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Im Bett mit dem Feind?

1. KAPITEL

Es gab nur eines, das schlimmer war, als nackt in einem fremden Bett aufzuwachen – nackt in einem fremden Bett aufzuwachen und jemanden neben sich liegen zu haben.

Einen Mann.

Das Licht, das offensichtlich auf der anderen Seite ihrer geschlossenen Lider schien, verursachte Lorelei LaBlanc stechende Kopfschmerzen, während sie herauszufinden versuchte, was, zum Teufel, hier los war – und mit wem sie die Nacht verbracht hatte.

Sie blieb reglos liegen, denn mit einem Sprung aus dem Bett würde sie nur ihren Bettgenossen aufwecken, und sie hatte keine Lust, sich einer Konfrontation auszusetzen, wenn sie noch keine Vorstellung hatte, wie sie sich verhalten sollte.

Denk nach, Lorelei.

Sie hatte einen Kater, ihr brummte der Schädel, und das Denken tat weh. Wie viel Champagner hatte sie eigentlich getrunken?

Vivis und Connors Hochzeit war absolut perfekt gewesen, alle vierhundert Gäste hatten sich großartig amüsiert. Die Kathedrale hatte nie feierlicher ausgesehen, und das Hotel hatte sich in puncto Dekoration und Menüauswahl selbst übertroffen. Lorelei hatte mit am Kopftisch gesessen, doch als nach dem Dinner der Tanz eröffnet wurde und der Champagner richtig zu fließen begann … Sie erinnerte sich noch daran, dass sie mit Donovan St. James diskutiert hatte über …

Sie riss die Augen auf. Oh Gott! Bilder und Erinnerungen stürzten auf sie ein. Vorsichtig drehte sie den Kopf. Und richtig, da lag Donovan, mit bloßer Brust, das Laken bis zu den Hüften gezogen, einen Arm unter dem Kopf, und starrte an die Decke. Lorelei murmelte einen Fluch.

„Bin ganz deiner Meinung, Prinzessin.“

Dass er auch noch amüsiert klang, zerrte an ihren Nerven. „Was ist gestern Nacht passiert?“

Mit einer hochgezogenen Augenbraue starrte er nur betont auf die zerwühlten Laken. Sie war jetzt wirklich nicht in Stimmung, sich auf eine „Wir hatten Sex“-Unterhaltung einzulassen. Sie räusperte sich. „Ich meine, wie? Warum?“

„Wie? Literweise Champagner, zwischendurch den ein oder anderen Tequila. Warum?“ Er zuckte die Schultern. „Ist mir völlig schleierhaft.“

Tequila erklärte so manches. Ich habe ja schon eine Menge Dummheiten in meinem Leben angestellt, aber das hier …? Mit Donovan St. James? Ein Schauder rann ihr über den Rücken. Dieses Mal würde ihre Familie sie steinigen, und Vivi würde in der vordersten Reihe stehen. „Bitte sag, dass wir keine Szene auf der Hochzeit gemacht haben.“

„Ich glaube, nicht. Es ist alles etwas verschwommen, aber wenn ich mich recht erinnere, war der Empfang zu Ende, bevor …“

Das nahm ihr vorerst die schlimmste Sorge. Sich danebenzubenehmen war eine Sache, aber vor Publikum … Jetzt musste sie sich der Tatsache stellen, dass sie mit Donovan St. James geschlafen hatte.

Keine Frau würde ihren Geschmack anzweifeln. Donovan sah aus wie der Mann, von dem Frauen träumten: dunkelgrüne Augen, das schwarze Haar nur ein wenig zu lang und gebräunte Haut von der Farbe eines café au lait – den sie jetzt dringend brauchte.

Aussehen war allerdings auch alles, worauf Donovan sich berufen konnte, zumindest Loreleis Meinung nach. Wieso war er überhaupt zur Hochzeit eingeladen worden? Musste sich wohl um eine geschäftliche Angelegenheit gehandelt haben. Gut hundert der anwesenden Gäste waren unter diese Kategorie gefallen. Die St.-James-Familie war nämlich die schlimmste Art von Nouveau Riche, versuchte sich mit Geld Respekt und Ansehen zu erkaufen. Hätte Donovan auch nur die geringste Klasse, hätte er die Einladung, die ganz offensichtlich nur eine Höflichkeitsgeste gewesen war, dankend ausgeschlagen.

Mit Geld konnte man eben keine Klasse kaufen.

Und sie hatte auch noch mit ihm geschlafen! Sie musste wirklich einen erstaunlichen Pegel gehabt haben, um ihren gesamten Selbstrespekt zu missachten. Nie wieder Alkohol!

„Sieh mich nicht so an, Lorelei. Mir gefällt das auch nicht.“

Donovan setzte sich auf – langsam, wie ihr auffiel. Er musste also genauso verkatert sein wie sie – und griff nach seinen Sachen. Lorelei wandte den Blick ab – aber nicht, ohne vorher noch flüchtig breite Schultern, schmale Hüften und ein wirklich knackiges Hinterteil zu bewundern. Dabei fielen ihr die roten Striemen auf seinem Rücken auf.

Sie schien sich ja gut amüsiert zu haben. Nur schade, dass sie keine Erinnerung daran hatte, wie es zu diesen Striemen gekommen war.

Das Schweigen wurde unangenehm. Trotz ihres Rufs war Lorelei keineswegs Expertin, was den „Morgen danach“ betraf, sie würde das hier irgendwie durchstehen müssen. Das Laken um sich gewickelt, hob sie ihr Cocktailkleid vom Boden auf und schritt würdevoll ins Bad. Als sie die Tür hinter sich schloss, glaubte sie, einen Seufzer in ihrem Rücken zu hören.

Der Spiegel zeigte ihr kein sehr schönes Bild. Sie wischte sich die verschmierte Wimperntusche unter den Augen weg, kämmte sich mit den Fingern und nutzte die Mundspülung des Hotels. Sie konnte nur hoffen, dass niemand sie sah, wie sie um sechs Uhr morgens zu ihrem Zimmer schlich – in einem Cocktailkleid, das laut „Ich habe eine wilde Nacht erlebt“ schrie. Damit wären sechs Monate harter Arbeit ruiniert.

Vorerst musste sie aber mit einem anderen Problem umgehen, das dort vor der Badezimmertür in dem Hotelzimmer wartete.

„Also gut“, redete sie ihrem Spiegelbild zu, „was du brauchst, ist ein würdevoller Rückzug.“ Sie holte noch einmal tief Luft, dann zog sie die Tür auf.

Donovan stand beim Fenster und schaute auf die Canal Street hinaus. Als er Lorelei hörte, drehte er sich um. Er hatte eine Jeans angezogen – ein Vorteil, wenn man in seinem eigenen Hotelzimmer aufwachte –, aber kein Hemd. Sie hatte Mühe, nicht zu starren, als er ihr wortlos eine Flasche Wasser reichte. Dankend nahm sie sie an.

„Da ist auch Aspirin.“ Er ging ins Bad und kam mit der Tablettenschachtel zurück. „Willst du welche?“

Sie kam sich vor wie in einem schlechten Film. „Hör zu, ich denke, wir beide sind uns einig, dass die letzte Nacht nie hätte passieren dürfen.“

„Das steht fest.“

Lorelei schluckte die Bemerkung herunter, die ihr zu dieser Beleidigung auf der Zunge lag. Liegen würde. „Also werden wir auch so tun, als wäre es nie passiert. Ich sage es niemandem, und du schreibst nicht darüber, einverstanden?“

Bei der Miene, die er zog, machte Lorelei sich Sorgen, dass sie einen taktischen Fehler begangen hatte. Donovan hatte sein Highschool-Hobby, die Leute bei lebendigem Leib zu zerpflücken, zu seinem Beruf gemacht. Er zerstörte Karrieren, Leben, Familien. Glaubte man den Gerüchten, so war er immer auf der Suche nach der nächsten großen Story. Man ging ihm allgemein aus dem Weg, niemand mit auch nur einer Unze Verstand würde ihn reizen wollen.

„Ich beschränke mich auf Themen des öffentlichen Interesses. Selbst wenn das hier von öffentlichem Interesse wäre – was es nicht ist –, ist es nichts, womit ich hausieren gehen möchte.“

Zum Teufel mit der Würde. Das würde sie nicht unkommentiert schlucken. „Dazu kann ich nichts sagen. War offensichtlich nicht erinnerungswürdig.“

„Dann sollte es ja kein Problem für dich sein, es zu vergessen.“

„Nein.“ Eine Lüge, aber das konnte Donovan nicht wissen. Immerhin erlaubte es ihr, mit erhobenem Kopf ihre restlichen Sachen einzusammeln.

Ihre Abendtasche lag offen bei der Tür, Handy, Lippenstift und Schlüsselkarte waren herausgefallen. Nicht weit davon lag einer ihrer Schuhe, gleich daneben Donovans Schuhe und seine Krawatte, dann ihr anderer Schuh. Wie Brotkrumen führte die Spur der Scham bis zum Bett.

Gott, gab es etwas Peinlicheres, als nach seiner Unterwäsche zu suchen? Sie hob sein Jackett hoch und schüttelte es. Nichts. Ließ sich auf die Knie nieder, um unter dem Bett nachzusehen. Sie fand nur ein leeres Kondompäckchen, was ihre Furcht beruhigte, doch als sie zwei weitere fand, krümmte sie sich innerlich.

Und noch immer keine Spur von ihrem Slip.

„Falls du das hier suchst …“

Sie sah auf. Donovan ließ ihren Spitzenslip von einem Finger baumeln. Sich eine Antwort verkneifend riss sie das Höschen an sich. Sie wollte es in die Abendtasche knüllen, doch damit ließ sich die Tasche nicht mehr schließen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich die Zeit zu nehmen und den Slip im Bad anzuziehen.

Danach fühlte sie sich sicherer. Seltsam, es schien, als wäre Unterwäsche eine Art Rüstung.

Mit durchgestrecktem Rücken ging sie zur Zimmertür und studierte den Plan für die Fluchtwege im Falle eines Brandes. Um zu ihrem Zimmer zu kommen, konnte sie über die Feuertreppe ein Stockwerk tiefer gehen und wäre in unmittelbarer Nähe von Zimmer 712. Bestens. Die Chancen, jemandem über den Weg zu laufen, hatten sich soeben erheblich verringert. Endlich etwas Positives an diesem Morgen.

„Planst du deine Fluchtroute?“

Sie drehte sich zu Donovan um. Er stapelte die Kissen gegen das Kopfende und machte es sich mit der Fernbedienung in der Hand auf dem Bett gemütlich. Er sah sie nicht an und klang eindeutig gelangweilt. Offensichtlich war so ein Szenario am Morgen nichts Neues für ihn.

Wieso überrascht mich das nicht? „Genau. Lebwohl, Donovan. Ich hoffe, ich muss dich so schnell nicht wiedersehen.“

Sie wartete nicht auf eine Erwiderung und schlüpfte in den leeren Korridor hinaus. Wenn das Glück ihr nur für ein paar Minuten hold war …

Das kurze Stück bis zur Feuertreppe verlief ohne Probleme. Das Klappern ihrer Absätze hallte im Treppenhaus wider, als sie, so schnell es nur ging, die Stufen hinuntereilte. Bei der Tür zum siebten Stock hielt sie an und lugte vorsichtig durch den Türspalt. Ein Paar stand beim Aufzug, sie kannte die Leute nicht. Vorsichtshalber wartete sie ab, bis die beiden im Lift verschwunden waren, dann hastete sie zu ihrer Zimmertür.

Und musste feststellen, dass die Karte nicht funktionierte.

Donovan war erleichtert über Loreleis schnellen Abgang. Eine gute Viertelstunde hatte er Zeit gehabt, sich Horrorszenarien auszudenken, bevor sie wach geworden war. Aber sie hatte sofort in den Modus „Entrüstung“ umgeschaltet – was wesentlich mehr war, als er hatte hoffen können.

Von allen anwesenden Frauen auf dieser Hochzeit, die angeblich eines der größten gesellschaftlichen Ereignisse des Jahrzehnts gewesen sein sollte, musste er ausgerechnet mit Lorelei LaBlanc im Bett enden. Er kannte sowohl Connor als auch Vivi noch aus der Highschool, und wenn sie auch nicht gerade die besten Freunde waren, so hatten sie doch häufiger geschäftlich miteinander zu tun und verkehrten in den gleichen gesellschaftlichen Kreisen.

So mancher in besagten Kreisen würde ihn wohl als Eindringling ansehen, weil sein Blut nicht so blau war wie das der anderen, aber niemand hatte genug Courage, ihm das ins Gesicht zu sagen. Wenn ihm die Benimmregeln der Südstaatentradition auch nicht mit der Muttermilch eingeflößt worden waren, so wusste er doch, dass es schlechter Stil war, nach der Hochzeitsfeier mit der Schwester der Braut im Bett zu landen.

Ja, es war eine hervorragende Idee, die Sache schlicht und einfach zu vergessen.

Eine weitere hervorragende Idee waren jetzt Aspirin und Kaffee, bis er sich wieder wie ein Mensch fühlte. Die kleine Kaffeemaschine auf dem Tisch lieferte zwar nicht den besten Kaffee, aber für den Moment würde es reichen müssen.

Das Hämmern hinter seiner Stirn hatte er verdient. Irgendwann hatte er aufgehört, die Zahl der Tequilas zu zählen. Er hatte eine vage Erinnerung an eine Wette, wer wen unter den Tisch trinken konnte. An der Highschool waren er und Lorelei nie in der gleichen Clique gewesen, deshalb war es ihm ein Rätsel, wie sie letzte Nacht an diesen Punkt gekommen waren.

Lorelei musste ungefähr zwei Klassen unter ihm gewesen sein, und in jenen Tagen hatten sie sich definitiv nicht in den gleichen Kreisen bewegt. Nur die angesehensten Familien in New Orleans schickten ihre Kinder auf das St. Katherine’s – ein sicherer Hafen, um die kostbaren Sprösslinge vor dem Gesindel zu schützen. Nur einige wenige Wohlfahrtsstipendiaten wurden angenommen, sozusagen als Alibi, um der „Vielfalt“ Genüge zu tun. Die Lorelei, an die er sich erinnerte, war verwöhnt, selbstverliebt und eingebildet gewesen. Selbst als er in seinem letzten Jahr vom Wohlfahrtszögling zum Sohn des größten Spenders geworden war, hatte Lorelei ihn keines Blickes gewürdigt.

In gewisser Hinsicht respektierte er sie sogar dafür. Sie mochte oberflächlich sein, aber sie war nicht ganz so opportunistisch wie die meisten ihrer Freunde, die ihr Mäntelchen nach dem Wind gehängt hatten, sobald das Geld auf das Bankkonto seiner Familie zu fließen begann. Ihre Einstellung ihm gegenüber hatte das nicht beeinflusst.

Was dem Geld nicht gelungen war, hatte der Tequila geschafft.

Ihm blieben noch ein paar Stunden, bevor er das Zimmer aufgeben musste. Der Wunsch nach mehr Schlaf war überwältigend. Doch wenn er jetzt schon nach Hause ging, konnte er im eigenen Bett schlafen – in Laken, in denen nicht noch Loreleis Parfüm hing. Er mochte sich nicht mehr an alle Details der letzten Nacht erinnern, aber es war genug, dass allein der Hauch ihres Dufts pure Lust durch ihn hindurchjagte und die Striemen auf seinem Rücken zu brennen begannen. Lorelei hatte definitiv Durchhaltevermögen.

Das Hoteltelefon klingelte, nicht sein Handy. Seltsam, wer sollte ihn hier anrufen? „Hallo?“

„Mach die Tür auf und lass mich rein“, flüsterte eine weibliche Stimme.

„Wer ist da?“

„Oh, Herrgott! Wie viele andere Frauen wollen denn heute Morgen noch in dein Zimmer zurück?“

„Wieso bist du nicht in deinem Zimmer?“

„Weil meine Schlüsselkarte nicht funktioniert.“ Es klang, als würde Lorelei die Worte zwischen den Zähnen hindurchpressen. „Ich bin jetzt im Treppenhaus. Würdest du also bitte die Tür öffnen und mich reinlassen?“

Wenn er sich Lorelei vorstellte, wie sie sich auf der Feuertreppe an die Wand drängte, musste er auflachen – was nicht gut für die Kopfschmerzen war. Er hörte sie scharf etwas murmeln, sicherlich nichts Schmeichelhaftes, auch wenn er es nicht verstehen konnte. Es reizte ihn, sie einfach dort stehen zu lassen, was sein angeschlagenes Ego ein wenig aufrichten würde. Aber Connor und Vivi würden das nicht lustig finden, wenn sie davon hörten.

Also gab er nach. „Dann komm.“

Er legte den Hörer auf und ging zur Tür, zog sie auf und steckte den Kopf hinaus. Einige Türen weiter hinten auf dem Korridor tat Lorelei das Gleiche, er sah ihren dunklen Schopf. Sie spurtete los und stieß ihn praktisch in sein Zimmer zurück.

„Weißt du, du hättest auch einfach klopfen können.“

Die Bemerkung gefiel ihr nicht, was ihr verächtlicher Blick deutlich besagte. „Das Ganze ist ein Albtraum.“

„Am Empfang werden sie dir die Karte bestimmt neu codieren.“

Nicht nur konnte sie vernichtend gucken, ihr Blick belegte ihn auch lautlos mit allen möglichen Schimpfwörtern. „Ich will vermeiden, gesehen zu werden.“ Sie zeigte an sich herab. „Jeder wird wissen, dass ich die Nacht nicht in meinem Zimmer verbracht habe, und man soll sich nicht fragen, wo ich die Nacht verbracht habe. Oder mit wem.“

„Seit wann interessiert dich so was?“ Lorelei war eine LaBlanc. Einer der Vorteile, Mitglied dieser Familie zu sein, war, dass man genau wusste, an welchem Platz in der Nahrungskette man stand. Lorelei konnte sich praktisch alles erlauben, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Was sie auch immer weidlich ausgenutzt hatte.

„Es interessiert mich, belassen wir es dabei. Könntest du beim Empfang anrufen und frische Handtücher kommen lassen? Das Zimmermädchen hat bestimmt einen Hauptschlüssel, sie kann mich dann in mein Zimmer einlassen.“

„Jeder Hotelangestellte, dem sein Job lieb ist, wird sich hüten, einfach ein Zimmer aufzuschließen, ohne nicht vorher an der Rezeption überprüfen zu lassen, auf wessen Name das Zimmer gebucht wurde.“

Sie sah aus, als wollte sie weiter argumentieren, dann jedoch fluchte sie nur undamenhaft und ließ sich mit einem dramatischen Stöhnen auf das Bett fallen – um sofort mit hochroten Wangen wieder aufzufahren, als wäre sie gebissen worden.

Er musste zugeben, dass ihr das Rot gut stand. Mit der hellen Haut und dem dunklen Haar betonte die Farbe ihre feinen hohen Wangenknochen. Ehrlich gesagt, ihm fiel nichts ein, was Lorelei nicht gut stehen würde. Selbst mit Kater und dunklen Ringen unter den Augen – aus denen sie ihm Blicke wie Dolche entgegenschleuderte – würden sich noch immer alle Männer die Hälse nach ihr verrenken. Die dunklen Ringe verliehen ihr ein zerbrechliches, geradezu ätherisches Aussehen, noch unterstrichen durch die gertenschlanke Figur. Dadurch wirkte sie größer, als sie in Wirklichkeit war, und das leicht zerknitterte Cocktailkleid ließ ihre Beine länger aussehen. Die Erinnerung kehrte zurück, wie sich diese Beine angefühlt hatten, als sie um ihn geschlungen gewesen waren …

Aber dieser zerbrechliche Look täuschte. Hinter der Fassade lag nichts Zerbrechliches.

Lorelei stapfte jetzt wütend im Zimmer auf und ab. „Was mache ich bloß?“

Mit einem Seufzer griff Donovan nach seinem Handy. „Ich werde Dave anrufen. Er ist der Leiter des Sicherheitsteams hier. Er wird das schon hinbekommen. Diskret, natürlich.“

Sie blieb abrupt stehen. „Und den kennst du ganz zufällig?“

Er hielt mit dem Scrolling nach Daves Nummer inne. „Ja. Ist das ein Problem?“

„Wie praktisch.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wenn man bedenkt …“

„Wenn man was bedenkt?“

„Deinen Job. Einen Kontakt im Sicherheitsteam zu haben, das ist … nun, praktisch.“

Die Beleidigung, obwohl lange nicht die schlimmste, die er gehört hatte, und obwohl er wusste, von wem sie kam, saß. Seine Artikel und Kolumnen erschienen in den Zeitungen des ganzen Landes, er hatte seinen Ruf und seine Leserschaft auf die altmodische Art aufgebaut, er brauchte keine „Kontakte“. Im Gegenteil, die Leute überschlugen sich, um ihm so viele Informationen wie möglich zukommen zu lassen.

Er warf das Handy aufs Bett. „Weißt du, ich muss dir keinen Gefallen tun, und mir vergeht, ehrlich gesagt, immer mehr die Lust dazu.“

Lorelei presste die Lippen zusammen, bis sie fast völlig aus ihrem Gesicht verschwanden. Er konnte sehen, wie sie die scharfe Erwiderung niederkämpfte, aber schließlich nickte sie. „Du hast recht. Ich entschuldige mich. Bitte verständige deinen Freund.“

Die Worte kamen gezwungen und waren auch nicht ernst gemeint, aber er war der bessere Mensch. Er akzeptierte die Entschuldigung und rief Dave an. Er schilderte die Situation so knapp wie möglich, ohne Loreleis Namen zu nennen, und betonte, dass es der Dame unmöglich sei, zum Empfang zu gehen wie ein normaler Hotelgast. Nach ein paar Spekulationen und typisch männlichen Bemerkungen, die er Lorelei besser nicht wissen ließ, sagte Dave ihm zu, jemanden vom Sicherheitsdienst mit einem neuen Schlüssel raufzuschicken.

Donovan unterbrach die Verbindung. „Es kommt jemand. Du wirst aber noch eine Weile hier durchhalten müssen.“

„Ich kann ja auch nirgendwo anders hin.“ Sie sah zu der dampfenden Kaffeetasse in der kleinen Maschine. „Dürfte ich? Ich stehe kurz vor dem Umfallen.“

„Bedien dich ruhig.“

Mit dem frisch durchgelaufenen Kaffee setzte sie sich in den Sessel. Die Beine an den Knöcheln überkreuzt, hielt sie die Tasse mit beiden Händen und trank in kleinen Schlucken. Es war ein fast anrührendes Bild: eine zerzauste Lorelei mit offenen Haaren um Gesicht und Schultern, in einem teuren, aber völlig zerknitterten Kleid und hohen Stilettos, die hier in seinem Zimmer in überaus properer Haltung saß, als würde sie mit den Damen der Gesellschaft in einem Teesalon sitzen.

Und er wusste genau, welche Unterwäsche sie trug.

Die Situation schien ihm noch unangenehmer als der Teil mit dem Nackt-nebeneinander-Aufwachen und Sich-hastig-Anziehen. Sollten sie jetzt Smalltalk machen? Was wäre ein angemessenes Thema?

Es war nur ein kleiner Trost, dass Lorelei sich offensichtlich ebenso unwohl fühlte. Eine solche Situation wurde in den Benimm-Kursen wohl kaum abgehandelt. Sie studierte die Drucke an der Wand, als wären es alte Meister, und er heuchelte Interesse für das Morgenmagazin im Fernsehen. Er verdiente seinen Lebensunterhalt damit, immer etwas zu sagen zu haben, doch dieses eine Mal ließ seine Eloquenz ihn im Stich.

Lorelei räusperte sich. „Wirst du über die Hochzeit schreiben?“

Gott, die Frau wusste wirklich nichts über seine Arbeit. „Ich berichte nicht über Gesellschaftsklatsch, Lorelei. Ich kam als geladener Gast zur Hochzeit.“

„Ich wusste gar nicht, dass du auf so freundschaftlichem Fuß mit Connor und Vivi stehst.“

„Ich sitze mit Vivi zusammen in zwei Vorständen, wir teilen das Interesse für Kunst. Connor und ich haben gemeinsame Freunde. Ich würde uns nicht unbedingt als engste Freunde bezeichnen, aber wir kennen uns gut genug.“

„Sie sind ein gefragtes Paar.“

„In der Tat.“

„Es war eine großartige Feier.“

Dank Connors Ruhm eine mit Stars und Berühmtheiten gespickte Feier. Zudem war New Orleans’ gesamte Elite versammelt gewesen. „Ich hatte auch nichts anderes erwartet.“

Lorelei nickte. Damit war das Thema ausgeschlachtet. Immerhin hatte das gut zwei Minuten gefüllt. Wo blieb der Sicherheitsmann mit dem Schlüssel? „Ich wünschte, sie würden sich beeilen.“

„Ja, ich auch. Ich habe noch einiges zu erledigen.“

„Lass dich von mir nicht aufhalten.“

Ihm standen genau drei Dinge zur Wahl: duschen, schlafen und nach Hause fahren. Nichts davon konnte er tun, solange Lorelei hier saß. „Sie werden sicher gleich kommen.“

Genau in diesem Moment klopfte es an der Tür. Lorelei sprang auf, während Donovan ging, um zu öffnen. Ihr erleichterter Seufzer war deutlich hörbar, als der Mann sich als Assistent des Sicherheitschefs vorstellte. Lorelei sollte sich ausweisen, damit er sie als Gast des Zimmers verifizieren konnte, dann reichte er ihr eine neue Schlüsselkarte. „Wünschen Sie, dass ich Sie zu Ihrem Zimmer eskortiere, Miss?“

„Nein!“ Ihre Antwort kam viel zu schnell und viel zu schrill. Sie nahm sich zusammen. „Nein, danke. Ich komme zurecht.“

Der Mann nickte und verabschiedete sich mit einer knappen Verbeugung. Donovan fragte sich, was Dave seinem Angestellten wohl erzählt haben mochte. Aber sicherlich hatte man in diesem Luxushotel schon ganz andere Dinge vom Sicherheitsdienst verlangt.

Loreleis Räuspern brachte ihn zurück zu seinem eigenen kleinen Drama. „Nun dann … ein zweites Mal Lebwohl. Danke für deine Hilfe. Tja, viel Spaß noch mit deinem Leben.“

Der Wiederholung ihres Abgangs fehlte diesmal die Entrüstung, doch die Situationskomik blieb: Wie ein unfähiger Spion in einem schlechten Film schaute sie erst vorsichtig zur Tür hinaus und prüfte, ob der Korridor leer war, bevor sie eilig das Zimmer verließ.

Dieses Mal würde sie also nicht mehr zurückkommen. Erstaunlich, aber irgendwie war es enttäuschend. Lorelei trug definitiv zur Unterhaltung bei.

Und da er prompt an ihre nächtliche Unterhaltung dachte, wurde ihm die Qual der Wahl zwischen seinen drei Optionen abgenommen: Er würde erst einmal duschen – kalt.

2. KAPITEL

Ein schlechtes Gewissen war eine unangenehme Sache. So etwas kannte Lorelei nicht. Sie vermied Situationen, die einem ein schlechtes Gewissen bereiten konnten. Sicher, es gab Dinge, die sie bereute, aber sie hielt sich an ihre Philosophie, dass sie lieber Reue für etwas empfand, das sie getan hatte, als Reue, dass sie etwas nicht getan hatte. Warum verfolgte diese Sache mit Donovan sie dann?

Angst davor, was die Leute sagen würden, hatte sie nicht. Soweit sie wusste, hatte niemand etwas mitbekommen. Vivi und Connor waren von der Feier direkt in die Flitterwochen gefahren, und Vivi hatte auch bisher kein Wort erwähnt. Mit einem mulmigen Gefühl hatte sie darauf gewartet, den Klatsch zu hören … doch nichts. Es sah aus, als wäre sie damit durchgekommen, ohne alles im letzten Moment noch zu verderben.

Es musste also an Donovan selbst liegen.

Sie drehte sich auf die Seite und knuffte ihr Kissen zurecht.

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