tisch in der Ecke und vertiefte sich in die Akte. Auf einem Lageplan waren die jeweiligen Positionen aller Beteiligten an jenem verhängnisvollen Tag eingetragen. Sie ging zu der Stelle, an der, unmittelbar hinter Clyde Ritter, Sean King gestanden hatte. Ihr Blick schweifte durch den Raum. Sie prägte sich ein, wo die anderen Leibwächter positioniert gewesen waren – der erste, der zweite, der dritte. Die Menge hatte sich hinter einem Seil gedrängt, und Clyde Ritter hatte sich hinübergebeugt, um seinen Anhängern die Hände zu schütteln. Verschiedene Mitglieder des Wahlkampfteams waren quer über den Raum verteilt: Sidney Morse stand gegenüber von Ritter auf der anderen Seite der Absperrung. Michelle hatte Morse auf dem Videofilm gesehen; auch er war, wie alle anderen, schreiend davongelaufen. Doug Denby, Ritters Stabschef, hatte an der Tür gestanden. Arnold Ramsey, der Attentäter, hatte sich von hinten her langsam nach vorne gearbeitet, bis er unmittelbar vor seinem Opfer stand. Er trug ein »Friends-of-Clyde«-Plakat. Selbst für Michelles trainiertes Auge hatte er auf dem Videofilm völlig harmlos ausgesehen.

Auf der rechten Seite erblickte Michelle die Fahrstuhltüren, eine neben der anderen. Noch einmal versuchte sie sich in Sean King hineinzuversetzen – sah nach links, sah nach rechts, den Raum in präzise imaginäre Planquadrate unterteilend. Sie tat, als spräche sie in ein Halsmikrofon, und streckte die Hand aus, als berühre sie Ritters verschwitztes Hemd. Dann sah sie nach rechts und hielt den Blick dort, in Gedanken die Sekunden zählend, genauso lange wie King damals. Nur die Fahrstuhltüren waren an dieser Stelle bemerkenswert. Das leise »Pling«, das sie gehört hatte, musste von dort gekommen sein.

Ein lautes Krachen ließ sie zusammenfahren, automatisch zur Pistole greifen und in alle Ecken des Raumes zielen. Sie keuchte vor Schreck und zitterte derartig, dass sie sich auf den Boden setzen musste. Ihr war speiübel. Schnell wurde ihr bewusst, dass ein Geräusch wie dieses in einem alten, leer stehenden Hotel wahrscheinlich gar nichts Ungewöhnliches war: Vielleicht war irgendwo ein Stück von der Deckenvertäfelung heruntergefallen, vielleicht hatte sich auch ein Eichhörnchen ins Haus verirrt und irgendetwas umgestoßen. Das Timing war allerdings mörderisch gewesen. Michelle konnte nicht umhin, King dafür zu bewundern, dass er in einer ebensolchen Situation die Geistesgegenwart besessen hatte, trotz seiner eigenen Verwundung noch die Pistole zu ziehen und einen bewaffneten Mann zu erschießen. Hätte ich das geschafft, fragte sie sich. Hätte ich die Schmerzen in meiner Hand ertragen, mich von dem allgemeinen Chaos nicht anstecken lassen und noch gezielt schießen können? Nachdem sie die Situation auf ihre Weise nachvollzogen hatte, stieg ihr Respekt für King ganz erheblich.

Sie riss sich zusammen, sah sich die Fahrstuhltüren genauer an und wandte sich dann wieder der Akte zu. Auf dem Flug hatte sie sich näher mit den Unterlagen beschäftigt und dabei unter anderem herausgefunden, dass die Fahrstühle auf dieser Seite während der Veranstaltung mit Ritter vom Secret Service aus Sicherheitsgründen abgestellt worden waren. Also musste man davon ausgehen, dass es eigentlich gar keinen Glockenschlag gegeben haben konnte. Und doch hatte sie einen gehört – und Kings Aufmerksamkeit war genau i der entsprechenden Richtung abgelenkt worden. Später hatte er zwar behauptet, es habe sich um einen Routineblick im Rahmen seiner Beobachtungspflicht gehandelt, doch Michelle fragte sich, ob nicht mehr dahinter steckte. Sie betrachtete ein Foto, das den Versammlungssaal zur Zeit des Attentates zeigte. Der Teppichboden war erst später gelegt worden. Zur Tatzeit bestand der Boden aus Holz. Michelle stand auf, nahm ihr Messer zur Hand und schnitt den Teppichboden an einer bestimmten Stelle auf. Sie zog das etwa quadratmetergroße Stück zurück und beleuchtete den darunter liegenden Holzboden mit ihrer Taschenlampe.

Die dunklen Flecken waren noch zu sehen. Blut ließ sich aus Holz kaum noch herausbekommen, deshalb hatte sich die Hotelleitung offenbar für den Teppichboden entschieden. Das ist das Blut von Sean King und das von Clyde Ritter, dachte sie, auf ewig miteinander vermischt… Sie ging zu der Wand, vor der King damals gestanden hatte. Die Kugel, die ihn verwundet und Ritter getötet hatte, war dort eingeschlagen und natürlich längst entfernt worden. Die gepolsterte Wandverkleidung von damals war inzwischen durch die massive Mahagonivertäfelung ersetzt worden – auch in diesem Falle eine Art Abdeckung, als wollten die Hoteleigner damit die Ereignisse ungeschehen machen. Funktioniert hatte es nicht, denn das Hotel war schon bald nach Ritters Tod geschlossen worden.

Durch eine Tür hinter dem Empfang betrat Michelle das ehemalige Büro. Eine Wand war auf ganzer Länge mit einem hohen Aktenschrank verstellt, und auf den Schreibtischen lagen noch immer Papiere, Kugelschreiber und andere Büroutensilien herum. Es sah so aus, als wäre das Hotel von einer Minute zur anderen mitten in der Arbeitszeit geschlossen worden. Zu Michelles Verblüffung war der Aktenschrank noch voller Ordner. Sie nahm einige davon heraus und blätterte sie durch. Das Hotel hatte zum Zeitpunkt der Ermordung Ritters längst über eine Computeranlage verfügt, doch hatte man die wichtigsten Dokumente zur Sicherheit ausgedruckt und abgeheftet. Mit Hilfe ihrer Taschenlampe suchte Michelle die Unterlagen für 1996 heraus und fand auch schnell jene, die sich unmittelbar auf den Tag des Ereignisses bezogen. Wie sich herausstellte, enthielt der Schrank nur Material aus dem Jahr 1996 sowie von Anfang 1997. Michelle vermutete, dass sich bei der Schließung des Hotels niemand für die Räumung verantwortlich gefühlt hatte. Wenn die Dokumente im Laufe der Ermittlungen beschlagnahmt worden waren, so hatte man sie danach offensichtlich zurückgegeben.

Ritters Wahlkampftross hatte sich nur für eine Nacht im Fairmount-Hotel einquartiert. Den Buchungsunterlagen zufolge hatte King in Zimmer 304 gewohnt.

Über die Haupttreppe stieg Michelle in die zweite Etage hinauf. Da sie keinen Generalschlüssel gefunden hatte, behalf sie sich mit ihrem elektronischen Dietrich, und die Tür war in Nullkommanichts geöffnet. Für einen ausgebildeten Geheimagenten waren derlei Übungen Routine. Das Zimmer selbst bot – außer dem zu erwartenden Durcheinander – wenig Interessantes. Es gab eine Verbindungstür zum benachbarten Zimmer 302, in dem es genauso chaotisch aussah.

Sie ging wieder hinunter ins Erdgeschoss und wollte das Hotel schon verlassen, als ihr ein Gedanke kam. Sie kehrte ins Büro zurück und suchte nach den Personalakten der Hotelangestellten. Die waren allerdings leider nicht hier zu finden.

Michelle überlegte, konsultierte noch einmal den Zimmerplan, fand die Hausverwaltung und machte sich auf die Suche danach. Der große Raum war mit Regalen vollgestellt; des Weiteren befanden sich dort mehrere leere Ausgabeschalter und ein Schreibtisch. Michelle durchsuchte zunächst ihn und dann den großen Aktenschrank, der dahinter an der Wand stand. Dort endlich fand sie, was sie finden wollte: ein Klemmbrett mit den Namen und Adressen des Hauspersonals. Das Papier war angeschimmelt und von der Feuchtigkeit wellig geworden. Sie nahm die Liste an sich und kehrte ins Büro zurück. Dort suchte und fand sie ein Telefonbuch, das jedoch völlig veraltet war und ihr vermutlich kaum noch weiterhelfen konnte. Als sie wieder ins Freie trat, stellte sie überrascht fest, dass es schon dunkel war und sie über zwei Stunden in dem Gebäude verbracht hatte.

Sie nahm sich ein Zimmer in einem Motel und überprüfte anhand des dort ausliegenden Telefonbuchs die Namen und Adressen der Hotelangestellten auf der Liste. Drei Personen lebten nach wie vor in oder in der Nähe von Bowlington; ihre Anschriften hatten sich nicht verändert. Unter der ersten Nummer meldete sich niemand, weshalb sich Michelle damit begnügen musste, eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter zu hinterlassen. Bei den beiden anderen Anschlüssen war sie erfolgreicher: Es meldeten sich zwei Frauen, die damals als Zimmermädchen im Fairmount-Hotel gearbeitet hatten. Michelle gab sich als Dokumentarfilmerin aus, die an einem Projekt über politische Attentate arbeitete und Leute interviewen wollte, die mit dem Fall Ritter vertraut waren. Zu ihrer Überraschung erklärten sich beide Frauen sofort damit einverstanden, an einem solchen Film mitzuwirken. Na ja, dachte Michelle, so überraschend ist diese spontane Bereitschaft nun auch wieder nicht: Was haben die Leute in diesem Kaff denn sonst zu tun? Sie vereinbarte mit den beiden Frauen Termine für den nächsten Tag. Dann fuhr sie zu einem Schnellimbiss im Western-Stil, wo innerhalb von zehn Minuten drei Kerle mit Cowboy-Hüten auf den Köpfen mit ihr anzubandeln versuchten. Als der dritte sie anmachte, hatte sie die Nase voll: In der einen Hand ihren Cheeseburger, zeigte sie dem Möchtegern-Verehrer mit der anderen ihre Pistole und sah vergnügt zu, wie er das Weite suchte. Ach, wie schön, so beliebt zu sein, dachte sie.

Nach dem Essen brachte sie ein paar Stunden in ihrem Motelzimmer damit zu, die Fragen vorzubereiten, die sie den beiden Frauen am nächsten Tag stellen wollte. Unterbrochen wurde sie vom Rückruf des dritten Zimmermädchens, das ebenfalls zu einem Treffen bereit war. Vor dem Einschlafen fragte sich Michelle, wohin ihre Aktivitäten wohl führen mochten und was sie eigentlich damit bezweckte. Sie hatte keine Ahnung.

Draußen vor dem Motel fuhr der alte Buick mit dem noch immer röhrenden Auspufftopf vor. Der Fahrer stellte den Motor ab, stieg aber nicht aus, sondern fixierte die Tür zu Michelle Maxwells Zimmer, und dies mit einer solchen Intensität, dass man hätte meinen können, er sei imstande, durch die Wände zu schauen, ja vielleicht sogar direkt in den Kopf der jungen Secret-Service-Agentin hinein.

Der kommende Tag versprach interessant zu werden. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Michelle Maxwell hier auftauchen würde, um eine Art Privatermittlung durchzuführen. Doch nachdem sie nun einmal da war, musste er möglichst elegant mit dem Problem fertig werden. Er hatte die Liste seiner Opfer sorgfältig zusammengestellt und nicht die geringste Lust, sie willkürlich zu erweitern. Allerdings mussten alle Pläne grundsätzlich immer wieder an sich verändernde Umstände angepasst werden. Es blieb abzuwarten, ob Maxwell ebenfalls auf die Liste gehörte.

Es gab noch viel zu tun, und eine neugierige junge Secret-Service-Agentin konnte sich durchaus zu einer Gefahrenquelle entwickeln, wenn man ihr nicht rechtzeitig Einhalt gebot. Er erwog, ob er sie sofort töten sollte, und tastete schon mal unter dem Sitz nach seiner Lieblingsmordwaffe. Doch kaum hatte er sie gefunden und die Finger bereits um das harte Metall gelegt, überlegte er es sich anders und lockerte seinen Griff wieder.

Nein, es fehlte an der richtigen Vorbereitung. Außerdem konnte Maxwells sofortiger Tod unabsehbare Komplikationen nach sich ziehen. Das war einfach nicht sein Stil. Michelle Maxwell durfte gerne noch einen Tag länger leben. Er ließ den Motor an, legte den ersten Gang ein und fuhr davon.

KAPITEL 16

Die ersten beiden ehemaligen Zimmermädchen aus dem Fairmount-Hotel brachten Michelle nicht weiter. Das Attentat war das bei weitem bedeutendste Ereignis, das sich sowohl in der Stadt als auch im Leben der beiden jemals zugetragen hatte. In den Gesprächen mit der »Filmemacherin« Michelle überboten sie sich gegenseitig in den abwegigsten Verschwörungstheorien, waren aber außerstande, auch nur einen einzigen handfesten Beweis dafür ins Feld zu führen. Michelle hörte sich das alles höflich an und ging dann wieder ihrer Wege.

Die dritte Adresse, die sie aufsuchte, war ein bescheidenes, aber gepflegtes, von der Straße ein wenig zurückgesetztes Haus. Loretta Baldwin erwartete Michelle auf der breiten Veranda. Baldwin war eine schlanke Afroamerikanerin in den Sechzigern. Sie hatte hohe, markante Wangenknochen, einen ausdrucksvollen Mund und trug eine Brille mit Metallfassung, deren Gläser ihre blitzenden, vor Energie und Unternehmungslust sprühenden braunen Augen vergrößerten. Sie saß kerzengerade auf ihrem Stuhl und verstand sich auf die Kunst, jemanden von oben bis unten zu mustern, ohne dass die Betroffenen es merkten. Ein Blick, auf den jeder Secret-Service-Agent stolz sein könnte, dachte Michelle. Baldwins Hände waren lang und schmal und mit hervortretenden Adern durchzogen. Als die beiden Frauen einander begrüßten, registrierte die sportliche Michelle überrascht, welche Kraft im Händedruck der Älteren lag. Sie setzte sich in den Schaukelstuhl neben Loretta und akzeptierte dankend das Glas Eistee, das ihr angeboten wurde.

»Ist das ’n großer oder ’n kleiner Film, den Sie da drehen, meine Liebe?«

»Es ist ein Dokumentarfilm, also nur ein kleiner.«

»Also haben Sie wahrscheinlich keine heiße Rolle für mich, oder?«

»Na ja, wenn Ihr Interview nicht rausgeschnitten wird, dann doch, dann sind Sie jedenfalls dabei. Wir kommen dann zurück und drehen die betreffende Stelle. Zurzeit bin ich noch am Recherchieren und bei den Vorgesprächen.«

»Nein, Schätzchen, ich wollte wissen, ob das ein bezahltes Engagement ist.

»O nein. Nein, davon kann gar keine Rede sein. Wir haben nur einen winzigen Etat.«

»Schade. Es gibt nicht viele Jobs hier in der Gegend, wissen Sie.«

»Das kann ich mir denken.«

»Früher war das anders.«

»Früher – als das Hotel noch in Betrieb war?«

Baldwin nickte und schaukelte langsam im auffrischenden Wind. Es war kühl geworden, und Michelle wäre jetzt eine heiße Tasse Kaffee lieber gewesen als der Eistee.

»Mit wem haben Sie denn bisher schon gesprochen?«, wollte Loretta wissen und lachte, als Michelle ihr die Namen nannte. »Die Mädels haben keine Ahnung, sag ich Ihnen, nicht die geringste Ahnung. Hat die kleine Miss Julie Ihnen erzählt, dass sie dabei war, als Martin Luther King erschossen wurde?«

»Ja, das hat sie erwähnt. Ich muss sagen, eigentlich kam sie mir dafür ein bisschen zu jung vor.«

»Na und ob! Die kennt Martin Luther King genauso wenig wie ich den Papst.«

»Was können Sie mir denn über jenen Tag im Hotel berichten?«

»Das war ein Tag wie jeder andere – außer natürlich, dass wir alle wussten, wer da kommen würde, Clyde Ritter nämlich. Ich kannte ihn ja schon aus dem Fernsehen und so, und außerdem lese ich jeden Tag meine Zeitung. Seine politische Einstellung entsprach ungefähr jener von George Wallace, bevor er sein Damaskus erlebte. Trotzdem war Ritter sehr erfolgreich mit seinem Wahlkampf – und das sagt so ungefähr alles aus, was man über dieses Land wissen muss.« Mit einem amüsierten Ausdruck in den Augen sah sie Michelle an und fragte: »Haben Sie ein so gutes Gedächtnis oder halten Sie das, was ich Ihnen erzähle, für so unwichtig, dass Sie ’s gar nicht aufschreiben wollen?«

Erschrocken zog Michelle einen Schreibblock aus ihrer Tasche und begann sich Notizen zu machen. Außerdem stellte sie einen kleinen Kassettenrekorder vor Loretta auf den Tisch und fragte: »Haben Sie etwas dagegen?«

»Iwo! Wenn mich einer vor Gericht zieht, hab ich kein Geld. Kein Besitz – das ist noch immer die beste Versicherung für einen armen Menschen.«

»Was haben Sie an jenem Tag gemacht?«

»Dasselbe wie an allen anderen Tagen. Die Zimmer geputzt.«

»Für welches Stockwerk waren Sie zuständig?«

»Für mehrere! Es meldete sich ja immer irgendwer krank. Meistens musste ich zwei Etagen ganz allein putzen. Damals auch, die erste und die zweite. Und als ich damit fertig war, sah es so aus, als müsste ich gleich wieder von vorne anfangen.«

Michelle horchte auf. Kings Zimmer lag im zweiten Stock. »Demnach hielten Sie sich also nicht im Erdgeschoss auf, als die Schüsse fielen?«

»Wieso? Hab ich das gesagt?«

Michelle sah sie irritiert an. »Nicht direkt. Aber Sie sagten, dass Sie beim Putzen waren.«

»I

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Im Bruchteil der Sekunde / Mit jedem Schlag der Stunde: Zwei Thriller in einem Band" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen