Logo weiterlesen.de
Im Bett mit dem Ex

image

Sheri WhiteFeather

Im Bett mit dem Ex

Er hat sie nie vergessen können: Carrie Lipton, seine schöne Exfrau. Und als Thunder zu Ermittlungen in ihre Heimatstadt zurückkehrt, will er endlich mit der Vergangenheit abschließen: Er muss Carrie wiedersehen, um herauszufinden, ob sie ihn noch liebt! Er lädt sie ein, mit ihm in sein Strandhaus in Kalifornien zu fliegen. Und genau wie damals erwacht zwischen ihnen flammendheißes Verlangen. Nacht für Nacht liegen sie einander in den Armen, bis Carrie ihm ein schicksalhaftes Geständnis macht...

1. KAPITEL

Thunder Trueno hatte seine Exfrau Carrie Lipton seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Damals waren sie auf der Highschool und mit ihren achtzehn Jahren fast noch Kinder, die wegen des Babys geheiratet hatten – wegen eines Babys, das nie auf die Welt gekommen war. Carrie hatte eine Fehlgeburt erlitten und ihr gemeinsames Kind verloren.

Thunder sah stirnrunzelnd auf den mit Backsteinen gepflasterten Weg, der zu Carries Haustür führte. Carrie wohnte in einer Eigentumswohnanlage in derselben Wüstenstadt, in der sie beide aufgewachsen waren. Arizona war ein riesiger Bundesstaat, der für seine Naturwunder bekannt war – allen voran der Grand Canyon. Die ländlichen Gebiete zogen sich scheinbar endlos hin, so weit das Auge reichte, nur hier und da unterbrochen von verstreuten Ranches und vereinzelten friedlichen Ortschaften.

Thunder wohnte jetzt in Los Angeles und führte ein Leben, das die Vergangenheit komplett ausschloss. Zwar kam er ab und zu hierher zurück, um seine Familie zu besuchen, aber er hatte sich kein einziges Mal mit seiner Exfrau in Verbindung gesetzt.

Bis heute.

Immer noch stirnrunzelnd, drückte er auf den Klingelknopf. Er hatte vorher angerufen, um sie wissen zu lassen, dass er kommen und ihr einige Fragen zu einem Fall stellen würde, den er gerade bearbeitete und in dem es um eine vermisste Frau ging. Thunder war Mitbesitzer von „SPEC“, einer Detektei, die sich auf Personenschutz und detektivische Ermittlungsarbeit spezialisierte. Ihre Unterhaltung war –milde ausgedrückt, unangenehm und peinlich gewesen. Für Carrie war es eindeutig ein Schock gewesen, von ihm zu hören.

Als ein Mann die Tür öffnete, vertiefte sich Thunders Stirnrunzeln. Wer zum Teufel war das? Carrie war nicht verheiratet, und sie wohnte auch mit keinem Mann zusammen. Thunder wusste das, weil er sie am Telefon gleich danach gefragt hatte. Er hatte auf alles vorbereitet sein wollen, um zu wissen, was ihn erwartete, und weil er Überraschungen hasste. Und doch stand hier ein Mann in ihrer Tür..

Er war genauso hochgewachsen wie Thunder, war aber schlaksiger gebaut und hatte hellbraunes Haar und blaue Augen. Abgesehen von der Körpergröße hatten die beiden Männer nichts gemeinsam. Thunder war ein echter White Mountain Apache, dessen Augen fast so schwarz waren wie sein Haar, während der andere Mann so offensichtlich angloamerikanischer Herkunft war, wie es man nur sein konnte. Er trug einen Anzug, hatte seine Krawatte aber gelockert, was ein Zeichen dafür war, dass er es sich in Carries Wohnung ein wenig zu gemütlich machte.

Thunder wusste, dass es ihm egal sein sollte. Carries Leben ging ihn nichts mehr an. Und doch juckte es ihn in den Fingern, Mr. Gemütlich eins auf die Mütze zu geben.

„Wo ist Carrie?“, fragte Thunder, ohne sich vorzustellen.

Mr. Gemütlich verriet ihm seinen Namen auch nicht. Und er benahm sich keineswegs so, als müsste er sein Territorium verteidigen. Seine Antwort kam völlig gelassen. „Sie wollte kurz zum Supermarkt. Es wird nicht lange dauern, bis sie zurück ist.“

Thunder erwiderte nichts. Er war tatsächlich ein wenig zu früh gekommen, aber dem anderen Mann schien das nichts auszumachen. Seine entspannte Art ärgerte Thunder, obwohl er wusste, dass das albern war.

„Sie müssen der Exmann sein“, fuhr Mr. Gemütlich fort. „Carrie hat mir von Ihnen erzählt.“

Thunder kostete es große Anstrengung, sich seinen Ärger nicht anmerken zu lassen. „Sie hat Sie nicht erwähnt.“

Der andere Mann blieb völlig ungerührt. „Wir kennen uns noch nicht sehr lange.“

Bevor er Thunder hereinbitten konnte, waren Schritte auf dem Weg hinter ihnen zu hören. Thunder drehte sich um. Er spürte regelrecht, dass es Carrie war. Sein kleines Mädchen, das in Panik geraten war, als es herausfand, dass es schwanger war. Dasselbe Mädchen, das geweint hatte, als es das Baby verlor. Thunder fragte sich, ob sie Mr. Gemütlich davon auch erzählt hatte.

Carrie hielt mitten im Schritt inne. Stumm stand sie da und starrte Thunder an, die beiden Plastiktüten an sich drückend, als würden sie ihr Halt geben. Sie trug ein gepunktetes Sommerkleid und weiße Sandaletten. Ihr braunes Haar war lang und offen, genau wie er es in Erinnerung hatte, aber es wies hier und da rötliche Strähnen auf, die früher nicht da gewesen waren. Ihre Haut schimmerte golden in der Sonne. Carrie wurde schnell braun, was daher kam, dass ein wenig Cherokee-Blut in ihren Adern floss. Es war das Erste, was sie ihm gesagt hatte, als sie sich kennenlernten.

Ihr Gesicht verriet, dass sie reifer geworden war, und auch ihr Körper hatte sich verändert, wie Thunder feststellte. Ihre früher mädchenhaft schmalen Hüften waren nun weich gerundet.

„Du hast dich verändert“, begrüßte sie ihn schließlich.

„Du dich auch“, erwiderte er. Sie hatte sich in eine Frau verwandelt, die ihm überall auffallen und die er sofort ansprechen würde. Bestenfalls, um mit ihr eine wundervolle Nacht zu verbringen. Als Teenager war Carrie hübsch gewesen, als erwachsene Frau war sie eine wahre Schönheit und sehr, sehr sexy. Ihre vollen Lippen schimmerten leicht von dem zimtfarbenen Lipgloss, das sie aufgetragen hatte. Die Wirkung, die sie auf Thunder hatte, war sensationell.

Er machte instinktiv einen Schritt auf sie zu, um ihr die Einkaufstüten abzunehmen. Erst dann wurde ihm bewusst, was er da tat. Er war hier nicht zu Hause, und Carrie war nicht seine Frau.

Als er zögerte und dem Mann in Carries Haus einen Blick zuwarf, begriff dieser endlich. „Oh, lass mich dir das abnehmen, Carrie.“ Er nahm die Tüten, und sie bedankte sich mit einem unsicheren Lächeln.

„Ich nehme an, du hast Thunder schon kennengelernt.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nicht offiziell.“

Sie stellte die beiden Männer einander vor. „Kevin Rivers. Thunder Trueno.“

Kevin nahm die Einkäufe auf einen Arm, damit er und Thunder sich höflich die Hand geben konnten. „Donner Donner?“, fragte er.

Offenbar sprach der blonde blauäugige Kevin außer englisch auch noch spanisch. „Thunder“ hieß Donner und „trueno“ bedeutete dasselbe auf Spanisch. „Mein wirklicher Name ist Mark, aber niemand nennt mich so.“ Nicht einmal seine Eltern. Sie waren es sogar, die ihm seinen Spitznamen gegeben hatten.

„Verstehe“, sagte Kevin. „Dann werde ich Sie auch nicht Mark nennen.“

Thunder versuchte, Kevins lässige Haltung einzuschätzen. Wollte er ihn, Thunder, wütend machen? Wollte er betonen, dass Carrie und er eine feste Beziehung hatten und dass er in ihrem Exmann keine Bedrohung sah?

Zum Teufel mit ihm!

Thunder wollte aber eine Bedrohung sein. Er wollte Carrie wieder in sein Bett bekommen – selbst nach zwanzig Jahren hatte sich daran nichts geändert.

„Wir können drinnen weiterreden“, schlug sie jetzt vor.

Sie ging den Männern voraus, Kevin folgte ihr auf den Fersen, und Thunder bildete das Schlusslicht. Er war wütend auf sich, weil er so heftig auf Carrie reagierte, und versuchte es zu verbergen, indem er sich scheinbar interessiert in der Wohnung umsah.

Die über zwei Etagen gehende Wohnung war in hellen Farben gehalten – Möbel aus hellem Rattan, hellbraune Teppiche und farbenfrohe Aquarelle an den Wänden waren die Hauptmerkmale ihrer Einrichtung. Der mit Gas betriebene Kamin im Wohnzimmer war mit weißen Ziegelsteinen eingefasst. Kevin ging in die Küche und stellte die Einkäufe auf den Küchentisch, dann kehrte er ins Wohnzimmer zurück und gab Carrie einen Kuss auf die Wange.

„Ich gehe jetzt besser“, sagte er zu ihr. „Kommst du nachher zu mir ins Motel?“

Sie nickte, und Thunder presste gereizt die Lippen zusammen. Wieder verspürte er den heftigen Wunsch, Kevin eine zu verpassen.

Der sah in diesem Moment zu ihm herüber. „War nett, Sie kennenzulernen, Thunder.“

Ja, klar doch. Der gemütliche Kevin ging ihm immer mehr auf die Nerven. Thunder nickte nur als Antwort, weil er sich nicht zutraute, mehr als ein Knurren herauszubringen.

Carrie begleitete Kevin bis zur Tür, aber sie hielten sich nicht lange miteinander auf. Ein paar schlichte Abschiedsworte, und Kevin war fort. Thunder konnte seine Exfrau nur anstarren. Eine peinliche Stille entstand. Carrie spielte in ihrer Verlegenheit mit einer Strähne ihres getönten Haares.

„Hör auf, mich so anzusehen“, sagte Carrie schließlich.

„Wie sehe ich dich an?“

„Als wäre ich noch mit dir verheiratet.“

„Du hättest mir am Telefon sagen sollen, dass Kevin hier sein würde.“

„Ich schulde dir keine Erklärungen.“

„Vielleicht nicht, aber ich habe dich vorhin gefragt, ob du mit jemandem zusammen bist. Du hättest ehrlich sein können.“

„Es ist nichts Ernstes.“

„Tatsächlich?“ Er wollte am liebsten drohend auf sie zugehen, um ihr Angst zu machen, allerdings auch, um ihr nah zu sein. „Was sollte dann der Spruch, dass du ihn nachher in seinem Motel besuchen sollst?“

„Ich muss nachher noch arbeiten. Ich leite das Motel meiner Eltern.“ Sie ging in die Küche und fing an, die Einkäufe einzuräumen.

Thunder folgte ihr. Er war noch nicht bereit, das Thema fallen zu lassen. „Das erklärt noch nicht, warum Kevin dort ein Zimmer hat.“

Sie öffnete den Kühlschrank und legte eine Tüte Äpfel hinein, danach ein Glas Mayonnaise und eine Dose Corned Beef. „Weil er dort absteigt, wenn er in der Stadt ist. Er ist Vertreter für ein Pharmaunternehmen.“

Thunder hob die Augenbrauen. „Du gehst mit einem Drogenhändler aus?“

„Sehr witzig.“ Sie war fertig mit dem Auspacken und holte eine Dose aus dem Schrank. „Möchtest du Kaffee?“

Er nickte und lehnte sich gegen die Küchentheke. „Warum hat er dich gebeten, nachher bei ihm vorbeizuschauen?“

Sie warf ihm einen verärgerten Blick zu. „Wir wollen heute Abend während meiner Pause zusammen etwas essen.“

Er konnte nicht anders, er musste sie einem Verhör unterziehen, als wäre sie seine Frau und er hätte sie im Verdacht, ihn zu betrügen. „Schläfst du mit ihm?“

„Nicht, dass es dich irgendetwas anginge, aber nein, das tue ich nicht.“ Sie füllte die Kaffeemaschine mit Wasser. „Wir sind noch dabei, uns besser kennenzulernen.“

„Und er lässt es tatsächlich zu, dass du ihn hinhältst? Was für ein Schlaffi.“ Sie seufzte tief auf. „Du hast dich überhaupt nicht verändert.“

„Was soll das heißen?“

„Es soll Männer geben, die es schaffen, einfach nur mit einer Frau befreundet zu sein.“ Sie sah ihm in die Augen. „Davon hattest du nie auch nur eine Vorstellung.“

Er war betroffen. „Wir beide waren Freunde.“

„Nein, das stimmt nicht. Wir beide hatten nie mehr als Sex gemeinsam.“

Ihre Worte waren für ihn wie ein Schlag ins Gesicht. „Wir hatten mehr als das.“ Er sah ihr zu, wie sie Kaffee in den Filter füllte. „Wir hatten das Baby.“

Ihr wäre fast der Löffel aus der Hand gefallen. „Ich wurde schwanger, weil wir zusammen schliefen, nicht weil wir miteinander befreundet waren.“

„Na gut. Wie du willst.“ Er ignorierte das plötzliche Gefühl der Leere in seiner Brust, den Schmerz, der immer auftauchte, wenn er an den Verlust des Babys dachte. Er wusste, dass auch Carrie um das Kind trauerte. Damals waren sie zuerst bei dem Gedanken, sie könnten Eltern werden, zu Tode erschrocken gewesen, aber nach nur wenigen Wochen hatten sie sich an die Vorstellung gewöhnt und sich gefreut. „Ich bin nicht gekommen, um alte Geschichten aufzuwärmen.“

Nein, dachte Carrie. Deshalb ist er bestimmt nicht hier. Er hatte sie aufgesucht, um sie wegen eines Falles zu befragen, an dem er gerade arbeitete. Sie war nicht überrascht, dass er für eine Detektei arbeitete. Carrie selbst war immer häuslich gewesen, ein Stubenhocker, aber Thunder hatte von Größerem geträumt und wollte die Welt verändern. Nach der Scheidung war er zur Armee gegangen und hatte sich beim Geheimdienst ausbilden lassen. Sie hatte auch gehört, dass er einige Male sehr gefährliche Aufträge angenommen hatte, nachdem er die Armee verlassen hatte. Alle wollten ihr ständig etwas über Thunder erzählen, was sich wohl kaum verhindern ließ, wenn man in einer Kleinstadt wohnte, in der jeder jeden kannte. Irgendwie dachten die Leute, dass Carrie etwas daran lag, über Thunder auf dem Laufenden gehalten zu werden. Und sie war zugegebenermaßen auch neugierig gewesen und wollte alles erfahren, was man ihr über ihn berichten konnte. Es war ihr nicht möglich gewesen, ihn zu vergessen.

Sie schenkte den Kaffee ein und versuchte, nicht an ihre Jugend zu denken oder nicht daran, wie er ihren Bauch gestreichelt und sie gefragt hatte, wie sie das Baby nennen sollten. Sie hatten sich für Tracy entschieden, wenn es ein Mädchen wurde, und für Trevor, falls sie einen Jungen bekamen.

Carrie hielt ihm den Kaffeebecher hin, und Thunder nahm ihn wortlos, wobei er sie immer noch mit einem beunruhigend intensiven Ausdruck in den großen dunklen Augen ansah. Er wirkte härter als früher und stärker, seine Gesichtszüge deuteten auf eine gewisse Strenge und Unnachgiebigkeit hin. Er war größer, breiter, muskulöser – mit anderen Worten, er war der Krieger geworden, zu dem er bestimmt gewesen war.

Schon bevor Carrie schwanger wurde, hatte er geplant, zur Armee zu gehen. Und später hatte er erwartet, dass sie seine brave kleine Ehefrau spielte, die irgendwo in einer Militärsbasis lebte und darauf wartete, dass er irgendwann von einem seiner abenteuerlichen Auslandseinsätze, bei denen kaum die Möglichkeit des Kontaktes nach Hause bestand, wieder zurückkam. Carrie hatte sich geweigert, und er war in ihrer kurzen, schwierigen Ehe nervös und gereitz geworden wie ein Tiger in einem Käfig.

Und trotzdem hatte er das Baby gewollt. Er hatte Vater werden wollen. Die Erinnerung daran tat Carrie mehr weh, als sie zugeben mochte. Dabei war sie doch angeblich schon längst über ihn hinweg, oder? Zwanzig Jahre waren schließlich eine lange Zeit. Ihr Kind wäre inzwischen erwachsen.

„Was ist das?“, unterbrach Thunder ihre Gedanken.

Sie blinzelte erstaunt und merkte erst jetzt, dass sie gerade dabei war, Milch mit Vanillegeschmack in ihren Kaffee zu gießen. Sie hielt den kleinen Becher hoch, um ihn Thunder zu zeigen. „Möchtest du mal probieren?“

„Nein.“ Er legte den Kopf leicht zur Seite. „Du hast schon immer gern genascht.“

„Ja, aber jetzt setzt sich leider jedes Gramm auf den Hüften ab.“

Er ließ den Blick langsam über sie gleiten. „Mir gefällst du so.“

Carrie rührte in ihrem Kaffee, um sich abzulenken, und versuchte, sich ihre Verlegenheit nicht anmerken zu lassen. „Ich habe das nicht gesagt, um Komplimente aus dir herauszukitzeln.“

„Das habe ich auch nicht angenommen.“

„Gut.“ Sie rührte angestrengt weiter, um seinem Blick nicht begegnen zu müssen. Schon als Teenager hatte er eine Art gehabt, sie anzusehen, dass ihr ganz heiß geworden war. Seine Taktik hatte ja auch funktioniert, besonders in der Nacht, als sie ihm ihre Jungfräulichkeit geschenkt hatte. Für Carrie war das erste Mal ein bisschen schmerzhaft gewesen, aber Thunder hatte sie danach behutsam im Arm gehalten und ihr versprochen, dass es immer besser werden würde.

Und da hatte er recht behalten. Je öfter sie mit ihm schlief, desto mehr verliebte sie sich in ihn. Wie dumm war sie gewesen! Am Ende hatte sie jedoch die Scheidung eingereicht. Es war ihre eigene Entscheidung gewesen, und es hatte ihr das Herz gebrochen, aber es hatte sie gleichzeitig gerettet. Nachdem sie das Baby verloren hatten, waren ihre Gefühle abgestumpft, und Carrie hatte nur noch Angst gehabt, mit einem Mann zusammenzubleiben, der nichts anderes im Sinn hatte als seinen gefährlichen Beruf.

Sie holte tief Luft, und Thunder fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Er trug es kürzer als früher, allerdings nicht so militärisch kurz, wie Carrie angenommen hatte.

„Bist du bereit?“, fragte er sie.

Sie nickte. Sie wusste, dass er seine Ermittlungen meinte. Thunder hatte ihr am Telefon gesagt, er wolle ihr einige Fragen über Julia Alcott stellen, eine Frau, die früher im Motel ihrer Eltern gearbeitet hatte.

Sie saßen am Küchentisch, und die Nachmittagssonne schien hell und freundlich durch ein Fenster herein.

„Wann hast du Julia das letzte Mal gesehen?“, begann er.

„Das ist zehn Jahre her. Damals arbeitete sie für meine Eltern.“

„Kanntet ihr euch gut?“

„Wir haben ein paar Mal miteinander gegessen. Wir waren uns nicht sehr nahe, aber ich mochte sie. Es war nett, mit ihr zu plaudern. Sie war recht reif für ihr Alter. Sie ist jünger als ich. Damals war sie erst achtzehn.“

„Und du warst achtundzwanzig.“

„Ja.“ Carrie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Thunder wusste genau, wie alt sie war, denn sie beide waren gleichaltrig. „Untersuchst du ihre Entführung?“ Sie hatte die Nachrichten darüber verfolgt und sich große Sorgen um das Mädchen gemacht. „Ich habe gehört, dass sie in Sicherheit sei. Ein Privatmann soll sie zwei Tage nach der Vermisstenanzeige gefunden haben.“

„Ich bin damit beauftragt, sie jetzt zu suchen.“

„Jetzt? Das ist doch sechs Monate her. Wurde sie wieder entführt?“

„Nein, aber sie und Miriam, ihre Mutter, haben die Stadt gleich nach der Rettung verlassen. Miriam ist spielsüchtig. Die Kredithaie, denen sie Geld schuldet, nahmen Julia als Geisel, um ihre Mutter zur Zahlung zu zwingen. Leider verriet Miriam der Polizei nicht, dass sie wusste, wer ihre Tochter entführt hatte. Stattdessen floh sie zusammen mit Julia, und das nur ein paar Tage, nachdem Dylan Julia zufällig in einem verlassenen Wohnwagen in der Nähe seiner Ranch gefunden hatte. Er war der Privatmann, der sie fand.“

„Dylan?“ Thunders jüngerer Bruder war als Kind kaum zu bändigen gewesen und hatte ständig in Schwierigkeiten gesteckt.

„Dylan ist kein Detektiv. Er fand sie nur zufällig im Wohnwagen. Aber jetzt ist er seit Monaten auf der Suche nach ihr, und er hat einen Tipp bekommen, dass man einen Killer auf Julia und ihre Mutter angesetzt hat.“

Carrie versuchte sich vorzustellen, wie Dylan heute aussehen mochte. Er war neun Jahre alt gewesen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte – ein rauflustiger Junge, der gefährliche Kunststücke auf seinem Pferd ausprobierte, und den seine Eltern in einen Boxklub gesteckt hatten, wo er seine überflüssige Energie abreagieren sollte. „Hat die Polizei die Entführer festgenommen?“

„Das FBI arbeitet daran, aber es gibt nicht genügend Beweise, um sie festzunageln. Wir versuchen, Julia und ihre Mutter zu finden, bevor es der Killer tut und sie endgültig zum Schweigen bringt.“ Thunder stieß einen lang gezogenen Seufzer aus. „Die Polizei braucht ihre Aussagen.“

Carrie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Ihr Leben war schlicht und bodenständig, während Julias Leben von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt worden war. „Glaubst du, Julia und ihre Mutter wissen, dass man einen Killer auf sie angesetzt hat?“

„Nein, aber sie sind sich darüber im Klaren, wie gefährlich die Kredithaie sind. Allein das reicht schon, um sie in Angst und Schrecken zu versetzen, vermute ich.“ Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Der Profikiller ist erst ins Spiel gekommen, nachdem Dylan herausfand, wer die Entführer waren. Deswegen tut er auch alles, was er kann, um Julia und Miriam zu finden und in Sicherheit zu bringen.“

„Dein Bruder fühlt sich also verantwortlich für sie?“

„Ja.“ Thunder trank seinen Kaffee. „Erzähl mir alles, was du über Julia weißt. Auch dann, wenn es dir unwichtig vorkommt.“

„Sie arbeitete als Zimmermädchen, und für eine Achtzehnjährige war sie wirklich sehr sorgfältig in allem, was sie tat. Sie hatte gerade die Highschool abgeschlossen.“

„Wie lange war sie bei euch angestellt?“

„Etwa ein Jahr lang.“

„Hast du sie je wiedergesehen, nachdem sie gegangen war?“

„Nein, ich habe nur gehört, dass sie irgendwo als Kellnerin arbeitete.“

Er setzte das Gespräch fort, konzentrierte sich aber auf persönlichere Themen. „Worüber habt ihr gesprochen?“

„Typische Frauenthemen, nehme ich an.“

„Männer?“

„Manchmal sprachen wir über ihren Freund. Ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen, aber sie war ziemlich außer sich, als er Schluss mit ihr machte.“

„Er heißt Dan Myers. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Er ist jetzt verheiratet und hat zwei Kinder und scheint recht zufrieden zu sein.“

„Freut mich für ihn.“ Carrie gab sich Mühe, nicht sarkastisch zu klingen, aber Thunder war wirklich der letzte Mensch, mit dem sie sich über Ehe und Kinder unterhalten wollte. „Ich sagte ihr, dass es besser für sie wäre, wenn sie noch ein wenig wartete, bis sie älter wäre und den richtigen Mann gefunden hätte. Dass sie mit achtzehn zu jung für eine dauerhafte Beziehung war.“

Er presste kurz die Lippen zusammen und sagte dann: „Und als was fungiertest du? Als Stimme der Erfahrung?“

„Ja, genau.“ Sie hielt seinem Blick trotzig stand. „Ich habe gelernt, meine Männer vorsichtig auszuwählen.“

Thunder verzog den Mund zu einem trockenen Lächeln. „Und ich habe gelernt, ohne besondere Vorsicht an hübschen Blondinen Spaß zu haben. An Brünetten und Rothaarigen übrigens auch.“

Am liebsten hätte sie ihn jetzt rausgeschmissen, aber sie würde nicht zulassen, dass er ihr anmerkte, wie verärgert sie war. Sie legte so viel Sarkasmus in ihre Stimme, wie sie nur konnte. „Du schläfst also mit jeder Frau, die dir über den Weg läuft und einigermaßen gut aussieht? Was für eine Überraschung!“

Er antwortete nicht, aber sein Lächeln verschwand, und der Blick aus seinen dunklen Augen trieb Carries Blutdruck in die Höhe. Sie hasste es, daran erinnert zu werden, wie sehr sie ihn geliebt hatte und wie stark er sie in jeder Hinsicht beeinflusst hatte. „Können wir wieder zu Julia zurückkommen?“, fragte sie.

„Sehr gern sogar.“ Sein Ton klang ein wenig drohend. „Deswegen bin ich schließlich hier. Hatte sie Freunde hier in Arizona oder in einem anderen Bundesstaat?“

„Du meinst Leute, mit denen sie jetzt versuchen könnte, Kontakt aufzunehmen?“ Carrie schüttelte den Kopf. „Sie hat nie welche erwähnt.“

„Was ist mit ihren Zukunftsplänen? Hat sie je darüber geredet, was sie in ihrem Leben erreichen wollte? War sie daran interessiert, aufs College zu gehen?“

„Ich erinnere mich nicht, aber ich weiß, dass ihr die Gegend hier gefiel. Sie fühlte sich wohl und schien nicht die Absicht zu haben, woanders hinzuziehen.“

„Warum sagst du das?“

„Weil ihre Mutter und sie ständig umzogen, als Julia noch klein war. Und weil sie bei den Brentwood-Ställen ein Pferd für sich gemietet hatte. Sie sparte jeden Penny, den sie entbehren konnte, um sich den Luxus gönnen zu können. Das Reiten und das Leben in der Natur machten ihr viel Spaß.“

„Das haben auch alle anderen Kollegen gesagt, mit denen ich geredet habe. Aber in den vergangen paar Jahren hatte sie kein Pferd mehr.“ Er runzelte die Stirn. „Soweit ich weiß, muss sie das Reiten aufgegeben haben, um ihrer Mutter helfen zu können. Miriam war ständig verschuldet.“

„Wegen ihrer Spielleidenschaft?“

Er nickte.

Carrie dachte an Thunders Bruder und die Tatsache, dass er Pferdetrainer war.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Im Bett mit dem Ex" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen